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Full text of "Muenchener Medizinische Wochenschrift 49 ( 1902), 1. Halbjahr 1 1060"

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MÜNCHENER 


MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 

(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 

ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 


HERAUSGEGEBEN 

VON 

0. i. Angerer, Cb. Bäumler, 0. Bollinger, H. Curscbmann, W. i. Leube, 6. Merkei, J. v. Michel, F. Penzoldt, H. v. Ranke. F. i. Winckei, 

München. Freiburg i. B. München. lyeipzig. Wür/.btirg. Nürnberg. Berlin. Erlangen. München. München. 


REDIGIRT 


HOFRATH D*. BERNHARD SPATZ 

PRAKT. ARZT. 


XLIX. JAHRGANG. 


MÜNCHEN 

VERLAG VON J. F. LEHMANN 


1902. 


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I. Originalartikel. 


1256 

1184 

433 

2091 


351 

560 


8eite 

Abogg, Professor Dr. Carl von Liebermeister f .194 

Adler, Ueber die Darstellung von „Energiticis“ durch den 

Organismus.570 

Aerztefeind, ein alter. . .. 1351 

Agöron, Diagnostisch-therupeutische Bemerkungen zum Magen¬ 
geschwür . . ... 

Al brecht, Ueber physiologische Funktionen von Tumoren 

1135, 

A man n, Die abdominale Totalexstirpation bei kompleter Uterus¬ 
ruptur . 

An ge rer. Unsere Hebammen . 2054, 

Arnold, Ueber Phagocvtose, Synthese und andere intrazelluläre 

Vorgänge. (Aus dem patholog. Institut zu Heidelberg) 1945 
Arnsperger, Zur Lehre von der Hyperkeratosis lacunaris 
phnrvngis. (Aus der med. Klinik zu Heidelberg.) . . 

Aron, Eine neue Lungenprobe. 

Aronheim, Heftige Blutung und Anaemie, verursacht durch 
einen prohibierten Mastdarrapolypen bei einem 10 Jahre 
alten Knaben. 11H4 

— Zur Darmwirkung des Atropins.1748 

Agcoli, Ueber den Mechanismus der Albuminurie durch Eier- 

eiweiss. (Aus dem Institute für spezielle Pathologie der 
Universität Pavia.) . . 398 

— Zur Kenntnis der Präzipitin Wirkung und der Eiweiss¬ 

körper des Blutserums. (Aus dem Institute für spezielle 
Pathologie der Universität Pavia.) . . ...... 

Axenfeld, Zu dem Aufsatz von Schanz „Zu Behrings 
neuester Diphtherietheorie“. 

— Die Prophylaxe der septischen Infektion des Auges, 
t-esonders seiner Berufsverletzungen. Ein Beitrag zur 
Exstirpation des Tränensackes. (Aus der Univ.-Augen 
klinik in Freibm^g.) (Iilustr.) 

— Nachtrag zu meiner Arbeit: „Die Prophylaxe der sep 

tischen Infektion des Auges, besonders seiner Berufs 
Verletzungen“. 


1409 

580 


1289 


1394 


406 

1922 


Baas, Ueber das Zentrum der reflektorischen Pupillenver 
engerung und über den Sitz und das Wesen der reflek 

torischen Pupillenstarre. (Iilustr.). 

— Paracelsus und seine Reformation.' 

Bade, Zur Frühdiagnose der angeborenen Subl’uxatio und 
Luxatio coxae. (Aus der orthopädischen Anstalt von 

Dr. Peter Bade in Hannover.).1415 

Btldassari und Gardini, Experimenteller Beitrag zur Be¬ 
handlung der Perforationen und Zerreissungen der 
Gallenblase. (Aus dem Arcispedale 8. Anna in Ferrara.) 2047 
arnberger J., Ueber die Septumperforation der Chrom¬ 
arbeiter ... . 

Bamberg er S., Lin Fall von Zervixkarzinom als Geburte- 
i? “’^dßrois ani normalen Schwangerschaftsende . . 
andelier. Spastische Mydriasis durch Fremdkörper im Ohr. 

(Aus der Lungenheilstätte Cottbus.). 875 

Barth, Ein Fall von Meningitis tuberculosa bei einem Kinde 

mit Ausgang in Heilung.877 

Bätsch, Beitrag zur Diagnose und Therapie der Wanderniere 1015 

jj»oer, Purpura haemorrhagica bei Tuberkulose.748 

»eck, Medizinische Streiflichter aus Amerika. Eine Ferien- 
rnndfahrt vom Aerztekongress in ßaratoga über die 
Adirondacks nach Canada, den weissen Bergen und 

Boston. 1934 1981 2023 

erker, Zum Artikel „Ueber den Intentionskrampf der Sprache, 
o. i , d ‘ e 4°8- Aphtongie“ in No. 27 dieser Wochenschrift . 1265 
°eaail, Vorschriften znr sparsamen Verordnung für Kranken- 

.1207 


2144 

1298 


Seite 

Beetz, Die Rettungseinrichtungen der bayerischen Eisen¬ 
bahnen .1687 

Bender, Zur Kenntnis des erworbenen Hocbstandes der 
Rkapula. (Aus der Univ. Poliklinik für orthopädische 
Chirurgie zu Leipzig.) (Iilustr.).357 

— Ein Fall von einseitigem, fast vollständigem Fehlen des 

Musculus cucullaris. (Aus der Univ.-Poliklinik für ortho¬ 
pädische Chirurgie zu Leipzig.) (Iilustr.).412 

Berger, Weitere therapeutische Erfahrungen über Yohimbin 86 
Benario, Zur Behandlung der Gonorrhoe mit Protargol- 

gelatine.2147 

Bern dt, Zur Lagerung des Patienten bei Operationen an den 
Gallengängen. (Aus der Chirurg Abteilung des städt. 
Krankenhauses in Stralsund.) . 322 

— Ueber Exstirpation und Regeneration langer Röhren¬ 

knochen bei Osteomyelitis und Tuberkulose. (Aus der 
chirurg Abteilung des städt. Krankenhauses in Stralsund.) 
(Iilustr.)... .. 516 

Bertelsmann und Mau, Das Eindringen von Bakterien in 
die Blutbahn als eine Ursache des Urethralfiebers. (Aus 
der chirurg Abteilung des Allgemeinen Krankenhauses 

Hamburg-St. Georg (Mit 1 Kurve.). . 521 

Bettmann, Ueber rezidivierenden Herpes der männlichen 

Harnröhre.692 

— Ueber die Verwendung kleiner Gummiringe zur Druck¬ 
entlastung schmerzhafter Punkte am Fuss.1965 

Biberfeld, Die Behandlung durch einen Heilmagnetiseur 

im Lichte der Rechtsprechung ..430 

Bierbaum, Hypertrophie der Prostata und galvanokaustische 

Behandlung nach Bottini-Freudenberg . . . 1963 

Bl umb erg, Untersuchungen über die Wirkung des Sublamins 
(Qnecksilbersulfat-aethylendiamin) als Desinfektions¬ 
mittel. (Aus dem kgl. hygienischen Institut der Univer¬ 
sität Berlin.) .1534 

Boas, Beiträge zur Kenntnis der Cholelithiasis. (Ulnstr.) . . 604 
Boehm, Zur Beurteilung der Borsäure und des Borax als 

FleischkonservierunvBmittel. 2049 

Bönniger, Ueber die Sahlische Methode der Funktions- 
prüfung des Magens. (Aus der med. Klinik des Herrn 

Geh.-Rat Prof. Dr. Riegel in Giessen.) .1786 

Böttger, Ein Fall von primärem Lungenkarzinom.272 

Boetzolen, Ueber das Jollessche klinische Ferrometer . . . 366 

Bollinger, Rudolf Virchow f.1621 

Bradsli aw, Mvelopathische Albumosurie.191 

Brauer, Ueber Graviditäts-Haemoglobinurie . 825 

Brauser, Blutvergiftung und Amputation. (Aus der Münchener 

chirurgischen Klinik.).. . . 104 

Brecke, Ueber Anstalten für unbemittelte Lungenkranke . 839 
Breuer, Zur Therapie und Pathogenese der Stenokardie und 
verwandter Zustände. (Aus der I. med. Univ-Klinik in 

Wien.). 1604, 1654, 1706 

Brion und Kayscr, Ueber eine Erkrankung mit dem Befund 
eines typhusähnlichen Bakteriums im Blute (Paratyphus). 

(Aus der medizinischen Universitäts-Klinik und dem 
Institut für Hygiene und Bakteriologie an der Universität 

Strassburg i. E.) iMit 2 Kurven.).611 

Brüning, Ueber die Luxatio tibiae anterior. (Aus dem 

Krankenhause' Bergmao nstrost in Halle a. S.) (Iilustr) . 1573 

Bruno, Ueber Morbus Addisonii ..136 

Bruns, Ueber Anwendung von Lauf wagen bei Lähmungen 
der unteren Extremitäten. (Aus der chirurgischen Ab¬ 
teilung des städt. Krankenhauses in Barmen.) (Iilustr.) 24 
Büdingen, Der Thoraxdruckmesser und die neue Lungen¬ 


probe. (Iilustr.) 


. . • • • 


928 


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IV 


1902. 


INIIALTS-VERZEICIINIS. 

Seite I 


Rumke, Puraldehyd und Skopolamin (Hyoscin) als Schlaf - 
und Beruhigungsmittel für körperlich und geistig Kranke. 

(Aus der psychiatrischen Klinik in Freiburg i. B.) . . . 1958 

Cahen, Zur chirurgischen Behandlung des Kardiospasmus. 

(Aus dem israelitischen Asyl zu Köln.).444 

('ahn, Ueber Paranephritis und Pyonephrose nach Haut¬ 
furunkeln .777 

Cie mm, Nachtrag zur Arbeit: „Ein Führungsdraht für den 
Magenschlauch mit Vorrichtung zur Freihaltung und 
Reinigung der Sondenfenster von verstopfenden Nah¬ 
rungsmitteln .128 

Cloetta, Ueber den Unterricht in der Arzneimittellehre . . 25 

— Zur Kenntnis der Salzsäuresekretion. (Aus dem pharma¬ 
kologischen Institut zu Zürich.).1329 

Cohnheim, Die Innervation der Verdauung.2173 

Coste, Ueber das Verhalten der Leukocyten bei Appendizitis 2033 
Courvoisier, Ueber Stenose bei Amyloiddegeneration im 

Kehlkopf. (Aus der Baseler chirurgischen Klinik.) . . 1250 
Gramer, Ueber einen eigentümlichen Urinbefund (Emulsions- 

Albuminurie) bei Eklampsie und Urämie.101 

Crämer, Zur Diagnose des Dickdarmkarzinoms.993 

v. Criegern, Ueber Pleurasynechie und verwandte Zustände, 
vom Gesichtspunkte der diaskopischen Diagnostik. (Aus 
der mediz : n. Universitäts-Poliklinik zu Leipzig) (Ulustr.) 54 
Curschmann jun., Ueber traumatische Nephritis. (Aus der 

Heidelberger med. Klinik.).. . 1567 

C y b u 1 s k i, Subkutane Injektionen von Arsenik bei der Therapie 
der Phthise. (Aus der Dr. Brehmerschen Heilanstalt 
zu Görbersdorf i. Schl.).1393 

— Ueber eine eigentümliche Komplikation der Lungen- 

blutung. (Aus der Dr. Brehmerschen Heilanstalt in 
Görbersdorf i. Schl.) (Ulustr.) .1612 

— Ein Beitrag zur Diagnose der Lungenkavernen. (Aus 

der Dr. Brehmerschen Heilanstalt zu Görbersdorf i. Schl.) 1839 


v. De eas te 11 o und S t ur 1 i, Ueber die Isoagglutinine im Serum 
gesunder und kranker Menschen. (Aus der II. med. 

Klinik in Wien ) ..1090 

Decker, Zur Diagnose des Sanduhrmagens. (Aus der Dr. 
Deckerschen Privatheilanstalt für Magen- und Darm¬ 
kranke zu München.).1524 

— Ueber Cancroin „Adamkiewicz“.2146 

Diehl, NeuraHthenische Krisen.363 

Disselhorst, Histogenetisches und Vergleichendes über Ge¬ 
schwülste .311 

— Die Frage nach der Identität der Menschen- und Tier¬ 
tuberkulose .1139 

Dollner, Zur Therapie der Melaena neonatorum.875 

Doepke, Beitrag zur Kenntnise des Erregers der mensch¬ 
lichen Aktinomykose. (Aus dem allgemeinen Kranken¬ 
hause zu Bamberg.873 

Doerfler, Amputation und Blutvergiftung TI.106 

Dörr, Ein experimenteller Beitrag zur Aetiologie der Sinus- 

thrombuse. (AusdempathologischenlnstitutinMünchen.) 310 

Dreyer, Primula obconica als Krankheitsursache.574 

Drossbach, Die Anstellungsverhältnisse der k. b. Amtsärzte 1542 

— Zum Entwurf der neuen Satzung für den deutschen Aerzte- 

vereinsbund. . . 1660 

v. Düring, Grundsätze der Syphilisbehandlung.1530 

Eckardt, Widalsche Sernmreation bei Weilscher Krankheit. 

(Aus der med. Klinik zu Heidelberg.).1129 

Edinger, Zum 80. Geburtstag Adolf Kussmauls .... 281 
Edlefsen, Nierenquetschung oder Nierenentzündung. Ein 
Beitrag zur Lehre von den subkutanen Nierenver¬ 
letzungen . 179, 235 

Ehrlich, Ausspülungen des Magens mit Höllensteinlösung 
— ein therapeutisch und diagnostisch wirksames Chola¬ 
gogum .568 

Eicliier, Aspiralionstrachealkatheter.1639 

Einhorn, Bericht über einen neuen Fall von syphilitischer 

Magengeschwulst. 2005 

Emmerich, Kann in Inhalatorien bei richtigem Betrieb eine 
grössere Menire der zerstäubten Flüssigkeit in die Lunge 
gelangen? (Aus dem hygien. Institut in München.) . . 1610 
Engel, Ueber den Einfluss chronischer Lungentuberkulose 

auf Psyche und Nerven. 1383, 1424 

Erdt, Unfaliverletzung mit Todesfolge.1501 

Esser, Chronische Bronchialdrüsenschwellung und Lungen¬ 
spitzentuberkulose. (Aus der med. Univ.-Klinik zu Bonn.) 
(Illustr.). 356 

— Ueber Pleuraergüsse bei Herzkranken. (Aus der medizin. 

Klinik zu Bonn.).1830 


Seite 

Evelt, 500 Chloroformnarkosen in der gynäkologischen Praxis 1998 
Everbuscli, Professor Dr. Richard Foerster .1350 

Fackenheim, Ein Spekulum für den vorderen Teil der 

Harnröhre. 1367 

Falck, Ueber das Verhalten einiger Glukosido, sowie über 
die Entstehung gepaarter Glukuronsäuren im Tierkörper. 

(Aus dem pharmakologischen Institut in Kiel) . . . . 1489 
Feder Schmidt, Ueber einen Fall von Perforationsperitonitis, 

geheilt durch Laparotomie.747 

Fels, Ein Fall von kongenitaler Cystenniere mit pararenalem 

Haematom bei einem Luetiker. (Illustr.) .... 1743, 1799 
de Feyfer und Kayser, Eine Endemie von Paratyphus. 

(Aus der Privatpraxis und dem Institut für Hygiene und 
Bakteriologie in Strassburg i. E) (Mit Kurven.) . 1692, 1752 

Finger, Moritz Kaposi f . •.708 

Fischer, B., lieber den Wert der Elastinfärbung für die histo¬ 
logische Diagnostik. (Aus dem pathol. Institut der 

Universität Bonn.) (Ulustr.).1785 

— und Wagner, B., Ueber das Nicolicin, ein angebliches 

Heilmittel des chronischen Morphinismus.2149 

Fischer, E, Humor in der Unfallversicherung.1466 

Fischer, H., Ist Lungenemphysem eine Folge des Spielens 

von Blasinstrumenten?.702 

Fischer, H. W., Ueber Urethritis gonorrhoica bei Kindern 
männlichen Geschlechts. (Aus der Klinik für Derma¬ 
tologie und Syphilis in Leipzig.).1917 

Fleiner, Die Behandlung des Magengeschwüres . 913, 960, 1008 
Fraenkel, Peber Knochenmark und Infektionskrankheiten. 

(Aus dem pathologisch-anatomischen Institut des allge¬ 
meinen Krankenhauses Hamburg-Eppendorf.).561 

Frankenburger, Vorschriften zur spars. Verordn, f. Kranken« 

kassen .1055 

Freytag, Ueber Kehlkopftuberkulose.782 

Frickhinger, Die äussere Untersuchung am Gebärbett . . 1614 
Frucht, Soxhlets Nährzucker. — Ein neues Kindernährmittel 57 
Fuhrmann, Beitrag zur Gelatinebehandlung der Melaena 
neonatorum. (Aus dem Alexandra-Stift für Frauen zu 
St. Petersburg.).1459 


GaGewsky und Hüben er. Zur Behandlung der sogen. 

„plastischen Induration“ der Corpora cavernosa penis . 1332 
Galli, Ueber die Leistungsfähigkeit des Herzens. (Aus der 

med. Klinik in Rom.) . .. 953, 1006, 1049 

— Professor Edoardo Porro f.2012 

Gebele, Ueber Angiome und ihren Zusammenhang mit Karzi¬ 
nomen. (Aus der k. chirurgischen Klinik zu München.) 139 

— Weitere Bemerkungen über Atropin (Aus der ebirurg. 

Klinik München).1746 

Gebhardt, A., Ueber Spirometrie.1953 

v. Gebhardt und v. Torday, Ueber die Serumdiagnose der 
Tuberkulose. (Aus der II. internen Klinik der Königl. 

ungarischen Universität zu Ofen-Pest.).1171 

Gerlach, Zur akuten Formalinvergiftung.1503 

< I oebel, W., Zur Serumbehandlung der Basedowschen Krank¬ 
heit .835 

Göbel, W, Schwangerschaft kompliziert mit Portiokarzinom 2008 

Göbel, Handapotheken und öffentliche Kassen ..1S89 

Goldberg, Cystoskopische Erfahrungen.1176 

Goldmann, Ein Fall von zerebraler Kinderlähmung . . . 2142 
v. Gosen, Praktische Erfahrungen mit dem Röntgeninstru¬ 
mentarium „System Dessauer“, Aschaffenburg .... 2148 
Gossner, Purpura haemorrhagica bei Genitaltnberknlose . 451 

— Landry'sche Paralyse in akutester Form.837 

Gott lieb, Ein Vergleich der neuen ärztlichen Trtlfungsord- 

nungen in Deutschland und Oesterreich.369 

Graden witz, Ueber die Exstirpation des puerperalseptischen 

Uterus . 2139, 2176 

Graefe, Zur Frage der Ovariotomie in der Schwangerschaft 1790 
Graes er, Zur unblutigen Phimosen-Dehnung.1842 

— Feber Seemannsordnung und Geschlechtskrankheiten. 

(Aus dem deutschen Krankenhaus in Neapel.) .... 1965 

Grassberger und Schattenfroh, Ueber den Bazillus des 
malignen Oedems (Vibrion soptique). (Aus dem hygien. 

Institut der Univ. Wien.).1570 

Grassl, Invalidenversicherungsgesetz und Arzt. Bemerkungen 

zu dem Artikel von Prof. Fr. Martins in Nr. 4 d. W. . 281 
Grassmann, Ueber neuere klinische Gesichtspunkte in der 

Ixdire von der Arteriosklerose.347 

— Tödliche Blutung in der Bursa omentalis, unter dem 
Bilde des akuten Darmverschlusses verlaufend. (Ulustr.) 1345 

Groth, Ueber einen Fall von eigenartiger Stenosenbiildung 

im Dünndarm.446 


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1902. 


1N H A T/I'S-V ERZ Kl ( ’ 1 INI S. 


V 


Seile 

Grunert, Ueber die neuen Angriffe gegen die Parazentese 
des Trommelfelles bei der Therapie der akuten Otitiden. 


(Aus der kgl. Univ.-Ohronklinik zu Halle a. S.) . . . . 1796 
Guleke, Zur Aetiologio der Narkolepsie.1621 


Hager, Zur spezifischen Behandlung der Tuberkulose . 1173, 1225 
Hahn M. und Tromsdorff, Zur hämolytischen Wirkung des 
normalen Menschenserums. (Aus dem hygienischen In¬ 


stitut der Universität München.).1454 

11 a h n F., Aneurysma varicosum eines Saphenaastes als Schenkel¬ 
bruch fehldiagnostiziert. (Illustr.).1538 


Hahn W., Ueber die Beziehungen zwischen Blasenerkrankungen 
und Myomen mit Rücksicht auf die Prognoso derselben. 

(Aus der k. Krankenanstalt „Rudolfstiftung“ in Wien ) 1645 
Halban und Landsteinor, Ueber Unterschiede des fötalen 
und mütterlichen Blutserums und über eine agglutina- 
tions- und fällungshemmende Wirkung des Normal¬ 
serums. (Aus der I. Universitäts-Frauenklinik und dem 


pathologisch-anatomischen Institute in Wien,) .... 473 
Hamm, Dio Behandlung des chronischen trockenen Mittel¬ 
ohrkatarrhs durch Sitzungen in der pneumatischen 

Kammer.186 

Hammer, Die Heilstättenbehandlung der Tuberkulose. (Aus 

der medizinischen Poliklinik in Heidelberg).1081 

Handwerck, Ueber die Bestimmung des Herzumrisses (nach 
Moritz) und deren Bedeutung für den praktischen Arzt. 

(Illustr.).230 

Hartmann, Zum Abschluss der Neuorganisation des Deut¬ 
schen Aerztevereinsbundes.1427 

Hausmann, Franz v. Tappeiner f.1657 

Heckei, Nochmals das Versicherungswesen der deutschen 

Aerzte!.. . .. 29 

Hecker, Die sogenannte Abhärtung der Kinder.1908 

He gar. Operation der Fibromyomo dos Uterus.1946 

Heiden ha in, Die Anilinfarben als Eiweissfällungsmittel. 

(Aus dem anatomischen Institut der Universität Tü¬ 
bingen.) .437 

Heinrich E., Untersuchungen über den Umfang der Eiweiss- 
verdauuug im Magen des Menschen, auch bei gleich¬ 
zeitiger Darreichung von Kohlehydraten. (Aus dem 
Laboratorium des Herrn Privatdozenten Dr. Johannes 

Müller in Würzburg.). 2003 

Heinrichs., Zur Buchführung des praktischen Arztes. . . 1943 
Heil, Zur Vermeidung der Hämatombildung nach Küstners 

snprasymphärem Kreuzschnitt.1883 

Hei sei er, Die Anstellungsverhältnisse der k. b. Amtsärzte. . 1352 
Heller, Kleine Beiträge zur Tuberkulose-Frage. (Aus dem 

pathologischen Institute zu Kiel.) (Illustr.).609 

H e n n i g, Die Myxome der Ovarien.1223 

Hermann, Ueber das Vorkommen von Fremdkörpern im 

Uterus.790 

Herz, Der Bau des Negerfusses. (UluBtr.).1416 

Hess, Ueber das Wesen des Diabetes. (Aus der medizinischen 

Klinik zu Marburg.).1449 

Heu bei, Zur Aetiologie des Ekzems.1302 

Hey mann. Das ärztliche Unterstützungswesen und »las Be- 

steuerungsverfahren der Aerztekammcrn in Preussen . 1394 

Hilde brandt, Thomas-Pessar.1823 

Hirne, Die Auswüchse des Krankenkassenwesens in England 1583 
Hirt, Ueber nervöse Irridationen im Gebiete der Harnorgane 1619 
Hoeflmayr, Teilweise und veränderte Arbeitsfähigkeit . . 1465 
Hoenigsberger, Bericht über das Konzentrationslager 

Merebank (Natal).1507 

v. HöHslin K., Ueber ein neues Abführmittel „Purgatin“. 

(Aus der I. medizinischen Abteilung des allgemeinen 

Krankenhauses Nürnberg ) .1337 

v. Hösslin H., Das Isodynamiegesetz. 795 

v. Hoesslin'R., Varicellen mit abnormer Entwicklung des 

Exanthems. -(Illustr.). 704 

— Aichung ärztlicher MesBapparato.1511 

— Zum Nachweis der Simulation bei Hysterischen und 

Unfallskranken. (Illustr.).1521 

— Ueber Spirometrie. (Illustr.).1952 

Hoffa, Julius Wolff f.532 

Hoffma nn A., Zur Geschichte der Versammlungen mittel¬ 
rheinischer Aerzte.1842 

Hoff mann F. A., Ueber hypophrenische Schmerzen und 

Neurose des Plexus coeliacus.265 

Hofmann, Zur Frage der Blasennaht nach Sectio alta . . 1794 
llofmeier, Zur Verhütung des Kindbettfiebers. VI. Beitrag. 

(Aus der Universitäts-Frauenklinik in Wiirzburg.) . 737, 793 
Hob I f e 1 d, Zur tuberkulösen Lungenphthise im Säuglingsalter. 

(Aus der Universitäts-Kinderklinik und Poliklinik in 

Leipzig.). 1955 

Hollschmidt, Die subkutane Gelatineinjektion bei Molaena 

neonatorum. (Aus der k. Frauenklinik zu Dresden.) . 13 


8eitc 

Hopf, Ein Beitrag zur Bekämpfung der sexuellen Krankheiten: 

Das belgische Merkblatt für Geschlechtskrankheiten . 1509 
Hoppe, Ueber Roborat und andere Eiweisspräparate in ihrer 
Verwendung bei derKrankenernfthrung. (AusderLandes- 

Heil- und Ptiegeanstalt Uelitspringe.).479 

— Die Anwendung des Dormiols bei Epileptikern. (Aus der 

Landcs-Hoil- und Ptiegeanstalt Uelitspringe. ,).701 

Hüls, Zur Frage der Uebertragung der Rindertuberkulose auf 

«len Menschen.1003 

Hneppe, Hans Büchner f.844 

In memoriam Rudolfi Virchow .1521 

Jacobitz, Ueber Stickstoff sammelnde Bakterien und ihre Be¬ 
deutung für die Lan«lwirtschaft.1504 

Jacobsohn, Ein Trichterreagensglas . . 1205 

Jaquet, Zur Technik der graphischen Pulsregistrirung. (Aus 

der medizinischen Klinik zu Basel ) (Illustr.) .... 62 


Jesionek, Die baulichen Veränderungen auf «1er Abteilung 
für geschlechtskranke Frauen im stä«lt. Krankenhause 
München 1. d. I. Ein Beitrag zum Studium der Prosti¬ 
tutionsfrage. (Aus der k. dermatologischen Klinik des 

Herrn Prof. Dr. Posselt zu München.). 828, 878 

— Die Modifikation der subkutanen Arseniktherapie nach 
Ziem ssen-Speth. (Aus derk.dermatologischen Klinik 

<les Herrn Prof. Dr. Posselt zu München.).1254 

Jessen, Zur Kenntnis der Starkstromverletzungen. (Aus dem 

Vereinshospital in Hamburg.) .•.182 

Jo <11 bau er, Kann man eine Jodwirkung bei Arteriosklerose 

pharmakologisch begrümlen?.653 

Jolles, Eine einfache Methode zur quantitativen Bestimmung 
der Eiweisskörper im Blute für klinische Zwecke. (Aus 
dem chemisch-mikroskopischen Laboratorium von Dr. M. 

und Dr. Ad. Jolles in Wien.) (Illustr.).1575 

Jorns, Akute Herzinsuffizienz als Unfallfolge.926 


Kaes, Neue Beobachtungen bei der Weigertfärbung. (Illustr.) 919 
Kafemann, Ueber rhino - pharyngologische Unterrichts¬ 
methoden .1842 

Kamann, Kasuistischer Beitrag zur Eklampsie. (Aus der 

k. Universitäts-Frauenklinik zu München.).831 

Kaposi, Ein Fall von komplizierter Schädolverletzung mit 
Aphasie. Deckung des Defektes durch Knochenplastik. 

(Aus der Heidelberger Chirurg. Klinik.) (Illustr.) . . . 316 
Karfunkel, Ueber orthodiagraphisehe Untersuchungen am 
Herzen. (Erwiderung auf die Bemerkungen des Herrn 

Prof. Moritz in No. 1 dieser Wochenschrift.).193 

Katzenstein, Erfahrungen über Hetolbehandlung in der 

allgemeinen ärztlichen Praxis.1390 

— Ein Fall von Morphiumvergiftung im frühesten Kindes¬ 
alter .1840 

Kehr, Eine seltene Anomalie der Gallengänge. (Illustr.) . . 229 

— Ein Rückblick auf 720 Gallensteinlaparotomien, unter 
besonderer Berücksichtigung von 90 Hepatikusdrainagen 

1689, 1749, 1800 

Keiler, Perityphlitis und Gravidität.748 

Kelling, Ueber Oesophagoskopie, Gastroskopie und Kölio- 

skopie. 21 

Kerschensteiner, Bericht über das Ambulatorium für 
innere Krankheiten deB medizinisch-klinischen Institutes 

(Geh. Rat von ZiemBsen) im Jahre 1901. . HO 

Killian, Akuter Verschluss der Speiseröhre bei einem 5jäh¬ 
rigen Kinde. ..... 1578 

Klaussner, Bericht über die k. chirurgische Universitäts- 

Poliklinik zu München im Jahre 1901 192 

Klein, Zur Geschichte der Extraktion und Expression des 

nachfolgenden Kopfes. (Illustr.).1307 


Kober, Zur Frage der Uterusruptur in frühen Monaten der 
Schwangerschaft. (Aus der gynäkolog Abteilung des 
Krankenhauses der Elisabethinerinnen in Breslau. (I llustr.) 1499 
Kobert, Ueber die Schwierigkeiten bei der Auswahl der 
Kranken für die Lungenheilstätten und über den Modus 

der Aufnahme in dieselben.138n 

Köbner Adolf Jarisch f.709 

Körner, Soziale Gesetzgebung und Ohrenheilkunde. (Mit 

einer Kurve.).. • 1305 

Köster, Eine bisher noch nicht beschriebene Lokalisation 
der Bleilähraung. (Aus der medizinischen Universitäts 

Poliklinik zu I-eipzig. (Illustr.) . 601, 661 

Köster G., Ueber «lie ätiologischen Beziehungen der Chorea 
minor zu den Infektionskrankheiten, insbes«»n«lere zur 

rheumatischen Infektion.1338 

Kövesi und Riith-Schulz, Bemerkungen zum Artikel 
„Untersuchungen über Physiologie und Pathologie der 
Ureteren- und Nierenfunktion mit besonderer Berü« k- 
siehtigung der verdünnenden Nierentätigkeit nach 
Flüssigkeitszufuhr“.1350 


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VI 


INHALTSVERZEICHNIS. 


1902 . 


Seite 

Kuhn, Zum 70. Geburtstag Emst v. Leydens.663 

Koll man n , Zur Pathogenese des akuten Gelenkrheumatismus 1098 
Korff, Morphin-Scopolamin-Narkose. (Aus der Klinik des 
Geh. Hofrats Dr. Schinzinger im St. Josefs-Kranken¬ 
hause zu Freiburg i. Br.). 1133, 1408 

KoBSinann, Ueber Indikation und Recht zur Tötung des 

Fötus .390 

— Wann lebte Aretaeus von Cappadocien?.1265 

Kraepelin, Die Diagnose der Neurasthenie .1641 

Kraft, Friedrich Leopold Goltz (Nekrolog.) .965 

Krause, Ueber einen Fall von Impftuberkulose eines Schlneht- 

hausarbeiters durch tuberkulöse Organe eines Rindes. 

(Aus der medizinischen Klinik zu Breslau).1035 

Krecke, Ueber die Ziele des Leipziger Verbandes.797 

Krönig, Zur Frage der Selbstinfektion in der Geburtshilfe . 1100 

— Geburtsleitung beim engen Becken .1333 


Krukenberg, Ueber die Behandlung des Erysipels im ..roten 

Zimmer“. (Aus dem städt. Krankenhaus zu Liegnitz.) . 528 
Kühn, Zur diagnostischen Bedeutung der Leukocytenwerte 
bei Typhus abdominalis und bei Chirurg. Eiterungen. 

(Aus der med. Univ.-Klinik zu Rostock.) .... 2033, 2085 
Kuhn F , Die pernasale Tubage. (Aus dem Elisabeth-Kranken¬ 
haus zu Kassel.) . . •.1456 

— Zur Extension. (Aus dem Elisabeth-Krankenhaus zu 

Kassel.) (Illustr.).1701 

Iv u h n Ph , Ueber einen Zusammenhang von Diabet-s insipidus 
und mellitus. (Aus dem Krankenhaus der jüdischen 

Gemeinde in Berlin.).103 

Kunkel, Ueber die Stellung der Homöopathie zur heutigen 

Schulmedizin.481 

Kuntzen, Ueber die Versichernngskasse für die Aerzte 

Deutschlands (früher Zentral-Hilfs-Ivasse).1052 

Kurrer, Selbsttätiger AetherfhisehenVerschluss für die Nar¬ 
kose (Illustr.). 2002 

Ivustermann, Ein neues Instrumentarium für Morphium- 

und Kampher-Injektionen. (Illustr.972 


Lachtin, Zur Geschichte der Therapie im XVII. Jahrhundert 

in Russland.1659 

Länderer, Die operative Behandlung der Lungentuberkulose 1948 
Landgraf, Vorschlag zum bequemen Aufblasen der Luftkissen 1417 
Laudsteinor, Ueber Serumagglutinine. (Ans dem pathol.- 

anatom. Universitäts-Institut in Wien ).1905 

Lange, Weitere Erfahrungen über seidene Sehnen. (Illustr.) 10 

— Ueber ungenügende Muskelspannung und ihre operative 

Behandlung. (Illustr.) .525 

Langstein, Die Kohlehydrate'der Eiweisskörper des Blut¬ 
serums .1876 

— und Neubauer, Ueber die Autolyse des puerperalen 
Uterus. (Aus der medizinischen Klinik in Basel.) . . 1249 

Lanz, Weg mit der Taxis!.177 

Lauenstein, Zur Frage der Händedesinfektion.1251 

Lcchler, Arzt und Krankenkasse. 882, 929, 963 

Lehmann, Ueber Adrenalin. (Tierversuche.). 2048 

Lehman n, Erfahrungen und Gedanken über die Anlage von 

hygienischen Sammlungen. 45'* 

Leusser, Ueber Wanderherz .1095 

Levi, Ueber Zehenreflexe. (Aus dem Bürgerhospital in Stutt¬ 
gart.) .870 

Levy-Dorn, Entgegnung zu dem Aufsatz des Herrn 
Prof. Moritz: „Ueber orthodiagraphische Untersuchungen 

am Herzen“.176 

Lichtwitz jun., Ueber einen Fall von angeborenem Diabetes 
insipidus kompiniert mit nach Insolation hinzugetretener 

Epilepsie. 1887 

Linder, Ueber „nasale Dysmenorrhoe“. (Aus der k. II. gynä¬ 
kologischen Klinik zu München.).922 

Loewenfeld, Ueber Narkolepsie.• . . . 1041 

— Institute für elektro magnetische Therapie . . . 1080, 1288 
Lommel, Eine Fehldiagnose auf Grund der Gruber-Widal- 

schen Reaktion (bei Puperpuralfieber). (Aus der med. 

Klinik in Jena.).314 

Lucae, Zur Vibrationsmassage des Gehörorgans.483 

Lüthje, Zum Schwinden der Patellarreflexe bei Pneumonie 1349 

— Zur Frage der Zuckerbildung im tierischen Organismus. 

(Aus der med. Klinik zu Greifswald.) .1601 


Magen au, Lungenödem und fibrinöse Bronchitis nach Thora- 

kozentese. (Aus der med. Klink in Tübingen.) .... 1697 
Magnus, Der operative Ersatz des gelähmten Quadricep6 fe- 
moris. (Aus der orthopäd. Heilanstalt des Dr. A. Schanz 

in Dresden.).1704 

Mainzer, Ueber indirekte Sehnenüberpflanzung nebst Bemer¬ 
kungen über die physiologische Grundlage der Sehnen¬ 
überpflanzungen .869 


Seite 

M anasse, Zwei Fälle von isolierter rheumatischer Erkran¬ 
kung der Kiefergelenke . .839 

Martin, Statistische Untersuchung über die Folgen infantiler 
Lues (acquirierter und hereditärer.) (Aus d. med. Klinik 

und Poliklinik zu Jena.).1037 

Martins, Invalidenversicherungsgesetz und Arzt.144 

— Erinnerungen an Karl Gerhardt .1581 

Marx, Die Bedeutung des Chinins für die Wundbehandlung 660 
Matth es, Experimenteller Beitrag zur Frage der Hämolyse. 

(Aus der med. Poliklinik zu Jena.). 8 

— Statistische Untersuchungen über die Folgen der Lues. 

(Aus der med Klinik u. Poliklinik zu Jena.) (Mit Kur¬ 
ven) . 220, 275 

— Weitere Beobachtungen über den Austritt des Hämo¬ 

globins aus sublimatgehärteten Blutkörperchen. (Aus der 
med. Universitätsklinik zu Jena.) (Illustr.).698 

Mayer G., Bilder aus China. 1784, 1782, 1822, 1869 

Mayer M., Erfahrungen über d. Anwendung von Terpentinöl 

und verwandten Mitteln bei Blinddarmentzündung . . 1342 
Mayer W., Die Errichtung eines Lehrstuhles für Homäopathie 

in Bayern.2152 

Meinel, Ein Fall von Karzinom des Magens mit starker Ent¬ 
wickelung des elastischen Gew-ebes und über das Ver¬ 
halten dieses Gewebes im Magen bei verschiedenem 
Alter. (Aus dem pathol. Institut zu Genf.) ..... 359 
Meissen. Zur Heilstätten-Behandlnng der Tuberkulose . . 1388 

Mendel, Thymusdrüse und Rhachitis.134 

Merkel F., Ueber Thigenol in der Gynäkologie. 2030 

Merkel S., Weitere Mitteilungen über das Aspirin .... 357 
Metzger, Zur Lehre von Nebennierendiabetes. (Aus d. med. 

Laboratorium des Herrn Dr. F. Blum zu Frankfurt a. M.) 478 
M e t z n e r, Transportables Röntgen-Universalinstrumentarium 

für den Gebrauch des praktischen Arztes. (Illustr.) . . 1004 

Meyer A„ Rückläufiger Radialpuls.660 

Meyer E., Glykosurie und Tabes. (Aus dem Allgemeinen 

Krankenhause Hamburg-Eppendorf.).1537 

Michaelis, Ueber Mastzellen. (Aus dem städtischen Kranken- 

hause Berlin.).225 

Miljler, Ueber die Mitwirkung der Aerzte bei Betätigung 

der sozialen Rechtspflege. 278 

Mir coli. Ueber die Sero-Antitoxicität des Alkohols bei der 
Tuberkulose und über die eventuelle Anwendung des 
Alkohols in der Therapie der Tuberkulose. (Aus d. med. 

Klinik der kgl. Universität in Genua 1 '.353 

Model, Medizinisch-botanische Streifzüge. III. Menabea vene- 

nata (Baill.) rediviva. (Illustr.).1303 

Morgenroth, Ueber die Erzeugung hämolytischer Amboeep- 
toren durch Seruminjektion. (Aub dem kgl. Institut für 

exp. Therapie in Frankfurt a. M.).1033 

Moos, Ein Fall von Lobärpneumonie mit konsekutivem Pem¬ 
phigus acutus bei einem 2'/2jährigen Kinde (Mit Kurve ) 1886 
M ori tz, Ueber orthodiagraphische Untersuchungen am Herzen. 

(Aus d. med. Universitätspoliklinik zu München ) (Illustr ) 1 

— Bemerkung zur „Erwiderung“ des Herrn Dr. Karfunkel 

hiezu .193 

— Hugo v. Ziemssen f.238 

— Bericht über die medizinische Poliklinik in München im 

Jahre 1901 . 451 

— Studium und Beruf des Arztes. Ansprache an die Studie¬ 

renden bei Uebernahme der medizinischen Klinik in 
Greifswald.1147 

— Ueber den durch Essigsäure fällbaren Eiweisskörper in 

Exsudaten.1748 

Moser, Ueber parenchymatöse Magenblutungen. (Aus der 

Rostocker Chirurg. Klinik.) ... .. 1832 

Müller Th, Vergleichende Studien über die Gerinnung des 
Caseins durch Lab und Laktoserum. (Aus dem hygien. 
Institut der Universität Graz).272 

— Ueber d. Erzeugung hämolytischer Amboceptoren durch 

Seruminjektion. (Aus dem hygienischen Institut der Uni¬ 
versität Graz.).1330 

Müller Fr., Die Mitwirkung (ler7Aerzte bei Betätigung der 

sozialen Rechtspflege. 748 

Müller W., Arzt und Unfullgesetz.•.1462 

Müller L. R , Bericht über eine Wiederkäuerfamilie. (Aus der 

med. Klinik in Erlangen.) (Illustr.).1293 

— Nachschrift zu dem „Bericht über die Wiederkäuer¬ 
familie“ in No 31 der Wochenschrift.1503 

Naab, Reflexkrämpfe bei Ascaris lumbricoides.792 

Naumann, Ueber Keblkopftuberkulose.1146 

Nebelt hau, Experimenteller Beitrag zur Lehre von d. Zucker¬ 
bildung im diabetischen Organismus. (Aus der medizin. 

Poliklinik zu Halle a. S ).917 

Xeuberger, Aus den preussischen Aerztekammern .... 1267 
Neugebauer, Rückemnarksanalgesie und die Verteilung der 

Sensibilität nach Marksegmenten. (Illustr.).741 


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1902. 


INH ALTS-VERZEICI-IN LS. 


vir 


Seite 

Niedner, Zum NachweiH der Simulation bei Hysterischen und 
Unfallskranken. Bemerkungen zu dem Artikel von Hof¬ 
rat Dr. R. v. Hoesslin in No. 37 der Wochenschrift . . 1705 

— Zum Nachweis der Simulation bei Hysterischen und 

Unfallskranken.1888 

Nusch, Agurin, ein neues Diuretikum.2145 

Oberndorfer, Pesterkrankungen auf einem deutsch. Dampfer 360 
Ochsner, Vermeidbare Appendizitätskomplikationen .... 306 

Ol pp, Eiserner Ring über den Penis geschoben.1079 

Oppe, Die Pocken in London und die englische Impfgesetz¬ 
gebung .1103 

Orlipski, Beitrag zur unblutigen Phimosenbehandlung . . 146*2 

— Ein Fall von habitueller Urtikaria gonorrhoica .... 1653 
Oswald, Zur Gelatinebehandlung bei Melaena neonatorum. 

(Aus dem Frauenspital Basel-Stadt.).1960 

Ostermaier, Zur Darmwirkung des Atropins .... 1496, 1888 
Ostmann, Die Bedeutung der tuberkulösen Belastung für die 
Entstehung von Ohrenkrankheiten b. Kindern. (Aus der 
Universitäts-Poliklinik für Ohrenkranke in Marburg ) . 1209 

Ott, Ueber die Beziehungen von Körperbewegungen, Körper¬ 
wärme und Albumosurie zu einander und zum Fieber 
im Verlauf der Phthise . . '.. 1580 

Pässler, Ueber einige seltenere Fälle von Migräne. (Aus der 

med. Klinik in Leipzig) . . •.1087 

— und Rolly, Experimentelle Untersuchungen über die 
Natur der Kreislaufstörung im Kollaps bei akuten In¬ 
fektionskrankheiten. (Aus der med. Klinik zu Leipzig.) 1737 

Pal, Zur Erklärung der Darmwirkung des Atropins mit Rück¬ 
sicht auf dessen Anv.encung beim Ileus.1954 

Pekelharing, Barend Joseph Stokvis f.1920 

Perthes, Erfahrungen in der ärztlichen Praxis bei Chinesen 1968 
P e r u t z, Ein Beitrag zur Behandlung schwerer Anämien gastro¬ 
intestinalen Ursprungs. (Aus dem St Josephshaus in 

Heidelberg.). 94 

v. Pessl, Ueber ausgedehnte Verkalkung der Wandung eines 
partiellen Herzaneurysmas. (Aus dem pathologischen In¬ 
stitut zu München.).956 

Peters A., Erfahrungen auf dem Gebiete der Unfall- und 

Invalidenversicherung.-.1187 

Peters H., Die Sammlung für Geschichte der Heilkunst im 

Germanischen Nationalmuseum.970 

Pfaundler, Ueber das Schwinden des Patellarsehnen-Ketlexes 
als ein noch unbeachtetes Krankheitszeichen bei genu¬ 
iner, kruppöser Pneumonie im Kindesalter. (Aus der 

Universitäts-Kinderklinik in Graz.).1*211 

Pfeiffer E., Ueber eine schnelle Methode zur Prüfung der 
Lichtstärke auf den Arbeitsplätzen in Schulen, Bureaux 

und Werkstätten. (Ulustr).926 

Pfeiffer H., Ein Riesenlipom. (Ulustr.).1502 


Pbilippi, Ein Eall von kruppöser Pneumonie und Sepsis, 
hervorgerufen durch den Pneumobazillus Friedländer. 

(Aus dem Allgem. Krankenhause Hamburg Eppendorf.) 1884 
Piffl, Zur Arbeit Giunerts: „Ueber die neuen Angriffe gegen 
die Parazentese des Trommelfells bei der Therapie der 
akuten Otitiden“ in No. 43, Jahrg. 49 dieser Wochenschrift 2083 
Piltz, Ein Fall von doppelseitigem paranephritischen AbszesB 1654 
Plesch, Ueber ein verbessertes Verfahren der Perkussion. 


(Ulustr.).620 

Placzek, Eine neue Lungenprobe. (Aus der Unterrichtsanstalt 

für Staatsarzneikunde zu Berlin.) (Ulustr.) .... 266, 892 

— Erwiderung auf die Bemerkungen hiezu von Dr. E. Aron 

(Berlin) in No. 13 der Münchner medizinischen Wochen¬ 
schrift .663 

— Bemerkung zu Dr. Büdingen: „Der Thoraxdruckmesser 

und eine neue Lungenprobe“.1147 

Port, Ueber die Ausgleichung von Knochendeformitäten. 

(Illustr.). . 2C06 

Preuss, Die strafrechtliche Verantwortliehkeit des Arztes im 

Altertum . . . •.489 

Pröscher, Ueber eiweissfreieB Diphtherieantitoxin .... 1176 


alter (mit Kasuistik). (Aus der k. Üniversilätspoliklinik 
Tübingen.) (Mit 1 Kurve).223 


v. Rad, Ein Beitrag zur Kasuistik des akuten umschriebenen 
Oedems. (Epileptische Insulte im Verlaufe des Hydrops 

bypostrophus).•..318 

Raff, Zur Kenntnis der senilen Angiome („Kapillar-Varicen“) 

der Haut.747 

Rahn, Eine neue Verwendung des Troikarts.1486 


Seite 

Rank, Ueber einen Fall von gallenfarbstoffhaltigem pleuriti- 

schen Exsudat.1620 

Ranke, Der Nahrungsbedarf im Hochgebirgswinter .... 787 
v. Ranke, Ein weiterer Beitrag znr Behandlung des noma- 
tösen Brandes durch Exzision des erkrankten Gewebes. 

(Illustr.).1789 

Rapp, Die Dauerhefepräparate des Handels. (Aus dem Labo¬ 
ratorium der Krankenhausapotheke München r/I.) . . . 1494 
Re ach, Ein Beitrag zur Kenntnis des Stoffwechsels bei Gicht. 

(Aus der medizinischen Klinik in Basel.).1215 

Reiche, Die Dauererfolge der Heilstättenbehandlung Lungen¬ 
schwindsüchtiger. (Aus der Heilfürsorge, der Landesver- 

sicberungsanstalt der Hansestädte.).1369 

Reiner, Ueber ein Operationsverfahren zur Beseitigung hoch¬ 
gradiger Unterschenkelverkrümmungen. (Aus dem Univ- 
Ambulatorium für orthopädische Chirurgie in Wien) 
(Illustr.). 2043 


Reitzenstein, Sind die im relativ frühen Alter und in ver¬ 
hältnismässig grosser Zahl auflretenden Angiome der 
Haut für die Diagnose des Karzinoms zu verwerten? 413 
Revenstorf, Ueber den Wert der Kryoskopie zur Diagnose 
des TodeB durch Ertrinken. (Aus dem anatom. lnslitut 


des Hafenkrankenhauses in Hamburg.).1880 

Rieck, Zur Behandlung der Extrauterinschwangerschaf: . . 1296 
Rieder, Nochmals die bakterientötende Wirkung der Röntgen¬ 
strahlen. (Aus dem Röntgenlaboratorium des Kranken¬ 
hauses München 1. d. I. (Illustr.).402 

Riedinger, Ueber willkürliche Verrenkung des Oberarmes. 

(Illustr.).410 

— Ueber eine Haltungsanomalie bei HvBterie. (Illustr.) . 571 

Riegner, Einige Bemerkungen über die Behandlung tuber¬ 
kulöser Erkrankungen mit zimmtsaorem Natron nach 
Länderer. (Ans der k. med. Poliklinik der Universität 
München.).1916 

R ö de r, Mesotan, ein äusserlich.anzuwendendes Salizylpräparat 2077 
Roeniisch, Purpura liaeinorrhagica bei Lungentuberkulose . 66 

— Ueber Erfolge mit Tuberkulinbehandlung, nach Goetsch- 

schem Verfahren.1913, 1970 

Rom berg, Weitere Mitteilungen zur Serumdiagnose der Tuber¬ 
kulose. (Aus der med. Universitäts-Poliklinik in Marburg.) 89 
Roos, Klinische Erfahrungen mit Jodothyrin. (Aus der med. 

Poliklinik in Freiburg i. B.).1607 

Roscher, Ueber intraokulare Galvanokauslik. (Aus der 
Breslauer Klinik des schlesischen Vereins zur Heilung 
armer Augenkranker.).481 


R ose n bach, Ueber die Auskultation des Respirationsapparates 

nebst Bemerkungen zur Pathologie der Lungenphthise . 131 
— Die Bedeutung kleinerer Schwankungen des atmo¬ 
sphärischen Druckes für den menschlichen Organismus 7C0 
Rosen bäum, Ueber die diagnostische Bedeutung der Angiome 
der Haut. (Aus der kgl. medizinischen Universitäts- 


Poliklinik in München.).658 

Rosenfeld, Die Biologie des Fettes. 17 

R os t o sk i, Ueber den Wert der Präzipitine als Unterscheidungs¬ 
mittel für Eiweisskövper. (Aus der medizinischen Klinik 

zu Wüizburg.).740 

Rubner, Das Isodynamiegesetz.232 

— Bemerkung zur Notiz des Herrn v. Hösslin: ,,Das 

Isodynamiegesetz“.797 

Rudolph, Kombinierte Behandlung der Lungentuberkulose 

mit Kalk und Tuberkulin.2C08 

Rühl, Ueber Hteile Becken-Tieflagerung bei Operationen an 

den Gallengängen.190 

Rull m an n, Ueber eine aus Sputum isolierte pathogene Strepto- 
thrix. (Aus dem Hygien. Institut der Univ. München.) 
(Illustr.)..•.925 


Sachs, Ueber den Austritt des Hämoglobins aus sublimat- 
gehärteten Blutkörperchen. (Aus dem k. Institut für 


experimentelle Therapie in Frankfurt a. M.) . ... 189 

Sack, Ueber das Wesen und die Fortschritte der Finsenschen 

Lichtbehandlung. 530, 578 

— Ueber die Natur der zurHtilung führenden regressiven 


und produktiven Gewebsveränderungen, welche der 
Lupus, das Ulcus rodens und der Naevus vasculosus 
planus unter dem Einfluss der Finsenschen Lichtln-- 


bandlung erleiden.1141 

Santesson, Axel Key f.242 

v. Scanzoni, Entgegnung auf den Aufsatz des Herrn Prof. 

Hofmeier: „Zur Verhütung des Kindbettflebers“ . . . 1102 

Schanz, Zu Behrings neuester Diphtherietheorie. 64 

Schanzen bach, Zur Kenntnis der hämolytischen Saponin¬ 
wirkung. (Aus dem hygien. Institute in München.) . . 1827 
Scheffer, Ueber eine mikroskopische Erscheinung am er¬ 
müdeten Muskel. (Illustr.).998 


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VIII 


1NHALTS-VERZEK ’HNIS. 


1902. 


Seite 

Scherenberg, Fremdkörper im Mastdarm.1542 

Schild, Zur Kasuistik der traumatischen Pneumonie. (Aus 
der inneren Abteilung des städtischen Luisenhospitals 

zu Dortmund.).1569 

Schlagint weit, Zur cystoskopischen Technik.1348 

Schleehtendahl, Chloroformnarkose ohne Maske mittels 

Kehlkopfkanüle. 229 

— Lungengangrän nach Aspiration einer Kornähre. (Aus 

der Universitäts-Kinderklinik in Leipzig.).449 

Schlüter, Ascaris lumbricoides in der Harnblase.1685 

Schmidt, Ad., Beiträge zurDiätotherapie bei Magen- und Darm¬ 
krankheiten .217, 273 

Schmidt, M. B., Ueber die Beziehung der Langerhansschen 
Inseln des Pankreas zum Diabetes mellitus. (Aus dem 
pathologischen Institut zu Strassburg.). 51 

— Ueber traumatische Herzklappen- und Aorten-Zerreissung. 

(Aus dem pathologischen Institut zu Strassburg.) . . . 1565 

Schmitt, A., Zur chirurgischen Therapie des Sanduhrmagens 1526 
Schmorl, Zur Frage der Genese der Lungentuberkulose. (Aus 
dem pathologischen Institut des Dresdener Stadtkranken¬ 
hauses Friedrichstadt) . . 1379, 1419 

Schneider, Beiderseitige Ophthalmoplegie interna, hervor¬ 
gerufen durch Extractum Secalis cornuti . 1620 

Schönwerth, Ueber einen Fall von akuter Wirbel-Osteo¬ 
myelitis .269 

Schottelius, Versuclio über Fütterung»-Tuberkulose bei 
Rindern und Kälbern. (Aus dem hygien. Institut der 

Universität Freiburg i. B.).1610 

Schottmüller, Zur Pathogenese des Typhus abdominalis. 

(Aus der I. med. Abteilung des Eppendorfer Kranken¬ 
hauses in Hamburg.).1561 

Schreiber E., Einfluss des Levicowassers auf den Stoff¬ 
wechsel. (Aus der k. med. Univ.-Klinik zu Göttingen.) 1490 
Schreiber L., Ueber ein bequemes Objekt zum Studium der 
Mastzellen (Clasmatocvten). (Aus dem patliol.-anat. 

Universitäts-Institut zu Königsberg). 2075 

Schröder und Brühl, Ueber die Beziehungen von Körper¬ 
bewegungen, Körperwärme und Albumosurie zu einander 
und zum Fieber im Verlaufe der Phthise. (Aus der neuen 
Heilanstalt für Lungenkranke zu Schömberg, O.-A. Neuen¬ 
bürg.) . 1373, 1417, 1887 

Sehroeder, W., Zwei Fälle schwerer Otitis media acuta pu- 

rulenta durch „Schneeberger“.1962 

Schubert, Ein Fall von gewohnheitsmässigem Digitalismiss¬ 
brauch .1580 

Schultes, Zur Antithyreodinbehandlung der Basedowschen 

Krankheit. (Aus der Heil- und Pflegeanstalt Illenau.) . 834 
Schulz, Einige Bemerkungen über Kieselsäure. (Aus dem 

pharmakologischen Institut der Universität Greifswald.) 440 
Schwalbe, Die giftigen Arten der Familie Rhus: Rhus diversi- 

loba, Rhus Toxicodendion und Rhus venenata .... 1616 
Schwartz, Die ärztliche Krankenhehandlung in der Familie 
unter Bezugnahme auf die deutschen Krankenversiche¬ 
rungsgesetze .707 

Schwarz, Erfahrungen über 100 medulläre Tropakokain-Anal¬ 
gesien .129 

Seiffe'r, Wilhelm Griesinger. Zu seinem Todestage am 

26. Oktober.1758 

Seitz, Statistischer Bericht der Kgl. Universität»-Poliklinik 

für Kinderkrankheiten im Reisingerianum pro 1901 . . 483 
Sellheim, Prinzipien und Gefahren der Abortbehandlung. 

(Aus der Frauenklinik der Universität Freiburg i. B.) 


(Illustr.)..393 

S eng ler, Ein Fall von Lufteintritt in die Venen des puerperalen 
Uterus mit tödlichem Ausgange. (Aus demWöcbnerinnen- 
asyl des Ludwig Wilhelm-Krankenheims Karlsruhe.) . 185 
Serafini, Ueber die endovenösen Injektionen von Aetz- 
sublimat. Einige‘Betrachtungen und einige Experimente. 

(Aus dem hygien. Institut der Kgl. Universität Padua.) 649 

Seubert. Ein Fall von Gangrän nach Scharlach. 66 

Siebe r-Sch um off, M. v. Nenckis Untersuchungen über den 

Blutfarbstoff und dessen Beziehungen zum Blattfarbstolf 1873 
Siebert, Ueber Juckausschläge im Kindesalter. (Aus der 

Poliklinik im Reisingerianium zu München.).1137 

Siegert, Die moderne Säuglingsheilstätte und ihre Bedeutung 

für die Aerzte.576 

Siefert, Ueber die multiple Karzinomatose des Zentralnerven¬ 
systems. (Aus der kgl. psychiatrischen und Nervenklinik 

zu Halle.).• . . 826 

Silberschmidt, Ueber ein einfaches Bakterienfilter zur Fil¬ 
tration kleiner Flüssigkeitsmengen. (Aus dem Hygien. 

Institut der Universität Zürich.) (Illustr.).1461 

Spineanu, Apparat zur Bestimmung des Gesamtsäuregehaltes 

des Magensaftes. (Illustr.).877 

Spiess, Anästhesin, ein neues Lokalanästhetikum, vom Ge¬ 
sichtspunkte der Heilwirkung der Anästhetika . . . .1611 


Seite 

Staehelin, Ueber den durch Essigsäure fällbaren Eiweiss¬ 
körper der Exsudate und des Urins. (Aus der med. Klinik 

zu Basel.).1413 

Stamm, Zur Prophylaxe des Keuchhustens.1619 

Starck, Ueber den therapeutischen Wert der Bismutose. (Aus 

der Heidelberger medizinischen Klinik.).1956 

Stegmann, Ueber Encephalitis haemorrhagica acuta. . . . 1221 

Steiner, Die spinalen Reflexe in der Hysterie.1259 

Steinert, Ueber den Intentionakrampf der Sprache, die sogen. 

Aphthongie. (Aus der med. Klinik zu Leipzig.) (Illustr.) 1 132 

— Antwort auf Herrn Dr. Beckers Kritik meiner Aus¬ 

führungen in No. 27 der Wochenschrift. (Aus der med. 
Klinik zu Leipzig.).1349 

Steinhaus, Ein Fall von luetischer doppelseitiger Postikus¬ 
lähmung mit Ausgang in Heilung. (Aus dem Augusta- 

Hospitale in Köln.).1884 

Sticker, Zur Diagnose der angeborenen Schwindsuchtsanluge. 

(Aus der medizinischen Klinik des Herrn Geheimrats 

Prof. Dr. Riegel in Giessen.) (Illustr.).1375 

Stich, Eiweiss- und Zuckerreaktion am Krankenbette. (Aus 
dem analvt. Laboratorium des städt, Krankenhauses zu 
Leipzig.) (Illustr.).• . . . . 1100 

— Zur Toxikologie des Phosphors. (Aus dem analytischen 

Laboratorium des städtischen Krankenhauses zu Leipzig.) 
(Illustr.).1347 

Stöltzing, Trommelschlegelfinger und Atrophie der End¬ 
phalangen. (Illustr.).656 

Stummer, Ein Fall von Menstruatio praecox. (Illustr.) . . 1541 

Sträter, Ein neues Mittel gegen Dekubitus.1461 

Strasburger, Beitrag zur Behandlung der Ruhr mit Radix 
Ipecacuanhae. (Aus der med. Klinik und Poliklinik 

zu Bonn.)..1493 

Straus, Untersuchungen über Physiologie und Pathologie 
der Ureteren- und Nierenfunktion mit besonderer Be¬ 
rücksichtigung der verdünnenden Niorenthätigkeit nach 

Flüssigkeitszufuhr.1217, 1408 

Strauss, DasHeroinum hydrochloricum als Anaphrodisiacum 1494 
Strub eil, Ueber refraktrometrisehe Blutuntersuchungen. (Aus 

der H. medizinischen Klinik der Universität Wien) . . 616 

— Zum 65. Geburtstage des Prof. S. v. Basch.1506 

— Ein Beitrag zur Pathologie und Therapie der syphiliti¬ 
schen Trachealstenosen.1835 

Struppler, Ueber Pyopneumothorax acutissimus bei inkar- 
zerierter Zwerchfellhernie. (Aus der II. medizinischen 
Klinik des Herrn Prof. Dr. v. Bauer in München.) 
(Illustr.) .. . 618 

— Zur Kenntnis der rhinogenen purulenten Meningitis 
und Zerebrospinalmeningitis. (Aus der I. med. Klinik 

des Herrn Prof. v. Bauer in München.).1877 

Stursberg, Ueber das Verhalten des Knochenreflexes bei 
Hysterischen. (Aus der medizinischen Universitäts- 

Klinik zu Bonn.).615 

Ueber Aristochin, ein geschmackloses Chininderivat. 

(Aus dem Kinderambulatorium der med. Univ.-Klinik 

zu Bonn.).1879 

Stumpf, Bericht über die Ergebnisse der Schutzpockenimpfung 

im Königreiche Bayern im Jahre 1901 . . 2009, 2050, 2087 
Sudhoff, Eine Feilenzwinge über den Penis geschoben . . 273 


Taussig, Ueber die post-operative Harnverhaltung und deren jd 
Folgen. (Aus der Bettinastiftung, k k. Kaiserin-Elisabeth- 

Krankenhaus, Wien .1646 

Teschemacher, Pankreaserkrankung und Diabetes .... 657 

Tesdorpf, Ueber die Wechselbeziehungen der körperlichen 

und psychischen Störungen bei Hysterie. 60 

Thei 1haber, Zur klinischen Bedeutung der Iietroflexio uteri 

mobilis. 1264 

— Ursachen, Symptome und Behandlung der Insuffizienz 

des nicht schwangeren Uterus. (Mit 1 Kurve.) . 1698, 1755 
Thieme, Zur Behandlung der Lungenblutungen mit Bubku¬ 
tanen Gelatineinjektionen.184 

Thost, Ueber das Heufieber. 689, 749 

Thomasczewski, Zur Frage des Malum perforans pedis, 
mit besonderer Berücksichtigung seiner Aetiologie. (Aus 
der dermatologischen Universitäts-Klinik zu Breslau) 779, 840 
Tiegel, Beitrag zur Kasuistik tödlicher Magenblutungen. (Aus j 
dem Senckenbergschen pathologisch - anatomischen 

Institut zu Frankfurt a. M.).1960 

Toff, Einige Bemerkungen über die Anwendung des Un¬ 
guentum argenti colloidalis (Cred6).705 

— Zwei Fälle von Fremdkörpern des Uterus.1579 

Treupel, Ueber multiple Sklerose in klinischer Beziehung 

und ihre differentielle Diagnose. (Aus der medizinischen 
Klinik zu Freiburg i. B ) (Illustr.).865 

— Operative Behandlung gewisser Lungenerkrankungen. 

(Mit 3 Kurven.) .1644 


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1902 . 


INHALTSVERZEICHNIS. 


tx 


Seite 

Treapel u. Edinger, Untersuchungen über Rhodanverbin- 
dungen. (Aus der medizinischen Universitätsklinik zu 
Freiburg i B) III. Mitteilung (Mit 2 Kurven) . . 563 
Treu de len bürg, Ueber die chirurgische Behandlung der 
puerperalen Pyämie. (Aus der chirurgischen Klinik zu 

Leipzig.) . 513 

Trommsdorff, Zur Frage der Wirksamkeit des Collargol. 

(Aus der k. Chirurg. Universitäts-Klinik zu München ) . 1300 
Trnmpp, Chloroformnarkose ohne Maske mittelst Kehlkopf¬ 
kanüle . 413 

Tabenthal, Stichwunde in die Niere.1886 

Umber, Ueber autolytischo Vorgänge in Exsudaten. (Aus 

der II. medizinischen Universitäts-Klinik zu Berlin). . 1169 
■ü ngnr, Zur Phosphorbehandlung der Rachitis.999 

Vanselow, die neue Erwärmungsart der kohlensauren Sol¬ 
bäder im kgl. Mineralbad Kissingen. 2085 

v. Vogl, Ueber wissenschaftliche Hydrotherapie und „Wasscr- 

• kuren“ .94, 140 

v. Voit C*, Das Isodynamiegesetz. 233 

— Bemerkung zur Erwiderung des Herrn Dr. II. v. Hösslin 797 
Voigt, Ein Fall von Lungenembolie bei Placenta praevia. 

(Aus der kgl. Frauenklinik zu Dresden.) .743 

Vulpius, Ein neuer Bewegungsapparat. (Aus der Dr. Vulpius- 
schen orthöpädisch-chirurgischen Heilanstalt in Heidel¬ 
berg.) (Ulustr.).1460 

Wachbolz, Ueber die neue Lungenprobe. (Aus dem gerichts-' 

ärztlichen Institut der k. k Jag.-Universität in Krakau.) 1617 
Wagner A., Entzündlicher Bauchdeckentumor, hervorgerufen, 
durch einen aus dem Darm durchgebrochenen Fremd¬ 
körper .1919 

Wagner M., Ueber parenchymatöse Nephritis bei Lues. (Aus 

der medizinischen Klinik zu Leipzig.). 2073, 2150 

Wagner R, Zur Kenntnis der Knochenmetastasen bei Schild¬ 
drüsentumoren. (Aus dem St. Vincenz-Krankenhaus zu 

Hanau.).1457 

Wagner W., Beitrag zur ambulanten Behandlung der tuber¬ 
kulösen Gelenkerkrankungen der unteren Extremitäten. 320 
Walz, Ein Beitrag zur Kenntnis der Nabelcysten.959 

— Ueber die Beeinflussung der Leber durch das Zwerch¬ 
fell und über Lebermassage.785 

Walther, Ueber Subluxationen bei der angeborenen Hüft¬ 
verrenkung. (Illustr.) 566 

Wassermann, Ueber das Verhalten der weissen Blutkörper¬ 
chen bei einigen chirurgischen Erkrankungen, insbeson¬ 
dere bei Appendizitis. (Aus der chirurgischen Klinik der 

Universität München ).. 694, 751 

W'eber, Seltene Ursachen der Bleivergiftung. — Behandlung 

der Koliken mit Atropin. 704 

— Zwei Fälle von spontan geheilter Perforationsperitonitis 1619 
Web er II., Zur Kritik der Beziehungen der Angina tonsillaris 

zur Entzündung des Wurmfortsatzes.2171 


Seite 

Weigl, Sterilisationsapparat für Verbandmaterialien von Dr. 

R. Klein.321 

Weichardt, Ueber Zellgifte und Schutzeinrichtungen im 
menschlichen Organismus. (Aus dem Staat!, hygien In¬ 
stitute zu Hamburg.) .1825 

Weiss, Vergleich der Methoden von Stas-Otto und Kippen¬ 
berger zum Nachweis von Alkaloiden. (Aus dem physiol. 

Institut zu Basel.).367 

Weiss wange, Ueber die Heilung.svorgänge bei der operativen 

Behandlung der Bauchfell- und Nierentuborkulo.se . . . 1180 

Weinberg, Farbe Veränderung der Haare.575 

Wenzel, Zur Behandlung der Phimose. (Aus der chirurgischen 

Abteilung des Friedlich Wilhelm-Hospitals in Bonn.) . 271 
Wotzel, Ueber Verletzungen der Brust, speziell des Herzens 1260 
Wiesner, Beitrag zur Kenntnis der Röntgendermatitis . . . 1047 
Wiener E., Ueber den Bazillus Danysz. (Aus dem bakterio¬ 
logischen Laboratorium der k. k. landwirtschaftlich-bak¬ 
teriologischen und Pflanzenschutzstation in Wien.) . . 401 
Wiener G., Beitrag zur Therapie der Uterusrupturen. (Aus 

der kgl. Universitäts-Frauenklinik München.). 14 

— Ein eigentümlicher Fall von Uteruseinklemmung in 

ein Pessar. (Aus der kgl. Universitäts-Frauenklinik zu 
München) (Illustr.).655 

— Zwei weitere Fälle von Uterusruptur, operativ geheilt. 

(Aus der k. Universitäts-Frauenklinik München.) . . . 1741 


Wilma, Ueber Spaltung der Niere bei akuter Pyelonephritis 

mit miliaren Abszessen. (Aus der Leipziger Chirurg. Klinik ) 476 
— Operative Behandlung multipler, durch Cholangitis 
und Cholecystitis entstandener Leberabszesse. (Aus der 
, chirurgischen Universitäts-Klinik zu Leipzig.) .... 520 

I Windscheid, Die Beziehungen der Arteriosklerose zu Er¬ 
krankungen des Gehirns .345 

Witzei, Wie sollen wir narkotisieren? (Illustr.).1993 

j W o 1 f f A , Ueber Mastzellen in Exsudaten. (Aus dem städt. 

Krankenhause Moabit in Berlin.).226 

W o 1 f f H., Kurze Bemerkung zu „Blutvergiftung u. Amputation“ 368 
; Wormser, Zur klinischen Bedeutung der Retroflexio Uteri 

mobilis. (Aus der Univ.-Frauenklinik in Basel.) . 1085, 1144 
Wülfing, Der Extensionsverband nach Heusner. (Aus der 

Chirurg. Abteilung des städt. Krankenhauses zu Barmen.) 1571 


Zahn, Zusammenstellung der im pathologischen Institut zu 
Genf während 25 Jahren zur Sektion gekommenen 
Tuberkulosefälle mit besonderer Berücksichtigung der 
primären und sekundären Darmtuberkulose, sowie der 
Häufigkeit der ebendaselbst beobachteten Amyloid¬ 
entartung .~. 49 

Zimmermann, Beiträge zur Mechanik dos Hörens. (Illustr) 2080 
Zinsser P, Ein Fall von spindelförmiger Erweiterung der 

Speiseröhre.2175 

zum Busch, Sir William Mac Cormac.149 

Zupnik, Widal’sche Serumreaktion frei Weilscher Krank¬ 
heit. (Aus der I. medizinischen Klinik der deutschen 
Universität in Prag.).1305 


Seite 


A. 


Aaser.1769 

Abbott .... 975,1545 

Abba.565 

Abel-Berlin .... 1681 

Abel R.152 

Abramow.1399 

Abuladse.1063 

Ach.252 

Achard ...... 84 

Ackermann .... 212 


Adam . .1070,1515,1865 
Adamkiewicz 711,851,1064 


Adamson.205 

Adler J.1066 


Adler-Breslau . . . 670 
Adler E -Berlin . . . 1399 


II. Namen-Register. 

(Die fett gedruckten Ziffern bedeuten Originalartikel.) 


8eite 

Adler O.-Prag 31,1818,1941 


Adrian.1400 

Ag^ron. 1266 

Ahlefelder. 2095 

Ahlfeld 801, 1151, 1398, 
1515, 1761 

Akuts u.1399 

Albarel. 75 

Alhpolr QOP, 

Albers-Schönberg 110,628, 
940, 1821 

Albert .... 1432,1433 

Alberta.1065 

D'Alberto Lucchi . . 987 
Albesheim .... 980 


Albrecht A.-Wienl062,1976 
Albrecht E.-München 731, 

1135 


Seite 

Allbu . . . 946,2018,2160 

Alcock.1555 

Alexander-Nürnberg 82, 
1363, 2165 

Alexander A.-Breslau 200, 
296 

Alexander G.-Wien 1021, 
1470,1809 ' 

Alexander W.-Berlin 495, 
536, 987,2067 

v. Alfthan . . . 377,1273 

Alivizatos.673 

Allard.1059 

Allbntt . . . 1553,1592 

Allgeyer.329 

Allingham.1156 

Almkvist.1587 


Seite 

Alsberg A.-Hamburg 816, 
! 1317 

! Alsberg G.-Berlin . . 247 

I .Visen. 38 

Alt.1112,1358 

Altschul.1074 

Alterthum.374 

Altobelli.460 

I Amann E.-Winterth. 1628 

Amann J. A. jr. München 
124, 433, 713, 803, 1813, 
1859,1861,2095 

Amat.1205 

d'Amato.1979 

Amberger . . 1272, 2157 

Amenta.1810 

Amson.200 


Seite 

D'Ancona.251 

Anderach.373 

Anderson.170 

Andrew.2163 

Andrewes.170 

Andvord.1856 

Angelo-Mailand . . 250 

Angerer. 2054 

Anglade.1978 

Anjeszky.1627 

AnschUtz . 116,722,1807 

Anton.2159 

Antonescu.1546 

Apelt . .153, 1277, 1770 

Appelbautn .... 74 

Arbuthnot Lane . . 627 

Ardissone.1517 


Digitized by 














































































X 


IN 11 ALTS-'V KHZ Kl C1 IN IS. 


1902. 


Seite 

Arloing.212 

v.Arlt. 805,1629 

Armaiiigiiud .... 1856 

Arndt.154 

Arnold . . . 1587,1945 

Arnsperger .... 351 

Aron.560 

Aronheim . . 1184,1748 
Aronsohn E. H. Ems- 
Nizza . . . 1848,2018 

Aronson Berlin 248, 986, 
1278 

a. Arx.1809 

Asch .... 1285, 2160 
Aschaffenburg 390 , 1241, 
1711 

Ascher.1626 

Aschoff A.-Berlin . . 416 
Aschoff L.-Güttingen 1064, 
1193 

Ascoli A -Pavia . . 2095 
Ascoli G.-Genua 70, 73, 
715,1064,1192,1764 


Ascoli M.-Pavia 398 , 1409 

Aspinoli . . . 

. . . 980 

van Assen . . 

. . . 625 

Assfalg . . . 

... 31 

d'Astros . . . 

... 292 

Audard . . . 

. . . 1194 

Audibert . . 

... 169 

Auerbach . . 

. 586,1974 

Aufrecht . . 

. . . 1230 

Augspurg . . 

... 202 

Aujeszky . . 

. 376,1399 

Austerlitz . . 

. . . 1273 

Avellis . . • 

. . . 1548 

Axenfeld 580 , 

1289 , 1394 , 

1716,2063 
Ayres .... 

... 37 


B. 

Baas H -Worms . 1368 
Baas K.-Freiburg 405,1922 

BabesA.2019 

Babes V. Bukarest . 290 
Babonneix .... 1978 

ßacaloglu.1194 

Baccarani.717 

Bach H.-Leipzig . . 1237 
Bacli L.-Marburg . . 1852 
Bachmann-Prag . . 1633 
Bachmann H.-Innsbr. 1433 

Baciolli.716 

Backmann .... 245 

Bade. 766, 1415 

Bäcker.1663 

Bähr .... 246, 1192 
Baer K.-Innsbruck . 1629 

Bäumel.1665 

Biiumler. 491, 1012, 2063 

Bäumlin.154 

Baginsky A.-Berlin . 173, 
247, 1730, 1899 
Baginskv B. Berlin 

Bail . .'. 

Baiseh.1545 

Bakorsky . . > . . 295 
Balaceseu 118, 887, 1546, 
2019 

Baldassari . . . . 2047 

Ballanee 1593, 1851, 2161 

Ballet.820 

Balzer.1669 

Bamberger J.-Kissin- 

gen.2144 

Bamberger S.-Kronach 71, 
201, 326, 493, 848, 1014, 
1230, 1298 , 1807 
Bändel 425, 944,1014, 2061 
Bandelier . 808, 875 , 937 


290 

804 


Bandouin 
Bang . . 
Banks . . 
v. ßaracz 
Baradat . 
Barannikow 
Baranv 
Barbarv 


1475 
. . 536 
906, 1553 
416, 1891 
. . 1060 
. . 539 
461, 1809 
. . 1319 


Seite 

Barbellion . • . . . 1076 

Barbiani.1316 

Barbier.1977 

Bard.1474 

Bardach.246 

Bardescu. 2020 

Bardswell.761 

Bardwell.204 

Barendrecht .... 625 

Bargum.1779 

Barker . . . 1150, 1360 

Barker A.541 

Barker A.-E. . . 555, 1850 

Barker E.978 

Barling.555 

Barnard.1630 

Barr.1850 

Bartels . . . . 910, 1762 
Barth-Winterthur . 801 
Barth K.-Baden-Baden 877 
Barth^lemy . . . 1669 

Bartholdy . . . 583, 2095 

Baruch.1898 

Basch.1863 

Basile .717 

Bataillon.20l6 

Bates.542 

Bätsch.1045 

Battle.542 

Bauer E. Stettin . . 974 
Bauer Ph.-Weiden . 748 

Baum.1431 

Baumei.588 

Baumgart .... 201 
v. Baumgarten . 492,1058, 
1848, 1854, 2057 
Baumgaertner . . . 327 
Baumm .... 313, 417 

Bayer. 458, 492 

Bayerthal.939 

Bayet.496 

Bayles.979 

Bavlies .... 1020, 1361 

Bazv. 947, 1942 

Beatson.906 

Beaver.760 

Becco.158 

Becher .... 1236, 1856 
v. Bechterew . . . 1016 

Beck-Frankfurt a. M. 1894 
Beck-Mengen . . . 1639 
Beck C.-Heidelberg . 418 
Beck C.-Leipzig . . 1230 
Beck ('.-New-York 294,380, 
1067, 1934 

Beck C.-Ofen-Pest 646,1107 

Becker.934 

Becker C.-München 46,215, 

261, 262, 343, 389, 390, 
430, 55b, 646, 8iO,li27, 
1236, 1321, 1397, 1406, 
1625 

Becker E.-Charlotten- 

burg.1193 

Becker l’h.-F.-Aachen 586, 
801 

Becker W.-Bremen . 1265 
Beckh . . 533, 1550, 1900 
Beckmann II.-Berlin 946 
Beckmann l'.-Suden- 
burg ...... 1431 


Seite 

1517, 1979 


711 

459 

537 

2017 

1075 

1587 

1153 

1667 

157, 

495, 

807, 


211 

86 

1894 

1545 

1514 

456, 


Benenati 
Benia8ch 
Benjamins 
Bennecke 
Bensen . 

Berard . 

Berdach . 

Berding . 

Berenger 

Bergeat 35, 75, 118, 

250, 328, 420, 461, 

541, 672, 716, 759, 

890, 938,977, 1112,1232, 
1238, 1276, 1359, 1434, 
1469, 1628, 1629, 16*5, 
1717, 1810, 1849, 1926, 
1930, 2098. 2160 
Berger G.-Jena . . . 
Berger H.-Berlin . . 
Berger II.-A.-Hannov. 

Bergev. 

Bergholm ... 
v.Bergmann K. Berlin 
671, 81 5, 1710, 1911 
Bergman nW.- M arburg 375 
Bergmann W.-Saaz . 2160 

Berliner.1662 

Bcrnard.292 

Bornavs.18 <9 

Berndl . . 32, 322, 516 

Bernert . . . . .1313 

Bernhard . . 1473, 2159 

Bernhardt . ... 329 

Bernheim-Paris . 6'>9 
Bernheim S.-Nanev 819, 
1976 

Bernheim-Karrer . . 670 

Berry. 555, 1233 

Bertarelli.1715 

Bertelsmann 209, 521, 720, 
2101 

Berthold.1029 

Berthomier .... 19s0 

Bertillon.1668 

Berlrand 1364, 1766, 1978, 
2105 

Berzieri.950 

Besredka. 76 

Bethe.1313 

Bettmann 122,123,161,210, 
295,330,692, 1272, 1545, 
1518,1549,1965 
Beuthner 
Beuttner 


Beutzen . 
Beyer . . 
Bezanyon 
Bezolil 
Bezy . . 
Bezzola . 
Biagi . . 
Bial . . 
Bialobsches 
Biberfeld 
Bibergeil 
Bichat 
Bickel ! 117, 
Bidder 
Bie . 

Bieber 
Biedl 


ky 


853, 


Bcco. 

1669 

Bielschowskv . 

. 1892 

Bormans 

.... 251 

Bedall.127 , 

1208 

Bier. 

. 546 

Bornhaupt 


Beddies. 

289 

Bierbanm . . . 

. 1963 

Bornstein 

.... 245 

van der Beek . . . 

2158 

Bierfreund . . 

. 1771 

Borsczekv 

... 116 

Beetz. 

1688 

Biernacki . . . 

204,1631 

Borst . . 

. . 975,1972 

Begouin. 

1980 

Biggs. 

. 1982 

Borszick v 

.... 810 

Belli. 

623 

Bikeless .... 

. 326 

Bosse . . 


Belmondo. 

717 

Bilik. 

. 33 

Botescu . 

.... 1019 

Benario. 

2147 

Billet. 

. 1195 

Bouffe. . 

.... 426 

Benda . 

1984 

Binder .... 

. 327 

Boulay . 


Bender . 357 , 412 , 

1015 

Binet . 

121, 426 

Bouma . 

. 1664, 2060 

Bendix B.-Berlin . . 

1114 

Bing. 

. 2017 

Bourquin 

.... 1770 

Bendix E.-Göttingen 

117, 

Bingel .... 

. 670 

Box . . 

. . 203, 732 

1018 


Binswanger . . 

. 210 

Bnvd . . 

.... 2163 

Benedicenti . . . . 

1273 

Binz. 

. 623 

Bove . . 

.... 1398 

Benedict. 

759 

Birt. 

541,978 

Braatz 

801, 1513, 2014 

Benedikt . 672,816, 

1018 

Bischoll- Erlangen 

. 298 

Brabee . 

. . 1930. 2160 


1927 
. . 1313 
. . 981 
. . 331 
. . 84 

. . 983 
76,1813 
. . 2023 
250,1876 
854, 888 
. . 1477 
430,1628 
. . 202 
. . 1977 
1314,1893 
. . 937 
. . 811 
. . 1666 
2, 251, 949 


Seite 

Bischof! C. W.-Bonn . 2016 
Bishop.1553 


. 2163 
. 2161 
73,715 
732,1666 
2019 
1236 
1514 
1625 
1630 
1714 
251 
1587 
1192 


Biss 

Blackmore . . 

Blad . . . 

Blasehko . . 

Blassberg . . 

Blau A.-< lörlitz 
Blau A.-Heidelberg 
Blau L. Berlin 
ßlaxalls . . , 

Bleeher . . . 

Bleibtreu . . 

Bleichröder . 

Blencke . . . 

Bleuler 31, 287, 755, 801, 
1191, 1228, 1270, 1585, 
1712, 1759 

Bloch C-Berlin . . . 714 
Bloch E.-Freiburg . 1024 
Bloch J.-Berlin . 314,755 

l’los. 457, 2157 

Bluhrn.247 

Blum . . 155,854,940 

B> um borg . . . . . 1534 

Blume.1638 

Blumenthal . . . .2159 
Blumenthal A.-Berlin 815 
Blmnenthal F.-Berlin 1545, 
1973 

Blumreich . . . 417,1431 

Blyth.170 

Boas 114, 460, 603, 1107, 
1108 

Bohroll ...... 887 

Bockenheimer . . . 325 

Bockhart.431 

Boeg.1433 

Bocgehold.330 

Boeger.801 

Boehrn .... 2049 
Böhm v.Böhmersheim 952 

Bölmke.1244 

Beehr.976 

Bönniger . . 1764, 1786 

Boeri.1810 

Boeters.723 


Böttger . 

Böttiger . 

Boetzelen 

Bogdanik 

Bohne 

Bohnstedt 

Boi net 

Bokenhara 

Bolle . . 

Bollinger 

Bolognesi 


. . . 272 

206, 374, 894 
366 
1930 
2181 
756 
588 
2161 
1761 
175,641,1624 
1364,1365 


Boncoroni.1979 

Bondi J.-Wien . . . 2095 
Bondi M.-Iglau . . . 759 
Bonheim-Dresden . 856 
Bonheim-Hamburg . 385 


Bon 1 Kiffer 
Bonhoff . . 
Bonnardiere 
Bonne . . 
Bonnet . . 
v. Bonsdorff 
Borchard 
Bordet . . 


199,1312 
. 1894, 2096 
. . . . 427 
. . 816,898 
. . 422,1317 
. . . . 1769 
33, 808,1674 
. . - . 1204 


Seite 

Bradshaw 191,1233, 2160 

Brähmer.1127 

328 
125 
547 


Digitized by 


v. Braitenberg 
Braithwaite . 
v. Bramann . 

Bram well 554, 1235, 1630, 
1852 

Biand .1631 

Brandenburg 160, 249, 256, 
331,421, 893, 1058, 1067, 
1158, 1238, 1585, 2027, 
2067, 2163 

Brandweiner .... 759 

Brasch.154 

Brat ..... 813, 1157 
Brauer 161, 825, 982, 1072, 
1590, 1732 

Braun H-Göttingen . 72 

Braun H.-Leipzig 163, 1483, 
1514 

Braun L.-Wien . . Kill 
v. Braun-Fernwald . 1514 
Braunschweig . . .1118 
Braunstein .... 980 
Brauser . . . ... 104 

Breeke.839 

Bregmann ... . 151 

Breitenberg .... 1514 

Brennan.1897 

Brennecke ... 81, 417 
Brenner . . 1078, 1725 

van Brero.937 

Bresgen.910 

Breuer 260,1165,1604,1764 

Breus.1543 

van Brevo.375 

Breymann . • . . . 804 
Brian .... 1285, 1941 
Brieger-Breslau . . 1024 
Brieger L.-Berlin 421, 467, 
586, 804, 1274 
van der Briele 1430, 1714 

Briggs.205 

Brimlel .... 891,' 1478 

Brion.611 

Broca. 947, 1981 

Broden.496 

Broeckaert ... 38, 1812 

Bröse.2181 

Bronner ... . . . 1593 

Bronstein.1715 

Brook.2182 

Brosch.328 

Brouardel . . 905, 205H 

Brower.204 

Browicz.1230 

Brown. 36 

Browne.203 

Brownlee.1156 

Bruandet ■ • • . . 1474 
Bruce . 3‘0, 1361, 1850 

Brückner. 205H 

Brügelmann .... 286 
Brühl .... 1373 , 1887 
Brüning-Halle . . . 1573 
Brüning-Leipzigl481, 2015 
Bruhns .... 256, 1238 
Brnining . . 1111, 1767 

de Brun.291 

Brunazzi.1315 

Brunn.1433 

Brunner.201 

Brunner C.-Münster- 
lingen . . . .116, 722 

Bruno.136 

Bruns C -Barmen . . 24 

Bruns H.-Stmssburg 377, 
1312 

v. Bruns P.-Tübingen 626, 
1710, 1807 

Brunton . 758, 807,1233, 
1285, 1555 

Brusco.1110 

Bruusgaard .... 143(5 
Bryant .... 213, 1232 
Buch-Finland ... 289 
Buch M. ... 626, 1810 
Bnchanan . . . . 980 

Buchholz . , . 943, 1119 

Google 





































































































































































1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


XI 




Seile 

Rücker .1430 

Bucquny.905 

Bucuru . . .1151, 2158 
Büdingen . . . 928, 1713 
Bödinger . 909, 1111, 1165 
v. Büngner . 982, 1724 

Ritrker . . 68, 626, 1022 

Büsing.1111 

Bilitner.373 

Bukof/.er . 990. 1812, 2108 

Bulius.153 

Rullocli.541 

Bum .... 1062. 1397 
Rumke . . .... 1958 
Bunge I*. 0.-Königs¬ 
berg .719 

v. Bunge G.-Basel . 626 
Ruonsanti ... . 1517 

Buraiczynski . 1434, 2160 
Rurchhardt .... 2067 
Rqrckhardt .... 152 

Bardach.1894 

Burgerstein .... 1586 

Burgl.1073 

v. Burgner.1926 

Buriun .253 

Bnrlureaux .... 1667 

Burnet.2160 

Rurnev.554 

Burns.978 

Burton.1850 

Burwinkel.1112 

Burzynski.1891 

BusaIJa . . . 1158, 1512 
zum Basch 3S 150, 205, 
380, 543, 808, 978, 930, 


1156, 1233, 1361, 1553, 
1556, 1594, 1632, 2163 
IJuschke 1624, 1764, 2018 


Rusquet. . . 

. . . 1193 

Busse 546, 680, 

1317,1588, 

1624, 1973 

Bussiere . . 

. . . 1319 

Butlin . . . 

. 170, 542 

Butta .... 

. . . 157 

Butte .... 

. . . 910 

Battenberg . 

1072, 1120 

Bnttermann . 

. . . 1805 

Buttersack 

. . . 586 

Butzji .... 

. . . 1113 

Buya .... 

. . , 496 

Buzzard . . . 

. . . 1553 

Bvchowsk . . 

. . . 156 

Bychowsky . 

. . . 1974 

C. 

v. Cackovic . 

. . . 32 

Cadeae . . . 

. . . 1364 

Caddv . . . 

. . . 2162 

Cafiero . . . 

. . . 1316 

Cnhanesku 

. . . 293 

Cahen . . . 

. 444, 1867 

Calm-Mtthlheim . . 2020 

( 'ahn A.-Strassburg491,777 

Cuhnheim . . 

. . . 331 

Calamida . . 

. . . 1812 

Calderini . . 

. . . 1897 

Callendar . . 

. . . 1234 

Calmette . . 

. . . 1854 

Calot .... 

. . . 1980 

Calov .... 

• . . 1110 

Cambiasso 

. . . 1434 

Camerer jun -Stuttgart 1021 

(' amerer sen.-Stuttgart 2058 

('aineron 

. . . 1556 

De la Camp . 

1156, 1157 

Cainpanella . 

. . . 1811 

Campbell . . 

1359, 2162 

Canevazzi . . 

457, 934 

Cantacuzene . 

. . 1767 

Cantani . . . 

. . . 1975 

Cantlie 170, 979 

1156, 1594 

Capogrossi 

. . . 461 

Cappelletti 

. 462, 1065 

Caravassibs . 

. . . 588 

C'arini .... 

. . .1065 

Camot . . . 

. . . 2108 



Seite 


eite 

Cavazzoni. 

544 

Cohn R.-Breslau . . 

713 

Caro. 248, 

1714 

Cohn lt.-Königsberg 

1848, 

Carr. 

732 

2059. 


Carrier« .... 910, 

1765 

Cohnheim-Berlin 893, 947 

Carswell . . • . . . 

37 

Cohnheim O.-Heidelberg 

(’arwardine . . 979, 

1361 

625, 1020, 2173 


Cascela. 

158 

Colamida. 

1715 

Casciani . . . 

1979 

.. 

1811 

Caspari H.-Würzburg 

539 

Colcntt Fox .... 

1630 

Caspari W.-Berlin . 

291 

Coletti. 

1517 

Casparie. 

1059 

Colla. 

1205 

Cassirer .... 495, 

1762 

Colbna. 

251 

Castellani • . . . . 

849 

Collins. 

379 

Gaste x. 

1662 

Columbini. 

295 

Cathcart. 

1763 

Colyer. 

1631 

Cathelin . 

1475 

Comundini . . . . 

1811 

(’attaneo. 

935 

Combv . 947, 1245, 

1676 

Catterina. 

1152 

Cominotti. 

1065 

Cautlev. 

378 

ComisBO. 

2159 

Cavazza. 

157 

Conitzer. 

1985 

Ceconi . 

1517 

Conradi .... 290, 

849 

Cega de C'ebo . . . 

419 

Cooper .... 37, 

1233 

Celli. 

1663 

Copes. 

1630 

Censier. 

1976 

Cordua. 

2101 

Centanni. 

906 

Corner. 

1155 

Cernezzi. 

1316 

Cornish. 

1155 

Cerwinka. 

2160 

Corvini. 

1434 

Ohaleix-Vivie . . . 

1897 

Cosma. 

1113 

Chalmers . . . . 

1630 

Cossmann. 

2021 

Championni^re 427, 

1319, 

Coste .. 

2038 

1404 


Courmont. 

169 

Chantemes.se 1318, 

1404, 

Courvoisier . . 537, 

1250 

1446 


Cousteau. 

891 

Chapmann . . . . 

761 

Coutts. 

1851 

Chaput . . . 1245, 

1475 

Cowen. 

807 

Charles. 

1812 

Cozzolino. 

669 

Charpentier . . . . 

1365 

Craandyk . . . 938, 

1929 

Chassel. 

1275 

Crämer . 933, 1203, 

1363 

Chautfard. 

169 

Cramer’A.-Göttingen 1063, 

Chelmonski . . . . 

1194 

1480, 1719 


Chevalier. 

1204 

Cramer H.-Bonn . . 

101 

Chevne . 

204 

Cremer M.-München 

944 

Chiadini . . . . 

1517 

Crendiropoulo . . . 

1154 

Chiari 11.-Prag 257, 

946, 

v.Criegern 54,336,852,1483 

1112, 1404 


Crile. 

1156 

Chiari O.-Wien . . 

624 

Cristeanu. 

118 

Chipaul t. 

588 

Crocker . 

1555 

Cblumskv . . . 419, 

1232 

C'roftan. 

1626 

Chocreaux. 

1978 

Crombiel70,1233,1632,2161 

Choronsliitzky . . . 

1812 

Cron. 

2179 

Chotzen. 

1715 

Cronen. 

1973 

Choussaud . . . . 

1477 

Croner. 

1761 

Christiani. 

2096 

Cronheim. 

1107 

Christiansen . . . . 

1769 

Croom. 

1361 

Christie. 

1233 

Cropper . 

979 

Chrobak . 

1628 

Crouch . 

1155 

Church. 

1851 

Cruz. 

2096 

De Cigna. 

543 

Cukor. 

1779 

Cioffi. 

717 

Cullen .... 1861, 

1895 

Ciofone. 

906 

Cullingworth . . . . 

1361 

Cipollina. 

1894 

Cuno. 

1849 

Citelb. 

1812 

Curatulo . 935, 1555, 

1889 

Citron. 

1114 

Curatulos. 

1556 

Civallerie. 

1065 

Curschmann ll.-J^eip- 


Clairmont 155, 1776, 

1929, 

zig . . 758, 1362, 

1444 

2059, 2060 


Curschmann H.-jun.- 


Clarke . 

1155 

Heidelberg . . 549, 

638, 

Clarke B. 

125 

1543, 1567 


Clarke M. 

38 

Cushing . 

1062 

Claude . 

293 

Cybulski 1393, 1613, 1839 

Claudius . 

1662 

v. Cyon. 

1019 

Clemm 128, 853,1247,1629, 

Czaplewski . . 1201, 

1627, 

2059, 2060. 


1895 


Le Clerc-Dandoy . 

49G 

Czermak . . 1404, 

2068 

Cloetta 25, 1012, 1329,1848 

Czerny. 

847 

Clopatt. 

1664 

Czerny V.-Heidelberg 


Clouston. 

543 

210, 856, 901 


Clubbe . 

808 

Czerwenka . . . . 

1586 

Cocliez. 

1598 

Czyhlarz E.-Wien 

806 

Cocta . 

555 

v. Czyhlarz . . . . 

1358 

Codivilla. 

767 



Coen. 

889 

D. 


C'oenen. 

933 

Dalön . 

2155 

Cohen . 

1353 

Damianos . . .419, 

1474 

Cohn Halle . . 

1110 

Damrow. 

1357 

Cohn M.-Berlin . . 

1431 

Daniel. 

668 

Cohn Herm.-Breslau 

291, 

Danlos .... 1364, 

1942 


1558 Dannemann . . . .1191 


Seite Seite 

Daremberg .... 1976 Dombrowski .... 1712 

Darger.1514 Dona J. X.2019 

Darier . . . .497,2108 Dona R. . . 119,673,1019 

Davidsohn .... 987 Donalis.1237 

Davidsohn-Berlin . 1067 Donath . . . 1276, 1849 

Davidson.541 Donati.374 

Davies.301 Donner.1270 

Dawson.301 Dons .1435 

Dalgetty.1631 Donzcllo.1435 

Dalziel.1553 Dor. 497,851 

Dean.2162 Dore .1234 

Dearden. 1555 Dorendorf . . 1158,1358 

Denver.. 1935 Dorquet ..1278 

Debrand. 1767 Dorst.625 

Debove.1195 Douglas .... 543,979 

v. Decastello 34, 252, 1090 Doutrelepont . . . 295 

Decker . . . 1524, 2150 Downie.1553 

Deetz. 1356 Doyen . . 628,676,678 

Deganello. 1356 Drago.1823 

Deguy.1310 v. Drascht* . . 1112,1629 

Dehu. 987 Dreesmann . 1201,1242 

Delamare. 588 Dreh mann.767 

Delauchaux .... 390 Dreser.1720 

Delbanco . 383, 385, 854, : Dresler.1684 


Delbet. 1897 Drew.1233 

Delbrück. 31 1 Dreyer.1436 

Debile.292 : Dreyer A.-Köln 574, 683, 

Dellie. 1478 1 730,1242,1314,1769 

Delorme. 905 Dreyer A. -München . 200 

Delsaux. 984 Dreyfuss.1548 

Democh. 669 Dreyzehner .... 33 

Demoor. 1353 Drigalski.290 

Deneeke - Braun- ■. Drossbach . . 1542,1661 

schweig. 538 I Dubois.1111 

Deneeke-Hamburg . 120 v. Dubräv.1855 

Dennert. 980 Duckworth .203,715,977 

Le Denta . .1319, 1942 Duden.1013 

Derecq. 1856 Dudgeon . . . 542,1360 

Derlin.1714 Dührssen .... 33,427 

Desfosses . . . 587, 1767 Dürck.550 

Desnos .... 169, 1029 Dürig.1021 

Dessauer . . . 301, 554 Dtitzmann . . . 623,1974 

Destot. 1977 Duffek.1315 

Deutschländer . 384, 897, Dufour.1365 

1900 Dumont.587 

D6vä. 1766 Dumstrey .... . 246 

Devic. 75 Dunbar.1467 

Dovoto. 1435 Duncan .... 170,1594 

Dian. 892 Dunlop .... 554,1233 

Dickinson . . . 732, 1632 Dupascier ..... 124 

Diehl. 303 Duret.905 

Dienst. 373 Durlacher.2180 

Dietel.1016 Duval.376 

Dietrich .... 377, 2096 Duval E.323 

Dietz E. 492 Duval M.-raris . . . 2013 

Dietz-Stuttgurt . . . 2023 Dvorak. 73 

Dietzer.1430 

Dieudonn4 535,1229, 1712 E. 

1805 Ebeling.1680 

Dieulafoy . . 1404, 1405 Eberhart.79,80 

Dimitriades .... 1666 Ebers . . • ... . 939 

Dimmer. 2097 Ebstein 174, 1149, 1311, 

Dimmock. 2161 1627,1664,1764 

Dinard. 1942 Eccles.555 

Dinkler. 939 Eckardt.1129 

Dionisi.1517 Eckstein H.-Berlin 467,723, 

Dirmoser . . 1847, 2057 2160 

Disselhorst 161, 311, 1116, Eckstein-Prag . . . 1445 

1139 Edebols.294 

Diwald .... 74, 203 Edel.202 

Dobbert. 756 Edgren.1770 

Dobbertin . . .331, 583 Edinger A.-Freiburg . 063 

Doderlein . . 1106, 1152 Edinger L.-Frankfurt 281« 

D<»llken. 490 374,492,940 

Döllinger.2015 Edkins.1593 

Düllner. 875 Edlefsen . . . 179,1407 

Domeny.1716 Edmoudson .... 1667 

Dönitz . . . 1626,1933 Edridge-Green . . . 2181 

Doepke. 873 Edwardes.1630 

Dörfer ...» . . 220 Edwards . . 1361,1631 

DoerflerH.-Regonsburgl06 Egger.1856 

Dörfler H.-Weissbg. . 1237 Ehreko.343 

Doering. 1229 Ehrendorfer .... 802 

Dörr.310 Ehret.74,1312 

Dohrn. 246 Ehrhardt.1312 

Döllinger . . . 201,1862 EhrhardtO.-Königshg. 1807 

De Domenicis . . .1811 Ehrieh . . . 1445,1926 


Digitized by 























































































































































































































XII 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


Seite 

Ehrlich Fr.-Stettin . 568 
Ehrl ichP. - Frankfurt 71,987 
Ehrmann . . 1165,1849 

Eichholz.456 

Eichhorst . 759,1639,1807 
v. Eicken 632, 1479, 1513, 
1547,1816 

Eichler. 1639 

Eiermann.2167 

Eigenbrodt . . . .2102 
Einhorn . . . 1355, 2095 
v. Eiseisberg 151, 469, 719, 
1273,1772,1776 
Eisenberg . 459,888,1675 
Eisendraht .... 380 
Ekgrtm .... 419,1315 

Ellbogen.1776 

Elliot.542 

EUmann.1237 

Elmiger.374 

Eisberg.380 

F.lschner ... . 1433 

Elschnig . 156,490,1516 
Elsner .... 976,1315 

Elter .1807 

Emanuol.288 

Embden . . . 729,816 

Embley .1154 

van Emden .... 625 
Emerson .... 1229 
En inerich M. • Nürn¬ 
berg . 643 

Emmerich O.-Baden- 

Baden .1400 

Emmerich R -München201, 
672, 976, 1610 , 1679, 2059 
Emmert . . 1066,1628 
Endelmann .... 1398 
Enderlen .... 71,246 
Engel C. S -Berlin . . 850 
Engel H.-Davos . . 1383 
Engelhardt . . . 1894 

Engelmann-Berlin459,1193 
Engelmann-Boston . 1814 
Engelmann Hamburg 207, 
943 

Engelmann G.-Wien 1276 
Engels Hamburg 466, 723, 
897, 1068, 1119 
Engels E.-Marburg . 1017, 
loü8, 1893, 2096 

Engström.1437 

Erb 492, 680,939,1892,2161 
Erben .... 1809,2156 

Krcklentz.245 

Erdheim . . . 540, 1665 

Eni mann . . 1848, 2013 

Erdt. 1501 

Erhardt.719 

Erismann.536 

v. Erlach.1353 

Eppinger . . . . 714 

Epstein E.-Nürnberg 1163, 
1550, 2063 

Epstein S.-Prag 1109, 1731, 
2096 

Escat.1813 


Eschbaclier 
Eschenhagen 
Escher . . 
Eschle . . 
Eschweiler 
Exliner 
v. Esmarch 
Essen-Möller 
Esser . . 356 , 
Etienne . , 
Kttinger . , 
Kttlinger 
Eulenstein 
Eve .... 
Kvelt . . . 
Eversbusch 


422 
1357 
2058 
2023 
1024 
1982 
1894 
1769 
669, 1830 
160, 1759 
. . 1546 
. . 1513 
981, 1547 
. . 906 
. 1908 
1351 , 1«36 


Ewald 119, 244, 491, 673, 
937, 1277, 1716, 1856 

Exner.1020 

v. Evsselstevn ... 158 


F. 


1107, 


295, 


Faber . . . 

Fabian . . 

Fabozzi . . 

Fabry . . . 
Fackenheim 
Falck. 

Falk . . 803, 1025, 

Falta. 

Faltin. 

Fargas . 

Farrar. 

Faulds .... 

Faure. 

Fauser . 

Faust-Strassburg 757, 

Favarger. 

Favre. 

Federn . 

Federschmidt . . . 

Feer. 

Fehling . 300, 1061, 
Feilchenfeld . . 
Fein 461, «86, 1275, 
Feinberg 208, 539, 
1928 

Feldmann . . 2023, 

Felgner. 

Felix . 

v. Fellenberg . . . 

Fels. 

Fendt . 

Fenger . 

Fenton. 

Fenwick 37, 204, 760, 
2166 

Ferchland. 

F6r<$ . . 850, 1765, 
Ferguson . . .760, 

Fermi. 670, 

Fernet■ . 

Ferrai. 

Ferran. 

Ferrand. 

Ferrannini 801,1718, 

Ferrio. 

Fessler. 

Fett. 

Feuerstein. 

de Feyfer . 

Fiaux. 

Fibiger . 

Fibich. 

Fick. 

Fiedler . 

Fielitz. 

Figari .... 1064, 

Filehne . 

Finger 117, 460, 709 , 
Fink . 1665, 1726, 
Finkelnburg . 1017, 
Finkelstein . . 32, 
Finotti . 

Finsen . 

Fiori . . 

Firth . . 

Fischei . 

Fischenich 
Fischer . 
Fischer-Altona 
Fischer-New-Y 
Fischer B.-Bonn 1785 , 
Fischer B.-Breslau . 
Fischer B.-Kiel . . . 
Fischer E.-Magdeburg 
Fi scher Fr.-Strassbürg 
Fischer H.-München 
Fischer H.-Karlsbad . 
1779 

Fischer H.-W.-Leipzig 
Fischer O.-Dresden . 
Fischer O.-Prag . . 
Fischl-Prag . . . . 
Fischl L.-Prag . . . 
Fischl R.-Prag . . . 
Fischler . . . 1780, 
Fiser ...... . 


Seite 


1768 

32 
1065 

329 

1366 

1489 

2060 

1629 

1769 
1860 
1592 
1234 
1859 
2023 
1848 

34 

33 
1434 

747 

1927 

1816 

2179 

1477 

1064 


1316, 

296 ^ 


ork 


2097 

940 

890 

668 

1743 

296 

380 

979 

978, 

1313 

1976 

761 

1110 

124 

1020 

851 

169 

2057 

251 

932 

1432 

249 

1691 

1667 
1627 

203 

1511 

1626 

942 

1192 

1012 

1668 
1817 
1471 
1015 
1315 
1436 
1979 
1554 
1404 
1548 
1764 
1779 
1981 
2017 
2149 

494 

1406 

1710 

702 

33, 

1917 

2164 

1074 

1864 

1445 

1445 

1928 

117 


Seite 

Fittipaldi.1811 

Flachs .... 669, 1864 

Flamini.1195 

Flatau E.-Warschau . 1974 
Flatau G.-Berlin . . 1358 
Flatau S -Nürnberg . 299, 
388, 903, 945,1073, 2165 

Fleck.1514 

Fleger.1474 

Fleiner 490, 675, 913,1589 

Fleming.1851 

Fleuch.1276 

Floret.1809 

Florio.717 

Florschütz.1890 

Flügge .... 418,1855 

Focke. 174,1890 

Förster F.--Dresden .2164 

Förster 0.1804 

Fokker.804 

Ford.1231 

Forel .... 1544,1769 
Fornaca ... 1517,1979 

Forteleoni.250 

Foster.807 

Fournier . . 293,1942 

Fraenkel A. Berlin 3.0,492, 
1936 

Fraenkel B.-Berlin 1477, 
1853, 2067 

Fraenkel C.-Halle 39, 40, 
539, 942, 1400,1719 
Fraenkel E.-Hamburg 120, 
383, 385, 386, 561, 635, 
670,849,899,1070, 1119, 
1440,1938, 2028 
Fraenkel F.-Nürnberg 1026 
Fraenkel J. A.-Baden- 

weiler.814 

Fraenkel M.-Berlin . 1510 

Frantjillon.1765 

Francis . . 

Franck . . 

Francke . . 

Frank-Berlin 
Frank-Köln 
Frank-Münsterlingon 2023 
Frank E -Berlin . . 461 
Frank G.-Wiesbaden 1231 
Frank O.-München . 1020 
Franke F.-Braunschweig 
719,721 

Franke M.-Lemberg . 325 
v. Frankenberg . . 1625 
Frankenburger 553, 906, 
946.1056,1207,1288,2165 
Frankl 156,818,1407, 1849 
v. Franquä 1151,1860,2 )16 
Franz K.-Halle . 802,1480 
Franz K.-Wien ... 302 

Franze.1926 

Fraser. 979,1234 

Frat'in.1399 

Freeland.205 

Frei.259 

Frenkel.1766 

Frentzel .62G 

Freudenberg . . . 1368 

Freudenthal . 1397,1981 
Freund H.-Reichenberg 
2097 

Freund H. W.-Strassburg 
83,932,1128. 1551 
Freund L.-Wien . . 35 

Freund W. A.-Berlin 83, 
732,1433,1726,1855,1896 
Frey A -Baden-Baden 492 
Frey H.-Wien . .1112 
v. Frey M. Würzburg 1445 
Frever 543, 759,1361,1853, 
1631 

Freytag O.-Leipzig . 1443 
Frevtag R.-Magdoburg 2)2, 

782 

Fricke.1591 

Frickhinger 667,1429,1614 
I neben .... 593,1820 


541, 1868 
. . 1668 
. . 583 
127,461 
. . 1162 


Seite 

Friedberger 74, 327, 1110 
Friedoberg .... 1891 
Friedenthal .... 1020 
Friedjung ... .1819 

Friedländer R-Berlin 813 
FriodländerW.-Borlin 155 
Friedmann .... 202 
Friedmann F. F. . . 850 
Friedrich-Altenberg . 1403 
Friedrich P.L -Leipzig 678, 
1403,1404, 1725 
v. Frisch . . . 672,1358 
Fritsch H.-Bonn 151,1719 
Fritsch J.-Wien . .1112 
Fritsche . 

Fritschi . 

Fritzsche 
Fritzweiler 
Froelich . 

Frommer 

Frommer V.-Berlin 
Frucht . . . 

Fry W E. . . 
Fuchs-Aachen 
Fuchs Biebrich 
Fuchs A.-Wien 
Fuchs C.-Wien 
Fuchs E.-Prag 
Fuchs E.-Wien 
Fuchs J.-Wien 
Fuchs K.-Wien 
Fuchs P.-Berlin 
Fuchs R. F.-Erlangen 
Fuchsig E.-Wien 8y0,1112 
Fürbringer .... 1587 

Fürnrohr.1892 

Fürstner .... 83,939 
Füth . . 802,1663,1778 

Fütterer.1228 

Fuhrmann . . . . 1469 

Fuld.465 

Funke.801 

Funkenstein .... 1662 

Fumer.760 

Fuyt.624 

Gabrilowitch . . . 1060 
(iabritschewsky 937, 1544 
Gärtner A.-Jona 1635, 1662 
Gärtner G-Wien 126,948, 
1193, 1275 

Gaetano . . . 1435,1811 


. 757 
. 2065 
. 72 

. 757 
75, 767 
587, 887,10(52 
2016 
57 
1631 
814 
1818 
759 
977 
328 
1628 
291 
419 
1976 
79 


Gage . . . 
Gailleton . 
Gairdner . 
Galabin . . 
Galatti . . 
Galeotti . . 
Galewskv . 
Galezowsky 
Galippe . . 
Gallavardin 
Gallenga . 
Gallerani . 
Gallet. . 


2096 
1666 
2161 

35,588, 1270 
458,1017 
1332 

1980 
292 

75 
717 
906 

1981 


Galli 46,173, 342 , 471 , 599 . 
735 . 951 , 953 , 1166 , i486, 
1598 , 2013 . 2185 

Galli-Valerio 377,1546,1894 
Gallois . . . 1205,1942 

Galloway.905 

Gamaleia.1076 

v. Ganghofer . . . 1728 
Ganghofner .... 1152 
La Garde . . 1066, 1935 

Gardini. 2047 

Garei.891 

Garnault.1125 

Garrö. 458, 766 

Garrod 124, 204, 245, 977 

Gassmann.977 

Gast.289 

Gaucher 84, 775, 987, 1666, 
1668 

Gaule.1019 


Seite 

Gaupp E.-Freiburg . 2013 
Gaupp R.-Heidelberg 800, 
856, 2023 

Gaus.417 

Gauss.327 

Gauthier ... . 1981 

Gautier .... 905, 1076 

Gavala.938 

Gayet.1976 

Gebele . . . . 139, 1746 
Gebhard-Lübeck . . 1857 
v. Gebhard-München 1020 
Gebhardt A.-Leipzig 1963 
v. Gebhardt Fr.-Ofen- 

Pest .1171 

Gehle.1512 

Geiger.1930 

Geipke.624 

Geiringer ... . 420 

Geirsvold . . . 539, 1769 
Geisenberg .... 4£4 

Geissler.386 

Gelbke.1897 

Gemelli.288 

Le Gendre . . 1364, 1942 

Gentile .1315 

Geraldini.1810 

Gerber .... 668, 1274 
Gerhardt C.-Berlin 491,535, 
1029 

Gerhardt D.-St>assburg 83, 
757, 766, 940 

Gerlach .1503 

Gerlinger.623 

Gerota .... 672, 673 

Gerrard.1851 

Gerson.1849 

Genuny . . . 774, 1164 

Gertler.495 

Gescheit.623 

Gessner A.-Erlangen 78, 
1310, 1353, 1397, 1467, 
1544, 1711 

Gessner H.-Nürnberg 168, 
388, 553 

Gfeller.1846 

Ghillini . . . .457, 934 
Ghon 32, 1193, 1356, 1976 

Gibbes.978 

Giemsa . . . .671, 1545 
Gierke .... 849, 1939 

Gieseler.1626 

Gigli .... 1897, 2058 
Gilbert . 724, 1544, 2056 
Gildersleeve .... 975 

Gillies.808 

Gils .820 

Giordani.1977 

Giulini . . 82, 553, 1900 
Glaessner K.-Berlin 1274, 
1400 

Glas. 2097 

Glässner K.-Strass- 
burg . . • . . 252 

Glaser.947 

Glauning . . . 985* 1682 

Glinski.936 

Glöckner ... 153, 1398 

Glogner.1399 

Gluck . . 722, 2180, 2181 

Glück. 296, 460 

Glücksmann .... 1231 

Gluzinski.1811 

Glynn.1850 

Gmelin.1241 

Gocht. 371, 767 

Godlee.1155 

Godwin.1851 

Gübel-München . . 1889 
Gübel-Würzburg . .1313 
Goebel-Alexandrien 262 
Goebel-Worms . . . 2608 
Goebel W.-Bielefeld 835, 
853 

Göbell . . . 1431, 1662 

Goepfert.1977 

Görges.946 


Digitized by 


Google 









































































































































































1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


XIII 


Seite 

Görl. 643, 2062 

Gört* .... 809, 1770 
Goarhel . 114, 945, 1123 
Götz .... 1236, 1568 

Gootzcke.1240 

Götzl . . . 1355, 1445 
Gokieloff ... . 1476 

Goldberg B.-Köln-Wil- 
dnngen 582, 668, 775, 
1059, 1176 

Goldberg O.-Warachaa 713 
Goldner . . . 1429, 1765 
Goldmann - Brenne- 
l>erg ...... 1678 

Goldmann-Wien . . 774 
Goldmann E.-F/eiburg 
115, 1438 

Goldmann R.-München 

214S 

Goldacheider . . . 622 
Goldaehmidt A.-Mün¬ 
chen ... . 1991 

Goldschmidt D.-Straes- 
bnrg ... 850 

GoldschmidtF.-Berlin 1764 
GoldachmidtF.-Nüm- 

berg.1551 

Goldschmidt J.-Paris 1314 

Goldsmid.380 

Goldspohn .... 1983 
Goldstern . . 1546, 1714 
Goldzieher .... 460 

Golhner.1890 

Goodall.979 

Goodbody.761 

Gording.1436 

Gordon M. H. . . . 977 

Gorodzoff.761 

Gomvitz. 76 

v. Gosen . . . - . 2148 
Gosaner . . . .461, 837 

Gottheil.1936 

Gottlieb . 369, 376, 1*48 

Gottschalk 417, 756, 815, 
1067, 18G0, 1861, 1897 
Gottstein . . . 126, 951 

Gouki.906 

de Gouvea . . .76 

Gowers 805, 1234, 1585, 
1629, 1631 

Gradenwitz . 1586, 2139 
Graefe .... 31, 847 
Graefe M.-Hnlle 585, 888, 

1790 

Graeser . . . 1842, 1966 

Graessner.1663 

Graf .... ... 331 

Graff.1663 

Grant.1593 

Graser 1150, 1775, 1861, 
1937, 2062. 

Grassbeiger .... 1670 

Gross!.281 

Grassmann 34, 35, 69, 74, 

117, 152, 156, 202, 203, 
248, 249, 288, 291, 323, 
328, 347, 378, 419, 455, 
460, 495, 539, 540, 582, 
586, 587, 624, 668, 671, 
672, 715, 716, 731, 755, 
758, 759, 805, 806, 820, 
847, 860, 886, 889, 932, 
937, 938, 976, 977, 1018, 
1064, 1065, 1106, 1111, 
1112, 1114, 1154, 1164, 
1203, 1204, 1270, 1274, 
1275, 1314, 1315, 1345, 
1367, 1358, 1400, 1433, 
1434, 1473, 1474, 1516, 
1517, 1545, 1855, 1587, 
1632, 1635, 1664, 1716, 
1717, 1764, 1765, 1771, 
lo09, 1848, 1849, 1895, 
1925, 1928, 1930, 1975, 
2018, 2019, 2060, 2097, 
2159, 2180, 2183 

Graupner.727 

Gruvagna.1979 


Seite 

Grawitz 34, 207,10G8, 1158, 
2056 

Gray. 37 

De Grazia.539 

Green.11 f* r » 

Gregor.1819 

Grekow.1015 

Grimm.539 

Grimsdale.905 

Grinewitsch .... 775 

Grisson.2101 

Grixoni.250 

Grober .... 456, 1806 

Gröber.386 

Grön.1436 

Groh4 ..... 537, 677 
Gromakowsky 1472, 1545 

Grouven.830 

Gross 0.668 

Gross-Jena . . 423, 1775 
Gross A.-Kiel 71, 635, 1433, 
1975 

Grosz J -Ofen-Pest . 1107 
Grosz S -Wien . . . 249 

Grote.671 

Groth.446 

Grube.1820 

Grünbaum O. . . . 1630 
Grünbaum-Liverpool 1593 
Grünbauui A.-London 2;>7, 
379 

Grünbaum R.-Wien . 200 
Grünberger V. . . . 672 

Grünblatt.1715 

Grüneberg.1779 

Grünwald 582, 755, 1812 

Grützner.1358 

Gruher.672 

Grumme .... . 3t3 
Grunert . . . 980, 1796 

Grunmacli.1473 

Grunow ..154 

Grusdew . . . .1515 

Grube-Hamburg . 1119 
Grube K.-Neuenahr 1106, 
1761 

Guckel.288 

Günther.1764 

Gürber.1685 

v. Guerard .... 2096 
Gu6rin .... 587, 1475 

Guillain. 75 

Guillon.1029 

Guinard L -Friedrich¬ 
heim .377 

Guinard-Paris . 947, 1980 

Guleke.1621 

Gulland.1361 

Gumpel..1156 

Gumprecht . 712, 764 

Gunn.1593 

Gunsett.1941 

Gunson . • . . . . 761 

Gunzett.330 

Gussenbauer 117, 260, 378, 
675, 1628 

Guth.251 

Guthrie.1233 

Gutierrez .... 1860 
Gutmann C.-Berlin . 2156 
Gutmann . . 986, 1157 

Guttmann W. . . . 1354 
Guttmann-Berlin . . 2098 
Guttmann H.-Berlin 314 
Gutzmann . . 813, 1898 
Guye . . . 158,377, 631 

Guyon.905 

Guyot.1435 


Haab . . . 
Haag . . . 
Haake . . . 
De Haan . . 
Haas] er . 202 
ITaberda . . 


. . 1935 
199, 809 
. . 5:38 

. . 1110 
633, 1714 
. . 1714 


Ilaberer 1516, 1776, 1929 


Seite 

Haberern.315 

Habermann .... 980 
Haberehon . . 257, 1234 

Habs.1202 

v. Hacker 458, 584, 1674 

Hadelich.1551 

Ilübetlin.117 

Haeckel.974 

Haegier.537 

Ilaenel Fr.-Dresden 331 
Hftnel H.-Dresden 326, 
463, 941, 2027 

Haffner.385 

Hagen-Torn . 1191, 1515 
Hagenberg .... 1313 
Hagenbach .... 537 
Hager 158, 251, 462, 544, 
555, 718,906, 1066, 1173, 
1205, 1316, 1435, 1518, 
1639, 1812, 1980 


Hnglnnd.1437 

Hahn K. ..... 116 
Hahn F.-Nürnberg 1026, 
1123, 1163,' 1538. 1551, 
1780 

Hahn Fr.-Wien . . 151 
Hahn M -München 595 
1454, 1763 

Hahn S.-Herlin . . 1150 
Hahn W.-Wien . 1645 
Hajek . . 219, 302, 774 
Halhan -473, 1272,i 1715, 
2060 

Hall.1361 

Hallt;.1978 

Halle M.-Berlin 758, 815 

Ilalley .807 

Halpern 330, 1712, 2097 
Hamburg . ... 460 


Hamburger H. C. . 1150 
Hamburger (■ Berlin 986 
Hamburger F -Graz . 249 
Hamburger F.-Wien 1929 
Hantel .... 805, 1644 
Ilamm . . . 186 

Hammer-Freiburg 115, 116 
HammerF-Wiirzburg 756 
Hammer K.-Heidelbg. 1081 
Ilammerl ... 976 
I lammerschlag 260, 808, 
981 

Hampeln.1061 

Hamiwerck .... 230 
v. Hansemann 202, 1014, 
1106, 1319, 2066 
Hansen E.-Halle . . 980 
Hansen G. A -Bergen 1285 
Hansen W.-Rostock 538 
Haussen . . . 1586, 2017 
Hanszel . . . 1812, 2159 
Häring ... . 1593 

Harmer 1111, 1112, 1516, 
1546, 1976 

Ilarmsen-IIamburg . 899 
Harmsen-Kiel . . 1014 

Harnnek.1313 

de la Harpe . . . 1079 
Ilarper . 775, 2161 

Harrison 494, 1155, 1555, 
2166 

Hart. 1556, 1592 

Hartmann A.-Prag 977,1024 
Hartmann E.-Graz . 938 
Hartmann H.-Leipzig 
1237, 1258, 1428, 21(57 
Hartmann O.-Kassel. 1714 


Hartung.1152 

1 lasebroek.1900 

Ilauck.1513 

Hauser.292 


Hauser G -Erlangen 
244, 344, 1057, 1228, 
1310, 1972. 2165 
Haushalter 150, 1475, 1759 
Hausmann . . 1231, 1657 


Hausmann .... 1806 

Havas.617 

Havelock C.205 


Seite 

Havelock Kllis . . . 324 
Hawkins-Ambler . . 36 
Havashi . . . 375. 757 

Heaton . . 1233, 1630 
Hecht A.-Beuthen . 1558 
Hecht H.-München . 39, 

756, 891, 1478, 1813 

Heckei. 30 

Hecker G -Dresden . 422 
Hecker R.-München 622, 
1676, 1908. 1940, 1975 

v. Hecker. 2058 

Heddaeus.1406 

Hedin.626 

Hedinger . . 670, 1806 
Heermann G.-Kiel . 1591 
Heermann J.-Essen . 891 
Hegar . . . 1398, 1946 
Hegenor . . 1548, 1731 

Heidenhain L.- 
Worms . . .116, 722 
Heidenhain M. -Tü¬ 
bingen 437, 622, 1019, 
1844, 1972, 2155 
Heiduschka .... 669 

Heikel.1437 

Heil.1881 

Heile . 584 

Heim-Ofen-Pest . .1110 
Heim L.-Berlin . . . 459 

Hei mann.247 

Heine . . . . 2017 

Ileineke 33, 326. 457, 538, 
5S4, 8*7, 934. 1062, 
1271, 14:10. 1512, 1*92 
Heinlein 299, 300, 732, 
1164, 14*5, 2104, 2165, 
2167 

v. Heinleth .... 1363 
Heinrich E.-Kassel . 2003 
Heinrich 8-Weyarn . 1943 
Heinrich Th. - Frey- 

stadt .1664 

Jleinricius . . 1714, 2179 
Heinsius 288, 547, 974, 
1897, 1973 

Heinz 670, 973, 1013, 1269. 

1353,1399,2013,2056,2179 


Heinze.1191» 

Heissler. . 1352 

Helbing .... 467, 7:0 
Helbron ..... 248 
Helferich 1732, 1845, 1972 
Hellendall .... 457 
Heller-Berlin . . . 545 
Heller-Leipzig . . . 1143 
Heller A.-Kiel . 609, 1591, 
1664 

Heller R.-Salzburg . 1665 
Heller Th.-Wien . . 250 

Heliosen.1769 

llelly.1400 

Helman.1891 

Hetnbold.2169 

Heiinnetcr.1108 

Henderson .... 760 
Henneberg .... 2027 


Hengge 374, 417, 803, 974, 
1317, 1432, 1470, 1514, 


1714, 2180 

Henkel 1150, 1151, 1190, 
1511 

Ilenlo.767 

Henne. 33 

Henneberg .... 1762 

IJennig.1223 

Henrutav.1897 

Henschen.2*9 

Mensen .... 253, 549 

ilenssen.18 f, 7 

Hepnor. 75 

Herbert.2017 

v. llerczel.1513 

Hereseu . . . 1018, 1546 

v. Herff.802 

TTering K.-Leipzig . 253 
Hering II. E. Prag . 889 
Hermann A.-Fürth . 790 



Seite 

Hermann A-Wien . 

419 

Hermann E. - Prag . 

1470, 

1232 

Hermann M -Lemberg 

116 

Hermes .... 72, 

1398 

Heron . 

1285 

Herrmnnn. 

1633 

Herseliell. 

543 

Hertel . 

714 

Herter. 

1847 

I lertle. 

1846 

Ilertzberger . . . . 

624 

Hertwig 0. 

2154 

Hertzka. 

2095 


Herxheimer . 2018, 2159 

Ilerz.1925 

Herz E.-Rzeszow . 1112 
Herz M.-Wien 340, 767, 


1416 

Herz P-Magdeburg . 1431 
v Herzfeld-Wien . . 1276 
ITerzog-Trifail . . . 1587 
Herzog M.-Chicago . 1230 

Ileschelin.891 

Hess A.1193 

Hess C.892 

Hess E.-Stephansfeld 375 
Hess O.-Marburg . . 1449 
Hess 0. Würzburg . 300 


Hesse A.-Kissingen . 1059 
Hes>e P. R-Sebnitz. 1558 
Hesse G.-Dresden . 2099 


IIes c e W. - Dresden 1808, 
2100 

Heu bei.1302 

Heubner . ... 1927 

Ileusner 723, 767, 2158 

lleuss.. . 34 

IIeu«scr. 74 

Ilevesi.116 

Hewlett.9f6 

Hevmann F. Berlin 863, 
1396 

Ileymann II.-Ber'.in. 1434 

Ilezel.814 

Higier.154 

Hilbert.1357 

Hildebrand . . . 627 


Hildebrand 0.-Basel 537, 
582, 721 

Hildebrandt-Hamburg 1025 
Hildebrandt-Kiel 325, 457 
Hildebrandt-Lünebrg. 1823 
Hilgenreiner 1074, 1272, 
1776, 2068 


Hilger .... 1284, 1714 
Hilgermann .... 981 

Ililler.1805 

Hilliard.1361 

Hirne.1583 

Himmel.587 

Hiiul.1631 

Hink.2180 

H insberg.981 

Hintner.643 

v. Hippel-Heidelberg 122, 
162. 210, 1780 
v. Hippel E.-Kassel. 1892 

Hirota . 494 

Hirsch C.-Lcipzig . 1230 

Hirsch 1.932 

Hirsch M.-Wien . . 2069 
Hirschberg H.-l’osen 1018 
Hirscliberg J.-Berlin 671, 
888 

Hirschbruch . . . . 809 
Hirsehfeld-Berlin . 765 


Hirschfeld F.-Berlin . 1628 
Ilirschfeld H. Berlin 291, 
495. 1314 


Ilirschfeld K.-Leipzig 

1237 

Ilirscbfelder . 


32 

Hirschkron . 


262 

Hirschlatt: . . 


1911 

Hirt. 

1649, 

2014 

Hirtz. 

5*8. 

1599 

His. . . .49: 

!, 631, 

1150 

Hitachmaun . 

1432, 

1720 


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Google 















































































































XIV 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902 


8cite 

Hitzig . . 585, 1470, 1762 

Hlava.1545 

Hoche . . 938, 1552, 1711 

Hochenegg.676 

Hochhaus . . . 636, 1805 

Hochheim.1626 

Hochsinger .... 1863 
Hocke .... 715, 1817 
Hoedlmoser .... 1018 
Höflmayr . 74, 468, 1465, 
1987 

Hoeftmann 766, 767, 1775 

Höhl. 256, 1024 

Hoehne.1684 

Hölscher . 74, 980, 1232 

Hoenck.1900 

Hoenigsberg .... 1470 
Hönigsborger . 1205, 1505 
v. Hösslin-Nürnberg 425, 
1073, 1337 

v. Hösslin H. - Bergzabern 

795 

v. Hoesslin R. - München 
704, 1521, 1952 
vun der Hoeve . . 892 
Hofbauer . . 1112, 1765 
Hoffn . 632, 766, 767, 937, 
1201, 1353, 1661, 1761 

Hoffer.938 

Hoffinann A.-Darmstadt 
1842 

Hoffmann A. Düsseldorf 
766, 1059 

Hoffmann E.-Berlin . 418, 
1238 

Hoffinann E.-Greifsswald 
679, 1433 

Hoffmann F. A.-Leipzig 265 
Hoffmann F. Heidelberg 
326, 680, 901, 939 
Hoffmann W.-Heidelberg 
1939 

HoffmannR -Dresden 2067 

Hoffner.890 

Hofmann J.492 

Hofmann C.-Köln-Kalk 

1794, 2014 

Hofmeier 737, 1364, 1814 
Hofmeister F.-Strassburg 
1634, 1669, 1776 
Hofmeister F.-Tübingen 
1862, 2158 

Hohlfeld . . . 1863, 1955 
Holländer 205, 721, 722, 
801, 812, 815 

Hollborn.758 

Holle.775 

Hollmann.295 

Holmboe.2017 

Holmes.541 

Holmström .... 1769 

Holper.731 

Holowko.1313 

Holsch r.116 

Holst. 290, 539 

v. Holstein .... 214 

Holth.1436 

Holtschmidt .... 13 

Holz.1863 

Holzhäuser .... 330 
Holzhäuser .... 295 
Holzknecht . 1629, 1810, 
1903 

Hondo.460 

Honsell 247, 628, 723, 1272 

Hoor.1546 

Hope.1591 

Hopf . . 1428, 1509, 1665 
Hopmann . . . 587, 974 
Hoppe .... 497, 1109 
Hoppe-Alt-Silierbitz 375 
Hoppe J.-Uchtspringe 479, 
701 

Hoppe-Seyler . 814, 1780 

Horniker. 2097 

Hornung.815 

Hormcks.1554 


Seite 

Horsley.1594 

Houston.1359 

Hovoreka v. Zderas . 2098 

Howitz.1436 

Hoyton.2161 

Hrach . . 118, 1628, 1849 
Hubener . . . . . 1332 

Huber.296 

Huber A.-Ofen-Pest . 1276 
Huber A.-Zürich 419, 1400 
Huber F O.- Berlin 256, 
756, 1273 

Huber J. Ch.-Mem- 
mingen 70,314,324, 372, 
711,886,1012,1311,1354, 
1625, 1890 

Hubrich.2103 

Huchard.1319 

Hug.1015 

Huguenin.936 

Hübscher ... 34, 934 

Hüffel. .'492 

Httfm ..1313 

Hügel. 295, 330 

Hühnerfauth . . . 911 

Hüls.1003 

Hünermann .... 1472 
Hueppe .... 257, 844 
Huismans . . . 32, 1867 
Hummelsheim . . . 891 
Hutchinson . 1285, 1851 
Hutton .... 979, 1594 
Hymans van denBerghl768 

J. 

Jacob. 160, 622 

Jacobi-Hamburg . . 466 
Jacobi E.-Freiburg . 34 

Jacobi J.-Klausenburg 1229 
Jacobi M.-Chemnitz. 941 
Jacobitz . . 1504 , 1545 
Jacobsohn . . . . . 1205 

Jacobson.1625 

Jacobsthal .... 1150 

Jacoby.1628 

Jacksehath .... 1897 

Jadussohn.1668 

Jäckh.583 

Jäger-Mühlhausen . 493 
Jäger-Königsberg 535, 975, 
2096 

Jaff£ C.-Hamburg 73, 117, 
154, 201, 247, 287, 289, 
323, 326, 374, 417, 458, 
494, 536, 585, 623, 668, 
713, 756, 802, 804, 848‘ 
888, 935, 973, 975,1106, 
1151, 1152, 1190, 1398, 
1432, 1433, 1515, 1586, 
1663, 1760, 1762, 1847, 
1927, 2016, 2058, 2096, 
2180 

Jaff<§ M.-Posen 722, 886, 
1061, 1062 

Jabrmarker .... 374 

Jaklin . 2098 

Jakob.1157 

Jakob j.1313 

Jakobson.546 

Jakobsthal .... 1928 

Jakoby.1429 

v. Juksch 371, 1312,1364, 
1723, 1818, 1867, 2095 

James.1631 

Jamieson.1360 

Jamin 375, 586,1471, 1768, 
2164 

.Tanowski.1712 

Janowsky.200 

Jansen.1024 

Janssen.1270 

Japha. 946, 2099 

Jaquet 62 , 70,848,986, 987 

Jardine.1555 

Jarislowsky .... 1237 

Jdelsohn.1017 

Jeanselme.1767 


Seite 

Jehle . . . 419,889, 1472 
Jellinek . 759, 806, 1928, 
1976 

Jemma.250 

Jenckel .... 72, 1430 
Jendrassik . . 291, 1587 
Jensen . . . 1435, 1627 
Jesionek 8 ? 8 , 1254 , 1511 
Jessen 181,729,1060, 1985 

Jessop.378 

Illowav.1108 

v. Illyes . . . . 246, 671 
Immenvohl .... 33 

Infeld.1018 

Inghilleri.377 

Inouye.1626 

Joachimsthal 628, 767, 815, 
933, 1278, 1760 

Joal.1478 

Jochmann 712, 1231, 1715 

Jocst.671 

Jodlhauer 425, 642, 653 , 
1467 

Johannessen . . . 1152 
Johnston . . 1066, 1861 

Jolles. 35, 1575 

Jollv . . 1113,1848, 2026 
Jones . . 978, 1592,2162 

Jonescu D.2019 

Jonescu Th. . . 890, 1516 
Jonescu-Buknrest . 1895 

Joos. 73, 1231 

Jordan-Moskau . 86, 295 
Jordan A.-München 289, 
710, 1108 

Jordan M Heidelberg 123, 
162, 210, 982, 1513 
Jores . . 713, 975, 1192 

Jorns.926 

Joseph-Rostock . . 168 
Joseph E -Heidelberg 1271 
Joseph J.-Berlin . . 628 
Joseph M.-Berlin 420, 587, 
757 

Josias.1942 

Josipowici.759 

deJosselindeJong 418,625 
Jost ...... 623 

Joukovski.1587 

Irvine.2162 

Ishiganni.1110 

Isler. 540 

Dell’Isola.717 

Israel .1991 

Israel C.-Herzfeld . 2019 
Israel O.-Berlin . . 677 
Issatschenko . . . 201 

Ito.246 

Judson.934 

Jünger .... . 386 

Jürgens . 255, 804, 981 
v. Jürgensen . . . 1585 
Juergensohn . . . 935 

Julien.1942 

Julliard.1194 

Jundell .... . 2155 
Jung F.-Washington 1108 
Jung J.-Greifswald . 207, 
1068, 1777 

Jungkmann .... 467 
Juratscheff .... 296 

Jurowski.247 

Just .209 

Justi G.-Jdstein . . 540 
Justi L. K.-Marburg . 246 


Iwanoff 


. 296, 1626 


K. 

Kachmann .... 1108 

Kaes. 386, 919 

Kafemann . . . . .1842 

Kahane.885 

Kahlbaum ...... 1898 

v. Kahlden . . 458, 675 

Kahnert.669 

Kaiser-Berlin • . . 256 
Kaiser G -Wien 302, 429 


. £4, 330, 


Seite 

936 

1762 

849 

1764 

76 

2057 

374 

831 

763 

887 

1548 

1470 


Kaiser O. Alt-Scher¬ 
bitz . . 327, 375, 
Kaiser O.-Dresden 
Kaiserling . . . 

Kaliski . 

Kallionzis 
Kallmorgen 
Kalmus . 

Kamann 
Kaminer . 

Kämmerer 
Kan . . 

Kaplan . 

Kaposi . 210, 316 , 1513 

Kappeier.1431 

Karch . . . 1192, 1276 

Karewski 1157, 1272, 1430 
Karfunkel, Breslau- 
Cudowa . . . 193 , 1545 

Karlinski.976 

Karschulin .... 1717 

Karup.1890 

Kashiwamura . . . 154 
Kasparek 494, 1545, 1627 
Kassel-Posen ... 38 

Kassel W.-Breslau . 1807 
Kassowitz 1127,1359,1487, 
1819 

Käst. 493, 2093 

Kast-Prag.1673 

Kasti.1164 

Katsurada . . .714, 1763 
Kattenbracker . 288, 415 
Katzenstein A.-Mün- 
clien . . 1390 , 1840 

Katzenstein J. . . . 1928 
Kaufmann J. . . . 491 
Kaufmann-Frankfurt 

245, 431, 1079 
Kaufmann-Heidelbg. 1072 
Kaufmann C.-Zürich 938 
Kaufmann R.-Wien. 1165 
1895, 2069 

Kaupe.- 538 

Kausch.1725 

Kayser-Freiburg . . 1068 
Kayser H-Strassburg 

611 , 671, 849, 1692 
Kayserling . 418, 1586 

Katz A.-Freiburg . . 1015 
Katz L.-Berlin ... 980 

Keay. 38 

Kedzcor .328 

Keetly.554 

Keferstein.1016 

Kehr . . . 229 , 722, 1689 

Kehrer. 73 

Keiler.748 

Keller.847 

Keller-Berlin .... 2180 
Keller-Wien .... 2059 
Keller F.-Uehlingen . 215 
Kelling .... 21 , 1818 
Kellner-Hamburg 326,1820 
Kellner B. O.-Bloem- 
fontein ... . 117 

Kelly . . 760, 1593, 1982 
Kenefick.981 


Kerez. 

Kerr. 

Kersberger . . 
Kerschensteiner 

245, 712 
Kesselbach . . 
Kessler B -Altona 
Kessler L.-Dorpat 
v. Ketly . 

Kettner . 

Keydel . 
de Keyzer 
v. Khautz 
Khoury . 

Kien . . 


32, 


1894 

1361 

158 

110 , 


1473 
934 
802 
1903 
756 
422 
490 
1974 
852 

83, 1272, 1285 


Kienböck 808, 1849,2159 

Kiessling.943 

Kilian-Nürnberg . . 2061 
KillianA.-Worms 1548,1678 


Digitized by 


8cite 

Killian G.-Freiburg 890, 
1023, 1477, 1545, 1547, 
1548, 1593, 1745, 1812 

Kind.1934 

Kindborg.1894 

Kionka . 291, 1433, 1467, 
1627 

Kipp.1936 

Kircliheim . . . .1512 
Kirchhoff . . 1470, 1715 
Kirchmayr «... 1849 
Kirchner II.-Bamberg 1247 
Kirchner M.-Berlin . 1014 

Kirker.1594 

Kirsch . . . 1202, 1770 

Kirste. 732, 1444 

Kirstein.155 

Kisch . . 328, 540, 904 
Kischenskv .... 1763 

Kiesel . . ‘. 32 

Kisskalt.290 

Kister. 2058 

Kiwull.1312 

Klapp . . 376, 1068, 1312 
Klaussner . . 198,2160 
Klautsch ..... 1286 

Klebs.1982 

Klein A.-Amsterdam 1893 
Klein A.-Wien .716,1275, 
2168 

Klein E.-London . . 1975 
Klein G.-München 30, 983, 
984.1307,1363,1448,1760, 
2094 

Klein J.-Wien . 495,889 

Kleinertz.1761 

Kleinhans 554, 974, 1779, 
1868 

Kleinwächter . 802, 2096 
Klemperer 32, 391, 712, 764 

Klimowitz.850 

Klinger.1808 

Klingmüller .... 1587 

Klopstock.1473 

Kluge.212 

Knabe.220 

Knapp-New-York . . 1935 
Knapp L.-Prag 585, 667, 
1511,1515,1665,1778 
Knapp R.-Wien . . 245 
Knöpfelmaclier . . 469 

Knoop.1733 

Knopf. . 418,1060,1982 

Knotz.810,1277 

Knox.2161 

Kober.1490 

Kobert-Hamburg . . 1985 
Kobert R. - Rostock 324, 
1027,1386,1558,1624,1972 

Koblanck.802 

Kobrak.418 

Koch-Aachen . . . 814 
Koch-Berlin 893, 933, 1067 
KochC.-Nürnberg 903,1363, 
1404, 2103 

Koch H.-Nürnberg 1163, 
1551,1780,1900 
Koch J.-Berlin . . .2015 
Koch M.-Berlin. . . 1762 
Koc her 323, 719, 1586,1972 

Kock.1769 

Kocks . . . 1586,1663 

v. Kocziczkowsky. . 1895 

Köbner.709 

Köhler-Berlin . 538,1K56 
Köhler A. - Berlin 535,1585 
Köhler Fr.-Görbersdorf 416 

Kölbling.1016 

Koelichen.1974 

v. KöllikorA. ... 150 
Kölliker Th.-Leipzig . r 723 

Kölpin.586 

König-Halle .... 287 
König F .-Altona 160, 327, 
1158,1159,1820,1864 
König Fr.-Berlin 260, 330, 
805,1133, 2099 


Google 























































































































































1902. 


INHALT S-VEKZEICllN IS. 


XV 


Koenig W.-Dalldorf 
Koenigsberg 
Königshöfer 
Koenigstein 
Köppen . . 
Körmöczi . 


Seite 

154 
13(31 
. . 1237 
. . 1434 
. . 766 
117,1109 
Körner 493, 983,1305, 1404 
Körte 583, 677, 1724, 1848 
Koster 336,601,1229,1338, 
1442,1482 

Kutscher .... 324 

Koischau.1202 

Koevosi .... 671, 1350 
Knhn A -Prag . . . 1232 
Kolm H -Berlin 84,119,120, 
1£9, 174, 206, 256, 260, 
2*8, 330, 382, 421, 463, 
467, 546, 663, 816, 882, 
8*3, 911, 947, 986,1067, 
1114, 1157, 1201, 1278, 
1279, 1820, 1866, 1900, 
1937, 1941, 1985, 2066, 
2091), 2181 

Kuhnert.207 

Kobnstamm .... 1016 

Kokons.1064 

Kokubo.1473 

Kolb K.-Münchcn 152, 456, 
1U58, 1471 

Kolb R.-Prag .... 495 

Koliscli.977 

Kol isolier.458 

Kolisko.1543 

Kollarits.848 

Kölle 202,1396,1933,2058 
Kollmann 637,1098,1481 

Koninski.1894 

Konrädi.1928 

Konstanti nowitsch . 936 
Kopfstein . . 1629, 2160 
Kopp 314, 330, 372, 490 
Kopytowski .... 328 

v Komnyi.806 

v. Korczynski 805, 1112, 
1275 

Korff . ... 1133, 1408 

Konnann.1236 

Koni.1108 

Kornfeld .119, 937, 1277 

Korschun.201 

Korteweg.158 

Kose.1930 

Koske.714 

Koslenko . . . 153, 8U1 

Kossel.459 

Kosh mann 174, 206, 260, 
391, 948, 988, 1265 
Koster .... 892,1767 

Kotseber.324 

Kouindjy.1106 

Kouwer.625 

Kovacs.715 

Kozlowski . . 1387, 20 1 5 

Krabler.1107 

Krämer.1934 

Kraepelin 940, 982, 1641 
v. Krafft-Ebing 1228, 1664 
Kraft H. Strassburg . 970 
KraftL Skandinavien 1435 

Kramer.583 

Kramm.1663 

Kramsztyk . . 935,1152 

Krapf.1073 

Kraske .... 283, 2065 
Krasmitski .... 1766 
Kretschmer .... 622 

Kratter.810 

Kraus. 2096 

Kraus-Berlin .... 2066 
Kraus E.-Wion 935, 2015 
Krens J.-Karlsbad . 1665 
Kraus O. Karlsbad . 850 
Kraus R. - Wien 249, 459, 
1232, 2059 

Krause H.1808 

Krause-Berlin 2027, 2180 
Krause-Frankfurt . . 2159 
Krausc-Sassari . . .1231 


Seite 

Krause F-Berlin 119,199, 
546, 1763, 2027 
Krause F. Tosen . . 1471 
Krause P. - Breslau 1035, 
1109, 1274 

Krauss A.672 

Krauss-Rennenburg. 2023 
Krebs-Berlin 117,421, 2067 
Krebs J.-Breslau . . 2015 
Krecke 72, 246, 414, 415, 
535, 538, 582, 797, 801, 
820, 1015, 1062, 1151, 
1237, 1312, 1431, 1469, 
1484, 1663, 1847, 1903, 
20.5, 2093 

Kreibich 172, 295,341,909, 
1145,1193 

Kreidl .1021 

Kreis. 74 

Kreissl. 2059 

Kretscbmann 212, 984, 
1024 

Kreutzmann .... 2180 

Kriege.491 

Krieger .... 680, 1230 

Kristinus.2019 

Kriwski.803 

Kroenter.417 

Krönig B.-Leipzig 153, 289, 
848, 1100, 1333, 1362, 
1443, 1661, 1710, 1762, 
1847, 2095 

Kroenig G.-Berlin . 260 

Krönlein.676 

Krogius.1469 

Krokiewicz .... 291 
Kronenberg .... 631 

Kronfeld.328 

Kronheim.1275 

Kronheimer903,1074, 2166 
Krüger-Dresden . . 421 
Krueger F.-Kiel . . 6ö5 
Krug-Kassel .... 328 
Krug-Magdeburg . . 1243 
Krakenberg . . 528, 767 

Krull.2179 

Krulle .1664 

Krumbein.1231 

Krupski. 34 

v. Kryger.298 

KrzyBzkowski . . . 202 

Kucera.672 

Kuckein.2018 

Kühn A.-Rostoek 70,1397, 
2033 

Kühn H.-Hoya . . . 1316 
Kühnemann Gg. . . 932 

Kühnlein.9*1 

Külz.1469 

Kümmel.1024 

Kümmell 120, |208 , 384, 
720, 943, 1025 
Küster .... 723, 982 
Küstner . 153, 1310, 1760 
Küttner . 247, 1807, 1927, 
2158 

Kugel.1064 

Kuhn-Hamburg . . 1933 
Kuhn-Königsberg . 1151 
Kuhn Fr.-Kassel 72, 722, 
1456, 1673, 1701, 1725 
Kuhn Ph.-Berlin . . 103 

Kuliabko.1020 

Kumpf.1673 

Kun.1511 

Kunkel.489 

Kuntze.1808 

Kuntzen . . . . 1052 

Kunz.1112 

Kurka.1716 

v.Kurlow.1017 

Kurpyuweit .... 1271 
Kurrer A.-Lorch . . 2002 

Kurz.1230 

Kuschel .1314 

Kuss.1061 

Kustennann .... 927 
v.Kusy.429 



Seite 



8eitc 

Kutner . 416, 8H8, 

1712 

Laveran 213, 

852, 

1076, 

Kuttner .... 38, 

711 

1446, 1912 



Kuzraitzky ; . . . . 

762 

Lawroff . . . 


762 

Kworostansky . . . 

1192 

Lawson . . . 

. • • 

258 

Kvnsey. 

1285 

Lazarus 256, 536, 812, 

1107 


Lea. 

1361, 

1556 



Leber .... 

. 209, 

6ö0 



Lecene . . . 


851 

Laband . 

2094 

Lechler . . . 

. 168, 

882 

Labbö . 

169 

Ledderhose . 

. 723, 

1941 

Labhard . 

1271 

Ledermann 

1167 

Labhardt . 

1929 

v. Leer . . . 


1515 

Laborde . 

1319 

Lefturih . . . 


1234 

Lack . . .... . 

1361 

Legendre . . 

. 947, 

986 

Lacher F. 34, 1518, 

2097 

Lehmann-Strassburg 

2048 

Lacher M. 672, 938, 
1193, 1275, 1315, 

1064, 

Lehmann K.B. 

Würz- 


1358, 

bürg 289, 340, 452, 1313, 

U00, 1434, 1473, 

1716, 

1386, 1396, 

1397, 

1467, 

1764, 1849, 1929, 

1976, 

1663, 1808, 

1893 


2019, 20G0 


Lehmann O.-Charlot- 


Lachmann. 

1060 

ton bürg . . 


1400 

Lachner . 

460 

Leick .... 


1848 

Lachs . 

585 

Leiner . . . 

. 935, 

1849 

Lachtin. 

1659 

Leiser . . . 

. 29», 

1985 

Ladyschenski . . . 

y77 

Leitner . . . 


935 

Lämmerhirt . 1111, 

1483 

Lengemann 115, 676, 

'.974, 

Lafiiy. 

1942 

1062 



Latnb . 

541 

Lengsfelder . 


2097 

Lameris. 

624 

Lenhartz 120, 207,383,1119 

Lamm. 

934 

Le nie witsch . 


1476 

Lancashire U34, 

1554 

Len minder 

. 801, 

1312 

Landau A.-Warschau 

1713 

I^ennhoff . . 

. 854, 

98» 

Landau II.-Warschau 

1713 

Lentz .... 

1941, 

20o9 

Landau R. Nürnberg 

907, 

Lenzmann 715, 723, 

2021 

985, 1551, 1931 


Leo. 

. 493, 

1723 

Landau Th -Berlin . 

815 

Leonte . . . 


2019 

Länderer 1674, 1861, 

1918 

Leopold 756,848,1433,1816 

Landesberg . . . . 

977 

Lepa .... 


262 

Landgraf. 

1417 

Löpine . . . 

. 202, 

715 

I^indmann . . . . 

1363 

Leppington 


1667 

Landouzv . . 1G66, 

1668 

Leppmann 

. • • 

810 

Landow . 

584 

Leredde . . 84, 818, 

1942 

Landsteiner473,1 11 0,1715, 

Lennoyez . . 

.909, 

1661, 

1593 

190 


Leser . . .40, 

1844 

Landström . ... 

2155 

Lesser-Berlin 

. 256, 

123« 

Lnne .... 1156, 

1667 

Lesser C -Berlin . . 

71 

Lang A. 

198 

Lesser E.-Berlin . . 

1017 


Lang G.-St.Petersburg 2094 
Lange B.-Stmssburg 1552 
Lange F.-München 10, 166, 
2ö7, 525, 934, 1511,1543, 
1585, 1940 

Lange J.-Leipzig 857,1483, 
1729 

Lange W.-Dresden . 803 

de Lange.669 

Langemak 415, 721, 1926 
Langer . . 1152, 1730 

Langhoff.2016 

Langsdorff.1586 

Langstein-Graz . . . 1927 
Langstein L.-Base! . 1249 
Längstem L.-Str:issharg417, 
1876 

Lanz A. 296, 330 

Lanz-Bern.1628 

Lanz O.-Amsterdam . 177 
De Laporsonne . . 497 
Lapeyre ..... . 1897 
Laquer .... 86, 1487 
LaqueurA.-Berlin 421,1397 
LaqueurL.-Strassburg 377, 
493 

Lassar 215,1278,1667,2181 


Lassar-Cohn 
Latham . . 

Lattes . . . 

I.atzko . . 
Laubenburg 
Lauber . . 
Laudenheimer 
Lauder-Brunton 
Lauenstein 209, 809 
1251, 1281 

Läufer. 

Launois 
Laure . 

Laurie 


1190 

379 

543 

713 

975 

2068 

2023 

554 

898, 

71 

987 

292 

37 


549 

1430 


v. Lesser-Leipzig . 

Lessing . ... 

v. Leube 291, 847, 1721, 
1856 

Leubuscher .... 1625 

Leusser . . 1035 

Levi L..329 

Levi H.-Stuttgart 870, 2023 
Levi L -Paris .... 84 

Levinger.291 

Levinsohn ... . 732 

Levy E -Strassbg. 377, 1312, 
1928, 2097 

Levy-Dorn-Berlin 176, 815 
Lewascboif .... 761 

Lewers.1361 

Lewin A.761 

Lewin L-Russland . 980 
Lewinsohn-Dalldorf . 154 
Lewinsohn B.-Soden ,982, 
1722 

Lewinson M. Berlin 2018 

Lewis.880 

Lewisohn.1025 

Lewkowitz.935 

Lexer . . 456, 722, 2181 

Lewy.2157 

v. Ix'vden 159, 418, 493, 
546, 718, 986, 1014, 1545, 
1820, 1936, 1973, 2066 

v. Liebem.289 

Lichtenstein-Berlin . 42 1 
Liclitenstein A.-Mün- 
chen 33, 248, 1060, 1107, 
1515, 1715, 2016 
Liehtenstern-Berlin . 1273 
Lichtenstern Prag . 1063 
Lichtwitz . , 1478, 1887 

Lickley.979 

Liebe 73, 418, 670, 1061, 
1587, 1626, 2017 


Seite 

Liebermeister . . . 2096 
lieblein . 115, 426, 1015, 
2068 

Liebmann. 

Liebreich . . 1200, 
Liebscher 889, 904, 

Liek . 

Liefmann. 

Liepelt 1192, 1511, 
Liepmann 893, 1200, 

Lilienfeld. 

Lilienstein. 

Lindahl. 

Lindemann 1059, 

1713, 1891, 2094, 
Lindenthal 1273,1432 

Linder. 

Lindmann. 

Lindner-Dresden . . 
Lindner E.-Wien . . 

Lindt. 249, 

Link. 940, 

Linossier , . . 

Unser ... 713, 

v. Linstow .... 

Lion. 

Lipmann-Wulf . 84, 

2093 

Lipowski. 

Lippert. 

Lippmann. 

Lipstein ... 758, 

Lissau. 

Iissauer . 

Littauer. 

Litten. 462, 

Littlejohn. 

Littlewood. 

Lobstein. 

Lochbihler .... 
Lochmann .... 

Lochte. 

Lockwood. 

Lode. 539, 

Loeb. 253, 

Loebel. 

Löbker . 

Löffler. 

Löhlein. 

Loennberg .... 

Loeser . 

Loevy . 

Löw. 

Löwe Berlin .... 
Loewe M.-Berlin . . 
Löwenbach .... 
Löwenberg .... 

Löwenfeld 1041,1080, 

1888 

Löwenhardt . . . 
Loewenstein . . 
Loewenthal-Berlin 
Loewenthal V.-Char 
lottenburg . . . 

Loewi. 

Lohmeyer .... 
Lohnstein . . 1358 
Lombard .... 

Lommel .... 

Lomonaco .... 

London . 

Longo . 

Longuet. 

Longworth . . . 

Lop. 

Loraml. 

Lore. 

Lorenz 
Loret . 

Lortat-Jacob .... 

Lossen. 

Lotheissen-Wien . . 
Lotheissen G. - Inns¬ 
bruck .... 378, 

Lotz . . 

Louste 
Love . 

Lubarsch 


72, 767 


1768 

2099 

1926 

933 

1016 

1713 

1848 

538 

2023 

2155 

1355. 

2157 
, 1726 

922 

1236 
592 

1929 

1400 

2016 

427 

1926 

1110 

34 

716, 

199 

904 

890 

1975 
1445 
1433 

586 

2060 

1156 

1850 

1514 

1398 

670 

120 

2166 

758 

848 

2158 

1237 
680 

1161 

1974 

1771 

1846 

201 

1775 

33 

71 

33 

,1248, 

721 

247 

1397 

715 

375 

2107 

2169 
39 
1229 
1066 
1357 
1517 
76 
1631 
588 
1723 
1361 
, 934 

1976 
292 

1926 

1902 


584 
1893 
2 K‘. 6 
1593 
245 


Digitized by 


Google 

































































































































































XVI 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Seite 

Lublinski. 34 

De Luca.462 

Lucae . . 483 , 980, 1168 

Lucatella.157 

Luce. 855, 898 

Lucy.1234 

Luckscli.1404 

Lndlnff. 2094 

Ludwig.1628 

Lübcke.936 

Lüthje 1601 , 1806, 1848, 

1974 

Luff.554 

Lukacs.374 

Lukas.MG4 

Lumpe.'03 

Lundborg . . 1016, 1893 

Lundsgaard .... 1768 

Lunz.671 

Luther.936 

Luzzatto.768 

Lydston.1066 

Lyon.170 

Lyster.213 


N. 


Maar.1436 

Maas. 382, 767 

Maassen . . . 459, 757 

Mc Adam-Eecles . . 1553 

Mackav.1360 

Mc linde ..... 1593 
Mc Callum . . 975, 1894 

Mc t'ann.1556 

Mac Conkey ... 1850 
Mac Donald 293,1593,1868 
Mac Dougall .... 1692 

Mncewan.1851 

Mc Gavin . . . . 2161 

Machenhauer . . 888, 935 
Machol . . . . 1015 


Mackenrodt . 1200, 1628 
Mackey . . 203, 379, 542 


Macgregor.378 

Mac Kaig.1851 

Mac Kean Ilarrison . 1155 
Mc Herren . . . .1156 

M' Laren.1850 

Macllwaine .... 1234 
Macpherson .... 3s0 

Mc Vail.170 

Madden ..... . 1631 

Madelung. 82 

Madsen.1436 

Magen.1237 

Magenau.1697 

Mager.1722 

Magnus . . . 1313, 1429 
Magnus - Skandina¬ 
vien .1436 

Magnus-Dresden . . 1704 
Magnus Heidelberg . 162. 

376, 757, 1818 
v. Magnus - Königs¬ 
berg .1433 

Magnus-Levy . . . 1061 

Magri.1979 

Mahaim .... 496, 1759 

Mahr.245 

Malm.292 

Maignon.1364 

Mailland. 76 

Mainzer.869 

Makuna.1155 

Malfatti.157 

Malherbe.1319 

Manasse . . 839 , 2181 

Mancini.1979 

Manders .... 906 

Manega.1978 

Manicatide . . 673, 1018 
Mann-Dresden 422, 767, 
981 

Mann L-Breslau . . 536 
Mannaberg . .716, 2069 
Manninger .... 1714 
Manolescu.1113 


s. i - 

Mansbach . . . 553, 904 
Manson . 204, 1285, 1593 
Maragliano . . . 251, 543 

Marburg.1358 

Marchand 802, 901, 903, 
1362, 1716, 2092 
Maroinowski .... 2014 

Marcus.1769 

Marcnse-Berlin . . . 987 
Marcuse J. - Mann¬ 
heim .1191 

Maresch. 2059 

Marfan 292, 851, 947, 1977 

Marina.154 

Marincscu 758, 890, 1018 
Mnriotti-Bianchi . . 1979 

Markheim.818 

Markiewiez ... .1712 
Markl . . 155, 156, 459 

Markus .40 

Maruiorek 539, 623, 1195 

v. Mars.540 

v. Marschalkü 296, 329, 671 

Marsden.1632 

Marsh.732 

Marshall . 205, 976, 1156, 
1234 

Martens . 331, 538, 1229 

Martin A. J.1630 

Martin A -Greifswald 623, 
679, 850, 1858, 1861 
Martin A.-Jena 220, 1037 
Martin A. - Zürich . 1713 
Martin V.-Pratteln . 2158 
Martinet . . . 990, 1767 
Martini . 202, 1278, 1627, 
1929, I9 j3, 2059 

Marti rano. 73 

Martius 144, 168, 169, 1581 
Marwedel ... .1513 

Marx E. 1228, 1231, 2159 
Marx H - Lübbecke 201, 
660, 722 

Masi.1518 

Masini.1518 

Massacin.1809 

Mastri .... 462, 1810 
Matanow itscli . . . 1513 

Matas.1935 

Matbes P.-Graz 33,974,1063 

Matthäus.2165 

Matthes M.-Jena8,220, 69S 
Mathis . . . 1194, 1474 

Matignon.426 

Matt.323 

Matte.980 

Matthiolius .... 1846 , 

de Mattos.417 

Matusewicz ... . 714 
Matzenauer[296, 329,1716, 
1929 1 

v. Matzncr.1407 

Mutzuschita290,1399, 2156 
Mau . . . 121,621, 899 ; 

Maude. 1359 i 

Maurer.1975 

Maximor.2017 | 

May P.1593 

May R.-München . . 582 ; 

Mayeda.1809 

Mayer-Berlin . . . 1314 | 
Mayer E.-Berlin . . 1356 
Mayer E.-Köin . . . 1715 
Mayer Gg.-München 557, 
646, 1734, 1783, 1822, 
1869, 1990 

Mayer M.-Simmern . 1342 
Mayer P.-Karlsbad . 853 
Mayer W.-Fürth 1198, 2152 

Maylard.543 

Mayo.1935 

Mayr.1150 

Meier.756 

Meinel.359 

Meinert.1279 

Meinertz . . . 154, 1398 
Meisenburg .... 1625 
Meisling.1768 


Seite 

Meissen. . 1388 

Meissner.1544 

Mellin.1770 

Melun .890 

Memmi.1979 

Meinmo.460 

Mendel E.-Berlin 205, 2014 
Mendel F.-Berlin . . 201 
Mendel F.-Essen 134,1247, 
206» 

Mendes P.-Balda . . 76 

Mendes de Leon-Am¬ 
sterdam .1897 

Menusier.1598 

Menzer 256, 861, 893, 911, 
1395, 1805, 2094, 2163 

Menzi.494 

Menzies.1593 

Mercade.851 

v. Mering . . . 322, 951 
Merk A.-Heidelberg . 1061 
Merk L.-Graz . . . 1154 
Merkel A.-Sirassburg 756 
Merkel Fr.-Nürnberg 552, 
9S5, 1163, 1404, 1780 
Merkel H.-Erlangen 79,155, 
459, 714, 819, 975, 1192, 
1510, 1763, 1937, *2018 
Merkel .1 -Xiirnbg. 588,1073, 
2104, 2165 

Merkel S.-Niirnberg 82, 357 

Merlette.713 

Mermann.1513 

Mermingas .... 1430 

Mertens-Chemnitz . 1061 
Mertens Leipzig . . 72 

Mery ...... . 1245 

Messedaglia . . . 1517 

Mesnil.852 

du Mesnil . . 1238, 1239 
Metschnikoff . . . 587 

Metzger.478 

Metzner. . 1004 

Meusburger ... .1716 
Meyer-Berlin . . . 2067 
Meyer A.-Berlin 660, 909 
Meyer A.-Marburg . 1110 
Meyer E.-Hamburg . 1537 
Meyer E. Kiel 1357,1591, 
1605 

Meyer E.-Tübingen . 1974 
Mever F.-Berlin 1193, 17)6, 
1809, 1890 

Meyer G. Berlin 416, 1014 
Meyer H. Basel . . 976 
Mever U.-Kopenhag. 1437, 
1770 

Meyer H.-Marburg 419,1273 
Meyer J.-Berlin . 373 
Mever R.-Berlin 670, 975, 
1356, 1432 

Meyer W.-Xew-Yoik 415 

v. Meyer.1512 

Mever-Wirz .... 1546 

Meyerhof.248 

Meyerhoffer .... 1672 

Meyers.1767 

Michaelis 225, 670, 711, 
888, 1764, *056, 2156 
Michalski 1807, 1927, 2158 

Micheli.1979 

Michin.1152 

Mignon .... 947, 1478 

Migula.1058 

v. Mikulicz . . 676, 1845 

Milbradt.328 

Milchner.1278 

Millard . . . 1155, 1591 

Miller.809 

v. Miller.1774 

Miller J.-Freiburg . . 714 
MilIerM.-Bayreuth278,1990 

Milligan.760 

Minciotti.157 

Minet. 169, 1029 

Mink.624 

Minkowski . . 730, 1314 


Seile 

van der Minne . . . 1398 

Minod .1668 

Minowici.1064 

Mintz 415, 888, 1673, 1712 
Miodowski .... 1587 
Mirabeau 82,124, 388, 424, 
1269 

Mirinescu.1113 

Mircoli .... 353 , 1516 

Mitscha.938 

Mitulescu 1716, 1818,1891, 
2018 

Miura .... 1819, 1894 
Miwa Y.-Ghiba . . 416 


Model .... 
Moebius . . . 
Moeli .... 
Müller . . . 
Möller-Altona 
Moeller-Berlin 


1303 

1273 
889 
329 
16J 
255, 2016 


Möller A.-Belzig 539, 1060, 
1275, 1586, 1716 
Mönckeberg-Drcsden 594 
MönckebergJ G.-Ham¬ 
burg . . 849, 1201, 1817 
Mönckeinöller . . . 1108 

Mörl.1810 

Mohr H.-Bielefeld809, 2018 
Mohr L -Frankfurt . 248 

Moizard.1245 

Molinie. 38 

Moll.2« 7 

Moltrecht 817, 1440, 1900, 
2028 

Monakow.940 

Moncusi.1897 

Mond.1900 

Mondinos .... 544 

Mongeri.326 

Monks.542 

Monnier.2158 

Monrad.417 

Monti.1819 

Montini.1316 

de Montyel .... 1474 

Moos . . . 1886 

Mornvcsik.3*6 

Morel.2166 

Moreschi.1435 

Moresco .1810 

Moreul.1193 

Morgan.1108 

Rlorgenroth . . 976, 1033 
Morgenstierne . . . 1667 
Mori . 1434, 1810, 1978 

Moriez.1976 

Morison.1553 

Moritz 1 , 176 , 193 , 238 , 392 , 
451 , 1068, 1147 , 1203, 
1548, 1748 

Moro F.-Graz . . . 249 

Moro-Prng.935 

Moro-Wien . . 1863, 1927 
Morris 125, 555, 1232, 1553 
Morton .... 38, 1360 

Mory.1713 

Moser E.*Zittuu . . 1832 
Moser P.-Wien 1730, 1765 
Moses ..... 631, 683 
v. Mosetig-Moorliof . 118, 
328 

Mosse 330,893,1238,2097 
Mosse . . 212, 427, 1766 
Mott . . 257, 1554, 1592 
Motta-Cooo .... 1823 

Moty.1981 

Mould.1592 

Moulin.2163 

Mounyerat .... 947 

Mouro.891 

Moussous.292 

Mouton.1847 

Moynihan 378, 760, 870, 
1360, 1632, 1850 
Mrayek . . . 244, 1428 

Muck.981 

Mühlens . . . 1318, 1473 


1902. 


Seite 

Müller.749 

Müller G.1467 


Müller A.-Basel . . 537 
Muellor A.-München 124, 
417, 1778, 2016 
Müller E.-Berlin 1107, 1863 
Müller E.-Freiburg . 1016 
Müller E. J .-Zittau . 1236 
Müller F.-Basel . 156 
Müller Fr.-Godesberg 853 
Müller Fr.-München. 764 
Müller G. J.-Berlin . 889 
Müller H.-Bamberg . 373, 
1432 

Müller J.-Wiesbaden 814 
Müller J.-Würzburg . 300, 
376, 757,1075,1313,1848 
Müller L. R.-Erlangen 154, 
326, 1017, 1293 , 1429, 
1471, 1504 , 1893, 1972, 
1975, 2063 

Müller O.-Leipzig 640, 814 
Müller P. Th.-Graz272 , 976, 
1330 , 1808, 1928 
Müller R. F.-Berlin 723 
Müller W. Leipzig200,1806 
Müller W.-Nümberg. 907 
Müller W.-Kostock . 537, 
1462 

Müllerheim . 1726, 1900 
Münchmeyer . . . 941 
Mugdan .... 987, 1397 

Muir.1631 

Munch-Petersen . . 1974 
Munter . . . ; . 84, 987 

Munt .492 

Murell.1H59 

Murphy . . . 185 f >, 1934 
Muscatello .... 1430 
Musehold . . . 459, 535 
Mutermilch . . . .1712 

Muzzarelli.514 

Myles .1553 


W. 


Xaab.793 

Xadler.624 

Xäcke.375 

Xaegeli.1928 

Nüther. 78 

Nagano.1627 

Nalbandoff .... 154 

Nardi.1316 

Nash.2162 

Nassauer 373, 1322 , 20Ö3 
Nathan.156 


Naumann . . . 669, 1140 
Naunyn .... 83, 1284 
Nauwerck . . 1024, 1470 

Nawratzki.1715 

Nebelthau . . . 917 , 1239 


Neek.1470 

Neelow.1109 

Negel.1546 


Xegretto.462 

Nehrkorn . 117, 162, 1513 
Neisser A.-Breslau . 1666, 
1669 

Neisser C.-Lublinitz. 1762 
Neisser E.-Stettin 416, 669, 


1716 

Ntfmai.38 

Nemtschenkoff . . . 1476 
Nenadovics .... 1779 

Norking.251 

Netolitzky .... 1586 

Netter.427 

Neubauer . . . . 1249 

Neubeck . . . 256, 1238 
Neuberger 388, 907, 1025, 
1267 , 2165 

Neubiirger-Grosslicbter- 
felde.1626 


Neuburger M.-Wien. 1898 
Neuburger S.-Nürnberg 82, 
903, 1163 


Digitized by LjOOQle 










































































































































1902 . 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


ßeite 

Neudörffer.1713 

Neugeb&uer Fr.-Warschau 

326, 974, 1356, 1434 
Nougebauer Fr.-Mähr.- 

Ostrau 35,741,1674,1862 

Neumann.1313 

Neumann-Karlsruhe. 2022 
Neumann-Berlin . . 2058 
Neumann A.-Berlin . 585, 
1127, 1431 

Neumann B.-Darmstadt 
1397 

Neumann F.-Baden-Baden 
493 

Neumann F.-Prag . 1232, 
1810, 1868 

Neumann H.-Berlin 1114, 
1929, 2181 

Neumann J.-E.-Königsberg 
2017 

Neumann J.-Wien 296,'420, 
1276, 1664, 1778 
Neumann L.-Breslau 2016 
Neumann R. O.-Kiel 84, 
73, 155, 201, 248, 290, 

327, 876, 377, 459, 460, 

494, 539, 623, 671, 715, 

757, 758, 804, 849, 805, 

976, 1017, 1109, 1110, 
1153, 1231, 1232, 1314, 
1356, 1357, 1399, 1471, 
1472, 1473, 1545, 1590, 
1627, 1663, 1716, 1763, 
1764, 1808, 1898, 1894, 
1895, 1928, 1975, 2059, 
2096, 2097, 2156 

Neumann S.-Berlin . 1594 
Neumann S.-Ofen-Peetl063 

Neuaser.1628 

Neustätter.641 

Xewby.378 

Newman.1631 

Newsholme . . 1156, 1630 

Niblock.1361 

Nicoloi.1780 

Nichol ...... . 1165 

Nicholson . . . • . 1556 
Nicoladoni . . . 801, 1107 

Nicoll.1360 

Nicolle.1987 

Niedner . . . 1705, 1888 

Nielsen.1313 

Nieny.2158 

Nieriker.1861 

v. Niesaen 249, 812, 2097 

v. Nieaal.1516 

Nigriaoli.1897 

Xikitin.890 

Nikolaier . . . 421, 1844 

Nishinchi.1894 

XmbI. 940, 2023 

Nitache ... 1108, 1431 

Wnoli.1979 

NoWcourt . . . *. 1978 

NoUs. 78 

JfoM.372 

Noee.462 

Noeht-Dresden . . . 594 
Noeht B.-Hamburg . 459, 
1988 

NQlker.627 

Ndaske .... 676, 1469 

N«*I.494 

Nonne . 208, 816, 1471 
v. Noorden C.-Frank- 
fort . . 758, 1553, 1723 

vA'oordenW.-Mönchen 415 

Sordheim .1615 

. .934 

Sorwty . . • - • ««j 

.Yoümagel-Berlm - . 

SotbnMgel H.-Wion 1273, 
1275 7ai 

r.sottb^ft - • - ; ai4B 


Obermeier.759 

Oberndörffer .... 458 
Oberndorfer L.-Genf 714 
Oberndorfer S.-München 
360, 1058, 2057 
Obertüschen .... 1853 

Oberst.286 

Obersteiner 469, 800, 806 
Ochsner. . . ... 305 

O'Conor.1632 

Odebrecht. 2096 

Odhner .... 377, 976 

Oddo.169 

v.Oettingen 861,1153,1274 

Oestreich.255 

Ogle.1233 

Ogston . . . 203, 1359 

Ohlemann.1890 

Obimüller . . . 714, 757 
Olsbausen 116, 1467,1681, 
1809 

Oliva.1847 

Oloff.1515 

Olpp .... 1079, 1558 
Olschanetzky . . .1231 
Ombrädanne . . . .1977 

Omi.246 

Onodi ... 38, 806, 1593 

Onorato.1110 

Oppe . . 463, 1103, 1114 
Oppenheim H. . . 117 

Oppenheim A.-Berlin 248, 
671, 1113, 1274 
Oppenheim M.-Wien 71, 
1315 

Oppenheimer . 205, 1929 

Oppler.671 

Orescu.1547 

Orgler.849 

Orlipski . . . 1488, 1653 

Orlow.246 

D’Ormea ...... 1065 

Orth .... 1314, 1473 

Orthmann .... . '30 

Ortner . . . 1895, 2013 

Osler.294 

Ossig.538 

Osswald.1715 

Osterloh .... 894, 1115 
Ostermaier 1496, 1888 
Ostertag-Berlin ... 71 

Ostertag W.-Barmen 803 
Ostmann . . 1023,'1809 

Ostreil.328 

Ostwald.1847 

Oswald.1961 

Ott A. 757, 1680 

v. Ott.1355 

Otto-Berlin .... 2058 
Otto M.-Hamburg 202, 634 

Overbeck.459 

Overend.541 

Owen.2162 


Pftssler 164, 1087, 1243, 1737 

Page.1233 

Pagenstecher . 415, 848 

Pagliani.555 

Paine ..... . 804 
Pal . . 74, 341, 429, 1954 

Palla.155 

Palm.1432 

Panas .905 

Pancini.1517 

Panichi.1066 

Panse .463 

Pansini.717 

Pantschenko .... 1558 

Panzer.1628 

Papanicol . . . 673, 1019 
Papasotiriu .... 290 

Pape.802 

Papi.1435 


Seite 

Pappenbeim817,1847,2018 

Paravicini.1473 

Parhon.1546 

Pariser.805 

Parnell.541 

Parnet . . • ... 1555 

Parodi.1435 

Parsons. 36 

Paschen.1069 

Paschkis.1358 

Pascoletti.1066 

Pasini .544 

Pasquini.1979 

Passini ... 33, 74/1864 

Passow.680 

Patella . . . .157, 758 

Paton.978 

Pattin.1359 

v. Pauer.1152 

Paul G.296 

Paul L.-Breslau . . 1472 

Pauli.1895 

Paulsen.384 

Pausini.461 

Payne.906 

Payr 713, 719, 887, 1150, 
1511 

Peacocke.543 

Pearcey.1360 

Pearson. 36 

Peham.201 

Peik.379 

Peipers.326 

Peiser.1846 

Pekelharing . 1767, 1922 

Pel.715 

Pelnar .... 541, 1930 
Pels-Leusden 119,331, 537, 
721 

Pelzl. 2098 

Pendl. 495, 934 

Penkert 1589, 1662, 1847, 
1929 

Penzoldt 114,244, 323, 491, 
710,1585,1972,2014, 2056 
Perez .... 1150, 1430 

Perlis.974 

Perrin.1767 

Perthes . 623, 801, 1062 
1431, 1846, 1988, 2102 

Perutz. 97 

Peserico.1663 

v. Pessl.956 

Peters.1312 

Peters E. A. . . . 978 

Peters H. . . . 669, 970 
Peters-Dresden . . 768 
Peters A.-Rostock904, 1187 
Petersen-Hamburg . 1939 
Petersen W.- Heidel¬ 
berg 42, 161, 584, 675, 
681, 1015, 1056, 1614, 
1549 

v. Petersen-St. Peters¬ 
burg .... 715, 1668 

Peterson.1545 

Pettersoon .... 1109 
Pettersson .... 1664 

Petrina.1868 

Petrini de Galatz . 1667 
Petruschky .... 1818 
Pezzoli . 329, 1193, 1400 

Pezzolini.544 

Pfahl er.1066 

Pfalz .... 1236, 1237, 
Pfannenstiel .... 982 
Pfannmüller .... 1720 
Pfaundler . 69, 376,1211, 
1349 

Pfeifer.299 

Pfeiffer-Wien ... 32 

Pfeiffer B.-Hamburg 849 
Pfeiffer E.-Hamburg 926 
PfeifferH.-Pasewalk 1502 
PfeifferR.-Königsberg 64 
1110 


Seite 

Pfeiffer W.-Kiel 1684, 1807 

Pfister.1928 

Pfister M.-Heidelberg 153 

Pfisterer.935 

Pflanz.153 

Pflüger.254 

v. Pflugk.854 

Pfuhl.1472 

Pfuhl-Berlin .... 256 
Pfuhl A.-Hannover . 494 

Phelps. 2096 

Philibert. 84 

Philipowicz .... 587 
Philippi E.-Hamburg 299 
1884 

Philippi F. A.-Salz¬ 
schlirf 125,170, 213, 258, 
301, 554,' 555, 90(5, 1285, 
1556, 1868, 2166, 2183 
Philippson A.-Ham¬ 
burg .... 294, 330 
PhilippsonS.-Palermo 670 

Pichevin.1860 

Pichler .712 

Pick-Berlin .... 782 
Pick A.-Prag . 585, 806 

Pick E. P.-Wien . . 759 
Pick F.-Prag 426, 766, 806, 
946, 1816, 1868 
Pick W.-Breslau . . 156 

Picot.819 

Picqu6.1766 

Pieniazek. 30 

Pieper.1206 

Piffl. 984, 2083 

Pilcz .... 1546, 1810 

Le Pileur.1666 

Pilgrim.372 

Pilsky .... 491, 1159 

Piltz. 1654 

Pinard.1814 

Pincus F.-Köln . . . 1162 
PincusL.-Danzig 874, 975, 
2158 

Pineies.806 

Pini.296 

Piorkowski 420, 757, 2059 

Pirone.1717 

v. Pirquet 1232, 1730, 1863 

Pirrone.801 

Pischinger 34, 74,156, 249, 
378, 540, 624, 938, 977, 
1111, 1400, 1473, 1546, 
16228, 1809 J 

Pitres.818 i 

Pitt.170 ; 

Pizon. 893 i 

Placzek 266,398,663, 1147 
Plaut . . . 208, 460, 593 I 

Plaveck.1313 | 

Plehn . 1628 : 

Plesch. 020 

Plettner .... 331, 941 

Pliehn.462 

Ploenies.1819 

Pobiedin.1715 

Podwyssozki W. 536,2156 
v. Poehl . . . 1723, 2066 

Pohl.1817 , 

Polacco. 288 ! 

Polano. 1586 , 

Polenske.1152 ! 

Pollaczek .... 1248 ' 
Pollatschek .... 2093 j 

Polyak.890 

Poncet .... 905,1075 . 

Ponfick.1817 ' 

Pontoppidan . . . 1666 
Popescul . . ; . . 804 | 
Popielski . 252,1020, 2060 1 

Porge. 588 I 

Porges.296 

Porges E.-Wien . . 118 

Porosz. 640 j 

Port . . 903, 1163, 2006 ' 
Poscharyski .... 83 \ 


Seite 

Poschi.1434 

Posner . . 413, 850,1776 

Pospelow.329 

Potarca.1475 

Poten . . 1230,1273, 1514 
Poucbet . . . • 427, 1942 

Poulain.1766 

Powell.1066 

Power .... 906, 2160 
Poynton . ... 804 

Pozzi .... 1860,1896 

Präger.256 

Prall.757 

Pratt.380 

Preindlsberger 1629, 1674 
Preisich . 888, 1110, 2016 

Preisz.377 

Preoprajensky . . . 1897 

Prettner.1109 

Preuss . . .... 489 

v. Preyss.1356 

Pribram .... 461, 904 

Prinzing.152 

Probst 374,1470, 1587,1762 
Proca . . 1113, 1546,2020 

Prochnik.249 

Procopiu.1019 

Pröscher Darmstadt . 1176 
Pröscher F.-Frankfurt 670 


Proust . . . 1446, 2104 

Proskauer .849,1472,1893 

Prusmann . . . 

. . 1733 

Prutz. 

. . 720 

Przewalski . . . 

668,1192 

Przewoski . . . 

. . 936 

Pstrokonski . . 

. . 1712 

Puchberger . . 

. . 1673 

Pugh. 

. . 1154 

Pudor.... 

. . 33 

Pulawski . . . 

. . 1712 

Pulvermacher . 

. . 1897 

Purjesz .... 

. . 806 

Purree .... 

. . 979 

Pupovac . . . 

. . 1473 

Pye-Smith . . . 

. . 1852 

fit. 


Queissner . . . 

. . 1762 

Quensel . . . 1470, 1472 

de Quervain 32, 

246, 323. 

584, 722,1276,1400,1586. 

1770 


Queyrat .... 

. . 1668 

Quill . ... 

. . 760 

Quiretti .... 

. . 544 

Qurin. 

- - 823 

R. 


Raab. 

. . 1638 

Rabö . . 

. . 1978 

Rabinowitscb . 

. . 1472 

v. Rad. . . 318,388,1551 

Radsiewsky . . 

. . 1061 

Radtke .... 

809,1317 

Raff. 

. . 745 

Raecke .... 

586,1715 

Rager. 

. . 1436 

Rahn. 

418,1487 

Raiser .... 

. . 123 

liambousek . . 

. . 1716 

Rammazzotti. . 

. . 1667 

Ramon y Cajal . 

. . 758 

Ramsden . . . 

. . 1593 

Rank Arnswalde 

. . 1620 

Rank K. E.-Arosa 

. - 787 

v. Ranke . . . 

. 1789 

Ranschoff . . . 

. . 585 

Ransom .... 

761,807 

Ranzi. 

. . 1776 

Raoult .... 

. . 1812 

Rapp-München 

174,1494 

Rapp-Reicbenhall . 48 

Raquer .... 

. . 1850 

Rasumowsky . 

325, 887 

vom Rath . . . 

431, 536 


Digitized by 


Google 






















































































































































































XVIII 


1XIIALTS-V ERZ El CI IXIS. 


1902. 


Seite 

Raudnitz.1868 

Ravasini.1434 

Raw.379 

Reacli 252, 757,1 '15,1664 

Recinelli.555 

v. Recklinghausen . 1551 
Reckzoli . . . 1238, 1314 

Rodard.934 

Redforn.378 

Redlich .... 260, K06 

Reerink.720 

Rees.1360 

Reger.1725 

Regling.1846 

Regnier.808 

Rägnier L. R. . . 323 

Regnoli .1897 

Rehm. 2095 

Rehn. 677, 721 

Reich.343 

Reichard . . . 327, 1243 

Reichardt.1229 

Reiche . . . 1060, 1369 

Reichel.1985 

Reichenbach .... 494 

Reichert.805 

Reichmann .... 937 
Reidhaar . . . 289, 2159 

Reimann.1232 

Rein . . 1814, 1861, 1897 
Reiner A.-Wien 767, 1717 
Reiner G.-St. Gallen 938 
Reiner M.-Wien . . 2043 

Reinewald.1547 

Reinhard.672 

Reinhold.200 

Reinke.1844 

Reitter . . . 1586, 2019 
Reitzenstein 413,944, 2061 

Reko .1809 

Remlinger. 76 

Renault . . . 1865, 1942 

Renner.889 

Ränon.2166 

Renshaw.1631 

De Renzi . . . 804, 1517 

Repetto.670 

Rethaan-Macare 1666,1669 

R6thi. 35 

Reuter .... 209, 2059 
Re venstorf . . 385, 1830 

Rey.1927 

Reynolds.1592 

Rhein ..... 497, 1853 

Rheinbolt.874 

Rheinwald .... 247 
Rhodes .... 879, 1592 

Ribierre.169 

Ribbert H.-Magdeburg 670 
Ribbert H. - Marburg 805 
Richardson .... 1934 

Riebet.1942 

Richter-Hamburg 693,1864 
Richter A.-Berlin . . 1314 
Richter E,-Plauen . 891 
Richter P.-Berlin 1106, 
1899, 1932 

Ricketts.1935 

Riechelmann . . . 1399 

Rieck 120,206, 1119, 1296 
Riecke . . 329, 638, 1243 
roc r.QO n nein 


1192, 1357, 1724, 1725 


Rieder 402 , 454, 623, 2057 
Riedinger 410 , 571 , 767, 
1074 

Riegel F.202 

Riegel W.-Nürnberg 732, 
2103, 2104 

Riegler.1111 

Riegner-Berlin . . . 1315 
Riegner-Breslau . . 415 
Riegner H.-München 1916 

Riehl.164 

Rieländer.802 

Riether.1064 

Riethus.550 


8eitc 

Rieux.1193 

Riff.300 

Rille. 303, 759 

Rinehart.204 

Rindfleisch .... 1514 

Rinne.1314 

Risch.1109 

Risel.201, 2102 

Rissmann 1230, 1356,1515 

Rist.852 


Ritter C.-Greifswald 422, 
732, 975, 1431 
Ritter F.-Oldenburg. 291 
Ritter v. Rittershain 1152 


Rivalta.1065 

Rivas. 2059 

Roberts-Manchester. 1594 
Roberts-Philadelphia 1935 
Robertson W. . . . 542 
Robertson W.A.-Edin- 

burgh.2166 

Robertson-Sheffield . 1592 
Robin . . 124, 426, 427 
Robinson H. B. . . 1360 
Robinson M.-Baden-B. 38 
Robson 389, 542,1154,1850 

Rocaz.1195 

Rochaz.1891 

Röchelt. 2097 

Rodari .378 

Rode .... 1629, 1765 
Rodella .... 290, 2059 
Rodman.1934 


Roeder H.-Berlin 155, 247, 


1018 

Röder H.-Elberfeld . 2077 
Roemer C.-Breslau . 756 
Römer P.-Würzburg 300, 
1853 

Roemisch . . 66, 1913 
Röpke .... 537, 1023 

Rörig II.1358 

Rössle.1806 

Roethlisberger . . . 536 

Roger. 292, 293 

Rogers . . . 1151, 1852 

Rogovin.1890 

Rohde.943 

Rohden.852 

Rohrer ..... 1663 

Rolleston.1852 

Rolly-Berlin .... 376 
Rolly-Heidelberg . . 1471 
Rolly Leipzig . . . 1737 

Roloff.713 

Romani.1065 

Romberg. 89 

Romei.544 

Romm. 72 

Rommel.1431 

Röna.1667 

Roncali.1065 

Ronsohoff.1934 

Roorda-Smit .... 1767 

Roos. 632, 1607 

Roosen-Runge 1119, 1162, 
1355 

Roscher.481 

Rose W.1235 

Rose E. Berlin . 538, 671 
Rose S.-Berlin . . . 415 
Rose U.-Stra8sburg . 70 

Roselli.117 

Rosemann.252 

Rosen. 202, 1018 

Rosenbach J.-Göttin- 

gen.583 

Rosenbach O.-Berlin 131, 
558, 700 

Rosenbaum ... 658 
Rosenberg 174, 626, 891 
Rosenblatli . . 200, 1975 

Rosenfeld.1192 

Rosenfeld E. - Nürn¬ 
berg .... 985, 1363 
Rosenfeld F.-Berlin 623, 
1397, 1723 


Seite 

Rosenfeld Gg. - Bres¬ 
lau . 17 , 373, 755, 764 
Rosenfeld Leonh.- 
Nürnberg . . 903, 985 
Rosenfeld M -Strass- 
btirg 1017, 1893, 2023 
Rosenheim-Berlin . 382 

Rosenheim O.-London 626 
Rosenthal G. ... 1765 
Rosenthal W. . . . 1510 
Rosenthal-Berlin . . 2098 
Rosenthal J.-Erlangen 1023 
Rosenstein . . 935, 975 

Rosin . 2094 

Ross . 760 

Rossa.2016 

Rossi.250 

Rost. 459, 714 

Rostoski . . 740 , 1685 

Rostowzew .... 1809 

Rotch.1554 

Rotgans.1768 

Roth. 294, 934 

Roth O.t-86 

Roth-Lübeck .... 720 
Roth E.-Ofen-Pest . 419 

Roth E.-Potsilam . . 1677 
Röth-Schulz .... 1350 
Rothberger .... 253 

Rothe.7 1 2 

Rotherosen .... 762 
Rothmann 31, 260, 805, 
1020 

Rothschild D.-Soden 852 
982 

Rothschild O.-Breslau 1807 


Roubinowitsch . . .1319 

Roux. 678, 1446 

Rovere.461 

Rovsing ... • . . 1768 

Rowland.626 

Rowlands. i 360 

Rowntree.1592 

Le Roy.426 

Ruault.1812 

Rubinstein . . . 1520 

Rubner . . 232 , 797 , 1149 

Rubritius.1312 

Rucqoy.1076 

Ruder.1900 

Rudloff.1024 

Rudneff.887 

Rudolph .1108 

Rudolph-Magdeburg. 984 
2008 

Rudolph J.-Heilbronn 804 

Rüder .1985 

Rühl.190 

Rühle . . ... 2023 

Rümke ..... . 1767 

Ruff.1672 

Ruffer .... 1154, 2059 
Ruge-Hamburg . . . 1286 
Rüge H.-Berlin . . 1191 


Rüge R.-Kiel 848, 1314, 
1894, 1933 

Rüge S.-Greifswahl . 1068 
Ruhemann . . . .1314 

Ruitinga.2017 

Rullmann . . - 925 

Rumpel 1731, 1821, 1892 
Rumpf E.-Friedrichs- 


heim . 

. 377, 418 

Rumpf Th.-Bonn 154, 

1059, 1197 


Runeberg . . 

. . . 1437 

Runge’ . . . 

. 888. 2095 

Rusch 

. . 35, 587 

Rüssel . . 

... 379 

Russovici 

. . . 118 

Ruzicka . . . 

1356, 2096 

Rydygier . . 

. . . 1761 

Rymowitsch . 

. . . 1627 

van Ryn . . 

. . . 1854 

v. Rzetkowski 

. . . 1712 


Scitc 

8 . 


Saalfeld . 255, 624, 775 

Saatz.988 

Sacconaglii ... 1435 

Sacerdotti.1399 

Sachs E.-Breslau . . 806 

>achs E.-Dresden, . 1898 
Sachs H.-Frankfurt . 189 , 
671, 937 

Sachs O.-Breslau . 759 

Sack . 530 , 1141 , 1939 

Sadoveanu . .118, 119 
Saemiseli . . . .31, 847 
Sänger.371 


Saenger A -Hamburg 121 
721, 816, 898 
Saenger M. - Magde- 


Sahli 7o8, 764, 

1111, 1972 

Salaghi . . • 

. . . 71 

Salant . . . 

. . . 1891 

Salburg . 

. . 372 

Salge . . 1067, 

1543, 1729 

Salley . . . 

. 1399 

Salomon 155, 765, 1928 

Salowij . . . 

. . 2158 

Salus .... 

426, 1355 

Salvioli . . . 

. . 544 

Salzer .... 

. 200 

Salzwedel . . 

1067, 1200 

Samberger . . 

495, 1359 

Samter . . . 

. . 723 

Sand .... 

. . 4b6 

Sander . . . 

. . 1933 

8andford . . 

. . 1593 

Sanfelice . . 

157, 1627 

Sangmann . . 

. . 1858 

Saniter . . . 

. . 288 

Sano .... 

. . 497 

Santesson . . 

. . 243 

Santi . . . 

. 717 

Santoliquido . 

1666, 1668 

Santon . . . 

. . 490 

Sarason . . . 

. . 938 

Sattler . • . 

. . 156 

Satullo . . . 

. . 1811 

Sauerbeck . . 

. . 327 

Sauter . . . 

. . 713 

Savage . . . 

. . 1850 

Savoires . . 

. . 1855 

Sawada . 

155, 1626 

Saxer 857, 975, 

1362, 1763 

Scagliosi . . 

. . 586 

v. Scanzoni . 

417, 1102 

Schächter . . 

. . 118 

Scliabad . 

. . 1515 

Schäfer . 

. . 936 

Schäffer Berlin 

. . 298 

Schaffer E.-Bingen810,1317 

Schaeffer O.-Heidelberg 

535,1063,1776,1847 

Schaer . . . 

. . . 376 

Schaffer . . . 

. . . 806 

SchanzA.-Dresden 591,767, 

934,1191,1809 1862,2060 

Schanz Fr.-Drc.sden 64,2067 

Schanzenbach 

. . 1827 

Schaper . . . 

. 330,1106 

Schaps . . . 

. . 2016 

Seharffenberg 

. . . 1769 

Sehaternikoff 

. . . 1020 

Schatten froh 

804, 1570 , 

1763 


Schatz . . . 

. 540, 1727 

Schaudinn . . 

. 757, 1763 

Schauonstein 

. . . 153 

Schauta . 934 

1432,1814 

Schech . . 31,668,1662 

Schede . . 

. . . 766 

Scheel . . . 

. . . 1769 

Scheffer . . . 

. . . 998 

Scheftel . . . 

. . . 1810 

Scheib . 977,1400,1404 

Scheibe . . . 

. 981,1586 

Scheidl . . . 

. . 1111 


Scbeier.712 


Seite 

Schellmann .... 1934 
Schenk 156, 553,1778,1868 

Schenke.980 

Sehe rbatsch eff . .375 

Schert“nberg . . . 1542 

Scherer .... 735, 1152 

Scheuer.327 

Schoyer.977 

Schiassi . . . 1810,1978 

Schiekele.1626 

Schickiberger • . . 201 
Sehjerning . . 535,973 
Schiefferdeeker . . 262 

Schiff.260 

Schiffmacher 71 

Schild. 420,1569 

Schiller.1512 

Schilling-Togo . 758,1933 


Schilling C.-Berlin . 459 
Schilling F.-Leipzig . 1664 
Schirmer O.-Grei fswald207, 
1018 

Schirmer O.-Heidelbg. 1853 
Sehischa .... 29(5 
Schittenhelm 539, 1273, 
1892 

Schlagenhaufer 889, 1018 
1063 

Schlagintwcit . . . 1348 

Sohlayer.1314 

Schlechtendahl 229, 449, 
864 

Schleich.892 

Schleissner .... 329 
Schlender ... . 1662 

Schlesinger A -Berlin 1847 
Schlesinger E. Strass¬ 
burg .... 935,1715 
Schlesinger H.-Frank¬ 
furt .1229 

Schlesinger H.-Wien 126, 
950 

Schlesinger W.-Wien 1315, 
1761 

Schloffor 115, 457, 1074, 
1776, 1861, 2068 
SchloHsmann 668, 669, 710, 
1675,1676 

Schloth . . 158,625,1768 

Schlüter.1685 

Schmauch.1927 

Schmaus . 243,552,1106 
Schmidt .... 757, 1764 

Schmidt G.804 

Schmidt G. B. . . . 1613 
8chmidt A.-Bonn 217, 765 
Schmidt A.-Leipzig . 549 
Schmidt Fr -Duisburg 544 
Schmidt J.-Dänemark 1466 
Schmidt K.-Kottbus 808, 
809,1770 

Schmidt M. B.-Strass- 
burg . . 51,1552,1565 
Schmidt O.-Bremen . 1847 
Schmidt O.-Zwickau . 2158 
Schmidt P.-Hamburg 1929 
Schmidt R.-Wien 1111,2097 


Schmidt-Nielsen . . 539 
Schmidt-Rimpler 633,1241 
Schmieden 72, 117, 315, 
1469 

Schmiedicke .... 540 

Schmiedl.759 

Schmilinskv . . 818,897 
Schmithuisen . . 590 
Schmitt A-München 1526 
Schmitt J.-Nancv . . 1543 
Schmorl E. 286) 331, 374, 
382,1379 

Schnabel . . . 202,595 


Schneider K.-Erlangen 670, 
936,1231,1356,1399,1587, 
1626,1848 

Schneider P.-Magde¬ 
burg .... 165,1620 
SchneiderR.-Münchenl940 
Schnitzler . . . 540,1902 


Digitized by LjOOQie 




























































































































































1902 . 


INHALTSVERZEICHNIS 


XIX 


Seite 

Schoeler.1433 

Schoen.935 | 

Schoen-Laduiewski . 1515 
Schönbom . . 1017,1018 
Schönemann . . . 1230 
Schönwerth . . 269,1111 
Schölten.... 158, 326 

Scholz.853 

Schonheid.329 

Schoo.158 

Schotteliue 538, 1191,1610 
Schott - Nauheim 554, 814 
Schott A..Tübingen . 1017 
Schottmüller 73, 1070,1561 

Schou.1435 

Schoug .... . 1437 

Scho all.2166 

Schräder . . 1402,1431 

Schramm.1629 

Schrank.1433 

Schreiber A .'Augsburg 115, 
151, 974,1012 
Schreiber E.-Göttingen 
1490,1760 

Schreiber K. - Berlin 376, 
2096 

Schreiber L-Königs- 
berg-Heidelbergl806,2076 
Schreiber P. F.-Magde- 
burg .... 165,892 
Schrever. . . . 161,942 

Schridde . . 1928,2017 

Schroeder E.-Altona . 1779 
Scbroeder E. Königs¬ 
berg .1761 

Schröder G. - Schöm¬ 
berg . . 1373,1887 

Schröder H.-Bonn . 1727 
Schroeder W. - Ham¬ 
burg .1963 

t. Schrötter H.-Wien 416, 
597, 764,1276,1930 
v. Schrötter L. 813, 1628, 
1723,1925 

Schroth .... 266,622 

Schubert . . ... 1580 
Schubiger-Hartmann 1929 
Schuchardt .... 375 
Schücking . . 1016, 1060 
Schüder . 494, 1472, 1893 
Sehüffner . . . 71, 1626 
Schüle . . . 939, 2066 

Schueller A.-Wien . 1587 
Schüller C.-Heidelberg 116 
Schüller M.-Berlin 416, 677, 
1715, 1894 

Schümann.1635 

Schüesler.1272 

Schütz .... 295, 2016 

Schütz-Leipzig . . . 1401 
Schütz A.-Ofen-Pest 888 
Schütz J.-Wien . . 2014 
Schütze A.-Berlin 1274,1929 
Schüler-Appenzell 377 
Schüler H.-Tübingen 1016 
v. Schüler ... . 1764 

v. Sch ul lern . . . 200 

Schuhes ...... 834 

Schulthees 767, 1192, 2158 

Schultz.904 

Schultz-.Schultzensteinl273 

Schnitze F.492 

Schnitze B. S.-Jena 153, 
1063 

Schnitze E -Boun 151, 199, 
490.940 1711,1760,1805 
Schnitze Fr.-Bonn . 1584 
Schultze F.-Dnisburg 1674 
Schnitze O.-Wiirzburg 1986 
Schnitze P.-Xauinberg 681 
Schulz Fr.-Rostock . 1016 
Schulz H.-GreifHWald 440, 
1019 

Schulze II.1928 

Schulze W..Halle . . 980 

Schulze-Vellinghausen 

1230 

Schumbarg 494, 1110, 1893 


Seite 

Schum .... 154, 1864 

Schunde.1112 

Schupfer . . . 544, 1315 

Schur .253 

•Schuster . . . 295, 1817 
Schwab-Neuweissen- 

see.1317 

Schwalbe E.-Hdlbg. 1399 
Schwalbe G. -Strass¬ 
burg .... 492, 939 
Schwalbe.T.-Berlin314,1544, 
1684, 1685, 2070 
Schwalbe K.-Los An- 
gelos 1616 

Schwanert.2179 

Schwarz K.-Agram . 189 
Schwarz L.-Prag 75, 904, 
1816, 1868, 2104 
Schwarze . 
Schwarzenbach 
Schwartz-Paris 
Schwartz 0 -Kö' 

Schwechten . 
Schweissinger 
Schweninger 


Schwenke 
Schwerdt 
Schwerin 
Schwiening 
Sclavo 
Scott G. . 
8cott J. W 
Scott S. R. 
Scotti . 
Sebileau 
Sederl . . 
Sedgwick 
Seeligmann 
Seeligmüller 
Seemann . 


935 


810 

803 

169 

707 

1638 

854 

1077 

1848 

582 

982 

1357 

1472 

37 

807 

379 

1811 

1478 

32 

1631 

1360 

8t>9 

977 


Seggel K.- München 244, 
372, 423, 490, 818, 932, 
1429, 1468, 1890, 2155 
Seggel R.-München 416, 
1014, 1662, 1973, 2094 
Seifert . . 1232, 1548 

Seiffer 1759, 1072, 2027 

Seige.714 

Seiler-Interlaken . . 1400 
Seiler-Nürnberg . . 1364 
Seiler F.-Bern . 70, 1230 
Seitz C.-München . . 483 
Seitz L.-München . . 1398 

Selberg.1237 

Selcke .,. .818, 905 

Seligmann.466 

Seilei .330 

Sellheim 153, 393 , 1674, 

1726, 2155 

Semmelink ... . 153 
Senator 119,158,8b8, 893, 
986, 1805, 1936, 2165 
Sendler .... 81, H21 


Senft . 

Scnger 

Sengler 

Serafini 

Sergent 

8eroni 

Seubert 

Sevestre 


622 
. . . 1433 

. . . 185 
. 649 , 1979 
. . . 77 

... 544 

66 

1076] 1245 


Seydel-Königsberg . 1315 
Seydel C.-München 1311, 
1939, 2179 

Sevdewitz.1472 

Shaw .380 

Sheild 379, 906, 977, 1154 
Sherrington . . 257, 379 
Shiga . . . . 1627, 1X94 
Shufflebothnm ... 36 


Shukowsky 
Sibbald . . 
Siberberg . 
Sieck . . . 
Sidlauer . . 
Siebenmann 
Sieber-Schumoff 


Siebert 


1515 

1592 

723 

1927 

1714 

1024 

1873 


. 152, 1137 


Seite 


Sieberth. 73 

8iedentopf 1120,1244,1281 

Siefert. 826 

Siegert F. Strassburg 69, 
300, 418, 572 , 669, 711, 


847,935,1152,1516, 1675, 


1927, 2058 

Siegert F.-Wien . . 417 

Sievers.418 

Sieveking-Hamburg 1985 

Sievert.809 

Silberberg.2180 

Silbermark .... 1663 
Silberschmidt938, 1461 ,2059 

Silberstein.431 

Silva.157 

Silvestri.1316 

Simnitzky.1665 

Simon L. G.-Paris . . 1475 
Simon M-Nürnberg. 985 
Simon O.-Karlsbad . 1817 


Simon O.-Heidelberg 1514 
SimonW.-Königsberg 1807 
Simmonds 208, 385, 634, 
899,1318,1441,1939,2017 


Simonin . . 84, 169, 1365 

Simpson.1815 

Sinclair ...... . 1630 

Sinell.943 

Singer-Prag . 1722, 1818 
Singer G.-Wien . . 1723 
Sion ....... 1546 

Sippel.2180 

Siredey .... 169, 891 
Sittmann . . . . 387 

Sklarek.375 

Skormin .1515 

Skoszqüski .... 2027 
Skutsch668,769, 1396,1550 

Smith.1769 

Smith J. P.205 

Smith T.555 

Smith A.-Marbach . 1270 
Smoler . 257, 457, 1015 

Smyly.1234 

Smyth .... . 1234 

Sneguireff . . . 33, 1271 

Snel J.849 

Snell L. 542, 1593 

Sobernheim 976,1160,1439 

Sobotta.1487 

Sobotta-Berlin . . . 669 
Sobotta J.-Würzburg 621 

Söldner.1819 

Soetbeer . . 1230, 1515 

v. Sohlern.1664 

Soleri .1516 

Solger.1548 

Solieri ... 718, 975 

Solowieff .... 1476 

Soltmann.493 

Sommer A.-Franzens¬ 
bad .1665 

Sommer A.-Graz . . 314 
Sommer G.-Würzburg 1364 
Sommer M.-Jena 211, 1716 
Sommer R.-Giessen . 1191 
Sommerfeld-Prag . . 296 
Sommerfeld P.-Berlin 247, 
248, 1018 

Sommerfeld Tb.-Ber¬ 


lin . 1128 

Sonnenburg . . 678, 1981 
Sonnenkalb ... 211 
Sonnenschein . . . 2015 

Sonntag.714 

Soupault.775 

Souques . . . 169, 2166 
Sosnowska .... 1897 
v. Spee .... 549, 1684 
Spencer . . . 555, 1555 

Spengler.716 

Sperling.1726 

Spicer . 1868 

Spiegel . . 85, 218, 587 

Spiegler.625 

Spielmever .... 1470 
Spiess.315, 1611 


Saite 

Spiethoff.1511 

Spijami.2018 

Spillmann . . . 150, 1759 
Spineanu . ... 877 

Spinelli . . . 1860, 1897 

Spitzer.1809 

Spitzka.293 

Sprengel . . 678, 719 
Springer 461, 1107, 1404, 
1674, 1868 

Spuler.1763 

Spuller.328 

Squire.1154 

Ssobolew.1230 

Stadelmann-Berlin . 1984, 
2099 

Stadelmann-Würzbg. 2022 

Stahler .326 

Staehelin . . 1413 

Staffel F-Wiesbaden 456 
Staffel H.-Chemnitz 256, 
1985 

Staff ord.1975 

Staicovici.113 

Stamm C.-Hamburg 1619 
Stamm H.-Hildesheim 585 
Stangenberg .... 1436 

Stangl .1628 

Stanley.760 

Stanley-Bovd . . . 555 
Starck 1471, 1513, 1683, 
1956 

Stargardt.1590 

Starling .... 979, 1020 
Staude 1847, 1900, 1986 

Stauder. 1432 

Stauffer.669 

Steckl ..... 1818 

Steckern.1769 

Stefanescu .... 1018 

Stefanile.1065 

Steffen .... 622, 1400 

Steffens.586 

Stegmann . . 122!, 1439 
Stein-Kopenhagen . 1436 
Stein A.-Berlin . 33, 628 
Stein J.-Saaz ... 541 

Steinach.251 

v. Steinbüchel . . . 2058 

Steindorff.1852 

Steiner . . . . 1159 

Steinert 1132, 1349, 1362 
Steinhardt 168, 1163, 1164 
Steinhaus F.-Köln 1355, 
1884 


Steinhaus J.-W arschau 1356 
Steinthal . 73, 1512, 1776 
Steinmetz ... . 1720 

v. Stejskal . . 245, 1313 

v. Stenitzer .... 1434 

Stenzei.677 

Stepanow'.1273 

Stern B.-Reinerz . . 174 
Stern C.-Düsscldorf . 1849 
Stern M. -München 77, 169, 
213, 293, 427, 852, 947, 
1076, 1195, 1205, 1446, 
1475, 1767, 1943, 1978, 
2105, 2166 


Sternberg. 2096 

Sternberg J.-Wien 1725, 

1765 

SternbergK.-Wien 126,1192 

Sternfeit 1.820 

Steudel.1514 

Stewart.1554 

Steyrer.853 

Stimmer. 72 


Stich-Nürnberg 1363, 1637 
Stich K -Leipzig 1100 . 1347 , 


1X18 

Sticker A.-Frankfurt 457, 

2159 

Sticker G.-Giessen . . 1355 

Stieda.2014 

Stier. 770, 936 

Stiles.1554 

Stilling.492 


Seite 

Stimmei .211 

8tintzing.1585 

8tock.1067 

Stockmann .... 1555 
Stoeckel.... 201, 1714 

Stöltzing. 650 

Stoeltzner.1543 

Stölzner.1240 

Stömmer . . ... 1541 
Störring ..... 69 

Stojanoff. 76 

Stöcker.2162 

Stokvis.493 

Stolper . . 808, 809, 1273, 
1317, 1845 

Stolz A.-Strasshurg 74, 712, 


1312, 1724 

Stolz M.-Graz 416, 1432, 
1727 

Stonham.1631 

Stoos. 2058 

Storch.1895 

Strada.544 

! v. Stradonitz .... 1470 

Sträter. 1461 

Sträussler.156 

Stransky.1989 

Strasburger . 1493, 1890 
Strasser . . 759, 806, 889 
Strassmann 545, 803, 1714 

Stratz. 886, 1432 

Straub.1313 

Strauch A.672 

Strauch C. J-.Braun- 

schweig.415 

Straus 750, 765, 1217 , 1468 . 
1861, 2165 

Strauss-Krefeld . . 1927 
Strauss A.-Barmen . 1494 
Strauss H.-Berlin 32, 467, 
893, 1516, 1723 

Strebei.303 

Strehl.251 

Streit. 980, 1023 

Ströll .... 1991, 1943 

8troganoff.1063 

Strohmayer . . 211, 1471 
Strominger .... 673 
Stroynowski' .... 2180 
Strube .... . 1064 

Strubeil . 616 , 814, 1064, 
1506 , 1836 


v. Strümpell 154,493,2101 


2164 

Struppler 618, 1877, 2093 
Stuart-Low . 1155, 1852 
v. Stubenrauch . . 985 

Stubbert.294 

Stühmer.212 

Stürz.1277 

Stumme.1807 

Stumpf L. 2009 

Stumpf M.. 2156 

Sturli .1090 

Sturm.981 

Sturmann.1274 

Stursberg . 615 , 849,1277, 

1879 

Subbottin. 72 

Suckstorff. 70 

Sudeck . . 299, 384. 466, 

628, 668 

Sudhoff 273, 1368,1899, 
1931, 1933 

Suess .... 2671, 1991 
Süsswein ..... 291 

Sulkowski.418 

O Sullivan-Benre . . 761 
Sultan-Göttingen . . 628 
Sultan C.-Königsberg 458 
Sutherland .... 1851 

Sutter.1356 

Sutton.541 

Swales •.977 

Swientochowskv . . 1713 

Syers ...... . 1232 

Swirski.1848 

Swoboda.1X64 


Digitized by 


3* 

Google 






























































































































































XX 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


Seite I 

Sykow W. 668 | 

Symanski.117 

Symington .... 1593 

Symonds.1632 

Syms.1156 

Szaböky.127 

8zili A.116 

Szontagh ... .1152 

v. Szontagh .... 1927 
Szurnan.648 

T. 

Taddei.555 

Takahashi.1817 

Takamine.807 

Talke.713,1192 

Tallqvist.289 

Talma . . 248, 625,1587 

Tanaka.1975 

Tandler.1272 

Tange.625 

Tangl .... 1058,2057 

Tansini . . . 1271,1978 
v. Tappeiner .... 973 

Taptas.1478 

Tashiro.539 

Tatham.906 

Tauber . 1476,1665,11:68 

Tausch.1473 

Tausig.1646 

Tavel 72, 538, 722, 1194, 
1231, 1474 

Taverni.1110 

Taylor . . 554,1233,1631 

Teale.1233 

Tedeschi 117, 1315, 1626, 
1810 

Teichmann .... 934 

Teissier.819 

Teleky 172,378,1275,2069 

Tendlau.936 

Tenner.1545 

Temi.157 

Terre.2016 

Teschemacher . . 667 

Tesdorpf. 60 

Teweles.378 

Texier .1812 

Thalmann.1109 

Thaussig.1276 

Theilhaber 153, 423, 756, 
1264 , 1514, 1662, 1698 , 
1897 

Thellung.1231 

Theohari ... .1113 

Thesen.1273 

Tlievönot.1977 

Thiele. 941,1546 

Thiem . . . 721,808 

Thieme .... 184 
Thiemich . . 1059,1974 

Thienhaus.1983 

Thieny.1980 

Thilo.1276 

Thin. 170,1285 

Thiriar.496 

Thiry.150 

Thöle.973 

Thönnessen .... 2059 

Thomalla.1064 

Thomas . 2065 

Thomas G. C. ... 807 
Thomas J.Lynn . . l«50 
Thomas Th. . . . 1852 
Thomas W. Th.. . . 204 

Thomass.1151 

Thomes.1926 

Thommen.537 

Thompson.2161 

Thomson C. . . 36,1630 
Thomson R. 8. . . . 1361 

Thomson W.1234 

Thomson H.-Odessa . 73 

Thorei.2102 

Thorn . . . 494,858,1202 

Thornc.1593 

Thorner.1848 



Seite 

Thost . . . 

... 889 

v. Thtlmen . 

. . 168,904 

Tjaden . . 

. . . . 714 

Thumm . , 

. . . . 1467 

Tiburtius 

.... 803 

Tichy . . . 

.... 1315 

Tiegel . . . 

. ... 1961 

Tietze . . . 

... 1663 

v. Tiling . . 

. . . . 154 

Tilley . . 1154,1593, 1868 

Tilmann . 

160,582,1068 

Tinker . . 

.... 1935 

Tirard . . . 

.... 1555 

Tiry . . . 

.... 1759 

Tischer . . 

. . 289,1063 

Tizzoni . . 

.... 251 

Tobeitz . . 

.... 1515 

Tobias . . 

... 291 

Tod ... . 

. . 1593 

Todd . . . 

.... 2162 

Toepfer . . 

... 495 

v. Töply . . 

... 1933 

Tömqvist . 

.... 1436 

Török . . . 

.... 296 1 

Toff 119,673,705,890,1019, 

1113,1547,1579 

Tollens . . 

.... 1107 

Tomasczewski . 779,1845 

Tomaselli . 

. . 544,1316 

Tonkin . . 

.... 1285 

Tonngren . 

. . . . 117 

Tonzig . . 

.... 419 

Toogood 

.... 732 

Topolanski 

. . 1849 

v. Torday . 

... 1171 

Toriyama . 

.... 626 

Toyama . . 

.... 1472 

Tozzi . . . 

.... 157 

Trailescu . 

.... 118 

Trambusti . 

. . . 717- 

Trautenroth 

.... 1061 

Trautmann 

.... 587 

Treitel . 375, 1400, 2098 

Trendelenburg . 613 , 549, 

550, 627, 

538, 671 

Trenel . . 

.... 1978 


Trenit4.1315 

Trespe.1432 

Treub.1816 

Treupel 563 , 865 , 1644,1937 

Treves . . 1233, 1360 


Triepel . . . 

160, 

1971 

Tritschler . . 


32 

Troels-Lund . 


711 

Troemner 298, 

383, 

816, 

1986 



Trötsch . . 


1937 

Trois-Fontaines 


1668 

Trommsdorff 1300 , 

1454 , 

1715 



Trotter . . . 


980 

Trumpp 413 , 1270, 

1311, 

1761 



Truzzi .... 


1861 

Trzebickv 

328, 

1717 

Trzebinski . . 


1713 

Tschernaak 

1118, 

1518 

Tschlenoff . . 

329, 

1929 

Tschmarke 


1202 

Tschuschner . 


328 

Tsuzuki. . . . 


1110 

Tubenthal . . 


1886 

Türk .... 


735 

Tuerk .... 


1275 

Türkheim . . 


943 

Tunniclilfe 

542, 

626 

Turban . . . 

1487, 

1858 

Turck .... 


35 

Turnballs 


1594 

Turner . 1850, 

2161, 

2166 

Turro .... 

. 377, 

1357 


U. 

licke.539 

Ulfenheimer-Berlin . 714 
Ulfenheimer - Greifs¬ 
wald .680 


Seite 

Ugolotti.250 

Uhlenhuth . . 416, 1548 

Ulbrich.1404 

Ulesko-Stroganowa . 1470 

Ullmann V. 85 

Ullmann E.-Wien 469, 495, 
2069 

UllmannK.-Wien 1112,1359 
Ullrich ...... 1312 

Ulrico.250 

Umber . . . 1158, 1169 

Ungar. 999 , 1230 

Unger.467 

Unna . 817, 1119, 1865 

Unverricht 212, 640, 858, 
1120, 1244 

Urban 383, 729, 816, 943, 
1665, 1731 

Urechia . . . 1018, 1112 

Urfey.1481 

Uri arte.293 


V. 


Vacher.891 

Vaerst.623 

Vahlen . . . 1273, 1313 

Vaillard.987 

Valentino . . . 851, 1474 

Vanzelow. 2085 

v. Varady.540 

Vargas.1195 

Variot.947 

Vas.1063 

Vaschide .... 1474 
Vassmer . . . 756, 1714 

Vaubel.1269 

Vaudin.852 

Vedder.376 

Vedeler.756 

Veis .... 890, 1477 
Veit . . 326, 1017, 1859 

van de Velde . 1016, 1586 
Velhagen . 78, 941, 1985 

Venoco.1435 

Veress.1021 

Vergely.1766 

Verhoogen .... 495 

Vertun.1313 

Verwom ... 67, 1019 

Viala.1598 

Vicars.978 

Videbeck. 73 

Vigenaud.1364 

Vignard.1195 

Vilandt.1435 

Villa-Santa . . . 458 

Villani.1517 

Villinger .... 894 

Vincenzi.539 

Viola.1066 

Viqueat.976 

Vitner.890 

Völcker 42, 124, 210, 712, 
1514 

Völckers . . . 207, 2159 

Vömer.1627 

Vogel C.-Bonn . . . 1015 
VogelG.-W(lrzburgl53, 803, 
1063, 1398, 1429 
Vogel R.-Basel . . 1013 

Voges 290, 376, 377, 494, 
1017 

v. Vogl .... 94, 166 
Vogt C.-Berlin . . . 1544 
Vogt H.-Strassburg . 854 
Vogt O -Berlin . . . 1544 
Voigt S.-Dresden 743, 756, 
1514 

Voigt L.-IIamburg . 1715 

Voisin.1978 

v. Voit C. München 233, 
797, 1926 

Voit F.-M iinchen 1149,1150 
Volhard .... 814, 1433 

Volk.459 

Vollbracht .... 773 
Voller.1670 



Seite 



Seite 

Voss-Berlin .... 

973 

Weber H.-St. Johann 

813, 

Voss-Riga . . . 981, 

2094 

952 



v. Voss-Petersburg . 

326 

Weber L. W.-Göttin- 


Vrabie . 

119 

gen 374, 1480, 

1885 

Vranialici. 

673 

Weber M. Amsterdam 1670 

Vuillemin ... 

1627 

Weber S.-Strassburg 

375, 

Vulliet. 

1892 

376 



Vulpius 196, 723, 767, 934, 

Wechsberg . . 

587, 

1275 

939,974,1192,1353,1460. 

Wedding . . . 

. 

41« 

1468, 1511, 1845, 

1892, 

Wedeies . . . 


1849 

1925, 2158 


Wegner .... 

331, 

584 

Vurpns .... . 

1474 

Wegscheider . . 

69, 

1514 


Wehmer . . . 


2169 



Weichardt 293, 1516, 1885, 

W. 


1939 

Weichselbaum 716, 

1628, 

Wachholz. 

1617 

1715 



Wadham. 

807 

Weicker . . 


202 

Wälsch . . 295, 296, 328 

Weigel .... 

945, 

1415 

Wagenmann .... 

681 

Weigl . 321, 1763, 

2160 

Wagner - Karlsruhe 

1469, 

Weil E. 


292 

2016 

Weil H.-Prag . 


1849 

Wagner A -Stuttgart 1919 

Weil-Stuttgart . 


2023 

Wagner B.-Breslau . 

2149 

Weiler K.-Wien 


624 

Wagner G. A.-Wien . 

889 

Weill B. . . . 


1310 

Wagner M.-Hamburg 383, 

Weill-Strassburg 


300 

1025 


Weinberg W.-Stuttgart 802, 

Wagner M.-Leipzig 1357, 

1269 



2073 


Weinberg W. G.-Dort- 


Wagner P. Chemnitz 

767 

mund .... 


675 

Wagner R.-Hanau . 

1457 

Weinberger . . 


323 

Wagner W -Kreuznach 320, 

Weinbrenner 713, 804 

935, 

1770 


974, 1063, 1273, 

1470, 

v. Wagner Wien . . 

469 

1847, 1937, 1974, 

2016, 

Wagner v. Jauregg 

1111, 

2095, 2159 



1895 


Weindler . . . 


1159 

Waitz. 

1820 

Weiner . . . . 


323 

Wakemann . . . . 

1847 

Weinland . . . 


1204 

Waldever . . 1157, 

1628 

Weinsberg . . 


1629 

Waldstein ... 

460 

Weinstein . . . 


249 

Waldvogel 583, 1400, 1431, 

Weis. 


1466 

1929 


v. Weismayr . 


806 

Walger. 

325 

Weiss-Hamburg 


898 

Wallis. 

1233 

Weiss-Karlsbad 


1673 

Walker . 1156, 1232, 

2161 

Weiss-New-York 


1936 

Walko 1364, 1673, 

1761, 

Weiss-H-Wien 


889 

1926 


Weiss J.-Basel 


367 

Walkowitsch . . . 

1014 

Weiss O.-Königsberg 

251, 

Wallace S. 

203 

254 



Wallace D.-Edinburgh 258, 

Weissbart . . . 


974 

978 


Weissbarth . . 


426 

Wallenberg . . . . 

374 

Weissbein . . . 

156, 

1357 

Wallerstein . . . . 

624 

Weisswange . . 


1180 

Wallgren A. 

1847 

Welander . . . 


329 

Wallis ..... . 

555 

Weliamowitsch 


1477 

v. Wallmenich 324, 

1992 

Welleminsky 


904 

Walsh. 

203 

Wenckebach . . 


31 

Walsham. 

761 

Wendel . . . . 


1846 

Walthard . . . 249, 

1151 

Wendelstadt . . 


758 

Walther-Paris . . . 

947 

Wendriner . . . 


1397 

Walther H.-Giessen 

152, 

v. Wendt . . . 


1017 

1190 

566 

Wengler . . . 


1717 

Walther W.-Hof . . 

Wenhart . . . 


1399 

Walz. 785, 

959 

Wenkebach 


625 

Walzberg-Minden 

582 

Wenzel C. - Buenos- 


Wandel . . . 1684, 

1685 

Aires . . . . 


291 

Wanklyn. 

1630 

Wenzel F.-Bonn 

271, 

887 

Warnecke. 

38 

Weressajew . . 


1468 

Warrington . . . . 

1554 

Werler . . . 

175, 

1286 

v. Wartburg . . . . 

2157 

Werner R. 


1512 

Washbourn . . . . 

542 

Werner S. - Hamburg 

121, 

Wassermann A.-Berlin 377, 

207, 208, 299, 

384 

467, 


1274, 1396, 1928 
Vassermann M.-Berlin 71, 
536,694,1107,1191,1397, 
1714, 1761, 1820, 2157 
.Vaston . 258, 1155, 1593 
Vatanabe ... . 714 

Vatson.2161 

Veber.1764 

Veber-Berlin . . . 2099 
Veber A.-Alsfeld 291, 704 , 
1619 

Veber F.-St. Peters¬ 
burg . . . 1431, 2057 
Veber F. P.-England 1850 
Veber H.-Breslau . 2171 


769, 899, 943,1230, 1313, 
1356, 1821, 1900, 1986, 
2102 

Wernitz .... 289, 1016 

Werther.422 

Wertheim 417, 458, 1063, 
1896 

Wertheimber . . . 903 
Westenhoeffer 546, 1067, 
1157, 1356, 2098 
v. Westenryk . . . 
Westphal A.-Berlin . 
Westphal A.-Greifs¬ 
wald . . 160, 202, 249 
v. Westplialen . . . 585 


376 

416 


Digitized by 


Google 




















































































































































































1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


..± 


XXI 


Seite 

Wette.583 

Wettendorff .... 496 
v. Wettstein .... 1773 

Wetze!. 1260 

Weygandt . 69, 150, 287, 
324, 327, 375, 800, 937, 
940, 1109, 1354, 1715, 
2014 

Weyl . . 

Wex . . . 

Wheeler . 

White . . 


Whitehead 
Wichmann 
Wickel . . 
Wiczkowski 
Widenmann 
Widmark . 
Wiebe . . 
Wiedemann 
Wiedner 
v. Wieg . . 
Wiehura 
Wielsch 


. . 982 
. . . 104 
. . 36 

732 
980i 1359 
. . 940 
. . 1928 
249, 807 
. . 1358 
1593,2155 
336, 382 
. 1473 
. 1018 
. 540 
. 1515 
. 250 


Wiener E.-W T ien 401 , U54 
1231 

Wiener G.- München 14 , 
655 , 1741 , 2015 

Wiesel.949 

Wiesinger 71, 246, 249, 
729, 1162, 1900 

Wieener. 1047 

Wieting . . 72, 584, 1664 

Wilbrand.371 

Wild. 38 

Wildbolz . . . 376, 716 
Wilde-Greifswald . . 2014 
Wilde M. - München 152, 
1471 

Wildermnth .... 2022 

Wilkinson.1359 

Wille.468 


Seite 

Willems.1767 

Williams E. II. . . 379 

Williams L.2162 

Williams W.379 

van der Willigen . .1767 

Willmann. 2023 

Willmer.1272 

Willoughby .... 170 

Wilma 476 , 680 , 1272, 1442 

Wilson.1233 

v. Winckel .... 168 

Winckler.1848 

Windscheid 212, 345 , 809 

Windsor.2163 

Winogradow .... 253 
Winter-Finnland . . 1271 
Winter A.-Strassburg 585 
Winter G. - Königs¬ 
berg .... 201, 935 
Winterberg .... 254 
Winternitz 1599,1675,1777 
Winternitz-Halle 464, 1206 
Winternitz W.-Wien 156, 
716 

Wirgin.1231 

Wietinghausen . . . 1512 

Wisshaupt.1674 

Wittek .... 767, 1062 
Wittgenstein .... 244 

Witzei. 1993 

Wladimiroff ... . 761 

Wlassow.1626 

Wodarz.2180 

Wölfler.1364 

Wömer.723 

v. Woerz.1353 

Wohlwill.1931 

Wolf.1017 

Wolff W.1973 

Wolff-Frankfurt . . 1548 
Wolff-Stralsund . .1719 
Wolff-Hamburg . . 2058 


8eite 

Wolff A.-Berlin 34, 886, 
248, 290, 670 
Wolff A.-Königsberg 1545 
Wolff B.-H Berlin . 373 
Wolff G.-Basel. . . 1626 
Wolff H.-Berlin 368, 933 
Wolff J.-Berlin 672, 889 
Wolff K. -<3tra88burg 83, 
1285, 1551, 1552, 1668, 
1941 

Wolff M.-Berlin 1278,1855, 
1975 

Wolff O.-Essen . . 1272 

Wolfring.466 

Wolkowitsch .... 1662 
Wollenberg . .1711, 2023 
Wolpert 376, 1109, 1814, 
1356, 1763 

Wolter . . • . . . 1469 

Wolters.296 

Wood.494 

Woodhead.1554 

Woodwick.1594 

Wormser 1085, 1764, 1809 

Wray.1593 

Wrede.941 

Wreden.1476 

Wright . . 35,1154,1852, 
2163 

Wroblewski ... 891 
Wülfing .... 888,1571 
Würth .... 936,1928 
Würth v. Würthenau 1514 
W uhrmann . . 1628 

Wulff.1357 

Wullstein . .547,766,974 
460,1014 
496,497 


X. 

Xanthropoulides 


Wutzdorff 
Wybauw . 
Wychgel 
Wyeth . . 
Wyss . . . 
Wyssokowicz 


1151 

1934 

246 

200 


1 . 


Yarr . 

Yonge 

Young 


Seite 

427 


1593 

203 

205 


Z. 

Zabel.289 

Zabludowski.... 1776 
Zagorjanski-Kissel . 2179 
Zahn Th.-Würzburg 154, 
1471, 1845 

ZahnW.-Genf ... 49 

Zahradnicky .... 2097 

Zaky.293 

Zalowiecki.2158 

Zammit.2162 

Zamfirescu . 1019,1546 

Zanaldi.1517 

Zanardi.158 

Zander.623 

Zangemeister 1357, 1432, 
1512 

Zanoni .... 543,1065 

Zardo.1017 

Zarubin.329 

Zaudy.1018 

Zaufal .2160 

Zdekauer.461 

Zeehuisen . . 1059,1398 

Zeitlmann.1637 

Zeller.1516 

Zervos .... 372,1359 


8eite 

Zettnow.1396 

Zeuner.937 

v. Zeynek.1628 

Zickler.461 

Ziegenhagen .... 84 

Ziegenspeck 423,1714,1897 
Ziegler E. - Freiburg 1310, 
1479 

Ziegler P. • München 323, 
1586,1846 

Zielleczky.1975 

Ziemann . . 1715,1716 
v. Ziemssen H.-München 

68,464 

Ziemssen O.-Wiesbaden 
813,1723 

Zimmermann G.-Dres- 
den . . . . 1685,8080 
Zimmermann V.-Greifs- 

wald.1974 

Zingerle.1762 

Zinn 246,288, 315,325,330, 
373,456,582,623,668,712, 
756, 801, 886,1060, 1107, 
1585, 1713, 1761, 1891, 
1926, 1973, 2014, 2057 

Zinno.248 

Zinsser . . 2175 

Zippel . • ... . 299 

Zirolia.1109 

Zoege v. Manteuffel . 201 
Zöpffel ...... 1518 

Zollikofer . . 624,1111 

Zorn.1014 

Zuckerkandl .... 949 

Zuntz.417 

Zupnik 202,946,1305,1665, 
1817,1818 

Zuppinger 33,74,1272,1819 

Zusch .491 

Zweifel . . 585,802,1663 
Zwickh.1013 


III. Sach-Register. 

fett gedruckten Ziffern bedeuten Originalartikel.) 


(Die 

8eite 

A. 

Abbildung, anatomische, von 1491—1543, 

von Klein . ..984 

Abdominalcysten, von Hedinger . . . 670 \ 
Abdominaltyphus s. a. Typhus. 
Abdominaltyphns, Statistik, Pathologie 
und Therapie des, von Kühn und 
Suckstorff 70, — und Schutzimpfung, 
von Birt 541, — in Südafrika, von 
Elliot undWashbourn 542, Piorkowski- 
sche bakteriologische Diagnose des 
—, von 8trada und Pasini 544, 
Ursache und Verhütung des — in 
Südafrika, von Turner 760, Diagnose 
des —, von Gibbes 978, nervöse 
Erscheinungen bei —, von Hoedl- 

moser.1018 

Abführmittel, direkte Injektion von, in 

den Darm, von Sheild.379 

Abgeordnetenhaus, österreichisches . . 510 
Abhärtung, sog., der Kinder, von Hecker 

1676, 1908 

Abort, Behandlung des, von Flatau 299, 
pathologisch-anatomische Beiträge zur 

Lehre vom —, von Hegar.1398 

Abortbehandlung, Prinzipien und Ge¬ 
fahren der, von Sellheim. 393 

Abszess s. a. Hamabszess, Harnröhre, 
Lungenabszess.Leberabszess.Douglas- 
abszesfljKleinhirn,Nasenscheidewand, 
Nierenabszess, Psoasabszess. 

Abszesse, gallenhaltige subphrenische, 
von Weiler 624, 60 Operationen sub- 


8eite 

phrenischer —, von Körte 677, sub¬ 
phrenischer —, von Reizenstein 944, 
doppelseitiger paranephritischer —, 

von Piltz. 1654 

Abwässer der Stadt Christiania, von 
Holst, Geirsvold und Schmidt-Nielsen 
539, Fettreichtum der—,von Schreiber 2096 
Abwasserreinigungsfrage, von Dunbar 

und Thumm.1467 

Accouchement forcö s. a. Dilatatorium, 
Muttermund. 

Accouchement forcd mittels Bossis Dila¬ 
tator, von Knapp 1515, — durch 
instrumentelle Aufschliessung des 
Muttermundes, von Knapp 1778, — 
mittels Metalldilatatoren, von Knapp 2016 
Acetonreaktion, Stocksche, von Zickler 461 


Acetonurie, von Waldvogel 583, von 
Kronheimer 2166, — in der Schwan¬ 
gerschaft, Geburt und im Wochen¬ 
bette, von Stolz.416 

Acetopyrin bei Gelenkrheumatismus, von 

Spuller. 328 

Acetylengas, Beleuchtung durch, in 
hygienischer Beziehung, von Masi . 1518 

Achondroplasie, von Cantlie.979 

Acliorion Schönleinii, von Bakorsky . 295 

Achylia gaBtrica, von Kuttner ... . 711 


Acqua acetosa, — santa, Acque albule 598 
Adam-Stokessche Krankheit, von Lewy 2157 
Addisonsche Krankheit, von Benno 136 , 
von Lange 1483, von Pancini und 
Benenati 1517, Behandlung der — 
mit Nebennierenkapseln, von Hirtz 1599 


Seite 

Adduktorenreflexe, gekreuzte, von Huis- 

mans.1867 

Adenin, Umwandlung des, im Organis¬ 
mus, von Nikolaier 421, 1854, — und 
Guanin im tierischen Organismus, 

von Schittenhelm.1273 

Adenoide Vegetationen, von Orescu 1547, 

von Freudenthal.1981 

Adenoide Wucherungen, Operation der, 

von Fein.1477 

Adenoma sebaceum, von Pezzoli 329, 
sekundäres;—jdes Ovarium, von 
Sauter 713, — malignum, von Her¬ 
mann .1470 

Adenomyom mit papillären Auflagerun¬ 
gen, von Wiener.2015 

Aderlass, von Desfosses und Martinet . 1767 

Adiposität, von Wolfring.466 

Adipositas dolorosa, von Papi .... 1433 
Adnexe, Behandlung eitriger Affektionen 
der, und des Beckenbindegewebes, 
von Jung.1777 


Adrenalin s. a. Nebennierenextrakt. 

Adrenalin, von Takamine 807, von 
Schubiger-Hartmann 1929, von Leh¬ 
mann 2048 , 4 von v. Poehl,|2066, 
von Darier 2108, — in der Oto- 
Rhino Laryngologie, von'.Moure und 
Brindel 891, von Rosenberg 891, 
von Vacher 891, von Lermoyez, 909, 
— in der Augenheilkunde, von Fer¬ 
dinands 978, von Kirchner 1247, Be¬ 
richt über —, von Merck 991, Ver 


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XXII 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


Seite 

suche mit —, von Bukofzer 991, — 
in der Augen-, Nasen- und Ohren¬ 
praxis, von Green 1155, — in der 
urologischen Praxis, von Frisch 1358 

— in der Lichtbehandlung des Lupus 

vonJamieson 1360, — in der Rhino 
Laryngologie, von Rode 1629, Be 
handlung der Hämoptyse mit — 
von Souqfes und Morel .2166 

Adrenalinglykosurie und verwandte 
experimentelle Glykosurien, von 

Herter und Wakemann.1847 

Adressbuch, Breslauer. 43 

Aerzte s. a. Approbation, Arzt, Augenärzte 
Berufsgeheimnis, Fortbildungskurse 
Fortbildungswesen, Gutachten, Hilfe 
ärzte, Invalidenversicherungsgesetz, 
Kassenärzte, Krankenhausärzte, Kreis 
ärzte, Postkrankenkasse, Rigorosen 
Ordnung, Schulärzte, Standesordnung 
Vereinigung, Versicherungskasse, Ver¬ 
sicherungswesen , Vertrauensärzte, 
Wasserkuren. 

Aerzte, Konflikt zwischen — und der 
Eisenbahn-Betriebs-Krankenkasse in 
Cannstatt 86, —, Wittwenkasse des 
Vereins zur Unterstützung hilfsbe¬ 
dürftiger invalider — in Bayern 87, 
Zulassung von — in Transvaal 87, 
die —, von v. Schullern 200, Ueber- 
zahl der — in Frankreich 213, Mit¬ 
wirkung der — bei Betätigung der 
sozialen Rechtspflege, von Miller 378, 
Wohlfahrts - Aktion der österreichi¬ 
schen — 302, Sonntagsruhe für — 

422, Streit der — in Cannstatt 431, 

— und Krankenkassen in Magde¬ 
burg 617, Mitwirkung der— bei Be¬ 
tätigung der sozialen Rechtspflege, 
von Müller 748, in Italien praktizie¬ 
rende ausländische — 823, fremde — 
in der Kapkolonie 823, Versammlung 
der mittelrheinischen — 824, Zulas¬ 
sung ausländischer — in Südafrika 824, 
Besteuerung der — für die Standes¬ 
vertretung 907, Vertreter theoretischer 
Fächer und praktizierende — 1076, 
Remunerationen für — in armen Ge¬ 
genden 1520, Kassen und — 1595, 
Stellung der — in der deutschen Ar- 
beiterversicherung, von v. Franken¬ 
berg 1625, — als sachverständige 
Zeugen 1821, Geschichte der Ver¬ 
sammlungen mittelrheinischer—, von 
Hoffmann 1848, Seelsorger und — 

1988, — und Kurpfuscher.2105 

Aerztefeind, alter.1361 

Aerztekammer und Krankenkassen 302, 
Oberpräsident und — 907, Erweite¬ 
rung der Disziplinarbefugnisse der 
österreichischen — 1077, aus den 
preussischen —, von Neuberger 1267, 
Verhandlungen der bayerischen — im 
Jahre 1901 1448, bayerische — 1686, 
Vorlagen zur bayerischen — 1781, 
Wiener — gegen neue Krankenkassen 
1821, Verhandlungen der bayerischen 

— im Jahre 1902 ......... 2113 

Aerztekamuiergesetz, neues österreichi¬ 
sches .1595 

Aerztekammertag, VII. österreichischer . 1595 
Aerztekammerwahl in Preussen .... 1987 
Aerztetag, mittelrheinischer 617, Dele¬ 
gierte zum— 736, mittelfränkischer — 

1079, 1781, — in Königsberg 344,1667, 

deutscher —.2186 

Aerztevereinsbund, Neuorganisation des 
deutschen, von Hartmann 1427, Ent¬ 
wurf der neuen Satzung für den 
deutschen — 1594, 1781, 1868, 1944, 

1987, von Drossbach 1660, Satzungen 

des —. . 2109 

Aerzteversammlung, allgemeine. . 1902, 2168 

Aerzte wagen.864, 1127, 1558 

Aerztezeitung, Deutsche. 48 

Aerztinnen, im Auslande approbierte . 427 
Aärztliches Einkommen, Statistik des, in 

Frankreich.213 

Aentliehe Ethik, von Moll.287 


Seite 

Aerztlicher Stand in Frankreich .... 1125 
Aerztliches Taschenbuch, von Heermann 414 
Aerztlicher Verein Nürnberg ..... 431 
Aetlierflnschenverschluss, selbsttätiger 

von Kurrer . . . . . * 2002 

Aetherrausch, Operieren im, von Sudeck- 
668, von Ehrich 1445, von Küttner 2158 
Aethertropfnarkose, von Hofmann . . 2014 
Aethylalkohol, Wirkung des, auf Mikro¬ 
organismen, von Wirgin 1231, bak¬ 
terizide Wirkung des —, von Weigl 1763 
Aethylchlorid als allgemeines Anästhe- 

ticura, von Marshall.205 

Aethylchloridnarkose, Maske zur, von 

Nieriker ..... 1861 

Aetios von Amida, von Wegsclieider . 1514 
Aetii sermo sextidecimus et ultimus, 

von Zervos.. . . 372 

Aetzsublimat, endovenöse Injektionen 

von, von Serafini . . . .649 

Agarboden, Wachstum der zwischen Bakt. 
typhi und coli stehenden Spaltpilze 
auf dem v. Drigalski-Conradischen, 

von Kayser.671 

Agglutination s. a. Gruber-Widal’sche Re¬ 
aktion, Widal'sche Reaktion, Praezi- 
pitine, Blut, Haemagglutination. 
Agglutination von Altobelli und Memrno 
460, Bedeutung anorganischer Salze 
für die — der Bakterien, von Jons 73, 

— der Tuberkelbazillen, von Rumpf 
und Guinard377, von Thelluog 1231, 

— roter Blutkörperchen, von KlenT^ 
716, — des Pneumokokkus, von 
Huber 756, - bei gemischter Infek¬ 
tion, von Castellani 849, Mechanismus 
der - , von Joos 1231, — bei Schar¬ 
lach, von Salge 1729, — von Schar¬ 
lachstreptokokken durch mensch¬ 
liches Serum, von Moser u. v. Pir¬ 
quet 1730, — von Streptokokken 
dorch Pferdesera, von Moser und 
v. Pirquet 1730, — der Streptokokken, 
von Meyer 1809, Untersuchungen 
über —, von Nicolle u. Trenel 1978, 
Differenzierung der Staphylokokken 
mittels der —, von Kolle und Otto 
2058, Differenzierung der Ruhrbazillen 
durch die —, von Martini und Lentz 

Agglutinationskraft in Foeten typhus 
kranker Mütter, von Jehle .... 
Agglutinationsphänomen, vonKöhler416 

— bei Malariakranken, von Lomonaco 

und Panichi.. 

Agglutinierende 8nbstanz in Bakterien 
filtraten, von Kraus und v. Pirquet 
Agurin, von Holle 775, von Rüge 1286 
—, ein neues Diuretikum, von Nasch 
2146, -, ein neues Theobromin 
präparat, von Cerwinka .... 
Akkommodation, Verhalten der, beim 
stereoskopischen Sehen, von Weiss 
Akne und der seborrhoische Zustand, 

von Schütz. 

Akromegalie, von Peters 904, von Corvini 

1434, von v. Rad. 

Akroparästhesien nach Trauma, von 

Sommer. 

Aktinomvces asterioides, von Mac Cnllum 
Aktinomykose s. a. Lungenakt., Perlsucht, 
Hautakt, Herz. 

Aktinomykose, von Merkel 552, Erreger 
der menschlichen —, von Doepke 
873, — in Frankreich, von Poncet 
und Berard 1075, — des Knochens, 
von Bollinger, von Sevdel 1939, — des 
Mastdarms mit Anus, von Thev4not 
1977, weniger bekannte Erscheinungs¬ 
form der menschlichen —, vonBrabec 2160 
Akustische Untersuchungen über Mit¬ 
tönen, von Dennert.980 

Alboferin, von Fuchs.419 

Albuminurie (Emulsions-i s. a. Urin¬ 
befund. 

Albuminurie, Mechanismus der, durch 
Eiereiweiss, von Ascoli 398, — in der 
Schwangerschaft, von Veit 1017, — 
bei der Geburt, von Zangemeister 1432, 
physiologische —, von Drewer 1720, 


2059 

889 

1066 

1232 

2160 

254 

295 

1551 

1716 

975 


Seite 

von v. Leube 1721, Veränderungen 
der Eiweissmenge etc. des Urins bei 
der —, von Daremberg und Moriez 
1976, zyklische —, von Scbaps . . 2016 
Albumosurie, myelopathische, von Brads- 

haw .191, 2160 

Aleppobeule, chirurgische Behandlung 

der, von Walzberg.582 

Alexie, von Mendel ..205 

Alex ine s. a. Milch, Zellgift. 

Alexinfrage, von Fobker.804 

Alexinwirkung, Beeinflussung der, durch 

Absorption, von Wilde.1471 

Alkalinurie, von Leo ..493 

Alkaloide, Vergleich der Methoden von 
Sta8-Otto u. Kippenberger zum Nach¬ 
weis von, von Weiss . . . .... 367 
Alkaptonurie, von Garrod 124, 204, kon¬ 
genitale —, von Garrod.245 

Alkohol s. a. Aethylalkohol, Ciliaten, 
Eiweissstoffwechsel. 

Alkohol, Sero-Antitoxizität des, bei der 
Tuberkulose und die Anwendung des 

— in der Therapie der Tuberkulose, 
von Mircoli 553, Einfluss des — auf 
den Organismus, von Rosenfeld 755, 
Einfluss des — auf den Eiweissstoff¬ 
wechsel bei Fiebernden, von Ott 757, 
Wirkung des — auf den Körperhaus¬ 
halt, von Valentino 851, — zur Des¬ 
infektion d. laryngoskopisch. Spiegels, 
von Heschelin 891, Einwirkung des — 
auf den Stoffwechsel, v. Clopatt 1664, 
Einfluss des — auf die Blutzirkulation, 

von Swientochowsky.. . 1713 

Alkoholdämpfe, desinfizierende Wirkung 

der, von Seige.714 

Alkoholismus s. a. Geisteskrankheiten, 
Trinker, Trunksucht. 

Alkoholismus, von Laborde 1319, Hygiene 
des —, von Delbrück 31, 127, die 
Schule gegen den —, 597, Geistes¬ 
störungen auf dem Boden des chro¬ 
nischen —, von Luther 936, — im 
Kindesalter, von Grosz 1107, — in 
Rumänien, von Urechia 1112, Mass- 
regeln gegen den —, 1247, — in 

London, von Galli.1485 

Alkoholmissbrauch, Aufruf gegen den, 

303, — beim niederen Eisenbahn- 
personal und dessen Verhütung, von 
Raab 1638, Geisteskrankheiten durch 

—, von Jones.2162 

Allgemeinerkrankung, lokale Behandlung 

chirurgischer, von Lexer .... 2181 
Alopecie, experimentelle, von Bettmann 
123, — areata, von Squire 1154, von 
Wintemitz 1868, Phosphor bei der 
Behandlung der — areata, von Bia- 

lobschesky.1477 

Alter, biologische Studien über das, von 

Metschnikoff.587 

Altersstar, intrakapsulfire Resorption des, 

von Lindahl.2155 

Altona, statistische Mitteilungen über 
Gesundheitsverhältnisse von, von 

Sehroeder . ..1779 

Alvarenga-Preis.1871 

Amblyopie, marantische, u. Asthenopie, 

von Klein .889 

Ambozeptoren, Erzeugung hämolytischer, 
durch Seruminjektion, vonMorgenroth 
1033, von Müller . . . ...... 1330 

Ambozeptoren Wirkung,Mechanismus der, 

von Ehrlich u Sachs.937 

Amenorrhoe phthisischer Frauen, von 
Neumann 1313, essentielle —, von 

Henrotay.1897 

Ammoniak, Aufnahme von, von Lehmann 

n. Gast.289 

Amoebenenteritis, von Ucke539, von Zorn 1014 
Amputation s. a. Blutvergiftung, Phlegmone. 
Amputationen, Nachemplindungen nach, 
von Hilger 1284, von Hilger u. von 
der Briele .... . . . . • . 1714 

Amputationsstümpfe, tragfähige, von 
Eiseisberg 469, von Wilma 1272, Trag¬ 
fähigkeit der —, von Honsell 628, 

— nach Bier, von Friedrich .... 1403 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXlli 


Seite ; 

Amtsärzte, Anstellungs Verhältnisse der 

k. bayer., von Heissler 1362, von ! 

Drossbach .... . 1542' 

Amtsärztinnen in Bosnien.2186 j 

Aiuyloform, von Lepa.262 

Amyloid und Hyalin in filtration am Zirku¬ 
lation«- und Digestionsapparnt, von 

Steinhaus.1355 

Amyloidentartung, Häufigkeit der, von 

Zahn. 49 

Anuemia infantum pseudoleucaemica 
Jak sch, von Keraberger 158, — Be¬ 
handlung schwerer — gastrointesti¬ 
nalen Ursprungs, von Perutz 97 , 
rezidivierende schwere —, von Breuer 
1165, durch Bluttransfusion geheilte 
perniziöse —, von Ewald 1277, Oedem 
bei —, von Houstonl359, perniziöse —, 
von v. Decastello 34, von Hamei 805, 
von Reckzeh 1314, Diagnose der 
perniziösen — aus dem hämatolo- 
gischen Bild, von Körmöczi 117, Stick- 
stoöumsatz bei perniziöser —, von 
Bernert und v. Stejskal 1313, Be¬ 
ziehungen zwischen perniziöser — und 


Magendarmkanal, von Strauss . . . 1516 
Anaeroben, Züchtung der, von Hammerl 
976, Biologie der —, von Koninski 
1894, pathogene—, von 8ilberschmidt 2059 

Anaerobenkultur von Turro.377 

Anaerobenzüchtung, von Rivas . . . 2059 


Anästhesie s. a. Injektion, Kokain, 
Rückenmark, Rückenmarksanalgesie, 
Tropakokain - Analgesie, Analgesie, 
Medullamarkose.Spinalkokainisirung, 
Narkose. 

Anästhesie mit subarachnoidalen Kokain¬ 
injektionen, von Kallionzis76, hypno¬ 
tische —, von Dona 1019, Indikationen 
der verschiedenen Arten von —, von 
Chaput 1245, allgemeine — mit 
Chloraethyl, von Malherbe und Roubi- 
nowitach 1319, spinale —, von Lea 
1361, allgemeine totale —, von Köster 
1442, verschiedene Arten chirurgischer 
—, von Chaput 1475, — mit Chloräthyl, 
von Le Dentu 1942, medulläre —, 

von Zahradnicky. 2097 

Anftsthesin, von Spiess 1611, — von Hart¬ 
mann 1783, - (para-Amidobenzoe - 

säure-Ester) als lokales Anäathetikum, 
von v. Noorden 758, — in der Wund¬ 
behandlung, von Lengemann . . . 974 
Anästhesirung mit alkohol. Kokain¬ 
lösung bei Operationen in der 
Nase etc., von Wröblewski .... 891 
Anästhetika, Heilwirkung der, von Spiess 415 
Analfisteln, Genese der, von Tavel 538, 
angeborene —, von Bartholdy . . . 583 
Analgesie, Operationen unter spinaler, 

von Littlewood.1850 

Anatomie, Lehrbuch der vergleichenden 
— der wirbellosen Thiere, von Lang 
198, Grundriss der pathologischen —, 
von Schmaus 243, Archiv und Atlas 
der normalen und pathologischen — 
in typischen Röntgenbildem, von 
Oberst 286, 973, Atlas der mikro¬ 
skopischen —, vonSobotta621, patho¬ 
logische — des kindlichen Alters, 
von Steffen 622, spezielle patholo¬ 
gische —, von Ziegler 1310, Grund¬ 
züge der allgemeinen —, von Reinke 
1844, Begründung der modernen — 
durch Leonardo da Vinci, von Jack- 
schath 1897, Einführung in die physi¬ 
kalische —, von Triepel 1971, Duvals 
Grundriss der — für Künstler, von 


Gaupp. . 2013 

Anchylostomiasis, von Goldmann . . . 1673 

Anencephale, von Simmonds.208 

Anencephalie, von Wiehura.1515 


Aneurysma e. a. Aorta, Aortenaneur., 
Dilatationsaneur., Herzaneur. 

Aneurysma, von Denecke 120, von 
Klemperer 506, — aortae ascend, 
von Ziegenhagen 84, Durchbruch eines 
— der Aorta deecendens, von Rhein- 


Seite 

hold 200, — der Carotis, von Völker 
210, — der Pulmonalarterie, von Krays- 
zkowski 202, von Wiczkowski 249, 

— der Brustaorta, von v. Criegern 33-i, 

— arterio-venosum der I'ossa poplitea 
von Barendrecht 625, — dissecans des 
Oesophagns, von Minkowski 730, — 
der Art. anonyma, von Bonheim 856, 

— aortae, von Unverriclit 858, von 
Harmsen 1014, Behandlung der — 
durch proximale Ligatur, von Birt 
978, — varicosum der V. saphena 
magna, von Hahn 1123, Statistik der 
operativ behandelten —von Jacobsthal 
1150, chirurgische Behandlung des 

— arteriovenosum, von Treves 1233, 
Spontanheilung von —, von Körner 
1404, — varicosum eines Saphena- 
lustes als Schenkelbruch fehldiagnosti¬ 
ziert, von Hahn 1538 , — der Art. 
subclavia, von Stonham 1630, — der 
Art. hepatica, von Sommer 1665, Lehre 
von den —, von Mager 1722, Behand¬ 
lung der traumatischen arteriell¬ 
venösen —, von v. Bergmann 1941, 

— des rechten Sinus Valsalvae aortae, 
von Kraus 2066, — der Aorta thoraciea, 
von Heinlein 2165, — der Anonyma, 

von Ballance.2161 

Aneurysmensymptom, von Dorendorf . 1358 
Angina, erythematüse Eruption bei der, 
und Stomatitis, von Simonin 84, — 
ulcero membranacea, von Chauffard 
u. Siredey 169, von Manicatide und 
Vranialici 673, — diphtheroides, von 
Graupner 727, Methylenblau bei der 
Behandlung der Vincentschen —, 
von Siredey 891, Aetiologie der — 
typhosa, von Bendix 1018, — Vin- 
centi s. diphtheroides, von Lämmer¬ 
hirt 1111, — chronica lacunaris, von 
Seifert 1548, — mit Tetragonus, von 
Carriöre 1765, Aetiologie der —, 
von Bonhoff 2096, Beziehungen der 

— tonsillaris zur Entzündung des 
Wurmfortsatzes, von Weber . . . ■ 2171 

Angina pectoris s. a. Stenokardie. 

Angina pectoris bei Aortitis syphilitica, 

von Benenati.. . 1979 

Angioma, intramuskuläres kavernöses, 
von Strauch 415, — placentae, von 
Hoehl 1024, — art. racemosum, von 

Deetz.1356 

Angiome und ihr Zusammenhang mit 
Karzinomen, von Gebele 139 , Al 
koholinjektionen bei inoperablen —, 
von Honsell 247, Verwertung der — 
für die Diagnose des Karzinoms, von 
Reizenstein 413 , Entzündung in —, 
Chiari 624, diagnostische Behandlung 
der — der Haut, von Rosenbaum 658 , 


senile — der Haut, von Raff . . . 745 
Angiosklerose der Darmarterien, von 

Ortner •.1895 

Anguillula intestinalis, — von Kurlow . 1017 
Anilinfarben als Eiweissfällungsmittel, 

von Heidenhain . . . . 437 

Ankylose des Knöchelgelenkes, von 

Haffner.385 

Ankylostoma duodenale, von Jaksch . 1867 
Annalen der stftdt. allgemeiuen Kranken¬ 
häuser zu München, von v. Ziemssen 68 

Annoncen .... 1595 

Anopheles s. a. Malariamücken. 

Anopheles, ven Dönitz 1626, — claviger, 
von Martirano 73, — in malariafreier 
Gegend, von Sergent 77, — und Ma¬ 
laria in Palästina, von Cropper 979, 
Larven von — und Culex im Winter, 
von Galli Vallerio und Rochaz . . 1894 
Anstalt zur Aufnahme u. Pflege schwer 
und unheilbar Kranker ... . 1686 

Anthrakase-Immunproteldin, von Em¬ 
merich, von Thönnesson. 2059 

Anthrax s. a. Milzbrand. 
Anthrax,nekrotischerZerfall des Skrotums 
und Präputiums infolge —, von Geiger 1930 


Seite 

Antiarin, Wirkung von, auf das Hera, 

von Rümke.1767 

Antifermente, von Weinland.1204 

Antihaemolysino, natürliche, von Bes- 

redka . 76 

Antikörperbildung, von Klein.1275 

Antimorphin 2030, von Emmerich . . 1400 

Antispermotoxin, von Weichardt . . . 293 

Antisputol, von Gertler .495 

Antistreptokokkenserum s. a. Endokar¬ 
ditis, Puerperalfieber, Streptokokken. 
Antistreptokokkenserum, Wirkung des, 
von Tavel 7*2, — bei Puerperalfieber, 
von Makuna 1155, — von Godwin 
1851, akute Sepsis und —, von Ger- 
rard 1861, — hei Scharlach, von 

Baginsky.1899 

Antityphusextrakt Jez's, von Markl . . 156 

Antivenene Calmette s. 36 

Anus, Behandlung der Fissur des, von 
Gussenbauer 117, Behandlung des 
Prolapsus des — der Kinder mit 
Paraffininjektionen, von Karewski . 1722 

Anzeigepflicht.126 

Anziehungskraft, magnetische, von F4rö 1976 
Aorta, Stenose der, von Revenstorf 385, 
Aneurysma der —, von Hochhaus 
636, angeborene Enge der —, von 
Hochhaus 636, enge —, von Bändel 
1014, Hypoplasie der — als Ur¬ 
sache von Aneurysmen,von Dickinson 1632 
Aortasklerose, Pathogenese der, von 

v. Korczynski.1112 

Aortenaffektionen, rhythmische Kopf¬ 
bewegungen bei, von Valentino . . 
Aortenaneurysma, von Marchiafava 173, 
von Pfeiffer 299, von Pick 426, von 
Rohde 943, von Bändel 944, — 
Diagnose des —, von v. Schrötter 
1628, Behandlung der — mit Ge¬ 
latineinjektionen, von Halpern 
Aortenerkrankungen, von Heller . 
Aortenklappe, Zerreiesung der, von 

Schmidt. 

Aortitis abdominalis, von Teissier . . 
Aphasie, subkortikale sensorische, von 
Strohmayer 211, 1471, — mit Agra- 
phie und Alexie, von Risch 1109, 
Rückbildung motorischer —, von 
Bonhoeffer 1312, subkortikale reine 
—, von Nardi 1316, — und andere 
Sprachstörungen, von Bastian . . . 1845 
Aphthongie, von Steinert 1132 , 1149 , von 

Becker . . 1265 

Aponeurosis, Retraktion der, palmaris bei 

Geisteskranken, von F6rö u.Francillon 1765 
Apoplexie, meningeale, von Nothnagel 1275 
Apotheke s. a. Krankenhausapotheke, 
Handapotheke. 

Apotheke, Zulassung von Frauen zur 

Lehre in eine,.990 

Apothekenboykott,' Beilegung des, in 

Berlin.1733 

Apothekenfrage.889 

Apothekenkonzessionen.1405 

Apotheker, Schlag für die — Oester¬ 
reichs . 2029 

Apparat zur Veranschaulichung von Laut- 

zeicben, von Sinell. 943 

Apparatbehandlung, orthopädische, von 

Wagner. 1025 

Appendix, Perforation einer, in einer 

Hernie, von Hall.. . 1361 

Appendizitis s. a. Blinddarm, Perityphli¬ 
tis, Wurmfortsatz. 

Appendizitis, von Simonin 169, — von 
Dieulafoy 1404, — acuta, von Laurie 
37, subphrenische Abszesse nach —, 
von Eisberg 380, zweiseitige Ope¬ 
ration bei —, von Riedel 586, sekun¬ 
däre Entfernung der Appendix nach 
—, von Battle 642, chirurgische In¬ 
dikationsstellung bei —, von Wette 
583, — tuberculosa, von de Josselin de 
Jong 625, Lungenkomplikationen bei 
—, von 8onnenburg 678, neue Erfah¬ 
rungen über —, von Sprengel G78, 


1474 


1712 

1591 

1552 

819 


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XXIV 


— chronica, von Lenzmann 715, — 
perforativa in einem Schenkelbruch, 
von Münch 716, Gangraen des Coe- 
kums durch —, von Lenzmann 723, 

— im Bruchsack, von'Fraenkel 1026, 

Prognose und Therapie der —, von 
Heaton 1235, Fehlen der typischen 
Dämpfung bei —, von Riedel 1357, 
diffuse adhäsive Peritonitis infolge 
—, von Karewski 1430, Magenblutung 
bei —, von ‘Nitzsche 1430, — bei 
Linkslagerung des Coeknm, von Da¬ 
mianos 1474, Frühoperation bei —, 
von Payr 1511, Behandlung der —, 
von O’Conor 1632, — und Traumen, 
von Erdheim 1665, — obliterans, von 
Faber 1768, — mit pleuritischen Me¬ 
tastasen, von Guinard 1980, chirur¬ 
gische Behandlung der —, von Broca, 
von Sonnenburg, von Galtet 1981, 
Verhalten der Leukocyten bei —, von 
Coste 2038, — und Leberabszess, von 
Koch 2103, medizinische Behandlung 
der —, von Burnet. 

Appendizitisfrage, von Deaver .... 
Appendizitiskomplikationen, vermeid¬ 
bare, von Ochsner . 

Approbation, Entziehung der. 

Apraxie, von Liepmann. 

Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesund¬ 
heitsamt 459, 714, 757, 1152, 1763, 

— aus dem neurologischen Institut 

der Wiener Universität, von Ober¬ 
steiner . 

Arbeiter, systematische Untersuchung 
von, in gefährlichen Betrieben, von 

Alcock. 

Arbeiterheilstätten, neue, in Berlin . . 
Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen, Mu¬ 
seum für, in München. 

Arbeitsfähigkeit, teilweise und verän¬ 
derte, von Hoeflmayr. 

Arbeitekurve, von Kraepelin . . . 
Arbeitsmethoden f. organisch-chemische 
Laboratorien, von Lassar-Cohn . . . 
Archipel, der malayische, und die Ge¬ 
schichte seiner Tierwelt, von Weber 
Archiv, Gründung des Deutschen, für 
klinische Medizin, von Hauser 344, 
von Moritz 398, deutsches — für 
klinische Medizin 70, 200, 490, 848, 
1013, 1229,1805, — für klinische Chi¬ 
rurgie 32, 325, 456, 537, 582, 886, 933, 
1062, 1270, 1429, 1511, 1891, - für 
Gynäkologie 373, 416, 756,1431, 1514, 
2179, Virchows — für pathologische 
Anatomie 154, 670, 848, 936, 1230, 
1587,1626,1847,1927,2017,2170 - für 
Hygiene 289, 376, 538, 804,1109,1313, 
1471, 1663, 1763, 1808, 1893, 1928, 
20%, — für Psychiatrie und Nerven¬ 
krankheiten 374, 585, 1470, 1762, — 
für Kinderheilkunde 33, 247, 668, 
1107, 1515, 2016, — für Verdauungs¬ 
krankheiten 289, 1107, — für expe¬ 
rimentelle Pathologie und Pharma¬ 
kologie .... 375, 756, 1273, 1313, 
Aretaeus von Cappadocien, von Koss- 

mann.. 

Argentum colloidale Cred4, antiseptischer 

Wert des, von Cohn. 

Aristochin, ein geschmackloses Chinin¬ 
derivat, von Stursberg ....... 

Arrhenal, von Gautier 905, -, von Cochez, 
von Fontoynont 1598, Behandlung 
der Malaria mit —, von Gautier 1076, 

— bei Tuberkulose. 

Arsen s. a. Ciliaten. 

Arsen, biologische Methode Gosios zum 
Nachweis des, von Maassen .... 

Arsenhämol, von Matzner. 

Arsenik, Gehalt des Organismus an —, 
von Bertrand 1364, therapeutischer 
Wert des —, von Stockmann 1555, 
Untersuchung des im Organismus vor¬ 
handenen —, von Bertrand 1978, — 
im tierischen Organismus, von Ber¬ 
trand . 


IM ALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


Seite 


2160 

1935 

306 

127 

1200 


800 

1555 

1900 

1824 

1465 

940 

1190 

1670 


1848 

1865 

2059 

1879 

1364 


757 

1407 


2105 


Seite 

Arsenikdermatosen, von Rille.759 

Arsenikgebrauch, Hautaffektionen nach 

innerem, von Bettmann.295 

Arsenikkrebs, von Hutchinson .... 1851 
Arseniktherapie, Modifikation der sub¬ 
kutanen, nach Ziemsseü-Speth, von 

Jesionek .... .1254 

Arsenikvergiftungen in Manchester . . 1592 

Artemia salina, von Hecker.422 

Arteria pulmonalis, Sklerose der, von 

Marchiafava.173 

Arterienspannung, Kaliumnitrat u. -Nitrit 
bei chronischer Steigerung der, 

von Brunton.758 

Arterienverletzung bei Verrenkung des 

Oberarmes, von Körte.583 

Arterienwand, Knochenbildung in der, 

von Münckeberg.849 

Arteriosklerose, von Bollinger 641, von 
Adler 1016, von Donner 1270, Be¬ 
ziehungen der— zu Erkrankungen des 
Gehirns, von Windscheid 212, 345, 
neuere klinische Gesichtspunkte in 
der Lehre von der —, von Grassmann 
347, Behandlung der — mit Serum 
Trunecek 543, Jodwirkung bei —, 
von Jodlbauer 642, 653, isolierte 
Verkalkung der Elastica interna bei 
—, von Matusewicz 714, Aetiologie 
und pathologische Anatomie der —, 
von Albrecht 731, gastrointestinale 
Störungen bei —, von Neusser 1628, 

— und Commotio cerebri, von Apelt 1770 
Arthritis, durch Pneumokokken be¬ 
dingte, von Raw 379, puerperale — 

der Beckengelenke, von Lop 588, 

— gonorrhoica, von Markheim 848, 
eitrige — im Verlauf der Broncho¬ 
pneumonie, von Bichat und Goepfert 1977 

Arthropathien, tabische, von Donath . 1849 
Arzneibücher, gedruckte deutsche, von 

1500, von Sudhoff.1931 

Arzneien, s. a. Rezepte. 

Arzneimittel, Einführung und Begutach¬ 
tung neuer, durch die medizinische 
Fachpresse 127, Verkehr mit — 1030, 
Nebenwirkungen der —, von Brunton 1555 
Arzneimittellehre, Unterricht in der, 
von Cloetta 25, Atlas der —, von 
Tappeiner 973, Lehrbuch der — von 

Cloetta-Filehne.1012 

Arzneitaxen.600 

Arzneitaxordnung 990, bayerische — . 175 

Arzneiverordnungen in der Kinder¬ 
praxis, von Guttmann.414 

Arzt, s. a. Aerzte, Amtsärzte. 

Arzt und Krankenkasse, von Lechler 168, 

882, welche Aussichten hat heute 
der junge —? von König 287, straf¬ 
rechtliche Verantwortlichkeit des — 
im Altertum, von Preuss 489, Ver¬ 
urteilung eines — wegen fahrlässiger 
Körperverletzung durch ein Intra- 
uterin-Pessar, von Keferstein 1016, 
Studium u. Beruf des —, von Moritz 
1147, — und Unfallgesetz, von Müller 
1462, Bekenntnisse eines —, von 
Weressajew 1468, Antwort auf die 
Beichten des — W., von Kuby 1469, 

— und Apotheker 1594, Buchführung 
des praktischen —, von Heinrich 1943, 

— und Untersuchungsrichter . . . 2168 

Arztwagen. 864, 1127, 1558 

Arztwahl, freie, in Rostock.904 

Asbestgegenstände für die Kranken¬ 
stube, von Kornfeld.119 

Asepsis u. Antisepsis in der operativen 
Geburtshilfe, von Eberhart 80, — der 
Hände während der Operation, von 

Hermann.116 

Aseptische Operationen, Verwendung 
von Gazeschleiern bei, von Wenzel 887 
Askarideneier im menschlichen Kot, von 

Miura und Mishiuchi.1894 

Askaris, Reflexkrampf bei, lumbricoides, 
von Naab 792, — lumbricoides in der 

Harnblase, von Schlüter.1685 

Aspergillussporen, Absterbebedingungen 
der, von Lode.539 


Seite 

Aspirationsdrainage, Bülausche, von 

Oloff .1515 

Aspirationstrachealkatheter, von Eichler 1639 
Aspirin, von Merkel 357 , von Görges 
946, von Lehmann 1400, von Suess 
1991, Erfahrungen über —, von 
Wielsch 250, Nebenwirkung von — 

von Hirschberg.1018 

Asterol, von Baer.1629 

Asthma, sein Wesen und seine Behänd 
lung, von Brügelmann 286, — dys 
pepticum, von Einhorn 1355, subku 
tane Atropininjektionen gegen —, von 
Campanella 1811, nasale Behandlung 

des —, von Francis.1868 

Asthmaanfall, Theorie der Entstehung 

des, von De Luca.462 

Asystolia hepatica, von Alberta .... 1065 
Aszites, chirurgische Behandlung des, 
von Ito u. Omi 246, — chylosus, von 
Pagenstecher 415, 848, Kompression 
des Abdomens bei —, von Knox . 2161 
Aszitesbehandlung, operative, von Müller 537 
Ataxie s. a. Friedreichsche A. 

Ataxie, hereditäre, von Stein 541, Theorie 
und Therapie der tabischen —, von 
Haenel 941, akute zerebrale und 
zerebrospinale —, von Lüthje . . . 1974 
Atheromcyste, intraabdominelle, von 

Hauser.2165 

Atlas der normalen u. patholog. Anatomie 
in Röntgenbildern, von Oberst 286, 

973, — der Psychiatrie, von Weygandt 
287, — der Radiographie der Brust¬ 
organe, von Weinberger 323, stere 
oskop.-photographischer — der patho¬ 
logischen Anatomie des Auges, von 
Elschnig 490, — der gynäkologischen 
Operationslehre, von Schaeffer 535, 

— u. Grundriss der Histologie und 
mikroskop. Anatomie von Sobotta 
621, — der Krankheiten der Nase 
ihrer Nebenhöhlen und des Nasen 
rache nraums, von Gerber 668, — u 
Grundriss der Krankheiten der Mund 
höhle, des Rachens und der Nase 
von Grünwald 755, — der Hautkrank 
heiten, von Mracek 1428, Stereo 
skopischer medizinischer —, von 
Neisser 1468, — der Markreifung des 
Kindergehims, von Vogt 1544, stereo¬ 
skopischer medizinischer — der Gynä¬ 
kologie, von Küstner 1760, — und 
Grundriss der Nervenkrankheiten, 

von Seiffer.1973 

Atmen, sakkadiertes, von Henssen . . 1807 
Atmokausis, von Falk 808, Verhältnis 
der—und Zestokausis zur Kürrettage, 

von Pincus .2158 

Atmung und Kreislauf, mechanische 
Nebenwirkungen von, von Buttereack 
586, Beziehungen zwischen Bauch — 
u. Brust—, von Gutzmann 813, neue 
Methode der künstlichen —, von 

Antonescu.1546 

Atmungsanomalien im Kindesalter, von 

Gregor.1819 

Atmungsbahnen, spinale, von Rothmann 1020 
Atmungsgrösse, Einfluss des Windes auf 
die — des Menschen, von Wolpert 1109 
Atrabilin in der Urologie, von Gold¬ 
schmidt .1764 

Atresia ani praeputialis, von Stieda . . 1518 
Atrioventrikularklappen, funktionelle 
muskuläre Insufficienz der, von Fuchs 79 
Atrophia idiopath. cutis progress., von 
Riehl 164, von Fendlau 936, — nervi 
optici hereditaria, von Velhagen 941, 

— des M. deltoideus, von Hasebroek 1900 
Atropin bei Bleikolik, von Weber 704 , 

Darmwirkung des —, von Ostermaier, 

1496 , 1888 , von Aronheim 1748 , wei¬ 
tere Bemerkungen über —, von Gebele 
1746 , Erklärung der Darm Wirkung 
des — mit Rücksicht auf dessen An¬ 
wendung beim Ileus, von Pal . . . 1954 
Atropininjektion, von Mansbach . . . 904 
Atteste, Honorirung ärztlicher .... 215 
Aub-Denkmal . . . .... . 1903 


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oogle 




















































1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXV 


Seite 

Augapfel, Diagramm der Wirkungsweise 
der Bewegungsmuskeln des, von 
Elschnig.1516 

Auge s. a. Sehapparat. 

Auge, Verrostung des, von Neuburger 82, 
von Weill 300, Aplasie des —, von 
Oppenheimer 205, Beziehungen des 
— zur Immunität, von Römer 300, 
Neurologie des —, von Wilbrand u. 
Saenger 371,Atlas der pathol. Anatomie 
des —, von Elschnig 490, Kalkver¬ 
letzungen des — im Baugewerbe, 
von Hoppe 497, Prophylaxe der 
septischen Infektion des —, besonders 
seiner Berufsverletzungen, von Axen- 
feld 1889, 1394, indirekte Schussver¬ 
letzungen des —, von Yarr 1593, 
Schutz- und Deckmittel für die —, 
von Emmert 1628, Entfernung von 
Fremdkörpern aus dem —, von Haab 1935 

Augenärzte, freie Vereinigung Breslauer, 

43, 176, 509 

Augenärztliche Unterrichtstafeln, von 


Magnus.1429 

Augenblennorrhoe, Therapie des Regen¬ 
bogenhautvorfalles bei, von Falta . 1629 
Augencliirurgie, von Franke.501 


Augenentzündung, Verhütung der, der 
Neugeborenen durch Cred&sierung, 
v. Leopold 1433, — der Neugeborenen 
und der Gonokokkus, von Schanz 2067 
A ugenheilkunde,Handbuch der gesamten, 

von Graefe-Saemisch.31, 847 

Augenheilmittel, die neueren, von Ohle- 

mann.1890 

Augenhintergrund, Photographie des, 
von Thomer 1848, von Dimmer . . 2097 
Augenhöhle, Krankheiten der, von Fiser 117 
Augenklinik, Mitteilungen aus der, zu 

Stockholm, von Widmark.2155 

Augenlider, gutartige Gangraen der, von 

Roger und Weil.292 

Augenmuskellähmungen nach Blutver¬ 
lusten, von Neuburger.903 

Augentropfwasser, Sterilisation von, von 

Dian .... 892 

Auskultation s. a. Streichauskultation. 
Auskultation des Respirationsapparates 
nebst Bemerkungen zur Pathologie 
der Lungenphthise, von Rosenbach 131 
Auskunftestelle des D. Aerztevereins- 

bundes in Hamburg.262 

Ausstellung Prof. Kleins.1991 

Auszeichnung v. Bergmanns.2l5 

Autolyse der Plazenta, von Mathes 33, 
Bedeutung der —, von Müller 764, 

— in Punktionsflüssigkeiten, von 
Schütz.2014 

B. 

Babinskischer Zehenreflex, von Bickel 1893 

Baccelli und seine Gegner.172 

Backhausmilch, Zusammensetzung der, 

von Hartung.1152 

Bäckergewerbe vom hygienischen Stand¬ 
punkt, von Emmerich.1679 

Bad s. a. Bäder, Dauerbad, Solbäder, 
Kohlensäurebäder. 

Bad Brückenau 775, König Otto-Bad 

Wiesau.775 

Baden, Schwefelthermen von, von Roeth- 

lisberger.536 

Baden-Baden, Beobachtungen aus dem 
Landesbad in, von Neumann . . . 493 

Badewanne, von Jacob.160 

Badewasser, Eindringen von, in die 

Scheide, von Hertzka. 2095 

Bäder, Einfluss von, und Douchen auf 
den Blutdruck, von Müller 640, 814, 
Wirkung verschiedener —, von Win- 
ternitr 1013, — als Infektionsquelle, 
von Wintemitz 1599, Zweckmässigkeit 
der — bei Schwangeren und Ge¬ 
bärenden, von Hertzka. 2095 

Bakterien s. a. Mikrokokkus, Darmbak¬ 
terien ,Krankheitaerreger,Erkrankung, 


8eite 

Keime, Agarboden, Typhusbakterien, 
Mikroorganismen, Anaeroben. 

Bakterien, von Schmidt und Weis 1466, 

Bau der —, von Ascoli 73, säure¬ 
feste —, von Moeller 2'->5, von Lich- 
tenstein 421, Vorkommen des — coli, 
von Papasotiriu 290, Babes-Ernstsche 
Körperchen und Virulenz bei —, von 
Gauss 327, neues, Eiterung hervor¬ 
rufendes —, von Stefansky 327, 

— phasianicida, von Klein 327, Al¬ 
kali- und Säure Produktion der —, von 
Rolly 376, Verhalten des — coli 
commune, von Pfaundler 376, Zersetz¬ 
ung der Nitrate und Nitrite durch —, 
von Maassen 459, Differentialdiagnose 
verschiedener — durchSerumreaktion, 
von Voges 1017, Fixation von — an 
Deck- oder Objektgläser, von v.Wendt 
1017, Infektion en von gasbildenden —, 
von Albrecht 1062, Begeisselungder —, 
von Meyer 1110, Beziehungen der 
Babes-Ernstschen Körperchen zur Vi¬ 
rulenz der —, von Schumburg 1110, 
Eindringen der — der Inspirations- 
luft in die Lungen, von Paul 1472, 
Vorkommen von — in den Lungen 
gesunder Tiere, von Quensel 1472, 
Stickstoff sammelnde — und ihre Be¬ 
deutung für die Landwirtschaft, von 
Jacobitz 1604, Bedeutung derKalzium- 
salze für —, von Gabritschewsky 1544, 
anaerobo — des Menschen, von 
Weichselbaum, Golm und Sachs 1715, 
reduzierende Wirkungen der —, von 
Cathcart und Hahn 1763, anaörobe — 
und ihr Vorkommen bei fötiden Eite¬ 
rungen, von Wallgren 1847, — Bris- 
tolense, von Klein 1975, Abtötung 
pathogener — imWasser mittels Ozon, 
von Schilder und Proskauer 1893, 
kleinste — und das Durchwachsen 
von Filtern, von v. Esmarch 1894, 
säureliebende — im Stuhl des er¬ 
wachsenen Menschen, von Cipollina 
1894, Untersuchung einiger - mittels 
Phenolphthaleinnährböden, von Ziel- 
leczky 1975, tinktorielles Verhalten 
des — pestis, von Horniker 2097, 
Gewinnung der Stoffwechselprodukte 
der —, von Levy und Pfersdorff 2097, 
Steigerung der Virulenz der —, von 


Walker.2161 

Bakterienart, neue, im Sputum, von 

Jehle .. . 1472 

Bakterienfilter, einfaches, von Silber¬ 
schmidt .... .1461 

Bakterienflora des Nasenainus und des 
Mittelohrs, von Colamida u. Bestarelli 1715 
Bakterienverdauung, von Turro .... 1357 
Bakterien Virulenz, Wesen der, von Pfeiffer 

und Friedberger.1110 

Bakteriohämoagglutinine und Antibiimo- 

agglutinine, von Kraus.249 

Bakteriologie s. a. Centralblatt. 
Bakteriologische Diagnostik, von Matzu- 

schita.2156 

Bakteriologische Untersuchungen, Ein¬ 
richtungen für, von Kasparek 1627, 
Erlass über — in Bayern ... .2110 

Bakteriurie bei Kindern, von Poscharyski 
33, — von Mellin 1770, — vesicalis 
postgonorrhoica, von Goldberg . . . 582 

Balantidium coli, pathogenetische Bedeu¬ 
tung des, von Henschen .... 289 

Balkenblutung, von Infeld.1018 

Ballonbehandlung, intrauterine, in der 
Geburtshilfe, von Zimmermann . . 1974 
Balneologen-Kongress, 23., 47, 24. . . 1871 
Bandwurmmittel, Wirksamkeit verschie¬ 
dener, von Sobotta.1487 


Bantische Krankheit, von Pribram 461, 
von Chiari 1112, von Barr 1850, 
Splenektomie und Talmasche Ope¬ 
ration bei der —, von Tansini 1271, 

1978, Chirurgie und Organtherapie bei 
—, von Shiassi.1810 


1506 


1364 

1775 


Seite 

Banti scher Symptomenkomplex, von 

Hocke.715 

Barlowsche Krankheit, von Salge 1067, 
von Neumann 1114, Therapie der —, 

von Bolle.1761 

Bartholinitis, von Hügel.295 

Basch, zum 65. Geburtstage Prof, v., 

von Strubell. 

Basedowii morbus s. a. Struma. 

Basedowsche Krankheit, Antithyreoidin- 
behandlung der, von Schultes 834, 
Serumbehandlung der —, von Goebel 
835,853, Resektion des Sympathikus 
bei —, von Balalescu 887, akute auf- 
steigende Lähmung bei —, von 
Rosenfeld 1017, — und Trauma, von 
Apelt 1277, Behandlung des — mit 
Sympathektomie, von Tomaselli 1316, 
Blutdruckmessungen bei —, von 
Spiethoff lall, — mit Veränderungen 
im Knochensystem, von v. Jaksch 
Basis cranii, Freilegung der, von der 

Nase aus, von Löwe .. 

Bassini, 800 Radikaloperationen nach, 
und deren Dauerresultate, vonGoldner 1429 
Bath, Bäder von, von Bavliss . . . 1361 

Bauch s. a. Oberbauchseite, Unterbauch¬ 
seite. 

Bauch, penetrierende Stichwunden des, 

von Bernhard.. 

Bauchdeckennarbe, Festigket der, nach 
Laparotomien, von Pichler 
Bauchdeckentumor, entzündlicher, durch 
einen aus dem Darm durchgebro¬ 
chenen Fremdkörper, von Wagner . 
Baucheingeweide, Verletzung der, von 

Geipke . . . 

Bauchfell, quere Eröffnung des, von Poten 
Bauchfellentzündung, Schmierseifenbe¬ 
handlung bei, von Baginsky . . . 
Bauchfellresorption, von Klapp . . . 
Bauchfelltuberkulose, von Richardson 
1934, — und Nierentui-erkulos»*, Hei¬ 
lungsvorgänge bei der operativen 
Behandlung der,von Weisswange 1180, 
von Nassauer .... 

Bauchhernie, von Friedrich.1403 

Bauchhöhle, Sensibilität in der, von 
Lennander i312, Beleuchtung der—, 
von v Ott 355, von Pieoprajensky 
1897, solide Tumoren der —, von 
Prüsmann 17 .3, c rpus liberum der — 
von Elter ... 

Bauchkontusion s a Darm, Unterbauch 
Seite. 

Bauchkontusionen, subkutane Darm 
rupturen nach, von Neumann 1431 
— und Peritonitis nach subkutanen 
Darmveretzungen, von Thommen 
Bauchmuskeln, congenitaler Defekt der. 
von Osler 294, Riss des geraden — 

von Schmidt . . 

Bauchraum, Verkleinerung des, und Ver¬ 
hinderung von Bauchbrüchen durch 
Doppelung der Bauchdecken, von 

Heidenhain. 

Bauchschüsse, Behandlung der penetrie 
renden, im Felde, von Roberts 
Bauchspeicheldrüse, innere Sekretion 
der, von Ssobolew ....... 

Bauchspekulum, sich selbst haltendes 
von Stoeckel ... ... 

Bauchverletzungen, penetrierende, 

Urban . 

Bauchwandbrüche nach Ochsenstoss 

von Knotz. 

Bauch wunden, penetrierende, der Mantel 
geschosse, von Hildebrand 627, Be 
Handlung der penetrierenden —, von 

Würth von Würthenau. 

Baumfest in Rom. 

Bazillus s. a. Buttersäurebazillus,Tuberkel 
bazillus, Typhusbazillus, Meningitis 
Influeuzabazillus, Pestbazillus, Ruhr 
bazillus etc. 

Bazillen, experimentelle Untersuchungen 
über säurefeste, von Hölscher 74, 


1473 

712 


1919 

624 

1230 

178 

1312 


1388 


von 


1807 


537 


1770 


116 

1594 

1230 

201 

1731 

810 


1514 

734 


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Godgle 











































ttft 


Eberthscher — im Blute Typhuskran- 
ker, von Courmont 169, für Ratten pa¬ 
thogener —, von Iesatachenko 201, aus 
dem Blute eines Syphilitikers gezüch¬ 
teter —, von Paulsen 384, — Danysz, 
von Wiener 401, von Grimm 539, 
Danyszscher — bei der Rattenver¬ 
tilgung, von Markl 459, Pathogenität 
des — pyocyaneus, von Soltmann 
493, Konstanz der Sporenkeimung 
bei den —, von Caspari 639, — caseo- 
lyticus, von Lochmann 670, Identität 
der Ozaena- und Rhinosklerom- 
mit Friedländerschen —, von Klem- 
perer und Scheier 712, neuer Gas 
erregender —, von Uffenheimer 714, 
Stoffwechselprodukte des — pyo- 
cyaneus, von Breymann 804, Zellsaft 
des — pyocyaneus, von Krause 1109, 
neuer — aus der Gruppe des Influenza¬ 
bazillus, von Frank 1231, Physiologie 
der Sporenbildung der—, von Matzu- 
schita 1399, pyogene Eigenschaft des 
Eberthschen —, von Donzello 1435, 

— des malignen Oedems, von Grass¬ 

berger und Schattenfroh 1570, — des 
Smegma, von Weber 1764, — des 
Karpfens und — der Blindschleiche, 
von Bataillon, Moeller und Ferre 2016, 
säurefeste — im Ozaenasekret, von 
Meyer. 

Becher David, der Karlsbader Hippo- 

krates, von Ruff. 

Becken, enge, von Bauer 974, Geburte¬ 
leitung beim engen —, von Krönig 
1333, 1362, — Beweglichkeit desj—, 
von Lichtenberg 1398, — Therapie 
beim engen —, von Krönig 1710, — 
Situs der Organe im weiblichen —, 
von Sellheim 1726, — gummöse Zell¬ 
entzündung im —, von Fournier 1942, 
Verhalten der Muskeln des weib¬ 
lichen —, von Seilheim 2155, — Wen¬ 
dung bei engem —, von Krull . . 

Beckenbrüche, von Stolper. 

Beckenexsudate, Behandlung chron., 

von Kehrer . . •. 

Beckenformen, pathologische, von Breus 

und Kolisko. 

Beckenluxationen, von Linser . . . . 
Becken-Tieflagerung, steile, bei Opera¬ 
tionen an den Gallengängen, von Rühl 
Beckenverengung, Entbindung bei, von 

Drejer. 

Beinschienengestell, von Lazarus . . . 
Beiträge, Bruns, zur klinischen Chirurgie 
115, 246, 457, 584, 712, 1015, 1271, 
1512, 1807, 1*26, 2157, Hegars — zur 
Geburtshilfe und Gynäkologie 152, 
802, Zieglers — zur pathologischen 
Anatomie und allgemeinen Patho¬ 
logie 458, 713, 975, 1192, 1763, 2017, 

— zur psychiatrischen Klinik, von 

Sommer.. . • . . 

Belastung, erbliche, von Wagner von 

Jauregg. 

Belastungsdeformität s. a. Fuss der 
Chinesin. 

Belastungsdeformitäten, Bildungsgesetze 
der statischen, von Schanz 767, — 
Aetiologie der statischen —, von 

Schanz . 

Belastungskolpeurynter, von Pincus . . 
Benzolkörper, Blutverftnderungen bei 
Vergiftungen mit, von Mohr . • . . 
Beobachtungsstation, aus der, von Neisser 

und Kahnert. 

Bergsteigekuren für Nervenkranke, von 

Keller. 

Beri-Beri, von Manson 1593, Aetio¬ 
logie der —, von Manson 204, — 
Arsenik im Haare von Kranken, 
von Ross 760, Behandlung der —, 

von Miura. 

Bericht über das Ambulatorium für 
innere Krankheiten des med.-klin. 
Institutes 1901, von Kerschensteiner 
110. - über die k. chirnrg. Univ.- 
Poliklinik zu München 1901, von 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


8eiie 


2067 

1672 


2179 

1861 

73 

1543 

1926 

190 

1769 

256 


1191 

1895 


934 

1586 

248 

669 

215 


1819 


Seite 

Klaussner 19’, — über die medizin. 
Poliklinik in München 1901, von 
Moritz 451, — der k. Univ.-Poliklinik 
für Kinderkrankheiten im Reisinge- 
rianum pro 1901, von Seitz . . . 483 

Berufsgeheimnis, ärztliches, von Aschaf- 
fenburg 1241, — und Krankenkassen 


84, — und Anzeigepflicht. 85 

Berufsgenossenschaften, von den, ge¬ 
zahlte Entschädigungsbeträge . . . 1321 
Berufspflege, weibliche, von v. Wall- 

menich.• . . 324 

Berufung Escherichs nach Wien . . . 172 
Besonnung, Einfluss der, auf den Gas¬ 
wechsel des Menschen, von Wolpert 1763 
Bevölkerungsbewegung in Frankreich . 1944 
Bewegungen, passive, von Thilo . . . 1276 
Bewegungsapparat, neuer, von Vulpius 1460 

Bezirksämter, neue.1407 

Bezirksarztstellen, neue, in Bayern . . 312 
Bezirksvereine, Gesetz betr. die ärzt¬ 
lichen — in Sachsen 1870, — in 

Sachsen.1943 

Bibliothek von Co!er .... 535. 1228, 1805 
Bicepssehne, Zerreissung der, von Weise 898 
ßilirubinstein in einer Echinokokkus¬ 
cyste, von Krause .672 

Bilz, Aerzte bei.1079 

Bindegewebe, entzündliche Neubildung 

von, von Maximow.2017 

Bindegewebsverknöcherung, Pathogenese 
der abnormen, von Holzknecht . . 1810 
Bindehautschrumpfung, essentielle, von 

Holmströ m.1769 

Bismutose bei Diarrhöen kleiner Kinder, 
von Lissauer 1433, — therapeutischer 
Wert der, von Starck.1957 


Blase s. a. Harnblase, Stotterblase, Ectopia. 
Blase, Fremdkörper der, von Vrabie 119, 
Innervation der —, des Mast¬ 
darms und des Geschlechtsapparates, 
von Müller 326, traumatische 
Granulome der weiblichen —, von 
Kolischer 458, Teleangiektasien der 

—, von Berliner.1662 

Blasendiviseur, graduierter, von Catlielin 1475 
Blasenerkrankungen, Beziehungen zwi¬ 
schen, und Myomen, von Hahn . . 1645 
Blasenflstel, Technik der Anlegung der 

suprapubischen, von Görl.643 

Blasengeschwülste,operative Behandlung 

der, von Lobstein.1514 

Blasengonorrhoe, cystoskop. Diagnose 

der, von Asch. 1285, 1322 

Blasenhalsklappe, muskulöse, von Hirt. 2014 
Blasenleiden, gonorrhoische, von Kuttner 888 
Blasenmole, von Gessner 388, von Flatau 
945, von Fraenkel 2028, — hei beider¬ 
seitigen Ovarialkystomen, von Baum¬ 


gart .201 

Blasennaht nach Secti< > alta, von Hof mann" 1794 
Blasenruptur, geheilt« traumatische intra- 
peritoneale, von Jenckel 72, intra- 
peritoneale —, von Ledderhose . 723 


Blasenstein, von Mirabeau 82, von Riff 
300, von Graefe 585, Nachweis von 
— durch das Röntgenbild von Dohrn 
246, — bei Frauen, von Freyer . . 1361 
Blasensteinoperationen, 400, von v. Frisch 
672, von Kokoris 1064, von Stein . 1513 
Blasenstörungen, zerebrale, von v. Czyh- 


larz und Marburg.1358 

Blasentumoren, von Kollmann 637, Ein¬ 
schlüsse in —, von Michaelis und 
Gutmann 2156, Cystotomia supra- 
pubica bei —, von Lockwood . . 2166 
Blasentuberkulose, von Freyer 543, von 

Roosen-Runge.1162 

Blasenzerreissungen,intraperitoneale,von 

M’Laren.1850 

Blasinstrumente s. u. Lungenemphysem. 
Blastomykose, von Busclike .... . 1624 


Blattern s. a. Pocken, Impfung, Schutz¬ 
impfung, Vaccine, Variola. 

Blattern in Paris 1901, von Roger 293, 
Behandlung der —, von Barbary 
1319, Opfer der — im französischen 
Indochina, von Jeanselme 1767, — 
vor 100 Jahren in Sachsen, von Sachs 1898 


Seil« 


Blausäure, Einwirkung gasförmiger, auf 

Früchte, von Schmidt.. . 757 

Blei, Einwirkung des, auf die Arbeiter 
in Töpfereien, von Shufflebotham . 36 

Bleianämie, hämatologischer Befund 

bei, von Wolff.1545 

Bleiintoxikation, chronische, von Seelig- 
müller.889 


Bleikolik s. Atropin. 

Bleikolik, experimentelle, von Mosse . 330 . 

Bleilähmung, atypische, von Köster 336, 
bishernicht beschriebene Lokalisation 
der —, von Köster . . . . 601 

Bleivergiftung in Akkumulatorenfabriken, 
von Labbö und Ferrand 169, — bei 
den Blattstichwebern in Appenzell, 
von Schüler 377, — durch Diachylon 
als Abortivum, von Scott 807, patho¬ 
logische Anatomie der chronischen —, 
von Jores 713, seltene Ursachen 
der —, von Weber 704, psychische 
Erkrankung durch —, von Quensel. 1470 


Blendungsschmerz, von Römer .... 1853 
Blennorrhoe, Therapie der, mit Acid. nitr. 

von Porosz.540 

Blinddarm, Therapie der Tuberkulose 

des, von Weinsberg.1629 

Blinddarmentzündung, von Lindner499, 

593, Anwendung von Terpentinöl und 
verwandten Mitteln bei —, von Mayer 1342 

Blindenphysiologie von Kunz.1112 

Blindheit, Entstehung und Verhütung 
der, von Hirsch 932, Operationen 
wegen angeborener —, von Königs¬ 
berg .1361 

Blitzschlag, Verletzungen durch, von 

v. Leyden.1936 


Blut s. a Hämolyse, Phthisiker, Antihä¬ 
molysine , Bakteriohämoagglutinine, 
Erkrankung, Osteomyelitis, Methämo¬ 
globinämie, Präzipitine. 

Blut, Einfluss der Antipyrese auf die 
Agglutinationskraft des — beim 
Typhus, von Beniasch 711, diffusibles 
Alkali und Alkalispannung des — in 
Krankheiten, von Brandenberg 1058, 
Nachweis von — und Eiweiss auf 
biologischem Wege, von Strube 1064, 
Unterscheidung des — mittels Serum, 
von Minovici 1064, agglutinierende 
Substanzen im —, von Ruffer und 
Crendiropoulo 1154, innere Reibung 
des — hei Nierenkrankheiten, von 
Hirsch und Beck 1230, Leukocyten 
im — unter dem Einfluss der Massage, 
von Ekgren 1315, Leukocyten im — 
von Schwangeren, Gebärenden und 
Wöchnerinnen, von Zangemeister und 
Wagner 1357, Wirkung der Zecken 
auf tierisches —, von Griitzner 1358, 
Nachweis von Jodalkalien im —, von 
Karfunkel 1545, einfache Methode 
zur quantitativen Bestimmung der 
Ei weisskörper im —, von Jolles 1676, 
serodiagnostisches Verfahren zur 
Unterscheidung verschiedener Arten 
von —, Milch u. s. w., von Wolff 1719, 
Fettgehalt des —, von Schwarz 1816, 
klinische Pathologie des —, von Gra- 
witz 2056, chemische Zusammen¬ 
setzung des chlorotischen —, von 

Erben.2156 

Blutagarmischkultur, differential-diagno¬ 
stischer Wert der, von Schottmüller 1070 
Blutarten, Unterscheidung der verschie¬ 
denen, von Uhlenhuth.1548 

Blutbewegung in der inneren Hohlvene, 

von Mann. 422, 981 

Blutbild, Aenderung des, nach Unter¬ 
brechung des Lvmphzuflusses, von 

Biedl und von Decastello.252 

Blutbildung im Luftballon, von Gaule . 1019 
Blutdissolution, subkutane Injektion phy¬ 
siologischen Serums bei schwerer, 

von Fornaca und Micheli.1979 

Blutdruck, Einfluss von Bädern und 
Douchen auf den, von Müller 640, 

814, Verhalten des — bei Kranken, 
von Buttermann.1805 


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1902, 


IN1IA LTS-VERZEICHNIS. 


XXVU 


Seite 

Blutdnickbestiiumungen, von Huber. . 1400 
Blutdruckmessung, von Federn .... 1434 
Blatorgelenke, von Mermingas .... 1430 
Blutergüsse, extraperitoneale, infolge Un¬ 
fall, von Hammerschlag.808 


Blutfarbstoff, Verteilung des, zwischen 
Kohlenoxyd und Sauerstoff, von 
Höfner 1313, M. v. Nenckis Unter¬ 
suchungen über den — und dessen 
Beziehungen zum Blattfarbstoff, von 


Sieber-Schumoff. 1873 

Blutfärbungen, von May und Grunwald 582 

Blutfjirbung, vitale, von Itosin und Biber¬ 
geil ..202 

Blutflüssigkeit, wirksame Substanz der 
hämolytischen, von Dörueny . . . .1716 

Blutgefässe b. a. Lymphgefässe. 

Blutgefässe im Gebiet durchschnittener 

Nerven, v. Jores.1192 

Blutgefässerkrankungen, Magnesium zur 

Behandlung von, von Payr .... 1150 
Blutgerinnung, Einfluss von Eiweifs- 
korpem auf die, von Brat 813, 1157, 
Beziehungen dor weissen Blutkörper¬ 
chen zur —, von Gürber.1635 


Blutkörperchen s. a. Erythro«-y teil, Toluyl¬ 
endiamin Vergiftung, Magenkrebs. 
Blutkörperchen, Austritt des Hämoglo¬ 
bins aus sublimatgehärteten, von 
Sachs 189, weisse — bei eitrigen 
Prozessen im Gonitalapparat der Frau, 
von Laubenburg 975, von Dützmann 
623, körnige Degeneration der roten 
—, von Loewenthal 715, Verhalten 
der roton — bei höheren Tempera¬ 
turen, von Wiener 1154, Uebergang 
der embryonalen kernhaltigen — in 
kernlose Erythrocyten, von Heinz 
1399, basophile Granulationen in 
roten -, von Guyot 1435, von Schmidt 
1929, Verhalten der weissen •— bei 

Eiterungen, von Blassberg.2019 

Blutkörperchengifte, Uebergang von, auf 

Föten, von Heinz.1399 

Blutkörperchenresistenz in isotonischen 
Lösungen während Schwangerschaft, 
Geburt u. Wochenbett, von Schneller 1776 
Blutkörperchenzählung mit der neuen 
Friedländerschen Methode, von 

Mernmi.1979 

Blutkrankheiten, spezielle Pathologie und 

Therapie der, von Grawitz. 2056 

Blutplättchen, Vitalfärbung der, von 

Puchberger.1673 

Blutplasma, hämolytisches, von Ascoli . 1764 
Blutprüfungsverfahren, serodiagnosti¬ 
sches, von Kister und Wolff . . 2058 

Blutserum, Unterschiede des fötalen und 
mütterlichen, von Halban und Land¬ 
steiner 473, hämolytische und hämo- 
agglutinierende Wirkung von — der 
Mutter, des Fötus und der Amnios- 
flüssigkeit, von Recinelli 555, bakte¬ 
rizide Wirkung von — und Blut¬ 
plasma, von Pettersoon 1109, Präzi¬ 
pitinwirkung und Eiweisskörper des 
—, von Ascoli 1409, Antikörper des 
—, von ßanfelice 1627, antifermen- 
tative Eigenschaften <les —, von 
Simnitzky 1665, Alexingehalt normaler 
und pathologischer menschlicher —, 
von Trommsdorff 1715, Kohlehydrate 
der Eiweisskörper des —, von Lang¬ 
stein . 1876 

Blutstillung s. a. Gelatine, Nebennieren¬ 
extrakt, Kalzium. 

Blutstillungsverfahren bei Resektion der 

Leber, von Taddei.555 

Blutströmung, sichtbare, in der Augapfel- 

bindehaut, von 8chleich.892 

Blutstrom, Einfluss mechanischer und 
thermischer Einwirkungen auf den, 
und Gefässtonus, von Pick .... 766 
Blutung s. a. Darmblutung, Gelatine, Ge- 
bärmutterblut., Magenblut., Nachblut., 
Verblut., Gehirnblut., Hirnblut. 


Seite 

Blutungen nach der Geburt und ihre 
Behandlung, von Henkel 1151, töd¬ 
liche — in die Bauchhöhle unter dem 
Bilde des akuten Darmverschlusses, 
von Grassmann 1203, 1345, Technik 
der subkutanen und innerlichen Ge¬ 
latineanwendung bei —, von Cursch- 
inann 1444, Chinin gegen —, von 
Hecht 1558, unstillbare — nach der 
Geburt, von Knapp 1665, Einfluss 
der Nervosität auf die Entstehung 

— und Ausfluss, von Theilhaber . . 1897 
Blutuntersuchung, bakteriologische, von 

Bon heim 385, von Bertelsmann 720, 
refraktometrische —, von Strubeil 616, 
diagnostischer Wert dor — bei Ty¬ 
phus und Malaria, von Rogers 1154, 
Methodik der —, von Grawitz 2056, 

— im Hochgebirg, von Campbell . . 2162 
ßlutveränderungen bei hydrotherapeu¬ 
tischen Massnahmen, von Laquer 421, 
spezifische — nach Harninjektionen, 

von Schattenfroh.1763 

Blutvergiftung und Amputation, von 
Brauser 104, von Dörfler 106, von Wolff 368 
Blutzellen, Morphologie der farblosen, 

von Meinertz.1898 

Blutzusammensetzung, Beeinflussung 
der, durch hydrotherapeutische Pro¬ 
zeduren, von Laqueur und Loewenthal 1397 
Bogenlichtbäder, elektrische . % . . . 1447 
Bogenschnitt, suprasymphysärer, nach 
Küstner, von v. Feilenberg 668, supra¬ 
symphysärer —, nach Rapin-Küstner, 

von Beuthner.• . 1313 

Borax, s. a. Borsäure. 

Borax- und Borsäurewirkung bei Fäulnis¬ 
vorgängen, von Rolly 376, Wirkung 
des — und der Borsäure, von Liebreich 2099 
Borolin, Dauerwurstsalz, von Günther . 1764 
Borsäure, Vergiftung mit, von Rinehart 
204, Arbeiten aus dem kais. Gesund¬ 
heitsamt über — und Borax, von 
Rost, Rubner, Neumann, Heffter, 
Sonntag, Weitzel, Polenske 1152, — 
und Borax als Fleischkonservierungs- 
mittel, von Boohm ....... . 2049 

Botalli, Ductus arteriosus, Ruptur des, 
von Esser 669, Persistenz des —, von 
Minkowski 730, von Ardissone 1517, 
von Sidlauerl714, Diagnose der Persi¬ 
stenz des —, von Dressier 1684, 2058, 
von Pfeiffer 1684, Offenbleiben des 

—, von Petrina.186s 

Botriocephalus latus, von Bendix 1114, 

— bei der Katze, von Galli-Valerio 1545 
Bottinische Operation s. a. Prostata. 
Bottinische Operation, von de la Harpe 

1079, von Jacoby 1628, — bei Urin¬ 
verhaltung, von Freudenberg 1358, 
von Rörig 1358, — von der Blase 

aus, von Bouffleur.1849 

Bougie, auskochbare, von Hink .... 2180 
Brachydaktylie, von Stemberg .... 1765 

Braehmer f.1408 

Brand, Behandlung des nomatösen, durch 
Exzision des erkrankten Gewebes, 

von v. Ranke .... .1789 

Brandschorfe in der Bauchhöhle, v. Franz 8ü2 
Brandwunden, Chlorkalklösnng bei, von 

Tichy.1315 

Braunsche Blase, vaginale Anwendung 
der, in der Geburtshilfe, von Voigt 756 
Briefe, Berliner, 170, 427, 643, 733, 907, 

1076,1557,1594,1733,1900.1987,2183, 
Breslauer — 43, 509, 988, 2105, Ham¬ 
burger — 685,1869, Londoner— 1485, 

1597, Römische — 45, 172, 469, 598, 

734,1165, 2184, Wiener — 84,125,171, 

428, 468, 510, 597, 686, 733, 908, 

948, 1077, 1164, 1595, 1821, 1902, 

1988, 2029, 2068, Pariser - 213,1125, 

— aus Ostasien 556, 644, 820, — 
aus Italien 950, — aus China 1557, 

1734, 1782, 1822, 1869, 1990, 2106. 

Briefkasten 600, 648, 991, 1600, 1687, 2031 
Brightii, morbus, bei Typhus, von Scheib 1404 


Seito 

Brom, Nachweis dss, in Harn und 
Speichel, von Sticker 1355, — ohne 
Salz bei Epilepsie, von Hallö und 

Babonneix.1978 

Bromäthylen und Bromäthyl, Wirkungen 
und Nachwirkungen des, von Scher- 

batscheff.375 

Brombehandlung, Kochsalzentziehung bei 
der — Epileptischer, von Cappeletti 

und D'Ormeä.1065 

Bromeigone, von Silberstein.431 

Bromhämol, von Matzner .1407 

Brommethylvergiftung, von Jatjuet . . 70 

Bromoderma fungoides nodosum, von Pini 296 
Bromokoll, von Reich und Ebreke . . 343 


Bromokoll-Resorbin, von Ledermann . 1167 
Brot, neues cellulosereiches, von Baranv 
461, Azidität des —, von Lehmann 1663 
Bronchialdrüsenschwellung, chronische, 
und Lungenspitzentuberkulose, von 


Esser . . 356 

Bronchiolitis fibrosa obliterans, von 

Fraenkel.492 


Bronchitis fibrinosa, von Marchiafava 173, 
Diplokokkus pneumoniae bei chro¬ 
nischer —, von Gromakowsky 1472, 
Pathologie der — fibrinosa, von 


Hochhaus.1805 

Bronchopneumonie, kontinuierliche pseu¬ 
dolobäre, von Rosenthal.1765 

Bronchorrhoe, fötide, von Vicars . . . 978 
Bronchoskopie, s. a. Fremdkörperfälle. 
Bronchoskopie, Bedeutnng der, von 

Monnier .2158 

Bruch, b. a. Hernie, Fraktur, Fettbruch. 
Brüche, operative Behandlung der, am 
Ellenbogen, von Lane 1156, — der 
Patella, von Krug 1243, Tenotomie 
der Achillessehne bei gewissen — 

des Beines, von Thomas.1852 

Bruchbänder, von Steffen.1400 

Brachbandage, von Schanz.691 

Brucheinklemmung des Proc. vermifor¬ 
mis, von Barth.801 

Bruchoperation, Wundheilung nach, von 

Samter.723 

Bruclisacktuberkulose, von Lewisohn . 1025 
Brücke, Erweiterung im dorsalen Teil 

der, von Ranschoff.585 

Brückengeschwülste, von Zahn .... 154 
Brust, Verletzungen der, speziell des 

Herzens, von Wetzel . . . 1260 


Brustkrebs, Oophorektomie in der Be¬ 
handlung des, von Butlin 542, von 
Beaver 760, von Mc Gavin 2161, Erfolgo 
von 60 Operationen wegen —, von 
Sheild 977, mitKastration hehandelter 
inoperabler—»vonPaton 978, Röntgen¬ 
bestrahlung bei rezidivierendem —, 
von Peters 978, Nachbehandlung der 
Brustamputation wegen —, von Car¬ 
wadine 979, operativ behandelter —, 
von Bryant 1232, Operation des —, 

von Drew.1233 

Brustdrüsensyphilis im Frühstadium, 

von Matzenauer.1716 

Brustkinder, Nahrungsmengen von, von 

Feer 1927, von Beuthner.1927 

Bubonen, Injektionsbehandlung der, mit 
physiologischer Kochsalzlösung, von 
Wälsch328, klimatische—, von Caddy 2162 
Bubonenpest, am La Plata, von Voges 290, 


— in Asuncion und Rosario, von 

Uriarte.293 

Buchführung des Arztes, von Heinrich . 1943 

Büchner f, von Hueppe. 844 

Bufonin und Bufotalin, von Faust . . 757 
Bulbärparalyse, von Hoffmann 680, 


gleichzeitige Lähmung des Halssym¬ 
pathikus bei —, von Hofmann 492, 
asthenische —, von Liefmann 1016, 
funktionelle —, von Grosz .... 1107 
Burenkrieg, Artillerieverletzungen im, 

von Hildebrandt.457 

Bursitis proliferans, von Graser .... 1861 
Butter s. u. Marktbutter. 


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XXVIII 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


Seite Seite 

Buttermilch als Säuglingsnahrung, von Chlorkalzium gegen Haemophilie, von 

de Mattos 417, von Caro.1714 Wallis.1233 

Butteraäurebazillus, beweglicher, von Chloroform, innerliche Anwendung des, 

Grassberger, von Schattenfroh . . . 804 von Frank 461, Ist — gefährlicher 

; als Aether? von Crouch u. Corner 
'11155, — bei Herzkranken, von Huchard 1310 
* Chloroformgebrauch, Statistisches über. 

Unter C nicht verzeichnet« Worte sind von Lengemann.115 

unter K, bezw'. Z aufzusuchen. Chloroformnarkose ohne Maske mittels 

Caissonkrankheit, von Heermann . . . 1591 Kehlkopfkanüle, von Schlechtendahl 
Campagna romana und Castelli romani 469 229, von Trumpp 413, — bei Herz- 

Cancerodermata, von Andrew.2163 kranken, von Huchard *07, von Guyon 


husten, von Burton. 1850 gynäkologischen Praxis, von Evelt 

Caput obstipum, eine intrauterine Be- 500,. 1998 

lastungsdeformität, von Völker . . 712 Chloroform - Sauerstoffnarkose, Chemie 

Carcinoma s. a. Karzinom. der —, von Falk . . 2060 

Carcinoma mammae, Autoplastik nach Chloroformtod durch Herzlähmung, von 

Radikaloperation der, von Göbell 1431, Laqueur.377 

— urethrae, von Alsberg ... . 1317 Chloroformwirkung, protrahierte, von 

Carcino-Sarco-Endothelioma tubae, von Cohn.1431 

Franquö .... ... 1151 Chlorom, von Sternberg 126, von Risel 

Casein, Gerinnung des, durch Lab und 201, von Schmorl 382, von Dunlop 

Lahtoserum, von Müller . . . . 272 ;>54, 1233, von Sutherland 1851, — 

Castraiio mul eris uterina, von Pincus . 374 und Leukämie, von Rosenblath . . 200 


Catarrhus vernalis conjunctivae, von Chlorose s. a. Urobilinurie. 

Pincus ... . . 1162 Chlorose, Beziehungen zwischen, und 

Centralblatt für innere Medizin fast in BasedowscherKrankheit, vonWybauw 

jeder Nummer, — für Chirurgie 496, — und perniziöse Anämie, von 

ebenso, für Gynäkologie ebenso. Bramwell . . 1852 

für Bakteriologie ebenso, für Kin- , Cholecystitis und ('holangitis autoinfekti- 
derheilhunde 1871, biochemisches — 1914 ösen Ursprunges, von Ehret u. Stolz 

Cephalocele congenita, von Staffel . 1985 74, — tuborculosa chronica, von 

Cephalohydrocele traumatica, von Fried- Kisch 328, — calculosa, von Dona . 673 


rieh.1403 

Cerebrinum, von Pantschenko .... 1558 
Charcotsclie Krystalle, Natur der sog., 

von Gumprecht . 764 

Chemie, physikalische, von Cohen 1353, 
Lehrbuch der anorganischen —, von 

Erdmann .2013 

Chemische Arbeiten, Hilfsbuch für, von 

Schwanert .2179 

Cliielin, von Heymann.1434 

China s. a. Briefe, l*raxis, Peking. 

China, Erinnerungen und Eindrücke aus. 


von Haasler 633, öffentliche Gesund¬ 
heitspflege in —, von Mayer 1822, 

2l70, kulturelle Auswüchse in —, von 
Mayer 1889, Medizin in —, von 
v.Töply 1932, Bilder aus —, von Mayer 1990 
Chinin s. a. Ciliaten, Aristochin. 

Chinin, von Hecht 1558, — lygosinatum, 
ein neues Wundbehandlungsmittel, 
von Hevesi 116, Bedeutung des — 
für die Wundbehandlung, von Marx 
660. Wirkung des — auf tierische 
Gewebe, von Marx 722, Stoffwechsel¬ 
produkte des —, von Merkel 756, 
Nebenwirkungen des —, von Martinet 990 
Chinolinwismuthrhodanat Edinger als 

Antigonorrhoikum, von Jaoobi ... 34 

Chirurgenkongress, 15. französischer . . 1248 
Chirurgie s. a. Kriegschirurgie, Niere, 
Nierenchirurgie, Augenchirurgie, Ge¬ 
hirnchirurgie, Magendarmchirurgie, 
Rückenmarkschirurgie, Urethoren- 
chirurgie, Archiv, Centralblatt, Zeit¬ 
schrift, Beiträge. 

Chirurgie, Enzyklopädie der gesamten, 
von Kocher und de Quervain 323,1586, 
operative , von Hildebrand 537, 
Lehrbuch der orthopädischen —, von 


Hoffa 1353, spezielle — in 60 Vor¬ 
lesungen, von Leser 1661, Deutsche 

—, Lief. 16 2092 

Chirurgische Eingriffe vom medizinischen 

Gesichtspunkt, von Fitz.294 

Chlor, Substitution des, durch Brom, 

von Iiondo.460 

Chlomkne, von Fraenkel 39, von Wolff 83 
Chloräthyl b. a. Anästhesie. 

Chloräthyl, von Dentu.1942 

Chloräthylnarkose, von Bossart .... 1716 

Chloreton, von Cappeletti.462 

Chlorkalium bei habituellem Absterben 

des Fötus, von Jardine.1655 


Choledochus s. a. Ductus cliol. 
Choledochus, plastischer Verschluss von 

Defekten des, von Kehr. 

Choledochussteine, Entfernung tief sitz 
ender, von Robinson . 
Cholelithiasis, Beiträge zur Kenntnis der 
von Boas 604, Stauungsikterus bei — 
von Ehret und Stolz 1312, Therapie 
der — von Kraus 1665, — u. Pankreas 
erkrankungen, von Fuchs .... 
Cholera 1559, 1599, 1640, 1686, 1783 
1824, 1871, 1904, 1944, 1991, 2031 
2070, 2109, 2170 — in Aegypten 
2104, Antikörper gegen die bak 
teriolytischen Immunkörper der — 
von Pfeiffer und Friedberger 74, — in 
den ostindischen Besitzungen Frank 
reiche, von Bussiere 1319, diagnosti 
scher und prognostischer Wert der 
Leukocytenzählung bei asiatischer — 
von Rogers 1852, Fliegen und die 
Verbreitung der —, von Mc Kraig 

Cholerafrage. 

Cholesteatom, von Leiser 298, von 
Hoffmann 2067, — der Brustdrüse 

von Dor. 

Chondroitinschwefelsäure, F ütterungs 
versuche mit, von Kettner . . . 
Chondroma petrificans retroperitoneale 
von Romm 72, feinerer Bau der — 

von Spuler. 

Chorea s. a. Cannabis. 

Chorea, von Comandini 1811, von 
Williams 2162 — chronica prog¬ 
ressiva, von Westphal 160, von 
Hoffmann 901, Lumbalpunktion bei 
— Sydenhami, von Jemma 250, — 
der Degenerierten, von Motissous 292, 
tödlich endende —, von Quiretti 544, 
Trional bei —, von Henderson 760, 
pathologische Anatomie der Hunting- 
tonschen —, von Stier 770, patho¬ 
logische Anatomie der — minor, von 
Reichardt 1229, Behandlung der —, 
von Comby 1245, ätiologische Be¬ 
ziehungen der — minor zu den In¬ 
fektionskrankheiten, von Köster 1338, 
1482, — electrica, von Gording 1436, 
chronische —, von Bäumler . . . . 
Chorioidea, Solitärtuberkulose der, von 

Axenfeld. 

Chorioidealsarkome, Diagnose der, von 
Schmidt-Rimpler. 


8eite 

Chorionepithelioma mal ignum, vonGraef e 
888, von Schmidt 1847, — bei intaktem 
Uterus, von Moltrecht 2028, primäres 

—, von Zagerjanski-Kissel.2179 

Chorionfetzen, handgrosser, von Eberhart 80 
Chorionzotten, Verschleppung der, von 

Boten.1514 

Chromaffine Zellen und Organe, von 

Kohn ..1232 

Chromarbeiter, Septumperforation der, 

von Bamberger.2144 

Chromati nkorn, Färberisches zurKenntnis 
des, der Protisten, von Pappenheim 2018 
Chromsäurevergiftung, von Kronheimer 903 

Chylurie, von Stuertz.1158 

Chylus s. a. fettige Ergüsse. 

Chylus, osmotische und chemische Vor¬ 
gänge am menschlichen, von Strauss 893 
Chymosin, Bildung und Ausscheidung 

von, von Winogradow.253 

Ciliarganglion, Pathologie des, von 

Marina ..154 

Ciliaten, Wirkung des Arsens, Chinins, 

Eisens und Alkohols auf die, von Sand 496 
Cirrhose, tuberkulöse, im Kindesalter, 

von Baudouin.1475 


Cirrhosis cardio-tuberculosa, von Jonescu 2019 
Clasmatocyten s. u. Mastzellen. 

Claudication s. a Hinken. 

Claudication intermittente, von Ehret . 1941 
Cliniques medicales ieonographiques, von 


Haushalter, Etienne, Spillmann, 

Thiry. 150, 1759 

Coekumtuberkulose, chronische, von 

Gehle.1512 

Colica mucosa, Pathogenese der, von 

Hertzberger.624 

j Colitis membranacea, von Foster . . . 807 

Collargol, von Trommsdorff.1300 

(’ollessches Gesetz, von Merkel . . . 1073 
Coma dyspnoicura bei Urämie, von Pi- 

neles .806 

Conjunctivitis granulosa, von Manolescu 1113 
Conus medullaris, Läsion des, und der 

Cauda equina, von Rosenfeld . . . 1893 
Copernicu8 oder Coppernicus? von Wohl¬ 
will . 1931 

i Cortisches Organ, Epithelzellen des, von 

v. Spee . ..549 

Coxa vara, von Schanz 591, — in der 

Adoleseenz, von Picquti.1766 

Coxitis, Enderfolge der operativen The- 
l rapie bei — tuberculosa, von Man- 

ninger.1714 

Credtjisierung Neugeborener, von Runge 888 
Crurin s. Chinolinwismuthrhodanat. 
Cyanquecksilber, von Renault .... 1365 
Cvstadenoma pseudomucinosum, von 

Beckh.1550 

Cyste, gliomatöse, von Braun 163, ab¬ 
dominale —, von Penkert.1662 

Cystenleber und Cystennieren, von Boye 1398 
Cystenniere, kongenitale,mit pararenalem 
Hämatom bei einem Luetiker, von 

Fels . . . . 1743 

Cysticercosis cerebri, von Hartmann . . 938 
Cysticerken des IV. Ventrikels, von 
v. Stenitzer.1434 


Cysticerkenmeningitis, von Rosenblath 1975 
Cvstitis 8. a. Tvphuscystitis. 

Cy'stitis und Pyelitis, von Rosonfeld . 373 
Cystopyelitis, Behandlung der, mit Me¬ 
thylenblau, von Van de Velde . . . 1016 
Cystoskopie, suprapubische, von Kraske 

288, von Fenwick.978 

Cystoskopisclie Diagnostik, von Halban 2060 
Cystoskopische Erfahrungen, von Gold¬ 
berg .... - 1176 

Cystoskopische Technik, von Schlagint- 

weit.1348 

Cystotomia suprapubica bei Blasen¬ 
tumoren, von Lockwood.2166 

Cytodiagnose der Ex- und Transsudate, 
von Patella 758, — der Pleuraergüsse, 

von Gulland.. . . . . 1361 

Cytologie, klinische Verwendung der, 

von Julliard.1194 

Cytolysine, Lehre von den, von London 1357 


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1902 . 


INHALTSVERZEICHNIS. 


XXIX 


Seite 

Czolgosx, the trial, execution, autopsy 
and mental st&tus of, von Mc Donald 
and Spitzka.293 


Dakryocystitis bei der arbeitenden Be¬ 
völkerung, von Axenfeld. 2063 

Dampfdesinfektion in der Chirurgie, von 

Braatz.2014 

Darm a. a. Bauchkontusion. 

Darm, Antiperistaltik des, von Hem- 
meter 1108, Diagnose und Behand¬ 
lung der subkutanen Kontusionsrup¬ 
turen des —, von Törnqvist 1436, 
Sekretion des —, von Edkins . . . 1593 
Darmausschaltung, von Manasse 2181, 
komplette —, von Petersen 41, 
Dauerresultate bei —, von Wie¬ 
singer 246, — als präliminare Ope¬ 
ration, von Langemak 415, — mit 
totaler Okklusion, von Kämmerer . 887 
Darmbakterien, Einfluss der, auf die Aus¬ 
nützung N haltiger Nahrung,vonLaufer 
71, granulosebildende —, von Passini 
74, Bedeutung der — für die Er¬ 
nährung, von Schottelius 538, ana- 

erobe - , von Passini.1864 

Darmblutung, von Saxer .1362 

Dannchirurgie, Quetschmethoden in der, 

von Payr.1150 

Darmcysten, angeborene, von Gfeller . 1846 

Darmdivertikel, von Payr .719 

Danndyspepsie, von Faber.1107 

Darmfäulnis, von Albu 2018, — bei ver¬ 
schiedenen Diätformen, von Backman 245 
Darmgegenschaltung, von Prutz .... 720 

Danninhalt s. u. Zellen. 

Darminvagination, von Port 903, von 
Hofmeister 1776, von Haasler 1892, 
Behandlung der brandigen — im 

Kindcsalter, von Cordua.2100 

Darmkanal, physiologische Bakteriologie 

des, von Klein. . . 1893 

Darmkarzinom, von Pliehn 462, Behand¬ 
lung der —, von v. Mikulicz . . . 676 
Darmlumen, Obstruktion des, von Cour- 

voisier.537 

Darmokklusion durch fehlerhafte Stel¬ 
lung des Darmes, von Froelich . . 75 

Dannparasiten, pathologische Bedeutung 

der, von Schiller.1512 

Darmresektionen, ausgedehnte, von Payr 
887, — nach forcierter Taxis, von 

Fraenkel.1026 

Darmsand, von Duckworth u Garrod . 977 
Darmstenosen, solitäre, von Regling . 1846 
Darmstrikturen, multiple, von Schlesinger 19' '2 
Darmtoberkulose, primäre u. sekundäre, 
von Zahn 49, Radikalbehandlung der 
chronischen —, von Robson . . . 1850 

Darmverschluss, von v. Kryger 298, — 
von Reichel 1985, akuter duodeno- 
jejunaler —, von Walzberg 582, er¬ 
folgreiche Behandlung von akutem —■ 
durch Quecksilber, von Mc KeanHarri- 
son 1155, — durch das Meckelsche 
Divertikel, von Hilgenreiner 1272, — 
infolge Verlagerung, von Wandel 1685, 

— bei Cholelithiasis, von Bogdanik 1930 
Darmzerreissung durch Hufschlag, von 

Riegner.415 

Dauerbad, von Würth.1928 

Dauerhefe, sterile, und ihre vaginale 

Verwendung, von Albert.1433 

Dauerhefepräparate des Handels, von 

Rapp . . . 1494 

Deciduoma malignum, von Austerlitzl273, 

von Busse._.1588 

Deckverband, neuer, von Springer . . 1107 
Defekt, kongenitaler, in der Herzkammer¬ 
scheidewand, von Geissler 386, — 
des M. cuculiaris, von Tilmann 1068, 
angeborener — der beiden Brust¬ 
muskel, von Kopfstein 1629, — des 


8eltc 

Septum ventriculorum, von Schwalbe 
1684, plastische Deckung von —, von 
Schloffer 2068, angeborener — des 
M. pectoralis, von Lengsfelder 2097, 
kongenitaler — der Fibula, von 

Schmidt.* . . 2158 

Deformitäten, Statistik der, von Rosen¬ 
feld .1192 

Degeneration, sekundäre, und Verhalten 
der Putellarreflexe, von Winter 585, 

— in den hinteren und vorderen 

Wurzeln, von Becker 586, — im Zu¬ 
sammenhang mit dem Straf- und 
Zivilrecht, von Cramer.1480 

Degenationszeichen, von Wolff 1626, 
innere somatische — bei Paralytikern 

und Normalen, von Näcke.375 

Dekubitus, neues Mittel gegen, von 
Sträter.1461 

Delirium, körperliche Erscheinungen des, 
tremens, von Dollken 490, Prognose 
und Therapie des — tremens, von Pilcz 1810 
Dementia s. a. Paralyse. 

Dementia paralytica, von Goetzcke 1240, 
toxämische Grundlage der —, von 
Macpherson 380, — und Betriebs¬ 
unfall, von Stolper 809, schnell ver¬ 
laufende Erkrankungen an —, von 
Buchholz 943, Aetiologie der — in 

Schweden, von Marcus.1769 

Dementia praecox, von Götzcke . . . 1210 
Dermatitis papillaris, von Borges 296, 

— mercurialis, von Hoffmann 1238, 

— toxica durch Rhus vernicifera, von 


Buraczynski.2160 

Dermatologie u. Syphilis, Referat über 294, 329 

Dermatomyasis, von Freund. 35 

Dermatomyositis, von Janowsky und 

Wyssokowiez.200 

Dermatosen, diabetische und gichtiseh- 

arthritische, von Ehrmann.1849 

Dermographismus, von Fabry.329 

Dermoidgeschwulst, von Velhagen . . 1985 
Dermoide und Teratome, von Saxer . . 975 
Desault,ein Chirurg des 18. Jahrhunderts, 

von Merkel.383 

Desinfektion s.a. Alkohol, Alkoholdämpfe, 

Dam pfdesin f., Formaldehyd, Formalin- 


desinf., Luft, Hände, Sterilisation, Ver¬ 
bandstoffe, Wandanstrich, Wasser- 


desinf. 

Desinfektion bei ansteckenden Krank¬ 
heiten 128, — von Tierhaaren mittels 
Wasserdampf, von Proskauer und Con- 
radi 849, — der Hände, von Grims- 

dale.905 

Desinfektionsmittel,kombinierte Wirkung 
chemischer, u. heisser Wasserdämpfe, 
von Kokubo 1473, Prüfung der —, 

von Pelnär .1930 

Desinfektionsverfahren mittels Waser- 

dampf, von Musehold.459 

Dextrokardie, von Hintner 643, von 
D’Alberto Lucchi.987 


Diabetes s. a. Dermatosen, Eiweissumsatz, 
Nebennierendiab., Pankreas, Phlorid- 
zindiab , Stoffwechsel, Zucker, Zucker¬ 
bildung, Zuckerharnruhr. 

Diabetes, von Fittipaldi 1811, von De 
Renzi 1517, — insipidus, von Schwarz 
904, von du Mesnil 1240, von Hocke 
1817, Zusammenhang zwischen — 
insipidus und mellitus, von Kuhn 
103, tierisches Gummi bei — insipidus, 
von v. Alfthan 377, — insipidus nach 
Basisfraktur, von Borszicky 810, — 
insip. n. Blasenlähmung, von Posner 
850, angeborener — insipidus, kom¬ 
biniert mit nach Jnsolation hinzuge¬ 
tretener Epilepsie, von Lichtwitz 1887, 
allmähliche Umwandlung von — 
insipidus in — mellitus, von D'Amato 
1979, — mellitus, von Rumpf 1059, 
Kartoffelkur bei — mellitus, von Moss<* 
212, 427, 1766, Heimchorea u. Paro¬ 
titis bei—, vonPeacoek 543, Therapie 
des — mellitus, von Strasser 759, Ein- 


Scit 

fluss des Fettes auf die Aceton and 
Säureausscheidung bei —, von Grube 
1106, Histo-Pathologie des Pankreas 
bei — mellitus, von Herzog 1230, 
Eukalyptus in der Behandlung des —, 
von Faulds 1234, Wesen des —, von 
Hess 1449, Wirkung der Karlsbader 
Wässer auf den —, von Lorand 1723, 
Pathologie und Therapie des — 
mellitus, von v. Noorden 1723, — in 
der Chirurgie, von Kausch 1725, — 
mellitus u. gynäkolog. Operationen, 

von Fütli.1778 

Diabetesdiät, Theorie der, von Koliseh . 977 
Diabetiker, Nahrungshedürfnis der, von 

Schlesinger.1761 

Diabetische, Operationen an, von Stern¬ 
berg .1725 

Diätotherapie bei Magen- und Darmkrank- 

beiten, von Schmidt. 217 

Diagnose, spezielle, der inneren Krank¬ 
heiten, von v. Leube.847 

Diagnostik innerer Krankheiten, von 
v. Jakscli 371, praktische — der 
inneren Krankheiten, von Kühne¬ 
mann . ..932 

Diagnostische Schwierigkeiten und Jrr- 

tümer, von v. Winekel.168 

Diarrhoe, Behandlung der chron., mit 

Salzsäure, von Soupault.775 

Diastase der Mm. recti abdominis in der 
Pathologie des Kindes, von Friedjung 1819 
Diazoreaktion, Auftreten der, bei der 
Lungentuberkulose, von Blad u. Vide- 
beck 73, Ehrliclische —, von Hellendali 
457, klinische Brauchbarkeit der —, 
von Syers 1234, prognostischer Wert 
der Ebrlichschen — bei Phthisikern, 
von Gieseler 1626, diagnostischer 

Wert der —, von Nizzoli.1979 

Dickdarm, Rechtslagerung des ganzen, 
von de Quervain 32, Anomalien des 
—, von Frommer 887, —Lympho¬ 
sarkome, von Glinski 936, physi¬ 
kalische Zeichen des —, von Weins 
1673, multiple Divertikelbildung im —, 

von Schreiber.1806 

Dick- und Dünndarmrcsorptiou, von Keuch 252 
Dickdarmkarzinome, von Schloffer 1767, _ 
Behandlungsresultate bei —, von 
Hoehenegg 676, Diagnose des—, von 
Crärnor . . . . . . . . . . . 993, 1203 
Dieffenbach Johann Friedrich, ein Le¬ 
bensbild, von Merkel.210-1 

Digitalis, Schwankungen in der Stärke 
der Folia, von Fooko 174, Wirkung 
der — auf die Gefässe, von Magnus 162 
Digitalis- und Stroplianthusdroge, Wirk¬ 


samkeit der, von Wolff.1558 

Digitalisblätter, jahreszeitliche Schwank¬ 
ungen in der Stärke der, von Focko 1890 

Digitalisdialysat, von Görges.946 

Digitalisgebrauch, I^eukocytose nach, bei 
Pneumonieinfektion, von Borini . . 1472 
Digitalisgruppe, Gefässwirkung der Kör¬ 
per der, von Gottlieb u. Magnus 376, 
Wirkung der Stoffe der — bei exo- 
kardialer Applikation, von Benedi- 

centi .1273 

Digitaliskörper, kumulative Wirkung der, 
von Fraenkel 814, Einfluss der —, 
auf die Hirnzirkulation, von Gottlieb 

u. Magnus.1848 

Digitalismissbrauch, gewohnheitsmässi- 

ger, von Schubert. 1580 

Dilatationsaneurysma des Ductus art. 

Botalli, von Roeder.155 


Dilatatorium s. a. Acehouchement. 
Dilatatorium von Bossi, von Leopold 756, 
von Langhoff 2016, von Wagner 2016, 
von Bischoff 2016, neues geburtshilf¬ 


liches —, von Frommer.2016 

Dionin, von Scherer 735, von Frankl 1407, 
von Weigl 2160, - in der Augen¬ 
therapie, von Darier.497 

Diphtherie s. a Iler/tod, Larynx steil ose, 
Harn, Hospitaldiphtherie. 


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XXX 


INH A 1/rS-VEKZErCJI NIS. 


1902. 


Stile 

Diphtherie, Beiträge zur Epidemiologie 
der, von Gottstein 126, Behandlung 
der schweren —, von Biernucki 204, 

— nach Scharlach, Rhinorrhoe und 
Otorrhoe, von Williams 379, — in 
den Wiener Kinderspitälem 1886 bis 
1900, von Siegert 417, Tracheotomie 
und Intubation bei —, von Rahn 418, 
Formalin bei —, von Zdekauer 461, 

— der Vögel, von Gu^rin 587, Sero¬ 

therapie der —, von Felix 890, Sero¬ 
therapie der —, von Mirinescu 1113, 
Serumerythem bei —, von liegendre 
947, Periodizität der —, von Gottstein 
951, Verhalten des Gehörorgans bei 
genuiner —, von Lewin 980, Anti* 
toxinbehnndlung der—, von Brownleo 
1156, Behandlung der—, von Deguy 
und Weill 1310, — und Ohrenkrank¬ 
heiten, von Stangenberg 1436, lokale 
und allgemeine Behandlung der •—, 
von Tirard 1555, Aetiologie der —, 
von Zupnik 1665, sog. skarlatiniforme 
Serumexantheme bei —, von I>einer 
1849, maligne —, von Marfan 1977, 
Todesursachen bei —, von Barbier 
1977, Ergebnisse der Heilserumbe* 
handlung der —.2168 

Diphtherieantitoxin, eiweissfreies, von 

Pröscher . . . 1176 

Diphtheriebazillen, virulente, bei Rhini¬ 
tis, von Neumann 248, Schicksal der 

— im Verdauungskanal, von Siiss- 
woin 291, Differenzierbarkeit der — 
und Pseudodiphtheriehazillen, von 


Bronstein und Grünblatt 1715, — im 
Blut und im Behringschen Heil¬ 
serum, von Niessen. 2097 

Diphtheriehazillensepsis, von Roosen- 

Rungo.1119 

Diphtheriebehandlung, Resultate der, im 
Mülhauser Bürgerspital, von Jäger . 493 
Diphtheriediagnose, bakteriologische, von 

Salus . 426 

Diphtheriefälle am Spital Bretonneau, 
von Josias.1942 


Diphtherieheilserum, von Siegert und 
Müller 1487, — -Injektionen, Tetanus 
- nach, von Siegert 85, Schutzimpfungen 
mit —, von Netter 427, Ilautausschläge 
durch —, von Stanley 760, Präventiv- 
impfungen mit —, von Sevestre 1076, 
Wirksamkeit des —, von Chiadini . 1517 
Diphtherieserum, Wirksamkeit, dos von 
Rosenbach 558, Erfolge des —, von 
Kassowitz 1126, neue Art von —, von 


Wassermann.1928 

Diphtherieserumflaschen, Verpackung u. 

Kennzeichnung der.911 

Diphtherietheorie, Behrings neueste, von 

Schanz $4, 498, von Axenfeld . . . 580 

Diphtherietoxin, von Wood.494 

Diphtherische Larynxstenose, Indika¬ 
tionsstellung der operativen Be¬ 
handlung dor, von Alsberg und Hei- 

mann.247 

Diphtheritis, Heilserumtherapie bei, von 

Mitscha. 938 

Diplokokkämie, von Ceconi u. Fornaca 1517 

Dipsomanie, von Gaupp.800 

Dispensaires antituberculeux, von Cal- 

mette.1854 

Disposition, Prophylaxe der, von Stein¬ 
thal . 73 

Distanzger.iusch, diastolisches musikali¬ 
sches, von Gröber.386 

Distomum in Anopheles elaviger, von 
Martirano 73, — hepaticum, von 

Duffek. 1315 

Divergenzlähmung, von v. Hippel . . . 122 
Diverticulitis, rezidivierende, von Hilgen¬ 
reiner . 2068 

Divertikel s a. Meckelsches Div. 

Divertikel, falsche, derFlexura sigmoides, 

von Mertens.1061 

Doktorfahrten, Aerztliebes und Mensch¬ 
liches, von Nassauer. 2093 


Doktorjubiläum, 60jähriges. 

Doktorenkollegium, Wiener medizini¬ 
sches, und seine Woblfahrtsiustitute 

Donath, Fall. 

Doppelkatheter zur Verhütung dor Cysti- 

- tis, von Rosenstein. 

Doppelmeissol, Modifikation des Schötz- 

schon, von Choronshitzkv. 

Dormiol, Anwendung des, bei Epilep¬ 
tikern, von Hoppe. 

Douglasabszess, epityphlitischer, von 

Pendl. 

Dreigläserprobe, von Dreyer. 

Drillingsgeburten, von Saniter 288, von 

Hartmann. 

Druck, Bedeutung kleinerer Schwan¬ 
kungen des atmosphärischen, für den 
menschlichen Organismus, von Ro¬ 
senbach 700. intraabdominaler —, von 
Meyer 975, von Hagen-Torn 1515, 
kardiovaskulärer —, von Boori. . . 
Ductus choledochus, cystiscbe Erweite¬ 
rung des, von Rostowzew .... 
Dünndarm, eigenartige Stenosenbildung 
im, von Groth 446, angeborene Miss¬ 
bildung des —, von Lilienfeld 538, 
angeborener Verschluss des —, von 

Braun. 

Dünndarmanhang, um dio Achse ge¬ 
drehter, von Riedel. 

Dünndarminkarzeration, von Hampeln . 
Dürndarminvagination, ausgeheilte, von 

Hauser. 

Dünndarmresektion, von Bernays . . . 
Dünndarmstenose, syphilitische, von 

Rosenfeld. 

Dünndarmstrangulalion, Todesursache 

bei, von Albeck. 

Dünndarmvolvulus, Aetiologie des, von 

Kirchmayr. 

Duodenalgeschwür, chirurgische Behand¬ 
lung des, von Moynihan 378, perfo¬ 
riertes geheiltes —, von Lucy . . . 
Duodenalstonosen, von Reach . . . 
Duodenum, primäres Karzinom des, von 

Fenwick. 

Dupuytrensche Fingerkontraktur, von 
Janssen 1270, — Strangkontraktur, 

von Schüffer. 

Durchleuchtungslampe, aseptische, von 

Wamecke. 

Dysenterie s. a. Ruhr. 

Dysenterie, von Duncan 1594, seltene 
Komplikationen der —, von Rein- 
linger 75, temporäre Kolostomie bei 
chronischer —, von Nelirkorn 117, 
Aetiologie der akuten —, von Vedder 
und Duval 376, Behandlung der —, 
von Kuzmitzky 762, pathogene Ein¬ 
heit dor --, von Moreul und Rieux 
1193, Mikroorganismen der —, von 
Chantemesse 1446, Mechanismus der 
intestinalen Infektion bei —, von 

Bertrand. 

Dysenteriebazillus, von Shiga. 

Dysenterieepidomie in Südsteiermark, 
von Müller 976, — in Aaseral, von 

Geirsvold . 

Dysmenorrhoe, von Thom 858, von Her- 
man 1232, Wesen der —, von Theil- 
haber 153, nasale —, von Linder 922, 
— und Aspirin, von l^ehmann 1400, 
Pathogenie und Behandlung der —, 

von Mendez de Leon . . 

Dyspepsie, Wesen und Diagnose der 
sog. nervösen, von Strümpell . . . 
Dyspeptische Beschwerden bei Erkran¬ 
kungen des weiblichen Geschlechts¬ 
apparates, von Sommer. 

Dystrophia muscularis progressiva, von 
Troemner 816, Kontrakturen bei — 
muscularis progressiva, von Hahn . 


E. 

Echinokokkus s. a. Leberechinokokkus. 


Seite | Seite 

1594 , Echinokokkus ,von Springer 1868, Eosino- 
i pliilie bei —, von Seeligmann und 

597 Dudgeon.1360 

823 Echinokokkusembolie, von Grawitz . . 1068 
Eddvismus s. a. Gesundbeten. 

975 ■ Eddvismus .170 

Ehe, Konsanguinität in der, und die 
1812 Folgen für die Deszendenz, von 

Peipers 326, — und venerische Krank- 

701 beiten, von Lesser.1017 

Ehescheidung wegen Geisteskrankheit, 

495 von Köberlin.500 

683 Ehrengerichte, Praxis der, 643, — für 

Sanitätsoffiziere. 1206, 1559 

977 Ehrengerichtliche Entscheidung .... 1870 

I Ehrengerichtshof, preussisclier 862, öster- 
! reichischer— 1077, Entscheidungen 

i des preussischen —.1987 

i Ehrengerichtsordnung, sächsische 1686, 

1687, abgeänderte — in Sachsen . . 2070 
1810 Ehrlich sehe Dimethylamidobenzaldehyd- 

reaktion, von Kocziczkowsky . . . 1895 
1809 , Ei, Retention des, nach dem Fruchttod, 
von Präger 256, Einbettung und 
Wachstum des — im Eierstock, von 
Franz 802, tubare Einbettung des 
menschlichen —, von Heinsius 974, 

1514 ! Implantation des — im Uterus, von 

Hengge.1317 

719 | Eier, junge menschliche, von Marcband 

1061 1362, von Franz.1480 

Eiklar, biologisch-chemische Studie über 
2165 i das, von Obermeier und Pick . . . 759 

1849 i Eileiterschwangerschaft, operative Ent¬ 
fernung der, durch die Scheide, von 

623 | Strassmann.545 

Eierstock s. a. Ovarium. 

325 I Eierstock, Dermoidcysten dos, von Nau- 

werck.1024 

1849 | Kiers tocksschwangerschaft, von Lumpe 803 
Eigenbeziehung, krankhafte, mit Beach¬ 
tungswahn, von Cramer .1063 

1234 I Eingriffe, Bedeutung der Einwilligung der 
1664 | Patienten zu operativen, von Fritsch 1719 
Einträufelungen mit körperwarmen Lö- 

37 | sungen, von Axenfeld. 2063 

Eisen s. n. Ciliaten. 

Eisen, Verhalten des, im Organismus, 

1317 | von Landau.1713 

Eisenbahnbedienstete, Erkrankung«-, In- 

38 | validitäts- und Sterbliehkeitsverhält- 
niss der bayerischen, von Zeitlmann 1637 

Eisenbahnwagen, Desinfektion der, von 

Hellmann.1639 

Eisenmilch, von Giordani ..... . 1977 
Eisentropon und Eiseninangantropon hei 

Rachitis, von Silva.. . 157 

Eisenwassor, biologische Untersuchungen 
von natürlichem, von Adler .... 34 

Eiterungen, mikroskopische Blutunter¬ 
suchungen zur Diagnostik und Indi¬ 
kationsstellung bei intraabdominalen, 
von Schnitzler 540, chronische — des 
1766 I Sinus frontalis, von Lack ... . 1361 

1894 I Eiweiss, Umwandlung des, durch die 
Darmwand, von Cohnheim 1020, Duo¬ 
denalverdauung des —, von Ferrai 
1769 I 1020, Unterscheidung von mensch¬ 

lichem und tierischem — mittels 
Präzipitine, von Wassermann und 
Schütze 1274, — und Zuckerreaktion 
am Krankenbett, von Stich . . . 1100 

Eiweissansatz, Einfluss des Lezithins auf 

1897 j den, von Massacin. 1809 

Eiweisschemie, von Jolles. 35 

493 I Eiweissfällungsmittel, Anilinfarben als, 

von Heidenhain . . . . 437 

Eiweissforschung, gegenwärtiger Stand 

414 ! der, von Villinger.893 

Ei weisskörper s. a. Blut. 

Eiweisskörper, Abbau der, in der Leber, 

154 I von Toepfer 495, Wert der Präzipitine 
als Unterscbeidungsmittel für —, von 
Rostoski 740, 864, Chemie und Bio¬ 
logie der —, von Umber 1158, durch 
Essigsäure fällbare — der Exsudate 
und des Urins, von Staehelin 1413, 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS, 


XXXI 


Seite Seite 

durch Essigsäure fällbare — in Ex* von Aufrecht 1230, — der A. mesen- 

sndaten, von Moritz . . . .1748 terica sup., von Thorei .... . 2102 

Eiweissmolekül, Bau des, von Hofmeister 1669 Embryotomie beim lebenden Kinde, 

Ei weissprobe, einfache und empfindliche, von Zander 623, Technik der —, 

von Bychowsk.156 von Latzko.713 

Eiweissstoffwechsel, Einfluss des Alko- Embryotrophe, von Bonnet.422 

hole auf den, von Rosemann . . . 252 Empyem, von Frey tag 1443, interlobäres 
Eiweissumpatz, Einfluss von Fett und —, von Bändel 425, Dekortikation der 

Kohlehydrat auf den, des Menschen, Lunge hei chronischem —, von 

von Tallqvist 289, künstliche Ein- Kurpjuweit 1271, — des Sinus 

schränknng des —, von Weber 376, maxillaris und frontalis 1593, Behand- 

— undZuckerausscheidungdesschwe- lung des —, von Israel 2019, — der 

ren Diabetikers, von Hesse. 1059 hintersten Siebbeinzellen, von Axen- 

Eiweissverdauung im menschlichen feld. 2063 

Magen, von Müller 1075, Umfang der Empyemfistel, Thoraxresektionen bei, 

— im Magen des Menschen, von von Jordan.1513 

Heinrich. 8003 Empyemoperation, hinterer Schnitt hei 

F.ktopia vesicae.vonHintner643,Ureteren* der, von Motv.1981 

n. .Nierentätigkeit bei —, von Straus 1861 KncephalomyelomeningitiH diffusahaemor- 

Eklampsic s. a. Urinbefund. rliagica, von Bartels.1762 

Eklampsie, von Braitenberg 328, von Kncephalopathia infantilis epileptica, 

Kamann 831, Pathogenese der —, von Lukäcs.374 

von Dienst 373, die — im Gross* Enchondrom, diffuses, der Gelenkkapsel, 

herzogtum Mecklenburg - Schwerin, von Müller.537 

von 1881—1891, von Büttner 373, Endokarditis, von Litten 462, Behänd* 

Lehre von der —, von Schmorl 374, lung der septischen —, von Wenke- 

Pathogenese der —, von Blumreich lmch 625, Widalsche Reaktion bei 

und Zuntz 417, Kaiserschnitt bei —, maligner—, von White 732, — dysen- 

von Kutsch au 503, Behandlung der terica, von Gils 820, infektiöse — 

puerperalen —, von Francis 541, — und Antistreptokokkenserum, von 

und Aderlass, von Thiele 941, Ent* C'ooper und Ogle.1233 

stehung der —, von Müller 1432, Endoskopie s. a. Fremdkörper. 

von Albert 1432, experimentelle Endoskop, von v. Thüinen.169 

Studien über —, von Weichardt 1516, Endometritis, bakteriotoxische, von Wal t- 

Behandlnng der — mit Thvreoidin, hard 1151, Behandlung der —, von 

von Nicholson 1556, Geschichte der Smyly 1234, Formalinbehandlung der 

fötalen Theorie über die Ursachen chronischen — nach Menge, von 

der —, von Mouton 1847, zur experi- Odebrecht. 2096 

inenteilen Pathogenese der —, von Energetici, Darstellung von, durch den 

Ascoli 2095, Sectio caesarea bei —, Organismus, von Adler.570 

von v. Guörard 2096, Geschichte Enkephalitis, von Spielmever 1470, akute 

der fötalen Theorie der —, von hämorrhagische —, von Sträussler 

Christiani. 2096 156, von Stegmann.1821 

Eklampsiefrage, von Schröder .... 1727 Enophthalnius traumaticus, von Loeser 1771 

Ektodermcysten bei Fötus und Neu- Entartungsreaktion, chemische Aende- 

geborenen, von Meyer. 1366 rungen der Muskulatur bei, von 

Ekzem s. a. Säuglingsekzem. Rumpf und Schümm ...... . 154 

Ekzem, Aetiologie des, von Heubel 1308, Entbindungen, 700, in der Privatpraxis, 

Behandlung des durch Antiseptica von Cowen.807 

entstandenen akuten—, von Gokieloff 1476 Entbindungslähmung am Arm, von 

Flmstinfärbnng, Wert der, für die histo- Schueller.1587 

logische Diagnostik, von Fischer 1785, Enterektomie und Kunstafter, von 

Weigertsche —, von Fischer . . . 2017 Barker.1360 

Elastisches Gewebe des Uterus, von Enteritis s. u. Zellen. 

Iwanoff 1626, — der Lunge, von I Enterophose, von lea 1556, Pathologie 
Sawada 1626, — bei Magenkarzinom, und Therapie der —, von Kumpf . 1673 

von Inouye. 1626 } Entfettungskuren, borsaures Natrium 

Elaatizitätslehre, von Triepel.1971 bei, von Gerhardt.1029 

Elektrizität s. a. Starkstromverletzungen. Entmündigung, Ablehnung einer, von 

Elektrizität, animalische Effekte der, • Kornfeld.*.937 

von Jellinek 759, 806, durch atmos* I Entmündigungsverfahren, Sachverstän- 

phärische and technische — verur- ; dige beim. 2023 

sachte Gesundheitsstörungen, von | Entropium,konservativeBehandlnngdes, 

Jellinek. 1976 , von Oppenheimer.1929 

Elektrolyse, von Kenefick 981, — im I Entwicklungslehre, Handbach der ver- 


animalisehen Gewebe, von Schmit- 

hnisen.629 

Elektromotor, Handgriff für die Wello 

de«, von Kretschmann.1024 

Elektrotechnik, die Natnrkräfte im Diensto 

der, von v. Miller.1774 

Elektrotherapie, von Jakoby.1429 

ktotherapentische Reflexionen, von 
Rodari.378 


Elephantiasis, von v. Bramann 547, in 
Oberstei ermark beobachtete auto- 
chthone —, von Favarger 34, operative 
Behandlung der — der Geschlechts¬ 
organe, von Havelock 205, sporadische 
—, von Orlow 246, — der Augenlider, 
von Delbanco 854, — nach Entfer¬ 
nung der Inguinaldrüsen, von zum 
Busch 978, kongenitale —, von Bern¬ 
hard nnd Blumenthal ..2159 

Kllbogenlaxationen, operative Behand¬ 
lung veralteter, von Weber .... 1431 
Embolie und Metastase in der Haut, 
von Philippgon 294, — der Art. 

mesenterica sup.„ von Sievers 418, 


gleichenden, von Hertwig.2154 

Entzündung seröser Häute, von Heinz 670 
Enukleation, Zusammennähen der Seh¬ 
nen nach der, von Snell.1693 

Enuresis, Behandlung der —, bei weib¬ 
lichen Individuen, von Parnell 541, 
Behandlung der —, von Walko . . 1761 
Enzyme, proteolytische, im Tierreich, 
von Fermi und Repetto 670, proteo¬ 
lytische — im Tierkörper, von Hedin 

und Rowland.626 

Epicarin, von Szaböky.127 

Epidemie, ungewöhnliche, von Brook . 2182 
Epidermolysis bullosa hereditaria, von 

Bettmann.330 

Epididymitis gonorrhoica, von Le Clerc- 

Dandoy.496 

Epiglottis, Entfernung der karzinoma- 
tösen, von Büdinger 1165, Funktionen 


der —, von Renshaw.1631 

Epilepsie s. a. Brombehandlung. 

Epilepsie, von Gowers 1585, neue Be¬ 
handlungsmethode der genuinen —, 
von Lion 34, — und Apoplexie, 


Seite 

von Paessler 164, — hepatischen 
Ursprungs, von Ballet 820, Trepa¬ 
nation bei kortikaler —, von Rasu- 
mowsky 887, Differentialdiagnose 
zwischen — und Hysterie, von Hoche 
938, Jacksonsche —, von Kümmell 
943, operative Eingriffe bei — clio- 
reiea, von v. Bechterew 1016, opera¬ 
tive Behandlung der —, von Winter 
1271, Cerebrinum gegen —, von 
Pantschenko 1558, — mit Brom ohne 
Salz behandelt, von Hullö und Ba- 
bonneix 1978, Jacksonsche — nach 
Nephritis, von Krause ... * . . . 2180 
Epileptischer Anfall, Dissociation der Re¬ 
spirationsbewegungen währond des, 
von Belmondo, 717, Behandlung des 
— durch Bettruhe, von de Montyel 1474 
Epiphysenosteomyelitis und deren Be¬ 


handlung, von Becker.801 

Epitheliom, durch RöntgenBtrahlen ge¬ 
heiltes, von Taylor 1233, gutartige — 
kongenitalen Ursprungs, von Perthes 
1846, — contag. des Geflügels, von 

Marx und Sticker.2159 

Epithelmetaplasie, von Eichholz . . . 456 
Epithelstudien, experimentelle, von 

Werner.1512 

Erblindung, venerische Kranhheiten als 

Ursache der, von Widmark .... 2155 
Ergotismusepideraie, Frankenberger, von 

Jahrmärker.374 

Erholungsstätten, von Becher.1856 

Erkrankung mit typhusähnlichem Bak¬ 
terium im Blut, von Brion und Kayser 611 
Erlass, amtlicher, betr. die Desinfektion 


bei ansteckend. Krankheiten (Polizei¬ 
verordnung Berlin) 128, — betr. Ver¬ 
richtungen der Kreisärzte auf dem 
Gebiete der Schulhygiene (Preussen) 

392, — betr. Verpackung und Kenn¬ 
zeichnung d. DiphtherieserumflaHchen 
(Bayern) 911, — betr. Vorschriften 
über die Prüfung und Beaufsichti¬ 
gung der Heilgehilfen, Masseure, 
Krankenwärter u. s. w. (Preussen) 992, 

— betr. den Verkehr mit Arzneimit¬ 
teln (Deutsches Reich) 1030, — betr. 
die Prüfung f. den ärztlichen Staats¬ 
dienst im Jahre 1903 (Bayern) 1168, 

— betr. die Abänderung der Standes¬ 
ordnung und der Ehrengerichtsord¬ 
nung für die ärztlichen Bezirks¬ 
vereine (Sachsen) 1687, — betr. die 
Verhandlungen der Aerztekammem 
im Jahre 1901; hier: Postportofrei¬ 
heit für die Morbiditätsstatistik der 
Infektionskrankheiten betr. (Bayern) 

1784, — betr. Gebühren für ärztliche 
Dienstleistungen beiBehörden (Bayern) 
2071, — betr. bakteriologische Un- 
tersuchungen(Bayern).2110 

Ernährung s. a. Kind, Nahrungsmenge, 
Säugling, Nahrungsbedarf, Nährstoffe, 
Uebemährung. 

Ernährung, des Kindes, Ernährungs¬ 
störungen und Ernährungstherapie, 
von Czerny und Keller 847, forziorte 

— abdominaltyphöser Kranker, von 

Ladysclienski 977, — im Knaben¬ 
alter mit Berücksichtigung der Fett¬ 
sucht, von Rubner 1149, Bedeutung 
der Darmbakterien für die —, von 
Schottelius 1191, — in der heissen 
Jahreszeit und im heissen Klima, 
von Hirschfeld 1628, Technik und 
Bedeutung kalorimetrischer Bestim¬ 
mungen bei der — von Kindern, 
von Schlossmann 1675, biologische 
Mehrarbeit des kindlichen Organis¬ 
mus bei künstlicher —, von Wasser¬ 
mann .1820 


Ersatz, operativer, des gelähmten Quadri- 
ceps femoris, von Magnus .... 1704 

Erstickung, von Zippel.299 

Erstickungstod, von Lochte.120 

Erwerbsfähigkeit, ärztliche Gutachten 
über das Maass der, 343, Abschätzung 
der —, von Radtke.809 


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XXXII 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902 . 


Seite 

Erwerbsunfähigkeit, Feststellung der . 1366 
Erysipel, Behandlung des, im „roten 
Zimmer“, von Krukenberg 528, Bak¬ 
teriologie des —, von Pfuhler 106(5, 
Behandlung von —durch Ausschlies¬ 
sung der chemischen Strahlen des 
Sonnenlichtes, von Finnen 1436, — 


an den Beinen, von Koch 1900, 
Therapie des —, von Ströll .... 1943 
Erysipeloid, von Tavel. 72 


Erythema scarlatiniformedesquamativum 
recidivans, von Kramsztyk 935, — 
exsud. multiforme, von Neuberger . 1025 
Erythrocyten, punktierte, von Reitter . 2019 

Esmarch-Denkmal.1824 

Essigessenz, Handel mit.557 

Etat crible, von Gessner.168 

Ethik, ärztliche.1594 

Eukain B, von Marcinowski.2014 

Eukalyptus gegen Diabetes, von Faulds 1234 
Enstrongylus gigas, von Stürz . . . 1277 
Eventratio diapliragmatica, von Doering 

1229, von Fraenkel 1936, von Benda 1984 
Exalginvergiftung, von Seifert .... 12i2 
Exantheme, merkurielle, von Grön . . 1436 
Exartikulation, gleichzeitige, der Hüfte 
und Schulter, von Pearcey .... 1360 
Ex libris des Acrztliohen Vereines 

München.558 

Exophthalmus pulsans, von Schou . . 1435 
Exostosen, von Jungkmann 467, trau¬ 
matische —, von Sehuler 1016, — der 
1. Rippe, von Fraenkel 1026, multiple 
kartilaginäre —, von Starck .... 1513 
Expektoration u. expektorierende Mittel, 

von Saenger.938 

Exsudate, Diagnose und Therapie grosser 


perikarditischer, von Ixmhartz 769, 
autolytische Vorgänge in —, von 
Umber 1169* gallenfarbstoffhaltigeH 
pleuritische8 —, von Criegem 1483, 

von Rank .... . 1620 

Extension, von Kuhn 1701. vertikale und 
horizontale —, von Wieting .... 584 
Extensionsverband nach Ileusner, von 
Wülfing. 1571 


Extrauteringravidität s. a.Eileiterschwan¬ 
gerschaft, Eierstockschwangerschaft, 
Tubargravidität, Tubenschwanger¬ 
schaft, Gravidität. 

Extrauteringravidität, konservierende Be¬ 
handlung frühzeitig unterbrochener, 
von v. Scanzoni 417, Behandlung der 
---, von Uhle 498, wiederholte —, von 
Philipowicz 587, — bei lebender Frucht, 
von Moebius 1273, Aetiologie, Diag¬ 
nostik und Therapie der —, von 
v.Braun-Fernwald 1514, — und Hämo¬ 
globinurie, von Tauber 1665, Therapie 
der—, von Schenk 1778, ausgetragene 

- -, von Hoenck.1900 

Extrauterinschwangerschaft, Behandlung 
der, von Rieck 1296, Aetiologie, Dia¬ 
gnose und Behandlung der —, von 

Harrison.1555 

Extremitäten • Erkrankung hei jungen 
Rindern in Südamerika, von Voges . 376 
Extremitätenkrebs, Statistik u. Kasuistik 

des primären, von Franze.1926 

Extremitätenlähmungen, syphilitische, 
bei Neugeborenen und Säuglingen, 
von Eewin.761 

F. 

Fachpresse, freie Vereinigung der Deut¬ 
schen medizinischen, 127, internst. 
Vereinigung der medizinischen — 

559, internat. Konferenz der medi¬ 
zinischen — 775, Generalversamm¬ 
lung der freien Vereinigung der me¬ 
dizinischen —.1686 

Fadenpilze, Bedeutung der, für die patho¬ 
logischen Veränderungen des Magens, 

von Pettersson.1664 

Fäkalien, Einleitung von in den Rhein 389 


8oite 

Fälle, einige klinische, von Hind . . . 1631 
Färbemethode, Romanowskysche, von 

Feinberg.1928 

Fäzes s. a. Kot. 

Fäzes, Bakterienmenge in den mensch¬ 
lichen, von Strasburger.1890 

Fahrrad, Vergütung für Benützung des, 
in der ärztlichen Praxis .... 733, 736 
Fahrradsysteme, Verwendung älterer, zu 
therapeutischen Zwecken, von Martin 1713 
Fangokur und ihre Indikationen, von 

Mory.1713 

Farbenblindheit, Prüfung der,von Edridge 2181 
Farbensinn, praktische Prüfung des, mit 
Signallichtern, von Eversbusch . . . 1636 
Farbstoffchemie, Einführung in die, für 

Histologen, von Michaelis. 2056 

Fasciolepsis Buski, von Odlmer .... 976 
Faszienquerschnitt, suprasymphysärer, 

nach Pfannenstiel, von Daniel . . . 668 
Faszienriss, isolierter, von Mohr . . . 809 
Favus hei Neugeborenen, von Schleissner 
329, — der behaarten Haut, von 

Richter.593 

Favuskulturen, von Wandel.1684 

Fazialiskrampf, tonischer, von Hoffmann 939 
Fazialislähmung, kongenitale, von Mar¬ 
fan und Delille 292, angeborene dop¬ 
pelseitige —, von Köster 836, — bei 
Mittelohreiterung, von Jacobi 466, 

Lehre von der —, von Köster 1229, 
traumatische - , von Köster 1442, 
sog. rheumatische —, von Alexander 1470 
Femur, Verlängerung des, nach Osteo¬ 


sarkom, von Przewalski.1192 

Femurexostose, von Marx.201 

Ferienkurse in Erlangen 1168, — in 

München.1206 

Ferrometer, Jollessches klinisches, von 
Boetzelen.366 


Festschrift zur Eröffnung des chirurgi¬ 
schen Krankenhauses zu Bamberg973, 

— zur Feier des 50jähr. Bestehens 
des ärztlichen Vereines Nürnberg 

1852—1902 . 1104 

Fett, Biologie des, von Rosenfeld 47 , 
Bedeutung der Seifen für die Resorp¬ 
tion der —, von Pflüger 254, Einfluss 


der I.ymphdrüsen auf die Absorption 
und Resorption des —, von Poulain 
1766, Herkunft des — bei Fettmeta¬ 
morphose des Herzfleisches, von Leick 

und Winckler.1848 

Fettbruch, Torsion eines, von Wendel . 1846 
Fettdegeneration, von Fischler .... 1780 
Fetteiweipsverbindungen, von Nerking . 251 
Fettembolie, kadaveröse, der Lungen¬ 
kapillaren, von Westenhoeffer . . . 2098 
Fettgehalt normaler und in regressiver 
Metamorphose begriffener Thymus¬ 
drüsen, von Orgler.849 

Fettgewebsnekrose, von Wulff 1357, dis- 
seminierte — bei Cliolelithiasis, von 
Simmonds 899, das Trauma in der 
Aetiologie der disseminierten —, von 

Roosen-Runge.1355 

Fettige Ergüsse, chemische und morpho¬ 
logische Eigenschaften der, von Mu¬ 
termilch .1712 

Fettmast und reBpiratorischer^Quotient, 

von Bleibtreu.251 


Fettnekrosen, von Leepmann 893, Benda¬ 
sche Reaktion auf —, von Liepmann 1848 
Fettresorption im Darmrohr und Trans¬ 
port des Fettes in andere Organe, 


von Kischensky.1763 

Fettsäureglyzeride im tierischen Fett, 

von Hansen.638 

Fettstühle, von Salomon.765 

Fettsucht, von Brunton.554 

Fettumsatz im Organismus, von Leo . 1723 
Fettzersetzung durch Mikroorganismen, 

von Schreiber.376 

Feuerbestattungsgesetz, englisches . . . 1559 
Fibrom der Mamma, von Fabian ... 32 


Seite 

Fibroma molluscum mit Steigerung des 
Knochenwachstums, von Perthes . . 801 
Fibroide, Behandlung der, von Cameron 1656 
Fibromvoangiom des Muskels, von Hon- 

sell.247 

Fibromvom, von Knoop 1733, — der 
Scheide, von Merkel 552, — ligamenti 

rotundi, von Amann.713 

Fieber, Wesen des, von Aron 248, Be¬ 
handlung des —, von Jendrassik 291, 
Aetiologie des — unter der Geburt, 
von Müller 373, diagnostischer Wert 
des — im Kindesalter, von Rheiner 938 
Fieberkranke, nahrhaftes Getränk für, 


von I.efturih . ..1234 

Fieberkurven, von Reger.1725 

Filixsäuregruppe, Substanzen der, von 

Straub.1313 

Filter, neuer, von Urechia.1018 

Filtrimpparat, von Preisz.377 

Fingernagel und seine Bedeutung für 
die Amputation der letzte a Phalanx, 

von Lauenstein.809 

Fingerphnlungen, seitliche Deviation der, 

von Karch.1192 

Finsen-Therapie, heutiger Stand der, von 
II über.1276 


Fisch s. u. Giftfisch. 

Fistel zwischen Flexura sigmoidea und 

Blase, von Waldvogel.1400 

Fistelbildung zwischen Gallenwegen und 
Bronchus, von EHchenhagen .... 1857 
Fistula vestibulo-rectalis sub coitu primae 

noctis, von Scheftel.1810 

Fistulae cervico-vaginales laqueaticae. 


von Dirmoser. 2057 

Fixatio omenti, von v. Eysselsteyn . . 158 
Flaschen, keim- u. wasserdichter Doppel- 
verschluss für, von 8chottmüller . . 78 

Fleisch, Konservierung des, und der 
Fle'schpräparate, von Dorquet Ma- 
nasse 1278, Einlegen von — in ver¬ 
schiedene Salze, von Kuschel . . . 1314 
Fleischextrakt, Nutzwert des, von Frenzei 

u Toriyama.626 

Fleischkonservierungsmittel i. u. Bor¬ 
säure. 

Fleischvergiftung, Aetiologie der sog , von 
Fischer 494, — mit Typhus, von Levy 

und Jakobsthal.1928 

Fleischnahrung, Einfluss ausschliess¬ 
licher, auf die Impftuberkulose der 

Hühner, von Preisich.1110 

Fliegen und die Verbreitung der Cholera, 

von Mc Kaig.1851 

Fliegenlarven s. a. Myiasis. 

Fliegenlarven, von Ewald .119 

Flimmerskotom u. Migräne, von Jolly . 1848 

Flora von Deutschland, Oesterreich und 

der Schweiz, von Thomd.1926 

Flückiger-Medaille.1640 

Flüsse, Bedeutung der Flussufer für die 
Selbstreinigung der, von Bonne 816, 

898, Einleitung von Kaliindustrieab- 
wässem in die —, von Berger . . . 1894 

Flughautbildung, von Wilms . ... 503 

Fluorsilber, bakterizides Vermögen des, 

von Kerez.1894 


Förster, Dr. Richard f, von Eversbusch 1350 
Fötus, Indikation und Recht zur Tötung 
des, von Kossmann 174, extrauterin 
entwickelter, von Simmonds 208, — 
papyraceus, von v. Lichem 289, — 
compressus, von Loennberg .... 1974 
Fötalkreislauf, von Ziegenspeck . . . 1897 

Folia Uvae Ursi, von Meyers.1767 

Folliclis, Klinik und Histologie der, von 

Alexander.200 

Folliculitis exulcerans serpigin. nasi, von 

Kaposi.460 

Formaldehyd, Einfluss des, auf den Stoff¬ 
wechsel, von Tunniclife und Rosen¬ 
heim 626, Entwicklung von — für 
Wohnungsdesinfektion, von Mayer 
u. Wolpert 1314, Verstärkung der 


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1902. 


IN11A LTS-VERZ EIC11X1S. 


XXXIII 


Desinfektionswirkung des — durch 
künstlichen Innen wind, von Mayer 
und Wolpert 1356, Einfluss der Luft¬ 
temperatur auf die Desinfektions¬ 
wirkung des —, von Mayer u. Wolpert 1356 
Kormaldehydderivate bei der Behand¬ 
lung deB Intertrigo, der Hyperidrosis 
und des Ekzems, von Weliamowitscli 1477 
Formaldehydgas, Anwendung des, zur 


Desinfektion, von Voges.1545 

Formalin bei Diphtherie, von Zdekauer 461 
Formalindesinfektion von Eisenbahn¬ 
wagen, von Reichenbach.494 

Formalinvergiftung, akute, von Gerlacli 1503 
Forman bei der Behandlung des frischen 
Schnupfens, von Bresgen 910, von 

Suchannek.910 

Formular, einheitliches, für die bahnärzt¬ 
liche Untersuchung des Personals, 

von Stich.1637 

Forni* und Corpus mammillure, von 

Edinger und Wallenberg.374 


Fortbildungskurse für Aerzte 952, in 
Greifswald 3( 3, 1322. in Breslau 344, 
in Dresden 391, 1447, in Rostock 
559, in München 864, 1363, in Nürn¬ 
berg 907, in Giessen.1559 

Fortbildungskurs für Medizinalbeamte in 

Hessen. 263, 990 

Fortbildungswesen s. a. Verhandlungen 
der bayr. Aerztekammern. 

F<*ribildungswesen, ärztliches, 910, — in 

Schlesien 127, — in Preussen 175, 416 
Fraenkel E, von Lenhartz . . . .120 

Frakturs. a. Brüche,Beckenbrüche, Hand, 
Humerus, Hüftgelenk, Klavikular- 
frakt, Knochenfrakt., Rissfrakt., Ober¬ 
kiefer, Schenkelhalsfrokt, 

Frakturen, Behandlung der, mit primärer 
Knochennaht, von Nülker 627, von 
Arbuthnot Lane 627, Behandlungs¬ 
methoden der —, von Walkowitsch 
1014, suprakondyläre — des Ober¬ 
arms, von Hilgenreiner 1074, — colli 
femoris, von Heinlein 1164, kombi¬ 
nierte — u. Luxationen der Hand¬ 
wurzelknochen, von de Quervain 1276, 
operative Behandlung komplizierter 
—, von Leasing 1430, Knochennaht 
bei —, von Völker 1514, Aetiologie 


der sog. intrauterinen — des Unter¬ 
schenkels, von Sperling 17*6, des 
unteren Radiusendes, von Beck 19 j5, 

— des hinteren Teiles der Fuss- 
wurzel, von Destot 1977, — deB Astra- 

galus, von Ombrednnne.1977 

Framboesia, von Glogner.1399 

Frauen, Krankheiten der, von Fritsch 
151, Zulassung von — als ausser¬ 
ordentliche Hörerinnen.686 

Frauenkleidung, Kultur des weiblichen 
Körpers als Grundlage der, von 
•Schultze 581, hygienische — ... 864 

Frauenkrankheiten, konservativeBeliand- 
lung der, von Eisenberg .... . 1675 

Frauenmilch, Beurteilung der Qualität 
der, nach dem mikroskopischen Bild, 
von Friedmann 202, Storchsche Re¬ 
aktion der —, von Thiemich . . 1974 
Frauenschulen, wirtschaftliche, auf dem 

I.ande . . .1903 

Frauenstudium. 261, 557 


Fremdkörper s. a. Blase, Oesopbagoto- 
mie, Lunge, Kragenknopf, Mydriasis, 
Mastdarm, Uterus, Bauchdecken¬ 
tumor, Auge. 

Fremdkörper, von Gluck 2171,Entfernung 
von —, aus demunterenTeil derSpeise- 
röhre. von v. Hacker 458, — in der 
Speiseröhre, von Dobbertin 583, Lage¬ 
bestimmung von - im Gehirn mittels 
Rontgenstriihlen, von Stamm 585, Ent¬ 
fernung von — ausder.Speiseröhre.von 
Winternitz 716, Volumetrie und Lage- 
bestimmung von — mittels Radio- 
skopie, von Ferrannini und Perrone 
801, Schutz des Verdauungstraktus 
vor Verletzungen durch spitze —, von 


Exner 1020, verschluckte —, von 
Unverricht 1120, Pneumotomie wegen 
—, von Bockmann 1431, — der Harn¬ 
blase, von Brunn 1433, von Ravaeini 
1434, — im Mastdarm, von Scheren- 
berg 1542, — im Ductus Stenonianus, 
von Eulenstein 1547, Erkennung und 
Behandlung von — in den oberen 
Luftwegen und der Speiseröhre, von 
Killian 1593, — in den Luftwegen, 
von Schlender 1662, von Monnier 
2158, die durch direkte Endoskopie 
erhaltenen Resultate bei — des 
Oesophagus und des Respiration- 
straktus, von Killiani 1812, Entfer¬ 
nung eiserner — aus der Harnblase 
mittels Elektromagneten, von Hof¬ 
meister .. . . 

Fremdkörperfälle, neue bronchoskopi- 

sche, von Wild. 

Fremdkörperpinzette für Nase und Ohr, 

von Damrow. 

Fremdkörperpunktion, von Perthes 1431, 
Frequenz der deutschen med. Fakultäten 
im W.-S. 1901/1902.174, im S.-S. 1902 
1247, — der Wiener med. Fakultät 
597, — der österreichischen med. 
Fakultäten 600, — der schweizeii- 
schen med. Fakultäten im W.-S 

1901/02 343, im S.-S. 1902 . 

Friedreichsche Ataxie, von Schwarz . . 

Frostsalbe. 

Frucht s. a Fötus. 

Frucht, Tötung der, von Kossmann 206, 
261, 298, 391, Missbildungen der —, 

von Popescul . 

Frühgeburt, künstliche, bei Beckenenge, 
von Pape 802, künstliche — mittels 
elastischer Metallbougie, von Scheib 
Frühsyphilis, hereditäre, ohne Exanthem, 

von Hochsinger. 

Furunkel, Behandlung des, mit Sauer- 
stolfgas, von Thiriar 496, abortive 
Behandlung dt-s —, von Bidder . . 
Fuss s. a. Plattfuss, Negerfuss, Knickfuss. 
Fuss, Exartikulation des, mit Zirkel- 
schnitt, von Samtor 723, Hygiene 
der —, von Gorodzoff 761, — der Chi¬ 
nesin, von Perthes 1062, schmerzende 
—, von Schanz 1809, Gummiringe 
zur Druckentlastung sclunerzualter 
Punkte am Fuss, von Bettmann . . 
Fussgelenk, seltene Verletzung des, von 

Mertens. 

Fussgelenksresektion, von Koenig . . . 
Fussgf schwulst der Soldaten, von Meyer 
Fussohlenabdriicke, Technik der, von 

Bettmann. 

Fütterungs-Tuberkulose bei Rindern und 
Kälbern, von Schottelius. 

«. 

Galerie hervoriagender Aerzte und Natur¬ 
forscher 174/215, 262, 303, 687, 735, 
990, 1598, 1686, 1183, 1943, 
Galle, Beziehungen zwischen, und Ei- 
weissverdauung, von Rosenberg 626, 
Gefrierpunkt der — , von Massedaglia 
und Coletti 1517, Einfluss von Mine¬ 
ralwässern auf die Ausscheidung von 
—, von Casciani 1979, osmotischer 
Druck der —, von St muss . . 
Gallenblase, Spontanperforation der, von 
v. Mosetig-Moorhof 328, Doppelkar- 
zinom der —, von Mönckeberg 1201, 
1847, experimenteller Beitrag zur Be¬ 
handlung der Perforationen und Zer- 
reissungen der - , von Baldassari u. 

Gardini. . . 

Gallenblasen-Darmfislel, von Radsiewsky 
Gallenblasenkarziuom, von Wörner . . 
Gallenblasenruptur in die freie Bauch¬ 
höhle, von v. Arx. 

Gallenergüsse, innere, infolge Ruptur 
von Hvdatidencvsten der Leber, von 

Ddvd . 

Gallenfisteln, innere, von Minkowski . 


Seite j Saite 

j Gullengänge, seltene Anomalie der, von 
Kehr 229. Lagerung der Patienten bei 
Operationen an den - , von Bemdt 322 
j Gallengangskarzinom, Pathologie des 
j primären und sekundären, von Mio- 

| dowski .1587 

| Gallenkapillaren, normale und patho¬ 
logische Anatomie der, von Eppinger 714 
I Gallenoperationen, s. a. Becken-Tief- 
| lagerung. 

! Gallenorgane, Anatomie und Pathologie 
I der, und des Pankreas, von v. Büngner 1724 
i Gallenstein s. a. Cholelithiasis. 
i Gallenstein, von Gerhardt 83, von Riedel 
1725, Pathologie und Chirurgie der —, 
von Merk 1061, Wachstum der —, 
von Stolz 1724, — im Ductus chole- 

dochus, von Tinker.1935 

Gallensteinerkrankung, ölsaures Natron 

bei, von Clemm.1247 

Gallensteinileus, von van Assen . . . 625 
Gallensteinkolik, von Gerhardt 491, 
pathologisch - anatomischer Befund 

bei —, von Riedel.1724 

Gallensteinkrankheit, von Binder . . . 327 
Gallensteinlaparotomien, Rückblick anf 

720, von Kehr.1689 

Gallensteinoperationen, Rezidive nach, 
von Habs 1202, Ursachen unvoll¬ 
ständiger —, von Fink 1665, Erfah¬ 
rungen über —, von Körte .... 1724 
Gallensystem, Inzision zur Freilegung 
des, von Morison 1553, Operationen 
am — und der Leber, von Fink . . 1725 
Gallenwege, primärer Krebs der, von 
Devie und Gallavardin 75, Chirurgie 
der —, von Scheuer 327, von Zeller 1316 
Galvanokaustik, intraokuläre, von 

Roscher . . . 481 

Ganglion Gasseri, Operation des, von 
Lexer 456, Tumor des —, von Mar- 
chand 503, mikroskopische Befunde 
am —, von Coenen 933, Exzision 

des —, von Rose.1235 

Gangraen s. a. Spontangangraen, Haut- 
gsingraen. 

Gangrene foudroyante, Bakteriologisches 

über, von Silberschraidt. 2059 

Gasanalyse und Gasvolumetrie, von Neu¬ 
mann .1397 

Gase, Absorption von, durch Kleidungs¬ 
stoffe, von Kisskalt.290 

Gasphlegmone des Menschen, von Stolz 
72 i 712, über —, Schaumorgane und deren 
1433 Erzeuger, von Fraenkel ..... . 849 
976 Gastralgie, Wesen und anatomischer Sitz 

der, von Buch.289 

1272 Gastritis tuberculosa, von Przewoski 936, 
operative Heilung an — und Laryn- 
1610 gitis phlegmonosa, von Simmonds 
1318, — membranacea, von Grün¬ 
baum .... 1630 

Gastroduodenostomie, horizontale, von 

Nicoladoni .1107 

Gastroenterostomie, von Meyer 415, von 
2030 Steinthal 1512, von Dalziel 1553, — 
an der Wölflerschen Klinik, von 
Sehloffer 457, — ypsiliformis ante- 


colica anterior, von Rotgans ; . . . 1768 
Gastrokopie s. u. Oesophagoskopie. 
Gastrostomie hei Karzinoma oesopliagi, 

von Lamöris.624 

2163 Gaumen, hoher, von Bloch.1024 

(iaumenmandeln, Technik der operativen 
Verkleinerung der, von Ruault 1812, 
Instrumente hiezu, von Raoult . . 1812 
Gaumenspalte, operative Behandlung der 
angeborenen, von Kassel.1807 


Gebärmutter, Entwicklungsgeschichte 
8047 der, von Bayer 492, operative Behänd- 
1061 | lung der myomatösen schwangeren —, 

723 i von Michin 1152, — Berechtigung d6.- 
Annäherung der — an die vordere 
1809 Bauchwand, von Kreutzmann . . . 2180 
1 Gebärmutter - Scheidenkrebsfälle, von 

Mackenrodt.1200 

1766 Gebärmutterblutungen, Oleum terebin- 
730 | thinae bei, von Leniewitsch .... 1476 


2158 

38 

1357 

2102 


1247 

1868 

215 

804 

1400 

1863 

937 


1965 


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XXXIV 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Idol 


Seite | 

Gebftrmutterkrebs, von Pilskv 941, kli- i 
nische und anatomische Untersuch¬ 
ungen über —, von Kroemer 417, 
Operation des — mittels des Schu- 
chardtschen Paravaginalschnittes,von 
Schauta 931, Endresultat der Uterus- 
extirpation bei —, von Glöckner 139*1, 
Bedeutung der Totalexstirpation des 
Uterus für die Radikalheilung des —, 
von v. Erlach und v. Woerz 1353, Erfah¬ 
rungen über die abdominale Radikal¬ 


operation des —, von Kleinhans . . 1779 
Gebärmutterschleimhaut, senile hämor¬ 
rhagische Hyperplasie der, von Gott¬ 
schalk .75G 

Gebärmutterzerreissung während der 

Geburt, von Krebs.2114 

Gebührenordnung für ärztliche Dienst¬ 
leistungen bei Behörden. 2071 


Geburt s. a. Mehrlingsgeburt, Zwillings¬ 
geburt. 

Geburten, Eheschliessungen und St er be¬ 
falle in Bayern i. J. 1901 735, sup- 
pressio urinae nach der —, von 
Mc Herren 1156, Rektovaginalrup- 
turen bei normalen -, von Kien 1272, 
Mechanismus der —, von Olshausen 
1167, Erweiterung der unteren Becken¬ 
aperturen während der —, von Neu¬ 
mann 1778, Mechanismus der —, von 

Müller . . • . . . . •.1778 

Geburtsbeschau, Einführung einer ge¬ 
regelten, von Wedeies.1849 

Geburtshilfe s. a. Asepsis, Bäder, Kopf, 
Becken, Operationslehre, Unter¬ 
suchung; Archiv, Beitrüge, Central¬ 
blatt, Monatsschrift, Zeitschrift. 
Geburtshilfe und Gynäkologie bei Aetius 
von Amida, von Wegscheider 69, 
Asepsis und Antisepsis in der —, 
von Eberhardt 502, Leitfaden der —, 
von Vogel 1129, Verwendung von 
Klemmen und Kugelzangen in der 


—, von Queissner.1762 

Geburtshilfliche Diätetik und Therapie, 

von Knapp.667 

Geburtshilfliche Falls, von Ostreil . . . 328 
Geburtshilflicher Operationskurs, Leit¬ 
faden für den, von Döderlein . . . 1106 
Gedächtnisstörung bei organischer Ge¬ 
hirnkrankheit, von Kitsche .... 1108 

Gedenktafel.1407 

Gefässe, Erkrankungen der, von v. 

Schroetter.1925 

Gefässentartung, diffuse, von Unverricht 858 
Gefässsystem, syphilitische Erkrankung 

des, von Abramow.1399 

Gefechtssanitätsdienst, 10 Beispiele aus 
dem, von Cron.2179 


Gefrierpunktsbestimmung s. a. Kryo- 
skopie, Galle. 

Gefrierpunktsbestimmung des Blutes, 
von Ogston 203, heutiger Stand der 
—, vou Röder 1107, praktische An¬ 
wendung der — bei Nierenerkran¬ 
kungen, von Rumpel 1731, 1821, Wert 
der — für die Diagnostik, von Hvmans 
van den Bergh 1768, Wert der —, 
von Hyrnans van den Bergh . . . 1768 
Geheimmittel, öffentliche Anpreisung von 909 
Geheimmittelwesen 261, Kommission für 

das —. . . 47 

Gehirn s.a. Hirnrindc.Kleinhirn,Brücken¬ 
geschwulst, Brücke, Thalamus, Vogel¬ 
gehirn, Pferdegehirn, Längsbündel. 
Gehirn, Untersuchungen über das, von 
Hitzig 5*5, Hydatidencyste des — 
und deren chirurgische Behandlung, 
von Jonescu 890, tetanusgiftneutrali¬ 
sierende Eigenschaft des - , von Marx 
1231, alte und neue Untersuchungen 
über das —, von Hitzig 1470, 1762, 
Störung im Oberflächenwachstum des 
—, von Zingerle 1762, Pigmentierung 
der Kapillarendothelien im —, von 
Katsurada 1763, epithel. Geschwülste 
des —. von Saxer 1763, metastatische 
Karzinome des —, von Barany 1809, 


Seite 

Späterkrankungen des — nach 
Schädeltrauma, von Stadelmann 1984, 

2099, Stichverletzung des —, von Levi 
2023, wahre Hypertrophie des —, 

von Anton.2159 

Gehirnabszess, von v. Kryger 298, von 
Dreesmann 1243, von Cahen . . . 1867 
Gehirnblutung im Verlauf des Keuch¬ 
hustens, von Loevy.1846 

Gehirnchirurgie, von Krause . . . 506, 546 

Gehirnfaserung, Erforschung der, von 

Vogt.1544 

Gehirngeschwülste, Histologie u. Patho¬ 
logie der, von Bielschowsky .... 1892 
Gehirnhautentzündungen, Aetiologie der, 

von Lewkowitz.935 

Gehirnlokalrsation und die Funktion der 

Stirnlappen, von Marinescu .... 1018 
Gehirnlues, von Buraezynski . . . 1434 

Gehirnrinde, Lokalisation im motorischen 
Teil der, von Sherrington u. Grün¬ 
baum 257, marklose Fasern in der 

—, von Boncoroni.1979 

Gebirnsektion, von Wickel .1928 

Gehirntumoren, von Henneberg 2027, 
Symptomatologie und Diagnostik der 

—, von Finkelnburg.1471 

Gehör s. a. Hören. 

Gehör, Störungen des musikalischen, von 

Alt.1358 

Gehörorgan s. a. Vibrationsmassage. 
Gehörorgan, Unfallverletzungen des, von 

Röpke.1023 

Gehverband s. u. Tumor albus. 

Geissein, Färbung der, von Kuntze . . 1808 
Geisteskranke, Regelung der Aufnahme 
von, in Irrenanstalten * 61 , Neuroglia- 
befunde in Gehirnen von •—, von 
Klmiger 374, Unterbringung von — 
und Blöden 863, Behandlung von — 
in sog. Villas, von Mould 1592, Ver¬ 
pflegung ärmerer — in allgemeinen 
Krankenhäusern, von Sibbald 1592, 
Familienpflege der —, von Nawratzki 1715 
Geisteskrankheit s. a. Ehescheidung. 
Geisteskrankheiten, akute, der Gewohn¬ 
heitstrinker, von Bonhöffer 19'.', — 
u. Geistesschwäche nach dem B. G.B., 
von Kluge 212, — im Heere, von 
Stier 936, experimentelle Erzeugung 

von —, von Blum.940 

Geistesstörungen,Beziehungen zwischen, 
und körperlichen Erkrankungen, von 
Weber 1805, Sektierertum und —, 

von Schulze. 1928 

Geistlich, von Pilgrim.372 

Gelatine s. a. Blutung, Hämophilie. 

Gelatine, Gehalt der käuflichen, an 
Tetanuskeimen, von Levy u. Bruns 
377, — als llümostatikum, von Miwa- 
Ghibft 416, Gefahr der Tetanus¬ 
infektion bei subkutaner Anwendung 
der —von Krause 1274, therapeu¬ 


tische Anwendung der — bei Ente- 
rorrhagien, von Geraldini . ... 1810 

Gelatinebehandlung der Melaena neona¬ 
torum, von Fuhrmann . . . 1459 

Gelatineeinspritzungen bei experimeutell 
erzeugten Nierenerkrankungen, von 
Stursberg.849 


Gelatineinjektion s. a Lungenblutung, 
Melaena. 

Gelatineinjektion, subkutane, bei Me- 
luena neonatorum, von Hollschmidt 
13 , Tetanus nach subkutaner —, von 
Lorenz 72, Gasabszess nach —, von 
Damianos u Hermann 419, Tetanus 
nach —, von Zupnik 946, — im Kin¬ 
desalter, von Zuppinger.1819 

Gelbfieber s. u. Moskitos. 

Gelenk, subkutane Drainage bei Hydrops 

des —, von Teale.1233 

Gelenkentzündung, skarlatinöse, von 

Szontagh.1152 

Gelenkerkrankungen, ambulante Behand¬ 
lung der tuberkulösen, der unteren 
Extremitäten, von Wagner 320 , ta- 
bische —, von Wilde.2014 


Seite 

Gelenkkrankheiten s. u. Tumor albus. 

Gelenkrheumatismus, Bakterienbefunde 
bei, von Menzer 256, Serumtherapie 
bei —, von Menzer 861, 893, Patho¬ 
genese des akuten —, von Kollmann 
1098 ,Venenthrombose beim akuten —, 
von Hess 1193, Entwicklungshem¬ 
mung nach —, von lloppe-Seyler 
i7>-0, Aetiologie des akuten —, von 
Menzer 1805, Bakteriologie des akuten 
—, von Meyer 1890, Arterien Verän¬ 
derung beim akuten —, von liabö 
1978, Serumbehandlung bei akutem 


und chronischem —, von Menzer . 2094 
Gelenksepsis, moderne Behandlung der, 

von Friedrich.1403 

Gelenksteifigkeit, von Gluck.2180 

Generalbericht der Sanitätsverwaltung 

im Königreich Bayern.1057 

Generalrapport über die Kranken der k. 
bayer. Armee 128, 263, 688, 911, 1031, 

1207, 1407, 1600, 1784, 1992, 2186 

Genfer Nentralitätszeichen.342 

Genitalien, Anomalien der, von Rogen 1474 
Genitalkanal, Bakteriologie des, von Stolz 1727 
Genitalorgane, elastisches Gewebe der 

weiblichen, von Schenk.1778 

Genitalpräparat, von Müller.124 

Genitaltuberkulose, von Young 205, Dia¬ 
gnose und Behandlung der —, vou 
Seilheim 1674, — des Weibes, von 

Ahlefelder. 2095 

Genossenschaftswesen, ärztliches, von 

Kastl.1164 


Genu valgum, von Morton 1360, opera¬ 
tive Behandlung des —, von Hoeft- 
raann 767, schweres —, von Krueken- 
berg 767, Circumferenzosteotomie bei 
—, von Reiner 767, — duplex, von 

Deutschländer.1900 

Geradehalter, von Schanz.591 

Gerhardt als Konsiliarius 1365, Erinne- 
. rungen an —, von Martius . . . 1581 
Gerichtliche Entscheidungen 46, 85, 

126, 215, 261, 430, 557, 863, 909, 990, 

1286, 1321, 1405, 1943, 2030 

German Hospital .1597 

Germanisches Museum, Jubiläum des . lOiö 

< «eschüftsdreiräder ..343 

Geschichte, Grundriss einer, der Natur¬ 
wissenschaften, von Dannemann 1191, 
Lehrstuhl für — der Medizin 1365, 

1367, 1488, 1520, — der Therapie im 
XVI. Jahrhundert, von Lachtin 1659 , 
Geschäftssitzung der Gesellschaft für 


— der Medizin 1932, Anschauungs¬ 
unterricht im Lehrfach der —, von 

v. Töply .1933 

Geschlecht, zweifelhaftes, von Neuge¬ 
bauer .1434 

Geschlechtsbildung, Ursachen männ¬ 
licher und weiblicher, von Schultze 1986 
Geschlechtskranke, Heilstätte für . . . 733 
Geschlechtskrankheiten s a. Erblindung. 


Geschlechtskrankheiten, DeutsclieGesell- 
schaftzur Bekämpfung der, 1029, 1736, 

1824, 2186, von Wolff 1 552, belgisches 
Merkblatt für —, von Hopf 1509 , Be¬ 
kämpfung der Verbreitung der —, 

Epstein. 2063 

Geschlechtsorgane s. u. Tuberkulose. 
Gesrhlechtstrieb und Schamgefühl, von 

Havelock Ellis ... 324 

Geschmack, laugenhafter u. metallischer, 

von v. Frey.1445 

Geschmacksinn und Trigeminus, von 

Gowers .1630 

Geschosse, Wirkungen kleinkalibriger, 
im Burenkriege, von Hildebrandt . 325 
Geschwülste, HistogenetischeB und Ver¬ 
gleichendes über, von Disselborst 
161, 311 , cystiscbe —, von Maas 382, 

— der Kreuz-Steissbeingegend, von 
Bothezat672,mikroskopischeDiagnose 
der bösartigen —, von v. Hansemann 
1106, maligne —, von Hahn 1163, 
retrorektale teratoide —, von Graff 
1663, retroperitoneale —, von Hart- 


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1902. 


INHALTSVERZEICHNIS. 


XXXV 


mann 1714, Lehre von den —, von 
Borst 1972, Spontanheilung von —, 
von Reichel. 

< ieschwulstbihlung, angeborene, vonFüth 

< ieschwulstgenese, Wert der Theorie der 

traumatischen, von Schmieden . . 
Geschwür, Behandlung des venerischen, 
mit Kalte, von Brandweiner . . . 

Gesellschaft, pommersche, für Geburts¬ 
hilfe und Gvnäkologie 304, deutsche 

— für Volksbäder 391, 432. 687, 

— für orthopädische Chirurgie 432, 
deutsche orthopädische — 600, frän¬ 
kische — für Geburtshilfe u. Frauen- 

. heilkunde 1206, 1991, deutsche — für 
Geschichte der Medizin 1639, inter- 
muionale — für Chirurgie 1639, deut¬ 
sche — zur Bekämpfung der Ge¬ 
schlechtskrankheiten 1029, 1552,1736, 
1824,2186, mitteldeutsche — für Gynä¬ 
kologie . 

Gesetzgebung, soziale, und Ohrenheil¬ 
kunde, von Körner. 

(Jesichtsfeldaufnahme als Kontrolle in 
der Behandlung der Hirn- u. Riicken- 
markslues, von Ziemssen . . . . . 
Gesichtshöhleneiterung, von Hopmann 
Gesundheten s. a. Eddyiamus. 

Gesundbeten.261, 

Gesundheit und Krankheit in der An¬ 
schauung alter Zeiten, vonTroels-Lund 

Gesundheitsamt. 

Gesundheitsgesetzgebung. 

Gesundheitskommissionen, städtische. 

im Dienst der Hygiene, von Fraenkel 
Gesundheitspflege, niederrhein. Verein 
für öffentliche, 1668, Bibliothek der — 
Gesundheitsrat, internst., in Alexandrien, 

von Goebel. 

Getreide. Bedeutung der Schälung und 
Zermahlung des, für die Ausnützung, 

von Lehmann . 

Gewebe, Eisengehalt verkalkter, von 
Gierke 849, Pathologie d. elastischen 

—, von Delbanco.1071, 

Gewebswucherung und Geschwulstbil- 

dung, von Marchand. 

Gewerbekrankheiten s. u. Blei, Bleiver¬ 
giftung, Chlorakne, Tuberkulose, 
Milzbrandinfektion, Seidenerzeugung, 
Manganarbeiter, Arbeiter, Chrom¬ 
arbeiter 

Gibbus, Dauererfolge des Calotschen 
Redressement des , von Vulpius . . 
Gicht, Pathologie der, von Watson 258, 
Anatomie der —, von Benneke 537, 
Rolle der Harnsäure in der Patho¬ 
logie und Therapie der —, von Ilis 
631, 678, Blutpräparate von — mit 
Leukämie, von Paschen 1069, Stoff¬ 
wechsel bei —, von Reach 1215, 

— und ihre Behandlung mit China¬ 
säure, von Huber und Lichtenstein 

Giftbildungen, plasmotrope, im Organis¬ 
mus, von Grawitz . 

Giftfische, von Takahashi 1817, — und 
Fischgifte, von Kobert .... 
Giftspinnen, Beiträge zur Kenntnis der, 

von Kobert. 

De Giovanni-Feier. 

Glandulae parathyreoideae, von Benja¬ 


mins 459. von Petersen 1939, — des 

Menschen, von Civalleri. 

Glasmacher, Armmuskulatur bei den, 

von Schmidt. 808, 

Glaukom, das sogen, entzündliche, eine 


Neurose, von Laqueur 493, Ursachen 
der primären —, von Levinsohn 732, 
Sympathicusresektion gegen —, von 

Hoor. 

Glaukomanfall, Einfluss klimatischer 
Faktoren auf den Ausbruch des aku¬ 
ten primären, von Steindorff . . . 
Glaukomoperation, Prognose der, von 

Mendel . 

Glia, Beziehungen zwischen, und dem 
Gefässapparat, von Nissl. 


Seite 

1985 

802 

117 

759 


1991 

1305 

1723 

589 

303 

711 

2170 

261 

942 

1686 

262 

1893 

1119 

1716 


767 


1273 

34 

1624 

324 

734 

1065 

809 


1546 

1852 

201 

940 


Seite 

Gliafärbung, von Fischer.1074 

Gliom des IV. Ventrikels, nach Becker 
586, — der linken hinteren Zentral¬ 
windung, von Unverrieht.640 

Glühlicht, elektrisches, und innere In¬ 
fektion, von Krebs.117 

Glukoside, Verhalten einiger, und Ent¬ 
stehung gepaarterGlukuronsäuren im 

Tierkörper, von Falck.1489 

Glykogen s a Leber, Harn. 

Glykogen, quantitative Bestimmung des, 
von Nerking 251, elementare Zusam¬ 
mensetzung des —, von Nerking 2 >1, 
Vorkommen des — unter pathologi¬ 
schen Verhältnissen, von Katsurada 1763 
Glykokollbildung aus I^eucin, von Cohn 1848 
Glykolyse, von Lepine 202, Lehre von 
der —von Bendix und Bickel . 117 
Glvkose, Produktion von, durch die 

Muskeln, von Cadäac und Maignon 1364 
Glykosurie s. a. Adrenalinglykosurie. 
GlykoHtirie und Irrsinn, von Dawson 301, 
Pathologie der vorübergehenden —, 
von Hoppe - Seyler 814, alimentäre 

— bei Leberkranken, von Bruining 

111, alimentäre —, von Schlesinger 
1315, — und Tabes, von Meyer 1537, 
alimentäre — und Lüvulosurie bei 
Erkrankungen der Leber, von Ferra- 
nini 1713, alimentäre — und Lüvu¬ 
losurie bei Leberkrankheiten, von 
Bruining.1767 

Glykuronsäureausscheidung, Modus der, 

von Bial.854 

Glyzerolate, von Herxheimer.2018 

Görbersdorf .864 

Goethe und Berzclius in Karlsbad 1822, 

von Kahlbaum ..1898 

Golgi-Feier in Pavia .2184 

Goltz Friedrich Leopold f, von Kraft . 965 

Gonokokkämie, von Barbiani . . . . 1316 

Gonokokken, Lagerung der, im Tripper¬ 
sekret. von Lanz 296, Biologie der —, 
von Wildbolz 376, von Thalmann 1109, 

— in den tiefen Schichten der Tuben¬ 
wand, von Kraus.2015 

Gonorrhoe s.a. Chinolin wismuthrliodanat, 
Blennorrhoe, Arthritis, Blasenleiden, 
Blasengonorrhoe, Urticaria, Urethritis. 
Gonorrhoe, Behandlung der, von Jurat- 
scheff 296, Heilung der —, von Scholtz 
329, Behandlung der chronischen —, 
von Saalfeld 6'4, — der Prostituierten, 
von v. Marschalko 671. Abortivbe- 
hand ung der —, von Blasrliko 732, 
Conjunctivitis duplex rheumntica 
nach —, von Lesser 1238, metasta- 
tisehe Bindehautentzündung bei —, 
von Kurka 1716, Behandlung der — 

, mit Protargolgelatine von Benario . 2147 
Gonorrhoische Infektion prüputialer 

Gänge, von Lanz.330 

Goundou oder Annkhrö, von Mondes . 76 

Gravidität s. a. Schwangerschaft. 

Gravidität, interstitielle, von Muret 492. 

— tubaria ruptura linita, von Burgl 
1073, — kompliziert durch Karzinom 
des Uterus, von Wagner 1469, gleich¬ 
zeitige — beider Tuben, v. Kristinus 2019 

Gravidiiäts-Hämoglobinurie, von Brauer 825 
Griesinger Wilhelm. Zu seinem Todes¬ 
tag am 26. Oktober, von Seiffer . . 1758 

Griesinger-Büste.647 

Gruber-Widslsche Reaktion s. a. Widal- 
sehe Reaktion. 

Gruber-Widalsche Reaktion, Fehldia¬ 
gnose auf Grund der, von Lommel . 314 

Guaeo, von Butte.910 

Guajakholz und Guajakharz, wirksame 

Stoffe des, von Schaer .... 376 
Guajakol, knkodylsaures, von Menusier 1598 
Guakamphol gegen Nacbtscliweisse, von 

v. Kdtly. 1903 

Gutachten, Honorierung ärztlicher, durch 

die Militärbehörden.86 

Gymnastik, orthopädische, gegen Rück- 
grataverkrümmungen und schlechte 


Seite 

Körperhaltung, von v. Mikulicz und 

Tomasczewski.1845 

Gynäkologie s. a. Nervenkrankheiten, 
Archiv, Centralblatt, Beiträge, Monats¬ 
schrift, Zeitschrift. 

Gynäkologie, Vademecum für histo- 
patliologisehe Untersuchungen in der, 
von Orthmann 30, — in Irrenhäusern, 
von Schultze 1063, Lehrbuch der —, 


von Küstner.1310 

Gynatresien, von Frank.1162 


H. 


Haarausfall, Pathogenese des, von Jaquet 986 
Haare, Entfernung überflüssiger, von 
Walsh 203, Farbeveränderung der —, 

von Weinberg.575 

Hämagglutination im Kindesalter, von 

Langer. 1730 

Hamagglutinine, von Ford.1231 

Haenmngioendothelioma tuberosum mul¬ 
tiplex, von Wolters.297 


1 lümutangiome und Karzinom, von Wolff 1973 
Haematemesis postoperativa, von Purres 
979, — nach Operationen, von Croorn 13(51 
Hämatocelen, Bildung der, von Busse . 1973 
Hamatolyse, klinische Verwendung der, 

von Julliard.1194 

Hämatom, retroperitoneales, von Wald- 
stein 460, — vulvae während der 
Geburt, von Kouwer 625, subchoriale 

—, von Endelmann .1398 

Hämaturie nach Urotropin gebrauch, von 
Goldsmid 380, pseudo-es-entielle —, 
von Dorst 625, idiopathische oder 
angeborene und vererbte —, von 

Guthrie. . . . 1233 

Hämoglobinometer, neues, von Meisling 
1768, — und Hümntophotograph, von 
Schäle . 2066 


Hämolyse s. a. Saponinwirkung. 
Hämolyse, experimenteller Beitrag zur 
Frage der, von Matthes 8, Hemmung 
der — durch Salze, von Markl 155, 
klinische Beiträge zur Frage der —, 

von Hedinger . 

Hämolysine, Wirkungen der, im Orga- 
ganismus, von Kraus und Sternberg 
2096, — im menschlichen Serum, 

von Halpern. 

Hümometrie, einfaches Verfahren der 

klinischen, von Sahli. 

Hämophilie s. a. Blutergelenk. 
Hämophilie, Nebennierenextrakt bei, von 
Milligan 760, Castratio uterina atino- 
caustioa bei —, von Pincus 975, Be¬ 
handlung der — mit Chlorkalzium, 
von Wallis 1233, innerliche Gelatine¬ 
behandlung bei —, von Hesse . . . 
Hümophotograph, Gürtnerscher, von Lan¬ 
desberg 977, von Tollens. 

Hämoptoe, tuberkulöse, und ihre Be¬ 
handlung, von Weismayr 806, Blut¬ 
stillung bei —, von Wiedner . . . 
Haemorrhagia eerebralis, von Zamfirescu 
Hämorrhoiden, Operation der, von Rie¬ 
del 722, neue Operationsmethode der 
—, von Potarca 1475, Ligaturbehnnd- 

lung der —, von Ehrieh. 

Hämorrhoidenoperation,Endresultate der 
v Langenheckschen, von Talke . . 
Hämosporidien derAlpenvögel, vonGalli- 

Valerio. 

Hände, Alkoholdesinfektion der, von 
Schaffer29H, bakteriologische Prüfung 
desinfizierter — mit Hilfe des Paul- 
Sarwevschen Kastens, von Engels 
1893, 2096 

Iiändedesinfekticm, von Lauenstein 1251, 

1281, von Fiith.• . . 

Händedesinfektionsmittel, Alkohol und 
Sublamin als, von Danielsohn und 

Hess, von Fürbringer. 

Händesterilisation und Wochenbetts- 
mortalität, von Krönig. 


1806 


2097 


764 


1558 

1107 

1018 

1019 

1926 

713 

377 


1663 

1587 

889 


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XXXVI 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


8elte 

Halbseitenlähmung, Brown-Sequardsche, 
von Schittenheim 1892, von Fürnrohr 1892 
Hailax varus, von Teiohmann .... 934 
Halluzinationen und verwandte Phäno¬ 
mene, von Brunton 1235, bei Kindern 
untertags vorkommende —, von Ver- 

gely.1766 

Haloidsalze, mikrochemische Bestim¬ 
mung, von Schücking.1060 

Ilalsdrüsen, neuere Operationsverfahren 

zur Entfernung von, von Stegmann 1439 

Ilalsrippe, von Unger. 467 j 

Halsrückenmark, Stichverletzung des —, 

von v. Strümpell.2100 

Halssympathikus, Resektion des, bei 

Struma exophthalmica, von Balacescu 118 , 
Hand, Bruch des Schiff- oder Kahnbeines 

der, von Kaufmann.938 

llandapotheken und öffentliche Kassen, 

von Göbel .... . 1889 

Handbüchlein, ärztliches, für hygienisch¬ 
diätetische etc. Verordnungen, von 

Schlesinger.1229 

Handbuch der gesamten Augenheilkunde, 
von Grafe-Saemisrh 31, 847, — der 
Hautkrankheiten, von Mracek 244, 

— der pathogenen Mikroorganismen, 
von Kolle und Wassermann 1396, 

— der Massage und Heilgymnastik, 
von Bum 1397, —derTherapie innerer 
Krankheiten, von Penzoldt 1585; — 
der Schulhygiene, von Burgerstein 
und Netolitzky 1586, — der gericht¬ 
lichen Psychiatrie, von Hoche 1711, 

— der vergleichenden Entwicklungs¬ 
lehre, von Hertwig.2154 

Handgelenk, Madelungsche Subluxation 

des, von de Keyzer.496 

Handlampe, therapeutische, von Bang 536 
Harn s. a. Urin, Eiweiss, Eiweisskörper, 

Melliturie. 

Harn, Stukowenkows Methode der quan¬ 
titativen Quecksilberbestimmung im, 
von Bardach 246, Albumengehalt des 

— der Nephritiker bei Massage, von 
Ekgren 419, Nitro-Propioltabletten 
zum Nachweis von Zucker im —, 
von Jodlbauer 425, osmotische Ana¬ 
lyse des —, von Steyrer 853, Eiweiss- 
befunde im — diphtheriekranker Kin¬ 
der, von Langer 1152, Nachweis von 
Pentosen im —, von v. Alfthan 1273, 
gerinnungsalterierende Eiweisekörper 
im — bei Pneumonie, von Lochbihler 
1398, Ausscheidungskurve gerinnungs- 
alterierenderEiweisssubstanzen im — 
bei Pneumonie, von Kun 1511, das 
sogen. Nukleoalbumin des —, von 
ltostoski 1685, Beeinflussung der 
Azidität des — durch Rhodanverbin¬ 
dungen, von Hausmann 1806, Nach¬ 
weis und Vorkommen von Glykogen 
im —, von Simon 1817, Verteilung 
der stickstoffhaltigen Substanzen im 

— des kranken Mensbhen, von 

v. Jaksch. 2094 

Hamantiseptika, von Sachs .759 

Hamabszesse, Behandlung der, von He- 

rescu und Stefanescn.1018 

Harnblase s. a. Blase, Ectopia. 

Harnblase, neues Verfahren zur Bildung 
der, und Harnröhre, von Subbotin 72, 
primäres Karzinom der —, von Mau 
120, Undurchlässigkeit der Wand der 
—, von Cohnheim 625, hulböses 
Oedem der —, von Lindenthal . . 1273 
Harnblasenbrüche, von Lossen . . . 1926 

Harninfektion, urethrogene, von Gold¬ 
berg .1059 

Hamkrankheiten, Diagnostik der, von 

Posner.413 

Hamniederschlag,Fixierung und Färbung 
des organisierten, von Liebmann . . 1768 
Harnorgane, nervöse Irradiationen im 
Gebiete der, von Hirt . . . ... .1649 
Harnröhre, s. a. Spekulum, Urethra. 


Seite 

Harnr« ihre, Behan dl u ng derZer re i ss u ngen 
und Verengerungen der, von Neck 498, 
primäres Sarkom der weiblichen —, 
von Flatau 1073, Verletzungen und 
Verengerungen der —, von Martens 
1229, Infiltrate und Abszesse der — 
beim Weibe, von Matzenauer . . . 1929 
Harnröhrenfistel u. Krebs, von Lipmann- 

Wulf. 2098 

Harnsäure, Verhältnisse der Löslichkeit 

der —, von Klemperer.764 

Harnsäurebestimmung, von Berdingll53, 

von Rechemann.1314 

Harnsediraent, Färbung des, mit alizarin- 
sulfonsaurem Natron, von Knapp 245, 
mikroskopische und mikrochemische 
Untersuchung der —, von Kratschmer 
und Senft 622, Konservieren und 
Färben von mikroskopischen Präpa¬ 
raten der —, von Koz'owski .... 1587 
Harnverhaltung, postoperative, und deren 

Folgen, von Taussig.1646 

Harnzylinder in klinisch-diagnostischer 

Beziehung, von Runeberg.1437 

Hartparaffininjektionen, Spritze zu, von 

Karewski.1272 

Hasenscharte, Operationsresultate bei, 
und Wolfsrachen, von Springer 1674, 1784 
Hausepidemie, durch Trinkwasser her¬ 
vorgerufene, von Sion und Negel . 1546 
Haut s a. Atrophie, Wasserdampfabgabe. 

Haut, Pigmenthypertrophien und -Atro¬ 
phien der, in Verbindung mit per¬ 
niziöser Anämie, von v. Decastello 
34, Verkalkung der -, von Riehl 164, 
Sarkome der —, von Fendt und Iwa- 
noff 29<>, Angioneurosen der —, von 
Török 297, regressive Veränderungen 
der elastischen Fasern der —, von 
Katsurada 714, tuberkulöse Erkran¬ 
kungen der — und ihre Beziehungen 
zu inneren Organen, von v. Petersen 
715, Sensibilitätsstörnngen der — bei 
Chirurg.Erkrankungen innerer Organe, 
von Müller 723, Neurofibromatose der 
—, von Schüle 939, — und Sehnen¬ 
reflexe der unteren Körperhälfte, von 

Schoenborn . 

HautafFektionen, Lichtbehandlung von, 

von Lesser. 

Hautaktinomykosis, von Kucera . . . 
Hautatrophie, von Huber 296, idiopa¬ 
thische. —, von Bruhns. 

Hautdesinfektion, von Bonhoff .... 
Hautgangrän, multiple trophoneuro- 
tische, von Müller 814, spontane —, 

von Frankenburger . 

Hautkrankheiten, Handbuch der, von 
Mracek 244, Prophylaxe der —, von 
.Schnabel 595, Atlas der —, von 
Mracek 1428, Behandlung der — 
durch Licht und Elektrizität, von 

Freund . 

Hautkrebs, von Kaiser. 

Hautreflexe, Untersuchung und diagnos¬ 
tische Verwertung der, von Böttiger 
206, — am Fuss, von Sano 497, — 
und ihre Nervenbahnen, von Munch 

Petersen.1974 

Hautsyphilide, tertiäre, von Neubeck . 1238 
Hauttuberkulide, von Zollikofer ... 624 
Hebammen, Fortbildung der 1871, unsere 

—, von Angerer. 2054 

Hebammenlehrbuch, Ergänzungsblatt 

zum preussischen, von Ahlfeld . . 1398 
Hebammenlehrer/Vereinigung deutscher, 

von Rissmann.1356 

Hebammenreform, ein Wort zur, von 

Runge. 2095 

Hebammenstand, Zukunft des, von Ahl¬ 
feld .1515 

Hebammenwesen, deutsches, von Schatz 
540, Reform des —, von Vogel . . 1063 
Hebotomie, von van de Velde .... 1586 
Hedonal, von Fritsch 1112, — als Schlaf¬ 
mittel, von Hepner. 75 

Hefe s. a. Dauerhefe. 


1017 

71 

672 

1238 

1894 


2165 


1554 

256 


Seite 

Hefe, Reduktionswirkungen der, und 
des Hefepresssaftes, von Hahn ■ 95, 
pathogene —, von Stemberg 1192, 

— als Arzneimittel, von Pasehkis 
1358, Trockenpräparat von —, von 

Stecksin.1769 

Hefeart, neue tierpathogene, von Cohn 1110 

Heilanstalten, Statistik über 1287, Ge¬ 

werbesteuerpflicht der — für Nerven- 

und Geisteskranke.1322 

Heilgehilfen, Lehrbuch für, von Göschei 
114, 127, Vorschriften über Prüfung 
und Beaufsichtigung der —.Mapseure, 

Krankenwärter etc.992 

Heilgymnastik, vereinfachtes Gerät für 
manuelle, von Salaghi 71, Lehrbuch 

der —, von Her/... . 1925 

Heilmagnetiseur, Behandlung durch 
einen, von Biberfeld . . . .430 

Heilmetho le, metaphysische 258, Kurse 
der physikalisch-diätetischen — und 
der Balneotherapie in Baden-Baden 
1520, Anpreisungen von — und Heil¬ 
mitteln ausländist her Personen in 

Tagesblättern.1988 

Heilmittel, Ankündigung von, und Heil¬ 
methoden .... 1079 

Heilpersonen, Meldepflicht der nicht 

approbierten.1206 

Heilquellen 8. a. Quellen, Thermal Wässer. 
Heilquellen, physikalisch-chemische Be¬ 
schaffen heit der, von Meyerlioffer . 1672 
Heilserum s.a.Tetanus,Tuberkuloseheils., 
Arteriosklerose,Diphtherieserum, Milz¬ 
brandserum, Typhus. 

Heilserum zurBekämpfung derMorphium- 

vergiftung, von Hirschlaff.1941 

Heilstätte s. a. Tuberkulose, Sanatorium, 
Lungenheilstätte. 

Heilstätte, deutsche, in Davos .... 647 
Heilstättenbehandlung, Auswahl der 
Lungenkranken für die, von Bandelier 
808, Dauererfolge der — Lungen¬ 
kranker, von Reiche 1369, 1447, — 
der Tuberkulose, von Meissen . . . 1388 
Heilstättenbewegung in Oesterreich . . 597 
Heilstättenwesen s. a. Zeitschrift. 
Heissluftbehandlung s. a. Krankheiten, 
Lupus. 

Heissluftschwitzkasten, von Freund . . 1561 
Heisslufttherapie in der Gynäkologie, 

von Polano.1586 

lleisswasser- Alkohol - Desinfektion, von 
Rielander 802, Eindringen des Al¬ 
kohols in die Haut bei —, von Fett 1432 
Hemianaesthesie, das psychischeElement 

bei der hysterischen, • von Bemheim 1976 
Hemiathetose, pathologische Anatomie 

der, von Hänel.326 

Hemiatrophia facialis, von Rothmann . 260 
Hemieephalie nebst Prosoposchisis, von 

Joukovski ..1587 

Hemiplegia alternans superior, von 
v. Rad 388, infantile —, von Mari- 
nesco 758, Problem der —, von Roth¬ 
mann 805, Bahnungstherapie der —, 
von Lazarus 812, Behandlung der —, 

von Treupel. 1937, 2071 

Herba, Ges. m. b. H.824 

Heredosvphilis bei Neugeborenen, von 

Malm . ... 292 

Ilermaphroditisnius s. a. Scheinzwitter, 
Hypospadie. 

Hermaphroditismus, von Hengge . . . 974 

Hermophenyl, von Wolff.1941 

Hernie s. a Harnblasenbruch, Bruch, 
Taxis, Pyopneumotborax, Leisten- 
bruch, Kruralbrucli, Skrotalhernie, 
Fettbruch, Lendenhernie, Lumbal¬ 
hernie. 

Hernie, aceidentell - traumatische, von 
Haegier 537, — der vorderen Baueh- 
wand, von Riedel 583. — retroperi- 
toneatis duodenojejunalis, von Bingel 
670, Statistik der inkarzerierten —, 
von Rothe 712, — diaphragmatica, 
von C’lubbe und Gillies 808, — eru- 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXXVII 


ralis externa, von Lauenstein 898, 
traumatische —, von Renner 889, 

— obturatoria mit dem Ovarium als 
Inhalt, von Lickley 979, — ventralis 
lat. congenita, von Steinhardt 1164, 
intraabdominale —, A'on Funkenstein 
1662, — inguinalis superficialis, von 
Göbell 1662, — traumatica sacralis, 
von Tietze' 1663, 822 in der Prager 
Klinik operierte —, von Hilgenreiner 
1776, — bursae omentalis non epi- 
ploica incarcerata, von Hilgenreiner 
2068, Behandlung von — mit Hart¬ 
paraffininjektion, von Eckstein . . . 

Herniotomie bei kleinen Kindern, von 

Klaussrrer. 

Heroin, von Grinewitsch 775, — als 
Anapbrodisiacum, von Strauss 1494, 

— soll blutdruckerniedrigend wirken, 

von Zanaldi. 

Herpes laryngiB (menstrualis) von Bett¬ 
mann 1545, 1548, rezidivierender — 
der männlichen Harnröhre, von Bett¬ 
mann 692, pathologische Anatomie 
des — zoster, von Kopytowski 328, 
. — zoster mit Muskelatrophie, von 
Magnus 1436, Therapie des — zoster, 
von Ströll 1991, Pathogenie des — 

zoster, von Dona. 

Her/, s. a. Atrioventrikularklappen, Di¬ 
stanzgeräusch, Defekt, Mastfettherz, 
Säugetierherz, Zuckergussherz, Wan¬ 
derherz, Brust, Botalli ductus, Anti¬ 
arin. 

Herz, von Mosse 893, angeborene Miss¬ 
bildung dos —, von Meinertz 154, 
orthodiagraphisehe Untersuchungen 
am —, von Moritz 1, 176, 193, von 
Levy-Dorn 176, von Karfunkel 193, 
Stich Verletzung des —, von Hauser 
500, Schussverletzung des —, von 
Riethus 550, von Trendelenburg 627, 
Aktinomykose des - , von v. Schnitter 
764, akute Erweiterung des normalen 
—, von Hoffmann 766, Blutdruck bei 
akuter Ueberanstrengung des —, von 
8chott 814, Blosslegung des verletzten 
—, von Lorenz 934, Leistungsfähig¬ 
keit des —, von Galli 953, — und 
chronische Lungenleiden, in ihren 
Wechselbeziehungen, von Burwinkel 
1112, Semiotik des -, von Villani 
1517, abnorme Sehnenfäden des —, 

von Rössle. 

Herzaneurysma, ausgedehnteVerkalkung 
der Wandung eines partiellen, von 
v. Pessl 956, basales —, von Comi- 

notti. 

Herzarhythmie, von Lommel ... 
Herzbeutel, angeborener Mangel des, von 

Saxer . 

Herzchirurgie, von Ricketts. 

Herzdiagnostik, funktionelle, und Herz¬ 
therapie, von Smith. 

Herzerkrankungen, traumatische, von 
Ercklentz 245, — durch tropische 

Einflösse, von Schellmann. 

Herzerweiterung, akute, durch Ueberan¬ 
strengung, von Weigel. 

Herzfehler, familiäres Vorkommen von 
angeborenen, von De la Camp 1156, 
1157, 1287, angeborene von Starck 
1683, fötaler —, von Hoehne . . . 
Herzfleisch s. u. Fett. 

Herzgrenzen, aktinoskopische Methode 
zur exakten Bestimmung der, von 
Grnnmach und Wiedemann . . . . 
Herzhemmende Fasern, von Schaterni- 

koff und Friedenthal. 

Herzhypertrophie bei Nierenkrankheiten, 

von Senator. 

Herzjagen, akutes, von Singer . . . . 
Herzinsuffizienz, akute, als Unfallfolge, 

von Jörns . 

Herzklappen- und Aorten-Zerreissung, 

traumatische, von Schmidt. 

Hcrzklappenfeh 1 er, gleichzeitiges Vor¬ 
kommen von, and Lungenschwind- 


Seite 


2160 

2160 

1517 


2019 


1806 

1065 

1229 

858 

1935 

1270 

1934 

945 

1684 

1473 

1020 

1936 
1722 

926 

1565 


Seite 

sucht, von Meisenburg 1625, trauma¬ 
tische Entstehung eines —, von Jessen 1985 
Herzklappen Verletzungen durch Ueber- 
anstrengung, von Bourquin und de 

Quervain.1770 

Herzkranke, Behandlung von, mit Kreuz- 
nacher Bädern, von Beehr 976, Pleura¬ 
ergüsse bei —, von Esser. 1830 

Herzkrankheiten, Meehanotherapie chro¬ 
nischer, von Lewinsohn.1722 

Herzleidende, Soden als Kurort für, von 

. Rothschild.982 

Herzmuskel. Struktur dos menschlichen, 

von Heidenhain.1019 

Herznaht, von Schwei in.982 

Herzschwäche bei Mitralfehlern, von 

Stein.1436 

Herzthätigkeit, durch künstliche Atmung 
unterhaltene, von Redfern u. Newby 378 
Herztod infolge von Diphtherietoxin, von 

v. Stejskal.245 

Herzumriss, Bestimmung des, nachMoritz, 

von Handwerck. 230 

Herzventrikel, Punktion des rechten, von 

Begouin.1980 

Heterochylie, von Korn.1108 


Hetol s. a. tuberkulöse Erkrankungen. 

Hetol, Behandlung der Lungen- u. Kehl¬ 
kopftuberkulose mit, von Krause . 1808 
Heilbehandlung in der allgemeinen ärzt¬ 


lichen Praxis, von Katzenstein . . 1390 
Heufieber in Italien 342, das —, von 

Thost. 689 

Hildegardis Stae causae et curae, von 

Richter.1899 

Hilfe, Kosten der ersten.908 

Hilfloser, Pflege.909 


Hilfsärzte der Wiener Krankenanstalten 1821 
Hilfskassengesetz, Stellungnahme zum 2168 
Hinken s. a. Claudikation. 

Hinken, intermittierendes, von Saenger 121 
Hinterseitenstrangerkrankung, dissemi- 


nierte, von Bickeles .326 

Hirn s. a. Medulla, Gehirn. 

Hirnblutungen, Gefässveränderungen bei 

miliaren, von Weber.374 

Himdruck, Rückenmarksveränderungen 

bei, von Finkelnburg.1017 

Hirnerschütterung, von Page ... . 1235 

Hirnhaut, Veränderungen der weichen, 
bei Infektionskrankheiten, von Sa- 
wada 155, Krankheiten der — und 
die Hvdrokephalie, von Schultze . 1584 
Himhohlenhörner, von 8auerbeck . . 327 


Hirnkapillaren,Verkalkung von, von Höhl 256 
Hirnkompression, Einfluss der, auf den 

intrakraniellen Kreislauf, von Cushing 1062 
Hirnrinde, Erregbarkeit der Extremitäten¬ 
region der, nach Ausschaltung cerebro¬ 
spinaler Bahnen, von Rothmann 31, 
Lokalisation in der motorischen —, 
von Sherrington und Grunbauin 379, 
Gliederung der —, von Tschermak . 1518 


Hirnsklerose und Herderscheinung, von 

Gussenbauer.1628 

Hirnsubstanz, Heterotopio grauer, von 

Tedeschi. .1626 

Himsyphilis, basale, von Riegel . . . 2104 
Hirntumoren, von Minkowski 730, von 


Alsberg u. Embden 816, von Bartels 
940, operativ geheilter—, vonVölcker 


42, Stauungspapille bei —, von Elsch- 
nig 156, operative —, von v. Berg¬ 
mann 456, Stereogramme von —, von 
Sommer 982, Operation eines —, von 

Krecko.1484 

Hirnverletzungen durch stumpfe Gewalt, 

von Tilmann . . . ’.582 

Histogenese deB arteriellen Ganges, von 

Roeder. 247 \ 

Hitzschlag auf Märschen, von Hiller . 1805 . 


Hoden s. a. Orchidopexie, Leistenhoden. 

Hoden, extraseröse Transposition des, 
von Longuet 76, konservative Opera¬ 
tion am —, von Rasmnowsky 325, 
tuberkulöser —, von Hol per 731, Wert 
des retinierten —, von Mc Adam 
Eccles 1553, Therapie der Erkran¬ 
kungen der — und deren Adnexe, von 


Seite 


Zabludowski 1776, Cyste des —, von 

Pye-Smith.1852 

Hodenadenom, von Huguenin .... 936 
Hodenerkrankungen, seltene, von Derlin 1714 
Hodentuberkulose, konservative Behand¬ 
lung der, von Calot .1980 

Hören, Mechanik des, und ihre Störungen, 

von Zimmermann. 1585, 2080 

Hörprüfung Aphasischer, von Treitel . 375 
Hörprüfungsresultate von Ostmann . . 1023 
Hörübungen, Wert der, von Treitel . . 2098 
Hofbrückl, Dr. . .46,47,86,87,127,216, 512 
Höhenkrankheit und Luftballon, von v. 

Schrötter .1276 

Hohenheim s. a. Paracelsus 
Hohenheim, Theophrast von, Syphilis¬ 
schriften, von Sudhoff.1899 

Homöopathen, Dispensierbefugnis der . 1407 
Homöopathie, Stellung der, zur heutigen 
Schulmedizin, von Kunkel 484, Lehr¬ 
stuhl für — in Bayern 1127, 1319, 

1406, von Mayer. 2152 

Honorarfrage für Sachverständige und 

Gutachten.1124 

Honthin als Antidiarrhoicum, von Tischer 

und Beddies . 289 

Hornhautepithel, Ablösung des, von 

Menzies.1593 

Hornhautgeschwür, hinteres, von Klein 495 
Hornhautkegel, Operation gegen, von 

Ilirschberg.888 

Hospitalbrand,Aetiologie. des, vonMatzen- 

auer.329 

Hospitaldiphtherieepidemie, Verlauf u. 

Ursache einer, von Cuno .... 1849 
Hüfte, spontane Subluxation der, von 

Deutschländer .897 

Ilüftgelenksentzündung s. a. Coxitis. 

Hüft- und Kniegelenkserkrankungen, Be¬ 
handlung der tuberkulösen, von 

Blencke.640 

Hüftgelenke, Funktionsverbesserung de¬ 
fekter, von Lorenz 767, angeborene 


Verrenkungen des — ,vonJoachimsthal 
815, blutige Reposition bei den irreduk- 
tibeln Luxationen des —, von Gayet 1976 
Hüftgelenksluxation s. a. Luxation. 
Hüftgelenksluxation, angeborene doppel¬ 
seitige, von Deutschländer 501, Ein¬ 
renkung der angeborenen —, von 
Riedinger 1074, kongenitale —, von 
Springer 2029, Pathogenese und The¬ 
rapie der angeborenen —, von Ludloff 2094 
Hüftgelenkspfannen l>rüche,,vonGraessner 1663 
Hüftluxation, operativ geheilte kongeni¬ 
tale, von Jordan 210, inkomplete —, 
von Engels 466, Beckengürtel zur 
Nachbehandlung der —, von Schede 
766, Dauerresultate bei der Behand¬ 
lung der angeborenen —, von Dreh¬ 
mann 767, unblutige Behandlung der 
angeborenen —. von Redard 934, an¬ 
geborene —, von Heusner .... 2158 
Hüftverrenkung, Subluxationen bei der 


angeborenen, von Walther 566 , Ein¬ 
richtung der hintern —, von Vilandt 1435 
Hühneraugen, Behandlung der, von 

Freeland.205 

Humanitas, von Snlburg.372 

Humerusfrukturen, Papptriangel verband 

für, von Heller .1443 

Hundswut s. a. Lyssa. 

Hundswut, Nachweis von Schutzstoffen 

gegen, von Kraus und Kreissl . . . 2059 
Hungerbrote, russische, von Erismann . 536 
Hutchinsonsche Zähne, von Fisehl . . 1445 
Hydramnion, akutes, bei eineiigen 
Drillingen, von v. Breitenberg . . . 1514 
Ilydrargyrum ozveyanatum in der uro- 
logischen Praxis, von Asch .... 2160 
1 lydrencephalocele occipitalis, von Fried¬ 
rich . 1403 

Hydroa gestationis, von Holmes und 

Bullocli .... 541 

Hydrocele, Rezidiv nach Radikaloperation 
der, von Gückel 288, — bilocularis, 

von Fuchs.291 

Hydroeelenoperation, Winkelmannsclie, 
von Mintz. 


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XXXVIII 


1XIIA LTS-VE KZ E K’I IN IS. 


11)02. 


Hydrokephalie, postoperative, von 

Muscatello. 

Hydrokeplialus, Heilung des, von Immer- 
wohl33,erworbener —,vonKaravassilis 
Hydromelie, symptomlose, im Kindes¬ 
alter, von Utchida. 

Hydronoplirocystoneostomie, vonSnogui- 

reff. 

Hydronephrose. intermittierende, von 
Hildebrand 721, von Micbalski 1927, 

von Rosenthal . 

Hydrops s. a. Oedem. 

Hydrops, Technik der mechanischen Be¬ 
handlung des, von Citron 1114, 
operativeBehandlungdes — Anasarka, 

von Trzebinski. 

Hydrorrhoea gravidarum, von Müller 124, 
Aetiologie der — gravidarum, von 

Fleck. 

Ilydrosalpinx, experimentelle, von Fiori 
Hydrotherupie, wissenschaftliche, und 
Wasserkuren, von v. Vogl 94, 140, 
166, praktische —, von Daval, Weiner 

und Matt. 

Hygiene s. a. Schulhygiene, Archiv für 
Hygiene, Zeitschrift für Hygiene. 
Hygiene, was ist soziale — und wie soll 
sie getrieben werden? von Ascher 
1G26, wissenschaftliche u. praktische 
—, von Fränkel ... .... 

Hygienisches Institut in Wien .... 
Hvgroma colli congenitum,vonSchmieden 
Hymencysten. Entstehung der, von 

Ziegenspeck . . 

Hyoscin s. u. Skopolamin. 

Hypaesthesia acustica hvsterica, von 

Hammerschlag. 

Hypalgesie bei einem Degenerierten, von 

Stransky. 

Hypemzidität, von Illoway. 

Hyperglobulie, von Colla.. . 

Hvperidrosis, allgemeine, von Anienta . 
Ilyperkeratosis lacunaris pharyngis, von 

Amsperger. 

Hyperthermie, nervöse, von Strasser 
Hvpnopyrin. vonBolognesi u.Charpentier 

Hypnose, Heilwert der. 

Hynotische Schaustellungen . . 2064, 
Hypochondrie, von Räcke 1715, von 

Troemner. 

Ilypodermoklyse, Apparat für, u. endo- 
venöse Injektionen, von Oliva . . . 
Hypophysis, Exstirpation der, cerebri, 

von Friedmann. 

Ilyoscinium brombydricum bei Zitter¬ 
bewegungen, von Robin ...... 

Hypospadie, Vererbung von, u. Sehein- 
zwittertum, von Neugebauer .... 

Hysterektomie, von Sutton 541, — bei 
Fibromen, von Spencer 1555, — in der 
Behandlung der puerperalen Infek¬ 
tion, von Fehling, Leopold, Treub, 
Tuffier 1816, Rektovaginalfisteln nach 
—, von Delbet 1897, 600 Fälle von 

—, von Nigrisoli. . . 

Hysterie s. a. Stottern, Tetanie, Skoliose, 
Taubheit, Rachenreflex, Tympanitis, 
Epilepsie, Simulation. 

Hysterie, von Sittmann 387, 423, körper¬ 
liche und psychische Störungen bei 
—, von Tesdorpf 69 , Beginn der —, 
im höheren Alter, von Acliard 84, 
Differentialdiagnose der — und Kata¬ 
tonie, von Kaiser 327, 936, Haltungs- 
anornalie bei —, von Riedinger 571, 

— u. Malaria, von Boi net 588, spinale 
Reflexe in der —, von Steiner 1259, 

— nach unerheblichen Verletzungen, 

von Kornfeld 1277, — nach Trauma, 
von Meyer. 

Hysteroepilepsie, Obduktionsbefund bei, 

von Steffen. 

Hvsterokataphraxis, von Catterina . . 


Seite 

1430 

588 

975 

1271 

2098 


Seite 


1713 


1514 

1316 


323 


1719 

172 

1469 

1714 


981 

1989 

1108 

1205 

1810 

351 

806 

1364 

864 

2108 

1986 

1847 

850 

427 

974 


1897 


1357 


I. 

Jahr, praktisches, 735, — Schluss des 

scholastischen. 

Jahre, aus den letzten 40, von Erb 
Jahrbuch für Kinderheilkunde 417, 935, 
1152, 1515, 1927, 2058, klinisches — 
416, 1014, 1662, 1973, - der prakti¬ 
schen Medizin, von Schwalbe . . 
Jahresbericht, 11., der Kehr-Rohdin- 
sehen Privatklinik in Halberstadt 531, 
— über die Chirurg. Abholung u. die 
Chirurg. Poliklinik zu Basel, von Hilde- 
braud 582, 32. — über das Medizinal¬ 
wesen im Königreich Sachsen 19<>0 
455, — über die Fortschritte in der 
Lehre von den pathogenen Mikro¬ 
organismen, von v. Baumgarten und 
Tangl 1058, 2057, — der Heilstätte 
Belzig, von Möller 1060, Virchow- 

scher — . 

Jahresversammlung der Belgischen (Je- 

sellschaft für Chirurgie. 

Jarisch f, von Köbner. 

Ichthargan, von Saalfeld, von Goldberg 
Ichthyosis congenita, von Riecke . . . 
Idiosynkrasie gegen Folia uv. ursi, von 

Meyers.. 

Idioten mit Missbildungen, von Kellner 
Idiotie, infantile, von Fürstner 8?, Tny- 
Sachssche amaurotische —, von 

Schaffer. 

Idiotische Kinder, Körperlänge und 
Körpergewicht bei, von Sklarek . . 
Jejunostomie, von v. Cackovic 32, — 

von Movnihan. 

Jejunum, Fistel im, von t'hurch . . . 
Jequiritol, von De Lapersonne . . . 
Jequiritoltberapie, von Hummelsheim . 
Ikterus s. a. Obstruktionsikterus. 

Ikterus, Epidemie von katarrhalischem, 
von Peik 379, — im Säuglingsalter, 
von Skormin 1515, Frühdiagnose des 
—, von Hamei 1664, von Bouma 2060, 
Aetiologie des wiederkehrenden — 

graviditatis, von Schneller. 

Ileocökalklappe, Insuffizienz der, von 
Herz 340, Anatomie der —, von Kraus 
850, retrograde Durchgängigkeit der 

—, von Chassel. 

Ileum, Kanalisationsstörung des unteren, 

von Polla . 

Ileus durch Embolie der Art. mesent. 
sup., von Borscz&ky 116, — u. Me¬ 
teorismus bei Darmkarzimom, von 
Anschütz 722, — bedingt durch Vol- 
vulu8, von Bucker 1430, experimen¬ 
telle Untersuchungen über —, von 

Clairmont und Ranzi. 

Iliaca, Unterbindung der, interna, von 

Page.•.. . 

Immunisierung mit Immunsubstanzen, 
von Kraus u. Eisenberg 459, — gegen 
Eiweiss, von Hamburger 1929, — mit 
Diphtheriebazillen, von Lipstein . . 
Iramunisierungsversnche mit dem Kraus 
schenBazillusderKanincheninfluenza, 

von Jacobitz . 

Immunität s. a. Nukleasen, Zellgifte. 
Immunität von Salamandra waculnta 
gegen Arsen, von Harnack 1313, 
Lehre von der —, von Sobernheim 
1439, — und Ehrlichs Theorie, von 

Cahn. . 

Immunitätsforschung, von Silberschmidt 
Immunsera, Wirkung bakterizider, von 
Weehsberg 587, 1275, von Grober . 
Impetigo herpetiformis, von Gunzett 

Impfdebatte. 

Impfgesetzgebung, englische, von Oppe 


1165 

492 


1541 


2170 


1520 

709 

775 

329 

1767 

1820 


806 


375 


1360 

1851 

497 

891 


1847 

1275 

155 


1776 

1632 

1975 

1545 


586 i Impfgrunulome, von Näther. 

1152 ' Impftechnik, von Flachs. 

1 Iropftuberkulose s. a. Fleischnahrang. 
Impftuberkulose eines Schlachthaus- 
1 arbeiters. von Krause. 


2020 

938 

672 

390 

430 

1103. 

1114 

78 

1864 


1035 


Seile 

Impfung s. a. Vaccination, Blattern, 
Pocken, Schutzpockenimpfung. 

Impfung, ein Jahrhundert der, von 
Edwardes 1630, Komplikationen der—, 
von Colcott Fox 1630, — in England, 

von Hope.. . 1591 

Inauguraldissertationen 77, 119, 254, 297, 

380, 420, 462, 762, 810, 852, 1022, 

1067, 1235, 1437, 1478, 1518, 1546, 

1588, 1717, 1771, 1813, 1930, 1980, 

^060, 209s.2163 

Index-Catalogue of the Library of the 

Surgeon Generals Office.911 

Indikanurie, von Prutz.720 

Indoxylurie, von Rosenfeld.1723 

Infantilismus, von Müllerheim .’. . . 1726 
Infektion und Autoinfektion, von Was¬ 
sermann 377, — vom unverletzten 
Bindehautsack aus, von Hirota 494, 

— durch kutane Impfung, von Fritsebe 

757, — und Glykogenreaktion der 
Leukocyten, von Kaminer.763 

Infektionskrankheiten s. a. Kollaps. 
Infektionskrankheiten, Institut für, 343, 
Therapie der —, von Gerhardt 535, 
Entstehung der —, von Lydston 1066, * 

experimentelle Diagnostik, Serum¬ 
therapie und Prophylaxe der —, von 
Marx 1228, Diagnostik und Behand¬ 
lung der —, von Schmitt 1543, neue 

— bei Haustieren, von Anjeszky . 1627 
Infektionsstoffe, unbekannte, von Jocst 671 

Infilator, von Schoemaker.974 

Influenza in chirurgischer Beziehung, 

von Perez 1150, 1430, Pathologie und 
Therapie der —, von Steckl ... .1818 
Infiuenzakonjunktivitis bei Säuglingen, 

von Jundell. 2155 

Influenzabazillus, Widerstand des, gegen 
physische und chemische Mittel, von 
Onorato 1110, Biologie der —, von 
Ghon und Preyss 1356, von Cantani 1975 
Infusion durch die Nabelvene, von 

Schüeking.1016 

Infusorien in Magen und Darmkanal 

des Menschen, von Cohnheim 893, 947 
Inhalationsmilzbrand, von Risel . . . 21()2 

Inhalationstherapie, moderne, von Ro¬ 
binson . 38 

Inhalatorien, kann in, eine grössere 
Menge der zerstäubten Flüssigkeit in 
die Lunge gelangen? von Eirtmerich 1610 
Injektionen s. a. Aetzsublimat. 

Injektionen, Unschädlichkeit der epi- 

duralen — im Kindesalter, vonCatlielin 1475 
Injektionsspritze 2030, selbstwirkende —, 
von Spiegel 587, zerlegbare — zum 
stirilisieren, von Helmbold . . . 2167 

Inkarzerationen, retrograde, von v. Wie¬ 
tinghausen .1512 

Inselbad.304 

Insolationspsychosen, akute, von Donath 1276 
Institut, patholog.-anat., in I^eipzig 263, 

— für Infektionskrankheiten 343, — 
für elektromagnetische Therapie 1029, 

von Löwenfeld 1080, 1248 . 1288 

Institut Pasteur.1406 

Instrument zum Nähen in Hohlräumen, 

von Frommer.1154 

Instrumentarium, neues, für Morphium- 
und Kampherinjektionen, vonKuster- 

mann. .927 

Intentionskrampf der Spraehe (Aphthon- 

gie), von Steinertll32,1349, von Becker 1265 

Intestinalsand, von Ransom.807 

Intoxikationen, Allantoinausscheidung 

bei, von Pohl.1817 

Intrauterinspritze mit SprayVorrichtung, 

von Fischer. 33 

Intubation, perorale, von Kuhn 72, — 
des Larynx, von Goodall 979, — ohne 
dauernde I’eberwachung der Patien¬ 
ten, von Bezy und Escat.1813 

Intubationsgeschwür und seine Folgen, 

von Galatti.1270 

Intubationstechnik, von Engelmann . . 1276 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


XXXIX 


Vt'itu 

Invagination, von v. Eiseisberg . . . .1776 
lnvalidenheime für Tuberkulöse, von 

Gebhard.1857 

Invalidenvereicherungsgesetz und Arzt, 

von Mnrtius.144, 169 

Jod b. a. Tetnimethyljodid. 

Jod, Gefässwirkung des, von Thaussig 
1276, Geschichte des —, von Richter 1932 
Jodäthyl bei Keuchhusten, von Amat . 12*»6 
Jodalkalien 8. a. Blut. 

Jodipin, von Rille, von Lucibelli 303, 

— bei Aktin omykoae, von Kreibich 
172, Heil wert des —, von Fischei 296, 

— und seine diagnostische Anwen¬ 
dung, von Winternitz ... • . . . 4G4 

Jodkalium, Zersetzung des, durch Nitrite, 

von Stepanow.1273 

Jodmilch, von Flamini.1195 

Jodoien, von Jordan 86, von Sommerfeld 296 
Jodothyrin, klinische Erfahrungen mit, 

von Roos .... .1607 

Jodreaktion in Leukocyten, von Kammer c4 

Jodylin, von Israel.1991 

Jodyloform zur Behandlung des vene¬ 
rischen Geschwürs, von Müller . . . 889 
Ionen, antitoxische Wirkung der, von 

Loeb.233 

Journal, kleines für Hygiene . . . . 2183 

Ipecacuanhae radix und ihre Alkaloide, 
von Kobert 1027, — bei Ruhr, von 

Strasburger.1493 

Iris- und Hornhauttuberkulose, Behand¬ 
lung der, durch Luftinjektionen, von 

Koster.892 

Iriskolobom, von Neuburger . . . . 1163 

Irrenärzte, Jahresversammlung der, 647, 

33. Versammlung des Vereins der 

“süddeutschen —.. 1559, 1824 

Irrenanstalten 558, Bau tropischer —, 

von van Brero.937 

Irrenbehandlung, Geschichte der, im 18. 

Jahrhundert, von Mönkemöller . . .1108 
Irrenpflege während der Nacht, von Keay 38 
Irresein, Ehescheidung bei induziertem, 
von Kalmus 374, zirkuläres — bei 
einem Kinde, von van Brevo 375, 
puerperales - , von Jones 978, post¬ 
operatives —, von Pilcz 1546, Neu¬ 
rosen und —, von Allbutt 1592, Sy¬ 
philis und —, von Mott.1592 

Ischialgie, Meralgie undPlattfuss, von Pal 74 
Ischias, von Küster 982, Behandlung 
der —, von Hölscher 116, Vorschlag 
zur operativen Behandlung der —, 
von v. Baracz 416, Hydrotherapie 
bei —, von Brieger 421, chirurgische 
Behandlung der —, von Halley 80, 
Kemigsches Symptom bei —, von 

Magri . 1979 

Lschiasbehandlung, von Brieger ... 804 
Isodynamiegesetz, von Rubner 232, 797, 
von Voit 233, 797, von v. Hoesslin 795 

Juckausschlflge im Kindesalter, von 

Siebert. 1137 

Juliusspital in Würzburg.512, 646 

Juno Lucina, die Kunst der, in Rom, 

von Curätulo.1889 

Izal, von Tunniclife.542 

Izalol als Darmantiseptikum, von Gordon 977 


Kälte, Wirkung der, von Zoege v. Man- 
teuffel 201, Apparat zur Applikation 
lokaler —, von Strognowski ... .2180 
Kaffee s. a Thee. 

Kaffeeöl und die physiologische Wirkung 
des darin enthaltenen Furfuralkohols, 

von Erdmann.1848 

Kasein, Fällung des, durch Lab und 
Laktoserum, von Müller . . . 1908, 1928 
Kaiserschnitt s. a. Eklampsie, Sectio 
caesarea. 

Kaiserschnitt, von Kerr 1361, konserva¬ 
tiver —, von Jung 207, — bei 
Eklampsie, von Jahreiss 1515, mo¬ 
derne Indikation zum —, von Galabin 


Seite 

1555, — in Finnland, von Heinricius 
1714, vaginaler — bei Portiokarzinom, 
von Kallmorgen 2057, von Weber . 2057 
Kakodylpräparaie, relative Unwirksam¬ 
keit der, von Iraser.1234 

Kakodylsaures Natron, von Mendel . . 1247 

Kakodylsäurebehandlung.1407 

Kakodylverbindungen, therapeutische 
Anwendung der, besonders bei 
Lungentuberkulose, von Kock . . . 1769 
Kalender s. a. Taschenkalender. 

Kalender, ärztliche 86, 250, für das Jahr 

1903 . 1685, 2185 

Kali chloricum, Vergiftung mit, von 

Schwarz.2104 

Kalomel in der Kinderheilkunde, von 

Schoen-Laduiewski.1615 

Kalomelinjektionen, Veränderungen im 
Muskel nach, von Allgeyer .... 329 
Kalzifikation, multiple dissemlnierte, von 

Liebscher.889 

Kalzium, blutstillende Wirkung des, und 

der Kalksalze, von Silvestri . . . .1316 

Kaninchenseuche, von Volk.459 

Kankroid, Pyoktaninbehandlung eines, 

von Weill.300 

Kankroin s. a. Krobsheilung. 

Kankroin, Heilung von Oesophagus¬ 
karzinom durch, von Adamkiewicz 
851, Frfolge des — von Adamkiewicz 
1064, — Adamkiewicz, von Nothnagel, 
von Eiselsberg, Poten, Schultz- 
Schultzenstein l273, von Decker . .2147 
Kaposi f, von Finger ........ 708 

Kapeelbakterien. von Clainnont .... 155 

Karbolgangrän, von Zanardi.158 

Karbollysoform, von Elsner.1315 

Karbolsäure in der Chirurgie, von Po well 1066 
Karbolsäurevergiftung, akute, von .lamin 2164 
Kardiolysis, Erfolge der, von Brauer . 1732 
Kardiospasmus, chirurgische Behandlung 

des, von Groth . . . . . 446 

Karotiden, temporäre Abklemmung der, 

von Crile. . .1156 

Kartoffelkur bei Diabetes, von Mossö 

212, 427, 1766 

Karzinom s. a. Angiom, Cancer, Duode¬ 
num, Gallengang, Gallenwege, Gastro¬ 
stomie, Harnblase, Kankroin, Klitoris, 
Krebs, Leber, Magen, Oesophagus, 
Uterus, Uteruskörper, Brustkrebs, 
Darmkarz., Dickdarmkarz, Extremi¬ 
tätenkrebs, Gebärmutterkrebs, Haut¬ 
krebs, Knochenkarz., Knochenmark¬ 
karzinom, Korpuskarz, Lippenkrehs, 
Lungenkarz., Magenkrebs, Mastdarm- 
karz., Ovarialkarz., l’ortiokarz., Ure¬ 
thral karz , Vulvakarz., Zervixkarz. 
Karzinom, von Schlotter 1074, primäres 

— der Papilla Vateri, von Schüller 
116, Röntgenstrahlen bei —, von 
Lyster 213, — u. Malaria, von Procb- 
nik 249, von Romei und Muzzarelli 
644. — und Hautveränderungen, von 
Holländer 801, Infektionstheorie des 
—, von Ritter 975, Beiträge zur I^ehre 
vom —, von Petersen lt/56, — der 
Gallenblase, von Adam 1070, Aetio- 
logie des —, von Fütterer 1228, Ein¬ 
fluss des — auf die gastrischen Ver¬ 
dauungsvorgänge, von Emerson 1229, 
melanotisclies — der Nebennieren, 
von Reimann 1232, Magenresektion 
wegen —, von Kappeier 1431, Meta¬ 
stasen eines —, von Fraenkel 1440, 

— in Uterus und Magen, von Krönig 
1444, die als Parasiten gedeuteten 
Zelleinschlüsse im —, von Nösske 
1469, Spätrezidiv nach —, von Ha- 
berer 1516, Heilungsvorgünge beim —, 
von Petersen 1549, — der Frauen, 
von Sinclair 1630, primäres — der 
Lebergallengänge, von Scheel 1769, 

— des Handrückens, von Frieben 
1820, — der Kardia, von König 1864, 
Pathogenese des —, von Cronen 1973, 
Therapie des — Uteri, von Heinsius 


8eite 

1973, Verbreitung des — in Schott¬ 
land, von Robertson 2166, — der 
Flexura sigmoidea, von Kraske 2065, 
osteoplastisches —, von Comisso . 2159 
Karzinomatose, multiple, des Zentral¬ 
nervensystems, von Siofert .... 826 
Karzinomheilung, von Petersen . 675, 681 

Karzinomrezidive, von v. Kahlden . 675 
Karzinomstatistik, von Schölten 158, von 
Winter 935, Prinzipien der —, von 
Winter 201, von Wertheim .... 417 
Karzinose, ausgedehnte, von Guttmann 
505, multiple — des Gesichts, von 

Cahen.18-.7 

Kassenärzte, Zentralausschuss der, in 
Berlin 170, Memorandum der — in 

Wien.686 

Kassenärztliches.1733 

Kastration und sekundäre Geschlechts¬ 
charaktere, von Sellheim 153, Fett- 
und Eiweissstoffwechsel nach —, von 

Lüthje.'..1848 

Katalog von Reiniger, Gebbert u. Schall 991 
Katalysatoren, Rolle der, des Organis¬ 
mus, von v. Poelil . 2066 

Katarrh, Therapie des venerischen, von 

Kronfeld.328 

Katatonie, von Riegel 732, — mit hyste¬ 
rischen Krämpten, von Kaiser 375, 

— im höheren Lebensalter, von 

Schröder.9-10 

Katheter s. a. Doppelkatheter. 

Katheter, Beimpfung und Abimpfung von, 

von Goldberg.. . . . 668 

Katgut, Sterilisierung und Aufbewahrung 

von, von Claudius.1662 

Katzenauge, amaurotisches, von Hildo¬ 
brandt .1025 

Kavernom s. a. Zunge. 

Kefir, von Podwissozki.536 

Kehlkopf s. a Larynx, Membran. 

Kehlkopf. Tuberkulose des, von Freytag 
*H2, Phlegmone des —, von Otto 6H4, 
Chirurgie des —, von Gluck 722, 
zentrale Innervation des —, von Onodi 
806, Lymph- und Hämangiome des 
—, von Harmer 1111, Stenose bei 
Amploiddegeneration im —, von Cour- 

voisier. 1250 

Kehlkopfentzündung, fleckweise, von 

Richter.891 

Kehlkopfexstirpation, totale, von Urban 943 
Kehlkopflähmung, Anatomie der, von 

Gerhardt . 940 

Kehlkopfspiegel, Verhütung des An¬ 
laufens der, von Kassel. 38 

Kehlkopftuberkulose, von Freytag 782, 
von Naumann . . . . . 1147 

Keime, Einfluss niederster Temperaturen 
auf die Virulenz der pathogenen, von 

Belli.623 

Keloid, Pathogenese und Therapie des, 

von Goldrnann .115 

Kophalokele, von Muscatello . . . . 1430 

Keratitis neuroparalytica, von Czermak 140 t 
Keratodermie, hereditäre, von Nicolai . 1780 
Keratokonus s. a. Hornhautkegel. 

Keratoma hereditarium palmare et plan¬ 
tare, von Dreyer.6S3 

Keratomykosis aspergillina, von Kayser 1068 
Keratosis nigricans, von Grosz .... 249 
Kerne, angebliche Unterschiede in der 

Färbung der, von Nocht.594 

Keuchhusten s. a. Cannabis. 

Keuchhusten, Aetiologie des, vonVincenzi 
539, Aetiologie des —, von Jochmann 
und Krause 1231, — und Vaccination, 
vonPoschi 1434, — mit nachfolgender 
Polyneuritis, von Koch 1551, Pro¬ 
phylaxe des —, von Stamm 1619, 
Hautemphysem bei —, von Willems 1767 

Key, Axel f, voa Santesson.243 

Kiefer- und Zahnanomalien, Heredität 

der, von Galippe.292 

Kieferatrophie, von Neumann . . . .1810 
Kiefercysten, von Limit.14UU 


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XL 

Seite 

Kiefergelenk, Behandlung der Ankylose 
des, von Gluck 722, isolierte rheu¬ 
matische Erkrankung des —, von 

Manasse. 839 

KiefergelenkHerkrankung unter dem Bilde 
einer Otalgia nervosa, von Kretsch- 

mann ... .984 

Kieferhöhle, Radikaloperation der, von 
der Nase her, von Rethi 35, Instru¬ 
mente zur Radikaloperation der —, 
von Lombard 39, Radikaloperation 
bei ehron. Empyem der —, von Hajek 
219, chronische Eiterung der —, von 

Tilley.1154 

Kiefemhöhlenempveme, Therapie der 
chronischen,vonAlsen 38, Operations¬ 
methode der chronischen —, von 
Gerber 1274, Verkäsung einer —, 

von Fischenich.1547 

Kiemengangshautauswuchs,vonReichard 1243 
Kieselsäure, von Schulz 440, Bedeutung 
der — im menschlichen Organismus 

von Rohden 852 

Kieselsäuregehalt tierischer und mensch 

licher Gewebe, von Schulz .... 1019 
Kind s. a. Abhärtung, Brustkind, Er¬ 
nährung, Säugling. 

Kinder, Ausschluss tuberkulöser, aus 
den Schulen 1079, anormale - und 
ihre erziehliche Behandlung, von 
Demoor 1353, natürlich genährtes —, 
von Nordheim 1515, Fürsorge für 
tuberkulöse — 1856, Erziehung und 
Unterricht nicht vollsinniger — 1903, 
Schulen für nervöse —.vonStadelmann 2022 
Kindbettfieber, Verhütung des, von Hof¬ 
meier 737, — von v. Scanzoni 1102, 
Anzeigepflicht bei — .... 1943, 2110 

Kinderheim, vegetarisches.989 

Kinderheilkunde s a. Pädiatrie, Monats¬ 
schrift. 

Kinderkrankheiten, Lehrbuch der, von 

Baginsky.776 

Kinderlähmungen, zerebrale, von Koenig 
154, von Goldmann 2142, Muskel 
Überpflanzung bei spinaler —, von 
Vulpius 939, pseudobulbäre Form 
der zerebralen —, von Kaufmann 
1072, orthopädische Behandlung der 
essentiellen —, von Hoffa 1201, 
orthopädisch - chirurgische Behand¬ 
lung schwerer spinaler —, von Vul¬ 
pius 1513, spinale —, von Hoche 
1552, orthopädische Behandlung der 


spinalen —, von Hoffa 1761, Sehnen¬ 
überpflanzung bei spinalen —, von 

Vulpins.1892 

Kindernährmittel s. u. Nährzucker. 
Kinderschädel, konfigurable, vonSellheim 153 
Kindersterblichkeit, von Rhodes .... 1592 

Kindertabes, von Köster.336 

Kinderwage, von Steinhardt.163 


Kindesalter, Lebercirrhose im, vonPassini 
33, Prognose der Meningitis cerebro¬ 
spinalis epidemica im —, von Zup- 
pinger 33, Aetiologie des Pneumo¬ 
thorax im —, von Zuppinger 74, Be¬ 
handlung des Tumor albus im — 
durch Gehverbände, von Froelich 75, 
Papilloma laryngis im —, von Lindt 
249, Säuferleber im —, von Beck 4l8, 
Reflexe im ersten —, von Cattaneo 
935, Leberkarzinom im —, von Schle¬ 
singer 935, diagnostischer Wert des 
Fiebers im —, von Rheiner 938, Al¬ 
koholismus in» —, von Grösz 1107, 
Juckausschläge im —, von Sichert 
1137, Schwinden des Patellarreflexes 
bei kruppöser Pneumonie im —, von 
Pfaundler 1811, epidurale Injektionen 
im—, von Cathelin 1475, tuberkulöse 
Cirrhose im —, von Baudouin 1475, 
Chirurgie des Zentralnervensystems 
im —, von Stiles 1554, Tuberkulose 
im frühen —, von Schlossma' n 1676, 
Krankheiten der Verdauungsorgane 
im —, von Schreiber 1760, plötzliche 


1N H ALT S-VE RZ EICHN IS. 

Seite 

Todesfälle im —, von v. Ganghofner 
1723, von Richter 1728, Hämag¬ 
glutination im —, von Langer 1730, 
Ätmungsanomalien im —, von Gregor 
1819, Gehitineinjektionen im —, von 
Zuppinger 181H, Morphiumvergiftung 
im —, von Katzenstein 1840, krup¬ 
pöse Pneumonie irn -•, von Coutts 
1851, Milchidiosynkrasie im —, von 
Fischer 1981, Infektion mit Tuberku¬ 


lose im —, von Preisich und Schütz 
2016, Tuberkulose der weiblichen Ge¬ 
schlechtsorgane im —, von Brüning 
2015, Pnemnokokkenperitonitis im —, 
von Stoos 2058, brandige Darmin va- 
gination im —, von Cordua . . 2100 
Kinematographische Darstellungen grös- 

herer Operationen, von Doyen . . . 628 
Kissingen, Soolbäder in 512, Kohlen¬ 
säurebäder in’ —, von Vanselow . . 2085 
Klärschlamm, Fettgehalt des, von 

Fraenkel. 40 

Klavikularfrakturen Neugeborener bei 

spontaner Geburt, von Riether . 1064 


Kleidungsstoffe, lösliche Antimonverbin¬ 
dungen in, von Lehmann und Göbel 1313 
Kleinhirn, Abszess im, von Clarke und 
Morton 38, Solilärtuberkel des —, 
von du Mesnil 1239, Ana'omie und 
Physiologie des — von Probst 1470, 
okulare Symptome bei Erk'ankungen 
des —, der Vierhügel und der Zirbel¬ 


drüse, von Bach.1853 

Kleinhirnabszess, chronischer, von Hoffor 938 
Kleinhirngeschwülste, von Bregmunn . 154 

Kleinhirntumor, von v. Voss.326 

Klinik und physikalische Chemie, von 
Richter 1106, medizinische — Breslau, 

von Käst . 2093 

Klitoris, Karzinom dor, von Flatau . 903 


Klumpfuss, von Schanz 591, Operation 
des —, von Schanz 1191, Behandlung 
des angeborenen —, von v. Oot- 
tingen 1274, neues Operationsprinzip 
bei — kleiner Kinder, vonOgston 1359, 
Redression des —, von Wieting 1664, 
Aetiologie angeborener —, v. Keller 2180 
Klumpfussbehandlung im ersten Lebens¬ 
jahr, von v. Oettingen.861 

Knickfuss und seine Messung, von Nieny 2158 
Kniegelenk s. a. Quadricepssehne. 
Kniegelenk, „internal derangement“ des, 
von Barker 541, Zerreissung dor Se- 
milunarknorpel und Operationen im 
—, von Robson 1154, internal de¬ 


rangement des —, von Allingham . 1156 
Kniegelenkseiterungen, offene Methode 

bei, von Wbitehcad .1359 

Kniegelenkskontraktur, Dauererfolge bei 
Streckung der, mit Sehnenüberpflan¬ 
zung, von Heusner.723 

Kniegelenksresektion, zur Frage der, von 

Sykow.668 

Kniegelenkstuberkulose, von Merkel . . 2165 


Kniescheibe, blutige Lösung der anky- 
losierten, von Hübscher 34, Röntgen- 
photogramme der —, von Joachims¬ 
thal 628, Struktur, Lage und Ano¬ 
malien der —, von Joachimsthal 933, 
kongenitale Verrenkung der —, von 

Blencke.1192 

Knieverletzungen, Diagnostik der, von 

Riedinger.1075 

Knochen s. a. Röhrenknochen. 

Knochen, Entscheidung zwischen ent¬ 
zündlichen Erkrankungen und Neu¬ 
bildungen der, durch Röntvenstrahlen, 
von Beck 380, Einpflanzung von toten 
— in indifferente Weichteile, v. Sultan 628 
Knochenatrophie, akute trophoneuroti- 
sche, von Sudeck ... 299, 384, 466 

Knochenbildung, heteroplastische, von 

Sacerdotti und Frattin.1399 

Knochenbrüche, Einwirkung der, auf 
Kreislauf und Temperatur von Fibich 
203, Fortschlitte in der Behandlung 
der —von Bier.546 


1902. 

Sette 

Knochendeformitäten, Ausgleichung von, 
von Port . . • . . . . 8008 

Knochenerkrankungen im Röntgenbild, 
von Köhler 1535, syphilitische - , 

von Heinlein.2104 

Knochenfrakturen, Behandlung der, von 
Rossi 250, Lungenembolie nach —, 

Putermann.1064 

Knochengeschwülste, von l’els-Leusden 331 
Knochenherd in der Cervix eines fötalen 

Uterus, von Meyer.670 

Knochenhöhlen, Ausheilung grosser, 
nach Nekrotomien, von Heinlein 299, 
Verschluss einer , von ßusalla 1158, 
plastische Deckung von - ,vonBu-salla 1512 
Knochenkallus, Entwicklung des, von 


Bum . . . . 1062 

Knochenkarzinom, sekundäres, von 

Fraenkel . . 383 

Knochenkohle als Ersatz für Jodoform, 

von Frommer.587 

Knochenmark u. Infektionskrankheiten, 

von Fraenkel. 561, 635 

Knocheninarkkarzinomatose, hämatolo- 

gische Befunde bei, von Käst . . . 1673 
Knochenmetastasen bei Schilddrüsen- 

tumoren, von Wagner. 1467 

Knochenneubildung, histologische Vor¬ 
gänge bei der, von Grohe ... . 677 

Knochenplastik, von Kaposi ... . 316 

Knochentumoren mit Schilddrüsenbau, 

von Gierke.1939 

Knochenwachstum, Pathologie des, von 

Stoeltzner und Salge.1543 

Knorpel, Transplantation von, von Bü- 

dinger.909 

Knorpelrost, kongenitaler, am Halse, von 

Engelmann. . 1192 

Koagulationsnekrose des quergestreiften 

Muskelgewebes, von Oberndörffer . 458 

Koecidienkarzino.se, von Bruandet . . 1474 


Kochsalzlösung, Gefährlichkeit der Tavel- 
schen, bei subkutaner Anwendung, 
von Baisch 1545, Ersatz der physio¬ 
logischen — durch die Tavelsche 
Salzsodalösung, von Kuttner .... 1927 
Kochsaizsurrogat der Negerstämme im 


Sudan, von v Bunge.626 

Kölioskopie s. u. Oesophagoskopie. 
Köliotomie, vaginale, von Thienhaus . 1983 
Körpergewicht, spezifisches, am leben¬ 
den Menschen, von Wengler . .1717 

Körpertemperatur, Einfluss der Koblen- 

säureatmung auf die, von Westenryk 376 
Körperlich-Sehen beim Monokular-Sehen, 

von Sehmidt-l'impler.633 

Koffeininjektion, subkutane, als Unter¬ 
stützungsmittel des Aderlasses, von 

Le Gendre.1942 

Kohabitat io ns Verletzung, von Mansbach 553 
Kohl, Erreger d. krankhaften Auswüchse 
des, von Feinberg ....... . 202 

Kohlehydrate, Resorption von, von der 
Schleimhaut des Rektums, von Reach 
757, — hei der Ausnützung der un¬ 
löslichen Salze, von Vaudin .... 852 

Kohlensäurebäder, von Schwalbe . . . 2070 
Kohlensäurenarkose, von Rothschild . 1807 
Kokain, von Fuchs 1623, intra-arachnoi¬ 
deale Einspritzungen von — gegen 
schmerzhafte Nervenkrankheiten, von 

Marinescu.890 

Kokaineinspritzung, intra- arachnoidale 
und epidurale, von Verhoogen 495, 
Anästhesie durch — in den Rücken¬ 
markskanal, von Procopin.1019 

Kokaininjektionen s. a. Anästhesie, An¬ 
algesie, Spinalkokainisierung. 
Kokainisierung des Rückenmarks, von 

Stumme.1807 

Kollaps, Natur der Kreislaufstörung im, 
bei akuten Infektionskrankheiten, 
von Pässler und Rolly . . . - 1737 
Kollege, auch ein! von Aschaffenburg . 389 
Kolonien, hygienische Aufgaben in un¬ 
seren, von Noeht.1933 

Kolostomie, von Nehrkorn.162 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


Sc-itc 

Kolpourynter s.u.Uoljustunpskolpeurynter. 


Komedoiienbihlung, multiple, von Del- 

banco. .1025 

Komplementablenkung bei bakteriziden 

Ueagensglasver.suchen, von I.ipstein 758 
Komplemente, Differenzierung von, von 

Marschall und Morgenroth.970 

Kompressionshusten, von Garei . . . 891 
Konfessionsstatistik der Univereitatspro- 

fessoren.1406 

Kongresse s. a. Teil IV. 

Kongress für innere Medizin 215, 304, 

— im Jahre 1904 1914, — der öster¬ 
reichischen Baineologen 215, internat. 
dermatologischer — 304, IV. internat. 


— für Geburtshilfe u. Gynäkologie in 
Rom 344, 1287, 70. — der British 
Med. Association 600, internat. med.— 
in Paris 636, internat. — in Madrid 
1903 910, 1244,1447, 1487, 2. internat. 

— für medizinische Elektrologie und 
Radiologie 990, — nordischer Natur¬ 
forscher und Aerzte in Ilelsingfors 
991, 6. — vlämiacher Naturforscher 
und Aerzte in Kortrijk 991, — in 


München 1599, sozialärztlicher — . 1821 
Konjunktiva, Papillom der, von Staico- 
vici 118, Papillombildung auf der —, 
von Velhagen 1985, Gonorrhoe der 

—, von Axenfeld . 2063 

Konkrement im Canaliculus lacrymalis, 

von Dalen .2165 

Konsanguinität s. u. Khe. 

Konsonanz und Dissonanz, von Krueger 635 


Kontraktur, Theorie der hemiplegischen, 
von Lazarus 536, Flexionspronations- 
— des Armes, von Alexander . . . 536 
Konvulsionen, postapoplektische, von 

Pässler.‘. . 1243 

Konzentrationslager, Bericht über das, 

Merebank (Natal), von Hoenigsberger 1507 
Koordination, Physiologie und Patho¬ 
logie der, von Förster.1804 

Konrdinationsstörungen, akute, von 

Lenhartz.207 

Kopf, Extraktion und Expiession des 
nachfolgenden —, von Klein 1307, 

1447, 1448, Höhenmessung des —, 

von Kirchhoff.1715 

Kopfbewegungen, rhythmische, b. Aorten¬ 
affektionen u. Gesunden, von Frenkel 1766 

Kopfhaare, von Winternitz . . . 1868 

Kornea, Beziehungen zwischen Endothel 

nnd Epithel der, von Hippel . . . 1780 
Korpsleben, das deutsche, von Allere . 2109 
Korpuekarzinom, zirkumskriptes, von 

Weinbrenner.1937 

Korrespondenz 87, 127, 175, 304, 391, 

560, 864, 1079, 1128, 116*, 1207, 

1248, 1288, 1322, 1407, 1687, 1944, 

2031, 2110, 2170 . 2110 

Koreakoffsche Psychose, von Gaupp . 856 
Korsakoffscher Syinptomenkomplex, von 

Meyer •. 1591, 1685 

Korsika, Assanierung von, von Laveran 

213, 1942 

Koryza, akute, bei einem Neugeborenen, 

von Laure.292 

Kot, Mikroorganismen des menschlichen, 

von Matzuschita.290 

Krätze der Haustiere, von Alexander . 296 

Krafft-Ebing, l’rof v., 39jälir. Lehrer¬ 
jubiläum .468 

Kragenknopf im linken Hauptbronchus, 

von v. Eicken. 632, 1513, 1547 

ivrampf, chronischer, der Nacken- und 

Halsmtiskulatur, von Ebers .... 939 

Krankenbehandlung, ärztliche, in der 
Familie unter Bezugnahme auf die 
deutschen Kranken vereicherungsge- 

setze, von Schwartz.707 

Krankenhaus Lichterfelde, Zustände im, 

258, 303, 821, Berliner — 258, 261, 
Hamburger — 431, 471, 3. — in 
München 1407, Isolierabteilungen 
oder Krankenhaussanatorien in all¬ 
gemeinen öffentlichen -- in Oester¬ 
reich, von Dvordk 73, bauliche Ver- 


Seite ' 

iinderungen auf der Abteilung für 
geschlechtskranke Frauen im stadt. — 
München, von Jesionek 838, — des 
Enfants malades zu Paris, von Baca* 
loglu 1191, Aufgaben der — gegen¬ 
über den Anforderungen der neuen 
Prüfungsordnung, von Rumpf 1197, 
Londoner — u. medizinische Schulen 
1597, Vermehrung der Chirurgie an 

den Berliner — .2183 

Krankenhausärzte, Aufgaben der, gegen¬ 
über den Anforderungen der neuen 
Prüfungsordnung, von v. Bauer . . 1123 
Krankenhausapotheken, heutige Auf¬ 
gaben der deutschen, von Stich . . 1818 
Krankenkasse s. a. Arzt, Vorschriften. 
Krankenkassen in Breslau 43, — der 
Bankbeamten in Wien 171,-die Be¬ 
hörden für die — gegen die Aerzte 1902 
Krankenkassengesetz, Neuordnung des 1640 
Krankenkassenmitglieder, zahnärztliche 


Behandlung von.559 

Krankenkassenwesen, Auswüchse des, 

in F.ngland, von Hirne. 1583 

Krankenkost u. Küche der Charitee, von 

Schaper.1106 

Krankenküche, öffentliche, in Berlin 431, 

von v. Rath.536 

Krankenpflege s. a. Berufspflege. 
Krankenpflege im Kriege, von Hutton 
1594, die Pflege verbände im Vergleiche 
zur freien —, von v. Walmenich . 1992 
Krankenpflegnachweis. Organisation des, 2183 
Krankentransportwagen, von Schreyer . 942 

Krankenversicherung, nichtgesetzliche . 1206 
Krankenversicherungsgesetz, Revision 
des, 170, — von Frankenburger 906, 
von Lukas 1164, von Mayer u. Höber 
1198, Reform des —.735 


Krankheit, Behandlung gynäkologischer, 
mit heisser Luft, von Thomson 73, 
chirurgische Behandlung verschie¬ 
dener —von Jessop 378, — der 
Frauen in übersichtlicher Darstellung 
für Hebammen, von Walthor 1190, 

— im Feldzug gegen Russland 1812, 
von Ebstein 1311, wechselseitige Be¬ 
nachrichtigung der Militär- u. Polizei¬ 
behörden über das Auftreten übertrag¬ 
barer — 1367, Beziehungen zwischen 
Armut und —, von Mc Dougall, von 
Rowntree 1592, vierte —, von Mareden 1632 
Krankheitserreger, Dauer der Lebens¬ 
fähigkeit von, von Kirstein 155, 
Zentralstelle zur rntersuchung von — 343 
Krankheitsfälle, portofreie Meldung von 1686 
Krankheitsverhütungs-Vorschriften für 


Arbeitsstätten, von Freund .... 1855 

Kraniotomie und ihre Technik in Hin¬ 

blick auf die Privatpraxis, von 

Frankl.1849 

Kraurosis vulvae, von Rosenstein 935, 
von Trespe 1432, von Darger 1514, 

— und Ulcus rodens vulvae, von 

Kreis . . . 74 

Krebs s. a. Karzinom. 


Krebs, heutige Behandlung des inope¬ 
rablen, von Cooper 37, ätiologisches 
Moment bei der Entstehung von —, 
von 'Braithwaite 124, Frequenz des 

— in Holland 158, parasitäre Ent¬ 
stehung von — mit Sarkom, von 
Schüller 416, 677, — der Tiere, von 
Sticker 457, — und Malaria, von 
Davidson 541, Behandlung von inope¬ 
rablem —, von Eecles 555, Histoge- 
nese des —, von Gussenbauer 675, 
Mikrokokkus neoformans u. die Be¬ 
handlung des —, von Doyen 676, 
parasitärer—,von Schüller 677,Parasi- 
tismus des —, von v. Leyden 718, 
rezidivierender — mit RöntgenHtrahlen 
behandelt, von Ferguson 760, Wesen, 
Ursprung und Behandlung des —, 
von Galloway 905, Malariabehandlung 
des —, von Löffler 1126, Dauer¬ 
heilungen des —, von Labhard 1271, 

— in Indien, von Niblock 1361, Be- 


JtU 

Seite 

handlung an — durch Erfrierung, von 
Howitz 1436, Behandlung des inope¬ 
rablen —, von Morris 1552, Aetiologie 
des —, von Brand 1631, — in den 
Tropen, von Dalgetty, von Madden 
1631, — und Röntgenstrahlen, von 
Turner 1850, Beurteilung der Diag¬ 
nose, des Sitzes und der Prognose 
des — durch Urinuntersuchung, von 
Blumenthal 1973, Parasiten des —, 
von v. Leyden 1973, Serumbehand¬ 


lung des —, von Hoyton.2161 

Krebsätiologio, Probleme der, von Israel 677 
Krebsbehandlung, von Le Roy .... 426 
Krabserkrankung, scheinbar primäre, 

von Roemer.750 

Krebsforschung, von v. Leyden und 
Blumenthal 1545, Komitee für —, 

1903, Bericht des Komitee für —, 

1014, Veröffentlichungen des Komi¬ 
tees für —, . . 1973 

Krebsgeschwülste, Gewebe und Ursache 
der, von Feinberg 539, Versuche mit 

—, von Jensen.1435 

Krebsheilung nach Injektion von Serum 

Adamkiewicz, von Kugel .... - 1064 
Krebskrankheit, ein die, begleitendes 


Symptom, von I^eser 40, Verbreitung 
der —, im Deutschen Reiche, von 
Wutzdorff 460, Zunahme der —, von 


Gairdner.2161 

Krebsparasiten, von Nöske 676, Schuel- 

lersche —, von Mohr.2018 

Krebsstatistik, von Riechelmann . . . 1399 
Kreisärzte 43, Dienststellung der — . . 557 
Kreiskrankenhaus Gross Lichterfelde . 824 


Kreislaufstörungen s. u. Venendruck¬ 
messungen. 

Kreislauf, Einwirkung von Arzneimitteln 
auf den kleinen, von Gerhardt 766, 
Geschichte der Entdeckung des —, 
von Landau 985, Modell des fötalen 


—, von Winternitz.1675 

Kreraaster-Reflcx, von Tozzi ... . 157 


Kretin, geistige Entwicklung eines mit 
Thyreoidin behandelten, von Heller 250 
Kretinismus, von Scholz853, sporadischer 
—, von Schiffmacher 71, Behandlung 
des endemischen —, von Wagner 


v Jauregg.1111 

Kreuzschnitt, Vermeidung der Hämatom¬ 
bildung nach Küsters suprasymphy¬ 
särem, von Heil . . . ...... 1883 

Kriegschirurgie, Grundriss einer Ge¬ 
schichte der, von Köhler 535, Stand 

der —, von Matthiolns.1846 

Kriegswissenschaft, ärztliche, vonKntner 1712 
Kritische Tage u. kosmische Wirkungen, 
von Brunner.201 


Kropf, Diagnose und Behandlung der 
verschiedenen Formen des, von 
Bern- 1233, Anstrengung und der —, 
von Fedrazzini 1435, Chemie und 
Physiologie des —, von Ostwald . . 1847 


I Krüppelheim, von Vulpins.1511 

Krupp, Aspirationsverfahren bei deszen¬ 
dierendem, von KesBelbach .... 1473 
Kruralbrüche, Radikal Operationen bei, 

von v. Boredorff.1769 


Krvoskcpie s. a Galle, Gefrierpunkt- 
bestimmung. 

Kryoskopie bei chirurgischen Nieren¬ 
affektionen und bei Echinokokkns- 
evsten der Leber, von Florio und 
Santi 717, klinische Verwendung der 
—, von Julliard 1194, Wert der —, 
zur Diagnose des Todes durch Er¬ 
trinken, von Revenstorf . . ... 1880 

Kryoskopische Urinuntersuchungen, von 

Gaetano.1811 

Kryptogamen-Flora, von Migula .... 1058 

[ Kryptorchismus, von Holper.731 

Kuhmilch, Ernährung gesunder und 
j kranker Sänglinge mit gelabter, von 

Langstein.417 

] Kultusministerium, ärztliche Beruther im 
i preussischen 344 , Etat des preussi- 

schen —. 391 


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Kupfer, Wirkung von metallischem, auf 
die Pflanzenwurzel, von Lehmann . 
Kurare, Beziehungen zwischen, u. Phy¬ 
sostigmin, von Rothberger ‘253, Wir¬ 
kung des —, von Frank u Gebhard 
Kurpfuscher, Erlass gegen 471, Statistik 
der — in Berlin 643, Verurteilung 
eines — wegen unlauteren Wett¬ 
bewerbes 863, Ankündigungen von — 
908, Bestrafung von — 909, Bezeich¬ 
nung als — 9b0, bestrafte — 1286, 
14u6, Zentralauskunftstelle über —, 

von Steinmetz. 

Kurpfuscherannoncen in derTagespresse 
Kurpfuscherei s a. Verhandlungen der 
bayerischen Aerztekammern. 
Kurpfuscherei 261, 262, strafgerichtliche 
Verfolgung der — 127, Verurteilung 
eines Arztes wegen — 259, — und 
ihre Beseitigung 989, Beaufsichtigung 
der — 1206, Kommission zur Be¬ 
kämpfung der — 1‘236, Bekämpfung 
der — 1558, Einfluss der — auf 
Leben und Gesundheit der Bevöl¬ 
kerung, von Grassmann. 

Kurpfuschereibekämpfung. 

Kurpfuschereikommission. 

Kurpfuscherprozess in Darmstadt . . . 

Kurpfuscherreklame. 

Kurpfu scher Unwesen. 

Kurse für physikalisch-diätetische Heil¬ 
methoden u. Balneotherapie in Baden- 

Baden . 

Kurzsichtigkeit, zweckmässigste Korrek¬ 
tion der, von Schreiber 165, 892, Aetio- 
logie der —, von Widmark .... 
Kussmaul, zum 80. Geburtstag, von 
Edinger 281» Nachruf für —, von 
Naunyn 1284, — Erinnerungen an 
die Dozentenzeit und die Gründung 
des naturhist.-med. Vereines zu Heidel¬ 
berg, von Fleiner. 

Kyanolophie, Erreger der, der Hühner, 

von Lode.. 

Kyphose, Behandlung der Pottschen, 
durch langsame Geraderichtung, von 
Alivizatos 673, Resultate der Redu¬ 
zierung Pottscher —, von Melun 
Kystoskop, von v. Thümen. 

Ii. 

Ijibferment, Untersuchungen über das, 

von Fuld. ... . 

Laboratoriumsapparate, von Meyer . . 
Lnbyrintheiterungen, von Hinsberg . . 
Labyrintherkrankungen, chirurgische 
Eingriffe bei, von Passow .... 
Lachgasnarkosen, von Hilliard .... 
Lähmungen, Anwendung von Laufwagen 
bei, der unteren Extremitäten, von 
Bruns 24, Klumpkesche —, von Nau¬ 
nyn 83, periodische familiäre —, von 
Oddo und Audibert 169, psychische —, 
von Hauser und Lortat- Jacob 292, 
geheilte spondylitische —, von Schanz 
591, einseitige —, von Schanz 591, 
— des M. quadratus menti, von Jaffö 
722, sog. ischämische — und Kon¬ 
trakturen, von Riedinger 1074, radi- 
kuläre — im Bereich der Sakralwnr- 
zeln, von Dubois 1111, Aetiologie der 
Zungen-, Gaumen-, Kehlkopf- und 
Nackenmnskel—, von Harmer 1112, 
toxische — karbunkulöser Natur, von 
Sclavo 1472, Sehnenplastik bei —, 
von Lange 1552, Differenzialdiagnose 
zwischen funktionellen und organi¬ 
schen —, von Buzzard 1553, spas¬ 
tische — der unteren und schlaffe — 
der oberen Extremitäten, von Bäumler 
Längsbündel, anatomische Untersuch¬ 
ungen über das untere, von Schütz 
Lävulosurie, spontane, und Lävolusämie, 
von Rosin und Laband. 


IN11A1 »TS-V K RZF.KMIN IS. 


1902 . 


Seite 

340 


1020 


1720 

1286 


1635 

1365 

907 

558 

2105 

43 


1218 


2155 


1589 

758 


890 

169 


465 

1273 

981 

680 

1361 


2063 

1401 

2094 


Seite 

Lagerungs- und Streckschwebe für die 


untere Extremität, von Klapp . . . 1068 
Lagerungsvorr chtung, von König . . . lS-jit 
linktophenin. von v. Schüler . . . 1764 
Lnndmunn, Kultusminister v., 1167,1206 1407 
Landrysche Paralyse in akutester Form, 
von GoBsner .... . 837 


Laparotomie, Schenkel venen thrombose 
nach, von Riedel 583, peritoneale 
Adhäsionen nach —, von Vogel 1015, 
Schnittführung und Nahtmethode bei 
—, von Nebrkorn 1513,— hypogastrica 
extraperitonealis, von Mackenrodt 


1628, — im Kriege, von v. Hippel . 1892 
Laryngitis submucosa infeetiosa acuta, 
von Onodi *8, Diagnose und Behand¬ 
lung der chronischen —, von Häring 1593 
Laryngologen-Versammlung, IX., in Hei¬ 
delberg . ... 687 

Laryngologiseher Unterricht, Hilfsmittel 

für den, von Killian.1477 


Laryngo-Rhinologie, Referat über, 38, 

890, 1477, 1812 

Larynx s. a. Kehlkopf. 

Larynx, Neub ldungen des, von Moses 
683, äussere Operationen am —, von 
Slieild 1154, Entfernung der Papillome 

des — .1593 

Larynxstenose nach Typhus, von Pick 
946, Intubation und Tracheotomie bei 
diphtheritischer —-, von Gangliofner 
1152, Behandlung der chronischen —, 

von \Volkowit8eh .1662 

Larynxtuherknlose und Schwangerschaft, 
von Knttner 38, Verlauf der — in 

der Gravidität, von Veis.1477 

Lauf wagen s. u. Lähmung. 

Leben s. a. Milch. 

Ixsbensversicherung, Syphilis und die, 

von Weber.1850 

Lebensversicherungsbank, aus der Praxis 
der Gothaer, von Karup, Gollmer und 

Florschtitz.1890 

I-eber s. a. Cystenleber, Stauungsleber, 
Glykosurie, Glykogen, 
lieber, kolossale, von Unverricht'212, 
ammoniakentgiftende Funktion der—, 
von Biedi und Winterberg 254, — mit 
primärer Tumorbildung, von Frieben 
b93, Schnürlappen der —, von Hoff¬ 
mann 679, Beeinflussung der — durch 
das Zwerchfell und Lebermassage, 
von Walz 785, Resektion der —, von 
KoslenkoSOl, primäres Karzinom der 
—, von Mau 899, knotige Hyperplasie 
der —, von Marchand 901. Stich- 
Schnittverletzungen der —, von Gre- 
kow 1**15, Ilydatidencyste der —, 
von Botescu 1019, glykogenlösendes 

Ferment der —, von Pick.1816 

Leberabszesse, operative Behandlung 
multipler, von Wilms 520, tropische 
—, von Perthes 801, von Godlee 1155, 
Bakterienbefunde bei —, von David¬ 
sohn 1067, — nach Pneumonie, von 

Kirste.1444 

Leberatrophie, akute gelbe, von v. Wieg 540 
Lebercirrhose, von C urschmann 1362, 

— im Kindesalter, von Passini 33, 
Pathologie der —, von Ascoli 70, 
operative Behandlung des Aszites 
bei —, von Pal 428, kardiale —, von 
l^ewaschoff 761, chirurgische Behand¬ 
lung der — ,von Murrell 1359, operative 
Behandlung der —, von Lanz 1628, 
Talmasche Operation bei —, von 
Helferich 1732, — und Diurese, von 

Schuster.1817 

Leberdämpfung, Verschwinden der, bei 
Meteorismus, von Oppenheim . . . 1274 
Leberechinokokkusblasen, einzeitige 

Operation von, von Mori.1978 

Leberentzündung nach Ruhr, von Kramm 1663 
Leberkarzinom im Kindesalter, von 

Schlesinger. 935 i 


Seite 

Leberrupturen, von Finkeistein .... 1015 
Leberverletzungen, von Fuchsig 890, mit 
Beteiligung grosser Gallenwege, von 
Hammer 115, frühzeitige Operation 

bei, von Mercadä.851 

Leberwunden, von Krhardt ..719 

Le herzelle. Bau der, von Browicz 1230, 
Resorption der in den Organismus 
injizierten —, von Cantacuzene . . 1767 
Lecithin bei der Tuberkulose, von Claude 

und Zaky.293 

Lehrbuch für Heilgehilfen, von Göschei 
114, — der vergleichenden Anatomie 
der wirbellosen Thiere, von Lang 198, 

— der inneren Medizin, von v. Mering 
322, — der Arzneimittellehre und 
Arzneiverordnungslehre, von v. Tap¬ 
peiner 973, — der Arzneimittel- und 
Arzneiverordnungslehre, von Oloetta- 
Filehne 1012, — der Gynäkologie, 
von Küstner 1310, — der allg. u. spez. 
path. Anatomie, von Ziegler 1310, 

— der orthopädischem Chirurgie, von 

Hoffa 1353, -- der speziellen Patho¬ 
logie und Therapie, von v. Jürgensen 
158.’», — der Ohrenheilkunde, von 
Jacobson und Blau 162.’», — der 
Heilgymnastik, von Herz 1925, — der 
klinischem Untersuchungsmethoden, 
von Sahli 1972, — eler anorganischen 
Chemie, von Erdmann.2013 

Lehrmittel, Ausstellung ärztlicher . . . 910 
Leibbinde, neue, von Ostertag . . . 803 

Leichen, Konservierung von, v. Schieffer- 
decker 262, Beförelerung von . . . 1127 
Leichenkonservieruugsverfahren, neues, 

von Brosch . . . .32 S 

I-ieichense-hau, obligatorische . • . . 558 

Leipziger Verband h. Verband, 
lieistenbrnch s. a. Bassinische Operation. 
I^eistenbrüche, Dauerresultate der Bas- 
sinischen Operation hei, von Matano- 
witsch 1513, Diagnostik und Häufig¬ 
keit des kongenitalen —, von Goldner 
1765, Vorkommen traumatischer —, 

von Görtz. 1770 

Leistenhernie nach Kocher-Bassini ope¬ 
riert, von Thomas.1850 

Leistenhoden, von Plettner 331, von 
Wiesinger 729, blutige Verlagerung 
des — in das Skrotum, von Wolff . 672 
Leitfaden für den geburtshilflichen 


Operationskurs, von Döderlein . . 1106 
I/Citting, zentrifugale, im sensiblen End¬ 
neuron, von Kolinstamm.1016 

Lendenhemien, Durchtrittsstelle der, von 

v. Baracz und Burzynski.1891 

Lenigallolpaste, von Clemm.1629 

l^entikonus posterior mit Art. hyaloidea 
persistens, von Alexander. 82 


Lepra, von Tonkin 1285, zwei Fälle von —, 
von Bettmann 161, — des männl. 
Geschlechtsapparates, von Glück 296, 

— tubero-anaesthetica, von Uhlen- 
huth und Westphal 416, Ueber- 
tragungsversuche von — auf Tiere, 
von Tasliiro 539, — kombiniert mit 
Syringomyelie, von Gerber .... 949 
Leprabehandlung im Kreise Memel, von 

Urbanowicz .416 

Leprose, von Santon.490 

Lethargie, afrikanische, von Warrington 1554 
Leuchtgas- u. Kohlengasvergiftung, von 

Ferchland u. Fahlen.1313 

Leuconostoc hominis und seine Rolle 
bei den akuten exanthematischen 

Krankheiten, von Hlava.1545 

Leukämie, myelogene, von Hirschfeld 
und Tobias 291, akute —, von Hirsch¬ 
feld und Alexander 495, Löwitsche 
Parasiten der lymphatischen —, von 
Bloch 714, traumatische Entwicklung 
der —, von Görtz 809, lymphatische 
—, von Rudolph 984, Komplikation 
hei —, von Heller.1665 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


XLIII 


Seite 

Lenkämie&rtige Erkrankung, von Michaelis 711 
Leukocyten, jodopliile Substanz iy,, von 
Kaminer 330, Verhalten der — bei 

Appendizitis, von Coste. 2038 

Leukocytenwerte, diagnostische Bedeu¬ 
tung der, bei Typhus abdominalis 
und bei chirurgischen Eiterungen, 

von Köhn. 2033 

Leukocytenzäblung, von Breuer 1704, 
Erleichterung der —, von Sa vage . 18f»0 
IveukomaYne, diabetogene, von Lepine . 715 
I^eukoplakia buccolingualis, von Bock¬ 
hart . . 431 

Levicowasser, Einfluss des, auf den Stoff¬ 
wechsel, von Schreiber ...... 1490 

v. Leyden 512, zum 70. Geburtstag Ernst 

v. —s. von Kohn.663 

J^eyden-Feier.733 

Lichen, Therapie und Aetiologie des, 
chronicus, von Schütz 296, — ruber 
verrucosus, von Dreyer 730, — scro- 
phulosorum, von Beck und Grosz . 1107 
Licht, Einwirkung des blauen, auf Bak¬ 
terien, von Kaiser 302, blaues und 
weisses —, von Holzknecht 428, ultra¬ 
violettes — in der Dermatologie, von 
Walsham 761, therapeutischer Effekt 
des — und der X-Strahlen, von Ed¬ 
wards 1361, Einfluss des — auf Blat- 
temvaccine, von Einsen und Dreyer 
1436, Einfluss des —, von Büdingen 1713 
Lichtbehandlung von Hautaffektionen 
nach der Finsenschen Methode, von 
Lesser 71, Wesen und Fortschritte 
der Finsenschen —, von Sack 530, 
regressive und produktive Gewebs¬ 
veränderungen bei Finsenscher —, 

von Sack.1141 

Lichtquellen, Einfluss der Farbe künst¬ 
licher, auf die Sehschärfe, von Rei¬ 
chenbach .1894 

Lichtstarke, schnelle.Methode zur Prüfung 
»ler, auf Arbeitsplätzen, von Pfeiffer 926 
Lichttherapie s. a Glühlicht, Erysipel, 
Handlampe, Finsen-Therapie, Adre¬ 
nalin, Bogenlichtbäder. 

Liclitthernpie, von Bie 811, gegenwär¬ 
tiger Stand der —, von;Marcuse . 1191 
Lichttherapeutische Erfahrungen, von 

Krebs.421 

Liddefekte, Ersatz von, von Büdinger . 1111 
Liebermeister Carl v. + 194, von Müller 156 
Liegekur in der Anstaltsbehandlung, von 

Sobotta.669 

Ligamentum teres.f Abreissung des, vom 
Nabel, von Rosenbach 583, Pathologie 
des — rotundum Uteri und des Proc. 
vaginalis peritonei, von Vassmer . . 1714 

Lipämie, von Stadelmann.1984 

Lipocbrome, von Neumann.2017 

Lipom, von Hahn.1551 

Lippenkrebs, von Janowsky. 32 

Liquor cerebrospinalis, von Cavazzoni . 514 
Lister, zum 50jäbr. Arztjubiläum 2109, 

von Lohmeyer.2108 

Literatur, amerikanische 293, 1066, bel¬ 
gische — 495, englische — 35, 203, 

378, 541, 759, 807, 977, 1154, 1232, 
1629,1849,2160, französische — 75, 2 h1, 

587. 850, 1193, 1474, 1765, 1976, 
holländische — 158, 624, 1767, ita¬ 
lienische — 157, 250, 461, 543, 716, 

1065, 1315, 1434, 1517, 1*10, 1978, 
österreichische — hist in jeder Num¬ 
mer, rumänische — 118, 672, 890, 

1018, 1113, 1546, 2018, russische -- 
761, 1476, skandinavische^— 1435, 

1768,‘ psychiatrische — im J. 1909, 

von Sch uchardt.375 

Lithiame in Bosnien,fvon l’reindlsberger 1674 


Utholapaxie bei Hunden, von Harrison 1155 
Lobärpneumonie mit konsekutivem Pem¬ 
phigus acutus, von Moos.1886 

bisnngen, Verdünuungsgrad der, 


Stokvis 


Seite 

Lokalanästhesie bei Extraktion von Ohr¬ 
polypen, von Frey.1112 

Lokalisationslehre, moderne, von Storch 1895 
Lues, Behandlung der, mit doppeltchrom* 
saurem Kali, von Russovici 118, sta¬ 
tistische Untersuchungen über die 
Folgen der —, von Matthe» 880, Pa¬ 
thologie der —, von Boegehold 330, 

— cerebri, von Grünberger 672, Kehl¬ 
kopfstenose bei tertiärer —, von Hajek 
774, — maligna, von Neuberger 1025, 
statistische Untersuchung über die 
Folgen infantiler —, von Martin 1037, 
Statistik der tertiären —, von Adler 
1399, parenchymatöse Nephritis bei 

—, von Wagner . 2073 

Luft, Einwirkung flüssiger, auf die infi¬ 
zierte Vaginal und Uterus-Schleim¬ 
haut, von Wolff und Meyer 373, Ver¬ 
schlechterung der — durch Kohlen¬ 
säure, von Wedding 418, Desinfek¬ 
tionskraft der heissen —von Schum¬ 
burg . . 1893 

Lufteintritt in Venen, Herzpunktion 

nach, von Begouin.1980 

Luftembolie s. u Uterus. 

Luftinsufflationen hei Chloroformschein¬ 
tod, von Thierry.1980 

Luftkissen, bequemes Aufblasen von, 

von Landgraf.1417 

Luftröhre, Resektion der, von v Hacker 584 

Luftwege, Verengungen der, von Pienia- 

zek. 30 

Lumbalanästhesie, neues Verfahren bei, 

von Kozlowski .2015 

Lumbalhernien und seitliche Bauch- 

hemien, von v. Baracz.1891 

Lumbalpunktion s. a. Chorea. 
Lumbalpunktion, von Hartmann 938, —- 
zur Differenzialdiagno.se , von Frei 
259, zu therapeutischen Zwecken, 

von Chipault.588 

Lumbalpunktionsbehandlung eitriger me- 
ningealor Exsudate, von Kroenig . 260 

Lunge s. a. Tuberkulose. 

Lunge, Fremdkörper in der, von Korte- 
weg 158, Tod durch Probepunktion 
der —, von Rusoll 379, Atrophie und 
Hypertrophie der —, von Busse 546, 
Undurcheängigkeit der — für Am¬ 
moniak, von Magnus 1313, Mikro¬ 
organismen in der gesunden —, von 
Fraenkel 1400, Zerstörung und Neu¬ 
bildung des elastischen Gewebes in 
der —, von Sawada 1626, Fremd¬ 
körperextraktion aus der —, von 
v. Schrötter 1723, Extraktion einos 
Fremdkörpers aus der — mittels di¬ 
rekter Bronchoskopie, von v Schrötter 1930 
Lungen- und Wirbelsäulenaktinomykose, 

von Martens.538 

Lungenathmungin der Höhe, von Robin, 

Binet und Dupasquier.124 

Lungenarterie, Embolio der, von Loth¬ 
eissen .584 

Lungenbläbung, chronische, von Riegel 2ü2 
Lungenblutung, Behandlung der, mit 
subkutanen Gelatineinjektionen, von 
Thieme 184, eigentümliche Kompli¬ 
kation der —, von Cyhulski .... 1613 

Lungenbrand, von Lenhartz.381 

Lungenbrandkranke, von Lenhartz . .1119 
Lungenchirurgie, von Röchelt .... 2097 
Lungenembolien nach chirurgischen 
Eingriffen, von Oppenheim 248, ex¬ 
perimentelle Studien über —, von 

Kose. 1930 

Lungenemphysem eineFolge des Spielens 
von Blasinstrumenten ? von Fischer 702 
Lungenentzündung als Unfall anerkannt, 

von Bierfreund.1771 

Lungenerkrankungen, operative Behand¬ 
lung gewisser, von Treupel . . . 1644 

Lunaengangrün nach Aspiration einer 
Kornähre, von' Sehlechtendahl . . . 449 


Seite 

Lungenheilstätte,Schwierigkeiten bei der 
Auswahl der Kranken und Modus 
der Aufnahme in die, von Robert 
1385, — bei Greifswald, von Moritz 1548 
Lungenkar/inom, primäres, von Böttger 272 
Lungenkaveme, Diagnose der, von 

Cybulski.1839 

Lungenkranke, Vierwochenkuren für, 
von Stern 174, Anstalten fürjMinder- 

bemittelte —, von Brecke.8;9 

Lungenkrankheilen,!Berliner Poliklinik 

für, von Wolff. 1855 

Lungenoperationen, von Garre n. Sultan 450 
Lungenorgane, i entzündliche Erkran¬ 
kungen der, von Hrach.1628 

Lungenphthise s. a. Auskultation, Tu¬ 
berkulose. 

Lungenphthise im Säuglingsalter, von 
Qurin 223, Prophylaxe und Therapie 
der —■, von Robin und Binet 426, 
Behandlung der — mit Izal, von 
Tunniclife 542, Heilung und Heilbar¬ 
keit der — von v. Hansemann 1399, 
Beziehung geheilter — zur Gelenk¬ 
bildung am ersten Rippenknorpel, 
von Freund 1433, Aetiologie der —. 
von Boeg 1436, tuberkulöse — im 
Säuglingsalter, von Hohlfeld .... 1955 

Lungenpräparat, von Killian.1547 

Lungenprobe s. r a. Thoraxdruckmesser, 
Lungenschwimmprobe. 

Lungenprobe, neue, von Placzek 266, 

392, 663, von Aron 560, von Wach¬ 
holz 1617, Beweiswert der —, von 

Haberda.1714 

Lungenprozesse, chirurgische Behand¬ 
lung ulzeröser, von Riegner .... 1315 
Lungenrotz, pathologische Anatomie des, 

von Mac Callum.. . 975 

L'ingenschwimmprobe, Verwertbarkeit 
der, von Ungar 1230, von Hitsohmann 
und Lindenthal 1432, Verwertbarkeit 
der — bei Keimgehalt der Uterus¬ 
höhle, von Krönig. 2095 

Lungenschwindsucht s. a. Herzklappen¬ 
fehler, Tuberkulose. 

Lungenschwindsucht, Erfolge der Frei¬ 
luftbehandlung bei, von Engelmann 
459, — und deren Behandlung mit 
Tuberculocidin Klebs, von Jessen 
729, Antagonismus zwischen Kohlen¬ 
säure und —, von Weber 813, 952, 

— und deren Behandlung, von Jessen 
1060, Bluthusten als Initialsymptom 
der —, von Reiche 1060, Aetiologie 

der —, von Hesse .2100 

Lungenspitzenaffektionen, Lagerungsbe- 

handlung einseitiger, von Link . 2016 
Lungenspitzentuberkulose, geheilte, von 

Hauser.500 

Lungentuberkulose, Purpura hämorrha¬ 
gica bei, von Roemisch 66, Be¬ 
kämpfung der — als Volkskrankheit 
auf Grund der deutschen Arbeiter¬ 
versicherung, von Bielefeldt 73, Diazo- 
reaktion bei der —, von Blad und 
Videbeck 73, Heilbehandlung der 
—, von Frank 127, — und Hydro¬ 
therapie, von Winternitz 156, Diät bei 
—, von Bardwell 204, Frühdiagnose 
der — mittels Röntgenstrahlen, von 
Stubbert 294, 4. Bericht über die 
Behandlung der — im Postgraduate 
Hospital,New-York 294, Frühdiagnose 
der —, von Latham 379, Serum¬ 
diagnose bei der —, von De Grazia 
539, Aetiologie der —, von Saenger 
670, epidermutischc Anwendung des 
Guajakol bei —, von Lawroff 762, 
Genese der -, von Ribbert 805, von 
Schmorl 1379, organische Arsenik- 
und Phosphorpräparate bei der Be¬ 
handlung der —, von Mouneyrat 947, 
Ursache und Vorbeugungsmassregeln 
der - , von Lachmann 1060, Behand- 


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Seite 


XLIV 


lang der — mit Durantoscher Jod¬ 
lösung, von Stefanile und Fabozzi 
1065, Behandlung der — mit Tuber¬ 
kulin, von Wilkinson 1351», Einfluss 
chronischer — auf Psvche und Nerven, 
von Engel 1383, schnelle Heilung 
einer — durch Serum Maragliano, 
von Cambiusso 1434, Rollo der 
Nasenhöhlen in der Prophylaxe und 
Behandlung der — und Kehlkopf¬ 
tu berkulose, von Mignon 14TH, opera¬ 
tive Behandlung der —, von Länderer 
1674, 1948. kombinierte Behandlung 
der — mit Kalk und Tuberkulin, von 

Rudolph. ... 2008 

Lungentumor, primärer, von Wagner . 767 
Lupus s. a. Adrenalin, Röntgenstrahlen. 
Lupus der Nase, von Holländer 205, — 
des Gesichts, von Kreibich 341, mit 
Harnstoff und X-Strablen erfolgreich 
behandelter —, von Swales 977, — 
des Fingers, von Ilahn 1163, Behand¬ 
lung des — nach Finnen und mit 
Röntgenstrahlen, von Morris und 
Dore 1234, von Walker 1234, Behand¬ 
lung des Ohren- und Nasen- — mit 
heisser Luft, von Lichtwitz 1478, — 
der behaarten Kopfhaut, von Hahn 
1551, Beziehungen des — erythe¬ 
matodes zur Tuberkulose, von Roth 
204, — erythematodes mit Karzinom¬ 
bildung, von Kreibich 295, Histo¬ 
pathologie des — erythematodes, von 
Schonheid 329, Heilung des — 
erythematodes, von Holländer 812, 
Behandlung des — erythematodes, 
von Holländer 815, Aetiologie des 

— erythematosus, von Gunsett 1941, 

— vulgaris, von Bernhardt 329, 
Salbenbehandlung des — vulgaris, 
von Ehrmann 1165, — vulgariH (mi¬ 
liaris disseminatus), von Bettmann 1549 

Lupusbehandlung, Finsensche, von 

Kattenbracker. 288, 415 

Luxation s. a. Verrenkung, Arterienver¬ 
letzung. 

Luxation des ob lunatum carpi, von 
v.Lesser 503, 549, — atloido-axoidea, 
von Vitner 899, manuelle Reposition 
von — ohne Narkose, von Roloff 713, 
zentrale — des Schenkelkopfes, von 
Katz 1015, — des Radius, von Am¬ 
berger 1272, — coxae, Frühdiagnose 
der angeborenen, von Bade 1415, - 
der Handwurzel, von De Gaetano 
1436, — coxae congenita, von Rager 
1436, — tibiae anterior, von Brüning 
1573, — des Metacarpus indicis, von 
Berdach und Herzog 1587, — des 
Os lunatum, von Cahen 1867, — sub 
talo nach innen, von Kraske . . . 1065 
Lycetol, therapeutische Anwendung des, 

von Basile.717 

Lympbad^nocele indigcne, von Gross . 422 
Lymphadenoma und dessen Verhältnis 
zu Tuberkulose, von Butlin .... 170 
Lymphangiektasis, von Whitehead . . 978 
Lymphangioma cysticum cutis, von 
Walsch 295, Bau und Wachstum der 

—, von Sick.1927 

Lymphcysten, mesenteriale, von Smoler 457 
Lympligefässe, Krankheiten der, Lymph- 


drüsen und Blutgefässe, von Fischer 1710 
Lymphgeflssbildung im pleuritischen 

Schwarten, von Talke.1192 

Lympligefässerkrankungen, [Pathologie 
der blennorrhoischen und veneri¬ 
schen, von Nobl.372 

Lymphocyten, aktive Beweglichkeit der, 
von Wolff 34, Granula in —, von 
Michaelis und Wolff 670, Emigrations¬ 
fähigkeit der —, von Almkvist . . . 1587 
l.ympliocythämie. akute, von Rocaz . . 1195 
Lymphom, Fieber bei malignem, von 

Shaw 380, bösartige —, von Spijarni 2018' 
l.ymphorrhoe und Lymphektasie, von 

Kreibich. 609 I 


INIIA LTS-V K K/E IC 11X1S. 


1902. 


Seite 

Lysoform s. a. Karbollysoform. 

Lysoform in der GÖburtshülfe, von 
Hammer 756, — als Antiseptikum, 
von Vertun 1313, Untersuchungen 

über —, von Seydewitz .1472 

! Lysolvergiftung, von Tausch . . 1473 

Lyssa s. a. Hundswut. 

Lyssa humana, von Krokiewicz .... 291 

Lyssavirus, Verhalten des, im Zentral¬ 
nervensystem, von Kraus, Koller und 
Clairmont 2059, Bildung von Immun¬ 
substanzen gegen das —, von Kraus 
und Maresch. 2059 


n. 

Mac Cormac, Sir William, von zum Busch 149 

Mässigkeitsbcwegung in Deutschland . 1599 

Magen s. a. Sanduhrmagen, Verdauung, 
Fadenpilze, Uleus ventriculi. 

Magen, totale Schrumpfung des, von v. 
Cackovic 32, Sandulnform des —, von 
Becco 158, Karzinom des — mit starker 
Entwicklung des elastischen Gewebes, 
von Meine! 359, Ausspülungen des — 
mit Höllenstein, von Ehrlich 568, 
Dauerresultare bei Transplantationen 
am —, von lteerink 720, narbige 
Schrumpfung des —, von Minkowski 
730, Einfluss der Gewürze auf den —, 
von v. Korczynski 805. neue Methode 
der Untersuchung der Funktionen 
des — nach Sahli, von Seiler 1230, 
karzinomatöses Ulcus des —, von 
Dreesmann 1243, Leiomyome deH —, 
von Cernezzi 1316, Pflanzen keime im 

— und deren diagnostische Bedeutung, 
von Kühn 1397, Exstirpation des kar- 
zinomatösen —, von v. Herczel 1513, 
Sahli sehe Methode der Funktions- 
Prüfung des —, von Bönniger 1786, 
Myxom des —, von Eichhorst 1807, 

— mit krebsiger Striktur der Kardia 
und des l’ylorus, von Simmonds 1939, 
Bestimmung der motorischen Funk¬ 
tion des —, von Schüle 2066, ge¬ 
schrumpfter karzinomatöser —, von 
Schule 2066, Funktionen des kind¬ 
lichen - bei Verdauungskrankheiten, 


von v. Hecker. 2058 

Magenadenom, benignes, von Albu . . 2060 
Magenbewegungen, Kenntnis der, von 
Glässner.252 


Magenblutung nach Bauchoperationen, 
von Landow 583, okkulte —, von 
Boas und Kachmann 1108, Gastroen¬ 


terostomie bei —, von Scliüssler 1272, 
parenchymatöse —, von Moser 1832, 

tödliche —, von Tiegel . I960 

Magendarmbefunde, Erblichkeit von, in 

Familien, von Jung.1108 

Magendarmchirurgie, von Kölbling . . 1016 
Magendannerkrankungen, Pathologie der 
Nieren hei, der Säuglinge, vonHohlfeld 2102 
Magen- und Darmperforationen, von Ed¬ 
eren .• . 1770 

Magen- und Darmstriktur, syphilitische 
fibröse, von Gross ... .... 1775 

Magendilatation, akute, von Box und 

Wallace.203 

Magenduodenumperforation, Aetiologie 
und chirurgische Therapie der, von 

Brunner .116 

.Magenerosionen, hämorrhagische, von 
Mintz.1712 


Magenerweiterung, akute, von Thomson 
36, Ursachen, Diagnose und Behand¬ 
lung der —, von Allbutt 1551, Be¬ 
handlung der — durch Gastroplika- 
tion, von Banks 1553, Aetiologie und 
Diagnose der akuten —, von Thomson 
1630, Behandlung der atonischen —, 
von Crombie 11. Bokonharn .... 2161 
Magenfistel, schräge, von König . . . 160 


Seite 

Magenfunktion, neue Methode der Unter¬ 
suchung der, nach Sahli, von Seiler 
70, neues Verfahren zur Untersuchung 

der —, von Sahli.7Ö8 

Magengeschwür s. a. Ulcus ventriculi, 
Magenulcus. 

Magengeschwür, durch Operation gehe lte 
Perforation eines, von Wheeler 36, 
Entstehung von — und Leberinfarkten 
nach Netzresektion, von Sthamer 72, 
operative Behandlung des —, von 
Borges 118, perforiertes -, von Smith 
206, von Adamson 205, Magensaftfluss 
und Krampfzustände hei chronischem 
—', von Kaufmann 491, Diagnose des 
—, von Ewald 673, 718, Behandlung 
des —, von Kleiner 675. 718, 913, 
Pathogenese des —, von Schmidt 
765, Beziehungen zwischen — und 
Magenkrebs, von Hirschfeld 765. 
Magentinneren nach —, von Albu 
946, chirurgische Behandlung des —, 
von Sahli 1111, geheiltes perforiertes 
—, von Lucy 1234, diagnostisch-thera¬ 
peutische Bemerkungen zum —, von 
Ageron 1 >56, operative Behandlung 
des kallösen —, von Brenner 1725, 
Bedeutung des sympathischen Reiz¬ 
zustandes für Diagnose und Behand¬ 
lung des —, von Kelling 1818, ko¬ 
lossales chronisches von Merkel 1937 
Magengeschwülste, topische Diagnostik 

der, von Glässner 1274, 1400, syphi¬ 
litische -, von Einhorn ..... 2005 

Mageninhalt, eiweissverdauende Kraft 

des, von Schorleminer.2180 

.Magenkarzinom, von Cossmann 2021, 

Verlauf des — bei interner und bei 
operativer Behandlung, von Krönlein 
676, Erkrankung der Lymphdrüsen 
hei —, von Lengemann 676, Früh¬ 
diagnose des —, von Gluzinski 1311, 
elastisches Gewebejbei —, von Inouye 1626 
Magenkrankheiten s. a. Diätotherapie, 
Gastralgie. 

Magenkrankheiten, Diagnostik u. The¬ 
rapie der, von Boas 114, physikalisch- 
diätetische Behandlung der — in der 
Praxis, von Wittgenstein 244, chirur¬ 
gische Hilfe bei —, von Huber 419, 
Retlextieber bei —, von Strasser 889, 
Pathologie und Therapie der gut¬ 
artigen —, von Petersen 11. Machol. 1015 
Magenkrebs, Parasiten in den Zotten 
eines, von Zabel 289, Resistenz der 
roten Blutkörperchen gegen hypoiso- 


tonische NaCI-Lösungen bei —, von 

Lang . 2094 

Magenleiden, Operationen wegen gut¬ 
artiger, von Barker.1850 

Magenperforation, von Wiesinger 249, 
von Callendar ..1234 


Magensaft, Apparat zur Bestimmung des 
(iesamtsäuregehaltes des Magensaftes, 
von Spineami877, neuegasometrische 
Bestimmungder Chlorwasserst offsäure 
im —, von Ziegler 1111, Einfluss des 
Alkohols auf die Abscheidung des —, 

von Pekelharing.1767 

Magenschlaueh, Führungsdraht für den, 

von Clemm .. . 128 

Magensonde, Verbesserung der, von 

Bychowsk.156 

Magensteifung, von Boas.460 

Magenulcus, operativ behandelte Per¬ 
foration eines, von Heaton .... 1630 
Magenverdauung, Wirkung der Kohlen¬ 
säure auf die, von Penzoldt 491, — 
des Menschen, von Penzoldt . . . 710 
Magenzellen, Bau der, bei Hvpopepsie 
und Ilyperchlorhydrie, von Theohari 1113 
Magerkeit, Behandlung der, von Strobel 303 

Makrodaktylie, von Sattler.156 

Malaria s. a. Anopheles, Schwarzwasser¬ 
lieber, Hysterie, Karzinom, Aggluti- 
nationsphänomen, Typhomalaria. 


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1X11AI /IS-V K RZKK'Il XIS. 


XLV 


1902. 


Pelle | Seite Seite 

Malaria, von Schoo 158, von Czaplewski ! Massngebohandliing.Grundztigedergynä- Medullarnarko.se, von Xeugcbauer 1674, 1862 

1201, von Richter J8G4, von Lenz- 1 kologischen, von Knapp ... ln11 Mehrlingsgeburte», Physiologie u. Patho- 


liiann 2021, Wirkungsgrad des Chinins j Massagcverfaliren, neues, von Hofmeister 1862 logie der, von Weinberg .1209 

auf die Parasiten der - , von Capo- Mastdarm s. a. Rektum. Mclaena s. n. Gelatinebehandlung. 

grossi 461, Störung der Funktion des ] Mastdarm,Unterstichungdes,vonSonnen- Melaena neonatorum, Gelatineinjektion 

Kleinhirns durch -, von Pausini kalb 211, Erkrankungen des — durch bei, von Holtschmidt 13, Therapie 

461, Spezifikum gegen—, von Gautier Gonorrhoe und Syphilis, von Kocnig der — neonatorum, von Döllner 875, 

507, Polyneuritis nach von Luzzatto 805. Fremdkörper des—, von Preiudls- Gelatinebehandlung der — neona- 

758, Behandlung der chronischen—, , berger. . 1629 torum, von Oswald.1960 

von Ferguson 761. Anopheles u. — Mastdarmexstirpation, vollkommeneKon- Melancholie und die toxämisehe Theorie, 

in Palästina, von Cropper 979. Mos- « tinenz nach, von Wo,ft' . 1272 von Clouston . ..549 

»piitoes und —, von Buchanon 9SÖ, Mastdarmkarzicioine, Behandlung hoch- Melanine, Kenntnis der, von Helmnn . 1891 

Behandlung der — mit Arrhenal, von sitzender, von Wiesinger . . 71 Melanosarkom des Ciliarkörpers, von v. 

Gautier 1076, prophylaktische Vor- j Mastdarmknrzinomoperation, Erfolge der, Hippel 162, —der Aderhaut, von Ale- 

suche gegen die — auf den sardi- i . von Kraske .2<>05 xander . . . .2165 

nischen Eisenbahnen, von Fernti u. I Mastdarmkrebs, Indikation u. Prognose Meldeptlicht, Uebertretung «ler .... 1406 

Hrusco 1110, - u. ihre Plasmodien { der Operation des, von .lalle HMJ, Melliturien, Aeliologie der, von Rosin . 1018 

in Algier, von Billet 1195, — u Kar- Statistik mul Technik der Radikal- Membran, angeborene, am Keldkopf, 

zinom, von Goldscbmidt 1314, von Operation des —, von l.ieblein . . 1015 von llarmer . " 197(» 

Gentile 1315, bei — auftretende [ Mnstdannpolyp, durch prolabirieti, veiur- Menabea venennta rediviva, von Model 1303 

Störungen des Nervensystems, von ( sachte Blutung und Anämie, von Monieresche Krankheit, von Gescheit . 62." 

Schöpfer 1315, Verbreitung der — Aronheim.1184 Meningealblutung, von Trömner . . . 298 


in Nordwestdeutschland, von Milhlens ; Mastdarmpr«dapse,operative Behandlung Meningitis s. a. Zercbrospinalmcningitis. 

1473, Entstehung der Neuerkran- grosser, von v. Kisel.-berg . ... 719 Meningitis, F*r«>gnose (ler, cerebrospinalis 

klingen an —, von Martini 1627, — Masularmstriktiiren, operative Aus- epidemica im Kindesalter, von Zup¬ 
in Ita ien 19 >1, von Celli 1663, Ver- Schaltung entziiinllieher, vonSeliloft'cr, pinger 31, — mit Pfeifferschem Ba- 

lanf der — ohne Chinin, von Kuhn 115, syphilitische —, von König • . 1158 zillus, von Trailcscu 118, Aetiologio 

1933, —perniciosa, von Maurer 1975, Masularmvorengerungen, rolmgrade B«»u- mul Pathologie der tuberkulösen —, 

Impfung gegen — mit dem Kuhn- gierung der entzündlich., von Eioblein 115 von Cautley 3-8, Widnls Reaktion 

schon «Serum, von Hovoreka v. Zderas 2098 Mastdarmvorfall, Resektion des, von bei tuberkulöser—, von Maukey 542, 

Malariaausbruch, Verhütung eines, in Heule 584, Therapie des — beim geheilte —, von Gross 635, — serosa 

Wilhelmshaven, von Martini . . . 1933 Infantilisnius, von Sonnenschein . . 2015 nach Otitis, von Leccne 851, — tuber- 

Malariablutbefunde,seltene, von Mariott:- Mastfettherz, von Kisch. 540 eulosa mit Ausgang in Heilung, von 

Biandri . 1979 Mastitis, Prophylaxe der puerperalen, Barth 8^7. Heilung e.iner — tuber- 

Malariaepidemie im Harlinger- u. Jever- von AhllVld llnl, — puruleiita,hervor- eulosa, von Tbomalla 1064, — bei 

lande, von Martini ... . . . 1929 gerufen durch den Typbusbazillus, Influenza, von Ghon 1193, — cere- 

Ma!ar aforschung in Hokkoido, von von Mo Conkay.1850 brospinalis, von du Mesnil 1239, 

Tzuzuki 1110, Fragen u. Probleme Masturbation,Behamlluiigder.vonllirseh- Prognose der — tuberculosa, von 

«ler modernen —, von Rüge .... 2059 krön . . . 262 Gross 1433, Besserung von — bei 

Malarafrage, von Purjesz. 806 Mastzellen, von Miebachs 225, — in Maseru«-ruption, von Mermann 1512, 

Malariamücken der deutschen Kolonien, Exsudaten, von Wollt 226, beiptemes tuberkulöse —, von Schlesinger 1715, 

von Dönitz.1933 Objekt zum «Studium «ler —, von von Noheemirt uml Voisin 1978, 

Malariaparasiten, Färbemethoden für, von Schreiber. . 2075 rbinogene purulente — mit Zerebro- 


Gietusa 1545, Bez : ehungen der — zu Maul- u. Klauenseuche, Iinmmiisierungs- spinalmeningitis, von .^truppler . . 1877 

Mensch und Mücke, v «Scliüft'ncr 1626, verfahren gegen 431, zentrales Nerver.- Meningocele spinalis spuria traumatica, 

— und ihre Ueberträger, von Martini 19.33 System bei--der Rinder, von Scagliosi 586 von «Stolper . 808 

Malarinplasmodienfärbung mittels A- Maul- und Klaiienseucbenbebandlung Meningokokkenseptikilmie, vonSalomon 1928 

Melhylenblau-Eosin, von Reuter . 2059 nach Bacoelli, von Buonsanti . . 1517 Meningokokkusintracellularis, von Heub- 

Malariapolyneuritis, von Mathis 1191, 1474 Meckelsches Divertikel, von Eentz 1941, ner 1927, von Albrecbt und Glmn 1976 

Malariarezidiv, Lähmung bei, von Forte- Entzündung des—, von Deneeke 538, Meningomyelitis bei Lues, vonTroemner 19 - 0 

leoni ... 250 Pathologie «les —, von v. Stubenraueh 985 Menopause, von Kleinwächter .... 802 

Mal de (’aderas, von Voges. 494 Mediastinitis, Diagnose und Therapie «ler Mensch, chemische Zusammenstellung 

Maltafieber, von Zammit .... 1 2162 akuten eitrigen, von Lenhartz f)0l, «les neugeborenen, von Camerer . . 1021 

Malum perforans pedis, mit besonderer operative Behandlung «ler —, von Menschenblut, Untersuchung «les, von 

Berücksichtigung der Aetiologie, von Kopfstein .2160 But/.ulll3, bakterizider Einfluss des 

Thomasczewski . 779 Mcdiasiino-Perikarditis, von Brauer 982, —, von Wright und Windsor . . . 2163 

Malzextrakte, trockene. 1903 chronische adhäsive — und deren Menschenmilrh, neue Reaktion der, von 

Mamma, Bindegewebsbyperplasie im Behandlung, von Brauer . . . . 1072 Moro und Hamburger.249 


Fibrom und Fibroadenom der, von Mediastinum, Chirurgie dt s hinteren, Menschenserum, hämolytische Wirkung 

Fabian 32, reflektoiisehe Beziehungen von Enderlcn. ... 71 «1. normalen, von llahn u.Trommsdorff 1454 

zwischen — mit Genitalia muliebria, Medikamen e, diuretische, von Cosma . 1113 Menschentuberkulose, Uebertragbarkeit 

von Pfister 153, Pubertätshypertrophie Medizin s. a. Archiv, Jahrbuch , Zeit- der. auf Rinder u. Ziegen, von Moeller 1716 

beider —, von Pflanz 153, Riesen- schrift, Zentralblatt Menschen-u. llaustiertuberkulose, Kochs 

wuchs der —, von Wisshaupt . . 1G74 Medizin, Lehrbuch «ler innern, von v. Mitteilungen über die, von Ostertag 71 

Maromaexstirpation, von Bröse .... 2181 Mering 322, internationale Beiträge Menschen- u. Tiertuberkulose, Identität 

Mammahypertrophie, doppelseitige echte, zur innern — 776, versieherungs- 1 der, von Disselliorst .... 1116, 1139 

von l)ietel 1016, diffus«" wahre —, rechtliche —, von Stolper 808, bio- Menstruatio prae«‘ox, von Stummer . . 1541 

von Kirchheim. . . 1512 mechanisches Denken in der —, von Menstruation, von Brenneeke 81, Alter 

Mammakarzinom, verschleppte Zellen in Benedikt. 816, Grundriss der innern des ersten Auftretens der —. von 

den Drüeengängen bei, von Ritter —. v«m Kahniie 885, Entwicklung «ler Engelmann 1814, frühzeitige —, von 

422, Kastration hei inoperablem —, — einst und jetzt, von Bäumler 1012, Kleinhans.1868 

von D'Arcy Power.2160 bakteriologische Diagnose in «ler —, Menstruationsstörungen. Orehitininjek- 

Marnroakarzinomoperationen, Danerlieil- von Woodhead 1554, soziale — 1783, tioneu bei, von Botiffö.426 

erfolge bei, der letzten 10 Jahre, von Akademie für praktische— in Frank- Meralgia traumatica, von Sievert . . . 809 

Stölzner. 1240 furt a. M. •.2170j Mercks Index . 1904 

Manganarbeiter, nervöse Erkrankung hei, Medizinalabteilung, Lostrennung «l«*r, * Merkurkolloi«l, Collemplastrum .... 127 

von v. Jaksch. 1364 vom Kultusministerium 557, Gleich- ! Merkurkolloidpillen, von Werler . . 17:> 

Mannosen, Verhalten «ler drei stereoiso- Stellung der —. . 600 j Merkurkolloi«lpräparnte, von Werler . . 1286 

meren, im Tierkörper, von Mayer . 853 Medizinalbenmtenverein, 19. Iluuptvor- j Mesaortitis gummosa, von Heine . . . 2017 

Marasmus montanus, von Goldmann . 774 Sammlung «l«*s preussischen .... 10791 Mesenterialgefässe,Zirkulationsstörungen 

Marktbutter, Tuberkelbazillen in der, Medzinalkollegium, württeinbergisches 687 | im Gebiete «ler. von Sprengel . . . 719 

von Aujeszky..376 Mcdizinalwesoii, wissenschaftliche lVpu- I Mcsenterialtumor, tuberkulöser,von Baum 1431 

Martinique. Eruption auf .194.3 tntion für «las.2170 Mesenterien, Anomalien «ler. von Graser 1775 

Masern, Pathologie der, von Brück ner 49«S, 2058 Mediziner, Petition der. 428 ! Mesometrium, Variationen im Bau des, 

Masernotitis,Bakteriologie der, von Albes- Medizinische Streiflichter aus Amerika, 1 v<>n Theilhaber uml Meier . . . 756 

beim. 980 von Beek. 1934 Mesotan, ein äusserlieh uuziiwendendes 

Massage 8. a. VibrationBinnssage. Medulla oblougata und Vierbiigelgi-gend Anlirlieiiinalikum, von Floret 1809, 

Massage, Ifandlniel» «ler, und Heil- von Ornithorhynchus und Kebidna, - - ein äusserlieh anzuwendendes 

gymnastik, von Bum. 1397 von v. Kölliker.150 «Salicylpräpnrat, von Röder . ... £077 

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XL VI 


1N11A LTS-VEUZEK MINIS. 


1902. 


8eite 

Messapparot, Aichung ärztlicher, von 
v. Hoesslin 511, - zur genauen Be¬ 
stimmung der Exkursionsfähigkeit der v 

Gelenke, von Miller.1990 

Meta-Arsensäureanilid, von Schild . . . 420 
Metamerle, sekundäre, der Gliedmassen, 

von Ferrannini. 2057 

Metuplasiefrage, Beitrag zur, von Möncke- 

berg.1847 

Meteorismus , Bekämpfung des, von 

Oppenheim .671 

Methämoglobinämie, intraglobulare, beim 

Menschen, von Talma .... 1587 
Methylenblau s.a. Nierenfunktion, Magen. 
Methylenblau in der Behandlung der 

Metritis, von Chaleix-Vivie ... 1897 
Methylum sulicylicum, von Cosma . .1113 
Metritis hysteriea, von Vedeler . . . 750 

Metroglyzerin, von Tischer.1063 

Meyer, Konrad Ferdinand, von Hess . 375 
Migräne, Haarseil bei, von Fenton 979, 
von Cornish u. Watson 1155, einige 
seltenere Fälle von -, von Pflssler 
1087, Behandlung der — durch die 
Sympathektomia cervico - thoracica, 
von Ettinger 1546, Beziehungen der — 
zum Ulcus ventriculi, von Ploenics 1819 
Mikroben, säurefeste, von Darannikow 539 
Mikrogyrie, pathologische Anatomie und 
Kntstehungsgesch'c.hte der, von 

Schütz. 504, 519 

Mikrokokkus catarrhalis als Krankheits¬ 
erreger, von Ghon, Pfeiffer und 

Sederl. 32 

Mikroorganismen, Handbuch der patho¬ 
genen, von Kolb und Wassermann 
1396, Einwirkung von — auf chemi¬ 
sche Normallosungen, von Beck . . 1894 
Mikrosporon, Kultivierung des. furfur und 

des m. ininutissimum, von Vörner . 1627 
Milch s. a. Frauenmilch, Menschenmilch, 
Kuhmilch , Buttermilch , Säuglings- 
milch, Muttermilch, Backhausmilch, 
Jodmilch. 

Milch, l’iisteurisierung der, von Bilik 33, 
rohe— bei Atrophie und chronischem 
Magendarmkatarrh der .Säuglinge, von 
Monrad 417, Vegetation des Bakt. 
coli in der Kuh-, Ziegen-, Eselin- und 
Frauen—, von Cozzolino 669, Fihrin- 
ferment der —, von Bernheim-Karrer 
670, Erhitzung der — mit besonderer 
Berücksichtigung der Molkereien, von 
Tjaden, Koske, Hertel 714, Kochen 
der -, von Kansom 761, gegohrene 
il.eben' —, von Rist und Khourv 
852, Alexine der — und des kind¬ 
lichen Blutserums, von Moro 935, 
Epidemio von Anginen und Scarla- 
tina durch intizierte —, von News¬ 
holme 1156, bakterielles Verhalten 
der — bei Boraxzusatz, von Richter 
1314, Veränderungen der — in der 
Säuglingsernährung, von Rotch 1554, 
Fermente der —, von Moro . 1863, 1927 
Milchernährung, Ausnützung bei reiner, 

von Sommerfeld und Caro .... 248 
Milchidiosvnkrasio im Kindesalter, von 

Fischer.1891 

Milchproduktion, medikamentöse, von 

Flamini .1195 

Milchsäure, Nachweis der, im Magensaft, 

von Bünninger.1764 

Milchversorgung, Ausstellung für hy¬ 
gienische . . . . 1322 

Milchzucker, quantitative Zersetzung dos, 
von Haake 538, — im Urin stillender 

Frauen, von Douglas. 979 

Miliartuberkulose, Beziebunged. akuten, 
zur Operation tuberkulöser Lympho- 
mata colli, von Willmer ... . 1272 

Militiirreklamanten, ärztliche Unter¬ 
suchung von.175 

Millionenspende.1902 

Milz, partielle Resektion der, von Sne- 
guireff 33, exstirpierte —, von Eber¬ 
hart 79, einfache Hypertrophie der —, 
von 8adoveann 118 , Exstirpation der 
— wegen Ruptur, von Wilms 503, 


Seite 


Funktion der —, von Ciofoni und 
Gallerani 906, von Heinz 1399, mye- 
loide Umwandlung der — und der 
Lymphdrüsen, von II rsclifeld 1314, 
Wechselbeziehungen zwischen Bau 
und Funktion der —, von Holly 1400, 
Splenektomie bei primärem Sarkom 

der —, von Simon. 

Milzbrand s. a. Anthrax, Inhalations¬ 
milzbrand 

Milzbrand, von Moltrecht'817, Immuni¬ 
sierung gegen —, von Vaerst 623, 
Aetzungcn mit Kali causticum bei —, 
von ltotherosen 762, Schutzimpfung 
gegen —, von Sobernheim 976, 1160, 
Pyocyanase Emmerichs und Lews bei 
experimentellem —,vonTaverni 1110, 
Schutzimpfung gegen — durch An- 
thrakase-Immunproteidin, von Em¬ 
merich 2059, von Thönnessen 2059, 
Anleitung zur Verhütung des — . . 
Milzbrandbazillen, Untergang der, in der 
Lunge, von Snell 849, sauerstoftuber- 
tragende Körnchen in —, von Dietrich 

und Liebermeister. 

Milzbrandheilseruiu, Sdavosches . . . 
Milzbrandinfektion durch Ziegenhaare, 

von Heim. 

Milzbrandserum, Sdavosches, v. Mancini 
Milzexstirpation, Magenfunktion nach, 

von Gallenga . 

Milzruptur, von Braun 1483, subkutane 

— , von Schönwerth ....... . 

Milztumor,Difi'erentia]diagnose zwischen, 

und Tumor der retroperitonealen 
Lyiuphdriisen, von Mastri . . 
Milzverletzung, Laparotomie behufs Naht 

einer, von Madelung. 

Mineralquellen, römische . . . 

Mineralwässer, Einfluss der, auf das 

Blut, von Grube. 

Mischinfektionen im Sputum Tuberku¬ 
löser, von De Cigna. 

Missbildungen s. a. Hemicephulie. 
Missbildungen, von Simmonds 208, — 
des männlichen Genitalapparates, von 
Merkel 1192, — des Urogenitaltraktes, 

von Hoenigsberg. 

Missgeburten, von Rüder 1985, — mit 
Erweiterung der fötalen Harnblase, 

von Wolff. . . . 

Missed labour, von Machenhauer . . . 

Mission, ärztliche, von Kind. 

Mitte lungen aus den Grenzgebieten der 
Medizin und Chirurgie . . 1061, 

Mittelfussknochen, Bruch der, von Schanz 
Mittelohr, Ruptur der Carotis bei Affek¬ 
tionen des, von Jürgens ... 
Mittelühreiterungen, von Felgner 940, 
operative Behandlung chronischer —, 
von Matte 980, endokranielle Kom¬ 
plikationen akuter und chronischer 
-, von Schenke und Streit 980, Be¬ 
teiligung des Ganglion Gasseri bei 

—, von Hilgermann . 

Mittelohrentzündung, Aetiologie der, von 
Kühnlein 981, Behandlung der akuten 
—, von Bezold und Körner . . 
Mittelohrkaries, Abszessenkung bei, vor 

Kaiser.- 

Mittelohrkatarrh, Behandlung des chro 
nischen, in der pneumatischen Kam 
mer, von Hamm 186, Knochen 
erkrankung hei dem trockenen chro 
nischen —, von Katz 980, intrannsale 
Eingriffe bei —, von Mc Bride . . . 
Mittelohrmuskulatur, Entwicklung der, 

von Escliweiler. 

Mittelohrtaubheit, Behandlung der, durch 

Ozon, von Stoker. 

Mitralklappe, Fnnktionsprüfung der, bei 
der Herzsektion, von Bleichröder . . 
Mitralstenose, von Lenhartz 943, opera¬ 
tive Behandlung der —, von Brunton 
Monatsschrift für Geburtshilfe und Gy¬ 
näkologie. 713, 803, 934, 974, 10G3, 
1273, 1469, 1847, 1973, 2015, 2158, 

— für Kinderheilkunde. 

Monoplegie, von Mott. 


1807 


2170 

2096 

555 

459 

1979 

717 

1111 

1810 

82 
59 ■> 

1761 

543 


1470 


373 

888 

1934 


1311 

591 

9-1 


981 

983 

123 


1593 

1024 

2162 

1587 

807 


2170 

257 


Seite 

Morbiditäts-Statistik der Infektionskrank¬ 
heiten in Bayern 88, 264, 344, 472, 

560, 648, 912', 1208, 1560, 1688, 1872, 

2032, 2071, Portofreiheit für die — in 

Bayern. 1783, 1784, 1991 

Moritz, Adresse au Prof.1166 

Morphin, chemische Konstitution des, 

von Vahlen.1273 

Morphin-Skopolamin-Narkose, von Korff 

1133, 1408 

Morphinismus und dessen Behandlung, 
von Müller 853, Nicolicin als angeb¬ 
liches Heilmittel des —, von Fischer 

und Wagner.2149 

Morphinodipsie, von Krafft-Ebing . . . 1664 
Morphinomanie, von Debove . ... 1195 

Morphiumvergiftung im frühesten Kin- 
dei-alter, von Katzenstein 1840, Heil¬ 
serum gegen —, von Hirschlaff . .1941 

Mortalität, Vergleich zwischen französi¬ 
scher und englischer.1559 

Moskitos s. a. Anopheles, Pestbazillen. 
Moskitos und das gelbe Fieber, von de 

Gouvea. 76 

Mt Sinai Hospital reports II.1012 

Murin, topische Anwendung des, bei 
Krankheiten der Nase, des Halses 
und des Ohres, von Stuart-Low 1155, 

— und maligne Geschwülste, von 

Stuart-Low . . 1852 

Mumps, von Pick . ..806 

Mundhöhle, Sepsis der, von Colver . . 1631 
Mundspeiclieldrüsen, Mischgeschwülste 

der, von Steinhaus.1356 

Mundwässer, moderne, von lx>ewe 33, 
bakteriologische Versuche über —, 

von l’elnar.541 

Murex bradatus, isolierter pathogener 
Organismus aus, von Galeotti und 

Zardo . .. ... 1017 

Murphyknopf, von Cahen 1867, Verein¬ 
fachung der Nabt bei Anwendung 

des —, von Rehm. 2095 

Murri-Jubiläum in Bologna .... 173, 341 
Muscheln, paralytische Form von Ver¬ 
giftung durch, von Thesen .... 1273 
Muskel,einseitiges Fehlen des,cucullaris, 
von Bender 412. physiologische und 
morphologische Anpassung der —, 
von Regnier 808, mikroskopische Er¬ 
scheinung am ermüdeten —, von 
Scheffer 998. Ruptur des — biceps 

brachii, von Stieda.2014 

Muskel- und Sehnenzerreissung, subku¬ 
tane, von Triepel.160 

Muskelatrophie, progressive, undTrauma, 
von Rose 70, progressive spinale —, 
von Kienböck 808, progressive neu¬ 
rale —, von Hoffmann .... 901, 939 
Muskeldefekte, Rückenmarksbefund bei, 
von Obersteiuer 806, angeborene —, 

von Bing.2017 

Muskelfunktionen, Ersetzung gelähmter, 

durch elastische Züge, von Lazarus 536 
Muskelkontraktur , ischämische , von 
Dudgeon 542, von Henle 767, syphi¬ 
litische —, von Gravagna.1979 

Muskelmassage, Physiologisches über, 

von Rüge.1191 

Muskelrisse, subkutane, von Schäffer . 1317 
Muskelkraft, Untersuchungen über, von 

Vogel .- .1013 

Muskelspannung, ungenügende, und ihre 

operative Behandlung, von Lange . 525 
Muskelverknöcherung, Beteiligung des 

Periosts bei der, von Berndt .... 32 

Mussetsches Zeichen s. Kopfbeweg¬ 
ungen. 

Mutterband, Pathologie des runden, von 

Lichtenstern und Herrmann .... 1063 
Muttermilch, chemischer Befund bei Un¬ 
verträglichkeit der, von Nordmann . 934 
Muttermund s. a. Bossis Dilatator. 
Muttermund, schnelle Erweiterung des, 
mittels des Bossischen Dilatoriums, 
von Leopold 848, schnelle Erweite¬ 
rung des —, nach Bossi, v. Kaiser 1762, 
krampfhafte Zusammenziehung des — 
als Geburtshindernis, von Durlacher 2180 

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i 9Ö2. 


XEVII 


Seite 

Myasthenia gravis pseudoparalytiea, von 
Kmbden 729, — und Ophthalmople¬ 
gie, von Gowers 805, — gravis, von 
Link 940, — gravis und Ophthal¬ 
moplegie, von Gowers.1234 

MyastheniacherSymptomenkomplex.von 

Kollarits.848 

Mydriasis, spastische, durch Fremdkörper 

im Ohr, von Bandelier. 875 

Myelin, Auftreten von, in Zellen, von 

Kaiserling und Orgler .849 

Myelitis im Anschluss an Encephalo- 
myelitis disseminata acuta, von Huis- 
mans 32, chronische —, von Pick SO'J, 
akute —, von Dinkler ...... . 939 

Myelocen, von Watson und Thompson. 2161 

Myelom, von Bender.1015 

Myiasis intestinalis, von Gärtner ... 1.6 
Mykosis fungoides, von Sclmilinsky 847, 

von v. Stümpell ...... . . 2164 


Myoelonia, Beziehungen der, familiaris 

zurMyotonia congenita, von Lundborg 1893 
Myoeen oder neurogen? von v. Cyon . 1019 
Myokarditis, Beteiligung der querge¬ 
streiften Muskelfasern an der inter¬ 
stitiellen, von Busse.680 

Myom, s. a. Blasenerkrankung. 

Myome, von Seligmann 466, von Martin 
679, von Wiesinger 1162, Wahl der 
Operation bei —, von Olshausen 116, 
vaginale oder abdominale Operation 
der —, von Martin 623, — und Her/., 
von Kessler 802, Nachgeschichte von 
100 supravaginalen Hysterektomien 
wegen —, von Thomas 807, Modi¬ 
fikation und Spontanelimination eines 
grossen , von Schmauch .... 1927 
Myomfälle der Züricher Frauenklinik, 

von Schwarzenbach.803 

Myomoperationen, von Skutsch .... 1550 
Mymotomie nach Chrobak, von Heinricius 2179 
Myopathie und ihre distale Form, von 

Gowers.1629 

Myopie, Behandlung der, von Ramsay 
807, operierte —, von Bronner . . 1593 
Myositis, traumatische ossifizierende, 
von Graf 584, von Vulpius 723, von 


Schulz 1016, von Wolter.1469 

Myomotomien, vaginale, von Thorn . . 494 
Myotonie, partielle, von Schott . . . .1017 
Myotonia congenita, von Köster .... 1442 


Myxödem, von Kohnert 207, von Mörl 
1810, Schilddrüsenbehandlung beim 
infantilen -, von Bezy und Stojanoff 
76, — bei Mutter und Kind, von Mc 
II warne 1234, infantiles —, von KasBO- 
witz 1359, Stoffwechselatürungen 
bei —, von Haushalter und Guerin 
1475, infantiles —, Mongolismus und 


Mikromelie, von Kassowitz .... 1819 
Myxomycetengeschwülste,parasitftre,von 
Podwyssotzki.2156 

N. 

Nabelcysten, von Walz. 959 

Nabelgefässe, histologischer Bau und 
Rückbildung der, und des Ductus 
Botalli, von Pfeiffer 849, Bau der —, 

von Bondi. 2095 

Nabelschnur, von Mond.1900 

Nabelschnurbruch, geheilter, von Rothe 712 
Nabelschnurinsertion, plazentare, von 

Essen-Möller.1769 

Nabelschnurrest, Behandlung des, von 

Gigli.1897 

Nabelschnurvorfall, Reposition des, von 

Henne. 33 

Nabelstrangbruch, von Heinlein .... 1164 

Nabeltumoren, von Mori .1810 

Nabelvene, Ruptur der, von v. West- 

phalen.585 

Nachblutungen, von Frommer .... 1062 
Nagana- oder Tsetsefliegenkrankheit, von 

Ijtveron nnd Mesnil.852 

Nagel, chirurgische Entfernung des, von 
Baumgaertner.327 


T NI IALTS-VERZ El OT1N J S. 


Seite 

NagelBchmutz, Infektiosität des, v<»n 

Preisich und Schütz.888 

Nähapparat, einfacher, von Eisenberg 

8-'S. von Kurz.1230 

Nähinstrument und Seidenbehälter, von 

Czerwenkal586, neues —, von Kaiser 1762 
Nähmaterial, Maschinengarn als, von 

Barker.1156 

Nährböden znr quantitativen Schätzung 
von Bakterien in Wasser und in Ab¬ 
wässern, von Gage und Phelps . 2096 
Nährpräparate, neuere, von Weissbein . 156 
Nährstoffe, Ausnützung der, bei ver¬ 
schiedenen Quantitäten Wassers, von 

Hazicka.20 6 

Nährwertsbestimmung in einer Heilan¬ 
stalt, von Pulawski.1712 

Nährzucker, Soxhlets, von Frucht ... 57 

Naevus, von Weissbarth 426, — vascu- 
losus des Gesichtes, von Riecke 638, 

— linearis, von Grüneberg .... 1779 
Nahrungsbedarf im Hochgebirgswinter, 
von Ranke 787, täglicher —, des 

Menschen, von Neumann.1808 

Nahrungsmengen künstlich ernährter 
Kinder, von Adam ....... 1515 

Naht- und Unterbindungsfäden, von 

Braun.1483 

B-Naphthol, schädliche Einwirkung des, 
auf das Auge, von van der Hoeve . 892 
Narbe, Pathologie der, von Goldmann . 115 
Narbenektropium, von v. Hippel . . . 210 
Narkolepsie, von Ixiewenfeld 1041, Aetio- 

logie der —, von Guleke.1621 

Narkose s. a. Aether, Aethylchlorid, 


Chloroformnarkose, Morphin - Skopo¬ 
lamin-Narkose, Lachgasnarkose, Mo¬ 
dullarnarkose, Chloräthylnarkoso. 

Narkose, Einschränkung der — hei gynä¬ 
kologischen Operationen, von Klein 
554, minimale —, von Riedel 1192, 
pulmonale —, von Kuhn 1673, selbst¬ 
tätiger Aetherflaschenverschluss für 
die —, von Kurrer. . 2003 

Narkotisieren, wie sollen wir? von Witzei 1993 

Nase s. a. Sattelnase. 

Nase, Prothese der, mit Paraffin-Injek¬ 
tionen, von Broeckaert 38, Fremd¬ 
körper in der —, von Schmithuisen 
590, Atlas der Krankheiten der — etc , 
von Gerber 668, bakteriologische 
Untersuchungen gesunder n. kranker 
—, von Neumann 849, 1590, Reflex¬ 
neurosen der —, von Nikitin 890, 
Sondierung des Ductus nasolacrymalis 
von der — aus, von Polyäk 890, 
Bildung einer — auf Kosten eines 
Fingers, von Wreden 1476, Diagnose 
von Erkrankungen der mittleren 
Partien der —, von Texier 1812, Er¬ 


satz der —, von Waitz.1820 

Nasenbluten, familiäre Form des rezi¬ 
divierenden, von Osler.294 

Nasenflügel, Deckung von Defekten der, 

von Koenig.327 

Nasenkatarrh, chronischer, als Ursache 
von Nephritis, von Gallois .... 1205 
Nasen- und Rachenkatarrh, Behandlung 

des chronischen, von Freudenthal . 1397 
Nasenloch, angeborene vordere Atresie 

des, von Fein. 461 

Nasenmuschel s. a. Rhinitis. 

Nasenöffnung, kongenitaler Verschluss 

der hinteren, von Boulay.588 

Nasenpolypen, rezidivierende, von Guye 
158, Rezidivieren der —, von Hajek 
302, Ausräumung der Keilbeinhöhle 
bei rezidivierenden —, von Guye . 631 
Nasenrachenfibrome, von Schmithuisen 590 
Naeonrachentumoren, Pathologie der, 

von Glas. 2097 

Nasenscheidewand, Septotom zur Gerade¬ 
richtung der verbogenen,von Cousteau 
891, traumatische Abszesse der —, 


Nasenschleimhaut, Epitheliome der, von 

Citelli und Calamida.1812 

Natrium, borsaures, von Gerhardt . . . 1029 


Seite 

Natriuuisalzlösuug in der Chirurgie, von 

Tnvol . . .... 1474 

Natron, Wirkung des schwefligsauren, 

von Liebreich.12110 

Natronlauge, Vergiftung mit,v. Kramsztyk 1152 
Naturforscher-Versammlung, 73., in Ham¬ 
burg . 864, 1079, 1639 

Neartlirosenbildung bei ankvlosierten 

Gelenken, von Pupovac.1473 

Nebennieren, Physiologie der, von Strehl 
und Weiss 251, kompensatorische 

Hypertrophie der —, von Simmonds 
385, Extrakt der —, von Salvioli und 
Pezzolini 544, Tuberkulose der —, 
von Gutmann, von Westenhöffer . 1157 
Nebennierenbehandlung s. Rachitis. 
Nebennierenblutungen, von Simmonds 1440, 

2017 

Nebenniereudiabetes, von Metzger7478, 

von Blum.854 

Nebennierenextrakt s. a. Adrenalin, Atra- 
bilin. 

Nebennierenextrakt als Haemostaticnm, 
von Thomas 204, — in der Augenheil¬ 
kunde, von Brower 204, — bei Magen¬ 
blutungen, von Fenwick 204, durch 

— geheilte Blutungen, von Rhodos 
und Scott 379, — in der Rhino- 
Laryngologie, von Rosenberg 1153, 
wiederholte Injektionen von von 
Sainberger 1358, — bei nasalen Ope¬ 
rationen, von Taptas 1478, Wirkung 
des — auf die Schleimhaut der oberen 
Luftwege, von Bukofzer 1812, 2108, 

— in der Therapie der Nasen- und 
Halskrankbeiten, von Goldschmidt . 1991 


Nebennierenkapseln, von Hirtz .... 1599 
Nebennierensaft, Wirkung<les, von Long- 

wortli.1631 

Negerfuss, Bau des, von Herz . . . 1416 
Nekrose an Stirne nnd Hinterhaupt, von 

Springer.1868 

Neo-Lamarckismus, von v. Weltstein . 1773 
Neoplasmen, Fett in den Zellen von, 

von Pirone.1717 

Nephrektomie, partielle, von Moynilian 

760, Indikationen der —, von Sehloffer 2068 
Nephritis s. a. Lues. 

Nephritis, von Menzer 2163, — interstit. 


autointoxicatoria, von Blum 155, 
chirurgische Behandlung der chro¬ 
nischen —, von Edebols 294, — syphi¬ 
litica praecox, von Hoffmann und 
Salkowski 418, Blutdruck bei chro¬ 
nischen — , von Czvhlurz 806, 
typhöse —, von Scheib 977, chirur¬ 
gische Eingriffe bei akuter —, von 
Lennander 1312, — syphilitica acuta 
praecox, von Zamfirescu 1546, trau¬ 
matische —, von Curscbmann 1567, 
Beziehungen zwischen Funktions¬ 
leistung der Niere und Albuminurie 
bei akuter —, von Cloetta 1848, — 


syphilitica acuta, von Waldvogel . . 1929 
Nophrolithiasis bei Hufeisenniere, von 

Rumpel.1892 

Nephrolysine, von Ascoli u. Figari 1064, 1192 
Nephropexie, neue Methode der, von 

Beck .294 

Nephrotomie und ihre Folgen, von Lange¬ 
mack . 721, 1926 

Nerven, Unermüdbarkeit der, von Durig 
1021, Regeneration durchschnittener 

—, von Steward.1554 

Nervenbase, sekundäre akustische, von 

Ramon y Cajal.758 

Nervendegeneration, Pathologie der, von 

Mott.1554 

Nervenerkrankungen u. Schwangerschaft, 

von Mongeri.326 

Nervenfärbungen, von Kaplan . . . , 1470 

Nervenkrankheiten, von Schwarz 75, Ex- 
tensionsmethode und ihreAnwendung 
bei —, von Kouindjy 1106, Bedeutung 
der funktionellen — für Diagnostik 
und Therapie in der Gynäkologie, 
von Krönig 1661, Atlas u. Grundriss 
der —, von Seiffer . ..1973 


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X L VIII 


I X11AT7TS-V KRZKI CI IXIS. 


1002 . 


Seite 

Norvenpfropfung, von Dumstrey . . . 24(5 

Nervenregeneration, periphere Theorie 

der, von Fleming.1851 

Nervensystem, familiäre Erkrankungen 

des, von Bätimlin 154, pathologische 
Anatomie der Syphilis dos zentralen 
—, von Erh 1892, Problem der Tro- 
pliik des — und seine geschichtliche 
Entwicklung, von Neuburger 1898, 
histologische Veränderungen im —, 
als Blitz- u. Starkstromwirkung, von 


Jellinek . ..1928 

Netz, Torsion des, von Moresco .... 1810 
Netzhaut, Gummiknoten der, von Gutt¬ 
at an n . 2098 

Netzhautablösung bei Schwjngerschufts- 
nephritis, von llelbron 248, — infolge 
Trauma, von Leitner 93% neue Be¬ 
handlung der —, von Gulezowski . . 1980 
Netzplastik, praktische Verwendung der, 

von Hermes. 72 

Neubildungen, Verbreitung der bös¬ 
artigen, in Süddeutschland, von Kolb 1471 
Neugeborene, Nahrungsausnutzung der, 

von Gaus.417 

Neuenahrer Sprudel, von Wendriner . 1397 
Neuralgien, neurasthenische, von Jen- 

drassik . . . 1587 


Neurasthenie, von Kraepelin 982, — ga- 
strica und ihre Behandlung, von Her- 
schell 543, Psychopathologie der —, 
von Pick 585, Diagnose der —, von 
Kraepelin 1641 . periodische —, von 


Pulawski.1712 

Neurasthenische Krisen, von Piehl . . 363 
Neuritis s. a. Vergrösserung. 


Neuritis der Nn. splanchnici, von Stil- 
ling 492, periphere — als Ursache 
tabischer Kehlkopflähmungen, von 
Cahn 491, traumatische —, von Red¬ 
lich 806 — arsenicalis, von Janowski 
1712, — als Komplikation des Keuch¬ 


hustens, von Eshner.1982 

Neurotibromatosis, von Adrian 1400, 
multiple —, von Alexander 1363, 
zentrale —, von Henneberg u. Koch 1762 
Neurologische Arbeiten, von Vogt . . 1544 

Neurome, Symptomatik u. Chirurgie der, 

von Schnder.1402 

Neuronenlehre, heutiger Stand der, von 

Hainei .. 2027 

Neurose, vasomotorische, von Fiirstner 
939, traumatische —, von Knotz 1277, 
Beziehungen zwischen funktionellen 
— und Irresein, von Allbutt . . . 1592 

Neutnilitätszeichen, Genfer.557 

Neutralrotmethode, von Wolff.248 

Neuwittelsbach,Unterstützungsverein der 

Kuranstalt.1128 

Nickelstäbchen zum Gebrauch keimfreier 

Watte, von Littauer.585 

Nicolicin, ein angebliches Heilmittel 
des chronischen Morphinismus, von 
Fischer u. Wagner. 2147 


Niere s. a. Wanderniere, Cystenleber, 
Perinephritis, Cystenniere, Kryo- 
skopie, Schrumpfniere. 

Niere, von Fraenkel 385, kompensa¬ 
torische Hypertrophie der —, von 
Galeotti u. Villa-Santa 458, Spaltung 
der — bei akuter Pyelonephritis. von 
Wilms 476, Methoden zur Inzision, 
Absuchung und Naht der —, von 
Kelly 760, Pathologie der —, von 
Rosenfeld 764, Dystopie der —, von 
Mathes 974, Karzinom der —, von 
Siedentopf 1121, maligne Geschwulst 
der —, von Sendler 1121, kongeni¬ 
tale Vergrösserung einer — bei De¬ 
fekt der anderen, von Palm 1432, 
bewegliche —, von Madsen 1436, 
von Wuhrmann 1628, papilläre Ado- 
nome in — und Uterus, von Voigt 
1514, Hypernephrome der —, von 
Croftan 1626, Leistungsfähigkeit der 
—, von Landau 1713, Verletzungen 
der —, von Goldstein 1714, Patho¬ 
logie der —, bei Magendarmerkran¬ 
kungen der Säuglinge, von Hohlfeld 


Seite 

1863, Stichwunde in die —, von Tu¬ 
benthal 1886, Chirurgie der —, von 

leonte ..2019 

Nierenabszess, Chirurgie des metasta¬ 
tischen, von Jaffe.1061 

Nierenausschaltung, Entlass der, auf die 
elektrische Leitfähigkeit des Blutes, 

von Bickel. ... 853 

Nierenbecken, Tumor des, von .Salzwedel 1067 

Nierenchirurgie, Erfolge der, von Grobe 
537, von Pels-Leusden 721, von Wvss 
776, von Schmieden 415, — zwei 
Dezennien, von Wvss 246, konserva¬ 
tive von Wilms.503 

Nierendiagnostik, der Verdünnungsver¬ 
such in derfunktionellen, von v. Illyes 
und Küvesi 671, funktionelle —, von 
Löwenhardt 721, neuere Gesichts¬ 
punkte in der —, von Böhnke . . . 1244 
Nierendystopie, kongenitale, von Müller¬ 
heim .1900 

Niereneiterung, operative Behandlung 

der, von .lohnston.1066 

Nierenentzündung s. u. Brightii morbus, 
Nephritis, Stoffwechsel. 

Niercnepithelieu, Plasmosomen und 

Granula der, von Arnold.1587 

Nierenexstirpationen, von Bornhaupt 
1232, Grenzen erfolgreicher —, von 

Kümmel).720 

Nierenfunktion, Methylenblau zur 
Prüfung der, von Assfalg 31, Dia¬ 
gnostik der physiologischen u. patho¬ 
logischen —, von Straus 720, Physio¬ 
logie u. Pathologie der —, von Straus 765 
Nierengeschwülste, Diagnose der, von 


Lubarsch.245 

Nierengumma, von Erdheim.540 

Niereninfarkt,Diagnostik des,vonSehmidt 
1111, Fettgehalt von —, von Fischler 1928 
Nierenkarzinom,Metastasen des primären, 

von Sutter.1356 

Nierenkolik, Nierenblutung u. Nephritis, 

von Senator.119, 158 

Nierenkranke, lymphagoge Stoffe im Blut¬ 
serum, von Käst 493, Ernährung u. 
Therapie der chronischen - , von 

Wiczkowski .807 

Nierenkrankheiten, Diagnose u. Therapie 
der, von Kümmeil 120, 208, Diätetik 
der —, von Kaufmann und Mahr . 245 

Nierenquetschung oder Nierenentzün¬ 
dung? von Edlefsen.179 

Nierensenkung, traumatische, von Lenn- 
hoff. 854 


Nierensteine, Apparat zur Röntgendar- 
stellung der, von Albers-Schönberg 
628, — und Uretersteine, Diagnose 
von, von Kelly 1982, radiographische 
Diagnose der —, von Kienböck . . 2159 
Nierentransplantation, von Ullmann 469, 


experimentelle —, von Ullmann . . 495 
Nierenverletzungen, von Waldvogel 1431, 
subkutane intraperitoneale —, von 

de Quervain .... 246 

Nierenzertrüimnerung, von Scliloffer . . 2068 
Nitrobenzolvergiftung, von Monks . . . 542 

Nobelpreis .2109 

Noma s. a. Brand. 

Noma, Aetiologie der, von Trainbusti 717, 
bakteriologischer Befund bei —, von 

Longo.1517 

Nordseebäder, die bei der 1. Aerzte- 
studienreise besuchten, von Gilbert, 

Meissner und Oliven.1544 

Nothnagels Ernennung.2168 

Nukleasen und Nukleasen-Immunpro- 
teidine, bakteriolytische Wirkung der, 
als Ursache der Immunität, von 
Emmerich, Löw und Korschun . . 201 

Nystagmus, von Eschweiler 1024, experi- 
menteller —, von Raudnitz .... 1868 

O. 

Oberarmfraktur durch Muskelzug, von 

Milbradt. 328 

Oberbauchseite, Verletzung der rechten, 
von König.1159 


Oberkiefer, Statistik und Operation der 
Geschwülste des, von Stein 33, Bruch 
des —, von Wich mann . ; . . . 
Oberkieferhohle, Untersuchung der, 
mittels Antroskop, von Reichert . . 
Oberkieferhöhleneiterungen, Behandlung 

der, von Sturmann. 

Oberschenkel, Exstirpationsmethode der 
Auslösung des, von Rose533,Knochen- 
sarkome des —, von Jenckel . . . 
Oberschenkel- und Oberarmfrakturen, 
Behandlung der, Neugeborener und 
kleiner Kinder, von Döllingcr . . . 
Oberschenkelosteomyelitis, von Hahn . 
Oberschenkelprothese, von Engels 723, 
Obstipation, operative Behandlung der 
chronischen, von Francke 721, — 
spastica, von v. Sohlern 1664, von 

Singer. 1723, 

Obstruklionsikterus, chirurgische Behand¬ 
lung des, von Mavo Robson ; 389, 
Occipitallappen, Cyste im 1., von Thiem 
Odda, Ernährung kranker Kinder mit, 

von Brüning. 

Oedom, malignes s. a. Bazillus. 

< >edem, akutes umschriebenes, von v. Rad 
318, von Mendel 2060,angioneuroti8che 
—, von Mondinos 544, dauerndes 
hereditäres—der untern Extremitäten, 
von Rolleston 1852, hartes trauma¬ 
tisches — des Hand- u. Fussrückens, 

von Vulliet. 

Oelsaures Natron bei Gallensteinerkran¬ 
kung, von Clemm . 

Oesophagoskop, neues, von Einhorn 
( tesophngoskopie, Gastroskopie u. Kölios- 
kopie, von Kelling 21, 127, Klinik 

der —, von Harmer.1516, 

Oesophagotomien wegen Fremdkörper, 

von Pels-Leusden . 

Oesophagus s. a. Speiseröhre. 
Oesophagus, Resektion einer Narben- 
striktur des, von Braun 72, künst¬ 
licher —, von Spiegel 85, 248, sack¬ 
förmige Erweiterung des —, von 
Philippi 299, Traktionsdivertikel des 
—, von Ribbert 670, polypenförmige 
Mischgeschwülste des —, von Glinski 
936, Beseitigung undurchgängiger 
Strikteren des — durch temporäre 
Gastrotomie, von Tauber 1476, Sarkom 
des —, von v. Eicken 1479, bösartige 
Strikter des —, von Symonds . . . 
Oesophaguserweiterung, Pathologie und 
Therapie der sog. idiopathischen, von 
Strauss 32, idiopathische —, von 

Strauss. 

Oesophaguskarzinom, von Kien 83, von 
Oestreich 255, von König 1864, von 

Kuckein. . 

Oesophaguswand.Di vertikel der vorderen, 

von Hausmann. 

Ohr s. a. Mittelohr, Otitis, Labyrinth, 
Sinusthrombo8e, Schläfenbein, Trom¬ 
melfell, Akustisch, Hören, Pyosepti- 
kämie 

Ohr, Akkommodationsbewegung im 
menschlichen, von Hensen .... 
Ohreneiterang, Gehirnabszess nach, von 

Buys. 

Ohrgeräusch, objektiv wahrnehmbares, 

von Moses. 

Ohrenheilkunde s. a. Otiatrie. 
Ohrenheilkunde, Mitteilungen aus den 
Grenzgebieten der, von Körner 493, 
Lehrbuch der —, von Jacobson und 

Blau. 

Ohrenkrankheiten, Bedeutung der tuber¬ 
kulösen Belastung für die Entstehung 
von, bei Kindern, von Ostmann . . 
Ohrenleiden bei Hysterischen, von Voss 
Ohrenunfailkranke, Notwendigkeit so¬ 
fortiger Ueberweisung von, an den 

Ohrenarzt, von Schmidt. 

Ohrerkrankungen der Kinder, von 

Bagin sky. 

Ohrmuschel, seröse Cyste der, von 
v. Noorden. 


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SiiU- 


940 

805 

1274 


1430 


2015 

1780 

897 


2030 

542 

721 

1481 


1892 

1247 

2180 

1546 

119 


1632 

467 

2018 

1231 


253 

496 

631 


1625 

1209 

981 


544 

290 

415 
























































/9öl 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


XLTX 


Okul&rium, Breslauer.• 

Okulomotoriuslähmung, totale einseitige, 

von Lindner. 

Olekranon, Knochennaht des, von Hrach 
Ophthalmia hepatica, von Vollbracht . 
Ophthalmologie, von Uhthoff 241, Referat 
über — 497, 891, 1852, Neissers ster. 
med. Atlas der —, von Uhthoff . . 
Ophthalmologische Mitteilungen aus d.r 
Praxis, von Bondi . . . . . . . 

Ophthalmologische Gesellschaft . . . . 
Ophthalmoplegia, von Gessner 553, — 
interna durch Extr. Secalis cornuti, 

von Schneider . . 

Opium, Intoxikation mit Tinct. spl., von 

Feuerstein. 

Optikusatrophie, von Taylor. 

Operationen, Einwilligung zu 427, Nach¬ 
behandlung septischer—, von Küttner 
1807, — ohne direkte Berührung der 
Wände, von König 

Operationshandschuhe, Experimentelles 
über, von Heile ........ 

Operationslehre, Atlas u. Grundriss der 
gynäkologischen, von Schaeffer 535, 
geburtshilfliche —, von Skutsch 1396, 
chirurgische —, von Kocher .... 

Operationsvademecum für den prakt. 

Arzt, von I>eser . . . 

Operative Eingr ffe unterm Röntgen¬ 
apparat, von Rosenfeld. 

Optikusatrophie,hereditäre oder familiäre, 

von Lauher . 

Orbitalsarkom, von Braunschweig . . . 
Orchidopexie, Methode der, von Hahn. 
Organ, neues menschliches, von Biedl. 
Organische Verbindungen, physikalische 
and chemische Methoden der quan¬ 
titativen Bestimmung, von Vaubel . 
Organismen, Bau der einzellig, tierischen, 

von Feinberg . 

Organotherapie, von Zanoni . . . • 

Orthodiagraphie, Vorzüge und Fehler 
der, u. der Friktionsmethode, von 

Hornung . 

Orthodiagraphische Untersuchungen am 
Herzen, von Moritz 1,176, von Levy- 

Dom . 

Orthopädie, deutsche, im J. 1901, von 
Vulpius 196, Kursus der —, von 

Müller. 

Orthopädische Technik, von Gocht . . 
Ortakrankenkasse IV 468, — in Posen 
1127, 9. Jahresversammlung des 

Zentralverbandes der — im Deutschen 

Reich. 

Ortssinn der Haut, von v. Frey .... 
Os pubis, I>ateralschnitt durch das, von 

Gigli . 

Os'eitis deformnns und verwandte Er¬ 
krankungen des Knochensystems, von 

Goldmann. 

Osteoartropaihie hypertrophiante Maries, 

von Scbittenhelm. 

Osteogenesis impe:fecta, Joachimsthal . 
Osteomalacie, von Schenk 20.9,Phosphor- 
therapie hei —, von His 493, — des 
Beckens, von Pribram 904, Stoff¬ 
wechsel bei —, von v. Korczynski . 
Osteomalacische, Ovarien einer, von 

Eberhart.. 

Osteomyelitis bei Kindern unter 3 Mo¬ 
naten, von d'Astros 292, — und Phleg¬ 
mone durih den Bac. pneumoniae, 
von Schlagenhaufer 327, — femoris, 
von Hahn 1026, Morphologie deB 
Blutes bei —, von Joseph 1271, 
seröse —, von Schrank 1433, — acuta 

von Wiesinger. 

Ostitis deformans Paget, von Ulrico und 

Angelo . . . .. 

Osmodiätetik, von Strauss. 

Osmotischer Druck und Ionenlehre in 
den Medizinischen Wissenschaften, 

von Hamburger. 

Otbämatom, traumatisches, von Sko- 
czvnski . 


Seite 

43 

1929 

118 

773 


1468 

759 

1128 


1620 

249 

1593 


2099 

584 


1973 

1844 

985 

2068 

1118 

11 « 

949 


1269 

1064 

1065 


815 

176 

1467 

371 


1736 

1445 

2058 

1438 

539 

1278 


1275 


Otiatrie, Referat über. 

Otitis, Bedeutung der Lumbalpunktion 
für die Diagnose intrakranieller Kom¬ 
plikationen der — von Braunstein 
980, Angriffe gegen die Parazentese 
des Trommelfells bei der Therapie 
der akuten —, von Grunert 1796, 
von Piffl 2083, — media acuta pu- 
rulenta durch „Schneeberger“, von 

Sehroeder . 

Otitische intrakranielle Erkrankungen, 
Augen hi ntergrund bei, von Hansen 
Otolithenfunktlon und Labyrinthtonus, 

von Ach . 

Oto Stroboskop, von Lucae. 

Ovarialcyste, von Merkel 1780, multi- 

loculäre —, von Haenel. 

Ovarialdermoid, von v Khautz .... 
Ovarialkarzinom, metastatisches, von 

Schlagenhaufer . 

Ovarialkystom, papilläres, von Mirabeau 
82,Histogenese der dickgallertigen —, 
von Gottschalk 417, multilokuläres —, 

von Dreesmann. 

Ovarialtumor, von Merkel 552, Histo- 
genese der Krukenbergschen —, von 
Wagner 889, operative Behandlung 

der -, von Blau . 

Ovarientumor, von Merkel. 

Ovariotomie, von Siedentopf 1121, doppel¬ 
seitige — bei Schwangerschaft, von 
Löwenberg 33, — in der Schwanger¬ 
schaft, von Graefe 1790, vaginale —, 

von Hoinsius. 

Ovarium s a. Eierstock. 

Ovarium, Endotheliome des -, von Apelt 
153, Orthopädie der —, von Rose 4L), 
kleincystische Degeneration der —, 
von v. Kahlden 4ö8, Struma thyreoi- 
dea aberrata —, von Pick 732, 8arkom 
des —, von Flatau 903, Folliculoma 
malignum des —, von Gottschalk 1067, 
Myxome der —, von Hennig 1223, 
Sarkom des —, von Stauder 1432, 
Dermoidcysten des —, von Neek und 
Nauwerck 1470, Melanosarkom des —, 
von Amann 1861, konservative Chi¬ 
rurgie des —, von Lapeyre 1897, 
Rundzellensarkom des —, von Woin¬ 
brenner . 

Ovariumpräparate, Einfluss der, auf den 
Stoffwechsel, von Neumann und Vas 
Ovum inane, von Westenhöffer .... 
Oxalsäure s. a. Urin. 
Oxalsäurevergiftung, von Kobert . . . 
Oxydationsfermente, Bildung von, durch 

Bakterien, von Lehmann. 

Oxydonor Victory. 

Oxyuriden, auf dem Peritoneum ange¬ 
wachsene von Kolb. 

Ozaena, Behandlung der, durch Kupfer¬ 
elektrolyse, von Yonge 203, Aetiologie 
der —, von Schönemann 1230, Be¬ 
handlung der —, von Wolff 1548, 
Ozaenafrage, heutiger Stand der, von 

Grünwald. 

Ozon, Behandlung der Taubheit, mit, 

von Stoker. 

Ozonverfahren s. a. Bakterien. 


Seite 

980 


1963 

980 

252 

980 

331 

1974 

1063 


1201 


1514 

1780 


1897 


1937 

1063 

1067 

1973 

340 

215 

495 


1812 

2162 


79 


P. 


1900 

250 

1723 

1150 

2027 


Pachymeningitis häemorrhagica interna, 
von Riegel 732, — cervicalis hyper¬ 
troph. und — interna haemorrhag., 

von Probst .1762 

Pachydermie u. Karzinom, von Fraenkel 1477 
Pädiatrie, Vertretung der, an d. deutschen 
Universitäten, von Krabler . . . .1107 
Pankreas, Beziehung der Langerhans- 
schen Inseln des, zum Diabetes mel¬ 
litus, von Schmidt 51, Stich Verletzung 
des —. von Küttner 247, Nerven¬ 
zentrum des —, von Popielski 252, 

1020, Erkrankung des —, von Hoch¬ 
haus 636, periphere Reflexsekretion 


Selto 

des—,von Baylessu.Starling979,1020, 
akute Erkrankung des —, von König 
1159, histologische Untersuchungen 
des — bei Diabetes mellitus, von 
Weichselbaum und Stangl 1628. ent¬ 
zündliche Prozesse im —, von Mayo 1935 
Pankreasblutungen und plötzlicher Tod, 

von Kratter.810 

Pankreasdiabetes und Ikterus gravis, 
von Teleky 1275, Pankreaserkran¬ 
kung, Organotherapie der Fettstühle 
bei —, von Salomon 155, — und Dia¬ 
betes, von Teschemacher . . ... 657 
Pankreaskrankheiten, von Schmiedl . . 759 
Pankreasnekrose, von Peiser .... 1846 
Pankreassekret, chemische Identifizie¬ 
rung des, von Schümm.1864 

Pankreassteine, von Moynihan .... 1632 
Pankreatitis acuta gangraenosa, von Pe- 
tersen 42, Kompressionsikterus durch 
tumorbildende chronische —, von 
v. Mosetig-Morhof 118, akute hämor¬ 
rhagische —, von Kraft 1435, chro¬ 
nische —, von Moynihan 1850, akute 

—, von Nash.2162 

Panophthalmia bovina carcinomatosa, 
von Voges 377, Pathogenese der —, 

von Dor.497 

Papillom der Konjunktivs, von Staicovici 
118, neuropathisches —, von Staffel 
256, —a laryngis im Kindesalter, von 
Lindt 249, Tracheotomie zur Behand¬ 
lung der krikotrachealen —, von 

Sebileau.1478 

Papillotomie, Instrument zur, von Ndmai 38 
Pappenheimsche Färbung, Modifikation 
der, auf Granoplasma, von Unna . 1865 
Paracelsus s. a. Hohenheim. 

Paracelsus n. seinn Reformation, von Baas 1922 
Paraffin s. a. Hartparaffin. 
Paraffin-Injektionen, von Broeckart 38, 
von Leiser 298, von Eckstein 467, 
von Neumann 1232, — bei Sattel¬ 
nasen, von F'ein 686, subkutane —, 
von Alt 981, Prothese mittels —, von 
Choussaud 1477, — bei Difformitäten 
und Erkrankungen der Nase, von 
Dellie 1478, Behandlung der Ozaena 
mittels interstitieller —, von Brindel 
1478, — auf dem Gebiete der Oto- 
Rhino-Laryngologie, von Broeckhaert 1812 
Paraffinprothesen, von Eckstein 723, 
subkutane — zur Korrektur von Sat¬ 


telnasen, von Mann .767 

Paraldehyd und Skopolamin als Schlaf- 
und Beruhigungsmittel für körperlich 
und geistig Kranke, von Bumke . . 1958 


Paralyse s. a. Ciliarganglion, Dementia, 
Landrysche P. 

Paralyse, gonorrhoische, von Glynn 1850. 
pathologische Anatomie der Landry- 
schen —, von Schmaus 552, myasthe¬ 
nische —, von Auerbach 586, von 
Lange 1483, Frühsymptome der pro¬ 
gressiven —, von Moravcsik 326, 
statistischer Beitrag zur Kenntnis 
der progressiven —, von Hoppe 375, 
Gefüssveränderungen bei der allge¬ 
meinen —, von Maheim 496, stati¬ 
stischer Beitrag zur progressiven — 
von Raecke 586, Behandlung der apo- 
plektiformen und epileptiformen An¬ 
fälle bei —, von Schunda 1112, 
Stauungserscheinungen der Gesichts¬ 
venen bei progressiver —, von v. 
Niessl 1516, neuere anatomische For¬ 
schungen betr. progressive —, von 


Nissl. 2023 

Parametritis posterior, eine Darmerkran¬ 
kung, von Mueller 417', pathol. Ana¬ 
tomie der — chronica atrophicans, 

von Freund.1726 

Paranephritis und Pyoneplirose nach 

Hautfurunkeln, von Calin. 777 

Paranoia chron. querulatoria, von Pfister 1928 
Parasiten, neue, des Menschen, von 
v. Linstow.1110 


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I. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


Parasitismus von Larven der Zweiflügler, 

von Hutton. 

Parasyphilitische Erkrankungen u. deren 

Behandlung, von Leredde. 

Paratyphus, von Brion und Kayser 611, 
Endemie, von —, von de Feyfer und 

Kayser .. 

Paratyphusbazillosen, von Schmidt . . 
Parlamente, aus den 46, 214, 261, 312, 
43U, 557, 646, 1127, 1285, 1319, 
Parotitisepidemie, von Rottmann . . . 

Parovarialeyste, von Beckh. 

Pasten und Salbenverbände, von Honsell 
Patellarreflex s. a. Pneumonie. 
Putellarfraktur, von Matas und Roberts 
Pathologie, Lehrbuch der speziellen, und 
Therapie, von v. Jürgensen . . . . 
Peking, Wasserzentrale in, von Mayer 
1734, Untergrund von —, von Mayer 
Pellagra, Zunahme der, in Italien, von 
Butta 157, Beziehungen zwischen — 
und Addisonscher Krankheit, von 

Finotti und Tedeschi. 

Pellagrakranke, Leberfunktion bei, von 

Lucatello und Malfatti . 

Pemphigus, Bakterienbefunde bei, vege¬ 
tans, von Wälsch 296, — chronicus, 
von Gronven 330, — vegetans, von 
Samberger 495, Veränderungen des 
Rückenmarkes bei —, von v.Schnitter 
813, — neonatorum non syphiliticus, 
von Selcke 818, — contagiosus bei 
Masern, von Leiner 935, angeborener 
syphilitischer —, von Shukowsky 1515, 

— der Schleimhäute, vonCharles 1812, 

— benignus, von Gotthelf . . . 
Penis, Feilenzwinge über dem, von Sud¬ 
hoff 273, primäres tuberkulöses Haut¬ 
geschwür am — , von Tschlenoff 329, 
eiserner Ring über dem —, von Olpp 
1679t Behandlung der plastischen In¬ 
duration der Corpora cavernosa des 
—, von Gnlewsky und Hübener . . 

PenBionsvcrein für Witwen und Waisen 
bayerischerAerzte 343,559, 1247,1322, 
Pentosurie, von Kaliski 1764, Blumen¬ 
thalsehe Probe bei —, von Bial . . 

l’erdynamin, von Kronheim. 

Perforation, Technik der, von Skutsch 

668, von Frankl. 

Perforationsperitonitis, von Hilbert 1357, 
Operation der —, von Smoler 257, 
durch Laparotomie geheilte —, von 
Federschmidt 747, spotan geheilte —, 

von Weber. 

Perforativperitonitis, von Fraenkel . . 
Periarthritis humeroscapulnris.vonKüster 
Perikarditis, Behandlung der akuten, von 

Bramwell . 

Per karditische Exsudate, Diagnose und 
Therapie grosser akuter, von Lenhartz 
Perimysitis crepitans, von Brauer . . . 
Perinephritis, akute nicht eitrige, von 

Newmau. 

Perisplenitis und Perihepatitis nodosa, 

von Grawitz. 

Peritonealraum, Behandlung infektiös 
eitriger Herde im, von Rehn . . . 
Peritonealtuberkulose, Pathologie, Sym¬ 
ptomatologie mit Diagnose der, von 
Eisendraht 380, Behandlung der —, 
von Fenger 380, Klinik der —, von 

Owen. 

Peritoneum, Widerstand des, gegen In¬ 
fektion, von Solieri. 

Peritonitis, Diagnose der tuberkulösen, 
bei Kindern, von Kissel 32, Behand¬ 
lung der allgemeinen —, von Doyen 
678, von Fri edrich 678, Darm verschl uss 
und Enterostomie bei —, von Heiden¬ 
hain 722, die durch Mageninhalt be¬ 
wirkte —, von Brunner 722, tuber¬ 
kulöse —, von Köppen 766, akute —, 
von Lennander 801, diffuse adhäsive 

— infolge Appendizitis, von Karewski 
1157, operative Behandlung der dif¬ 
fusen eitrigen —, von v. Beck 1512, 


Seite 

979 

818 

1692 

2097 

1405 

505 

1550 

1272 

1935 

1585 

1782 


1315 

157 


1936 


1332 

2031 

505 

1275 

848 


1619 

1119 

723 

1852 

501 

1590 

1631 

1068 

677 


2162 

975 


Seite 

Simulation von akuter —, von P>ar- 
nard 1630, interne Behandlung der 
tuberkulösen —, von Comby 1676, 
operativ geheilte —, von Blechcr . 1714 
Perityphlitis, von Rubritius 1312, von 
v. Jakseh 1312, klinische Erfahrungen 
über —, von Bäumler 491, 100 Fälle 
von —, von Müller 537, — mit zir¬ 
kumskripter Eiterung, von Barling 
555, — und Gravidität, von Keiler 748, 
chronische rezidivierende —, von 
Koch 933, Zeitpunkt der Operation 
bei —, von Sendler 1121, operative 
Behandlung der — von Rinne 1314, 
Diagnose und Prognose der —, von 
Steinthal 1776, Frühoperationen bei 

— von Graser. 2062 

Peritvphlitisfrage, von Roux.678 

Perkussion, verbessertes Verfahren der, 

von Plesch 620, auskultatorische —, 
von Ewald, von Reichmann 937, topo¬ 
graphische —, von Treupel .... 1937 
Perlsucht und Aktinomykose des Rindes, 
von Welleminsky 904, — und mensch¬ 
liche Tuberkulose, von Wolff . . . 1975 
Persönlichkeit, klinische Wichtigkeit der, 
bei Krankheiten, von Duckworth . . 715 
Pes calcaneus traumaticus, von Wittek 
1662, — equino-varus und — vulgus, 
von Doutsehlftnder 364, — varus, 
Behandlung des, von (’hampionniere 427 
Pest s. a. Vogelpest, Bubonenpest. 

Pest 47, 87, 127, 176, 216, 263, 304, 391, 

431, 471, 559, 600, 687, 736, 776, 823, 
911,952,991, 1029, 1079, 1127, 1167, 

1207, 1248, 1287, 1322, 1407, 1447, 

1487, 1559, 1599, 1640, 1687, 1736, 

1783, 1824, 1871, 1904, 1944, 1991, 

2031,2070, 2109, von Kolle und Martini 
202, von Farrar 1592, Studien über 
die —, von Terni 157, Abwehr und 
Kontrolle der —, von Davies 301, 
Vorkommen der — bei Schiffsratten 
und seine epidemiologische Bedeu¬ 
tung, von Kossel und Xocht 459, 
bakteriologischeUntersuchungenüber 
—, von Kossel und Overbeck 459, 

— u. ihre Bekämpfung, von Musehold 
535, pathologisch - anatomische Be- 
fundu bei der —, von Dürck 550, 
Symptome, Pathologie und Therapie 
der —, von Cantlie 1156, — in Indien, 
von Gumpel 1156, neue Behandlungs¬ 
methode der —, von Walker 1156, 
Ratten und —, von Blackmore . . .2161 

Pestartige Krankheiten im Jahre 1891, 

von Proust.1446 

Pestbazillus im Säugrüssel von Moskitos, 
von Bonnardiere und Xanthropou- 
lides 427, — im Organismus der Flöhe, 
von Zirolia 1109, Agglutination des 
—, von Aujesky und Wenlnvrt 1399, 
Widerstandsfähigkeit der —, von 
Toyama 1472, Einfluss der Tierpas¬ 
sagen auf die Virulenz der —, von 


Otto. 2058 

Pestdiagnose, Beschleunigung und Siche¬ 
rung der, von Martini.1627 

Pestepidemie in Neapel. 45 

Pesterkrankungen auf einem deutschen 

Dampfer, von Oberndorfer . . . 360 
Pestfälle auf dem Dumpfer „Gundulic“, 

von Strauch.672 

Pestherd in Transbaikalien, von Favre . 33 

Pestleichen, Verbrennung von . . . 512 

Pestschutzmassregeln, von Tavel, Krum¬ 
bein, Glücksmann ....... 1231 

Pettenkofer, zum Gedächtnis Max v., 

von v. Voit.1926 

Pettenkofer-Haus.1203 

Pfählungsverletzungen, von Ellbogen 
1776, von Lieblein ....... 2068 

Pfeilgifte, von Brieger4G7, —aus Deutsch- 

Ostafrika, von Brieger.586 

Pferdefleisch, Nachweis von, von Notel 491 
Pferdegehim, einige Edukte des, von 
Bothe.1313 


I 


Seile 

Pferdeserum, Reaktionen dos normalen, 
von Lnndsteinor und Calov . . . .1110 
Pflegepersonal der Krankenanstalten . 1366 
Pfortaderstauung, tödliche Blutungen bei 
chronischen, von Curschmannn . . 758 
Phagocytose, Synthese und andere intra¬ 
zelluläre Vorgänge, von Arnold •. . 1945 
Pharmakotherapie, Kompendium der, 

von Gross.668 

Pharyngitis, Therapie der, granulosa und 
lateralis, von Halle 758, — sicca und 
Morbus Brightii, von Joal . ... 1478 

Phimose. Behandlung der, von Wenzel 871 
Phimoseubehandlung, unblutige, von 

< )rlipski. 1462 

Phimosen-Dehnung, unblutige, v. Gräser 1841 

Phlebarteriektasie, von Braun.163 

Phlebitis, Pathogenese der, von Censier 1976 
Phlegmone, periherniöse, von iattheissen 
378, —und Amputation, vonTr/.ebicky 1717 
Phloridzindiabetes, von Loewi 375, von 
de Doraenicis 1811, — und alimentäre 


Glykosurie, von Vogt ....... 854 

Phosphate, Ablagerung von, und Karbo¬ 
naten unter dem Bilde echter Gicht, 

von Wildbolz ..716 

Phosphaturie, von Soctbeer und Krieger 
1230, von Soetbeer ... ... 1515 


Phosphor, Bestimmung des freien, im 
Phosphoröl, von Gerlinger 623, von 
Binz 623, Toxikologie des —, von Stich 1347 
Phosphorleberthran, Untersuchungen 
über, von HeiduHchka 669, haltbarer 

—, von Schweissinger.854 

Phosphorsäure, Ausscheidung der, von 

Bergmann.375 

Phosphorvergiftung, von Plavec 1313, 
periphere Gangrän bei —, von Voll¬ 
bracht 34, akute —, von Gilbert 724, 
bakterizide Wirkung des Blutserums 

bei der —, von Schneider.1940 

Photographien, stereoskopische, von 
durchschnittenen Bulhis,von Hubrich 2103 
Photometrie, relative, von Ruzicka . . 1356 
Phthise s. a. Thoraxanomalien, Tuber¬ 
kulose. 

Phthise, Temperatur bei —, von Lawson 
257, Behandlung der — in Holland, 
von de Josselin de Jong 418, Anstalts¬ 
behandlung der —. von Rumpf 418, 
direkte intratracheale Behandlung 
der —, von Campbell 1359, Körper¬ 
bewegungen, Körp'rwärme und Albn- 
mosurie im Verlauf der —, von 

Schröder und Brühl 1373, 1887, von 
Ott 1580, subkutane Arsenikinjek- 
tionen —, von Cybulski 1393, Arsenik¬ 
therapie bei —, von Laquer 1487, 
Ursachen and Verhütung der —, von 
Bmmwell 1630, Massregeln gegen die 
Verbre’tüng der — in Arbeitssälen, 
Bureaux etc., von Flügge 1855, neue 
Behandlung der —, von Turner . . 2161 
Phthisiker, Blutuntersuchungen an, von 
Appelbaura 74, Zustand des Nerven¬ 
systems bei —, von Chelmonski . .1194 
Physikatsprüfung in Preussen .... 343 
Physiologie, allgemeine, von Verworn G7, 

Referat über —. 251, 625, 1019 

Pilokarpinbehandlung der Pneumonie, 

von Pelzl. 2098 

Pityriasis rubra, von Doutrelepont 295, 
von Seilei 330, Histopathologie der 
— rosea, von Ilollmann 295, —rubra 
pilaris, von Heller 545, — lichenoides 

chronica, von Kreibich.1154 

Plätschergeräusch, von Elsner .... 976 
Plantaneflex, kontrnlateraler, von Parhon 

und Goldstein.1516 

Plasmazellen, von Unna 817, Unnasche 
—, von Enderlen und Justi 246, — 
und Lymphocyten, von Schlesinger. 1847 
Plasmazellenfrage, gegenwärtiger Stand 

der, von Pappenheim.1847 

Plattfuss s. a. Trauma. 

Plattfuss, von Pal 74, Entstehung und 
Behandlung des —, von Engels 1069, 

1119, — und Skoliose, von Loebel . 2158 


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1902. 


INII ALTS-VERZEICHNIS. 


Seite 

Plattfusseinlagen, fabrikmässige Herstel¬ 


lung von, von Wagner.1770 

Plattfusssohlen, von Schanz.591 


Plattlnsstherapie, von Nicoladoni . . . 801 
Plazenta, von Flatau 9 3, Durchgängig¬ 
keit der — für Methylenblau, von 
Recinelli 555, Lungenembolie bei — 
praevia, von Voigt 743 , — praevia, 
von Strassmann 1714, Durchgängig¬ 
keit der — für Mikroorganismen, von 
Neelow 1109, — marginata und cir- 
cumvallata, von Urfey 1481, patho¬ 
logische Anatomie der — , von 
Solowij 2158, Bau der — circumvallata, 


von Wodarz.2180 

Plazentarcysten, Aetiologie der, von Vass- 

mer.756 

Pl&zentarhämatome bei der Hündin, von 

Bonnet.1317 

Plazentarlösung, Mechanismus der, von 

Holzapfel .1151 

Pleura, Endothelial-Cancer der, von F errio 
und Bormans 251, tuberkulöses Totnl- 
empyem der linken —, von Ringel . 898 
Pleuraergüsse, von Wolff 290, Druck bei 

—, von Bard.1474 

Plenrasynechie und verwandte Zustände 
vom Gesichtspunkt der diaskopischen 
Diagnostik, von v. Criegem .... 54 

Pleuritis, Statistik der, von Grober 456, 
sehr frühes Symptom der — exsuda¬ 
tiva, von Przewalski 668, — biliaris, 
von Montini 1316, produktive tuber¬ 
kulöse —von Erben.1809 

Plenritische Ergüsse, Differentialdia¬ 
gnostik der, von v. Koranyi .... 806 

Pleuritische Exudate, Tierversuch zur Er¬ 
kennung der tuberkulösen Natur der, 

von Grober.1806 

PI exusgescb wülste, pulsierende, von 
Schräder.1431 


Pneumatische Kammer s. a. Mittelohr- 
katarrh. 

Pneumokokken, Degenerationsformen 
von, in pleuritischen Exsudaten, von 
Michaelis 888, Züchtung des —, von 
Rymowitsch 1627, die Gelatine ver¬ 


flüssigender —, von Kindborg . . . 1894 
Pneumokokken-Gelenk- und Knochen¬ 
eiterungen, von Pfisterer .... 935 
Pneumokokkenperitonitis, Aetiologie der, 
von de Quervain 1400, — im Kindes¬ 
alter, von Stoos. 2058 

Pnenmokokkenspondylitis, von Nonne . 816 
Pneumonie s. a. Pupillen, llarn, Lungen¬ 
entzündung. 


Pneumonie, experimentelle und klinische 
Studien über, von Müller 200, tym- 
panitischer Schall bei der akuten —, 
von de Brun 291, Verhältnis der kä¬ 
sigen — zum miliaren Lungentuberkel, 
von Baumgarten 492, funktionelle 
Insuffizienz der Leber bei genuiner 

— ,von Picot8l9, Zunahme der Häufig¬ 
keit und Mortalität der —, von Fraser 
979, latente —, von Littlejohn 1156, 
Schwinden des Patellarreflexes bei 
genuiner kruppöser — im Kindelalter, 
von Pfaundler 1211 , von Lüthje 1349 , 
traumatische —, von Schild 1569 , 
Vorkommen und Verbreitungsweise 
d**r Bakterien bei —, von Müller 1806, 
abnorm hohe Temperaturen bei akuten 
—, von Satullo 1811, Vorkommen und 
Behandlung der kruppösen — im 
Kindesalter, von Coutts 1851, kruppöse 

— und Sepsis, hervorgerufen durch 
den Pneumobazillus Friedländer, von 
Philippi 1884 , algide —, von Noica 
2020, Pilokarpinbehandlung der —, 

von Pelzl. 2098 

Pneumonoraykosis aspergillina, von 

Hochheim.1626 

Pneumothorax, von Jochmann 712, von 
Senator 893, Aetiologie des — im 
Kindesalter, von Zuppinger 74, arte- 
fizieller — als vorbereitende Operation, 

von Dollinger.201 

Pocken s. a. Blattern. 


6«ite 


Pocken 431, 471, 559, 600, 687, 736. 823, 
911, 991,1029, 1079, 1127, 1167, 1207, 
1248,1287,1322,1407, 1447,1883,2170, 
— in London und die englische Impf¬ 
gesetzgebung, von Oppe 1103, 1114, 
Salol bei —, von Thomson und Lore 
1361, Epidemiologie der —, von 
Newsholme 1630, Differentialdiagnose 
zwischen — und Varicellen, von 
Wanklvn 1630, Kontagium der —, 

von Dombrowski. 

Pockenepidemie in Glasgow, von Chal 

mers. 

Pockenerreger, Untersuchung des, von 

Tanaka . 

Pockenkranke, Salol bei, von Biernacki 

und Meier. 

Pockenpräparate, von Busse . . . 
Polikliniken, Kampf um die, in Hamburg 
685, 1869, Neubau der — in Nüm 
berg 1823, neue — für innere Krank 

heiten.. 

Poliklinikenfrage, von Schultz . . 
Poliomyelitis ant. acuta, von Schwalbe 
1684, Schweissanomalien bei —, an 
terior und posterior, von Higier . 
Polyarthritis rheumatica acuta, Koinzi 
denz bei, mit Abdominaltyphus, von 

Pel. 

Polyklonus, von Patella.. 

Polymyositis, akute primäre, von Bacioli 
716, progressive ossifizierende —, 
von Rivalta 1065, — durch Strepto 
kokkeninfektion, von Körmöczi 
Polyp, deziduale Umwandlung eines, von 

Stolper . 

Porenkephalie, von Alsberg 247, — von 

Goetzcke. 

Porro, Professor Edoardo f» von Galli 
Portiokarzinom, von Siedentopf 1244, 

—, von Weinbrenner . 

Postikuslähmung, von Kronenberg 631, 
doppelseitige —, von Dorendorf 1158 
vonFraenkel 2067, luetische doppel 
seitige —, von Steinhaus . . 
Pos'krankenkassen .... 1987, 2182 
Prüservesalz, Giftwirkungen des, von 

Kionka . 

Präzipitine, weitere Anwendungen der 

von Schütze. 

Präzipitoide, von Kraus und v. Pirquet 

Praktikanten, ärztliche. 

Praxis, Erfahrungen in der ärztlichen 
bei Chinesen, von Perthes . . . 

Preisausschreiben.1248 

Preisaufgabe, Unnasche. 

Pressvereinigung, internationale medi 

zinische. 

Priinäraffekt, syphilitischer, von Saalfeh 
255, Exzision des syphilitischen — 
von Matzenauer 296, ungewöhnlicher 
Sitz des —. von Neumann 420, — 
der Wange, von Drever 1242, extra¬ 
genitaler — in seiner klinischen und 
volkshygienischen Bedeutung, von 

Neumann . 

Primula obconica als Krankheitsursache, 
von Drever 574, 683, — und sinensis, 

von Gassmunn. 

Prinzregent Luitpoldstiftung . ... 

Processus puerperalis, von Chiari . . . 
Processus vermiformis, von Dreesmann 
Profetasches Gesetz, von Glück .... 

Professorenschub. 

Projektile, embolisclie Verschleppung 

von, von Schloffer. 

Projektionsbilder und Stereophoto¬ 
gramme, von Hegener. 

Prolapsoperationen, moderne, von Freund 
982, 1128, — nach Westheim, von 

Bucura. 

Prolapsrezidiv, von Beckh . 

Promemoria der Wiener philosophischen 

Fakultät.•. 

Prostata s. a. Bottinische Operation. 
l*rostata, Totalexstirpation der, zur Radi- 
kalheilung der Vergrösserung des 
Organs, von Freyer 759, Behandlung 
und Pathologie der vergrüssertcn —, 


1712 

1630 
1975 

1631 
1317 


1900 

904 


154 


715 

157 


1109 

1273 

1240 

8012 

1937 


1884 

2185 

291 

1929 

1232 

1322 

1969 

1366 

647 

314 


1664 


977 

1944 

257 

1243 

460 

2029 

1861 

1548 


1151 

1551 

259 


LI 


Seite 

von Wallace 978, Entfernung der 
adenomatösen — nach Freyer, von 
Thomson, von Smyth 1234, ExBtir- 
pation der — von der Blase aus, von 
Freyer 1553, Totalexstirpation der —, 
von Freyer 1631, Hypertrophie der 

— und galvanokaustische Behand¬ 

lung nach Bottini-Freudenberg, von 
Bierbaum .... . 1963 

Prostatagegend, Steine der, von Herescu 1546 
Prostatahypertrophie, von Götzl 1445, 
Radikaloperation der —, von Roth 
419, Radikalkur der Ischurie bei —, 
von Negretto 462, Katheterismus bei 

— ,von v.Büngner 982, intrakapsuläre 
ProstatareSektion bei —, von Itvdygier 
1761, Behandlung der —, von Rovsing 


1768, von Moullin.2163 

Prostatasekret, Reaktion des, von Pezzoli 

1193, von Lohnsteiu.1358 

Prostatektomie, von Wallace 258, — von 
Czerny 856, perineale —, von Syms 1156 
Prostitution alB Quelle tuberkulöser An¬ 
steckung, von Bemheim.819 

Prostitutionsfrage, Beitrag zum Studium 

der, von Jesionek.828 

Protagonhaltige Körner bei Probepunk¬ 
tionen des Thorax, von Zollikofer .1111 

Protargol, von Ruppel.1783 

Protargolgelatine, von Benario .... 2147 
Prothesen zur Ausgleichung von Ver¬ 
kürzungen der Unterextremitftt, von 

Wieting.584 

Protozoen, krankheitserregende, von 

Schaudinn. 757, 1763 

Prüfungsordnung, Vergleich der neuen 
ärztlichen, in Deutschland u. Oester¬ 
reich, von Gottlieb 369, Aenderung 
der neuen — in Oesterreich .... 597 
Prurigo lymphatica, von Buschke . . 2018 

Pruritus, Resektion des N.pudendus int. 
bei Vaginismus und, vulvae, von 

Tavel . . 1194 

Pseudarthrose, von Plettner.331 

Pseudoleberzirrhose, perikurditische, von 

Rovere.461 

Pseudohermaphrodismus, von Franken¬ 
burger 553, — fem.externus, vonKoch 1067 
Pseudohypertrophie der Muskeln, von 

Steinhardt.1163 

Pseudoleukämie, von Jünger 386, Tumor- 
bildung bei —, von Röpke .... 587 
Pseudomeningitis, psychogene, von Stark 1471 

Pseudotuberkel, von Carini.1065 

Pseudotuberkelbazillen, von Kayserling 418 
Psoasabszess, Darmeinklemmung bei, 

von Justi.540 


Psoriasis und Glykosurie, von Pick 156, 

— nach Impfung, von Weinstein 249, 

— vulgaris, von v. Notthafft 731, Be¬ 

handlung der — mit Myelocen, von 
Walson u. Thompson.2161 

Psychiatrie, Atlas und Grundriss der, 
von Weygandt 287, Handbuch der 
gerichtlichen —, von Hoche 1711, 
Leitfaden der —, von Mendel . . . 2014 
Psychiatrische Erkenntnis, Grenzen der, 

von Gaupp. 2023 

Psychoputhia sexualis, Aetiologie der, 

von Bloch.755 

Psychopathologie, Vorlesungen über, von 

Störring.69 

Psychose, polyneuritische Korsakowsche, 
von Westphal 160, 249, induzierte —, 
von Kölpin 586, Bettbebandlung bei 
chronischen —, von Wiirth 936, — 
menstrualis, von v. Krafft-Ebing 1228, 
akute halluzinatorische — , von 
l’obiedin 1715, polyneuritische —, 
Chotzen 1715, 1928, Aetiologie der 


periodischen —, von Neisser 1762, 
Vererbung von —, von Krause 2023, 

— der Landstreicher, von Willmanns 2023 
Psychotherapie, Wert der, von Frank . 2033 

Pterygium colli, von Funke.801 

Ptose, rezidivierende doppelseitige, von 

Bychowski.1974 

Puerperalfieber s. a. Grubor-Widalsche 
Reaktion, Pyämie. 


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INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


Ln 


Seite 

Puerperalfieber von Dimmock 2161, mit 
Ungt. Credö behandelt, von Geiringer 
420, Komplikation des—, von Dietz 492, 
Behandlung des — mit Silbersalbe, von 
Hüffel 492, — und Antistreptokokken- 


serum, von Wilson, von Christie . 1233 
Puerperalinfektion, endogene, von Burck- 

hardt . . .152 

Pulpitis, Aetiologie der, von Sieberth . 73 


Puls s. a. Radialpuls. 

Puls, Analyse des unregelmässigen, von 
Wenckebach 31, — pseudoalternans, 
von Hering 889, Verhalten des — 
bei willkürlicher Aufhebung der Re¬ 


spiration, von Seotti.1811 

Pulsfrequenz, Beziehungen der Muskel¬ 
arbeit zur, von Grünbaum u. Amson 200 
Pulsregistrierung, Technik der graphi¬ 
schen, von Jaquet . 62 

Pulverblüser, von Panse.499 

Pupillarreflexbogen und Pupillarreflex- 

zentrum, von Rugo.1008 

Pupillen, pathologische, von I^ewinsohn 
und Arndt 154, Lidschlnssreaktion 
der —, von Meyerhof 248, direkte 
motorische Wirkung des Lichtes auf 
den Sphinkter der —, von Steinach 


251, Lichtstarre der — bei krupöser 

Pneunoraie, von Schultze.492 

Pupillenstarre, Lokalisation der reflek¬ 
torischen, von Wolf.1017 

Pupillenverengerung, Zentrum der reflek¬ 
torischen, und Sitz und Wesen der 
reflektorischen Pupillenstarre, von 

Baas .406 

Pupillenweite, normale, von Tange . . 625 
Purgatin, von Ebstein 174, von v. Hösslin 
1337, Wirkung des —, von Marschall 1234 
Purinkörper, von Burian und Schur . . 253 


Purpura haemorrhagica bei Lungentuber¬ 
kulose, von Roemisch 66 , von Bauer 
748, durch Gelatineklysmata geheilte 

— haemorrhagica, von Seroni 544, 

— haemorrhagica bei Genitaltuber¬ 


kulose, von Gossner . . . .451 

Pyämie, chirurgische Behandlung der 
puerperalen, von Trendelenbnrg 513, 

549, »'>38, otitischfc —, von Schulze 980, 
operative Behandlung der puerperalen 

—, von Sippel .2180 

Pyelothrombose u. Trauma, von Ponfick 1817 
Pylephlebitis, atberomatöse, von Dioniai 1517 
Pylorushypertrophie, gutartige, und Skir- 
rhus des Magens, von Meinel . . 975 

Pylorusstenose der Säuglinge, von Trau- 

tenroth .... 1061 

Pyoscyanase s. a. Milzbrand. 
Pyrogallolvergiftung, von Rusch ... 35 

Pyometra, operativ geheilte, von Senger 1433 


Pyonephrose, intermittierende, von Dob- 
bertin 331, — primäre traumatische —, 

von Grisson.2100 

Pyopneumothorax acutissimus bei inkar- 
zerierter Zwerchfellshernie, von 

Struppler.618 

Pyosnlpinx, von Beckh.1651 

Pyoseptikämie, otitische, von Ballance 1593 
Pyramidenbahnen beim Menschen, von 

Ugolotii.250 

Pyramidenfläche, Freilegung der vor¬ 
deren, von Streit.1023 

Pyrogallussäure, Instillationen von, bei 
Affektionen der Harnwege, von 
Minet.1029 


a. 

Quadriceps, Ersatz des gelähmten, durch 
die Flexoren des Unterschenkels, 

von Krause.119 

Quadricepssehne, Ruptur der, von Diwald 74 
Quadricepstransplantation, vonSchanz 591,1862 
Quecksilber s. a. Cyanquecksilber. 
Quecksilber, benzoesaures, zu Injek¬ 
tionen, von Gaucher 84, neutrales 
milchsaures —, von Gaucher 775, 


8elte 

intratracheale —, Injektionen, von 

Carnot.2108 

Quecksilberanwendung, beste Methode 

der, von Ayres. 37 

Quecksilbereinreibungen, Einfluss der, 
auf das Blut der Syphilitiker, von 

Bayet.•.496 

Quecksiberoxycyaninvergiftung, von 
Jaksch.1364 


Quecksilberpräparnte, Lungenembolie bei 
Injektion unlöslicher, von Möller . 329 
Quecksilberreaktion, bei Syphilitischen 
vorkommende, von Herxheimer u. 

Krause.2159 

Quecksilbertherapie s. u. Syphilis. 

Quellen s. a. Heilquellen, Mineralquellen. 
Quellen, Gutachten, betr. die Verun¬ 
reinigung von, im Innerstethal, von 
Ohlmüller 714, — und ihre Bezieh¬ 
ungen zu Grundwasser und Typhus, 
von Gaertner 1662, Wesen der heissen 

—, von Suess .1671 

Querulantenwahnsinn, von Hoppe . . 1109 

1 ». 

Rabies, von Rees u. Rowlands .... 1360 
Rachen, Phlegmone des, von Fraenkel 670 
Rachendiphtlieroid, chronisches, von 

Neisser.. . 1716 

Rachenmandel, akute Entzündungen der, 
von Beckmann! 946, Hyperplasie der 

—, von Rudloff.1024 

Rachenpolyp, kongenitaler, von Hanszel 2159 
Rachenreflex, Verhalten des, bei Hyste¬ 
rischen, von Stursberg. 614 

Rachentuberkulose, Heilbarkeit der, von 

Veis.890 

Rachikokainisation, allgemeine Anästhe¬ 
sie mittelst —, von Chaput 584, 
Todesfälle infolge —, von Legueu, 
Technik der —, von Desfosses und 

Dumont.587 

Rachitis s. a. Thymusdrüse, Eisentropon. 
Rachitis, von Albarel 75, — tarda, vonRoos 
632, Behandlung der — mit Lecithin- 
leberthran, von Carriere 910, — und 
künstliche Ernährung, von Variot 947, 
Phosphorbehandlung der —, von 
Ungar 999. — und Osteomalacie, von 
Ziegler 1479, Nebennierenbehandlung 
der —, von Holz 1863, angeborene 


—, von Escher. 2058 

Radialpuls, rückläufiger, von Meyer . . 660 


Radiogramme, Verkleinerungen von, von 
Brian 1285, Methoden der Deutung und 
Reproduktion von —, von Kienböck 1849 
Radiographie, Altlas der, die Brustorgane, 


von Weinberger.323 

Radiotherapie und Phototherapie, von 
Rögnier 323, Dosierungsmethode in 

der —, von Holzknecht.1629 

Rassenschönheit des Weibes, von Stratz 886 
Rattenepizootien, von Wiener .... 1231 
Rattentrypanosomen, von Jürgens . . 804 
Rausch, normaler und pathologischer, 

von Cramer.1719 

Raynaudsche Krankheit von Ssenger 816, 

— und Trauma, von Schütter . . 810 
Reaktion, neue, auf einige reduzierende 
Substanzen, von Gabritschewsky . . 937 

Realgymnasien . . 263 

Realschulabiturienten, Zulassung der, 
zum juristischen Studium .... 647 
Rechtschreibung, deutsche, von Duden 1013 
Rechtsscbutzvereine, ärztliche . . . 1124 

Redressionsapparate, scheerenförmige, 
von Hübscher. 934 


Reflex s. a. Krernaster, Degeneration, 
Hysterie, Plantarreflex, Zehenreflex, 
Adduktorenreflexe, Babinskischer R. 
Hautreflexe 

Reflex, okulopupillärer sensibler, von 
Varady 540, Frontal- oder Supraorbital- 


—, von Overend.541 

I Reflexwirkung, von Stimmei.211 

| Regeneration, Einfluss der arteriellen 

Hyperämie auf die, von Lick . . . 933 


Seite 

Reichsgesundheitsamt .687 

Reiniger, Gebbert & Schall .304 

Reisestipendien.343 

Reisingerianum.1126 

Reitsitz der Damen, von Augspurg . . 202 

Reklameblüten.1076 

Rekonvaleszentenblutserum, Therapie 
mit, bei akuten Infektionskrank¬ 
heiten, von Walger.325 

Rektum, Heilung des Prolapsus-, von 
Baumei 588, Diagnose der Krank¬ 
heiten des —, von Edwards . . . 1631 

Rektum-Damm-Vaginalriss, Prophylaxe 

und Naht des, von Walthard . . . 249 

Rektumkarzinom, von Koch.903 

Rektummyom, von Lexer.722 

Rektumstrikturen, Aetiologie und The¬ 
rapie der durch Infektion entstan¬ 
denen, von Wegner.584 

Rekurrenslähmung, von Kronenberg 631, 

— bei Mitralstenose, von Hofbauer 1765 
Rekurrenstyphus, Aetiologie des, von 

Karlinski.976 

Renk, Geh. R.2186 

Rentenfigur, Haags.199 


Resorption, parenchymatöse, von Klapp 376 
Resorptionsmechanismus, von Hofbauer 1112 
Respiration s. u. Thee. 

Retina, Erblindung der, durch Beobach¬ 
tung einer Sonnenfinsternis, von Snell 542 
Retrocollis spasmodicus, von Mintz . . 415 
Retrotlexio- und Prolapsbehandlung, 

Dauererfolge der, von Andersch . . 373 
Retropharyngealabszess, akuter, der Säug¬ 
linge, von Pearson .36 

Rettungswesen, Organisation des, von 
Meyer 416, Zentralkomitee für das 

— in Preussen.643 

Rettungseinrichtungen bei den verschie¬ 
denen deutschen Eisenbahnverwal¬ 
tungen, von Schwechten 1638, von 
Blume 1638, von Beck 1639, — der 
bayerischen Eisenbahnen, von Beetz 1687 
Rezeptblätter mit Vordruck der Apo¬ 
theken .1247 

Rezepte, internationale Konferenz zur 
Unifizierung der, stark wirkender Arz¬ 
neien .1682 

Rezeptur, Anleitung zur ökonomischen, 

von Gutbrod, Königshöfer und Seel 1736 

Rheumatin, von Pieper.1206 

Rheumatismus, tuberkulöser, von Mail¬ 
land 76, von Poncet 1405, Patho¬ 
genese des akuten —, von Poynton 

und Paine.804 

Rhinitis, Behandlung der geschwollenen 
unteren Nasenmuskel bei, vasomo- 

toria, von Lublinski.34 

Rhino-Laryngologie u. Sprachkeilkunde, 

von Dreyfuss. .... 1548 

Rhinolaryngosklerom, Involution eines, 

von Hanszel. .... 1812 

Rhinopliyma, operative Behandlung des 

von Rusch .587 

Rhinoplastik, von Dreesmann 1242, par¬ 
tielle—, von de Quervain 584,Methodik 

der —, von Holländer.721 

Rhinosklerom, von Marschalkö 296, Hi¬ 
stologie des —, von Marschalkö 829, 
Entstehung der Hyalinkörperchen bei 
—, von Konstantinowitsch .... 936 

Rhodanreaktion, von Muck.981 

Rhodanverbindungen, Untersuchungen 

über, von Treupel und Edinger . . 563 

llhuB, giftige Arten der Familie, von 
Schwalbe 1616. Dermatitis durch — 
vernicifera, von Buraczynski . . . 2160 
Rieselfelder, Fett im Boden der, Berlins, 

von Schreiber. 2096 

Riesenlipom, von Pfeiffer.1508 

Riesenzellensarkom, malignes fasziales, 
mit Knochenbildung, von Hammer 
116, geheiltes — der Tibia, von 
Schmieden 117, — am Knie, von 
Kraske 2065, myelogenes —, von 

Weigel .1445 

Rigasclie Krankheit, von Andard . . . 1194 
Rigorosenordnung, neue, in Oesterreich 84 


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1902. 


INHALTS* VERZEICHNIS. 


LIII 


Seite 

Rindenfelder, Funktionsfihigkeit der 
motorischen, beim Säugling, von 

Thiemich .1059 

Rinder- und Pferdekrankheiten in Togo 

von Schilling.1933 

Rindertuberkulose, Uebertragbarkeit der, 
auf den Menschen, von Hüls 1003, 

Dr. Gamaults Selbstimpfung mit — 
und seine Angriffe auf Koch . . .1125 
Rippe, Funktion der ersten, von Roth¬ 


schild .852 

Rippennekrose und Empyema necessi- 
tatis nach Quetschung der Brust, von 

Bierfreund.1771 

Rissfrakturen, typische des Fersenbeins, 

von Fuchsig.1112 

Rizinus und seine medizinische Ver¬ 
wendung im alten Aegypten, von 

Loret.1976 

Rizinusöl, Darreichung des, von Rosen¬ 
berg 174, brausendes —.647 

Roborat von Flatau 1358, von Rosenfeld 
1397, — u. andere Eiweisspräparate 
bei der Krankenernährung, von Hoppe 479 
Röhrenkessel - Dampfsterilisator, von 

Braatz . 801 

Röhrenknochen, Exstirpation und Rege¬ 
neration langer, bei Osteomyelitis u. 
Tuberkulose, von Berndt ... 516 
Röntgenapparate, Technik der, von 
Dessaoer.554 


Röntgenbild im Dienst der Krankheiten 
des Schädels etc, von Benedikt 1018, 
—vonChinesinnenfüssen.vonPerthes 
628, von Knochen- und Gelenkent¬ 
zündungen, vonSudeck 628, Stereos¬ 


kopie von —, von Bartholdy • . . 2095 
Röntgendermatitis, von Wiesner . . . 1047 
Röntgendiagnostik in der innern Medizin, 

von Albers-Schönberg. .1821 

Röntgeninstrumentarium „System Dess¬ 
au er“, von v Gosen. . 2148 

Röntgenographie in der inneren Medizin, 
von v. Ziemssen u. Rieder . . 454 

Röntgenotherapie, einfache Dosiorungs- 

methode der, von Holzknecht . . . 1902 
Röntgenphotographien, stereskopische, 
von Boeters 723, Korapressionsblende 

bei —, von Brian.1941 

Röntgenstrahlen s. a. Orthodiagraphie, 


Pleurasynechie, Herz, Herzumriss,Ure- 
therenkatheterismus, Blasensteine, 
Aneurysmen, Lupus. 

Röntgenstrahlen, bakterientötende Wir¬ 
kung der —, von Rieder 403, Be¬ 
handlung karzinomatöser Ilautaffek- 
tionen durch —, von Taylor 554, — 
im Dienste der Chirurgie, von Beck 
1190, therapeutische Verwertung der 


—, von Lancashire 1234, diagnostische 
Bedeutung und Verwertung der — 
im Gesamtgebiet der Medizin, von 
Bändel 2011, Reitzenstein 2061, Flatau 

2062, Görl. 2062 

Rontgenverfahren, Entwicklung des, im 

J. 1901, von Albers-Schönberg . . . 110 
Röntgen-Universalinstrumentarium, trag¬ 
bares, von Metzner . . . . 1004 

Röteln, 8charlach u. die „vierte Krank¬ 
heit“, von Williams.379 

Rosacea gravidarum, — von van der Wil¬ 
ligen .1767 

Rosshaarspinnereien, Einrichtung u. Be¬ 
trieb der, Haar- und Borstenzu- 
richtereien sowie der Bürsten- und 

Pinselmachereien.1903 

Rotzkrankheit, Bekämpfung der, von 

Babes.290 

Rousseau als Kinderarzt, von Pudor . 33 

Rückenmark s. a. Degeneration, Kokaini- 
sirung, Analgesie, Halsrückenmark. 
Rückenmark, mit Marcliifärbung nach¬ 
weisbare Veränderungen im, von 


v. Tiling 154, kombinierte System¬ 
erkrankung des —, von Rheinboldt 
374, Veränderungen des — bei 
Diphtherie, von TTtchida 375, Loknli- 


Seite 

sation der motorischen Kerne im —, 
von Bruce 380, abnorme Entwick- 
lungsvorgiinge am kindlichen —, von 
Rolly 1471, Stichverletzung des —, 
von Sohittenhelm 1892, von Fernrohr 1892 
Rückenmarksanalgesie mit Tropakokain, 
von Neugebauer ... .... 35 

Rückenmarkschirurgie, von Halm . . .1150 
Rückenmarkserkrankungen auf syphili¬ 
tischer Grundlage, von Modi 889, 

tuberkulöse —, von Jolly. 2026 

Rückenmarkshäute, operativ behandelte 
Geschwülste der, von Schultze . . 940 
Rückenmarkskrankheiten, vererbte, von 

Zahn.1471 

Rückenmarksscbnitte, von Huber . . . 256 
Rückenmarkstumor, von Oppenheim 117, 
von Meyer 1974, operirter —, von 
Boettiger 374, Symptomatologie der 
—, von Jaffö 1062, operativ behan¬ 
delter —, von Oppenheim und Jolly 1113 
Rückenversteifung, muskuläre, von 


Senator.2163 

Rückenwirbel, Elastizitätsverhältnisse der 

menschlichen, von Lange.934 

Rückgratverkrümmung,Stützapparate bei, 
von Judson 934, Kindersessel zur Ver¬ 
hütung und Behandlung rachitischer 

—, von Epstein. . . 1731 

Ruhr 8. a. Dysenterie, Leberentzündung. 
Ruhr, Folgeerkrankungen der, von 


Haasler 202, geographische Verbrei¬ 
tung der —, von Pfuhl 256, Aetiologio 
der —, von Löffler 6S0, in Ostpreuxsen 
heimische —, von Jäger 975, von 
Shiga 1627, Behandlung der — mit 
Radix Ipecacuanhae, von Strasburger 1493 
Ruhr, Amöbenbefunde bei —. von Jäger 20'j6 
Ruhrbazillen s a. Agglutination. 
Kulirbarillen, Aufenthaltsdauer der, im 
Darm, von Pfuhl * 56, Widerstands¬ 
fähigkeit der Shiga-Krnsesehen — 


gegen Winterfrost, von Schmidt . 804 
Ruhr- und Typhusbazillen, Haltbarkeit 

der, von Pfuhl.1472 

Ruhrepidemie in Barmen 1899—1901, 

von Kriege.491 

Rundzellensarkom, von Buttenberg 1072, 

periostales —, von Bender . . . 1015 

Rundschau, russische medizinische — . 1783 


8 . 

Saccharin frage, von Bornstein .... 245 
Sachverständige, ärztliche, vor den 
Schiedsgerichten, von Miller . . . 809 
Säuferleber im Kindesalter, von Beek . 418 
Säugetierherz, Tätigkeit des überleben¬ 
den, bei Durohströmung mit Gasen, 
von Magnus 757, Beobachtungen am 

jungen —, von Sommer.1364 

Säuglinge s. a Stoffwechselstörungen, 
Milch, Neugeborene, Brustkind. 

Säuglinge, Häufigkeit und Ursachen des 
Todes bei der Anstaltsbehandlnng 
kranker, von Schlossmann und Peters 
669, Grösse der Ein/elmablzeiten der 
—, von Peters 669, Anstaltspflege 
von —, von de Lange 669, Ernäh¬ 
rungstherapie des kranken —, von 
Siegert 1675, Kalkstoffwechsel des —, 
von Müller 1863, Körpergewicht des 
— nach sozialer Gruppierung, von 

Neumann. 2058 

Säuglingsalter, Physiologie des, von Ca- 

merer. 2058 

Säuglingsdarm, Ursachen schwerer Funk¬ 
tionsstörungen im, von Juergensohn 
935, Elastingewebe des —, von Fischl 1864 
Säuglingsekzem, von Struuss 1927, von 

Rey.1927 

Säuglingsernährung, von Flachs 669, von 
Mering 951, von liissmaen und Pritz- 
sche 1515, — und Säuglingsspitäler, 
von Cnopf 425, künstliche —, von 
v. Szontagh.1927 


Seite 

Säuglingsharn, osmotische Analyse des, 
von Sommerfeld und Roeder 1018, 
kryoskopische Untersuchung des —, 
von Roeder und Sommerfeld . . . 1863 
Säuglingsheilstätte, moderne, und ihre 

Bedeutung für die Aer/.te, von Siegert 576 

Säuglingsheim. Arbeiten aus der Kinder¬ 
poliklinik mit, zu Dresden, vonSchloss- 

mann..710 

Säuglingskrankenanstalten, Errichtung 
und Einrichtung von, von Schloss¬ 
mann .668 

Säufilingsmiich, Sterilisation von, von 

Kobrak. 418 

Säuglingsspital, modernes, von Siegert 300 

Säuglingsstuhl, anaerobe Bakterien im, 
von Rodella 290, Azidität und Zucker¬ 
gehalt von —, von Langstein 1927, 
im — vorkommende Mikroorganis¬ 


men, von Rodella. 2059 

Sakralsynipatliikus, Resektion des, von 

.Tonnescu.1546 

Sakraltmnor, von Borst.975 

Sakrokoecygealtumoren, angeborene, von 

Hagenhaeh.537 

Saktosalpinx mit Stieltorsion, von Amnnn 124 

Salben- und Pfla6terverband, antisepti¬ 
scher, von Honseil.723 

Salicylpräparate, Erkrankung des innern 
Ohres nach internem Gebrauch von 
—, von Schever 977, Wirkung der — 
auf die Harnwege, von Lüthje . . . 1806 
Salol bei Pocken, von Thomson und Lore 
1361, — bei Pockenkranken, von 

Biernaeki und Muir.1631 

Salsomagg ore, seine Wasser und deren 

Heilwirkungen, von Galli ... . 950 

Salzsäuresekretion, Kenntnis der, von 

Clovetta .... 1328 

Ramaritertag, 5 Deutscher .... . 991 

Samenblasen, Anatomie und Pathologie 
der, von Oberndorfer 714, Operationen 
an den —. von Kessler 934, Histolo¬ 
gie der —, von Akutsu 1399, des 
Menschen, von Fraenkel.1510 


Sammlungen, Erfahrungen und Gedanken 
über die Anlage von hygienischen, 

von Lehmann . . . . . 452 

Sammlung für Geschichte der lleilkunst 
im Germanischen Nationulmuseum, 

von Peters. . 970 

Sanatorium s. a. Verteilungssanatorjum, 
Erholungsstätten, Fürsorge, Heilstät¬ 
ten. Lungenheilstätten, Lungenkran¬ 
ke, Volksheilstätten, Invalidenheime, 
Schwindsüchtige. 

Sanatorium Wehrawald 991, geschützte 
Lage von —, von Robotta 1060, — der 
Ortskrankenkasse VIII in Kirchseeon 
1248, — an der Seeküste 1856, Ein¬ 
weisungsverfahren in das städtische 
— in Harlaching 1903. — für minder¬ 
bemittelte Nerven- und Stoffwechsel- 

kranke. 2071 

Sanduhrmagen, von Moynihan 1361, 
Diagnostik des von Ewald 491, 
Diagnose des, von Decker 1524. chi¬ 
rurgische Therapie des, von Schmitt 1526 
Sanität .»bericht über die k. hayr. Armee 


1896-1897 . 1311 

Sanität«gesetz, französisches . . . . 213 

Sanitätsoffiziere, Nachweis der wissen¬ 
schaftlichen Befähigung der .... 863 
Sanitätswesen, Verbesserung des öffent¬ 
lichen .428 

Saponimvirkung, hämolytische, von 

Schanzeubach . . . 1827 

Parcine, neue, von Nugano.1627 

Sarkoptes-Invasion, von Tschuschner . 328 
Sarkoma idiopathicuin cutis Kaposi, von 
Philippson 670, — Uteri, von Skutsch 
770, — cutis, von Gotthelf 1936, 

— angioplastitjue, von Wlassow . . 1626 


Sarkomatose, von v Leyden und Wes- 
tenhoeffer 546, künstliche Malaria¬ 
infektion bei —, von Wagner 3 W 3, 
diffuse — der Pia mater, von Nonne 1471 


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LTV 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902 . 


8eite 

Sarkom s. a. Riesenzellensark., Melano- 
sark., RundzellenBark., Harnröhre, 
Oberschenkel, Oesophagus. 

Sarkome, chirurgische Behandlung der 
bösartigen, langer Röhrenknochen, 
von Kramer 583, — des Humerus, 
von Gersuny 774, Transplantationen 
eines — der Thyreoidea, von Loeb 
848, — des Beckenzellgewebes, von 
Engström 1437, primäre — des Sinus 
frontalis, von Krogius ... • . . . 1469 
Sa'telnase s. u. Paraffinprothese. 

Sattelnase, kosmetische Behandlung der, 
mit Vaselininjektionen, von Wasser¬ 
mann .2157 

Sauermilch, gekochte.1687 

Sauerstoffchloroformnarkose, Apparat zur, 

von Roth.720 

Sauerstoff-Chloroform-Inhalationsupparat, 

von Kümmell.1025 

Sauerstoffinfusion, intravenöse, von 

Gärtner. 948, 1193, 1275 

Sauerstoffinhalationen, Wirkung von, 
von Kovacs 715, Wert der —, von 

Rogovin. 1890 

Sauerstoffwasser als epilatorisches Mittel, 

von Gallois.1942 

Schädel, Beziehungen zwischen Innen- 
und Aussenform des, von Schwalbe 
492, Palliativoperation des — bei 
inoperablen Hirntumoren, von Sänger 
721, Windungsprotuberanzen des —, 

von Schwalbe.939 

Schädelbasisfraktur, geheilte, von Til- 

mann.160 

Schädeldach, enorm dickes, von Jürgens 255 
Schädeldefekte, einfaches Verfahren zur 
Schliessung von, von Hoffmann 679, 
Ersatz von —, von v. Hacker 1674, 
heteroplastische Deckung von —, von 


Porges.2160 

Schädelhöhle, Zirkulation in der, von 

Ziegler .. 1846 

Schädelknochen, Reparationsprozesse 

der, von Biagi . . ..1846 

Schädellage, Fussvorfall bei, von Nadler 624 
Schädelpräparate, von Heinlein .... 300 
Schädelschuss, von Rehn 721, perforie¬ 
render —, von Diwald 203, geheilte 

—, von v. Bergmann .671 

Schädeltrepanation , osteoplastische , 
wegenHirngesch Wülsten, von Gussen- 
bauer.378 


Schädelverletzungen, von Scheidl 1111, 
komplizierte —, von Kaposi 210, 
komplizierte — mit Aphasie, von 
Kaposi 316 > Folgezustände nach 
schweren —, von Borchard 1674, — 
u. Gehirnverletzungen, von Amberger 2157 
Schanker, Immunität der Tiere gegen 
den weichen, von Himmel . . • . 587 
Schankergeschwüre,extragenitale weiche, 

von Ullmann.1359 

Scharlach s. a. Gelenkentzündung, Milch, 
Skarlatina. 

Scharlach, Gangrän nach, von Seubert 
66 , Serumtherapie des —, von v. 
Leyden 159, Behandlung des — mit 
Rekonvaleszentenserum, von v. Ley¬ 
den 493, traumatischer — von Lipp- 
mann 890, Erkrankungen der oberen 
Verdau ungswege bei —, vonFraenkel 
899, — und Tuberkulose, von Simonin 
1365, Diphtherie u. Diphtheriebazillus 
bei —, von Schabad 1515, Pathologie 
und Therapie des —, von Tobeitz 
1515, „return cases“ bei — und ihre 
Verhütung, von Millard 1591, Agglu¬ 
tination bei —, von Salge 1729, 
Streptokokkenserum bei —, von 
Baginsky 1730, von Moser 1730, Photo¬ 


therapie des —, von Sclioull . . . 2166 
Scharlacherytheme bei Infektion «krank- 

heiten, von Pascoletti.1066 

Scharlachpatienten, Ansteckungsgefahr 

der entlassenen, von Aaser . . . 1769 

Scharlach rekonvaleszen ten,.\ nsteckungs- 
fähigkeit der Schuppen bei, von 
Millard.1155 


Seite 

Schaumleber, von Thorei.2102 

Schaumorgane, Erreger der, von Uffen- 
heimer 68<\ — und Gangrene fou- 
droyante, von Westenhoeffer .... 1356 
Scheide, Chorionepitheliom der, von 
Peters 1312, Verletzung der — beim 
Koitus, von Hermes 1398, spontane 
Ruptur der —, von Rommel . . . 1431 
Scheiden- u. Gebährmutiervorfall, opera¬ 
tive Behandlung des, von Baumm . 417 
Scheidendefekt, von Donati .... 374 
Scheidengewölbe, Verletzungen des, sub 

coitu, von Bohnstedt.756 

Scheinoperationen bei eingebildeten 
Krankheiten, von Schächter .... 118 
Scheinzwitter, von Neugebauer 326, 
männlicher —, von Weissbart . . . 974 
Scheitelhirntumor, von Boettiger . . . 894 

Schematismus der Zivil- und Militär¬ 
ärzte im Königreich Bayern, von 

Zwickh .1013 

Schenkelhalsfissur, kongenitale, von 

Helbing.715 

Schenkelhalsfraktur, von Trendelenburg 
550, von Pels-Leusden 537, von Dietzer 1430 
Schenkelhernie mit Harnblase als Inhalt, 

von Manega.1978 

Scherznummer .. 2031 

Schiefhals, muskulärer, vou Schanz . . 591 
Schieioperation, von Schoeler.1433 


Schilddrüse, von Lübcke 936, Krank¬ 
heiten der —, von v. Eiseisberg 151, 
— bei Infektionskrankheiten, von 
Kashiwamura 154, papilläres Cyst- 
adenom der —, von Smoler 1015, 
Resisteoz der Kolloidsubstanz der — 
in der Leiche, von Masini 1518, Be¬ 
deutung der — für den Haushalt der 
Natur, von v. Eiseisberg 1772, Wir¬ 
kung der Nervendurchschneidung auf 


die —, von Katzenstein 1928, Adeno¬ 
karzinom der — , von Hirsch . . . 2068 
Schilddrüsenexstirpation, Organ Verände¬ 
rungen nach, von Bensen . . . 2017 

Schilddrüsentätigkeit, Nierenveränderun- 

gen bei Ausfall der, von Blum . . . 155 
Schimmelkrankheit, bösartige, des Pfer¬ 
des, von de Haan.1110 

Schimmelpilze,Kultur undAnreicherungs- 

methode für, von Plaut.208 

Schlachttiere, Vorkommen und sanitäts¬ 
polizeiliche Behandlung tuberkulöser, 

in Bayern .1639 

Schlachtvieh- und Fleischbeschau . . . 390 
Schläfenbein, Plattenepithelkrebs im, von 

Sturm.981 

Schläfenlappen, operative Entfernung 

des, von Edinger.492 

Schlafkrankheit s. a. Lethargie. 
Schlafkrankheit, von Broden 496, — der 

Neger, von Ziemann.1715 

Schlaflosigkeit, Narkotika bei der, in be¬ 
ginnenden Psychosen, von Raquer . 1850 
Schlafmittel und ihre physiologische 

Wirkung, von Koch und Fuchs . . 814 
Schlangengift s. a Antivenene. 
Schleimcyste,retrotracheale,vonHarmsen 899 
Schleimdrüsenkystome, polypöse, des 
Labium minus, von Bluhm . . . 247 

Schlund, Pulsionsdivertikel des, von 

Rosenthal.1510 

Schmerzen, hypophrenische, und Neurose 
des Plexus coeliacus, von Hoffmann 265 
Schmerzlindernde Mittel, natürliche, des 

Körpers, von Ritter.722 

Schmierseifenbehandlung, von Baginsky 173 
Schnürfurchen, von Springer. 2029 


Schnupfen, Spezifikum gegen, vonLeper 262 
Schock, Verhinderung von, und Infektion 
bei chirurgischen Operationen, von 
Turck 35, — bei Abdominalopera¬ 
tionen, von Hawkins-Ambler 36, Ver¬ 
hütung des —, von Brown 36, — 
bei intranasaler Behandlung, von 
Mink 624, elektrischer —, von As- 


pinull, von Trotter.97S 

Schröpfen, modifizierte Methode des, von 
Rubinstein.1520 


1405 


1931 

290 


2067 

898 

383 


Seite 

Schröpfköpfe, antike, von v. Töply . . 1932 

Schrumpfmagen, von Müller.300 

Schrumpfniere, genuine, im Kindesalter, 
von Democh 669, diätetische Behänd 
lung der —, von v. Noorden .... 1553 
Schulärzte 1487, staatliche — von Leu 

buscher.1625 

Schularztfrage.1987 

Schuleintritt, körperliche und geistige 

Reife beim. 

Schulhygiene, Verrichtungen der Kreis 
ärzte auf dem Gebiete der 392, Hand 
buch der —, von Burgerstein und 
Netolitzkv 1586, geschichtliche Ent 
Wicklung der —, von Landau . 

Schulkopfweh, von Holst. 

Schulter-, Gaumen- und Kehlkopf 

lähmung, von Fraenkel. 

Schultergelenkserkrankung, syphili 

tische, von Luce. 

Schulterluxation, Nervenlähmung nach 

von Urban . 

Schultermessung, von van der Minne 
und Zeehuisen 1398, diagnostischer 
Wert der —, von Casparie und 

Zeehuisen.1059 

Schulterverrenkung mit Abrissen der 
Art. thorac. longa, von v. Noorden 
115°, blutige Reposition veralteter 

—, von Dollinger.1862 

Schussläsion durch die zentralen op¬ 
tischen Bahnen, von Christiansen . 1769 
Schuss Verletzung s a. Herz, Auge, Bauch¬ 
schüsse, Projektil, Schädelschüsse, 
Bauchwunden, Burenkrieg,Geschosse. 
Schussverletzungen, von Perthes 801, 

—. von Schjerning, Thöle und Voss 
973, — des Dünndarmes, von Francke 
583, die in Tübingen 1891—1901 be¬ 
obachteten —, von Linser 713, — 
des Kniegelenks, von La Garde 1066, 
Statistik über —, von La Garde 1935, 

des Schädels, von Jrvine.2162 

Schusswunden, diagnostische Irrtümer 

bei, von Rodman.1934 

Schutzgebiete, Mitteilungen aus den 

deutschen.1764 

Schutzimpfung s. a. Milzbrand, Typhus. 
Schutzimpfung, Erfolge der, gegen 

Typhus, von Wright.1852 

Schutzpockenimpfung, 1901 erschienene 
Schriften über die, von Voigt 1715, 
Bericht über die — im Königreich 
Bayern i. J. 1901, von Stumpf . . . 8009 

Schwachsinn, moralischer, von Trömner 383 

Schwangerschaft s. a. Ovariotomie, Ia- 
rynxtnberkulose,Uterus, Extrauterin¬ 
gravidität, Gravidität, Eileiter- 
schwangersch., Tubargravidität. 
Schwangerschaft, Symptome und Zeichen 
der beginnenden, von Schenk 156, 

— in der Kindheit, von Robertson 
542, Wertigkeit der einzeinen Zeichen 
der beginnenden —, von Schenk 553, 
Berechtigung und Notwendigkeit der 
Unterbrechung der — bei tuberku¬ 
lösen Arbeiterfrauen, von Hamburger 
986, gutartiee Tumoren bei —, von 
Emmet 1066, Funktion der Leber in 
der —, von Viola 1066, interstitielle 
—, von Buttenberg 1120, Pigment 
der Haut und Urin während der —, 
von Wvchgel 1151, Komplikation der 

— durch Mastdarrakrebs, von Endel¬ 

mann 1398, extrauterine interstitielle 
—, von Ulesko-Stroganowa 1470, 
Dauer der menschlichen —, von 
Füth 1663, von Zweifel 1663, Indi¬ 
kationen zur künstlichen Unter¬ 
brechung der —, von Ilofmeier, 
l’inard, Rein, Schauta 1814, von Simp¬ 
son 1815, Blutung im Rückenmark 
während der —, von Bruce 1850, — 
kompliziert mit Portiokarzinom, von 
Goebel 8008, Komplikation der — 
und Geburt mit Mastdarmkrebs, von 
Rossa.2016 

Schwangerschaftsikterus, von Benedict. 759 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


LY 


Seile 

Schwangerschaftsmonate, die zehn, von 

Sehultze 153, von Lachs.585 

Schwangerschaftszeichen, Hegar'sche, 

von Seilheim.153 

Schwarzwasserfieber, von Rage 1933, — 
bei Qaartana, von Otto 202, — und 
Chinin, von Cega de Celio 419, von 
Remhard672, Mittel der Eingeborenen 
gegen —, von O'Sullivan-Bearo 761, 
Aetiologie des —, von Rage 1314, 
Malaria und —, von Scblayer 1314, 

— und Chininprophylaxe, von Plehn 1628 


Schwefelsiiuredimethylester, Giftigkeit 

der, von Weber.376 

Scliwefelsäurevorgiftung, von Mansbach 904 
Scbweissfuss, Behandlung des, mit Tanno- 

form, von Gramme .343 

Schwellungskatarrh, durch Koch-Weeks'- 
sche Bazillen hervorgerufene Epide- 

; mie von, von Markus. 40 

Schweninger s. a. Geschichte der Medizin. 
Schweninger Ober Moden und Meihoden 
in der Medizin 1076, Ernennung —s 
zum Professor der Geschichte der 
Medizin, von Baas und Sudhoff 


1367 , 1483, 1520 


Sohweninger-Affaire.643 

Schwermetalle, Abgabe von, an Essig¬ 
säure, von Lehmann .340 

Schwindelgefühl, psychisches, von Va- 

sebid.1474 

Schwindsüchtige, individuelle und allge¬ 
meine Hygiene, mit spezieller Be¬ 
rücksichtigung von Sanatorien, von 

Herbert.•.2017 

Schwindsuchtsanlage, angeborne, von 

Sticker . . . . 1375 

Sch windsuchtebekftmpfung. Aufgaben der 
Schule bei der, von Obertüschen . 1853 
Sectio caesarea, von Skutsch 769, von 

Papanicol .1019 

Sedimente, Konservierung von, für die 

klinische Mikroskopie, von Gumprecht 712 
Seekrankheit, von Schwerdt 682, von 

Fischl.1445 

Seemannsordnung u Geschlechtskrank¬ 
heiten, von Graeser . . . .1965 

Sehapparat, Symmetrie unseres, als eines 
paarigen Organes, von Knapp . . . 1935 
Sehen s. a. Körperlich-Sehen. 

Sehen, neue Theorie des, von Pizon 893, 
zweiäugiges — der Wirbeltiere, von 

Tschermak.1118 

Sebfaaem, Verlauf der zentralen, von 

Probst.374 

Sehhügel, mimisches Zentrum im, von 
Kirchhoff 1470, Bedeutung des —, 


Sehsphären, Entwicklung der, von Mo¬ 
nakow .940 

Sehstörungen, funktionelle, von Gunn . 1593 

Sehnen, seidene, von Lange. 10 

Sehnendefekte, neue Methode zum pla¬ 
stischen Ersatz von, von Hertle . . 1846 
Sehnengewebe, Neubildung von, von 

Lange.166 


Sehnenluxationen, von Haberem . . . 415 
Sehnenplastik s. a. Ersatz. 

Sehnenplastik, von Rosenfeld 903, ostale 
—, von Wolff 889, — bei Lähmungen, 


von Lange.*.1552 

Sehnenscheiden, Verfahren zur Heilung 
tuberkulöser, und Gelenke, von Hoeft- 

mann.1775 

Sehnenüberpflanzung, indirekte, von 

Mainzer.869 

Sehnenverpflanzung, Funktionsherstel- 

lung durch, von Reichard.327 

Seidenerzengung, Schäden der fabrik- 

massigen, von Venco.1435 

Seife, bakterizide Wirkung der, von Kon- 
rädi 1928, desinfizierende —, von 

Tonzig.419 

Seifenspiritus als Desinfiziens medizini¬ 
scher Instrumente, von fierson . . 1849 
Sektions- und Operationstisch für Labora- 

toriumsversuchstiere, von Czaplewski 1627 
Seibstbeachädigungsversuche, von Edel 202 


Seite 

Selbstinfektion in der Geburtshilfe, von 

Krönig. 1100 

Selbstmord, versuchte Täuschung durch, 

von Seydel . 1316 

Selbstschutz der Organe gegen toxische 

Agentien, von Cafiero.1316 

Selbstverstümmelungen, von Anschütz. 116 

Sensibilitätsverhältnissc des Sympathi¬ 
kus und Vagus, von Buch . . . . 626 


Sepsis, akute, von Häberlin 117, Behand¬ 
lung der —, von Wernitz 289, 1016, 
puerperale —, von Mansbach 553, 
von Fry 1631, Behandlung der puer¬ 
peralen, von Osterloh 894, von Reid- 
haar 2159, Beginn der —, von Ber¬ 


telsmann .2100 

Septumverbiegung, Operation gegen, von 

Grant.1593 

Septumperforation der Chromarbeiter, 

von Bamberger. 2144 


Serum s a. Rekonvaleszentenserum, Heil¬ 
serum, Blutserum, Pferdeserum, Im- 
munserum, MenschenBerum, Anti- 
streptokokken8erum. 

Serum, leukolytisches, von Franke 325, 


Vielheit der Komplemente des 
von Ehrlich und Stichs 671, Isoagglu- 
tinine im — gesunder und kranker 
Menschen, von v. Decastello und 

Sturli. 1090 

Serumagglutinine, von Lan ’steiner . . 1905 
Serodiagnostische Versuche, von Kreibich 1193 
Serumexantheme, von Ritter von Ritters¬ 
hain 1152, von Monti.1819 

Serumreaktion s. a. Widalsche Reaktion. 
Seromtherapie per rectum, von Collins 379 
Seuche, bei Ratten vorkommende, von 

Schilling.459 

Sexuelle Erkrankungen, von Weits . . 1936 
Sexuelle Moral und sexuelle Hygiene, 

von Siebert ... 152 

Siderophon, von Jansen.2155 

Siderosis s. a. Auge. 

Siderods, ektogene, des Bulbus, von 

Stargardt . . 1590 

Siebbein- and Keilbeinhöhlen, Aetiologie, 
Diagnose und Behandlung der Eiter¬ 
ungen der.1593 

Silber, Verhalten des löslichen, im Körper, 

von Beyer.331 

Silber?albe bei puerperaler Sepsis, von 
Pulvermacher . . 1897 


Simulation, Nachweis der, und Ueber- 
treibung bei Unfallverletzten, von 
Kirsch 1202, 1770, Nachweis der — 
bei Hysterischen und Unfallskranken, 
von v. Hösslin 1521 , 1640, von Niedner 

1705 , 1883 

Sinus, subkutane Zerreissungdes, longitu- 
dinalis durae matris, von Riegner 
41 ft, akzessorischer — occipitalis, von 
Hölscher 1232, Eröffnung des — ca¬ 
vernosus bei Thrombose, von Vos . 2094 
Sinusitis, Pathologie und Therapie der 
frontalen und ethmoidalen, von Axen- 


i 

\ 

i 


feld 


1716 


Sinusthrombose, experimenteller Beitrag 
zur Aetiologie der, von Dörr 310 , 
operative Behandlung der otogenen 
—, von Crunert 980, geheilte otitische 


von Alt.1112 

Situs transversus b. a. Dickdarm 
Skabies s. a. Thier kubies, Krätze. 

Skabies, Anatomie der, von Török 297, 
follikuläre —, von Babes.2019 


Sknpula, erworbener Hochstand der, von 
Bender 357 , von Deutschländer 1900, 
kongenitaler Hochstand der, von 
Froehlich 767, Chondrosarkom der—, 

von Deganello..1356 

Skarlutina, bakteriologische Untersuch¬ 
ungen bei, von Baginsky u. Sommerfeld 247 
Sklerodermie, von Neubeck 256, von 
Riegel 2103, circumscripta —, von 
Zarubin 32t), — nach Basedowscher 
Krankheit, von Krieger 680, — ohne 
Arteriitis, von Goldschmidt850, diffuse 


Seite 

—, von Lesser 1238, ungewöhnliche 

—, von Tedeschi.1810 

Skierödem, von Buschke.1764 

Sklerokeratilis, Behandlung der, von 

Sandford.1693 

Sklerom, systematisches Studium des, 

von v. Sehrötter.416 

Sklerose, multiple, von Hoffmann 326, 
von Flatau und Koelichen 1974, von 
Krause 2027, — nach Trauma, von 
Windscheid 809, — und ihre differen¬ 
tielle Diagnose, von Treupel 865, — 
nach Trauma, von Stursberg .... 1277 
Skoda, Gesamtausgabe der Schriften . 304 
Skoliose, hysterische, von Binswanger 
210, Entstehung und Behandlung der 
—, von Wullstein 547, neurogene—, 
von Hoffa 766, — bei Halsrippen, 
von Garrö 766, Behandlung der — 
mitWeir-Mitchelscher Kar, vonHoeft- 
mann 766, Gipsbehandlung der —, 
von Wullstein 766, Forraverschieden- 
heiten der —, von Schuh hess 767, 
heilgymnastische Behandlung der —, 
von Becker 934, angeborene —•, von 
Pendl 934, portatives Detorsions- und 
Redressionskorsett für —, von Roth 
934, — in ihrer Behandlung und Ent¬ 


stehung, von Wullstein.974 

Skoliosenbehandlung, von Tilmann . 1068 

Skoliosen frage, Prinzipielles in der, von 

Bade.766 

Skoliosenredressement, von Schanz . . 2060 
Skoliosentheorie, Zuppingersche, von 

Schulthess.1192 

Skopolamin, von Bumke 1958 , — Mor¬ 
phiuminjektionen in der Geburtshilfe, 

von v. Steinbüchel.. . 2058 

Skopolaminnarkose, Schneiderl insche, 

von Bios.2157 

Skorbut, Aetiologie und Pathologie des, 


Skrotalhernie, Operation der, bei Kin¬ 
dern, von Anschütz .1807 

Soden als Kurort für Herzleidende, von 

Rothschild.982 

Solanum nigrum, Vergiftung mit, von 

Türk.735 

Solbäder, neue Erwärmungsart der 
kohlensauren, in Kissingen, von 

Vanselow . . . . . 2085 

Solvosal Lithium.558 

Sondo zum Tamponieren der IIohlräume f 

von Gerota.672 

Soor, Pathogenese des, von Denecke 
533, Behandlung des — und der Sto- 
macace gangraenosa, von Wladimiroff 761 
Soriano, Dokumente über, von Vargas 1195 
Soxlets Nährzucker, von Klautsch 1286, 

von Weissbein.1357 

Soziale Medizin.1783 

Spätapoplexie, traumatische, von Bohne 2181 

Spalthand, von Perthes.801 

Spasmus nutans, von Simon.1475 

Speichel, Rhodanreaktion des, bei Ohr¬ 
erkrankungen, von Alexander u. Reko 1809 
Speichelstein der Submaxillardrüse, von 

Gorota.673 

Speichelsekretion, Zentrum der, von 

Kohnstamm.813 

Speiseanstalt, Kost einer Wiener, von 

Hamburg.460 


Speisen, Verdaulichkeit der,, von Schilling 1664 
Speiseröhre s. a. Oesophagus, Fremd¬ 
körper. 

Speiseröhre, spindelförmige Erweiterung 
der, von Züsch 491, von Zinsser 2175 , 
nekrotisierende Entzündung der — 
bei Scharlach, von Fraenkel670, Krebs 
der — bei einem Tuberkulösen, von 
Unverricht 858, akuter Verschluss der 
—, von Killiao 1548, 1578 , Sarkom 
der —, von v Eicken 1846, atonische 
Erweiterung der —, von Lewinson . 2018 
Speiseröhrenerweiterung, idiopathische, 

von Rosenheim.382 


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1901 


LVI 


Seite 

Spekulum für (len vorderen Teil der 
Harnröhre, von Fackenheim 1366, 
neues —, von Theilhaber . . . 1514 

Spermin u. Befruchtung, von Waldeyer Ii57 

Spezialarzt, Bezeichnung als.1029 

Spezialist als arztähnlicher Titel 1321, 1559 

Spliygniologie, von Zerros.1359 

Spielhäuser in Belgien.910 

Spielmarke, von Urban .7*9 

Spina bifida, von ßoekenheimer 325, — 
von Nicoll 1360, Diagnose der —, 
von Muscatello 1430, Radikalopera¬ 
tion der —, von Schmidt ... 1513 
Spinalgie als Frühsymptom tuberkulöser 

Infektion, von Pelrusehky.1818 

Spinalkokainisierung, von Schiassi . . . 197S 
Spinalpaudyse, hereditäre und familiäre 
spastische,von Kühn 1892,spastische 
und syphilitische —, von Krb . . 2161 
Spirometrie, von v. Hoesslin 1952 , von 

Uebhar.lt . 1953 

Spitzfu-s, paralytischer, von Wegner . 33i 
Splenopneumonie Grancher, von Mori . 1434 
Smegmabazillus, von Möller. 539 j 


Spondylitis, traumatische, von Krüger 
421, von Weigel 915, Behandlung der 
tuberkulösen —, von Wullstein 547, 
Wachstumsveränderungen an den 
Wirbeln nach — tub., von Zalowiecki 2158 
Spontangangrän der Extremitäten, von 


v. Wartburg . . . 2157 

Sprachstörungen, Behandlung der, beim 

Wolfsrachen, von Coen.889 

Sprechfähigkeit, Erhaltung der, nach 
Zerstörung der zweiten linken fron¬ 
talen Hirnwindung bei einem Links¬ 
händigen, von Berthomier.1980 


Sprengelsche Deformität, von Kölliker . 723 
Spritze s. u. Intrauterinspritze, llart- 
parafin, Subkutanspritze,Thermophor- 
spritze, Injektionsspritze. 

Spritzentypus, neuer, von Inghilleri . . 377 
Spucknäpfe, verbrennbare, für Phthi¬ 


siker, von Flügge.418 

Spülapparat, von Reinewald.1547 

Spulwürmer, Perforation des Darmes 

durch, von Solieri.718 


Sputum, Pseudotuberkelbazillen in, von 
Lichtenstein 11)60, Diplokokkus im —, 
von Gromakowsky 1545, technische 
Hilfsmittel zur Aufnahme tuberku¬ 
lösen —, von v. Dubrav 1855, Visko¬ 
sität des —, von Neumann .... 2016 
Staatsdienst, Prüfung für den ärztlichen, 

in Bayern. 1168, 1322 

Stadt, Wechselbeziehungen zwischen, 
und Land in gesundheitlicher Be¬ 
ziehung, von Roth .1677 

Stäbchen, neues alkohol- u. säurefestes, 

von Obscliaretzky.1231 

Standesordnung, ärztliche .... 46. 47 

Standes- und Ehrengerichtsordnung . . 558 
Staphylokokkeninfektion, typhoide Form 

allgemeiner, von Hirtz u, Delamare 588 
Staphylokokkenperitonitis, von Tiburtius 803 
Staphylokokkenpyämie, puerperale, von 

v. Magnus.1433 

Stapbvlokokkentoxäinie, von Hug . . . 1015 
Staphylokokkus, Einwirkung des Trau¬ 
benzuckers auf den, pyogenes, von 
Kayser 849, — als Ursache benigner 
Knochenneubildung, von BobrotY und 

Rudneff.887 

Starkstromverletzungen, von Jessen . . 182 
Star s. a. Altersstar. 

Staroperation, ungewöhnliche, von 

Hirschberg.671 

Statik und Dynamik, von Hagen-Dorn . 1191 
Statistik s. a. Todesursachen Statistik. 
Stauungsleber, idiopathische, von 

Penkert.. . 1589, 1847 

Stecknadel, verschluckte, von Engelmann 207 
Steinoperation, von Preindlsherger . . . 1674 
Stenokardie, Therapie und Pathogenese 

der, und verwandter Zustände, von 

Breuer.. 1604 

Stenokardischer Anfall, Symptomatologie 

des, von Kaufmann und Pauli . . 1895 
Sterbekasseverein der Aerztc Bayerns . 1781 


INHALTS -VERZEICHNIS. 


Seile 

Sterilisation, von Schnitze.1674 

Sterilisationsapparat für Verbandmate¬ 
rialien, von Weigl. 321 

Sterilisationsbüchse für Jodoformgaze, 

von Schickiberger.201 

SteriliRationsfrage, von Kocks.1586 

Sterilität, künstliche, phthitischer Frauen, 
von Neumann 585, tubare —, von 

Ehrendorfer.802 

Stichkanaleiterungen, von Maylard . . 543 
Stichverlet/.ung, von van der Briele . . 1430 


Stickstoff Wechsel der an Adipositas ni- 


mia leidenden Kinder, von Hellesen 1769 
Stieldrehung, Ursachen der, von Payr . 719 
Stieltorsion, Bauchschnitte bei, von Ova- 
rial- und Paraovarialtumoren, von 

Goldberg.713 

Stillen, Abnahme der Fähigkeit zu, von 
Marfan 851, ungewöhnlich langes —, 

von Clarke und Niehol.1155 

Stimmband, Lymphangioma caveinosum 

eines, von Fein.1275 

Stimme, Krankheiten der, von Castex . 1662 


Stirnhirn, psychische Störungen bei Ge¬ 
schwülsten und Verletzungen des, 
von Müller 1016, Funktionen des —, 
von Friedrich 1725, Diagnostik der 
Geschwülste des —, von Auerbach 1974 
Stirnhirntumor, von Wollenberg . . . 2023 
Stirnhöhleneiterung, Operationsmethode 
der, von Kiilian 1023, Killiansche 
Radikaloperation chronischer —, von 
Kraus und Kiilian 1477, 1547, opera- . 
live Behandlung der —, von Burchardt 2067 
Stirnhöhlenempyem, durch Killiansche 
Radikaloperation geheiltes, von He- 

gmer .1731 

Stirnböhlenkatarrh, akuter, von Engel¬ 
mann .943 

Stoffwechsel s a. Dnrmbakterien, Eiweiss, 
Ovariutn, Gicht, Osteomalacie, Levico- 
wasser, Alkohol, Kastration, Säugling. 
Stoffwechsel, Einfluss des Natronsal¬ 
peters auf den — des Hundes, von 
Rost 459, — bei Wasserentziehung, 
von Spiegler 625, — wachsender 
Hunde, von Rost 714, respiratorischer 
—,von Rosenthal 1025, Einfluss d. Mer- 
gentheimer Karlsquelle auf den — 
bei Diabetes und Fettsucht, von Al- 
lard 1059, — bei Tuberkulösen, von 
Mircoli und Soleri 1516, — bei chro¬ 
nischer Nierenentzündung,von v.Rzet- 
kowski 1712, Kenntnis des patholo¬ 
gischen —, von v. Jaksch 1818, — von 
Tieren in der Rekonvaleszenz, von 


Schwenke.1848 

Stoff- und Kraftwechsel des Säuglings, 

von Cronheim und Müller.1107 

Stoffwechselkrankheiten, vererbbare zel¬ 
luläre, von Ebstein ........ 1149 

Stoffwechselpathologie, von Freund . . 805 


Stoffwechselstörungen bei magendarm- 

kranken Säuglingen, von Pfaundler 69 
Stokes-Adamssche Krankheit, von Jaquet 848 
Stokvis, Barend Josef f, von Pekelharing 1920 
Stotterblase, Behandlung der schweren 


Formen von —, von Fenwick . . . 760 
Stottern, hysterisches, von Guillain . . 75 

Strabismus, Behandlung des, convergens, 
von James 1630, operative Behand¬ 
lung des —, von Koster.1767 

Strafmündigkeit.342 

Strammoniumvergiftung, von Knaut. . 2180 
Strangulationsverletzung, von Urban . 816 
Strassenhygiene, Verbesserungen der, 
von Wevl 3K2, — im Altertum, von 

Nielsen *.1313 

StreichauskultationJ und Transsonanz, 

von Blad.715 

Streifzüge, medizinisch botanische, von 

Model .. 1303 

Streptokokken, Arteinheit der patho¬ 
genen, von Murmorek 623, Allgemein- 
inf'-ktion durch —, von Wrede 941, 


Einheit der pathogenen —, von Mar¬ 
more k 1195, Eintritt der —, von 

Meyer.1716 

Streptokokkenepidemien, von Bernard . 292 


Seite 

Streptokokkenerkrankungen, Epidemie 

von, von Förster.2164 

Streptokokkengift, von Marmorek . . . 539 
Streptokokkenösophagitis, von Simmonds 634 
Streptokokkenserum, von Piorkowski 
2059,— und Antistreptokokkenserum, 

von Aronson.1278 

Streptokokkentherapie, von Krupski . . 34 

Strepthotrix, aus Sputum isolierte patho¬ 
gene, von Rullmaun.925 

Streptothrixpyämie, von Löhlein . . . 1161 
Struma, Sympathikusresektion bei, ex- 
ophthaimica, von Ba'acescu 118, 

— aecessoria baseos linguac. von 
Smith 1769, Anatomie und Klinik 
der — maligna, von Ehrhardt 1807, 

— tuberculosa, von Clairmont . . . 2060 
Strumektomien, Folgen fast totaler, 

von Lundborg.1016 

Strumen, intrntborazische, von Simon . Iftl2 
Strychnin, therapeutische Verwendung 
des, von Fernet 124, Wirkung des 
8alpetersauren —, von Grube 1820, 
Einfluss des Dickdarminhaltes auf —, 


von Salani.1891 

Stypticin, von Kaufmann . . . 431, 1079 

Studienreisen, ärztliche, 391, 776, 951, 

952, 1167, 1322, 1520 
Stützapparate, orthopädische, von Möller 160 
Stupor und Katatonie, von Jones . . . 1592 
Subkutanspritze, tragbare aseptische, von 

Drever.1314 

Sublamm s. a. Händedesinfektion. 

Sublamin, von Engels 2096, Wirkung 
des — als Desinfektionsmittel, von 

Blumberg . 1634 

Sublaminpastillen als Händedesinfek¬ 
tionsmittel. von Krünig.1443 

Sublimat s. a. Aetzsublimat. 
Sublimatinjektionen, intravenöse, von 

Seratini.1979 

Sublimatpastillen, graduierte.1736 

Südafrika, neue Regelung der ärztlichen 

Verhältnisse in —, von Hönigsberger 1205 
Südseeinseln, Gesundheitszustand auf 

den, von Krämer.1934 

Suggestivbehandlung, sonderbare . . . 125 
Sulfitvergiftung, chronische, von Kionka 

und Ebstein.1627 

Superazidität, Behandlung der, von Walko 1673 
Superfötation, wahre, von Mazzarotto . 1518 
Supraorbitalneuralgie und entzündlicher 

Steinhöhlenschmerz, von Avellis . 1547 

Supraorbitalschmerz, von Czerny . . . 901 

Surrakrankheit der lfferde und Rinder 

in Togo, von Schilling .758 

Sycosis parasitaria, von Neuberger . . 1025 
Symblepharon, Operation von, von Land¬ 
ström .... 2155 

Sympathikus 8. a. Halssympath. 

Sympathikus, Einfluss von Gemüts¬ 
bewegungen auf den, von Buch . . 1810 
Svmphyseotomie s. a. Os pubis. 
Symphiseotomie, von Zweifel 585, 802, 
von Moncusi 1897, Bemerkungen 
über —, von Cristeanu.118 


Syndaktylie, kongenitale, von Urban . 383 

Syphilis s. a. Angina pectoris, Bazillus, 
Becken. Brückengeschwulst, Brust¬ 
drüse, Collessches Gesetz, Dünndarm- 
stenose, Frühsyphilis, Gefässsystera, 
Gehirnlues, Gesichtsfeldaufnahme, 
Heredosyph., Keratitis, Knochener¬ 
krankung, Lues, Mastdarmstriktur, 
Magengeschwulst, Nierengumma.Mes- 
aortitis, Nephritis, Nervensystem, Netz¬ 
haut, Parasyph., Pemphigus, Postikus¬ 
lähmung, Primäraff ekt, Propheta¬ 
sches Gesetz, Muskelkontraktur, 
Quecksilber, Rückenmarkserkran¬ 
kung, Schultergelenkserkrankung, 
Trachealstenose, Ulcus molle, Ulze- 
rationen. 

Syphilis, von Werner and Völckers 207, 
Behandlung der —, von Heuss 34, 
von Ayres 37, Blutuntersuchungen bei 
constitutioneller — unter dem Ein¬ 
fluss der Quecksilbertherapie, von 
Oppenheim u. Löwenbach 71, Ueber- 


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190'2. 

Seite 

tragun ge weise der —, von Friedländer 
155, interne Behandlung der —, von 
Werler 175, tertiäre -- des Pharynx, 
von Ievinger 291, Behandlung der — 
mit Mercnriol, von Jordan 205, mittels 
Quecksilbersäckchen und Mercolint, 
von Schuster 295, von Welander 329, 

— der Enkelin, von Pospelow 329, 
Indikationen zur Erneuerung der Be¬ 
handlung der —, von Halpem 380, 
Ursprung der —. von Bloch 414, 

— in Peking, von Matignon 426, 

— und Alkoholismus 509, Mercolint- 
scburz bei —, von Beck 646, Mercuro- 
Cröme bei —, von Havas 647, akut¬ 
infektiöse Erscheinungen der —, von 
Senator 888, pathologische Anatomie 
der — des zentralen Nervensystems, 
von Erb 939, Parrotsche Pseudopara¬ 
lysen bei angeborener —, von Scherer 
1152, — d’emblöe, von Marshall 1156, 
Behandlung der — mit Cyanqueck- 
silber, von Renault 1365, periphere 
Phlebitis bei —, von Bruusgaard 
1436, — und Irresinn, von Mott 
1592, Behandlung der — mit Asterol, 
von Baer 1629, — und Trauma, ins¬ 
besondere in gerichtlich- und ver¬ 
sicherungsrechtlich - medizinischer 
Hinsicht, von Stolper 1845, — und 
die Lebensversicherungen, von Weber 
1850, — und Malaria, von Rüge 1894, 
eigenartige Parasitenbefunde bei —, 
von Schüller 1894, tertiäre —, von 
Beckh 1900, Quecksilberinjektionen 
bei der Behandlung der —, von Le- 
redde 1942, von Renault 1942, Er¬ 
kennung der fötalen —, von Hecker 1975 

Syphilisbazillen, von Joseph und Pior- 
kowski 420, 757, von Niessen . . . 812 
Syphilisbehandlung, Grundsätze der, von 

v. Düring.1530 

Syphiliskonferenz.512 

Syphilisimpfungen am Tiere, von Hügel 

und Holzhäuser ....... 295, 380 

Syphilisrezidiv, von Neumann .... 1276 

Syphilitiker, Quecksilberreaktion bei, 
von Hertheimer und Krause 2159, 
Blutplättchenbefunde bei —, von 

Vörner. 2159 

Syphilitische Geschwüre, von Weither . 422 
Syphilom, Abortivbehandlung des, von 

Levi. . 329 

SyringokyBtom, von Neumann .... 297 
Syringomyelie, von Lippert 904, von 
Unverricht 1244, von Fleger 1474, 
Rückgratsverkrümmungen bei —, von 
Nalbandoff 154, —, • Gelenkerkran¬ 
kung, — Trauma, von Stolper 809, 

— im Lendenmark, von Kraske . . 2065 

T. 

Tabaksamblyopie u. Amaurose, von Noce 462 
Tabes s. a. Ciliarganglion, Kindertabes, 
Ataxie, Glykosurie, Gelenkserkran¬ 
kungen. 

Tabes, Symptomatologie der, dorealis, 
von Gross 71, Schwangerschaft und 
Geburt bei vorgeschrittener — dor- 
salis, von Mirabeau 124, Aetiologie 
der —, von Brasch 154, von Foumier 
293, Knochen- und Gelenkverände¬ 
rungen bei —, von Martens 331, 
Temperaturkrisen bei — dorsal is, von 
Oppler 671, — dorsalis mit Arthro¬ 
pathie und syringomyelitischen Stö¬ 
rungen, von Strominger 673, — und 
Syphilis, von Erb 6h0, Geburt bei 
vorgeschrittener — dorsalis, von Cohn 
718, — dnrch chronischen Satumis- 
mus, von Pansini 717, akute Ataxie 
bei —, von Josipowici 759, infantile 
—, von Idelsohn 1017, von Kauf¬ 
mann 1165, — dorsalis, von Bram- 
well 1235, abnorme Fälle von — 

dorsalis, von Taylor.1631 

Tachiol s. Fluoreiiber. 


1 NH ALTS-VERZEICHN IS. 

Seite 

Tachykardie, paroxysmale, von Kien . 1285 
Tageslicht, Wingensche Methode der 
Prüfung des, in Schulen, von Cohn 291 

Talgdrüsen, freie, von Stieda.1359 

Talmasche Operation, von Bunge 719, 
Gefahr der Talmaschen —, von Franke 
719, Indikationen der —, von Kretz 511 
Tamponadescheidenhalter, von Rudolph 804 
Tappeiner Franz v. f, von Hausmann . 1657 
Tarsusverschiebungen, traumatische, von 


Zuppinger.. . 1272 

Tasche, kompendiöse geburtshilflich¬ 
gynäkologische, von Dührssen . . 33 

Taschenbesteck , ohrenärztliches , von 

Rudloff.1024 

Taschenbuch für den bakteriologischen 

Praktikanten, von Abel.152 

Taschenkalender, ärztlicher für 1903 . 1903 
Taubheit, hysterische, von Wiebe 336, 382 
Taubenepizootie durch Heterakis per- 

spicillum, von Kasparek.494 

Taubstumme, Hörprüfungen bei, von 
Schubert 504, Labyrinth eines —, 


Taubstummenanstalt, Ergebnisse der 
Untersuchungen in der, in Weissen- 

see, von Treitel . 2098 

Taubstummheit, Pathologie der, von 
Habermann 980, Beziehungen der 
galvanischen Reaktion zur —, von 

Alexander und Kreidl.1021 

Taxe s. a. Gebührenordnung. 

Taxe, ermässigte, für Krankenkassen . 1167 
Taxis, weg mit derl von Lanz .... 177 

Teleangiektasie, von Leber.209 

Telegraphie s. a. Wellentelegraphie. 
Tendovaginitis cap. longi m.bicip.brachii, 

von Wülfing ..888 

Tenosinitis mit Reiskörperchenbildung, 

von Tomaselli.544 

Teratome, chorionepitheliom- u. trauben¬ 
molenartige Wucherungen in, von 
Schlagenhaufer 1018, zur Kenntnis 

der —, von Pick.2180 

Terminologie, klinische, von Roth 886, 
medizinische —, von Guttmann . . 1354 
Terpentinöl bei Blinddarmentzündung, 
von Mayer 1342 , — bei Gebärmutter¬ 
blutungen, von Leniewitsch .... 1476 
Tetanie, von Nathan 156, von Steiner 
1362, hysterische — im Wochenbett, 


von Cristeanu 118, Verhalten der 
Zunge bei —, von Schwalbe 940, 

— thyreopriva, von Ehrhardt 1312, 

— und Gastrosukkorrhoe, von Bru- 

nazzi 1315, neues Zeichen von —, 
von Solowieff 1476, Katarakt bei —, 
von Czermak 2068, — und Krampf¬ 
neurosen, von Freund. 2097 

Tetanus s. a. Gelatine. 

Tetanus, von Burns 979, von Schoug 
1437, von Kraske 2065, spezifische 
Behandlung des —, von Scott 37, — 
nach subkutaner Gelatineinjektion, 
von Lorenz 72, — infolge Diphtherie¬ 
heilserum Injektionen, von Siegert 85, 
durch Antitoxin geheilter —, von 
Mackey 203, von Bates 542, Heilung 
des — durch Heilserum, von d'Ancona 
251, Herpes zoster als Komplikation 
des —, von Mastri 462, — cephali- 
cus, von Schupf er 544, Erfolg der 
Baccellischen Karbolsäureinjektionen 
bei —, von Cioffi 717, traumatischer 
—, von Wadham 807, — im Wochen¬ 
bett, von Osterloh 1116, Antitoxin¬ 
behandlung des —, von Ullrich 1312, 
Gelatine und - , von Levy und Bruns 
1312, — nach Gelatineinjektion, von 
Gradenwitz 1586, von Matthäus 2165, 
Serumbehandlung bei akutem —, von 
Sedgwick 1631, *- des Neugeborenen, 
von Perrin 1767, — nach Gelatine¬ 
injektionen, von Eigenbrodt . . . 2102 

Tetanusgift, von Pasquini 1979, Nachweis 
von — im Blute beerdigter Leichen, 
von Symanski 117, Angriffspunkt des 


i/vn 


Seite 

—, von Zupnik 202, zentraler Angriffs¬ 
punkt des —, von Zupnik .... 1817 
Tetanusreinkultur, von Debrand . . . 1767 
Tetanustoxin, von Tizzoni und Collina 
251, chemische Natur des —, von 

Hayashi.375 

Tetanusvergiftung, Muskelstarre bei, von 

Meyer. 419 

Tetramethyl- u. Aethylammoniumjodide, 
Wirkung der, von Jakobj und Hagen- 

berg.1313 

Texasfieber, von Kolle.1933 

Thalamus- und Stirnhimtumoren, Dia¬ 
gnose der, von Bayerthal.939 

Thee, Wirkung der flüchtigen Bestand¬ 
teile von, und Kaffee, auf die Respira¬ 
tion des Menschen, von Lehmann und 

Rohrer.1663 

Theobromkakao, Oleodistearin im Fett 
der Samen von, von Fritzweiler . . 757 
Therapeutische Leistungen des J. 1901, 

von Pollatschek. 2093 

Therapie, Leitfaden der, der inneren 
Krankheiten, von Lipowski 199, Hand¬ 
buch der physikalischen —, von Gold¬ 


scheider und Jacob 622, Institut für 
physikalische - -in Rom 734,Dosierung 
in der physikalischen —, von Fried¬ 
länder 813, pneumatische —, von 
Zöpffel 1548, Lehrbuch der speziellen 
Pathologie und —, von v. Jürgensen 
1585, Handbuch der — innerer Krank¬ 
heiten, von Penzoldt 1585, Geschichte 
der — im XVII. Jahrhundert in Russ¬ 
land, von Lachtin 1659 , — an den 
Berliner Universitätskliniken, von 
Croner 1761, amerikanische Beiträge 
zur Entwicklung der modernen —, 
von Baruch 1898, Vorlesungen über 
spezielle — innerer Krankheiten, von 


Ortner.2013 

Thermalwässer, Untersuchung der, in 
Karlsbad, von Ludwig, Panzer und 

v. Zeynek.1628 

Thermophorspritze zur Paraffininjektion, 

von Ewald.1761 

Thermostat, selbstregulierender elektri¬ 
scher, von Tedeschi und Roselli . . 117 
Thigenol in der Gynäkologie, von Merkel 
2030 , — Roche, von FI atau .... 2165 
Thiocol, von Wintemitz und Vogt 1206, 

— und Sirolin, von Drago und Motta 
Coco 1823, von Fuchs .... 977, 1823 
Thiosinamin, vonTeleky 172, Injektionen 
von — bei hartem Tumor und Oeso- 
phagusstriktur, von Kaufmann . . . 2068 
Thomas-Pessar, von Hildebrandt . . . 1823 
Thompson Yates Laboratories Reports, 
von Boyce und Sherrington .... 1060 
Thomsensche Krankheit, von Grixoni 
250, von Embden 729, von Luce 855, 

von v. Rad.1551 

Thorakoplastik, Scliedesche, von Jordan 982 


Thorakozentese, Lungenödem und fibri¬ 
nöse Bronchitis nach, von Magenau 1697 
Thorax, Quetschung des, von Wegner 

331, Resektion des —, von Trzebicky 933 
Thoraxanomalien bei Phthise und Em¬ 
pyem und über Disposition zu Phthise, 


von Freund. 83 

Thoraxdruckmesser und die neue Lungen¬ 
probe, von Büdingen 928 , von Placzek 1147 
Thromben, Histologie der Fallopischen, 

von Fiori.1979 

Thrombosierung des gesamten Pfortader¬ 
gebietes, von ßaxer.857 


Thymusdrüse mit Rachitis, von Mendel 
134 , Ausschaltung der —, von Basch 
1863, Beziehungen der vergrösserten 
— zum plötzlichen Tod, von Peukert 1929 


Thymushypertrophie, von Lange . . . 1481 
Thymushyperplasie u. Thymustod, von 

Lange.1729 

Thyreoidin, von Nicholson.1556 

Thyreoiditis, akute nicht eitrige, von de 

Quervain.722 

Tibialisphänomen, von v. Strümpell . . 154 


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Lvm 


INHALTS-YERZEICITNTS. 


1902. 


Seite 


Tierskabies, von Neubeck.256 

Tinea versicolor, von Pratt.360 


Todesfälle: Alcina y Rancd 1560, Asch 
1904, Bulinski 647, Beely 776, Bergson 
1600, Berliner 1079, Bernatzik 2168, 
Blaise 86, Bockendalil 1824, Bühm 
von Böhmersheim 952, Borr 1447, 
Bouquö 391, 512, Bourlier 86, Broos 
van Doort 1488, Browne 1992, Bruck 
736, Brunelle 1560, Bruzelius 688, 
Büchner 600, 647, Burger 1992, 
Bürnett 391, Byrne 1904, Carmona 
y Valle 2031, Castro 1824, Chede- 
vergne 304, Clymer 864, Croßti 
1992, Curnow 1248, 1287, Crouzat 
559, Delacour 1686, Desträe 48, 
Dheilly 1128, Domblüth 1992, East- 
mann 1248, Eulenberg 1736, Fazio 
216, 304, Fenger 559, Feuer 2071, 
Filatow 304, Förster 1207, Frie¬ 
derwald 1686, Frusci 776, Fuhr 
1904, Garibaldi 176, Geissler 263, 
Gemy 86, Gerhardt 1287, Gleason 1248, 

Goltz 824, Gonzalez del Solar 1824, 
Guarino 991, Gugenheim 86, Habart 
776, Hahn 1872, Hasse 1640, v. Hebra 
688, 736, Herrnheiser 2186, Homs y 
Pascuets 86, Jarisch 512, Jelks 1287, 
Inzani 647, Johnston 647, 1248, Kalin- 
döro 824, Kaposi 431, v. K^zmärsky 
911, Kiesselbach 1168, Kijanowski 
1686,Koshewnikow 216, v.Krafft-Ebing 
2186,Kramer 176, Kremer 1287, Kübler 
1248, v. Kupffer 2170, Kussmaul 952, 

Lahs 391, Landois 1992, Lane 512, La- 
zarewitsch 559, Lefebvre 1407, Lersch 
431, Liegl 48, Maizner 1248, Marac- 
cino 1904, Marvand 1992, Masi 304, 
MassiniMeyenrock 2110, Mavroyäni 
Pascha 216, May 1904, Mehnert 1992, 
Metcalfe391, Meyer 1736, Middleton 
864, Mircoli 512, Monteiro 1904, Mott 
Moore 647, Munde 391, Nawrotsky 
1128, Nicoladoni 2071, Nieto y Serrano 
12^7, Nowatzky 1407, Ord 911, Paci 
1992, Pasteratzki 1488, Pernice 48, 
Phelps 1784, Piza 600, Ploss 1447, 

Porro 1287, 1322, Rager 2031, Reisz 
1287, 1322, v. Remmert 1447, Robert 
688, Römpler 776, Schenk 1447, 
Schiller 1079, Schöbl 736, Schulz 2110, 
Schwendt 1784, Secretan 911, Sieg¬ 
mund 344, Sigel 1686, Skrzeczka 911, 
Stokvis 1686, Strapart 1992, Struck 
2170, Sweetnam 86, Switalski 1560, 
v. Tappeiner 1447, Taruffi 1287, 1407, 
Tichomirow 991, v. Török 991, Toller 
512, Trautmann 824, Vertrees 2031, 
Virchow 1520, Walther 1407, Warner 
736, Wilde 1992, Wise 991, Wolff 344, 
Wosskressenski 647, v. Ziemssen . . 176 
Todesfälle, plötzliche, im Kindesalter, 
von v. Ganghofner 1728, von Richter 1728 
Todesursachenstatistik, Zuverlässigkeit 
der, Württembergs, von Prinzing . 152 
Töchterlein, das, sein Leben, seine 
Erziehung, seine Kleidung, von 

Mayr.1150 

Tollwut s. a. Lyssa. 

Tollwut, Ausbruch der, 7 Monate nach 
der Pasteurschen Schutzimpfung, von 
Kasparek u. Teuner 1545, Impfungen 
gegen — im Institut Pasteur zu Paris, 
von Viala 1598, Immunisierung gegen 


die —, von Krasmitski .1766 

Toluylendiaminvergiftung, Veränderung, 
der Blutkörperchen bei, von Schwalbe 

und Salley.1399 

Tonsille, Sarkom der, von v. Heinleth . 1363 
Tonsillitis s. a. Tubenmandel. 


Tonsillotomie, tödlicheNachblutungnach, 
von Damianos und Hermann 419, 
Blutstillung nach —, von Heermann 891 

Torfstuhlverfahren. 2031 

Torticollis spastica, von Hasebroek 1900, 

— spasmodicus, von Hesse .... 2099 
Toxikologie, Grundriss der, von Kionka 1467 


Seite 

Toxine, Entstehung der, von Zinno 248, 

— und Isomerie, von Viquerat . . 976 
Toxinämie bei Eiterung im Schläfenbein, 

von Eulenstein.981 

Trachea, Nahtverschluss der Inzisions¬ 
wunden der, von Moure.891 

Trachealkanülenbrüche, von Galatti . . 35 

Trachealsarkom, von Killian .... 890 

Trachealstenosen, Pathologie u.Therapie 

der syphilitischen, von Strubell . . 1835 
Tracheotomiekanülen, Bruch der, von 

Galatti.588 

Trachom, Beiträge zur Therapie des, von 
Goldzicher 460, chronisches —, von 
Neustätter 641, Behandlung des — 
durch saturierte Karbolsäurelösung, 

von Nemtschenkoff.1476 

Trachombehandlung mit Kuprocitrol, 
von v. Arlt 805, — mit Kupfer- und 

Silbernitraten, von v. Arlt.1629 

Tränenabsonderung und Tränenabfuhr 
nach Exstirpation der Säcke, von 

Schirmer.1853 

Tränendrüse, Erkrankung der, von 
Wagenmann 682, Atrophie der — 
nach Exstirpation des Tränensackes, 

von Lundsgaard.1768 

Tränendrüsenkarzinom, von Axenfeld . 2063 
Tränenorgane, Erkrankung der, von 

Wagenmann .681 

Tränensack, Exstirpation des, von Axen¬ 
feld . 1289, 1394 

Tränensackektasie, von Velhagen . . . 1985 
Trait4 de mödecine et de thörapeutique, 

von Brouardel et Gilbert. 2056 

Transformationsgesetz, Wolffs, u. funk¬ 
tionelle Orthopädie, von Haglund . 1437 
Transplantation nach Wolfe-Krause, von 

Gray 37, — ganzerHautlappen,vonBier 546 


Transsonanz, Grenzbestimmung der 


Organe durch, von Pal ..341 

Transvaal, unter dem roten Kreuz in, 

von Fessler.932 

Traubenzucker, Entstehung von, aus 

Glycerin und Fett, von Cremer . . 944 


Trauma s. a. Basedow, Sklerose, Neurose, 
Fettgewebsnekrose, Hysterie. 

Trauma, ätiologische Bedeutung des, 
von Ritter 291, — und Plattfuss, 
von Karch 1276, — in seiner ätio¬ 
logischen Bedeutung im allgemeinen 
und für den Gelenkrheumatismus im 
besonderen, von Kühn 1316,—.Mye¬ 
litis, Syringomyelie, von Huismans . 1867 
Trepanosomenforschung, von Mühlens 1318 
Trichokephalus dispar, von Becker . . 1193 
Trichophytiepilze, Züchtung der, von 
Plaut 460, von Hollborn 758, Züchtung 
der — in situ, von Czaplewski . . 1895 
Trichterreagensglas, von Jacobsohn . . 1205 
Trigeminusneuralgie, chirurgische Be¬ 
handlung der, von Biagi.250 

Trinker, von Feldmann 2023, akute 

Geistesstörung bei —, von Feldmann 2097 
Trinkwasser, Behandlung des, mit Ozon, 
von Ohlmüller und Prall 757, Sterili¬ 
sation von — auf chemischem Wege, 


von Engels.1808 

Trinkwasserbehandlung, Sch umburgsche, 

mittels Brom, von Engels.1017 

Trinkwasserbereiter, fahrbarer, von 

Schüder und Proskauer.1472 

Trinkwasserverunreinigungen, bakterio¬ 
logischer Nachweis von, von Meus- 
burger und Rambousek . , . . . .1716 

Trional bei Chorea, von Mackey 379, 

von Henderson.760 

Trionalismus, von Thomas. 2065 

Troikart, neue Verwendung des, von 

Rahn 1486 

Trommelfell, Anheilung des, an den 
Steigbügel, von Matte 980, künstliches 
—, von Beutzen 981, Parazentese des 

—, von Zaufal. ... 2160 

Trommelschlegelfinger und Atrophie der 
Endphalangen, von Stöltzing . . . 656 

Tropakokain s. a. Rückenmarksanalgesie. 


8eite 

Tropakokain-Analgesien, Erfahrungen 

über 100 medulläre, von Schwarz . 129 
Tropenleben, körperliche Tauglichkeit 
für das, von Crombie 170, Spätwir¬ 
kungen des — bei Europäern, von 

Anderson.170 

Tropenmedizin, Schule für, in Liverpool 1168 
Tropenpathologie, Laboratorium für, in 

Leopoldville .391 

Trunksucht, Handhabung des Gesetzes 
gegen die, von Carswell 37, Be¬ 
kämpfung der — ..2108 

Tsetsefliege s. a. Nagana. 

Tsetsekrankheit, von Martini 1278, — in 

Togo, von Ziemann'.1716 

Tubage, pernasale, von Kuhn 1456, 
perorale —, von Kuhn 722, perorale 

— nach Kuhn, von Krug.328 

Tubargravidität s. a. Eileiterschwanger¬ 
schaft. 

Tubargravidität, von Heinsius 547, von 
Ruder 1900, Lehre von der —, von 
Heinsius 288, Hämoglobinurie nach 

geplatzter —, von Tauber.1868 

Tubarschwangerschaft, von Heikel 1437, 
geplatzte —, von Skutsch 770, inter¬ 
ligamental entwickelte —, von Skutsch 1550 
Tube, auffallend lange, von Payer 713, 
Deciduabildung in der —, von Lange 
803, tuberkulöse -, von Rieck 1119, 
Gonokokken in der —, von Kraus 
2014, Typhusbazillen in der —, von 
Koch 2014, Durchgängigkeit der —, 

von Ahlfeld.1761 

Tubenbauchdeckenfisteln, von Haeckel 974 
Tubenentwicklung, anormale, von Freund 83 
Tubenkarzinom, primäres, von Stolz 1432, 

von Zangemeister.1512 

Tubenmandel, Hyperplasie der, von 

Hopmann.589 

Tubenschwangerschaften, von Rieck 206, 
von Siedentopf 1281, 60 früh unter¬ 
brochene —, von Dobbert 756, Mas¬ 
sagebehandlung der —.262 

Tubensondierung, von Machenhauer . 888 
Tubenwinkeladenomyom, von Jung . . 1068 
Tuberkel, Histogenese des, von Pappen¬ 
heim 1847, Histogenese des häma¬ 
togenen —, von Miller.714 

Tuberkelbazillen s. a. Marktbutter, Ag¬ 
glutination. 

Tuberkelbazillen, Fettsubstanz der, von 
Kresling 73, Lebensdauer des — in 
Käse, von Harrison 494, Züchtung 
und Biologie des —, von Menzi 494, 
Wirkung in die Trachea eingeführter 

— auf die Lunge, von Watanabe 714, 

spezifische Färbung der —, von 
Aronson 986, Anreicherung der — 
im Sputum, von Königstein 1434, 
Nachweis von — im Sputum nach 
Hesse, von Parodi 1435, neues Ver¬ 
fahren zur Züchtung der — im Luft¬ 
röhrenschleim, von Hesse.2100 

Tuberculid, von Philippson.330 

Tuberkulin, Kochsches TR. und Tuber¬ 
kelbazillensplitter, von Spengler 716, 
Abgabe Kochschen —, 776, diagno¬ 
stische Bedeutung des alten —, von 
Bandelier 937, Reaktion der Pleuritis¬ 
rekonvaleszenten auf —, von Romani 
1065, — in der Behandlung des Lupus 
vulgaris, von Pamet u. Crocker 1555, 
diagnostische und therapeutische Ver¬ 
wendung des —, von Moeller und 
Kayserling 1586, Einfluss des neuen 

— auf den Stoffwechsel, vonMitulescu 
1716, altes Kochsches —, von Adler 
1941, — bei Hauttuberkulose, von 


Lassar.2181 

Tuberkulinbehandlung nach Goetsch- 
schem Verfahren, von Roemisch . . 1913 
Tuberkulininjektionen, diagnostische, 

von Franz.302 

Tuberkulinreaktion, von Zupnik 1818, 
Wesen der —> von Preisich und Heim 1110 
Tuberkulocidin Klebs, von Jessen . . 1060 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


LIX 


Tuberkulöse, Ernährung der, von Bem- 
heim 669, Ausschließsang der — von 
der Einwanderung in Amerika, von 
Knopf 1060, Stühle der—,von Anglade 
und Chocreaux 1978, obligatorische 
Registrierung aller —, von Biggs . . 

Tuberkulöse Erkrankungen, administra¬ 
tive Beaufsichtigung der, von Pattin 
1359, Behandlung von — mit zimt- 
saurem Natron nach Länderer, von 
Riegner. . 

Tuberkulose s. a. Peritonitis, Larynxtub., 
Menschentub.,Lungentub.,Phthisiker, 
Rheumatismus, Auskultation,Lymph- 
denom, Genitaltub., Kehlkopf, 
Lungenphtbise, Alkohol, Peritoneal- 
tub., Appendizitis, Vererbung, Liege¬ 
kur, Rachentub, Schwangerschaft, 
Rindertub., Impftub., Ohrenkrank¬ 
heiten, Hetolbehandlung, Heilstätte, 
Lungenheilstätte, Phthise, Schwind¬ 
sucht, Lungenschwindsucht, Cirrhose, 
Stoffwechsel, Urogenitaltub , ple uri¬ 
tische Exsudate, Hetol, Spinalgie, 
Venenentzündung, Bauchfelltub. Zeit¬ 
schrift, Zungentub. 

Tuberkulose der Lymphdrüsen, von 
Finkeistein 32, — der weiblichen 

Geschlechtsorgane, von Gorovitz 76, 
Serumdiagnose der —, von Romberg 
. 69, papilläre — der Cervix uteri, von 
Glöckner 153, Uebertragung der — 
durch die Kohabitation, von Glöckner 
153, persönlicher Faktor in der —, 
von Duckworth 203, —der Menschen 
und Rinder, von Arloing 213, Neueres 
über—, von Hueppe 257, Erforschung 
und Bekämpfung der — 261, Lecithin 
bei —, von Claude und Zaky 293, 

— verrucosa cutis bei Arbeitern in 
Kohlenbergwerken, von Fabry 295, 

— im Kaltblüterorganismus, von 

Herzog 327, — der glans penis, von 
Bernhardt 329, Frühdiagnose der — 
bei der versicherungspflichtigen Be¬ 
völkerung, von Neisser 416, Pro¬ 
phylaxe der — im Kindesalter, von 
Knopf 418, — eines Bären, von 

Geisenberg 494, Anzeigepflicht bei 
der —, von Fraenkel 539, — verrucosa 
cutis, von Joseph und Trautmann 
587, von Lassar 1278, Entstehung 
und Verhütung der —, von Weichsel¬ 
baum 716, Behandlung der — mit 
Harnstoff, von Morin 775, medika¬ 
mentöse Behandlung der —, von De 
Renzi 804, Diagnose der — der weib¬ 
lichen Blase, vonKrönig 848, Probe- 
Tuberkulininjektionen zur Abwehr 
der — in der Armee, von Klimowitz 
850, Behandlung der — mit Tuber¬ 
kulin, von Engel 850, die — und 
ihr Bazillus, von Ferran 851, — der 
Appendix, von Kraus 935, Internate 
und—, vonBaradat 1060, Heilstätten¬ 
behandlung der —, von Hammer 
1081, von Cozzolino 1128, Wider¬ 
standsfähigkeit der Büffel gegen die 
experimentelle —, von Prettner 1109, 
Heredität bei —, von v. Dräsche 1112, 

— der Harnröhre, von König 1158, 
Seramdiagnose der —, von v. Geb¬ 
hardt und v. Torday ^Wr^pezifische 
Behandlung der, von Hager H73. - 
der Nieren, Harnleiter und Blase, 
von Dreesmann 1201, Behandlung 
der — mit Neutuberkulin Koch, von 
Thellung 1231, Atrplntin<i^jr>Tinvoj-- 
fahren bei —, von Nebelthau 124L 
Beziehungen derPerlsucht zur mensch¬ 
lichen —, von Wolff 1278, Zeit- und 
Streitfragen aus dem Gebiete der —, 
von Orth 1314, _I473^ Arrhenal bei 

— 1364, Behandlung der — der 
Hoden, Samenblasen. Prostata und 
Blase, von Myles 1553, Kampf gegen 
die-, von Haussen 1586, Lohgerberei 
in ihrer Beziehung zur —, von Reitter 
1586, allgemein** und administrative 


Seite 


1982 


1916 


Seite 

Massnahmen zur Verhütung der — 

1592, Behandlung der — mit kakodyl- 
saurem Guajakol, von Menusier 1598, 
Uebertragung der — des Menschen 
auf das Rind, von Fibiger und Jensen 
1627, Genese und Verbreitung der 
—, von v. Dräsche 1629, Therapie der 

— des Blinddarms, von Weinsberg 
1629, Bedeutung der Zigarren für 
die Verbreitung der —, von Peserico 
1663, Vorschläge zur Bekämpfung 
der —, von Bäumel 1665, — im 
frühen Kindesalter, von Schlosstnann 
1676, — in den Irrenanstalten und 
ihre Bekämpfung, von Osswald 1715, 
Entwicklung der chronischen —, vom 
Standpunkt des Zellstoffwechsels be¬ 
trachtet, von Mitulescu 1818, 1891, 
Behandlung der chirurgischen —, 
von Macewan 1851, Entwicklung des 
Kampfes gegen die — als Volks¬ 
krankheit, von Fraenkel 1853, Kampf 
gegen die — vom Standpunkt der 
pathologischen Mykologie, von v. 
Baumgarten 1854, Prinzipien der 
Anzeigepflicht bei —, von van Rvn 

1854,-Bekämpfung in Frankreich, 

2170, vonCalmette 1854, Notwendigkeit 
der Frühdiagnose und Häufigkeit der 
UebertragunginBureaux,Werkstätten 
etc., von Savoire 1855, Beziehungen 
zwischen Menschen- und Tier- —, 
von Köhler 1856, von Arloing 1857, 
Nomenklatur und Klassifikation der 
—, von Turban 1859, — der weib¬ 
lichen Genitalien, von Martin 1858, 
von Faure 1859, von Arnann 1859, 
von Veit 1859, — der männlichen Ge¬ 
schlechtsorgane, von Burgner 1926, 
Ursachen der —, von Klebs 1982, 

— der weiblichen Geschlechtsorgane 
im Kindesalter, von Brüning 2015, 
Infektion mit — im Kindesalter und 
deren Bekämpfung, von Preisich und 
Schütz 2010, Serumdiagnose der —. 
von Ruitinga 2017, — und die Mittel/''' 
sie zu bekämpfen, von Holmboe und 
Hanssen 2017, Stoffwechsel in der 
chronischen —, von Mitulescu 2018, 

— und Krebs, von Aronsohn 2018, 

— der Schilddrüse, von Clairmont 
2060, reiner Harnstoff in der Behand¬ 
lung der —, von Harper 2161, Ver¬ 
suche über—, von Dean u. Todd 2162, 

— verrucosa cutis, von Lassar . . . 2181 
Tuberkulosebekämpfung, Stand der, in 

Frankreich, von Neuburger .... 1626 
Tuberkuloseerreger, Lebensbedingungen 

der, in der 8alzbutter, von Pettersson 1545 
Tuberkulosefälle, im path. Instutut zu 
Genf während 25 Jahren sezierte, 

von Zahn. 49 

Tuberkulosefragen, von Benedikt 672, 

Beiträge zur —, von Hell er . . . . 009 
Tubcrknlose hei1serum,^ v+m'~~MaragTiano 
543, Maragliano —, von Maragliano 251 
Tuberkuloseinfektion durch den Ver¬ 
dauungskanal, von Heller.166-4 

Tuberkulosekonferenz. Epilog zur inter¬ 
nationalen 1900, Tageblatt der — . 190-1 
Tuberkulosekongress in London, von 

v. Leyden.. . 118 

Tuberkuloseproblem in den Vereinigten 

Staaten, von Knopf.1982 

Tuberkulosenherde in Bukarest, von 

Proca.1546 

Tuberkulose-Spitäler und -Stationen, von 

v. Leube.1857 

Tuberkulose Verbreitung in Baden, von 

Hoffmann.1939 

Tuberkulosierung, Protest gegen Kochs, 

von v. Niessen.-.249 

Tuch im Darm, von Grawitz .... 207 
Tumoren, von Flatau 388, Behandlung 
des — albus im Kindesalter durch 
Gehverbände, vonFroelich 75, pseudo¬ 
parasitäre Zellformen bei malignen —, 
von Sanfelice 157, Diagnose der prä- 
vesikalen —, von Minet 169, pliysio- 


Seite 

logische Funktionen von —, von Al- 
brecht 1135, — der Cauda equina, 
von Volhard 1433, — lienis leucae- 
micus, von Huismans 1867, — der 
hinteren Schädelgrube, von Seiffer 
2027, intrathoracischer —, von Neu- 

mann.2181 

Tussis, Serotherapie bei, convulsiva, von 

Manicatide.1018 

Tympanitis, von Talma 248, — hysterica, 

von Talma .625 

Typhomalaria, pathologische Anatomie 

und Parasitologie der, von Gavala . 938 
Typhus s. a. Angina, Antityphusextrakt, 
Bazillus, Erkrankung, Rekurrens- 
typhus, Abdominaltypbus, Ernährung, 
Nephritis, Quellen, Paratyphus. 

Typhus, .Selbstmord bei, von Souques 
und Ribierre 169, Verbreitung des — 
durch die Luft, von Quill 760, Leber¬ 
abszess bei —, von Perthes 801, — 
ohne Darmerscheinungen, von Blu¬ 
menthal 815, Spätrezidiv nach —, von 
Hoffner 890, Resultat der Inokula¬ 
tionen gegen — in Südafrika, von 
Wright 1154, Ulnarislähmung nach 
—, von Liepelt 1192, Schutzimpfung 
gegen — in Südafrika, von Crombie 
1233, Heilserumbehandlung des — 
abdominalis, von du Mesnil 1238, 
Gelatinediagnose des —, von Chan- 
temesse 13i8, lokalisierte Peritonitis 
bei —, von Mackay 1360, operativ 
geheilte Perforation bei —, von Bruce 
1361, Pathogenese des - - abdomin., 
von Schottmüller 1561, Behandlung 
des — abdominalis, von Norway 1629, 

Wert der Impfung gegen — in Süd¬ 
afrika, von Crombie 1632, Behandlung 
des — abdom mit Laktophenin, von 
v. Schüler 1764, Aphasie bei —, von 
Colbertaldo 1811, Diagnose des — 
abdominalis, von Adler 1818, Aphasie 
und Hemiplegie infolge Embolie der 
Art foss. Svlv. nach — abdominalis, 
von Hrack 1849, — abdominalis in 
Kleinbasel 1875—1900, von Lotz 1893, 
Leukocytenwerte bei —, von Kühn 
2033, Bazillurie und Cystitis bei —, 

von Biss.2163 

Tvphus-Agglutinine und -Präzipitine, von 

' Bail.804 

Typhusbakterien,spezifisch wirkendeSub- 

stanz aus, von Brieger, von Schutze 1274 
Typhusbakteriurie, Urotropin bei, von 

Fuchs.. . 328 

Typhusbazillus, abnorme Lokalisation 
des, von Bezanpon und Pliilibert 84, 
Nachweis der —, von Drigalski und 
Conradi 290, Nachweis der — im 
Sputum, von Jehle 419, Bedeutung 
des — bei Erkrankungen des Respi¬ 
rationsapparates bei Typhus, von 
Glaser 947, Roseolenuntersuchung 
auf —, von Seemann 977, — im Urin, 
von Jacobi 1229, --, Koli-, Ruhr¬ 
bazillen, Differenzierung von, von 
Klopstock 1473, Lebensfähigkeit von 
— im Boden und auf Kleidungs¬ 
stücken. von Firth und Ilorrocks 1554, 
Sclmelldiagnose der —, von Joch¬ 
mann 1715, Nac hweis von — am 
Menschen, von Burdach 1894, — in 
der Tube, von Koch 2015, Vitalität 

des — von Proca. 2020 

Typhusbazillennachweis, Drygalski-Con- 

radiscbes Verfuhren des, von Klingcr 1808 
Typhuseystitis, von Levi und Lemieree 84 
Typbusdiagnose, von Altscliul 1074, früh¬ 
zeitige —, von Polacco und Gemelli 
288, kulturelle —, von Krause . . . 1471 
Typluisepidemie, bakteriologischer Be¬ 
fund bei, von Tlünermann . ... 1472 

Typhusschutzinipfungen, Erfolge der, im 
Richmond-Irrenhaus zu Dublin, von 

Wright. 35 

Typbuspneumonie, von Busquet . . . 1193 
Tyrosin, Pigmentbildung aus, von Op¬ 
penheim .1315 

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INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


LX 


Seite 

U. 


Ueberernährung, EinfluHB der, von Bards- 
well, Grodbody und Chapmann . . 761 
Ulcus duodeni, von Moltrecht .... 1440 
Ulcus molle am Finger, von Ullmann 85, 

— und Syphilis, von Finger ... 117 

Ulcus pepticum jejuni nach Gastro- 

jejunostomie, von Kocher.719 

Ulcus perforans pedis und dessen Be¬ 
handlung durch Nervendehnung, von 

Roncali.1065 

Ulcus rodens, von Lesser 256, Behand¬ 
lung des, mit Röntgenstrahlen, von 

Pugh.. . . . 1154 

Ulcus serpens corneae, von Kipp 1936, 
Frühdiagnose des — corneae, von 

Velhagen .. 78 

Ulcus ventriculi s. a. Magengeschwür. 


Ulcus ventriculi, Indikationen zur Opera¬ 
tion bei, von Delachaux 390, opera¬ 
tiver Eingriff bei Magenblutung in¬ 
folge —, von Kaupe 538, Behandlung 
des —, von Pariser 805, Behandlung 


des — mit Olivenöl, von Walko . 1926 
Ulmarin, ein neues Salicylpräparat, von 

Bordet und Chevalier.1204 

Ulzerationen, tertiärsyphilitische, von 

Neubeck.256 

Unfallabteilung am k. Charit4kranken- 
haus zu Berlin, von Köhler .... 538 


Unfallentschädigungen, von Ammann . 1628 
Unfallheilkunde, Referat über 808,1277, 

1316, 1770 

Unfallkranke s. a. Simulation. 
Unfallkrankenhaus zu Strassburg i. E. 1771 
Unfallrente, Bemessung der, von Radtke 1317 
Unfallverletzung mitTodesfolge, vonErdt 1501 
Unfallverletzter, Kriminalität des, von 
Leppmann 810, orthopädische Be¬ 
handlung von.908 

Unfallversicherung s. a. Rentenfigur. 

Unfall- und Invalidenversicherung 430, 
und Invalidenversicherung, Erfahr¬ 
ungen auf dem Gebiete der, von 
Peters 1187 , Humor in der —, von 


Fischer .... . 1466 

U nfallversicherungsangelegenheiten, 
Kollegium zur Erstattung von Ober¬ 
gutachten in.687 

Unfallversicherungsgesetz, Kommentar 

für Aerzte zum, von Mugdan . . . 1397 
Unguentum argenti colloidalis (Credö), 

von Toff. 705 

Universal-Schreibplatte.1558 

Universität Breslau. 43 


Universitätsnachrichten : Berlin 48, 216, 
263, 304, 431, 471, 688, 736, 911, 
991, 1029, 1128, 1207, 1248, 1287, 
1322, 1407, 1447, 1520, 1600, 1640, 
1736,1872,1904,2110,2170,2186,Bonn 
127, 824, 1904, Breslau 86, 216, 431, 
512, 600, 647, 776, 824, 864, 911, 991, 
1029, 1079, 1207, 1248, 1287, 1904, 
1992, 2071, 2110, 2186, Dresden 688, 
Erlangen 1488, 1559,1686, 1784, Frei¬ 
burg 216, 824, 911, 1126, 1248, 1407, 
2031, 2186, Giessen 391, 431, 471, 647, 
Göttingen 391, 864, 952, 991, 1447, 
1784, 2071, Greifswald 391, 600, 1287, 
1322, 1407, 1559, 1686, 2110, Halle 
48, 86, 391,431,736, 1079,1872,2110, 
Heidelberg 48,175, 263, 431, 736, 824, 
911, 991,1207, 1407, 1904, 1992, Jena 
391, 1559, 1992, 2110, Kiel 647, 688, 
911, 1168, 1207, 1784, 1904, 2030, 
Königsberg 48, 263, 824, 1079, 1992, 
2110, l.eipzig 263,911, 1322,1640, Mar¬ 
burg 48, 1248, 2186, München 48,216, 
344, 431, 471, 647, 776, 952, 1079, 
1168, 1207, 1248, 1287, 1407, 1600, 
1736, 1824, 2071, 2186, Rostock 304, 
911, 2031, Strassburg 175, 304, 559, 
1128, 1824, Stuttgart 431, Tübingen 
4S, 391, 431, 471, 600, 991, 1992, 
2071, Würzburg 344, 776, 911, 991, 
1079, 1168, 1287, 1407, 2071. 


Algier 1447, Amiens 1992, Amster¬ 
dam 216, Angers 1447, Athen 1904, 
2031, Bahia 1287, Barcelona 1168,1287, 
Basel 175, 600, 1029, 2110, Baltimore 
1824,1944, Belfast 1824, Bern 127, 304, 
688, 824,1904, Boston 1188, Bologna 
175, 1322, 1488,1559, 1600, Bordeaux 
1029, 1128, Brüssel 216, Brünn 688, 
Cadix 1686, Caen 1992, Cagliari 512, 
1322, Caracas 1322, Catania 647, 1686, 
Clermont 1992, Dijon 1992, Florenz 
216, Gent 600, Genua 216, 431, 1488, 
Graz 991, 1168, 1488, 1640, 1686, 
1736, 199.', Grenada 1168, Grenoble 
1992, Innsbruck 471, 1600, Kasan 
1824, Kopenhagen 1322, 1447, 1559, 
1784, 1872, 2031, Krakau 18, 216, 
736, 1488, Lausanne 431, 1079, 1407, 
1488, 1559, 1600, 1824, 1904, Lem¬ 
berg 617, 1029, 1944, Lille 559, Lon¬ 
don 216, 991, 1128, Lund 1904, Lyon 
559, Madrid 1168, Mailand 1488, 
Marseille 431, 1168, Modena 512, 
559, 1488, 1600, Montreal 1904, Mos¬ 
kau 175, 216, 1422, 1488, 1686, 1944, 
2031, Neapel 512, 559, 647, 688, 864, 
1322,1559,1600, 1686,1824, New-York 
1407, 1904, Ofen-Pest 344, 512, 647, 
Padua 48, 86, 1407,2031, Palermo 512, 
647, Paris 1407, 2031, Parma 1600, 
Pavia 647, 1559, St. Petersburg 1407, 
1600,1904, Philadelphia 512,647, 736, 
991, 1824, Pisa 216, 559, 647, 1600, 
Poitiers 559, Prag 512, 559, 647, 1407, 
1520, 1559, 1736, 1784, 1992, Rennes 
1407, Rio de-Janeiro 1417, Rom 559, 
736, 1407, 1686, 1736, Saint Louis 
1559, San Franzisko 86, Santiago 
1686, Saragossa 1559, Sassari 647, 
Sydney 216, Tomsk 1824, Tours 1447, 
Turin 559, 647, 736, 991, 1559, 1600, 
1824, Valencia 86, Warschau 1407, 
1559, 1904, Wien 175, 304, 431, 510, 
512, 559, 647, 824, 911. 952, 991, 
1079, 1207, 1407, 1447, 1640, 1736, 
1824, 1904, Zürich 48. 

Unterbauchseite, Stoss gegen die, von 


König.• . . . ... 1159 

Unterbindung der V. jugularis bei den 
vom Schläfenbein ausgehenden Eite¬ 
rungen, von Bailance 1851, doppel¬ 
seitige — der Aa. bypogastricae, von 

Kleinwächter.• . . 2096 

Unterkieferfrakturen, Verband für, von 

Wieting. 72 

Unterkieferprothesen, von Fritzsche . . 72 

Unterleibsbruch, von Heinlein .... 1485 
Unterleibskrankheiten, diagnostische Be¬ 
merkungen zu einigen, von Mannaberg 716 
Unterrichtsmethoden, rhino-pharyngolo- 

gische, von Kafemann. 1842 

Unterrichtsminister, österreichischer . . 259 
Unterschenkelgeschwüre, Behandlung 
der, von Zeuner 937, tertiftrluetische 
—, von Hahn, 1163, Nervenoperation 


bei chronischen —, von Bardescu 2020, 
Tuberkulinbeb andlung von Lassar . 2181 
Unterschenkelverkrümmungen, Opera¬ 
tionsverfahren zur Beseitigung hoch¬ 


gradiger, von Reiner. 2043 

Unterstützungswesen, ärztliches 907, ärzt¬ 
liches — und das Besteuerungsver¬ 
fahren der Aerztekammern in Preus- 

sen, von Heymann. 1394 

Untersuchung, äussere, am Gebärbett, 
von Frickhinger ...... . 1614 

Untersucbungsanstalten, Geschäfte der 
öffentlichen, für Nahrungs- und Ge¬ 
nussmittel 1901 . 1321 

Untersuchungsmethoden, pathologisch- 

histologische, von Schmorl .... 286 
Urachuscyste, von v. Recklinghausen . 1551 


Urämie s. a. Urinbefund. 

Urämie, Ganglienzellenveränderung bei, 
von Sommer 211, Venaesectio bei —, 
von Springer 461, elektrische Leit¬ 
fähigkeit des menschlichen Blut¬ 
serums bei —, von Bickel . • . . . 1314 


Seite I Seite 

Ureter duplex, von Knöpfelmacher 469, 

, Topographie des weiblichen —, von 
Tandler und Halban 1272, Einmün- 
j düng des — in eine Uterovaginal- 
cyste, von Meyer 1432, Katheterismus 


der —, von Kollmann.1481 

Ureterenchirurgie, von Perlis.974 

Ureterfisteln und Ureterverletzungen, 

von Stoeckel.1714 

Ureteren- und Nierenfunktion, Unter¬ 
suchungen über Physiologie und Pa¬ 
thologie der, von Straus 1217 . 1408 . 
von Kövesi und Röth-Schulz . . . 1350 
Ureterenkatheterismus u. Radiographie, 

von v. Ulyes.246 

Urethra s. a. Harnröhre. 

Urethra, angeborene Stenose der, von 

Murphy . . . . •.1850 

Urethral- und Blaseabehandlung, Janet- 

sche, von Spitzer.1809 

Urethralfieber, von Bertelsmann 209, 
Eindringen von Bakterien in die Blut¬ 
bahn als eine Ursache des —, von 
Bertelsmann und Mau . . . 521 

Urethralkarzinom, primäres, von Butten¬ 
berg . . 1073 

Urethralspritze, aseptische, von Dreyer . 683 
Urethritis gonorrhoica bei Kindern 
männlichen Geschlechts, von Fischer 1917 
Urethroplastik nach Subbotin, von Grus- 
dew.1515 


Urin s. a. Bakteriurie, Alkaptonurie, 
Harn. 

Urin, Herkunft und Löslichkeit der im, 
ausgeschiedenen Oxalsäure, von 
Klemperer und Tritschler 32, bakte¬ 
riologische Untersuchung des —, von 
Lewis 380, Verdauungsfermente im 
— von Dell'Isola 717, Zylinder in 
eiweissfreiem —, von Craandyk 938, 
bisher unbeschriebene Krvstalle im—, 
von Bradshaw 1233, Vorrichtung zum 
Auffangen des — bei Harnfisteln, 
von Holowko 1313, Streptokokken¬ 
ausscheidung durch den —, von 


Menger .... 2163 

Urinbefund, eigentümlicher, bei Eklam¬ 
psie und Urämie, von Gramer . . . 101 

Urinschauer, ärztlicher.125 

Urinuntersuchung, Taschenapparat zur. 1599 

Urinverhaltung, Einfluss totaler, auf den 

Organismus, von Blumreich .... 1431 
Urobilinurie bei Chlorose, von Cavazza 
157, — bei Schwangeren, von Mer- 

letti.713 

Urogenitalsystem, Entwicklung des 

menschlichen, von Hart ..1592 

Urogenitaltuberkulose, von Posner . . 1776 

Urologische Praxis, Erfahrungen aus 
einer 25 jährigen, von Browne . . . 203 

Urotropin, Hämaturie nach, von Gold- 
schmid 380, Wirkung des —, von 

Götzl und Salus.1355 

Urticaria pleuritica, von Minciotti 157, 

— chronica papulosa, von Schnabel 
595, habituelle — gonorrhoica, von 
Orlipski. 1653 


Uterus s. a Gebärmutter. 

Uterus, von Gottschalk 815, von Münch¬ 
meyer 941, Totalexstirpation des —, 
von Gessner 78, spontane Ruptur des 
schwangeren —, von Dona 119, durch 
Totalexstirpation gewonnene — , von 
Rieck 120, blutige Roinversion des 
—, von Küstner 153, Achsendrehung 
des — ,von Semmelink 153, Schwanger¬ 
schaft bei — bicornis unicollis, von 
Krönig 153, Geburt bei — bicornis 
duplex, von Koslenko 153, mediane 
Spaltung des —, von Krönig 153, 
Topographie des— nachd. Alexander- 
Adamsehen Operation, von Bulius 
153, Modell eines graviden —, von 
Sellheim 153, Lufteintritt in die 
Venen des puerperalen —, von Sengler 
185 , karzinomatöse—, von Jung 207, 
operative Behandlung der Retroflexio 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


LXI 


8elte 

— mit Berücksichtigung der Alexander- 
Adamschen Operation, von Peters 
76-*, Vorkommen von Fremdkörpern 
im —, von Hermann 790 . Behand¬ 
lung der Retrovereio-flexio —, von 
Koblanck 802, Drüsenausräumung bei 
Carcinoma —, von v. Herff 802, totale 
Inversion des —, von Amann 803, 
Myoma teleangiektodes —, von 
Schlagen häuf er 889, Fibromyome des 
von Chiari 946, snpravaginale 
Amputation des —, von Kleinhans 
974, — didelphys, von Falk 1025, 
Störung des Geburtsverlaufes nach 
vaginaler Fixation des —, von Mathes 
1063,konservative0perationsmethode 
bei Fibromyomen des — , von 
Abuladse 1063, Karzinom des graviden 
—, von Buttenberg 1072, malignes 
Chorionepitheliom des—, vonButten- 
berg 1072, Hypertrophie des —, von 
Flatau 1073, klinische Bedeutung der 
Retroflexio — mobilia, von Wormser 
1985, rudimentäre Entwicklung des 

— und der Vagina, von Herz 1112, 

— myomatosus, von Grube 1119, 

— bicornis unicollis, von Siedontopf 
1120, Inkarzeration des schwangeren 
—, von Göschei 1123, partielle Kon¬ 
traktionen des schwangeren —, von 
Ahlfeld 1151, — duplex separatus, von 
v. Pauer 1152, abdominelle Exstir¬ 
pation des karzinomatösen — nach 
Wertheim, von Döderlein 1152, Chon¬ 
drofibrom des —, von Kworostausky 
1192, instrumentelle Perforation des 
—, von Schulze-Vellinghausen 1230, 
Autolyse des puerperalen —, von 
Langstein u. Neubauer 1249 , Bedeu¬ 
tung der Retroflexio — mobilia, von 
Theilhaber 1264 , Behandlung inope¬ 
rabler — u. Vaginalkarzinome, von 
Meinert 1279, Behandlung der — 
myome, von Meinert 1279, Mutter¬ 
hals-Scheidenfisteln deB —, von Neu¬ 
gebauer 1356, 100 Fälle von Fibro- 
Myom des —, von Cullingworth 1361, 
Prolaps des schwangeren —, von - 
Seitz 1398, Mehrschichtung des 
Epithels im Corpus —, von Hengge 
1470, Fremdkörper im —, von Toff 
1579 . das elastische Gewebe des — 
während der Gravidität, von Iwanoff 
1626, Tamponade des puerperalen 

—, von Chrobak 1628, Fibromyome 
des —, kompliziert mit Schwanger¬ 
schaft, von Bäcker 1663, Insuffizienz 
des nicht schwangeren—, von Theil¬ 
haber 1698 , Behandlungsmethoden 
der Retroflexio -, von Winternitz 
1777, Excochleatio — im Wochen¬ 
bett, von Wormser 1809, Totalexstir¬ 
pation des karzinomatösen — mittels 
Scheidenspaltung, von Staude 1847, 

1900, Technik der abdominellen Total¬ 
exstirpation des karzinomatösen —, 
von Krönig 1847, gleichzeitiges Vor¬ 
kommen von — und Magenkarzinom, 
von Krönig 1847, Vaginae- und Ven- 
trofixation des —, von Dirmoser 1847, 
supravaginale Amputation des myo- 
matösen —, von Spinelli 18y7, Inver¬ 
sion des —, von Brennan 1897, Plexus 
fundamentalis des —, von Rein 1897, 
karzinomatösor —, von Mond 1900, 
Operation der Fibromyome des —, 
von Hegar 1946 , Verlassen der Ven- 
trofixation des —, von Goldspohn 
1983, vag. Totalexstirpation des karz. 

—, von Staude 1986, Technik der 
transperitonealen Exstirpation des 
karzinomatösen —, von Amann 2095, 
Exstirpation des puerperaleeptischen 

—, von Gradenwitz . . .8139 

Uterusdilatator, von Gottschalk .... 1897 
Uteruseinklemmung in ein Pessar, von 

Wiener.. . . 655 

Uterusexstirpation durch die Scheide, 
von v- Mars 540, Danerresultnte der 


Sette 

vaginalen —, von W tlrth v. W ürthenau 
15:4, vaginale —, von Schroeder . 1761 

Uterusinversion, von Urban.729 

Uteruskarzinom, Therapie des —, von 
Weindler 1159, — und Schwanger¬ 
schaft, von Glöckner 1398, palliative 
Behandlung der —, von Krönig . . 1762 
Uteruskörper, Drüsenkrebs u Hornkrebs 
im, von Emanuel.288 


Uteruskrebs, Dauerresultate bei vaginaler 
Exstirpation des, von Briggs 205, Be¬ 
handlung des —, von Lewere 1361, 
chirurgische Behandlung des —, von 
Collen, Jonnescu 1895, von Pozzi, 
Freund, Wertheim 1896,vonv.Franquö 2016 
Uteruskrebsoperationen, von Wertheim 458 
Uterusmyom, durch Morcellement be¬ 
wirkte Exstirpation eines — bei Gra¬ 
vidität, von Seeligmann 935, operative 
Behandlung der —, von v. Herzfeld 1276 
Uterusruptur, von Osterloh 1115, Thera¬ 
pie der —, von Wiener 14 , Laparo¬ 
tomie wegen spontaner — bei der 
Entbindung, von Tömgren 117, — 
in Narben, von Peham 201, ab¬ 
dominale Totalexstirpation bei kom- 
pleter —, von Amann 433 , — während 
der Geburt, von Papanicol 673, von 
Dona 673, wiederholte —, von Krhvski 
803, — in früheren Monaten der 


Schwangerschaft, von Kober 1499 . 
zwei weitere operativ geheilte Fälle 
von —, von Wiener 1741 , spontane 
komplette —, von Kleinertz 1761, 
komplette —, von Bergmann . . . 2160 
Uterusscheidenschnitt, vorderer, bei einer 

Geburtskomplikation, von Stühler . 326 
Uterussekret, Bakteriologie des puerpe¬ 
ralen, von Schauenstein.153 

Uterustoreion bei Myom, von Stratz . . 1432 
Uterusvorfall, neue Operation zur Hei¬ 
lung dee, von Paraons 36, Behand¬ 
lung des —, von Hart.1556 


V. 

Vaccina generalisata vera, von Merk . 1154 j 
Vaccination, Spezialnummer des Brit. 

Medic. Journal über, 163°, Immuni¬ 
tät durch die —, von Tanaka . . . 1975 j 
Vaccine, Aetiologie und Pathogenese der 
generalisierten, von Paul 296, — 
bezw. Variola-Erreger, Kultur des, 

von Ishigami.1110, 

Vagina, doppelte, von Sadoveanu 119, 
bakterielle Selbstreinigung der —, 
von Cahanescu 293. Atresie der —, 
von Langsdorff 1586, akquirierte 
Stenose der —, von Schenk 1868, 
Strictur der — als Geburtshindernis, 


von Jaklin.20.18 

Vaginalcysten, Pathogenie und Behand¬ 
lung der, von Balacescu .2019 

Vaginalhysterotherapie, Spekulum für 

von Curätulo.935 

Vaginalmyom, von Machenhauer . . . 935 
Vaginalsekret, Mikroorganismen des, 
Schwangerer, von Bergholm .... 1514 
Vaginaltuberkulose, von Springer . . . 1404 
Vagitus uterinus, von Reidhaar .... *289 
Valgustheorie Duchennes, von van der 

Beek.215H 

Valvuln, Insufficienz der, ileocoekalis, 

von Weis«.889 

Valyl, von Klemperer.391 

Varikositäten an beiden Beinen, von 
Grawitz 1158, operative Behandlung 
der — und Beingesehwüre, von 
Länderer .1861 


Variola-Varizellenfrage, von Swoboda . 1864 
Varix der Ven.saphena magna,vnnltoeger 8 >1 
Varizellen mit abnormer Entwicklung 
des l'xanthems, von v. Ilösslin 704 , 
Komplikationen bei —, von Koch 1780 
Varizen, operative Behandlung der, von 
Wenzel 291, — als Unfallfolgen, 


von Schwarze.810 

VnrizenbiMimg. von Lipimmn-WulfT . . 84 


Seite 

Vaselininjektionen am Auge, von Topo- 

lanski.1849 

Vasomotoren in den Lungengefässen, 

von Strubell.814 

Vegetationen s. Adenoid. Rachenmandel. 
Venenpulse, von Gerhardt 7 57, von Vol- 
hard 814, überzählige —, von Ascoli 715 
Venendruckmessungen, Bedeutung der, 


von Frey.492 

Venenentzündung als Frühsymptom der 
Lungentuberkulose, von Singer . . 1818 
Venenthrombosen, operative Behandlung 

infektiöser und benigner, von Müller 537 
Ventilation, von Blyth.170 


Verband, Leipziger, der Aerzte Deutsch¬ 
lands zur Wahrung ihrer wirtschaft¬ 
lichen Interessen 175, 820, 904, 107, 
988, 1124, 1287, 1943, 1991, 2031, 
2109, Ziele des —, von Krecke 797 . 


II. Hauptversammlung des — 1237, 
Versammlung bayr. Mitglieder des — 2167 
Verband, der erste, auf dem Schlacht¬ 
felde, von v. Bruns.626 

Verbandguze, von Vignard.1195 

Verbandmethode, voe Riedinger . . . 1074 
Verbandstoffe, Desinfektion der, von 

Borchard. 33 

Verbildungen, angeborene, der Extremi¬ 
täten, von Joachimsthal.1760 

Verblutung im Anschluss an die Ge¬ 
burt, von Ahlfeld.1151 

Verbrechen und konstitutionelle Geistes- 

anormalien, von Forel und Mahaim 1759 
Verbrennungen, Läsionen innerer Or¬ 
gane durch, von Sacoonaghi . . . 1135 
Verdauung s. a. Eiweissverdauung. 


Verdauung, Bedeutung der Zerkleinerung 
und des Kochens der Speisen für 
die, von Lehmann 1313, Innervation 

der —, von Cohnheim.8173 

Verdauungskrankheiten, Klinik der, von 

Ewald.244 

Verdauungsorgane, Krankheiten der, im 
Kindesalter, von Schreiber .... 1760 
Verdauungsstörungen, neuropathische 

Erscheinungen bei, von F^re . . . 850 
Vereine s. a. IV. Teil. 

Verein zurünterstützung invalider Aerzte 
in Bayern 600, — bayerischer Psy¬ 
chiater .1322 

Vereinigung deutscher Hebammenlehrer 
und Wöchnerinnenasyldirektoren,von 
Brennecke 417, wirtschaftliche— der 
Hals-, Nasen- und Ohrenärzte Breslaus 989 
Vererbung des Locus minoris resistentiae 
und Gesetz von der, im korrespon¬ 
dierenden Lebensalter, von Naumann 669 
Vererbungsfragen und die Degeneration 
der spanischen Habsburger, von Ke- 

kul£ v. Stradonitz.1470 

Vergiftung s. a Phosphorverg., Pyro- 
gallolverg., Blei, Borsäure, Opium, 
Benzolkörper, Ergotismus, Nitroben- 
zolverg , Tabes, Solanum, Chromsäure, 
Schwefelsäure, Natronlauge, Exalgin¬ 
vergiftung, Muscheln, Lenchtgasverg , 
Toluylendiaminverg, Lvsolverg., For- 
malinverg., Arsenikverg., Morphium¬ 
vergiftung. Wurstverg, Fleischverg., 
8ultitverg., Kali chloricum, Heilserum, 
Karbolsüurevergiftung.Strammoninin- 
vergiftung. 

Vergiftung, gewerbliche, hei der Rauch- 
waarenfärbung, von v. Criegern 8. 2, 
unklare —, von Moritz 1068, — durch 
die Douglasfichte, von Neudorffer. 

1713, — mit Extr. hydrastis fluid., 
von Friedeborg 1891, — durch Petro¬ 
leum, von Friedeberg 1891, — mit 
Viperngift, von Brabec 1930, — durch 
ein Hausmittel, von Sieveking . . 1985 
Vergrüsserung der Hände und Küsse auf 
neuri'iscl.er Grundlage, von Hirsch¬ 
felder ... 32 

Verkalkung, pathologische, von Liebscher 
904, senile - , von Wulff .... 933 
Versammlungen s. a. IV. Teil. 

Verrenkung, willkürliche, des Oberarmes, 
von Riedinger .410 


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Lxn 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902 . 


Seite 

Versammlung, 9., süddeutscher Laryn- 
gologen zu Heidelberg 471, VIII. — 
mitteldeutscher Psychiater und Neu¬ 


rologen .1783 

Versicherungsanstalten.1595 


Versicherungskasse fürdieAerzteDeutsch- 
lands s. a. Verhandlungen der bayer. 
Aerztekammem. 

VerBicherungskasse fürdieAerzteDeutsch- 
lands 468, 1598, von Kuntzen . . . 1052 
Versicherungspraxis, Leitfaden der ärzt¬ 
lichen, von Feilchenfeld.2179 

Versicherungswesen der deutschen Aerzle, 

von Heckei. 29 

Verteilungssanatorien, von Kuss . . . 1061 
Vertrauensärzte u Nachuntersuchungen 

170, — bei den Berufsgenossenschaften 557 
Verwundete, Behandlung der, während 
eines Seegefechtes, von Kirker . . 1594 
Vesikovaginalfisteln, Behandlung der, 

von Balacescu.1546 

Veterinärmediziner, Streik der Wiener . 2029 
Vibrationsmassage des Gehörorgans, von 

Lucae . 483 

Vioform, klinische Erfahrungen über, 

von Schmieden. 72 

Virchow, Unfall des Geli.-R. 87, - s 
Befinden 263, 432, 559, 1487, — Bi¬ 
bliographie, von ßchwalbe 414, — 
Ehrung 1366, in memoriam — 1521, 

— f, 1556, von Bollinger 1621 , — 
Denkmal 1686, 1944, Leichenfeier für 

— 1733, —s Unfall und Krankheit, 
von Koerte 1848, Gedächtnisfeier 


für —.1866 

Vitafer .215 

Vivisektion.1520 

Vogelgehim, von Edinger.940 

Vogelherz, Versuche am isolierten, von 

Kuliabko .1020 

Vogelkopfmensch, von v. Hansemann . 2066 

Vogelpest, von Cantane.459 

Volbeding.1903 

Volksbücher, Schumannsche.991 

Volksheilmittel, von Urban.1665 


Volksheilstätten, Ursachen der verspä¬ 
teten Aufnahme der Lungenkranken 
in den, von Stauffer 669, für Nerven¬ 
kranke, von Wildermuth u. Neumann 2022 
Volvulus s. Dünndarmvolv. 

Volvulus, Diagnose des, der Flexura sig- 


moidea, von Kiwull 1312, — coeci, 

von Faltin.1769 

Vorhof, Tumor des linken, von Molt¬ 
recht .1900 


Vorschriften zur sparsamen Verordnung 
für Krankenkassen, von Franken¬ 
burger 1065 . 1288 . von Bedall 1407 , 
Uebertreibung in prophylaktischen —, 

von Sangmann.1858 

Vorträge, populäre medizinische . . . 1733 
Vulva, echtes Fibrom der, von Thomass 1151 
Vulvakarzinom, von Pfannenstiel . . . 982 

W. 

Warbstumsalbuminnrie, Pathogenese 

der, von Porge.588 

Wadenkrampf, von Hirschbruch . . . 809 
Wärme, klinisch-therapeutische Verwert¬ 
barkeit konstanter, von Ullmann . . 1112 
Wärmeapplikation, lokale, von Gross . 1975 
Wärmebildung, Ort der, von Aronsohn 1848 
Wärmeempfindlichkeit, Topographie der, 

von Veress.1021 

Wandanstriche, desinfizierende, von 
Rapp 174, von Rabinowitsch . . . 1472 
Wandbilder, stereoskopische, von Hering 253 
Wanderherz, von Leusser 1095 , von 

Braun.1511 

Wanderniere, von Habershon 257, Sym¬ 
ptome und Behandlung der —, von 
Morris 124, — als Ursache von Magen¬ 
beschwerden, von Macgregor 378, 
Diagnose und Therapie der —, von 
Bätsch 1045 , — und I^eberstörungen, 
von Habershon 1234, Fixation der — 
mit Karbolsäure, von Carwardine 
1361, — und Gallenstein, vonMarwedel 1513 


Seite 

Warzenfortsatz, Anwendung des Ther¬ 
mokauters bei der Trepanation des, 

von Gauthier.1981 

Wasser, Bestimmung der Keimzahl im, 
von Prall 757, — von Bragadiru, von 

Proca.1113 

Wasserdampf als Blutstillungsmittel, von 

Sneguireff.33 

Wasserdampfabgabe durch die mensch¬ 
liche Haut, von Wolpert.376 

Wasserdesinfektion, Hünermannsches 
Verfahren der, von Schilder .... 494 
Wasserkeime, quantitative Bestimmung 

der, von Hesse.1808 

Wasserkur s. a. Hydrotherapie. 

Wasserkuren u. Aerztestand, von Sarason 938 
Wasserläufe, hygienische Ueberwachung 
der, von Gärtner und Schümann . . 1634 
Wassermangel, Wirkung des, auf die 
Blutbeschaffenheit, von Wellendorf 496 
Wasserreinigung s. a. Bakterien. 
Wasserreinigungsverfahren mit Brom, 
von Schumburg, von Pfuhl 494, von 


Schüder.494 

Wasserstoffsuperoxyd, Verwertung der 
aufweichenden Eigenschaft des, in 
der Oto-Rhinologie, von Moliniö 38, 

— bei Lupus und tuberkulösen Abszes¬ 
sen, von Gunson.761 

Wasserverdunstung, Einfluss der Luft¬ 
feuchtigkeit auf die, durch die Haut, 

von Wolpert . ... 376 

Wasserzentrale in Peking, von Mayer . 1734 
Weichkäse,Reifung von, von Epstein 1109,2096 
Weigerlfürbung, neue Beobachtungen 
bei. von Kaes 386, ........ 919 

Weilsche Krankheit s. a. Widalsche 
Reaktion. 

Weilsche Krankheit, von Eckardt 1129 , 

von Zupnik. 1305 

Weinstatistik für 1899, von Sonntag . . 714 
Wellentelegraphie, Grundlagen und 

Methoden der, von Voller.1670 

Wertheimber, 70 Geburtstag. 2031 


Wettbewerb, unlauterer 126, Gesetz zur 
Bekämpfung des unlauteren — 2105, 2108 
Widalsche Reaktion s. a. Gruber-Widal- 
sche Reaktion. 

Widalsche Reaktion, von Pröscher 670, 

— bei Nierensteinen, von Maude 1359, 

— bei Weilscher Krankheit, von 
Eckardt 1129 , von Zupnik .... 1305 

Wiederkäuen beim Menschen, v. Cascela 158 
Wiederkäuerfamilie, von Müller 1293 , 1503 
Wiesbadener Kochbronnen ....'. . 647 
Wille, wie verrichtet der, mechanische 

Arbeit, von Adamkiewicz.711 

Wirbelentzündung, chronische ankylo¬ 
sierende, von Kedzior.328 

Wirbel-Osteomyelitis, akute, von Schön¬ 
werth . 269 

Wirbelsäule, chronische Steifheit der, 
von Brauer 161, von Borchard 808, 
von Magnus Levy 1061, Rigidität der 


—, von Baccarani 717, physiologische 
Torsion der—, von Schulthess 1192, 
chronische ankylosierende Entzün¬ 
dung der —, von Markiewicz . . . 1712 
Wirbelsäulentumoreu, von Kümmell . 384 
Wirbelsteifigkeit, myogene, von (’assirer 495 
Wirbelvenen, entoptische Wahrnehmung 

der, von Hess.892 

Wismuth Wirkung, Theorie der, von 

Fuchs.1818, 1904 

Wochenbettsmorbidität, von Zange¬ 
meister .1432 

Wochenbettsstatistik, von Baumm . . 373 
Wochenschrift, Hauptversammlung der 
Herausgeber der Münchener med. 471, 


Berliner klinische —, fast in jeder 
Nummer, Deutsche medizinische — 
ebenso, Wiener klinische — ebenso, 
Wiener medizinische — ebenso, Prager 
medizinische — ebenso. 

Wohnungen, Fürsorge für bestehende 
und Beschaffung neuer kleiner, von 
Ebeling 1680, feuchte —, von Abel 
und Olshausen.1681 


Seite 

Wochenhett, Bedeutlung des Schüttel¬ 
frostes im, von Bucura.2158 

Wohnungsbeaufsichtigung, Beteiligung 
der Medizinalbeamten an der, von 

Pfannmüller.1720 

Wohnungsfrage im bavr. Landtag . . . 214 

Wohnungsfürsorge.261 

Wohnungsnot.. . . 559 

Wohnungspflege 430, Förderung der — 

in Bayern.1823 

Wohnungs Verhältnisse,Verbesserung der, 

in München, von Singer.468 

Wolff Julius f, von Hoffa. 532 

Wolfsrachen s. Hasenscharte. 
Wundbehandlung im Kriege, vonCheyne 204 
Wunddiphtherie, echte, von Fraenkel . 1070 
Wunden, Karbolbehandlung infizierter, 

von Chlumsky.419 


Wundheilung, Prozess der, mit Einschluss 

der Transplantation, von Marchand . 2092 
Wundsekret, chemische Zusammen¬ 
setzung des aseptischen, von Lieb¬ 
lein .1926 

Wurmfortsatz, von Plettner 941, Phleg¬ 
mone des — nach Angina, von Schnitz¬ 
ler 511, Entzündungen des —, von 
Bios 457, von Treves 1360, Brüche 
und Einklemmungen des —, von 
Koch 903, akute Entzündung des —, 
von v. Meyer 1512, Behandlung der 
akuten Entzündung des —, von 
Schramm 1629, Angina tonsillaris und 
Entzündung des —, von Weber . 8171 
Wurmfortsatzentzündung, Vorbedingun- 
gen und letzte Ursachen des plötz¬ 
lichen Anfalles von, von Riedel 536, 
Untersuchung auf —, von Rose . . 671 
Wurstvergiftung, von Schumburg . . . 1893 


X. 

Xanthom en tumeur, von Unna . . . 1119 
Xeroderma pigmentosum, von Riecke . 1243 


Y. 

Yohimbin, von Berger , 


86 


Z. 


Zahn auB der Nase, von Leiser .... 1986 

Zahngicht, von Piergili.734 

Zahnheilkunde, Doktoren der.910 

Zahnkanälchen, mit Goldchlorid impräg¬ 
nierte, von Solger.1548 

Zahnpulpa, Induktionsströme zum Auf¬ 
suchen gewisser Krankheiten der, 

von Fuyt.624 

Zahnwurzelcyste, von Neumann . . . 1868 
Zange, Anwendung der, bei der vorderen 

Gesichts- u. Stirnlage, von Stroganoff 1063 
Zehenreflexe, von Levi . . . . 870 


Zeitschrift für klin. Medizin 31, 245, 711, 
1058,1712,1890,2156,— für diätetische 
und physikalische Therapie 71, 536, 
1106. 1191, 1713, 1761, — für Tuber¬ 
kulose und Ileilstättenwesen 73, 418, 
669, 1060, 1586, 1625, 2016, deutsche 

— für Chirurgie 71. 246, 415, 538, 
1014, 1150, 1430, 1469, 1662, 17.4, 
1845, 2014, — für orthopüd. Chirurgie 
974, 1192, 2158, — für Geburtshilfe 
und Gynäkologie 801, 1151, 1432, — 
für Nervenheilkunde 154, 327, 1016, 
1471, 1892, 1974, allgemeine — für 
Psychiatrie und psycli.-gerichtl. Me¬ 
dizin 326, 375, 936, 1108, 1715, 1928, 

— für Hygiene und Infektionskrank¬ 
heiten 155, 290, 494, 849, 1231, 1471, 
1626, 1893, 2058, österreichische — 
für Stomatologie 2071, — für Kranken¬ 


pflege .1447 

Zellen, eosinophile, im Darminhalt, von 
van Einbden 625, färberisches Ver¬ 
halten der —, von Mosse. 2097 


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INHALTS-VERZEICHNIS. 


LXH1 


UÖjL 


Seite 

Zellgift« und Schutzeinrichtungen im 
menschlichen Organismus, von Wei- 

chardt. 1825 , 1939 

Zentralblatt für innere Medizin, fast in 
j eder Nummer, — für Chirurgie ebenso, 

— für Gynäkologie ebenso, — für 
Bakteriologie ebenso, internationales 

— für Ohrenheilkunde.1783 

Zentralimpfanstalt, Neubau der, in 

München.343 

Zentralnervensystem s. a. Karzinomatose. 
Zentralnervensystem, Leitung der Mo¬ 
tilität im —, von Haenel 463, Chirur¬ 
gie des — im Kindesalter, von Stiles 
1554, metastatische Abszesse im —, 
von Cassirer 1762, Geschwülste des 


—, von Sazer.1763 

Zerebrospinalflüssigkeit bei Dementia 
paralytica und anderen Formen des 
Schwachsinns, von Schäfer .... 936 
Zerebrospinalmeningitis als Heeres¬ 
seuche, von Jäger.535 

Zervikalsegment und Contractio praevia, 

von Bayer.458 

Zervikalspondylitis, von Schanz .... 591 
Zerviko-Vaginalfistel s. a. Fistula. 

Zerviko-Vaginalfisteln, von Wormser . 2057 
Zervix s. a. Muttermund. 

Zervix, papilläres Karzinom der, von 
Hengge 803, schnelle Erweiterung der 


Seite 

— mit dem Bossischen Dilatatorium, 

von Rissmann.1230 

Zervixkarzinom als Geburtshindemis, 

von Bamberger. 1298 

Zervixtuberkulose,Pathologie u. Diagnose 

der, von Allerthum.374 

Zichorienfabriken.344 

Ziemssen, Hugo von f, von Moritz 238 , 

—8 Leichenbegängnis, 215, — s Biblio¬ 
thek .512 

Zigarren s. a. Tuberkulose. 

Zigarren, nikotinfreie. 1988, 2170 

Zimmergymnastik, Sandows Apparat für 2070 
Zinn, hygienische Bedeutung des, be¬ 
sonders in Konserven, von Lehmann 1808 
Zirkumferenz-Osteotomie, von Reiner . 1717 
Zitterbewegungen,Hyoscin bei, von Robin 427 
Zottendeportation, von Schölten u. Veit 326 
Zucker s. a. Traubenzucker, Milchzucker. 
Zucker, Bildung von, aus Fett, von Loewi 
375, Bedeutung verschiedener, im 
Haushalt des Körpers, von Clemm 
853, — in der Diät der Dyspeptiker, 

von Morgan.1108 

Zuckerbestimmung nach dem Zucker¬ 
steuergesetz, von Schmidt . . . . • 1764 
Zuckerbildung im diabetischen Organis¬ 
mus, von Nebelthau 917 , von Lüthje 1601 
Zuckergussherz, von Eichhorst .... 759 


Seile 

Zuckerhamruhr, Behandlung der, von 

Eichhorst.1639 

Zuckerinjektionen, subkutane, vonBarker 978 
Zuckerprobe mitNitropropiol, vonDouglas 
543, Irrtümer der — mit Kupfer, von 

Boyd.2163 

Zuckungen, fibrilläre, von Meyer . . . 2067 
Züchtung gesunder Menschen, von Hed- 

daeus.1406 

Zündwaaren, Untersuchung der, von 

Fischer. . 1764 

Zunge, Kavernom der, von Gessner 388, 
Exstirpation der ganzen — und des 
Zungengrundes, von Gersuny 1164, 
Fremdkörpertuberkulose der —, von 
Silbermark 1663, Zusammenhang von 
— und Sprache in der Geschichte 
der Medizin, von Gutzmann .... 1898 
Zungenamputation mit* dem Kettenecra- 

seur, von Roorda-Smit.1767 

Zungentuberkulose, von Lassar . . . .2181 
Zwangshandlung, von Rudolph .... 1108 
Zweirad, Hemiplegiker auf dem, von 

Paravicini.1473 

Zwillingsgeburt, von Giulini 553, von Dons 1435 
Zwitter s. a. Scheinzwitter, Hermaphro¬ 
ditismus, Hypospadie. 

Zylinder, Genese der, von Lüthje . . . 1806 
Zylindrurie bei Gallenstauung, von 
Wallerstein.624 


IV. Aus Instituten, Kliniken, Krankenhäusern, aus Vereinen, Versammlungen etc. 


Seite 

Altona: Aerztlicher Verein 160,206,893, 940, 1158, 1238, 1779, 1864 


Bamberg: Allgemeines Krankenhaus.873 

Barmen: Chirurg. Abteilung des städt. Krankenhauses . 24, 1571 
Berlin: H. medizinische Universitäts-Klinik.1169 

— Hygienisches Institut.1534 

— Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikunde.266 

— Städtisches Krankenhaus Moabit.226 

— Städtisches Krankenhaus Gitschinerstrasse.225 

— Krankenhaus der jüdischen Gemeinde.103 


— Medizinische Gesellschaft 83, 119, 173, 205, 260, 298, 

382, 420, 467, 545, 732, 815, 861, 946, 986, 1067, 1113, 

1156, 1200, 1277, 1866, 1899, 1940, 2066, 2098, 2180 

— Verein für innere Medizin 84, 119, 158, 255, 330, 421, 

462, 506, 546, 815, 893, 946, 986, 1114, 1157, 1201,1278, 

1820, 1936, 1984. 2066, 2099, 2181 

— Gesellschaft der ChariW-Aerzte 159, 256, 331, 421, 893, 

1067, 1157, 1238, 2026, 2067, 2163 


— Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie .... 984 

Bonn: Medizinische Klinik. 365, 615, 1830 

— Medizinische Klinik und Poliklinik.1493 

— Kinderambulatorium der med. Universitätsklinik . . . 1879 

— Pathologisches Institut.1785 

— Chirurg. Abteilung des Friedrich-Wilhelm-Hospitals . . 271 

Breslau: Medizinische Klinik.1035 

— Dermatologische Universitätsklinik. 779 

— Gynäkolog. Abt. des Elisabethinerinnen-Krankenliauses 1499 

— Klinik des schien. Vereins zur Heilung armer Augen¬ 
kranker . 481 

— Frauenabteilung des Allerheiligenhospitales.2139 

— Chemische Untersucbungsanstalt der 8tadt ..... 2149 
Chemnitz: Medizin. Gesellschaft 78,256, 498,767, 941, 1024, 1985 

Cottbus: Lungenheilstätte.875 

Dresden: Kgl. Frauenklinik. 13, 743 

— 8tadtkrankenhaus Friedrichstadt. 1379 

— Heilanstalt von Dr. 8chanz ..1704 

— Gesellschaft für Natur- und Heilkunde 831, 382, 421, 

463, 498, 591, 631, 678, 723, 767, 854, 894, 941, 1114, 

1159, 1240, 1279, 2027, 2067, 2099, 2164 

Dortmund: Städtisches Louisen-Hospital.1569 

Erlangen: Medizinische Klinik.1293 

— Aerztlicher Bezirksverein 78, 298, 500, 1025, 1937, 2101, 2164 
Frankfurt a. M.: Institut für experimentelle Therapie 189, 1033 

— Senckenbergsches pathologisch-anatomisches Institut . . 1960 

— Medizinisches Laboratorium des Dr. F. Blum.478 

— Städt. Krankenhaus, Chirurg. Abteilung .2148 


Seite 

Freiburg i. B.: Medizinische Univ.-Klinik. 563, 865 

— Med. Poliklinik.1607 

— Univ.-Frauenklinik.393 

— Univ.-Augenklinik .1289 

— Psychiatrische Klinik.1958 

— Hygienisches Institut.1610 

— St. Josefs-Krankenhaus.1183 

— Verein Freiburger Aerzte . 422, 632, 1067, 1438, 1479, 1937 

Fürth: Städtisches Krankenhaus.2145 

Giessen: Medizinische Klinik. 1875, 1786 

Görbersdorf: Dr. Brehmersche Heilanstalt . . 1393,1612, 1839 
Göttin gen: Medizinische Univ.-Klinik.1490 

— Psychologisch-forensische Vereinigung.1480 

Greifswald: Medizinische Klinik.1601 

— Pharmakologisches Institut.440 

— Medizinischer Verein . . 160, 207, 422, 646, 679, 1068, 

1317, 1549, 1588 

Halle: Medizinische Poliklinik.917 

— Psychiatrische und Nervenklinik.826 

— Universitftts-Ohrenklinik.1796 

— Krankenhaus Bergmannstrost.1573 

— Verein der Aerzte . . 39, 161, 464, 547, 638, 942, 1116, 

1160, 1241, 1400, 1439, 1480, 1518 

Hamburg: Staatliches hygienisches Institut.1825 

— Allgemeines Krankenhaus Hamburg-Eppendorf 561, 1537, 

1561, 1884 

— Allgemeines Krankenhaus St. Georg.521 

— Anatomisches Institut des Hafenkrankenhauses .... 1880 

— Vereinshospital.182 

— Heilfürsorge der I.andesversichemngsanstalt der Hanse¬ 
städte .1869 


— Aerztlicher Verein 120, 207, 298, 385, 466, 500, 729, 769, 

816, 943, 1025, 1069, 1119, 1721, 1820, 1900, 1985, 2101 

— Biologische Abteilung des ärztlichen Vereins 121, 208, 

386, 593, 635, 817, 854, 899, 1069, 1119, 1162, 1201, 1281, 

1317, 1440, 1864, 1938, 2028 

Hanau: St. Vinzenz-Krankenbaus.1457 

Heidelberg: Medizinische Klinik. 351, 1129, 1567, 1956 

— Chirurgische Klinik .316 

— Medizinische Poliklinik. losi 

— Pathologisches Institut.1945 

— Dr. Vulpiussche orthopädisch-chirurgiscche Heilanstalt . 1460 

— St. Josephshaus. 94 

— NaturhiBtorisch-medizinischer Verein 41, 122, 161, 210, 

680, 856, 901, 1072, 1549, 1689, 1683, 1781, 1780, 1939 

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LXIV 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902 . 


Seite 

Illenau: Heil- und Pflegeanstalt.834 

Jena: Medizinische Klinik . 220, 314, G98, 1037 

— Medizinische Poliklinik.8, 220, 1037 

— Medizinisch-naturwissenschaftliche Gesellschaft 210, 423 

681, 769, 1550 

Karlsruhe, Wöchnerinnen-Asyl des Ludwig-Wilhelin-Kranken- 

lieims.185 

Kassel: Eliiabeth-Krankenhaus. 1456, 1701 

Kiel: Pathologisches Institut .609 

— Pharmakologisches Institut.1489 

— Physiologischer Verein . . 549, 635, 1590, 1684, 1732, 17e0 

Köln: Augus'a-Hospital.1884 

— Israelitisches Asyl.414 

— Allgemeiner ärztlicher Verein 80, 502, 636, 683, 730, 

1162, 1201, 1242, 1867 

Königsberg Pathologisch-anatomisches Universitäts-Institut 2075 
Leipzig: Medizinische Klinik . 1087, 1132, 1737, 2073 

— Medizinische Universitäts-Poliklinik. 54, 601 

— Chirurgische Klinik. 476, 513, 520 

— Poliklinik für orthopädische Chirurgie. 357, 412 

— Klinik für Dermatologie und Syphilis.1917 

— Universitäts-Kinder Klinik. 449, 1995 

— Analytisches Laboratorium des städtischen Kranken¬ 
hauses .. . 1100 

— Medizinische Gesellschaft 163, 212, 336, 386, 503, 549, 

637, 857, 901, 1243, 1401, 1442, 1181, 2102 

Liegnitz: Städtisches Krankenhaus .... •.528 

Magdeburg: Medizinische Gesellschaft 81, 165, 212, 595, 640, 

858, 984, 1072, 1120, 1202, 1242, 1281 

Marburg: Medizinische Klinik.1449 

— Medizinische Universitäts-Poliklinik. 89 

— Universitäts-Poliklinik für Ohrenkranke.1209 

München: I. medizinische Klinik.1877 

— II. medizinische Klinik. . ..618 

— Medizinische Poliklinik. 1, 658, 1916, 2143 

— Chirurgische Klinik . 104, 139, 694, 1300, 1746 

— Universitäts Frauenklinik. 14, 655, 831, 1741 

— II. gynäkologische Klinik.922 

— Dermatologische Klinik. 82-*, 1254 

— Poliklinik für Kinderkrankheiten im Reisingerianum . 1137 

-- Pathologisches Institut.310, 956 

— Hygienisches Institut. 925, 1454, 1610, 1827 

— Röntgenlaboratorium des Krankenhauses 1. I.402 

— Laboratorium der Krankenhausapotheke.1494 

— Deckersche Privatheilanstalt für Magen- u. Darmkranke 

1524, 2150 

— Aerztlicher Verein . . . 166, 550, 641, 731, 1202, 1481, 1939 

— Gesellschaft für Morphologie und Physiologie 425, 55 ’, 

*>95 985 1904 1940 

— Gynäkologische Gesellschaft.’. . 82, 124, 387^ 423 

Nürnberg: Aerztlicher Verein 82, 38S 423, 431, 505, 553, 903, 

944,985,10.5,1073,1123,1161,1404,1550,1780,1900,2103, 2165 

— Medizinische Gesellschaft und Poliklinik 168, 299, 388, 

553, 643, 731, 903, 945, 1073, 1163, 1444, 1485, 2103, 2165 

— Verein Nürnberger Spezialärzte.1123 

Rostock: Medizinische Klinik.. . 2033 

— Chirurgische Klinik. 1^32 

— Aerzteverein. 168, 818, 904, 1027, 1404, 1445 

Schömberg: Heilanstalt für Lungenkranke. 1373, 1887 

Stralsund: Städtisches Krankenhaus. 322, 516 

Strassburg: Medizinische Klinik.611 

— Pathologisches Institut .51, 1565 

— Institut für Hygiene und Bakteriologie ... 611, 1692 

— Unterelsässischer Aerzteverein . . 82, 300, 1284, 1551, 1911 

Stuttgart: Bürgerhospital.870 

Tübingen: Medizinische Klinik ..1697 

— Universitäts-Poliklinik..2 3 

— Anatomisches Institut.437 

U chtsp rin ge: Landes-H eil- und Pflegeanstalt . . . .479, 701 

Würzburg: Medizinische Klinik.740 

— Universitäts-Frauenklinik.737 

— Laboratorium des Privatdozenten Dr. J. Müller . . . 2003 

— Phvsikalisch-medizinische Gesellschaft 300, 341, 554, 

1074, 1445, 1685, 1987 

74. Naturforscherversammlung zu Karlsbad.685 

Allgemeine Sitzungen. 1632, 1669, 1771 

Gesamtsitzung beider Hauptgruppen.1671 

Sitzung der medizinischen Hauptgruppe.1720 

Abteilung für innere Medizin. 1673, 1722, 1816 

Abteilung für Chirurgie. 1673, 1724, 1775, 1861 

Abteilung für Geburtshilfe und Gynäkologie 1674, 1726, 1776 

Abteilung für Kinderheilkunde . . . 1675, 1728, 1819, 1863 

Abteilung für Geschichte der Medizin und der Natur¬ 
wissenschaften . 1897, 1931 

20. Kongress für innere Medizin zu Wiesbaden 467, 673, 718, 

763, 811, 852 

31. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in 

Berlin. 301, 626, 675, 719 


Seite 

I. Kongress der Deutschen Gesellschaft für orthopädische 

Chirurgie.766 

27. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Ge¬ 
sundheitspflege zu München . . 341, 643, 1446, 1634, 1677 

II. Versammlung der Deutschen otologisclien Gesellschaft zu 

Trier . 983, 1023 

1 Hauptversammlung des Deutschen Medizinalbeamten-Vereins 

zu München. 1246, 1718 

5. Versammlung des Verbandes deutscher Bahnärzte zu 

München. 1446, 1636 

1. Hauptversammlung der Deutschen Gesellschaft für Ge¬ 
schichte der Medizin und der Naturwissenschaften zu 

Karlsbad.1677 

30. Deutscher Aerztetag zu Königsberg •. 1195, 1236 

1. Deutscher Kolonialkongress zu Berlin.1933 

Verband deutscher ärztlicher Heilanstaltsbesitzer und Leiter 509 
7. wissenschaftliche Wanderversammlung der Kreise Duisburg 

a. Rh., Mülheim a. d. Ruhr und Ruhrort. 2020 

22. oberrheinischer Aerztetag. 967, 2063 

Mittelfränkischer Aerztetag zu Nürnberg. 2061 

48. Jahresversammlung mittelrheinischer Aerzte.981 

Vereinigung westdeutscher HalB- und Ohrenärzte . . 544, 589, 629 
9. Versammlung des Vereins süddeutscher Laryngologen zu 

Heidelberg.1547 

27. Wanderversammlung der südwestdeutschen Neurologen und 

Irrenärzte zu Baden Baden. 862, 938 

33 Versammlung südwestdeutscher Irrenärzte zu Stuttgart . . 2023 
29. Hauptversammlung des Preussischen Medizinalbeamten¬ 
vereins zu Kassel . . . ..1246 

Leipziger Verband der Aerzte Deutschlands zur Wahrung ihrer 

wirtschaftlichen Interessen. 907, 1237 

Sektion Mittelfranken des Leipziger Verbandes .... 1123, 1286 
Versammlung von bayrischen Mitgliedern des Leipziger Ver¬ 
bandes zu Nürnberg.2167 

Aerztekammern, preussische .1267 

Aerztekammer für die Provinz Brandenburg und den Stadtkreis 

Berlin. 507, 770, 947, 987 

Aerztekammern, bayerische. 1448, 1686, 1781, 2113 

Aerztlicher Bezirks verein Aichach- Friedberg - Sclirobenhausen 733 

„ „ Augsburg. 468, 1868 

„ „ Lohr-Gemünden.341 

„ „ München 468,820, 1123, 1164, 1987, 2182 

„ „ Nürnberg .... 907, 1076, 1781, 2183 

Oesterreich. 

Graz: Hygienisches Institut.272 

— Universitäts-Kinderklinik.1211 

Krakau: Gerichtsärztliches Institut der Universität .... 1617 
Ofen-Pest: 11. interne Klinik der k. ungar. Universität . . 1171 
Prag: I. medizinische Klinik der deutschen Universität . . 1305 

— Verein deutscher Aerzte 256, 426, 553, 904, 946, 1074, 

1404, 1445, 1821, 1867, 1941, 2029, 2068, 2104 
Wien: I. medizinische Klinik.1604 

— II. medizinische Klinik.616, 1090 

— I. Universitäts-Frauenklinik.473 

— Pathologisch-anatomisches Institut.. . 473, 1905 

— Hygienisches Institut. 1570 

— Bakteriologisches Laboratorium d. k. k. landwirtschaftlich¬ 

bakteriologischen und Pflanzenschutzstation ... . 401 

— Universitäts-Ambulatorium für orthopädische Chirurgie 2043 

— Chemisch-mikroskopisches Laboratorium von Dr. M. und 

A. Jolles. 1575 

--- k. k. Kaiserin Elisabeth-Krankenhaus.1646 

— k. k. Krankenanstalt Rudolfstiftung.1645 

— Gesellschaft der Aerzte 85, 172, 259, 302. 341, 429, 469, 

687, 774, 909, 1164, 1903, 2068 

— Medizinischer Klub .773 

— Medizinisches Doktorenkollegium. 302, 597 

— Gesellschaft für innere Medizin 126, 340, 511, 1165, 

1902, 2030, 2069 

— Verein für Psychiatrie und Neurologie.1989 

— VII. österreichischer Aerzte kammertag.1595 

Schweiz. 

Basel: Medizinische Klinik. 62, 1215, 1249, 1413 

— Chirurgische Klinik . . 1250 

— Universitäts-Frauenklinik.1085 

— Physiologisches Institut.367 

— Frauenspital Basel-Stadt.1960 

Genf: Pathologisches Institut.359 

Zürich: Hygienisches Institut.1461 

England. 

Chelsea: Clinical Society. 905 

Ed in bürg: Medico-Chirurgical Society. 257, 554, 2166 


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1902. 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


LXV 


Liverpool: Medical Institution. 554, 

Leeds and West Riding: Medico-Chirurgical Society . . 
London: Medical Society .... . . 125, 17ü, 389, 

— Royal Medical and Chirurgical Society . . . 125, 1285, 

— Pathological Society.170, 

— Society of Medical Officers of Health.17«>, 

— South-West-London Medical Society.213, 

— Clinical Society.' 257, 554, 732, 1868, 

Manchester: Clinical Society. 

Royal Academy of Medicine in Ireland. 

70. Jahresversammlnng der British Medical Association zu 

Manchester. 1552, 

Oplithalmological Society of the United Kingdom. 

Italien. 

Ferrara: Medizinisch-chirurgische Akademie. 555, 

— Arcispedale S. Anna. 

Genua: Medizinische Klinik. 

Modena: Medizinisch-chirurgische Gesellschaft. 

Neapel: Deutsches Krankenhaus. 

Padua: Hygienisches Institut . 

Pa via: Institut für spezielle Pathologie der Universität . . 

Rom: Medizinische Klinik. 

Turin: Akademie der Medizin. 555, 906, 

IV. internationaler Gynäkologen-Kongress zu Rom 4‘z7, 1286, 

1813, 1858, 

Frankreich. 

Paris: Acaddmie de m^decine 124 , 212 , 426 , 507 , 9 5, 

1075, 1318, 1404, 1446, 1942, 


Seite 

905 

125 

554 

2166 

257 

301 

554 

2182 

1556 

301 

1591 

2181 


906 

2047 

353 

987 

1965 

649 

1409 

953 

1205 

1895 


2104 


Seite 

— Acad4mie des Sciences. 507, 947, 2104 

— Soei6t4 medicale des höpitaux . . 84, 169, 987, 1245, 2166 

— Soctetä m(5dico-chirurgicaIe.169, 1029 

— Soctetö de Therapeutique. 426, 1204, 1942, 2166 

— Sociötö de Paediatrie.947 

— Soci6t6 de Chirurgie. 947, 1245, 1942 

Französischer Kongress für innere Medizin zu Toulouse . . . 818 
Chirurgenkongress, 15. französischer, zu Paris. 1248, 1980 

Belgien. 

Jahressitzung der belgischen Gesellschaft für Chirurgie . . . 1981 
H. internationale Konferenz zur Bekämpfung der Syphilis und 

der venerischen Krankheiten zu Brüssel.1665 

Internationale Konferenz zur Unifizierung der Rezepte der 

stark wirkenden Arzneien zu Brüssel .1682 


Spanien. 

XIV. internationaler medizinischer Kongress zu Madrid 1903 


(vorläufiges Programm).1245 

Russland. 

St. Petersburg: Alexandra-Stift für Frauen.1459 

Amerika. 

Aerztekongress in Saratoga. 1934, 1981 


V. Abbildungen und Curventafeln. 


16 Abbildungen zu Moritz, Ueber orthudiagraphische Unter¬ 
suchungen am Herzen. 

6 Abbildungen zu Lange, Weitere Erfahrungen über seidene 

Sehnen. 

5 Abbildungen zu Bruns, Ueber Anwendung von Laufwagen 

bei Lähmungen der unteren Extremitäten. 

1 Abbildung zu Petersen, Ein Pall von kompletter Darmaus- 
schaltung. 

1 Abbildung zu v. Criegern, Ueber Pleurasynechie und ver¬ 

wandte Zustände vom Gesichtspunkte der diaskopischen 
Diagnostik. 

2 Abbildungen und 7 Kurven zu Jaquet, Zur Technik der 

graphischen Pulsregistrierung. 

2 Abbildungen zu Jordan, Operativ geheilte kongenitale Hüft- 

luxation. 

2 Kurventafeln zu Matthes, Statistische Untersuchung über 
die Folgen der Lues. 

1 Abbildung zu Kehr, Eine seltene Anomalie der Gallengänge 

2 Abbildungen zu Handwerck, Ueber die Bestimmung des 

Herzumrisses und deren Bedeutung für den praktischen 

Arzt. 

1 Abbildung zu Placzek, Eine neue Lungenprobe. 

1 Abbildung zu Kaposi, Ein Fall von komplizierter Scliädel- 

verletzung mit Aphasie. 

2 Kurventafeln zu Beyer, Das Verhalten des löslichen Silbers 

im Körper. 

1 Abbildung zu Esser, Chronische Bronchialdrüsenschwellung 

mit Lungenspitzentuberkulose . 

3 Abbildungen zu Bender, Zur Kenntnis des erworbenen 

Hochstandes der Scapula. 

2 Abbildungen zu 8ellheim, Prinzipien und Gefahren der 

Abortbehandlung. 

2 Abbildungen zu Rieder, Nochmals die bakterientötende 

Wirkung der Röntgenstrahlen. 

1 Abbildung zu Baas, Ueber das Zentrum der reflektorischen 
Pupillenverengerung und über den Sitz und das Weson 

der reflektorischen Papillenstarre . 

1 Abbildung zu Riedinger, Ueber willkürliche Verrenkung 

des Oberarms. 

1 Abbildung zu Bender, Ein Fall von einseitigem, fast voll¬ 
ständigem Fehlen des M. cucullaris. 


Seite I 8eite 

1 Abbildung zu Panse, Pulverbläser. 499 


1 7 Abbildungen zuBemdt, Ueber Exstirpation und Regeneration 

langer Röhrenknochen bei Osteomyelitis und Tuberkulose 516 
11 ! 1 Kurventafel zu Bertelsmann und Mau, Das Eindringen von 

| Bakterien in die Blutbahn als Ursache des Urethral fiebere 521 

24 6 Abbildungen zu Lange, Ueber ungenügende Muskelspan¬ 


nung und ihre operative Behandlung. 525 

41 1 Abbildung: Ein Ex Libris des Aerztlichen Vereins München 558 

2 Kurventafeln zu Treupel und Edinger, Untersuchungen 

über Rhodanverbindungen. 563 

54 | 17 Abbildungen zu Walther, Ueber Subluxationen bei der an¬ 
geborenen Hüftverrenkung. 566 

62 j 2 Abbildungen zu Riedinger, Ueber eine Haltungsanomalie 

bei Hysterie. 571 

210 j 4 Abbildungen zu Köster, Eine bisher noch nicht beschrie¬ 
bene Lokalisation der Bleilähmung. 601 

221 ! 1 Abbildung von Boas, Beiträge zur Kenntnis der Chole- 

229 | lithiasis. 605 

i 2 Abbildungen zu Heller, Kleine Beiträge zur Tuberkulosefrage 609 

i 1 Abbildung zu Struppler, Ueber Pyopnoumothorax acutissi- 

230 mus bei inkarzerierter Zwerchfellshernie. 618 

267 1 Abbildung zu Plesch, Ueber ein verbessertes Verfahren der 

Perkussion. 620 

316 1 Abbildung zu Wiener, Ein eigentümlicher Fall von UteruB- 

einklemmung in ein Pessar. 655 

331 1 Abbildung zu Stölzing, Trommelschlegelfinger mit Atrophie 

der Endphalangen. 656 

356 l 4 Abbildungen zu Matthes, Weitere Beobachtungen über den 

i Austritt des Hämoglobins aus sublimatgehärteten Blut- 

857 | körperchen. 698 

i 2 Abbildungen zu v. Hoesslin, Varicellen mit abnormer Ent- 

393 ! wicklung des Exanthems. 704 

2 Abbildungen zu Neugebauer, Rückenmarksanalgesie und die 

403 1 Verteilung der Sensibilität nach Marksegmenten. 741 

1 2 Abbildungen zu Mann, Ueber subkutane Paraffinprothesen 

zur Korrektur von Sattelnasen. 767 

406 1 Abbildung zu Briefe aus Ostasien VIH. 820 

1 Abbildung zu Treupel, Ueber multiple Sklerose in klinischer 

411 | Beziehung und ihre differentielle Diagnose. 865 

1 Abbildung zu Spineanu, Apparat zur Bestimmung des Ge- 
413 samtsäuregehaltes des Magensaftes. *77 


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LXVT 


INHALTS-VERZEICHNIS. 


1902. 


Seite 

4 Abbildungen zu Kaes, Neue Beobachtungen bei der Weigert- 

färbung. 919 

2 Abbildungen zu Rullmann, Ueber eine aus Sputum isolierte 

pathogene Streptothrix . 925 

5 Abbildungen zu Pfeiffer, Ueber eine schnelle Methode zur 

Prüfung der Lichtstärke auf den Arbeitsplätzen in Schulen, 

Bureaux und Werkstätten. 920 

1 Abbildung zu Kustermann, Ein neues Instrumentarium für 

Morphium- und Kampherinjektionen. 927 

1 Abbildung zu Büdingen, Der Thoraxdruckmesser und die 

neue Lungenprobe... 928 

7 Abbildungen zu Scheffer, Ueber eine mikroskopische Er¬ 
scheinung am ermüdeten Muskel. 998 

3 Abbildungen zu v. Stubenrauch, Zur Pathologie des Meckel- 

schen Divertikels. 985 

2 Abbildungen zu Metzner, Transportables Röntgen-Universal- 

Instrumentarium für den Gebrauch des praktischen Arztes 1004 

1 Abbildung zu Hahn, Osteomyelitis femoris. 1026 1 

1 Abbildung zu Stich, Eiweiss- und Zuckerreaktion am Kran¬ 
kenbett .1100 

4 Abbildungen zu Steinert, Ueber den Intentionskrampf der 

Sprache, die sog. Aphthongie.1132 

1 Abbildung zu Jacobsohn, Ein Trichterreagensglas.12Ö5 

5 Kurventafeln zu du Mesnil, Ueber die Heilserumbehand¬ 

lung des Typhus abdominalis.1238 

1 Abbildung zu Axenfeld, Die Prophylaxe der septischen 

Infektion des Auges, besonders seiner Berufsverletzungen 1289 
1 Abbildung zu Müller, Bericht über eine Wiederkäuerfamilie 1293 
4 Abbildungen zu Model, Medizinisch-botanische Streifzüge . 1303 


1 Kurventafel zu Körner, Soziale Gesetzgebung und Ohren¬ 


heilkunde .1305 

1 Abbildung zu Klein, Zur Geschichte der Extraktion und 

Expression des nachfolgenden Kopfes.1307 

1 Abbildung zu Sticker, Zur Diagnose der angeborenen Schwind¬ 
suchtsanlage .1375 

9 Abbildungen zu Herz, Der Bau des Negerfusses.1416 

1 Abbildung zu Vulpius, Ein neuer Bewegungsapparat.1460 

3 Abbildungen zu Silberschmidt, Ueber ein einfaches Bak¬ 
terienfilter zur Filtration kleiner Flüssigkeitsmengen... . 1461 

1 Abbildung zu Braun, Naht- und Unterbindungsfäden.1483 

1 Abbildung zu Kober, Zur Frage der Uterusruptur in frühen 

Monaten der Schwangerschaft.1499 

1 Abbildung zu Pfeiffer, Ein Riesen ipom.1502 

3 Abbildungen zu v. Hösslin, Zum Nachweis der Simulation 

bei Hysterischen und Unfallskranken.1521 


ßeite 

1 Abbildung zu Hahn, Aneurysma varicosum eines Saphena- 

astes als Schenkelbruch fehldiagnostiziert... . 1538 

1 Abbildung zu Stömmer, Ein Fall von Menstruatio praecox 1541 

1 Abbildung der Universal-Schreibplatte. 1558 

2 Abbildungen zu Brüning, Ueber die Luxatio tibiae anterior 1573 

1 Abbildung zu Jolles, Eine einfache Methode zur quantita¬ 

tiven Bestimmung der Eiweisskörper im Blute für klinische 
Zwecke.157.') 

2 Abbildungen zu Cybulski, Ueber eine eigentümliche Kom¬ 

plikation der Lungenblutung .1613 

1 Abbildung zu Eicbler, Aspirationstrachealkatheter.1639 

3 Kurven zu Treupel, Operative Behandlung gewisser Lungen¬ 

erkrankungen .1644 

5 Kurven zu de Feyfer und Kayser, Eine Endemie von Para- 

tvphns.1692 

1 Kurve zu Theilhaber, Ursachen, Symptome und Behandlung 

der Insuffizienz des nicht schwangeren Uterus.1698 

8 Abbildungen zu Kuhn, Zur Extension.1701 

1 Abbildung zu Fels, Ein Fall von kongenitaler Cystenniere 

mit pararenalem Hämatom bei einem Luetiker.1743 

1 Kartenskizze zu de Feyfer und Kayser, Eine Endemie von 

Paratyphus.1752 

4 Abbildungen zu Fischer, Ueber den Wert der Elastinfärbung 

für die histologische Diagnostik. 1785 

2 Abbildungen zu v. Ranke, Ein weiterer Beitrag zur Behand¬ 

lung des nomatösen Brandes durch Exzision des erkrankten 

Gewebes.1789 

l Kurve zu Moos, Ein Fall von Lobärpneumonie mit konse¬ 
kutivem Pemphigus acutus bei einem 2 1 / 2 jährigen Kinde 1886 

1 Abbildung zu v. Hoesslin, Ueber Spirometrie.1952 

1 Abbildung zu Miller, Ein neuer Messapparat zur genauen 

Bestimmung der Exkursionsfähigkeit der Gelenke.1990 

1 Abbildung zu Witzei, Wie sollen wir narkotisieren?.1993 

1 Abbildung zu Kurrer, Selbsttätiger Aetherflaschenverschluss 

für die Narkose . 2002 

3 Abbildungen zu Port, Ueber die Ausgleichung von Knochen¬ 

deformitäten . 2007 

6 Abbildungen zu Reiner, Ueber ein Operationsverfahren zur 

Beseitigung hochgradiger Unterschenkelverkrümmun.en . 2043 
1 Abbildung zu Zimmermann, Beiträge zur Mechanik des 

Hörens. 2080 

1 Abbildung zu Helrabold, Injektionsspritze, zerlegbar, zum 

sterilisieren .2169 


Verlag von J. F. Lelimann in München. — Druck von E. Mühlthalers Buch- und Kunstdruckerei A.G., München. 

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LUUVUOU. 

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pio Mflnrh. Med. Worhen «oh r. erscheint wöehentl. 
In Nummern von durchschnittlich 6-8 Bogen. 
iTcla In l>entnchl. u. Oest.-Uoxarn riertelJAhrl. t> Jt, 
ins Analand 7.60 JL Einzelne No. 80 4- 


MÜNCHENER 


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Ottosira»«« 1. — Fiir Abonnement an J. F. Leh¬ 
mann, Hen«tra*«e 20. - Für Innerste nnd Beilagen 
an Rudolf Mosse, Promenadeplals 16. 



SDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 


(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 


ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 


Heraasgegeben von 

CI. BIibIit, 0. Bollligsr, N. CirscliMR, C. SorhRfit, 6. Merkel, J. i. Michel, H. i. Raikt, 

Frefbnrg 1. B München. Lelpdg. Berlin. Nürnberg. Berlin. München. 


F. i. WlRCkel, H. i. Zleassei, 

München. Mflnehen. 


No. 1. 7. Januar 1902. 


Redaction: Dr. B. Spatz, Ottostrasse 1. 
Verlag: J. P. Lehmann, Henstrasse 20. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

Aus der medizinischen Universitäts-Poliklinik zu München. 

Ueber orthodiagraphische Untersuchungen am Herzen*). 

Von Professor Dr. Moritz. 

M. H.! Vor ca. IV» Jahren habe ich Ihnen hier einen 
Apparat demonstrirt, den ich „Orthodiagraph“ genannt hatte. 
Er dient dazu, mit Hilfe von Röntgenstrahlen die Grösse, Form 
und Lage im Körperinnern gelegener Organe, insbesondere des 
Herzens, oder auch von Fremdkörpern, rasch und exakt zu be¬ 
stimmen. Das Prinzip, auf dem der Orthodiagraph beruht, be¬ 
steht, wie Sie sich erinnern, darin, dass die Röntgenröhre in einer 
bestimmten Ebene allseitig leicht verschiebbar gemacht, und dass 
eine Vorrichtung getroffen ist, welche es ermöglicht, auf dem 
Fluoreszenzschirm jederzeit den Punkt zu erkennen, in dem 
der zur Verschiebungsebene senkrecht gerichtete Röntgenstrahl 
nuftrifft. Man kann unter Benützung dieses Leitpunktes die 
Röntgenröhre ohne jede Schwierigkeit genau entlang dem Rand 
eines zu projizirenden Gegenstandes führen, indem man den zur 
Versehiebungsebene senkrechten Röntgenstrahl gewissermaassen 
als Tangente an die einzelnen Umrisspunkte des Gegenstandes 
anlegt. Da zugleich eine einfache Zeichenvorrichtung angebracht 
ist, mittels deren man auf einer feststehenden Projektionsflächo 
jeweils da eine Marke anbringen kann, wo der senkrechte 
Röntgenstrahl einen Umrisspunkt des zu projizirenden Objektes 
berührt hat, so gelingt es nach Form, Grösse und Lage absolut 
richtige Silhouetten des Objektes zu erhalten.') 

Die grosse Exaktheit, mit der der Apparat arbeitet, habe ich 
Ihnen damals an der Hand einiger Silhouetten von Metallgegen¬ 
ständen demonstrirt. 1 ) Aber auch für das Objekt, das den Gegen¬ 
stand meiner heutigen Auseinandersetzungen bilden soll, für das 
Herz, ist seine Arbeit eine völlig zuverlässige. Man muss ja 
beim Herzen, das keine so dichte Masse, wie ein Metallkörper ist, 
an die Möglichkeit denken, dass die dünneren Randschichten zu 
stark durchstrahlt würden, so dass sie in der Silhouette nicht 
deutlich zum Vorschein kommen und diese daher zu klein aus¬ 
fällt. Dass dies indessen nicht der Fall ist, haben sowohl Ver¬ 
suche an der Leiche mit nachfolgender Kontrole durch die 
Autopsie als auch Versuche an isolirten mit Wasser gefüllten 


*) Vortrag, gehalten im Aerztllchen Verein München. 

’) Die zuverlässigste Einrichtung ist die, dass der Patient auf 
einem Durchleuchtungstisch liegt, während sich unter resp. über 
ihm in horizontaler Ebene Röhre und Marklrungsvorrlchtung be¬ 
wegen. Diese Einrichtung besitzt der in der Münch, med. Wochen- 
sebr. 1900, No. 29 beschriebene Apparat, der übrigens seit dieser 
Publikation wesentliche technische Verbesserungen erfahren hat. 
(Metall walzen, vervollkonimnete Einstellung auf verschiedene 
Höhen, Vorrichtung, um auch direkt auf den Körper des Kranken 
zu projiziren etc.) Ich habe inzwischen für besondere Zwecke 
auch einen in vertikaler Ebene arbeitenden Apparat konstrulrt, 
der noch nicht beschrieben Ist. Dem Orthodiagraphen nacli- 
gebildet aber alle mit Führung in vertikaler Ebene sind der von 
Levy-Dorn ln der Deutsch, ined. Wochensclir. 1901, No. 49 
Iwsehriebene Apparat, femer die „Zeicheuvorriclitung", die die 
Finna Kohl in Chemnitz in ihrer Preisliste pro 1901 zu dein 
Me^sstatlv nach Hoffman n nufführt (S. 49 des Katalogs) und 
ein Apparat, den die A. E. 0». Berlin in der Röntgenausstellung 
der diesjährigen Naturforscherversammlung in Hamburg aus¬ 
gestellt hatte. 

'■) Siehe Münch, med. Wochenschr. 1900, No. 29. Fig. V. 

N'o 1 


Herzen ergeben. Die letzteren wurden in einem Medium unter¬ 
sucht, das mindestens so stark abgedunkelt war, als es die natür¬ 
liche Umgebung des Herzens im Thorax ist. (Die Herzen lagen 
in einer mit Wasser gefüllten Schale.) Trotzdem wurden richtige 
Umrisse erhalten. 

Ich habe nun seit nahezu zwei Jahren unter Mitwirkung 
des I. Assistenten der medizinischen Poliklinik, des Herrn Privat¬ 
dozenten Dr. Neumayer, unter verschiedenen Gesichtspunkten 
eine grosse Zahl von Orthodiagrammen menschlicher Herzen auf- 
genommen. Ehe ich auf einige Resultate dieser Untersuchungen 
eingehe, ist indessen noch eine Bemerkung über die Methodik 
am Platze. 

Um den vollen Gewinn aus solchen Orthodiagrammen ziehen 
zu können, genügt es nicht, die blosse Umrissfigur des Herzens 
aufzuzeichnon. Es ist vielmehr auch nöthig, die 
Herzfigur in ihrer richtigen Lage zu bestimm¬ 
ten Orienti rungspunkten des Thorax darzu¬ 
stellen. 

Wir nehmen daher in das Orthodiagramm fast immer auch 
noch die Mittellinie des Thorax, den Rippcnbogc^iwinkel, die 
Mammillen, den perkutirten rechten unteren Lungenrand, die 
Stelle des Spitzenstosses, sowie die Konturen des vorderen 
Rippenskeletes auf, soweit sie für die Herzfigur in Betracht 
kommen. Die bezüglichen Linien werden auf dem Thorax des 
Patienten mit Blaustift aufgezeichnet und sammt der auf den 
Thorax projizirten Herzsilhouette zunächst auf eine der vorderen 
Brustfliiche angelegte Glastafel und von dieser dünn auf Bapier 
übertragen. Diese Uebertragung bewirkt bei richtiger Ausführung 
keine nennenswerthen Fehler. Man erhält so Orthodiagramme, 
aus denen nicht nur die Grössen- und Formverhültnisso des Her¬ 
zens, sondern auch dessen Lage zu den Rippen, der Mittel- und 



Fig. 1. 

II. III. IV. ctc. = 2. 3. 4. Rippe. , Sj> Spitzeiwtoss. 

M = Muminilla. I ab - Medlanabstaiid rechts. 

J.r = perkutirtc untere Lungcngrenac. : cd = Medianabstand links. 

Z r = Zwerchfellstand recht*. | ef = Längadarchmesscr. 

ZI = Zwerchfellstand links. | gh = Qucrdurchmesser. 

Th = cyrtometrische Thorax kurve. 

der Maminillarlinie etc. genau ersichtlich ist (s. Fig. 1). Fiir 
gewisse Zwecke empfiehlt es sich ferner, zu den genannten Linien 
und Punkten, die als „Aufriss“ der vorderen Brtislwand im 
Orthodiagramm erscheinen, noch eine „Grundriss“-Linio hinzu 

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2 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1. 


zufügen, indem man mittels Bleidrahts in einer senkrecht zur 
Körperachse gelegenen und durch die Stelle des normalen Spitzen- 
stosses (5. Interkostalraum) gehenden Ebene eine cyrtometrische 
Thoraxkurve aufnimmt und diese derart in das Orthodiagramm 
cinträgt, dass sie um einen Winkel von 90 0 nach oben umgeklappt 
erscheint. Man kann alsdann (durch Parallelen zur Mittellinie) 
die in der Nähe gelegenen Punkte, insbesondere die Mammilla 
und die Stelle des Spitzenstosses, imscliwer auf diese Cyrtometer- 
kurve beziehen und so feststellen, wie viel hinter der vorderen 
Fläche der Brustwand (genauer: hinter einer Frontalebene, 
welche das Brustbein am Ausgangspunkt der Cyrtometerkurve 
tangirt) die betreffenden Punkte gelegen sind (s. Fig. 1.). Die 
Bedeutung dieser Verhältnisse wird uns später klar werden. 

Die Art unseres Vorgehens ist im Einzelnen folgende: 
Wir zeichnen die oben genannten Merkpunkte und Konturen 
des Thoraxskeletes in liegender Stellung des Patienten, d. h. in 
genau derselben Stellung auf die Brustwand auf, in der dann 
aueh die Projektion der Herzsilhouette erfolgt. Diese erscheint 
gemäss der Einrichtung der am Orthodiagraphen befindlichen 
Zeichenvorrichtung in Form farbiger (meist rother; rothe Tinte) 
Tupfen auf der Brustwand. Dann wird, immer noch in der¬ 
selben liegenden Stellung des Kranken, die Glastafel horizontal 
der Brustwand angelegt und die maassgebenden Punkte durch- 
visirt und aufgetragen (mit Tinte oder mit Fettstift). Von hier 
wird dann die Zeichnung auf Pauspapier übertragen. Die Sil¬ 
houette der Vorderfläche des Herzens kommt bei der ortlio- 
diagraphischcn Aufnahme nicht ohne Weiteres ganz zum Vor¬ 
schein. Ihr unterster Theil bleibt in der Regel im Schatten des 
Zwerchfells verborgen. Es ist dies aber in der Regel nur eine 
ganz kleine Partie, so dass man aus der Krümmung, welche die 
Herzspitze auf der einen und der rechte Vorhof auf der anderen 
Seite nimmt, unschwer den Verlauf des unteren Herzrandes ent¬ 
nehmen und durch Konstruktion ergänzen kann. Es gelingt 
übrigens meistens auch durch den Zwerchfellschatten hindurch 
links die ganze Umbiegung der Herzspitze zu erkennen, so dass 
der Verlauf des unteren Herzrandes unmittelbar gegeben ist. 
Fast vollständig entblösst sich die Herzsilhouette bei Inspirations- 
Stellung des Thorax, bei der die Zwerchfellkuppe nach unten 
tritt und sich so von der Herzsilhouette zurückzieht. 

Da man nun nach dem Krümmungsverlauf des linkeii und 
rechten Herzrandes nach oben auch die Abgrenzung des Herzens 
von den grossen Gefässen (Cava superior, Aorta, Pulmonalis) 
mit genügender Sicherheit vornehmen kann, so erhält man auf 
dem Orthodiagramm dergestalt schliesslich ein Bild von der 
ganzen Vorderfläche des Herzens (s. Fig. 1). 

An der Vorderfläche des Herzens pflegen 
wir folgende Abmessungen f e s t z u s t e 11 e n 
(s. Fig. 1): 1. grösste Entfernung des rechten Herzrandes von 
der Mittellinie („M edianabstand recht s“); 2. grösste 
Entfernung des linken Herzrandes, d. i. der Herzspitze von der 
Mittellinie („M edianabstand link s“); 3. grösster 
Längsdurchmesser vom oberen Theil des rechten Herz¬ 
randes (in der Regel in der Höhe der IV. Rippe) nach der Spitze 
ziehend; 4. grösster Querdurchmesser, von rechts 
unten nach links oben ziehend. Er stellt meist die Breite des 
rechten Ventrikels dar. Diese Abmessung, die in der Regel 
von dem konstruirten unteren zu dem konstruirten oberen Herz¬ 
rand zieht, leidet an einer gewissen Unsicherheit. 5. G e - 
sammte Oberfläche in Quadratcentimetern. Sie wird 
bestimmt, indem eine Pause der Vorderfläche mit Hilfe von 
quadrirtem Papier ausgezählt wird. Meist haben wir den rechts 
und den links von der Mittellinie gelegenen Theil der Vorder¬ 
flüche gesondert ausgezählt. 

Durch diese Ausmessungen ist die Herzgrösse vollständig 
bestimmt. Es ist dies nicht der Fall, wenn, wie dies bisher in 
der Regel geschieht, nur der Medianabstand rechts und links 
angegeben wird *)> da bei gleichen Medianabständen doch der 
Längsdurchmesser sehr verschieden gross sein kann. (Fig. 2.) 

Noch weniger sagen die Medianabstände über die Oberflächen¬ 
grösse aus. Es ist aber gerade nicht ohne Interesse, einUrtheilüber 
die Oberflächengrösse zu besitzen, da dieses Maass alle linearen 

s ) Le vy- Dorn: Verliandl. des Ivongr. für Innere Medleln, 
Karlsbad 1S1M». Holzknecht: Die röntgenologische Diagnostik 
der Erkrankung der Brusteingeweide, ln Fortschritte auf dem Ge¬ 
biete der Röntgenstrahlen. Ergänzungsheft 0. Hamburg, G r a e f e 
u. Sille m. S. 129. 


Abmessungen der Vorderfläche gewissermaassen zusammenfasst. 
Ich hegte einige Zeit sogar die Hoffnung, dass es auf Grund 
genauer Oberflächenwerthe gelingen werde, schon am Lebenden 
einen Rückschluss auf das Gewicht des Herzens zu machen. 
Eine grössere Reihe von Oberflächen- und Gewichtsbestimmungen 
am Herzen bei Autopsien hat mich aber belehrt, dass die Schwank¬ 
ungen, die im Herzgewicht, unabhängig von der Oberfläehen- 
grösse, durch die verschiedene Ausbildung der Muskulatur be¬ 
dingt werden, zu gross sind, als dass sich durchschnittliche Ver- 
hältnisszahlen aufstellen Hessen. 



Schematisches Beispiel zweier Herzen mit gleichen McdiaiiahNtänricn innl doch 
sehr verschiedenen I.ftngsdurchmessern. (e f resp. ej. f t .) 

Eine Voraussetzung für die Verwerthung der Ortho¬ 
diagraphie für pathologische Verhältnisse ist natürlich die 
Kcnntniss der angeführten M a a s s e am normalen Her¬ 
zen. Unsere diesbezüglichen Bestimmungen haben bisher Fol¬ 
gendes ergeben: 


Erwachsene gesunde Männer (von 17 bis 56 Jahren'. 


Körpergrösse 

Median¬ 

abstand 

re-iits 

cm 

Median¬ 
abstand j 
links 
cm 1 

T.ängs- 

durcli- 

messer 

cm 

Quer¬ 
durch- 1 
messcr , 

cm 

Ober- 

fläche 

qcm 

153-157 

[ Durch¬ 
schnitt 

4.4 

7.9 

13.0 

10.2 

98 

cm 

Maxim. 

4.8 

8.0 

13.5 

10.5 

10 * 


[ Minim. 

40 

7.8 

11.5 

100 

80 

161-169] 

1 Durch- 
I schnitt 

1.4 

8.3 

134 

10 5 

0 

10 


Maxim. 

5.0 

9.3 

14.5 

loH 

bm 

cm j 

| Minim. 

3.5 

7.5 

12.8 1 

9 0 

1 h7 


1 Durch- 




. 


171-178| 

schnitt 

4.6 

8.8 

14.0 

10 3 

10» 


Maxim. 

5.9 

97 

15.3 

11.0 

126 

cm J 

Minim. 

3.0 

7.8 1 

12.5 

9.0 

92 


Es ist ersichtlich, wie es auch von vornherein anzunehmen 
war, dass die Herzmaasse mit der Körpergrösse wachsen. Jedoch 
ist dies nar in relativ geringem Grade der Fall, so dass die 
Maxima bei den kleineren Leuten über die Minima bei den 
grösseren hinübergreifen. Die hier aufgeführten Zahlen machen 
nicht den Anspruch, schon abschliessende Werthe zu sein. Sic 
werden bei Vergrösserung der Untersuchungsreihen wohl noch 
gewisse, wenn auch nur geringe Korrekturen erfahren. Grundbe¬ 
dingung für solche Untersuchungen ist es natürlich, dass man 
sorgfältig die Fälle auswiihlt und nur solche zulässt, bei denen 
perkutorisch und auskultatorisch völlig normale Verhältnisse ob¬ 
walten. 

Die Körpergrösse ist übrigens nicht der einzige Faktor, der 
auf die Herzgrösse von Einfluss ist. Es ist auch die Entwick¬ 
lungsstufe des Organismus mitbestimmend. So zeigten zwei 
13 jährige Knaben bei fast gleicher Körpergrösse doch wesentlich 
kleinere Herzmaasse, als ein 27 jähriger Mann. 


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7. Januar 1902. MUENC11ENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


3 



Median- 
abstand R 

Median- 
abstund L 

Längsdurch- 

messer 

Oberfläche 

Knalxs 151 ein 

4.2 

68 

11.8 

80.5 

Knabe 152 cm 

4.3 

6.8 

11.3 

73 5 

Mann 153 cm 

4.8 

7.8 

185 

100 


Auch dein Grad der Ausbildung der gesammten Muskulatur 
kommt höchst wahrscheinlich ein Einfluss auf die Ilerzgrösse zu. 
Das Körpergewicht, das in so erheblichem Maasse vom Fettansatz 
abbängt, darf allerdings für jene nicht als Maassstab heran¬ 
gezogen werden. 

Das Herz von Weibern ist, soweit unsere bisherigen Er¬ 
fahrungen reichen, kaum kleiner als das von gleich grossen 
Männern. Nur den Medianabstand nach rechts haben wir auf¬ 
fallend häufig hinter dem bei gleich grossen Männern um ca. 1 cm 
Zurückbleiben sehen. 

Derartige genaue Daten über die Grössenverhältnisse des 
Herzens lebender Menschen zu besitzen, hat einen grossen Reiz 
und fortlaufende Untersuchungen über das Wachsthum des Her¬ 
zens im Vergleich zum übrigen Wachsthum, sowie über den 
eventuellen Einfluss, den Krankheiten, langdauernde Anstreng¬ 
ungen, Schädigungen verschiedener Art, auf die Herzgrösse aus¬ 
üben, werden sicherlich noch manches Interessante zu Tage för¬ 
dern. Auch glaube ich, dass die orthodiagraphische Herzbestim¬ 
mung für Lebensversicherungsfragen, unter Umständen auch für 
militärärztliche und ähnliche Zwecke Bedeutung bekommen 
wird. 

Auf die Maasse, die wir an einer sehr grossen Reihe patho¬ 
logischer Herzen (Klappenfehler der verschiedensten Art, idio¬ 
pathische Hypertrophien, B a s e d o w’sche Krankheit u. s. w.) 
erhalten haben, will ich im Einzelnen heute nicht eingehen. Ich 
will nur erwähnen, dass die Maxima, die mir bis jetzt bei normal 
gelagertem Herzen vorgekommen sind, ein Medianabstand nach 
rechts von 7 cm, nach links von 13 cm, ein Längsdurchmesser 
von 20 cm und eine Oberfläche von 190 qcm waren. Selbstver¬ 
ständlich gehörten nicht alle diese Maxima demselben Herzen an. 

Die von allen Maassen am wenigsten schwankende Grösse 
ist übrigens der Medianabstand nach rechts. Er bewegt sich 
auch in pathologischen Fällen fast immer zwischen 4 und 5 cm. 

Was die Form der Herzsilhouette anlangt, 
so zeigt sie sich in normalen Fällen ziemlich überein¬ 
stimmend als gedrungene Eiform (s. Fig. 1) mit einem 
Verhältniss des Querdurchmessers zum Längsdurchmesser 
von durchschnittlich 1:1,3—1,4. Auch bei Vergrösserungcn 
des Herzens erhält sich dieses Verhältniss in der Mehr¬ 
zahl der Fälle. Wo Abweichungen davon stattfinden, sind 
sie unter unseren Fällen häufiger in der Art, dass 
das Längenwaehsthum über das Breitenwachsthum überwiegt. 
Am ausgesprochensten ist das bei der Aorteninsuffizienz der Fall, 
wo Verhältnisse von 1:1,6—1,8 gefunden werden können. 

Beistehende Figuren stellen vergrösserte Klappenfehlerherzen 
vor (Fig. 3 u. 4). In die Silhouette ist wie eine Art Vakuole das 



Flg. 8. 

Herxform ln einem Kalle von Aorteninsuffizienz nebst Mitmllnsufflzlonz und 
8teno«o. Die Innere Figur stellt die normale Herzgrösse für diesen Fall vor, die 
»•hraffirte Zone also die Vergrößerung. 9 = Spltzcnstoss. Ds = rolnlive-Herz- 
d(Impfung links mit starker Perkussion Lg = Lungengrenze. 

Herz cingezeichnet, das dem betreffenden Individuum unter nor¬ 
malen Verhältnissen zukommen würde. Die schraffirte Zone ßtellt 


die Vergrösserung dar. Auffällige Formen ergaben sich, nebenbei 
gesagt, gelegentlich an den grossen Gefässen bei Aortenancu- 



Flg. 4. 

Herzform ln einem Falle von Aortcnlnsufflzlenz. Die Innere Figur bezcichne- 
dle normale Herzgrösse, die schraffirte Zone gibt die Vergrösserung an. 8 = Spltzen- 
atoss.^Th = kystomet-Ische Tboraxform. 

rysmen. Neben „blasigen“ möchte ich „buchtige“ Aneurysmen¬ 
formen unterscheiden (s. Fig. 5 u. 6). 



Aneurysma der Aorta dcscondens. Blasige Form. 


Hie und da findet sich am linken Herzrand ein flacher, ein¬ 
springender Winkel (s. Fig. 7). Derselbe kennzeichnet, wie ich 
glaube, die Stelle, wo der linke Rand des rechten Ventrikels 
resp. des Conus arteriosus und des linken Ventrikels sich 
schneiden, d. i. die Stelle, wo der Sulcus longitudinalis anterior 
des Herzens auf die Vorderflnche tritt. Am Situs bei Autopsien 
habe ich mich überzeugt, dass an dieser Stelle ein solcher Winkel 
nicht selten sichtbar wird. 



Aneurysma dor Aorta; buchtigo Form. 


Was die Lage des Herzens zum vorderen Thorax- 
skelet anlangt, so findet sich die normale Herzspitze 
in der Regel in dem Raume zwischen Mitte der 5. und 
oberem Theil der 6. Rippe. Die Umbiegung des Herz¬ 
randes zu den grossen Gefässen liegt rechts nahe dem Stcrnal- 
rand gewöhnlich in der Höhe der 3. Rippe bis des 3. Inter- 

1 * 


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4 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


kostalraums, links meist etwas höher in der Höhe der 3. Rippe 
bis des 2. Interkostalraums. Der Stand der Zwerchfellskuppe 
am Herzrand schwankt rechts meist zwischen Mitte der 5. Rippe 
und 5. Interkostalraum, links zwischen 5. Interkostalraum und 
6. Rippe. Links ist er bekanntlich fast regelmässig tiefer als 
rechts, meist 1—2 cm, seltener weniger oder mehr. 



E Inzisiir am llnkon Hcrzrnnd zwischen Conus nrteriosus und linkem Vcrtrikcl 
A UinbieKungsstelle des Aortenbogens nach hinten. 

Die vorstehenden Angaben beziehen sich auf die mittlere 
Respirationsstellung bei möglichst ruhiger Athmung. Tiefere 
Zwerchfellsathmung bedingt dagegen erhebliche HöhenVerschie¬ 
bungen des Herzens. Mit stärkerer Einathmung steigt das 
Organ sehr merklich auf und nieder, so dass ruhige Athmung 
oder eventuell Berücksichtigung immer nur derselben Athmungs- 
phase erforderlich sind, um exakte Orthodiagramme aufnehmen 
zu können. Es sei hier nebenbei bemerkt, dass die Verschieb¬ 
ungen, die der linke Herzrand durch die Herzkontraktionen er¬ 
leidet, beim Orthodiagraphiren nicht störend wirken und keines¬ 
wegs Fehler bedingen. Denn einmal pflegt man ganz unwill¬ 
kürlich auf die grössten Konturen, die das Herz bei der Pul¬ 
sation auf weist, einzustellen, zumal das Organ in dieser Form, 
nämlich der diastolischen**), länger verweilt, als in der kon- 
trahirten, systolischen, dann aber ist die lineare pulsatorische 
Verschiebung des Herzens auch so gering, dass es geradezu schwer 
hält, sie überhaupt orthodiagraphiscli festzuhalten. Bei einem 
Fall von Basedowkrankheit mit abnorm starker Spitzenpulsation 
habe ich z. B. nur eine lineare Verschiebung von 0,6 cm ge¬ 
funden. Es ist eben zu bedenken, dass die deutlichen Pul¬ 
sationen, die man auf dem Fluoreszenzschirm direkt beobachtet, 
in Folge der divergenten Projektion erhebliche Vergrösserungen 
der wirklichen Verschiebung sind. 

Bei tiefster Inspirationsstellung haben wir in einem Falle ein 
Hinabrücken des Herzens bis zu 5 cm gegenüber der Stellung 
bei ruhiger Respiration und bei tiefster Exspiration ein Hinauf¬ 
rücken bis zu 2,5 cm gefunden, so dass die ganze Breite der Ver- 



I*ie mittler« Fi^ur stellt die Herzlage bei ruhiger Athmung, die obere in Exsplrn- 
tionsstellung, die untere ln Inspirationsstellung dar. Keine Veränderung der 
Silhouette beim inspiratorischen Hinabsteigen des Herzens. 


3 *) Ausnahmsweise kann, wie ich mich überzeugt habe, der 
linke Herzrand sich systolisch nach aussen bewegen. Es 
hängt dies offenbar mit RUckwärtsverlngerung der Herzspitze in 
der Diastole zusammen. 


No. 3. 


Schiebung 7,5 cm betrug (s. Fig. 8). Die Verschiebung des 
Zwerchfells fiel dabei noch etwas grösser aus, indem es bei 
der Exspiration höher hinter dem Herzen hinaufstieg und bei 
der Inspiration sich weiter von ihm abzog. Wie aus der Ab¬ 
bildung 8 ebenfalls ersichtlich ist, kann das Herz bei Inspiration 
zu einem beträchtlichen Theile in den Rippenbogenwinkel ein- 
rücken. 

Sehr wichtig für die Deutung orthodiagrapliischer Auf¬ 
nahmen, wie auch für die Deutung von Röntgenphotographien 
ist es, dass das Herz bei dem inspiratorischen Hinabtreten nicht 
selten auch seine Grösse und Form ändert. In manchen Fällen 
findet freilich bei der Inspiration ein einfaches Hinabsteigen der 
ganzen Silhouette statt, so dass der Medianabstand links un¬ 
verändert bleibt, wenn auch der linke Herzrand eine Bewegung 
medinmviirts zu machen scheint (s. Fig. 8). 

In solchen Fällen bleiben auch alle Abmessungen der In¬ 
spirationsfigur dieselben, wie bei der Figur in mittlerer Re¬ 
spirationsstellung. In anderen Fällen aber bewegt sich die Herz¬ 
spitze bei der Inspiration nach der Mittellinie zu und die 
meisten linearen Abmessungen der Silhouette, insbesondere 
auch das Oberllächenmaass verkleinern sich (Fig. 9). Diese Er- 



Dit* mittlere Figur stelltJrlns Herz bei ruhiger Athmung in mittlerer Respiration*- 
stellung <lnr, die obere Kiirur das Herz in Exspiration*- die untere in Jnspira- 
tioiisstellunjf. Starke DrelmnK der Herzspitze nach hinten beim inspiratorischen 
llinabstciften. wodurch die Ilerzsilhonette stark verkürzt und alle Abmessungen 
derselben verkleinert werden. Th = eyrtomet rische Thornxkurve. S = Spitzen- 
Ktoss bei mittlerer KespiraUonsstcllung. 

scheinung kann ich mir nur so erklären, dass mit der Abflachung 
der Zwerchfellskuppe bei der Inspiration eine Stütze für das Herz 
in Wegfall kommt, so dass in der Rückenlage nun die Herz¬ 
spitze nach hinten umfällt. Hierdurch erleidet natürlich die 
Projektionsfigur des Herzens eine starke Verkürzung. 

Die Bewegungen, die der rechte Herzrand bei In- und Ex¬ 
spiration macht, sind verhältnissmässig gering. Es findet meist 
ein einfaches Auf- und Absteigen mit nur geringer seitlicher 
Verschiebung statt. 

Aus den geschilderten Verhältnissen erhellt es, wie noth- 
wendig es ist, bei der Vergleichung zweier Herzaufnahmen bei 
derselben 4 ) Person auf die Zwerchfellsstellung zu achten und 
es erhellt ferner hieraus, dass die Inspirationsfigur des Herzens, 
wie sie gewöhnlich zum Photographiren benutzt wird, wenigstens 
bei Rückenlage unter Umständen ein falsches Bild von 
der Form und Grösse der Vorderfläche des Herzens geben muss. 

Bemerkenswerth ist, dass auch die Breite des Bündels der 
grossen Herzgefässe mit der Jn- und Exspiration sich ändert, 
mit ersterer abnimmt (in die Länge gezogen wird), mit letzterer 
zunimmt (sich in die Höhe staut) (s. Fig. 9). 

Veränderungen in der Herzlage finden gegenüber der Rücken¬ 
lage auch im Stehen statt. So weit meine Erfahrungen bis jetzt 
reichen, tritt das Herz dabei in der Regel etwas tiefer und es 
können sich die Herzabmessungen dabei ebenfalls etwas ver¬ 
kleinern (Fig. 10). 

Dass das Herz auch bei Seitenlage seinen Platz ändern kann, 
ist klinisch durch Untersuchungen Bamberger’s, Ger¬ 
hard t’s, W e i l’s seit Langem bekannt und durch Hoff- 

0 Dieser Punkt wird auch vou Karfunkel, der mit meinem 
Orthodiagraphen gearbeitet hat, betont Zeitschr. f. klin. Med. 
Bd. 43. S. 331. 


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7. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


5 


mann') und Determann') auch auf röntgenographi- 
schcm Wege nachgewiesen. Rumpf 1 ) will einer starken der¬ 
artigen Seitenbeweglichkeit des Herzens sogar eine patho¬ 
genetische Bedeutung beilegen. Diese ganze Frage ist noch 
nicht spruchreif, ehe nicht orthodiagraphisclie Untersuch¬ 
ungen vorliegen, wie wir sie mit dem Vertikalapparat beab¬ 
sichtigen. 




Pig. 10. 

Die obere Figur stellt die im Liegen, die untere die im Stehen aufgenomniene 
Herzsilhouette dar. 


Von grossem Interesse muss es erscheinen, mit dem Ortho- 
diagraphen festzustellen, inwieweit Veränderungen 
der Herzgrösse in kurzer Zeit unter bestimm¬ 
ten Bedingungen auftreten können. Wir haben 
das weite Gebiet, das sich der Untersuchung hier er¬ 
öffnet, bisher erst zu einem kleinen Theil betreten, da 
mir die Ausbildung einer exakten Methodik und die orthodia- 
gTaphische Kontrole der Perkussion, von der gleich noch die 
Rede sein wird, in erster Linie am Herzen lagen. Immerhin 
haben wir einige Versuche gemacht, die nicht ohne Interesse 
sein dürften. 

Nach Untersuchungen, die Smith in den letzten 
Jahren mittels der sog. Friktionsmethode mit dem Phonendoskop 
angestellt hat T *) — eine Technik, die ich allerdings auf Grund 
eigener Prüfung nicht für zuverlässig halten kann —, sollte dem 
Herzen eine sehr erhebliche und rasche Veränderlichkeit in 
der Grösse schon auf relativ geringfügige Einflüsse hin zu¬ 
kommen. So soll sich das normale Herz auf ein h e i s s e s 
Bad hin auf linear fast um das Doppelte vergrössem können! 
Ich führe dem gegenüber einen eigenen Versuch an: Ein ge¬ 
sunder Mann nimmt ein Bad von 33 0 R. und 25 Minuten Dauer. 
Nach dem Bad voller, erregter Puls, gerötheter Kopf. D i e 
Abmessungen des Herzens sind aber völlig 
unverändert geblieben. 

Ein anderer Versuch bezog sich auf den eventuellen Einfluss, 
den rascher Genuss grösserer Mengen von Bier auf die Herz¬ 
grösse haben könnte: Ein gesunder 23jähriger Mann trank inner¬ 
halb 2 Minuten lYa Liter Bier. 20 Minuten nach dem Bier¬ 
genuss ergibt eine orthodiagraphische Aufnahme, dass 
das Herz sammt dem Zwerchfell in toto um 
2 cm in die Höhe geschoben ist, offenbar 
eine Folge der Anfüllung des Magens mit Flüssigkeit und Gas. 

Die Ausmessung des Orthodiagramms ergibt jedoch im Ueb- 
rigen genau die gleichen Werthe wie vor dem Biergenuss (s.Fig.li). 



Flg. 11. 


Die untere (ansgezogene) Figur stellt die Hcrzsllbouette vor dem Blergenuss, 
die obere (gestrichelte) die 8ilhouette 2u Min. nach dem Biergenuss, die mittlere 
die Silhouette 56 Min. nach dem BlergenuM und nuch körperlicher Arbeit dar. 
Durch die Aufnahme des Bieres Ist das Herz sammt Zwerchfell ln die Höhe 
geschoben worden. 


*) lü. Kongr. f. innere Med. S. 325. 

*) 17. Kongr. f. innere Med. S. 007. 

’) Deutsch, med. Wochenscbr. 1901, No. 37. 
’*) 18. Kongr. f. innere Med. 

No. 1. 


Ohne die Erkenntnis?, dass eine Lageveränderung des Herzens 
stattgefunden hatte, hätte man hier leicht irrthümlich eine 
Vergrösserung annehmen können, indem man nicht analoge 
Punkte der beiden Aufnahmen miteinander verglich. Im wei¬ 
teren Verlauf senkte sich dann das Herz langsam wieder. Eine 
3. Aufnahme, 55 Minuten nach dem Biergenuss und nachdem 
2 Minuten lang ein Gewicht von 10 Pfund gestemmt und der 
Körper in den Knien gebeugt und gestreckt worden war, ergab 
wieder imveränderte Abmessungen des Herzens. 

Bei einem Versuch, den wir bei einem Kranken mit Herz¬ 
insuffizienz vor und nach dem Gebrauch von Digitalis machten, 
erhielten wir ebenfalls keine Veränderung der Herzgrösse. Doch 
liegt es mir fern, aus diesem vereinzelten Falle allgemeine 
Schlüsse zu ziehen, zumal Herr Dr. v. H ö s s 1 i n , der Leiter 
der Kuranstalt Neuwittelsbach, mir mitgetheilt hat, dass er 
eine unzweifelhafte Verkleinerung des insuffizienten Herzens 
nach Digitalisgebrauch mit dem Orthodiagraphen beobachtet hat. 

Besonderes Interesse hat wohl auch die Frage einer akuten 
Dilatation des Herzens nach grösseren Körperanstreng¬ 
ungen. Schott') hat in den letzten Jahren mehrere Beob¬ 
achtungen mitgetheilt, in denen er nach Ringen und Radfahren 
eine erhebliche Vergrösserung durch Perkussion und durch die 
Röntgenphotographie gefunden hat. Ich bin mit Hilfe der 
Orthodiagraphie, die der Perkussion und der Photographie an 
Zuverlässigkeit unbedingt überlegen ist, zu anderen Resultaten 
gelangt. 

Ich verfüge über Versuche an 4 Ringern und 3 Radfahrern. 
Die Ersteren, 1 Brauer, 2 Metzger und 1 Schreiner im Alter von 
36, 21, 19 und 24 Jahren, gehörten einem sogen. Athleten¬ 
klub an, waren jedoch keineswegs Berufsringer. Von den 
Radfahrern, 2 Aerzte und 1 Student der Medizin, fuhr 
nur einer mit gewisser Regelmässigkeit grössere Strecken. Die 
anderen waren untrainirt. Die Ringer rangen 20—30 Minuten, 
zum Theil bis zur Erschöpfung; 2 derselben hatten eine Mitralis¬ 
insuffizienz. Die Radfahrer fuhren grössere Strecken: der Eine 
ca. 32 km in 1 Stunde 26 Min., der Andere ca. 64 km in 3 Stunden; 
bei dem Letzten (Mitralisinsuffizienz) ist die Strecke nicht ver¬ 
merkt. Alle Ringer wie Radler hatten nach der Anstrengung 
sehr erhöhte Pulszahlen, 124—152 in der Minute. Das Ortho- 
diagramm wurde unmittelbar nach Aufhören der Anstrengung, 
längstens 5 Minuten nach dieser aufgenommen. In keinem 
Falle war eine Vergrösserung der Herzfigur 
nachweisbar (s. Fig. 12). Da die Projektion unmittelbar 



Dr. W. nicht trainirt, fahrt ln 1 St. 2S Min. ca. 33 km. Anfangs Dyspnoe. Puls 
)>ei Ankunft 162. Dio obere (ausgezogene) Figur stellt die Herzsilliouette vor 
dem Radeln, die untere (mit Sternchen bezeichnet?) dieselbe nachdem Radeln dar. 

auf die Brustwand aufgenommen wurde Und die vor der An¬ 
strengung erhaltene Figur stehen blieb, so war eine unmittelbare 
exakteste Vergleichung beider Figuren möglich. 

Im Gegentheil konnte man auf den ersten Blick den Ein¬ 
druck gewinnen, dass die linke Herzhälfte sich zusammengezogen 
habe, da der linke Herzrand sich deutlich medianwärts bewegt 
hatte. Diese Erscheinung ist aber, wie sich aus der Berück¬ 
sichtigung des Zwerchfellstandes mit aller Sicherheit ergab, auf 
einen vorübergehenden Z w e r c h f el 11 i e f s t a n d 
nach der Anstrengung zu beziehen, durch den das 
Herz in eine leichte Inspirationsstellung gebracht wurde (siche 
Fig. 12). 

Dass diese in Folge des Hinabtretens des Herzens immer 
mit einem Einwärtsrücken des linken Herzrandes einhergeht. 


*) Zur akuten Ueberanstrengung des Herzens und deren Be¬ 
handlung. 1893. 3. Auflage. J. F. Bergmann. 


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No. 1. 


6 MUENCILENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


wurde ja oben schon erwähnt. Hieraus geht wieder hervor, wie 
ausserordentlich wichtig für alle diese Fragen die Berücksich¬ 
tigung der Herzlage ist, die genau nur auf orthodiagraphischem 
Wege gefunden werden kann. 

Ich habe es vorher schon ausgesprochen, dass wir die ver¬ 
schiedenen Fragen der Beeinflussbarkeit der Herzgrösse durch 
Schädigungen verschiedener Art, durch therapeutische Maass- 
nahnien u. s. w. zu bearbeiten erst begonnen haben. Es werden 
ja wohl auch von anderer Seite solche Fragen auf orthodiagraphi¬ 
schem Wege in Angriff genommen werden. Das aber scheint 
uns nach unseren Versuchen jetzt schon festzustehen, dass die 
Veränderlichkeit der Ilerzgrösse geringer ist, als man bisher 
wohl vielfach angenommen hat. Zumal kann ich auch 
meinen Versuchen an eine akute Herzdilatation, die schon 
nach verhültnissmä.ssig geringen körperlichen Anstrengungen 
fast physiologisch auftreten soll, nicht glauben. Exzessive I 

Anstrengungen, wie übertriebene Bergbesteigungen, mögen ja I 
akute Dilatationen machen. In solchen Füllen dürften aber auch 
klinische Erscheinungen einer funktionellen Insuffizienz des 
Herzens nicht fehlen. 

Natürlich soll und kann mit dem negativen Ausfall unserer 
Versuche nicht ausgeschlossen werden, dass regelmässig wieder- 
kehrende derartige Einflüsse, wie Ueberanstrengung, Exzesse 
in Baecho u. s. w., nicht schliesslich doch zu einer Vergrösserung 
dos Herzens führen. Viele kleinste Summanden können am 
Ende natürlich doch eine grosse Summe ausmachen. Eine der¬ 
artige Auffassung ist aber wesentlich von der verschieden, 
die in dem Herzen eine Art von Gummiballon sieht, der bald 
klein, bald gross sein kann. 

Am Ende meiner heutigen Ausführungen lassen Sie mich, 
m. II., noch eine Frage berühren, die mich eigentlich zuerst 
und am längsten beschäftigt hat, eine Frage, die mir überhaupt 
die Veranlassung zur Konstruktion des Orthodiagraphen gab. 
Es ist dies die Kontrole der Herzperkussion durch das Röntgen¬ 
verfahren. 

Die Angaben über die Herzperkussion sind in den verschie¬ 
denen gangbaren Lehrbüchern zum Theil so verschieden, dass hier 
ein wirklicher, von den Studirenden stark empfundener Missstand 
vorliegt. Eine Einigung erscheint hier im Interesse des Unterrichts 
dringend erforderlich und dürfte nicht zum Wenigsten mit Zu¬ 
hilfenahme der Orthodiagraphie auch möglich sein. Ohne auf 
alle Einzelheiten heute einzugehen, deren Auseinandersetzung 
zu viel Zeit erfordern würde, will ich hier nur wiederholen, was 
ich schon auf dem diesjährigen Kongresse für innere Medizin 
in Berlin angegeben habe, dass es nämlich in der .Mehrzahl der 
Fülle in einer für klinische Zwecke genügenden Weise gelingt, 
sowohl den linken als auch den rechten Herzrand durch Per¬ 
kussion richtig zu bestimmen. 

Es ist dazu keine besondere Tastperkussion nöthig, wie sie 
Ebstein anwendet, sondern es genügt, so zu perkutiren, wie 
wohl die Meisten sich zu perkutiren gewöhnt haben. Der Finger, 
auf den perkutirt wird (Plessimeterfinger), wird der Brustwand 
fest anlegt und der klopfende Finger führt lange, etwas ver¬ 
weilende Schläge aus. 

Die Schläge müssen am rechten Herzrand ziemlich stark, 
am linken Ilerzrand etwas weniger stark sein. Am rechten Herz¬ 
rand erleichtert man sich die Perkussion sehr, wenn man in Ex¬ 
spirationsstellung des Thorax perkutirt, nachdem also die Lunge 
sich möglichst weit vom rechten Ilerzrand zurückgezogen hat. 
Links ist dieser Kunstgriff nicht nöthig und nicht einmal gut, 
da der linke Ilerzrand sich bei der exspiratorischen llebuug des 
Herzens zu weit nach aussen zu verschieben pflegt. 

Obwohl ich die orthodiagraphische Feststellung, dass der 
rechte Ilerzrand, entgegen der Ansicht wohl der meisten Autoren, 
perkutirbar ist, auch praktisch nicht für bedeutungslos halte, so 
bin ich doch keineswegs der Meinung, dass seine Bestimmung 
etwa die Feststellung der üblichen absoluten und relativen 
Dämpfung nach rechts, wie sie sich bei pathologischen Fällen in 
der Regel im Bereiche des Sternums abspielt, überflüssig macht. 
Dem steht schon die Thatsache entgegen, dass eine, und 
zwar erhebliche, Verbreiterung dieser Dämpf¬ 
ung nach rechts vorhanden sein kann, ohne 
»las- sich orthodia graphisch der rechte II e r z - 

'i Ich habe hier die llerzpevkussionslohre im Auge, wie sie in 
Gerh a r d t’s Lchrluiche dargestellt ist. 


rand als abnorm weit von der Mittellinie ab¬ 
stehend erweist. Jedenfalls besteht fast 
immer eine Disproportionalität in dem nach 
Aussenrücken des rechten Herzrandes einer¬ 
seits und der rechten Herzdämpfung anderer¬ 
seits in dem bisher üblichen Sinne*), indem 
die Dämpfung weit grössere Ausschläge zeigt, 
als der Herzrand. Die übliche Herzdämpfung, die durch 
den Grad bestimmt wird, in dem die Lungenränder das Herz frei 
lassen, ist eben ein Reagens nicht nur auf die linearen Abmes¬ 
sungen des Herzens, auf dessen Breite resp. Länge, sondern auch 
auf dessen Volum und besonders, wie ich glaube, auf das Volum des 
den Haupttheil der Herzvorderfläche einnehmenden rechten Ven¬ 
trikels. Eine Zunahme des Tiefendurchmessers des Herzens, be¬ 
dingt durch Dilatation des rechten Ventrikels, kann meines Er¬ 
achtens eine Retraktion des rechten vorderen Lungenrandes und 
damit eine Vergrösserung der Herzdämpfung nach rechts be¬ 
wirken, ohne dass der Medianabstand des Herzens nach rechts 
viel oder überhaupt grösser geworden zu sein braucht. 

Von ganz besonderem Interesse sind die Perkussionsverhält¬ 
nisse am linken Herzrand. Die Orthodiagraphie hat uns ge¬ 
lehrt, dass man hier, besonders bei an sich etwas 
nach links vergrössertem Herzen, mit stär¬ 
kerer Perkussion sehr leicht nicht unerheb¬ 
lich über den linken Herzrand hinauskommt. 
Dasselbe ist häufig auch der Fall, wenn man 
die äusserste Stelle des Spitzenstosses, be¬ 
sonders bei lebhaft pulsirendem Herzen, als 
Marke für die linke Herzgrenze benutzt. Auch 
dann kann man erheblich, mitunter einige 
Centimeter weit, über die wahre Herzgrenze 
hinauskommen. 

Der Grund für diese auf den ersten Blick auffällige Er¬ 
scheinung liegt in den Krümmungsverhältnissen des Thorax. 
Derselbe ist ja mehr oder weniger ein Cylinder und dacht sich 
in der Gegend der Herzspitze bereits nach hinten ab. Da man 
nun die Perkussionsstösse senkrecht zu der Tangente an die je¬ 
weils perkutirte Stelle richten muss, so ändert sich die Per¬ 
kussionsrichtung um so mehr, je weiter man mit der Perkussion 
nach links hinauskommt. 



Fig. 13. 


P« , hr*innlisohrrTh<>r!ix4|ii.Ts«'luiitt init<lick< > rßrust\van<1iini.': iiurlt links vprerossertes 
Herz. K« ist ersiehtli.-li, <lnss «Inreli starke Perkussion <SP. auf die seitliche 
Thornxul.dachtim; nach links 1 >am|>funtr erhalten werden muss, deren l’rojekttons 
punkte auf die Hrn«t\\;ind tiher das Orthodiaeriimm des Herzens hinausirehen. 

KI.enso verhalt es sielt mit dem Spitzenstoss ipj. 

Die „Perkussionsstrahlen“ zielen in mehr und mehr diver¬ 
genter Weise auf Punkte, die innen am Herzen nahe bei ein¬ 
ander gelegen sind und cs resultirt daraus an der Projektions- 
fliiehe des Thorax ein vergrüssertes Projektionsbild, wie bei jeder 
divergenten Projektion überhaupt (s. Fig. 13). Bei einem der seit- 
soitlichen Brustwand anliegenden oder sehr nahe liegenden 
Herzen wird man überhaupt mit der Perkussion einen Fehler 
machen, der der Dicke der Brust wand glcichkommt. Wo ein 
starker Panniculus adiposus oder die weibliche Mamma in Frage 
kommt, kann dieser Fehler sehr erheblich werden. Um dies zu 
illustriren, verweise ieh Sie auf beistehende Abbildung (Fig. 14), 


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7. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


die einen Fall betrifft, der mir Anfangs viel Kopfzerbrechen ge- I 
macht hat. 



Fall von quer verengtem Thorax mit «ehr erheblicher Vergrösserung der Per- 
kuseionsrtgur des Herzens gegenüber •Jom Orthodlngramm. Th = cyriometrlRche ■ 
Thoraxkurve. p = Stellen, an denen (resp. auch zwischen denen) deutliche 
iMlmtion fühlbar war (die Stellen sind durch eingerahmte Kreuze bezeichnet) 
mP mit mittelstarker Peikussiou erhaltene Uftmplungsgrenze (gestrichelt). SP mit ] 
starker Perkussion erhaltene Dämpfungsgrenze (mit Kreuzehen bezeichnet). 

Es handelt sich um einen wahrscheinlich kongenitalen j 
Klappenfehler bei einem jungen Mädchen. Aus Fig. 14 geht ! 
hervor, wie weit hier die mit Perkussion erhaltenen Grenzen ! 
das Orthodiagramm überschreiten. Dabei bemerke ich, | 

dass ganz das gleiche Ergebniss in zwei über ein Jahr j 
auseinanderliegenden Versuchen erhalten wurde. Die Er- I 
klärung für dieses merkwürdige Verhalten liegt in 

der Thoraxform des Mädchens. Es handelt sich hier 

um einen ausgesprochen quer verengten Thorax. Die Anomalie 
wurde durch die Mamma etwas verdeckt, so dass sie 
erst durch die cyrtometrische Kurve mit voller Deutlichkeit zum 
Ausdruck kam (Fig. 15). Es ergibt sich nun, dass ein nach 


hebung aussen an der Brustwnnd entspricht also weder in zur 
seitlichen Brustwand noch gar in zur vorderen Brustwand senk¬ 
rechter Richtung der Stelle, wo innen die Herzspitze anschlägt. 

Die Zone der Irradiation des Spitzenstosses, das „Spitzen- 
stossfeld“, wird offenbar uni so grösser sein, je lebhafter das 
Herz pulsirt. Man kann also nicht ohne Weiteres, 
falls man etwa nach stärkerem Laufen oder 
Aehnlichem, d en Spitzenstoss weiter nach 
aussen fühlte, als in der Ruhe, den Schluss 
ziehen, dass das Herz inzwischen eine Dila¬ 
tation nach links erfahren habe. Aehnliche Er¬ 
wägungen gelten vor Allem auch für das in erregter Pulsation 
begriffene Herz des Basedowkranken. Wie gross hier das 
Spitzenstossfeld resp. Hezstossfeld sein, wie weit es die Herz¬ 
spitze und den linken Herzrand überragen kann, sehen Sie au* 
Figur 16. 



Fig. 10. 

Full von Bnsodow'wlier Krankheit mit lebhaft pnlsirewlcr Herzspitze. P = Stellen, 
an (lenen (resp mich zwischen 'lenen) Pulsation zu fühlen ist. Das ..Spitzen- 
stossfold“ (resp. HerzstossfeMi jrelit demnach erheblich über den Bereich des 
Herzens selbst hinaus. 

Zum Schluss bitte ich Sie noch, m. H., einen Blick auf 



beistehende Tabelle zu werfen, in der ich Ihnen die Resultate 
unserer durch die Orthodiagraphie kontrollirten Perkussionsver¬ 
suche zusammengestellt habe. Selbstverständlich haben wir jedes 
Mal vor und nicht etwa erst nach der Durchleuchtung perkutirt 
und die Perkussionsfigur auf gezeichnet. 

Zahl der perkntirten Fülle 120. 


Rechte Grenze 
richtig 


Linke Grenze 
richtig 


Rechte und linke 
Grenze am gleichen 
Fall richtig 


Beiderseits 

fehlerhaft 


68 ' 


70 l, /o 


60 o/o 


12 °/o 


Als „richtig“ perkutirt wurden alle Fälle betrachtet, bei 
denen die Abweichung vom Orthodiagramm 0.5 cm nicht über- 


Fig. 15. 

Cyrtometrisch bestimmter Thoraxquerschnitt des in Fig. 14 darucstelHen Falles. 
Man sieht, dass der orthodiaaraphlsch erhaltene transversale Durchmesser des 
Herzens (Summe der Medlanabstände aus Piff. 14 entnommen) den vorderen Thell 
des Brustkorbes völlig ausfüllt, ml’ Lage der mit mittelstarker, SP Lage der mit 
starker Perkussion enthaltenen D&mpfungsgrenze. M = Mummllla. 

dem Orthodiagramm konstruirter Grundriss des Herzens den vor¬ 
deren Theil des Thorax vollständig ausfüllt, so dass das Herz 
rechts wie links bis an die schräge Seitenwand des Thorax heran¬ 
reicht. Die perkutorische Projektion erfolgte also an beiden 
Seiten divergent zur Vorderfläche des Thorax und bedingte so 
auch eine starke beiderseitige Vergrösserung der Dämpfungsfigur, 
zumal diese theilweise auf die Mamma fiel. 

Für den Spitzenstoss liegen nun die Verhältnisse zum Theil 
ganz ähnlich, wie für die Perkussion. Angenommen, dass das 
Herz links bis an die seitliche Fläche des Thorax heranreicht, 
so ist doch offenbar die Stelle, an der man aussen an der Brust 
den Stoss fühlt, um die ganze Brustwanddicke von der Herz¬ 
spitze entfernt. Um so viel wird also auch die Spitzen- 
atosss teile den Herzrand überragen müssen"). Dazu kommt 
aber noch, dass die Erhebung des Interkostalraums beim 
Spitzenstoss keine punktförmige ist, sondern dass die Weich- 
theile von der andrängenden Herzspitze zeltartig in die 
Höhe gehoben werden. Das äusserste Ende dieser Er¬ 


stieg. 

Fehler über 1 cm wurden nach rechts in 9.6, nach links in 
14,4 Proz. der Fälle gemacht. Die grössten Perkussionsfehler 
betrugen nach rechts + 4.5 resp. 4,6 cm in dem oben erwähnten 
Falle des Mädchens mit der quer verengten kielförmigen Brust, 
und —2,0, —2,5, —2,5 cm in zwei Fällen von Kyphoskoliose 
und einem Falle mit starkem Fettpolster. Die maximalen Fehler 
nach links waren +3,3 resp. 2,3 cm wieder in dem Falle des 
Mädchens mit der Kielbrust, ferner +3,5, +3,0, +3,0 cm in 
3 Fällen von Lipomatose mit Herzhypertrophie und endlich 
— 2,0 cm in einem Falle von Kyphoskoliose. 

Die Herzperkussion wird in technischer Hinsicht meiner 
Ueberzeugung nach durch die Kontrole der Orthodiagraphie g<— 

'") Das Verhalten des Spitzenstosses zum linken Herzrand 
wird auch von Karfunkel in einer kürzlich erschienenen, auf 
orthodiagrnphlscheUntersuchungen sich stützenden Arbeit (Bestim¬ 
mung der wahren Lage und Grösse des Herzens; Zeitschr. f. klin. 
Med. Bd. 43) diskutirt. Der Autor vergisst nur völlig, zu erwähnen, 
dass die einschlägigen Verhältnisse auf dem diesjährigen Kongress 
für innere Medizin in einem Vortrage von mir erörtert wurden, dem 
auch der Autor anwohnte. Karfunkel ist übrigens vor ca. 
1% Jahren von mir persönlich in die ganze Technik und Methodik 
der Orthodiagraphie, deren Ausbildung uns natürlich nicht wen*g 
Zelt und Ueberlegung gekostet hat, eingeführt worden, ohue dass 
freilich auch dieses aus seiner Arbeit hervorginge. 


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8 


MUEXCHEXER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. L 


winnen. Was man bisher nur vereinzelt und in nicht sehr voll¬ 
kommener Weise that, indem man die Perkussionsresultate mit 
dem Befunde bei der Autopsie verglich, das ist nun am Lebenden 
jederzeit in leichtester Weise möglich. 

In Zweifelsfällen, oder wo die Perkussion überhaupt ver¬ 
sagt (Emphysem, Kyphoskoliose u. s. w.) gibt die Orthodiagraphie 
den untrüglichen Entscheid. Dass ihre Technik, wie jede andere 
auch, erlernt werden muss, ist selbstverständlich. Aber sie ist 
sehr leicht zu erlernen. Wir sind übrigens zu persönlicher In¬ 
struktion jederzeit gern bereit. 


Aus der medizinischen Poliklinik in Jena. 

Experimenteller Beitrag zur Frage der Hämolyse. 

Von Prof. Dr. Max Matthes. 

Beim Studium der Literatur über Hämolyse ergaben sich mir 
einige Fragestellungen, die ich experimentell zu lösen versuchte. 
Ich möchte über diese Versuche, da sie mir einiges theoretisches 
Interesse zu besitzen scheinen, im Folgenden kurz berichten. 

Man mag über die von Ehrlich entwickelten Theorien 
und über seine vorwiegend chemische Betrachtungsweise eines 
biologischen Problems denken, wie man will, das eine scheint mir 
sicher zu sein, dass denselben ein grosser heuristischer Werth 
innewohnt und dass die Fragestellung durch sie ausserordentlich 
präzisirt wird. Ehrlich nimmt bekanntlich an, dass der Immun¬ 
körper, die substance sensibilisatrice Borde t’s, als Binde¬ 
glied zwischen dem rothen Blutkörperchen und dem 
auflösenden Prinzip (dem Komplement) dient. Der Immun¬ 
körper allein ist also nicht im Stande, eine Hämolyse zu Wege zu 
bringen und das Komplement wird erst durch den Immunkörper 
in wirksamer Menge an das rotlic Blutkörperchen verankert. 
Während nun Ehrlich diesen Vorgang genau untersucht hat, 
so schien mir die Frage, wie sich das rothe Blutkörperchen selbst 
bei dem Bindungs- und Auflösungsprozess verhält, bisher nicht 
scharf genug verfolgt zu sein. Ehrlich stellt wenigstens im 
Sinne seiner Seitenkettentheorie diesen Prozess nur ganz all¬ 
gemein als eine Schädigung des Protoplasmas durch Besetzung 
gewisser Seitenketten dar, er äussert aber nirgends präzisere Vor¬ 
stellungen darüber. Ich beschloss daher diesen Punkt zu unter¬ 
suchen. 

Es wird für das Verstiindniss der Versuchsanordnung am 
einfachsten sein, wenn ich den Gedankengang, der mich dabei 
leitete, reproduzire, trotzdem sich derselbe durch das Resultat 
der Versuche als falsch licrausstellte. 

Ich hatte mir gedacht, wenn ein rothes Blutkörper¬ 
chen seinen Farbstoff abgibt, so müsse man wohl annehmen, 
dass cs vorher abgestorben sei, und wollte zunächst feststellen, 
ob es der Immunkörper bereits etwa wie ein Fixirungsmittel 
tödte und auf diese Weise dem auflösenden Komplement zu¬ 
gänglich mache. 

Um den näheren Verlauf des Auflösungsprozesses zu unter¬ 
suchen, brauchte ich also vor Allem eine Methode, die ein lebendes 
von einem abgestorbenen rothen Blutkörperchen unterscheiden 
lässt. Von vornherein war klar, dass dafür eine morphologische 
Methode nicht in Betracht kommen konnte, denn wir besitzen ja 
eine ganze Reihe von Fixirungsmitteln, die die Formen der rothen 
Blutkörperchen sehr exakt erhalten. Es musste also eine bio¬ 
logische Methode gewählt werden, um dieses biologische Problem 
zu untersuchen. Eine solche lag mir sehr nahe, da ich 1 ) im Jahre 
1893 als Erster nachgewiesen habe, dass proteolytische Fermente 
nicht im Stande sind, ungcschädigtes lebendes Gewebe anzu¬ 
greifen. Meine damaligen, speziell bei Studien über die Selbst¬ 
verdauung, gewonnenen Schlüsse sind später auf ganz anderem 
Wege von Claudio Fermi : ) durchaus bestätigt worden und 
haben jedenfalls bisher von keiner Seite Widerspruch erfahren. 

Lebende rothe Blutkörperchen durften danach durch ver¬ 
dauende Fermente nicht geschädigt werden, vorausgesetzt natür¬ 
lich, dass diese in einem Medium wirkten, welches nicht an sich, 
etwa durch seine Reaktion oder durch mangelnde Isotonie die 

') M. Mattlies: Untersuchungen über die Pathogenese des 
Ulc. vcntriculi und über den Einfluss von Verdauungsenzymen 
auf lebendes und todtes Gewebe. Ziegler’s Beiträge zur pathol. 
Anatomie, Bd. 13. 1893. p. 309 ff. 

s ) Claudio Fermi: Ueber die Wirkung der proteolytischen 
Enzyme auf die lebenden Zeilen als Grund einer biochemischen 
Theorie der Selbstverdauung. Centralbl. f. Phvsiol. 1895, No. 21. 


Blutkörperchen angriff. Im Pankreasferment, das schon bei sehr 
schwach alkalischer Reaktion wirksam ist, schien zunächst das 
geeignete Ferment gegeben zu sein. 

Benützt wurde ein von Grübler geliefertes Trockenpankreas 
nach K ü h n e. Digerirt man solches Trockenpankreas etwa 
32 Stunden im Brutschrank bei 38° C. mit der fünffachen Menge 
einer 7>„Pvoz. Salizylsäurelösung, ültrirt dann ab und neutralisirt 
das Filtrat mit Soda oder macht es, besser noch, ganz schwach 
alkalisch, so erhält man eine höchst wirksame Verdauungsüüssig- 
keit, die bei Körpertemperatur Fibrinflocken in etwa 10 Minuten 
vollkommen auflöst. Um die rothen Blutkörperchen möglichst zu 
isoliren, wurde das Blut ln isotonischer Salzlösung aufgefangen 
und dann wiederholt auf der Zentrifuge mit solcher Lösung ge¬ 
waschen, so dass Serum und Gerinnsel vollständig entfernt 
wurden. 

Setzt man nun zu einer solchen Aufschwemmung von rothen 
Blutkörperchen, beispielsweise vom Kaninchen in 0,9 proc. Koch¬ 
salzlösung, Pankreaslösung hinzu und hält das Gemisch bei Brut¬ 
temperatur, so bleiben die rothen Blutkörperchen 
völlig erhalten und setzen sich als ein nicht, oder nicht 
wesentlich agglutinirter Bodensatz ab. Die 
Pankreaslösung habe ich Anfangs stets genau isotonisoh ein¬ 
gestellt, ich überzeugte mich aber bald, dass dies unnüthig sei und 
dass die Pankreaslösung sogar ziemlich stark alkalisch sein kann, 
ohne dass sie die Blutkörperchen schädigt. Im Gegentheil, man 
könnte sie direkt als Konservirungsmittel für Erythrocyten be¬ 
nützen, wenn sie nicht nach einigen Stunden trüben würde. 

Davon, dass die rothen Blutkörperchen sämmtlich und nicht 
nur theilweise erhalten bleiben, kann man sich leicht durch 
Zählungen in der Zeis s’schen Zählkammer überzeugen. 
Nahm ich z. B. Blutaufschwemmung und Pankreaslösung zu 
gleichen Theilen, so zählte ich nach der Verdauung in dem Ge¬ 
mische beider stets annähernd, mitunter auch genau die Hälfte 
Erythtocyten als in der ursprünglichen Blutaufschwemmung. 

Eine wirksame Pankreaslösung schädigt alsofrische 
rothe Blutzöllen nicht. Wenigstens kann man be¬ 
haupten, dass in einigen Stunden, also in einer Zeit, wo im Kon- 
trolrührehen Fibrin längst gelöst ist, die Erythrocyten völlig er¬ 
halten sind. Länger als 6 Stunden kann man die Beobachtung 
nicht fortsetzen, da dann die neutrale und die alkalische Pan¬ 
kreaslösung zu faulen beginnt. 

Es war nun nachzuweisen, dass Pankreaslösung abgetödtete 
rothe Blutkörperchen, die sonst in ihrer Form nicht verändert 
waren, zu verdauen im Stande ist. Am zweekmässigsten erreicht 
man eine solche Abtödtung, indem man d.as Blut in der be¬ 
kannten, zur Zählung viel benützen Hayem’schen Lösung auf- 
fängt. Die H a y e m’sche Flüssigkeit ist sublimathaltig, sie er¬ 
hält dio rothen Blutkörperchen morphologisch tagelang ausge¬ 
zeichnet. Die Blutkörperchen, welche mit II a y e nvscher Lösung 
vorbehandelt sind, werden aueh nicht einmal durch eine Nach¬ 
behandlung mit destillirtem Wasser aufgelöst. 

Versetzt man eine Aufschwemmung von Blutkörperchen in 
Hayem’scher Lösung nun mit wirksamer Pankreasflüssigkeit, 
so bleiben die Erythrocyten allerdings unverändert, aber nur, 
weil der Sublimatgehalt die Wirkung des Fermentes hindert. 
Zentrif ugirt man die Haye m’sche Lösung aber ab, wäscht 
die Blutkörperchen mehrfach mit isotonischer Kochsalzlösung 
und setzt sie nunmehr der Pankreasverdauung aus, so werden 
dieselben so glatt verdaut, dass man nach einer halben Stunde 
nicht einmal durch Auszentrifugiren noch rothe Blutkörperchen 
nachweisen kann. Ich habe mich von der Konstanz dieses Ver¬ 
haltens für verschiedene Blutarten (Meerschweinchen, Kaninchen) 
sehr häufig überzeugt. Selbstverständlich hatte ich stets Kontrol- 
rühren mit in gleicher Weise behandelten Blutkörperchen, aber 
ohne Pankreaszusatz, in den Brütofen gestellt, in diesen waren 
die Erythrocyten regelmässig erhalten. 

lim nun noch ein anderes Ferment zu prüfen und dadurch 
das gewonnene Resultat zu sichern, wählte ich auf Vorschlag 
meines Kollegen Friedrich N. Schulz den Krebsmagensaft, 
über dessen Eigenschaften im hiesigen physiologischen Institut 
ausführlich gearbeitet worden ist. Man gewinnt denselben 
sehr leicht, indem man mit einem am besten recbtwinkelig 
nbgebogenen Glasröhrchen in den Magen des Krebses eingeht. 
Jedes Thier liefert 1—2 oder noch mehr Kubikzentimeter. Der 
Saft stellt eine hellbräunliche, durchsichtige Flüssigkeit dar und 
reagirt durch saure Salze sauer. Neutralisirt man ihn mit 
einem Tropfen Sodalösung, so erhält man einen Verdauungssaft, 
der, selbst auf die Hälfte mit Wasser oder isotonischen Salz- 


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7. Januar 1902. 


MUENCIlEXEIl MEDItTXlScTlE WOCIlENSCHKlKT. 


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lösungcn verdünnt, bei neutraler Reaktion schon bei Zimmer¬ 
temperatur sehr kräftig wirkt, z. B. Fibrin in wenigen Mi¬ 
nuten löst. 

Behandelte ich damit Blut, so waren die Resultate genau 
dieselben, wie bei der l’ankreasvcrduuung, d. h. Blutkörperchen, 
die nur mit isotonischen Salzlösungen gewaschen waren, wurden 
nicht verdaut, solche, dio mit II a y e m’scher Flüssigkeit vor- 
liehandelt waren, wurden glatt verdaut. 

Nachdem sich also der Verdauungs'versuch als eine brauch¬ 
bare Methode erwiesen hatte, ging ich daran, die oben gestellte 
Frage nach der Rolle des Immunkörpers zu beantworten. Einem 
Kaninchen wurde, in Zwischenräumen von je 2 Tagen 3 mal, das 
ganze Blut jo eines Meerschweinchens, zur Hälfte mit destil- 
lirtem Wasser vermischt, in die Bauchhöhle gespritzt. Dasselbe 
wurde dort, wie dio spätere Sektion des Thieres zeigte, spurlos 
resorbirt. Das Blutserum des Kaninchens wirkte danach ausser¬ 
ordentlich stark hämolytisch auf Meerschweinchen ein*). Ich 
habe eine genaue quantitative Bestimmung, wie sie Ehrlich 
für dio hämolytische Funktion ausgeführt hat, unterlassen, weil 
ich mit dem Serum sparsam sein wollte, habe aber bei den zu 
beschreibenden Versuchen immer soviel Serum verwandt, dass im 
Kontrolröhrchen sichere und vollständige Hämolyse eintrat. 

Es löste also dieses Serum Meerschweinchenblut in iso¬ 
tonischer Kochsalzlösung glatt. Es löste aber auch, was ich 
nicht erwartet hatte, mit Ha ye m’scher Lösung vorbehandelte, 
also tixirto Blutkörperchen fast momentan, desgleichen solche, die 
mit Kohlenoxyd vorbehandelt waren. Ich möchte dieses Ver¬ 
halten ausdrücklich hervorheben, weil bei der Behandlung mit 
H a y e m’scher Lösung doch sicher das Protoplasma der rotheu 
Blutkörperchen denaturirt wird. Trotz dieser Denaturirung 
wirkt aber das hämolytische Serum noch 
prompt. Ich möchte gleichfalls erwähnen, dass eine voraus- 
gesehickte Pankreasverdauung die Wirkung des Serums nicht 
aufhob. Setzte ich nämlich Meerschweinchenblutkörperchen in 
isotonischer Salzlösung eine Stunde lang einer Pankreas¬ 
verdauung oder einer Krebssaftverdauung aus, zentrifugirte 
die Verdauungslösungen von den wohlerhaltenen Erythro- 
cyten und nahm dieselben wieder mit Salzlösung auf, 
so wurden sie durch zugefügtes hämolytisches Serum mit 
gleicher Promptheit gelöst, als ohne diese Vorbehandlung. 
Da nun auch die mit H a y e m’scher Flüssigkeit fixirten, also 
todten Blutkörperchen noch von dem hämolytischen Serum ge¬ 
llst wurden, so glaubte ich, untersuchen zu müssen, oh dem 
hämolytischen Serum allgemein proteolytische Fermentwirkung 
zukomme; ich versuchte, Fibrin damit zu verdauen. Das ge¬ 
lingt aber nicht.. 

Nach diesen Vorversuchen inaktivirte ich das Serum durch 
halbstündiges Erhitzen auf 56“ und behandelte dann mit diesem 
iimktivirten Serum, das nach Ehrlich also nur noch den 
wärnielx-ständigen Immunkörper enthält, gewaschene Merr- 
sehweiiichenblutkörper. Dieselben wurden, wie zu erwarten, nicht 
gelöst. 

Ze.ntrifugirto ich dann das Serum, nachdem es mehrere 
Stunden mit den Blutkörperchen in Kontakt gewesen war, ab 
und setzte nunmehr die Blutkörperchen einer Pankreas- oder 
Krebsmagensaftverdauung aus, so wurden dieselben nicht an¬ 
gegriffen, sondern blieben erhalten, wie frische, nur mit iso- 
tonischer Salzlösung behandelte. Die Behandlung mit dem 
Immunkörper tödtet also die rothen Blut¬ 
körper nicht ab und macht sie nicht den verdauenden 
Fermenten zugänglich, wie das die II a y e m’sehe Lösung thut. 
Dagegen trat regelmässig eine sehr starke Agglutination der 
rothen Blutkörperchen ein. Auch in der Kontrolröhre, dio nur 
Blut -+- Immunkörper enthielt, war eine Agglutination bereits 
deutlich, so dass also das inaktivirte Serum einen wärme¬ 
beständigen agglutinirenden Körper enthielt, aber in dem nach¬ 
träglich mit Verdauungslösungen behandelten war diese Aggluti¬ 
nation um Vieles stärker. 

Bis dahin ergaben also alle. Versuche eine sichere und prompte 
Antwort auf die Fragestellungen. Ich legte mir nunmehr die 
Frage vor, wie weit man denn überhaupt von einem selbständigen 
Loben der Krythrocyten zu sprechen berechtigt ist und suchte vor 


Allem nach anderen Methoden, sie unter Erhaltung der Form ab- 
zutüdten; oder genauer gesagt, sie für die Einwirkung von Ver¬ 
dauungsfermenten empfindlich zu machen. Ich habe darauf sehr 
viel Zeit verwandt und bin doch nur zu massigen Resultaten ge¬ 
kommen. Behandlung mit Kohlenoxyd, mit Blausäure, auch 
wenn man die BlutkörjK-rehen nachher sehr sorgfältig auswäscht, 
führte nicht zum Ziel, die so vorbehandelten Erythrocyten wurden 
nicht verdaut. 

Ich versuchte dann dio Blutkörperchen bei Zimmer- oder 
noch kühlerer Temperatur in isotonischer Kochsalzlösung auf¬ 
zuheben, weil ich an nahm, dass sie doch nach einiger Zeit ab¬ 
sterben würden. 

Es liegt über das Verhalten so aufgehobener rot her Blut¬ 
körperchen eine Arbeit von M a n e a *) vor. Die in vitro 15—120 
Tage bewahrte Blutmischung zeigte nach diesem Autor keine fun¬ 
damentale Veränderung der diosmotischen Eigenschaften der 
Erythrocyten. Ferner theilte mir Herr Geheimrath Bieder¬ 
mann mit, dass es wohl denkbar wäre, dass die Erythrocyten 
einige Zeit überlebten, da sie ja doch bei ihrer geringen Proto¬ 
plasmamenge kaum einen erhebliclicn Stoffwechsel hätten und 
da z. B. glatte Muskulatur eines Säugers sich gleichfalls mehrere 
Tage aufheben Hesse. Solche Muskeln sind, wenn man sie wieder 
auf Körperwärme bringt, noch nach mehreren Tagen reizbar. 

Ein 2 tägiges Stehen machte die rothen Blutkörperchen 
noch nicht für die Vordauungsenzyme angreifbar. Liese ich 
sie länger stehen, so wurden sie einmal nach 4 Tagen, sowohl von 
Pankreaslösung als von Krebsmagensaft völlig gelöst, während 
sie in Kontrolröhren im Brutschrank wie bei Zimmertemperatur 
erhalten waren. In einem anderen Versuche gelang nach 
3 l A tägigem Stehen die Pankreasverdauung nicht, wohl aber die 
Krebssaftverdauung. Ich war geneigt, mir dieses Verhalten so 
zu erklären, dass sich die schon im Absterben begriffenen Blut¬ 
körperchen bei der Brutofenwärme der Pankreasverdauung wieder 
erholten, wie die glatten Muskeln wieder unter denselben Verhält¬ 
nissen reizbar werden. Dann könnten sie die Ferment Wirkung 
noch widerstehen, während sie dem in der Kälte wirksamen 
Krebsmagensaft unterliegen. 

Allein als ich am anderen Tage den Versuch wiederholte, 
zeigte sich, dass der Krohsmagensaft in der Wärme die Erythro¬ 
cyten noch rascher löste als bei Zimmertemperatur, während sie 
vom Pankreassaft noch nicht angegriffen wurden. 

Trifft man die Isotonic der Salzlösung nicht ganz genau, 
so bilden die am Boden des Gefässes sich abgesetzt habenden 
Blutkörperchen nach einigen Tagen unter sehr geringer Abgabe 
von Hämoglobin einen eigentümlichen Gelee, der sich am besten 
mit Ilimbeergeleo in der Farbe vergleichen lässt. Untersucht 
mau diese gelatinösen Flocken mikroskopisch, so findet mau sie 
strukturlos, es liegen aber reichlich wohlerhaltene Erythrocyten 
in denselben. 

Immerhin geht aus diesen Versuchen hervor, dass in der 
Timt erst durch längeres Stehen dio Blutkörperchen für Ver¬ 
dauungsfermente angreifbar sind, dass sie also, wenn man die 
letztere Eigenschaft als Beweis für ihr Absterben gelten lassen 
will, ziemlich zählebig in isotonisehen Lösungen sind. 

Endlich möchte ich noch eine Eigenschaft der mit Hayetn 
vorbehandelten Blutkörper hervorheben, die mir theoretisch 
interessant zu sein scheint. Es wurde oben erwähnt, dass sich 
solche Erythrocyten in destillirtem Wasser nicht lösen, dass man 
sie in II a y e m’seher Lösung selbst oder auch in Salzlösungen 
wochenlang unverändert aufheben kann, dass sie also recht gut 
fixirt sind. Es nimmt der Bodensatz der Blutkörperchen eine 
allmählich stärker werdende dunkelbraune Färbung an. Man 
bemerkt diese Farbondifferenz übrigens schon nach einigen Stun¬ 
den. Vergleicht man Blutkörper in Hayem’scher Lösung mit 
solchen in Salzlösungen, so sieht die Trübung (bereits vor dem 
Absetzen der Blutkörper) bei den mit Haye m’scher Lösung 
behandelten schmutzig roth, bei den mit Salzlösung behandelten 
schön hellroth aus. 

Da nun mit Haye m’scher Lösung fixirte Erythrocyten vom 
hämolytischen Serum glatt gelöst werden, so war noch zu unter¬ 
suchen, wie sich denn gewöhnliches Serum ihnen gegenüber ver- 


•) ich wühlte diese Thlergattungeu, um ein recht kräftig wir¬ 
kendes haemolytlsches Serum zu erhalten. Kaninchenserum löst 
Ja gelegentlich schon ohne Vorbehandlung (las Ilaeuioglohin (1er 
Meersehwelnchenblutkörper. 

No. 1. 


*) Mauoa: Itlcerche sulla proprletä osniotiehe del globuli rossi 
del snngue conservato longo temj>o fuorl dell’ orgaulsme. Attl del 
K. Inst. Veneto dl so. lett. VII. 8. 1896/181)7 und Archive* llnl. de 
Blei. 30. 1898. 78—79. 


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30 


MUKXCII E XER M EDI CI XI SOI IE WOCIIEXSCIIRI FT. 


halten würde. Es wurde dazu aus der Karotis eines Kaninehens 
ein Strahl Blut, in II a y e m’seher Lösung aufgefang«-n, das Thier 
dann verbluten lassen und das übrige Blut sofort auf Eis gestellt. 
Nach 4 Stunden war ein halbes Rcagensglas voll Serum aus- 
geseliieden. Zu diesem wurden nun die Blutkörper, auf die 
II a y e m 'sehe Lösung 4 Stunden gewirkt hatte, hinzugefügt, 
nachdem die Jlayem’scho Lösung abzentrifugirt war und die 
Erytlirocyton mehrfa<'h mit 0,9 proz. Kochsalzlösung gewaschen 
waren. Sie wurden von dem Serum binnen wenigen Minuten 
gelöst, wahrend sie im Kont.rolröhrohen sich, wie gewöhnlich, 
wohlerhalten absetzten. 

Es ist- damit also erwiesen, dass in dem Serum mit 
S i e h e r h eit Stoffe v o rh a n d c n sind, di<; d a s 
Hämoglobin der e i g e n e ji a b g «; t ö d t e teil Blut¬ 
körperchen zu lösen im Stande sind. Ich habe 
diesen Versuch 4 mal mit gleichem Erfolg wiederholt. 

Lässt man das Serum Tage lang stehen oder erhitzt es auf 
GO" eine halbe Stunde lang, so leidet dies«; auflösende Fähigkeit j 
bestimmt, nach dem Erhitzen scheint sie sogar zu erlöschen. ! 
Doch muss diese Frage noch exakt quantitativ untersucht werden. 

Da die mit Hayem fixirten Blutkörperchen im Serum 
ihren Farbstoff abgeben, so war es nunmehr auch mög¬ 
lich zu untersuchen, ob di«* erwähnte Farben Veränderung durch 
die II ayem’sche Lösung sieh auch spektroskopisch ausdrückte. 
Das ist nicht der Fall, die Lösung der mit Ilayem fixirten Blut- 
körpor im Serum gibt, wenn man sie mit «lein Zeis s'sehen 
Vergleichsspektroskop untersucht, dieselljen Oxyhämoglobin- 
s frei len, wie eine gleichkonzentrirte Lösung von Blut in destillir- 
tem Wasser. 

Ziehen wir nunmehr aus den lx*soliriol>enen Experimenten die 
Schlüsse, so scheint erwiesen: 

3. dass man im Verdauungsversuch eine. Möglichkeit hat. 
ein lebendes von einem abgestorbenen rothen Blutkörperchen 
zu unterscheiden oder, allgemein ausgodriiekt, überhaupt eine 
biologische Reaktion auf leliendes und tfxltes Gewebe; 

2. dass der E h r 1 i c li’sche Immunkörper bezw. die substauce 
sensibilisatric« 1 Bordet’s an sich di«; Erythrocyten nicht ab- 
tödtet; 

3. dass mit II a y e m’s«-h«*r Lösung ahgctüdtctc Blntkörper 
im eigenen Serum gelöst, werden, dass also di«; II a y «* m’s«*ho 
Lösung «li«; Rolle «les Immunkörpers in diesem Falle. v«*rtritt. 

Die Ih'fund«*. die ich lx-s«-hri<-l>, lx-rulu-n in Allem auf viel¬ 
fach wiederholten Versuchen; ich halte Tiius«*hung<*n daher für 
ausgeschl«*ssen. Ich bin mir bewusst, dass «lie exakte quanti¬ 
tative Untersuchung noch erbnudit. werden muss, ich glaubte aber 
dies«- B«*fun«lc veröftcntlichen zu sollen, damit sie naebg«-]>riift. 
und iui ment lieh von Beobachtern, denen gr«’»ssere Thiere als Me«*r- 
s«*hwe.in<*h<*n und Kaninchen zur Verfügung stehen, kontrolirt. 
w«-r«l«*n können. 


Weitere Erfahrungen über seidene Sehnen.*) 

Von Dr. F r i t z L a n g e, 

Privat«lozent an der Universität München. 

M. II.! Der Hauptzweck meiner heutigen Mittheilung ist. 
Ihnen ein mikroskopisches Präparat zu zeigen, das ich schon auf 
d«-r Tlaiiihurgor Xaturforsclmrversiaminlung deimmstrirt habe, 
und das vielleicht auch bei Ihnen Interesse findet. Zur Er¬ 
klärung dies«.*« Präparates muss ich aber etwas weiter ausliolen 
lind Sie an einen Vortrag erinnern, di*n ich vor ca. 114* Jahren 
an dieser Stelle gehalten habe. 

Ich habe damals eine neue Methode «1er Sehncn- 
v e r p f 1 a n z u n g ‘empfohlen. Die alte Methode besteht 
bekanntlich darin, dass der kraftspendende Muskel auf die 
gelähmte Sehne genäht wird. Wenn z. B. tler Extern, 
digit. gelähmt ist, so kann man den Tibialis ant. spalten und 
die abgespaltote Hälfte mit dem gelahmten Extensor digit. ver¬ 
nähen und dadurch die Funktionen des Tibial. ant. zum Theil 
auf den Extens. digit. übertragen (Fig. 1). 

Man kann aber auch «lie abg<-spaltcnc Hälfte «1 i r e k t in i t 
dein Periost vernähen, z .B. in «lern angeführten Falle mit 
dem Poriost «les Cubohleum (Fig. 2). Der Vorzüg dieser von mir 
empfohlenen periostalen Soli ncnvcrpfla n z n n g be¬ 
steht darin, «lass ein Muskel gebildet wird, der nur aus ge- 

*) Voigi'tragen im sirztl. Verein zu München 13. XL 19i>l. 


No. 1. 

su u der Muskel- und Sidinensubstnnz besteht, und der sieh 
desslialb später nicht. — wie «bis bei der alten Methode möglich 
ist — nachträglich v«*rliing«*rn und funktionsuntüclitig werden 
kann. 



Ein weifen r Vorzug <l«*r Methode b«*stc*Iit darin, dass man 
«li«* W a h 1 «1«- s A n s a t z p u n k t e s für den neuen Muskel am 
lVriost hat, und «lass man dessluilh viel präziso,r der jeweiligen 
Aufgab«- entsprechen kann, als «lies bei «ler alten Metliode ge- 
M-hclicn kann. 

Dass «li«* Resultate «lieser Operation den Erwartungen ent¬ 
sprachen, konnte ich an einer grösseren Anzahl von Kranken, 
die nach dieser Methode operirt waren, auf der Naturforseher- 
vcrsammlung 3899 und im Münch, iirztl. Verein 3900 zeigen. 

Der a 11 g e m «- i n «- n Anwendung dieser periostale« Me- 
tho«le st«-llfe sich aber ein Hindernis» in den Weg. Viele 
M u s k «• 1 n waren zu k u r z. als «lass sie direkt mit «lern Periost 
vernäht w«-rd«-n konnten. 

Wenn mau z. B. lx-i einer Qundrieepsliihmung den Bieeps 
und Semitendinos. zum Ersatz nach vorn verpflanzt, so bleiben 
F.ixleu der verpflanz.U-n Sehnen meist noch 2—3 Querfinger brtjit 
von «lern oberen Pat«*llarrand entfernt, und eine dirc*kto Ver- 
iiiiluing mit der Tibia ist ausgeschlossen. In solchen Fällen habe 
i«-h «li«; Sehne dadurch künstlich verlängert, dass ich die ver¬ 
pflanzten Schncnstünipfe mit starken Seidenfäden durchflo«dit. 
und die Enden dieser Sei«l«*nfä«len mit dem Periost vernähte. 
Ich s«-lzte also gewiss«.*rniaasscn eine seidene S«-line an den Muskel 
an (Eig. 3.). 

Zu diesem Versuche wurde ich bestimmt durch die Arbeiten 
von Gluck, <l«-r schon im Jahre 3892 empfohlen hatte, bei trau¬ 
matischen Selmendefekten 
den Substanzverlust durch 
Katgulseidenbüiulel zu 
decken. Ausserdem hat 
Kümmell bereits im Jahre 
1896 von einem solchen Fall 
einen Sektionsbefund ver¬ 
öffentlicht, aus dem hervor¬ 
ging, dass dies seidene 
Selinenzwischenstück von 
Bindegewebe umwachsen 
wird. Trotzdem scheint sich 
die Methode in anderen 
Kliniken nicht weiter ein- 
gebürdert zu haben. Mir 
wenigstens ist nur ein Fall bekannt, in dem dieselbe Anwentlung 
gefunden Hat. Jochner (Aerztl. Verein München 1900, 10. Okt.) 
hat einen nach einem Säbelhieb entstandenen 6 cm langen Defekt 
des Extensor digit. conimuu. mit idealem Erfolge durch einen 
SeiiU'iistrang ersetzt. 

leii s«-ll>st, ging vor 2'/L* Jahren mit wenig Vertrauen an die 
V«-nv«*n<lung von seidenen Sehnen heran. Die Aussicht, dass 
dies«- Scidcnschncu einheilen und von einem Bimlegewebemantel 
umwachsen würden, schien bei «len gelähmten atrophischen Ex- 
treniitiiten. lx*i «lenen stets orhebli«-lie Zirkulationsstörungen be¬ 
stellen. noch w«-s«*ntli<-h geringer zu sein, als tx*i traumatischen 
Sclmcmlcfcktcn, und ich hätte wohl einen so phantastisch aus- 



Seniltemlinosus 


Fig. 3. 


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7. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


11 


sehenden Versuch nicht gewagt, wenn ich eine andere Möglich¬ 
keit gesellen hätte, die an Quadricepslähmungen leidenden Kinder 
von ihren Maschinen zu befreien. 

Meine Befürchtungen wurden aber durch die Erfolge 
widerlegt. 

Schon vor IV 2 Jahren konnte ich Ihnen 3 Patienten vor¬ 
stellen, bei denen die beschriebene Operation ausgeführt war. 
Inzwischen hat nun diese Methode eine grössere Bedeutung be¬ 
kommen, als ich selbst damals dachte. 

Anfangs habe ich seidene Sehnen nur verwandt, wenn ich 
unbedingt durch <1 ie Kürze des verpflanzten Muskels dazu 
gezwungen war, wie bei den Quadricepslähmungen. 

Als ich aber gerade bei dieser schwierigen Aufgabe fast 
durchweg ausgezeichnete, Resultate erzielte, habe ich häufiger von 
den seidenen Sehnen Gebrauch gemacht und sie besonders dann 
benutzt, wenn die Sehne des kraftspendenden Muskels sehr 
dünn w a r, und wenn ich die Besorgnis» hegte, dass die ver¬ 
pflanzte Sehnonpartie der Nekrose verfallen könnte. 

Wenn man bedenkt, wie leicht an den Fingern die Sehnen 
schon bei geringen Entzündungen der Nekrose verfallen, so muss 
man sich wundem, dass bei den Sehnenverpflanzungen bisher 
so selten Nekrosen beobachtet sind. Ich selbst habe in den ersten 
Jahren gar keine Nekrose erlebt. Als ich aber dann durch die 
Erfahrung lernte, dass man — um später eine genügende Arbeits¬ 
leistung zu erzielen — die verpflanzte Sehne unter s e h r 
starker Spannung vernähen muss, habe ich doch in einem 
Falle, in Folge dieser starken Spannung, eine Nekrose erlebt. 

Man befindet sich da in einer schwierigen Lage: 

Tm Interesse der späteren Arbeitsleistung soll man unter 
stärkster Spannung vernähen, andererseits fordert die Rück¬ 
sicht auf die Lebensfähigkeit der verpflanzten Sehne eine mög¬ 
lichste E n t Spannung derselben. 

Diesem Dilemma entgeht man, wenn man von jeder Spaltung 
und Verpflanzung der Sehne absieht und die neue gewünschte 
Funktion durch eine seidene Sehne herstellt. Wenn z. B. — um 
bei dem vorhin erwähnten Beispiel zu bleiben — bei einer Läh¬ 
mung der Peronei und des Extensor digit. der Tibial. antic. zu 
schwach erscheint, als dass man ihm eine Abspaltung und Ver¬ 
pflanzung zumuthen dürfte, so kann mau die Sehne des Tibial. 
antic. oberhalb vom Lig. cruciat. mit 2 stärksten Seidenfäden 
durchflechten — wie Ihnen die Skizze zeigt — und die 4 Enden 
der Seidenfäden am Periost des Cuboideum vernähen (Fig. 4). 

Sie sehen, wie der Knabe den Fuss auf- und ab¬ 
bewegt, ohne in die frühere Klumpfussstellung zu 
gerathen, und Sie sehen weiter, wie die seidene 
Sehne auf der lateralen Seite des Fussrückens vor¬ 
springt und bei der Kontraktion die Haut zu einer 
Falte emporhebt. 

Der operative Eingriff ist bei dieser Methode 
geringer, als wenn die Sehne gespalten und ver¬ 
pflanzt wird; ausserdem zeichnet sieh das Ver¬ 
fahren durch eine rationelle und sparsame Ver¬ 
wendung des Muskelmaterials aus, da von der 
kraftspendenden Sehne nichts weggenommen wird, 
und endlich treten während der Fixirung im Ver- 
Fig. -1. bande koine Verwachsungen der Seide mit der 
Umgebung auf. 

leb bin in der Lage, Ihnen ein Kind II. A. vorzuführen, 
»m dein diese Operation vor 4 Monaten aasgeführt worden ist. 
Sie sehen, wie der Knabe den Fuss auf- und abbewegt, ohne 
in die frühere Klumpfussstellung zu gerathen, und 'Sie selten 
weiter, wie die seidene Sehne auf der lateralen Seite des Fuss- 
rüekcns vorspringt und bei der Kontraktion die Haut zu einer 
Falto emj »erhebt. 

Der operative Eiugriff ist bei dieser Methode geringer, als 
wenn die Sohne gespalten und verpflanzt wird; ausserdem zeichnet 
sich das Verfahren durch eine rationelle und sparsame Verwen¬ 
dung des Muskelmaterials aus, da von der kraftspendendon Sehne 
nichts weggenommen wird, und endlich treten während der 
Fixirung im Verbände keine Verwachsungen der Seide mit der 
Umgebung auf. 

Aber alles dies sind nebensächliche Vortheile gegenüber dem 
grossen Vorzug, dass die seidene S ch.no und mit 
ihr der kraftspenden de Muskel rücksichtslos 


in stärkste Spannung versetzt werden darf, 
o li n o d a s s e i 11 e Nckros e zu befürchten i s t. 

Dass aber von der S p a n n u n g, unter welcher der neue 
Muskel vernäht ist, die spätem Arbeitsleistung und damit das 
Resultat der ganzen Operation direkt abhängt, kann ich nach 
meinen Erfahrungen nicht genug Indonen. 

Soll der verpflanzte Muskel später eine 11 o r m al e A r b e i t 
leisten, so muss er vor allen Dingen unter normaler S p a 11 - 
11 u ng vernäht werden. Die Spannung, unter der sieh ein wich¬ 
tiger Muskel normaler Weise befindet, ist aber recht bedeutend; 
das sieht man bei Durclitrcniiung eines solchen Muskels. Wenn 
man z. B. den isolirt.cn Biccps durchtrennt, so weichen häufig die 
durchschnittenen Enden in tiefer Narkose auf 5 cm auseinander. 
Eine solche Spannung muss man hei den verpflanzten Sehnen 
zu erreichen suchen und dosshalb ist „stark spannen uiul sicher 
vernähen“ der wichtigste Leitsatz für die Operation der Sehncn- 
verpflanzung. 

Nun zu den Resultaten: 

Ich habe bisher 5'S mal seidene Sehnen l>ei meinen Sohnen- 
verpflaiizungcn verwendet. Primär eingeheilt sind alle 
5*> Sehnen ’). 

Bei 2 Kindern hat al>cr nachträglich eine Ausstossung der 
seidenen Sehne stattgefunden. Da dieses Missgeschick wahr¬ 
scheinlich nur auf einen technischen Fehler zurückzuführen war, 
gehe ich mit wenigen Worten darauf ein. 

In dem einen Falle handelte es sieh um ein lOJUlir. Mädchen 
\V., bei dem sümmtliehe Muskeln des rntersehenkels gelähmt 
waren, mit Ausnahme des Gastrocnemius. Der Fuss hing in Folge 
desseu in starker Spitzfussstelluiig schlaff abwärts und das Kind 
stolperte immer über die herabliängende Fussspitze. Ich hatte 
zum Ersatz für die Dorsalllektoreu das mediale und laterale Drittel 
der Achillessehne abgespalten, durch Seidenfüden verlängert nach 
vorn geführt und auf dem Fiissrüeken mit dem Navieulare und 
dem Cuboideum vernäht. Um den Fuss in der uothwendigeii 
Deberkorrektur in Hackenfusstelhmg zu erkalten, musste ich mit 
sehr starker Spannung arbeiten und die Haut wurde durch die 
Seidenfäden zu einer Falte emporgeliobeu, wie die Skizze (Fig. 3) 
zeigt. Die Einkeilung er¬ 
folgte trotzdem ganz glatt. 

Erst C> Wochen nach der 
Operation, als das Kind mit 
seinem Gipsverband umher¬ 
ging, traten Schmerzen am 
Fussriieken auf. Bei Ent¬ 
fernung des Verbandes 
hatten auf der m e d i a 1 e 11 
Fussseite 2 Seidenfäden die 
liochgehobene Hautfalte 
durchschnitten; die Haut 
war unter den Seidcufüden 
sofort wieder ziisainmen- 
geheilt. Die beiden Seiden- 
fäden traten aus einer 
stricknadelstarken Hoffnung 
der Haut, am Unterschenkel Fig 5 , 

heraus, führten dann wie 

Telegraphendrähte frei durch die Luft und traten dueh eine kleine 
OelTnung am Fussriieken wieder unter die Haut. 

Eine Eiterung hatte nicht statt gefunden, wie die Besichtigung 
des Verbandes ergab und wie die primäre Verklebung der diirch- 
sehnitlenen Haut unter den Seidenfüden bewies. Die Ursache des 
Durchschneidens der Fäden war vielmehr nur in den inecha- 
11 i s e h e n Momenten der Reibung zu suchen. 

Hätte Ich an der kritischen Stelle im Gipsverbaude ein Fenster 
offen gelassen, so wäre wahrscheinlich das unliebsame Ereigniss 
verin iedon worden. 

Bei demselben Kinde haben 4 Monate nach der Operation die 
Fäden auch auf der lateralen Seite die Ilautfalte durch¬ 
schnitten. Der Verband war 11 Tage entfernt, und die laterale, 


') Uober die Technik bemerke ieh Folgendes: Die Seid«* (No. 12, 
Bezugsquelle Katsch. München. Schillerstrasso) wird tOMinuteu 
lang in Sublimat 1:1000 unmittelbar vor «ler Operation gekocht 
und bleibt in «liesor durch das Einkochen kouzeutrirten Lösung 
während der Operation liegen. Die freigelegte Sehne wird lu der 
durch Fig. 3, 4 und 5 wiedergegebenen Weise mit 1—4 Seiden- 
fä«len durchllochten mul die Enden der Seidenfäideu am Periost 
vernäht und geknot«>t. Die Hautwunde nähe ich mit Silk; am 
ti«*fst«'ii Punkt der Hautwunde führe ich ein I 11 Sublimat 1:1000 
getränktes, kleines Gazestüekchen ein, das nach 4M Stunden durch 
ein Fenster des Verbandes entfernt wird. Gipsverband. Ent¬ 
fernung der Hautnähte nach S—12 Tagen. 4 Wochen na«*h der 
Operation darf der Patient mit seinem Gipsverband uuftretcu; 
S—12 Wochen nach der Operation wirtl der Verband entfernt. 

An den guten Resultaten haben einen wesentlichen Autlmil 
die vorzüglichen Einrichtungen «les Operatioussaales und die 
strenge Durchführung der Asepsis im .Toscphiumn. der Privat¬ 
klinik des Herrn Dr. J o c h n e r. Ihm an dieser Stelle meinen 
herzlichsten Dank auszuspreeheu, ist mir eine angenehme Pflicht. 


3* 


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12 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


zunächst erhalten gebliebene, seidene Sehne hielt den Kuss in 
guter Stellung; das Kind ging mit gewöhnlichen Schnürstiefeln aus¬ 
gezeichnet. Da die seidene Sehne auf der lateralen Seite noch 
stark vorspmng. hatte ich angeordnet, dass zum Schutz dieser 
Seidensehne zunächst noch ein Wattepolster im Schuh getragen 
würde. Der gute Gang des Kindes verleitete die Mutter, diese 
Vorsichtsmanssregol ausser Acht zu lassen, und eines Abends 
hatte die seidene Sehne die Hautfalte durchschnitten. Am nächsten 
Tage schwoll der Fuss an und am 3. Tuge kam es von dem bloss- 
liegenden Seidenfaden aus zu einer subkutanen Eiterung. 2 ) 

Bei einem anderen Patienten, einem lOjähr. Knaben B.. bei 
dem die Verhältnisse ähnlich lagen, trat die Durchschneidung 
der Hautfalte am Fussrticken 3 Monate nach der Operation ein, 
ohne dass es zu einer Eiterung gekommen wäre, als der Patient 
zum ersten Male Schnürstiefel trug. Durch Einlegen eines 
grossen Wattepolsters In den Stiefel hätte sich wohl auch in 
diesem Falle das Durchschneiden der Fäden verhüten lassen. 

Aus meinen bisherigen Ausführungen dürfte soviel hervor¬ 
gehen, dass die Einheilung starker und langer Seidenfadenbündel 
— einzelne meiner künstlichen Sehnen sind 20 ein lang — im All¬ 
gemeinen, bei dem aseptischen Roden, auf dem wir bei Sehnen¬ 
verpflanzungen arbeiten, keine Schwierigkeiten hat. 

Wie steht es nun mit der Funktion dieser seidenen 
Sehnen? Ich kann mich darüber ziemlich kurz fassen. Die 
Quadricepslähmungen bildeten bisher die schwierigste Aufgabe 
auf dem Gebiete der Sehneuverpflanzungen. 

(locht, welcher über die Sehnenverpflanzungen der 
Hoffa’schen Klinik (in der Zeitschr. f. orth. Chir. VII. Bd., 
1. Heft) berichtet hat, sagt z. B. gelegentlich eines Misserfolges 
bei Verpflanzung des Sartorius auf den gelähmten Quadriceps, 
dass ein dauerhafter, funktionell guter Ersatz des Quadriceps 
durch die Implantation des Sartorius sich kaum wird schaffen 
lassen bei den enormen Ansprüchen, die gerade an das Kniegelenk 
gestellt werden. 

Diese schwere Aufgabe lässt sich durch die Verpflan¬ 
zung des Biceps und Semitendinos. nach vorn, mit der Bildung 
einer seidenen Sehne lösen. Die Patienten kommen dahin, dass 
sie das im Knie ausgestreckte Bein wie ein gesundes frei erheben 
und in dieser Stellung das Knie beugen und strecken können. 

Das bitte ich au 2 Patienten zeigen zu dürfen. 

Der 15 jöhr. Knabe H. M. Ist vor 1 Jahr operirt. Er vermochte 
vor der Operation nicht die geringste Streckbewegung im Knie 
aktiv auszuführen und es war ln Folge dessen eine schwere Beuge¬ 
kontraktur im Knie entstanden, die dem Knaben 10 Jahre lang 
jedes Stehen und Gehen unmöglich machte. Durch die Verpflanz¬ 
ung des Biceps und Semitendin. nach vorn und durch die Bildung 
einer seidenen Sehne hat der Knabe die normale Streckfähigkeit 
wieder erhalten. Wie Sie sehen, vermag er sitzend den Unter¬ 
schenkel im Knie bis zur Horizontalen zu strecken und ruhig 
längere Zeit ln dieser Stellung zu halten. Dabei sieht und fühlt 
man, wie die verpflanzten Muskeln sich kontrahiren und w r le sich 
die seidene Sehne anspannt. 

Bei dem jüngeren Knaben ist die gleiche Operation wegen 
Ouadricepslähmung vor 2 Jahren ausgeführt worden. Wie Sie 
sehen, vermag auch er mit seiner seidenen Sehne in ausgezeichneter 
Weise den Unterschenkel auf Kommando zu strecken und zu 
beugen. Den Knaben hatte ich Ihnen schon vor l>/ 2 Jahren ein¬ 
mal g<*zeigt kurz nach der Verbandabnahme. Damals war der 
Muskel noch relativ schwach. 

Ich dachte, dass es interessant wäre, au dem Knaben den 
Zuwachs an Kraft zu demoustriren, der inzwischen eingetreten ist. 

Wenn Sie bedenken, wie kurz der Hebelarm ist, an welchem 
der Quadriceps bei dieser Bewegung angreift, und wie lang der 
Hebelarm ist, an dem die Last des Fusscs hängt, so werden Sie 
zugeben, dass die Leistungen dieser künstlichen Sehnen allen 
Ansprüchen genügen. 

Das einzige Bedenken, das Sie gegen die Verwendung der 
seidenen Sehnen noch haben werden, ist das der Dauer¬ 
haftigkeit. Sie werden Zweifel haben, ob die seidenen 
Sehnen, die z. B. an der Patella Traumen recht ausgeeetzt sind, 
widerstandsfähig genug sind, oder ob nicht doch noch nachträg¬ 
lich sieh Fadenabscesse bilden und die seidene Sehne zur Aus- 
stossung bringen könnten ? 

Vertrauen zur Dauerhaftigkeit kann man desshalb nur haben, 
wenn die seidene Sehne von echtem Sehncngowcbc um¬ 
wachsen wird, welches nach einer eventuellen Ausstossung der 
Seidenfädeu die Funktionen der Sehne allein übernehmen kann. 

Meine klinischen Erfahrungen sprachen für die Neu¬ 
bildung einer natürlichen Sehne. Wenn ich 2 oder 3 Monate 
nach der Operation den Gipsverband abnahm, fühlten sich die 

7 ) Das Missgeschick ereignete sich während der Hamburger 
N'aturforschorversammlung. In meinem dort gegebenen Bericht 
ist es desshalb noch nicht erwähnt. 


No. 1. 


seidenen Sehnen zunächst gerade so dick an, wie unmittelbar nach 
der Operation; wenn der verpflanzte Muskel aber einige Wochen 
gearbeitet und die seidene Sehne angespannt hatte, wurde die¬ 
selbe. dicker und dicker. Seidene Sehnen, die ursprünglich nur 
stricknadolstark waren, erreichten allmählich die Stärke eines 
Bleistiftes oder kleinen Fingers. Der Einfluss der Funktion 
machte sieh stets in ganz auffallender Weise geltend, und es 
wurde mir dadurch schon wahrscheinlich, dass eine seidene Sehne, 
die funktionell beansprucht wird, sich bei der Einheilung ganz 
anders verhält, als eine seidene Ligatur, die doch stets ein todter 
Fremdkörper im lebenden Gewebe bleibt. 

Auch das gestatten Sie mir an 3 Patienten zu zeigen: 

Das 5 jährige Mädchen G. hat wegen seiner Quadriceps- 
lähmung, die jedes Stehen und Gehen unmöglich machte, vor 
einem halben Jahre eine seidene Sehne erhalten. Die Sehne ist 
jetzt so dick wie ein Notizbuchbleistift. Bei dem 35 jährigen 
Knaben M. ist die Sehne 1 Jahr alt und so dick wie ein gewöhn¬ 
licher Bleistift. Bei dem jüngern Knaben St. endlich, der vor 
2 Jahren operirt wurde, ist die seidene Sehne jetzt, so dick wie 
sein Finger. 

Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass eine Neubildung 
von Gewebe um die seidene Sehne herum stattgefunden haben 
musste. Ob aber das neugebildete Gewebe derart war, dass cs die 
Funktionen einer Seime eventuell übernehmen konnte, das konnte 
nur durch die anatomische Untersuchung einer solchen 
Sehne beantwortet werden. 

Ich hin in der Lage über einen solchen Befund berichten zu 
können. Bei einem Mädchen D., bei dem ich vor 2Vs Jahren eine 
seidene Sehne wegen Quadricepslühmung eingepflanzt hatte, 
musste ich am Fusse eine Nachoperation vornehmen. Da die 
künstliche Sehne aus Seide am Knie etwas zu lang ausgefallen 
war und desshalb nicht, so kräftig funktionirte. als wünschens- 
werth war, so benutzte ich die ohnehin nothwendige Narkose, um 
gleichzeitig die künstliche Quadricepssehne zu verkürzen und 
legte dieselbe unterhalb der Patella durch einen Schnitt frei. 

Die Sehne war so stark wie ein dicker Bleistift und in dem 
subkutanen Fettgewebe, in dem sie verlief, leicht aufzufinden. 
Sie war von einer Schicht lockeren und verschieblichen Binde¬ 
gewebes umgeben; eine eigentliche Sehnenscheide fand sich aber 
nicht vor. Als die Sehne freigelegt war, priisentirte sie sieh als 
ein bleistiftstarker, blauer, derber, drehrunder Strang. Blau 
war die Farbe, der Sehne; nicht gelb wie Narbengowebe, sondern 
ein ausgesprochenes Blau hot dieselbe, wie manche Ligamente 
oder Gelenkkapseln zeigen. 

Ich spaltete der Länge nach dieses blaue Bündel und legte, 
nachdem ein derbes Gewebe von ca. 2—3 mm Dicke durch¬ 
schnitten war, die seidenen Fäden frei, welche anscheinend gar 
nicht gelitten hatten. Sie fühlten sieh eher härter an, als sie 
ursprünglich gewesen waren; jedenfalls zeigten sie nicht die ge¬ 
ringste Spur von Zerfall oder Brüchigkeit. Von dem neugebilde- 
ten Gewelx\ das den Seidenfäden unmittelbar anlag. entnahm ich 
ein Stückchen zur mikroskopischen Untersuchung, für deren Aus¬ 
führung ich den Herren Dr. Hans und Eugen Albrccht zu 
Dank verpflichtet hin. 

Diese Untersuchung ergab einen höchst interessanten Be¬ 
fund. In den centralen, dem seidenen Strang naheliegenden 
Seil ich Um ist der Aufbau des Gewebes identisch mit dem einer 
normalen Sehne, Die Bindegewebsfasern sind parallel ange- 
ordnot; elastische Fasern und Gefässe fehlen fast völlig (Fig. 0). 
In den peripheren Schichten sind die Zellen und Fasern die 
gleichen wie die einer Sehne; aber ausserdem finden sich Gefässe 
und hie und da Fettzellen dazwischen gesprengt. 

Wenn ich das Resultat, im Ganzen zusammen fasse, so lautet 
dasselbe: D i c 12 cm lange seidene Sehne steckte in 
einem Schl auch, <1 e r aus S ebnen ge webe be- 
s t a n d, d c s s o n W a n d 2—3 mm dick w a r u n d <1 e s s c u 
u n t c r e s Ende in <1 a s P e r i o s t der Tibia a u s 1 i e f. 

Ich hoffe, dass gerade die mikroskopischen Präparate, die ich 
niitgebracht habe, Ihr Vertrauen zu der neuen Operation lie¬ 
fest, igen werden. Welche Bedeutung die neue Operation für die 
Kranken hat, kann ich Ihnen an drastischen Beispielen zeigen. 

Der jetzt 15 Jahr. Knabe war bis zu seinem 11. Jahre un¬ 
fähig. irgend einen Schritt zu gehen oder zu stehen. Durch die 
operative Beseitigung der Kontrakturen und durch das Anlegen 
von 2 grossen Beinapparaten, welche das Bein im Knie versteiften, 
gelang es mir vor 4 Jahren, dem Knaben das Gehen zu ermöglichen. 
Die weitere Aufgabe der Behandlung war, ihn von den stets 


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MtrEtfCHENEß MEDICI NISCHE WOCtfEtfSOltßlFT. 


13 


?. Januar 190Ö. 


lästigen Maschinen wieder zu befreien und ihm ein Gehen mit 
beweglichen Gelenken zu gestatten. An seinem rechten Beine 
war von allen Muskeln nur erhalten der Extens. digit., der Biceps 
und der Semitendin., an seinem linken Beine nur der Quadriceps. 
Trotz dieser schweren Einbusse an Muskelkraft ist er, Dank der 
Sehnenverpflanzungen, die ich vor 1 Jahre ausgeführt habe und 
von denen die wichtigste die beschriebene Quadricepspiastik war, 
clahiu gekommen, dass er ohne Apparat gehen kann. 



Fig. 6. 

Noch ungünstiger lagen die Verhältnisse bei einem 22 Jahr. 
Mädchen, das z. Zt. noch in meiner Behandlung steht. Am linken 
Bein war nur der Quadriceps, am rechten Bein der Biceps und 
der Tensor fasciae erhalten. Alle Versuche, das Mädchen zum 
Gehen und Stehen zu bringen, waren bisher gescheitert. Im 
Sommer habe ich den gelähmten Quadriceps am rechten Bein 
durch einen Thell des Biceps, den ich durch eine seidene Sehne 
verlängert habe, ersetzt und jetzt seit 17 Jahren zum ersten Mal 
ist das Mädchen im Stande, ohne Apparate und ohne Krücken 
zu stehen und mit 2 Stöcken im Zimmer umherzugehen. 

Solchen Fällen werden Sie die Beweiskraft nicht absprechen. 

M. H.! Ich bin am Schluss! 

Dass die neue Operation der Sehnenverpflanzung dem Chirur¬ 
gen reizvolle Aufgaben bei der Aufstellung des Operationsplanes 
Stellt, und dass sie dem Anatomen und dein Physiologen Material 
zu interessanten Beobachtungen liefert, werden Sie zugeben. Viel 
mehr liegt mir aber daran, Sie zu überzeugen, das« die Operation 
den Kranken zum Segen gereicht. 


Aua der k. Frauenklinik zu Dresden. 

Oie subkutane Gelatineinjektion bei Melaena neo¬ 
natorum. 

Von Dr. 11 o 11. s e h in i <11, Assistent der Klinik. 

Die Melaena neonatorum ist eine F.rkrankung, die auch bei 
sorgfältigster Pflege und Behandlung, wie sie in einer Klinik ge¬ 
währleistet. wird, bisher noch die Hälfte der von ihr befallenen 
Kinder dahingerafft hat. So sind beispielsweise in hiesiger 
k. Frauenklinik in den 7 Jahren von 1894 bis 1900 bei 14 203 Ge¬ 
burten — die Aborte eingerechnet — 14 Fälle von Melaena be¬ 
obachtet worden, von denen 7 letal endeten, was einer Mortalität 
von 50 Proz. entspricht. 

Die Prognose hei der Melaena war bisher desshalb so un¬ 
günstig, weil uns kein Mittel zu Gebote stand, die Blutung auch 
nur einigermaassen sicher zu beherrschen. Unsere therapeutischen 
Maassnahmen bestanden zumeist darin, für eine sorgfältige 
Pflege und Ernährung der Kinder Sorge zu tragen und sie vor 
Abkühlung zu schützen. Alle sonstigen Mittel, welche direkt auf 
ein Stillen der Blutung hinziclten, waren entweder in ihrer Wir¬ 
kung höchst zweifelhaft oder schädigten sogar die Kinder auf der 
anderen Seite. So wird z. B. die andauernde Darreichung von 
eiskalter Milch, wie sie vielfach empfohlen worden ist, mehr 
• ine Abkühlung des Körpers hervorgerufen als hämostatisch ge¬ 
wirkt haben, und die Anwendung von Eis auf das Abdomen hat 
wohl bisweilen eine Blutung zum Stillstand bringen können, da- 
| M -i aber wohl oft dem Kinde eine tödtliche Abkühlung gebracht. 
Auch die innerliche Anwendung eines Hämostyptikums, wie 
Liquor ferri, ist doch von sehr fragwürdiger Wirkung, da eine 
x. schwache Lösung, wie sie bei der Darreichung per os ver¬ 
wandt werden darf, kaum noch einen Einfluss auf die Blut- 
cvrinnung hodtzt, da aber auch eine stärkere Konzentration bei 
der Darreichung i>er rectum vollkommen wirkungslos ist, sobald 
No. 1. 


die Quelle der Blutung sich nicht in den untersten Darm¬ 
abschnitten befindet. 

Bei dieser Machtlosigkeit unserer Therapie erinnerten wir 
uns eines Verfahrens, das in den letzten Jahren bei jeder Art 
innerer Blutung bei Erwachsenen immer mehr zur Anwendung 
gekommen ist, der subkutanen Injektion einer Gelatinelösung, be¬ 
sonders, nachdem wir ihre offensichtliche Wirkung bei einer 
Darmblutung beobachtet hatten. Es ist dieser Fall von Herrn 
Oberarzt Dr. Albert 1 ) in der Oktobersitzung 1900 der Gynäko¬ 
logischen Gesellschaft mitget heilt worden. Es handelte sich um 
eine Frau, bei welcher ein 29 Pfund schweres Myom entfernt war. 
Am 16. Tage nach der Operation trat eine schwere Darmblutung 
ein, welche dadurch zum Stillstand gebracht wurde, dass in ver¬ 
schiedenen Absätzen 250 ccm einer 1 proz. Gelatinelöaung sub¬ 
kutan injizirt wurden. Dieser Erfolg legte den Gedanken nahe, 
auch bei Darmblutungen der Neugeborenen, bei der Melaena, die 
Gelatineinjektion in Anwendung zu bringen, und zwar subkutan, 
nicht per rectum. Die Injektion einer Gelatinelösung in den 
Mastdarm ist schon versucht, und cs sind auch bereits einige Er¬ 
folge veröffentlicht worden, wie z. B. vor Kurzem 2 Fälle von 
Commandeur in Lyon 5 ), jedoch sind es zu wenig Fälle, um 
den Erfolg auch wirklich der Gelatine zuschreiben zu müssen. 
Sodann wissen wir nicht, ob auch schon Misserfolge bei dieser 
Methode zu verzeichnen waren. Auch können die geheilten Fälle 
ja solche gewesen sein, bei denen die Quelle der Blutung der 
unterste Darmabschnitt war, so dass die Gelatine hier lokal 
wirkte; bei einem höheren Sitz der Blutung wäre dann die Wir¬ 
kung ausgeblieben. Es wäre somit der Erfolg der Gelatinekur 
von einem Zufall abhängig. Und sollte auch wirklich, was nicht 
besonders wahrscheinlich ist, die Gelatine unverändert im Darm 
zur Resorption kommen, so in das Blut übergehen und dieses ge¬ 
rinnungsfähiger machen, so wäre dieser Weg doch immer un¬ 
sicherer, als wenn die Gelatine subkutan injizirt wird, zumal bei 
letzterem Verfahren doch auch durch Einverleibung der mit der 
Gelatine injizirten Kochsalzlösung der durch den Blutverlust be¬ 
dingten Anämie entgegengearbeitet wird. 

Um ein klares Bild von der Wirkung der subkutanen An¬ 
wendung der Gelatine zu bekommen, wurden in der k. Frauen¬ 
klinik alle während des Jahres 1901 beobachteten Fälle von 
Melaena vera ohne Ausnahme in gleicher Weise behandelt. Es 
sind im Ganzen 5 Fälle. Es wurde bei allen Kindern eine 2 proz. 
Lösung angewandt, welche folgendermaassen hergestellt wurde: 
20 g gewöhnliche Gelatine werden zusammen mit 1 Liter physio¬ 
logischer Kochsalzlösung in eine Flasche gebracht und diese mit 
einem Wattepfropf verschlossen. Die Flasche wird sodann in 
ein Wasserbad gestellt, welches 5—6 Stunden kochend gelialten 
wird, so dass man sicher sein kann, alle Bakterien abgetödtet zu 
haben. Die Lösung lässt man erkalten, wobei sie erstarrt, und be¬ 
wahrt sie in derselben Flasche auf, in der sie sterilisirt. worden ist 
— dies Alles, ohne vielleicht einmal den abschliessenden Watte¬ 
pfropf zu lüften, da ja hierdurch sofort wieder eine Verunreini¬ 
gung ein treten könnte. Eine schwächere als 2 proz. läisung an- 
zuwenden empfiehlt, sich nicht, da eine solche für gewöhnlich nicht 
erstarrt. Und gerade die andauernde Erstarrung liefert uns die 
beste Kontrole über die Keimfreiheit der Gelatinelöaung, und die 
geringste Verflüssigung zeigt uns die Verunreinigung durch Bak¬ 
terien an. Zum Zweck der Injektion wurde die sterile Lösung 
auf Blutwärme gebracht, wobei sie ja wieder flüssig wird, und 
für gewöhnlich 15 ccm vermittels einer ausgekochten Spritze in 
das Unterhautzellgewebe der Brust (pder der Oberschenkel in¬ 
jizirt, und zwar auf 2 Stellen vertheilt, um eine zu starke Span¬ 
nung der Haut zu vermeiden. Bei einem derartigen Vorgehen 
stand in unseren 5 Fällen bei dreien die Blutung sofort naoh der 
ersten Injektion, bei einem Kind musste sie einmal, bei einem 
anderen noch zweimal wiederholt werden. Aber in allen Fällen 
ist die Blutung zum Stehen gebracht, sämmtliche Kinder sind 
von der Melaena geheilt lebend entlassen worden. Von der An¬ 
wendung irgend eines anderen Hämostyptikums wurde in allen 
Fällen Abstand genommen, auch wurde keine gekühlte Mileh oder 
dergleichen gegeben. Es wurde neben der subkutanen Gelatine- 


') Albert: Ueber ein kolossales Uterusmyom nebst Bemerk¬ 
ungen Uber Gclatlneinjektion bei innere« Blutungen. Ontrnlhl. 
f. Gynäk. 1901, No. 16. 

-) Commandeur: Zwei Fälle von Melaena neonatorum 
mit Gelatinesenim behandelt. Lyon med. 1901, März 24. Referat 
Centralbl. f. Gynäk., No. 42. 

4 


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MtfENClIÜNER MEDICINISCÜE WOCHENSCHRIFT. 


U 




1 . 


injektion lediglich für ausreichende Ernährung an der Brust der 
Mutier oder einer Amme Sorge getragen und zur Vermeidung der 
für die anämischen Kinder so gefährlichen Abkühlung diese in 
den Wäruischrank gelegt. 

Im Folgenden mögen die 5 Fälle kurz skizzirt werden: 

I. Fall. Knabe Schm., 51 cm lang, 3340 g schwer, erkrankt 
am 3. Tage an Melaena neonatorum unter einem Gewichtsabsturz 
von 300 g gegen das Anfangsgewicht. Die Stühle sind reichlich 
und tief schwarz, nebenbei geht flüssiges Blut mit ab, die Haut¬ 
farbe wird blass. Es werden sofort 15 ccm Gelatinelösung sub 
kutan lnjizlrt. Die Ausleerungen werden seltener, das Kind trinkt 
gut an der Brust. Am folgenden Tag, dem 4. nach der Geburt, 
ist ein Gewichtsverlust von nur 30 g zu verzeichnen, der Stuhl 
ist angehalten, kein Blutabgang mehr. Am 5. Tage erfolgt noch 
einmal schwärzlich gefärbter Stuhl, zugleich hat das Kind bereits 
40 g zugenommen. Von nun an werden die Stühle normal, die 
Blässe der Haut nimmt ab. Am 0. und 7. Tage hat das Kind ja 
10 g zugenommeu, am 8. Tage ist es gleich geblieben, am 0. Tage 
wird es gesund mit der Mutter entlassen. 

II. Fall. Mädchen A„ 50>/ 2 cm lang. 2930 g schwer, er¬ 
krankt am 4. Tage unter einem Gewichtsverlust von 300 g und 
reichlichem Blutabgang. Auf eine einmalige Gelatineinjektion 
von 15 g steht die Blutung, die Stühle werden heller. Bel guter 
Ernährung an der Brust ist am folgenden, dem 5. Tage, das Ge¬ 
wicht schon gleich geblieben. Am 6. Tage ist der Stuhl bereits 
vollkommen normal, das Kind nimmt 90 g zu. Am 7. Tage sieht 
das Kind nicht mehr so bleich aus, es hat 110 g zugenommen, 
verliert allerdings am folgenden Tage davon wieder 20 g. Am 
9. Tage wird es gesund mit der Mutter entlassen. 

III. Fall. Knabe H., 50 cm lang, 3220 g schwer. Dieser 
Fall ist noch insofern besonders interessant, als er geeignet er¬ 
scheint, die Ansicht zu erschüttern, dass die Melaena auf Infektion 
beruhe. Es handelt sich nämlich um das erstgeborene Kind von 
zweieiigen Zwillingen, bei dem die Melaena intrauterin erworben 
und auch zum Ausbruch gekommen ist, während das zweite Kind, 
ein schwächeres Mädchen, vollkommen gesund war und auch später 
nicht an Melaena erkrankte. Das erste Kind befand sich in Steiss- 
lage, die Mutter ist eine Mehrgebärende. Beim Blasensprung ent¬ 
leert sich eine geringe Menge dunkelblutlg gefärbten Frucht¬ 
wassers. und bei den nun folgenden Wehen geht unter schnellem 
Tiefertreten des Steisses fortgesetzt Mekonium und dunkles Blut 
ab. Das Kind wird nun schnell geboren. Es sieht auffallend 
blass aus. Die blutige Färbung des Fruchtwassers stammte sicher 
vom Kinde. Eine Zerreissung von Plazentargefässen oder eine 
Blutung unter das Amnion ist nirgends nachzuweisen, auch lag 
keine Plaeenta succenturiata vor. Der erste spontan entleerte 
Stuhl des Kindes ist gleichfalls wieder blutig. Eine traumatische 
Blutung ist wohl mit Sicherheit auszuschliessen. da beim Abgang 
des blutigen Fruchtwassers der Steiss erst im Beckeneingang 
stand, also ein stärkerer Druck auf die Gedärme nicht vorhanden 
war. Es bleibt nur übrig, den Fall als intrauterin erworbene 
Melaena zu deuten. Es wurden sogleich am ersten Tage in der 
üblichen Welse 15 ccm Gelatinelösung injizirt. Das Klml hat um 
2. Tage 100 g abgenommen, am 3. Tage 110 g und entleert an¬ 
dauernd schwarzen blutigen Stuhl, trinkt aber dabei gut an der 
Bnist. Als am 4. Tage der Stuhl unverändert blutig ist und das 
Kind abermals abgenommen hat — im Ganzen 440 g gegen das 
Anfangsgewicht — wird eine zweite Injektion gemacht. Die 
Blutung hört nun vollkommen auf. Während des ganzen 5. Tages 
erfolgt kein Stuhl, die Haut wird leicht ikteriseh. die Gewichts¬ 
abnahme beträgt nur 30 g. An den beiden folgenden Tagen nimmt 
das Kind noch je 20 g ab. im Stuhl ist keine Blutbelmischuug 
mehr vorhanden. Das Kind trinkt ausgezeichnet und uimint am 
.8. Tage 110 g zu. Die ikterische Hautfarbe verschwindet und 
das Kind wird am 9. Tage gesund mit der Mutter entlassen. 

IV. Fall. Mädchen W., 50'/ 2 cm lang, 3050 g schwer, er¬ 
krankt am 2. Tage unter einem Gewichtsabfall von 230 g. Dabei 
trinkt das Kind bereits gut. Als am 3. Tage der Stuhl blutig ge¬ 
färbt bleibt und trotz bester Ernährung das Kind weitere 90 g 
abnimmt, werden 15 ccm Gelatinelösung injizirt. Die Blutung 
steht sofort, der Stuhl ist längere Zeit angehalten. Am folgenden 
Tage ist der Stuhl bereits vollkommen frei von Blutbeimischungeu, 
das Kind hat 100 g zugenommen. Es nimmt von nun an stetig 
weiter zu und wird am 9. Tage im besten Zustande mit einer Ge¬ 
wichtsdifferenz von nur noch 130 g mit der Mutter entlassen. 

V. F a 11. Knnbe M„ 50 cm lang, 3080 g schwer, erkraukt 
am 2. Tage unter starker Darmblutung. Es werden sofort 15 ccm 
Gelatinelösung injizirt und. als die Blutung andauert, nach einer 
Stunde noch einmal 10 ccm. Am 3. Tage hält die Blutung, wenn 
auch geringer, an, das Kind verfällt sichtlich und sieht ausser¬ 
ordentlich blass aus. Es ist ein Gewichtsverlust von 340 g gegen 
das Anfangsgewicht zu koustatiren. Es werden noch einmal 
10 ccm injizirt und nun steht die Blutung. Ausserordentlich un¬ 
günstig ist es in diesem Falle, dass das Kind schlecht trinkt, es 
ist offenbar durch den enormen Blutverlust schon zu sehr ge¬ 
schwächt Am folgenden Tage, dem 4., entleert das Kind bereits 
vollkommen normal, hat aber wieder 110 g abgenommen. Am 
5. Tage beträgt die Gewichtsabnahme 130 g, das Kind erbricht 
die getrunkene Milch sofort wieder. Es bekommt nun schwarzen 
Theo mit Nührzucker und behält dies zum Theil auch bei sich. 
Die Gewichtsabnahme beträgt am 6. Tage 00 g, sodann 80 g und 
50 g. Das Kind sieht sehr elend aus, fängt aber wieder an. Milch 
bei sich zu behalten. Der Stuhl ist andauernd normal. Leider 
konnte nun die weitere Behandlung in der Klinik nicht fortgesetzt 
werden, da die Mutter am 9. Tage die Klinik verliess. Wenn auch 


in diesem Falle die Wahrscheinlichkeit besteht, dass das Kind 
bei weniger sorgfältiger Pflege druussen noch gestorben ist, so 
ist doch Jedenfalls auch hier, trotz der besonders schweren Blu¬ 
tung, durch die Gelatiueinjektion ein Aufhören derselben erreicht 
M'orden, und es ist absolut nicht ausgeschlossen, dass das Kind 
bei längerer Pflege ln der Klinik sich wieder vollständig erholt 
hätte. Jedenfalls ist es nicht, wie es sonst bei Melaena geschieht, 
au Verblutung zu Grunde gegangen. 

Fassen wir die 5 Fälle noch einmal zusammen, so hat in 
allen Fällen die Blutung zum Stillstand gebracht werden können, 
und es muss dies in allen Fällen der Gelatinewirkung zu¬ 
geschrieben werden. Möge uueh die Frage noch nicht endgiltig 
entschieden sein, auf welche Weise die Gelatine ihre hämo- 
statisclie Wirkung ausübt. mögen auch die Ansichten darüber, ob 
die Gelatine überhaupt eine Blutung zu beeinflussen vermag, noch 
nicht völlig einig sein, in unseren Fällen wenigstens muss man 
die hiimostyptisehe Kraft der Gelatine anerkennen, und kann 
nicht die Heilungen dem Zufall zuschreiben! Denn das ist wohl 
nicht mehr Zufall zu nennen, wenn jetzt von 5 nicht ausgesuchten 
Fällen von Melaena vera sämmtliehe zur Heilung kommen, 
während früher bei 14 Fällen noch eine Mortalität von 50 Proz. 
bestand, und wenn in allen Fällen der Stillstand der Blutung 
direkt nach der Gelatineinjektion eintrat, und zwar in 3 Fällen 
gleich nach der ersten, in zweien erst nach der wiederholten. Hier 
ist doch die Einwirkung der Gelatine eine ganz offensichtliche, 
besonders da andere therapeutische Maassnahmen, welche die 
Blutung irgendwie hätte l>eeinflussen können, nicht in An¬ 
wendung gekommen sind. 

Was die Injektionen selbst betrifft, so wurden sie von allen 
Kindern vorzüglich vertragen, irgend welche Nebenerscheinungen 
wurden nicht beobachtet. Während von manchen Seiten der 
Gelatine nachgesagt wird, dass sie bisweilen schlecht resorbirt 
würde, dass sie Schmerzhaftigkeit, Abseesse, Fieber, Schüttel¬ 
fröste, ja bisweilen den Tod veranlasete, so haben wir bei ihrer 
Anwendung bei Kindern nichts davon gesehen. Die Resorption 
erfolgte stets schnell und reaktionslos, die Kinder waren nach der 
Injektion vollkommen ruhig und schliefen, eine besondere Tem¬ 
peraturerhöhung oder gar Krämpfe traten nicht auf, die 
Nahrungsaufnahme war ungestört, bis auf den letzten Fall. Hier 
ist aber sicher die durch den starken Blutverlust hervorgerufene 
Entkräftung und nicht die Gelatineinjektion verantwortlich zu 
machen. Vielleicht wäre es besser gewesen, in diesem Falle die 
Gelatine noch energischer anzuwenden, in vielen Fällen wird 
eine einmalige Injektion von 15 ccm ausreichend sein, in schweren 
Fällen jedoch dürfte in Zukunft der Versuch empfohlen werden, 
diese Injektion an demselben Tage mehrmals zu wiederholen, bis 
die Blutung steht. 

Ganz selbstverständlich erscheint es, wenn man keine Neben¬ 
erscheinungen bei der Gelatineinjektion bekommen will, dass so¬ 
wohl bei Bereitung der Gelatinelösung, als auch bei der Injektion 
selbst, die Regeln der Asepsis auf’s Peinlichste beobachtet werden. 
Besonders die Sterilisirung der Gelatine erfordert unsere ganze 
Aufmerksamkeit, da sie ja häufig mit Bakterien aller Art ver¬ 
unreinigt ist. Insofern ist der Vorschlag K u h n’s *), welcher vor 
Kurzem einen Fall von Tetanus, hervorgerufen durch Gelatine¬ 
injektion, veröffentlichte, sehr beherzigenswerth, dass speziell für 
die subkutane Injektion besondere Gelatine aus dem Gewebe 
frisch geschlachteter Thiere bereitet werden sollte, aber als eine 
conditio sine qua non kann er doch nicht betrachtet werden. 
Allerdings wird es sich empfehlen, die Gelatine nicht sterilisirt 
zu kaufen, sondern sie sich seihst zu sterilisiren. Hat man in der 
schon angegebenen Weise die Lösung mehrere Stunden kochend 
erhalten, so kann man wohl sicher sein, alle Bakterien und Sporen 
abgetödtet zu haben, und die etwa vorhandenen Toxine dürften, 
in solch’ geringer Menge dem Körper einverleibt, wohl keinen be¬ 
sonderen Schaden anrichten. 

s ) Kuhn: Tetanus nach Gelntlneinjektlon. Müncl». med. 
Wochenschr. 1901, No. 48. 


Aus der k. Universitäts-Frauenklinik München. 

Beitrag zur Therapie der Uterusrupturen. 

Von Dr. Gustav Wiener, I. Assistent der Klinik. 
Dührssen hat einmal den Satz aufgestellt: ,,Die Geburts¬ 
hilfe muss chirurgischer werden“. Wenn nun auch die meisten 
Geburtshelfer dieser Forderung im grossen Ganzen nicht nach- 
gekoimnen sind, bei einer Komplikation im Verlaufe der Geburt 


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7. Januar 1902. 


MUKNCHENEK MEDICI NISCHE WOCHENSCHRIFT. 


15 


weil) erstens hat sich doch ein gewaltiger Umschwung gegen früher 
vollzogen. Und zwar bei den Uterusrupturen. 

In der vorantiseptischen Zeit konnte man wegen des fast 
immer eintretenden septischen Fiebers an derartige eingreifende 
Operationen nicht herangehen, ausserdem sind Fälle beschrieben, 
bei denen Uterusrupturen spontan verheilten, wodurch ein zu¬ 
wartender Standpunkt motivirt wurde. 

Heute wird man wohl allgemein bei den Fällen, bei denen 
eine Ruptur sicher diagno6tizirt werden kann, sofort den Leib 
öffnen und den Riss entweder vernähen oder bei grösseren Ver¬ 
letzungen den Uterus supravaginal entfernen. 

An unserer Klinik gilt die Norm, bei allen grösseren Ver¬ 
letzungen des Uterus sofort zu köliotomiren, und bei glattem Riss 
die Ränder zu vernähen, bei zerfetzten Rändern den Uterus supra¬ 
vaginal zu amputircn. Bei beiden Operationen drainiren wir 
nicht. Diesen Standpunkt hat erst vor Kurzem mein hochver¬ 
ehrter Chef, Herr Geheimrath v. W i n c k e 1, in einem dieses 
Thema behandelnden Aufsatz in der Therapie der Gegenwart, 
Januar 1901, vertreten, und dass derselbe richtig ist, beweisen 
auch die beiden Fälle, die ich Gelegenheit hatte, zu opariren. 

Für die Ueberlassung der Operation und der Fälle zur Ver¬ 
öffentlichung erlaube ich mir auch an dieser Stelle meinem ver¬ 
ehrten Chef meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. 

Auf die sehr nachhaltige Literatur in dieser Frage näher 
einzugehen, halte ich nicht für nöthig, denn erst in der letzten 
Zeit ist ein grosses Sammelwerk darüber von Klien im Archiv 
f. Oynäkol. u. Geburtsh. Bd. 62, 2 erschienen und verweise ich alle 
sich dafür Interessirenden auf diese fleissige und sehr interessante 
Arbeit. 

Meine beiden Fälle mögen hier folgen: 

Frau M.. 34 Jahre, XII. Para. 

Am 29. III. 01 ln der Frühe um y 2 3 Uhr wurde poliklinische 
Hilfe in Anspruch genommen mit der Meldung der Hebamme: 
Schieflage und Nabelschnurvorfall. Fruchtwasser sei vor 1 Tag 
abgeflossen. 

Der Befund bei Ankunft des Arztes (Herr Dr. Ludwig Seitz) 
war: Der Kopf auf das linke Darmbein abgewichen. Rücken vorne, 
Herztöne in der Mittellinie 10:9:8, etwa 5 cm oberhalb der 
Symphyse. Vor der Vulva lag ein etwa 10 cm langes Stück der 
Nabelschnur, die noch ziemlich gut pulsirte, stärker am absteigen¬ 
den. schwächer am aufsteigenden Schenkel. Die Schnur lag seit 
2 I hr ausserhalb der Vulva. 

Nunmehr wurde von Herrn Dr. Ludwig Seitz zuerst ohne 
Narkose der Versuch gemacht, die Nabelschnur, die vorher mit 
Lysol desinfizirt worden war, zu reponiren: er misslang. Im Mutter¬ 
mund. der handtellergross und rechts wenigstens gut dehnbar war, 
lag ein FUsschen. In Narkose wurde nunmehr die Nabelschnur 
in die ganze Hand gefasst, leicht über den Muttermund hinauf¬ 
geschoben, und sofort der im Muttermund liegende rechte Fuss 
des Kindes in die Scheide hinabgezogen, um das erneute Prolablren 
der Schnur zu verhüten. 

Zunächst sollte gewartet werden, um die Austreibung der 
Frucht der Natur zu überlassen, da aber die kindlichen Herztöne 
sehr stark sanken (7:8:7) und der Muttermund Uber handteller¬ 
gross war, ausserdem es sich um eine XII. Para handelte und sich 
der Muttermund scheinbar gut dehnen liess, wurde, um das Kind 
zu retten, gleich die Extraktion desselben angeschlossen mit lang¬ 
samen) und vorsichtigem Zuge. Der Körper folgte leicht, der Kopf 
blieb im Beckeneingang etwas stecken, folgte jedoch auf leichten 
Druck von aussen und zwar mit einem plötzlichen Rucke. Die 
hinaufgeschlagenen Arme wurden gelöst, das mässig grosse, leicht 
asphyktische Kind wieder belebt. 

Aus der Vulva ergoss sich gleich nach dem Austritte des 
Kindes ein starker Blutstrom. Da der Uterus gut kontrahirt war, 
wurde zur Feststellung der Blutungsquelle sofort mit der rechten 
Hand eingegangen und links ein tiefer Riss konstatirt, der die 
ganze Cervix gespalten hatte und sich kontinuirlleh noch über den 
inneren Muttermund etwa 5 cm weit hinauf erstreckte. Die Tiefe 
des Risses mochte mindestens 1— ly z cm betragen, das Peritoneum 
musste unverletzt sein, da die Hand deutlich noch einen Abschluss 
gegen die Bauchhöhle zu fühlen konnte. Die rechte Seite des 
Muttermundes war gänzlich unverletzt. 

Da die Blutung sehr stark war, wurde die Plazenta, die auf 
Cred6 nicht folgte, sofort manuell entfernt, das Cavum Uteri, um 
nicht noch eine atonlsche Blutung fürchten zu müssen, mit Jodo¬ 
formgaze tamponlrt und dann unter stetiger Ivontrole der Finger 
die Unze vorsichtig gegen den Riss gestopft unter gleichzeitigem 
Entgegendrücken von aussen. Dieses manuelle Andrücken der 
Gaze gegen den Riss und der Druck von den Bauchdecken aus 
wurde % Stunden lang ausgeführt. Blut ging dabei keines mehr 
ab, der Puls blieb voll und gut. 

Da man nunmehr eine Thrombose der Gefässe annehmen 
konnte, suchte man die Tamponade der Vagina durch ein weiteres 
Einfuhren von Tampons zu verstärken. 

Trotzdem das ln der vorsichtigsten Weise geschah, konnte 
man einmal deutlich das Ausweichen der ganzen Tamponade nach 
oben und links hin wahrnehmen. Daraufhin erfolgte wieder Ein¬ 
setzen einer erneuten heftigen Blutung, die durch manuelles Ent- 


gegeudrücken der Tamponade so lange beherrscht wurde, bis über 
den Leib 2 Betttücher festgewickelt, durch Sicherheitsnadeln fixirt 
und die äussere Tamponade durch Darunterschieben von Hand¬ 
tüchern. Strümpfen und was sonst noch zur Verfügung stand, 
verstärkt worden war. 

Nunmehr konnte auch von der Vagina aus eine festere Tam¬ 
ponade au8geführt werden. Die anämisch gewordene Frau erholte 
sich auf Kampherinjektlonen soweit, dass der Puls zwar noch 
frequent war, aber eine ziemlich gute Welle zeigte. 

Unterdessen war die Sanitätskolonne eingetroffen, die zur 
Ueberführung der Frau zur Klinik gerufen worden war, damit 
im Falle einer erneuten Blutung dortselbst per laparotomiam ein- 
gegriffen werden könne. 

Der Puls blieb während des Transportes und während der 
ersten halben Stunde in der Klinik von der geschilderten Be¬ 
schaffenheit (um 120 pr. min.) wurde dann aber plötzlich kleiner, 
auch sickerte durch die Tampons per vagln. etwas Blut nach 
aussen. Der Leib war vor Allem links sehr empfindlich. Dämpfung 
ln den abhängenden Partien des Leibes mit Sicherheit nicht nach¬ 
zuweisen. Die Patientin machte einen verfallenen Eindruck. 
Temperatursteigerung bestand nicht. 

Da man annehmen musste, dass der vorher inkomplete Riss 
entweder durch Druck der Tamponade oder durch den Transport 
in die Klinik, oder das 2 malige Umbetten zu einem kompleten 
geführt hatte, wurde die Operation beschlossen. 

In Aethernarkose wird ein Einschnitt vom Nabel bis zur 
Symphyse gemacht, das Netz und die Gedärme durch Kompressen 
nach oben geschoben und der Uterus vor die Bnuchwunde gebracht. 
Dabei zeigte sich, dass das linke Parametrium und Ligamentum 
latum durch einen Bluterguss gefüllt und bläullch-roth verfärbt 
waren. Nach hinten und links an der Seitenkante des Uterus 
war eiu etwa 20 cm langer, von unten nach oben verlaufender Riss, 
der etwa 2—3 cm weit klaffte und aus dem etwas Blut hervor¬ 
sickerte. 

Der untere Rand des Risses, der bis auf den Beckenboden 
herabreicht, wird mit einer Klammer fixirt und der Riss durch 
5 tiefe Katgutsuturen geschlossen. Das Peritoneum wird darüber 
durch fortlaufendes Katgut vereinigt Ein Stichkanal in der Höhe 
des inneren Muttermundes blutete ziemlich heftig, wesshalb zwei 
gesonderte Umstechungsnähte angelegt werden mussten, worauf 
die Blutung stand. 

Der Uterus wird dann nach Austupfen der Bauchhöhle mit 
trockenen Tupfern und Entfernen der Blutkoagula gewöhnlich 
wieder versenkt Die Bauchhöhle mit 2 durchgreifenden Katgut¬ 
suturen und 3 Kugelzangen geschlossen. 

Unter Lysolspülung wird hierauf die Tamponade aus 
Scheide und Uterus entfernt, die Vagina gereinigt und der Riss¬ 
blossgelegt. Es zeigte sich dabei, dass nach links ein tiefer und 
langer Riss, der weit in das Vaginalgewölbe hinaufreicht vor¬ 
handen ist, der sich mit Blutkoaguils dick belegt zeigt. Dieselben 
werden zuerst nach Möglichkeit entfernt, dann die vordere und 
hintere Muttermundslippe mit Kugelzaugen gefasst und herabge¬ 
zogen und die Verletzung durch 8 Katgutsuturen vereinigt. Der 
Riss hier ist mindestens 15 cm lang. 

Blutung trat keine auf, trotzdem machte ich, wenn auch nur 
zur Reinigung, 2 heisse Lysolausspülungen und legte ln die Vagina 
lose Jodoformgaze. 

Dann wird die Bauchhöhle nochmals geöffnet, nachgesehen, 
ob es nicht, nachblutet und nachdem diese Frage verneint werden 
konnte, die Bauchhöhle durch 3 tiefliegende Katgutsuturen und 
fortlaufenden Katgut in 3 Etagen wieder geschlossen. Aether- 
verbrauch: 200 g. Dauer der ganzen Operation: 1 % Stunden. 

Patientin erholte sich nach der Operation ziemlich rasch. Sie 
hatte nur die ersten 3 Tage etwas Temperatursteigerung, höchste 
Temperatur, am Abend des 2. Tages, 38.4. Vom 4. Tag an fiel 
die Temperatur ab, auch der Puls, der zuerst um 120 war, ging 
allmählich auf 70 herunter. Die ersten Tage bekam Patientin 
natürlich häufige Kochsalzeinläufe per rectum, um den Blutver¬ 
lust wieder zu ersetzen. 

Am 23. Tag nach der Operation wurde Patientin als gehellt 
entlassen. 

Am 9. XI. 01 hatte ich Gelegenheit, Patientin wieder zu sehen, 
sie fühlt sich im Grossen und Ganzen wohl, nur hat sie seit drei 
Wochen ziemlich starke Schmerzen auf der rechten Seite. 

Der Ernährungszustand ist ein guter. Die Schleimhaut des 
Mundes und der Augen sind von gewöhnlicher Färbung. Die Narl>e 
am Leib ist glatt, oben etwas breiter als unten, dort etwa finger¬ 
breit. Nicht empfindlich. Die Periode ist seit 7. Juli d. J. aus- 
geblieben. In den Brüsten etwas Kolostrum. Der Fundus Uteri 
steht zwischen Nabel und Symphyse. Bei raschem Eindrücken der 
Bauchdecken reagirt Patientin ziemlich heftig, vor Allem bei Druck 
auf den Uterus. Versucht man es sehr vorsichtig, die Bauchdecken 
einzustülpen, so hat Patientin keine Schmerzen. Neben dem Uterus 
lassen sich keine Resistenzen oder Tumoren nachweisen. 

Vulva geschlossen; kleine Labien überragen kaum die grossen. 
Vulva ziemlich weit. Vagina erweitert sich nach oben. Mutter¬ 
mund etwas hinter der Spinallinie, nach links eingerissen, für die 
Fingerkuppe bequem elnlegbar. Rechts und links vom Uterus das 
unveränderte Ovarium. Neben dem Uterus keine Resistenzen. Die 
Scheide sowohl als auch die Portio sind auf gelockert und stark 
livide verfärbt, der Uterus vergrössert, zwischen Nabel und Sym¬ 
physe. 

Graviditas mens. IV—V. 

Der zweite Fall, den ich zu operiren Gelegenheit hatte, war 
sowohl klinisch-, als technisch viel schwieriger. 


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4 * 

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16 


MUEN CHEN ER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Frau K., 28 Jahre. III. Para, wurde mis am 21. V. 01 Nachts 
%1 Uhr von der Sanltätskolonue in die Klinik gebracht. Nach An¬ 
gala» dos Itehandeluden Arztes habe Patientin seit 18. V. schon 
Wehen, am 18. V. Nachmittags 2 Uhr sprang die Blase. Trotzdem 
halie Patientin weder zu einer Hebamme noch zu einem Arzt ge¬ 
schickt. Erst am 21. V. Nachts wurde der Kollege zugezogen, der 
eine Schädellage diagnostizirte. Bel der inneren Untersuchung 
stellte er einen Hydroeeplialus fest, der Kopf war schon etwas 
nach der linken Seite abgewichen. Ein sehr schonender Versuch, 
den Kopf zurilckzuschieben, gelang leicht, ebenso die daran ange¬ 
schlossene Wendung auf den Fuss. Der grosse Kopf musste dann 
noch punktirt werden. 

Nach der Extraktion des Kindes trat eine ziemlich heftige 
Blutung auf; beim Versuch, den C r e d 6’scheu Handgriff anzu¬ 
wenden, um die Plazenta zu entfernen, Hess sich der Fundus von 
den Bauchdecken aus nicht umgreifen. Es wurde desshalb noch¬ 
mals mit der Hand eingegaugen und dabei festgestellt, dass der 
Uterus links zerrissen war und die Plazenta sich in der Bauchhöhle 
befand. Dieselbe wurde entfernt, der Uterus mit. steriler Gaze 
austamponlrt und die Patientin der Klinik überwiesen. 

Bei Ankunft der Patientin konnte Ich folgenden Befund auf- 
uehmen: 

Sehr anämische Frau. Temperatur 38.2. Pul» 140, faden- 
• förmig. Leib etwas auf getrieben, sehr empfindlich, vor Allein 
nach links zu. ln den abhängenden Partien des Abdomens ge¬ 
dämpfter Schall. 

Man musste wohl annehmen, dass die Blutung in’s Abdomen 
trotz der Tamponade anhielt, wesshalb die Operation beschlossen 
und sofort ausgeführt wurde. 

Der Einschnitt wird vom Naliel bis zur Symphyse gemacht. 
Sofort, als das Peritoneum etwas geöffnet war. stürzt eine grössere 
Menge flüssigen Blutes hervor. Der Schnitt in den Bauchdecken 
wird rasch erweitert und der Uterus vor die Bauchdecken gebracht. 
Dabei zeigt sich, dass er nach links bis zur Tubenlnsertiou zer¬ 
rissen ist; die Ränder sehen sehr zerfetzt aus. 

Der untere Rand des eingerisseneu Ligamentum latum sinis- 
trurn wird nun zuerst durch eine Klammer flxirt, daun das Lig. 
latum dextrum, unter Zurücklassung des Ovariums, in Klammern 
gefasst und der Uterus auch hier aus seinen seitlichen Verbind¬ 
ungen gelöst. Dann wird die Uterina beiderseits 3 mal umstochen, 
von der vorderen und hinteren Uteniswand ein etwa handteller- 
grosser Perltoneallappen abpräparirt und der Uterus unterhall» 
des inneren Muttermundes abgetragen. 

Der Uterusstumpf wird in 3 facher Schicht vernäht und zu¬ 
letzt sowohl die umstochenen Ligamente, als auch der Uterus mit 
Peritoneum tibersäumt. Ein kleiner Einriss am Mesenterium der 
Flexuru sigmoidea wird durch eine feine Naht geschlossen. 

Die Bauchhöhle wird nun von dem reichlichen flüssigen und 
gestockten Blut mit viel Vernix caseosa gemischt, mittels Tupfern 
gereiuigt. Die vom Kollegen in den Uterus elngeftthrte Gaze ist 
wahrscheinlich durch den Transport in die Bauchhöhle gerutscht 
und wurde zwischen den Gedärmen liegend unter dem Magen ge¬ 
funden. 

Nachdem man sich iilierzeugt hatte, dass es aus dem Uterus- 
stumpf und den Ligamenten nicht mehr nacbblutete. wird die 
Bauchhöhle in 3 facher Etage wie gewöhnlich wieder vereinigt. 
Dauer der Operation 1% Stunden. 

Während der Operation wurde der Puls fadenförmig und stieg 
auf IGO p. min. Es wurde desshalb noch während der Operation 
etwa (500 ccm physiologische Kochsalzlösung subkutan injizirt. wo¬ 
rauf der Puls voller wurde (120 p. nilu.). 

In den nächsten Tagen wurden noch öfters Kochsalzeiuläufe 
per rectum gemacht, die zum grössten Theil gut resorbirt wurden. 

Patientin hatte in der nächsten Zelt noch stellenweise Tem¬ 
peratursteigerung bis 39°, die durch eine linksseitige Exsudation 
auf der Darmbeinschaufel hervorgerufen wurde; doch ging auch 
diese auf Eisblase, feuchte Umschläge, Jodbepinselungen voll¬ 
ständig zurück, so dass Patientin am 23. VII. 01 als geheilt ent¬ 
lassen werden konnte. Die Resistenz auf dem linken Darmbein 
ist ganz flach und unempfindlich geworden. Ueber dem beweg¬ 
lichen Uterusrudiment sind nirgends Resistenzen oder schmerz¬ 
hafte Partien zu taBten. 

Am 4. August schrieb mir Patientin einen Dankbrief und 
erwähnte u. A. auch, dass sie sich vollständig wohl fühle. 

Am 11. XI. hatte Ich Gelegenheit, die Patientin wieder zu 
sprechen. Ihr subjektives Befinden Ist absolut gut: sie kann 
Ihren Ilausfrauenpflichten ln jeder Beziehung Genüge leisten. 
Auch bei den schwersten Arbeiten, wie Waschen. Putzen, hat 
sie keinerlei Beschwerden. Auch zur Zeit des früheren Men¬ 
struationseintrittes fühlt sie sich absolut wohl. Die Wunde am 
Abdomen Ist glatt verheilt, die flache Resistenz auf dem linken 
Darmbein ist vollständig geschwunden: auch bei der bimanuellen 
Untersuchung lassen sich neben dem kleinen beweglichen Uterus¬ 
stumpf nirgends Resistenzen oder schmerzhafte Partien tasten. 
Das Kind, das uns seinerzeit mit der Frau in die Klinik geschickt 
worden war, hatte ene Iäinge von 52 cm. Kopfumfang 54 cm. 
Das entfernte Organ bietet keine Besonderheiten, seine Maasse 
sind: von rechts uach links ln der Höhe des Tubenausatzes 14 cm, 
Länge 12% cm. Risslänge 11% cm (wie schon oben gesagt, geht 
derselbe bis zur Tubeninsertion). Die Placenta ist an der vorderen 
Wand gesessen, die Uteruswände sind sehr dick, vorne 3% cm. 
hinten 4,8 cm. Gewebe sehr derb und fest. 

Dass der erste der beiden Fälle geheilt wurde, nimmt weiter 
nicht Wunder, denn der Riss im Peritoneum war sekundär, so 
dass Fruchtwasser und dergleichen nicht in die Bauchhöhle ge¬ 


No. 1. 


kommen ist. Auch die Blutung war keine lebensgefährliche, denn 
Dank der sachkundigen Hilfe, die Patientin von Anfang au ge¬ 
habt hatte, wurde der Blutverlust von vorneherein nach Möglich¬ 
keit beschränkt. 

Der Transport, der in derartigen Fällen sehr verschlimmernd 
einwirkt, da durch die Erschütterung de« Fahrens und das zwei¬ 
malige Unibetten leicht eine profuse Blutung wieder einsetzt, 
wurde durch das ausgezeichnete Verfahren der äusseren und 
inneren Tamponade fast ganz hintangehalten. 

Dieses Verfahren, den Uterus von der Vagina aus mit Gaze 
auszustopfen und, nachdem derselbe von den Bauchdecken aus 
durch dahinter gelegte Handtücher oder sonstiges Material etwas 
nach vorne gebracht ist, von aussen durch Binden oder Hand¬ 
tücher fest gegen die Unterlage zu pressen, findet sich schon em¬ 
pfohlen in der ersten Auflage des Spiegelber g’sclien Lehr¬ 
buches der Geburtshilfe vom Jahre 1856 und ist auch in die 
beiden späteren Auflagen von meinem verstorbenen Onkel, Max 
Wiener, herübergenommon worden. 

Auch der zweite Fall, obgleich bei demselben die Verhält¬ 
nisse viel schwerere waren, hat den beinahe 1 Stunde dauernden 
Transport gut Überstunden. Allerdings musste die bedrohliche 
Anämie schon während der Operation durch Koehsalzeinspritz- 
uugen unter die Haut bekämpft werden. 

Dass l>ei der Ausdehnung der Ruptur in diesem Falle der 
Uterus supravaginal amputirt. wurde, lag in der Natur der Sache. 

Die Verunreinigung der Bauchhöhle mit Fruchtwasser. Blut. 
Mekonium, Vernix caseosa und durch die eingedrungeue Jodo¬ 
formgaze wurde nur durch trockene Kompressen entfernt. Ich 
hütete mich wohl, die Toilette der Bauchhöhle durch Auswaschen 
mit Kochsalzlösung vorzunehmen, da ich von der Ueberlegung 
ausging, dass, wenn wirklich Keime in’s Abdomen gekommen 
seien, dieselben durch das Auswaschen nur über das ganze Peri¬ 
toneum verbreitet würden, während sie ohne Waschen eventuell 
nur eine geringere lokale Exsudation hervorrufen würden. 

Um noch mit einem Wort auf die Veranlassung zur Ruptur 
einzugelien, so ist im ersten Falle der Riss sicher in dem Moment 
erfolgt, als der Kopf dureh den noch nicht ganz erweiterten 
Muttermund gepresst worden war. Schon bei der Untersuchung 
konnte man ja auf der einen Seite einen etwas derberen Saum 
fühlen, derselbe wird sich beim Durchziehen des Kindes eventuell 
noch mehr kontrahirt. haben, so dass die unangenehme Strik¬ 
turirung des Halses eingetreten ist, und beim Drücken des Kopfes 
in das Becken ist. dann das rigide Gewebe eingerissen, welcher 
Riss sieh über den inneren Muttermund fortgesetzt hat. 

Im zweiten Falle muss man die Ruptur als völlig spontan 
entstanden annelunen. Die Frau hat nachweisbar 3 Tage lang 
Wehen gehabt, bis sie zur Hebamme und zum Arzt geschickt, hat. 
Der grosse Kopf konnte nicht in’s Bocken eintreten, dureh die 
starken Wehen wurde der Uterus dann rupturirt und der Kopf 
trat in die Bauehdecken aus. So fand der zugezogene Arzt die 
Abweichung des Kopfes und Dank des grossen Spielraumes war 
die. Wendung auch sehr leicht. Erst nach der Extraktion konnte 
man die Diagnose „Uterusruptur“ stellen. 

Verblutet hat sieh die Frau wohl desshalb nicht schon vor 
Ankunft dos Arzlcs, weil sich der Uterus über dem ausgetretenen 
Kopf fest konlraliirto und von letzterem die Risswunde fest tam- 
ponirt wurde. Blutung konnte also erst, eintreten, als das Kind 
entfernt und dadurch die Rissränder frei wurden. 

In der Wohnung der Patientin zu operiren, wie von manchen 
Autoren gefordert wird, wird sich wohl nur auf dem Lande cm-- 
pfehlon, wenn man nicht, wegen der mangelhaften Aseptik und 
der fehlenden Assistenz, von den übrigen ungünstigen Verhält¬ 
nissen ganz zu schweigen, lieber die Ruptur nur durch Tampo¬ 
nade behandelt. In grösseren Städten, wo Kliniken und Kranken¬ 
häuser am Platze sind, ist es immer besser, die Frauen in diese 
Institute zu schaffen, selbst wenn man einen Transport von 
1—2 Stunden dabei riskiren muss. Feste Tamponade von innen 
und aussen wird die Blutung wenigstens so lange hintanlialten 
können. Unsere beiden Fälle sind ein Beweis für die Richtigkeit 
dieser Forderung. 


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7. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINlSCIlE WOCHENSCHRIFT. 


Die Biologie des Fettes.*) 

Von Dr. Georg Rosenfeld in Breslau. 

Das Thema, das wir uns heute gestellt haben, ist die Biologie 
des Fettes, in speeie die Frage, woher das Fett im Reiche der 
Thier© stammt. Zur Zeit sind wir noch weit entfernt davon, 
diese Frage als gelöst bezeichnen zu wollen, vielmehr sind wir 
uns bewusst gerade erst in leisen Linien einige Wege zeichnen 
zu können, welche zu unserem Ziel hinleiten: Dio ganze Frage 
kann aber nur gelöst werden, wenn medicinische und zoologische 
Forschung sieh unseres Problems, mit dem manch anderes noch 
analog behandelt werden könnte, annehmen. Darum ist es wohl 
angezeigt, das wenige bisher Ausgeführte vor beiden Sektionen 
vorzutrngen. 

Die Physiologie des Menschen hat lange Jahre als die 
Quellen des Fettes die drei Hauptsubstanzen der Nahrung: Ei¬ 
weiss, Fett und Kohlehydrate bezeichnet. 

Die Anschauung, dass sich Fett auch aus E i w e i s s bilden 
könnte, ist durch die Stoffwechselversuche V o i t’s und die Lehre, 
der Pathologie, zumal V i rchow’s, von der fettigen Degenera¬ 
tion gestützt worden. Gegen die allgemein anerkannten Stoff- 
wechsclversuche von Voit hat Pflüger die 
schwerstwiegenden Eimvände erhoben, so dass dieser Grund¬ 
pfeiler der These von der Fettentstehung aus Eiweiss als gestürzt 
angesehen werden darf. Bleibt nur noch die Doktrin der 
fettigen Degeneration nach V i r c h o w, welche darum 
eine kurze Besprechung finden soll, weil sich hierbei schon einige 
Charakterzüge des Fettes offenbaren. 

V i rcliow lehrte, dass durch Phosphorvergiftung 
und andere Prozesse das Eiweiss der Zellen fettig degenerirte, 
d. h. es zerfiele, indem es Fett bildete: So degenerirte das Ei¬ 
weiss der Leber bei Phosphorvergiftung zu Fett. Auf folgende 
Weise gelang es mir — im Verfolg einer Idee Lebedef f’s —, 
nachzuweisen, dass die Fettleber der Phosphorthiere dadurch zu 
Stande käme, dass schon vorhandenes Fett aus den Depots unter 
der Haut und in den Bauehfcllfalten lediglich in die vergiftete 
Leber wandere. 

Wenn man diesen Vorgang in einem gewöhnlichen 
Hunde inszenirte, so war an dem Fett, welches sich in der 
Leber fand, natürlich nicht zu entscheiden, ob es eingewan¬ 
dertes oder an Ort und Stelle entstandenes Fett sei. In jedem 
Falle musste es Hundefett sein. Anders, wenn wir den Versuch 
unter folgenden Bedingungen Vornahmen. Durch Unter¬ 
ernährung und Hunger wurde ein Hund maximal fettarm ge¬ 
macht, dann wurde er mit Fleisch und einer fremden Fettart, 
z. B. Kokusfett stark gefüttert. Das Thier setzte nunmehr in 
seinen Fettlagern das fremde Fett (Kokkusfett) an. Wenn man 
ein solches Thier mit Phosphor vergiftete, so lag die Sache 
wesentlich anders, als bei einem gewöhnlichen Hunde. War das 
Fett, welches sich in der Leber durch die Phosphorvergiftung 
anhäufte, aus Eiweiss entstandenes Fett, so musste es unbedingt 
Hundefett sein; war cs aber aus den Fettdepots in die Leber 
hineingewandert, so musste es, da in den Fettdepots nur jenes 
fremde Fett zu finden war, eben dieses, d. h. Kokusfett sein. 
Im letzteren Sinno fiel der Versuch aus. Er ge¬ 
lingt ebenso mit Hammeltalg oder mit Leinöl, welche Fette alle 
ihre Hauptcharaktere sowohl bei der Deposition in die Fettlager, 
als bei der nachherigen Wanderung in die Leber nicht wesentlich 
ändern. Das ist nicht der einzige Gegengrund gegen die Lehre 
von der Entstehung des Fettes aus Eiweiss bei der fettigen De¬ 
generation. Es lässt sich sogar beweisen, dass das Fett in de¬ 
generirte Zellen überhaupt nicht einwandere, und dass die fettige 
sogen. Degeneration nur an gesunden Zellen, ganz im Gegen¬ 
satz zur Lehre V i r c h o w’s, auf trete. Damit ist der 
letzte Beweis für die Entstehung von Fett aus 
F.iweiss vernichtet und es versiegt dem Fette seine eine Quelle, 
das Eiweiss, soweit es die Physiologie des Menschen und des 
Hundes betrifft. 

Immerhin bedarf es einer auf andere Thierklassen 
ausgedehnten Untersuchung, ehe für die gesammte Thier¬ 
welt die These aufgestellt werden kann: Alles Fett ent- 

*) Nach einem Vortrage, gehalten ln der vereinigten Sitzung 
der medizinischen und der zoologisch - botanischen Sektion der 
schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur am 14. Juni 
1901 . 

No. L 


17 


stammt dem Fette der Nahrung oder den 
Kohlehydraten. 

Die Entstehung des Fettes aus Kohlehydraten, resp. aus 
Fetten der Nahrung, an sich ist eine sichere Thatsache: Man hat 
Gänse und Schweine mit Kohlehydratkost fettgemacht; ebenso 
und noch viel leichter ist es mit Fett gelungen. Für unsere Ab¬ 
sicht müssen wir nur wissen, welche Arten von Ansatzfott aus 
Kohlehydraten resp. Fetten der Nahrung entstammen, damit wir 
bei den Untersuchungen an anderen Thierklassen diese Fette 
unterscheiden, und auch in Rücksicht auf ihre Herkunft einordnen 
können. 

In welcher Weise das N ahrungsfett zum Ansatz 
kommt, haben wir schon oben kennen gelernt. Ein möglichst ent¬ 
fetteter Hund setzt sein Nahrungsfett ziemlich unverändert an. 
Ob man ihm Leinöl, Kokusbutter oder Hammeltalg gibt, er de- 
ponirt es in relativ wenig verändertem Zustande und zwar be¬ 
stellt die Veränderung hauptsächlich darin, dass von den drei 
normalen Bestandtheilen der Fette: Olein, Palmitin und Stearin 
das Olein am besten aus der Nahrung auf gesaugt wird. Auch 
beim Kaninchen gelingt cs, durch die verschiedenartigste Fütte¬ 
rung sein Fett zu verändern. Während man oft bei den Ka¬ 
ninchen ein hartes Fett antrifft, wird es durch die Er¬ 
nährung mit dem weichen Fette des Hafers ebenso weich und 
schmierig, wie das Ilaferöl selbst ist. Die gleichen Unter¬ 
suchungen haben wir an Fischen angestellt, die in einem 
Aquarium von 120 cm im Quadrat gehalten wurden, in welchem 
starker Ab- und Zufluss die Entwicklung einer Teichflora und 
-Fauna vollständig verhinderte. Wir benutzten theils Gold¬ 
fische, theils Spiegelkarpfen zu unseren Versuchen. 
Während die Goldfische ursprünglich einen Fettgehalt von 
6,8 Proz. mit einer Jodzahl von 108 hatten, wurden sie im Laufe 
der Fütterung mit sehr fettem Hammelfleisch um 10 Proz. fett¬ 
reicher und die Jodzahl ihres Fettes sank auf ca. 80 herunter, 
entsprechend einem Ansatz von Hammeltalg. Die Thiere ver¬ 
trugen die Fütterung schlecht: Das war auch kein Wunder, denn 
es war ihnen viel zugemuthet, in dem winterlich kalten Bassin 
mit noch lange nicht 15° C. ein bei 42° C. schmelzendes Fett 
zu resorbiren '). Sie nützten von der Nahrung auch hauptsäch¬ 
lich die Oelsüure aus, so dass der Koth ein Hammelfett enthielt, 
welches härter, schwerer schmelzbar und ölsäureärmer war, als 
der Hammeltalg der Nahrung. Der gleiche Versuch Hess sich 
auch an Spiegelkarpfen durchführen. 

Ixsichter war das Experiment zu arrangiren, wenn ich 
mageres Hammelfleisch mit Kokusbutter zusammen ver¬ 
fütterte,, die mit ihrem soviel tieferen Schmelzpunkt (26 0 C.) 
für die Thiere bedeutend leicht resorbirbar war. Die J o d - 
zahl im Fett dieser Kokusthiere sank auf 49,4 
herab. Gewiss ein deutlicher Beweis dafür, dass das Nahrungs¬ 
fett auch bei den Fischen zum Ansatz kommt. 

Mit dieser Erfahrung rechnet die Küche schon lange, die, 
Enten, welche mit Heringen genährt sind, verschmäht, und 
welche den Truthahn mit Wallnüssen füttert, damit er durch 
das wohlschmeckende Nussöl schmackhafter würde, und einer 
älinlichen Gourmnndise wird es wohl zuzuschreiben sein, dass 
Vidius Pollio seine Muränen mit den Leibern seiner Haus¬ 
sklaven fütterte. 

So wissen wir in grossen Zügen, was die Thiere mit dem Fette 
der Nahrung anfangen. Wir müssen nun noch über das Kohle- 
hydratfett, d. h. jenes Fett, das sich aus Kohlehydraten der 
Nahrung bildet, Bescheid haben. Nach Untersuchungen, 
welche Meissl, Lummert und ich 1 *) angestellt haben, 
ist das Kohlehydratfett ein festes, ziemlich ölsäure¬ 
armes Fett. Ich zeige Ihnen hier das Fett einer 
Gans, welche mit sehr grossen Mengen von Kartoffeln, also 
einem fast ganz fettfreien Futter, gemästet worden ist. Es hat 
eine so feste Konsistenz, dass es sich selbst in der Hitze dieses 
Sommers fest erhalten hat, während das gewöhnliche Marktgans¬ 
fett fast total verflüssigt ist. Weniger erfolgreich waren meine 
Versuche an Enten; immerhin ergeben die Versuche an Hunden, 


') Wenn auch die Fresslust der Fische lui kalten Wasser ge¬ 
ringer war, so musste doch der Zufluss und Abfluss recht lebhaft 
gehalten werden, damit sich nicht etwa eine Intermediäre Fütterung 
durch eine Entwicklung von thierlschem oder gar pflanzlichem 
Plankton etablire. 

1 *) Berlin, klln. Wochenschr. 1899, No. 30. 


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18 MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 1. 


Schweinen, Günsen, Enten eine gewisse Einheitlichkeit des Kohle- 
hydratfettes. 

Für unsere Untersuchungen war es noch nothwendig nach¬ 
zusehen, wie sich die Fische zum Kohlehydratfett ver¬ 
halten. Dass die Fische Kohlehydratfett bilden, ist auf dem 
Iischereirathe in München 1895 schon von Herzog Hatz¬ 
feld- T rachenberg angegeben worden. Die Frage war nur 
noch, welches Fett die Fische aus Kohlehydraten bildeten. Auch 
diesen Versuch führte ich an kleinen Karpfen durch, welche ur¬ 
sprünglich — eingeweidefrei — 10,8 Proz. Fett hatten. Sie wur¬ 
den fortdauernd mit Semmel gefüttert, welche Kost sie erst lang¬ 
sam annahmen, so dass sie zunächst sehr von Gewicht abkamen. 
Allmählich nahmen sie wieder zu, so dass sie bei einem Gehalt 
von 12,4 Proz. Fett getödtet wurden. Ihre Jodzahl war auf 76,2 
herabgesunken. Also auch die Fische scheinen sich ähnlich wie 
die höheren Tlüerklassen zu verhalten, indem sie aus Kohle- 
hygraten ein festes oleinarmes Fett bilden. Vom teleologischen 
Standpunkt aus kann man eine derartige Einrichtung nur zweck¬ 
mässig finden; Oelsüure können die Thiere leicht resorbiren, 
darum sind sie nicht auf deren Fabrikation angewiesen; da sie 
aber bei der Aufsaugung von Palmitin und Stearin wesentlich 
mehr Schwierigkeiten finden, so haben sie einen Vortheil davon, 
wenn sie für den Bestand an diesen beiden Fetten nicht nur 
auf die Resorption angewiesen sind, sondern beide auch syn¬ 
thetisch zu bilden in der Lage sind. 

•Jetzt waren wir soweit in der Keuntniss von den Gesetzen 
des Fettansatzes gekommen, dass wir die Verschiedenheit im Fette 
einer Kuh und eines Herings auf die Verschiedenheit ihres 
F'utters schieben konnten, und dass wir annehmen konnten, dass, 
wenn wir das Futter der Kuh dem Heringe und umgekehrt das 
Futter des Herings einer Kuh vorsetzten, sie damit auch ihre 
Fette gegeneinander austauschen würden. Hindernd würden Re¬ 
sorptionsverhältnisse und jene Prozesse in Frage kommen, von 
denen wir vermuthen müssen, dass sie einzelnen Thierarten mehr 
eignen, als anderen. So scheint es, dass bei den Fischen eine 
grössere Neigung besteht, ungesättigte Oelsäuren, Oxyfettsäuren 
aus den dazu geeigneten Theilen des Futters zu machen, als z. B. 
bei den Wiederkäuern. 

Von anderen Veränderungen heben wir als wesentlich her¬ 
vor: Die Fettsäuren der Nahrung können oxydirt, zu niederen 
Fettsäuren gespalten werden. (Auch Bildung von Oleodistearin 
etc. und die Umwandlung von Stearin zu Olein existirt) Sonst 
können die Fettsäuren auch die verschiedenste Esterisirung durch 
Glycerin zu Lecithinen, durch dasselbe zu Neutralfetten, durch 
Cholestearin zu Cholestearinestern, durch andere höhere Alkohole 
zu Wachsarten durchmachen. Im Grunde sind alle diese Ver¬ 
änderungen die einfaelisten, die ein Körper erfahren kann. 

Wenn wir mit diesen Kenntnissen ausgerüstet uns an die 
Durchforschung der Thierwelt begeben, so können wir uns gleich 
mit der Entstehung des Fettes bei dem fettreichsten Thiere 
unseres Erdballes, beim Potwal, befassen. Er ist im Maximum 
2000 Zentner schwer und liefert 700—800 Zentner Thran. Hier 
haben wir also die „gewichtigste“ Veranlassung, nach der Her¬ 
kunft dieser Riesenmengen von Fett zu fragen. Wir können am 
besten wohl folgenden Weg der Ueberlegung einscldagen, dass 
wir uns vorstellen, wie der Stoffwechsel eines neugeborenen, resp. 
eines mittleren Wales sein muss, damit er zu einem Thier von 
maximaler Grösse heranwüchse. Wenn auch dies Walfischjunge 
schon bei der Geburt etwa ein Drittel der mütterlichen Länge 
misst, so ist es wohl noch schwerer, sich seine Analyse vorzu¬ 
stellen, als bei einem Wal von 1000 Zentner. Wir können bei ihm 
wohl annehmen, dass er 400 Zentner Thran enthält, welche als 
eine stotfwechsellose Masse vom Gesammtgewicht abgezogen wer¬ 
den dürfen. Es restiren also 600 Zentner stoffwechselfiihigo Sub¬ 
stanz = 30 000 kg. Wenn man in Rücksicht auf den Wärme¬ 
schutz des enormen Fettpanzers nur 30—35 Kalorien auf das 
Körperkilo rechnen will, so würde rund eine Million Kalorien er¬ 
forderlich sein, um den Haushalt des Thieres gerade eben zu 
decken, ohne dass irgend eine Gewichtszunahme möglich wäre. 
Ueber die Nahrung des Potwals wurden die Angaben mitgetheilt, 
dass er sowohl von dem „Waltischaas“ (2 Flügelschnecken: Clio 
borealis und Limacina arctica) als auch von Thysanopoda inertnis 
lebt. Wie diese Nahrung beschaffen ist, dafür habe ich gerade 
in der letzten Zeit einen Anhalt gewonnen, indem mir durch die 
Güte des Herrn Dr. Breitfuss in Alexandrowsk eine Krause 


mit Limacina arctica (in der Barentssee gefangen) in 90 proz. 
Alkohol zuging, so dass eine Analyse des Materials möglich war. 
Herrn Dr. Breitfuss danke ich hiermit auf’s Herzlichste für 
seine freundliche Hilfe. 

Der Alkohol wurde abfiltrirt, die Masse wog nach dem Ab¬ 
tropfen 131 g, getrocknet aber nur noch 26,15 g. 

20 g davon wurden nach der von mir angegebenen Methode 
auf Fett analysirt und wiesen einen Gehalt von 7,307 Proz. Fett 
auf. Die Stickstoffbestimmung offenbarte 50,6875 Proz. Eiweiss 
in eben dieser Trockensubstanz. Es ist nun wohl erlaubt anzu¬ 
nehmen, dass die Substanz frisch ungefähr das Doppelte von dem 
Gewicht gehabt habe, die sio im Alkohol darbot; dann würde 
die frische Limacina arctica 5,07 Proz. Eiweiss und 0,73 Proz. 
Fett enthalten. 100 g dieser Nahrung würden also 28 Kalorien 
darbieten. Bei so erstaunlich fettarmer Nahrung liegt es sehr 
nahe, sich die Frage vorzulegen, ob nicht hier ein absoluter Zwang 
besteht, die Fettschichten dieser Kolosse aus dem Eiweiss ihrer 
Nahrung abzuleiten. Gehen wir darum auf die Stoffwechsel- 
Ökonomie des Wah« näher ein! Für eine Million Kalorien sind 
nach obiger Analyse 4 Millionen Gramm oder 4000 kg Limucina 
erforderlich. Mit diesem Material würde sich der Wal gerade 
eben erhalten: seine Nahrung würde ihm 202,8 kg Eiweiss und 
29,2 kg Fett pro die bieten. Um zuzunehmen muss das Thier eben 
einen Ueberschuss einführen: wie gross dieser ist, entzieht sich 
jeder Beurtheilung: würde er z. B. 1000 kg Limacina betragen, 
so bekäme der Potwal 50,7 kg Eiweiss und 7,3 kg Fett. mehr. 
Wenn er von dem Eiweissüberschuss 10 Proz. täglich ansetzte, also 
ungefähr 5 kg, so blieben ihm noch 45 kg Eiweissüberschuss, den 
er oxydiren könnte, um damit Fett zu sparen. Die.se Menge Ei¬ 
weiss würde ungefähr 20 kg Fett, seiner Nahrung sparen können: 
sein täglicher Ansatz würde also 20 + 7,3 kg Fett und 5 kg 
Eiweiss = 20 kg Fleisch betragen. Nach einem Jahre hätte das 
Thier also rund 200 Zentner Fett und 120 Zentner Fleisch an- 
gesetzt; es wäre also in der Lage in etwa 3 Jahren sich von 
einem Gewicht von 1000 Zentner, wie wir angenommen haben, in 
einen Wnlfiseh von 2000 Zentner umzuwandeln, ohne dass es 
nöthig wäre, auch nur ein einzigem Gramm Fett, des Potwales 
aus dem Eiweiss herzuleiten. So gelingt es unschwer eine Bilanz 
aufzustellen, welche mit den Stoffwechselvorstellungen ganz ver¬ 
einbar ist und uns doch gestattet, eine ungeheure Fettzunahmc 
aus Nahrungsfett selbst bei so fettarmem Futter zu begreifen: es 
ist nur die Grundbedingung, dass das Futter in den ungeheuren 
Massen aufgenommen werde, in denen cs die Wale thatsäehlich 
herunterschlingen: fanden sich doch gelegentlich im Magen 
eines Blauwales 1200 Liter Thysanopoda vor. Auch ist das 
Tempo der Zunahme wohl nicht ein so rasantes, wie wir es 
bei dem obigen Schema gewählt haben. Denn die Wale 
wachsen unaufhörlich und da ein 2000 zentneriger Wal gewiss 
100 Jahre alt ist, so sind vielleicht 60 und mehr Jahre 
für den Zuwachs gegeben, den wir für 3 Jahre ausgerechnet 
haben, so dass bei einem Ueberschuss von auch nur 50 kg Lima¬ 
cina pro die das reguläre Wachsthum des Wales bis zu 2000 
Zentner gesichert wäre. 

Der Kern der Sache ist aber, dass angenommen wird, der 
Walfisch erhält mit einem Aufwande von 202,8 + 45 kg = 247,8 kg 
Eiweiss und 29,2 — 20 = 9,2 kg Fett sein Leben und setzte dabei 
den grössten Theil seines Nahrungfett.es an. Dass nun dieser 
Kern der Sache zutrifft, sehen wir an jenem interessanten Ex¬ 
periment, welches Kumagawa anstellte. Er licss zwei Hunde 
durch Hunger üusserst herabkommen und tödtet den einen, um 
durch seine Zusammensetzung auch die des anderen Thieres 
kennen zu lernen. Dann fütterte er dieses ’ mit magerstem 
Fleische in grossen Mengen. Es gelang dem Hunde, durch¬ 
schnittlich 1 kg Fleisch (mit nur 2 Proz. Fett) zu verarbeiten. 
Nach 49 Tagen getödtet, enthielt er soviel Fett in seinen Depots 
mehr, als der Kontrolhungerhund, dass er eben all’ das Fett, 
welches in seinem Futter vorhanden war, angesetzt haben musste. 
Der Hund hatte aLo seinen gesammten Stoffwecksei mit dem Ei¬ 
weiss des Fleisches gedeckt imd das Fett des Fleisches dadurch 
gespart. Aus dieser Analogie sind wir wohl berechtigt, uns den 
Stoffwechsel des Wahs ähnlich zu denken, so dass wir selbst bei 
dem Gegensätze so riesiger Fettmassen in den Depots und eines 
so geringfügigen prozentualen Fettgehaltes der Nahrung trotz¬ 
dem das Ansatzfett von dem Nahrungsfette und nicht vom Ei¬ 
weiss herzuleiten Veranlassung haben. 


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7. Januar 1902. 


MUENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


19 


Nunmehr wollen wir dazu übergehen, bei anderen Thier- 
klasscu zu untersuchen, ob das Fett, das sie enthalten, auch bei 
ihnen aus den obigen zwei Quellen entstammt, d. h. entweder 
das Fett der Nahrung ist oder aus Kohlehydraten entstanden. 

Von früheren Untersuchungen existiren ziemlich umfang¬ 
reiche von Amthor und Zinke, aus denen zu ersehen ist, 
dass die Grünfutterfresser ein Fett haben, das sie alle in eine 
Kategorie, der der Hartfettthiere, entsprechend dem harten 
Fette ihres Futters, gehören lässt, unterscheidet sich ja schon 
das Fett des Rindes und des Schafes, die das gleiche Futter 
gemessen, kaum von einander. Die Körnerfresser haben ein 
flüssigeres Fett, ähnlich dem Körnerfett, wie z. B. das Pferd. 
Meine Untersuchungen beziehen sich auf ein mehr in sich 
geschlossenes Gebiet, auf das einiger Fische, Kruster und 
Vögel der Nordsee. Bei den Meerostliieren, unter welchen ein 
Kanibalismus herrscht, der an Brutalität seines Gleichen sucht, 
muss eigentlich das Fett, wo jeder Konsument auch zum Kon- 
surairten wird, bei den verschiedensten Arten das gleiche sein. 

Ein besonderer Uebelstand ist, dass von den meisten Meeres- 
thieren nicht sicher bekannt ist, dass ein- und dasselbe Futter ihre 
ausschliessliche Nahrung ausmacht. Man weiss wold, das dieser 
oder jener Fisch diese oder jene Muscheln verzehrt, aber sie sind 
nicht sein ausschliessliches Futter. Ein zweites Moment ist, dass 
der Fettgehalt der Meeresthierc, je nach der Annäherung oder der 
Entfernung von der Laichzeit, sowie je nach Geschlecht und 
nach dem Jagdglück, ein wechselnder sein kann. Nur der letzte 
Faktor lässt sich durch Verarbeitung einer grösseren Menge der 
Thicre ausschalten. Der zweite nur dann, wenn man Gelegenheit 
hat. alle die in Betracht kommenden Arten durch alle Perioden 
hindurch zu analysiren, und das erste durch Auswahl von sich 
ganz einseitig nährenden Thieren. 

Was zu erhalten war, als ich voriges Jahr an der biologischen 
Anstalt in Helgoland arbeitete, sei hier ausgeführt. 


Verzehrer 

Fettprozent-1 
zahlen 

Futter 

Fettprozent¬ 

zahlen 

Pleuronectes platessa 

Proz. 

9,78-10,04 

Fauna der Rinne 

Proz. 

0,792 

Cottus scorpius 

18,32 

Carcinus maenas 

4,94 

Homarus vulgaris 

6,87 

Pleuron. plat. 

10,00 

Ainmodyteslanceolatus 

14,9 1 

Ammodytes tobi- 

24,34 

Rhombus maximus 

13,99 f 

anus 

Ammodytes tobianus 

24,34 

Plankton 

5—15 

Ostrea edulis 

10,645 

Diatomeen *) 

4.6 


Die Thiere mit dem dürftigsten Futter: 

Pleuronectes platessa 10 Proz., Futter 0,8 Proz.; 

Cottus scorpius 13 Proz, Futter 4,9 Proz, 

Iiomarus vulgaris 6,9 Proz., Futter 9,8 Proz., 
gehören zu der fettarmen Gruppe, aber 

Ammodytes lanceol. | 18 Proz., mit ihrem feisten Futter 
Rhombus maximus / 24 Proz., 

sind kaum höher, wogegen 

Ammodytes tobianus 24—25 Proz,, bei einem Futter von 
12—15 Proz. sich weidlich fett gemästet hat. 

Aus dieser Liste ist nur zu sehen, dass die dürftigsten Fett¬ 
zahlen auch dem dürftigsten Futter entsprechen. 

Darin liegt nun nicht etwa ein Widerspruch gegen unsere 
Deduktionen am Walfisch. Denn wir müssen uns nur des Unter¬ 
schiedes in der Ernährung des Wales und z. B. der Scholle klar 
werden. Dio Scholle, welche wir in Helgoland besonders unter¬ 
suchten, war die eines bestimmten Standortes, der sogen. „Rinne“. 
Die Fauna, welche dort der Meeresboden birgt, ist identisch mit 
dem von Prof. Heincke vielmals untersuchten Mageninhalt 
dieser Rinnenschollen. Die gesammte organische Materie dieses 
Meeresbodens enthält 0,4 Proz. Fett auf die Trockensubstanz, 
aber was man als organisches Material auf dem Schlick aus¬ 
wäscht, sind zu nicht geringem Theile Muschelschalen, die schon 
einmal den Weg durch einen Schollendarm gegangen sind. 
Besser orientirt man sich über die Zusammensetzung des Schollen¬ 
futters, wenn man die lebenden Thiere aus dem Schlick aus¬ 
sucht. Dann ergibt eine Analyse der Muscheln (Nucula, Cor- 
bula gibba, Serobicularia, Cardium) in der Trockensubstanz 
0,972 Proz. Fett und 6,25 Proz. Eiweiss. Das ist denn doch erstens 

•) Die Diatomeen sind als Austernfutter aufgeführt nach einer 
Prlvatmltthellung von Dr. II o c k ln Helder. 


ein ganz anderes Futter ils das des Wales, in welchem sich 
7,3 Proz. Fett und 50,7 Proz. Eiweiss in der Trockensubstanz 
vorfinden. Der wesentlichste Unterschied besteht aber in der 
Fälligkeit des Wales, ungeheuere Mengen von Futter aufzu¬ 
nehmen, während die Scholle sich mit den recht bescheidenen 
Mengen, die ihr Magendarminhalt gestattet, sich begnügen muss. 

Um solcher und anderer Verhältnisse willen ist selbst diese 
Frage eine ungemein komplizirto, worauf hier nicht näher ein¬ 
gegangen werden soll. 

Dio Anlagerung des Fettes in den Fettdepots geschieht, wie 
bei den Säugethieren und Vögeln. Es gibt drei Stationen für 
das Fett: Leber, Unterbaut und Bauchfellfalton. Die Bauch¬ 
fellfalten werden am spätesten erfüllt; zunächst wird ein blei¬ 
bendes Depot in dem Untorhautgewebe (Haut des Bauches 
zuerst) tyigelegt. Die Leber wird, jo nach der Herkunft des 
Fettes, das erste oder das letzte Depot: Wenn man ein Thier mit 
Kohlehydraten fett macht, so füllt sich die Leber nicht mit Fett; 
gar manche Hausfrau musste das zu ihrem Leidwesen erfahren, 
wenn sie ihre Gänse nur mit Stärke genudelt hatte. Erst wenn 
alle anderen Depots voll sind, geht Kohlehydratfctt in die Leber. 
Anders wenn es sich um fette Nahrung handelt: Da wird das 
Fett zuerst in der Leber angelegt, von der aus es allmählich auch 
in’s Unterhautgewebe abgeschoben wird. Nach dem Verhalten 
der Fische können wir nur sehliessen, dass sie ausschliesslich mit 
Nahrungsfett zu thun haben und gar kein Kohlehydratfett bilden. 
Denn die Lebern der fetteren Fische sind so kolossal fettreich, 
dass sie, zu mehr als vier Fünftel aus Fett bestehen. Beim Dom¬ 
hai fand ich in der Leber 83 Proz., im Körper 26 Proz. Fett. 
Solches Verhalten Hesse bei den Säugern mit Bestimmtheit da¬ 
rauf sehliessen, dass das Fett der Nahrung die einzige Quelle 
des angesetzten Fettes ist. 

Diesem Schlüsse widerspricht nichts, wenn in den wenigen 
Fällen, die wir kennen, wir die Qualität des Fettes näher be¬ 
trachten. 


Verzehrer Jodzahlen Futter Jodzahlen 

Ammodytes lanceolatus 124,0 1 ._... „ iokci 

_• loi’in Anim, tobianus 125,61 

Rhombus maximus 134,42J ’ 

Ammodytes tobianus 125,61 Plankton 64,15—128,66 

Homarus vulgaris 97,82 Pleuronectes 107—108 

(hüb dem Hummerkasten) 

Ostrea edulis 88,5 Diatomeen 64,15 

Die Fette der Verzehrer sind denen der verzehrten Thiere 
so ähnlich wie möglich. 

Auch die Fette der Meeresvögel gleichen sehr dem der Fische, 
von denen sie grossen Theils leben. Die Lumme, der Austem- 
fiseher haben eine Jodzahl zwischen 90 und 100. Ganz besonders 
charakteristisch ist eine Beobachtung von A m t h o r und 
Zink, die bei der Wildgans in Freiheit — wo sie ein Fisch¬ 
räuber ist — eine Jodzahl von 99,6 fanden, die aber in der Ge¬ 
fangenschaft bei dem gleichen Futter auf die Jodzahl der Haus- 
gänso 67,6 sank. 

Nun kommen wir zur letzten Frage auf diesem Gebiete. 
Wenn auch ein Thier das andere verzehrt und immer dasselbe 
Fett zu finden ist, was ist denn die Urnahrung? Wo stammt 
denn das erste Fett her? 

Dass das Urfett synthetisch au3 den Grundstoffen entstanden 
sein muss, ist fraglos, und dass diese synthetische Fähigkeit nur 
die Pflanze haben kann, ist ebenso sicher. Und gerade darin liegt 
der hohe Reiz der Untersuchungen, dass für die pelagische Thier¬ 
welt fast nur eine ganz umschriebene Gattung pflanzlicher Or¬ 
ganismen in Frage kommen konnte: die Diatomeen des Plank¬ 
ton und des Benthos und eventuell die Bakterien des Seo- 
wassers. Sie mussten es sein, die aus COII entweder Kohle¬ 
hydrate auf bauten, aus welchen ihre thierischen Verzehrer Fett 
bilden konnten, oder sie erzeugten vielleicht schon Fett selbst, 
das aldann das Ansatzfott für ihre Konsumenten bilden konnte. 

Ist die Kette der Konsumenten bis zu den Copepoden des 
Planktons verfolgt, so trat die Frage vor uns: was ist nun die 
Nahrung eben der Copepoden (Cladoceren etc.) resp. der Kruster 
des Planktons überhaupt? 

Freilich ist es noch keine res judieata, dass dies gerade die 
Diatomeen sind. Schon 1863 sagt Claus (Die frei lebenden 
Copepoden, Leipzig 1863): „Dio Copepoden ernähren sich von 
thierischen Stoffen, entweder von Theilen abgestorbener grösserer 
Thiere, oder von kleineren Geschöpfen, Infusorien, Rotifcren, 
Turbellarien, welcho sie sich zur Beute machen. Selbst ihre 


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20 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1. 


eigenen Larven und Nachkommen verschonen sie nicht, wovon 
man sich täglich im Darminhalt der Cyclopiden überzeugen kann. 
Pflanzliche Körper, Algen und Diatomeen scheinen nur gelegent¬ 
lich als Nahrung aufgenommen zu werden.“ 

1887 spricht sich Hensen (Ueber die Bestimmung des Plank¬ 
tons oder des im Meere treibenden Materials. 5. Bericht der Kom¬ 
mission zur wissenschaftlichen Untersuchung der deutschen 
Meere in Kiel für die Jahre 1882—1886. XII.—XVI. Jahrgang. 
Berlin 1887. S. 99) darüber in folgender Weise aus: „Es ist mir 
auffallend gewesen, wie ich in keinem Falle habe nachweiscn 
können, dass die schwimmenden Diatomeen als Nahrung ge¬ 
nommen werden. Ich ging in dem Gedanken an die Unter¬ 
suchung, dass gerade sie eine der reichsten Nahrungsquellen für 
die Tliierc des Plankton abgeben müssten, aber meine Befunde 
zwangen mich, diese so nahe liegende und, wenn ich nicht irre, 
auch schon von S a r s ausgesprochene Idee, fallen ztf lassen; 
im Gcgontheil muss ich jetzt glauben, dass diese in scharfe, un¬ 
verdauliche Splitter zerfallenden, so äusserst inhaltsarmen 
Pflanzen fast von keinem Thier des Planktons benutzt werden 
können. Die Sporen dagegen enthalten den ganzen Inhalt der 
Zellen in weit konzentrirteror Form, sie haben allerdings auch 
eine Kieselhülle, aber dem Anscheine nach ist diese sehr zart. Ich 
glaubo also, annehmen zu dürfen, dass diese Sporen auf den 
Grund des Meeres fallen und hier eine ziemlich konzentrirte, 
daher sehr brauchbare Nahrung abgeben werden.“ 

Frenzel (Die Diatomeen und ihr Schicksal. Natur¬ 
wissenschaft!. Wochenschr. 1897, XII, No. 14): „So also scheinen 
die Diatomeen insgesammt weiter nichts vorzustellen, als ein 
Bakterienfutter und ein Baumaterial für ihre Nachkommen.“ 

Aber auch die entgegengesetzte Meinung findet ihre eifrigen 
Vertreter. 

So hat Apstein als Futter von Bosminen, Daphnien und 
Diaptomas die Diatomee Melosira ausdrücklich beschrieben (Das 
Süsswasserplankton 1896, S. 140), ebenso hat Zacharias Dia¬ 
tomeen im Darm von Copepoden und Cladooeren nachgewieeen 
[(zitirt nach F r e n z e 1, Jahresbericht des Zentralfischereivereins 
für Schleswig-Holstein (1893): Die mikroskopische Organismen¬ 
welt des Süsswassers in ihrer Beziehung zur Ernährung der 
Fische)]. Beobachtungen im gleichen Sinne hat Murray 
(On the reproduction of some marine Diatoms Proc. of the 
R. Soc. of Edinburgh XXI, 207, 1896 [citirt nach Karsten]) 
mitgctheilt: er behauptet, dass die Copepoden und andere kleine 
Crustaoeen von Diatomeen leben. Georg Karsten (Die Dia¬ 
tomeen der Kieler Bucht [in Wiss. Meeresuntersuchungen Bd. IV, 
Kiel und Leipzig 1899, S. 195]) gibt an, dass zahlreiche Amöben 
sich von Brebissonia, Schizonema, Melosira und Achnanthes er¬ 
nähren, was mit II e n s e n’s Annahme von der Nahrung der 
Amöben gut übereinstimmt. Auch Infusorien (Paramäcium und 
Stcntor) enthalten Diatomeen. K. hat ebenso beobachtet, dass 
wenige Individuen von Corbula gibba der Entwicklung von Dia- 
tomeenkulturen durch Zehrung sehr schadeten. 

Auch L o h m a n n (Die Appendicularien. Ergebnisse der 
Planktonexpedition der Humboldtstiftung Bd. II, E. c. Kiel 
und Leipzig 1896) gibt an, dass die Appendicularien reichlich 
Diatomeen zu sich zu nehmen pflegen: er fand Naviculaceen, 
Peridineen, Coscinodiscen etc. in ihnen als Darminhalt. 

Hinzuzufügen wäre noch, dass nach Murray’s Bericht 
auch in dem Darme von Ammodytcs tob. und von Clupeoiden 
(kleinen Formen) und in Plattfischen zu finden sind. 

Somit kann kaum bestritten werden, dass Diatomeen auch 
direkt als Nahrung von Copepoden und anderen Wesen des 
thierisohen Planktons, sowie von Muscheln u. a. verwerthet 
werden. 

Auch in einer neueren Arbeit (Beiträge zur Kenntniss der 
natürlichen Nahrung junger Süsswasserfische. Zoolog. Anzeiger 
1901, Bd. 24, No. 647, S. 390) findet Zacharias in kleinen 
Exemplaren des Ukelei (Albumus lucidus Hock.) reichlich Dia¬ 
tomeen. Das Gleiche findet er bei ganz jungen Karpfen und er¬ 
wähnt die analogen Befunde von v. Istänffi an Fischen aus 
dem Plattensee und von J affe an jungen Forellen. 

Darum sind sie als ein Tlieil der Urnahrung im Meere an- 
zusehen, wenn auch nicht ausgeschlossen werden soll, dass die 
Copepoden z. B. von Amöben, Infusorien und diese von Bakterien 
(ausser den Diatomeen) sich nähren könnten. 


Es ist für unsere Frage von Interesse die Beschaffenheit auch 
dieser Nahrung mit der Qualität ihrer Verzehrer zu vergleichen. 

Eine Schwierigkeit besteht darin, reines Copepodenplankton 
und ebenso reines Diatomeenplankton getrennt für sich aufzu¬ 
fangen. Von absoluter Einheitlichkeit kann bei Copepoden- 
schaaren wohl nie die Rede sein, denn sie dürften ohne ihr Futter 
kaum angetroffen werden; aber doch war der Zufall günstig und 
es glückte mir in der Nähe von Helgoland ziemlich reines Cope¬ 
poden-, Echinodermen- und ebensolches Diatomeenplankton zu 
fischen J ). 

Damit war die Gelegenheit gegeben die Typen des Plankton 
in der uns interossirenden Richtung zu analysiren. 

Unsere hauptsächlich aus Copepoden zusammengesetzten 
Fänge gaben folgende Resultate: 

Copepoden fang vom 16. und 18. VII. 1900: Die absolut 
trockene Substanz enthält 12,45 Proz. Fett, dessen Jodzahl 
102,83 (Verseifungszahl 211,6) ist. 

Copepodenfang vom 23. VII. 1900: Die absolut trockene Sub¬ 
stanz enthält 14,83 Proz. Fett, Jodzahl 128,66, Veraeifungszahl 
196,9. 

Eehinodermenplankton vom 18./19. VII. 1900: Die absolut 
trockene Substanz enthält 10,924 Proz. Fett, Jodzahl 110,85, Ver¬ 
seifungszahl 197,4. 

Diatomeenfänge vom 21. VII., 23. VII. und 24. VII. 1900 ent¬ 
halten in der absolut trockenen Substanz 4,58 Proz. Fett, Jod¬ 
zahl 64,15, Verseifungszahl 250,22. 

Während das Copepodenplankton 12,45—14,83 Proz. Fett mit 
Jodzahlen von 102—128,7 hatte, Echinodermen 10,9 Proz. Fett mit 
Jodzahl 110,85 hatte, fand ich in den Diatomeenschwärmen nur 
4,58 Proz. Fett mit 64,15 JodzahL 

Dieser Extrakt war also durchaus nicht mit dem Fett der 
Copepoden identisch. 

Zur Beurtheilung dieses Befundes ist aber verschiedenen 
Momenten Rechnung zu tragen. Zunächst darf man nicht ver¬ 
gessen, dass der als Fett der Diatomeen bozeichneto Alkohol- 
Chloroformauszug 5 ) reichlich Chlorophyll enthält, das von ihm 
zu trennen mir in keiner Weise bisher gelungen ist, und das die 
Jodzahl voraussichtlich stark herabzudrücken geeignet ist. 
Aus dem gleichen Grunde hat auch das Heufett keineswegs die 
Jodzahl des Rindstalges. 

Ausserdem muss man bedenken, dass von den härteren Fetten 
ebenso die Oleinsäure besser resorbirt wird: so kommt man der 
Betrachtung schon näher, dass das Diatomeenfett mit ca. 60 Jod¬ 
zahl zum Copepode.nfett 110 in demselben Verhältniss steht, wie 
das Heufett mit 26 Jodzahl zum Rindstalg mit 40 Jodzahl. Einen 
Hinweis auf die Beschaffenheit des Diatomeenfettos geben wohl 
die Oeltropfen, welche manche Diatomeen enthalten, und welche 
der Vorstellung, dass das chlorophyllfreie Fett der Diatomeen 
ein öliges (mit viel höherer Jodzahl) sein dürfte, Vorschub 
leisten. 

Man könnte schliesslich das Copepodenfett als aus Kohle¬ 
hydraten gebildet auffassen — aber dagegen spricht wohl seine 
Beschaffenheit: denn wenn es gestattet ist, die an Gänsen, Enten. 
Schweinen, Hunden und Goldfischen gewonnenen Anschauungen 
auf die Kruster des Plankton zu übertragen, so ist nicht anzu¬ 
nehmen, dass so hochjodirbares Fett, wie das der Copepoden etc., 
aus Kohlehydrateu etc. entsteht. Zudem ist von Kohlehydraten 
in den Diatomeen nach Brandes mit grösserer Wahrschein¬ 
lichkeit nur 35,72 Proz. Cellulose nachgewiesen, denn alle die 
Reduktionsresultate der F e h 1 i n g’schen Lösung bezeichnet 
Brandes selbst als nicht eindeutig. Wenn nun auch die Cope¬ 
poden mit einem ausnehmend geschickten Verdauungsapparat 
ausgerüstet sind, mit dem sie auch die pflanzlichen Fette ebenso 
ausnützen können, wie die Wiederkäuer die des Heues, so steht 


J ) Man kann die Planktonfänge von schon vorwiegendem 
Pflanzen- resp. Thiercharakter mitunter noch auf folgende Weise 
scheiden: Pas durch Gaze abgegossene Material wird im hohen 
Cylinder mit sehr viel Süsswasser aufgeschwemmt, dann bildet 
sich oben ein Rasen von Rhizosolenia, der abgeschöpft werden 
kann und nach nochmaliger Aufschwemmung mit viel Süsswasser 
bedeutend reiner von thierisclier Beimischung ist. Man kann so 
relativ reines Rhizosel-Pl. erhalten. Um thlerisches Plankton 
zu reinigen, verfährt man ebenso, nur benutzt man das Sediment. 
Verluste sind sehr gross. 

s ) Pie Fettextraktionen sind alle nach der von mir nnge- 
gegebenen Methode ausgeführt. (Centralbl. f. inu. Med. 1900. 


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7. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


21 


noch dahin, wie weit sie zur Aufschliessung von Cellulose ver¬ 
anlagt sind. 

Nach allen diesen Betrachtungen sind wir noch nicht in der 
Lage, das Copepodenfett einfach von dem der Diatomeen abzu¬ 
leiten. 

Ueberblicken wir alle unseren bisherigen Ergebnisse, so buben 
wir auch in dieser Welt von Organismen keine Thatsache ge¬ 
funden, welche die Entstehung des Fettes aus Eiweiss plausibel 
machte: und das bedeutet um so mehr, als in der Meeresfauna 
die eine Entatehungsart des Fettes, die aus Kohlhydraten, so gut 
wie ausgeschlossen ist, und das Depotfett fast nur aus dem 
Fette der Nahrung hergeleitet werden kann. Seinen depositären 
Charakter hat es in der grossen Befähigung zur Ansatzbildung 
und seiner weitgehenden Unveränderlichkeit auch in diesen 
Untersuchungsgebieten nicht vermissen lassen. 

Ueber Oesophagoskopie, Gastroskopie und Kölio- 

skopie.*) 

Von Dr. Georg K e 11 i n g in Dresden. 

Die Besichtigung der Speiseröhre und des Magens wird 
von Aerzten, welche sich mit dem Thema nicht eingehender be¬ 
schäftigt haben, mitunter abgelehnt mit folgender Begründung: 

Für den Oesophagus komme therapeutisch dabei nichts 
heraus, denn die hochgradigen, spontan entstandenen Stenosen 
seien doch fast ausschliesslich carcinomatöser Natur; Spasmen 
und etwaige Divertikel Hessen sich aueh ohne Besichtigung dia- 
gnosticiren. Was nun die Gastroskopie anbetrifft, so würde die¬ 
selbe besser durch die Probelaparotomie ersetzt, bei der man noch 
etwas über die Umgebung de» Magens erführe. Um nun die 
Methoden gänzlich zurückzuweisen, fügt man noch hinzu, dass 
sie, abgesehen davon, dass sie nicht nöthig seien, auch noch nicht 
einmal ganz ungefährlich sind. Diese Einwürfe will ich wider¬ 
legen, aber nicht auf Grund dessen, was in der Literatur 1 ) nieder- 
gelcgt ist, sondern mit dem, was ich selbst erfahren habe. Ich 
habe, seitdem ich mich mit der Oesophagoskopie beschäftige, 
134 Fälle (abzüglich der Verätzungsstrikturen und Fremdkörper) 
besichtigt, und zwar sind dies Fälle, bei denen auf andere Weise 
eine oinwandsfreie Diagnose nicht zu erlangen war. Bei der 
grössten Zahl der Fälle wurde natürlich Carcinom vermuthet, 
doch konnte eine Sicherheit durch gewöhnliche Mittel nicht ge¬ 
geben werden. 

Die Stenosen waren für die Sondirung nur wenig oder gar 
nicht blutend, Metastasen in Drüsen und in der Leber waren 
nicht nachzuweisen. Ich will hier nur einige Fälle anführen, wo 
die Oesophagoskopie einen überraschenden Befund ergeben hat. 

In 3 Füllen Spasmus, wo wir mit der gewöhnlichen Sonde 
trotz vieler Versuche nicht ln den Magen kamen, und zwar bei 
einer Frau von 69 Jahren, bei einer Frau von 36 Jahren und bei 
einer Frau von 53 Jahren. Bei der Frau von 36 Jahren hatten 
14 Aerzte hintereinander uiul einer sogar durch Röutgenplioto- 
graphie Carcinom festgestellt. Dagegen habe ich in 2 Fällen, 
wo jahrelang spastische Beschwerden bestunden, naehwelsen 
können, dass sich auf der Cardia ein Carcinom augesiedelt hatte, 
und zwar bei einem Mann von 47 Jahren und bei einer Frau von 
63 Jahren. Bei einem Mann von 65 Jahren fand ich ein Geschwür, 
das offenbar von Lues herrührte Der Mann ist durch die ent¬ 
sprechende Therapie geheilt und bis jetzt (4 Jahre laug) gesund 
geblieben. Bei einem zweiten 55 jährigen Manu mit Cardiasteuose 
fand sich eine Narbe, wahrscheulieh auch von Lues herrührend. 
Dasselbe fand ich bei einer Frau von 46 Jahren. Hier siedelte 
sich später (2>/ 2 Jahr) eiu Carcinom an, an dem die Frau zu Grunde 
ging (Sektionsdiagnose). Zwei Narbenstenosen der Cardia, un- 
l**kunnter Ursache, vielleicht von Verbrennung oder Lues herrührend, 
fanden sich bei einem 53 jährigen und bei einem 49 Jährigen Mann, 
letzterer kam dadurch in meine Behandlung, dass ihm ein grosser 
Fleisehblssen plötzlich die Passage verlegt hatte. Bel einem Manne 
von 71 Jahren fand sich eine hochgradige, höchst merkwürdige 
ringförmige Narbenstenose ln einer Entfernung von 20 cm. 
(Später Sektion.) Bel einem 30 jährigen Mnnn fand ich ein be¬ 
ginnendes Divertikel in einer Entfernung von 17 cm. Ein wahr¬ 
scheinlich peptlsches Ulcus der Cardia fand sich bei einem 
45 jährigen Mnnn. Ferner zeigten sich in folgenden Fällen trotz 
hochgradiger Sehluckbeschwerden absolut normale Speiseröhren: 
und zwar bei einem 26 jährigen Mann, bei einer 57 jährigen Frau, 
bei einer 49 Jährigen Frau, bei einem 37 jährigen Mann. Hier 
waren zum Thell nervöse Ursachen, zum Theil Erkrankungen 

*) Vortrag, gehalten auf der 73. Versammlung deutscher 
Naturforscher und Aerzte In Hamburg am 23. September 1901. 

') Das Hauptsächlichste über Oesophagoskopie findet sich bei 
Gottstein: Technik und Klinik der Oesophagoskopie. Mitth. a. 
<L Grenzgeb., Bd. VI u. VIII. 

No. 1. 


in der Umgebung der Speiseröhre zur Erklärung der Beschwerden 
nnzunehmen. 

Was nun die Carcinomdiagnose anbetrifft, so sind sehr inter¬ 
essant folgende 3 Fälle: Eine Frau von 50 Jahren, bei welcher 
schon 4 Wochen nach Beginn der Schluckbesehwerden die Dia¬ 
gnose gestellt werden konnte; eiu 51 jähriger Manu mit Erschein¬ 
ungen von Aortenaneurysma, bei welchem über die Oesophago¬ 
skopie die Diagnose Carcinom ergab, und ein 30 jähriger Mann. 
Letzterer hatte keine Stenosenerscheiuungen, nur Schluck- 
beseliwerdeu. Dabei bestand eine solche Empfindlichkeit gegen 
Erschütterungen in der Magengrube, dass Patient nicht in einem 
Wagen fahren konnte Hier ergab die Oesophagoskopie, ver¬ 
bunden mit der mikroskopischen Untersuchung eines mit der 
Zange entfernten Gewebsstückchens, Carcinom der Cardia. Der 
Fall zeigt deutlich den praktischen Nutzen der Methode. Patient 
war Besitzer eines grösseren Etablissements und kam auf der 
Rückreise von Karlsbad zu mir. Auf Grund der gestellten Dia¬ 
gnose konnte das Etablissement bei Zeiten und günstig verkauft 
werden. Dadurch wurde die Familie vor grösserem wirthschnft- 
lichem Schaden bewahrt. Patient starb % Jahr später. Ich er¬ 
wähne noch die beiden oben angeführten Fälle, wo sich bei Cardio- 
spasnms Carcinom augesiedelt hatte. 

Meine Erfahrungen ergänzen die Resultate, welche v. M i k u- 

1 i e z, v. Hacker, Rosen heim u. A. erhalten haben. Sie 
lehren, dass unsere gewöhnlichen Mittel für die Stellung der 
Diagnose hei den Erkrankungen des Oesophagus in vielen Fällen 
unzureichend sind. Das wird noch sehr gut illustrirt durch 
die vielfache interessante Kasuistik von Sektionsdiagnosen, 
welche in der Literatur der letzten .Jahre niedergelegt ist. Man 
kann nach alledem den Satz aufstellen und gegen alle Angriff».* 
aufrecht erhalten, dass die Oesophagoskopie ein nothwendiges 
diagnostisches Hilfsmittel ist. Dass dieselbe zur Entfernung 
von Fremdkörpern direkt lebensrettend wirken kann, und durch 
keine andere, auch nicht chirurgische Methode zu ersetzen ist, 
soll hier nur nebenbei bemerkt werden. 

Beschäftigen wir uns nun mit der Gastroskopie") und ver¬ 
gleichen wir ihre Resultate mit denen der Probelaparotomie. Ich 
verfüge über eine Serie von 13 Fällen von Gastroskopie'), die ich 
mit meinem neuen, vereinfachten, unt»n beschriebenen Apparat 
ausgeführt Italic, und von 14 Fällen von Probelaparotomie. 
Wichtig ist, dass die Indikation sowohl zur Gastroskopie als auch 
zur Probelaparotomie die gleiche war. Es handelte sieh um 
schwere Magenloiden ohne stärkere Stagnation des Inhaltes. 
(Milchsiiurercaktion war natürlich nicht vorhanden.) Dabei war 
kein distinkter Tumor zu fühlen, meist keine, in einigen Fällen 
nur eine sehr zweifelhafte Resistenz nachzuweisen. Solche Fälle, 
wo wegen palpablen Tumors operirt wurde, es aber dann wegen 
Inoperabilität bei der Laparotomie bleiben musste, sind hier 
natürlich nicht mit gerechnet. Die Indikation würde also mehr 
aus der Anamnese, dem ganzen Habitus und der Mageninhalts- 
Untersuchung (schleimiger Katarrh mit oder ohne Salzsäure) ge¬ 
stellt. Es handelte sich also hier thatsiieldieh um die Frage »1er 
Frühdiagnose des Magencareinoms. 

Was lehrten nun die Gastroskopien? 

In 6 Fällen zeigte sich, dass kein Carcinom vorlag. Bei 

2 Fällen, einem 54 Jähr. und einem 62 jälir. Mann bestand nur 
ein atrophischer Mngenkatarrli. Bei 2 Fällen, einer 50 jährig» n 
Frau und einem 4S jährigen Mann, bestand eine unbestimmt»* 
Resistenz In der Pylorusgegend, welche bei Luftaufblähimg ver¬ 
schwand und von der nicht entschieden wenl»*n konnte, ob sie der 
hinteren Magenwand oder dem Pankreas angehört»*. Die Gastro¬ 
skopie zeigte aber hier sehr deutlich «*in«*u normalen Pylorus- 
theil, so dass wir liier die Diagnose stellten: Magenkatarrh bei pal- 
pablem rnnkreas. die sich auch bei dem weiteren Verlauf der 
Behandlung als richtig erwies. Dann hamlclt»* es sieh um ein»* 
4.8 jährige Frau mit heftigen Mag<*nbes<*hwer<len. Die Gastro¬ 
skopie ergab normalen Magen, dl»* später vorgenommene Prob»- 
laparotomie Gallenblasenstein. Der 6. Fall betraf eine 39 jähr. Frau 
die % Jahre vorher wegen cinos äusserst hartnäckigen Uhuis von 
mir gnstro-cuterostoniirt wonl»*n war. Si<* bekam neue B»*- 
seliwerden und di»* früher im Mageninhalt vorhanden gewesen»* 
Salzsäure war vollständig geschwuinlcn. Es bestand in Folg«* 
dessen Verdacht auf carcinomatöse Degeneration des Ulcus. Mit 
der Gastroskopie konnte «ler Ycr»la<*hi. wi»l»*rl»*gt wenlen. was 
auch der weitere Verlauf bestätigt»». D*»ing»*genüber stellen 7 Fälle 
mit positivem Carcinombefund. Bei 2 Fällen konnten wir von 
vornherein das Carcinom als inoperabel erklären. w»»il es sich bis 
ziemlich an die Cardia erstreckte. B»*i hehlen. »*in»*m 6i» jährigen 
und einem 50jährigen Mann, traten später SrhliH-kbesehwerden 
»•in. deret wegen ich »lie Gastroskopie ausfiihrt»*. Dabei wurde »l»*r 
endoskopische Befund bestätigt. Bei einem 3. Fall, einem Mann von 
33 Jahren, erwies die Gastroskopie ebenfalls ein sieh lnx li in den 


2 ) Literatur ist angegeben in meiner früheren Arbeit: si»*li<* 
diese Wochenschr. 1898. No. 49. 

*) Die von mir früher puhlizirtcli Fälle sitnl hi»*r ni»*bt mit- 
gerechnet. 


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22 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1. 


Fundus hinein sich erstreckendes Carcinom. Bei der Jugend des Pat. 
wollte ich aut Wunsch der Angehörigen dieOperution versuchen, aber 
die Laparotomie zeigte es als vollkommen inoperabel. Die nächsten 
3 Fälle entzogen sich der vorgeschlagenen Operation, und zwar 
eine Frau von 42 Jahren, ein Manu von 44 Jahren und ein Mann 
von 46 Jahren. Bei dem Letzteren hatte ich ein Jahr zuvor eine 
Magenresektion ausgeführt nach der 2. B i 11 ro t h’schen Methode. 
Die Gastroskopie ergab ein Carciuomrecidiv im Magenstumpf. 
Patent war zu einer zweiten Operation nicht zu bewegen. Der 
letzte Fall betrifft einen 42 jährigen Mann, der mich von Karlsbad 
zurückkehrend aufsuchte, weil er dort seine dyspeptischeu Be¬ 
schwerden nicht los werden konnte. Der Mageninhalt enthielt 
l'reie Salzsäure, Tumor war nicht palpabel. Das Gastroskop ergab 
Carcinom der kleinen Curvatur, weiches sich nach dem Pylorus 
zu erstreckte. Der Patient war sehr messerscheu, aber endlich 
gelang es doch seinen Angehörigen, ihn zur Operation zu über¬ 
reden, da ich ihnen mit Bestimmtheit angebeu konnte, dass cs 
sich um einen beginnenden Magenkrebs handelte. Die Operation 
war schwierig, weil das Mesogastrium sehr kurz war. ln Folge 
dieser Kürze hatte sich auch der unter der Leber liegende Tumor 
der Palpation entzogen. Die Operation gelang vollständig im 
Gesunden und Patient ist reaktiouslos geheilt. (Demonstration 
des Tumors.) Meines Wissens ist dies der erste durch Gastro¬ 
skopie diagnostizirte und durch Operation entfernte Tumor.*) 

Wie verhalten sich nun die 14 Fälle von Probelaparotomie? 

Ueber 2 Fälle, die vorher gastroskopirt wurden, habe ich schon 
berichtet, das inoperable Magencarcinom bei dem 33 Jährigen Mann 
und den Gallenstein bei der 48 jährigen Frau. Bei den übrigen 
12 Fällen erwies sich die vermuthete Carcinomdiagnose in 4 Fällen 
als unrichtig. 2 mal handelte es sich um chronischen Mageu- 
katarrh (eine Frau von 53 Jahren und ein Mädchen von 24 Jahren). 
2 mal handelte es sich neben dem Mageukatarrh um Gallensteine 
(ein Mann von 33 Jahren und ein Mann von 65 Jahren). Dass 
dies keine gewöhnlichen klaren Fälle von Gallensteinen gewesen 
sind, brauche ich wohl nicht hinzuzufügeu, sondern es waren 
solche, wo die Beschwerden regelmassig im Anschluss an die 
Nahrungsaufnahme auftraten und mit der Verdaulichkeit der 
Speisen in Zusammenhang stunden. Die Kombination von 
schwerem chronischen atrophischen Magenkatarrh mit Gallen¬ 
steinen halte ich nicht für zufällig, sondern glaube, dass eine ge¬ 
meinsame konstitutionelle Ursache vorliegt, welche sowohl die 
Gallensteinbildung als auch den Magenkatarrh hervorruft ln den 
übrigen 8 Fällen wurde ein Carcinom gefunden, in 7 Fällen 
erwies sich als Inoperabel ln 5 Fällen erstreckte es sich vom 
Rippenbogen bedeckt hoch nach der Oardia zu (Männer von 43, 
52, 65, 70 Jahren, Frau von 74 Jahren). Da keine Stagnation be¬ 
stand, wurde der Bauch sofort wieder geschlossen. Bei einem 
Manne von 53 Jahren ging es ganz an den Pylorustheil heran, 
und hier wurde die Gastroenterostomie ausgeführt um der bald 
zu erwartenden Stagnation vorzubeugeu. Bei einem 52 jährigen 
Mann fand sich ein Lebercarcinom, Magen und Duodenum waren 
frei; der primäre Tumor konnte nicht gefunden werden. Der 
8. Fall betraf eine Frau von 48 Jahren. Es war ein carcinomatös 
degenerirtes Ulcus des Pylorustheiles (klinisch keine Stagnation, 
kein Erbrechen, freie Salzsäure positiv). Es wurde hier die Re¬ 
sektion ausgeführt und die bestehenden Gallensteine gleichzeitig 
mit entfernt (Veröffentlicht in der Deutschen Zeitschrift für 
Chlurgie, Bd. 60, VIII.) Patientin ist seit % Jahren geheilt. Von 
den 14 Laparotomirten hat durch die Operation keiner einen 
Schaden erlitten. 

Wenn wir die gastro9kopirten und die laparotomirten Fälle 
zusammennehmen, so sind es 25, und dieselben lehren uns schon 
sehr deutlich, wo wir hinkommen, wenn wir die theoretisch gut be¬ 
gründete Forderung, bei jedem ernsten Verdacht auf Magen¬ 
carcinom die Probelaparotomie zu machen, praktisch durch¬ 
führen. Wir müssen erstens einen grösseren Procentsatz Opera¬ 
tionen mit in den Kauf nehmen, bei denen das vermuthete Carci¬ 
nom nicht vorhanden ist, denn die schweren Katarrhe und 
Neurosen des Magens (wer ist heutzutage nicht nervös) können 
wir vom beginnenden Carcinom auf gewöhnliche Weise nicht 
unterscheiden. In einem kleineren Theil der Fälle finden wir 
gutartige Processe in der Umgebung des Magens, die wir be¬ 
seitigen können. Je nachdem wir Glück haben, finden wir bei der 
grösseren Mehrzahl, vielleicht “/,—*/«, den Krebs. Aber hier 
kommt etwa erst auf ca. 8 Fälle 1, bei dem sich die Geschwulst in 
genügender Weise entfernen lässt. Dieser eine Fall, hat aller¬ 
dings grosse Wahrscheinlichkeit durchzukommen und auf längere 
Zeit geheilt zu bleiben. Wir müssen aber ca. 10—15 Bäuche auf¬ 
schneiden, um endlich einen solchen Fall zu finden. 

Man kann also nicht leugnen, dass das Resultat in auf¬ 
fälligem Missverhältnis steht zu den aufgewendeten Mitteln. Ein 
Arzt, der nach dieser theoretischen Vorschrift auf die Dauer ver¬ 
fahren würde, der würde an seiner Praxis (wenigstens in Bezug 
auf Magenoperationen) erheblichen Schaden erleiden, denn er 
muss einen grossen Prozentsatz von Operationen ausführen, die 

4 ) Die mikroskopische Untersuchung bestätigte die Carcinom¬ 
diagnose. Dem Patienten geht es jetzt (5 Monate) nach der Opera¬ 
tion vortrefflich. 


dem Patienten nichts helfen, und von denen er den Angehörigen 
nicht verheimlichen kann, dass sie in Folge unserer mangelhaften 
diagnostischen Kunst verursacht worden sind. Und diese über¬ 
flüssigen Operationen haben erhebliche Opfer an Zeit, Geld, Muth 
und Enttäuschung gefordert. Das Alles ist aber noch nicht der 
Hauptmangel der Probelaparotomie; derselbe liegt vielmehr darin, 
dass die Patienten mit beginnendem Magencarcinom, weil sie 
eben nicht sehr von Schmerzen geplagt werden, so lange der Tumor 
noch nicht ulcerirt ist oder Stenosensymptome macht, sich der¬ 
selben nicht unterwerfen. Die meisten Patienten gehen einfach 
vom Arzte weg und nur einige, von vieren vielleicht einer, ein 
ausnahmsweise entschlossener und vernünftiger Mensch, der 
ausserdem zu unserer Kunst und unserer Gewissenhaftigkeit ein 
unerschütterliches Vertrauen hat, unterzieht sich der Operation. 
Mitunter wird der Entschluss erleichtert, wenn der Patient in 
seiner Bekanntschaft Fälle von Magenkrebs erlebt hat. Was die 
Sache erschwert, ist hingegen wieder, dass das gebildete Publi¬ 
kum genau weiss, dass unsere operativen Erfolge beim Krebs sehr 
viel zu wünschen übrig lassen. Schenken wir also den An¬ 
gehörigen reinen Wein ein über den Stand der Dinge, so wird 
uns oft entgegnet, dass die Operation, wenn sie wirklich gelänge, 
voraussichtlich doch nur auf kurze Zeit helfen würde. Dem 
können wir nur entgegentreten, wenn wir auf Grund genauer 
pathologisch-anatomischer Diagnose die Operationschancen indi¬ 
viduell bestimmen können. 


Manche Chirurgen werden wohl nach ihren Erfahrungen 
meine Behauptungen für zu pessimistisch halten. Sie werden viel¬ 
leicht bei ihren Laparotomien, die sie wegen palpabler Tumoren 
vorgenommen haben, einen viel grösseren Prozentsatz von ope¬ 
rablen Tumoren gefunden haben, als ich bei meinen nicht pal- 
pablen Tumoren; doch das ist unschwer verständlich, da die 
Chirurgen doch nur ausgewählte Fälle sehen. Nicht nur sind dies 
Patienten, die schon von vornherein zur Operation entschlossen 
sind, sondern sie sind meistens schon von den inneren Aerzten 
wegen ihrer Operabilität ausgewählt. Die Palpation hilft schon 
recht viel zur Feststellung der Operabilität. Wenn wir einmal 
einen distinkten Tumor fühlen, dann können wir auch auf Sitz, 
Grösse, Verschieblichkeit, Metastasen palpiren. Wenn ich mir 
daraufhin meine palpablen Pylorustumoren bei Gastroptose an¬ 
sehe, so liesse sich mit diesen allein allerdings eine ausserordent¬ 
lich günstige Statistik herstellen. Wenn wir aber feststellen 
wollen, was die Chirurgie für die Therapie des Magencarcinoms 
leistet, so müssen wir auch alle diejenigen Fälle mitrechnen, die 
für unsere jetzige Technik von vornherein inoperabel sind. Diese 
treten eben in meiner Statistik in den Vordergrund, weil ich die 
Patienten sowohl intern als auch chirurgisch behandle. 

Wenn wir mit der Operation bei Magencarcinom im Publi¬ 
kum Fuss fassen wollen, so dürfen wir es nicht so machen, dass 
wir Jedem, den wir im Carciuomverdacht haben, rathen, sich den 
Bauch aufsehnciden zu lassen, sondern wir müssen versuchen, 
dahin zu kommen, dass wir ohne derartige grosse Eingriffe fest¬ 
stellen können, ob ein Tumor vorhanden ist oder nicht, und ob 
er operabel ist oder nicht. Wenn wir das, was wir jetzt bei den 
palpablen Tumoren nur mangelhaft können, bei den noch nicht 
palpablen Tumoren weniger mangelhaft zu entscheiden ver¬ 
möchten, so würden wir allerdings einen Schritt vorwärts 
kommen, denn wir würden nicht nur das Terrain erobern, was 
unserer Palpation unzugänglich bleibt, sondern wir würden auch 
für das palpable Terrain schon die Diagnose zu einem Zeitpunkte 
stellen können, wo der Tumor sich noch der Fühlbarkeit entzieht. 


Ich bin nun der festen Ueberzeugung, dass sich dieses Ziel 
mit den endoskopischen Methoden wenigstens zum grössten Theil 
erreichen lassen wird. Ich erinnere hier an unsere gastro- 
skopischen Fälle; wir konnten die Fälle mit oder ohne Magen- 
geschwulst unterscheiden, von den Carcinomen konnten wir die 
operablen von den inoperablen trennen, soweit es den Magen 
selbst betraf. Dabei stellt die Methode nicht so grosse 
Anforderungen an den Patienten wie die Laparotomie. 
Sie kann und soll vollkommen schmerzfrei ausgeführt werden. 
Sie dauert nur einige Minuten. Narkose ist überflüssig, 
es genügt Cocainisirung des Halses, bei manchen toleranten 
Patienten lässt sie sich auch ohne Cocain ausführen. Die Gastro¬ 
skopie lässt sich in den allermeisten Fällen ambulant vornehmen. 
In der Regel mache ich es so, dass ich bei den Patienten, welche 
mir carcinomverdächtig sind, einige Tage vorher mehrere Male 


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7. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


23 


Magenausspülungen vornehme. Dabei orientire ich mich schon 
über die Empfindlichkeit des Patienten, über die Vulnera¬ 
bilität der Schleimhaut, über Blutungen und durch Auf¬ 
blähung über die Lage des Magens etc. Wenn der Patient 
genügend tolerant ist, führe ich ihm dann gelegentlich 
ein biegsames Oesophagoskop im Sitzen ein, lasse ihn den Kopf 
zurücknehmen und überzeuge mich, ob es bei ihm leicht gelingt, 
die gerade Linie zwischen Mundhöhle und Speiseröhre herzu¬ 
stellen, welche für die Besichtigung nothwendig ist. Dabei wird 
ihm erklärt, dass diese Untersuchung diagnostischen Zwecken 
dient, um festzustellen, ob bei der betreffenden Magenkrankheit 
die Speiseröhre normal durchgängig und beweglich sei. Es ist 
wichtig, zu wissen, dass es Oesophaguscarcinome gibt, welche 
ohne Schluckbeschwerden verlaufend, an Carcinome anderer Or¬ 
gane, z. B. des Magens, der Leber denken lassen 8 ). Ich lasse den 
Pat. dann 2, 3 Tage, während die Spülungen fortgesetzt werden, 
schwerere Kost nehmen. Reagirt er hierauf mit Beschwerden, 
so überzeugt das den Patienten am allerbesten, dass mit seinem 
Magen die Sache nicht ganz in Ordnung ist, und ich schlage ihm 
jetzt vor, einmal das Mageninnere besichtigen zu lassen. Dabei 
setze ich ihm auseinander, dass er schon alle Vorbedingungen 
erfüllt hat, und dass es auch nichts weiter i9t, das Gastroskop 
zu schlucken, wie das Oesophagoskop. Ich versichere ihm weiter, 
dass er keinerlei Schmerzen haben darf, höchstens etwas Druck 
im Hals. Thatsächlich bin ich dabei nicht auf ernsten Wider¬ 
stand gestossen. Ich habe nicht nur bei niedrigen Leuten, son¬ 
dern auch bei sehr gebildeten Leuten, z. B. bei einem Professor des 
liiesigen Polytechnikums, mein Gastroskop eingeführt. Ich habe 
keinen Pat. desswegen wegbleiben sehen, ich habe sogar manche 
2—3 mal aus diagnostischen Gründen gastroskopirt. Ich glaube 
nicht, dass sich Jemand aus diagnostischen Gründen 3 mal laparo- 
tomiren lassen würde. Ich glaube auch nicht, dass sich Jemand 
aus demonstrativen Gründen eine Laparotomie machen lassen 
wird. Dass man dies aber bei der Gastroskopie kann, das beweist 
Ihnen schon meine heutige Demonstration. Es genügt aber noch 
nicht, dass wir über das Mageninnere Bescheid wissen, wir müssen 
auch über die Umgebung des Magens uns orientiren, und ich 
glaube in der That, dass es möglich ist, ohne eine Laparotomie 
auszuführon, sich zu orientiren über etwaige Drüsen, über In¬ 
filtrationen des Netzes, über die Beschaffenheit der Leber, der 
Gallenblase und des Querkolons. Diese Methode der Kölio- 
skopie, in deren Fortbildung ich begriffen bin, werde ich weiter 
unten beschreiben. Wenn wir aber auf den Höhepunkt kommen 
wollen, so genügt das Alles noch nicht, sondern wir müssen auch 
unser therapeutisches Rüstzeug vermehren. Wir müssen darnach 
streben, dass wir eine Methode der Totalresektion bekommen, 
welche sich in den meisten Fällen anwenden lässt und welche 
relativ ungefährlich i«t. Auch dieses ist durchaus möglich. Die 
Chirurgie wird beim Magenkrebs erst dann ihre besten Triumphe 
feiern, wenn die Recidive nicht mehr im Digestionstraktus selbst 
auftreten. 

M. H.! Es ist noch nöthig, Ihnen ganz kurz das Prinzip 
meiner endoskopischen Methoden auseinander zu setzen. Dabei 
will ich von allen Details absehen. Die Grundlage jeder ratio¬ 
nellen Oesophagoskopie und Gastroskopie muss sein, die Mund¬ 
höhle und die Speiseröhre in eine gerade Linie zu bringen. Es 
ist das Verdienst von v. M i k u 1 i c z, nachgewiesen zu haben, dass 
die anatomische Voraussetzung dafür bei 90—95 Proz. der Men¬ 
schen vorhanden ist, und dies als grundlegend für die Konstruk¬ 
tion der Apparate hingestellt zu haben, v. M i k u 1 i c z hatte seine 
Apparate starr hergestellt. Es ist nicht zu leugnen, dass man in 
vielen Fällen auch mit starren Apparaten sehr gut zum Ziele 
kommt: ich halte es aber für einen Fortschritt, wenn man die 
Einführung des Apparates von Oeradestreckung des Speiseweges 
trennt, wenn man den Apparat biegsam und der natürlichen Hal¬ 
tung des Körpers conform einführt und dann erst durch Streck¬ 
ung in die gerade Linie bringt. Die Sache wird dadurch leichter 
und auch ungefährlicher, da man über den Widerstand des Kör¬ 
pers dabei jederzeit genau orientirt ist. Das Prinzip, nach dem 
mein Apparat gebaut ist, ist ausserordentlich einfach, und man 
kann sich auch von dem Apparat (14 mm Durchmesser) ein an¬ 
schauliche« Bild machen auf folgende Weise. Betrachten Sie 


1 ) Yergl. Hüdliuoser: Wiener klm. Woclieuselir. 1JKX), 
No. 44. 


Ihren kleinen Finger. Denselben kann doch Jeder mit Leichtig¬ 
keit in seinen Hals stecken. Denken wir nun, derselbe bestände 
anstatt aus 3, etwa aus 20 Gliedern, und er wäre hohl, so bekommt 
man eine Reihe kleiner Cylinder, welche mit Charniergelenken 
aneinander befestigt sind. Zum Geraderichten dient anstatt der 
Strecksehne ein Draht. Das Ganze ist, wie der Finger mit der 
Haut, mit einem Gummischlauch überzogen. Die Beleuchtung 
erfolgt für den Oesophagus von vorn. Ich habe nun neuerdings 
weitere Verbesserungen anzubringen versucht, indem ich die 
Oesophagoskope so einrichten Hess, dass man die Speiseröhre 
während der Besichtigung, aufblasen kann. Diese« hat mehrere 
Vortheile. Einmal braucht man für viele Fälle nur einen 
kurzen Apparat, was die Sache verbilligt, ausserdem wird, je 
grösser die Entfernung ist zwischen dem Ende des eingeführten 
Oesophagoskopes und der zu betrachtenden Stelle, um so grösser 
das Gesichtsfeld. Wenn der M. constrictor pharyngis nicht ab- 
schliesst, so lasse ich den Mund um den Apparat schliessen 
und die Nase geschlossen halten beim Inspiriren. Auf 
diese Weise gelingt es uns, auch Sachen zu besichtigen, 
bei denen wir uns sonst hüten würden, mit unserem Apparat 
heranzukommen, z. B. sehr blutende Carcinome, Aorten¬ 
aneurysmen. 1 überhaupt kann man es als Regel auf- 
stellen, dass man nie mit dem Apparat sofort bis an die ver¬ 
engte Stelle herankommen soll. Man versuche erst aus der Ent¬ 
fernung ein Uebersichtsbild zu gewinnen, und schiebe dann, wenn 
es nöthig ist, unter Leitung des Auges den Apparat vorsichtig 
heran. Auf diese Art angewendet, bietet die Oesophagoskopie 
auch keine besondere Gefahr in sich. Ich halte im Gegentheil 
die Oesophagoskopie für ungefährlicher als die Sondirungen. Bei 
Cardiospasmus, bei welchem mit der gewöhnlichen weichen 
Magensonde die Cardia nicht zu passiren ist, soll man überhaupt 
nur durch Oesophagoskopie diagnostiziren; um nämlich die spas¬ 
tische Kardia in solchen Fällen mit steifer Sonde zu passiren, 
gehört manchmal eine Kraft, welche mehr als genügt, um die 
Speiseröhre zu perforiren, wenn die Sonde sich in einer Ausbuch¬ 
tung fängt. Ich erinnere hier nur an die Fälle von Selbst¬ 
perforation bei Patienten, welche 9ich wegen Cardiospasmus mit 
einer steifen Sonde ernähren müssen. 

Was nun die Gastroskopie anbetrifft, so würde cs das ein¬ 
fachste sein, wenn wir ein Oesophagoskop in den Magen ein; 
führen könnten und eine Röhre mit der Glühlampe und der 
Optik nachschieben. Damit würden wir aber in vielen Fällen 
nicht zu dem gewünschten Ziele kommen. Eine gerade Röhre 
liegt im Magen der Rückwand hart an und befindet sich links 
von der Wirbelsäule. Ich demonstrire Ihnen hier zum Beweise 
einige von mir angefertigte Gipsmodelle. Man wird also von der 
Rückwand des Magens nichts sehen und auch über die Wirbelsäule 
nicht hinwegsehen können. Ausserdem, da es sehr schwierig ist, 
den Magen ganz rein zu bekommen, würde sich das Sehfenster 
sehr oft im Mageninhalt befinden. Wir müssen also mit dem 
Sehprisma und der Glühlampe von der Rückwand des Magens ab, 
und das kann nur dadurch geschehen, dass wir das untere Stück 
des Apparates, den Schnabel, in einem Winkel abbiegen. Mein 
Gastroskop ist also ein gewöhnliches, gegliedertes Oesophagoskop, 
an welchem unten ein etwa 10 cm langes, ungegliedertes Stück in 
dem entsprechenden Winkel fest angebracht ist. Ich hatte früher 
den Schnabel beweglich gemacht, nachdem ich mich aber durch 
viele Sondirungen überzeugt habe, dass der fixe Winkel am Ap¬ 
parat bei richtigem Verhältnis zwischen Schnabel und Winkel 
nicht im mindesten für die Einführung störend ist, habe ich das 
letztero wegen der grösseren Einfachheit der Handhabung vor¬ 
gezogen. Der Apparat wird biegsam der Krümmung des Speise¬ 
weges conform eingeführt und dann gestreckt, biegsam wird er 
auch wieder horausgenommen. Es ist nun das Sehprisma mit 
der Glühlampe rotirbar im Schnabel eingefügt und ist drehbar 
durch eine Röhre mit einer Zahnradkrone. Nachdem der Apparat 
gestreckt ist. wird eine zweite Röhre von vorn eingeschoben; diese 
enthält das Linsensystem ist unten abgerundet, und trägt einen 
kleinen Einschnitt, welcher hineinpasst in eine zweite Zahnrad¬ 
krone, welche sich im Knickungswinkel befindet und in die erste 
Zahnradkrone eingreift. Wie die Optik, die Lichtleitung und die 
Luftleitung zum Auf blasen des Magens eingerichtet sind, kann hier 
unbesprochen bleiben. Der Apparat wird bis zur grossen Curvatur 
(dieseDimension muss man vorher bestimmen) eingesehoben. dann 
gestreckt, der Magen aufgeblasen. Während des Absucheiis des 
Magens wird der Apparat zurückgezogen. Da wir in jeder Stel- 


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24 MUENOHENER MEDICTNISOHE WOCHENSCHRIFT. No. 1. 


luiig des Schnabels ringsherum sehen können, so können wir den 
Magen bequem übersehen, ohne irgend welches Stossen oder 
Schaben an den Magenwänden. In Folge dessen stellt auch die 
Gastroskopie an die Haltbarkeit der Magenwände keine grösseren 
Ansprüche, als das Aufblühen des Magens durch einen Magen- 
schlnueh. Es ist mir bei meinen Gastroskopien keine Verletzung 
des Magens passirt. Es würde thöricht sein, zu behaupten, dass 
dies ganz unmöglich ist, da bekanntlich mitten im tiefen Schlaf 
ein Magen perforiren kann. Man kann aber wohl behaupten, 
dass ein Unglüeksfall nur bei solchen Miigen passiren kann, wo 
die Mngonwiinde wegen ihrer Morschheit und wegen ihrer 
mangelnden Verwaehsungstcndenz sowieso perforiren würden. 
Für den Patienten ist es natürlich besser, wenn der Unglücksfall 
in Gegenwart des Arztes und bei leerem Magen passirt, weil sich 
so durch operative Hilfe das meiste erreichen hisst, wenn es auch 
für den Arzt traurig ist, die unschuldige Veranlassung dafür zu 
sein. Mit demselben Recht könnte man aber auch die Probe¬ 
laparotomie verwerfen, denn auch bei dieser ist es passirt. dass 
earcinomatöse Mägen eingerissen sind bei dem Versuch, den 
Magen emporzuheben, um sich über die Verwachsungen zu orien- 
tiren. Der Operateur wurde so zu einer Resektion unter den 
allerungünstigsten Verhältnissen gezwungen. Aber wenn wir 
auch von solchen Komplikationen absehen. so gibt selbst, die glatte 
Probelaparotomie bei Magencarcinomen in den allerbasten Sta¬ 
tistiken noch ca. 5 Proz. Mortalität (v. Mikulicz: 73. Ver¬ 
sammlung deutscher Naturforscher etc.). Einige weitere Nach¬ 
theile sind die Narkose, die Schmerzen der Wunde in den ersten 
Tagen; mitunter können die Patienten nicht uriniren und 
kommen dann durch Katheterisiren in Gefahr, eine Cy.-titis 
zu bekommen. Dann kann es Hernien, Adhacsionen und 
sogar eine vom Tumor durch die Adhaesion auf die Rauch¬ 
decken übergehende earcinomatöse Infiltration abgeben. Nie¬ 
mand kann dies sicher verhüten. Doch ist dies Alles 
nichts Wesentliches. Bei einer Krankheit, die so bösartig 
ist, wie der Magenkrebs, kann man eben vernünftiger Weise nicht 
verlangen, dass die Mittel, welche der Arzt amvenden mus-j, um 
dem Kranken zu helfen, und zu den Hilfsmitteln gehören eben 
in erster Linie, die diagnostischen, absolut, harmlos sind. 

Zum Schluss will ich noch das Prinzip der Coelioskopie er¬ 
örtern, eine Methode, mit deren weiterer Ausbildung ich noch 
beschäftigt bin. Sic beruht darauf, dass die Bauchdecken ausser¬ 
ordentlich nachgiebig sind, wie wir ja von dem starken Meteoris¬ 
mus und Ascites her wissen. Machen wir also den Magendarm¬ 
kanal leer und füllen die Bauchhöhle mit Luft, so entsteht ein 
grosser Klippelraum, in dem wir uns mit unseren endoskopischen 
Instrumenten gut orientiren können. Nach Anaesthesin mit 
Schleie h’scher Lösung stechen wir einen feinen Fiedler- 
schen Troikart ein, und zwar kann und muss dies so geschehen, 
dass von den Eingcwciden nichts verletzt wird; durch den Troi¬ 
kart wird dann durch Watte filtrirte Luft eingeblasen. Es 
wird dann ein zweiter Troikart cingestochen und durch diesen 
ein feinstes Nitz e’sches O.vstoskop eingeschoben. Die Glüh¬ 
lampe desselben muss natürlich entsprechend kühl bleiben. 
Wir können nun nicht nur Leber, Magen, Gallenblase etc. sehen, 
sondern wir können auch diese Organe unter Leitung des Auges 
pulpiren. Der Fiedle Esche Troikart lässt sich nämlich nach 
dem Einführen vollkommen stumpf machen und verschiedenen 
Zwecken entsprechend (z. B. zum Abheben des Leberrandes) 
modificireii. Ich will Sie, in. H., von der jetzigen Leistungs¬ 
fähigkeit dieser Methode an einem Hunde überzeugen. Ich glaube 
aber, mit Bestimmtheit behaupten zu können, dass sie in kurzer 
Zeit so weit ausgebildet sein wird, dass sie aseptisch, ungefähr¬ 
lich, schmerzlos ist, und sogar ambulant heim Menschen ange¬ 
wendet werden kann. *) 

M. H., ich 8chliesse mit dem Wunsche, dass die endoskopi¬ 
schen Methoden für den Digestionstraktus mehr Anwendung 
finden möchten. 

In einem Territorium, wie es das epigastrische ist. wo Magen 
und Kolon, Gallenblase und Leber und die grossen Nervenplexus 
nebeneinander liegen, und welches thatsächlich ein Grenzgebiet 
zwischen interner Medicin und Chirurgie darstellt wie kein 
zweites sonst im Körper, ist die Stellung einer genauen patho- 


•) In kurzer Zeit wird eine ausführliche Publikation darüber 
erscheinen. 


logisch-anatomischen Diagnose wünschenswerth sowohl für den 
inneren Arzt, als auch für den Chirurgen. 


Aus der chirurgischen Abtheilung des städtischen Krankenhauses 

in Barmen. 

Ueber Anwendung von Laufwagen bei Lähmungen 
der unteren Extremitäten.*) 

Von Dr. Carl Bruns, früherem Assistenten der Abtheilung. 

M. H.! Die Bemühungen des Arztes, Patienten mit total 
oder partiell gelähmten unteren Extremitäten zu Bewegungen 
derselben mittels etwa noch vorhandener Muskeln zu veranlassen, 
stossen bei den meisten dieser Kranken auf Hindernisse, die, wie 
jeder Arzt erfahren haben wird, oftmals das ganze Unternehmen 
scheitern lassen, und die in den verschiedensten Ursachen be¬ 
gründet sind. Zaghaftigkeit, Furcht vor Schmerzen uni ähnliche 
Momente sind es hauptsächlich, die ausserordentlich hemmend 
wirken können. Und wie ist es doch vielfach wünschenswertli, 
dass die betreffenden Gelähmten lernen, ihre Beine, wenn auch 
nur in beschränktem Maasse zu gebrauchen, vor Allem in den¬ 
jenigen Fällen, in denen es gilt, festzustellen, ob nicht der eine 
oder andere Muskel, der gelähmt erscheint, etwa nur hochgradig 
geschwächt ist. 

Dieser Gesichtspunkt ist besonders hervorzuheben, seitdem 
wir gelernt haben, das gross«? Kapitel der sogen, spinalen Kinder¬ 
lähmungen durch geeignete Nutzbarmachung der erhaltenen 
Muskelreste, durch Sehnentransplantationen und ähnliche Ein¬ 
griffe. zu einem ausserordentlich dankbaren zu gestalten. 

Hat man es zu thun mit spinal gelähmten Kindern besserer 
Kreise, so ist ja meist durch eine lange Zeit fortgesetzte mecha¬ 
nische Behandlung, sei es Massage oder Elektrizität, die noch vor¬ 
handene Muskulatur so gekräftigt,, dass man ihre Leistungs¬ 
fähigkeit wohl abtaxiren kann. Anders dagegen, wenn es sich 
um Kinder ärmerer Kreise handelt, besonders solche in den ersten 
Lebensjahren. Hier haben die Kinder meist andauernd im Bett 
gelegen, oder sic sind auf der Erde horurngokroehen. Das ge¬ 
lähmte Bein ist hier meist nichts anderes als eine unbewegte 
Appendix, die nur mit Hilfe der Extremitäten in andere Lagen 
geschoben wird. Wie schwer ist es manchmal, solch ein Kind 
zum Stehen auf dem gesunden Beine zu veranlassen, und gar 
erst, irgend eine Bewegung mit dem gelähmten Bein auszuführen! 

Es sind ja nun zwar genügend Vorschläge von Anderen in 
dieser Hinsicht gemacht — ich erwähne u. A. hier nur das viel¬ 
fach empfohlene Ueben im Wasserbado, eine Methode, die bei 
Kindern völlig versagt —, trotzdem möchte ich es nicht unter¬ 
lassen, Ihnen heute einen sogen. Laufwagen vorzuführen, welcher 
nach Angabe von Herrn Geheimrath Heusnor durch den 
Krnnkonhaussehlosser hergerichtet, seit langen Jahren auf 
unserer Kinderstation in Gebrauch ist. 



Fig. 3. 

Derselbe ist, wie Sie sehen, aufgebaut auf dem Uutertheil 
eines alten Kinderwagens, über dem ein aus zwei sich kreuzenden, 
gewölbartig gebogenen Stücken Bandstahl eine Art von Seliwebe- 
geriist hergestellt ist. An 3 Seiten ist zwischen diesen Stützen 
ein kleines Geländer angebracht, ähnlich in der Form demjenigen 
der wohlbekannten Gehstühle oder Gehbiinkchen. ln diesem 
Wagen wird das betreffende Kind suspendirt, und zwar ziehen 
wir dem kleinen Pat. eine aus festem Barchent genähte Hose au, 
die iuneu mit Filz gefüttert ist uud die mittels angenähter Band- 
gurteu das Gewicht in der Hauptsache zu tragen hat Sodann 
aber hängen wir den Kopf in der bekannten G 1 i s s o n’schen 


*) Nach einem Vortrage, gehalten in der Versammlung des 
bergischen Aerztevereins in Barmen. 


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7. Januar 1902. MUENOHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


25 


Schwinge locker auf, und zwar desshalb, damit das Schwanken 
des Kumpfes möglichst vermieden wird. Man macht die Sus¬ 
pension in der üblichen Weise, sodass die Kinder mit den Zehen 
dem Fussboden aufstehen. 

In der ersten Stunde sind die Kinder meist sehr verdriess- 
licli und verlangen nach ihrem Bett, bald aber erwacht in ihnen 
mit der Erkenntniss des Vermögens ein lebhafter Drang zur 
I.okomotion. Sie fahren auf diese Weise täglich mehrere Stun¬ 
den auf der Station umher, und nach und nach wird der Wunsch 
zum Stehen und Gehen lebhafter. 

Bei diesen Bewegungen kräftigt sich natürlich die bis dahin 
schlaffe Muskulatur ausserordentlich, ein Moment, das wir des 

Oeftcren konstatiren konn¬ 
ten, und die Beobachtung 
solcher Kinder im Lauf¬ 
wagen verschafft uns Aerz- 
ten manchmal die Erkennt¬ 
niss von erhaltenen Muskel¬ 
resten, die bis dahin immer 
geruht hatten, die aber doch 
oft für das funktionelle Re¬ 
sultat von erheblichem 
Werthe sind. Nach einiger 
Zeit des Uebens wird dann 
in geeigneter Weise operativ 
mit Sehnenüberpflanzungeu 
vorgegangen, und sobald die 
Zeit der Heilung vorüber 
ist, hängen wir die Kinder 
wieder in den Laufwagen. 
Bald sind sie dann soweit, 
dass Gehversuche im Hcus- 
nerVhen Gehstuhl gemacht werden können. 

Sie sehen hier ein solches bei uns gebräuchliches Stühlehen, 
•las im Allgemeinen in der Form den sonst gebräuchlichen gleicht, 
sich ntx-r von diesen vorteilhaft durch seine Leichtigkeit und das 
Fehlen der Rollen unterscheidet, und das von den Patienten nicht 
forteesehoben, sondern bei jedem Schritt weiter gehoben wird. 
Das Gehen wird den im Laufwagen gewissermaassen vorbereiteten 
Kindern im Gehstuhl gar nicht so schwer, wie sonst, und sie 
machen ausserordentlich rasch Fortschritte. 

Auch für Erwachsene besitzen wir einen Laufwagen, den 
wir mehrfach verwenden, sei es, dass cs sich um gelähmte Per¬ 
sonen handelt, sei es, dass cs darauf ankommt, Patienten nach 
Frakturen oder Operationen an beiden unteren Extremitäten 
wieder zum Gehen zu bewegen. 



Flg. 2. 



Fig. 4. 

Es handelt sich um einen leichten, eisernen, vlerräderlgen 
"agen, dessen kleine Vorderräder um eine horizontale und eine 
vertikale Achse drehbar sind, dessen grosse Hinterräder aber eine 


doppelte Drehbarkeit wie die Vorderräder, nicht besitzen. Die 
Seitentlieile des Wagens bestehen aus starken Eisenrohren, deren 


eines (links) ausklappbar 
ist und das Eintreten des 
Patienten gestattet. Letz¬ 
terer kann sieh nun vorwärts 
bewegen oder auch seitliche 
Schwenkungen machen. Da¬ 
bei stützt er sich fest auf 
die seitlichen Rohre mit den 
Händen. Im Falle des Er¬ 
müdens kann er sich auf 
einem über den Hinterrädern 
befindlichen Sitz ausmhen. 
Auf die beiden seitlichen 
Längsstangen kann ein dem 
zuerst beschriebenen Kinder¬ 
laufwagen ähnlicher 
Schwebenpparat angebracht 
werden, in dem der Kranke 
ln geeigneter W r eise suspen- 
dirt wird. 

Falls der Wagen nicht 
für Gehübungen benutzt 
wird, lässt er sich zur fahr¬ 
baren Tragbare für Kranken¬ 
stationen sehr leicht um¬ 
ändern dadurch, dass auf 
den eigentlichen Wagen eine 
passende Krankenbahre auf¬ 
gesetzt wird. 




Fig. 5. 


Wir sind nach den bisherigen Versuchen mit dem Wagon 
sehr zufrieden. Erwähnen will ich noch, dass dieser nach Angabe 
von Herrn Geheimrath H e u s n e r hergestellte Laufwagen vom 
medizinischen Waarenhause in Berlin zu beziehen ist. 


Ueber den Unterricht in der Arzneimittellehre.*) 

Von M. C 1 o e 11 a. 

Weniger stark ausgesprochen als beim Thier, aber doch noch 
sehr deutlich horvortreteml besteht auch im menschlichen Wesen 
der Trieb zur Selbsterhaltung und in Uebereinstimmung damit 
begegnen wir fast überall da, wo wir die ersten Spuren mensch¬ 
licher Kultur finden, aueli bereits Zeichen, die darauf hindeuten, 
«lass jene Menschen nicht nur bestrebt waren, ihr Leben gegen 
feindselige Angriffe von aussen zu schützen, sondern sich auch 
derjenigen Gefahren zu erwehren suchten, die von innen heraus 
das Leben bedrohen. Desshalb finden wir auch fast bei allen 
Völkern, selbst der frühesten Kulturstufen das Bestreben, 
Krankheiten zu heilen und nur die Mittel und Wege, die dazu 
führen sollten, lassen die mannigfachsten Anschauungen er¬ 
kennen. Abgesehen von den religiösen Vorstellungen, denen zu 
Folge Krankheit die Strafe durch eine beleidigte Gottheit be¬ 
deutete, und Heilung daher nur durch Versöhnung des göttlichen 
Wesens zu erzielen war, ist wohl der verbreitetste und 
auch natürlichste Weg gewesen, in der Natur selbst 
wieder die Mittel aufzusueheu, die sich gegen eine Krank¬ 
heit heilkräftig erweisen möchten. Unterstützt wurde dieses 

*» Akademische Rede, gehalten am IG. November 1SHU in 
Zürich. 


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26 


MUENCHENER MEDICTNTSCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1. 


Restreben des Aufauehens heilsamer Kräuter, Wurzeln u. s. w. 
durch den Glauben an eine bestimmte Zweckmässigkeit der Welt- 
ordnung, die dem Menschen in seine Nähe diejenigen Hilfsmittel 
gibt, mit denen er sich der am häufigsten vorkommenden Krank¬ 
heiten erwehren kann, eine Ansicht, die auch heutzutage bei den 
Eingeborenen orientalischer Länder noch sehr verbreitet ist und 
für deren Richtigkeit sich auch einige thatsiichliche Belege bei- 
bringen lassen. Ganz natürlich erscheint uns, dass aus der Mitte 
menschlicher Gesellschaft sich stets Leute gefunden haben, die 
theils aus edlen Motiven, theils geleitet von Gewinnsucht, sich 
dem Studium der Heilpflanzen besonders hingaben und bekannt¬ 
lich haben einige hervorragende Geister auch vermocht, um sieh 
eine Schaar von Jüngern zu sammeln, die dafür sorgten, dass 
auch nach des Meisters Tod seine Lehre fortlel*.». Gross sind die 
Wandlungen, die im Laufe der Jahrhunderte die Anschauungen 
über die Wirksamkeit der einzelnen Heilpflanzen durchgemacht 
haben; ihnen nachzugehen, würde uns zu weit führen; aber er¬ 
halten hat sich auch in den breiten Schichten des Volkes der 
Glaube an die in der Pflanzenwelt schlummernden Heilkräfte. 
Auch der moderne Arzt, der in seinen schönen und schweren 
Beruf tritt, .sollte diesen Glauben noch besitzen, wenn auch ge¬ 
klärt durch die Fortschritte der medizinischen Forschung. Denn 
wenn in früheren Zeiten das Hauptgewicht auf die Bekämpfung 
des einzelnen Krankheitssymptomes gelegt war, so geht unser 
heutzutagiges Streben darauf hin, die Ursachen der Erkrankung 
zu beseitigen. Von diesem Standpunkte aus ist eine Sonder¬ 
disziplin, die sich in früheren Jahren von der klassischen Arznei¬ 
mittellehre abgetrennt hat, die Homöopathie prinzipiell zu ver¬ 
werfen, weil sie gerade die Bekämpfung des einzelnen Symptomes 
als Hauptaufgabe in den Vordergrund rückt. 

Die experimentelle Forschung der letzten Jahrzehnte hat uns 
von einer Reihe von Mitteln genaue Kenntniss verschafft bezüg¬ 
lich der Art. und Weise, wie sie im Organismus wirken. Die 
sich daraus ergehenden allgemeinen Gesetze haben unter Zuzug 
der mächtig aufblühenden chemischen Industrie zu einer solch’ 
reichen Beschecrung von Arzneimitteln geführt, dass es uns 
manchmal fast, zu Muthe wird wie G o e t h e’s Zaul>erlehrling. 
Jedenfalls läuft, der junge Mediziner, der an das Studium der 
Arzneimittellehre herantritt Gefahr, vor der Fülle des hier Ge¬ 
botenen verwirrt stehen zu bleiben; ohne eine sachliche Weg¬ 
leitung ist es für ihn unmöglich, in diesem Chaos, wo ja häufig 
mehr die materielle als die ideelle Triebfeder produktiv wirkt, 
sich zurecht zu finden. Diese Wegleitung zu geben ist die Auf¬ 
gabe der Pharmakologie. Auf welche Weise die« geschehen kann, 
möchte ich Ihnen im Folgenden auseinanderzusotzen versuchen. 
Bei der Uebemnhme einer neuen Lehrstelle ist eine solche Dar¬ 
legung besonders gerechtfertigt auf einem Gebiet, das in den 
letzten 2 Dezennien einen solchen Ausbau erhalten hat, dass so 
manches scheinbar Feststehende gestürzt werden musste. Bei der 
Ueberlastung. an welcher der medizinische Unterricht heute noth- 
wendigerweise leidet, muss auch der Pharmakologe sich eine, weise 
Beschränkung auferlcgen; nicht Alles, was für den Lehrer inter¬ 
essant erscheint, ist unter allen Umständen auch für den St.u- 
direnden wissenswerth. Während man in früheren Zeiten einen 
Hauptwerth auf eine möglichst dotaillirte Beschreibung einzelner 
Medikamente und ihrer Verordnungen legte, und in liebevollem 
Eingehen in solche Einzelheiten wohl oft des Guten zu viel that, 
ist es mit Rücksicht auf die Fülle des Materials heute einfach 
unmöglich, in dieser Weise zu unterrichten. Die zu erfüllende 
Forderung ist vielmehr, dass der angehende Arzt klare Begriffe 
gewinne über die allgemeinen Gesetze, wie sie in der Mehrzahl 
der Fälle die Wwhselbeziehungen zwischen Medikament und 
Körper beherrschen. An der Hand dieser Axiome, welche eine 
rasche Klärung und Orientirung in der jeweiligen Fragestellung 
ermöglichen, wird es dem jungen Arzt leichter werden, sich durch 
Selbststudium oder durch Beobachtung am Krankenbette jene 
Details des individuellen Wissens anzueignen, auf welche einzu¬ 
gehen sich der theoretische Unterricht versagen muss. 

Dringend hat der Arzt diese Kenntnisse nöthig, um seine 
Selbständigkeit zu wahren. Langsam, schleichend entwickelt sich 
in den Auswüchsen der pharmazeutischen Industrie eine Gefahr 
für das Individuelle im ärztlichen Stande. Bereits haben einige 
Etablissements es unternommen, neben der Herstellung der 
Grundsubstanz auch noch deren Arzneibereitung zu monopoli- 
siren. Ein Beispiel bietet das Thiocoll. Die dasselbe darstellende 


Firma sah sich veranlasst, das an sich ganz brauchbare und 
leicht lösliche Pulver in fertig dosirter Arzneiform in den Handel 
zu bringen; ein findiger Kopf leistete sich für diese einfache 
Mischung aus Thiocoll und Orangensyrup sogar den schönen 
Phantasienamen Sirolin. Es sollte nicht gestattet sein, dass 
solche Namen, die sonst nur für chemische Individuen gebräuch¬ 
lich sind, auf einfache Mischungen angewendet werden. Denn 
dass die Silbe „Sir“ aus Syrup und die Endigung von Thiocoll 
sich chemisch vereinigt hätten, wird auch der Erfinder nicht 
glauben. Das Bemühende bei dieser Erscheinung ist nun aber 
nicht in erster Linie das Vorgehen der Fabrik, denn sie 
hat natürlich nur materielle Interessen im Auge, sondern 
die Thatsache, dass diese Spekulation sich als theilweise 
richtig erwiesen hat. Wenn auf dem begonnenen 
Wege weiter gewurstelt wird, so ist der Arzt bald zum 
Kolporteur der Erzeugnisse der Arzneimittelindustrie herab¬ 
gesunken; seine individuelle Rezeptirfreiheit hat er seiner Be¬ 
quemlichkeit zum Opfer gebracht. Der Studirende soll womög¬ 
lich daher durch den Unterricht dahin gebracht werden, unter den 
Erzeugnissen der Industrie das Wesentliche vom Nebensächlichen 
zu scheiden, damit er sich seine persönliche Bewegungsfreiheit 
wahre. 

In didaktischer Hinsicht spielt die Eintheilung des Lehr¬ 
stoffes eine grosse Rolle. Auch hier führen verschiedene Wege 
zum Ziel und sie sind auch schon mehrfach begangen worden. 
Naheliegend und bis jetzt auch meistens gebräuchlich war die 
Eintheilung nach dem therapeutischen Prinzip, dem zu Folge 
in einer Gruppe alle Medikamente vereinigt wurden, welche den- 
sell>en therapeutischen Effekt am Organismus hervorbringen. Es 
würden demnach z. B. Glaubersalz und Aloe zusammen be¬ 
sprochen, denn sie hal>en denselben therapeutischen Endeffekt: 
die Darmentleerung. So gerechtfertigt dieses Prinzip beim 
Niederschreiben von Naohsohlagebüchcrn erscheinen mag. so 
wenig empfehlenswerth halte ich es für den direkten Unterricht. 
Nicht die therapeutische Wirkung in erster Linie soll dem Stu- 
direnden klar werden, sondern das Wesen der Veränderungen, die 
im Organismus durch die betreffende Substanz hervorgerufen 
werden; ob und wie sie in therapeutischer Hinsicht zu verwerthen 
sind, das kommt erst in zweiter Linie. Nur auf diesem Weg 
lassen sich Kollisionen mit der inneren Klinik vermeiden und 
vermeidet man es, Aerzte heranzubilden, deren pharmakologische 
Kenntnisse auf der Höhe des Rezepttaschenbuches ihren Ab¬ 
schluss finden. 

Sehen wir uns also nach anderen Eintheilungsmöglichkeiten 
um. Sehr verlockend tritt uns da der Versuch zur Gliederung 
nach chemischen Prinzipien entgegen. Wir könnten diejenigen 
Substanzen als pharmakologisch zusammengehörig betrachten, 
welche auch chemisch, namentlich mit Rücksicht auf ihre Kon¬ 
stitution gewisse Verwandtschaften aufweisen. Wir können es 
nur auf’s Tiefste bedauern, dass wir heute noch nicht in der Lage 
sind, diesen verheissungsreichcn Weg zu betreten. Damit dies 
möglich wäre, müssten wir bestimmte Kenntnisse haben über die 
gegenseitigen chemischen Beziehungen zwischen einem beliebigen 
Medikament und dem Organismus, resp. einem Zellkomplex im 
Organismus. Nach unserem bisherigen Wissen müssen wir an¬ 
nehmen, dass bei der Wirkung irgend eines organischen Giftes 
nicht die Grösse seines Moleküls, die Mc nge von C- und H-At unen 
in erster Linie maassgehend ist, sondern deren räumliche An¬ 
ordnung, die Konstitution des Moleküls. Von zwei Substanzen 
mit derselben Element«rzusammensetzung kann die eine wirksam 
sein, die andere nicht, je nach der Konstitution des Moleküls. Es 
braucht also offenbar in einem gegebenen Falle eine gewisse Kon¬ 
figuration der Atome eines Medikamentes, um mit einer gewissen 
Zellenart im Organismus in Wechselwirkung zu treten. Hier 
liegt aber die grosse Schwierigkeit. Wir kennen heute noch nur 
zum kleinsten Theile jene Gesetze, welche die Wahlverwandt¬ 
schaft zwischen Medikament und Zelle bedingen. Warum wird 
z. B. das Strychnin von den Ganglienzellen des Rückenmarks an¬ 
gezogen, warum heftet sich das Atropin an die Endigungen des 
Oculomotorius. Welch’ wunderbare Wahlverwandtschaft: Wenn 
wir einige Milligramme Strychnin in den Organismus oinführen. 
welch’ unscheinbare Menge sich in den ca. 12 Liter betragenden 
Gewebsflüssigkeiten des menschlichen Körpers zu einer enormen 
Verdünnung auflöst, warum sind es dann gerade die Ganglien¬ 
zellen des Rückenmarks, die das Gift aus dem Strom auslaugen 


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7. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


27 


und auf sich niederschlagen, wie das Quecksilber die vereinzelten 
Goldkörner aus dem mächtigen Schlammstrom jener Felder, um 
die jetzt schon so lange der Krieg wüthet. Warum es so ist, wir 
wissen es nicht; aber cs besteht berechtigte Hoffnung, dass wir 
es wissen werden; denn schon haben wir werthvolle Aufschlüsse 
aus diesem Gebiet erhalten, es sind Dreschen gelegt in die starre 
Mauer, mit der sich diese Naturgeheimnisse scheinbar ab- 
sehliessen. Eine der elegantesten Beobachtungen verdanken wir 
Emil Fischer. Bekanntlich vergährt der Zucker durch Hefe; 
aber nicht jeder Zucker gährt mit jeder Hefe, sondern es bestehen 
hier ganz bestimmte Verwandtschaften, indem ein bestimmter 
Zucker nur mit einer gewissen Hefeart vergährt, so dass die 
landen sich zu einander zu verhalten scheinen wie der passende 
Schlüssel zum passenden Schloss. Ist irgend ein Zücklein am 
Schlüssel an einem anderen Ort, auch wenn die Gesammtzahl er¬ 
halten bleibt, so passt er nicht mehr; die Zäcklein im Bilde ent¬ 
sprechen den verschiedenen Atomlagerungen. Wir dürfen hoffen, 
ähnliche Aufschlüsse auch über die Selektionsfähigkeit gewisser 
Zellen für gewisse Medikamente zu erhalten; auch hier sind schon 
Anfänge gemacht. Es wurde z. B. festgestellt, dass alle nar¬ 
kotisch wirkenden Substanzen die gemeinsame Eigenschaft be¬ 
sitzen, sich in Oel aufzulösen, und zwar scheint bis zu einem ge¬ 
wissen Grade die narkotische Kraft und die Fettlöslichkeit ein¬ 
ander proportional zu gehen. Da nun das Zentralnervensystem 
ganz besonders reich an fettähnlichen Substanzen ist, so liegt es 
nahe, die Selektion dee Gehirns für Narkotika auf diese Weise 
zu erklären. Allerdings sollte man bei dieser Theorie stets ein¬ 
gedenk sein, dass es sich nicht um eine chemische Anlagerung 
handeln kann, sondern vielmehr um eine Art Ausschüttelung, 
die sich mehr nach physikalischen Gesetzen vollzöge. Der end- 
giltige Vorgang ist damit auch noch nicht festgelegt und muss 
desshalb vor allzu weit gehenden Schlüssen in dieser Richtung 
gewarnt werden. Bei anderen organischen künstlichen Arznei¬ 
mitteln sind wir ebenfalls in Besitz solcher allgemeiner Gesetze 
gelangt. So wissen wir, um ein besonders wichtiges Beispiel 
herauszugreifen, dass die fieborherabsetzende Kraft des Phenace¬ 
tin nicht demselben als solchem zukommt, sondern dem Paramido- 
phenol, welches sich daraus im Organismus bildet, und daraus 
leitet sich die bestätigte These ab, dass sämmtliche Phenacetin¬ 
derivate Fiebermittel sind, wenn sie Paramidophenol im Körper 
bilden, und dass sie keine temperaturherabsetzende Wirkung aus¬ 
üben können, wenn diese Bildung ausbleibt. Solches ereignet sich 
z. B. bei Substanzen, welche nach dem jetzt in der Industrie 
ebenso beliebten als unzweckmässigen Prozess derSulfurirung dar¬ 
gestellt sind. Obwohl vollständig echte Phenacetinderivate, sind sie 
nicht im Stande die erhöhte Temperatur herabzusetzen, weil sie 
eben kein Paramidophenol bilden können. Daraus ergibt sich 
denn auch von vornherein für den Eingeweihten, dass es gar 
keinen Sinn hat, so tiefe Unterschiede zwischen den einzelnen 
Phenacetinderivaten zu proklamiren, wie dies durch die Re¬ 
klame geschieht. Welche. Bedingungen aber es sind, die das 
Paramidophenol gerade an die temperaturregulirenden Zentren 
anlagern, das wissen wir nicht. 

Diese Frage der Anlagerung der Medikamente ist von höch¬ 
stem Interesse, namentlich auch für die darstellende Chemie. 
Angesichts der komplizirten Zusammensetzung der Moleküle und 
der schweren Spaltbarkeit der Kerne, namentlich wenn e6 sich 
um aromatische Derivate handelt, wächst a priori die Wahr¬ 
scheinlichkeit, dass bei der Wahl dieser Vereinigungen zwischen 
Medikament und Körper im Wesentlichen die endständigen 
Gruppen betheiligt seien. Es ist kaum anzuuehmen, dass z. B. 
aromatische Körper sofort in volle Reaktion mit dem Proto¬ 
plasma treten werden; das im Blutstrom zirkulirende Medikament 
wird seine endständigen Gruppen als Fühler ausstrecken, bis es 
hei irgend einer Zelle die chemischen oder physikalischen günsti¬ 
gen Bedingungen findet, um Wurzel zu fassen, sich zu verankern. 
Schon lange geht ja von ähnlichen Ueberlegungen geleitet die 
chemische Industrie in diesem Sinne vor, indem sie die Löslich¬ 
keit der Substanzen, z. B. von Farbstoffen, durch solche peri¬ 
phere Aenderungen günstiger zu gestalten sucht. Wir sind daher 
wohl zu der Annahme berechtigt, dass auch die Löslichkeit eines 
Medikamentes im Protoplasma, bezw. seine Verankerung mit dem¬ 
selben, auf solche Weise verändert w T erden könne. Seit einiger 
Zeit versucht man desshalb auch durch Oeffnen oder Schliessen 
dieser Seitenketteu das Angriffsmoment für das Giftmolekül zu 


verschieben. Eine thatsÜchliche Aenderung der Urwirkung des 
Medikamentes wird man, wie ich glaube, auf diese Weise nicht 
erreichen können; wohl aber kann man eine Reihe von Neben¬ 
erscheinungen mehr auftauchen oder verschwinden lassen. Wir 
können annehmen, dass in Folge dieser Seitenkettenänderung die 
Verankerung mit gewissen Zelltheilen erschwert wird, so dass die 
Funktionsänderung, die durch Beeinflussung eben jenes Zell- 
theiles hervorgebracht wurde, nun dahinfällt und dafür eine 
andere Störung auftritt, die vorher zu stark in den Hintergrund 
gedrängt war. 

Ab und zu ist man also wohl in der Lage, die Beziehungen, 
welche bestehen zwischen chemischer Konstitution des Medika¬ 
mentes einerseits und seiner Wirkung im Organismus anderer¬ 
seits, theilweise zu ergreifen; aber es handelt sich nur um ver¬ 
einzelte Beobachtungen, die noch lange nicht auf der ganzen 
Linie durchführbar sind und uns desshalb auch noch nicht ge¬ 
statten, auf dieser Basis ein allgemeines Eintheilungsprinzip auf¬ 
zustellen. Um dies zu ermöglichen, müssten wir auch Kenntniss 
haben von der Konstitution der Körperei weisse und den Verände¬ 
rungen in der Atomlagerung durch den vitalen Prozess. Welche 
grosse Bedeutung aber dieses Forschungsgebiet hat, geht wohl aus 
dem Gesagten zur Genüge hervor. Bei der künstlichen Her¬ 
stellung von Medikamenten spielt der Zufall noch immer eine 
grosse Rolle; zielbewusste Sicherheit ist keineswegs vorhanden, 
und sehr häufig werden an den zufällig erhaltenen Substanzen 
nachträglich pharmakologische Wirkungen festgestellt, an welche 
man bei der Herstellung der betreffenden Körper gar nicht 
dachte. Wenn wir aber einmal bestimmt wissen werden, welche 
chemische Konstitution ein Körper haben muss, damit er mit be¬ 
stimmten Zellgruppen im Organismus in Wechselwirkung treten 
und dadurch einen bestimmten Effekt, eine Aenderung der Funk¬ 
tion eben jener Zellgruppe hervorrufen kann, dann sind wir auch 
in der Lage, willkürlich mit Sicherheit Medikamente herzustellen, 
die eine ganz bestimmte und zum voraus berechnete Wirkung im 
Organismus entfalten werden. Indem wir dann einem Patienten 
ein solches Medikament verabreichen, fixiren wir zugleich an 
diesem den Frachtbrief, laut welchem das im Säftestrom zirku¬ 
lirende Mittel bei einem bestimmten Zellkomplex ausgeladen 
werden soll. An diesem Ziel sind wir zur Zeit noch nicht an¬ 
gelangt und es ist desshalb wohl erspriesslicher, aus dem Gebiet, 
der Wünsche und Hoffnungen in die rauhere Wirklichkeit zurück¬ 
zukehren. 

Das chemische Eintheilungsprinzip bleibt also der Zukunft 
Vorbehalten; die Wahl, die uns verbleibt, ist nicht mehr gross; 
es kann sich eigentlich nur noch um die Zugrundelegung eines 
rein pharmakologischen Systems handeln. Was soll das bedeuten ? 
Aus der gesammten Menge der Arzneimittel müssten Gruppen 
gebildet werden in dem Sinne, dass die in einer Gruppe zu¬ 
sammengefassten Stoffe auf ähnliche Weise allgemeine oder 
spezielle Funktionen des Organismus verändern; gänzlich un¬ 
bekümmert darum, in welcher Weise diese hervorgerufene Aende¬ 
rung im Organismus therapeutisch verwendet wird. Am treffend¬ 
sten kann ich diesen Standpunkt wohl dadurch beleuchten, dass 
man nicht mehr bei der Prüfung eines Mittels in erster Linie 
fragt, was macht cs, sondern wie übt cs überhaupt seinen Ein¬ 
fluss aus. Daraus darf nun nicht etwa geschlossen werden, dass 
sich dieses Eintheilungsprinzip über die Therapie hinwegsetze und 
sich nur hoehmüthig im Lichte der Wissenschaft sonnen wollte. 
Ein solches Vorgehen wäre auch durchaus nicht vortheilhaft für 
die richtige Erkenntnis9 der Dinge. Wir haben es schon au 
vielen Beispielen erlebt, dass es für die Wissenschaft viel er¬ 
spriesslicher ist, wenn die Theorie sich die Mühe nimmt, den 
Erfahrungen und Thatsachen der Praxis nachzugehen und die 
ursächliche Erklärung dafür zu ergründen, als wenn sie sich 
einfach stolz über diese Erfahrungen hinwegsetzt und die Theorie 
nur der Theorie zu Liebe hochhält. Ein schlagendes Beispiel 
liefern uns die Wandlungen in der Eisenfrage. Trotzdem an 
Tausenden von Patienten die Wirksamkeit dee anorganischen 
Eisens festgestellt war, hat die Theorie hartnäckig die Resorp¬ 
tion smögliclikeit geläugnet. Heute nun hat uns die Wissenschaft 
selber die Wege gewiesen, auf welchen dieser günstige Einfluss 
zu Stande kommt. 

An sehr vielen Stellen würde sich ja von vornherein diese 
Eintheilung mit derjenigen nach therapeutischen Zielen decken. 
Aber auch dort, wo dies nicht der Fall ist, halte ich dafür, dass 


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28 


AI UENCHENEK MEDICINISCHE WOCHEN SCHRIET. 


No. 1. 


uuf diese Weise dem therapeutischen Bestreben, das ja schliesslich 
doch das ideale Endziel unserer medizinischen Wissenschaft ist, 
nicht der geringste Abbruch gethan wird. Nichts halte ich für 
verderblicher, als wenn schon im Keime jedes Vertrauen auf 
medikamentöse Erfolge durch übertriebenen Skeptizismus er¬ 
stickt wird; damit aber andererseits auch der Arzt thatsäclilich 
Vertrauen zu seiner Kunst haben kann, muss er die Schneide¬ 
kraft der Waffen, die er gebraucht, genau kennen und sie richtig 
zu führen wissen. Nicht einfach hergebrachter Ueberlieferung fol¬ 
gend soll er das Krankheitssymptom mit einem Mittel bekämpfen, 
von dem er weiss, dass es dazu sich eignet, sondern er soll sich 
hiebei genau bewusst sein, welche Veränderungen er mit seinem 
Eingriff im Körper schafft, und wie dann sekundär daraus sich 
der sogen, therapeutische Effekt herleitet. Ich habe früher das 
Beispiel des Glaubersalzes und der Aloe angezogen; beides sind 
Abführmittel; sie gehören in dieselbe therapeutische Gruppe. 
Aber weit getrennt erscheinen diese beiden in der pharmako¬ 
logischen Eintheilung, denn die Veränderungen, die sie primär 
im Dann hervorrufon, sind himmelweit von einander verschieden, 
wenn auch der sekundäre Erfolg, die Stuhlenth orung, bei beiden 
identisch ist. ln dem einen Eall handelt es sich um eine Wasser- 
retention, einen einfachen physikalischen Vorgang, der sich 
elwnso gut auch an einem todten Darm abspielen kann, wenn 
er wenigstens noch den physikalischen Anforderungen der semi- 
permeablen Membran entspricht; im anderen Fall, bei der Aloe, 
dagegen, liegt eine direkte Beeinflussung vitaler Vorgänge im 
Sinne der Reizung vor. Sicherlich ist cs nun im Einzelfall nicht 
gleichgiltig auf welche der angegebenen Arten "ein erkrankter 
Darm entleert wird, wenigstens nicht für den Patienten, und es 
ergibt sich weiter aus dem angezogenen Beispiel zur Genüge, 
dass es bei dieser Eintheilung nicht auf eine Hintansetzung des 
therapeutischen Prinzips abgesehen ist, sondern dass im Gegen- 
tlieil auf eine Verfeinerung in der Aufstellung des medikamen¬ 
tösen Heilplanes hingewirkt werden soll. Und diese Verfeinerung, 
die Vertiefung der Kenntnisse über die Wirkungsweise der Mittel, 
hat wahrlich der angehende Arzt heute nöthiger denn je. Unum¬ 
schränktes Verfügungsrecht erlangt er durch das abgelegte 
Staatsexamen über alle die stark wirkenden Mittel, welche die 
Apotheken nach den Vorschriften unserer staatlichen Pharma¬ 
kopoe vorräthig halten müssen. Welche Fülle von Wolilthat für 
die leidende Alensehheit kann diesen Mitteln entnommen werden, 
aber auch zu welch’ schweren Schädigungen können sie führen 
in der Hand dessen, der es mit seiner grossen Verantwortung zu 
leicht genommen hat. Eindringlicher als je möchte ich zu Be¬ 
ginn des neuen Jahrhunderts einen Appell an die Studirenden 
richten, es mit diesem Studium nicht oberflächlich zu halten. 
Vor hundert Jahren hat die alte Schule eine herbe Lektion be¬ 
kommen durch das Auftreten der Hahneman n’schen Lehre, 
der Homöopathie. Gewiss theilweisc gerechtfertigt hat er in 
seinem „Organon“ die Auswüchse der medikamentösen Therapie 
der alten Schule gegeisselt, und wenn er auch dabei weit über 
das Ziel hinausgeschossen und Wenn er sein neues System auch 
selber für jeden denkenden Arzt ad absurdum geführt hat, so 
liegt darin doch ein gut Stück verdienten heissenden Spottes. 
Wir haben uns im Laufe des Jahrhunderts frei zu machen ge¬ 
wusst von der massivquantitativen Arzneibehtuidlung und durch 
eingehende Beobachtung auch den Werth der kleinen Dosen 
schätzen gelernt. Wenn anders das mühsam Erworbene nicht 
unnütz brach liegen soll, so ist die Mahnung an die künftigen 
Aerzte. es mit dem genauen Studium der Wirkungen der Arznei¬ 
mittel ernst zu nehmen, gewiss nicht überflüssig. Gerade die 
Homöopathie hat grosses Gewicht auf das detaillirteste Studium 
.der Arzneiwirkung gelegt, und in dieser Hinsicht konnte man 
von ihr eine Bereicherung unseres positiven Wissens erwarten, 
leider ist diese Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen. Bei der 
grossen Beliebtheit, deren sich die Homöopathie stellenweise er¬ 
freut, musste ich als l^ehrer mir ernstlich die Frage vorlogen, 
ob diese Sonderdisziplin nicht auch in den Rahmen des Unter¬ 
richts einbezogen werden sollte. Bekanntlich ist dies bereits ange¬ 
regt worden an der Universität Tübingen, allwo gegen den Willen 
des Unterrichtsministers die Kammer beschlossen hat. einen Lehr¬ 
stuhl für Homöopathie zu errichten. Es mag vielleicht dem 
Einen oder dem Anderen inopportun erscheinen, dass dieses 
Thema von dieser Stelle aus angeschnitten wird; ich sehe mich 
aber dazu veranlasst, weil aus den Kreisen der Studirenden an 
mich das Ansinnen gerichtet wurde, Ihnen eine Vorlesung über 


Homöopathie zu halten. Ich fühlte desshalb die Verpflichtung, 
mir durch eigenes Studium auch ein eigenes Urtheil über diese 
Arzneibehandlungsmethode zu schaffen. Erweist sich das Ganze 
als wissenschaftlich berechtigt, so hat man nicht das Recht, nur 
traditioneller Etiquette zu Liebe, den Studirenden hierüber den 
Unterricht vorzuenthalten, erweist sich aber die Sache als logisch 
unbegründet, so ist es gut, wenn der ablehnende Entschluss auf 
eigener Prüfung beruht. Vom Organon Hahnemann’s an 
bis zur allemeuesten Arzneimittellehre habe ich aus der grossen 
homöopathischen Literatur Proben entnommen; mit Interesse und 
vorurtheilsfrei habe ich das Studium begonnen, aber enttäuscht 
habe ich die Bücher schliesslich bei Seite gelegt. Das Ergebniss 
der Prüfung war ein negatives in dem Sinne, dass von einer Ein¬ 
führung der Prinzipien der Homöopathie in den Unterricht der 
Arzneimittellehre abzusehen ist. Da ich diese Ablehnung hier 
öffentlich proklamire, fühle ich mich auch verpflichtet, sie zu be¬ 
gründen. Zwei Grundideen sind es bekanntlich, die die Homöo¬ 
pathie als solche charakterisiren: Erstens das Bestreben, die 
Krankheit zu heilen durch ein Mittel, das seinerseits ein der ur¬ 
sprünglichen Krankheit möglichst ähnliches Krnnkheitsbild selber 
hervorruft, und zweitens die Grösse der Dosen, in welcher diese 
erwählten Mittel verabfolgt werden sollen. Ich setze voraus, dass es 
möglich wäre, Mittel aufzuflnden, die in einem gegebenen Falle 
ein Symptoinenbild liervorrufen können, das genau mit dem¬ 
jenigen der Krankheit übereinstimmt, und ich will ferner voraus¬ 
setzen, damit man sich nicht des mangelnden Entgegenkommens 
beklagen kann, dass es thatsächlich möglich sei, durch Erzeugung 
einer künstlichen Arzneikrankheit, welche mit der ursprünglichen 
möglichst in ihren Symptomen überein stimmt, diese Krankheit 
zu beseitigen, eine Annahme, die zwar bis jetzt noch keineswegs 
bewiesen ist, so bleibt uns doch noch als absolut unverständlich 
die Art der Dosirung des betreffenden Mittels. 

Bekanntlich arbeitet die Homöopathie nur mit stark ver¬ 
dünnten Mengen; aber nicht diese Verdünnung allein ist die 
Hauptsache, sondern die dabei vorgenommene Potenzirung. 
Durch dieselbe wird aus einer unwirksamen Substanz eine wirk¬ 
same einfach dadurch, dass man mehrere Stunden das Pulver 
zerreibt oder wenn es sich um Lösungen handelt, die Flasche 
zweimal schüttelt Bei jeder weiteren Verdünnung wird wieder 
durch Reiben oder Schütteln das Mittel noch mehr potenzirt, 
bis es schliesslich in der grössten Verdünnung auch die höchste 
Potenz erhalten hat. Vergeblich sucht mau in der gedämmten 
Naturwissenschaft nach einer Erklärungsursache, wie durch eine 
so einfache mechanische Manipulation eine Aenderung der Eigen¬ 
schaften eines Körpers hervorgerufen, oder vorhandene so ausser¬ 
ordentlich verstärkt werden können. Hahuemann darf jeden¬ 
falls den Anspruch erheben, in seinem System den Versuch ge¬ 
macht zu haben, wie es eventuell möglich wäre, die Null zu poten- 
ziren; er ist offenbar auf diese Theorie der Potenzirung verfallen, 
weil er sich doch selbst eingestehen musste, dass eine Verdün¬ 
nung, die über ein Drillionstel, über Zahlen, wie sie sonst nur 
noch den Astronomen geläufig sind, hinausgeht, sicher keine 
Einwirkung mehr haben kann. Um sieh über das Nichts dieser 
Verdünnungen hinwegzutäuschen, musste II ahnemann den 
Geist der Potenzirung heraufbeschwöreu. Dieselbe Täuschung, 
der er sich im Glauben an die Potenzirung hingab, konnte ihn 
auch zu dem scheinbar ganz unsinnigen Vorschlag verleiten, 
dass es bei Behandlung einer Reihe von Krankheiten gar nicht 
nothwendig sei, die verdünnten Mittel einzugeben, sondern dass 
es bereits genüge, an denselben zu riechen, selbst wenn dieselben 
durchaus keinen Geruch haben und nicht flüchtig seien. Als 
sehr ökonomisch ist diese Methode entschieden zu bezeichnen, 
da ein solches Fläschchen, wie Hahnemann angibt, 18 bis 
20 J all re seine Kraft behält, selbst wenn man 1000 mal daran 
riecht. Also nicht in der Verdünnung, wie allgemein fälschlich 
angenommen wird, sondern in der Potenzirung ist der Haupt¬ 
werth der homöopathischen Arzneimittel zu suchen; und da eben 
die Möglichkeit dieser Potenzirung eines Arzneimittels durch 
einfache mechanische Bewegung als sämmtlichen Naturgesetzen 
widersprechend betrachtet werden muss, so fällt damit auch das 
ganze System zusammen. Wenn es möglich wäre, durch einfache 
Handbewegung die einem Stoff innewohnende Kraft beliebig zu 
steigern, unter gleichzeitiger Verdünnung desselben, dann wäre 
dies entschieden einer der Vorgänge, wie wir sie bis jetzt nur 
aus den biblischen Darlegungen kennen. Vieles könnte man noch 
aus den homöopathischen Theorif .i anführen; ich beschränke 


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7. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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mich auf das Gesagte, um in dem Rahmen eines Versuchs zur 
Erklärung über die Wirkungen der Arzneimittel zu bleiben. 

Selbstverständlich bleibt es dem Ermessen jedes Arztes frei- 
gestellt, ob er nach vollendetem Studium sich den homöo¬ 
pathischen Lehren zuwenden will, und man ist in keiner Weise 
berechtigt, dem irgendwie hindernd in den Weg zu treten, aber 
ebenso wenig darf das Verlangen gestellt und erfüllt werden, 
dass dem Studirenden von derjenigen Stelle aus, welche die 
wissenschaftliche Kritik in der Therapie pflegen und grossziehen 
soll. Unterricht in dieser Heilmethode geboten werde. 

Wie fast jede grosse Bewegung, auch wenn ihr Grundprinzip 
als ein praktisch verfehltes zu betrachten ist, doch dem Ganzen 
förderliche Ausläufer zu entsenden vermag, so hat auch die 
Homöopathie das Verdienst gehabt, die genaue Krankenbeobach¬ 
tung unter dem Einfluss kleinerer Dosen zur Geltung zu bringen. 
Auf die Wirkung dieser kleinen Dosen hinzuweisen, ist Auf¬ 
gabe des modernen Unterrichts. Wenn wir Kranksein als ein 
Leben unter anormalen Bedingungen auffassen, so ist auch die 
Annahme gerechtfertigt, dass die erkrankten Organe gegen Ein¬ 
flüsse von aussen anders reagiren, eine andere Reizschwelle haben. 
In letzter Instanz müssen wir aber die Einwirkung der M<>di- 
kamente auf ein Organ als eine Reizung oder Lähmung der be¬ 
treffenden Organfunktion ansehen, und es bestünde also im ge¬ 
gebenen Fall die Aufgabe, diejenige Reizstärke zu bestimmen, 
die gerade hinreicht, die Funktion zu ändern. Da nach Analogie 
ariderer pathologischer Vorgänge die Annahme gerechtfertigt er¬ 
scheint, dass die Reizempfindlichkeit des erkrankten Organes ge¬ 
steigert sei, so wäre die Möglichkeit gegeben, durch Medikamente 
in kleinen Dosen nur gerade dieses Organ zu treffen, während fiir 
das übrige Gewebe die Reizschwelle noch nicht erreicht wird. 
Selbsverständlich muss aber auch bei diesen kleinen Dosen dem 
Organismus immerhin etwas Greifbares geboten werden, denn 
unter einer gewissen Grenze kann auch das erkrankte Organ nicht 
mehr beeinflusst werden und der therapeutische Eingriff verhallt 
spurlos. 

Nothwendig, ja lebensrettend ist mitunter die massive Ueber- 
sehwemmung des Organismus durch ein passendes Medikament, 
gewarnt werden aber muss im Unterricht vor der gedankenlos 
schematischen Anwendung grosser Dosen, wie sie leider heut¬ 
zutage noch oftmals das “ und w der therapeutischen Thätig- 
koit bildet. Der in unzweckmässiger Weise durch grosse Arznei- 
Hosen geschädigte Patient wird Propagandist der That für die 
Homöopathie. 


Aerztliche Standesangelegenheiten. 

Nochmals das Versicherungswesen der deutschen 

Aerzte! 

T r 1 e s d o r f, 29. November 1901. 

Auf's Nachdrücklichste wurde ln No. 45 dieser Wochenschrift 
nl*s Entgegnung auf den Artikel „gutta cavat lapidem“ in 
No. 40 desselben Blattes darauf hingewiesen dass man auf dem 
Wege der berufsgenossenschaftlichen Selbsthilfe durch Anschluss 
an ilio bereits ad hoc bestehende Yorsichorungskasse für die 
Aerzte Deutschlands der bereits sichtbar im Gange befindlichen 
uu«l voraussichtlich sich rasch steigernden Verelendung unseres 
Standes und deren traurigen Folgen auf dem ethischen Gebiete 
>M*gegnen müsse und könne. Es berührt viele Standesgeuosscn 
von Einsicht peinlich, zu sehen, dass das Bcamtenthum und die 
Arlieiterschaft schon längst sich der Errungenschaften des mo¬ 
dernen Versicherungswesens erfreuen und dass auch andere 
Stände tz. B. die deutschen Erzieherinnen und die Genossenschaft 
der deutschen Bühnenangehörigen) es trotz der geringeren Leist¬ 
ungsfähigkeit ihrer Mitglieder zu einer so grossartigen Entwick¬ 
lung Ihres Versicherungswesens (seit etwa 1880) gebracht haben, 
während das analoge, gleiehaltcrige Unternehmen für die Aorzte- 
seliaft, welche doch noch Im Grossen und Ganzen kapitalkräftiger 
Ist und auf dem Gebiete des Versicherungswesens auch schon «less- 
wegen weit voraus sein sollte, weil die Aerzte, tagtäglich Elend 
und Notb unverhüllt mltanschnuuend und durch das Versiche¬ 
rungswesen der Arbeiterschaft, Pensious- und Untorstützungs- 
we-sen der Beamtenschaft orientirt, sich am ersten mit dem Yer- 
Hb-herungsgedanken hätte vertraut machen sollen, nur geringe Fort¬ 
schritte machen konnte und nur recht lau oder gleich gar nicht von 
den t>erufenen Vertretungen gefördert wurde, obwohl diese dafür 
nielit» Besseres vorzuschlagen wussten, als endlich nach vielen 
Jahr*?« — Zwangskasseu, ohne Irgend welche Andeutung über 
Organisation etc., machen zu können. Man hat also bisher nichts 
w eiter, als ein neues Schlagwort gefunden, befindet sich in nebel¬ 
hafte«” Unklarheit über das „Wie“ und „Womit“, und stellt uns 
einstvweJlen einen werthlosen Wechsel auf die Zukunft aus, nach¬ 
dem 9Chou Jetzt ein unverhüllbarer Nothstaud herrscht. Oder ist 


etwa gar ln unseren Kreisen die Alltagsnoth, verursacht durch den 
vorzeitigen Tod des Ernährers oder durch anhaltende Erwerbs¬ 
unfähigkeit in Folge von Krankheit und Unfall desselben, etwas 
seltenes? Welcher Kollege hat nicht schon Gelegenheit gehabt, 
bei alternden Kollegen die Sorgen der Altersinvalidität kennen zu 
lernen, welche gerade dann sich cinstellt. wenn die Versorgung 
und Ausbildung der Kinder (auf Gymnasien und Universität etc.i 
betbütigt werden sollte? Vergesse man nicht, dass viele Aerzte 
auf dem Lande leben und hohe Ausbildungskosten für die liernn- 
wnehsenden Kinder tragen müssen. Ist es ferner nicht ein¬ 
leuchtend. dass die Folgen der Ueberftillung unseres Standes, 
zu dem sich täglich neue Schleussen öffnen, bedeutend gemildert 
werden könnten, wenn die Aerzte, besonders die Landärzte, mit 
etwa (50—05 Jahren ln die Lage kämen, sich von ihrer strapaziösen 
Tliätigkoit zurUckzuziehen und auf Grund ihrer versicherten 
Pension einen ruhigen Lebensabend zu geuiossen? Bisher mussten 
und müssen sich die meisten unserer Kollegen schinden und 
lilagen, bis sie zusammeubrechen und der Herr Stellvertreter die 
älteren Kollegen ablöste und verdrängte. Erst dann gibt es 
als ultimum refuglum — ohne jeden Rechtsanspruch! - — deu In- 
validommtorstützungsverein, welcher bei der Freiwilligkeit des 
Beitrittes und einem Minimalbeitrag von fünf! Mark — die Wohl- 
begüterten sind meist erst recht hartgesotten und gehen nicht 
dariilior hinaus — nur über beschränkte Mittel verfügt und nur 
Wenigen ausreichende Unterstützung geben kann, und auch dieses 
nur auf Grund eines Dürftigkeitsattestes und auf 
ausdrückliches B i 11 en. Dieser Zustand ist fernerhin ein 
unhaltbarer, da die Gesuche sich bald progressiv mehren werden. 
Es soll daher jeder Arzt bei Zeiten seine Aufnahme in eine seiner 
Leistungsfälligkeit entsprechend hohe Versicherung gegen die 
Folgen der Unfälle, Krankheiten, des Alters und der Invalidität 
bethätigen können und von vereinswegen (wenn er Mitglied Ist) 
auch bethätigen müssen (da Jeder Arzt freiwillig zum Verein 
kommt, ist hier also eigentlich kein Zwang gegeben): mit anderen 
Worten, es soll jeder Arzt einer ausreichenden Schutz bietenden 
berufsgeuossensehaftlielien Rechtskasse angehören und nicht auf 
Unterstützung und Bettel, alias Wohlthiitigkeit, angewiesen sein. 
Nachdem nun aber dieses Institut bereits ad hoc gegründet und 
ausgebaut ist, sollte man meinen, dass es nicht nochmals neuer 
Experimente und Versuche und langwieriger Discussionen 
hierüber, sowie neuer Gründungen bedarf, sondern, dass 
der Anschluss der rückständigen Vereine an das schon 
vorhandene, über ganz Deutschland ausgedehnte Institut 
etwas Selbstverständliches sei. Das heranwneliseude Geschlecht 
und die Jüngeren Mitglieder unserer Vereine müssen durch diese 
und die Aerzteknmmorn, durch maassgebeiide Persönlichkeiten 
soweit in der Erkenntniss ihrer Verpflichtungen gegen sich selbst, 
gegen ihre Angehörigen und den ganzen Stand gefördert werden, 
dass sie sich ihren Verhältnissen entsprechend bei der allgemeinen 
Verslehernngskasse versichern lassen. Ein morallclier Zwang auf 
Vereinsmitglieder ist nicht zu verwerfen und die Macht der Ge¬ 
wohnheit und das gute Beispiel wäre hoch anzuschlagen. Nie¬ 
mals wird sich aber etwas Erspriessliches ergeben, wenn man auf 
dein Wege des direkten Zwanges auf alle Aerzte des Landes, unter 
Assistenz des staatlichen Polizeibüttels, eine derartige Einrichtung 
schaffen wollte. In unserer eisernen Zeit, wo dom Aerztestande 
von den übrigen Ständen, Inbesondere demjenigen der Verwal- 
tungs- und Justlzbeamten, welche man als unsere Schergen und 
Büttels anzunifen nur zu geneigt erscheint, so wenig sachliche 
Förderung und Sympathie zu Theil wird, tliut vor Allem Einig¬ 
keit und Opferfreudigkeit Aller notli. Diese wird aber nleht durch 
Vereins- und Kammerbeschlüsse unter staatlicher Assistenz er¬ 
zwungen. sondern die gnisse Nothlage wird von selbst die Zögern¬ 
den und Superklugen zum Versichernngsgtslanken und schliesslich 
zur freiwilligen Versicherung Aller führen. Es sollen nur einst¬ 
weilen die Vereine, rosp. die organisirten Aerzte den Anfang 
machen und ein gutes Beispiel geben! Wollten die bundesstaat¬ 
lichen Organisationen Zwangskassen gründen, welche allen Uebeln 
des Standes steuern sollten, also Pensious-. Invaliditiits-. Unfall-, 
Kranken-, Wlttwen- und Walsenversicherungen sein müssten, so 
wäre zwar dies nicht unbedingt unausführbar, jedoch so schwierig, 
kostspielig und schwerfällig, dass man wohl schon nach einem 
Dezennium bereuen wird, den Wald vor lauter Bäumen nicht ge¬ 
sehen zu haben, d. h. nicht der bereits ad hoc in Voraussicht der 
Dingo von Wohlthätem unseres Standes gegründeten Kasse, der 
Yorsicherungskasse der Aerzte Deutschlands, sich a»geschlossen 
zu haben. Vor Allem steht dem Zwangskassensystem der Umstand 
entgegen, dass sich bei den vielen deutschen Bundesstaaten eine 
heillose Polymorphie dos Unterstützungswesons entwickeln würde, 
dass bei «ler Freizügigkeit der Aerzte es ungemein schwierig 
würde, bei dem jeweiligen Verzüge eines Kollegen in einen Nach¬ 
barstaat dessen Ansprüche an die frühere Zwangsknssc zu regeln 
oder dorthin zu übertragen. Ein Zwang ist durchführbar gewesen 
bei der Arbeitorversieherung. da diese Gesetze für das ganze Reich 
gelten und also kein Arlioitor heim Ortswechsel etwas verlieren 
kann: ebenso ist der Zwang den Beamten gegenüber durchführ¬ 
bar. da diese durch Dlsciplinargewalt d«*s Einzelstaatcs. Gehalts- 
bezug. Stellung an ihr engeres Vaterland gekettet bltdhcn, welches 
daher mit Leichtigkeit und vollem Rechte die Kosten fiir Pension, 
d. h. Krankheitsnnfall. Invalidität und Todosfallversiohorung 
direkt vom Gehalte abzioht. und Ihrem Zwecke zuführt. Für die 
Aerzteseliaft aber ist ein für das ganze Reich gütiges Vorsiclio- 
rungsgesetz nicht m«>lir durchführbar, ferner meist keine Besol¬ 
dung. von welcher man die hiezu nötlilgen Summen abziohon 
könnte (von Staatswegen), drittens kein fester Wohnsitz, wenig¬ 
stens inntTbalb eines einzigen, zu bestimmenden Bundesstaates 
anweisbar, so dass ein Ausgleich resp. Konflikt der Zwangskasseu 


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30 


MTTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1. 


der verschiedenen Staaten und eine Schädigung der Versicherten 
vermeidbar bliebe. Vollends muss aber der Zwang ln Versiche- 
rungssacben daran scheitern, dass 1. schon viele Kollegen ander¬ 
weitig gut versichert und 2. durch Vertrauensarztstellungen bei 
den vielen schon bestehenden Versicherungsgesellschaften an diese 
moralisch und finanziell gebunden sind. Sollen Erstere die Ver¬ 
sicherung aufgeben oder zu höherer anderweitiger gezwungen, und 
Letztere in ihrer Existenz gefährdet werden? Endlich ist ein Thoil 
der Aerzte (Amts- und Militärärzte, Universitätsdocenten) bereits 
staatlich peuslonsberechtigt und könnte nicht wieder einbezogen 
werden, so dass gerade diese besser situirten Kreise mit ihrer ge¬ 
sicherten Stellung den Zwangskassen ferne blieben. Ein weiteres 
grosses Bedenken flösst mir die künftige aut zünftige Zwaugskasse 
noch in der Hinsicht ein, dass nicht alle Aerzte gleiche Ansprüche 
haben und auch machen oder bezahlen können. Der eine möchte 
und kann nur das Geld für eine Tagesentschädigung von 5—10 M. 
im Verletzungs- oder Krankheitsfälle aufwenden, er könnte nur 
die Kosten einer Alters- und Invalidenpension von 1000 M. er¬ 
schwingen. Ebensowenig verträgt sein Geldbeutel die Kosten 
einer höheren Wittwen-Waisenpension. Der Andere hat vermöge 
seiner Stellung, seines augenblicklichen Vermögens (kann aber 
heutzutage leicht verloren werden) und seiner Einnahme viel 
(3—4 mal) höhere Ansprüche. Eine goldene Mitte ist also hier 
nicht zu finden. Sollen die Steuerverhältnisse den Maassstab für 
die Kosten der Beiträge zur Zwangskasse und Höhe von deren 
Gegeideistung abgeben? Oder bekommt Jeder die gleiche Rente 
oder Tagesentschädigung, mag er nun viel oder wenig beigetragen 
haben? Ich glaube, man hat sich bei den Freunden der Zwangs¬ 
kassen noch gar keinen rechten Begriff über den Ausbau derselben 
gemacht und wird auch schwer etwas Sachdienliches Vorschlägen 
können. Käme wirklich eine Kasse zu Stande, so würde es jeden¬ 
falls mit der Freizügigkeit der Aerzte nach und nach zu Ende 
gehen, da sie ohne Schaden und Schererei nicht ziehen können und 
jedenfalls wäre eine variable Abstufung der Entschädigungen, 
hier besser Unterstützungen, nach Lebenshaltung und Einkommen, 
resp. je nach Beitrag, oder, bei stets gleichen Beiträgen, Unter¬ 
stützungen in gleicher Höhe für Alle auf die Dauer nicht gut durch¬ 
führbar. Es wäre da denn doch die Verstaatlichung der Praxis 
mit Pensionsanspruch noch besser und leichter ausführbar. Oder 
hat man nur vor. In Nothfällen zu unterstützen und die alte 
Almosenfretterei fortbesteheu zu lassen? Will man etwa für die 
bisherigen Kassen einfach höhere Beiträge (etwa 50 M.) erheben, 
damit man den gesteigerten Ansprüchen genügen kann? Nach 
kurzerZeit wird dann wieder eine Steigerung der Beiträge kommen, 
da wir erst am Anfänge der Krisis uns befinden. Wenn mau nur 
so halbe Maassregeln will, so sage man es frei heraus! Das, was 
wir prakt. Aerzte, zumal die auf dem Lande lebenden und nicht 
beamteten, wollen und brauchen, ist eine frei Rechtskasse, welche 
jedem variablen Ansprüche gerecht wird und auf der Basis von 
Leistung und Gegenleistung beruht, also Aussicht auf gesicherten 
Fortbestand bietet, welelie im ganzen Reiche zugänglich ist, also 
eine einheitliche Organisation besitzt und nach einheitlichen Tarifen 
versichert. Selbst wenn man dies Alles auf bundesstaatlichem 
Wege durch Kammerbesehlüxse zu Wege bringen könnte — was 
ich aus versicherungstechnischen Gründen für unmöglich halte —, 
so würde dies doch eine ungeheuere Neuarbeit und grosse In- 
stallations-(Bau-)kosten erheischen und die Beiträge, liier also 
Zwangsbeiträge, müssten in ganz ansehnlicher Höhe, also that- 
süclilich doch auch geleistet werden. Wollte man z. B. eine In¬ 
validen- und Altersrente von nur 1000 M. jedem jetzt etwa 
40 jährigen Arzt gewährleisten, so wäre als Beitrag alljährlich 
etwa 150 M. zu leisten; 2. für Kranken- (5 M. pro Tag), Unfall- 
und Sterbegeld (400 M.) wären weitere 100 M. Beitrag erforderlich 
(rund!); 3. für Pension der Wittwen und Waisen in standes- 
gemässer Höhe müssten wieder 00—SO M. erhoben werden. In 
toto müsste also selbst der kleine Mann jährliche Beiträge von 300 
bis 350 M. aufbringen. Man sieht daraus, dass selbst die ideale 
Zwaugskasse, welche gründlich helfen soll, jedem Mitgliede hohe 
Kosten zumuthen muss. Thatsächlich geht dies auch gar nicht 
anders, mag man sich hinwenden, wohin man will. Was man 
eben nicht in eine Kasse liineiubezahlt, kann man nicht aus ihr 
nehmen. Alles ist nur erspartes Geld plus Zinsen minus Unkosten. 
Jeder Einsichtige kommt daher einmal zu dem Schlüsse, dass 
das Alles, was man nochmals jetzt durch Kammerbeschlüsse neu 
gründen will, unnütliige Arbeit erheischt und dass man am besten 
gleich jetzt schon auf die bereits vorhandene Basis des ärztlichen 
Versicherungswesens zurückkommen sollte, d. h.. dass man unter 
Wahrung der individuellen Freiheit sich der Versicherungskasse 
für die Aerzte Deutschlands anschliesst, welche zu ihrem er¬ 
habenen Zwecke bereits zu einer Zeit von opferfreudigen, in die 
Zukunft schauenden Kollegen gegründet und mit Stiftungen be¬ 
dacht wurde, als die meisten Änderen sorglos dahin lebten, und 
welche ein um so mächtigeres Gebäude darstellen wird und um 
so mehr Segen stiftet, je mehr die Vereine und Kammern sich 
ihr nnschliessen. Die bisher bestehenden Wohl fall rts- und Unter¬ 
stützungskassen sollen jedoch durch unsere allgemeine Ver¬ 
sicherungskasse nicht in ihrem Bestände und Wirkungskreise 
alterirt werden; sie werden auch fernerhin segensreich sein und 
weiterbestelieu, bis sie durch die endlich erreichte Versicherung 
aller Aerzte entlastet und anderen humanitären Zwecken in 
unserem Stande zugeführt werden können. Man begehe also 
keinen Rückschritt und eigne sich unsere, d. h. die Versicherungs¬ 
kasse für die Aerzte Deutschlands, fertigen Resultate an. Neue 
Experimente sind, wie gesagt, gefährlich und kostspielig; dabei be¬ 
steht noch überdies die Gefahr, dass die Sanirung unseres Standes 
auf Jahrzehnte hinausgeschoben würde, bis man dann endlich doch 
sich dazu bekehrt, das Heil bei einer allgemeinen deutschen Rechts¬ 


kasse zu suchen, welche allein unserer Standeswürde entspricht, 
unsere socialen Fragen löst und uns einen gewaltigen Machtfaktor 
im Staatsleben verleiht. Den Zweiflern und Kleingläubigen rufe 
ich zu, dass wir bisherigen Mitglieder der Versicherungskasse die¬ 
selbe niemals aufgebeu werden, dass dieselbe tx - otz alledem ihren 
Zuwachs finden wird, auch wenn es zu Zwangskassen kommen 
sollte, da sie eine Naturnothwendigkeit ist, und dass der gesunde 
liberale Gedanke, der ihr zu Grunde gelegt ist, niemals unter¬ 
drückt werden kann, sondern endlich siegen muss. Wollten doch 
daher alle Vereine, denen ich ja auch pieinen vorigen Aufsatz iu 
No. 45 direkt zusandte, nunmehr aktiv in die Bewegung eiugreifen. 
der Versieherungskasse als stiftende Mitglieder beitreten uiul 
auf ihre Mitglieder belehrend einwirken. Vergesse man aber nicht, 
dass man nicht ernten kann, wo man nicht gesäet hat. Lasse 
es kein Verein, auch der kleinste nicht; lasse es kein Arzt, auch der 
beschäftigste und bestsituirte nicht, an Opferfreudigkeit und Mit¬ 
arbeit au der Besserung unserer socialen Lage fehlen, dann wird 
in Bälde das von Vielen ersehnte Bollwerk entstehen, an welchem 
sicli die Wogen der Alltagsnotli und Sorge um die Zukunft unser 
selbst und unserer Angehörigen brechen müssen, und welches 
uns es ermöglicht, im erhabenen gemeinsamen Ziele alle ärztlichen 
Vereine in Nord und Süd und Ost und West und in den Kolonien 
unseres Vaterlandes fest zusammenzuhalten und zu künftigen 
Aufgaben vorzubereiten und stark zu machen. 

Per aspera ad astra! 

Dr. W. Hecke 1, prakt. Arzt in Triesdorf I. 

Anmerkung: Die genauere Kenntniss Alles von mir An¬ 
geführten kann sich jeder Ivollega, welcher sich löblicher Weise 
dafür interessirt und darüber informiren will, aus den Drucksachen 
der Versieherungskasse der Aerzte Deutschlands (Berlin NO.. 
Landsbergerplatz 3) direkt verschaffen und zwar gratis, wofern er 
Zeit und Lust dazu hat. 


Referate und Bücheranzeigen. 

E. G. Orthmann-Berlin: Vademecnm für histopatho- 
logisclie Untersuchungen in der Gynäkologie. Für Aerzte und 
Studirende. Mit 73 Abbildungen. Berlin 1901, S. Karger. 

Die Mehrzahl der Uteruskarzinome gelangt zu spät für eine 
Radikaloperation in die Hände des Gynäkologen. Winter 
u. A. haben mit vollem Rechte darauf hingewiesen, da** 
eine Verbesserung der gynäkologischen Karzinom-Statistik vor 
Allem in der Hand der praktischen Aerzte liegt. Wenn jede 
abnorme Blutung zu einer sofortigen makro- und mikroskopischen 
Untersuchung führt, werden wir ungleich mehr Fälle radikal 
operiren können und auch dauernd rezidivfrei sehen. Auf dem 
Wege der jüngsten abdominalen Radikaloperation gelingt 
es sogar, die erkrankten Parametrien und die retroperitonealen 
Lymphdriisen mit zu entfernen. Zweifellos tragen einen grossen, 
wenn nicht den grössten Theil der Schuld an der Inoperabilität 
der meisten Karzinome dio messerscheucn Frauen selbst, welche 
oft lieber den Qualen des Karzinoms erliegen, statt sich durch 
eine Operation heilen zu lassen. Und doch ist die Mortalität 
der vaginalen Totalexstirpation kaum grösser als die einer glatten 
Ovariotomie. 

An uns Aerzten liegt cs. die Frauen über Nothwendigkeit 
und Nutzen der Operation bei dieser entsetzlichsten aller Krank¬ 
heiten aufzuklären und unsererseits mit allen Mitteln nach einer 
frühzeitigen Diagnose zu trachten. Zu diesen Mitteln 
gehört ebenso die Untersuchung durch Abtasten und Besichtigen 
der Portio etc. als die mikroskopische Untersuchung ex- 
zidirtcr oder ausgeschabter Gewebestiickchen. Wenn auch nicht 
jeder Arzt dazu die Zeit und die Vorrichtungen hat, so kann 
er doch an Kliniker oder Spezialärzte solche Probestückchen zur 
Untersuchung schicken. Unbedingt anzustreben aber ist das 
Ziel, dass jeder Arzt selbst solche und ähnliche mikroskopische 
Untersuchungen anstellen lerne. Wer das Büchlein O.’s studirt. 
wird sicli leicht dazu die nöthigen Kenntnisse technisch und 
diagnostisch aneignen. Ist doch O., dem wir eine Fülle werth- 
voller mikroskopischer Arbeiten verdanken, einer der Berufensten 
zur Abfassung eines solchen Führers. 

In Wort und Bild klar, bündig, leicht verständlich, in der 
Ausstattung tadellos — so empfiehlt das Büchlein sich selbst. 

Gustav Klein- München. 


Prof. Pieniazek: Die Verengerungen der Luftwege. 

Leipzig und Wien bei Franz Deut icke, 1901. 503 Seiten. 
Preis 12 M. = 14.40 Kronen. 

Der durch seine früheren Arbeiten bereits rühmlichst be¬ 
kannte Verfasser hat es in dem vorliegenden Werke unter¬ 
nommen, die Verengerungen der Luftwege im Zusammenhang 


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7. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


31 


und in monographischer Weise zu bearbeiten, wozu er nament¬ 
lich das reiche Material in Krakau resp. Oesterreichisch-Polen 
verwerthete. Da es unmöglich ist, den ganzen Inhalt in einem 
kurzen Referate wiederzugeben, können nur einzelne besonders 
wichtige Punkte herausgegriffen werden. Verf. beginnt mit den 
Verengerungen des Rachens und hält, da er keine Blutung dabei 
gesehen, die Exstirpation der Mandel während einer akuten Ent¬ 
zündung, die Atliemnoth macht, für berechtigt. Besonders aus- 
fiihrlich ist das Kapitel Kehlkopfverengerungen be¬ 
handelt; vor allen Dingen betont P. die Thatsache, dass Be¬ 
wegungen des Kehlkopfes bei Verengerung desselben fehlen und 
bei Trachealstenose auftreten können, worin er mit seinem 
Lehrer Schrötter übereinstimmt; sehr detaillirt sind die 
chirurgischen Eingriffe bei Kehlkopf Stenosen geschildert, nament¬ 
lich die Tracheotomie, die Laryngofissur, dio Pharyngotomia 
subhyoidea, das Decanulement und die Verheilung der Tracheal- 
fistel, ferner die Veränderungen, welche in der Luftröhre durch 
das Tragen einer Kanüle hervorgerufen werden. Unter den Ver¬ 
engerungen der Luftröhre werden besonders die Syphilis, Tuber¬ 
kulose, das Sklerom, die Neubildungen, sowie die Kompressions¬ 
stenosen besprochen, sowie die Verletzungen und Fremdkörper. 
Den Schluss des Buches bilden die Verengerungen einer oder 
beider Hauptbronchien, sowie der Bronchialverzweigungen. Das 
ganze Werk erhält durch Mittheilung interessanter Kranken¬ 
geschichten einen äusserst lebendigen Charakter und kann so¬ 
wohl den Internisten als auch den Chirurgen bestens empfohlen 
werden. Prof. Scheck. 

Graefe-Saemisch: Handbuch der gesammten Augen¬ 
heilkunde. Leipzig 1901, W. Engelmann. Zweite neu be¬ 
arbeitete Auflage. Preis der Lieferung 3 M., für Subskribenten 
2 Mark. 

XXIT. Kapitel, 26.—28. Lieferung. Die klassische Bearbeitung 
des Kapitels der Beziehungen der Allgcmeinleiden und Organ¬ 
erkrankungen zu Veränderungen und Krankheiten des Sehorgans 
von Förster in der 1. Auflage haben in der 2. A. G r o e n o u w 
und W. U h t h o f f übernommen. Die bisher erschienenen 3 Lie¬ 
ferungen bringen aus der Feder des ersteren Autors die Bezieh¬ 
ungen der Erkrankungen der Athmungs- und Kreislaufs-, Verdau¬ 
ung»-, Harn- und Geschlechtsorgane. Bei den letzteren nimmt 
die Besprechung der Erkrankungen der weiblichen Geschlechts¬ 
organe den grössten Raum ein und schliessen sich hier noch 
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett und Laktation an. 
Bei Besprechung der Harnorgane tritt die Retinitis albuminurica, 
speziell die der Schwangeren, in den Vordergrund des all¬ 
gemeinen Interesses. Mit ausserordentlicher Sorgfalt und un- 
gemeiner Literaturkenntniss sind überhaupt alle Momente be¬ 
rücksichtigt und geprüft, welche ein Abhöngigkeitsverhältniss 
des Augenleidens von den genannten Organerkrankungen und 
umgekehrt begründen lassen. Auch die Therapie ist voll ge¬ 
würdigt. 

I. Kapitel, 29.—31. Lieferung. Diese 3 Lieferungen des vor¬ 
trefflichen Sammelwerkes bringen von berufenster Seite die 
Makroskopische Anatomie des Auges von F. Merkel und 
E. K a 11 i u s , Professoren in Göttingen, von welch’ Ersterem 
dieser Abschnitt schon in der ersten im Jahre 1874 erschienenen 
Auflage bearbeitet worden ist. Bei der Neubearbeitung wurde 
nicht nur der Inhalt, sondern auch die äussere Ausstattung be¬ 
rücksichtigt. Alle Maasse wurden berichtigt, die Varietäten 
haben eine Ergänzung erhalten und technisch besser ausgeführte 
Abbildungen, zum Theil aus M e r k e l’s mustergiltigem Hand¬ 
buch der topographischen Anatomie entnommen, wurden ange¬ 
fügt. Wenn auch schon in die 1. Auflage aufgenommen, sollen 
doch die topographisch-anatomische Darstellung des Foramen 
nervi optici und oculomotorii mit den vom letztgenannten Autor 
zuerst exakt und richtig beschriebenen Ursprüngen der Augen¬ 
muskeln, sowie die vortreffliche Beschreibung des Faszien¬ 
apparates der Augenhöhle als besonders gelungen hervorgehobeu 
werden. S e g g e 1. 

A. Delbrück, Direktor der Irrenanstalt in Bremen: 
Hygiene des Alkoholismus. Mit 10 Kurventafeln im Text. 
85 Seiten. Preis M. 1.85. Jena, Gustav Fischer, 1901. 

Die grosse Bedeutung des Alkoholismus ist endlich von 
weiten Kreisen erkannt worden. Damit ist auch das Bedürfnis» 
nach Arbeiten gestiegen, die zur Orientirung in dem Chaos der 


Alkoholliteratur dienen können. Die ersten Bahnbrecher auf 
diesem Gebiete waren Nicht-Aerzte, ja zum Theil nicht einmal 
wissenschaftlich gebildete Leute. Vielleicht desslialb laufen 
immer noch eine Menge von unbeglaubigten Behauptungen durch 
diese Literatur und ihre Sichtung ist ein grosses Stück Arbeit. 
Auf therapeutischem Gebiete hat vor Kurzem Rosenfeld 1 ) 
eine kritische Zusammenstellung gemacht. Die übrigen Fragen 
behandelt nun Delbrück in dem vorliegenden Schrifteilen. 
Dasselbe gibt eine klare und nüchterne Darstellung des wich¬ 
tigsten Materials in Bezug auf die Alkoholfrage mit genauer 
Quellenangabe und objektiver Kritik. 

Wir finden darin Tafeln über den Alkoholkonsum in den 
verschiedenen Staaten, eine Besprechung der sozialen und in¬ 
dividuellen Ursachen des Alkoholismus, der Wirkung des Alkohols 
auf Körper und Geist und endlich eine Diskussion der zur Ab¬ 
wehr und Behandlung empfohlenen Mittel. Dass nach Verfasser 
unter den letzteren nur ein kecker Bruch mit den liebgewordenen 
Trinksitten Aussicht auf Erfolg bietet, wird vielleicht manchem 
Anfänger noch nicht ganz einleuchten. Da aber keine gründ¬ 
liche Studie zu einem anderen Resultat gekommen ist, wird 
Verfasser wohl Recht haben. 

Der Alkoholismus bildet zur Zeit die grösste Gefahr für die 
zivilisirten Nationen. Seine Bekämpfung ist eine der wichtigsten 
Aufgaben der nächsten Zukunft. Es ist Pflicht der berufenen 
Hüter der Volkskraft, endlich einmal dazu Stellung zu nehmen 
— aber nur, nachdem sie sich in die Materie hinein gearbeitet 
haben. Das Buch D e 1 b r ü c k’s ist ein ausgezeichneter Weg¬ 
weiser hiezu. Wer den Weg bereits kennt, dem wird es neben 
Hoppe 2 ) das bequemste und namentlich das zuverlässigste 
Nachschlagebuch sein. Bleuler - Burghölzli. 

Neueste Jouraalliteratur. 

Zeitschrift für klinische Hedicin. 1901. 44. Bd. Heft 
3 und 4. 

10) R o t li m a n n - Berlin: Die Erregbarkeit der Extremi¬ 
tätenregion der Hirnrinde nach Ausschaltung cerebrospinaler 
Bahnen. 

Verf. schaltete auf operativem Wege bestimmte Bahnen ln 
Rückenmark oder Medulla oblongata aus und untersuchte nach 
einigen Wochen die Erregbarkeit der motorischen Hirnrindeu- 
regionen mittels elektrischer Reizung. Die faradIsche Erregbar¬ 
keit deckt sicli zwar insofern nicht ganz mit der funktionellen 
Leitung, als diese noch bei aufgehobener elektrischer Reizbarkeit 
fortbestehen kann. Doch entspricht faradische Erregbarkeit von 
der Hirnrinde aus stets einer motorischen Leltungsbahu und im 
Verein mit klinischer und anatomischer Untersuchung ist man 
durch sie im Stande, den Mechanismus der motorischen Funktion 
zu erkennen. 

In der Thierreihe ist die elektrische Erregbarkeit der korti¬ 
kalen Extremitiitenregion schon vor dem Auftreten der Pyramiden¬ 
bahn vorhanden und wird z. B. bei Vögeln übeT den Thalamus 
opticus durch mehrere Zwischenstationen zum Rückenmark ge¬ 
leitet. Auch beim Igel ist die noch wenig ausgebildete Pyramiden- 
bnhn funktionell noch unwichtig. Erst bei höheren Säugethieren 
gewinnt sie immer grössere Bedeutung. Die Versuche des Verf. 
betreffen Munde und Affen. Bei Kaninchen, Katzen und Hunden 
ist die Pyrnmidenbahn der alten, in mehrere Neurone getlieilten 
Bahn ebenbürtig, so dass zur Aufhebung der Rindenerregbarkeit 
die Ausschaltung beider Bahnen erforderlich ist. Belm Affen ist 
sie derartig übermächtig, dass nach ihrer Ausschaltung nur zwei 
kleine Stellen der Extremitätenregion ihre faradische Erregbar¬ 
keit bewahren, im Wesentlichen die Stellen der Finger- und Zehen¬ 
bewegungen. Beim Menschen ist die alte Bahn zwar noch vor¬ 
handen (Monako w’sches Bündel), aber an Bedeutung wahr¬ 
scheinlich vollkommen hinter der Pyramidenbahn zurücktretend. 

11) Wenckebach - Groningen: Zur Analyse des unregel¬ 
mässigen Pulses. IV. TJeber Pulsus altemans. 

Die Pulskurve eines 70 jährigen Mannes ohne Herzfehler, der 
nach schwerer Influenza Pulsus altemans hatte, wird sphygmo- 
graphisch analysirt. Die Ursache des Pulsus altemans ist nicht 
ein abnormer Nerveneinfluss, sondern eine Schädigung der Kon¬ 
traktilität des Herzmuskels. Das Herz befindet sich In „hypo- 
d.vnamem“ Zustand und reagirt auf alle nicht absolut gleichmiissig 
eintreffendon Kontraktionsreize, was ja ohne besondere patho¬ 
logische Störungen vorkommt, durch eine kleinere und schnellere 
Kontraktion. Die Pause wird dadurch verlängert und die nächste 
Kontraktion damit wieder kräftiger und mehr Zeit beanspruchend. 
Mit dem Pulsus bigeminus hat der P. altemans nichts zu thun. 

12) A s s f a 1 g: Die Verwendung des Methylenblau zur 
Prüfung der Nierenfunktion. (Aus der III. med. Klinik Berlin, 
Geh.-R. Senator.) 


*) Rosenfeld: Einfluss des Alkohols auf den Organismus. 
Wiesbaden 1001. 

*) Hoppe: Die Thatsachen über den Alkohol. II. Auflage. 
Berlin, Calvary 4 Cie., 1901. 


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32 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1. 


Spritzt mau Gesunden 1 eern 5 proz. Mcthylcnhlnulüsung ein, 
so ist die Ausscheidung iui Urin bereits nach >/ 2 Stunde zu be¬ 
merken und hält 35—00 Stunden an. Bei Kranken, namentlich 
Nierenkranken, können sich die Ausseheldungsverhäituisse in ver¬ 
schiedener Weise ändern. Diagnostisch leistet die Methyleublau- 
probe zwar keine grossen, aber immerhin einige Dienste. Sie er¬ 
laubt nicht Schlüsse über das anatomische Verhalten der Niere 
zu ziehen, gestattet aber ein Urtlieil über ihren jeweiligen Funk¬ 
tionszustand. Die Nierenfunktion kann auch ohne anatomische 
Veränderungen erheblich von der Norm abweichen, z. B. bei ner¬ 
vösen Störungen. 

13) II i r s c li f e 1 d e r - Berlin: Ueber Vergrösserung der 
Hände und Füsse auf neuritischer Grundlage. (Aus dem stiidt. 
Krankenhaus Moabit, Abtheiluug Prof. Goldscheide r.) 

Zwei Patienten mit Oesophaguskarzinom und ein phthisischer 
Tabiker litten an bedeutender symmetrischer Vergrößerung der 
Hände und Füsse mit Missbildung der Nägel. Es bestanden exa- 
zerbireude Schmerzen und intenulttireudes Oedem. Von Pierre 
M u r i e's Osteoarthropathie hypertrophiaute, an welche die Fälle 
sehr erinnerten, war die Krankheit verschieden durch das gänz¬ 
liche Fehlen von Veränderungen am Knochen. Die Verdickung 
betraf bloss die Weiehtheile, speziell die Haut. Im dritten Fall 
war nach der Obduktion mit Sicherheit eine Neuritis interstltiulis 
der grossen Nervenstünmie zu erkennen. Diese bisher noch nicht 
mit Sicherheit beschriebenen Krankheitsbilder sind am besten als 
„Dennatohypertrophia vasomotoria" zu bezeichnen. 

14) (Ilion, Pfeiffer und Sederl-Wien: Der Micro- 
coccus catarrhalis (R. Pfeiffer) als Krankheitserreger. 
(Aus dem patliol.-anat. Institut Prof. Weichselbaum und 
der IV. mediz. Abtheilung des allgem. Krankenhauses, Dozent 
Kovi e s.) 

Der Mieroeoccus catarrhalis ist ein dem Mieroe. gonorrhoeae 
und dem We i c li s e 1 b a u m'schen Meningokokkus nahestehender 
Mikroorganismus, der für Mäuse, Meerschweinchen und Kaninchen 
schwach virulent ist. Er wurde in einer Serie von 132 Fällen 
von Lungen- und Bronchinlerkrankungen 81 mal isolirt. Er ist 
wahrscheinlich im Stande, sowohl einfache Bronchitis wie lobu¬ 
läre und lobäre Pneumonie zu erzeugen. Die Krankheitsbilder 
erinnern an Influenza- oder Pneumokokkeninfektionen. Oft ist er 
auch mit den letztgenannten Krankheitserregern vergesellschaftet. 
Er kommt auch als Saprophyt vor. 

15) S t r a u s s - Berlin: Klinische Beiträge zur Pathologie 
\xnd Therapie der sogen, idiopathischen Oesophaguserweiterung 
(„sackförmige Oesophaguserweiterung ohne anatomische Ste¬ 
nose“)- (Aus der III. med. Klinik, Prof. Senator.) 

Mittheiluug und genaue Analyse zweier Fälle von idiopathi¬ 
scher Oesophaguserweiterung. von welchen der eine zur Autopsie 
kam, der andere durch zweckmässige Behandlung in’s Stadium 
der klinischen Latenz gebracht werden konnte. Die interessanten 
Einzelheiten müssen im Original uaehgelesen werden. Ferner wird 
über einen Fall von Oesopliagus-Lungeutistel berichtet, die auf 
karzinomatöser Basis in Folge Durchbruches in die rechte Lunge 
entstand. Aetiologisch glaubt Verf. die idiopathische Speiseröhren¬ 
verengerung auf angeborene Anomalien oder Disposition dazu zu- 
riiekführen zu müssen. 

10) II ul s maus: Ueber Myelitis im Anschluss an einen 
Fall von Encephalomyelitis disseminata acuta. (Aus dem 
St. Vinzenz-Haus in Köln.) 

Die beschriebene Erkrankung trat im Anschluss an schwere, 
im Kindesalter durchgemachte Masern auf. Es bestanden mul¬ 
tiple sklerotische Herde auf infektiös-myelitiseher Basis. Von 
der multiplen Sklerose, welche ein progredientes Leiden ist, unter¬ 
schied sich der beschriebene Fall dadurch, dass der Prozess seit 
vielen Jahren vollständig zum Stillstand gekommen war. 9 

17) Klemperer und T r i t s e h 1 e r: Untersuchungen über 
Herkunft und Löslichkeit der im Urin ausgeschiedenen Oxal¬ 
säure. (Aus dem Berliner Institut für medizinische Diagnostik.) 

Die Oxalsäure des Urins entstammt grössteutlieils den pflanz¬ 
lichen Bestaudtheilen der Nahrung. Von den in den Gemüsen und 
im Tliee enthaltenen Oxalaten, welche theils im Wasser, theils in 
der Salzsäure des Magensaftes löslich sind, werden ein bis zwei 
Zehntel resorbirt und gelangen als Calciumoxalat durch den Urin 
zur Ausscheidung. Der nicht resorbirte Autheil der Oxalate wird 
durch Durmbakterien zerstört. Ein anderer Tliell der Oxalsäure 
des Urins entstammt der Fleischnahrung, Oxalsäurebllduer sind 
das GlykokoH und sein Derivat Kreatin. Daher wird auch im 
Hunger der Urin niemals oxalsäurefrei. Da auch aus Glykochol- 
süure iin Darm Glykokol frei wird, stammt ein Theil der Urin¬ 
oxalate vielleicht auch aus der Galle. 

Bei der „Oxalurie“ handelt es sich gewöhnlich nicht um eine 
absolute Vermehrung der Oxalate, sondern um eine Verminderung 
ihrer Löslichkeit. Diese wird begünstigt durch stark saure Re¬ 
aktion des Harnes, besonders aber durch hohen Maguesiagehalt 
bei geringem Gehalt an Kalksalzen. Mau erreicht eine ent¬ 
sprechende Beschaffenheit des Urins durch Ernährung mit . viel 
Fleisch, Mehlspeisen und Leguminosen bei Vermeidung von Milch, 
Eiern und frischen Gemüsen, die siimmtlich einen relativ hohen 
Kalkgehalt aufweisen. Durch langdauernde Darreichung kleiner 
Magnesiagaben (2 g Bittersalz täglich) kann man den Magnesia 
gehalt des Urins und damit die Löslichkeit der Oxalate vermehren. 

H. Kerschenstein er. 

Archiv für klinische Chirurgie. 65. Bd., 2. Heft. Berlin, 
Hirsohwald, 1902. 

15) Berndt: Zur Frage der Betheiligung des Periosts bei 
der Muskelverknöcherung nach einmaligem Trauma. (Chirurg. 
Abtheilung des stfidt. Krankenhauses Stralsund.) 


B. konnte 3 einschlägige Fälle opovlren und fand bei eingehen¬ 
der mikroskopischer Untersuchung, dass die Knochenwuelieruug 
jedesmal von einer Verletzung des Periostes ihren Ausgang nahm. 
Eine kritische Sichtung der wenigen in der Literatur publizirteu 
Fälle führt B. zu dem gleichen Resultat: Die nach einmaligem 
Trauma entstellenden Muskelverknöcherungen sind bedingt durch 
eine aktive Thätigkeit dos mit verletzten Perlosts; die Muskulatur 
selbst spielt, eine rein passive Rolle. 

Auf die Frage, ob diese Muskelverknöcherungen als Entztin- 
dungsprodukte oder als Tumoren anzusehen seien, gibt B. keine 
bestimmte Antwort; er betrachtet sie als auf der Grenze zwischen 
Tumor und Entzündung stehend. 

1(!) de Quervain-La Cliaux-de- Fonds; Ueber Itechts- 
lagerung des ganzen Dickdarms und partiellen Situs inversus. 

de Qu. beschreibt den zufälligen Sektionsbefund eine« Falles 
von Rechtslagonmg des Dickdarmes mit Linkslagerung des 
Dünndarmes. Bezüglich der entwicklungsgesehiehtlielien Er¬ 
klärung für diese sowohl als für andere Lagennomalien der Baueh¬ 
eingoweide (unvollständige oder fallende Drehung des Darmes 
im NalHüschlingenstadiuui der ersten FötnJmonate oder Drehung 
in unrichtigem Sinne) muss genauer im Original nachgesehen 
werden. 

17) Fabian: Die Bindegewebshyperplasie im Fibrom und 
im Fibroadenom der Mamma. (Institut für allgemeine Pathologie 
und pathologische Anatomie in Rostock.) 

Eingehende histologische Untersuchung von zahlreichen Fi¬ 
bromen der verschiedensten Körpergegenden und von Fibro¬ 
adenomen führten F. zu dem Resultate, dass diese Geschwülste 
durch Proliferation des Muttergewebes entstehen und nicht durch 
Wachsthum eines „Keimes“ im Sinne der G o li n h e i m’schen 
Theorie. Das Wachsthum <lcr Fibrome erfolgt dadurch, dass das 
Bindegewebe der Nachbarschaft (Fett-Muskel-Fascienbindegewebe, 
Bindegewebe der Gefässwanduugen) successive einer faserigen 
oder faserig-zeiligen Hyperplasie anheimfällt. Eine scharfe Schei¬ 
dung der Bindegewebshyperplasie des Fibroms von einer „Ge¬ 
schwulst“, etwa im Sinne einer die letztere charakterisirenden 
„Autonomie“ oder „Selbständigkeit“, ist nicht möglich. Die Ent¬ 
stellung der Fibrome ist zurückzuführen auf eine durch irgend¬ 
welche Ursache hervorgerufene arterielle Hyperämie; diese führt 
zur Traussudatiou und aus dem Transsudat fallen die Kollagen- 
fasern aus. Durch diesen als faserige Hyperplasie bezeiehneten 
Vorgang entsteht das faserreiche, zellarme Fibrom. Eine Ver¬ 
mehrung der Zellen ist dabei nicht nothwendig; tritt eine solche 
ein, so entstellen je nach der Mächtigkeit derselben allmähliche 
TJebergänge zum Sarkom, das sich demnach hinsichtlich der Ent¬ 
stehung und der Art seines Wachsthums nicht prinzipiell vom 
Fibrom unterscheidet. 


18) J a n o w s k v - Kiew: Zur Frage des Lippenkrebses. 
Klinisches und statistisches Material aus dem Krankenhause 
und Ambulatorium Kaiser Nicolai II. 

Rein statistische Arbeit. Von 71 Operirten wurden 39 Proz. 
dauernd geheilt. 

19) Finkeistein: Beiträge zur Frage der Tuberkulose ,1 

der Lymphdrüsen. (Chirurg. Abtheilung des Oka c h o w'sohei ih 
Krankenhauses für Männer.) ) J\ 

Statistische Bearbeitung von 450 Fällen, ln dra ersten Eiw \ 
wickelungsstadion genügt eine allgemeine Behandlung. Sind aber ^ 
die Drüsen bereits verlöthet, sehr gross und zerfallen, so ist Erfolg 
nur von der operativen Behandlung zu erwarten. Von lokalen 
Mitteln wurde nur durch Wänneapplikntion In leichten Fällen 
etwas erreicht. Boi der Enukleation der Halsdrüsen legt F. auf 
vorherige Freilegung der Vene grossen Werth. Die Verhütung von 
Recldivon nach der Operation ist nur durch allgemeine Behand¬ 
lung und Versetzung in günstigere Lebensbedingungen zu er¬ 
reichen. 

20) K i s s e 1: Ueber die Diagnose der tuberkulösen Peri¬ 
tonitis bei Kindern, auf Grund von 54 Fällen eigener Beobacn», 
tung. (Therapeutische Abtheilung des St. Olga’schen Kind 
krankenliauses in Moskau.) 

Aus den bei 54 Fällen gesammelten Erfahrungen zleltf K. 
folgende Schlüsse: Fast sämmtllche Fälle von spontanem Ascites 
sind tuberkulöse Peritonitiden. Pie tuberkulöse Peritonitis be¬ 
ginnt nur in seltenen Fällen mit heftigen Erscheinungen, meist 
also ganz langsam und unbemerkt: Die Kinder werden scheinbar 
ohne jede Veranlassung mager und blass. Das werthvollste dia¬ 
gnostische Symptom der tuberkulösen Peritonitis ist die Verdickung 
des Bauchfells, die in der Weise bestimmt wird, dass die Bauch¬ 
wand in eine Falte gefasst wird. Die Veränderungen des Bauch¬ 
fells sind häutig weiter fortgeschritten, als man bei den gering¬ 
fügigen objektiven Erscheinungen und dem guten subjektiven 
Beiinden der Kranken vermuthen sollte. 

Das Exsudat wird bei der tuberkulösen Peritonitis bei all¬ 
gemeiner tonisirender Behandlung nicht selten von selbst resorbirt, 
so dass völlige Heilung eintritt. Der Laparotomie unterworfen 
wurden 35 Fälle, mit 27 Heilungen. 

21) Spiridonow: Zwei Fälle von Fraktur der Wirbel¬ 
säule in pathologisch-anatomischer und klinischer Hinsicht 
(Pathologisch-anatomisches Laboratorium des Ujasdower Militär¬ 
hospitals in Warschau.) 

Die beiden eingehend beschriebenen Fülle bieten nichts Neue«. 

22) v. C a c k o v i c - Zagreb (Kroatien): Ueber totale Ver¬ 
kleinerung (Schrumpfung) des Magens und über Jejunostomie. 

Zwei als solche diagnostlzirte Fälle von totaler Schrumpfung 
des Magens durch Karzinom, die mittels Jejupostomie behandelt 
wurden, gaben dem Verfasser Gelegenheit, sich eingehend über die 


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oogie 



7. Januar 1902. 


MUENOHENER MEPICTNISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


33 


Diagnose dieses Leidens zu verbreiten. Sie beruht auf folgenden 
Symptomen: Unmöglichkeit, etwas grössere Nahrungsmengen auf- 
zunchmen, häutiges Erbrechen kleiner Quantitäten, unbestimmte 
Magenschmerzen. Obstipation, rascher Kräfteverfall. Die Magen- 
gegeud ist eingesunken, der Magen ist weder durch Palpation, noch 
durch Perkussion nachzuweisen, noch ist er künstlich aufzublühen. 
Die Magensonde kann nur 45—50 cm weit eingeführt werden und 
trifft dann auf Widerstand. Aus dem Magen kann nur wenig In¬ 
halt ausgehoben werden: durch den Schlauch läuft nur wenig 
Flüssigkeit ein. dann bleibt sie im Trichter stehen. 

Die Ursache der Magenschrumpfung Ist fast immer ein 
diffuses Karzinom, dessen histologischer Nachweis aber keines¬ 
wegs immer leicht ist. Ob es auch eine gutartige Form der 
Magenscbrumpfung durch Hypertrophie der Magenwllnde gibt, 
hält v. C. nicht für erwiesen. Die Möglichkeit der Schrumpfung 
durch eine chronische Entzündung, ein Analogon der Lebereirrhose. 
stellt der Verfasser nicht in Abrede, möchte diese aber nicht als 
Hypertrophie aufgefasst wissen. 

Des Weiteren verbreitet sich v. C. über die Therapie, die 
totale Magenresektion und die als Palliativoperation fast allein 
in Betracht kommende Duodenostomie und .Tejnuostomie. Der 
Duodeuostomie nach dem Verfahren von May dl gibt v. U. den 
Vorzug. Die verschiedenen Operationsmethoden, die Indikationen 
und die Resultate der Jejunostomie werden zum Schluss ein¬ 
gehend besprochen. 

Die Arbeit enthält sehr ausführliche Literaturangaben. 

23) Stein: Zur Statistik und Operation der Geschwülste 
des Oberkiefers. (Chirurg. Klinik von v. Bergmann in Berlin.) 

118 Fälle in 10 Jahren, davon 87 operirt. 47 Totalresektionen 
des Oberkiefers mit 14.8 Proz. Mortalität, 23 partielle Resektionen 
mit 1 Todesfall. Die Totalresektion wird von v. Bergmann 
in Narkose ausgeführt nach vorheriger Unterbindung der Carotis 
externa zwischen Thyreoidea sup. und llngualis. 

24) Borchard: Die Desinfektion unserer Verbandstoffe. 
»Chirurg. Klinik von v. Bergmann in Berlin.) 

Die Experimente B.’s richten sich gegen die Behauptung von 
B r a a t z, dass die Sc himmelt) nsch-Lautenschläger- 
sehen Desinfektionsapparate auf Grund falscher Prinzipien gebaut 
und in ihrer Wirkung unzuverlässig seien. Die Resultate B.’s 
stimmen damit nicht überein, sie zeigen im Gegentheil, dass die 
Lauten schlüge r’schen Apparate allen Anforderungen voll¬ 
kommen genügten. Genaueres muss im Original nachgesehen 
werden. 

25) Snegnireff - Moskau: Ein Fall von partieller Re¬ 
sektion der Milz unter Anwendung des Wasserdampfes als Blut¬ 
stillungsmittel. 

Es handelte sich um ein cavernöses Angiom der Milz. Die 
Blutstillung Hess sich durch Wasserdampf mittels verschieden 
geformter Ansatzstücke leicht und sicher bewerkstelligen. 

26) Kleinere Mittheilungen: 

D r e y z e h n e r - Zittau: Ein Fall von Zerreissung der zen¬ 
tralen Sehne des Musculus biceps brachii. 

Der Fall wurde durch Naht geheilt. 

H e i n e k c - Leipzig. 

Centralblatt für Gynäkologie. 1901. No. 51. 

1) P. M a t b e s - Graz: lieber Autolyse der Plazenta. 

Unter Autolyse versteht man die unter Einfluss von 
Enzymen auftretende Spaltung von Eiweisskörpern bei Ausschluss 
von Fäuluiss. Diese Produkte decken sich mit den bekannten 
Produkten der peptischen oder tryptischen Eiweissverdauung. 
Bisher war die Autolyse nur für die Leber, Milz und Muskeln 
bekannt. M. hat die Plazenta daraufhin untersucht und iu 7 
von 10 Fällen positive Resultate erzielt. Diesell>en erklären die 
alte Annahme, dass die Plazenta die von der Mutter zugefühlten 
StofTe durch eine Art Verdauung für den Fötus brauchbar macht. 
Die Fähigkeit des Plazentasaftes, Eiweiss zu spalten, erklärt die 
Passage der Eiweisskörper des mütterlichen Blutes dureh die 
Plazenta in den Fötus. 

2> J. L ö w e n b e r g - Breslau: Doppelseitige Ovariotomie 
(Stieltorsion) bei Schwangerschaft (mens. III—IV). 

Der Fall betraf eine 26 Jährige Multipara, die Im 3. Monat 
der Schwangerschaft mit Erbrechen erkrankte. Grosser Tumor 
im Douglas, der als Ovarialkystom mit Stieltorsion augesprochen 
wurde. Die Laparotomie ergab ein grosses Dermoid mit Stiel¬ 
lorsion einerseits und eine Ovarialkyste andererseits. Ovariotomie 
nnd Resectio ovaril: Heilung. Die Gravidität nahin ihren unge¬ 
störten Fortgang. 

3) H. H e n n e - Schaffhausen: Zur Reposition des Nabel¬ 
schnurvorfalls. 

In einem Falle von irreponiblem Nabelschnurvorfall bei tief 
sitzender Plazenta tamponirte H. die Eiliöhle mit einem in Lysol 
getauchten Tuch, nachdem er die Schlingen reponirt hatte, in 
tiefer Narkose. Nun konnte der Kopf von aussen auf dem Becken- 
eingung flxirt werden, und es erfolgte die Geburt eines lebenden 
Kindes. 

4» A. D ü h r s s e n - Berlin: Eine kompendiöse geburts¬ 
hilflich-gynäkologische Tasche. 

Die vom Medizinischen Waarenhaus in Berlin vertriebene 
Tasche besteht aus brauner Segelleinwand, wiegt 3200 g und kann 
auch auf jedem Rade bequem untergebracht werden. Sie enthält 
ansser Geburtszange und Krnniokiast alle Instrumente für die Ge¬ 
burtshilfe und Gynäkologie. Der Preis beträgt M. 115.20. Alles 
Nähere siehe im Original. 


5) H. F 1 s c h e r - Karlsbad: Eine Intrauterinspritze mit 
Sprayvorrichtung. 

Als Vorzüge der neuen Spritze nennt F. vor Allem die gleich- 
massige Vertheilung der AetziHissIgkeit (Jodtinktur oder 10 lös 
20 proz. (’hlorzinklösung) und das Umgehen einer Dilatation der 
Cervix. Zu haben im Medizinischen Waarenhaus in Berlin. 

J a f f 6 - Hamburg. 

Archiv für Kinderheilkunde. 32. Bd., 5. u . 6. Hofi. 

F. P a s s 1 n i: Ueber 3 Fälle von Lebercirrhose im Kindes- 
altev. (Aus dem Institut für palhol. Histologie des Professors 
Palt a u f.) 

Beschreibung dreier Fälle von Lei>ercirrliose lxü Kindern von 
6, 5nnd 41*) Jahren mit Sektions- und histologischem Befund: die 
Anamnese ergab nichts für die Aetiologie, namentlich keinen 
Alkoholulmsus; als ursächliches Moment kämen vielleicht chro¬ 
nische Autointoxikationeu durch bakterielle Darmgifte in Betracht. 

V. I m m e r w o h 1 - Jassy: Beitrag zur Heilung des Hydro- 
cephalus. 

Für den kongenitalen Hydrocephalus empfiehlt, I. als 
wirksamste Therapie die antiluetische Behandlung mit Jod und 
QmH-ksiliMM - und bringt die Krankenareschiclite eines derartig ge¬ 
heilten Falles, bei dem nach 5 Jahren noch die Heilung als eine 
durchaus gelungene zu konstatiren war. Die zweite Kranken¬ 
geschichte behandelt einen Hydrocephalus nach seröser Meningitis, 
der nach wiederholt ausgeführter Lumbalpunktion zur Heilung ge¬ 
bracht wurde: diesen Eingriff, den I. auch als »ingefährlich lx?- 
zeichnet, schätzt Verfasser als bestes Verfahren beim erwor- 
b e n e n Wasserkopf. 

L. B i 1 i k - Odessa: Zur Pasteurisirung der Milch. (Aus dem 
bakteriol. Institut Pr. G am nie ja ln Odessa.) 

B. verbreitet sich über die Vortheile, die die Pasteurisirung 
der Milch gegenüber der Sterilisation aufweist und beschreibt einen 
von H i p p i u s angegebenen Apparat, der zum Pasteurisiren dient 
und gleichzeitig die Milch trink wann vorrätliig hält: die in ihm 
verarbeitete Mileli enthält das Laktalbumin noch gelöst, die Sapro- 
phyten und pathogenen Keime werden abgetüdtet und der Ge¬ 
sell mack der Milch wenig altorirt. 

J. P o b c h a r y s k i: Zur Frage der Bakteriurie bei Kindern. 
(Aus der Abtheilung für Kinderkrankheiten an der Kaiserl. Uni¬ 
versität zu Charkow. Prof. Ponomarof f.) 

Verfasser untersuchte In 14 Fällen den Harn, sowie Orpm- 
theile der Kinder auf Bakterien. Im Urin sowohl, wie in den Harn¬ 
wegen. im Gewebe der Blas»*. Milz, Ureteren. dos Herzens, Dick- 
darmes fanden sich sowohl säurefeste Mikrol»en. als auch solche, 
die sich auch noch nachfärben Hessen. Es entsteht die Frage, 
ob liier Mischinfektion mit verschiedenen Bakterienarten oder nur 
Polymorphismus eines Mikroben vorliegt, der in verschiedenen 
Entwickelungsstndien bald säurefest ist, bald Verfärbung an- 
niinmt. — Es gelang P. auch, aus Wasser säurefeste Bakterien 
zu züchten, die mit Tuberkulose nichts zu thun haben. Die zahl¬ 
reichen bakteriologischen und histologischen Details sind ltn Ori¬ 
ginal, das den Charakter einer vorläufigen Mittheilung hat. naeh- 
zulesen. 

H. Wolf: Encephalitis traumatica nach Schussverletzung. 
(Aus dem Kinderspital der Allgemeinen Poliklinik In Wien. Prof. 
Mont i.) 

Kasuistische Mittheilung. 

Z u p p i n g e r: Zur Prognose der Meningitis cerebrospinalis 
epidemica im Kindesalter. (Aus dem Kronprinz Rudolf-Kimler- 
spitalo in Wien.) 

Krankengosehicli^koines Falles von sogen, protraliirter Form 
von Oerebrospinulme^^Kitis: das 7 jährige Kind machte die eigent¬ 
liche Krankheit durclr ebenso einige durch Wochen getrennte Re- 
cnulescenzon: 5 Monate nach Beginn der Erkrankung verstarb das 
Kind unter Erscheinungen des Hirndrucks. Die Sektion ergab 
chronischen Hydrocephalus und als dessen Ursache Verschluss 
des Fornmen Magendi. 

II. Pudor: Rousseau als Kinderarzt. 

Feuilletonistischer Artikel, der eine Reihe von Zitaten aus 
dem 1. Buch von Rousseau’» Emile enthält; meist betroffen 
sie Fragen der Ernährung und Hygiene des Kindesalters und kann 
man sich grossentheils mit ihnen einverstanden erklären. 

Referate. Liehtoustein- München. 


Centralblatt für Bacteriologie, Paraaitenkunde and In¬ 
fektionskrankheiten. Bd. 30. No. 22, 1901. 

1) 13. La m hotte: Les sensibilisatrices des bacilles di- 
phth€riques et pseudodiphthöriques. 

2) W. Favre- Charkow: Wem gehört die Priorität der Ent¬ 
deckung des Pestherdes in Transbaikalien in Sibirien P 

Favre macht darauf aufmerksam, dass die von kranken 
Murraeltlileren übertragene Pest in Transbaikalien von den rus¬ 
sischen Aerzton B i e 1 i a v s k y und Reschetnikof f bereits 
Im Jahre 1895, nicht aber von G a 11 i - V a 1 e r i o zuerst be¬ 
sehrieben worden ist. 

3» G. v. R i g 1 e r - Kolozsvär: Das Schwanken der Alkalizität 
des Gesammtblutes und des Blutserums bei verschiedenen ge¬ 
sunden und kranken Zuständen. (Fortsetzung folgt.) 

4) Max L o e w o - Berlin: Moderne Mundwässer. 

Es werden mit den bekannten 3 Mundwässern O (1»I. 
K n s in i n nnd Stoma toi vergleichende Untersuchungen :m 
3 Männern angestellt, um die keimtödteude und entu irkelung»- 


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34 


MT T EN('HEN ER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1. 


hemmende Wirkung zu konstatlren. Nach L ö w e soll (las Kos- 
in i n vor allen 3 Mundwässern den Vorzug verdienen, da es eine 
am meisten keimtödtende Wirkung entfaltet. (Dies stellt im 
Gegensalz zu Kose, der dem Odol den Vorzug gab. ltef.) In 
zweiter Linie würde Odol genannt werden müssen; an dritter 
Stelle Stomatol. Allen übrigen Mundwässern sei keine anti- 
septisrhe Kraft zuzuschreiben. R. O. Neu in a n n - Kiel. 


Berliner klinische Wochenschrift. 1901. No. 52. 

1) G. Klemperer - Berlin: Ueber Entstehung und Ver¬ 
hütung der ozalsauren Niederschläge im Urin. 

Vergl. das Referat S. 2022 der Münch, med. Wochenschr. 1901. 

2» A. W o 1 f f - Berlin: Ueber die aktive Beweglichkeit der 
Lymphocyten. 

Wenn Verfasser bei seinen Untersuchungen das Deetjen’- 
sclie Agargemenge verwendete, so beobachtete er ganz sichere Ge¬ 
staltsveränderungen der Lymphocyten. die mit schwacher Loko¬ 
motion einhergehen. Dieselben sind auf T/obensvorgängen dieser 
Zellen und nicht auf Absterbe- und andere derartige Erscheinungen 
zu beziehen. Am deutlichsten trat diese Bewegungsfähigkeit bei 
•len grossen Lymphocyten der lymphatischen I./ouknemie hervor, 
wurde aber auch an den Lymphocyten des normalen Blutes nicht 
vennisst. Die beobachteten Zellen bewahrten in dem D e e t J e n'- 
schen Substrat ihre Lel>ensfähigkeit meist bis zu 2 Stunden. Diese 
Beobachtungen werfen ein neues Licht auf die Befunde von 
Lymphocyten in tuberkulösen Exsudaten und sprechen für eine 
aktive Lymphocytose. 

31 M. Lion- Samara: Ueber eine neue Behandlungsmethode 
der genuinen Epilepsie. 

In seiner vorläufigen Mittheilung berichtet Verfasser über die 
ganz auffällig günstigem Erfolge, welche er bei einer grösseren An¬ 
zahl von Fällen auch chronischer Epilepsie durch die Darreichung 
des P o e h l'schen Cerebrinums erzielte und zwar nicht nur hin¬ 
sichtlich des Aufhörens oder ausserordentlicher Verminderung der 
Zahl der Anfälle, sondern auch in Betreff der augenfälligen Besse¬ 
rung der psychischen Veränderungen an den Epileptikern. Das 
betreffende Präparat soll nach den bisherigen Erfahrungen des 
Autors in Tagesdosen von 0.4— O.fi pro die bis zur völligen Heilung, 
d. h. mindestens während einiger Monate genommen werden, 
während die Bromdiiit nur in Fällen mit starken und häufigen 
Krampfanfällen und nicht länger als 3 bis 4 Monate gebraucht 
werden soll. Einige Krankengeschichten sind beigegeben. 

4) W. L u bl 1 n s k 1 - Berlin: Zur Behandlung der ge¬ 
schwollenen unteren Nasenmuschel bei der Rhinitis vasomotoria. 

Verf. beschreibt die klinischen Erscheinungen dieser gar nicht 
so seltenen Affektion und betont besonders ein gewöhnlich sehr 
vernachlässigte» Symptom derselben, welches darin besteht, dass 
die Nasenspitze eine mehr quadratische Form annimmt und sich 
teigig anfühlt. Bei der Behandlung der Muschelveründerung em¬ 
pfiehlt L. besonders Massage mit einer in Mentholparaffln ein¬ 
getauchten Sonde. Letzteres stellt überhaupt ein ausgezeichnetes 
Nasonreinigungsmlttel dar. Um die chronische Verdickung der 
Muschel zum Rückgang zu bringen, ist cs sehr werthvoll, sub- 
mucöse Injektionen von 10 proz. Chlorzinklösung ln das Gewebe 
der Muschel vorzunehmen: über die Technik dieser Injektionen 
ist das Original einzusehen. Grassmann - München. 


r\ 


Deutsche medicinische Wochenschrift. 1901. No. 52. 

D E. .T a c o b i - Freiburg i. R.: Chinolinwismuthrhodanat 
Edinger (Crurin pro injectione) als Antigonorrhoikum. 

Das von Edinger dargestellte Präparat, das frühere 
Crurin ohne Stärkezusatz — der Name wurde seinerzeit von 
Joseph wegen der günstigen Resultate, welche er bei Behand¬ 
lung des Ulcus crurls damit erzielte, aufgebracht — erwies sich 
nach eingehender Prüfung als ein hervorragendes Antigonor¬ 
rhoikum. indem es die gonokokkentödtende Wirkung mit der 
adstringlrenden verbindet. Es verursacht in der zur Injektion 
nöthigen y,— 1 proz. Lösung keinerlei Reizerscheinungen oder 
Schmerzen und scheint den Verlauf der Gonorrhoe wesentlich ab 
zukürzen und zu mildern. 

‘ 2) E. G r a w 1 t z - Charlottenburg: Klinische Beobachtungen 
über plasmotrope Giftbildungen im Organismus. 

Nach den Beobachtungen von G r a w i t z können sich bei 
der Passage von Blut durch den Verdauungskanal, wahrschein¬ 
lich in Folge Einwirkung der Fäulnissbakterien des Darmes, aus 
dem Blute Giftstoffe entwickeln, welche eine „plasmotrope“ Wir¬ 
kling auf die rothen Blutkörperchen auszuüben vermögen, die sich 
in einer körnigen Degeneration derselben ohne direkte ..Plasmo- 
lysis“ zu erkennen gibt. Dies ist nicht nur der Fall bei Patienten 
mit inneren Blutungen in Folge von Ulcus oder Karzinom des 
IntestInaltraktus und Clrrliosis hepatis. sondern trat auch, was 
von wesentlichem Interesse ist, ein nach der Darreichung ge¬ 
wisser Hämoglobinpräparate, wie Pfeuffer’s Hiimoglobin- 
eiweisszeltchen. Krewel’» Sanguinalnillen und Hiiinol. 

3) F. L o e f f 1 e r: Hygiene der Molkereiprodukte. (Schluss 
ans No. 51.) 

Referat siehe diese Wochenschr. 1901. No. 40. pag. 1585. 

4) P. Ehrlich: Die Schutzstoffe des Blutes. (Schluss ans 
No. 51.) 

Referat siehe diese Wochenschr. 1901. No. 42. pag. 1009. 

5) Oscar Adle r-Prag: Weitere Mittheilung über biologische 
Untersuchungen von natürlichem Eisenwasser. 

In Fortsetzung der in No. 20 dieses Jahrganges der Deutsch, 
med. Wochenschr. beschriebenen Untersuchungen konnte A. bei 


den meisten der untersuchten Eisenwässer — die renommirtesten 
Quellen nicht ausgenommen — erhebliche Verluste an gelöstem 
Eisen (bis zu SS Proz.) konstatlren. Es ist daher die Forderung 
einer zweckmässigen Sterilisation des Wassers, soweit dasselbe 
zum Versandt ln Flaschen bestimmt ist. wohl gerechtfertigt. 

0) Johann August K i 11 i a n - Worms: Entfernung einer 
Fischgräte aus dem linken Bronchus eines 3 y 2 jährigen Kindes 
vom Munde aus mittels der direkten oberen Bronchoskopie. 

Kasuistische Mittheilung aus der ärztlichen Praxis. 

7) G. Brandt: Die Pest in Posen im Jahre 1709. 

Interessantes Feuilleton. 

F. Lacher- München. \^/ 

Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte. 31. Jahrg. No. 24. 

C. Hübscher- Basel: Blutige Lösung der ankylosirten 
Kniescheibe. Interposition von Magnesiumblech. 

Angeregt durch Payr und Ohlumsky (1900) legte Verf. 
bei einer durch Verwachsung der Patella mit dem Femur kompli- 
zirten Kniegelenkskoutraktur nach Freimeisselung der Patella ein 
Magnesiumblech dazwischen. Zuerst starkes Hautemphysem 
(Wasserstoff durch Auflösung des Magnesium); guter Erfolg. 
Durch Röntgenaufnahme kann die Resorption de» Blechs wegen 
der vollständigen Durchlässigkeit nicht nachgewieseu werden. 

E. H e u s s - Zürich: Wie behandeln wir die Syphilis? 

Kritische Besprechung der therapeutischen Methoden, als 
Schluss der früheren Aufsätze (Ibid.). Bei der Queeksllberbehand- 
lung steht an erster Stelle die Schmierkur, am besten durch Pat. 
seihst ausgeführt — die Säckchenmethode (Welander). Mercuriol, 
Mercolintsehurz, Seifen bedeuten keinen wesentlichen Fort¬ 
schritt — daun die Spritzkur (ob mit löslichen oder unlöslichen 
Salzen, hängt vom einzelnen Fall ab), während die innere Behand¬ 
lung nur den Vorzug (1er grösseren Bequemlichkeit hat Die 
Suhlimathädorhehandlung ist nicht genau dosirbar (bei offenen 
nautsteilen). Jod darf in nicht zu kleinen Dosen gegeben werden. 

Die vegetabilischen Kuren sind nur selten anzuwenden, Badekuren 
wirken nicht spezifisch. 

S. Krupski: Beitrag zur Streptokokkentherapie. 

Ein Fall von atypischer Pneumonie und einer von Puerperal¬ 
fieber (Plazentarreste) nahmen, nach Verf. in Folge des Serums, 
günstigen Verlauf. 

O. P i s c h i n g e r. 

Oesterreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 52. 1) A. v. D e c a s t e 11 o - Wien: Ueber Pigment¬ 

hypertrophien und -Atrophien der Haut in Verbindung mit per¬ 
niziöser Anämie. (Ein Beitrag zur Konntnlss der Vitiligo.) 

Verf. thellt ausführlich den Befund von 3 Fällen perniziöser 
Anämie mit. welche das Gemeinsame haben, dass in allen der¬ 
selben eine im Laufe der Jahre sich langsam entwickelnde Ano¬ 
malie in der IMgmentvertheilung der Haut auftrat welche bei 2 
derselben sich deutlich als Vitiligo präsentlrte. Aus dem Im Ori¬ 
ginal auch ahgebildeten ersten Fall ist besonders auch eine seg- 
mentnle Anordnung der Pigmentverthellung zu ersehen, welche 
durch ihre Einzelheiten einen Anhaltspunkt dafür gibt, dass die 
Pigmentanomalie nicht allein nervösen, sondern speziell zentralen 
Ursprungs ist. Das Fehlen sensibler und vasomotorischer Stö¬ 
rungen lässt annehmen, dass es sich um eine Betheiligung rein 
tropldscher Centren und Bahnen handeln muss. Es erscheint als 
naheliegend, dass das Zusammentreffen beider Zustände aus der 
Wirksamkeit einer gemeinsamen Noxe zu erklären ist, etwa eines 
aus dem Darmkanal stammenden Bakteriengiftes. Das zentrale 
Nervensystem scheint hiebei eine vermittelnde Rolle zu spielen. 

Die Abhängigkeit von letzterem zeigt sich durch eine Form und 
Anordnung der von der Pigment Veränderung betroffenen Stellen, 
welche den spinalen Sensibilitätszonen entspricht. 

2) F. Vollbracht- Wien: Zur Kasuistik der peripheren 
Gangrän bei Phosphorvergiftung. 

Bel einem 20 jährigen Dienstmädchen, bei dem sich klinisch 
die Erscheinungen einer suhakuten Phosphorvergiftung erkennen 
Hessen, zeigte sich kurz vor dem tödtlichen Ausgang eine Gangrän 
der Zehen dos linken Fusscs und beginnende Gangrän des rechten 
Kusses. In den zugehörigen Gofässen liess ein Thrombus sich nicht 
auf finden, ln einem 2. Fall von Phosphorvergiftung fand sich 
ebenfalls beginnende Gangrän der unteren Extremitäten, des 
rechten Ellenbogens, sowie symmetrischer Hautstellen an den 
Nat.es. In der Literatur sind 4 ähnliche Fälle verzeichnet. Diese 
Gangrän entsteht in Folge schwerer Kreislaufstörungen, welche im 
Gefolge der Phosphorvergiftung zu Stande kommen. Die Gefä߬ 
wände werden im Verlaufe der letzteren hochgradig geschädigt, 
während die gleichzeitig cinsetzende fettige Degeneration des 
Herzmuskels eine weniger wichtige Rolle zu spielen scheint. Be¬ 
günstigend für das Eintreten der Gnngraen wirken Enge des 
arteriellen Systems, sowie natürlich der Druck auf umschriebene 
Hautstellen. 

3) H. F a v a r g e r - Wien: Eine in Obersteiermark be¬ 
obachtete autochthone Elephantiasis. 

Beschreibung und Abbildung eines sehr hochgradigen Falles 
von Elephantiasis, deren Entstehung F. von ihren ersten Anfängen , 
an bei einem Bauern lieobachten konnte. Die enorme Verunstal- J 
tung betrifft bei dem Patienten die beiden Beine, das Unke hoch¬ 
gradiger als das rechte, sowie das Skrotum. Aus der Krankheits- 
geschickte Ist hervorzuheben, dass bei dem Kranken längere Zelt 


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Januar 3.900, 


MUE^CHENKil MEDlCJNlSCliE WOClIENSCHUlEf. 


Herzschwäche bestand, sowie dass er mehrmals Erysipel durch- 
zumaclien hatte. Erstere führte zu chronischem (Jedem an den 
Beinen. Die Infektion mit Erysipelkokken scheint auch von ätio¬ 
logischer Bedeutung für das Auftreten der Lymphstauungeu ge¬ 
wesen zu sein. Der Kranke ist 25 Jahre alt. 

4> 1*. llus e h - Innsbruck: Ein Fall von schwerer Pyrogallol- 
vergiftung. 

Derselbe kam zur Beobachtung au einer 37 jährigen, im 
7. Monat der Schwangerschaft stehenden Frau, welche eine 
Psoriasiskur durchzumachen hatte. Nach mehrmaliger Anwendung 
einer lüproz. Salbe traten schwere Störungen des Allgemein¬ 
befindens, besonders Prostration, aschfahle und ikteroiüe Ver¬ 
la rbung der Haut, Somnolenz, Dyspnoe, Cyanose und Kollaps ein. 
Das schwere Krankheitsbild beseite sich erst, nachdem die künst¬ 
liche Frühgeburt eingeleitet worden war. Das Kind war abge¬ 
storben. ltenaie Keizerscheinuugen, wie Hämaturie und Hämo¬ 
globinurie fehlten auffallender Weise. Trotzdem ist Verf. der 
Ansicht, dass das PyrogaUol die Erscheinungen verursacht hat. 
Während der Schwangerschaft darf also das PyrogaUol nur mit 
grosser Vorsicht angeweudet werden. 

5) F. N e u g e b a u e r - Mährisch-Ostrau: lieber Rücken¬ 
marksanalgesie mit Tropakokain. 

In eingehender Weise und unter Anführung von 61) Kranken¬ 
geschichten bespricht N. die Erfahrungen, welche er mit der medul¬ 
lären Anästhesirung nach der B i e r’scheu Methode gemacht hat. 
Er verwandte Tropakokain, das weniger giftig wie Kokain wirkt, 
und zwar in einer mittleren Dosis von 0,0(3 g, welche er mittels 
langer Nadel in den Meningealsack injizirte. Im Ganzen zeigte 
sich, dass man mit dieser Methode ausgezeichnete Resultate hin¬ 
sichtlich der Anästhesirung erzielen kann. Die Lösungen müssen 
frisch bereitet und sterilisirt sein. Die Analgesie tritt meist rasch 
ein. Die Ausbreitung ist manchmal eine inselförmige, auch nach 
der Tiefe hin nicht immer völlige. Unzulänglich erscheint die Me¬ 
thode bei Eingriffen in der Unterbauch- und Skrotalgegend. Je 
weiter distalwärts, desto sicherer und länger dauernd ist die 
Wirkung. Die Umschnürung der unteren Extremitäten mittels 
der elastischen Binde verstärkt oft die aualgesirende Wirkung. 
Die Anästhesie dauert Uber 1 Stunde. Für die Abminderuug der 
üblen Nebenwirkungen ist der B i e Fache Rath, nach der Operation 
auf Jeden Fall das Bett hüten zu lassen, immer zu beachten. Bei 
höheren Gaben des Mittels erscheinen in Uber der Hälfte der be¬ 
treffenden Fälle Intoxikationserscheinungen, wie Fieber, Paresen 
und Paralysen der unteren Extremitäten, die übrigens nach einigen 
Stunden vollkommen versphwinden, ferner Kopfschmerzen. Die 
Wirkung auch des Tropakokains auf den Einzelnen kann nicht 
sicher vorausgesehen werden, doch stellt eine Gabe in der oben be- 
zeic-hneten Höhe für die unteren Extremitäten, das Perlnäum und 
dessen nächste Umgebung immerhin ein „sicheres und ungefähr¬ 
liches Analgesirungsmittel" dar. Für Laparotomien ist die Me¬ 
thode beute noch nicht reif. Grassmann - München. 

Wiener medioinisolie Wochenschrift. 

No. 48 —51. Fenton B. T u r c k - Chicago: Ueber einige 
Methoden zur Verhinderung von Schock und Infektion bei 
chirurgischen Operationen. 

Der Schock ist oft nur der Ausdruck einer Infektion, in vielen 
Fällen ein das Umsichgreifen der Infektion begünstigendes 
Moment. Alle Methoden zur Sterilislrung des Operationsfeldes 
und des Operateurs sind nicht völlig ausreichend. Als ein gutes 
Hilfsmittel zur Vermeidung von Infektion bei Laparotomien em¬ 
pfiehlt sich die Anwendung von Kautschukkompressen, die sich der 
Haut eng anlegen. Durch Oeffnungen in denselben werden der 
Magen oder Darmtheile hervorgezogen und so Operationen an den¬ 
selben ausserhalb der Bauchhöhle vor sich genommen. Eiu sehr 
wirksames Mittel gegen das Zustandekommen des Schocks sieht 
Verfasser in der Applikation von Wärme während der 
Operation. Die äussere Wärmeanwendung ist ungenügend, sehr 
vortheilhaft dagegen die Einführung von Gummikissen, welche 
sterilisirt, mit sterilem Wasser von ca. 50° gefüllt sind und mit 
Kompressen umhüllt auf oder unter die Därme gelegt werden. 
Solche besonders konstruirte „Wärmepolster“ in Verbindung mit 
einer doppelläufigen Sonde eignen sich auch zur Einführung in 
den Magen. Zahlreiche Thierexperimente ergaben, dass bei diesem 
Verfahren nicht nur der Schock vermieden wurde, sondern 
auch eine künstlich gesetzte Infektion wirkungslos blieb. Auch 
la*i der Anwendung am Menschen erzielte Verfasser gute Er¬ 
folge und zwar auch zur Bekämpfung eines bereits eingetretenen 
Schockes oder Kollapses. 

No. 51. D. G a 1 a 11 i: Trachealkanülenbrüche. 

24 Fällen der Literatur fügt Verfasser einen eigenen hinzu, 
betreffend ein Kind, bei dem, da rechtzeitig erkannt, ohne jeden 
weiteren Schaden das Schild der Kanüle in Folge mangelhafter 
Fabrikation abbrach. Die meisten ähnlichen Vorkommnisse er¬ 
eignen sich nach langem I.iegen ein und derselben Kanüle. 

L. Freund-Wien: Dermatomyasis. 

Ein 5 jähriges Kind, das seit Längerem an einem impetiginösen 
Ekzem der Kopfhaut litt zeigte schwere Allgemeinerschelnuugen. 
und es fanden sich zwei grössere, von Borken bedeckte Stellen, 
tiefe bis auf das schon geschädigte Periost reichende Defekte. Aus 
den jauchigen Herden wurden 21 bezw. 12 lebende Maden heraus¬ 
geholt. Rasobe Heilung unter antiseptischer Behandlung. Es 
waren I^irven der In Russland häufig, bei uns »ehr selten be¬ 
obachteten Sarcophila Wohlfarti, welche Ihre Eier offenbar auf 


35 

den günstigen.Nährboden des Ekzemes abgesetzt hatte. Es wurde 
behauptet, dass diese Sehineissltiegen Ihre Eier nur auf Syphi¬ 
litische legten; das Kind zeigte keinerlei Zeichen von Lues. 

N'o. 52. A. J,o 11 e s - Wien: Aus dem Gebiete der Eiweiss¬ 
chemie. 

Durch die Arbeiten Kosse l's. H o f m e i s t e r’s u. A. ist die 
Keuntniss von der Struktur der Ei weisskörper sehr gefördert wor¬ 
den und zwar brachte das Studium der Spaltungsprodukte des Ei- 
weisses durch verschiedene Ueagentien wichtige Aufschlüsse. Ver¬ 
fasser hat mm verschiedene Eiweisskörper einer Behandlung mit 
Permanganat in schwefelsaurer Lösung unterworfen und dabei 
einen grossen Theil des Stickstoffes in Harnstoff übergeführt, 
welches Endprodukt ja auch im Organismus erreicht wird, der 
Rest stellte sich in Verbindungen dar, die durch Phosphorwolfram- 
süure fällbar sind. Dieser Spaltungsmodus ist typisch für sümmt- 
liche Eiweissstoffe. Weitere Erwägungen führen den Verfasser 
zu dem Schluss, dass der Zerfall der Eiweisskörper Im Organismus 
in einer theils hydrolytischen, theils oxydativen Spaltung besteht. 
Wenn auch vielleicht zuzugelten sei. dass die von Kosse 1 fest- 
gestellten Hexonbasen, welche in dem durch Phosphorwolfram¬ 
säure gefällten Antheil enthalten sind, den chemischen Charakter 
der Eiweisskürper bestimmen, so sei doch anzunehmen, dass für 
die Funktionen als Nahrungsstoff die harnstoffbildende Gruppe die 
bedeutungsvollere ist. Die Resultate J o 11 e s im Einzelnen sind: 



Ge- 

sainrnt- 

Stickstoffi 

ü /o 

In Prozei 

Volu¬ 
metrisch . 
Stickstoff 

Men des ( 

! Harn- 
sloff- 
|Stick8toff 

iesammt-Stickstoffes 

Phosphor- 

j wolfram- Filtrat- 
; „ sä " r «- Stickstoff 

| Stickstoff | 

Oxyhaemoglobin 

16 91 

91.30 

91.24 

8.87 


Krystallisirtes 






Serumalbumin 

16.04 

81.10 

80.86 

19.82 

— 

Krystallisirtes " 






Eieralbumin . 

14.98 

79.17 

78.77 

20.02 

— 

Vitelin aus Ei- 






gelb. 

15.30 

78.69 

78.16 

20.98 

— 

Krystallisirtes 






Serumglobulin 

15.94 

75.65 

75.28 

24.65 

— 

Casein. 

15.30 

73.20 

72.67 

25.49 

_ 

Vitellin aus 






Pflanzen.... 

17.68 

46.26 

46.44 

18.32 

35.01 

Fibrin. 

„.16.61 ■ 

45.19 

45.43 

24.57 

24.62 


und er theilt demnach die Ei weisskörper in drei Gruppen: 

1. Oxylmemoglobin: Harnstickstoff über 90 Proc. des Ge- 
sammtstlckstofTes, der Rest im Phosphorwolframsäurenieder- 
sehlage. 

2. Eleralbumiu, Serumalbumin, Serumglobulin, Vitellin aus 
Eigelb, Kasein: Harnstoff-Stickstoff 70—81 Proz., der Rest im Phos- 
phorwoLframsüureuiederschlag. . 

3. Fibrin, Vitellin aus Pflanzen: Harnstoff-Stickstoff 40 bis 
50 Proz., Filtratstlckstoff ca. 30 Proz., der Rest im Phosphor- 
wol f ramsä u r en i ed e rschl ag. 

L. lt 6 t h 1 - Wien: Eine Radikaloperation der Kieferhöhle 
von der Nase her, zur Behandlung harnäckiger Empyeme. 

R. geht so vor, dass er die vorderen 2 Drittel oder die ganze 
untere Muschel mit (1er hypertrophischen Schleimhaut entfernt, 
dann mit der Knoehenzauge eine breite Zugangsöffnung zur Kiefer¬ 
höhle herstellt, welche die Besichtigung und jeden therapeutischen 
Eingriff gestattet. Gegenüber der Eröffnung von vorn her, die 
sich manchmal nicht umgehen lässt, ist dieses Verfahren, auch 
wegen seiner kürzeren Dauer und der Entbehrlichkeit der Narkose, 
dns schouendere. In 4 Fällen hat es innerhalb 0 Wochen bis 
4 Monaten zur völligen Heilung geführt. Bergeat - München. 

Englische Literatur. 

A. E. W r i g h t: Bemerkungen über die Erfolge der Typhus¬ 
schutzimpfungen bei der im Richmond-Irrenhause zu Dublin 
stattgehabten Epidemie von Typhus. (Lancet, 26. (Jkt. 1901.) 

Die Epidemie begann am 7. August 1900 und der letzte Fall 
wurde Ende Dezember gemeldet, lin Ganzen kamen 54 Erkran- 
kungsfälle vor. Vom (3. September bis zum 30. November wurden 
alle Irrsinnigen unter 55 Jahren mit dem von W right gelieferten 
Serum geimpft, im Ganzen 511 Personen: zur Verwendung kamen 
jedesmal 0,75 ccm des Serums. Die der Impfung folgenden Sym¬ 
ptome bestanden stets in Fieber, das zuweilen 104 u F. erreichte 
und meist nicht länger als 3 Tage andauerte: daneben bestand 
Kopfschmerz, Uebelkeit und Erbrechen, Appetitlosigkeit, RUeken- 
sclimerzen und Steifigkeit der Wirbelsäule. 

Im Ganzen enthielt das Haus 055 Personen und zwar 541 
Kranke, von denen 511 geimpft wurden und 114 ungeimpfte Pflege¬ 
personen. Von diesen (355 Personen erkrankten nach dem 0. Sep¬ 
tember 29 ungeimpfte und 7 geimpfte. Von diesen 7 hatten 2 
sicherlich schon vor der Impfung die Krankheit acqulrirt; 2 weitere 
trugen mit grosser Wahrscheinlichkeit den Krankheltskelm in sieh 
und bei 2 trat die Krankheit auf. noch ehe die der Impfung 
folgenden Symptome verschwunden waren. Um nun die beiden 
Gruppen vergleichen zu können, muss mau wissen, dass das 
Pflegepersonal, das erkrankte, keineswegs mehr die Ansteckung 
ausgesetzt war, als die geimpften Personen; die Pflegerinnen hatten 


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M tTENCl l ENK fl M E D1CINI S( 'If K WOCtiENSC IIRI FT. 


No. 1. 


nämlich nichts mit ihm Typhusfülleu zu thuu, sondern brachten 
den Tug iu den Sälen mit den (.1 eisteskranken zu, Nachts schliefen 
sie meist ausserhalb der Anstalt. Verfasser stellt folgende Ver¬ 
gleichspunkte auf; die durchschnittliche Tagesanzahl von geimpiteu 
Personen betrug 339, von ungeimpften 298, Unter den erstereu 
traten 5 (-f- IV) Erkrankungen (1,5 Proc.) und 1 Todesfall (0,3 Proc.) 
auf, unter den ungeimpften dagegen linden wir 30 (—IV) Erkran¬ 
kungen und 4 Todesfälle (10,1 und 1,3 Procent). Dieser günstige 
Einfluss der Impfungen stimmt durchaus mit dem überein, was 
Verfasser bei anderen Epidemien beobachtet hat. (Die neueste 
Statistik W r 1 g li t's, die er in der Medical Society of London am 
28. Oktober gab, stützt sich auf 8000 geimpfte und 41 (HM) uu- 
gelmpfte Personen, 2,25 der ersteren und 5,75 Proc. der letzteren 
erkrankten au Typhus, die Mortalität betrüg 12 resp. 2.1 Proc. 
Der lief.) 

Frank Shufflebothaui: Die Einwirkung des Bleies auf 
die Arbeiter in den Töpfereien von Staffordshire. (Ibid.) 

Verf. hat in 13 Fabriken, die ein Arbeiterpersouul von 0000 bis 
7<KM) Personen beschäftigten, alle diejenigen Arbeiter genau unter¬ 
sucht, die mit Blei zu thuu haben. Diese 527 Arbeiter benutzten 
Blei entweder zum Glasiren oder Bleifarben zum Dekorireu der 
Thonwaureu. ln einer lteihe von sehr sorgfältig aufgesteilteu 
Tabellen gibt Verfasser Näheres über das Alter, Geschlecht, die ge¬ 
nauere Art der Beschäftigung der Arbeiter, sowie über die Zeit, die 
sie mit Blei gearbeitet haben. Untersucht wurden sie besonders 
auf folgende, für Saturnismus verdächtige Zeichen: Auaemie, Blei¬ 
saum, Uebclkeit, Kopfschmerzen, Verstopfung, Gicht, Kolik, Läh¬ 
mungen, Epilepsie, Irrsinn, Sehstörungeu, Abort und schliesslich 
chronische Nlerenveränderuugen. Verfasser kommt auf Grund 
seiner sehr zahlreichen und sorgfältigen Untersuchungen zu fol¬ 
genden Schlüssen: Von 527 Arbeitern litt nur einer au Bleiver¬ 
giftung, Bleisaum ohne sonstige Erscheinungen von Bleivergiftung 
ist ziemlich häufig, beweist aber nur, dass Blei im Organismus ist, 
nichts dagegen für oder gegen die völlige Gesundheit der be¬ 
treffenden Person. Die Gesundheitsverhältnisse der untersuchten 
Arbeiter waren vortreffliche und stachen vortheilhaft gegen die 
in anderen Betrieben herrschenden Verhältnisse ab. Von 
91 Arbeitern, die über 20 Jahre mit Blei gearbeitet hatten, zeigte 
keiner Zeichen von Bleivergiftung. 

U. Campbell Thomson: Die akute Magenerweiterung. 
(Ibidem.) 

Verfasser hatte Gelegenheit, während der letzten 3 Jahre 
4 Fälle dieser sehr interessanten Krankheit zu secireu. Bel einem 
48 jährigen Manne bestand ein Pyloruscarciuom, das mit Magen¬ 
spülungen behandelt wurde, nach 2 maliger Spülung trat die akute 
Dilatation auf, die rasch zum Tode führte; ln einem zweiten Falle 
(20 jähriger Manu) folgte die Dilatation wenige Stunden nach 
einer wegen vermutheten Steines vorgenommeneu Nephrotomie; 
die Sektion ergab keine Verengerung am Pylorus; der 3. Fall, eine 
40 jährige Frau, wurde einer Probelaparotomie untenvorfen, wobei 
ein Pankreascareinom gefunden wurde; die sehr grosse Gallen¬ 
blase wurde eröffnet und drainlrt, 3 Tage später akute Mageu- 
orweiterung, die rasch zum Tode führte, auch hier ergab die 
Sektion, dass kein Hiudemiss vorhanden war. Im 4. Falle, einem 
24 jährigen Mädchen, handelte es sich um eine rechtsseitige Pleuro¬ 
pneumonie, die Mageuerweiterung trat ohne ersichtlichen Grund 
auf, auch die Sektion deckte kein Hinderniss auf. ln weiteren 
0 Fällen, die Verfasser gesammelt hat und die alle tüdtlich ende¬ 
ten, war ebenfalls kein klarer Grund für das Zustandekommen 
der Dilatation vorhanden (einmal war eine Operation am Fusse 
vorausgegangen, einmal lag ein mit dem Duodenum coinmuui- 
cirender retroperitouealer Abscess vor und einmal ein Empyem. 
Die Erkrankung setzt stets ganz plötzlich ein, der Leib wird 
enorm aufgetrieben und es erfolgt reichliches Erbrechen brauner 
oder grünlicher Flüssigkeit Der Urin wird spärlich und der 
Collaps ist von Beginn au sehr beängstigend. Verfasser glaubt 
dass es sich in diesen Fällen stets um eine primäre Lähmung 
der Magenwand handele, die durch lokale Störungen der Inner¬ 
vation oder im Gefolge eines allgemeinen Schocks auftritt; die 
enorme Erweiterung ist sekundär und wird bedingt durch ver¬ 
mehrte Sekretion von Flüssigkeit oder durch Bildung von Gas im 
Magen. (Bel Zusammenstellung der Literatur hat Verfasser unter 
anderem die Arbeit R1 e d e l’s übersehen, der, nachdem er im 
Gefolge von Gallensteinoperationen 2 Fälle au akuter Mageu- 
dilatation verloren hatte, sein Augenmerk auf den Beginn dieser 
Krankheit gerichtet und durch sorgfältige, sofort eiugeleitete 
Therapie mehrere Fälle gerettet hat. Er entzieht prophylaktisch 
seinen Kranken jede Flüssigkeit für die ersten 24 Stunden; treten 
trotzdem Störungen auf, so spült er den Magen wiederholt aus 
und gibt Morphium subkutan. Ref.) 

S. Vere Pearson: Der akute Retrophoryngealabacess der 
Säuglinge, (Ibid.) 

Bei der Besprechung der Diagnose dieser immerhin seltenen 
Affektion betont Verfasser die Häufigkeit, mit der eitriger Nasen- 
tiuss dem Auftreten des Abscesses vorausgeht; da das Kind häutig 
erst gebracht wird, wenn Athem- und Schluckbeschwerden vor¬ 
handen sind und auch die Halsdriisen oft geschwollen sind, so 
wird nicht selten fehlerhafter Weise die Diagnose auf Diphtherie 
gestellt und zur Tracheotomie geschritten. Durch Palpation mit 
dem Finger lässt sich dieser Fehler leicht vermelden. Ist die 
Diagnose gestellt, so hat die Eröffnung so bald als möglich zu er¬ 
folgen und zwar von aussen durch einen Schnitt, der dem hinteren 
Bunde des Kopfnickers entlang verläuft. Nach gründlicher Frei¬ 
legung dieses Muskels erfolgt die weitere Operation am besten nur 


mit stumpfen Instrumenten, wobei der iu den Racken elugefiihrte 
Finger ein guter Wegweiser ist Den Schluss bilden 17 Kranken¬ 
geschichten derartiger Fälle, die meist erfolgreich von aussen 
operirt wurden. 

llumphry J. W h e e 1 e r: Ein Fall von durch Operation 
geheilter Perforation eines Magengeschwürs. (Ibid.) 

Der Fall Ist desslialb von Interesse, weil die Operation erst 
20 Stunden nach der Perforation gemacht wurde; die Perforations¬ 
öffnung lag unter der lieber, war sehr klein und verklebt, die 
Bauchhöhle war voll trüber Flüssigkeit, die aufgetupft wurde, die 
Heilung ging glatt von Statten. 

Calmette’s Äntivenene. (Laneet, 26. Okt., p. 1135.) 

Kurzer Bericht über einen erfolgreich behandelten Fall von 
Cobrablss. 2 Stunden nach dem Biss war die Kranke moribund 
und völlig bewusstlos. 15 Minuten nach der Eiuspiätzuug des 
Calmctt e’scben Serums kehrte das Bewusstsein zurück und 
eine weitere Einspritzung beseitigte im Verlaufe von 3 Stunden 
alle Symptome der Vergiftung. Verfasser ist überzeugt, dass auch 
iu den schlimmsten Fällen die sofortige Anwendung des Serums 
Hilfe bringt. 

George A. Hawkius-Ambler: Der Schock bei Ab¬ 
dominaloperationen. (Brit. Med. Journ., 5. Okt. 1901.) 

Man hat nach Verfassers Meinung bisher ziemlich einseitig 
nur deu direkten Blutverlust bei Operationen berücksichtigt, sich 
aber viel zu wenig darum gekümmert, dass durch Operationen im 
Bauchraum, d. h. iu der Mitte der vasomotorischen Nerven und 
Ganglien eine Menge Blutes lu den Eingeweidegefässen aufge¬ 
speichert und dem allgemeinen Kreislauf entzogen wird; ausserdem 
tritt bei Operationen im Bauchraume sicherlich eine grosse Menge 
Plasmas oder Serums in die Lymphbahnen über und es entsteht 
eine beträchtliche Eindickung, eine Apoplasmie des Blutes. Die 
beste Behandlung ist hier, wie fast überall, eine sorgfältige Pro¬ 
phylaxe. Die alte Methode, Kranke durch einen mehrwöchent¬ 
lichen Landaufenthalt zu Operationen voraubereiten, ist in vielen 
Fällen von grossem Nutzen; auch die der Operation unmittelbar 
vorhergehenden Vorbereitungen sind sehr sorgfältig zu Individuali¬ 
smen; vielfach wird mit Hungern und Abführen des Guten zu viel 
getkan, muss man den Darm vöülg entleeren, also stark purgiren, 
so sollte man doch kurz vor der Operation eine Rectaleingiessung 
von normaler Salzlösung oder auch ein Nährklystier mit oder ohne 
Cognac geben. Die allgemeine Narkose ist, wo möglich, durch die 
lokale Anaestliesie mit ^-Eukaln zu ersetzen. Die Operation selbst 
soll so rasch wie möglich beendet werden und der Schnitt nicht 
grösser sein als unbedingt erforderlich ist. Der Operationsraum 
sei gut geheizt und auch der Tisch womöglich mit einer Wärme- 
vorrichtuug versehen. Während der Operation ist es vou Nutzen, 
das Peritoneum mehrmals mit einer heissen normalen Salzlösung 
auszuwasclieu; auch ist es gut, vor Schluss der Wunde die Bauch¬ 
höhle mit einem Liter dieser Lösung anzufüllen und die Flüssigkeit 
darin zu lassen; auch Cognac kann direkt in die Bauchhöhle ge¬ 
gossen werden. Die vielfach übliche Entziehung jeder Flüssigkeit 
nach der Operation ist verwerflich, der stets auftretende Durst 
ist ein Zeichen der Apoplasmie und muss durch Trinken heissen 
Wassers mit oder ohne geringen Cognaczusatz gestillt werden; bei 
beginnendem Schock sind sofort Intravenöse oder subkutane In- 
fusiouen vou normaler Salzlösung zu machen. Von Medikamenten 
kommt nach Verf. Meinung Strychnin an erster Stelle, es wird 
schon während der Operation gegeben und wird in der ersten Zeit 
nach derselben öfters wiederholt und zwar in subkutanen Gaben 
von 0.002. Bei schweren Operationen gibt er, ehe der Patient das 
Operationszimmer verlässt eine subkutane Injektion von Morphium 
und Atropin; die dadurch erzielte Schmerzlosigkeit und Ruhe ist 
ebenfalls ein gutes Propkylaktikum gegen Schock; bei drohender 
Herzschwäche wird Digitalin gegeben. Während der eisten Tage 
nach der Operation wird das Küssende des Bettes erhöht, um die 
(’ireulation in den Eingeweideveuen zu erleichtern; das Bett selbst 
ist stets gut warm zu halten. 

.J. Inglis P a r s o n 8: Weiterer Bericht über eine neue 
Operation zur Heilung des Uterus Vorfalls mit Notizen über 
40 Fälle. (Ibid.) 

Verf. hat Gelegenheit gehabt. Kranke, die er vor 4 Jahren 
nach seiner Methode operirt. nachzuuntersuchen und Dauerheil¬ 
ungen zu konstatireu, auch sind zwei Operirte schwanger geworden 
und haben ohne jede Schwierigkeit entbunden. Verf.’s Operation 
basirt auf dem Plane, die erschlafften Lig. lata durch einen 
äusseren Reiz zur Formung festerer Stränge anzuspornen. Nach 
vielen Versuchen blieb Verf. beim Chinin, sulfur.. das iu 20 proc. 
Lösung eingespritzt wird. Meist genügt eine Einspritzung vou 
30—45 Tropfen auf jeder Seite; die in Narkose gemachten Ein¬ 
spritzungen hinterlassen wenig Schmerzen. Die Nadel der ziemlich 
langen und dünnen Spritze ist 1 Zoll lang und etwas dicker wie 
die zu subkutanen Injektionen gebrauchten Nadeln. Nach Beendi¬ 
gung der Operation bringt man den Uterus in starke Anteversion 
und hält ihn in dieser Stellung durch ein „eup and stem“ Pessar 
fest, das mit Bändern an einem Gürtel fixirt ist. Bei den grossen 
Prolapsen, die man unter der arbeitenden Bevölkerung findet, sind 
oft 3—4 Injektionen zur völligen Heilung nöthig. Von 40 Operirten 
wurden 34 geheilt, 4 gebessert, 2 recidivirteu. Bei 38 Fällen hatte 
der Uterus vor der Operation vor der Vulva gelegen. Uelde Nel*en- 
oreeheinimgen wurden nie beobachtet. 

W. II. Brown: Zur Verhütung des Schocks während chi¬ 
rurgischer Operationen. (Brit. Med. Journ.. 19. Okt. 1901.) 

Verf. rüth in jedem Falle, in dem es sich um die Operation 
schwacher ausgebluteter Individuen handelt, zur prophylaktischen 


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7. Januar 1902. 


MUENHIKNER 11EDICIXISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


intravenösen Infusion von normaler Salzlösung. Sofort nach Be¬ 
ginn »1er Narkose legt ein eigener Assistent eine passende Vene frei 
und beginnt mit der Infusion: die Menge der Flüssigkeit richtet 
sieh nach dem Zustande des Pulses, gewöhnlich verwendet Verf. 
circa 4 liiter Salzlösung. Vortlielle dieses Verfahrens sind der 
Schutz vor Schock und vor Allem der Umstand, dass der Assistent 
und der nöthige Apparat sofort zur Hand sind und keine kostbar»* 
Zeit verloren wird, auch die Asepsis der Infusion auf diese Weise 
iK*sser gewahrt werden kann. 

Winfield Ayres: Die Behandlung der Syphilis mit beson¬ 
derer Berücksichtigung der besten Methode der Quecksilber¬ 
anwendung. (T.ancct. 19. Okt. 1901.) 

Vorf. empfiehlt in Jedem Falle »Ile Behandlung so früh als 
möglich zu beginnen, da inan die Sekundärsymptome oft ganz ver¬ 
hüten. «"»fters noch bedeutend abseh wachen kann. Er erlaubt, 
während der ganzen Behandlungsdauer massige Mengen von Al¬ 
kohol; el>enso gestattet er das Rauchen, so lange keine IJlcointlonen 
im Munde oder Rachen vorhanden sind: nur hei ungenügend be¬ 
handelten Personen ruft das Rauchen spezifische Erscheinungen 
hervor: es kann also gewissermansson als Kennzeichen für die 
Oiite und Gründlichkeit der B»*handlung dienen. Bei Besprechung 
der Schmierkur, die er für sehr geeignet hält, wendet er sieh gegen 
die Ansicht Derer, die die Ilauptwirkung dieser Methode auf das 
Klnathmon von Queeksilhenlämpfen zurückführen: die Schmierkur 
ist aber so schmutzig, dass nur wenig Kranke sie durcliführen. 
auch die subkutanen resp. intramuskulären Einspritzungen wollen 
»lie Patienten nicht dulden, obwohl Verf. durch vorherige Cocainein¬ 
spritzung (höchst überflüssig. Refer.) jeden Schinerz beseitigt. Ob¬ 
wohl nun Verf. »Ile Spritzkur als die beste ansieht, sieht er sich 
doch gezwungen, meist zur inneren Verabreichung des Quecksilbers 
ttborzugehen. Seit längerer Z«*it. verwendet er ausschliesslich Mer- 
kurol in Dosen von 1 Grain ."mal täglich in Tablettenform: alle 4 Tage 
wird 1 Grain mehr gegeben und hiermit fortgefahren, bis leichte 
Salivation oder Durchfall dazu zwingen, ausserdem noch Wismuth 
zu geben. Beseitigt dies nicht bald »lieSymptome.so wird ausserdem 
noch Jodkali gegeben. Verf. ist mit seinen Erfolgen (die sich übri¬ 
gens nur auf kurze Zeitabschnitte erstrecken) sehr zufrieden. 

Graham Scott: Ein Fall von Tetanus. Specifische Be¬ 
handlung, Tod. (Ibid.) 

21 jähr. Frau, die 5 Tage, nachdem sie sich mit einem rostigen 
Nagel am Fusse verletzt hat. an Tetanus erkrankt, wird sofort mit 
Einspritzungen von Antitoxin (Institut Pasteur. Paris) be¬ 
handelt. Trotz energischer Lokalbehandlung und Behandlung mit 
Morphium. Chloroform etc., sowie häufig wiederholten Injektionen 
des Antitoxins keinerlei Besserung: Tod am 7. Tage nach »1er Ver¬ 
letzung. am 2. Tage nach dom Auftreten der Tetanussymptome. 

Alfred C o o p e r: Die heutige Behandlung des inoperablen 
Krebses. (Lancet, 12. Okt. 1901.) 

Die Arbeit enthält eine Zusammenstellung der verschiedenen 
Methoden, um auch bei den dem Messer nicht mehr zugänglichen 
Krebsen (hierunter sind Carcinomo und Sarkome verstanden: Ref.) 
noch Besserung o<ler Heilung zu erzielen. Es sind das die Ein¬ 
impfung des Eryslpelcoccus. die aber jetzt durch die subkutane 
Injektion der Coley’sehen Flüssigkeit verdrängt ist. Von 
148 Fällen, die mit dieser Flüssigkeit (Streptococcen und Pro- 
digiosus) eingespritzt wurden, wurden IS geheilt (12 Proc.) und 
« wesentlich gebessert: in weiteren 35 Fällen verschwand »ler 
Tumor 20mal vollkommen. Diese Methode ist hei Careinomen ohne 
jeden Erfolg, bei Sarkomen verspricht sic jedoch einen gewissen 
Erfolg. lieber Viajeffs Seruminjektionen stehen die Er¬ 
fahrungen noch aus. Besser geprüft ist die Behandlung des 
Mammacarcinomes durch die Entfernung der Ovarien. Ihr sollte 
man alle Frauen unterziehen, die über 40 Jahre alt sind, noch vor 
»ler Menopause stehen und frei von visceralen oder Knochen- 
metastasen sind. Von 54 derartig behandelten Fällen wurden 19 
ganz wesentlich gebessert (35 Proc.): die Lebens Verlängerung be¬ 
trägt im Durchschnitt mindestens 0 Monate. In manchen Fällen 
wurde gleichzeitig Thvreoidin verabfolgt, auch hatte das Mittel 
allein bei einigen Fällen von Brustkrebs zweifellos Erfolg, ähn¬ 
liche Erfolge sollen beim Brustkrebs mit Lymphdrüsenextrakt er¬ 
zieh worden sein. Inoperable Ulcera rodentia werden zuweilen 
durch Finsen’s Methode oder noch besser, und vor Allem 
schmerzloser, durch die Anwendung der X-Strahlen geheilt, ln 
einem Falle wurde ein uleerlrter Brustkrebs dadurch zur Heilung 
gebracht. 

In nrnhroren Fällen von Cardnom der Brust, des Rectum», 
sowie bei Epitheliomen sah Verfasser vorzügliche Resultate nach 
wbvlerholtoii Injektionen von Lösungen von Essigsäure: sehr 
schmerzhaft, aber zuweilen erfolgreich, sind Alkoholinjektionen, 
weniger erfolgreich Injektionen von Methylenblau. Sehr gefiihr- 
Il»-h sind die von R»5 p i n versuchten Injektionen mit dem Gifte 
der Göhra dl capello. Auch die künstlich erzeugen Eiterungen 
durch Terpentin, arsenige Säure und Calciumcarhid haben keinen 
wesentlichen Nutzen: nützlich erweisen sieh dagegen Einspritz¬ 
ungen »>der »las Einnehmen des Chelidonium majus. (Eigenthiim- 
Heher Weis«* erwähnt Verfasser gar nicht die guten Erfolge, die 
man oft mit dem Auslöffeln und Ausbrennen resp. Ansätzen in- 
oj«ernhler Garcinomo erzielt: Erfolge, die ohne gross»* Schmerzen 
und Kosten zu erzielen sind. Ref.) 

H. M. W. Grav: 9 Fälle von Transplantation nach der 
Methode Wolfe-Krause. (Scotisli Medical and Surgical 
Journal. Oktober 1901.) 

Verfasser spricht »1cm Glasgowor Chirurgen Wolfe die 
Priorität dieser Methode zu, da derselbe sie schon 1S75 beschrieb. 


doch wurde sic »*rst 1895 durch Krause bekannter. Es ist von 
grosser Wichtigkeit, die Desinfektion d«*r Granulationen und der 
zu transplantirenden Haut sehr sorgfältig zu machen; die Granula¬ 
tionen wertlen ahgekratzt und die ganze Wunde sorgtältigst ge¬ 
reinigt. dann werden mehrere Tage lang antiseptisch»* Umschläge 
g»*maclit. aiu-h die zur Transplantation bi'stimmten Hautstellcu 
werde» mehrere Tage lang feucht antiseptisch verbunden. Der 
mit »lein Fett entfernte Ilautlappen wird vom Fett durch Scliecivn- 
schläge befreit und nun in passende Streifen geschnitten; dann 
wird alles Blut in warmer Salzlösung ahgespiilt und d«*r Streifen 
mit feinen Gatgutnähten an den Wundrümiern befestigt. Der Ver¬ 
band besteht in steriler Gaze und Watte, darüber kommt ein Gips- 
verbnnd. Dieser Verband bleibt womöglich 3 Wochen lang liegen, 
an den Beinen sogar 4 Wochen. E n «1 e r 1 e n’s Meinung, dass di** - 
transpiantirte Haut allmählich verschwindet und durch nott- 
gehildetc ersetzt wird, ist nach Verfassers Ansicht unrichtig. Die 
Methode ist der von T h i e r s c h überlegen, da die Narbe normaler 
aussieht, widerstandsfähiger ist und sekundär nur wenig 
schrumpft: sie ist nebenbei technisch leichter auszuführen. Die 
best»»n Resultat»* wer»h*n erzielt, wenn man auf frische Wunden 
transplantirt. abgeschabte Granulationen und nicht vorlxdiandelte 
Granulationen gewähren weniger Aussicht auf Heilung. 

W. Sultan Fen w ick: Das primäre Carcinom des Duo¬ 
denums. (Edinburgh Medical Journal, Oktober 1901.) 

Gute Uebersioht über dies»* Krankheit auf Grund eigener 
näher beschriebener Fäll»*. Die Krankheit wird 1 mal bei 150!) bis 
2000 S**ktioiien gefunden. (Nach May dl und Schlesinger 
ist das Duodenum bei 2 Proc. der Intestinalcarcinome ergriffen.i 
Meist sind es Cylimlerzellenkrebs»*, doch kommen ziemlich häutig 
Gallertsrebse vor: anatomisch handelt «*s si»*li gewöhnlich um »*itu* 
ringförmige Ausl»r**itung. Von 51 Fällen war 11 mal (21.5 Proc.) 
der erste. 29 mal (57 Proc.) der zweite und 7 mal (13.3 Proc.) »ler 
dritte Tlieil «les Duodenums ergriffen: in den übrigen 8 Proc. hatte 
»lie Krankheit «len grössten Tlieil »les Duodenums befallen. Bei 
Männern hat sich »las Garcinoiu häufig an ein chronisches Ulcus 
nngeselilossen. hei Frauen scheint nicht selten ein Gallensteinloiden 
vorausgegnugen zu sein. Bei Ergriffensein des ersten Tlieiles bi»*t«*t. 
»ler Kranke »lie Zeichen »ler Pylorusstenose und die Differential- 
»liagnose ist meist unmöglich; l>«*i Kr»*hs in der Nähe «ler Papille 
ist der chronische Ikterus ein wichtiges Symptom und führt zu 
Verwechselungen mit Gallensteinen oder Carcinomen «ler Vat er¬ 
sehen Ampulle o»ler des Pankreas: die Anamnese und das Vor¬ 
herrschen oder Fehlen von Magensymptomen sind hier v«m Wich¬ 
tigkeit. Bei Carcinom «les 3 Theil**s st«*llt sich galliges Ei brechen 
«*in, auch enthält das Erbrochen«* meist Pankreasfermente. Ver¬ 
wechslungen kommen am häufigsten vor mit Verschluss des Chole- 
doelius durch einen Stein, sowie mit gutartigen Stenosen durch ein 
vernarbtes Ges»*hwür. Die Therapie ist ziemlich machtlos, nur 
di<* Gastroenterostomie bringt Verlängerung des Lebens und Er¬ 
leichterung. Eine gute Literaturiibersieht ist beigefügt. 

James Lanrle: Appendicitis acuta. Entfernung der 
Appendix 4 Stunden nach Einsetzen der Symptome. Heilung. 
(Glasg»*w Medical Journal. Okt. 1901.) 

Ich re fori re diesen Fall mehr als ein Curlosum. «1a wohl wenig 
Chirurgen bisher so frühzeitig operirt haben. Der Kranke, ein 
24 jähriger Mann, erkrankte ganz plötzlich auf (l»*r Strasse an den 
heftigsten Bauchschmerzen und collabirte nach kurzer Z»»lt. Die 
Diagnose lautete hei dem vorwiegenden Ergriffensein der Coecal- 
gegend auf Appendicitis perforativa. Die Operation ergab einen 
seroimrulenten Erguss in »las Peritoneum, das gründli«*h aus¬ 
gewaschen wurde. Die Appendix, die l»dcht entfernt werden 
konnte, war sehr lang, enthielt Koth und zeigte eine schwer ent¬ 
zündete Mukosa, die Heilung verli«*f ohne weitere Störungen. 

John C a rswell: Die Handhabung des Gesetzes gegen die 
Trunksucht. (Journal of Mental Science. Okt. 1901.) 

Verfasser betrachtet zuerst, was man eigentlich von diesem 
Gesotz«) erwartet hat. Das Gesotz wurde erlassen, um Gowolin- 
heitstrinker. die mit der Polizei in Berührung kommen, (es Ist in 
England ein Vergehen, öffentlich betrunken zu sein; Ref.), aus 
den Gefängnissen, in die manche dieser Unglücklichen mehrere 
hunderte Male geschickt werden, zu halten und sie in Trinkerheil¬ 
anstalten unterzubringen und womöglich zu besst*m und zu heilen. 
Zu diesem Zweck hat der Richter durch das Gesetz von 1898 das 
Recht bekommen. Jeden, der Innerhalb eines Jahres 3 mal w»*gen 
Trunkenheit vor Gericht kommt, zwangsweise einer Trinkerheil¬ 
anstalt zu überweisen. Die Regierung glaubte, dass damit ein 
grosser Tlieil aller Trinker von der Strasse verschwinden würde, 
vergas» aber auch ihrerseits für di»* Einrichtung von Anstalten zu 
zu sorgen. Nur London und Glasgow sind bisher der Frage näher 
getreten und haben jede Stadt für sich eine Anstalt gegründet. 
Im Ganzen gibt, es im vereinigten Königreiche nur wenig Platz 
für derartige Sünder und augenblicklich sind zur Strafbesserung 
verurtheilt insgesnmmt 25 Männer und 233 Frauen: »lies der prak¬ 
tische Erfolg »los mit so grossem Pomp eingeführten G»*setzes. 
Diese V«*ruriheilten waren alle zu früheren Zeiten wiederholt im 
Gefängnlss und im Armenhause, einige auch schon in Trinker- 
hcilstätten. Die Frauen, die den grössten Tlieil der Verurtheilt.»»» 
nusmaehen. sind fast sämmtlioh Prostituirte mul überhaupt. Per¬ 
sonen. die der Polizei seit Langem zu soliaffVn machten. Verfasser 
betont wohl mit Re»*ht. dass es nicht die Absicht dos Ges»*tzg»»lu*rs 
gewesen sei, nur diese Klasse von Menschen den Anstalten zu 
überweisen und dass »lies G«*setz in diesem, wie in vielen nnd»*mi 
Punkten ein Misserfolg gewesim sei. Verfasser hi'klagt es. dass 
das Gesetz, wie es einmal ist. eigentlich nur die Personen berück- 


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38 


MI'KN<’IIKNKK MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1. 


sieht igt. die im akuten Stadium der Trunkenheit sich auf der 
Strasse missliebig machen, und er verlangt, dass auch folgende 
Personen unter das Gesetz fallen: Strolche und völlig mittellose 
Trinker, sowie solche von liiderlichem Lebenswandel, Trinker, die 
im liausch sich vergangen haben, ohne jedoch zum 3. Male vor 
Gericht erschienen zu sein und schliesslich alle bekannten 
Trunkenbolde, selbst wenn sie zur Klasse der „heimlichen“ Säufer 
gehören. 

•Tohn K e a y: Die Irrenpflege in den Irrenanstalten während 
der Nacht. (Ibid.) 

Verfasser verlangt die Trennung der eigentlichen Irrenpfleger 
von den Krankenpflegern, die die akut erkrankten Irren zu be¬ 
sorgen haben. Die eigentlichen Irren sind, wenn es sich um frische 
Fälle, um epileptische, aufgeregte, laute oder solche mit Selbst¬ 
mordgedanken handelt, in Schlafsälen unter steter Bewachung zu 
halten. Leichtere Fälle, die nur gelegentlich Ueberwaehuug 
brauchen, sollen ebenfalls in gemeinsamen Sälen schlafen und 
periodisch besucht, werden. Ituhigc. harmlose Kranke schlafen in 
Einzelzimmern oder Schlafsälen mit offenen Thiiren, aber ohne 
Wache. Di«* gesammte Nachtpflege steht unter einer gut aus- 
gebildeten Oberpflegerin, die der eigentlichen Oberschwester gleich¬ 
steht und nur von den Aerztcn Weisungen zu empfangen hat. 

Mitchell Clarke und Morton: Glücklich entleerter 
Abscess im linken Seitenlappen des Kleinhirns. (Bristol Mcdico- 
Chirurgical Journal. Juni 1001.) 

Der nach einer Mlttelohreiterung bei einem 13 jährigen 
Mädchen aufgetretene Abscess wurde lokalisirt. durch die eigen- 
thüinliche nach rechts geneigt«* Haltung d«*s Kindes, durch Parese 
und Tremor im linken Arm (Seite des Abscesses). durch Deviation 
der Augen nach rechts und rechtsseitigen Kopfschmerz, sowie 
Fallen nach rechts (entg(*geng«*s«*tzte S«*it<*) und Eiterung aus dem 
linken Ohr. Zu bem«*rken ist noch, dass erst nach der 5. Punktion 
Eiter gefunden wurde. Die Heilung war vollkommen. 

J. P. zum Busch- Linilon, 

Laryngo-Rhinologie. 

1i O n o «1 i - Ofen-Pest: Laryngitis submucosa infectiosa 
acuta. (Arcli. f. Laryng. u. Ithin.. Bd. 12. II. 2.1 

Di«* Laryngitis submucosa infectiosa acuta iiussert sich 
klinisch in verschiedenen Erscheinungsformen, die — wohl auf 
einer g«*m«*inschaftli<-hen ätiologischen Grundlage entstehend 
sich zweckmässig in 3 Untergruppen theilen lassen. Der patho- 
g«*ne Mikrobe kann dabei sowohl bei dem primären Keblkopf- 
«*rysip«*l, wie bei der Larynxphlegmou«* verschieden sein (Strepto- 
«•occus pyogenes. F r ii n k e l’scher Diplostr«*ptoco«*cus lanceolatus, 
Staphylococcus pyogenes aureus). O n o d i empfiehlt «lah«*r ein 
entsprechendes Epitheton, „mit welchem das Wesen und der 
Charakter des ganzen klinischen Bildes bezeichnet w«*rden könnte“. 
hinzuzufiig«*n. und zwar „in j«*n«*n Fällen, wo sich d«*r Prozess 
auf tlie Epiglottis «*i*str«*ckt. und die entzündliche Schwellung eine 
ödeinatöse Infiltration verursacht. fern«*r das Auftreten der Er¬ 
krankung hohes Fieber begleitet“, das Epitheton erysipela- 
tosa: „wo bei massigem Fieber die plastische oder eitrig«* In¬ 
filtrat ion ausser der Epiglottis auch an«l«*re Kehlkopftheile be- 
treff«*u kann“, das Epitheton phlegmonosa: „wo die akute 
Schwellung und Infiltration mit einem oberflächlichen oder tieferen 
Gewebszerfall, mit einer Nekrose verbumlen ist und einen sehr 
üblen Geruch verbreitet“, «las Epitheton necrotica. 

2» W i 1 d - Freiburg i. B.: 2 neue bronchoskopische Fremd¬ 
körperfälle. (Mit 4 Abbild.) (Ibid.) 

W11 <1 berichtet über 2 weitere bronclioskopiscli extraliirte 
Fremdkörper aus der K i 11 i a n’sclion Klinik, deren Extraktion 
l»«*i«ie Maie durch besonders ungünstige Verhältnisse erschwert 
war. Diese Fälle gaben Veranlassung zur Konstruktion einer 
neuen Fromdkörporzange. ein „Instrument nach Art der Schieb- 
zangen mit Nussknackerziilinchen“ zum Fassen harter, glatter 
Körper, ferner zur Neukonstruktion eines „geschlitzten Leitrohres“, 
die beide in der Arbeit nl»gebildet sind. Autor gibt seinem Be- 
«lauern Ausdruck, „dass die Bronchoskopie bis jetzt so wenig be¬ 
kannt geworden“, und weist darauf hin. «lass «lie Prognose bei 
Fremdkörpern in den tieferen Luftwegen durch diese Methode 
eine bedeutend bessere geworden s«*i. Bezüglich Details muss auf 
das Original verwiesen werden. 

3) A 1 s e n: Zur Therapie der chronischen Kieferhöhlen¬ 
empyeme nebst Angabe unserer Operationsmethode. (Ibid.) 

Al sen berichtet über eine Anzahl radikal operirter Kiefer- 
höhl«*neiterungen aus dem Gerbe r'sclien Ambulatorium. Die 
Operationsmethode — ähnlich der von Ca Id well-Luc an¬ 
gegebenen (cf. diese Wochensohr. 1808. No. 27. 8. SC»."» und 1001. 
No. 48. S. 1042. Referat No. (!) -- besteht in der radikalen Eröff¬ 
nung des Antrum llighmori vom Munde ans nach Desault- 
K ii s t «* r. gründlicher Ausräumung der llölile nebst primä¬ 
rem. engem Nahtverschluss der Mundhöhl«*nwun«le nach vor- 
h«*rig«*r Anlegung einer breiten, für den Zeigefmg«*r durchgängigen 
Komnmnikationsöff nung nach der Nase zu im mittleren 
Nasengange. Hierdurch bli*ibt «lie für physiologische Zwecke 
wichtige untere Nasenmuscli«*l erhalten. Di«* Nachbehandlung 
— b«*stehen«l in Spülungen. Einpulverungen und Jodoformgaze- 
taniponadc. die in der Regel nach 14 Tagen weggelassen wird — 
g«*schi«*ht ausschliesslich von der Nase aus. Der Heilungsprozess 
in der llöhh* wird auf «liese Weis«* allerdings der Kontrole des 
Auges eutzogen. doch wcrd«*n dabei manch«*rlei «len anderen 
Methodim anhafteiulc Nacht heile vernii«*d«*n und die Resultate sind, 
wie die in extenso angefügten 11 Kraukengeschichfen ersehen 
lassen, theilweisi* recht befriedigend«*. 


4) W a r n e c k e - Hannover: Eine aseptische Durchleuch¬ 
tungslampe. (Mit 1 Abbild.) (Ibid.) 

Modifikation einer der bisher im Gebrauch befindlichen 
Dnrchh'uchtuugslampen in der Weise, «lass die mit il«*r Mundhöhle 
in Berührung kommenden Theile (Schutz-Glasröhre, Gummistopfeu 
und Metallstab) leicht auseinandernehmbar sind und ausgekocht 
werden können, so dass man «lie betreffenden Theile nach jeder 
Untersuchung steriiisircu kann. 

5) Iv a s s c* 1 - Posen: Zur Frage „Verhütung des Anlaufens 
von Kehlkopfspiegeln“. (Ibid.) 

Das Eintauchen der Spiegel in 5 proz. Sodalösuug für wenig«* 
Sekunden verhütet das Anlaufen. Nach dem Eintauchen wird 
der Spiegel abgeschwenkt und die Rückseite getrocknet. 

(5) N 6 mal- Ofen-Pest: Ein Instrument zur Papillotomie. 
(Mit 1 Abbild.) (Monatssclir. f. Ohrenheilk. etc. 1901, No. 9.) 

Ein nach Art der Urethral-Katheter gebautes Instrument mit 
einem am laryngealen Ende eingeschnittenen Fenster. Der Feuster- 
rand ist fein und scharf geschliffen, so dass das Instrument mehr 
schneidet als roisst. Das Papillom wird — unter Spiegelkontrole 
— in das Fenster hineing«*drückt und durch entsprechenden Druck 
und Zug von seiner Basis abgeschnitten. Durch Anbringen eines 
vierfachen Schraubengewindes lässt sieb das Ansatzstück mit 
dem Fenster nach jeder Richtung hin verstellen und flxiren. 

7) lt o b i n s o n - Baden-Baden: lieber moderne Inhalations- V 
therapie und ihre Erfolge. (Bnlneol. Centralztg. 1901, No. 45/47.) N 

Nach einer kurzen Ucbersiclit über die Geschichte der Iu- ' 
haiafionstherapie und über den technischen Fortschritt iu der Her¬ 
stellung der diesbezüglichen Apparate und der Inhalatorien wendet 
sich Autor im Speziellen zur Beschreibung der verschiedenen im 
Badener Inhalatorium gebräuchlichen Systeme. Anschliessend 
unterzieht Robinson die verschiedenen Apparatinhalationcn 
in ihrer mechanischen, thermischen und chemischen Wirkung 
einer kritischen Besprechung. Den Schluss des Vortrages bildet 
eine von klinischen Gesichtspunkten ausgehende Würdigung der 
Inlialationstlicrapie bei «len verschiedenen Affektionen des oberen 
Respirationstraktus. 

5) M o 11 n i 6 - Marseili»*: Die Verwerthung der aufweichen- 
den Eigenschaft des Wasserstoffsuperoxydes in der Oto-Rhino- 
logie. (Revue h«'b«lomadaire de laryngologie etc. 1901, No. 4.8.1 

l uter Hinweis auf die bereits bekannten und therapeutisch 
vielfach verwerthetou antiseptiseheu und liäniostatischen Eigen¬ 
schaften d«*s Wasserstoffsuperoxydes emptiehlt Moliniß das¬ 
selbe auch noch als Mittel zum Losweiclien anhaftender Tampons 
mul zum Aufw«*ichen obturir<*nder Oruininnlpröpfe. Nach Ope¬ 
rationen in Nase, Ohr uiul Wurzen fortan tz Ist der Tamponaden- 
weclisel meist schinerzbaft und die Entfernung der oft verklebten 
Tampons hat eine neue Blutung im Gefolge. Beide Uebelstände 
lässt eine vorherige Durclitrünkung des Tampons mittels Wasser¬ 
stoffsuperoxydes leicht vermeiden, so dass Autor neuerdings auch 
zur Verhütung von Synechien nach Nascnoperntionen statt der 
meist üblichen Kautschuk- oder Celluloidplatten einen mit Wasser¬ 
stoffsuperoxid! getränkten Tampon verwendet, wobei die liänin- 
statischen und nntifteptischen Eigenschaften des Wasserstoff¬ 
superoxydes ein längeres Liegenlassen des Tampons ermöglichen. 
Nach 3 Tagen Entfernung des Tampons nach vorheriger aber¬ 
maliger Dnrehträukung mit Wasserstoffsuperoxyd. Wiederholung 
der Tamponade bis zur Heilung. Unter Bezugnahme auf die gute 
B«*«*iiiflussung der pseudo-membrnnösen Otitis durch das Wasser¬ 
stoffsuperoxyd r«*gt Autor au, dasselbe auch bei Rhinitis fibrinosn 
zu versuchen. 


9) B r o e c k a e r t - Gaml: Prothese der Nase mittels In¬ 
jektionen von festem Paraffin nach der Methode von Eck¬ 
stein. (Mit 2 Abbild.) (Ibid. No. 49.) 

Einleitend bespricht Broeekaert die noch recht spärliche 
Literatur «ler subkutanen und subuiukösen Parafflninjektionen 
zur Beseitigung von Difforniitäten und zum Ersatz fehlender 
Organtheile. Unter den verschiedenen Methoden gibt Airtor der 
E c k s t «* i n’sclien «len Vorzug, mittels der er 4 in extenso an- 
g(*fügfe Fälle behandelte. Bei dem einen Kranken beseitigte er 
durch Parafflninjektionen unter die Haut des Nasenrückens einen 
Epikanthus. Die 3 anderen Patienten boten Nnsendifformltäten 
— thcils traumatischer, theils luetischer Natur (Sattelnase) —: 
auch bei diesen erreichte er ein kosmetisch sehr befriedigendes 
Resultat. Betreffs Details und Technik muss auf das Original 
verwiesen werden. 

10) Kuttner- Berlin: Larynxtüberkulose und Schwangen^ 

Schaft. (Annales des maladles de l'oreille etc. 1901, No. 11.) \ 

Das Studium von ca. 25 Fällen von Gravidität iu verschie¬ 
denen Stadien der Kehlkopftuberkulose führt Autor zu folgenden 
therapeutischen Schlussfolgerungen. In aussichtslosen Fällen 
von Kehlkopftuberkulose tlarf eine lokale Behandlung oder 
Tracheotomie nur bei lebensgefährlicher Dyspnoe Platz greifen. 
Bei günstigem Allgemeinbetimlcn vermeide mau einen Eingriff, 
solang«* «lie Larynxaffektion relativ gering ist (kleine Erosionen 
oder circumskripte Uleerntionen). Sobald Infiltrationen auftreten 
oder «lie Affektion sich diffus ausbreitet, tracheotomire man; 
bl«»il»t dieser Eingriff ohne Erfolg, so leite man «len Abort ein. 
Je früher in diesen Fällen der Abort eingeleitet wird, je kleiner 
der Fötus Ist, um so günstiger sind die Bedingungen für den Ver¬ 
lauf. Nach dem 7. Scliwangerseliaftsmonat läuft man Gefahr, 
die Krank«* an den Erschöpfungen der Entbindung zu Grunde 
g«*lu*n zu sehen. Bei Fällen vorgeschrittener Keblkopftuber- 
kulose empfiehlt es sich, vor der Entbindung die Tracheotomie 
vorzunehmen oder wenigstens dieselbe vorzubereiten, um der Ge¬ 
fahr einer plötzlichen Asphyxie zuvorzukoinmeu. 


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MUENCHKNER MEDICINISCHR WOCHENSOHRIFT. 


7. Januar 1902. 


39 


11 > Lombard: Instrumente zur Radikaloperation der 
Kieferhöhle nach der Methode von Luc. (Mit 2 Altbild.) (Ibid. 
No. 12.) 

Angabe nebst Abbildung zweier schneidender Zangen, von 
«lenen die eine zur Abtragung der vorderen Kieferhölilenknoehen- 
wanil, die andere zur Excisiou der inneren medialen Kieferhöhlen* 
Ih*z\v. lateralen Wand des unteren Nasenganges bestimmt sind. 
Lombard bespricht anschliessend in Kürze den Gang der Ope¬ 
ration. (cf. auch Referat No. 3.) Hecht- München. 

Vereins- und Congressberichte. 

Verein der Aerzte in Halle a. S. 

(Bericht des Vereins.) 

Sitzung vom 23. Oktober 1901. 

Vorsitzender: Herr C. Fracnkol. 

1. Herr C. Fraenkel stellt einen Fall von Chlorakne vor, 
der ihm im Marz d. J. vom Gericht überwiesen worden ist, zwecks 
einer gutachtlichen Aeusserung darüber, ob die Erkrankung 
durch die Beschäftigung des Patienten in einem bestimmten ge¬ 
werblichen Betriebe hervorgerufen, und ob die betreffende Fa¬ 
brikleitung wegen Unterlassung geeigneter Vorsichtsmaassregeln 
für die Entstehung des Leidens verantwortlich zu machen sei. 

Vortragender bespricht zunächst kurz dio bisherigen Be- 
obachtungen über diese Affoktion und bemerkt, dass es sich hier 
um ein seltenes und noch vor wenigen Jahren übcrluiupt ganz 
unbekanntes Uebel handle. Die erste einschlägige Mittheilung rührt 
von Herxheiiner her (1889*); dann haben von deutschen 
Autoren Brandt in Magdeburg und neueste ns auch Bott- 
mann in Heidelberg weitere Beiträge geliefert, besonders ist 
auch der Untersuchungen französischer Forscher, wie namentlich 
von Thibierge und P a g n i e z, sowie von II a 11 o p o a u und 
seinen Mitarbeitern zu gedenken. Bis auf den Fall von Bett¬ 
mann, der bei der „Reinigung von Salzsüurethürmen“ ent¬ 
standen sein soll und damit eine Ausnahme von der Regel 
bilde, seien alle übrigen bisher beschriebenen Erkrankungen an 
Chlorakne in einem ganz bestimmten und scharf charakterisirten 
Betriebe, nämlich bei der elektrolytischen Zersetz¬ 
ung der Chloralkalien und der so bewirkten Gewinnung 
des Chlorgases aufgetreten. Das treffe auch für den hier an¬ 
wesenden Patienten zu, der in einer nicht weit von Halle ent¬ 
fernten elektrochemischen Fabrik mehrere Monate thütig gewesen 
sei. die nach der eben angedeuteten Methode arbeite. Fs wird 
dabei eine starke Lösung der erwähnten Salze (Chlorkalium, 
Chlornatriura, Chlomiagnesium) in thönernen oder aus Chamotte 
gefertigten Behältern, sogen. Zellen, der Wirkung des elektrischen 
Strome« unterworfen, indem als Anode ein von oben in das Go- 
fäse eintauchendes Kohlenelement funktionirt, während die Stelle 
der Kathode ein die Zelle aussen umschliessender eiserner 
Mantel vertrete. Sobald der Strom in Thätigkeit, der durch die 
als „Membran“ dienende thöneme Wand der Zelle hindurch 
seinen Weg nehme, sammeln sich die Chlorionen an der Anode, 
während sich das Metall an der Kathode, d. h. an der Innenseite 
der Thonzelle niederschlägt. Das entwickelte Chlor wird dann 
in einen geschlossenen Rohrstrang abgeleitet und so in die Chlor- 
kammern geführt, in denen es zur Herstellung von Chlorkalk 
benutzt wird oder anderweitige Verwendung findet. Ist die Salz¬ 
lösung erschöpft, so muss dio Zelle mit neuem Rohmaterial be¬ 
schickt werden; nach einiger Zeit hat sie sich völlig „tot ge¬ 
arbeitet“; der thönerne Behälter wird entfernt und zerschlagen, 
und an Stelle der alten tritt eine neue Zolle. 

In allen denjenigen Betrieben, die nach dem eben kurz ge¬ 
schilderten, etwa vor 6 oder 8 Jahren zuerst in die Technik ein¬ 
geführten Verfahren arbeiten, hat man nun beobachten können, 
dass die Chlorakne ausschliesslich bed solchen Leuten 
vorkommt, die mit dem Füllen oder mit dem Reinigen der Zellen 
beschäftigt sind, während die an anderen Stellen und namentlich 
in den Chlorkammern selbst thätigen Menschen frei bleiben. 
Lässt dieser Umstand schon keinen Zweifel, dass nicht das 
Chlor selbst als die eigentliche Ursache der Erkrankung an¬ 
gesehen werden darf, so wird das weiter auch noch dadurch be¬ 
wiesen, dass bei allen sonstigen Methoden zur Herstellung des 
Chlors, so z. B. bei der vordem üblichen Gewinnung aus Braun¬ 
stein und Salzsäure, oder bei dem sogen, „heissen Verfahren“ aus 

•) Mflach, med. Wochenschr. 1899, No. 9. 


Chlormagnesiumlaugen die Chlorakne oder ein ähnliches Leiden 
niemals aufgetreten sind. 

Aber wenn damit auch das Chlor als aetielegisches Moment 
ausgeschlossen werden könne, so lasse sich doch die Frage nach 
dem eigentlichen Wesen der Schädigung trotz aller bisherigen 
Untersuchungen leider noch keineswegs mit einiger Sicherheit 
beantworten. Man habe behauptet, dass das Chlor in statu nas- 
ccndi eine ganz besondere Wirkung aasübe, man hat hier an ge¬ 
chlorte Kohlenwasserstoffe oder an gechlorte Phenole gedacht, die 
bei der elektrolytischen Zersetzung der Chloralkalien entstehen 
könnten, aber alle diese Annahmen entbehren bis heute einer 
genaueren Begründung und dio wahre Ursache der Chlor¬ 
akne bleibt also in Dunkel gehüllt. 

Bemerktmswerth sei, dass für die Entstehung des Uebols 
auch dio individuelle Anlage eine sehr erhebliche Rolle 
spiele. Nicht alle in derselben Abtheilung beschäftigten Arbeiter 
erkranken und auch diese letzteren durchaus nicht in demselben 
Grade. 

Was nun die Art und die besonderen Eigenheiten des Uebels 
angeht, so verweist Vortragender auf die in der Literatur bereits 
n iodergelegte.il übereinstimmenden Schilderungen. Fs handelt 
sieh stets zunächst um «‘ine Verstopfung und Entzündung der 
Talgdrüsen; die in dem verlegten Ausführungsgange ge¬ 
bildeten Pfropfe zeigen an der freien Oberfläche eine auffällige 
dunkle, schwarze Verfärbung; die Haut dt» Gesichts beispiels¬ 
weise, auf der viel«} derartige Comedonen Platz gefunden hallen, 
mache auf dem ersten Blick fast den Eindruck, als liege; eine 
Pulververbrennung vor. In Folge der Entzündung der Talg- 
drüsen und der Ilaarbiilge kommt es zur Bildung von Akne¬ 
pusteln, sowie woitorliin zur Entstehung von Furunkeln und 
Atheromen, die die Grösse «dner Kirsche oder selbst einer Wal¬ 
nuss erreichen können. Die Verthcilung dmsor Veränderungen 
über dio Kürperoberfliicho ist keine gleiehmässige; die Extremi¬ 
täten sind in der Regel sehr viel weniger ergriffen, als Kopf, Ge¬ 
sicht und Stamm; besonders heinigesucht werden nach allen bis¬ 
herigen Beobachtungen namentlich die äusseren Gesehlechts- 
theilc, und auch in unserem Falle zeigt der Penis ungemein aus- 
gesprochcno und hochgradige Veränderungen. Meist kommt es 
im weiteren Verlauf des Leidens dann noch zu abnormer Pig- 
mentiriuig und Verhornung der erkrankten Hautgebiete. 
Schwere und Umfang des Leidens schwanken innerhalb weiter 
Grenzen. Neben leichten Formern. lx>i denen nur eine Ver¬ 
stopfung und Verfärbung eiiiiger Talgdrüsen der Gesiolitsluiut 
beobachtet wird, kommen andere vor, die auch schwere allgemeine 
Störungen, Appetitlosigkeit, Abgesehlagenheit, Schwäche und 
ähnliche Erscheinungen hervortreten lassen. 


Harrt nun schon die Frage nach dor Ursache des Uebels noch 
ihrer endgiltigen Beantwortung, so ist man vollends auch über die 
Art der Einwirkung der unbekannten Schädlichkeit noch im Un¬ 
klaren. Die Annahme, dass es sieh um einen unmittelbaren 
Einfluss auf die betroffenen Hautgebieto handele, stösst auf 
Schwierigkeiten, da gerade dio am meisten exponirten Theile, 
d. h. die Arme, in der Regel fast frei bleiben. Ausserdem ist 
hervorzuheben, dass man nicht selten noch Monate und Jahre 
nach der Entfernung der erkrankten Arbeiter aas dem gefähr¬ 
lichen Botriebe neue Ausbrüche des Leidens, d. li. dio Ent¬ 
wicklung zahlreicher frischer Aknepusteln und Geschwüre fest- 
gestellt hat. Es hat desshalb auch die Annahme mancho An¬ 
hänger gefunden, dass der giftige Stoff mit der Athmung oder 
vielleicht auch mit der Nahrung in den Körper gelange und dann 
erst vom Kreislauf aus in die Talgdrüsen wieder abgeschieden 
werde. Diese Vermuthung gebe also einer gewissen Analogie mit 
den Verhältnissen bei der Brom- und Jodakne Raum. Im Uebri- 
gen will Vortragender aber gerade im Hinblick hierauf nicht ver¬ 
fehlen, den sehr benmrkenswerthcn Unterschied hervorzulieben, 
der zwischen jener und dieser Affektion bestehe: wir nehmen all¬ 
täglich und stets erhebliche Mengen von Chlor schon im Kochsalze 
zu uns und können, wie vorhin erwähnt, in einer mit Chlor- 
dämpfen geschwängerten Atmosphäre exist iren, ohne dass es zur 
Entwicklung einer Chlorakne kommt. 

Da über die eigentliche Ursache des Leidens noch ein un- 
durch«lringli<*her Schleier gebreitet ist, so stossen natürlich auch 
Therapie und namentlich Verhütung auf sehr grosse 
Schwierigkeiten. Gute Lüftung der betreffenden Räume, Sorge 
für eine regelmässige Hautpflege bei «len Arbeitern, besondere 


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40 


M UENC'HKXER MEDICINISCHE WOC11FNSCHRl FT. Xo. i. 


Arbeitskleidung:, Verbot der Nahrungsaufnahme in den Arbeits¬ 
räumen u. s. f. kommen hier wolil in erster Linie in Betracht. 
Xaeli allen diesen Richtungen hat die Leitung der Fabrik, in der 
der hier vorgestellte Patient thiitig gewesen, es auch an nichts 
fehlen lassen, und die Frage nach ihrem fahrlässigen Verschulden 
musste daher in verneinendem Sinne beantwortet werden. 

Verwickelt und verdunkelt wird der ganze Sachverhalt hier 
nur dadurch, dass der Patient ausser an der Chlorakne noch 
an einer komplizirten nervösen Störung erkrankt war, die bei der 
genauen Untersuchung durch Prof. Xe belthau als eine mul¬ 
tiple Xeuritis festgestellt wurde. Natürlich lag nun 
der Gedanke nahe, auch diese Affektion in ursäch¬ 
liche Beziehungen zu dem beschuldigten Betriebe zu 
bringen, zumal da der Patient behauptete, dass auch 
unter den anderen Arbeitern ähnliche Erkrankungen vor¬ 
gekommen seien. Indessen stellte sieh diese Aussage als eine 
irrige heraus, und zudem liess eine genaue Anamnese kaum einen 
Zweifel, dass Patient die ersten Spuren seines nervösen Leidens 
schon vor dem Eintritt, in die Fabrik gezeigt halte. 

B e s p r e c li u n g: Herr N e b e 11 h a u, welcher den Patien¬ 
ten im April und Mat je einmal untersucht hat. gibt zu den Mil- 
theilungen des Vortragenden noch einige Ergänzungen, die das zu- 
let/.terwähnle zweite landen des Kranken, die multiple Neuritis 
betreffen. 

Her Patient machte Im Ganzen einen sehr herunter¬ 
gekommenen, ja geradezu kachektischeu Eindruck. Am Respira¬ 
tion»-, Circulations- und Digestiousapparat Hessen sielt keine be¬ 
sonders bemerken» werthen Erscheinungen nach weisen. Der Urin 
war frei von Eiweiss und Zucker, dagegen fanden sich, abgesehen 
von der eigeuthiimlichen Aktie, sehr bemerkeiiswerthe Verände¬ 
rungen am Nervensystem. 

Patient klagte über Gefühl von Schwäche und Taubsein an 
den unteren Extremitäten. Auch sollte die Kraft im Bereiche der 
Extremitäten, besonders der unteren, nachgelassen haben. 

Die Pupillen reagirlen träge, die rechte war etwas weiter als 
die linke. 

Das Bewegung»vermögen der unteren Extremitäten war in 
lioltem Grade beeinträchtigt. Diese Beeinträchtigung zeigte sich 
in ausgesprochener Weise heim Gehen. Der Gang war breitbeinig, 
die Eitssc wurden nur wenig gehoben. Der äussere Band des er¬ 
hobenen Kusses hing beruh, während die gleichfalls licrabliiingcude 
Kussspitze nach einwärts gerichtet war. 

Die rohe Kraft in der gesummten Muskulatur der unteren 
Extremitäten, besonders aber im Peroneusgebiet war beträchtlich 
herabgesetzt, während die Untersuchung iw Bereich der oberen 
Extremitäten nur eine geringe Herabsetzung derselben ergab. Die 
passiven Bewegungen waren an allen Extremitäten, ohne dass 
Widerstände zu überwinden waren, ausführbar. 

Das Empfindungsvermögen war an den unteren Extremitäten 
für alle Qualitäten in massigem Grade beeinträchtigt. Unterschiede 
zwischen den einzelnen Ncrveugebietou waren nicht nachweisbar. 

Au den Unterarmen lind den Händen liess sielt nur eine geringe 
Herabsetzung des Empfindungsvermögens uaebweiseu. Auf¬ 
fallende Druckpunkte waren im Verlauf der Nerven nicht vor¬ 
handen. 

Die Achillesschin nrellexe und die Patellarrellexe waren voll¬ 
ständig erloschen. Kusssohlen- und Gremasterretlex nur au ge¬ 
deutet. Au den oberen Extremitäten waren die Sehneuretlexe zu 
erzielen 

Die elektrische Untersuchung ergab im Bereich der von Nervus 
peroneus versorgten Muskeln bei Reizung vom Nerven aus und 
bei direkter Reizung der Muskulatur eiue beträchtliche Herab¬ 
setzung der Erregbarkeit für beide Sttomesarteu. Dabei verlief 
die Zuckung im Bereich des Tibialis antieus, des Extons, digit. 
communis long. und des Extensor hallucis longus langsam, gleich¬ 
zeitig bestand Umkehr in der Reihenfolge von Kathoden- und 
Auodonzuekiingeu 

Beim Stehen mit geschlossenen Augen trat starkes Schwanken 
ein, auch Hessen die Bewegungen der unteren Extremitäten auf 
vorhandene Ataxie sehliossea. 

Die geschilderten Erscheinungen rechtfertigten die Auf¬ 
fassung, dass es sich um eine Polyneuritis handle, mit besonderer 
Bevorzugung d*-s Peroneusgebietes beiderseits, unter dem Vor¬ 
behalt, dass möglicher Weise auch eine tabisclie Erkrankung des 
Rückenmarks im Hintergründe vorhanden sei. 

Die Besichtigung, welche soeben nur in oberflächlichster Weise 
statt finden kouute, hat ergeben, dass der Ernährungszustand des 
Patienten sich in weitgehendem Matisse gebessert hat, ebenso die 
Akne und die motorischen Störungen im Bereiche der Peronei. 

Die Pupillenreaktion ist zur Zeit fast gänzlich aufgehoben. 

Bei dem schweren kachektischeu Zustand, welcher mit den 
ausgesprochenen Veränderungen auf der Haut einlterging, war die 
Möglichkeit eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen den 
nervösen Erscheinungen und der Akne nicht ohne Weiteres von der 
Hand zu weisen. Nachdem aber Herr Kracnkel hat feststellen 
können, dass bei dem Patienten bereits vor dein Ausbruch der 
llatiterkrankuug nervöse Störungen vorhanden gewesen, dürfte 
zunächst nur noch mit der Möglichkeit zu rechnen sein, dass durch 
die Schädlichkeit, welche (len Hautaussclilng verursacht, ein be¬ 


stehendes oder sich anhalmendcs Nervenleiden beträchtlich ver¬ 
schlimmert worden ist. Erst die Zukunft wird darüber Auskuuft 
örtlichen, inwieweit die Akne und mit ihr das Nervenleiden heil¬ 
bar und inwieweit die Annahme eines Zusammenhanges anderer 
Krankheiten berechtigt ist. 

Herr II o e n i g e r hält die Feststellung des Beginns der ueuri- 
tisehen Veränderungen bei dem Kranken für wichtig. Ein ur¬ 
sächlicher Zusammenhang zwischen Nervenerkrankung und ge¬ 
werblicher Vergiftung erscheine sehr wohl möglich, nur wäre es 
dann zweifelhaft, ob das Chlor und nicht vielmehr ein Metall 
die aeliologisclie Rolle spiele. Der Umstand, dass nur bei der 
Reinigung der zur Elektrolyse dienenden Kästen die in Rede 
stellende Erkrankung aufträte, lasse verumthen, dass das schäd¬ 
liche Agens durch den Mngeudartnkanal eingeschleppt wurde. 
Dass nervöse Erkrankungen nach gewerblichen Vergiftungen sich 
lange Zeit ärztlicher Kenntniss entzögen, liewiesen die erst in 
jüngster Zeit von Ent bden mitget heilten Fälle chronischer Man¬ 
ganvergiftung. 

Herr Ne beit hau bemerkt, dass mau hier auch mit der 
Möglichkeit einer Arsenneuritis gerechnet habe, dass sich aber 
weder im Urin noch in dem für die elektrolytische Zersetzung be¬ 
nutzten Rohmaterial Arsen habe mtchweisen lassen. 

Herr v. Me ring hält eine Metallvergiftung für aus¬ 
geschlossen, da Metalle in den verarbeiteten Salzen, den Chlor¬ 
alkalien. nicht Vorkommen. 

Herr Kracnkel bemerkt demgegenüber, dass immerhin 
eine Verunreinigung dieser Stoffe durch kleine Mengen anderer 
Substanzen, also vielleicht auch von Metallen denkbar sei. In¬ 
dessen sei doch andererseits hervoizultebeu, dass nach allen bisher 
vorliegenden Beobachtungen derartige nervöse Störungen sonst 
durch den liier gcliamlhabten Betrieb nicht hervorgerufen worden 
seien, während das gewiss der Kall gewesen wäre, wenn iu der 
Thal ein ursächlicher Zusammenhang auch zwischen der Neuritis 
und der gewerblicheil Beschäftigung bestehe. 

2. Herr C. Fraenkel berichtet kurz über eine seit wenigen 
Wochen in Kassel in Thätigkeit getretene Anlage, die aus dem 
Klärschlamm der dortigen Sedimentirbecken zur Reinigung der 
Kaualjauclie durch Behandlung mit Benzin Kett gewinne und letz¬ 
teres weiterer technischer Verwendung, z. B. für die Herstellung 
von Seifen zuführe, während der extrahirte Rückstand noch als 
Dungumtcrial Verwendung finden könne. Bei dem hohen Gehalt 
des Klär» c li 1 a m m sau K e 1 1, (lo—12 Proe.i, der wesentlich 
aus der verbrauchten Seife herrühre, gestatte das Verfahren iu der 
Tliat vielleicht eine nutzbringende Verwendung. 

3. Herr Leser: Ueber ein die Krebskrankheit beim 
Menschen häufig begleitendes, noch wenig gekanntes Sym¬ 
ptom. (Der Vortrag ist ausführlich iu Xo. 51, 1901 dieser 
Wochenschrift erschienen.) 

Besprechung: Herr Gen zitier hat schon seit etwa 
10 Jahren bei den Patienten des hiesigen Diukoni»seidinuscs gleich¬ 
falls auf derartige Aiigiotne geachtet und l'eststellcii können, dass 
sie in der Thal recht häutig seien. Indessen haben sie seiner Mei¬ 
nung nach mit dem Unreinem nur insoweit zu tbun, als sie das 
äussere Zeichen für eine gewisse Schwäche des Körpers, für eilte 
rückläufige Entwicklung der Gewebe seien, die natürlich ausser 
durch Krebs auch noch durch die verschiedenartigsten sonstigen 
Ursachen bedingt sein könne. Bei Menschen iu vorgerücktem Alter 
timten sich z. B. fast immer mehr oder minder zahlreiche Augiouie. 

Herr Hausier richtet in dem gleichen Zusammenhang au 
den Vortragenden die Krage, ob er denn die Augiouie auch bei 
jugendlichen Krebskranken schon beobachtet habe. 

Herr Leser beantwortet dies in bejahendem Sinne; schon 
bei einem Patienten im 20. .Talire habe er diese Gebilde augetroffeu 
und gerade darauf komme es an, dass diese Erscheinung, welche 
bekanntermaasseu bei älteren Leuten öfter getroffen würde, bei 
Patienten, die an bösartigen Geschwülsten, besonders au Carci- 
notn litten, viel früher und in wesentlich erhöhter Anzahl vor- 
kii tuen. 

Herr Genzmer möchte nur nochmals betonen, dass er den 
Angiomen auch bei anderen Geschwülsten als beim Carcinom be¬ 
gegnet sei. 

4. Herr Markus: Ueber einen durch Koch-Weeks’- 
sehe Bacillen hervorgerufene Epidemie von Schwellungs- 
katarrh. (Der Vortrag ist in No. 53, 1901, dieser Wochenschrift 
ausführlich erschienen.) 

B o s p r e e li u u g: Herr Sclimidt-Rimpler bemerkt, 
dass er überhaupt noch niemals ein akute Epidemie von Trachom 
unter (len Schulkindern beobachtet halte. Er sei überhaupt ge¬ 
neigt. die Konti des akuten Trachoms, wie sie iu den Lehrbüchern 
beschrieben werde, als eilt überaus seltenes Vorkomtnniss zu be¬ 
zeichnen. Im Kehngen lassen auch die Befunde des Vortragenden 
wieder erkennen, wie weit man iu der Augenheilkunde noch von 
der Möglichkeit entfernt sei, aus den bakteriologischen Ergebnissen 
das klinische Bild abzuleiten und beides iu Einklang bringen zu 
können. 

Herr Pep piu Oller wünscht zu erfahren, ob der Vor¬ 
tragende mit aller Bestimmt heit das beobachtete Auftreten von 
Phlyktänen als eine Erscheinung des in Rede stehenden Krank- 
heitsbildes auffasst. Phlyktänen sind auch von anderen Autoren 
im Verlaufe dieser epidemischen Bindeliauterkrankung beobachtet, 
daun aber ausnahmslos durch eine Komplikation mit Skrophulose 


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'. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


41 


erklärt worden. Dieser Auffassung möchte sich auch Pepp- 
milller anschliessen. Wenn wir auch nicht immer zur Zeit bei 
den betreffenden Kranken skrophulöse Erscheinungen naehweisen 
können, so sind wir desshalb noch nicht berechtigt, eine über¬ 
standene Skrophulose auszuschliessen. Denn vielfach hinterlässt 
die Skrophulose des Kindesalters keine sichtbaren Spuren und auf 
die eventuell negativ ausfallenden anamnestischeu Angaben der 
Individuen ist gar kein Verlass. Er wirft ferner die Frage auf, 
ob der K.-W.-Baclllus vielleicht mit dem Mülle Fschen Trachom¬ 
bacillus identisch sei und ob mau beim Trachom überhaupt schon 
einen bestimmten Mikroorganismus gefunden habe, 

Herr Markus erwidert, dass Phlyktiinen in der That zu 
seinem Krankheitsbilde gehören, zumal sämmtliche Erwachsene sie 
auch gezeigt hätten, so dass von einer zufälligen Komplikation 
mit Skrophulose nicht die Itede sein könne. Herrn Schmidt- 
Klmpler gegenüber betont Herr M., dass die hier beobachtete 
Epidemie sich doch von der Schulepidemie im Harz der Beschrei¬ 
bung nach, die Schmidt - Rimpier davon gegeben habe, unter¬ 
scheide. 

Herr Schmidt-Rimpler, der zuerst die Schulunter¬ 
suchungen in Bitterfeld angestellt hat, bestreitet das und ver¬ 
anlasst so eine weitere Aussprache mit dem Vortragenden über 
diesen Punkt, bei der Herr Markus den bakteriologischen Be¬ 
fund. Herr Schmidt-Rimpler die Uebereiustimmung des 
Krankheitsbildes mit anderen von ihm beobachteten Epidemien, 
speciell auch einer im Sommer in Halle aufgetretenen, wo eben¬ 
falls Koch-Week s’sche Bacillen gefunden wurden, betonen. 

Herr Braunschwelg erwähnt, dass vor 10 Jahren in 
Halle eine ähnliche Epidemie, wie die hier eben beschriebene, ge¬ 
herrscht habe, freilich ohne dass damals ein bakteriologischer Be¬ 
fund erhoben sei; er bevorzugt eine ganz milde Therapie, Subli- 
matumschliige und -Ausspülungen, und vermeidet, so lange Binde¬ 
hautblutungen bestehen, die Anwendung von Aetzmittelft die in 
der vom Vortragenden seines Erachtens vorgeschlagenen Konzen¬ 
tration Bedenkliches habe; die Behandlungsdauer würde dadurch 
sicher nicht verlängert, vielleicht sogar verkürzt. 

Herr F r a e n k e 1 bemerkt zu der letzten Frage des Herrn 
Peppmüller, dass er ausgedehnte Untersuchungen über 
die Entstehung des Trachoms angestellt und namentlich 
zahlreiche frisch entstandene excldirte Follikel mit allen Hilfs¬ 
mitteln der mikroskopischen und kulturellen Technik bakterio¬ 
logisch geprüft habe, ohne Jedoch zu einem positiven Ergebnisse 
zu gelangen. Gerade ln den ganz frischen Fällen seien sehr häutig 
die angelegten Kulturen steril geblieben, und er stehe daher nicht 
an. zu behaupten, dass der Erreger des Trachoms mit unseren 
Jetzigen Methoden nicht nachgewiesen werden könne. 

Herr Schmidt-Rimpler bemerkt, dass auch er sich 
früher auf diesem Gebiete versucht habe; wiederholt sei er dabei 
dem M i c h e l’schen Coecus begegnet, der aber nicht als der Er¬ 
reger des Trachoms anzusehen sei. 

Herr Markus hebt ln seinem Schlusswort noch einmal be¬ 
sonders die Neigung der hier beobachteten Krankheitsfonn hervor, 
chronischen Charakter anzunehmeu, die, abgesehen von allem 
Anderen, die Epidemie in der That als etwas Eigenartiges er¬ 
scheinen lässt. Auch glaubt Herr M., dass ganz im Allgemeinen 
die Aussicht, einmal den Trachoraerreger zu finden, an einem bis¬ 
her trachomfreien Orte grösser sei, als wenn man ihn in den alten 
Hochburgen des Trachoms sucht. 


Naturhi8tori8ch-Medizini8cher Verein Heidelberg. 

(Medizinische Sektion.) 

Sitzung vom 7. Mai 1901. 

Herr Geh. Rath Leber wird zum Vorsitzenden ge¬ 
wählt und nimmt die Wahl dankend an. Als Schriftführer der 
Sektion wird der derzeitige Schriftführer, Prof. Marwedel, 
wiedergewählt. 

1. Herr W. Petersen: Ein Fall von kompleter Darm- 
auMchaltnng. 

M.H.! Die Patientin, die Ich Ihnen hier vorstelle, hat eine recht 
lange Leidensgeschichte hinter sich. Sie ist Jetzt 20 Jahre alt; 
tuberkulös belastet. 1802 entwickelte sich in der Coecalgegend 
spontan nach dem Durchbruch einer Anschwellung eine Kotb- 
fistel: in den nächsten 3 Jahren traten 3 weitere Kothflsteln in 
der N'abelgegend auf. März 1808 wurde auswärts die Naht der 
letzteren Fisteln vergeblich versucht. April 1800 erfolgte Ihre 
Aufnahme; es bestand ein grosser Coecalafter mit Prolaps 
nnd 2 kleinen Fisteln In der Nähe des Nabels; keine sicheren 
Zeichen für Tuberkulose. Die 2 letzten Fisteln wurden freige¬ 
legt: es fand sich eine kleine Dünndnrmflstol und eine grosse, 
ca. 4 ein lange Fistel Im Kolon descendens; dieselben wurden ver¬ 
näht. brachen aber nach 8 Tagen wieder auf. Juli 1800 wurde 
der Coecalafter freigelegt, ausgelöst und durch quere Naht ver¬ 
schlossen. Der stark verwachsene, theils granulirende, thells durch 
Ulceration zerstörte Wurmfortsatz resezirt. Wahrend diese Naht 
glatt heilte, verhielten sich die übrigen Fisteln gegenüber allen 
Hellversuchen ausserordentlich refraktär; von August 1800 bis 
Februar 1001 wurden 5 vergebliche Operationen gemacht; nach 
AnfrlschnDg der Fisteln wurde die direkte Naht ausgeführt; zwei¬ 
mal wnrde dieselbe noch durch einen Brückenlappen der Bauch¬ 
decke (nach Dieffenbach) verstärkt; alles vergeblich. 

Auch vielfache Aetznngen mit Thermokauter und Höllenstein- 
ntlft führten nicht zum Ziele; lm Gegentheil, es bildeten sich nach 


links vom Nabel nur 3 neue Fisteln. Die letzte (die achte) 
Operation führte ich aus am 1. Februar 1001. 

Durch einen grossen Winkelschnitt wurde die Bauchhöhle breit 
eröffnet; die stark verwachsenen Därme wurden ausgiebig abge¬ 
löst, bis sämmtliche Fisteln klar zu Tage lagen; es waren ihrer 
im Ganzen 6. 2 lagen dicht nebeneinander im Dünndarm, so dass 
sie sich zusammen keilförmig exzidiren Hessen (cf. Skizze 1); die 
Oeffnung wurde durch quere Naht geschlossen. 3 weitere Fisteln 
lagen ln einer anderen Dünndarmschlinge etwas weiter ausein¬ 
ander; es wurden ca. 12 cm Darm quer resezirt; Vereinigung End 
zu End mit Murphyknopf. (2) 

Grössere Schwierigkeiten machte die 6. Fistel, welche im 
Colon descendens lag; dieselbe hatte durch die vielfachen ver¬ 
geblichen Operationen natür¬ 
lich eine beträchtliche Grösse 
erreicht; sie maass ca. 10:5 cm. 

Da also hier fast die Hälfte 
des Darmumfanges zerstört 
worden war, so hätte eine 
direkte Naht zur Stenose 
führen müssen; es wurde da¬ 
her die Resektion versucht. 

Aber nach der Flexura lienaüs 
zu war der Dickdarm so fest 
und breit verwachsen, dass er 
bei weiterer Auslösung Immer 
mehr elnriss. Erst am Colon 
transversum stiess man wieder 
auf freien Darm. Man hätte 
die zur queren Naht erforder¬ 
liche gesunde Dannwand aber 
erst nach der Exstirpation der 
ganzen Flexura lienalis ge¬ 
winnen können. Es wäre diese 
Exstirpation technisch wohl 
möglich gewesen; aber da die 
Operation bereits über 2 Stun¬ 
den dauerte, erschien sie als 
zu eingreifend und es wurde die schouendere Darm¬ 
ausschaltung gewählt. Das Colon transversum wurde 
etwas links von der Mitte quer durchtrennt, das dickste 
Ende (a) durch Schnürnaht verschlossen; darauf quere Durch¬ 
trennung des Colon descendens unterhalb der Fistel und Ver¬ 
einigung der proximalen Oeffnung der Colon transversum (b) mit 
der distalen des Colon descendens (c) durch quere Naht. Zum 
Schluss wurde dann die Kolontistel zum Theil resezirt, zum Theil 
durch Längsnaht geschlossen und die verengerte, circa noch 
daumendicke, proximale Oeffnung des Colon descendens (d) in den 
linken unteren Wundwinkel eingenäht Das hierdurch ausgeschal¬ 
tete Stück Dickdarm war ca. 30 cm lang. 

Die kleine Skizze zeigt die hierdurch geschaffenen Ver¬ 
hältnisse. 

Die Wunde wurde theils tamponlrt, theils durch Naht ver¬ 
schlossen. 

In der Bauchhöhle fanden sich neben den ausgedehnten 
flächenförmigen Adhäsionen noch mehrere Infiltrate links vom 
Uterus, daneben kleine Knötchen, deren histologische Unter¬ 
suchung den bereits Immer für wahrscheinlich gehaltenen tuber¬ 
kulösen Charakter der Erkrankung sicher stellte. 

Die Patientin erholte sich von der eingreifenden Operation, 
die 3 y a Stunden gedauert hatte, recht gut; alle Nähte hielten dicht; 
der Murphyknopf ging am 17. Tage ab; die Stuhlentleerung erfolgte 
glatt. Heute ist, wie Sie sehen, die grosse Wunde fast vernarbt: 
die Pat. ist ohne Beschwerden. Ausserordentlich interessirt uns 
natürlich das Verhalten des ausgeschalteten Dickdarmstückes; In 
den ersten Tagen sezernirte dasselbe viel bräunlichen, zähen 
Schleim (ca. 10 ccm pro Tag); allmählich nahm die Sektretion ab, 
der Schleim wurde heller, dünnflüssiger. Heute, nach 3 Monaten, 
beträgt die Schleimmenge höchstens noch 1 ccm pro Tag, wahr¬ 
scheinlich wird dieselbe lm Laufe der Zeit noch mehr abnehmen, 
so dass weitere therapeutische Eingriffe (wie etwa sekundäre Ex¬ 
stirpation des ausgeschalteten Stückes oder Aetzung der Schleim¬ 
haut oder Excislon eines Theiles derselben) hier nicht nöthig sein 
werden. 

Es hat sich aber in diesem Fall die komplete Darm¬ 
ausschaltung wieder auf’s Beste bewährt. Es ist dies eine 
der jüngsten Peritonealoperatiouen; ihre Einführung und ihren 
Ausbau verdanken wir wesentlich Salzer und Eiseisberg, 
welche sich dabei an die älteren Thieroperationen der Physiologen 
anlehncn konnten (T li i r v, V e 11 a u. A.); im Ganzen sind erst 
einige 40 Fälle in der Literatur niedergelegt. 

Es ist kein Zweifel, dass diese Operation für die Heilung 
solcher refraktärer Ivothfisteln, die der Resektion zu grosse 
Schwierigkeiten bieten, einen grossen Fortschritt bedeutet. Ob 
und wie weit sie auch berufen ist, in Fällen von Darmulcerationen 
oder Dannstenosen ohne Fistelbildung (bei Tuberkulose, 
Tumoren etc.) die partielle Ausschaltung, die einfache 
Enteroauastomose zu ersetzen, das lässt sich noch nicht mit 
Sicherheit beurtheilen. Bezüglich der Technik besteht jetzt wohl 
darin Einigkeit, dass die ausgeschaltete Darmschiingo irgend 
einen Abfluss haben muss. Wenn dieselbe aber nicht durch eine 



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42 


MUENCIIENER MEDICTNISC1IE WOCHENSCHRIFT. 


No. 1„ 


Fistel nach aussen mündet, so darf sie nicht an beiden Enden 
geschlossen werden, sondern es ist die Einnähung eines Endes 
oder der beiden Enden angezeigt. 

Nachtrag. Ein zweites Mal hatte ich Im September 1901 
Gelegenheit, eine komplete Darmaussehaltung auszuführen. Ein 
fast kindskopfgrosses Careinom des Colon transversum war in 
eine Dtinndarmschlinge, sowie in die Flexura sigraoides hinein¬ 
gewuchert, im Uebrigen aber gut beweglich. Es wurden ca. 25 cm 
vom Colon transversum, 30 cm Dünndarm und 15 cm der Flexur 
resecirt. Vereinigung des Dünndarmes mit Murphyknopf. Da die 
Naht an der Flexura sigmoides wegen starker Verwachsungen 
des proximalen Stückes grosse Schwierigkeiten geboten hätte, so 
wurde die proximale OefTnung des Colon transversum direkt mit 
der distalen OefTnung der flexura sigmoides durch clrculüre Naht 
vereinigt und die beiden Enden der hierdurch k o m - 
plet ausgeschalteten Flexura lienalis in die 
Bauchwunde eingenäht. Der Verlauf war (abgesehen von einer 
Pneumonie) ungestört: der Murphyknopf ging am 21. Tage per 
anum ab. Patient konnte nach ca. 7 Wochen in leidlichem Be¬ 
finden entlassen werden. 

Diskussion: Herr Leber. 

2. Herr W. Petersen: Ein Fall von Pankreatitis acuta 
gangraenosa. 

Der 22 jährige Fatient hat früher keine ernstere Erkrankung 
durchgemacht, vor Allem keinerlei Magen- oder Darinstürungeu. 
Mässiges Potatorium wird zugegeben. 

Am 28. XII. 1900 erwachte er Nachts plötzlich mit fürchter¬ 
lichen Schmerzen im ganzen Leibe; er erbrach einmal. Der zu¬ 
gezogene Arzt verschrieb Umschläge und Opium: es trat jedoch 
keine Linderung ein; die Schmerzen hielten mit kurzen Pausen an, 
sie zogen ohne besondere Lokalisation durch den ganzen Leib. 
Stuhl und Winde gingen nicht mehr ab, und der Leib trieb sich 
stark auf. Dabei verfiel der Patient immer mehr. 

Am 31. XII. 11 Uhr Abends wird Patient In die Klinik ver¬ 
bracht. Er zeigt einen ungewöhnlich kräftigen Körperbau mit 
enormem Fettpolster. Er ist sehr schwach und verfallen. Puls 
sehr klein, weich. 140—150; Athrauug frequent: Zunge belegt, 
aber feucht. Der Leib war stark nufgetrioben, mässig gespannt, 
in ganzer Ausdehnung lebhaft durckempflndlieh, links etwas mehr; 
in den abhängigen Partien, bis zur hinteren Axillarliuie auf¬ 
steigend, freies, verschiebliches Exsudat.. Die Diirme zeigten auch 
bei Massage keine Spur Peristaltik. Die Leberdümpfung war et¬ 
was verschmälert, die Milzdämpfung etwas verbreitert. Ein 
Tumor oder eine stärker gespannte Darmsehlinge war nirgends 
nachweisbar. Per Rectum nichts Abnormes. Bruchpforten frei. 

Aus diesem Befunde Hess sich mit Sicherheit die Diagnose 
stellen auf akute Peritonitis (mit Exsudat» in vorgeschrittenem 
Stadium: über die Ursache dieser Peritonitis vermochte ich 
jedoch ein sicheres Urtheil nicht zu gewinnen; primäre Darm- : 
Stenose schien bei den massigen Meteorismen, dem fehlendeu Er¬ 
brechen etc. nicht sehr wahrscheinlich; am ehesten hätte noch das 
Bild entsprochen einem perforirten Magenulcus, alter für ein | 
solches bot die Anamnese nicht den geringsten Anhaltspunkt. 

Trotz des sehr schlechten Allgemeinzustandes entschloss ich 
mich, da konservative Behandlung absolut aussichtslos erschien, 
noch zu einer Probein cision. Dieselbe wurde sofort in 
Aetliernarkose ausgeführt. Nach Durchtrennung der enorm fett¬ 
reichen Bauchdecken entleerte sich aus dem Peritoneum ca. 1 Liter 
haeinorrhagischer, trüber Flüssigkeit. Die Darmschlingen waren 
bläulich verfärbt, stark injieirt, zeigten hie und da leichten fibri¬ 
nösen Belag; sie waren gleichmässig aufgetrieben, eine Stenose 
aber nirgends vorhanden. Dagegen fanden sich in dem sehr fett¬ 
reichen Netz und dem Mesenterium zahlreich verstreut die so 
ausserordentlich charakteristischen kleinen, opaken, weissen oder 
weissgelbeu Flecke der Fettnekrose; damit war die Diagnose 
klar und die weitere Therapie gegeben. Die rankreasgegend 
wurde noch abgetastet, um eventuell einen Abscess festzustellen; 
das Pankreas war in toto verdickt, zeigte aber keine circum- 
scrlpte Anschwellung. Es wurde daher nur die Bauchhöhle aus¬ 
gewaschen, nach allen Seiten drainirt und dann die Bauchwunde 
verkleinert. Der Patient war bereits während der Operation 
stark collabirt und trotz Kampher-Aethereinspritzungen, Koch- 
8alzinfusioncu etc. trat bereits nach 4 Stunden der Exitus ein. 

Die Sektion zeigte die massenhafte Verbreitung der 
multiplen Fettgewebsnekrose im gesaminten Peri¬ 
tonealfett; die Präparate kann ich Ihnen hier makro- und mikro¬ 
skopisch demoustriren. Am dichtesten standen die nekrotischen 
Flecken, die stecknadelkopf- bis erbsengross waren, beisammen in 
der Nähe des Pankreas; vereinzelt fanden sie sich auch im retro- 
peritonealen Fett, dagegen fehlten sie im Fettgewebe des übrigen 
Körpers. Der Schwanz des Pankreas war ausgedehnt haemor- 
rliagisch-gangraenös; nach dem Kopfe zu waren noch vereinzelte 
Nekrosen nachweisbar. Anfallend waren die starken Verände¬ 
rungen der Leber: dieselbe war durchsetzt von multiplen 
Haemorrhagien und Erweichungsherden. (Ich gehe hier auf die 
interessanten anatomischen Details nicht weiter ein: Herr Marx 
wird darüber in seiner Dissertation berichten.» 

Bemerkt sei noch, dass iin Harn sich kein Zucker fand und 
dass sowohl aus der Peritonealflüssigkeit wie aus Pankreas und 
Leber Bacterium coli in Reinkultur aufging. 

Wir sehen also hier in typischen Zügen das klinische und 
anatomische I»i 1*1 der seltenen und interessanten Erkrankung, der 
Pankreatitis acuta liae m o r r h a g i c a m i t mul¬ 
tipler F o t I g e w c h s n e k r o s e vor uns. Seit ihrer Ent¬ 


deckung im Jahre 1881 durch Baiser wurde die Krankheit 
vielfach klinisch, anatomisch und experimentell studirt (es sind 
bis jetzt ca. 140 Fälle bekannt geworden). Die anfänglich sehr 
getheilten Meinungen haben sieh bis zu einem gewissen Grade ge¬ 
klärt. Es ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die multiple 
Fett ge websnekrose das Primäre (wie man früher annahm), son¬ 
dern die Pankreatitis; dafür sprechen die experimentellen 
Erfahrungen und vor Allem die irt den letzten Jahren sich 
mehrenden Beobachtungen, dass auch nach V erletzung des 
Pankreas heim Menschen die Fettnekrose entstehen kann 
(S i m m o n d s. M. B. Schmidt, Warre n). 

Ausser dieser traumatischen Pankreatitis bezw. Pankreas¬ 
nekrose kennen wir andere Fälle, wo sich die Eortleitung 
der Entzündung aus der Umgebung sicher nach- 
weisen lässt, so hei Steinen im Choledochus oder in den Pankreas- 
gä ngeii. 

Aber in der Mehrzahl der Beobachtungen blieb die Actiologie- 
der Krankheit unklar; so ergab auch in unserem Fall die Sektion 
keinen Anhaltspunkt für eine fortgeleitete Entzündung. 

Bemerkenswerth ist, dass zwei häufig genannte prädispo- 
nirende Momente, Alkoholismus und Adipositas^ 
auch bei meinen Patienten Vorlagen. 

Die von einzelnen Autoren geäusserte Annahme, dass es sich 
stets uni eine speeifisehe Infektion, handle, bedarf noch der Be¬ 
stätigung. 

Zuijj Schluss noch einige klinische Bemerkungen. Die 
oben kurz skizzirte Krankengeschichte darf als typisch gelten; 
daraus geht hervor, dass die genaue Diagnose der Erkrankung 
stets sehr schwierig sein wird; in der That wurde denn auch 
in der grossen Mehrzahl der operirten Fälle die Diagnose auf 
Ileus oder Perforationsperitonitis gestellt. DieDia- 
gnose wird erleichtert, wenn der Schmerz sich im Epigastrium 
lokalisirt. Zucker im Urin wurde nur sehr selten gefunden; cha¬ 
rakteristische Veränderungen der Stühle fehlten gleichfalls. 

Die chiurgische Therapie erschien bis vor Kurzem 
völlig aussichtslos. Der Collaps der Patienten ist stets ein so 
grosser, dass dieselben jedenfalls eingreifende Operationen 
(z. B. wurde von N i m i e r Spaltung und Tamponade des Pan¬ 
kreas vorgeschlagen) nicht aushalten; von solchen ist daher 
dringend abzurathen. 

Dagegen liegen 2 Berichte vor über Heilung der Pankreatitis- 
nnch einfacher Eröffnung der Bauchhöhle; in dem einen Fall 
(von II a 1 s te d) ist es allerdings zweifelhaft, ob wir der Opera¬ 
tion die Heilwirkung zusehreiben sollen; aber ein unbestreitbarer 
operativer Erfolg scheint mir bei dem kürzlich von Hahn mit- 
gethcilten Falle vorzuliegen (Deutsch. Zeitschr. f. Chirurg. Bd. 58, 
p. 1). Der Patient, welcher sehr schwere peritonitische Sym¬ 
ptome zeigte, heilte nach einfacher Entleerung des Exsudates mit 
Drainage. Ich glaube daher, dass uns zunächst der von Hahn 
gegebene Rath als Richtschnur dienen sollte: er empfiehlt, „bei 
Verdacht auf Pankreatitis haemorrhagica sobald wie möglich eine 
kleine Incision unterhalb des Nabels in der Mittellinie zu machen 
wenn dabei Fettge websnekrose festgestellt ist, das blutige Sekret 
aus der Peritonealhöhle zu entfernen und Jodoformdrainage ein¬ 
zulegen“. 

Das ist ein Eingriff, der sich leicht unter Lokalanaesthcsie 
ausführen lässt. 

Herr F. Völcker: Demonstration eines Falles von opera¬ 
tiv geheiltem Hirntumor. 

Es handelte sieh um eineu 32 jähr. Mann, der seit 2 y 2 Jahren 
an Parästhesien und loknlisirteu Krämpfen in der rechten Hand 
und dem rechten Mundwinkel litt. Seit iy a Jahr Kopfschmerzen, 
seit 1 Jahr Schstörung. Kräftiger Mann, für Tuberkulose oder 
Lues kein Anhalt. Keine motorischen Lülimuugen. Deutliehe 
Störung des Muskelgefühls der rechten Hand. Handschuhgefühl 
daselbst. Anästhesie für feine Berührungen. Doppelseitige 
Stauungspapille. Diagnose der medicinischen Klinik: Tumor der 
linken motorischen Region, unterer Theil der Ceutralwindungen. 
20. XII. 00. W a g n e r’sclier Lappen der Scheitelgegend. Ent¬ 
fernen eines über gänseeigrossen Myxosarkoms der Arachnoidea. 
das sieh ohne Verletzung der Gehirnsubstanz enukleiren Hess. 
Verlauf komplizirt durch Hirnödem, das am 0. Tage einsetzend, 
den Lappen abhob und eine rechtsseitige Hemiplegie und Aphasie 
hervorrief, die in den ersten Tagen nach der Operation nicht be¬ 
standen hatte, durch elastische Kompression erfolgreich bekämpft. 
Die Aphasie ist vollkommen verschwunden, die Hemiplegie be¬ 
steht heute noch zum Theil. Die Kopfschmerzen sind ganz ver¬ 
schwunden, die Sehfähigkeit hat sieh sehr erheblich gebessert 

Diskussion: Herr H o f f m a n n. 


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"7. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


43 


Auswärtige Briefe. 

Breslauer Brief. 

(Eigener Bericht.) 

Universität. — Kreisärzte. — Kurpfuscherunwesen. — 
-Adressbuch. — Okularium. — Freie Vereinigung Breslauer 
Augenärzte. — Krankenkassen. 

Dass die Regierung sich durch den Bau der im- 
l>onirend schönen Kliniken in der Maxstrasse grosse Verdienste 
um unsere medizinische Fakultät erworben, wird immer un¬ 
bestritten bleiben, aber trotz dieser Anstalten und trotz einer 
glänzenden Reihe hervorragender medizinischer Lehrer ging die 
Zahl der Studirenden in den letzten Jahren rapide zurück und 
erst in allerjüngster Zeit scheint sich wieder ein Aufschwung 
anzubahnen. 

Im Wintersemester 1900/1901 betrug die Zahl der imma- 
trikulirten Studirenden 1610, im Sommersemester 1746, so dass 
gegen das Vorjahr eine Steigerung um 12 Studirende im Winter-, 
um 110 Studirende im Sommersemester stattfand. Das laufende 
Wintersemester brachte im Ganzen wieder einen Rückgang um 
34.62 Proz., bei der medizinischen Fakultät fast 40 Proz. 
Irgendwo muss es desshalb wohl nicht ganz stimmen; wir glauben 
nicht, dass, wie Manche munkeln, die Schwierigkeiten im Bres¬ 
lauer Tentamen physicum gar so besonders abschreckend auf 
die schlesischen Jünger Aeskulaps eingewirkt; es Hessen sich 
ohne Mühe noch andere wirkliche Uebelstände verzeichnen, von 
-denen unser Abgeordneter G o 11 e i n voriges Jahr im Abgeord¬ 
netenhause eine ergötzliche Schilderung entworfen. Was er 
vom zahnärztlichen Institut berichtet, mag unwiederholt bleiben; 
dasselbe hat jetzt unter Prof. Partsch ein menschenwürdiges 
Dasein in der alten Augenklinik auf dem Burgfeld gefunden; 
aber der Professor der Psychiatrie muss nach wie vor auf die 
Möglichkeit verzichten, klinischen Unterricht zu ertheilen, denn 
auch in dem Etat für 1902 sind keine Mittel für den Bau einer 
Irrenkliuik vorgesehen; das ist ein geradezu ungeheuerlicher 
Zustand, der dringend Abhilfe heischt. Sparsamkeit ist eine 
lobenswerthe Eigenschaft; die Studirenden könnten sich an der 
Regierung ein Muster nehmen. Wenn aber Hunderttausende 
ausgegeben wurden, um unserer Universität zu Glanz und An¬ 
sehen zu verhelfen, so durfte bei einem so wichtigen Institut 
wie der Irrenklinik nicht Halt gemacht werden. 

Nebenher hat die Universität einen kleinen Nutzen von der 
mit dem neuen Kreisarztgesetz verbundenen Schaffung von Lehr¬ 
stühlen für gerichtliche Medizin davongetragen. So wurde dem 
ausserordentlichen Professor Dr. Lesser in der medizinischen 
Fakultät das durch den diesjährigen Staatshaushaltetat an der 
Universität Breslau neubogründete Extraordinariat für gericht¬ 
liche Medizin mit der Verpflichtung übertragen, dieses Fach in 
Uebungen und Vorlesungen zu vertreten. Gleichzeitig hat der¬ 
selbe die Obliegenheiten eines Gerichtsarztes im Stadtkreise 
Breslau wahrzunehmen. 

Der Ernst, mit welchem die Regierung neuerdings an die 
Organisation des öffentlichen Gesundheits¬ 
wesens gegangen, ist unverkennbar. Bei den mannigfachen 
Berührungspunkten, welche Deutschland mit anderen Staaten 
durch „die internationale Gesundheitsbehörde“ eingeht, handelt 
es sich nunmehr nicht nur um eine rein häusliche Angelegenheit, 
denn unser Reich ist mit seiner innerlichen Organisation des 
öffentlichen Gesundheitswesens den kritischen Blicken der Welt 
ausgesetzt. Das Fundament des öffentlichen Gesundheitswesens 
liegt in den Kreisärzten und den Aerzten. Eine gewaltige Arbeits¬ 
last ist auf die Kreisärzte gehäuft worden, natürlicher Weise 
unvergleichlich gross den idyllischen Anforderungen gegenüber, 
wie sie vor etwa 50 Jahren dem mit 900 M. dotirten Kreisphysikus 
gestellt wurden, dem ausser der Erstattung eines kurzen jähr¬ 
lichen Sanitäts- und Impfberichts nur die Beaufsichtigung und 
Prüfung der Hebammen und Apothekergehilfen, sowie Unter¬ 
suchung königlicher Beamten im Interesse des Dienstes oblagen. 
Hin und wieder einmal eine gerichtliche Leichenöffnung oder 
ein gerichtlicher Terrriin. Dagegen halte man die jetzige „Dienst¬ 
anweisung für die Kreisärzte“. Wer aus Erfahrung die Schwie¬ 
rigkeiten der heutigen sanitätspolizeilichen und gerichtlich-medi¬ 
zinischen Untersuchungen kennen gelernt hat, muss die Uebcr- 
zeugung gewinnen, dass das Amt eines Kreis- und Gerichtsarztes 
instruktionsmässig neben einer bemerkenswerthen Privatpraxis 
nicht mehr betrieben werden kann. Betrachtet man aber die 


für die nicht vollbesoldeten Kreisärzte ausgeworfenen Gehälter 
— und nur wenige sind ja vollbesoldet — so ist ohne Weiteres 
ersichtlich, dass ohne Nebenverdienste eine Existenz ausge¬ 
schlossen ist. Und doch sind — wenn man den Aeusserungen 
in der Medizinalbeamten-Presse Glauben schenken darf — die 
Herren im Allgemeinen ganz befriedigt. So aussert R a p m u n d 
(Zeitschr. f. Medizinalbeamte 1901, 9), ein erfreulicher Erfolg 
sei die Erhöhung des durchschnittlichen Gehaltes der nicht voll¬ 
besoldeten Kreisärzte von M. 2250 auf 2700 M., sowie die Fest¬ 
legung des Mindestgehalts auf 1800 M. Die Gehaltsregelung 
nach Altersstufen, die Anweisung von Wohnungsgeldzuschüssen 
stehe in Aussicht und wenn auch Pensionsverhältnisse und Amts¬ 
unkosten-Entschädigung vor der Hand ungeregelt blieben, so 
könne man mit dem Erreichten doch zufrieden sein. Wenn das 
von der Dienstanweisung empfohlene kollegialiseho Zusammen¬ 
gehen der Kreisärzte mit den nichtbeamteten Aerzten bei Be¬ 
kämpfung gemeingefährlicher Krankheiten, Beaufsichtigung der 
Apotheker, Drogisten, Hebammen, Krankenanstalten wirksam ge¬ 
fördert werden soll, so ist die Verzichtleistung auf Konkurrenz 
in Privat- und Kassenpraxis eine nicht unwesentliche Vorbe¬ 
dingung. Wenn eine Stadt, wie Breslau, mit einer Bevölkerung 
von fast einer halben Million Seelen über 3 Kreisärzte verfügt, 
kann man sich einen Begriff von der Thätigkeit machen, die auf 
den Einzelnen entfällt. 


Wenn unsere Kreisärzte dennoch die Mühe nicht scheuen 
und die Interessen der praktischen Aerzte, wie sie im Vereins¬ 
leben besonders klar zu Tage treten, nach Möglichkeit zu den 
ihren machen, so verdient dies besondere Anerkennung. Wir 
zählen in dem Verein der Breslauer Aerzte die 
Herren zu unseren Mitgliedern und da bietet sich doch in den 
Sitzungen zuweilen Gelegenheit, dass der Kreisarzt sich amt¬ 
lich nützlich macht, speziell bei Bekämpfung des Kur¬ 
pfuscherunwesens. Seitdem durch die Einführung der 
Reichsgewerbeordnung in den 70 er Jahren die Ausübung der 
ärztlichen Praxis aufgehört hat, an die staatliche Approbation 
gebunden zu sein und nur noch die Führung ärztlicher Titel 
von der Approbation abhängt, ist die ärztliche Praxis in die 
Zahl der freien Gewerbe eingereiht worden. Der Arzt hat 
bei der Schaffung seiner Praxis ebenso wie der Rechtsanwalt, 
der Zahntechniker, der Ingenieur oder Architekt mit der Kon¬ 
kurrenz solcher Leute zu rechnen, die sich Technik und Erfahr¬ 
ung auf einem weniger kostspieligen und umständlichen Wege 
angeeignet haben oder welche einfach die Macht der Reklame 
und die unerschöpfbare Hoffnungsseligkeit Siecher und unheilbar 
Kranker in rücksichtslosester Weise ausbeuten. Es ist für den 
jungen Arzt gerade kein angenehmes Bewusstsein, sich wider¬ 
standslos der Reklame des Kurpfuscherthums ausgeliefert zu 
6ehen, denn der Zulauf, den die nicht approbirten Aerzte er¬ 
halten. geht mindestens theilweise auf die stolze Zurückhaltung 
der Approbirten zurück. Dass die ärztliche Standesehre es so 
verlangt, darüber lässt uns eine der letzten Nummern des 
„Ministerialblattes für Medizinal- und medizinische Unterrichts¬ 
angelegenheiten“ nicht mehr im Zweifel. Es liegen wieder 
3 Entscheidungen des ärztlichen Ehrengerichtshofs vor, welche 
sich mit der Frage beschäftigen, ob ein Arzt, welcher fortgesetzt 
oder in marktschreierischer Weise seine Berufsthätigkeit in der 
Presse annoncirt, sich einer Verfehlung gegen die ärztliche 
Standesehre schuldig macht. Der Ehrengerichtshof hat die Frage 
bejaht und die angeschuldigten Aerzte mit entsprechenden 
Strafen belegt. Zu einiger Beruhigung wird es indessen dem 
eben in die Praxis getretenen Kollegen dienen, dass er beim 
ersten Schritt in das ärztliche Vereinsleben den engen Zusammen¬ 
schluss Aller zur Wahrung einerseits der Standesehre, anderer¬ 
seits der wirthschaftlichen Staudesinteressen wahrnimmt. liier 
in Breslau ist die Solidarität so weit gediehen, dass jeder ein¬ 
zelne Arzt die Verpflichtung fühlt, stets für das Ganze einzu¬ 
treten. Von unserem Kollegen Alexander rührt die preis¬ 
gekrönte Schrift gegen das Kurpfuscherthum „Wahre und falsche 
Heilkunde“ her. Andere scheuen sich nicht, direkt in das feind¬ 
liche Lager sich zu begeben, z. B. zu Versammlungen, in welchen 
irgend ein sog. „Naturarzt“ oder sonstiger Pfuscher und Reklamc- 
held den andächtigen Zuhörern die Wunder der allein heil¬ 
bringenden Naturheilmethode zum Besten gibt. Als kürzlich in 
solcher Gemeinde der nicht gerade unberüchtigte Naturarzt 


Dr. H. eben in dem Trumpf gipfelte: „Aus der Apotheke, w-l.-hc 
nebenbei bemerkt mit 99 Proz. Nutzen arbeitet, kommt kein Heil, 


sondern nur Gift, das den Körper schädigt und verdirbt“ — du 


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44 


MUEXCHEXER MEDICINISCHE WOCHEXSCHRIFT. 


Xo. 1. 


erhob sich unser Kollege Dr. A p t xind zeigte dem verdutzten 
Publikum 3 von dem redenden Naturarzt verschriebene Rezepte 
auf grosse Dosen Morphium und Chloralhydrat. Diese Rezepte 
waren ihm durch den unermüdlichen Eifer des oben genannten 
Dr. Alexander zur Verfügung gestellt; aus eigener Kennt- 
niss wies A p t. noch auf einen Fall, wo Redner ein starkes 
Digitalinfus verschrieben. Der Hieb kam unerwartet, traf dess- 
halb um so sicherer. Wenn immer und immer wieder der appro- 
birte Arzt, ob allein oder vertreten durch Kommissionen der Ver¬ 
eine den lügnerischenMachenschaften der Pfuscher entgegen tritt, 
dann werden dem Publikum allmählich doch die Augen auf gehen 
und sowohl die materiellen wie die idealen Güter der Aerzte 
werden besser gedeihen. Aber freilich bedarf es, zumal in einer 
Grossstadt wie Breslau, unausgesetzter Wachsamkeit. Wie Gift¬ 
pilze schiessen an allen Ecken und Enden „Vibratorien, Oscilla- 
torien, Magnetopathen, Okularien“ u. s. w. empor, mehr oder 
weniger alle als dreistester Schwindel auf die Dummgläubigkeit 
der Menge berechnet. Selbstverständlich haben wir zuerst im 
eigenen Hause zu kehren und die Adressbuchdebatten der letzten 
Monatsversammlungen unserer Aerzte erwiesen genugsam, wie 
ernst wir es damit meinen. In der That, wenn man dem Aerzte- 
verzeichniss unserer hiesigen Adressbücher, die doch von Aerzten 
und Patienten Schlesiens vielfach zu Rathe gezogen werden, 
einige Aufmerksamkeit schenkt, so ist man erstaunt, welchem 
unsinnigen Reklamewesen hier Thür und Thor geöffnet worden. 
Da findet man einen und denselben Namen in 5 spezialistischen 
Rubriken, nämlich in der für äussere, für Blasen-, für Ge¬ 
schlechts-, für Harnröhren- und für Hautkrankheiten. Da findet 
man einen Frauenarzt, der zugleich Spezialarzt für Gemüths- 
krankheiten ist, da gibt es Spezialisten für Naturheilverfahren 
u. s. w. Glücklicher Weise zeigen die Adressbuchverleger jetzt 
mehr Entgegenkommen, als in früheren Jahren, und so dürfte 
die Kommission, welche mit denselben in Verbindung zu treten 
hat, eine gründliche Säuberung wohl zu Wege bringen. Um 
dem Reklamewesen der im Ausland approbirten Aerzte entgegen 
zu wirken, welche unseren Standes Vorschriften nicht unterliegen, 
wird wohl die Aerztekammer auf Mittel und Wege sinnen müssen. 
Ein mehr spezialärztliches Interesse hat der Unfug, welcher sich 
hier wie in vielen anderen Grossstädten unter dem Namen 
„Okularium“ breit gemacht und zu einem langwierigen, bisher 
leider vergeblichen Kampfe geführt hat. Was unter 'einem 
„Okularium“ zu verstehen, dürfte dem Leser sattsam bekannt 
sein. Der springende Punkt für uns Aerzte liegt darin, dass 
irgend ein mammonbedürftiger Kollege sich für dies rein in¬ 
dustrielle, kapitalistische Unternehmen ködern lässt und seinen 
Arzttitel in den Dienst des Brillenverkäufers stellt. An vielen 
Plätzen, so auch hier, hat das Ehrengericht dem betreffenden 
Kollegen einen Verweis ertheilt. Anders ist es trotzdem nicht 
geworden. Und nun gar die Reaktion seitens der anderen Brillen¬ 
verkäufer! Der Eine annoncirt seinen Laden kurzweg als 
„schlesisches Okularium“, der Andere zieht hohnlächelnd die 
„kostenlose augenärztliche Untersuchung“ in den Staub; bei ihm 
würden die Augen, auch ohne Arzt, durch ihn selbst allein gründ¬ 
licher und genauer — auch mit Augenspiegel, in besonderem 
Augenspiegelkabinet — untersucht, als es irgend so ein junger 
Vierwochenspezialist des Okulariums vermöge; seine 25 jährige 
praktische Optikerfahrung biete viel höhere Garantien. Da 
sehen wir, was wir von den Optikern zu gewärtigen haben! 

Ist es ein Wunder, wenn Dr. König in einer vor Kurzem 
bei Marhold in Halle a. S. erschienen Broschüre („Welche Aus¬ 
sichten hat in unseren Tagen der junge Arzt“) in den Stoss- 
seufzer ausbricht: Die Medizin ist der erhabenste Beruf, aber 
das erbärmlichste Handwerk! Und damit kommen wir auf den 
zweiten Punkt im ärztlichen Erwerbsleben; denn mit Recht gibt 
Dr. König weniger noch der Kurpfuscherei, als dem 
Krankenkassenwesen Schuld an den elenden Verhält¬ 
nissen, die sich besonders in grossen Städten fühlbar machen: 
die Bezahlung der Krankenkassenärzte ist im Allgemeinen 
miserabel. Es gibt solche, die 10 Pfennige für die Konsultation, 
15 Pfennige für die Eirankenvisite erhalten. Trotzdem muss 
sich der Arzt von den ihn Konsultirenden, sowie von den Funk¬ 
tionären der Kasse gelegentlich unangenehme Dinge sagen lassen, 
wenn er nicht seinen Posten verlieren will. Denn dies ist das 
traurigste Zeichen der Lage des Aerztestandes: Der Andrang 
zu frei werdenden Kassenarztstellen ist ein ungeheurer; 
für jeden Austretenden melden sich 30—50 neue Bewerber. Selbst¬ 


verständlich ist es nur ein Akt der Humanität, wenn wir die 
Abiturienten der Gymnasien warnen, Medizin zu studiren. ln 
Breslau ebbt die Zahl der Mediziner seit einigen Jahren; die 
Fluih der Studirenden ergiec-sL sich hier auf die Jurisprudenz, 
welche augenblicklich die grösste Zahl der Hörer aufweist. 
Gönnen wir ihr diesen Ruhm! Einstweilen ist der Kampf »gegen 
die Krankenkassen, von dem Leipziger Verbände aufgenommen, 
in ein neues Stadium getreten. Der Verband hat seine Kampf¬ 
devise in eine Friedensdevise umgewandelt. Gegenseitige 
friedliche Gestaltung der Verhältnisse ver¬ 
langt seine neueste Flugschrift.(„Was will der Leipziger Ver¬ 
band ?“) Die jetzigen Ziele werden so gekennzeichnet: Der 
Hauptzweck des Leipziger Verbandes ist und bleibt die Gründung 
einer grossen Kasse, um solche Kollegen zu unterstützen, die 
in Wahrung ihrer Standesinteressen gegenüber Krankenkassen 
und ähnlichen Korporationen materielle Einbussc erlitten haben 
oder zu erleiden befürchten müssen, und in zweiter Linie, um 
Darlehen an solche Aerzte gewähren zu können, denen im Ver¬ 
laufe von Streitigkeiten zwischen Aerzten und Krankenkassen 
behufs Verhütung des Zuzuges, Stellen nachgewiesen werden.“ 

Gerade jetzt bietet sich dem Verbände Gelegenheit, sich in 
Breslau nützlich zu machen und er ergreift dieselbe, wie ich 
versichern kann, mit Freuden. Nach geheimen Vorbesprechungen 
einzelner Augenärzte hat sich hier vor wenigen Wochen eine 
„freie Vereinigung Breslauer Augenärzte“ auf- 
gethan, die mit grosser Energie an die Beseitigung dieser wirt¬ 
schaftlichen Krebsschäden herantritt. Wie tief müssen diese 
Schäden schon gefressen haben, wenn Spezialärzte eine Ver¬ 
einigung gründen, nicht zu wissenschaftlichen, sondern zu wirt¬ 
schaftlichen Zwecken. Ich glaube, der Fall ist bisher einzig 
in der Geschichte des Aerztestandes, aber er wird nicht einzig 
bleiben, denn die Erfolge dieses Spezialistenvereins werden die 
Augen der Kollegen an allen Orten Deutschlands önnen und die 
Konsequenzen werden sieh angenehm auch bei den praktischen 
Aerzten bemerkbar machen. 

Das erste Lebenszeichen, mit welchem die freie Vereinigung 
Breslauer Augenärzte in die Oeffentlichkeit trat, ist folgende 
in der ärztlichen wie in der Tagespresse — und zwar mit Unter¬ 
stützung des Leipziger Verbandes — erschienene Annonce: 
„Kollegen, welchen augenärztliche Thätigkeit an einer Bres¬ 
lauer Krankenhause angefeerten werden sollte, wenden sieh im 
eigenen Interesse an die Unterzeichnete Vereinigung unter der 
Adresse ,Rendantur des Vereins Breslauer Aerzte‘. Die freie 
Vereinigung Breslauer Augenärzte.“ — Und zu dieser Kund¬ 
gebung kam es so: Eine hiesige Ortskrankenkasse kündigte 
ihrem Augenarzt die Stellung, welche er nach mehrjähriger 
Thätigkeit mit einem Gehalt von 500 M. bekleidete, ohne dass 
ein anderer Kündigungsgrund als vielleicht die Aussicht auf 
einen billigeren Ersatz vorlag. Denn — warum 500 M. aus¬ 
geben, wenn man den Kassenmigliedern augenärztlichen Rath 
so gut (oder schlecht) wie umsonst beschaffen kann. Dafür 
existirt ja seit 50 Jahren der „Schles. Verein zur Heilung armer 
Augenkranker“. Durch einen jährlichen Beitrag von freilich 
mindestens 10 M. wird die Kasse Mitglied des Vereins und die 
der Kasse zugehörigen Patienten können in der öffentlichen 
Sprechstunde „der Provinzial-Augenheilanstalt für Arme“, die 
von dem Verein unterhalten wird, mit voller Berechtigung sich 
Rath und Hilfe holen. Auch werden etwaige stationäre Fälle 
für 75 Pf. den Tag dort aufgenommen. Solcher Konkurrenz 
gegenüber könnten die Breslauer Augenärzte ob mit oder ohne 
Klinik wahrlich einpacken. Indessen diesmal dürfte die Kranken¬ 
kasse ihre Rechnung ohne die „Freie Vereinigung der Breslauer 
Augenärzte“ gemacht haben. Der Vertrag mit der Provinzial¬ 
augenheilanstalt hat der Agitation der vereinigten Augenärzte 
nicht lange Stand gehalten; er ist gekündigt worden. Und die 
Krankenkasse, welche nur den mindestfordemden Ophthalmologen 
anzu9tellen gedachte, stiess jetzt selbst mit einem Angebot von 
1500 M. nicht auf Gegenliebe, da die Vereinigung „freie 
Arztwahl“ als Parole ausgegeben und eine Kommission be¬ 
hufs genauerer Abmachungen eingesetzt. 

Wir sind begierig, wie die Angelegenheit ablaufen wird. Ohne 
Augenarzt kann eine grössere Krankenkasse kaum existiren; da¬ 
gegen würden die Mitglieder selbst sehr bald Protest erheben und, 
der erbärmlichen Bezahlung gegenüber, welche bisher den an- 
gestellten Augenärzten zu Theil wurde, war es höchste Zeit, dass 
einmal energisch Front gemacht wurde. Für die Anzahl der 


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?. Januar 1902. 


MUENCIIENER MEDICI NISCHE WOCHENSC.11 RI ET. 


45 


zu erwartenden Augenfälle haben wir gewisse statistische An¬ 
haltspunkte. Man kann die Zahl der Krankheitsfälle überhaupt 
ungefähr gleich der Zahl der Mitglieder setzen; eine Kasse von 
10000 Mitgliedern hat jährlich ungefähr lOOOO Krankheitsfälle. 
Die Zahl der Augenfälle verhält sich nun zu diesen ungefähr 
wie 1:10 bis 13; die genannte Kasse würde also ca. 1000 Augen* 
kranke stellen. Ferner steht statistisch fest, dass auf jeden 
Fall ca. 4—5 Konsultationen kommen. Es würde sich also um 
ca. 4500 Konsultationen handeln, für die ein fest angestellter 
Augenarzt mit einer sogen. Gratifikation von 300—500 M. ab- 
jrefunden wird, das sind ca. 10 Pf. für jede spezialistische Leist¬ 
ung. Eine hiesige Krankenkasse hat beispielsweise an jährlichen 
Ausgaben zu verzeichnen: M.4200 für das Bureaupersonal,M.4100 
für 7 Aerzte; — 150 M. erhält der Augenarzt. Bei der freien 
Arztwahl würde die Minimaltaxe als Grundlage der Honorirung 
dienen; auch Operationen müssten dieser entsprechend honorirt 
werden. Eventuelle durch die Vermögenslage der Krankenkassen 
gebotene Abstriche würden am Quartalsschlüsse durch die von 
den Aerzten eingesetzte Vertrauensmännerkommission erledigt 
werden. Ob sich dies wird verwirklichen lassen, ist eine Frage, 
auf deren Lösung wir nun mit berechtigter Spannung warten. 
Auch die klinischen Verpflegungssätze werden unter ein fest¬ 
gesetztes Minimum von z. B. 1.50 M. nicht heruntergedrückt 
werden dürfen. Wir haben übrigens Kassen am Orte, die ohne 
Weiteres M. 2.— pro die bezahlen. 

Einstweilen hat die von der freien augenärztlichen Ver¬ 
einigung in Angriff genommene Kasse sich nach Möglichkeit ein¬ 
zurichten gesucht. Die leichteren Fälle (als wenn diese Trennung 
ohne Weiteres sich durchführen Hesse!) bleiben den fixirten 
Kassenärzten; die Brillenbedürftigen werden in’s „Okularium“ 
geschickt, welches sich für M. 1.60 pro Brille zur Verfügung 
gestellt hat und naiv (oder berechnend) genug war, auf die oben 
wiedergegebene Annonce der Augenärzte sich mit einem 
Schreiben an dieselben zu wenden, in welchem es verspricht, sich 
ganz nach deren Vorschriften zu richten. Die Augenärzte waren 
klug genug, über dies Schreiben zur Tagesordnung überzugehen. 
Um für die schwereren Fälle gesichert zu sein, trat die Kasse an 
die Universitäts-Augenklinik heran und suchte einen Vertrag 
mit derselben zu erzielen. Dem vorzubeugen wandte die freie 
Vereinigung Breslauer Augenärzte sich an den Vorstand der Ver- 
waltungsinspektion, Herrn Geheimrath K ü s t n e r, welcher die 
von der Vereinigung in einem Schriftstück ihm überreichte Be¬ 
gründung vollinhaltlich anerkannte und deren Wünschen gerecht 
zu werden versprach. In dem schriftlichen Dokument heisst es 
unter anderem: „Es wird also hier versucht, die Universitäts- 
Institute, die nur wissenschaftliche und erzieherische Tendenzen 
haben können, im wirtschaftlichen Kampfe als Unterbietungs¬ 
mittel gegen deren eigene Schüler auszubeuten und die innigen 
und durchaus notwendigen Beziehungen zwischen den Prak¬ 
tikern und der Alma mater zu zerstören; dass dies bei den 
mannigfachen Berührungspunkten im wissenschaftlichen und 
praktischen Leben für beide Theile von unheilvollem Einfluss 
wäre, braucht nicht erst erörtert zu werden. 

Ohne eine prinzipielle Stellungnahme derUniversitätskliniken 
in dieser Krankenkassefrage anzuregen, bitten wir nur in diesem 
konkreten Falle einen Vertrag abzulehnen, weil derselbe nicht 
aus spontanem Antriebe, erstrebt wird, sondern als ein Mittel 
zur Knechtung der Aerzte ausgebeutet werden soll; und an einem 
intakten Aerztestande haben Universitätslehrer, Studenten und 
Aerzte ein gleiches Standesinteresse. 

Die Kasse selbst ist, soweit uns bekannt, durchaus gut situirt 
nnd unseren Forderungen gewachsen. Eine Enquete im Jahre 
1896 hat ergeben, dass dieselbe damals bei einem Mitglieder¬ 
bestände von 5527 Mitgliedern und einer Beitragszahlung von 
2Vx Prozent des Lohnes bereits einen Reservefond von 81767 M. 
angesammelt hatte; dabei hat sie für Verwaltung allein 
ca. 14000 M. jährlich ausgeben können, dagegen für ärztliche 
Honorare im Ganzen nur ca. 8000 M. sich abgerungen. Da der 
Mitgliederbestand erhebHch gewachsen ist und als Beitrags- 
leistung gesetzlich bis 4Vi Proz. des Lohnes gestattet sind, so ist 
mit Sicherheit anzunehmen, dass die Kasse den Forderungen 
nachkommen kann.“ 

Ueber den weiteren Verlauf der nicht nur für die Augen¬ 
ärzte, sondern wohl für die ärztliche Gesammtheit wichtigen An¬ 
gelegentlich werden wir in einem späteren Briefe berichten. W. 


Römische Briefe. 

(Eigener Bericht.) 

Rom, 15. Dezember 1901. 

Die letzte Epidemie in Neapel. — Die Maassregeln der 
Regierung und deren Erfolg. — Allgemeine Betrachtungen. 

Am Nachmittag des verflossenen 23. September erhielt die 
Präfektur von Neapel die Mittheilung, dass unter den Arbeitern 
des „Punto franco“ (neutrales Zollgebiet) einige Erkrankungen 
vorgekommen wären, die sehr verdächtig als Pestfälle erschienen. 
Die traurige Nachricht wurde von dem dortigen Präfekten noch 
Nachts an die hiesige Regierung übermittelt und von hier trug 
der Draht den Sehreckensruf an jeden Punkt Italiens. That- 
sächlich bedeutet ja auch die Pest in Neapel die stärkste, un¬ 
mittelbarste Gefahr für ganz Italien. 

Neapel stellt in reger Verbindung mit Sizilien, Sardinien, 
mit Genua, Livorno und allen Häfen des adriatischen Meeres; 
ausserdem fährt man von dort in 4 Stunden nach Rom, so dass 
die Hauptstadt direkt bedroht ist. Jeden Tag treffen volle Züge 
von den äussersten Provinzen Süditaliens und von Mittel- und 
Oberitalien in Neapel ein und alle Tage reisen einige Tausende 
von dort nach den genannten Regionen. Um so grösser ist meine 
Genugthuung, berichten zu könuen, dass sich die Regierung 
bezw. das Central-Sanitätsamt in Rom der drohenden Gefahr 
mit dem nöthigen Verständniss und aller Energie entgegen¬ 
gestellt hat. Die Regierung folgte bei ihren betreffenden Maass¬ 
nahmen vor Allem zwei Hauptregeln und diese waren: die Seuche 
mit aller Macht unterdrücken und in Allem die Wahrheit herr¬ 
schen lassen. Und wenn ich auch nicht mit Mirza-Schaffy sagen 
will, dass, wer die Wahrheit sagen wolle, Flügel haben müsse, 
so bin ich doch der ITeberzeugung, dass eine gehörige Dosis Muth 
nötliig ist, um stets die Wahrheit zu sagen. Besonders in unserem 
Fall! Wie viele Interessen, kaufmännische, volkswirthschaft- 
’ liehe, Interessen des Einzelnen, wie der Gesammtheit können 
durch die Wahrheit geschädigt werden! Die Fremden werden 
fliehen, die verseuchte Stadt meiden, Handel und Wandel werden 
stocken, kurz die Wahrheit wird den grössten Schaden bringen! 
Ich sage: das ist nicht wahr und der Verlauf der Ereignisse in 
Neapel bestätigt dies. Jedes Uebel, und besonders jede Epidemie, 
ist um so schwerer zu bekämpfen, je länger man zu vertuschen 
und zu beschönigen sucht. Gerade in der Medizin, und da be¬ 
sonders bei Infektionskrankheiten, sollte vor Allem Wahrheit 
herrschen; alles Vertuschen und Beschönigen, die euphemistische 
Benennung gefährlicher Krankheiten, z. B. Schwäche der Lungen, 
Lungenspitzenkatarrh, Gastroenteritis etc. für * Tuberkulose, 
Pulmonitis, Abdominaltyphus etc. hatte und hat stets nur“ 
schlimme Folgen für das persönUche, wie allgemeine Wohl. Ich 
hatte nicht selten Diskussionen mit Kollegen, die Offenheit in 
solchen Fällen als Grausamkeit u. dergl. bezeichnen wollten, aber 
es gelang mir immer, sie zu überzeugen, dass die wahre Grau¬ 
samkeit auf Seite desjenigen ist, der die Uebel pietätvoll maskirt. 
Die Wahrheit ist das Eigenthum des Starken! — 

Doch sehen wir, was in unserem Fall die Regierung that. 
Zuerst depeschirte sie, wie schon bemerkt, an sämmtliche Prä¬ 
fekturen des Reichs, dass sich in Neapel pestverdächtige Fälle 
gezeigt hätten und desshalb die sanitären Provinzbehörden auf 
der Hut sein sollten, wie sie, die Regierung, kampfbereit sei. 
Am 25. September, als der bakteriologische Befund den Ver¬ 
dacht zur Gewissheit gemacht hatte, wurden, der Konvention 
von Venedig entsprechend, auch die ausländischen Regierungen 
prompt vom Vorgefallenen in Kenntniss gesetzt. In Neapel aber 
ging man der Seuche auf’s Gründlichste zu Leibe. Und dies 
war keine leichte Aufgabe! Wer den Charakter der neapoli¬ 
tanischen Bevölkerung, die Wohnungs- und sanitären Zustände 
der Stadt und die Art eines Theiles der dortigen Tagespresse 
kennt, wird das ohne Weiteres verstehen. Ich will hier nur ein 
Beispiel anführen. Eine der wichtigsten neapolitanischen 
Zeitungen behauptete, um gegen die Regierung zu hetzen, die 
Pest sei von dem Regierungskommissär, der die Enquete leitete, 
nach Neapel gebracht worden. (!) Natürlich fand selbst dieses 
Märchen bei gewissen Leuten Glauben; für die Verbreiter des¬ 
selben mochte Herr S a r e d o ja wohl auch so etwas wie der 
Bringer eines grossen Uebels sein. Andere Zeitungen verlegten 
sich darauf, einfach Alles abzuleugnen und die Regierung des 
Uebereifers zu beschuldigen, in dem Wunsche und der Hoffnung, 
dadurch der Stadt zu nützen. Aber glücklicherweise prallten 





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M U EX< T lK X Eli \\ K l) I (• IX | sc 11E WOCII E X S(’II Kl FT. 


Xu. 1. 


'F> 


diesmal \oruri heile un<l Presstreibercieii machtlos an dem [ 
.siarken Willen der Regierung ab und auch Reklamationen und ! 
Ivosleu vermochten sie nicht von ihrem Wege abzubringen. 

\ or mir liegt, der Bericht des Zentral-Sanitätsamtes über i 
die l’est in Neapel ‘), in welchem der Verlauf der einzelnen Fälle, 
die Verbreitung der Seuche und die .Maassregeln dagegen au 
Jährlich und klar beschrieben sind. Bekanntlich steht die Pesl 
der Menschen in engem Zusammenhang mit jener der Ratten 
und das erste Mittel zur Bekämpfung der Pest ist gerade die 
Vernichtung der Ratten. Während der Pest in Neapel hatte man 
eine Infektion und in Folge dessen eine grosse Sterblichkeit 
unter den in den neapolitanischen Volksquartieren äusserst zahl¬ 
reichen Ratten konstatirt und das Hauptaugenmerk der Regie¬ 
rung war daher darauf gerichtet, diese Pestversehlepper durch 
Bomben mit erstickenden (Jasen zu todten. Die todt gefundenen 
Thicre wurden dann entweder verbrannt oder durch Schwefel¬ 
säure vernichtet. Behufs direkter Bekämpfung der Pest aber 
Hess man alle unter verdächtigen Erscheinungen erkrankten 
Personen impfen und nach der Insel Nisida bringen. Sänmitliehe 
Arbeiter des „Punto franco“ und einer Mühle, in welcher auch 
ein Pest fall vorgekommen war (im Ganzen 838 Personen), wurden, 
nachdem man sie geimpft hatte, auf ein Schiff verladen und 
dort 10 Tage lang (Inkubationszeit) beobachtet. Es ist klar, 
dass dabei in vielen Fällen auch Gewalt angewandt werden 
musste, da Manche sich weigerten, den strengen Anordnungen 
der Behörden Folge zu leisten. Die Erkrankten waren auf der 
Insel Nisida in geeigneten Lokalen untergebracht und man 
konnte dies wirklich Isolirung nennen, denn die Insel war mili¬ 
tärisch auf’s Schärfste bewacht, so dass keinerlei unbefugte 
Kommunikation zwischen ihr und dem Lande staufinden konnte. 
Auch die Aerzte und sämmtliches Personal wurden rigoros von 
jeder Berührung mit der Stadt und deren Bewohnern fern¬ 
gehalten. Die Waaren, die am Punto franco lagerten, wurden 
zum Theil (d. h. die verdächtigsten) verbrannt, alle übrigen mit 
Chemikalien desinfizirt; ebenso wurden die Lokale auf’s Gründ¬ 
lichste desinfizirt. Der Erfolg war aber auch dieser Anstreng¬ 
ungen werth. Die Epidemie wurde im Keime erstickt; neue 
Fälle traten nicht hinzu und bald konnte Neapel wieder für 
gesund erklärt werden. 

Ich habe gerne über diese Vorfälle und das Verhalten der 
Regierung berichtet, der meiner Ansicht nach alles Lob gebührt, 
und ich möchte noch einige Betrachtungen daran knüpfen. 
Italien ist seines günstigen Klimas, der Sonne etc. wegen ein 
bevorzugtes Land zu nennen und ich schreibe es diesen günstigen 
Faktoren zu, dass wir um zwei Drittel weniger Tuberkulose 
haben, als in Deutschland, obwohl dort die ökonomischen Ver¬ 
hältnisse bedeutend besser liegen, als bei uns. Ich bin nun der 
Meinung, dass man, wenn die Regierung dieser Infektion mit 
einem Zehntel der Energie entgegenträte, die sie in Neapel 
zeigte, die Tuberkulose völlig aus Italien vertrieben werden 
könnte. Und auch bei anderen Infektionskrankheiten (Typhus, 
Diphtheritis etc.) Hesse sich noch Vieles thun. Nicht dass uns 
ein gutes Sanitätsgesetz fehlte, aber es fehlte, wie ich schon 
voriges Jahr in einem Brief betonte, die Energie, es rigoros 
durchzuführen. In jenem Brief sagte ich auch: „Wolle Gott, 
dass wir eine Regierung bekommen, die versteht, dass die Kinder 
von heute die Bürger von morgen sind, und die den Hebel des>- 
halb bei den Schulen ansetzt“. 

Haben wir endlich eine Regierung, die den wahren Inter¬ 
essen des Landes dient? Gerade wenn man den Verlauf der 
Choleraepidemie in Neapel im Jahre 84 und die letzte Pest- 
epidemie vergleicht, wenn man beobachtet, mit welchem Eifer die 
Regierung — von einem Arzt, Prof. B a c e e 11 i, angespornt — 
gegen Malaria, Pellagra und auch Tuberkulose ankämpft, wenn 
mau sieht, wie das Unterrichtsministerium stets an Wichtigkeit 
zunimmt und die einschlägigen Verhältnisse zu verbessern sucht, 
dann kann man wohl mit gutem Gewissen antworten: Ja! — Und 
so können wir Italiener von ihr das Beste hoffen und die Fremden, 
die unser schönes Land besuchen wollen, können zu uns kommen, 
ohne Furcht, dass man, um geschäftliche Interessen zu schonen, 
Dinge verheimlicht oder beschönigt, die der Allgemeinheit 
Schaden bringen können. Diese Gewissheit gibt ihnen die Be¬ 
handlung der Pest in Neapel. Dr. Giov. G a lji. 

'i Santo liquido. — ..Kclazioiie al (’oiisigüo superiore di Sanitfl 
sui casi di peste huhhnuiea a Napoli.“ 


V erschiedenes. 

Aus den Parlamenten. 

Bayerischer Landtag. 

Es liegen nunmehr die schriftlichen Anträge des besonderen 
Ausschusses über den Gesetzentwurf, die ärztliche Standes- und 
Ehrengeriehtsordnung betr.. an die Kammer der Abgeordneten 
vor. Nach einer Information wird voraussichtlich noch in der 
zweiten Hälfte dieses Mouats die Verhandlung im Plenum be¬ 
ginnen. Aerztliche Bezirks vereine, welche zuvor noch zu den An- 
i trägen des Ausschusses Stellung nehmen wollen, müssen daher 
i bald schlüssig werden. 

In Folge der ungenauen Informationen aus der Tagespresse 
! war der Bericht in der vorigen Nummer über die Honorarfrage 
nicht zutreffend, ist vielmehr dahin richtig zu stellen, dass der 
1 Ausschuss seinen in erster Lesung gefassten Beschluss aufrecht 
, erhalten hat. Was eine Stellungnahme der Aerzte veranlassen 
könnte, sind hauptsäehlieh die Absätze 5 bis 7 des Art. 2 des Go 
: >etzes. Nach den Beschlüssen des Ausschusses sollen dieselben 
lauten: 

„Die Staudesordnung darf keine Bestimmung enthalten. 
I welche dem Arzte die freie Wahl der Heilmethode oder des 
Heilverfahrens verbietet. 

Durch dieselbe darf in keiner Weise eine Bestimmung über 
die Festsetzung des ärztlichen Honorars und über den Abschluss 
von Verträgen mit öffentlichen und privaten Korporationen ge¬ 
troffen werden. 

Es können daher auch jene Handlungen der Aerzte, 
welche unter die in Abs. 5 und G aufgeführten Punkte fallen. 
. nicht Gegenstand eines ehrengerichtlichen Verfahrens bilden." 

Sind schon die beiden ersten Sätze anfechtbar, so schliesst der 
i letztere die Anwendung des allgemeinen Grundsatzes (Abs. 3) aus, 
wonach der Arzt verpflichtet ist, sich der Achtung, die sein Beruf 
erfordert, würdig zu zeigen. Standesunwürdige Handlungen der 
: in Abs. 5 und G bezeichneten Art müssen jedoch ehrengerichtlich 
! verfolgt werden dürfen. Dr. Becker- München. 

Gerichtliche Entscheidungen. 

Der aus dem Annoncentlieile der Tagesblätter ln weiten 
Kreisen bekannte „Spezialist für Lungenkranke“ Dr. II or¬ 
brück 1 hatte aus praktischen Gründen seinen Wohnsitz von 
München nach Luzern verlegt, um gewissen Konsequenzen seiner 
eigenartigen Bcrufsthütigkeit zu entgehen. Jedoch liess er in 
.München sein „chemisch-pharmazeutisches Laboratorium" zurück, 
in welchem seine Buchhalterin Medikamente nach Angabe Dr. H.’s 
fertigte und an Patienten verschickte, bis die Polizei diesem Trei¬ 
ben ein Ende machte und das Laboratorium konfiszirte. Die Buch- 
halterin hatte sich am IS. Dezember 1901 vor dem Amtsgericht 
München I wegen tebertretuug der unbefugten Arzueiinittel- 
abgabe gemäss § 3G7, Z. 3 K.-St.-G.-B. bezw. der kaiserl. Verord¬ 
nung vom 27. Januar ISO:» zu verantworten. Die Angeklagte 
schildert den Geschäftsbetrieb Dr. IL's l'olgendermaassen: Die 
Patienten wandten sich brieflich an Dr. 11. nach Luzern, der sich 
von ihnen I rin und Sputum habe schicken lassen und nach deren 
l'ntersuchung der Buchhalterin mittheilte, welche Arznei und au 
wen sie dieselbe zu schicken halte. Der Arzneischatz D. H.’s be- 
I stand aus 3 Medizinen. No. 1 'rosa-), 2 (braun-) und 3 (gelbgefärbt). 
] Der Tax werth dieser Arcana betrug iucl. Gefäss und Dlspensations- 
; gebühr laut Sachverständigengutachten 90 Pf., während das Post- 
| buch Dr. H.’s ergab, dass in den 3 Monaten dieses Betriebes, Juni, 

1 Juli und August, 878 Packete unter Nachnahme von 4 M. 75 Pf. 

! bis 15 M. 75 Pf. verschickt wurden. Die Arzneien wurden her- 
; gestellt, indem zur Fertigung einer Medizin (z. B. No. 1) eine glelcb- 
i namige vorräthige „Mixtur“ (No. 1) in ein Glas gefüllt, ein Pulver 
zugegeben und mit Brunnenwasser aufgefüllt wurde. Woraus die 
| Medizinen bestanden, wusste die Angeklagte natürlich nicht. Nach 
! dem Gutachten des Sachverständigen, Oberapotheker Spaeth 
vom Krankenhaus 1/1., bestanden die Pulver aus kohlensaurem 
i Morphin in Dosen zu 0.15 bezw. 0,3 g. Die Mixturen enthielten 
nur Farbstoffe und zwar No. 1 Eosin, No. 2 Zuckercouleur, No. 3 
Safran, die Medizinen waren also nichts als gefärbte Morphium- 
I lösnugen, die sieb nur durch die Farbe und die Morphiumdosis von 
i einander unterschieden. Der Amtsanwalt erklärte, dass er nur be¬ 
dauern könne, dass ein praktischer Arzt sich dazu hergebe, die 
hilfsbedürftige Menschheit in der Weise zu betrügen, wie dies 
! durch die Verhandlung von Dr. H. festgestellt sei. Dr. H. habe 
sich durch die Flucht nach der Schweiz der ihm gebührenden 
Strafe entzogen, die Buchhalterin sei nur sein Werkzeug gewesen, 
aber trotzdem nach § 307, Ziff. 3 strafbar. Das Gericht erkannte 
auf 20 M. Geldstrafe, da feststehe, dass die Buchhalterin die 
Arzneien abgegeben und nach ihrem früheren Geständniss selbst 
1 bereitet habe; ob sie gewusst habe, woraus die Medizinen bestanden 
und dass .sie sieh strafbar mache, sei gleichgiltig. Aus den Aus- 
; fiihrungen des Vertheidigers ist zu erwähnen, dass derselbe dem 
l Amtsanwalt gegenüber den Dr. H. in Schutz nahm, der kein Kur- 
1 pfuscher, sondern praktischer Arzt sei und seine Medizinen nach 
, bestem Wissen und Gewissen verordne und bereite. Der Preis von 
I durchschnittlich 9—10 M. fiir das Medikament im Taxwerth von 
| 90 Pf. sei nicht zu hoch, da darin doch auch die Konsultation, 
Sputumuntersuchung. Diagnose Inbegriffen sei. Die Buchhalterin 
| sei nicht die Verkäuferin, sondern lediglich das Versandtwerkzeug 
| des Dr. II.. sie sei daher freizusprechen. 


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Januar 1902. 


47 


M UEXC11 KN KR M KUH I NI SC 11 IC WOCIIK N S( 'IIRL KT. 


Zu (U>m vorstehenden Fall schreibt uns der Pressausschuss 
des Aemliohon Bezirksvereins München: 

..Pas langjährige Treiben des prakt. Arztes II o f b r ü e k 1 
hat endlich das von Kundigen vorausgeselieue und herbei¬ 
gewünschte Bilde gefunden. Wie bekannt, sind bei der vor Kurzem 
gegen seine Haushälterin durchgeführten Gerichtsverhandlung 
jene Manipulationen an das Licht der Oeffentlichkeit gekommen, 
welche den inzwischen ln das Ausland abgereisten approbirteu 
..Spezialisten für Lungenkranke“ ln eine Reihe mit besonders tief 
stehenden Kategorien von Kurpfuschern stellen. 

In jetziger Zeit, wo im bayerischen Stilndebaus über die von 
den bayerischen Aerzten nngestrebte Standes- und Ehrengerichts¬ 
ordnung verhandelt wird und wo die beim Gesetzgeben gewiss 
seltsame Strömung sieh breit machte, die Kurpfuscher und un¬ 
anständige Aerzte gegenüber der grossen Mehrheit der an¬ 
ständigen Aerzte eigens in Schutz nehmen zu wollen, verdient der 
Fall Hofbrückl schon um desswillen ein allgemeineres Inter¬ 
esse. als an ihm so recht demonstrirt werden kann, wie berechtigt 
der Ruf nach einer Ehrengerichtsordnung für Aerzte ist. Indem sich 
Hofbrüekl vom Beginne seiner, auf die Täuschung und Aus¬ 
beutung der armseligsten Kranken, der Schwindsüchtigen, be¬ 
rechneten „Thütigkeit" an ausserhalb der ärztlichen Standes¬ 
vereine stellte — der Beitritt zu denselben ist bekanntlich bisher 
ein ganz freiwilliger —, entzog er sich von vorneherein jeder Ein¬ 
flussnahme von Seiten seiner Kollegen. Obwohl jeder der Letz¬ 
teren, der die markschreierischen Annoncen H.'s las, genau 
wusste, dass dieselben nur dem Zwecke der skrupellosen Aus¬ 
beutung der betr. Kranken dienen konnten, obwohl jeder an¬ 
ständige Arzt es für eine Gewissenlosigkeit hält, Morphium¬ 
lösungen auf’s Gerade wohl an Kranke in die Ferne zu verschicken, 
obwohl also jeder anständige Arzt sehr genau wusste, dass er 
ilem „Kollegen“ H. nichts als Missachtung entgegenbringen könne, 
so feldte doch der offiziellen Vertretung der Aerzte. in unserem 
Falle dem ärztlichen Bezirks verein München, jede Handhabe, 1L. 
vor sein Forum zitireu zu können. Es scheint im Publikum 
durchaus die Anschauung zu herrschen, die ärztlichen Bezirks- 
verelue hätten eine Dlsziplinarbefugniss über alle praktlzirenden 
Aerzte, und könnten daher Jedem'derselben ein standesunwiirdiges 
Betragen untersagen. Mit niebten! Eine solche Befugniss bestellt 
zur Zeit in Bayern nicht und steht ihr schon die Thalsache ent¬ 
gegen. dass kein einziger Arzt Mitglied eines Bezirksvereins zu 
werden braucht, wenn er es so will! Wir Aerzte streben ja doch 
gerade jetzt darnach, dass man uns ein gewisses Maass an Recht 
zur Diszipllnirung solch’ unwürdiger Stnudesgenosseu einräume! 

Mit dieser Feststellung geben wir auch die Antwort auf die 
Frage, welche die „Münchener Post“ an ihren Bericht, über den 
Fall II. knüpft: „Wo war denn da der ärztliche Bezirks verein?" 
Der wäre schon da gewesen, er konnte aber nicht einschreiten. da 
II. eben ausserhalb des Vereines stand, wo er sich wohler befand. 
Es war übrigens vor nicht zu langer Zeit von dem Karlsruher 
Gesuudheitsrathe auf Grund chemischer Untersuchung der von II. 
verabfolgten Mixturen amtlich und öffentlich vor dem Treiben 
II.’s gewarnt worden und diese Warnung auch in vereinzelte 
bayerische Blätter übergegangen. Zu der auch von H. geübten 
IVrnbehnndlung haben wir schon früher gelegentlich der Dann¬ 
städter und Düsseldorfer Prozesse gegen Dr. Lang und Dr. Voll- 
beding prinzipiell Stellung genommen, so dass der in diesem 
Punkte ähnlich gelagerte Fall H. dazu keine weitere Veranlassung 
zu bieten brauchte. Jedenfalls aber erhellt auch aus dem vor¬ 
liegenden Falle, dass eine den nach Hilfe ausschauenden Kranken 
öffentlich angebotene Fernbehnudlung ln der Regel auf Täuschung 
und Schädigung hinausläuft. Es Ist da kein Unterschied, ob das Aner¬ 
bieten von einem Kurpfuscher oder einer appr. Person ausgehe: Beide 
benutzen das Mundus vult deeipi. Auf die Stellung der deutschen 
Gesetzgebung gegenüber diesen Manipulationen können wir hier 
uielit eingehen; nur einen anderen Punkt möchten wir erwähnen 
und dieser betrifft das Verhalten der Presse gegenüber den doch 
so durchsichtigen Zeitungsangeboten der Kurpfuscher oder anderer 
Ferntherapeuten. In dieser Hinsicht können wir uns nur dem 
Wunsche anscliliessen. den kürzlich auch der Verein für Volks- 
liyglene in München aussprach: Die gute Presse, welche doch 
alle Tage ihre Spalten ln loyalster Weise den jeder Art von Auf¬ 
klärung und Belehrung dienenden Artikeln öffnet, möge sieh doch 
eine gesteigerte Beschränkung auferlegen in der Annahme von 
Kurpfuscherannoncen und solcher mit dem Anerbieten brieflicher 
Behandlung. Es wäre dies ein officium nobile der Presse, das frei¬ 
lich nicht ohne Opfersinn durchzuführen ist. aber unstreitig in den 
Kähmen der Aufgaben hinejngehört welche die gute Press«» von 
icher im Interesse der Volkswolilfnhrt und fortschreitenden Bil¬ 
dung zu lösen trachtet. So erscheint es uns ungereimt, dass im 
Annoneentheile der angesehensten und trefflichsten Journale, die 
sonst durchaus dem Fortschritte dienen, sieh (las Mittelalter breit 
machen «larf — in Gestalt der auf Urtheilslosigkeit und Ab«*r- 
glaulien spekulireuden Pfuscherannoncen! Die gute Presse sollte 
auch hier, wie Ja auch sonst so oft, den Pionier der Gesetzgebung 
darstellen. 

Sollte der Fall Hofbrüekl neben den schlimmen Wir¬ 
kungen, die er da und dort für das Ansehen des ärztlichen 
Standes halten wird, auch ein Körnchen günstiger Wirkung nach 
der von lins eben bezeichnet«*» Richtung hin in sich bergen, so 
könnten wir mit wirklichem Tröste ülier Hin und den Träger 
seines Namens zur Tagesordnung übergehen.“ 

Endlich wird uns zu demselben Fall Folgendes mitgethcilt • 
Bel dem Bezirksarzt der Stadt München erschien vor Kurzem «hu- 


Mann der neulich verurt heil teil Buchhalterin und Helfershelferin 
Hofbrückl's und theilte ihm mit: „Selm» Frau wolle nicht 
um ihren Verdi«»nst kommen: sie sei auch schon in einer 
hiesigen Apotheke beschäftigt bezw. d/gagirt. um 
die Mixtur«*» II o !' b r ii c k l's weiter anzufertigen. Er bitte tim 
Rath, v ie sie es machen solle, um dalxd nicht mit dem Gesetz 
in Kontlikt zu kommen. — Wir hoffen, dass der Bezirksarzt dem 
Manne eine kräftige Antwort ertheilt hat. und dass es ihm ge¬ 
lungen ist. die betreffende Apotheke zu ermitteln. Gegen die Fort¬ 
setzung «los Hof brück l'schen Schwindels durch eitle Apotheke 
müsste mit allen Mitteln, die das Gesetz zur Verfügung stellt, vor¬ 
gegangen werden. 


Tagesgeschichtliche Notizen. 


München, 7. Januar 1002. 


— Der bayerischen Abgeordnetenkammer sind jetzt die Be¬ 
schlüsse des Ausschusses über den Entwurf eines Gesetzes, die 
ii r z 1 1 i e h «» Standes- und Ehrengerichts o r d n u n g 
1 »etreffend, zugegatigen, so dass der Entwurf demnächst vor das 
Plenum gelangen kann. Bevor dies der Fall ist. wäre es sehr er¬ 
wünscht. wenn die ärztlichen Vertretungen nochmals diejenigen 
Punkte kennzeichnen würden, zu denen sie ihre Zustimmung nicht 
g«*beu können. Denn mau braucht die Hoffnung nicht aufzugebett. 
dass es der Regierung gelingen wird, im Plenum, bei dem man eine 
so iirztefeindliehe Stimmung, wie sie in dem ganz besonders un¬ 
günstig zusammengesetzten Ausschuss herrschte, doch nicht vor 
auszusetzen braucht, solche Punkte wieder zu beseitigen. Nach 
unserem Dafürhalten kommen drei Punkte des Gesetzentwurfes in 
Betracht: 1. Die Forderung des Art. 2: „Die Standesordnung darf 
keine Bestimmung enthalten, welche d«»m Arzte die freie Wahl der 
Heilmethode oder des Heilverfahrens verbietet": 2. die Forderung 
desselben Art. 2: „Durch die Standesordmmg darf in keiner Weise 
eine Bestimmung über die Festsetzung des ärztlichen Honorars 
und über den Abschluss von Verträgen mit öffentlichen und pri¬ 
vaten Korporationen getroffen werden. Es können daher auch 
jene Handlungen der Aerzte. welche unter die in Abs. ö und o 
aufgeführten Punkte fallen, nicht Gegenstand eines ehrengericht¬ 
lichen Verfahrens bilden", und 3. di«* Herabsetzung «les Straf 
maximums von 2000 M. auf 300 M. Zu Punkt 1 möge wiedcrholi 
darauf liingewiesen werden, dass ja schon durch die Bestimmung, 
dass wissenschaftliche Ansichten und Handlungen eines Arzte- 
niclit Gegenstand eines ehrengerichtlichen Verfahrens bilden 
können, jedem Arzte die freie Wahl der Heilmethode zugesicher. 
ist. Im ärztlichen Verein München war diese Bestimmung gerade 
mit Hinweis auf Homöopathen und Naturürzte beantragt worden. 
Diese und andere Scktirer sollen, so lange sie sieh in den Grenzen 
»les Anstandes halten, von den Ehrengerichten unbeliistigt bleiben. 
Die Leute vom Schlage der Hofbrüekl. Lang und Vol 
beding sind es, tim derentwillen die Aerzte nach den Ehren¬ 
gerichten gerufen haben. Gerade Solchen aber kann jene Bestim¬ 
mung. dass das Heilverfahren unter keinen Umstünden ehren 
gerichtlich beanstandet werden darf, zur Deckung dienen. Der 
Fall II o f b r ii e k 1, über den wir an anderer Stelle dieser Nummer 
berichten, in dem das Heilverfahren, in der Massen Verabreichung 
grosser Morphiunulosen bestellend, unberechenbaren Schaden an 
zuriebteu geeignet war. z«*igt das deutlich. Viel weniger im 
eigenen Interesse, als zum Schutze des Publikums müssen die 
Aerzte die Beseitigung jener Bestimmung verlangen. Der Fall 
Hofbrüekl zeigt alter auch, dass die Herabsetzung des Straf- 
maxiinums von 2ooo auf 300 M. unmöglich ist. Solchen L«*ut**n 
gegenüber, die durch ein schändliches Heilverfahren in kurzer Zeit 
Keichthiimer erwerben, ist «-ine Geldstrafe von 300 M. ein¬ 
fach lächerlich. Was endlich den unter 2. angeführt «*n 
Punkt betrifft, so steht, derselbe im Widerspruch zu der vom 
Minister durchgesetzten Bestimmung: „Bei Verträgen mit öffent¬ 
lichen und privaten Korporationen, Versicherungsgesellschaften. 
Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und sonstigen Kassen soll der 
Arzt eines unlauteren Herabdrückens oder Unterbiet«»»« sieh ent¬ 
halten." Das ist doch eine den Abschluss von Verträgen be¬ 
treffende Bestimmung. Da dieser Widerspruch unmöglich in's 
Gesetz aufgeuommen werden kann, so dürfte es der Regierung 
wohl gelingen, den betreffenden Absatz des Art. 2 zu beseitigen. 
Und so wollen wir den Plenarvorhnndlungen in dem Vertrauen 
entgegensehen, dass sie trotz alledem noch zu einem die Aerzte 
befriedigendem Ergebnis« führen werden. 

— Am 21. und 22. v. Mts. fanden im Keiehsgesundheitsnnu 
in Berlin Sitzungen der Kommission für das Geheim- 
ui i 11 e 1 wesen unter dem Vorsitze des Präsidenten Köhler 
statt. . Zugez«»gen waren Mitglieder des Keiehsgcsundheitsrathes 
und drei pharmazeutisch«» Grossinduslri«*lh>. Von der öffentlichen 
Ankündigung wurden etwa 110 Mittel ausgeschlossen, ausserdem 
30 gänzlich verboten. 

— 1 »er 23. B a 1 n e o 1 o g e n k o »gross wird unt«*r Vorsitz, 
des Herrn Gehelmrath Liebreich vom 7. bis 11. März 10t»2 in 
Stuttgart tag«»n. Nähere Auskunft ertheilt Geheimer SaniiäismtIi 
Brock. Berlin SO.. Molohiorstr. IN. 

— I* e s t. A«*gypt«*n. Während der Zeit vom 20. November bis 
13. Dezember sind in Aegypten allein in Zifthah 2 neue Erkran 
klingen und 1 Tod«*sfall an der Pest gemeldet. BrPisoh-Osi in-1 i< u 
Wahrend der am 22. November abg«*liinlom-n Woche sind in 
der Präsidentschaft Bombay >M2 neue Erkrankungen und • '•-“*'- • 


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48 


MUENOHENER MK DT CI NISCHE WOCHENSCHRIFT. 



Todesfälle an der Pest festgestellt, also 389 und 15 mehr als in 
der Woche vorher: auf die Hafenstadt Karachi entfielen davon 
73 Erkrankungen und 58 Todesfälle. In der Stadt Bombay wurden 
während der am 23. November endenden Woche 300 neue Erkran¬ 
kungen — fast doppelt so viele wie während der Vorwoche — und 
189 erwiesene Pesttodesfälle, ausserdem 131 pestverdächtige Todes¬ 
fälle gezählt; die wöchentliche Gesammtzahl der Todesfälle da¬ 
selbst stieg auf 800. — Mauritius. In der Zeit vom 11. Oktober bis 
7. November wurden auf der Insel 290 Erkrankungen und 170 
Todesfälle an der Pest beobachtet, davon in der ersten November¬ 
woche 85 bezw. 50, d. h. mehr als in jeder der vorhergegangenen 
Wochen. — Kapland. Während der am 23. November abgelaufenen 
Woche ist nur der eine, bereits früher erwähnte neue Pestfall 
in der Kapkolonie festgestellt, und zwar bei einem Eingeborenen 
in Port Elizabeth; ebendaher wurde ein Pesttodesfall bei einem 
Eingeborenen gemeldet. — Vereinigte Staaten von Amerika. Am 
4. November ist in San Franzisko eine weitere Erkrankung und 
ein Todesfall an der Pest zur Anzeige gekommen. — Brasilien. 
Nach den in den Zeitungen des Landes auf Grund amtlicher An¬ 
gaben veröffentlichten üebersichten sind in Rio de Janeiro vom 
1. bis 24. November 55 Fälle von Pest festgestellt und 30 Personen 
daselbst der Seuche erlegen; In Campos dauert die Pestepidemie 
an, auch in einigen anderen Orten des Staates Rio de Janeiro 
sollen Fälle von Pest festgestellt worden sein. (V. d. K. G.-A.) 

— In der 50. Jahreswoche, vom 8.—14. Dezember 1901, hatten 
von deutschen Städten über 40 000 Einwohner die grösste Sterblich¬ 
keit Bochum mit 28,0, die geringste Charlottenburg mit 7,4 Todes¬ 
fällen pro Jahr und 1000 Einwohner. Mehr als ein Zehntel aller 
Gestorbenen starb an Scharlach ln Bremen, Dortmund, Gleiwitz; 
an Masern ln Bochum. Solingen; an Diphtherie und Croup in Bam- 
lK>rg, Braunschweig, Elberfeld, Offenbach. 

— Die Redaktion der von Professor Dr. Stadel mann be¬ 
gründeten „Deutschen Aerztezeltung“ ist am 1. Januar 
1902 an Professor Dr. Pagel übergegangen. 

(Hochschulnachrichten.) 

Berlin. Der Privatdozent der Chiurgie Dr. Gustav d e 
It u y t e r, ein Schüler B e r g m a n n’s, wurde zum Professor er- 
nauut, ebenso der durch seine Arbeiten Uber Gewerbehygiene be¬ 
kannte Dr. Theodor Sommerfeld und der um das ltettungs- 
und Kninkentransportwesen ln Berlin verdiente Dr. Georg 
M e y e r. Die Berliner medizinische Fakultät hat, wie die Voss. 
Ztg. zu melden weiss, eine Eingabe an den Minister gerichtet, 
worin darum ersucht wird, dass im Interesse des medizinischen 
Unterrichts wichtige Aenderungen und Neuorganisationen nicht 
ohne Befragung der Fakultät in’s Leben gerufen werden möchten. 
Wie verlautet, hat sich die Fakultät insbesondere durch die ohne 
ihre Zustimmung erfolgte Einrichtung der ophthalmoskopischen 
(’liarit$klinik und die Ernennung des Herrn Dr. Greeff zum 
ausserordentlichen Professor zu jenem Schritte veranlassLgeseheu. 

Halle a. S. Am schwarzen Brett der Universität findet 
sich ein Anschlag des Rektors: „Die Inhaberinnen von Hospitir- 
scheinen werden darauf aufmerksam gemacht, dass zu Beginn 
des nächsten Semesters strengere Bedingungen für die Ertheilung 
von Hospitirscheinen in Anwendung kommen werden. Das blosse 
Reifezeugniss eines russischen Mädchengymnasiums soll nicht 
mehr als ausreichend angesehen werden.“ Diese neue Bestimmung 
ist ohne Zweifel die Folge der Beschwerde, die die an hiesiger 
Universität studirenden Medizinnerinnen mit deutscher Maturität 
gegen die Zulassung schlecht vorgebildeter Russinnen zum Studium 
der Medizin beim Kultusminister geführt haben. Eine ähnliche 
Beschwerde hatten die Studenten der Medizin an die Fakultät 
gerichtet. 

Heidelberg. Geheimrath Czerny wurde vom Köuigl. 
Aerzteverein Ofen-Pest zur Ehrenmitgliede ernannt. 

Königsberg. Oberstabsarzt Dr. Heinrich Jäger, Privat¬ 
dozent für Hygiene an der hiesigen Universität, hat den Professor¬ 
titel erhalten. 

Marburg. Dem mit der Wahrnehmung der Geschäfte eines 
Abtheüungsvorstehers beim Institut für Hygiene und experimen¬ 
telle Therapie an der hiesigen Universität beauftragten Dr. Wil¬ 
helm R u p p e 1 ist das Prädikat „Professor" beigelegt worden. 

Münster. Dr. Wilhelm H i 11 o r f, Professor der Physik 
an der hiesigen Akademie, der Erfinder der fälschlicherweise meist 
als „Crooke s“’sche bezeichneten Röhren, feiert am 12. ds. sein 
50 jähriges Professorenjubiläum. 

Tübingen. Prof. Krehl -Greifswald hat den an ihn er¬ 
gangenen Ruf als Nachfolger Lieberraeister’s angenommen. 

Krakau. Der Privatdozent fiir operative Medizin, Dr. 
L. Krynski, wurde zum a. o. Professor ernannt. 

Paris. Dr. Gilbert wurde zum Professor der Thcni- 
peutik ernannt. 

Zürich. Dr. A. Procliaska habilitirte sich für innere 
Medlcin. 

(Todesfälle.) 

Am 23. Dezember erlag in Alzing einem schweren Herz¬ 
leiden der in weiten Kreisen bekannte prakt. und Badearzt, Ober¬ 
stabsarzt d. L. Herr Dr. Joseph Liegl ln seinem 54. Lebens¬ 
jahre. Derselbe machte als Freiwilliger den Feldzug 1870/71 mit. 
bestand 1874 den ärztlichen Staatskonkurs, war Assistent im 
Krankenhause r/I. zu München und übte dann 3 Jahre in Bad 
Kohlgrub die ärztliche Praxis aus. 1878 Hess er sich in Alzing- 
Adelholzen nieder, woselbst er als Arzt bei Einheimischen und Kur¬ 
gästen sich grosser Beliebtheit, erfreute und dort bis zu seinem 
im Herbst 1899 aufgetretenen schweren Leiden einer ausgedehnten 


Praxis oblag. 1894 hatte er eine Kuranstalt in Alzing errichtet, 
deren Frequenz sich von Jahr zu Jahr steigerte. Der zu früh seinem 
Streben und Schaffen entrissene Kollege besass ein reiches ärzt¬ 
liches Wissen und war ausserdem ob seiner anregenden, liebens¬ 
würdigen Persönlichkeit und seines offenen, biederen Charakters, 
sowie seiner gut deutschen, patriotischen Gesinnung allgemein 
hochgeschätzt. Allen öffentlichen Tagesfrageu, ebenso den ärzt¬ 
lichen Stande8augelegeuheiten brachte er stets das grösste Inter¬ 
esse entgegen, betheiligte sich rege am ärztlichen Vereinslebeu 
und war auch mehrere Jahre Delegirter zur oberbayerischen 
Aerztekammer. Am ersten Weihnachtsfeiertage fand in Siegsdorf 
die feierliche Beisetzung unter grosser Betheiligung der Bevölke¬ 
rung und der umwohnenden Kollegen statt. Herr Medizinalrath 
Dr. Leonpacher legte im Namen des ärztlichen Bezirksvereins 
Traunstein-Reichenhall, Herr Dr. G e s s e 1 e jun. im Namen des 
Lokalvereines Traunstein unter ehrenden Worten einen Kranz 
nieder. Möge dem allezeit pflichttreuen Kollegen, dem echt 
deutschen Manne die Erde leicht sein! Dr. Rapp. 

In Greifswald starb am 31. v. Mts. der frühere Direktor der 
! geburtshilflichen Klinik, Geh. Rath Professor Dr. Hugo P e r n i c e. 
72 Jahre alt. 

Prof. Dr. Destrße, Director der II. medizinischen Klinik 
iu Brüssel, im Alter von 43 Jahren. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Niederlassung: Dr. Johannes E ra m e r t, approb. 1900, zu 
Klingenberg a/M. Dr. Hoppe zu Habkirchen. 

Verzogen: Dr. Theodor Pfeifer von Klingenberg nach 
Kleinwallstadt. Dr. Beriet von Böhl nach Ludwigshafen. 
Dr. B e n k e r von Rülzheim nach Böhl. 

Auszeichnungen: Den Verdienstorden vom hl. Michael 
4. Klasse dem k. Regierungs- und Kreismediziualrath in Ansbach 
Dr. Erwin Bruglocher; den Titel und Rang eines k. Medi- 
zlnalrathes: dem Direktor der Kreisirrenanstalt Erlangen Dr. 
August WUr Schmidt, dem k. Bezirksarzt 1. Kl. in Landsberg 
Dr. Friedrich Wacker, dem k. Landgerichtsarzt Dr. Ludwig 
Burk har dt, dem k. Landgerichtsarzt und Bezirksarzt in 
Aschaffenburg Dr. Ludwig Roth; den Titel und Rang eines 
k. Hofrathes: dem prakt Arzt, k. Hofmedikus Dr. Franz Ritter 
v. Pfister meister in München, dem prakt. Arzt Dr. Franz 
Xaver Wolfinger iu München, dem prakt. Arzt und dirigiren 
den Arzt der Heilanstalt Neuwittelsbach Dr. Rudolf v. H ö s s 1 i n 
in München, dem prakt. und Bahnarzt Dr. Max Dirr in Rosen 
heim, dem prakt. und Spitalarzt Dr. Eugen Jacob iu Kaisers¬ 
lautern, dem prakt. und Augenarzt Dr. Sigmund v. Förster. 
Bahnarzt iu Nürnberg, dem prakt. Arzt Dr. Abraham Oppen¬ 
heimer iu Würzburg, dem prakt. und Badearzt Dr. Gustav 
Di ruf in Bad Ivissingen; den Titel eines k. Brunnenarztes: dem 
prakt. und Badearzt Dr. Johannes vanNUssln Bad Brückenau; 
den Titel und Rang eines „ausserordentlichen Universitäts¬ 
professors: dem Privatdozenten an der k. Universität München 
Dr. Adolf Schmitt, dem Privatdozenten an der k. Universität 
München Dr. Martin Hahn: den Titel eines „königlichen Pro¬ 
fessors: dem 1. Lehrer am zahnärztlichen Institut der k. Universi 
tiit München Dr. phll. Otto W a 1 k h o f f. 

Vom Milltärverdienstorden: das Ritterkreuz 1. Klasse: den 
Oberstabsärzten Dr. Zimmermann im Kriegsministerium, Dr. 
Bögler. Regimentsarzt im 2. Feld.-Art.-Reg.; das Ritterkreuz 
2. Klasse: den Stabsärzten Dr. Mehltretter, Bataillons« rz' 
im 8. Inf.-Reg., Dr. Kolb, Bataillonsarzt im 3. Trainbataillon. 


Morbiditätsstatistik d. Infektionskrankheitenför Mönchen 

in der 51. Jahreswoche vom 15. bis 21. Dezember 1901. 

Betheiligte Aerzte 205. — Brechdurchfall 9, Diphtherie, Kronp 
5, Erysipelas 10, Intermittens, Neuralgia interm. —, Kindbettfieber 
3, Meningitis cerebrospin. —, Morbilli 59, Ophthalmo-Blennorhoea 
neonat.—, Parotitis epidem 11, Pneumonia crouposa 23, Pyaemie, 
Septikaemie —, Rheumatismus art. ac. 19, Ruhr (dysenteria) —. 
Scarlatina 14, Tussis convulsiva 13, Typhus abdominalis 3, Varicellen 
23, Variola, Variolois —, Influenza 4, Summa 196. 

Kgl. Bezirksarzt Dr. Müller. 


Uebersicht der Sterbefälle in München 

während der 52. Jahreswoche vom 22. bis 28. Dezember 1901 
Bevölkerungszahl: 499 932. 

Todesursachen : Masern 1 (1*), Scharlach — ( —), Diphtherie 
und Kroup 1 (2), Rothlauf 1 (1), Kindbettfieber— (2), Blutvergiftung 
(Pyämie u. s. w.j 2 (3), Brechdurchfall 3(2), Unterleib-Typhus — (— • 
Keuchhusten — t.5 , Kroupöse Lungenentzündung 2 (3), Tuberkulose 
a) der Lunge 26 (20), b) der übrigen Organe 3 (3), Akuter Gelenk¬ 
rheumatismus 2 (—), Andere übertragbare Krankheiten G )'). 
Unglücksfälle 2 1). Selbstmord 2 ,3\ Tod durch fremde Hand 1 

Die^Gesammtzahl der Sterbcfälle 199 J212), Verhältnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 20,7 (22,o) für d ,c 
über dem 1. Lebensjahre stehende Bevölkerung 12,6 (I4,i). 

*) Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche- 


Verlag von J. F. Lehmann In München. — Druck von E. MiihliImloi s laich- und Kunstdruckcrei A.U., 

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München. 

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Ofo Münch, llcd. Wochen »ehr. erscheint wöchentl. 
In Nnmotrn von durchschnittlich 6-6 Bogen. 
Prel» In Deatachl. n. Oeet.-Ungern vlertelj&hrl. 6 -K 
ins Analend 7.60 JL Einzelne No. 80 4- 


MÜNCHENER 


Zusendungen sind in edreastren; Tür die Redectfoa 
OttoBtrasae 1. — Für Abonnement en J. F. Leh¬ 
mann, Heustrease 20. — Für Inserate und Beilegen 
an Rudolf Mosse, Promenadeplats 16. 




3DICINISCHE WOCHENSCHRIFT 


(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 

ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 


CI. Btuler, 0. Bolleer, H. CirschaiRR, 

Frefbnrg 1. B. München. Letpeig. 

No. 2. 14. Januar 1902. 


Herausgegeben von 


C. ßerhirlt, 

Berlin. 


6. Iflirkil, 

Nürnberg. 


J. f. Michel, 

Berlin. 


Redaction: Dr. B. Spatz, Ottostrasse 1. 
Verlag: J. F. Lehmann, Heustrasse 20. 


H.!. Ranke, 

München. 


F. 1. WlRCkil, 

München, 


H. i. Zliastii, 

München. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

Zusammenstellung der im pathologischen Institut zu 
Genf während 25 Jahren zur Sektion gekommenen 
Tuberkulosefälle 

mit besonderer Berücksichtigung der primären und sekun¬ 
dären Oarmtuberkulose, sowie der Häufigkeit der ebenda¬ 
selbst beobachteten Amyloidentartung. 

Von Prof. Dr. F. Wilh. Zahn. 

In meinem pathologisch-histologischen Kurs pflege ich den 
Studenten nicht nur fertige Schnitte zum Untersuchen zu geben, 
sondern sie auch mit dom Rasiermesser Schnitte machen, sogar 
später an solchen selbst angefertigten Schnitten Diagnosen stellen 
zu lassen. Bei diesem Verfahren hatte ich bisher fast ausnahms¬ 
los gute Ergebnisse zu verzeichnen. 

Die geeignetsten Objekte behufs Einübung der Schnitt¬ 
anfertigung sind stark amyloid entartete Organe, ebenso wie 
schwache Amyloidentartung derselben für die ersten Diagnosen¬ 
stellungen sich besonders gut eignet. So lange die Zahl der 
Laboranten eine geringere war, fehlte es mir nie an derartigem 
Material. Seitdem jedoch ihre Zahl stark gestiegen ist, wird das¬ 
selbe oft knapp, trotzdem die Zahl der Sektionen sich verdoppelt 
hat und jeder Fall von Amyloidentartung sorgfältig aufbewahrt 
wird. Der seit längerer Zeit empfundene Mangel an solchem 
Schnittmaterial veranlasste mich jetzt nach 25 jährigem Bestellen 
des hiesigen pathologischen Instituts eine Zusammenstellung 
aller bis jetzt hier beobachteten Amyloidfälle zu machen. Es ge¬ 
schah dies in der Absicht, festzustellen, wie häufig diese Ent¬ 
artung hier ist und womöglich einen Einblick in die allcn- 
fallsigen Ursachen ihrer hiesigen Seltenheit zu bekommen. 

Amyloidentartung derOrgane wird bekanntlich am häufigsten 
bei mit Eiterung verbundener chronischer Tuberkulose der 
Lungen, Knochen und Gelenke beobachtet. Diese Thatsache be¬ 
wog mich ferner, auch mein Augenmerk auf die Häufigkeit dieser 
Erkrankungen, sowie auf alle Tuberkulosefälle unseres Sektions¬ 
materiales und dann noch besonders auf einen häufigen schlimmen 
Folgezustand der mit eitriger Zerstörung einhergehenden Lungen¬ 
tuberkulose, nämlich auf die sekundäre Darmtuberkulose, zu 
richten. Die hiebei gewonnenen, zum Theil recht interessanten 
und wichtigen Ergebnisse halte ich ihrer selbst, sowie wegen der 
Zeitdauer, über welche sie sich erstrecken, und wegen der immer¬ 
hin grossen Zahl von Sektionen, auf welchen sie beruhen, für 
mi ttheilenswerth- 

Von Anfang Oktober 1876 bis Ende September 1901 hatten 
wir im hiesigen pathologischen Institut 6320 S ektionen. Davon 
wareqJ3743 = 59,224 Proz. männliche und 25J1 — 40,775 Proz. 
weibliche^ Individuen. Bei 2058 — 32,56 Proz. derselben fand 
sich Tuberkulose notirt uncTTwar bei 1357 = 65,93 Proz. oder 
auf die"" obigtr'Znhl der M. berechnet 36,50 männlichen und 
bei 701 =: 34,06 Proz. oder auf die obige Zahl der W. berechnet 
27,20 weiblichen Leichen. 

Diese (Jcsmr.mt zahlen der Tuberkulosefälle sind ohne 
Zweifel zu nied rige, da nicht alle bei den Sektionen Vorgefundene 
käsige Herde als latente Tuberkulose in den Sektionsprotokollen 
notirt oder auch von mir als solche gezählt wurden. Es wurden 
nur solche Käseherde der cervikalen und peribronchialen Lymph- 

No. 2. 


d rüsen, sowie der Lungenspitzen als latent tuberkulöse angesehen, 
welche sich zuweilen schon makroskopisch oder aber mikro¬ 
skopisch als solche erwiesen und wobei keine anderweitige Tuber¬ 
kulose vorhanden war. Andere Käseherde dagegen, namentlich 
die in Mesenterialdrüsen Vorgefundenen, wurden, weil möglicher¬ 
weise durch andere Ursachen bedingt, ohne Weiteres bei dieser 
Zusammenstellung ausser Acht gelassen. Ausserdem wurde im 
Laufe der Jalire gewiss mancher latent tuberkulöse Käseherd 
übersehen oder aber auch nteTTÜnotiiTr 

Von den 2058 Tu berkulosefällen gehört en 1893 - 91,98 Proz., 
und zwar 1259 —■~ 7j6,50 Proz. M. und 634 33,49 TTuz. W., der 

floriden u nd 165 8,01 Proz., wovon 98 59,39 Proz. M. und 

67"==~4(L60 Proz. W., der latenten Form der Tuberkulose an. 

Die die latente Tuberkulose betreffenden Zahlen sind aus oben 
angeführten Gründen sieherlieh zu niedrige. 

Aus vorstehenden Zahlen geht hervor, dass bei unserem 
Sektionsmaterial das weibliche Geschlecht weniger oft von der 
Tuberkulose betroffen gefunden wird, als das männliche. Auf 
den ersten Blick könnte es zwar erscheinen, ab ob dieser Unter¬ 
schied zwischen beiden Geschlechtern lediglich dadurch bedingt 
sei, dass, wie die Zahlen des Gesammtleichenmaterials ( 3 / 6 M. 
und V, W.) zeigen, die Frauen das Kantousspital, dessen Kranke 
zu klinischen Lehrzwecken dienen, weniger zahlreich aufsuchen, 
als die Männer. Wenn dies nun auch der Fall ist, so erklärt 
es doch nicht den sicherlich vorhandenen Häufigkeitsunterschied 
der Tuberkulose bei beiden Geschlechtern, da, wie gezeigt, die 
Gosarnmtzahl der Tuberkulosefälle bei den Männern, auf die Ge- 
sanuutzühl aller männlichen Leichen berechnet. 36,50 Proz. be- 
trägt, während diejenige der Frauen, in gleicher Weise be¬ 
rechnet, sieh nur auLJSI»2Q, Proz. beläuft. 

Noch etwas ungünstiger als bei der Tuberkulose im Ganzen 
genommen stellt sich das Verhältniss für die Männer bei dev 
floriden Form, bei welcher 66,50 Proz. M. auf 33,49 Proz. W. 
kommen, die Zahl der damit behafteten Männer also fast genau 
doppelt so gross ist, wie diejenige der Frauen. 

Bei der l atente n For m der Tuberkulose wird das Verhält¬ 
niss für die Männer um ein Geringes günstiger, nämlich 
59,39 Proz. M. aüf'30^60 Proz . W . Es haben jedoch diese Zahlen 
einen geringeren Werth, als diejenigen der floriden Form, da 
sie aus angegebenen Gründen nicht so genau sind wie diese. 

Bei der Tuberkulose ist die Kenutniss der Häufigkeitszahl 
des jeweiligen wirklichen oder mitunter vielleicht auch nur 
scheinbaren Primärsitzes der Erkrankung ebenso wichtig, wie 
interessant. Dies gilt besonders für die floride Form derselben. 
In Nachfolgendem soll die Häufigkeit derselben, sei es als Miliar¬ 
tuberkulose, sei es als lokale chronische Organerkrankung, kurz 
angeführt werden. Ihre Häufigkeit als primäre Organerkrankung 
ist jeweilen prozentual nach der Gesammtzahl aller floriden 
Tuberkulosefiille berechnet, ihre Häufigkeit bei den beiden Ge¬ 
schlechtern jedoch nach der Häufigkeitszahl des betroffenen 
Orga ns. 

Vor Allem sei diejenige Miliartuberkulose erwähnt, welche 
unabhängig von den weiterhin angeführten, mehr chronischen, 
tuberkulösen Organerkrankungen sieh als Folge von Lympli- 
driisentuberkulose oder auch manchmal ohne einen auffindbaren 
Primürlierd entwickelt.. Derartige Fälle von Miliartuberkulose 
wurden 181 — 9,56Proz. beobachtet und zwar 116 — 64,08 Proz. M. 
und 65 = 35,91 Proz. W. 


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- It / 


Hl 






5Ö 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


Ara weitaus häufigsten ist aber die mit mehr oder weniger j 
umfangreicher Zerstörung - des Organs einhergehende Lungen- * 
tuberkulöse. , Es wurden beobachtet 1528 Fälle = 80,7T~FroZ. 
aller floridenTuberkulosefälle. Davon waren 1019 = 66,68Proz.M. 
und 509 = 33,31 Proz. W., also genau doppelt so viele Männer 
als Frauen. Es besteht folglich hier wieder fast ganz genau das¬ 
selbe Verhältniss zwischen beiden Geschlechtern, wie wir es oben 
bei der floriden Tuberkuloseform gefunden haben. 

Die verschiedenen, von der primären Lungentuberkulose her¬ 
rührenden sekundären tuberkulösen Erkrankungen anderer 
Organe lasse ich hier, mit Ausnahme der unten ausführlicher zu 
besprechenden sekundären Darmtuberkulose, ebenso ausser Be¬ 
tracht, wie diejenigen von anderen tuberkulösen Primärerkran 
kungen abstammenden Sekundärerkrankungen. Nur für die pri¬ 
märe Darmtuberkulose soll hierin eine Ausnahme gemacht 
werden. 

Tuberkulosen der Kn ochen und Gelenke ohne gleichzeitige 
ältere Lungencrkraukung fanden sich 71 = 3,22 Proz., und zwar 
bei 42 = 59.15 Proz. AE. und bei 29 = 40,84 Proz. W. 

Tuberkulosen der Iiajuc^und Geschlechtsorgane ohne ältere 
Lungenerkrankung 42 = 2,21 Proz - ., - und-zwar bei 30 =^= 72,42 
Proz. AI. und bei 12 = 28,57 Proz. W. 

Ebensolche Tuberkulosen der NfibQpaieren 21 = 1,10 Proz., i 
und zwar 17 80,95 Proz. AI. und 4 = 19,04 Proz. AV. i 

Ebensolche Tuberkulosen des Gehirns 7 = 0,36 Proz., und | 
zwar 5 = 71,43 Proz. AI. und 2 =^8,57 Proz. W. 
t Primäre, von Schleimhautinfektion herrührende Dann- 
/ tuberkulöse fand sich 43 mal, also in 2,27 Proz. aller fl< n«Ien~ > 

/ TuberkuTösefälle, und zwar 30 = 69,76 M. und 13 = 30,23 
1 Proz. W. 

Die primäre D arm tuberku löse ist also ein immerhin seltenes 
Vorkommniss. Freilich muss ich jedoch hier bemerken, da»s 
unser Sektionsmaterial für die Beurtheilung der wirklichen 
Häufigkeit derselben kein sehr günstiges ist, da wir leider nur 
sehr wenige Kindersektionen halten.' Es kommen nämlich vor' 
hältnissmiissig wenige Kinder in’s Kantonsspital und dann sind 
Kindersektionen hier sehr viel schwerer erhältlich, als diejenigen 
erwachsener Leute. Als primäre Dann tuberkulöse werden nur 
solche Fälle angesehen, bei welchen keine gleichzeitige ältere, sei 
es florido (käsige oder ulccröse), sei es latente tuberkulöse Ver¬ 
änderungen in den Lungen vorhanden waren. Fälle von tuberku¬ 
lösen Darmgeschwüren mit gleichzeitigem Vorhandensein von auch 
noch so kleinen Kavernen, oder selbst eingekapselten Käseherden 
in den Lungen wurden der sekundären Darmtuberkulose zu¬ 
gezählt, so z. B. ein Fall von vernarbendem tuberkulösen Darm¬ 
geschwür mit vollständig abgekapseltem Käseherd in der linken 
Lunge, Sektion 265, 1897. Bei solchen Fällen glaubte ich an¬ 
nehmen zu dürfen, dass während der floriden Periode der Lungen¬ 
affekt ion bazillenhaltige Sputa durch Verschlucken in den Darm 
gelangten und diesen infizirten. Während nun die sekundäre 
Darmaffektion sich rascher oder langsamer entwickelte, konnte 
der primäre kleine Lungenherd zur relativen oder auch definitiven 
Abheilung kommen. In ähnlicher AVeise, nur auf hämatogenem 
AA T ege, entstehe n ja bekanntlich gar nicht so selten von später 
latent werdenden oder selbst ganz abheilenden Lungen- oder 
Lymphdrüsenherden ans meistens sehr langsam verlaufende 
tuberkulöse Sekundäraffektionen der Nebennieren, Harn- und Ge¬ 
schlechtsdrüsen, Knochen, Gelenke und des Gehirns. Es mag so¬ 
dann hier noch bemerkt werden, dass die primäre Danntuberku¬ 
lose der Ausgangspunkt werden kann für anderweitige Aliliar 
tuberkulöse, in 19 — 46,51 Proz. unserer Fälle, sowie, wenn auch 
viel seltener, für chronisch verlaufende Lokaltuberkulose der vor¬ 
hin erwähnten Organe. 

Auf welche Weise die prim äre Darm tuberkulöse bei unseren 
Fällen zu Stande gekommen' ist~war mir nicht möglich festzu¬ 
stellen. Es ist schwierig bei im Spital Verstorbenen hierüber 
etwas Sicheres zu erfahren, und in einer Stadt wie Genf mit so 
stark fluktuirender, zum Theil internationaler Spitalbevölkerung 
ist dies fast geradezu unmöglich. Auf Grund eigener Erfahrung 
bin ich sehr geneigt anzunehmen, dass die meisten, wenn nicht 
alle primären Darmtuberkulosen durch den Genuss von roher oder 
ungenügend gekochter Alileli tuberkulöser Kühe verursacht wer¬ 
den. Der Genuss von _F lei sch perlkranker Thiere kann sie ja 
vielleicht auch zuweilen bedingen, wahrscheinlich jedoch nur 
höchst selten, besonders nicht in Genf und seiner Umgebung, wo¬ 


selbst rohes Fleisch nicht genossen wird. Für die Möglichkeit 
ihrer Entstehung beim Alenschen durch Verschlucken von aus der > 
Luft stammenden Bazillen dürfte ein zwingender Beweis nur 
schwer zu erbringen sein. 

Die vielleicht häufigste und wichtigste Sekundärinfektion der 
floriden ulcerösen Lungentuberkulose ist die sekundäre _ T)a rm- 
tuberkulose, bedingt durch willkürliches oder unwillkürliches \ r er- 
schlucken des bazillenhaltigen Auswurfs. In unseren Protokollen 
findet sie sieh 966 mal verzeichnet, d. h. in 63,21 Pm? allor 
uleerösen_ Lungentuberkulosen. Hievon waren 627 = 64,90 
Proz. AI. und 339 = 35,09 Prdfc. AV. 

Berechnet man jedoch die Häufigkeitszahl beider Ge¬ 
schlechter je auf die mit florider Lungentuberkulose behafteten 
Afänner und Frauen, so ändert sich das beiderseitige Häufigkeits- . t 
verhältniss ganz wesentlich und zwar um ein Geringes zu Un- ’ * 
gunsten der Frauen, denn danach sind 61,53 Proz. M. und 
66,60 Proz. AA T . von sekundärer Darm tuberkulöse betroffen. 

So gross nun auch dieser mit sekundärer Darmtuberkulose 
behaftete Prozentsatz der Lungenphthisiker ist, so ist er hier doch 
um etwas geringer als anderswo (s. Orth: Lehrb. d. spez. path. 

Anat. Bd. I, S. 841). Ein Grund hiefür ist vielleicht, dass unsere 
Statistik auf einer weitaus grösseren Anzahl von Sektionen be¬ 
ruht, als die früheren. 

K1 e b s hat (Hnndb. d. path. Anat. Bd. I, S. 257, Berlin 1869) 
zuerst die Vermuthung ausgesprochen, „dass verschluckte Pro¬ 
dukte der Lungenerkrankung“ und zwar, wie er damals schon 
annahm, „ein spezifisches Virus“ die Uebertragung auf den Darm" 
veranlassen. Diese Ansicht dürfte jetzt, nach den zahlreichen / 
mit positivem Erfolg gekrönten Fütterungsversucheu mit tuber-' ' 
kulösem Alaterial und nachdem das von K 1 e b s vermuthete „spe¬ 
zifische A r irus“, der Tuberkelbazillus von Koch entdeckt und all- ' 
gemein bekannt ist, kaum noch einen AViderspruch finden. AVisseit 
wir doch zur Genüge, wie Phthisiker, besonders phthisiselie 
Frauen, selbst während «ler ärztlichen Untersuchung und sonst 
noch viel mehr, aus Bequemlichkeit, falscher Scham, oder auch 
Alanehe, weil sic wie die Kinder nicht ausspucken können, oder 
aber auch unbewusst während des Schlafes den Auswurf und mit 
ilun viele Tausende von Tuberkelbazillen verschlucken und so die - / 
die Krankheit auslösende Ursache massenhaft in den Verdauungs- / 
kanal einführen. Da «lies auf genannte Weise mehr oder weniger 
von allen Kranken geschieht, so kann man sich, nur wundern, .• , 
dass nicht alle Lungenphthisiker schon recht bald nach ihrer Er¬ 
krankung Darmtuberkulose erwerben und so ihr Ende beschleuni¬ 
gen, zumal mitunter eine nicht sehr starke oder auch selbst eine 
bald zur Abheilung gelangende florido Lungentuberkulose genügt, 
um sie zu veranlass« n. Ja dieselbe tritt trotz reichlichen Bazillen¬ 
gehalts «los Au.-wurf«*s und häufigen Verschlucken» desselben doch 
oft erst sehr spät oder auch gar nicht auf. Dass dem so ist muss 
einen örtlichen Grund haben, da ja eine Allgemeindisposition 
für Tuberkelinfektion genugsam vorhanden ist, wie es die vor¬ 
handene Lungenaffektion und auch häufig manche andere von ihr 
ausgegnngeno, auf vaskulärem Wege zu Stande gekommene tuber¬ 
kulös«* Organerkrankungen beweisen. AVorauf beruht nun aber 
die«ps örtliche Hinderniss für die Darminfektion durch bazillen- 
haltigen Auswurf i 

Diese Frage habe ich mir schon lange und oft vorgelegt und 
habe ich auch stets darauf geachtet, ob sich bei den Sektionen 
keine anatomische Anhaltspunkte für ihre Lösung fänden. Im 
Laufe der Zeit schien es mir, als ob der Grund für dieses ver¬ 
schiedene Verhalten, wenigstens zum grossen Theil, im Alagen zu 
suchen sei. Bei Phthisikern ohne Darm tuberkulöse bot der Magen 
fast ausnahmslos eine nonnale Beschaffenheit dar, während bei 
denjenigen mit solcher es sich in der Regel umgekehrt verhielt. 

Ich veranlasste darum auch einen meiner Schüler hierüber sta¬ 
tistische Erhebungen und anatomische Untersuchungen zu 
machen 1 ). Seine Ergebnisse der ersteren stimmen mit den meinigen 
zum Theil annähernd überein, andererseits aber widersprechen 
sie ihnen. Er findet als Häufigkeitsverhültniss für die Männer 
69.45 Proz. (ich 64,90 Proz.) und für die Frauen 30,55 Proz. (ich 
35,09 Proz.) nach der Zahl der mit sekundärer Darmtuberkulose 1 
behafteten Leichen. Daraus sehliesst er, anscheinend mit Recht, 
dass die Frauen seltener von sekundärer Darmtuberkulose be- 

’) M. Rousseff: Des rapports qul existent eutre la tuber- // 

culose intestinale et les altfirions stomacales dans la tuberculose . 

pulmonal re. Tli&se de Geneve 1890. j. 1 


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14. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


51 


— 53,94 Proz. und zwar 28 = 68,30 Proz. M. und 13 = 70 Proc. 

W. waren mit florider und 35 = 46,05 Proz., nämlich 17 
= 48,57 Proz. M. und 18 = 51,42 W. mit latenter Tuberkulose 
behaftet. Tuberkulose und Sarkom in derselben Leiche fanden 
sich 6 mal vor, also in 0,29 Proz. aller Tuberkulosefälle und zwar 
bei 3 Männern und 3 Frauen. 

Um nun zum Schluss zum Ausgangspunkt unserer statisti¬ 
schen Erhebungen, zur amyloiden Entartung, zurückzukehren, so 
fand sich dieselbe in 105 Fällen vor, d. h. in 1.66 Proz. aller Sek¬ 
tionen. 98 = 93,33 Proz. derselben wurden bei floriden Tuber¬ 
kulosen beobachtet, 79 = 80,61 Proz. bei Lungen- und 19 
= 19,38 Proz. bei Knochentuberkulose, ln 7 Fällen war keine 
Tuberkulose vorhanden, also bei 0,16 Proz. aller nicht mit 
Tuberkulose behafteten Leichen. Ein Fall von lokalem Amyloid¬ 
tumor der Zunge (F. W. Zahn: Deutsch. Chirurg. Bd. 22) und 
ein anderer Fall von lokalem, tumorförmigem Amyloid der Luft¬ 
wege (A. G lock ne r: Vircli. Arch. Bd. 160), sind hiebei nicht 
mitgezählt. 

Aus vorstehenden Zahlen geht hervor, dass die amyloide Ent¬ 
artung ein hier immerhin seltenes Vorkommnis ist. 'Einen 
sicheren Grund für diese sonst ja ganz erfreuliche Thatsache 
habe ich nicht auffinden können. Ich kann nur vermuthen, dass 
die verhältnissmässig günstigen Lebensverhältnisse, deren sich 
auch die ärmere, das Spital aufsuchende Bevölkerungsklasse hier 
erfreut, möglicher Weise der Hauptgrund für die Seltenheit für 
die Amyloidentartung bei unserem Leiehenmaterial ist. Es j ‘ 
dürfte nämlich überhaupt nur wenig Orte und Gegenden geben, 
woselbst die Gesammtbevölkerung sich in besseren oder auch nur — ( . 

annähernd so guten Eniahrungsbedingüitgen befindet, wie in Genf_ 

und seiner Umgebung. 


fallen werden, als die Männer. Dies ist aber nach meinen Zu¬ 
sammenstellungen, wie gezeigt, nicht richtig, da von den mit 
florider Lungentuberkulose behafteten Männern 61,53 Proz. und 
von ebensolchen Frauen 66,60 Proz. von sekundärer Tuberkulose 
des Darmes betroffen wurden. Dieser Widerspruch unserer beider¬ 
seitigen Ergebnisse erklärt sich dadurch, dass ich bei diesen letz¬ 
teren Zahlen den Prozentsatz der Darmtuberkulose bei beiden Ge¬ 
schlechtern je nach der Zahl der nur mit florider Lungentuberku¬ 
lose behafteten Männer und Fratfen berechnete, was Rousaeff 
zu thun unterliess. 

Wenn ich nun auch in diesem Punkte von ihm abweichende 
Resultate zu verzeichnen habe, so stimme ich dagegen bezüglich 
seiner anatomischen Untersuchungsergebnisse mit ihm überein, 
ohne mich indessen damit seinen daraus gezogenen Schlussfolge¬ 
rungen ganz und voll anzuschliessen. Er fand nämlich bei 
S Lungenphthisikern ohne sekundäre Darmtuberkulose 7 mal gar 
keine Veränderungen des Magens und 1 mal ganz unbedeutende. 
Im Gegensatz hiezu konnte er bei 26 Individuen mit solcher aus¬ 
nahmslos deutliche, zuweilen sogar sehr starke Strukturverände¬ 
rungen des Magens nachweisen: akute parenchymatöse oder chro¬ 
nische interstitielle Gastritis, Drüsenatrophie und kystische 
Drüsenerweiterung in Folge letzterer, und 2 mal amyloide Ent¬ 
artung mit interstitieller Gastritis. Da ich seine sorgfältig an¬ 
gefertigten Präparate stets kontrolirt habe, so kann ich die Rich¬ 
tigkeit dieser seiner Angaben vollkommen bestätigen. Dies kann 
ich auch noch ausserdem auf Grund früherer und späterer der¬ 
artiger Untersuchungen meinerseits. 

R o u s s e f f ist der Meinung, dass die anatomischen 
Veränderungen des Magens bei der Entstehung der sekundären 
Darm tuberkulöse eine grosse Rolle spielen, indem durch dieselben 
dessen normale Thätigkeit so verändert wird, dass in Folge dessen 
die mit dem Auswurf verschluckten Bazillen ungeschwächt in 
den Darm gelangen und hier sich leichter festsetzen und Ver¬ 
heerungen anrichten können. Dieser Ansicht bin auch ich, nur halte 
ich es nicht für absolut nothwendig, dass hierzu immer nachweis¬ 
bare anatomische Magenveränderungen vorhanden sein müssen, 
funktionelle, auf anormaler Innervation beruhende Störungen, 
welche die normale Magenthätigkeit stark beeinträchtigen, oder 
auch für kürzere oder längere Zeit ganz aufheben, können gewiss 
mitunter zum gleichen Ergcbniss führen. Beim weiblichen Ge¬ 
schlecht, bei welchem anatomische Strukturveränderungen des 
Magens seltener, funktionelle Verdauungsstörungen dagegen weit¬ 
aus häufiger Vorkommen, als beim männlichen, dürften letztere 
gewiss eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Zustande¬ 
kommen der Darmtuberkulose spielen. Dabei mag ausserdem 
noch zuzugeben sein, dass das bei Frauen viel häufiger vor¬ 
kommende Verschlucken des Auswurfs Und ihre gewiss geringere 
gewebliche Widerstandsfähigkeit bei der Entstehung derselben 
auch noch das ihrige beitragen. Immerhin dürfte bei allen 
Lungenphthisikem, wie dies ja auch gegenwärtig allerseits ge¬ 
schieht, ein Hauptaugenmerk auf die Regelung der Magenthätig¬ 
keit zu richten sein, nicht nur um dadurch deren allgemeinen 
Ernährungszustand zu bessern und damit ihre Widerstandsfähig¬ 
keit zu erhöhen, sondern auch um so viel als möglich die Gefahr 
einer recht schlimmen Komplikation, der sekundären Darm¬ 
tuberkulose zu verringern. Es ist kaum nöthig, dem noch hinzu¬ 
zufügen, dass der Kranke nach Kräften bestrebt sein muss, das 
Verschlucken des Auswurfs möglichst zu vermeiden und so das 
die Darmaffektion verursachende Moment hintanzuhalten. 

Ein anderer, allerdings seltenerer, aber für den Kranken wie 
den Arzt sehr viel peinlicherer Folgezustand der Lungenphthise 
ist die Larynxtuberkulose. Ueber die Häufigkeit dieser Affektion 
habe ich in unseren Protokollen keine statistischen Erhebungen 
machen können. Es müssen nämlich der Anverwandten wegen 
hier die Hals- und Mundorgane stets von der Clavicularhöhe ab 
subkutan herausgenommen w'erden. Da dies nicht nur zeit¬ 
raubend, sondern auch sehr umständlich und sogar mitunter recht 
schwierig ist, so geschieht es nicht mit derselben Regelmässigkeit, 
wie die Untersuchung der übrigen Organe, so dass die vor¬ 
handenen Angaben nur ein unvollkommenes Bild von der Häufig¬ 
keit dieser Erkrankung gegeben hätten. 

Beiläufig sei noch bemerkt, dass während des genannten Zeit¬ 
raumes Tu berkul ose und Tforzinnm 76 mal, also in 3,69 Proz. aller 
T nberkulosefälle zusammen vorkamen. Davon waren 45 
= 59,21 Proz. M. und 31 = 40,79 Proz. W. 41 dieser Fälle 


Aus dem pathologischen Institut zu Strassburg. 

Ueber die Beziehung der Langerhans’schen Inseln 
des Pankreas zum Diabetes mellitus.*) 

Von Prof. Dr. M. B. Schmidt, I. Assistenten am Institut. 

M. II.! In neuester Zeit ist die Frage mehrfach diskutirt 
worden, ob die sogen, innere Sekretion des Pankreas, welche der 
Zuckerzerstörung dient, von den eigentlichen Pankreaszellen aus¬ 
geht, oder ob dafür besondere Einrichtungen in der Drüse exi- 
stiren, speziell ob den Langerhans’schen Inseln dabei eine 
Rolle zufällt. Die letzteren sind erst dureli die Erfahrung, dass 
die Bauchspeicheldrüse für die normale Glykolyse und für den 
Diabetes eine grosse Bedeutung besitzt, zur Geltung gelangt, ob¬ 
wohl ihre Entdeckung jetzt schon mehr als 30 Jahre zurückliegt. 
Noch vor 6 Jahren, als ich selbst mich mit ihnen zu beschäftigen 
begann, beschränkte sich die Literatur über sie auf wenige, vor¬ 
wiegend histologische Arbeiten; seitdem ist dieselbe stark an¬ 
geschwollen und umfasst eine grosse Zahl entwicklungsgeschicht¬ 
licher, experimenteller und pathologisch-anatomischer Unter¬ 
suchungen, von denen viele aus dem Ausland stammen. Bekannt¬ 
lich stellen die Langerhan s’schen Inseln kleine Knötchen 
von etwa miliarer Grösse dar, welche in die Pankreasläppchen 
eingelagert sind, ausser beim Menschen auch bei allen Thieren, 
die überhaupt eine Bauchspeicheldrüse besitzen, regelmässig Vor¬ 
kommen und, wie ich gegenüber Letulle 1 ) betonen möchte, 
auch in dem in die Darmwand eingesprengten supemumeriireu 
Pankreas sich nachweisen lassen. Sie sind sicher epithelialer, 
nicht wie von mancher Seite angenommen wurde, lymphatischer 
Natur. Dies geht nicht nur aus den entwicklungsgeschichtlichen 
Untersuchungen von I.aguesse 2 ) hervor, nach welchen die 
Inseln avs denselben Strängen, wie die sezernirenden Driisen- 
schläqche, entstehen, sondern auch daraus, dass im ausgebildeten 
Organ der kontinuirliche Uebergang der letzteren in die Inseln 
gelegentlich nachweisbar ist; allerdings ist dieser Uebergang, be¬ 
sonders beim Menschen, nicht zu häufig; in der Regel werden die 
Inseln durch eine feine, gefässtragende, bindegewebige Hülle 
abgegrenzt. Im Innern gliedert sich jede der Langerhans- 
sehen Inseln in ein von wenig Bindegewebe begleitetes Gefäss- 
gerüst und epitheliale Zellhaufen. Der Unterschied gegenüber 

*) Nach einem am 6. Dezember 1901 im naturwissenschuf tlich- 
medizinisclien Verein gehaltenen Vortrag. 

’) Letulle: Soci6t6 de biologie de Paris, T. 52, p. 233. 1900. 

*) Laguesse: Journal de l’anatomie et de la Physiologie, 
T. 31 u. 32, 1895 u. 1896. 

1 * 


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oogle 




MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


52 

den sezernirenden Drüsenselilä liehen bestellt 1. in der Beschaffen¬ 
heit- des Protoplasmas der Epithelien: Dasselbe entbehrt der 
kräftigen Zymogenkörner und erscheint in der Regel heller, 
während die Kerne, wenigstens sehr häufig, vollkommen denen 
der umgebenden Driisenepithelien gleichen; 2. darin, dass die 
Zellhaufen und Stränge der Inseln nicht mit den Ausführungs- 
giingen in Verbindung stehen: Bei wiederholten Injektionen vom 
Ductus pancreaticus aus sah ich den Farbstoff nie in ihre Sub¬ 
stanz oindringen, während die Drüsenschläuehe in der Umgebung 
sieh füllten; die Stränge werden auch selbst als solid bezeichnet 
und das darf in der That als Regel gelten; indessen sind mir doch 
zuweilen scharf geschnittene, rundliche Lücken in ihnen aufge¬ 
fallen, gelegentlich sogar mit einer Art Radiärstellung der um¬ 
grenzenden Epithelzellen, und bemerkenswert!» erscheint mir, dass 
ich diesen Zustand besonders ausgeprägt in 2 Drüsen mit Cysten 
fand, welche das einemal im Quellengebiet eines kleineren, durch 
einen Stein verlegten Ausführungsganges lagen (Sch., 7G Jahre, 
sez. 10. TV. 1896), das anderemal ohne mechanisches Hinderniss 
in einem auffällig kurz gebildeten Pankreas entwickelt waren 
(K., 46 Jahre, sez. 21. II. 1896). Die Epithelien sind oft zu 
Blöcken angeordnet, anderemale bilden sie ein- oder mehrreihige 
Stränge in netzförmiger Verbindung, und nicht selten gibt der 
Durchschnitt die Form eines Wagenrades derart, dass von einem 
äusseren Ring Stränge nach Innen laufen und zwischen diesen 
Speichen die von dem zentralen Blutgefäss abgehenden Kapil¬ 
laren liegen. Auffallend ist dabei, dass häufig, im Gegensatz zu 
den gewöhnlichen Driisenepithelien, die Kerne möglichst entfernt 
von den umgebenden Blutkapillaren sich halten: Liegt zwischen 
zwei der letzteren eine Epithelreihe, so stellen die Kerne in der 
Mitte derselben, sind es zwei Zellreihen, so stehen sie in den 
einander berührenden Zellpolen und bilden die Achse des 
Stranges, Verhältnisse, wie sie in den Drüsen ohne Ausführungs¬ 
gänge, besonders der Nebenniere und den Parathyreoidkörpern, 
Vorkommen. 3. lässt sich, besonders durch künstliche Injektion, 
ein eigenthümliehes Verhalten der Blutgefässe in den Inseln de- 
monstriren (wie Ihnen das vorliegende Präparat zeigt): Sie sind 
viel weiter als die umgebenden Kapillaren und bilden oft 
Schlingen, ähnlich denjenigen der Nierenglomeruli, wodurch sich 
der von Kühne und Lea 3 ) den Inseln beigelegte Name 
„Pankreasglomeruli“ erklärt. Fs steht noch zur Diskussion, ob 
die La nger h a n s’schen Inseln bleibende oder transitorische 
Bildungen «ind: Mehrfach wurden sie nur als Sekretionsstadien 
der eigentlichen Drüsenschläuche erklärt und Lewasche w *) 
gibt an. durch Pilokarpininjektionen ihn 1 Zahl gesteigert zu 
haben; indessen scheinen mir diese Versuche nicht einwandsfrei, 
da Lewa sch ew nicht die Lokalität der untersuchten Stücke 
der Drüse berücksichtigt hat, und sind auch von Opie 6 ) mit 
negativem Resultat wiederholt worden. Teil halte die Inseln der 
normalen Drüse für permanente Gebilde, namentlich nicht für 
fähig, sich wieder in sezernirende Schläuche umzuwandeln; nur 
bemerke ich schon hier, dass ich bei schweren pathologischen Zu¬ 
ständen des Organs eine Neubildung von Tnselu aus Drüsenneinis 
annehmen möchte. Nach ihrer inneren Organisation lassen sich 
die L a n g e r h a n s’schen Inseln offenbar den Drüsen ohne Aus¬ 
führungsgänge. welchen man eine innere Sekretion z.u-chreibt, den 
Nebennieren, der Ilvpophysis, den Parathyreoidkörpern, der 
Schilddrüse, an die Seite stellen. Tch habe vor Allem geprüft, 
ob sich eine nähere Beziehung zu der Nebenniere statuiren lässt, 
und zunächst versucht, ob der braune Farbstoff, welchen 
M a n a s s e in dieser fand, auch in den Inseln des Pankreas ver¬ 
kommt, aber ohne Erfolg; ferner exstirpirte ich wiederholt lx*i 
Thieren (Kaninchen und Meerschweinchen) die Nebennieren und 
untersuchte nach verschiedenen Zeiträumen das Pankreas auf 
< twaige Zeichen einer gesteigerten Aktivität und kompensa¬ 
torischen Vererösserung der Inseln, erhielt aber ebenfalls kein 
positives Ergebnis«, und ebensowenig verändert erwiesen sich die¬ 
selben beim Menschen in einem Falle von ausgedehnter Ver¬ 
käsung der Nebennieren. Bezüglich einer Verwandtschaft der 
Inseln mit der Hvpophysis wandte ich ein Färbungsverfahren 

3 ) Kühne und Lea: Verhandl. des naturhist.-mediz. Vereins 
zu Heidelberg, n. F.. Bd. I, 1877, p. -05, und Untersuchungen aus 
dem phvsiol. Institute der Universität Heidelberg, lhl. 11, 1882, 
S. 448. 

b Lewa sehe w: Areli. f. mikroskop. Anatomie, B. 2';. 1880. 

*( Opie: Johns Hopkins Hospital Bulletin. No. 114, Sept. 1900, 
p. 2< '5. 


auf die Bauchspeicheldrüse an, welches, w’ie ich vor einigen 
Jahren fand, die Protoplasmagranula eines Theilcs der Hypo¬ 
physiszellen in ausgezeichneter Weise isolirt zur Darstellung 
bringt“), aber hei keiner anderen Zellart des ganzen Körpers ge¬ 
lingt; doch verhielten sich die Epithelien der Langerhans’- 
sclien Inseln auch hier ablehnend. Ebenso scheiterte der Ver¬ 
such, durch Exstirpation eines grossen Theiles des Pankreas die 
Inseln in dem zurückgebliebenen Abschnitt, welcher nach 
mehreren Tagen oder Wochen mikroskopisch untersucht wurde, 
aus ihrem einförmigen Zustand aufzurütteln; ich dachte dabei 
an die Möglichkeit, dass sie für die Regeneration der Drüse eine 
Bedeutung besässen; einige Male erschienen wohl die restinni- 
den Inseln etwas gross, indessen liess sich dieser Befund, da in¬ 
dividuelle Schwankungen des Umfangs normaler Weise Vor¬ 
kommen und von einer Zelltheilung nichts nachzuweisen war, 
nicht verwerthen. Endlich habe ich bei Mäusen und Meerschwein¬ 
chen intraperitoneale und intravenöse Einspritzung von starken, 
bis zu 20 proz. Traubenzuckerlösungen vorgenommen und heim 
Meerschweinchen in maximo fast 4 g Zucker innerhalb 8 Stunden 
einverleibt; 8—15 Stunden nach der letzten Injektion wurden die 
Tliiero getödtet: An dem Pankreas war in einigen der Fälle eine 
starke Leukoeytose in den Venen auffallend, aber an den Inseln 
niemals eine qualitative Abweichung zu konstatiren und die Zahl 
derselben nur bei einem Thiere etwas grösser, als gewöhnlich; 
auch ist mir nichts von der Abnahme der Körnung der Insel- 
opithelien eiitgegeiigetreten, welche kürzlich Ssobolew 7 ) bei 
der gleichen Versuchsanordnung am Hund, allerdings nur im 
Vergleich mit fastenden Thieren gefunden hat. 

Lässt sich nun aus diesen normalen und experimentell ge¬ 
schaffenen Zuständen auch kein Schluss auf die Bedeutung der 
L a li g e r h a n s’selien Inseln ziehen, so sind doch die patho¬ 
logischen Befunde am P a n k r e a 9 bei Diabetes 
etwas ergiebiger. Wenn ich die 23 Diabetesfülle, in denen ich 
im Laufe der letzten Jahre das Organ eingehend mikroskopisch 
untersuchte, gruppire, so gibt es zunächst eine Kategorie von 
8 Fällen, in denen dasselbe durchaas unverändert war; dies be¬ 
stätigt nur die anderweitig festgesteilte Erfahrung, das« der 
Dialictes mellitus des Menschen ätiologisch nicht eine einheitliche 
Krankheit ist. und nur ein Bruchthc.il der Fälle auf pathologischen 
Zuständen des Pankreas beruht; diese Gruppe vergrössert sich 
sogar noch wesentlich, denn cs kommen wehere Fälle hinzu, in 
denen die Bauchspeicheldrüse zwar verändert war, aber nicht in 
den» Maasse, dass ich darin eine ursächliche Beziehung zur 
Glykosurie suchen möchte: loh denke dabei nicht an die einfache 
Atrophie des Organs mit oder ohne Lipomatose; jeder patho¬ 
logische Anatom kennt diesen Zustand als einen nicht seltenen 
auch bei nicht diabetischen Individuen, und so lange keine quali¬ 
tativen Abweichungen in der Struktur vorliegen, kann man ihn 
nicht als Quelle der Zuckerkrankheit ansprechen; unter meinem 
Material ist eine solche einfache Atrophie nur 1 mal vertreten; 
aber es ist auffällig, wie oft herdförmige Entzündungen, klein¬ 
zellige Infiltrationen, die hei der Untersuchung beliebiger Bauch¬ 
speicheldrüsen von nicht zuckerkranken Menschen nicht in der¬ 
selben Häufigkeit Vorkommen, gerade bei Diabetes sich finden: 
Ich habe 7 derartige Fälle, in denen die Veränderungen so wenig 
extensiv waren, dass sie sicher den Bestand des funktionstüch¬ 
tigen Parenchyms nicht nennenswerth herabsetzten, und noch da¬ 
zu bisweilen bei jahrelang konstatirter Glykosurie nur den akut- 
entzündlichen Charakter trugen und so ihre Auffassung als 
sekundäre Reizzustände rechtfertigten. Nun folgt die Gruppe 
von solchen Fällen, welche man auf eine schwere Veränderung 
des Pankreas beziehen darf, und für die aufgeworfene Frage 
würde es darauf ankommen, zu prüfen, ob isolirte Anomalien der 


°) Es ist dies die gewöhnliche W c i g e r t'sehe Fibrinmethode, 
welche aber hoi der für das Fibrin erforderlichen Alkoholhärtung 
nicht anscliliigt, sondern nur an Gefrierschnitten von dem in 
Formalin gehärteten Objekt oder, und zwar mit noch besserem 
Erfolg, nach Härtung ln dem Gemisch von Mülle r’scher Flüssig¬ 
keit und Formalin (10:1) und darauf, ohne Auswaschen mit 
Wasser, ln Alkohol; bei letzterer Vorbereitung werden die sonst 
durch die Fiirbungsmethode nach Alkoholfürbung färbbaren Sub¬ 
stanzen, besonders die Kolloidtropfen, nicht mit tingirt. wenn das 
Flxirungsgemisch 1—2 Tage eingewirkt hat. Vorbehandlung mit 
Alaunkarinin bewirkt gute Kontrastfärbung; Celloidiueiubettung 
stört nicht den Erfolg. 

T ) Ssobolew: Zentralbl. f. allgeru. Path. u. path. Anat. 
1900, p. 202. 


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14. Januar 1Ö02. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


53 


Inseln existiren, oder bei diffuser Erkrankung des Organs die¬ 
selben vorwiegend betheiligt sind. Von anderer Seite (D ieck- 
h o f f '), S s o b o 1 e w “) ist die Angabe gemacht worden, dass bei 
Diabetes die Laiipcrhn n s’schcn Inseln fehlen oder spärlich 
und klein sein können. Ich selbst habe dies unter meinem 
Material nicht beobachtet und stehe dem Befunde etwas skeptisch 
gegenüber; denn zu seiner Sicherstellung würde die systematische 
Untersuchung des Organs in allen seinen Abschnitten erforder¬ 
lich sein: Man weiss ja, dass die Yertheilung der Inseln über die 
Läppchen eine ungleiehmässige ist, viele der letzteren auf dem 
Durchschnitt gar keine enthalten, und Opie"’) hat durch Zahlung 
festgestellt, dass beim Menschen ebenso wie bei einigen Thicrcn 
ihre Zahl im Schwanztheile des Organs etwa doppelt so gross 
ist. als in der übrigen Drüse. Dagegen lege ich Ihnen hier ein 
mikroskopisches Präparat von dem atrophischen, aber sonst 
makroskopisch unveränderten Pankreas einer 62 jährigen dia¬ 
betischen Frau (Fr. II., sez. 15. XII. 1892) vor, in welchem aus¬ 
schliesslich die La ngerha n s’schen Inseln erkrankt sind: die¬ 
selben betinden sich im Zustand hyaliner Degeneration, d. h. die 
Kapillaren besitzen eine dicke homogene, glänzende Scheide, und 
dadurch ist der epitheliale Antheil zwischen ihnen auf schmale 
Stränge atrophischer Zellen reduzirt, bisweilen sogar bis auf ver¬ 
einzelte Zellen verschwunden. Ich halte diese Veränderung, ob¬ 
wohl sie nicht sämmtliche Insein betrifft, für bedeutungsvoll, um¬ 
somehr. da Opie ") in jüngster Zeit pinen vollkommen analogen 
Fall mittheilt: Er fand bei einer 54 jährigen Frau, deren Urin 
im Leben 4—5.4 Proz. Zucker enthalten hatte, wie Sie aus dieser 
Abbildung erkennen, an allen Inseln die gleiche hyaline Degenera¬ 
tion; nur führe ich die letztere in meiner Beobachtung nicht, 
wie Opie will, auf die Epithelien selbst zurück, sondern auf die 
Kapillarwand. Ferner habe ich eine fast isolirtci, akute, inter¬ 
stitielle Entzündung der Langer h an s’schen Inseln bei einem 
10 jährigen Kind mit 6,8 Proz. Zucker gefunden (B., sez. 
22. II. 1900): Es bestehen hier kleinzellige Infiltrationen, 
welche selten Herde im sekretorischen Parenchym bilden, 
fast stets in den peripheren Theilen der Inseln liegen; an ver¬ 
einzelten der letzteren sind ausserdem dicke bindegewebige 
Scheiden um die Gefässe ausgebildet, vielleicht als chronische 
Entzündung aufzufassen; immerhin möchte ich mich hier nicht 
zu bestimmt über die ursächliche Bedeutung dieser eigentüm¬ 
lich lokalisirten interstitiellen Pankreatitis aussprechen, da ich 
nicht weiss, wie lange der Diabetes bestand, und aus der kon- 
statirteu Vergrösserung der Nieren auf eine gewisse Dauer 
schlivsson muss. Zwei weitere meiner Fälle gehören zu der spon¬ 
tan aufgetretenen chronischen interstitiellen Pankreatitis 
(Fr. Sch.. 68 Jahre, sez. 7. V. 1900, und Fr. M., 66 Jahre, sez. 
16. VI. 1899). O p i e ,s ) hat, was ich nach eigener Erfahrung an¬ 
erkenne, 2 Formen derselben nach ihrer Wirkung auf’s Par¬ 
enchym unterschieden: eine interlobuläre, welche sich an die 
Peripherie der Acini hält, und eine intralobuläre oder inter- 
nrinöse, in welcher sich das junge Bindegewebe zwischen den 
Drüsenschläuelien seilet entwickelt, und bei der letzteren Form 
werden die Langorhan s’schen Inseln ebenfalls von dem¬ 
selben durchwachsen und ihre Epithelzellen zur Atrophie ge¬ 
bracht. Die erstere Form, zu welcher die Sklerose nach Ver¬ 
stopfung des Ausführungsganges gehört, fand er nur in einem 
von 11 Fällen mit Glykosurie verbunden, bei der interaeinösen 
«her 2 Fälle von dreien. In meinen beiden hierhergehörigen Be¬ 
obachtungen bestand bei den diabetischen Individuen in der That 
die interaeinüse Form, und die Inseln waren in grosser Zahl, 
wenn auch nicht sämmtlieh, in den Prozess hineinbezogen, darart, 
da>« längs ihrer Kapillaren reichliches faseriges und hyalines 
Bindegewebe sich entwickelt hatte unter Atrophie der Epithelien; 
diese Sklerose der Inseln ging an manchen Stellen bis zur Um¬ 
wandlung in eine völlig epithelloso Bindegewebskugel, vergleich¬ 
bar den verödeten Glomerulis der Nieren, und in dem einen der 
Fälle fand sie sich auch in solchen Läppchen, in welchen die 


’t Dleckhoff: Festschrift für Th. Thierfelder. 
Leipzig 1895. 

') Ssobolew: a. a. O. 

'") Opi e: Johns Hopkins Hospital Bulletin, No. 114, Sept.1900, 
p. 205. 

u ) O p i e: The Journal of experimental medecine, Vol. V, No. 5, 
ilärz 1001 . 

xt) opie: The Journal of experimental Medicin, Vol. V, No. 4, 
Januar 1901. 

No. 2. 


sonstige interstitielle Entzündung zwischen den Drüsensehliiuchen 
geringfügig war. 

Dies sind Erfahrungen, welche gewiss der Bedeutung der 
Langorhan s’schen Inseln für die Zuckerverbrennung das 
Wort reden. Immerhin möchte ich dieselbe noch nicht daraufhin 
zu rückhaltlos anerkennen, einerseits, weil die Zahl der positiven 
Beobachtungen dafür noch viel zu klein ist, andererseits, weil ich 
selbst noch weitere Befunde erhoben habe, welche nicht voll¬ 
ständig dazu stimmen: Nämlich von den 3 übrigen meiner Fälle, 
deren einer für die vorliegende Frage nicht verwerthbar ist, weil 
in ihm nach Verstopfung des Ductus pancreaticus die Drüse bis 
auf ganz spärliche, aus atrophischen Aeiriis und vereinzelten 
Inseln bestehende Reste bindegewebig verödet war (J., 49 Jahre, 
sez. 14. V. 1897), betreffen 2 chronische Pankreatitis, die 
bei dem einen Patienten (Schn., 45 Jahre, sez. 8. VIII. 
1896) sich ebenfalls an Steinbildung im Hauptausführungs¬ 
gang und Ranula pankreatiea angeschlossen, beim anderen 
(S., 55 Jahre, sez. 23. V. 1895) spontan entwickelt und 
unter Bildung nekrotisch-eitriger Herde im Fettgewebe der 
Drüse zum Tode geführt hatte; bei beiden bestand im Leben 
reichliche Zuekerausscheidung mit dem Urin, obschon die 
Langerhans’schen Inseln in zahlreichen und sehr kräftig ent¬ 
wickelten Exemplaren vorhanden waren, sogar den überwiegenden 
Theil des restirenden Parenchyms ausmachten. Im Falle Sch. 
findet sich im Schwanztheile des Organs an beschränkter Stelle 
ein Karzinom, im Uebrigcn ist dasselbe um die stark erweiterten 
Ausführungsgänge an Volumen stark reduzirt und in ein fett¬ 
reiches Bindegewebe umgewandelt, in dem auf manchen Quer¬ 
schnitten alle Drüsensubstanz fehlt; wo solche vorhanden ist. 
besteht sie selten noch aus den gewöhnlichen Drüsenschläuchen, 
sondern meist aus L a n g e r h a n s’schen Inseln, deren oft 
20—30 neben einander liegen, und zwar ist eine solche Gruppe 
gewöhnlich in derbes Bindegewebe eingesetzt und jede Insel vom 
einer besonderen fibrösen Hüllo umgeben; im Einzelnen unter¬ 
scheiden sich dieselben nicht von den normalen Langerhans- 
schen Inseln, nur dass an manchen der grösseren im Zentrum ein 
kräftigerer Bindegewcbsstock liegt und manche der kleineren nur 
von einem Kapillargefäss, nicht von einem Netzwerk durchzogen 
sind. Diese Persistenz der Inseln erinnert an das, was 
W. Schulze ’ 5 ) bei Meerschweinchen dadurch erzielte, dass er 
ein Stück des Pankreas durch Ligatur abtremitc; in diesem fand 
er im Laufe der folgenden Wochen eine fast totale Atrophie des 
sezernirenden Drüsengewebes, während die Langerhans- 
selien Inseln unverändert übrig blieben. In meinem Falle S. 
ist das Parenchym in grosser Ausdehnung zu Grunde gegangen, 
indessen die meisten Querschnitte enthalten noch einzelne 
Drüsenläppchen, durch Bindegewebe von einander separirt und 
selbst von solchem durchwachsen; in denselben herrschen nun die 
L a n g e r h a n s’schen Inseln stark vor und überschreiten nicht 
selten die durchschnittliche Grösse der normalen; in ihrer 
Struktur sind sie durchaus typisch, aus Epithelblöcken oder netz¬ 
förmig verbundenen oder wagenradartig angeordneten Strängen 
zusammengesetzt und fast ausnahmslos frei von jeder Binde¬ 
gewebsvermehrung um ihre Gefässe. Sie liegen entweder einzeln 
oder als ganze Nester im Bindegewebe und werden dann je von 
einer fibrösen Kapsel umgeben; andere aber sind in atrophische 
Drüsensubstanz eingesetzt und gerade an diesen lässt sich fest¬ 
stollen. dass oft weit mehr Inseln in einem Läppchen existiren, 
als normaler Weise je der Fall ist, auch wenn man berücksichtigt, 
dass sie in Folge der Sclirumpfung desselben näher an einander 
gerückt sind. Diese Zunahme an Zahl und Grösse beruht offen¬ 
bar auf einer Neubildung von L a n g e r h a n s’schen Inseln 
aus Drüsenaeinis. Dieselbe Transformation habe ich auch bei 
starker seniler Atrophie dos Pankreas ohne Diabetes beobachtet: 
Es kann sich dabei ein ganzes Drüsenläppchen in eine Gruppe 
von runden Inseln auftheilen, welche morphologisch in keiner 
Weise von den präformirten sich unterscheiden, manche Läppchen 
zerfallen geradezu in zwei Hälften, deren eino nach dem Typus 
des gewöhnlichen sezernirenden Parenchyms, deren andere nach 
dem der Langorhan s’schen Inseln gebaut ist. Ob solche nou- 
gcbildcte Inseln auch in der Funktion den präformirten gleich¬ 
kommen , lässt sich nicht bestimmen, und darin liegt die 
Schwierigkeit, die beschriebenen Fälle von chronischer Pun- 


1S ) Walter Schulze: Arch. f. inikroskop. Anatomie, Bd. 50, 
1900, S. 491. 


2 


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54 


No. £. 


MUENOIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


kreatitis für die aufgeworfene Frage zu verwerlhen, deren Dis¬ 
kussion sieh ja nur auf die histologischen Verhältnisse stützt. 


Aus der medizinischen Universitäts-Poliklinik zu Leipzig. 

Chef: Herr Geh. Med.-Rath Prof. Dr. Hof fmann. 

Ueber Pleurasynechie und verwandte Zustände, vom 
Gesichtspunkte der diaskopischen Diagnostik. 

Von Dr. v. Criegern. 

Auf der diesjährigen Naturforscherversammlung zu Ham¬ 
burg bildete die Diagnostik der pleuritischen Verwachsungen 
einen sehr wesentlichen Gegenstand der Diskussion in der ge¬ 
meinschaftlichen Sitzung der Sektionen für innere Medizin und 
Chirurgie am 2. Sitzungstage gelegentlich des Referates der 
Herren Garrc und Quincke über Lungenchirurgie, indem 
das Bestehen solcher von praktischer Bedeutung für gewisse 
Zweige der letzteren sein kann. Allgemein wurde die Schwierig¬ 
keit zugegeben, mittels der gebräuchlichen physikalischen Me¬ 
thoden diese Zustände zuverlässig nachzuweisen, und das Be¬ 
dürfnis* anerkannt, jedes auch noch so kleine Hilfsmittel auf 
diesem Gebiete zu verwerthen. Ich möchte daher in den folgen¬ 
den Zeilen himveisen auf die Vortheile, die in einer grossen 
Zahl einschlägiger Fälle die Anwendung der Diaskopie gewährt. 
Freilich ist dieselbe sehr umständlich und zeitraubend, ferner 
auch nicht iin Stande, in allen Fällen zum Ziele zu führen; 
aber ich bin doch überzeugt, dass man mit ihr weiter kommt als 
mit der üblichen physikalischen Diagnostik. Was die diaskopische 
Technik anlangt, so kann ich nur durchaus Ilolzknecht ) 
beistimmen, und verweise daher bezüglich weiterer Einzelheiten 
auf sein Buch. 

Man arbeite, nachdem man sich 10—15 Minuten an die 
Dunkelheit gewöhnt hat, an einem fluoreszirenden Schirme von 
guter Qualität im aufrechten Stativ, also diaskopiseh, nicht dia- 
graphisch. Die zuverlässige Beurtheilung von Photographien des 
Thorax im Bereiche der Lungenfelder ist wohl auch heute noch 
nicht möglich, und für unseren Zweck ist besonders hinderlich, 
dass wir ebensowohl die Vergleichung einer und derselben An¬ 
sicht bei verschiedenen Lichtintensitäten brauchen, als auch An¬ 
sichten von vorn und von hinten — andere Stellungen werden 
meist unberücksichtigt bleiben können —, eventuell sogar bei 
verschiedener Höhenstellung der Röntgenröhre vorliegen mü-sten, 
also die Kosten einer ganz einfachen Exploration, sofortiges Ge¬ 
lingen vorausgesetzt, ganz unverhältnissmässig hohe werden 
würden. 

Die erste Feststellung gilt der Beantwortung der Frage, ob 
schon eine einseitige (totale oder partielle) Formveränderung des 
Thoraxbildes vorliegt. Natürlich ist es nöthig, vorher etwaig»? 
rachitische oder sonstige Thoraxdifformitäten nicht pleuritischen 
Ursprungs durch die anderweitigen Untersuehungsrnethoden aus- 
zuschliessen: selbstverständlich würden in derartigen Fällen etwa 
gefundene Abweichungen der Form ihren diagnostischen Werth 
für die Feststellung einer Pleurasynechie verlieren, und man 
müsste sich dann lediglich auf die später anzuführenden dia¬ 
skopischen Charakteristika beschränken, die trotzdem noch ver¬ 
wendbar bleiben. Zur genauen Ermittelung ist es unbedingt er¬ 
forderlich, die Exploranden nach den von mir 2 ) auf dem Kon¬ 
gresse für innere Medizin zu Karlsbad angegebenen Grundsätzen 
zentrirt aufzustellen. Von der auf diese Weise aufgefundenen 
Mittellinie messe man dann beiderseits den lichten Raum des 
Lungenfeldes in verschiedener Höhe, indem man zunächst be¬ 
stimmt, ob beide Spitzen gleich weit von der Mittellinie entfernt 
sind und gleich hoch stehen („Spitzenweite“ und „Spitzenhöhe“), 
und dann in beliebigen Abständen etagenweis nach unten fort¬ 
schreitend, 4—6 weitere Messungen korrespondirender Punkte der 
Lungcnperipheric beiderseits in gleicher Höhe anschliesst, unter 
Berücksichtigung des Uebereinstimmens der Respirationsphase. 

Besonders vortheilhaft nimmt man die Untersuchung der ! 
Spitzen vor in Kehrtstellung (Gesicht des Exploranden nach der 
Lichtquelle, Rücken nach dem Beobachter gekehrt), indem man 
die Hände auf die Hüften stützen und die Ellenbogen (eventuell 

') Guido Ilolzknecht: Röntgenologische Diagnostik der 
Erkrankungen der Brusteingeweide etc. (Ergänzungsheft 0 von 
„Fortschritte auf dem Gebiete der Röntgenstrahlen“, heraus¬ 
gegeben von A lbers-Schönberp. Hamburg, Gräfe & Sillem.) 

■j Verhandlungen des XVII. Kongresses für innere Medizin. 


durch Gummikappen geschützt, damit bei etwaiger Annäherung 
an Röhre und Zuleitung keine Funken überspringen!) so weit 
nach vorne drehen lässt, dass die störenden Schatten der Schulter¬ 
blätter aus dem Gesichtsfelde entfernt sind. Man kann die 
Messung entweder bei divergenter Strahlung oder orthodiaskopiseh 
vornehmen (nach Moritz ') oder August H offmann *) — 
ich verwende den von Letzterem angegebenen, von Kohl in 
Chemnitz konstruirten Apparat, weil er weniger Raum einnimmt, 
als der Moritz’sehe, mit dem er die wesentlichen Konstruktions- 
eigenthüinliehkeiten theilt, wenn auch die Bestreiehungsfläeho 
kleiner ist, als beim anderen. Ich würde nur empfehlen, künftig 
die Röntgenröhre in einen lichtdichten Kasten zu setzen, der der 
Antikathode gegenüber einen blondenartigen Ausschnitt hat. du 
man sich sonst bei seiner Anwendung des gros-en Vorzugs der 
Blenden entsehlagen muss). Keinen Falles ist es aber angängig, 
sich bei Befolgung des orthodiaskopischen Verfahrens von der 
zentrivten Aufstellung des Objektes entbunden zu glauben; man 
wird sich durch einen kurzen Versuch überzeugen können, dass 
selbst für geübte Augen unmerkliche Verdrehungen und Ab¬ 
weichungen von der genauen Grundstellung schon eine wesent¬ 
liche Fehlerquelle, bedeuten. Ich habe bei meinen Untersuch¬ 
ungen gesunder Soldaten von guter Körperbildung sehr weit¬ 
gehende l’ebereinstimmungeu in der Grösse der Lungenfelder 
rechts und links gefunden, selbst wenn, wie gewöhnlich, ein 
Unterschied an den äusseren Bedeckungen, meist zu Ungunsten 
der linken Seite, zu konstatiren war. Die Genauigkeitsgrenze 
dürfte bei ',4—Vs cm liegen, also erst grössere Werthe mit Zu¬ 
trauen zu berücksichtigen sein. Nur an den Lungenspitzen sind 
erhebliche Differenzen häufig, entsprechend der Häufigkeit der 
Lungentuberkulose, respektive der nach ihrem Abheilen zurück- 
bleibenden Spitzenschrumpfungen; ob auch ohne solche erheb¬ 
liche Unterschiede sehr oft Vorkommen, möchte ich vorläufig 
dahingestellt sein lassen. Auch ganz in der Nähe des Zwerchfell- 
ansatzes kann man keine guten Ueboreinstimmungen erwarten, 
obwohl die beiderseits verschiedene Höhenlage des Zwerchfells 
an der Handkontur der Lunge nicht in dem Maasse zum Aus¬ 
druck kommt, als man vielleicht erwarten könnte. Bei dieser 
Messung erkennt, man zugleich etwaige Deformirungen des 
Brustkorbes und Dislokationen seiner Eingeweide, Ursachen 
oder Folgen der Verkleinerung, und kann somit diese 
messen. Man wird im Anfänge oft erstaunt sein, um wieviel 
häufiger das Röntgenbild des Thorax solche erkennen lässt, 
als die physikalische, Untersuchung des Brustkorbes. In erster 
Linie an der Wirbelsäule. Stärkere Skoliosen im Dorsaltheile 
der Wirbelsäule durch Pleurasehrumpfungen entgehen natürlich 
auch der gewöhnlichen Diagnostik nicht, aber es gibt eine Form 
einer einseitigen Ausbiegung des Wirbelsäulenschattens, der 
keine messbare Abweichung der Dornfortsätze von der loth- 
reehten Linie entspricht, oder nur eine solche, die sieh ähnlich 
der physiologischen recht-k mv-xen Skolios? im oberen Dorsaltheile 
durch „stramme Haltung“ ausgleichen lässt. Dieselbe wird be¬ 
wirkt durch die eine sich entwickelnde Ausbiegung der Wirbel¬ 
säule begleitende Drehung der Wirbelkörper um ihre Längs¬ 
achse, wovon man sieh besonders deutlich bei der Durchleuch¬ 
tung des Körpers in den verschiedenen schrägen Richtungen 
überzeugen kann, d. h., wenn dieselbe nicht durch etwaige ab¬ 
norm starke Schattenbildung — z. B. in Folge grosser Dicke der 
Pleuraschwarte — illusorisch wird. Von den Chirurgen ist diese 
Erscheinung als Anfangsstadium und nothwendiger Begleiter 
der Skoliose seit den Versuchen Hermann v. Meyer’s 4 ) ein¬ 
gehend gewürdigt worden; sehr schön zeigt eine Abbildung 
von William Adams in R. v. Volkmann’s „Krankheiten 
der Bewegungsorgane“ “) eine solche Wirbelsäule, die, von vorn 
gesehen, eine starke Kyphoskoliose aufweist, während die Rück¬ 
ansicht die Dornfortsätze in gerader Linie zeigt. Das entspricht 


3 » Moritz: Eine Methode, um beim Röntgen verfahren aus 
dem Sehattonbilde eines Gegenstandes dessen wahre Grösse zu 
ermitteln (Orthodiagraphie!, und die exakte Bestimmung der Ilerz- 
grüsse nach diesem Verfahren. Münch, ined. Wochensehr. 1JMX). 
S. in:“ 

*) August II o f f in a n n: Pathologie und Therai>ie der Herz- 
nciiroscn und die funktionellen Kreislaufstörungen. Wiesbaden, 
J. F. Berg in a n n, ltiul, S. 31». 

6 i H. v. Meyer: Statik und Mechanik des menschlichen 
K uoe 1 1 e n gerii s t e s. 1873. 

°l R. v. Volk mann: Im Handbuch der Chirurgie von 
r i t li a und B i 11 r o t h. II, 1872. 


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14. Januar 19G2. 


MUENCHENIvR MEDIC1NISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


55 


frcnau dem in solchen Fällen zu erhebenden diaskopischen Be¬ 
funde, gegenüber dem Ergebniss der Inspektion. Jeder erinnert 
sich dabei unwillkürlich, dass er recht oft schon bei der Sektion 
von Phthisikern mit stärkerer einseitiger Lungenschrumpfung in 
der Leiche stärkere oder geringere Ausbiegungen der Wirbel¬ 
säule beobachtet hat, ohne dass sie ihm bei der doch so häufig 
wiederholten Perkussion des Rückens am Lebenden aufgefallen 
wäre. Alan wird sie nun wohl auch der Diagnostik dienstbar 
machen können. Nächst dem kommt die Verlagerung der Mcdia- 
stinalorgane in Betraeht, im Wesentlichen die des Herzens. 
Dabei ist zu betonen, dass gar nicht so selten ganz erhebliche 
Verlagerungen des Herzens Vorkommen können, ohne dass mit 
den sonstigen Untersuchungsmitteln allein eine Pleuraschrumpf¬ 
ung sicher zu erkennen wäre, was ja, z. B. bei Dislokation nach 
links, mitunter zu diagnostischen Schwierigkeiten Veranlassung 
gibt. Kleinere Verlagerungen entgehen der physikalischen 
Untersuchung bekanntlich meist ganz, während sic bei der 
Messung der Grösse des Herzschattens, auf eine Mittellinie be¬ 
zogen, leicht und schnell festzustellen ist. Die Verlagerung des 
Herzens erfolgt natürlich überwiegend nach der Seite der Pleura¬ 
schwarte hin; es kommt aber indessen auch vor, dass ein Herz, 
durch ein Exsudat auf die andere Seite gedrängt, dort fixirt wird 
und dort bleibt, obwohl sich später auf der Seite des Exsudates 
eine Schwarte ausbildet, vielleicht ohne erhebliche Neigung zur 
Schrumpfung, so dass ein paradoxer Befund entsteht. (Das Ver¬ 
halten von Zwerchfell und Rippen siehe unten.) 

Zweitens hat man nach dem Vorhandensein eines Schattens 
zu forschen, der auf pleuritische Verwachsungen zu beziehen 
sein könnte. Nichts ist schwieriger, als die Beurtlieilung von 
diffusen Trübungen im Lungenfelde, und es ist Sache der Er¬ 
fahrung. zu entscheiden, wie weit jeder Beobachter mit der An¬ 
erkennung einer solchen gehen darf. Im Zweifel kann man sieh 
manchmal helfen, indem man entweder eine gesunde Person 
gleichen Geschlechts von annähernd denselben Thorax Jimensionen 
zum Vergleich heranzieht oder, bei anscheinend einseitiger 
Trübung, sieh einer horizontalen, spaltförmigen Blende bedient, 
die zwar die seitlichen schädlichen Schatten nicht abhält, immer¬ 
hin aber durch Schutz vor den Schatten von oben und unten 
noch einen gewissen Vortheil bietet. Mir schien es gelegentlich 
zweckmässig, die Röntgen röhre dabei vertikal zu stellen, 
anstatt, wie gewöhnlich, horizontal. Man beginne die Beob¬ 
achtung stets bei weicher Lampe und schwachem Strome, an 
einem möglichst dunklen Bilde, das dem Beobachter gerade noch 
deutliches Wahrnehmen erlaubt. Einseitige partielle und totale 
Synechien von nur einiger Absorptionskraft sind durch den 
Kontrast mit der gesunden Seite meist schnell zu finden und 
ich kann nur Holzknecht’s Beobachtungen betätigen, dass 
die Intensität des von ihnen hervorgerufenen Schattens ganz 
besonders von ihrer Entfernung vom fluoreszirenden Schinne ab¬ 
hängig ist und man niemals versäumen soll, solche Fälle sowohl 
in „dorsoveutraler“ als auch ventrodorsaler Richtung zu unter¬ 
suchen. Auch ich habo bei der einen Aufstellung gelegentlich 
recht intensive Schatten gesehen, die in der anderen — weiter 
vom Schirme entfernt — fast unsichtbar wurden. Besonders 
«•harakteristisch erscheint mir aber das Verhalten der Schalten 
«lcr vorderen, d. h. dem Schirme zunächst liegenden, Rippen bei 
Pleuraschwarten. Bei der Anwendung dunkler Bilder ver¬ 
schwimmen ihre Konturen in der allgemeinen Trübung, aber 
auch bei irgend einer höheren Liehtintensität oder der Einschal¬ 
tung härterer Röhren gelingt es nicht, dieselben so scharf „heraus¬ 
zuarbeiten“, wie in normalen Fällen. Alan kann, wenn dies Phäno¬ 
men sehr ausgesprochen ist, gelegentlich aus ihm allein die Dia¬ 
gnose auch noch in Fällen totaler, doppelseitiger Plcurasyuechie 
ohne wesentliche Schrumpfung stellen; wenigstens gelang es mir 
in einigen, durch die Autopsie bestätigten Fällen. Im Allge¬ 
meinen wird man aber beim Vorhandensein einer beiderseitig 
gleichmiissigcn, diffusen Trübung mit dem Urtheil sehr zurück¬ 
haltend sein müssen, da es gelegentlich Lungen gibt, die sich 
aus irgend einem Grunde schlecht durchleuchten lassen. Holz- 
k n e c h t nimmt die geringe Durchlässigkeit für Röntgen- 
lielit als eine charakteristische Eigenschaft für die Herzfehle r- 
lungen in Anspruch. Ich konnte erst kürzlich in einem Falle 
von Mitralfehler , in dem klinische Symptome für das Vorhanden¬ 
sein einer solchen Lunge sprachen (Herzfehlersputen seit langer 
Zeit), mich von ihrer starken Absorptionskraft überzeugen. 
Offenbar kommt aber wohl auch reichlicher Gehalt an mine¬ 


ralischem Staube sehr wesentlich in Betracht, vielleicht liegt der 
Grund manchmal auch in den äusseren Bedeckungen. Bisher 
konnte ich, soweit ich darauf geachtet habe, in derartigen Fällen 
immer die Rippen noch relativ am besten sehen. Auch bei iso- 
lirten, im Innern der Lunge entstehenden Halbschatten sind die 
Rippen meist recht scharf zu sehen; es entspricht dies ja auch 
dem allgemeinen Verhalten der Röntgenstrahlen, sieh über- 
schneidende Schatten besonders dunkel und scharf erscheinen zu 
lassen. Andererseits wird aber auch durch die allgemeine Hellig¬ 
keit der Bilder bei gleichzeitigem Lungenemphysem die Deutlich¬ 
keit der durch Pleuraverwachsungen verwaschenen Rippen¬ 
schatten nicht wesentlich verbessert, wie ieli mich in Sektions¬ 
fällen überzeugen konnte. Anscheinend ist die Verdickung der 
Pleura costalis und die Auflagerung von narbigem Gewebe über 
und um die zugeschärften Ränder die Ursache dieser Erscheinung. 
Man wird also ausser an die Möglichkeit, einer Synechie auch 
noch an die Möglichkeit einer isolirten Verdichtung der Pleura 
costalis denken müssen. (Theoretisch sollte man erwarten, dass 
Hindernisse für den Durchtritt von Röntgenstrahlen, welche in 
den äusseren Bedeckungen liegen und diffus ausgebreitet sind, 
das gleiche Verhalten zeigen würden, indem hier das lichtauf- 
saugende Medium gleichfalls den Rippen benachbart liegt — 
ich kann cs mangels geeigneter Erfahrung nicht entscheiden). 
Leider ist. dies Kriterium bei den gewöhnlichen Photographien 
nicht gut zu verwenden: Lange Expositionsdauer scheint es zu 
verwischen, während es andererseits wahrscheinlich durch mangel¬ 
hafte Fixirung des Objektes und die dadurch hervorgebrachten 
mannigfaltigen Nebenschatten vorgetäuscht werden kann. Viel¬ 
leicht wird man mit „dunklen“ Momentaufnahmen Besseres er¬ 
zielen. Immerhin wird man bis auf Weiteres fasthalten müssen, 
dass auffallende Unschärfe der vorderen Rippenschatten bei 
wenig intensiver Trübung für Pleuraschwarte spricht, bei stär¬ 
kerer Trübung gleichfalls, wenn sonstige Befunde dies unter¬ 
stützen — z. B. Lage und Ausdehnung des Schattens — oder 
durch Verdrehungen nachgewiasen werden kann, dass kein ober¬ 
flächlicher Herd der Lunge in Frage kommt. Selbstverständlich 
kann auch Pleuraschwarte neben zentralem Schattenherd be¬ 
stehen. Einer kleinen Eigenthümlichkeit, welche der Schatten¬ 
bildung bei ziemlich dichter, totaler Pleurasynechie einer oder 
beider Seiten gelegentlich zukommt, möchte ich noch gedenken, 
da der Anblick oft recht frappant ist. Während im Uebrigen 
die Trübung nicht so gar intensiv erscheint, ist sie am Rande 
des Lungenfeldes auffallend stark. Man sieht dann in der Alitte 
des ganzen Bilde« den breiten Schatten des Mediastinums, un¬ 
klare Lungenfelder und am Rande derselben einen, bei zentraler 
Beleuchtung besonders breiten Schatten. Alan wird bei ein¬ 
seitigem Auftreten desselben gewiss zunächst an einen um¬ 
schriebenen Prozess in der Axillargegcnd denken, aber, durch die 
Streifenform aufmerksam gemacht, den Patienten • verdrehen 
und dabei finden, dass er sich immer an der Grenze des Lungen¬ 
feldes hält. Er entsteht natürlich dadurch, dass die Strahlen an 
der Umbicgungsstello der Schwarte dieselbe flach schneiden und 
auf längerem Wege durchlaufen, als näher der Mitte, wo sie 
auf kürzestem Wege durchdringen und weniger absorbirt werden. 
Das Phänomen tritt, wie gesagt, nur mitunter auf; starke Wölb¬ 
ung der Rippen bei dünnen Bedeckungen scheinen es zu be¬ 
günstigen. 

Das dritte Moment von Wichtigkeit ist die Feststellung 
einer Funktionsbehinderung. Etwaige Differenzen in der all¬ 
gemeinen inspiratorischen Erweiterung des lichten Raumes der 
Lungen rechts und links stellt man schon bei der vergleichenden 
Messung fest. Für weit wesentlicher halte ich wieder das Ver¬ 
halten der Rippen. Wenn bei Leuten mit elastischem Thorax 
während glcichmässiger und tiefer Athemzüge die Rippen- 
zwiselienräume, vielleicht besonders auf einer Seite, auffallend 
eng erscheinen und sich dabei nur wenig oder gar nicht er¬ 
weitern, wird man nicht vergeblich nach anderen Symptomen 
der Brustfellverwachsung zu suchen brauchen. Allerdings ist 
glcichmässige und tiefe Athmung wichtig. Ich lasse daher stets 
den Exploranden den Athem so lange anhalten, als möglich; 
den dadurch entstehenden Lufthunger befriedigt er durch die 
ausgiebigsten und gleichmässigsten Athemzüge, die er ausführeu 
kann. Leider hat auch diese Funktionsprüfung, wie jede andere, 
ihre Grenze: einseitiger stärkerer Brustschmerz u. dergl. macht 
sie illusorisch. Sehr werthvoll ist auch endlich die Beobachtung 
der Zwerehfellaktion, die besonders eingehend Friedrich Albin 

•)* 


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56 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


Hoffmann 1 ) und Holzknecht studirt haben, auf deren 
Darstellung ich hier verweise. Ich will nur das unser Thema 
Berührende herausheben, dass bei stärkerer Verwachsung das 
Zwerchfell stark nach oben gezogen wird und, bei schwerer Be¬ 
hinderung der Exkursionsfähigkeit, beständig „in Exspirations¬ 
stellung“ zu stehen scheint. Man kann bei linksseitiger Störung 
dann den paradoxen Befund erheben, dass die linke Zwerchfell¬ 
kuppel höher steht, als die rechte. Im Allgemeinen ist die Ge¬ 
ringfügigkeit der Exspiration — wenn Emphysem oder Nach- 
drängung des Zwerchfells und ähnliche Ursachen ausgeschlossen 
werden können — das Charakteristische; in manchen Fällen 
kommt noch eine Deformirung der Wölbung — mit Steilheit — 
hinzu. Andererseits will ich aber nicht verschweigen, dass ich 
in einem Sektionsfalle von totaler Pleurasynechie trotz starker 
Funktionsbeschränkung aller übrigen Theile ganz erhebliche Ex¬ 
kursionen des vollständig mit dem Unterlappen verwachsenen 
Zwerchfelles gesehen habe. In diesem Falle bestanden ziemlich 
starke inspiratorische Einziehungen an der Zwerchfellgrenze, an 
Stelle des Litte n’sehen Phänomens. Die Muskulatur des 
Zwerchfells war sehr kräftig entwickelt. Offenbar sind also wohl 
die Bedingungen, die zur Funktionsbehinderung bis Funktions¬ 
einstellung führen, für das kräftigere, plattenförmige, nur am 
Umkreis fixirte Zwerchfell andere und schwierigere, als für die 
schwächere Interkostalmuskulatur, die beständig durch zwischen- 
gelagerte Rippen unterbrochen wird. Alle diese Verhältnisse, 
besonders einschliesslich der Verursachung von inspiratorischen 
Einziehungen und Aufhebung des Litte n’sehen Phänomens, 
bedürfen noch zahlreicher weiterer Beobachtungen, bevor sie voll¬ 
ständig geklärt sind. Eine noch jahrelange Anwendung der 
Diaskopie wird wohl zweifellos ermitteln lassen, wann z. B. die 
Einziehungen der Thoraxwand als die Folge von Brustfellver¬ 
wachsungen, wann sie als die Folge von einfacher Ansaugung 
zu betrachten sind, und dann vielleicht dieses der einfachsten 
Untersuchungsmethode, der Inspektion, zugängige Zeichen zu 
einem diagnostisch brauchbaren gestalten. Anhangsweise möchte 
ich in dieser Gruppe der Zeichen der Funktionsbehinderung noch 
ein Symptom erwähnen, das zwar, seiner Seltenheit und Viel¬ 
deutigkeit wegen, keinen Anspruch auf diagnostischen Werth 
machen kann, aber immerhin sehr auffallend ist. Ich meine 
dio respiratorische Verschieblichkeit des Mediastinums. Ueber 
die diagnostische Bedeutung dieses Symptomes hat sich bekannt¬ 
lich zwischen dem ersten Beobachter, Holzknecht, und 
Beclere*) eine Diskussion entsponnen. In den meisten bisher 
beobachteten Fällen ist dasselbe wohl als der Ausdruck einer 
inspiratorischen Ansaugung des Mediastinums — in 
Folge von Bronchostenose und allerlei anderer Erkrankungen — 
seltener auch als einfache mechanische Ziehung aufzufassen. 
Ich beobachte seit nun fast 3 Jahren einen Mann mit einer 
rechtsseitigen Pleurasynechie, der im Uebrigen beiderseits etwas 
erweiterte Lungengrenzen hat — die rechten sind kaum ver¬ 
schieblich — und der gelegentlich an Bronchitis, und zwar meist, 
aber nicht immer, rechtsseitiger, leidet. Tuberkulose war bis 
jetzt nicht nachweisbar. Derselbe zeigt das Symptom in deut¬ 
lichstem Maassc in der ganzen Beobachtungszeit; für Broncho¬ 
stenose lässt sich kein einziges sonstiges Symptom anführen; 
reichliche Mediastinaldrüsen sind auch nicht zu sehen. Es ist 
also wolü die rechtsseitige Pleurasynechie als Ursache für die 
inspiratorische Dislokation des Mediastinums nach rechts an¬ 
zuschuldigen: jede andere Ursache würde kaum so lang ohne 
wesentliche Beschwerden ertragen worden sein. 

Wir können also aus dem Vorstehenden resumiren, dass die 
Diaskopie die sonstigen klinischen Untersuchungsmct'.ioden durch 
eine Reihe charakteristischer Befunde ergänzt. Dieselben sind: 
Verkleinerung einer Seite; abnorme, oft spezifisch geartete 
Schattenbildung; Funktionsbehinderung. Nur ausnahmsweise 
darf aus einem Befunde allein die Diagnose gestellt werden, stets 
ist das Zusammentreffen mehrerer, oder das Vorhanden¬ 
sein sonstiger, z. B. perkussorisolier Befunde erforderlich, 
um sicher zu gehen. Ich weiss wohl, dass speziell in einer Reihe 
chirurgisch wichtiger Krankheiten wir auch damit noch nicht 

O I*'. A. Hoffmann: Emphysem und Atelektase. Wien 
1000. Alfred II ö 1 d e r. (Spez. Pathologie und Therapie von Noth¬ 
nagel. XIV. Bd., II. Hälfte, 1. Abtheil.) 

0 BfcUre: Le deplnoemont patliologique du mediastin pen- 
dant I’inspiration ßtudie il l'aide des rayons du Röntgen. Bulle¬ 
tins et memolres de la sociötö mßdlcale des höpitaux de Faris, 
12. VII. 1900. 


ira Stande sein werden, jedesmal die Frage: Brustfell verwachs-n 
oder nicht? sicher zu entscheiden, aber wir werden dadurch die 
Zahl der unaufklärbaren Fälle vermindern, und das umsomehr, 
je mehr Untersucher sich dieser Methode bedienen werden, und 
je mehr dadurch die Erfahrung des Einzelnen, sowie die Ge- 
sanunterfahrung der Radiologie überhaupt wächst. Aber nicht 
nur das Grenzgebiet der Chirurgie und der inneren Medizin kann 
von der Ausbildung der Methodik Nutzen ziehen, sondern be¬ 
sonders auch die letztere selbst. Für gewöhnlich ist ja bei der 
[Mehrzahl der inneren Erkrankungen die etwaige Pleuraverwach¬ 
sung ein sekundärer Zustand und ihre Existenz ohne besonderes 
klinisches Interesse. Indessen geben nicht bloss alte Schwarten, 
sondern auch frische, fibrinöse Pleuritiden den vorstehend be¬ 
schriebenen Befund, wenn sie nicht gar zu geringfügig sind, 
und um so stärker, je mehr sie zur Verklebung resp. Verwachsung 
führen, und je dichter, an schrumpfendem Bindegewebe reicher 
die letztere wird. Das ist auch für die Diagnose dieser Zu¬ 
stände von grosser Wichtigkeit. 

Denn bisher kannten wir als einziges zwingendes Symptom 
das pleuritische Reiben. Leider ist dasselbe kein häufiger Be¬ 
fund; selbst solche Aerztc, denen ein sehr grosses internistisches 
[Material zur Verfügung steht, werden dies bestätigen. Ausser¬ 
dem ist es meist eine vorübergehende Erscheinung — da es ja 
durch eintretende Verwachsungen (oder Ergüsse) wieder aufge¬ 
hoben wird, so dass die Häufigkeit seines Auftretens keineswegs 
der Häufigkeit entspricht, in der wir selbst ausgedehnten pleu- 
ritischen Schwarten und Verwachsungen auf dem Obduktions¬ 
tische begegnen. So ist man bei der Diagnose einer rein fibri¬ 
nösen Pleuritis nur auf die sonstigen subjektiven und funktio¬ 
nellen Symptome angewiesen. 

Vielleicht wird sie daher, bei der begreiflichen Scheu des 
Arztes, sein Urtheil auf so wenig sichere Grundlage zu stützen, 
weniger häufig gestellt als richtig wäre. Denn es gibt zweifellos 
ein wohlcliaraktcrisirtes Krankheitsbild, das sich zusammensetzt 
aus nfebrilcm oder auch leicht febrilem Verlauf, der sich meist 
Wochen oder selbst Monate hinzieht, Brustschmerzen, Nach¬ 
schleppen einer Seite, vielleicht sogar weniger ausgesprochenem 
Athmen derselben, mitunter auch trockenem, eventuell schmerz¬ 
haftem Husten, besonders bei aktivem Tieferathmen, also den 
nicht zwingenden Symptomen einer trockenen Pleuritis, und dem 
auch thntsäehlieh eine solche zu Grunde liegt, nur dass man sie 
mit der rein physikalischen Diagnostik nicht einwandsfrei be¬ 
weisen kann. Ich glaube, man wird künftig diese Diagnose in 
erster Linie durch den diaskopischen Befund begründen. Ich 
stellte sie im abgelaufenen Jahre fünfmal (d. h. bei Leuten, die 
sonst nicht krank waren; von komplizircnden trockenen Pleuritiden 
bei Tuberkulösen u. dgl. sehe ich ab); in zweien von den Fällen 
war zeitweilig pleuritisches Reiben zu hören, einmal nur ca.8Tage 
lang, das andere Mal fast 5 Wochen hinduroh. Nun verschwanden 
die Erscheinungen nicht mit dem Auskultationsbefunde, sondern 
dauerten noch mehrere Wochen nach. Gerade jetzt erst erwies 
sich der diaskopisehe Befund am ausgesprochensten und nun 
entsprach der ganze Status dem der drei übrigen Fälle, in denen 
ein — vielleicht vorausgegangenes — pleuritisches Reiben nicht 
beobachtet worden war. ln einem dieser letzteren war die Schntten- 
bildung so stark, dass ich trotz dem Mangel eines sicheren Per¬ 
kussionsbefundes zur Probepunktion schritt: es ergaben sich denn 
auch einige Tropfen einer etwas trübserösen Flüssigkeit. Trotz¬ 
dem bildete sich im weiteren Verlaufe kein eigentliches Exsudat 
aus, sondern er verlief in einigen Wochen günstig, so dass ich 
nicht anstohe, diesen Fall der wenigstens überwiegend trockenen 
Pleuritis zuzuzählen. (Ohne eine Spur von Fliissigkeitsergusi 
ist ja wohl die fibrinöse — trockene — Pleuritis überhaupt nie¬ 
mals zu denken! Vergl. Rosenbach’). Das schliessliche Re¬ 
sultat nach Abklingen der heftigeren subjektiven Symptome ist 
meist nicht ein Verschwinden, sondern ein mehr oder weniger 
vollständiges Fortbestehen des diaskopischen Befundes: es ist 
also eine gewisse, wohl meist geringe, Schwartcnbildung einge¬ 
treten. Es ist mir leider bisher noch nicht geglückt, diese Form 
der Pleuritis bei einem Manne zu beobachten, den ich schon 
vorher diaskopirt und gesund befunden hätte. So bleibt ja immer 
noch die Möglichkeit offen, dass es sich im einen oder dom 
anderen Falle gar nicht um eine frische Pleuritis fibrinosa, son- 

’) O. Rosenbach: Die Erkrankungen der Brusthöhle. 
Nothnagel: Spezielle Pathologie und Therapie, Bd. XI'. 
1. Hälfte. 


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14. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


57 


dern nur um frische Beschwerden bei einer zufällig vorhandenen 
alten Pleuraschwarte gehandelt haben konnte. Es wird daher 
um so wünschenswerther sein, dass möglichst viele Beobachter 
sich einschlägiger Fälle annehmen und in dieser Richtung nach¬ 
prüfen: da ja jetzt überall das Interesse für die diaskopische und 
diagraphische Untersuchung internistischer Kranker im Wachsen 
ist, so kann der Erfolg kaum ausbleiben. Für poliklinische 
Zwecke, ich möchte fast sagen, überhaupt dem gesammten 
Arbeiterpublikum gegenüber, ist jedenfalls eine Methode zu be- 
grüssen, welche es gestattet, aus dem grossen Gemenge der 
Kranken, die über Brustschmerzen ohne wesentlichen objektiven 
Befund klagen, solche herauszuheben, die wegen vorhandener 
organischer Grundlage ihres Leidens spezieller Behandlung be¬ 
dürfen. 



Zuletzt möchte ich noch gewisser Fälle gedenken, in denen 
man leicht fälschlich zur Annahme einer trockenen Pleuritis 
oder einer Pleuraschwarte verleitet wird. Es findet sich dann 
eine rechtsseitige zirkuläre Dämpfung über den unteren Thorax¬ 
partien; gleichzeitig ist das Athemgeräusch in ihrem Gebiete 
etwas abgeschwächt, ja gelegentlich hört man etwas Knistern, 
die respiratorische Verschieblichkeit der Lunge ist anscheinend 

verringert oder ganz auf¬ 
gehoben. Subjektiv wer¬ 
den meist Schmerzen ge¬ 
klagt, auch hin und wieder 
Athemnoth und Oppres- 
sionsgefühl. Punktirt 
man dann, so ergibt sich 
die Abwesenheit eines Er¬ 
gusses, und, allein auf die 
physikalische Untersuch¬ 
ung gestützt, wird man 
sieh nun wohl meist für 
berechtigt halten, Resi¬ 
duen einer alten oder 
frische trockene Pleuritis 
anzunohmen. Betrachtet 
man den Kranken aber 
auf dem fluoreszirenden 
Schirme, so findet man, 
dass eine einfache Hoch- 
Mcht drängung des Zwerchfelles 
circulir um den rechten Thorax herum. Be- durch Hi« T.ph«r vnrlWt 
diu$t wird Me durch Hochstand des Zwerch- , I)er 'Oriltgl. 

feiles und der Leber. Es zeigt sich dann das ein¬ 

geschaltete Bild. 

Die Ursachen dieses Zustandes sind mannigfaltig. Oft liegen 
sie in der Leber selbst, so habe ich einmal erhebliche Hoch- 
drängurig des Zwerchfelles durch einen Leberabszess gesehen. 
Häufiger sieht man ein ähnliches Bild bei Stauungslebern, wenn 
dieselben nicht gesenkt sind (wie z. B. bei gleichzeitigem Em¬ 
physem oder Enteroptose u. dgl.). Bei Tumoren der Leber habe 
ich es noch nicht gesehen — in den bisher von mir beobachteten 
Fällen von grösseren Gewächsen (fast ausschliesslich Karzinom- 
metastasen) an der Leber war dieselbe stets gesenkt; indessen 
wird es wohl Stadien geben, in denen es zu Stande kommt. Viel¬ 
leicht wird auch der subphrenische Abszess ähnlich wirken: be¬ 
obachten konnte ich bisher noch keinen, über die in der Literatur 
häufig erwähnte Verwechselung mit Pleuritis macht es wahr¬ 
scheinlich. Auch Hochdrängung der Leber durch stärkeren 
Meteorismus bewirkt diesen Zustand. Ich habe dies sehr aus¬ 
gesprochen beobachtet bei enormem Meteorismus in Folge Kar¬ 
zinoms an der Flexura lienalis coli (der Fall wird demnächst 
ausführlich mit anderen publizirt in einer Dissertation von 
Herrn AI i 11 a g), und bei einem Knaben, für dessen Mcteorismus 
keine bestimmte Ursache angeschuldigt werden konnte (er starb 
bald nachher in seiner Heimath ohne Sektion; vermuthet wurde 
chronischer Darmverschluss durch Neoplasma oder Kompression 
— zur Probelaparotomie waren die Eltern nicht zu bewegen). 
F.s ist mir aufgefallen, dass in solchen Fällen von hochgradigem 
Meteorismus der Schatten der Leber in einer Durchleuchtungs¬ 
richtung vollständig verschwinden kann (meist der dorso- 
ventralen). Das Bild bekommt dann eine gewisse Aehnliehkeit 
mit den Fällen, in denen sich Eingeweide im Thorax befinden 
(vergl. Hirsch’s Fall von Hernia diaphragmatica 10 ). In dem 


w ) Hirsch: Zur klinischen Diagnose der Zwerchfellhernie. 
Münch. metL Wochenschr. 11)00, pag. 990. 

No. 2. 


eben erwähnten Falle von Darmkarzinom fand sich die Leber 
nach hinten und oben gedrängt, platt wie ein Kuchen bei der 
Autopsie. Vermuthlich schliesst sich an diese letzte Kategorie 
eine Gruppe von Fällen an, in denen ohne klare Ursache eine 
Pleuritis durch Hochdrängung des Zwerchfells vorgetäuscht wird, 
wenigstens scheint mir der Meteorismus (der selbstverständlich 
nicht so hochgradig ist, wie bei den letzterwähnten Schwer¬ 
kranken) der wichtigste Faktor zu sein. Ich habe mehrere der¬ 
art gesehen, der letzte war der interessanteste; ihn hatte Herr 
Geheimrath Hoff mann die Güte, mitzubeobachten. Trotz 
voruusgegangener schlechter Erfahrungen hatte ich mich zur 
Annahme eines pleuralen Ergusses verleiten lassen; das dia¬ 
skopische Bild ergab aber nur Hochstand des rechten Zwerch¬ 
felles (und der Leber). Es bestand Meteorismus, aber der Leber- 
schatten hatte entschieden eine ungewöhnliche Höhe, während 
er ja bei den schweren Fällen bis zur völligen Unsichtbarkeit 
in einer Richtung verkleinert sein kann. Der Patient selbst, 
54 Jahre alt, war fettleibig, etwas Alkoholiker, hatte mässige 
Arteriosklerose der fühlbaren Arterien; seine Beschwerden be¬ 
standen in Schmerzen an der rechten Seite und Kurzathmigkeit; 
sie waren nicht besonders hochgradig. Vielleicht kommt neben 
dem Meteorismus noch Hyperämie der Leber in Betracht. Ich 
habe schon früher beobachtet, dass bei einem und demselben In¬ 
dividuum der Höhenunterschied beider Zwerchfellkuppeln Mor¬ 
gens früh nüchtern am geringsten ist, am stärksten nach der 
Hauptmahlzeit, wenn physiologisch die Leber am blutreichsten 
ist; man hätte diesen Symptomenkomplex dann hieran anzu- 
sehliessen. Jedenfalls verlor er sich nach einer energischen, 
laxirenden Behandlung in einigen Tagen. Es ist gewiss nicht 
zwecklos, auf diese Zustände hinzuweisen. Denn wenn man eben 
auch immer mit dem Hochstande des Zwerchfells bei der An¬ 
nahme einer Pleuritis als Quelle diagnostischer Irrthümer 
rechnen wird, so sind „trockene Punktionen“ aus dieser Ursache 
schon manchen Aerzten vorgekommen. Wenn sie auch un¬ 
schädlich sind, so sind sie doch mitunter verdrießlich, und — 
liegt nicht gerade hierbei die Verletzung des Zwerchfelles und 
durch dieses hindurch sogar der Leber durchaus im Bereich der 
Möglichkeit? Der Irrthum ist auch verzeihlich, denn das ile- 
sistenzgefühl kann bei der Perkussion durchaus dem bei Pleura¬ 
ergüssen ähneln; und ich würde in dem letzten Falle gewiss eine 
Probopunktion vorgenommen haben, hätte ich nicht durch die 
Diaskopie den Zustand ebenso rasch und für den Kranken 
schonender aufklären können. Und obendrein scheint, nach den 
bisherigen Erfahrungen, mit der Diagnose zugleich die Therapie 
gegeben zu seinl 

Ich hoffe, in Vorstehendem gezeigt zu haben, dass die Dia¬ 
skopie, welche sich jetzt mehr und mehr auch in der inneren 
Medizin den älteren Untersuchungsmethoden als ebenbürtige 
Schwester zur Seite stellt, speziell auf diesem sonst diagnostisch 
oft. recht schwer zugänglichen Gebiete sich von ganz besonderer 
Leistungsfähigkeit erweist. Wenn dadurch eine Anzahl von 
Kollegen zur Nachprüfung und regelmässigen Anwendung ver¬ 
anlasst werden, so ist der Zweck dieser Zeilen erreicht. Es ist 
mir zum Schlüsse eine angenehme Pflicht, meinem verehrten 
Chef, Herrn Geheimrath Prof. F. A. Hoffmann, noch be¬ 
sonders zu danken für das rege Interesse, welches er diesen Unter¬ 
suchungen stets entgegen gebracht hat, und für die stetige För¬ 
derung, dio ich darin von ihm erfahren habe. 


Soxhlet’s Nährzucker — Ein neues Kindernährmittel. 

Von Dr. Frucht, Kinderarzt in Plauen i. Vogtl. 


Es liegt eine tiefe Kluft zwischen der rein empirischen 
Methode der Ernährung des Säuglings vor nur 4 Dezennien und 
den Bestrebungen von heute, die Nahrung der Kinder mit unserer 
Kenntniss von dem chemischen und physiologischen Verhalten 
der Milch und ihrer Schicksale im Säuglingsdarm in Einklang 
zu bringen. Es ist viel auf pädiatrischem Gebiete gearbeitet und 
geleistet worden und auf Grund der gewonnenen Ergebnisse hat 
fast jeder Forscher neue Vorschläge für die Ernährung der 
Säuglinge gebracht. Fast jeder bekannte Pädiater deckt mit 
seinem Namen den eines Säuglings-Ernährungsmittels. II e u b - 
ner’s Mileh-Milchzuckerlösung, Biedert’s berühmtes Rahm- 
gemenge, G ä r t n e r’sche Fettmilch, ein Geisteskind Biedert’s, 
Hesse-Pfun d’sche Milch, Rieth’sche Albumoscnmileii, 
B a c k h a u s’sche Kindermilch, M o n t i’s Wiener S;iug!in_.-- 
inilch, Lahmann’s vegetabilische Milch, Timpe’s Pankreas- 


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58 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


Milchpulver, L ö f 1 u n d’s Rahmkonserve und Malzsuppenextrakt, 
S t e f f e n’s Säuglingsnahrung, dann die grosse Schaar der 
Kindermehle; man sollte denken, um unsere Säuglingsernährung 
kann es nicht schlecht stehen bei dieser Auswahl. Und doch ist 
diese Mannigfaltigkeit nur ein Beweis, dass kein Präparat ganz 
den Anforderungen entspricht, die es für eine Dauerernährung 
geeignet machen. Wenn man sich in der Praxis umschaut, findet 
man, dass fast nicht nur jeder Arzt, sondern auch jede Mutter 
ihr erprobtes Verfahren der Säuglingsernährung hat. Ein Be¬ 
weis, dass wir nicht nur weit ab sind von einem idealen Ersatz 
der Muttermilch, sondern dass auch die theoretischen Anschau¬ 
ungen über Säuglingsernährung trotz aller Forschung und Er¬ 
kenntnis weit divergirende sind. — Das Fazit unseres Wissens, 
wie es in den verschiedenen Ernährungsmethoden sich zu Thaten 
umgesetzt hat, ist die Erkenntnis, dass 

1. das Kasein der Kuhmilch chemisch verschieden ist von 
dem der Frauenmilch, 

2. dass es auf die Dauer dem Säuglingsmagen und -Darm 
unüberwindliche Verdauungsarbeit zumuthet, 

4. dass in der verdünnten Kuhmilch zu wenig Fett und 
Zucker enthalten ist, um die Bildung von Körperfleisch zu ver¬ 
mitteln. 

Und in bekannter Weise suchen die obengenannten Er¬ 
nährungsmethoden diese gefährlichen Klippen zu umgehen, 
immer als Leitstern die qualitative und quantitative Zusammen¬ 
setzung der Muttermilch im Auge. 

Woran liegt es nun, dass die meistern Methoden nicht populär 
geworden sind, obwohl manche von ihnen vortreffliche Resultate 
ergeben. Weil ein Theil der Präparate, von noch nicht sicher 
bewiesenen Voraussetzungen ausgehend und wegen der Um¬ 
ständlichkeit der Herstellungsweise einer Zersetzung Vorschub 
leistend, als Ersatzmittel der Muttermilch für den gesunden 
Säugling entbehrlich sind. Das für die Ernährung des gesunden 
Säuglings so vortreffliche und für manche Fälle von chronischen 
Enteritiden mit schleimigen alkalischen Stühlen unentbehrliche 
Bieder t’sche Rahmgemenge ist nicht überall erhältlich oder 
wird auf weite Entfernung verschickt, geht durch viele Hände, 
bleibt bei wechselndem Absatz lange liegen und bietet so nicht 
mehr die Gewähr des Unzersetztseins. Und man muss wissen, 
wie misstrauisch eine Mutter einem Präparate gegenüber steht, 
das ihr vom Arzt empfohlen, nicht mehr ganz einwandsfrei in 
ihre Hände kommt. Ich habe viele Kinder mit Bieder t’schem 
Rahmgemenge aufgezogen, habe aber dabei immer wieder die 
Beobachtung gemacht, dass das im Grossen auswärts hergestellte 
Präparat eine Zeit lang mit Appetit und guter Verdauung ver¬ 
tragen wurde, dass dann aber ein gewisser Widerwillen und ge¬ 
ringe Nahrungsaufnahme, verbunden mit Stillstand des Körper¬ 
gewichtes, eintrat, weil, wie ich überzeugt bin, die für den aus¬ 
wärtigen Konsum verschickte Milch, wie es hier der Fall ist, 
durch zu langes Sterilisiren nicht nur bedeutend an Schmack¬ 
haftigkeit einbüsst, sondern auch schwer verdaulich wird, zum 
Theil durch eine Entmischung des fein emulgirten Fettes zu 
grossen Fettlachen, zum anderen Theil durch Veränderungen 
chemischer und physikalischer Natur des Eiweisses der Milch. 
Ausserdem leisten wohl alle intensiv sterilisirten Präparate dem 
Entstehen der Rachitis Vorschub. Die HeubnePsche Milch- 
Milchzuckerlösung hat den grossen Vortheil, dass sie auf ein¬ 
fache Weise jeden Tag frisch im Hause bereitet werden kann 
und desshalb keiner langen Sterilisation bedarf, dass sie ver- 
hältnissmässig billig ist und gute Resultate gibt. Soll aller¬ 
dings das Kind im stofflichen Gleichgewichte erhalten bleiben, 
so muss es neben einem nicht gedeckten Bedarf an Fett und 
Zucker eine verhältnissmässig grosse Menge Eiweiss aufnehmen; 
und die dadurch bedingte Ueberlastung des Darmes und in Folge 
dessen für unzählig viele Säuglinge verhängnisvoll gewordene 
bakterielle Eiweisszersetzung lässt auch diesen Emährungsmodus 
nicht ganz einwandfrei erscheinen. Immerhin hat wohl diese 
Ernährungsmethode mit mannigfachen Variationen in der 
Praxis die weiteste Verbreitung gefunden. Heubner’s Vor¬ 
schrift geht bekanntlich dahin, dem Kinde eine Mischung von 
% Liter Milch und % Liter Wasser mit 12,3 Proz. Milchzucker¬ 
gehalt zu reichen. Es sind in diesem % Liter Milch, Eiweiss 
23,7 gr, Fett 24,6 gr, Zucker 32,5 gr enthalten, es blieben also 
— die Muttermilch nach Hoffman n’s Angaben zu Eiweiss 
10,3, Fett 40,7, Zucker 70,3 angenommen — abgesehen von dem 
Ueberschu88 an Eiweiss, 16,1 Fett und 37,8 Zucker zu ersetzen. 


Da nun 16,1 Fett 39,0 Zucker äquivalent sind, so bleiben 
37,8+39,0 = 76,8 Zucker zu ersetzen. H e u b n e r ersetzt aber 
nur 41,0 Zucker, sodass, wollten wir das II e u b n e Psche Ge¬ 
misch an Fett und Zucker der Muttermilch gleich machen, wir 
noch 35,8 Zucker hinzufügen müssten. Das ist ein nicht uner¬ 
hebliches tägliches Defizit an wärmebildenden Stoffen, die dem 
Heubner’schen Gemisch theoretisch mangeln. Dieses Manko 
durch Milchzucker zu ersetzen verbietet sich schon wegen seiner 
in solchen Quantitäten stark abführenden Wirkung, abgesehen 
von der Milchsäuregährung. Es will mir daher als ein äusserst 
glücklicher Gedanke S o x h 1 e t’s erscheinen, ein als Fettersatz 
geeignetes Kohlehydrat hergestellt zu haben, das die unan¬ 
genehme Nebenwirkung einer reichlichen Milchzuckerzuführung 
nicht besitzt. Nun gibt es ja bereits solche Präparate, wie das 
von Paul Liebe in Dresden als „Liebig-Suppe trocken“ in 
den Handel gebrachte, das ein mit Malz verzuckertes Weizenmehl 
ist, ebenso wie M e 11 i n’s food. Beide fussen auf dem Grund¬ 
gedanken L i e b i g 5 «, die Verzuckerungsarbeit der Stärke dem 
dazu untauglichen Säugling dadurch zu ersparen, dass er 
Weizenmehl und Malzstärke mit Malzdiastase verzuckerte und 
so dem Säugling eine leicht resorbirbare Zubusse zur Kuhmilch 
schuf. Während nun in diesen Präparaten die Umwandlungs¬ 
produkte der Stärke, Dextrin und Maltose, in einem Verhältnis.« 
von 1: 4 enthalten sind, neben einem etwa 10 proz. Gehalt an 
Eiweissstoffen, war S o x h 1 o t’s Bemühen darauf gerichtet, die 
Verzuckerung der Stärke so zu gestalten, dass unter Aussehlus« 
der Eiweissstoffe auf einen Theil Dextrin ein Theil Maltose kam. 
weil er durch Versuche konstatirt hatte, dass jo maltoseänner 
und dextrinreicher das Gemisch der Verzuekerungsprodukte ist. 
trotz grosser Gaben keine diarrhoisehen Stühle auftraten. Ausser¬ 
dem verleiht So x hl et diesem Präparate, das er Nährzucker 
nennt, einen gewissen Säuregrad, um die zur Lösung der durch 
Kochen zum Theil unlöslich gewordenen Kalksalze stark in An¬ 
spruch genommene Salzsäure des Magens zu unterstützen und 
gibt ihm dann noch Kochsalz bei, um die Chlorarmuth der Kuh¬ 
milch, die Ursache der geringen Salzsäureproduktion im Magen, 
zu beseitigen. 

Ich habe mit diesem Nährzucker seit etwa drei Monaten in 
der Privatpraxis Versuche angestellt, über die ich berichten will. 
Ich habe zunächst, um mir ein vorläufiges Urtheil bilden zu 
können, einigen gesunden Kindern den Nährzucker verabreicht. 
Hierfür folgender Belag. 

Kind G., 4 Monate alt, Gewicht 4680 g. gesund, bisherige 
Nahrung Biedert III mit Milchzusatz, zeigt seit 14 Tagen bei guter 
Ausleerung keine Gewichtszunahme. Ich verordnete am 12. VIII. 
1SMJ1 y 2 Liter Milch, y 2 Liter Wasser und 5 Kaffeelöffel — 50 g 
Nührzueker. Am 19. VIII. sah ich das Kind wieder, es hatte 
täglich 2—3 Stühle gehabt, der Stuhl war gut verdaut, reagirt 
alkalisch, subjektives Wohlbefinden, nur that das Kind nach 
Aeusserung der Mutter sehr hungrig, keine Koliken, aber auch 
keine Gewichtszunahme. Das Kind bekam nun % Liter Milch, 
% Liter Wasser und 70 g Nährzucker. Am 23., also nach 4 Tagen, 
hatte das Kind bei 3 gut verdauten Stühlen, täglich von gleicher 
Reaktion, 220 g zugenommen. Offenbar war die Anfangs ver¬ 
ordnete Nahrung nicht genügend, aber als ersten Versuch wollte 
ich vorsichtig sein. Am 4. IX. wog das Kind bei gleicher Er¬ 
nährung, guter Verdauung und bestem "Wohlbefinden 5160 g, hatte 
also in 12 Tagen 260 g zugenomraen. Ich beobachtete das Kind 
bis heute, Mitte November; es nimmt bei guter Verdauung regel¬ 
mässig zu und zeigt auch keine Erscheinung von Rachitis. 

Ein jüngerer Säugling von 6 Wochen, mit einem Gewicht von 
3430 g bekam vom 15. VIII. an 400 g Milch, 400 g Wasser und 
4 Kaffeelöffel Nährzucker, leerte 2 mal gut aus und wog nach 
6 Tagen, am 21. VIII., 3660 g, also 230 g Zunahme in 6 Tagen. 
Am 20. IX. 4400 g, also täglich 24 g. Mir stehen noch etwa 
15 Fälle von gesunden Säuglingen zur Verfügung, die bei mög¬ 
lichster Beschränkung der Milch nie über % Liter täglich und 
reichlichem Nährzucker bis 70—80 g ganz vortrefflich gediehen; 
allerdings will ich schon hier bemerken, dass ein Theil der Kinder 
Neigung zu Obstipation zeigte. 

Kind H., 8 Wochen alt, Gewicht 3400 g, erkrankte bei 
P f u u d’sclier Milch au einem Dünndarmkatarrh mit häufigen 
spritzenden Stühlen, heftigen Koliken und grosser Unruhe. Das 
an und für sich sehr zarte Kind machte mit stark eingesunkener 
Fontanelle keinen guten Eindruck. Am 17. IX. sah ich das Kind, 
verordnete Thee für 6 Stunden und heisse Kataplasmata, dann 
250 g Milch, 500 g Wasser, 25 g Nährzucker, 3 stündlich 100 g, 
bei Durstgefühl kleine Gaben Thee. Diese Nahrung wurde gern 
genommen; es erfolgten in den nächsten 24 Stunden 4 Stühle 
langsam kompakt werdend, zum Theil noch gehackert von alka¬ 
lischer Reaktion. Ich ordnete nun an, dass noch einen Tag die¬ 
selbe Nahrung und dann täglich um 100 g Milch steigend bis 500 g 
gegeben werden sollte und entsprechend auf 100 g Milch 10 g 
Nährzucker. Nach 4 Tagen wurde mir berichtet, Anfangs sei 


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14. Januar 1902. 


MÜENCHENEK MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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Allee gut gegangen, die Ausleerungen seleD seltener, 2—3 mal täg¬ 
lich. aber noch etwas gehackert gewesen, aber heute seien wieder 
dünnflüssige Stühle mit weissen, festeren Bröckeln aufgetreten. 
Ich gab nochmals dieselbe Diätvorschrift, nur ging ich mit der 
Milch sehr langsam vorwärts, so dass erst nach 8 Tagen 500 g 
Milch, 500 g Wasser, 50 g Nährzucker erreicht wurden. Bel Jetzt 
vorgenommener Wägung war Anfangsgewicht vorhanden, nach 
weiteren 8 Tagen aber hatte das Kind bei gleicher Nahrung 210 g 
zugenominen und gedeiht seitdem gut. Bei einer Reihe von 
6 ähnlich gelagerten Fällen von Dünndarmkatarrh erfolgte 
schneller Heilung, weil ich von vornherein mit kleinen Mileh- 
quantitüten auting und nur langsam zusetzte. Auffallend war 
mir, dass die Diarrhöen In 24 Stunden fast bei allen Kindern 
2—3 Ausleerungen täglich wichen, auch wenn die Milchverdauung 
noch keine vollständige war — viel schneller, als ich es sonst bei 
Milch und Milchzucker und Schleim sah. Die Kinder machten 
in Folge der auffallend schnell zum Stillstand gebrachten Diar¬ 
rhoe und des dadurch verhinderten grossen Wasserverlustes viel 
schneller wie sonst den Eindruck der Genesung. 

Kind St, 32 Wochen alt, Gewicht 4480 g. „Atrophie". Die 
Mutter berichtet, das Kind habe bei Kuhmilchnahrung vor 
8 Wochen häufig erbrochen, dünn ausgeleert, sei sehr unruhig und 
immer weniger geworden; sie habe dann Nestle's Kindermehl 
gegeben, ohne Milchzusatz. Der Stuhl sei fest geworden, aber 
das Kind zusehends weniger. Am 15. IX. sah ich das Kind mit 
aufgetriebenem Leib, abgemagerten Extremitäten, greisenhaftem 
Aussehen. Verordnung 250 g Milch, 750 g Wasser und 25 g 
Nährzucker. Abends ein grosses Klystier. Am 19. IX. wog das 
Kind 4740 g, hatte also in 4 Tagen bei geringer Nahrung die fast 
unwahrscheinliche Menge von 260 g zugenommen, dabei blieben 
die Stühle trocken und hart. Verordnung 500 g Milch, 500 g Wasser, 
50 g Nährzucker. Am 27. IX. wog das Kind 4880 g, in 8 Tagen 
also 140 g. Stühle wieder trocken und hart, von grauweissllcher 
Farbe, alkalischer Reaktion, aber subjektives Wohlbefinden. Ich 
Hess nun die Nährzuckergabe auf 80 g steigern, Müch und Wasser 
blieben Je % Liter. Nach 8 Tagen, 24. X., wog das Kind 5080 g. 
also 200 g Zunahme in einer Woche. Trotz der grossen Zucker¬ 
menge blieb auch jetzt noch der Stuhl hart und bröckelig; das 
änderte sich erst, als ich der Milch noch 100 g Sahne zufügte, die 
Stühle wurden weicher, manchmal noch geformt, von alkalischer 
Reaktion. Das Kind gedieh vorzüglich, es wog nach 14 Tagen 
5530 g. 

Ein äusserst zartes Kind 4 Wochen alt, Gewicht nicht er¬ 
hältlich auf dem Lande, ich taxlre ca. 2500 g, entleerte während 
zweier Tage 3—4 mal täglich pechschwarze Stühle mit zum Theil 
noch flüssigem Blut. Ich Hess das Kind äusserst warm und mög¬ 
lichst ruhig halten, gab Llqu. Ferri 1:100 und Reiswasser, bis 
die Blutung stand. Das Kind sehr auaemisch, Fontanelle tief 
«>ingesunken, Exitus wahrscheinlich, erholte sich trotzdem bei 
einer Ernährung von 250 g Milch, 500 g Wasser, 25 g Nährzucker. 
Ich sah das Kind erst 8 Tage später wieder. Es hatte sich zur 
Ueberraschung der Eltern sichtlich erholt, leerte weiche, gelbe, 
Anfangs noch etwas haekerige Stühle aus. Auch die zweite Woche 
nach diese Attaque verlief, wie mir berichtet wurde, bei gleicher 
Ernährung sehr günstig. Ich verordnete nun ein etwas grösseres 
Quantum Älilch, das Kind fing dann aber an zu brechen, offenbar 
war das äusserst zarte Kind nicht im Stande, mehr Milch zu ver¬ 
dauen. Ich musste daher wieder auf 250 g Milch zurückgehen, 
eine Steigerung des Nährzuckerquautums auf 50 g aber vertrug 
das Kind gut und mir wurde nach weiteren 14 Tagen berichtet, 
dass das Wohlbefinden auch weiter ungehalten habe, und das 
Kind Jetzt bei y 2 Liter Milch, >/ 2 Liter Wasser und 70 g Nähr¬ 
zucker vortrefflich gedeihe. 

Zwei Kinder mit Enterititis follicularis erholten sich nach 
wiederholten Darmsptilungen und darauf folgender halbtägiger 
Theediät und dann 5 proz. Nährzuckerlösung mit dem 5. Theil 
Milch, langsam steigend, überraschend schnell. 

Ich hatte also Gelegenheit, den S o x h 1 e t’sehen Nährzucker 
bei gesunden Säuglingen und bei den häufigsten Darmerkrank¬ 
ungen der Säuglinge immer in mehreren Fällen zu beobachten 
— es sind während dieser Beobachtungszeit 55 Büchsen ver¬ 
braucht worden. Mit zwei Ausnahmen — ein sehr zartes here¬ 
ditär luetisches Kind verweigerte, wie die Mutter sagte, die 
Nahrung und ein in etwas schmerzhafter Dentition begriffenes 
ebenfalls — nahm en die Kinder das Präparat sehr gern. Der 
Nährzucker ist ein weisses, etwas hygroskopisches Pulver, löst 
sich sehr leicht in Wasser zu einer gelblich gefärbten etwas 
opalisirenden Flüssigkeit von angenehmem Malzgeruch und Ge¬ 
schmack, ist V* mal so süss wie Rohrzucker und süsser wie Milch¬ 
zucker. Eine charakteristische Eigenschaft des Präparates ist 
die, dass es in vielen Fällen eine deutliche Neigung zu Obsti¬ 
pation bewirkt und dass es selbst in grösserer Konzentration 
absolut keine abführende Wirkung besitzt und in Folge dessen 
bei sehr leichter und vollständiger Resorptionsfähigkeit im Stande 
ist, ohne auf die Schleimhaut des Magens und Darmes reizend 
zu wirken, dem kranken Säugling ein verhältnissmässig grosses 
Verbrennungsmaterial zu bieten und so ein Zehren vom eigenen 
Körperfette zu verhindern. Damit hängt offenbar, wie meine 


Versuche zeigen, eine schnellere Erholung des kranken Darmes 
zusammen und diese erlaubt wiederum eine zeitige Zuführung 
kleiner Quantitäten Milch, wodurch der ganze Krankheitsprozess 
wesentlich abgekürzt wird. Ich habe nie nöthig gehabt, länger 
als nach 6 stündiger Theediät auf Milchzufuhr zu verzichten, 
allerdings begann ich mit kleinen Mengen und stieg auch nicht 
eher zu grösseren an, als bis genaue Stuhlkontrole es erlaubte. 
Die Stühle reagirten stets alkalisch bis auf einen Fall von Fett¬ 
diarrhoe, der naturgemäss sauer reagirte und in keinem Stuhl 
war bei häufigen mikroskopischen Untersuchungen ein Stärke¬ 
nachweis zu führen. Wenn ich auch berücksichtige, dass viele 
Kranke vor der Darreichung des Nährzuckers unzweckmässig, 
was Qualität und Quantität betrifft, ernährt wurden, so haben 
die bisher gesammelten Erfahrungen doch gezeigt, dass der Nähr¬ 
zucker in der Ernährung kranker Säuglinge eine grosse Rolle 
zu spielen berufen ist. 

Was nun seine Verwendung als Dauernahrung betrifft, und 
das ist doch eigentlich das Kriterium eines brauchbaren Kinder¬ 
nährmittels, so machen ihn dazu folgende Eigenschaften be¬ 
sonders befähigt: 

1. Sein Preis, pro Tag 70 g gerechnet kosten 20 Pf., ist im 
Verhältnis zu ähnlichen Präparaten kein hoher. 

2. Die Nahrung kann in einfachster Weise im Hause her- 
gestellt werden; ein wesentlicher Vorzug vor den Milchpräparaten, 
die von auswärts kommen, zu lange sterilisirt sind, durch viele 
Hände gehen und so häufig nicht einwandsfrei sind. 

3. Ist der Nährzucker geeignet, der zweckentsprechend ver¬ 
dünnten Kuhmilch ihr Manko an Fett und Milchzucker voll¬ 
ständig zu ersetzen ohne die Peristaltik des Darmes zu reizen 
oder Gährungen im Darm hervorzurufen. Dass in der That 
das in der Kuhmilch herrschende Missverhältnis von Eiweiss 
zu Fett und Zucker durch ihn in ausgiebigem Maasse korrigirt 
werden kann, zeigt folgende Berechnung. 

Ich habe schon gesagt, dass in einer täglichen Dauemahrung 
von % Liter Milch und ’/3 Liter Wasser, 16,1 Fett und 37,8 Zucker 
= 76,8 Zucker zu ersetzen sei, eine Menge, die in Form von 
Milchzucker unverträglich ist, als Nährzucker aber, wie meine 
Versuche zeigen, auf die Dauer gut vertragen wird. Ob es nöthig 
ist, diese theoretisch gewonnenen Zahlen wirklich zu erreichen, 
möchte ich bezweifeln, da die Natur den Säugling an der Mutter¬ 
brust sicher in Luxuskonsumption leben lässt. Desshalb halte 
ich es auch im Allgemeinen nicht für richtig, dem Säugling 
bis zum 6. Monat pro Tag über % Liter Milch zu reichen, voraus¬ 
gesetzt, dass das Manko an Fett durch Nährzucker er¬ 
setzt wird, um so einen nicht genügend verdauten, der Zersetzung 
preisgegebenen Nahrungsrest zu vermeiden. Weniger ist hier 
mehr. Wenn wir das erreichen könnten, dass unter dem Namen 
Kindermilch nur Milch von gesunden und einwandsfrei ge¬ 
fütterten Kühen verkauft würde, die, sauber gemolken, sofort 
in sterilisirte Flaschen gefüllt würde, mit Plombenverschluss und 
in geschlossenem und gekühltem Wagen den Konsumenten zu¬ 
geführt würde, dann hätte die Mutter, die sich einen S o x h 1 e t- 
schen Apparat nicht leisten kann, und das ist die grosse Mehr¬ 
zahl, nur nöthig, die Milch in der Flasche auf ein beabsichtigtes 
Quantum zu bringen und entsprechend Nährzuckerlösung hinzu¬ 
zusetzen, das Gemisch in der Flasche zu kochen, und sie hätte 
für weniges Geld, vielleicht 35 Pf. auf einfache Weise eine 
Nahrung für ihren Säugling, die, was Einfachheit der Her¬ 
stellung, Preis, Qualität, Bekömmlichkeit und Reinheit betrifft, 
von keiner anderen künstlichen Ernährungsmethode übertroffen 
wird. 

Sollte ferner eine längere Erfahrung bestätigen, was 
S o x h 1 e t durch Zusatz von Kochsalz und sehr kleinen Mengen 
Säure zum Nährzucker erreichen will, dass einmal durch die 
Säure die beim Erhitzen der Milch zum Theil unlöslich ge¬ 
wordenen Kalksalze wieder gelöst werden und so die Milch die 
Fähigkeit behält, wie ungekochte Kuhmilch oder Muttermilch 
durch das Labferment des Magens zu gerinnen, und dass anderer¬ 
seits durch den Kochsalzsusatz nach Zweifel das Kasein 
leichter verdaulich wird und durch die so bewirkte Chloranreiche¬ 
rung der Kuhmilch ihre Salzsäureproduktion eine grössere wird 
und ihr an sich reichlicher Kalkgehalt dadurch nutzbar gemacht 
und damit eine Ursache des häufigen Auftretens der Rachitis 
bei Kuhmilch-Kindern beseitigt wird, wenn das durch eine 
längere Erfahrung seine Bestätigung findet, so gebührt dem 

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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


S o x h 1 e t’schen Nährzucker unter den Kindernährmitteln die 
erste Stelle. 


Ueber die Wechselbeziehungen der körperlichen und 
psychischen Störungen bei Hysterie.*) 

Von Dr. Paul Tesdorpf, prakt. Arzt und Spezialarzt für 
psychische und Nervenleiden in München. 

Die Thatsache, dass die Hysterie, ähnlich wie die Epilepsie 
und Neurasthenie, sowohl in den Lehrbüchern der inneren Medi¬ 
zin wie in denen der Psychiatrie eingehende Erörterung findet 
und dass in Uebereinstimmung hiermit ein Theil der Hyste¬ 
rischen sich behufs Behandlung in den Irrenanstalten, ein anderer 
Theil sich auf den klinischen Abtheilungen der Krankenhäuser 
befindet, weist darauf hin, dass sowohl körperliche als psychische 
Störungen im Vordergründe des hysterischen Krankheitsbildes 
stehen können. 

Diese Scheidung des hysterischen Krankheitsmateriales in 
eine somatische und eine psychische Gruppe ist offenbar zum 
Theil schuld daran, dass die Hysterie bald als eine vorwiegend 
nervöse, bald als eine vorwiegend psychische Krankheitsform 
aufgefasst wurde. 

Man kann es nun aussprechen, dass es eine weder eigentlich 
klinische, noch eigentlich psychiatrische Betrachtungsweise war, 
der es gelang, eine Vermittlung zwischen den bei Klinikern und 
Psychiatern über die Hysterie bestehenden Ansichten herbei¬ 
zuführen. 

Die in dieser Richtung entscheidende Betrachtungsweise war 
eine vorwiegend psychologische, d. h. eine solche, die einerseits 
darauf ausging, mit Hilfe des psychologischen Experimentes Ein¬ 
blick in die krankhaften Vorgänge bei Hysterischen zu gewinnen, 
andererseits sich die Aufgabe stellte, eine Reihe über hysterische 
Kranke systematisch geführter Krankheitsgeschichten einer mög¬ 
lichst strengen psychologischen Analyse zu unterwerfen. 

Die mit Hilfe dieser psychologischen Methoden im Laufe des 
letzten Jahrzehntes beispielsweise von dem französischen Arzte 
Pierre J a n e t, einem um die Lehre von der Hysterie hochver¬ 
dienten Schüler Charcot’s, sowie von den Wiener Aerzten 
Breuer und Freud zum Theil auf Grundlage der Char- 
c o t’schen Lehren gewonnenen Resultate gehören in der That zu 
den glänzendsten Zeugnissen für die Unentbehrlichkeit der 
psychologischen Betrachtungsweise behufs Ergründung der 
Hysterie. 

Während es Pierre J anet u. a. in seinem 1893 und 1894 
zu Paris erschienenen zweibändigen Werke „Etat mental des 
hysteriques“ gelang, die Einengung des Bewusstseinsfeldes, die 
Beschränkung der Fähigkeit für geistige Synthese und die Spal¬ 
tung der psychischen Persönlichkeit als die Hauptquellen des 
hysterischen Geisteszustandes nachzuweisen, verstanden es 
Breuer und Freud u. a. in ihrem im Jahre 1895 in Leipzig 
und Wien gemeinschaftlich herausgegebenen „Studien über 
Hysterie“, den Nachweis zu erbringen, dass der hysterische 
Geisteszustand sich auf Grund eines mangelhaften psychischen 
Ausgleiches im Anschluss an Affekte entwickele und dass, im 
Zusammenhang mit dieser Mangelhaftigkeit des Ausgleiches, 
einerseits die gegen den betreffenden Affekt gerichteten psychi¬ 
schen Abwehrbcstrebungen fruchtlos verlaufen, andererseits der 
Affekt eine Ableitung auf das körperliche Gebiet erfährt. 

Während nun durch die genannten sowie zahlreiche andere 
Erforscher die bei Hysterischen zu Tage tretenden Symptome, 
gleichviel ob dieselben sich hauptsächlich auf körperlichem oder 
psychischem Gebiet äussera, vorwiegend oder sogar ausschliess¬ 
lich als von letzterem, d. i. vom psychischen Gebiete ausgehend 
hingestellt wurden, gibt es eine andere Betrachtungsweise, welche 
dahin führt, dass umgekehrt ein grosser Theil der psychischen 
abnormen Vorgänge bei Hysterischen von Vorgängen, die nicht 
im Hirn, sondern im übrigen Körper ihren Sitz haben, den Aus¬ 
gang nehmen können. 

Diese Betrachtungsweise, welche ich persönlich seit über 
einem Jahrzehnte bei Beurtheilung und Behandlung sowohl 
hysterischer Kranker, als solcher, die an Neurasthenie und Epi¬ 
lepsie leiden, anwende, geht darauf aus, in jedem einzelnen Falle 
möglichst erschöpfend die Wechselbeziehungen, die zwischen den 

*) Vortrag, gehalten am 28. November 1901 ln der Psycho¬ 
logischen Gesellschaft zu München. 


jeweils vorhandenen psychischen und körperlichen Störungen be¬ 
stehen, klar zu legen. 

Die Ergebnisse dieser Methode dürften nicht nur medi¬ 
zinisches, sondern auch psychologisches Interesse beanspruchen, 
insofern dieselben geeignet sind, auch die beim normalen Men¬ 
schen bestehenden Wechselbeziehungen zwischen körperlichen und 
l>syehlschen Vorgängen in ein helleres Licht zu bringen. 

Um die auf diesem Wege thatsächlich gewonnenen Resultate 
dem allgemeinen Verständniss näher zu rücken, ist es unerläss¬ 
lich, zunächst, wenn auch nur in knappen Umrissen, ein Bild des 
seit jeher in gleicher Weise für Aerzto und Psychologen lehr¬ 
reichen und interessanten hysterischen Krankheitszustandes zu 
entwerfen, sowie über die in Betreff der Entstehungsweise des 
hysterischen Zustandes bisher gewonnene Erkenntniss kurzen 
Aufschluss zu geben. 

ln allen Fällen, in denen es mir gelang, in letzterer Rich¬ 
tung, d. h. in Bezug auf die Erkenntniss der Ursachen, welche 
den Ausbruch einer Hysterie im Einzelfalle herbeiführen, An¬ 
haltspunkte zu gewinnen, handelte es sich um ein einmaliges oder 
wiederholtes, mit lebhafter psychischer oder körperlicher Er¬ 
schütterung einhergehendes Vorkomniniss und um das Unver¬ 
mögen des betroffenen Individuums, die erlittene psychische 
bezw. körperliche Erschütterung alsbald oder im Laufe der 
folgenden Zeit auszugleichen. 

Dementsprechend waren es einerseits äussere Unglücksfälle, 
wie beispielweise »Sturz und Zusammenprall, andererseits lebhafte 
unerwartete psychische Eindrücke, wie z. B. Schreck und Ent¬ 
täuschung, welche zum Ausbruch der Hysterie führten. 

Diese Erfahrungen stehen sowohl mit den Angaben, welche 
von Charcot in seinen „Klinischen Vorlesungen über die Krank¬ 
heiten des Nervensystems“ und in seinen „Poliklinischen Vor¬ 
trägen“ über das Entstehen von Hysterie im Anschluss an psy¬ 
chische Erschütterungen geliefert wurden, im Einklang, als 
auch mit den Angaben, welche der Berliner Neurologe Oppen¬ 
heim, einer der besten Kenner der im Anschluss an körperliche 
Erschütterungen entstehenden psychischen und nervösen Ver¬ 
änderungen, u. a. in der neuesten, aus dem Jahre 1902 datirten 
Auflage seines „Lehrbuches der Nervenkrankheiten“ gemacht hat. 

Sowohl beim Studium der von den genannten Forschem 
über hysterische Kranke gelieferten Berichte, als bei der Analyse 
der von mir selbst beobachteten und eingehend studirten Fälle 
typischer Hysterie gelangte ich zu der Ueberzeugung, dass es sich 
bei den im Anschluss an körperliche und psychische Erschütte¬ 
rungen eingetretenen hysterischen Störungen wesentlich um 
Dissoziationsvorgänge handele, d. i. einerseits um quantitative 
Störungen des zum normalen Ablauf unserer körperlichen und 
psychischen Funktionen nothwendigen nervösen Assoziationen 
zwischen den verschiedenen Organen und Systemen, andererseits 
um eine qualitative Assoziationsstörung, nämlich um Etablirung 
einer Selbständigkeit der verschiedenen Organe und Systeme in 
Bezug auf ihre nervöse Beeinflussung des gesammten Körpers wie 
der einzelnen Körpertheile. 

Die Annahme einer derartigen Dissoziation ermöglicht es. 
auch Denen, die keine Gelegenheit hatten, Hysterische ein¬ 
gehender zu beobachten, sich ein Verständniss für das anscheinend 
so regellose Bild der Hysterie zu verschaffen. Dieser Wechsel, 
sowie die Mannigfaltigkeit der neben einander bestehenden 
Krankheitserscheinungen, welche sowohl beim Studium ein¬ 
zelner Hysterischer, als bei Vergleichung verschiedener 
Hysterischer bemerkbar sind und sich bald in Störungen 
der Stimmung, der Vorstellungen, der Willensäusserungen, 
in Störungen des Gedächtnisses und der Apperzeption, 
sowie in Charakteranomalien äussera, bald in krankhaften körper¬ 
lichen Veränderungen, z. B. Lähmungen und Krämpfen, An¬ 
ästhesien und Hyperästhesien, krankhaft verringerter und ge¬ 
steigerter Thätigkeit der verschiedenen Drüsenapparate zu Tage 
treten, sind unserem Verständniss näher gebracht, wenn wir an¬ 
nehmen, dass die betroffenen Organe und Funktionen durch die 
erlittene psychische und körperliche Erschütterung, welche zur 
Hysterie führte, in Bezug auf ihren nervösen Zusammenhang 
eine Lockerung erfahren haben, sowie eine Selbständigkeit und 
Unabhängigkeit erlangten, wie diese beim normalen Menschen 
nicht zu finden ist. 

Die durch obige Erörterungen über das Wesen des hyste¬ 
rischen Krankheitszustandes gewonnene Auffassung, die dahin 


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14. Januar 1002. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 61 


geht, dass es sich bei der Hysterie nicht nur um einen psychischen, 
bezw. im Hirn lokalisirten, sondern auch um einen ausserhalb 
des Hirnes bestehenden körperlichen Dissoziationsprozoss handelt, 
erfährt nun eine weitgehende Begründung und Erläuterung, wenn 
wir die Wechselbeziehungen zwischen den bei Hysterie vorkom¬ 
menden peripherkörperlichen und zentralpsychischen Störungen 
in’s Auge fassen. 

Zunächst muss betont werden, dass das allgemeine „Prinzip 
der Wirkung und Gegenwirkung“, welches für die physikalische 
Welt gilt und welches seine einfachste Exemplifizirung durch die 
Thatsaehe erfährt, dass, wenn ein Körper auf den anderen wirkt, 
dieser auf den erstereu in gleicher oder ähnlicher Welse zurück¬ 
wirkt, auch den Wechselbeziehungen zwischen körperlichen und 
psychischen Störungen, allgemein gesagt, zwischen körperlichen 
und psychischen Vorgängen innerhalb des menschlichen Organis¬ 
mus, zu Grunde liegt. 

Diesem Prinzipe zu Folge muss, wenn beispielsweise von der 
Hirnrinde aus durch eine Vorstellung eine Veränderung an irgend 
einer Stelle des Körpers ausgelöst wird, diese periphere Verände¬ 
rung rückwirkend wieder die Vorstellung in der Hirnrinde her- 
lieiführen können. Bei Anwendung des genannten Prinzipes auf 
psychologische Geschehnisse muss beispielsweise, wenn durch eine 
heitere, vom Hirne ausgehende Stimmung die Mimik des Lachens 
in unserem Gesichte zu Stande kommt, diese Mimik rückwirkend 
wieder eine heitere Stimmung im Hirne erzeugen können. Dass 
letzteres in der That der Fall ist, können wir daraus schliessen, 
dass, wenn wir unserem Gesichte willkürlich durch entsprechende 
Innervation der Gesichtsmuskeln den Ausdruck des Lachens 
geben, wir uns thatsiichlich alsbald in eine heitere Stimmung 
versetzen können. Beim normalen Menschen entspricht nun er- 
fahrungsgemäss jedem psychischen Vorgänge durch die zahl¬ 
losen Verbindungen, die von jeder Hirnzelle zu den verschieden¬ 
sten übrigen Körpertheilen führen, eine unendliche Menge von 
Wirkungen, die ihrerseits wieder ebenso zahlreiche Rückwir¬ 
kungen zur Folge haben. 

Von den mannigfachen Wirkungen, die ein psychischer Vor¬ 
gang auf den übrigen Körper ausübt, sind wir nun gewohnt, nur 
diejenigen, welche besonders in die Sinne fallen, zu beachten 
und pflegen wir ausschliesslich diese Wirkungen als den gesetz- 
massigen körperlichen Ausdruck jenes psychischen Vorganges zu 
betrachten. Thatsächlich handelt es sich aber bei jedem psy¬ 
chischen Vorgänge ausser um die direkt zu beobachtenden noch 
um zahlreiche andere Wirkungen, welche zum Theil Organe und 
Körpcrtheile betreffen, die unserer Walirnehmung entzogen sind. 
Dadurch, dass nun zu Folge des obigen Prinzipes von Wirkung und 
Gegenwirkung die Körpcrtheile, welche durch einen bestimmten 
psychischen Vorgang eine Beeinflussung erfahren, ihrerseits, auch 
wenn sie von anderer als psychischer Seite in den Zustand der 
nämlichen Beeinflussung versetzt werden, auf das Hirn die Wir¬ 
kung üben können, welche das Hirn seinerseits nöthig hatte, um 
auf die Organe zu wirken, erklärt sich, wie psychische Vorgänge 
in uns rege werden können, ohne dass wir unsererseits wissen, 
woher diese Erregungen kommen. Diese Erscheinungen und 
Thatsaehen gewähren uns nicht nur einen werthvollen Einblick 
in das sogen. Reich des Unbewussten insoferne wir durch die¬ 
selben die Ueberzeugung gewinnen, dass auch in dem Gebiete der 
innerhalb unseres Organismus bestehenden, uns zeitweilig oder 
dauernd unbewussten Beziehungen und Vorgänge eine Gesetz¬ 
mässigkeit herrscht, sondern sie führen uns auch zu der Frage, 
ob nicht die besondere Art der Wirkung und Gegenwirkung, wie 
sie beim normalen Menschen zwischen bestimmten psychischen 
lind bestimmten körperlichen Vorgängen besteht, vielleicht bei 
dem hysterischen Krankheitszustande, für welchen wir einen 
körperlichen und psychischen Dissoziationsprozess als charak¬ 
teristisch fanden, in der Weise eine Veränderung erfährt, dass 
einem bestimmten psychischen Vorgänge allerdings bestimmte 
körperliche Wirkungen entsprechen, dass aber unter dem Ein¬ 
fluss der Dissoziation ein Theil jener Wirkungen ausfällt oder 
abgeschwächt wird, welche beim normalen Menschen zu Stande 
kommen, und dass in Folge dessen die anderen körperlichen Wir¬ 
kungen und vielleicht solche, die wir für gewöhnlich weniger be¬ 
achten, in gesteigertem Grade sich geltend machen. 

Durch diese Erwägungen erweisen sich einerseits die schein¬ 
bare Perversität und scheinbare Unzweckmässigkeit der Vorgänge 
bei Hysterischen als etwas gesetzlich Geregeltes, andererseits wird 
No. 2. 


durch dieselben verständlich, dass die Hysterischen trotz ihrer 
scheinbaren Perversität und Gesetzwidrigkeit sowohl existiren 
und sich weiter entwickeln können, als auch, dass sie, sobald die 
krankhaften Dissoziationsvorgänge sich ausgeglichen haben, 
wiederum wie normale Menschen zu reagiren im Stande sind. 

Während man nun in den zwei letzten Dezennien vorwiegend 
unter dem Einflüsse der C h a r c o t’schen Schule, sowie der von 
Bernheim in Bezug auf die Erklärung hysterischer Erschei¬ 
nungen begründeten Nancyer Schule zur Deutung der körper¬ 
lichen wie psychischen Störungen bei Hysterie in erster Linie 
psychiseho Vorgänge in’s Auge fasste und einerseits der rein 
psychischen Suggestion, andererseits der psychischen Dissoziation 
den wesentlichen Einfluss beim Zustandekommen der Hysterie 
zuschrieb, geht aus obigen Erörterungen über die Wechsel¬ 
beziehungen körperlicher und psychischer Vorgänge, sowie über 
das Vorkommen einer körperlichen Dissoziation hervor, dass wir 
in jedem Einzelfall von Hysterie danach zu forschen haben, ob 
nicht durch eine ausserhalb des psychischen Gebietes liegende 
körperliche Veränderung oder Störung ein Theil der hysterischen 
Erscheinungen sich erklären lässt. 

Wenn wir beispielsweise in der für Hysterie charakteristi¬ 
schen Weise bei einem Hysterischen eine organische Muskel¬ 
schwäche und eine ausgesprochene Muskelermüdbarkeit finden, 
so wird die Müdigkeit, welche sich bei dem betreffenden Hyste¬ 
rischen bereits nach geringen körperlichen Anstrengungen ein¬ 
stellt, nicht wohl als eine reine Suggestionswirkung aufgefasst 
werden können, sondern das Gefühl der Müdigkeit ist auf Grund 
des oben ausgesprochenen Prinzipes von Wirkung und Gegen¬ 
wirkung zum Theil darauf zurückzuführen, dass, wie der 
Hysterische durch die lebhafte Vorstellung der Müdigkeit ge¬ 
ringere Kraft in den Muskeln fühlt, umgekehrt bei thatsächlich 
durch Anstrengung erfolgter Abnahme der Muskelkraft die leb¬ 
hafte Vorstellung der Muskelmüdigkeit im Hirn des Hysterischen 
entstehen kann. 

Es gibt nun eine Reihe körperlicher Störungen bei Hysterie, 
die den Kranken nicht iu der Weise zum Bewusstsein kommen, 
wie beispielsweise die erwähnte Muskelschwäche und Muskel- 
ermüdbarkeit. Gleichwohl muss aber auch bei diesen Störungen 
eine von körperlichen Vorgängen ausgehende Wirkung auf die 
korrespondirenden Ilirnthcilo angenommen werden. 

Wenn z. B. durch den Sturz auf einen Arm Hysterie und als 
Theilerscheinung letzterer eine Unempfindlichkeit des Armes 
gegen Tasteindrücke entsteht, ohne dass der Kranke sich seiner¬ 
seits dieser Empfindungsstörung bewusst wird, so ist gleichwohl 
anzunehmen, dass die Erschütterung, welche zunächst die sen¬ 
siblen Nerven des Armes betraf, sich durch letztere zu den kor¬ 
respondirenden Hirntheilcn fortpflanzte und dass von letzteren 
auf dem Wege der Rückwirkung eine gesteigerte Empfindungs¬ 
losigkeit des durch den Sturz direkt betroffenen Kürpertheiles 
erzeugt wird. 

In Uebereinstimmung mit den beiden oben angeführten Bei¬ 
spielen, d. i. dem Eintreten eines hysterischen Ermüdungs¬ 
gefühles im Anschluss an Muskelanstrengung, sowie dem Ent¬ 
stehen hysterischer Empfindungslosigkeit im Anschluss an Er¬ 
schütterung der Hautnerven, gelingt es auch in zahlreichen 
anderen Fällen, den Nachweis zu erbringen, dass sowohl psychisch 
bewusste als unbewusste Störungen sich als psychische Gegen¬ 
wirkung einer ursprünglich körperlichen Beeinflussung heraus¬ 
steilen. 

Nicht nur die Art des Müdigkeitsgefühles in einem Muskel 
nach erfolgter Muskelanstrengung und die Art des Auftretens 
von Empfindungslosigkeit gegen Tasteindrücke nach statt¬ 
gefundener mechanischer Pressung eines Nervengebietes sind als 
solche für Hysterie charakteristisch, es kommen noch eine Reihe 
von Nebenerscheinungen hinzu, welche die Störung des Muskcl- 
gefiihles, bezw. die Aufhebung der Tastempfindung vollends zu 
hysterischen Erscheinungen stempeln. Beispielsweise ist das Ge¬ 
fühl der Muskelmüdigkeit häufig mit einem auffallenden Bedürf¬ 
nis nach Muskelbewegung verbunden, wie man es bei anderen 
Kranken oder bei normalen Menschen, die an Muskelmüdigkeit 
leiden, nicht findet, andererseits ist die Herabsetzung der Tast¬ 
empfindung häufig mit eigenartigen subjektiven Empfindungen 
in dem von der Empfindungslosigkeit betroffenen Nervengebicte 
vergesellschaftet, wie wir dieselben sonst ebenfalls nicht be¬ 
obachten. 


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62 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2 


I)iese Erscheinungen in Verbindung mit der Thatsache, dass 
bei Hysterie oft ein dem leidenden Korporthcil benachbarter und 
von der gleichen Schädlichkeit wie jener betroffener Abschnitt 
ein im Verhältniss zu diesem durchaus entgegengesetztes oder 
zu mindest in hohem Grade abweichendes Verhalten zeigt, dass 
ferner die leidenden und die scheinbar normalen Körpertheile 
in Bezug auf die von ihnen dargebotenen Störungen häufig ihre 
Rollen vertauschen, legt die Annahme nahe, dass eine Dissozia¬ 
tion der Funktionen- in benachbarten Körperthoilen stattfand, 
d. h. dass dieselben eine weitgehende Unabhängigkeit von ein¬ 
ander erworben haben. 

Diese gegenseitige Unabhängigkeit der funktionellen Zu¬ 
stände sogar benachbarter Körpergebiete vermag nun ihrerseits 
das Zustandekommen vieler der für die Hysterie charakte¬ 
ristischen psychischen Störungen zu erklären. So lassen sich die 
eigenthümlieho hysterische Zerstreutheit, die Verwirrtheit, Un¬ 
beständigkeit und Aengstlichkeit der Hysterischen vielfach aus 
den erwähnten körperlichen Dissoziationen ableiten, ohne dass 
man nöthig hat in jedem Falle hysterischer Zerstreutheit, Aengst¬ 
lichkeit und Launenhaftigkeit letztere Störungen als primär 
psychisch bedingte aufzufassen. 

Es ist ferner begreiflich, dass, wenn das Hirn eines Hyste¬ 
rischen fortgesetzt von widersprechenden körperlichen Reizen ge¬ 
troffen wird, alle ^psychischen Anstrengungen des Hysterischen, 
alles Aufbieten von Willensenergie zum Zwecke einer Unter¬ 
drückung der ihm vielfach zum deutlichen Bewusstsein kommen¬ 
den perversen Stimmungen, Vorstellungen und Bestrebungen 
fruchtlos sein müssen, ja dass derartige Anstrengungen geeignet 
sind, die Verwirrtheit und Benommenheit in vielen Fällen noch 
zu steigern. 

So entwickelt sich beim Hysterischen aus den mannigfachen 
krankhaften Wechselwirkungen der psychischen und körperlichen 
Störungen schliesslich der sogen, „hysterische Charakter“, d. i. 
ein Inbegriff unharmonischer und inkonstanter bewusster Beweg¬ 
gründe und unbewusster Ursachen, durch welche die inneren 
psychischen J^eistungcn sowie die äusseren Handlungen des 
Hysterischen dauernd bestimmt und beherrscht werden. 

Dieser durch Inkonstanz und Mangel an Harmonie gekenn¬ 
zeichnete Charakter der Hysterischen ist nach Maassgabe meiner 
mannigfaltigen Erfalirungen und Beobachtungen, die ich an 
hysterischen Kranken der verschiedensten Altersstufen, sowie an 
solchen, bei denen die Hysterie verschieden lange Zeit bestand, 
machen konnte, das Eudcrgebniss längeren Vorhandenseins des 
hysterischen Zustandes, d. h. einer längere Zeit hindurch zur Gel¬ 
tung gekommenen psychischen und körperlichen Dissoziation. 

Diese Auffassung von der in vielen Fällen erworbenen Natur 
des „hysterischen Charakters“ hat insofern etwas Beruhigendes, 
als wir uns dadurch ermuthigt fühlen können, bei zahlreichen 
Hysterischen der Ausbildung des spezifisch hysterischen Charak¬ 
ters rechtzeitig durch geeignete Behandlung entgegenzuwirken. 

Die Erfahrungen, die ich persönlich in dieser Richtung seit 
einer Reihe von Jahren gemacht habe, lehren nun, dass es in der 
That in den Fällen, in welchen es noch nicht zur Ausbildung 
eines ausgesprochen hysterischen Charakters gekommen ist, auch 
unabhängig von der Anwendung einer psychischen Therapie ge¬ 
lingt, durch rein örtliche Behandlung der körperlichen hyste¬ 
rischen Störungen einerseits diese zu mildern oder zu beseitigen, 
andererseits die nachtheiligen psychischen Wirkungen, welche 
jene körperlichen Störungen nach Maassgabe unserer obigen Aus¬ 
führungen auf das Hirn ausüben müssen, zu beschränken, bezw. 
hintanzuhalten. 

Diese örtliche körperliche Therapie, die beispielsweise bei 
hysterischer Muskelschwäche darauf ausgeht, die Muskeln durch 
Hebung und mechanische Bearbeitung zu kräftigen, die ferner bei 
hysterischer Hyperästhesie durch geeignete Massage, sowie 
durch elektrische Behandlung die krankhaft gesteigerte Sensibili¬ 
tät örtlich herabzusetzen bestrebt ist, und die bei hysterischen 
Funktionsstörungen der Drüsenapparate durch zweckmässige Er¬ 
nährung und Medikamente die Thätigkeit der Drüsen zu regeln 
sucht, wirkt zu Folge meiner mannigfaclien Erfahrungen nicht 
nur in denjenigen Fällen von Hysterie segensreich, welche durch 
mechanische bezw. körperliche Erschütterung entstanden sind, 
sondern auch in jenen, wo Schreck und Angst eine vorwiegend 
psychische Erschütterung und Dissoziation herbeiführten. Diese 


günstige Wirkung körperlicher therapeutischer Maassnahmen 
macht sich überdies ebensogut geltend, wo es sich um Bekämpfung 
eines sogen, hysterischen Anfalles, wie um Behandlung ausser¬ 
halb des Anfalles und unabhängig von diesem bestehender sogen, 
hysterischer Dauersymptome handelt. 

Wenn wir nun auf Grund der im Obigen über die Wechsel¬ 
beziehungen der körperlichen und psychischen Störungen bei 
Hysterie gewonnenen Erkenntniss daran fosthalten, dass die kör¬ 
perlichen Störungen der Hysterischen nicht ausschliesslich von 
psychischen Zuständen abhängeu, wie gegenwärtig vielfach an¬ 
genommen wird, sondern dass dieselben ihrerseits vielfach das 
psychische Leben der Hysterischen bestimmen, so wird die Be¬ 
handlung der Hysterie eine .noch dankbarere werden, als sie es 
seit 2 Jahrzehnten durch die Einführung streng psychologischer 
Betrachtungsweise in die Medizin und durch Gewinnung wirk¬ 
samer psychischer therafK-utischer Methoden bereits in so hohem 
Maasse geworden ist. 

Der von einer Reihe namhafter Psychologen und Aerzte 
während der letzten Jahrzehnte zur Ergründnng der Hysterie 
horbeigezogenen psychologischen Betrachtungsweise gebührt aber 
das Verdienst, auch nach der Richtung einer erweiterten ratio¬ 
nellen körperlichen Behandlung der Hysterie die Anregung ge¬ 
geben zu haben. 


Aus der medizinischen Klinik zu Basel. 

Zur Technik der graphischen Pulsregistrirung. 

Von Prof. A. J a q u e t. 

Als ich vor mehreren Jahren den Dudgeon’schen Sphygmo- 
graphen zum Zweck einer genaueren Analyse des Pulsrythmus 
modifizirte, begnügte ich mich damit, den Apparat mit einer 
Vorrichtung zur graphischen Zeitregistrirung zu versehen und 
seine Befestigung auf dem Vorderarm durch Anbringung einer 
gutsitzenden Manschette in einer Weise zu sichern, welche Be¬ 
obachtungen von längerer Dauer ermöglichte. Die eigentliche 
Vorrichtung zur Pulsregistrirung behielt ich dagegen in ihrer 
ursprünglichen Form, obwohl dieselbe mir damals schon vom 
theoretisch-mechanischen Standpunkte aus nicht völlig einwands¬ 
frei erschien. Da jedoch diese Registrirungsvorriehtung, neben 
eventuellen Fehlern, unverkennbare Vorzüge aufwies, entschloss 
ich mich um so eher, dieselbe unverändert für meinen Sphygmo- 
graphen zu benutzen, als bei der Unsicherheit unserer Kenntnisse 
der physikalischen Vorgänge im Arterienrohr, mir eine genauere 
Analyse der Pulsform vorderhand als verfrüht und aussichtslos 
erschien. 

Eine nähere Untersuchung des Sphygmochronographen in 
Bezug auf die Genauigkeit der gezeichneten Kurven lag von 
jeher in meiner Absicht; ich wurde jedoch stets durch ander¬ 
weitige Arbeiten daran gehindert, ln neuerer Zeit hat nun 
Herr B ä t k e unter der Leitung von Prof. Langen dorf f 
die Registrirungsvorriehtung des D u d g e o n’schen Sphygmo- 
graphen einer genauen Prüfung unterworfen und die Resultate 
seiner Versuche in seiner Inaugural-Dissertation veröffentlicht 1 ). 
B ä tk e konnte durch seine Versuche feststellen, dass der D u d- 
ge o n’sche Sphvgmograph (also auch mein Sphygmochronograph) 
bei der Pulsregistrirung Eigenschwingungen aufweist, welche 
zum Vorschein kommen, sobald die Pulsfrequenz über die nor¬ 
male Frequenz hinausgeht; dagegen sind bei geringer Frequenz 
des Pulses die auf geschriebenen Kurven einwandsfrei. Ein Ver¬ 
gleich mit dem Marey’schen Sphygmographen zeigte, dass im 
Gegensätze zum obigen Apparate die mit diesem Instrumente 
geschriebenen Kurven selbst bei hoher Pulsfrequenz ihr Aus¬ 
sehen nicht veränderten, und durch keine Eigenschwingungen 
verunstaltet wurden. 

Durch das Referat eines Vortrages von Herrn Professor 
Langendorff über diesen Gegenstand wurde ich auf diese 
Untersuchungen aufmerksam gemacht, und ich hielt es für ge¬ 
boten, die Frage von Neuem zu studiren und den Versuch zu 
machen, die am D u d g e o n’schen Sphygmographen gerügten 
Mängel zu beseitigen. Nach mehreren Versuchen, welche in 

') J. B ü t k e: Experimentelle Prüfung des J a q u e t*sehen 
Sphvgmochronographen. Inaug.-Diss., Rostock 1901. Münch, med. 
Wochensehr., 26. März 1901, S. 520. 


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14. Januar 1902. 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


63 


Verbindung mit dem Mechaniker des Baseler physiologischen 
Instituts, Herrn H. Schüle, gemacht wurden, ist es uns, glaube 
ich, gelungen, eine Registrirungsvorrichtung zu konstruiren, 
welche vollständig frei von Eigenschwingungen ist, und Kurven 
registrirt, die als naturgetreue Reproduktionen der Wellen¬ 
bewegungen im Arterienrohr betrachtet werden können. 

Die Ursache der Eigenschwingungen des D u d g e o n’schen 
Sphygmographen ist zweifellos in der losen Verbindung der ver¬ 
schiedenen Theile der Registrirungsvorrich¬ 
tung untereinander zu suchen. Die Be¬ 
wegungen der Pelotte, resp. der Feder a wer¬ 
den mittels eines kleinen mit einem Loche 
versehenen Aufsatzes b, dem knieförmig ge¬ 
bogenen Hebel c mitgetheilt, indem der kurze 
Schenkel dieses Hebels durch das Loch hin¬ 
durchgeht. Der Hebel c dreht sich um die 
Achse d und die Bewegung des langen Hebel¬ 
armes wird dem eigentlichen Schreibhebel e 
in der Weise mitgetheilt, dass beide Hebel 
durch eine Schleife g verbunden sind. Durch 
das in f angebrachte Gewicht hat der Schreib- 


* 

_ 





Fig. 1 


hebel beständig das Bestreben, auf der vorderen Seite der Schleife 
anzuliegen und jeder Bewegung derselben zu folgen. 

Eine erste Fehlerquelle ist in der Verbindung im Punkte b 
zu suchen. Der Druck des Gewichtes f wirkt auf den Hebel e in 
der Weise, dass im Ruhezustand der kurze Schenkel am oberen 
Rande des Loches andrückt. In Folge der unvermeidlichen Träg¬ 
heit des ganzen Hebelsystems kann es nun Vorkommen, dass bei 
einer erhöhten Frequenz der Schwingungen der Feder a der 
Kontakt in b gelöst wird und der kurze Schenkel des Hebels c 
abwechselnd vom oberen und vom unteren Rande des Loches 
Impulse bekommt, wodurch eine Zacke in der registrirten Kurve 
entstellt, welche normalerweise nicht in dieselbe gehört. Der¬ 
selbe Vorgang kann sich bei der Abwärtsbewegung der Feder a 
wiederholen. Eine, zweite Fehlerquelle liegt in der Gefahr der 
Lösung des Kontaktes in der Schleife bei raschen Bewegungen 
von c. Diese Gefahr kann bis zu einem gewissen Grade ver¬ 
mieden werden, indem dem Hebelarm, an welchem das Gewicht f 
befestigt ist, eine genügende Länge gegeben wird; dadurch wird 
aber sofort die Trägheit des ganzen Hebelsystems ausserordent¬ 
lich gesteigert, und die registrirten Kurven zeichnen sich dann 
durch starke Schleuderung aus. 

Es galt nun, diese zwei Fehlerquellen zu eliminiren und ein 
Uebelsystcm zu konstruiren, in welchem eine Lösung des Kon¬ 
takts der verschiedenen Theile unter sieh unmöglich wurde. 
Durch folgende Konstruktion glauben wir unsere Aufgabe in 
befriedigender Weise gelöst zu haben. 

Die Bewegungen der Pelotte, resp. der Feder a werden 
mittels eines keilförmigen Aufsatzes b dem Kniehebel e mitge¬ 
theilt. Derselbe trägt an seinem oberen Ende 
in s ein sorgfältig ausgearbeitetes Schrauben¬ 
gewinde, welches in eine entsprechende 
Zahnung, sogen. Schnecke, der Schreibhebel¬ 
achse eingreift. Zur Sicherung des Kontaktes 
zwischen Schraube und Sehreibhebelachse 
wurde dem Hebel c bei e eine Feder einge¬ 
schaltet, welche durch ihre Federung be¬ 
ständig den Hebel c gegen die Schreibhebel- 
aclise andrückt. Ausserdem dreht sich der 
Hebel c nicht mehr um eine in der Nähe des 
Kniees befindliche Achse, sondern um den 
Punkt f. Die Drchaclise wurde durch eine 
kurze und flache Uhrfeder ersetzt, welche den Kontakt zwischen 
dem Hebel e und dem Aufsatz b sichert. Bei der Kürze 
dieser Feder sind Eigenschwingungen derselben nicht zu be¬ 
fürchten. da ihr Schwingungsmoment Sekunde nicht erreicht, 
und somit mit der Geschwindigkeit der bei der Pulsregistrirung 
in Betracht kommenden Bewegungen in gar keinem Verhältniss 
steht. Ausserdem wird durch diese Feder der Exzenter des alten 
Sphygmographen überflüssig, da ihre Spannung zurUeberwindung 
des Widerstande« der den Kontakt mit der pulsirenden Arterie 
erschwerenden straff gespannten Hautdecken ausreicht. Das 
Uebersetzungsverhältniss beträgt am kurzen Schenkel des Hebels 
c 1:2 und auf der Schreibhebelachsc 1:50, so dass man eine 
Gesammtvergrösserung von 1:100 erhält. 



Fig. 2. 


Die Leistungsfähigkeit des neuen Instrumentes haben wir 
I mit Hilfe des gleichen Apparates geprüft, welchen B ä t k e 
für seine Versuche benützt hat, indem wir unseren Apparat 
nach einer uns freundlichst von Herrn Prof. Langendorff 
zur Verfügung gestellten photographischen Reproduktion der 
[ von B ä t k e benützten Vorrichtung konstruiren Hessen. 

..An dem freien Ende eines bnjonettförmig gebogenen Stückes 
! «JuKseisens ist ein rechteckiger Ausschnitt angebracht, in dem sich 
; eine zylindrische Messingwalze befindet, die in gut gearbeiteten 
Spitzcnlagern läuft. Die Walze hat an dem einen Ende eine 
, Kinne für einen Schnurlauf, durch den sie mittels Wassermotors 
| in Umdrehung gesetzt werden kann. Das andere Ende der Walze 
trägt ein Schraubengewinde und ist nur halb so dick im Durcb- 
i messer. Auf dem dünneren Abschnitt der Walze, aber sich au- 
lohneiid an den dickeren, sind zwei schmale Scheiben aus Messing 
| aiifgesteckt. die genau denselben Durchmesser wie die Walze 
j hallen und beide in der Achse sowohl gegeueiuander, als gegen 
i den Zylinder, naeli verschiedenen Richtungen hin verschoben 
werden können, so dass sie einen doppelten Exzenter bilden. In 
dieser Lage können sie dann durch eine genau im Zyllnderumfang 
allgedrehte Schraubenmutter fixirt werden. Auf die exzentrisch 
verstellten Scheiben drückt nun \on oben her ein unten ein wenig 
abgerundeter Stift, der sich ln einer an der senkrechten Wand 
des Elsenstückes angebrachten Schlittenführung von prismatischer 
[ Form lielindet und durch eine kleine Spiralfeder gegen die Walze 
! angedrückt wird. Auf dem oberen Ende des I’risnias befindet sich 
i noch ein Stift, der in einem mit welchem Leder gepolsterten 
! Plättchen endet, auf dein dann die Pelotte des Sphygmographen 
zu ruhen kommt.“ 

Mit Hilfo dieses künstlichen Pulses haben wir nun zahl- 
! reiche Kurven sowohl mit dem Sphvgmochronographen neuester 
Konstruktion, als mit unserem alten Sphygmochronographen 
j und dem Sphygmographen von Marey aufgeschrieben. Diese 
Versuche haben einerseits die Angaben von Bätke bestätigt, 
andererseits aber gezeigt, dass mit der neuen Registrirvor- 
, richtung es uns gelungen war, die Eigenschwingungen voll¬ 
ständig auszuschalten und dass die bei grosser Geschwindigkeit 
I geschriebenen Kurven ihren ursprünglichen Charakter vollständig 
■ bewahren. Auch ist die Form der mit dem neuen Sphygmo- 
| graphen gewonnenen Kurven identisch mit derjenigen der mit 
1 dem Marey’schen Apparat aufgezeichneten Pulse. 



I a. 

f75 pro Min. 



Ib 

130 pro Min. 



Ic 

t'O pro Min. 



na. 

60 pro Min. 



HI a. 

76 pro Min. 



nb. 

160 pro Min. 



III b. 

150 pro Min. 


Die Leistungsfähigkeit der neuen Vorrichtung tritt in den 
geschriebenen Kurven viel deutlicher hervor, als es durch die 


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MU EN CHEN ER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


04 


Mittheilung der Resultate längerer Serien von Messungen mög¬ 
lich wäre. Aus diesem Grunde haben wir nachstehend Abschnitte 
der mit den verschiedenen Instrumenten bei verschiedenen Ge¬ 
schwindigkeiten aufgenommenen Kurven reproduzirt. Die mit I 
bezeichneten Kurven wurden mit der neuen Vorrichtung ge¬ 
schrieben und zwar a bei einer Umdrehungsgeschwindigkeit der 
Walze von 75, b von 130 und c von 150 pro Minute. Die Kurven 
der Reihe II wurden mit dem alten Sphygmochronographen 
und zwar mit einem ziemlich abgenutzen Exemplar aufge¬ 
nommen a bei 50 und b bei 150 Umdrehungen pro Minute. Die 
Kurven der Reihe III wurden mit dem Mare y’schen Sphygmo- 
graphen gewonnen. 

Ein Blick auf diese Kurven zeigt, dass in der Reihe I der 
Grundcharakter der bei langsamer Umdrehungsgeschwindigkeit 
geschriebenen Kurve überall bewahrt bleibt; wir haben einen 
dikroten Puls und selbst bei der Geschwindigkeit von 150 pro 
Minute ist keine Spur von Eigenschwingungen nachzuweisen. 
Auch bleibt die Höhe der Kurven stets dieselbe. In den mit 
dem alten Sphygmochronographen geschriebenen Kurven der 
Reihe II dagegen treten sowohl Eigenschwingungen wie Schleu¬ 
derungserscheinungen sehr deutlich hervor, während wir mit dem 
Marey’schen Sphygmographen wiederum nur 2 Wellen treffen; 
die Marey’schen Kurven erscheinen aber etwas verunstaltet, 
indem bei der Abwärtsbewegung der Feder das Schraubengewinde 
der Uebertragung mangelhaft in die Schnecke eingegriffen hat, 
so dass die aszendirende Linie der dikroten Welle zunächst eine 
nach oben konkave Form auf weist. 

Die Handhabung der Apparate bleibt mit der neuen Vor¬ 
richtung unverändert. Einzig kann es Vorkommen, dass man bei 
straffen Hautdecken zur Erlangung möglichst schöner Sphygmo- 
gramme gezwungen werden kann, durch stärkeres Anschrauben 
des Sphygmographen auf der Manchette die Pelotte tiefer ein¬ 
zudrücken. Der dadurch auf den Hebel c ausgeübte Druck wird 
auf die Schreibspitze mitgetheilt, welche nach vom rückt. Um 
dieselbe in die richtige Lage zurück zu bringen, braucht man 
bloss den langen Arm des Hebels c von der Achse s etwas abzu¬ 
drücken; der Kontakt wird gelöst und die Feder kann in die 
gewünschte Stellung zurückgebracht werden. Sobald der Kon¬ 
takt zwischen Gewinde und Schnecke wieder hergestellt wird, 
fängt die Sehreibspitze an zu schreiben. 

Ein weiterer Vortheil der neuen Vorrichtung beruht darin, 
dass sie sich mit grosser Leichtigkeit an alten Apparaten ad- 
aptiren lässt, so dass die nach dem ursprünglichen Modell kon- 
struirten Sphygmographen in die neue Modifikation umgewandelt 
werden können und somit nichts von ihrem Werth verlieren. 


Zu Behring’s neuester Diphtherietheorie.*) 

Von Dr. Fritz Schanz in Dresden. (Ju ^, j 

In der Bibliothek von C o 1 e r (Band II) veröffentlicht 
Behring eine neue Theorie über die Entstehung der Diph¬ 
therie, er ist dazu gekommen durch die Erkenntniss, dass der 
Löffle Fache Bazillus eine so ubiquitäre Verbreitung besitzt, 
dass Jedermann und zu jeder Zeit ihn auf seinen Schleimhäuten 
beherbergen kann. 

Wie Sie wissen, ist dies der Standpunkt, den ich in dieser 
Gesellschaft seit dem Jahre 1894 vertreten habe, er wird in der 
Literatur als der unitarische bezeichnet und beruht auf der An¬ 
schauung, dass der Pseudodiphtbe-rLihezillus und der Diphtlieric- 
bazillus identisch sind. Löffler und Hoffmann, welche 
den Pseudodiphtheriebazillus zuerst fanden, hielten ihn für einen 
nahen Verwandten des Diphtheriebazillus, weil sie glaubten, ge¬ 
ringe, aber konstante Unterschiede zwischen beiden feststellen zu 
können. In Frankreich hatten Roux und Yersin die Iden¬ 
tität beider behauptet, ihre Ansicht fand in Deutschland nur 
vorübergehend Unterstützung durch Carl Friinkel, bis sich 
derselbe durch die N e i s s e r’sehc Körnehenfärbung vom Gegen- 
theil überzeugen Hess. 

Unabhängig von diesen vorausgegangenen Untersuchungen 
habe ich in meinem ersten hier in dieser Gesellschaft über diesen 
Gegenstand gehaltenen Vortrag') ausgeführt, dass der im Binde¬ 
hautsack als ganz regelmässiger Saprophyt lebende sog. Xerose- 
bazillus identisch ist mit dem, was Löffler und Hoffmann 

*) Vortrag, gehalten in der Gesellschaft für Natur- und Heil¬ 
kunde zu Dresden. 


als Pseudodiphtheriebazillen beschrieben haben, dass diese beiden 
sich vom echten Diphtheriebazillus nur unterscheiden durch die 
fehlende Giftigkeit und dass die Giftigkeit allein nicht aus¬ 
reicht, um sonst übereinstimmende Bakterien als verschiedene 
Arten hinzustcllen. Dieser unitarische Standpunkt, den ich in 
Deutschland lange allein vertreten, erfuhr die eifrigste Anfech¬ 
tung. Aber alle Untersuchungen, welche diese Anschauung wider¬ 
legen sollten, bewirkten das Gegentheil, denn es stellte sich immer 
wieder heraus, dass alle angegebenen Unterscheidungsmerkmale 
keine durchgreifenden waren. In meiner Arbeit: „Der sogen. 
Xerosebazillus und die ungiftigen Löffle Fschen Bazillen“ 2 ) 
habe ich diese Versuche zusammengestellt. Die Richtigkeit 
meiner diesbezüglichen Ausführungen wurde von Löffler 
selbst auf dem internationalen hygienischen Kongress in Madrid 3 ), 
indem er meine Arbeiten zitirte, anerkannt, nur die spezifische 
Giftigkeit der echten Bazillen hielt er für ein ausreichendes . 
Unterscheidungsmerkmal. Ich habe mehrfach zu zeigen versucht, 
dass auch sonst in der Bakteriologie die Giftigkeit allein kein 
durchgreifendes Kriterium ist, um Artunterschiede aufzustellen. 

Diese Anschauung hat jetzt von kompetentester Seite An¬ 
erkennung gefunden; Behring hat in seiner'Eingangs zitirten 
Arbeit sich zu dieser Anschauung bekannt, seine neue Theorie 
über die Entstehung der Diphtherie ist darauf aufgebaut. Er 
äussert sich zu dieser Frage auf Seite 135—136: „In der That 
haben auch Löffler wie Roux längst auf gehört, an dein 
Kampfe um die botanische Stellung der sogen. Pseudodiphtherie¬ 
bazillen sich zu betheiligen, und cs ist nu r noch, die Schaar 

der Kleinen in der medizinischen Bakteriologie, welche uner-_ 

müdlich die Sisyphusarbeit des Suchens nach konstanten und 
charakteristischen Unterscheidungsmerkmalen zwischen echten 
Diphtheriebazillen und Pseudodiphtheriebazillen weiter fortsetzt; 
für diejenigen Forscher, welche wissen, dass mit der sich ändern¬ 
den Virulenz immer auch mehr oder weniger zahlreiche morpho¬ 
logische und kulturelle Umwandlungen verbunden sind, konnte 
es nichts Ueberraschendes sein, wenn die Bazillenlänge, die Lage¬ 
rung der Bazillen zu einander, die Zweigbildung, die grössere 
oder geringere Neigung, E r n s t’sche Körnchen zu bilden, das 
mehr oder weniger feuchte und glänzende Aussehen in Agar¬ 
kulturen — als Kriterien für eine botanische Differenzirung 
beim Diphtheriebazillus sich nicht bewährt haben etc.“ 

Hoffentlich wird jetzt das Suchen nach neuen Unterschei¬ 
dungsmerkmalen aufhören; was darin geleistet werden kann, 
zeigt die Arbeit von S c h a b a d *), der wieder mit grossem 
Fleiss alle angegebenen Unterscheidungsmittel durchgeprüft hat. 
Jeder, der nicht mit Voreingenommenheit seine Resultate prüft, 
wird sich überzeugen müssen, dass es auch jetzt noch kein durch¬ 
greifendes Unterscheidungsmittel gibt, dass auch er kein neues 
uns zu bieten im Stande ist. S c h a b a d kommt aber zu seinem 
gewünschten Resultat und seine Arbeit wird am besten charak- 
terisirt durch den Nachtrag, den er ihr mitgibt und in dem er 
die oben angegebene Stelle aus der B eh r i n g’sehen Arbeit 
zitirt. Er lässt sich aber davon auch nicht überzeugen, sondern 
versucht Behring gegenüber das beständigste Merkmal, die 
Säurebildung der echten Diphtheriebazillen, zu vertheidigen. Er 
vergisst dabei, dass ein Bazillus, der im Stadium der Virulenz 
ein so starkes Gift wie das Diphtherietoxin produzirt, wohl auch 
im Stande sein kann, im künstlichen Nährboden mehr Säure 
zu produziren, als zur Zeit, da er avirulent ist, dass wohl auf 
derartigen Unterschieden nie ein Artunterschied begründet 
werden kann. 

Interessant ist es, mit diesem Streit um die Identität dieser 
beiden Bazillen in Vergleich zu ziehen den Streit, der jetzt wegen 
der Identität der. Rinder- und Menschentuberkulose entbrannt 
ist. Zwischen den Tüberkelbazillen beim Menschen und Rind 
hat man geringe Differenzen in den Kulturen und Bazillenformen 
festgestellt, aber man hält sich trotzdem für berechtigt, „beide 
Bazillen bis zum positiven Beweis des Gegentheils nur für Spiel¬ 
arten, Varietäten ein und derselben Bazillenart anzusehen, 
welche durch die Verschiedenheit der Nährböden, in welchen 


') .lahresbericht der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde 
zu Dresden 1894—1895. — Deutsch, nuxl. Wocheuselienschr. 1894, 
No. 49. — Berl. klin. Woehenschr. 189t». No. 12. 

*) Zeitsehr. f. Hygiene u. Infektionskrankh. Bd. 32. S. 435. 

*) Berl. klin. Woehenschr. 1898, No. 16, S. 367. — Münch, med. 
Woehenschr. 1898, No 15. 

4 ) Jnhrb. f. Kinderheilk. 54, der 3. Folge 4. Bd, 4. Heft. 1901. 


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14. .Tanuni- 1002. 


MUENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


65 


sin bisher gelebt haben (Mensch und Rind), entstanden sind“. ) 
Hier werden Unterschiede anerkannt und trotzdem die Identität 
liehauptet. dort erweisen sieh alle mit vielem Scharfsinn auf¬ 
gestellten Unterschiede immer wieder als irrig, aber trotzdem 
wird die Identität bestritten. Die Theorie über die 
Aetiologie der Diphtherie hat bis jetzt zur Voraas¬ 
setzung gehabt, dass diese Bakterien verschieden, es galt 
für ausgeschlossen, dass ein ganz verbreiteter Saprophyt ge¬ 
legentlich zum Erreger der Diphtherie wird, so musste aller 
Fleiss aufgeboten werden, sie zu trennen, und eben weil mau mit 
dieser Ueberzeugung an die Untersuchung gegangen ist, kam 
inan auch wie S e h a b a d immer zu dem „gewünschten“ Resultat. 
Der Wunsch, die jetzt geltende Theorie über die Entstehung der 
Diphtherie noch fester zu stützen, war die Ursache, dass dieser 
Streit mit soviel Fleiss und Ausdauer geführt worden ist. Er 
wird jetzt wohl verstummen, wo Behring eine neue Theorie 
gebracht, die nicht mehr diese Verschiedenheit zur Voraus¬ 
setzung hat und den Löffle r’schen Bazillus auch nicht 
seiner Pathogenität entkleidet. Nach Behring ist der Di¬ 
phtheriebazillus in allen europäischen Ländern verbreitet, er ge- 
niesst eine ubiquitäre Verbreitung, Jedermann kann ihn auf 
seinen Schleimhäuten haben, nur Diejenigen erkranken, deren 
Blut, nicht die nöthige Antitoxinmenge besitzt. Der unitarische 
Standpunkt kommt jetzt zur Anerkennung, auf ihm wird eine 
neue Theorie über die Enwicklung der Diphtherie aufgebaut. 
Behring sagt: „In den europäischen Ländern wird gegen¬ 
wärtig wohl Jedermann zu jeder Zeit von den Diphtherie¬ 
bazillen bedroht“. „Wenn trotzdem das Menschengeschlecht 
nicht schon durch die Diphtheriebazillen vernichtet ist, dann 
müssen wir annehmen entweder, dass zu den Bazillen noch etwas 
Besonderes hinzukommen muss, was sie eigentlich erst gefähr¬ 
lich macht für den Menschen (das y Pettenkofe r’s), oder 
«lass bei gleicher ursprünglicher Infektionsempfängliehkeit aller 
menschlichen Individuen im Laufe des Individuallebens die einen 
empfänglich bleiben, die anderen ihre ursprüngliche Empfäng¬ 
lichkeit dauernd oder vorübergehend verlieren.“ 

Mit der ersten Möglichkeit, dass zu den Bazillen noch etwas 
Besonderes hinzukommen muss, was sic für den Menschen ge¬ 
fährlich macht, findet sich Behring rasch ab; es wäre ja als 
eine allgemein anerkannte Thatsaehe zu betrachten, dass der 
Löffle Esche Bazillus auch ohne das Ilinzutreteu eines 
Pettenkofe r’schen y nicht bloss Versuchst liiere, sondern 
1 auch den Menschen krank machen kann. Er gründet seine neue 
t Theorie auf das zweite Erklärungsprinzip. Er führt an, dass 
W assermann und Andere gefunden haben, dass ein grosser 
Prozentsatz der Menschen, auch solcher, welche nie eincDiphtherie 
überstanden haben, antitoxinhaltiges Blut besitzt und desswogen 
gegen die krankmachende Wirkung der Diphtheriebazillen ge¬ 
schützt ist. Ein grosser Theil der Menschen wird trotz gegebener 
Infektionsgelegenheit nicht diphtheriekrank, weil ihre Blut¬ 
ig •schaffenheit genügenden Diphtherieschutz gewährt, das Blut 
enthält genügende Mengen Diphtherieantitoxin. Das Blut der 
Neugeborenen ist in der Regel antitoxinfrei. Antitoxinhaltig wird, 
das Blut durch willkürliche Injektion genügend grosser Anti¬ 
toxindosen, durch Ueberstehen von Diphtherie, ausserdem aber 
ist das Blut vieler menschlicher Individuen antitoxinhaltig ge¬ 
funden worden, ohne dass dafür bis vor Kurzem eine Ent¬ 
stehungsursache in beweiskräftiger Form nachgewiesen werden 
konnte. Nun haben N e i s s e r und Kahnert gefunden, dass 
bei Individuen, die im klinischen Sinne nie an Diphtherie ge¬ 
litten hatten, die dagegen unter dem Einfluss atypischer Di¬ 
phtherieerkrankungen stehen, sogar sehr viel Antitoxin im Blute 
vorhanden sein kann. — Unter atypischen Diphtherieerkrank¬ 
ungen versteht hier Behring Krankheiten, bei denen giftige 
und ungiftige L ö f f 1 er’sche Bazillen längere Zeit auf den 
Schleimhäuten gefunden werden, ohne Erscheinungen der echten 
Diphtherie zu machen; in den angeführten Fällen handelt es 
sich um „chronische Rhinitis atrophicans uml Pharyngitis sicca, 
die gewöhnlicIT zur fTza'eha gereehnet wT'nleii T ‘. — B e h r i n'(T 
hat keine eigenen Untersuchungen daraufhin angestellt, er 
begnügt sieh mit dem Hinweis auf die E. N e i s s e r-K a h n e r t- 
schc Arbeit. Es dürfte sich bei der Wichtigkeit, welche dieselbe 
in der B e h r i n g’sehen Beweisführung erlangt, doch lohnen, 
sie etwas eingehender zu zitiren, als dies Behring gethan. 

*> Zeitsehr. f. Thieruied. 5. Bd., 1901, S. 5. Ko ob's neueste 
.Mittheilung über Tuberkulose (Sanuuelreferut). 

No. 2. 


E. Neisser und Kahnert hatten Gelegenheit, 5 Pa¬ 
tienten mit einer Erkrankung der oberen Luftwege, wie sie ge¬ 
wöhnlich zur Ozaena gerechnet werden, längere Zeit zu beob¬ 
achten. Im ersten dieser Fälle wurden während des 2 monatlichen 
klinischen Aufenthaltes stets mit grösster Leichtigkeit und in 
grossen Mengen an allen Stellen der oberen Luftwege höchst 
giftige Löf f 1 e r sehe Diphtheriebazillen gefunden. Nach 
10 Monaten, als sieh die Patientin wieder vorstellte, wurde genau 
derselbe bakteriologische Befund erhoben. Im 2. ähnlichen Fall 
konnten die giftigen Löffle r’sehen Bazillen während eines 
4 monatlichen Aufenthaltes regelmässig nachgewiesen werden. Bei 
den 3 übrigen Fällen ähnlicher Erkrankung wurden während einer 
Beobachtungszeit von 3—5 Monaten regelmässig ungiftige 
L ö f f 1 e r’sche Bazillen auf den erkrankten Schleimhäuten der 
oberen Luftwege gefunden. Von den beiden zuletzt angeführten 
Kranken haben die Autoren Blutserum an M. Neisser ge¬ 
sandt und auf seinen Antitoxingehalt prüfen lassen. Mit dem 
Serum des letzten Patienten waren 3 Thierversuche angestellt 
worden und es zeigte sich, dass dieses Serum eine schützende 
Wirkung gegenüber dem Diphtherietoxin hatte. Das Serum war 
mindestens ein faehes. Mit dem Blut des 4. Patienten sind 
9 Thierversuche gemacht worden und ergaben, dass dieses Serum 
etwa als ein einfaches anzusehen war. Der Antitoxingehalt bei 
derselben Patientin war nach Va Jahr auf Va— Vs des früheren 
gesunken; von einer Besserung der Schleimhauterkrankung ist 
in den Krankengeschichten nichts erwähnt, vielmehr heisst es 
dort: „Im Uebrigen besteht trotz örtlicher Behandlung derselbe 
Befund auf den Schleimhäuten“. 

Diese beiden letzten Fälle — von den anderen ist das Blut 
nicht untersucht worden — dienen Behring zur Stütze seiner 
neuen Theorie. Das Antitoxin im Blut stammt nach Behring’s 
Ansicht von den ungiftigen L ö f f 1 e r’scheu Bazillen, die in 
diesen Fällen regelmässig auf der Schleimhaut der oberen Luft¬ 
wege vorhanden waren. „Wir werden“, sagt Behring S. 184, 
„danach nicht umhin können, den Diphtheriebazillen, den viru¬ 
lenten sowohl wie den avirulenten, die Fähigkeit zu vindiziren, 
auch dann eine Antitoxinproduktion heim Menschen zu veran¬ 
lassen, wenn sie eine typische Diphtherie nicht erzeugen. Be¬ 
rücksichtigen wir aber die grosse Verbreitung der Diphtherie¬ 
bazillen als Ansiedler auf den Sehleimhäuten des Menschen, 
dann hat jetzt die Häufigkeit des Vorkommens von Diphtherie- 
antiloxin im menschlichen Blut nichts Ucberraschendes mehr 
für uns. Ich würde es nach alledem als eine nicht ohne Weiteres 
abz.ulehucnde Deduktion ansehen, wenn Jemand auf die Idee 
käme, echte, aber in ihrer Virulenz abgeschwächte Diphtherie- 
bazilleu zum Zweck der Selbstimmunisirung auf die Halsorgane 
des Menschen zu übertragen!“ 

Das ist der neueste Versuch, vom unitarisehen Standpunkt 
aus den Löffle r’sehen Bazillus als Erreger der Diphtherie zu 
verfechten! 


Die Ausführungen Behring’s bringen also eine Aner¬ 
kennung des unitarischen Standpunktes in der Frage des 
Dipbtheriebazillus und eine neue Theorie über die Entstehung 
der Diphtherie. Den unitarischen Standpunkt habe ich in 
Deutschland seit 1894 verfochten und kann es mir nur erwünscht 
sein, wenn er jetzt auch von so kompetenter Seite vertreten 
wird; die neu«! Theorie! die sieh in ihrem wichtigsten Punkte 
nicht auf eigene Untersuchungen stützt und sieh begnügt mit 
dem Hinweis auf die 2 Beobachtungen von E. Neisser und 
Kahnert, dürfte mit Recht bald angefoe.hten werden; ich 
will hier nur auf eine Thatsaehe hinweisen, die meiner Ansicht 
nach allein genügt, den Löffle r’sehen Bazillus seiner Patho¬ 
genität für Diphtherie zu entkleiden, sobald die Identität der 
giftigen und ungiftigen L ö f f 1 e r’schen Bazillen fcststeht. Wir 
halien am Auge 2 Erkrankungen, von denen Niemand behaupten 
wird, dass sie von ein und demselben Erreger erzeugt werden, 
diese Erkrankungen sind die Xerose der Bindehaut und die 
Diphtherie der Bindehaut. Bei beiden Erkrankungen findet sieh 
regelmässig in massenhafter Entwicklung der Löffle r’sehe 
Bazillus, hei der Xerose stets ungiftig, bei der Diphtherie stets 
giftig. Man könnte zu der Erklärung greifen, dass in dem ei neu 
Fall das Toxin, im anderen das Antitoxin den krankhaften Zu¬ 
stand hervorruft; nach den Ausführungen Behring’s wäre 
dies ja nichts Unmögliches, aber die Ophthalmologen haben kein 
Bedürfniss, diesem Bazillus wieder eine Pathogenität einzu- 
rüumen, nachdem sie ihn als einen ganz verbreiteten Saprophytou 


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G6 MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 2. 


erkannt und lediglich darum seiner Pathogenität entkleidet 
haben. Behring muss schon wesentlich mehr daran gelegen 
sein, ihm die Pathogenität für Diphtherie zu wahren, denn damit 
würde ja der Serumtheorie die wichtigste Stütze entzogen. 

Bei dieser Sachlage gewinnt der voii mir erbrachte Nach¬ 
weis, dass der sogen. Xerosebazillus nichts anderes ist, als der 
Pseudodiphthericbazillus von Löffler und Hoffman n, 
an Bedeutung. Ihre Identität ist heute allgemein anerkannt, 
viele Autoren sprechen heute von Xerosebazillen auf allen mög¬ 
lichen Schleimhäuten und meinen damit den dem giftigen 
L ö f f 1 e r’sehen Bazillus so ähnlichen Saprophyten; sie suchen 
damit das Wort Pseudodiphtheriebazillus zu umgehen. Nur 
A x e n f e 1 d scheint darin meinen Standpunkt nicht ganz zu 
theilen, das beweist eine neulich erst aus seiner Klinik er¬ 
schienene Arbeit von L o b a n o f f. Darin geht man noch weiter 
wie jene, von denen Behring sagt, dass sie die „Sisyphos- 
arbeit des Suchens nach konstanten und charakteristischen Unter¬ 
scheidungsmerkmalen zwischen echten Diphtherie- und Pseudo¬ 
diphtheriebazillen fortsetzen“, in jener Arbeit wird versucht, ver¬ 
schiedene Spielarten der ungiftigen Bazillen aufzustelleu. 
Axenfeld hat sich noch nicht von dem Polymorphismus des 
Diphtheriebazillus, auf deu ich ihn schon bei der früheren Dis- 
kus.-ion dieser Frage mehrmals hingewiesen habe'), überzeugt und 
darum erübrigt es sich auch, auf seine Ausführungen hierüber 
in seinem Referat in den „Ergebnissen der allgein. Pathologie 
und patholog. Anatomie von Lubarsch und O s t e r t a g“ 
näher einzugehen. 

E. N e i s s e r und Kahnert halten ihre 5 oben erwähnten 
Fälle, die sie zum Krankheitsbild der Ozaena gehörig ansehen, 
veranlasst durch die gefundenen Löffle r’schen Bazillen, 
Behring scheint diese Ansicht zu theilen. So hätten wir 
also auch auf der Schleimhaut der oberen Luftwege 2 grund¬ 
verschiedene Erkrankungen, die, genau wie am Auge, von ein 
und demselben Bazillus verursacht sein sollen. Dass die Ozaena 
eine diphtherische Erkrankung ist, ist eben wegen des Bazillen¬ 
befundes schon vor mehreren Jahren behauptet worden, es hat 
damals Kopfschütteln verursacht und auch heute wird man dies 
noch besser begründen müssen, als mit dem Nachweis, dass man 
regelmässig bald giftige, bald ungiftige L ö f f 1 e r'sehe Bazillen 
dabei findet. 

Behring sagt in seiner ersten Monographie und zitirt 
es in seinem jetzigen Vorwort: „Aber wie bei allen Infektions¬ 
krankheiten gehört zum Entstehen von Diphtherieepidemien 
ausser dem spezifischen Krankheitserreger und ausser einer durch 
Witterungseinllüsse und andere Verhältnisse bedingte Dis- 
ponirung der Schleimhäute noch manches andere.“ 

Darin stimme ich ihm vollständig bei, nur scheint mir das 
zuletzt angeführte von Allem das Wichtigste, wenn diese neue 
B e h r i n g’sche Theorie nicht Stand hält, so wird man wohl 
gezwungen sein, nach dem „Pettenkofer’schen y“ zu suchen. 

c ) Berl. klin. Wocliouschr. IS! 18. No. Hi u. No. 30. 


Ein Fall von Gangrän nach Scharlach. 

Von Dr. R. S e u b e r t, prakt. Arzt in Mannheim. 

Im 70. Band des „Deutsches Archiv für klinische Medizin“ 
berichtet Herr Prof. Eich hörst - Zürich über Brand an 
Armen und Beinen nach Scharlach und anderen Infektions¬ 
krankheiten und betont dabei die ungemeine Seltenheit der Ent¬ 
wicklung eines Brandes an Extremitäten nach Scharlach. Es 
dürfte daher wohl von Interesse sein über einen derartigen Fall 
zu berichten, den ich vor etwa Jahresfrist zu beobachten Gc- 
lcgenheit hatte. 

Das Kind M. K., 7 Jahre alt, hatte einen ziemlich leichten 
Scharlach durchgemacht, der ohne Besonderheiten verlief. Einige 
Tage nach bereits erfolgter Abschuppung schwoll ganz plötzlich 
das linke Bein unter massigen Eiebererscheinungen stark an. Als 
ich das Kind das erste Mal sah, lag es mit gekrümmtem Knie und 
ausserordentlich prall gespanntem Ober- und Unterschenkel Im 
Bette, das ganze Bein fühlte sich kühl an. Auf der Mitte der Ober¬ 
schenkels befand sich eine über handgrosse dunkel blaurot he Ver¬ 
färbung der Haut, die an einzelnen Stellen in prall gefüllten Blasen 
abgehoben war, ferner fanden sich mehrere eimnark- bis fünfmark¬ 
stückgrosse, blau rot h verfärbte Hautbezirke am Unterschenkel und 
an der Ilinterscite des Oberschenkels. Eine gleiche Färbung 
wiesen der Fiissrücken wie die Zehen auf. Das Kind iiusserte bei 
leisester Berührung des Keines heftige Schmerzen. Mehrmalige 
in Narkose vorgenommene Punktionen ergaben nur wässerige 
Flüssigkeit. Beim tiefen Eindrücken in der («egend des I-Vmoralis- 


verlaufes fühlte man nirgends Pulsation. Fieber ca. 39,5, Herz¬ 
befund normal, ebenso ergaben die übrigen Körperbefunde (Ton¬ 
sillen, Ohr u. s. w.t normale Resultate, im Urin kein Eiweiss oder 
Zucker. Bemerkenswerth war nur noch ein leichtes Oedem des 
linken l.abium majiis. Mein Itatli, das Kind behufs weiterer Be¬ 
handlung in das Kindcrspitul zu bringen (die Eltern wohnten auf 
dem Eundc.i wurde zunächst nicht befolgt, erat etwa 2 Wochen 
später wurde das Kind in einem recht traurigen Zustande ln das 
Spital gebracht, l ast die ganze llaut am linken Oberschenkel 
ist in schwarzen Fetzen abgelöst, darunter ein schmierig-eitriger 
höchst übelriechender Belag, einen gleichen Zustand weist der 
Unterschenkel auf. 1 »er einzige noch normal aussehende Haut¬ 
bezirk befindet sieh in der kuiegegeiid. Die Zehen sind tief- 
schwarz verfärbt und zum Tlieil wie ausgetrocknet. Das linke 
Labium majus stark angeschwollen, ebenso die linksseitigen lu- 
guinaldrüsen. Herzbefund normal, Urin ohne Zucker und Eiweiss, 
Temperatur 39,5. 2 Tage spület* wurde von Herrn Med.-Katli 

l)r. 11 e u c k eine hohe Amputation im Oberschenkel vorgenommen. 
Beim Verbandwechsel starke Eiterung, die nach Nahtentfernuug 
und Abstosseu weiterer gangränöser Hautpartien bald aufhört. 
Bemerkenswerth dürfte noch ein etwa 4 Tage nach der Operation 
eint rötendes starkes Oedem des ganzen rechten Beines sein, das 
auf Hoclilageruug uud feuchte Verbände bald zurückgiug. Ein¬ 
einhalb Monate später wurde das Kind bei vorzüglichem Allgemein¬ 
befinden und völlig verheiltem Stumpfe entlassen. Die Unter¬ 
suchung des amputirteu Beines ergab eine gelbliche Verfärbung 
der Muskulatur, ähnlich offenbar dem im E i c h h o r s t’sehen Falle 
erhobenen Befunde. Das Muskelfleisch war gequollen, voll trüber 
Flüssigkeit uud von weich-sulziger Konsistenz. Sümmtliche 
grösseren liefässstämme — Arterien wie Venen — waren mit 
eitrigen Pfröpten verschlossen, ihre Wandungen, soweit makro¬ 
skopisch erkennbar, etwas verdickt. Eine mikroskopische Unter¬ 
suchung wurde nicht vorgeuoinmen. Blutpruparate, direkt den 
Arterien entnommen, ergaben das Vorhandensein von Strepto¬ 
kokken, deu gleichen Befund ergaben Kulturen, die Herr Assistenz¬ 
arzt Dr. Buder in freundlicher Weise aulegte. 

Wohl als Zufall, immerhin bemerkenswerth, ist es zu be¬ 
trachten, dass im E i c h h o r s t’sehon, wie auch im obigen Falle, 
die Gangrän das linke Bein betraf. Auch in dem von Eich¬ 
horst erwähnten Falle von Holmes betraf das Auftreten des 
Brandes bei einer 40 jährigen Frau im Anschluss an Scharlach 
das linke Bein, ebenso wie der gleichfalls von Eichhorst mit- 
getheilte Fall aus dem St. Annen-Kinderspital in Wien bei einem 
7 jährigen Knaben zunächst das linke Bein betraf und erst später 
auf das rechte Bein überging. 


Purpura haemorrhagica bei Lungentuberkulose. 

Von Dr. W. Roemisch in Arosa. 

In No. 50 dos Jahrganges 1901 der Münch, med. Woehensehr. 
hat E. Cohn die Frage nach dem ursächlichen Zusammenhang 
von Purpura und Tuberkulose zur Diskussion gestellt. Er selbst 
acceptirt die Erklärung Wiechel l’s, nach welcher die hämor¬ 
rhagische Diathcse durch die Resorption von Toxinen aus einem 
plötzlich zerfallenen tuberkulösen Herd bedingt ist. 

Da einschlägige Fälle selten sind und da der von mir bei 
einer grossen Zahl von Tuberkulösen beobachtete einzige Fall 
sich nach einer Lungenblutung zeigte, wobei die Resorption von 
Toxinen aus einem zerfallenen Herd also sehr wohl möglich war, 
scheint er mir der Veröffentlichung werth. 

Der 25 jährige Patient trat am 15. VH. 18119 in meine Behand¬ 
lung. Ueber dem recht«, u Überlappen fand sieh Dämpfung, ver¬ 
schärftes Athmen mit bronchialem Exspirium, klein- uud mittel- 
grossblasige Rasselgeräusche. Beim Liegen auf der linken Seite be¬ 
sonders trat viel übelriechender Auswurf auf; derselbe, schleimig- 
eitrig, enthielt reichlich Tuberkelbazillen und elastische Fasern. Am 
18. X., nachdem seit 2 Wochen Vermehrung des Auswurfs und des 
Hasseln* aufgetreten war, stellte sieh Haemoptoe ein (ein Tassen¬ 
kopf voll heilrotben Blutes, der blutige Auswurf enthielt T. B.t. 
Die Blutung wiederholte sieh in gleicher Weise am 22. X. Am 
2<J. X. zeigten sich an den Streckseiten beider Vorderarme und auf 
den Handrücken zahlreiche Stecknadelkopf grosse, runde, blutrothe 
Flecken, auf Druck nicht erblassend. Keine Schleimhaut¬ 
blutungen. Keine Albuminurie. Keine Milzschwellung. Tempera¬ 
turerhöhung bis 38". Zugleich war der Auswurf frei von Blut. 
Am 2. XL waren die Flecke, nachdem sie braunroth geworden, ab¬ 
geblasst, Pat. staiul seit der Blutung zum ersten Male auf, blieb 
aber auf dem Liegestuhl im Zimmer. Als Nahrung hatte er seit 
der Blutung nichts als Milch, Eier, Schleimsuppe und Citroneu- 
limonade erhalten. Am 4. XI. abermals Auftreten von Purpura, 
diesmal zugleich an den Hüften, Oberschenkeln, Schultern und 
Oberarmen. Zugleich Erbrechen, Aufstossen, Appetitlosigkeit, be- 
legtc Zunge, gute Temperatur. Am 13. XI. waren die Flecke im 
Verschwinden, Temperatur für 2 Tage 37,5°, dann nicht mehr 
über 37°. Darauf allmähliche Besserung des Luugeubefundes. 
Weder Ilaemoptoc noch Purpura haben sich wiederholt. 


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14. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


67 


Referate und Bücheranzeigen. 

M. Verworn -Göttingen: Allgemeine Physiologie, ein 
Grundriss der Lehre vom Leben. Dritte, neu bearbeitete Auf¬ 
lage. 631 Seiten mit 295 Abbildungen. Verlag von Gustav 
Fischer, Jena 1901. Preis 15 M. 

Das Bedürfnis» nach allgemeiner Physiologie scheint ent¬ 
schieden im Wachsthum begriffen zu sein, denn kaum sind einige 
Monate verflossen seit dem Erscheinen des Rosenthal’schen 
Lehrbuches der allgemeinen Physiologie, so präsentirt sich auch 
schon daß Verwor n’sche in der neu bearbeiteten 3. Auflage, 
ein erfreulicher Beweis für das rege Interesse, welches allgemein- 
biologischen Fragen entgegengebracht wird. 

Bei einem Vergleich dieser Lehrbücher sieht man beide das¬ 
selbe Ziel verfolgen, nämlich die Grundgesetze der Lebenserschei¬ 
nungen in leicht fasslicher Form zur Anschauung zu bringen, 
die Wege nach dem Ziele hin weichen nur insofern von einander 
ab. als im Rosentha l’schen Lehrbuch den physikalischen 
und chemischen Betrachtungen ein breiterer Raum gewährt ist, 
während bei Verworn insbesondere auch die morphologische 
Seite Berücksichtigung findet. Ausserdem richtet sich das 
Rosentha l’sche Lehrbuch fast ausschliesslich an den An¬ 
fänger in den biologischen Wissenschaften, das Verworn- 
sehe schon mehr an den mit dem Stoffe Vertrauten; beide er¬ 
füllen aber ihren Zweck in gleich vortrefflicher Weise. 

Was nun den Inhalt des V e r w o r n’sehen Lehrbuches be¬ 
trifft, so beginnt dasselbe im 1. Kapitel mit einer ausführlichen 
Betrachtung über die Ziele und Wege der physiologischen For¬ 
schung. Hier wird zunächst auf ihre Hauptaufgaben hingewiesen, 
eine geschichtliche Darstellung ihres Entwicklungsganges ge¬ 
geben und daran anschliessend die Forschungsmethode be¬ 
sprochen. Boi dieser Gelegenheit wird in drei Abschnitten über 
..die Frage nach den Grenzen des Naturerkennens, über „Körper¬ 
welt und Psyche“ und über „Psychomonismus“ gebandelt und 
dabei der Standpunkt vertreten, dass alle Naturforschung und 
alle Wissenschaft überhaupt in letzter Instanz Psychologie sei, 
deren Aufgabe aber nicht- darin bestehe, die psychischen Erschei¬ 
nungen durch materielle zu erklären, sondern vielmehr darin, 
die materiellen, die ja nur Vorstellungen der Psyche sind, ebenso 
w-ie alle anderen psychischen Erscheinungen zurückzuführen auf 
ihre psychischen Momente. Dieser allein richtige Standpunkt 
sei der des Monismus, der einheitlichen Weltanschauung. In 
einem weiteren Abschnitt über Vitalismus wird die Annahme 
einer besonderen Lebenskraft verworfen, der Neovitalismus 
B u n g e’s und Rindfleisc h’s abgethan und die Zurück¬ 
führung der körperlichen Lobenserscheinungen auf physikalische 
und chemischen Prozesse als allein zulässig erachtet. Sehr 
markant wird dann der Standpunkt des Verfassers in dem letzten 
Abschnitte des 1. Kapitels umschrieben, der über Cellularphysio¬ 
logie handelt. Hier wird als Grundproblem der Physiologie die 
Erforschung der Zelle bezeichnet, nur sie allein führe 
zur Erforschung des Lebens. 

Das 2. Kapitel ist der lebenden Substanz im Besonderen ge¬ 
widmet. In dieeem wird zunächst eine Definition des Individual¬ 
begriffes gegeben und daran anschliessend die lebenden Wesen ein- 
getheilt in Individuen 1. Ordnung: in Zellen, in Individuen 
2. Ordnung: in Gewebe, in Individuen 3. Ordnung: in Organe, 
in Individuen 4. Ordnung: in Personen, in Individuen 5. Ord¬ 
nung: in Staaten. Alle Individuen höherer Ordnung sind imPrin- 
zipe als aus Individuen 1. Ordnung, aus Zellen, zusammengesetzt 
zu betrachten; diese repräsentiren den Elementarorganismus, die 
Lebenseinheit. Die Annahme Altenmann’s, dass die in 
Zellen oft sichtbaren Granula als Bioblasten die eigentlichen Ele¬ 
mente des Lebens darstellen, entbehre ausreichender Begründung. 
Weiterhin werden die wesentlichen Zell bestand theile, Proto¬ 
plasma und Kern, als solche normirt und den imwesentlichen 
Zelleinschlüssen gegenüber gestellt. Alsdann wird die morpho¬ 
logische Beschaffenheit der lebenden Substanz unter Berück¬ 
sichtigung der feineren und feinsten Struktur auseinander 
gesetzt, ferner die physikalischen und chemischen Eigenschaften 
hervorgehoben, letztere mit besonderem Hinweis auf die drei 
wesentlichen organischen Stoffgruppen, die Eiweisse, Kohle¬ 
hydrate und Fette. Den Schluss des Kapitels bildet eine ver¬ 
gleichende Betrachtung der lebenden und leblosen Substanz, die 
zu dem Resultat führt, dass ein prinzipieller Gegensatz zwischen 


Organismen und anorganischen Körpern nicht besteht; was 
ersterc besonders charaktcrisirt, ist der ausnahmslose Besitz ge¬ 
wisser hochkomplizirter chemischer Verbindungen, insonderheit 
der F.iweisskörper. Demnach ist der Lebensvorgang als ein Stoff¬ 
wechsel der Eiweissverbindungen anzusehen. 

Das von den elementaren Lebenserscheinungen handelnde 
3. Kapitel zerfällt in 3 Abschnitte, in denen der Stoffwechsel, 
der Form- und Energiewechscl, besprochen wird. Hier wird zu¬ 
nächst im 1. Abschnitt auf die Unterschi eile in der Thier- und 
Pflanzennahrung hingewiesen, der Modus der Nahrungsaufnahme 
von Seiten der Zelle erörtert, die Verdaungsprozesse und das 
weitere Schicksal der Verdauungsprodukte bei der Assimilation 
und Dissimilation verfolgt. Ueber den Modus der Stoffabgabe 
berichten Sonderabschnitte, die Sekretion und Exkretion be¬ 
treffend. Aus all’ diesen Betrachtungen wird sowohl für die 
Pflanze als das Thier der Schluss gezogen, dass der ganze Stoff¬ 
wechsel durch den Aufbau und Zerfall der Eiweisskörper bedingt 
sei. Im darauffolgenden 2. Abschnitt wird eine Erklärung de« 
Formwechsels der Organismenwelt auf Grund der Darwin¬ 
schen Theorien gegeben, „Wachsthum“ und „Fortpflanzung“ 
reihen sich an. Der 3. Abschnitt befasst sich nach einem Hin¬ 
weis auf die verschiedenen Energieformen, zunächst mit der Zu¬ 
fuhr von Energie in den Organismus, dann ausgiebig mit der 
Produktion von mechanischer, photischer, thermischer, elek¬ 
trischer Energie durch den Organismus. 

Das 4. Kapitel betrachtet die allgemeinen Lebensbodingungen, 
zunächst die jetzigen tellurischen Verhältnisse in Bezug auf das 
Leben und gibt dann Auskunft über 5 Theorien zur Entstehung 
desselben auf der Erde. Nach einer kritischen Besprechung 
dieser Theorien wird die Entstehung der lebenden Substanz aus 
ursprünglich anorganischem Material angenommen, etwa im 
Sinne Pflüge ris, wonach während de« feurig-flüssigen Zu¬ 
standes der Erde, zunächst das Cyan gebildet wurde, das durch 
Polymerisirung wuchs und unter Mitwirkung des Sauerstoffes, 
Wassers und der Salze in Eiweiss übergeführt wurde. Was so 
entstand, war ein morphologisch noch nicht differenzirtes Ei- 
weissklümpehen, etwa eine Monero nach der H a e c k e l’schen 
Auffassung. Für die Erklärung weiterer Differenzirung wird 
die Deszendenztheorie herangezogen. Zusammenfassend wird das 
Leben in seiner Entstehung als eine Funktion der Erdentwick¬ 
lung angesehen. An die Erörterung des Werdens der lebenden 
Substanz schliesst sich an die Geschichte ihres Todes, wobei die 
begleitenden morphologischen und chemischen Erscheinungen 
während des Absterbens und die Ursachen derselben zur Sprache 
kommen. 

Nächst dem 3. Kapitel ist am ausführlichsten behandelt, 
das 5. „Von den Reizen und ihren Wirkungen“. In zwei Ab¬ 
schnitten wird das Wesen der Reizung, dann die Folgezustände 
derselben, die Erregung und Lähmung, in den Kreis der Be¬ 
trachtung gezogen unter Berücksichtigung chemischer, mecha¬ 
nischer, thermischer, photischer und elektrischer Einwirkungen. 
Unterabschnitte über die bewegungsrichtenden Wirkungen ein¬ 
seitiger Reizung und über die Erscheinungen der Ueberreizung 
bilden den Schluss des sehr interessanten Kapitels. 

Das 6. und zugleich letzte Kapitel ist dem Mechanismus des 
Lebens gewidmet. Hier wird der Versuch gemacht, eine Er¬ 
klärung desselben zu geben. Als charakteristisch für die lebende 
Substanz werden die Biogene bezeichnet, hoehkomplizirte, sehr 
labile Verbindungen, welche zum Theile verbraucht aus dem 
todten Eiweiss wieder regenerirt werden und durch intramole¬ 
kulare Einlagerung von Sauerstoff einen noch höheren Grad von 
Zersetzlichkeit, wie er eben der lebenden Substanz eigen ist, er¬ 
reichen können. In diesem fortwährenden Aufbau und Zerfall 
der Biogene soll nun der innere Vorgang des Lebens bestehen. 
Das Verhältnis« der so stattfindenden Assimilations- und Dissimi¬ 
lationsprozesse. ausgedrückt durch den Bruch A/D, wird als 
Biotonus bezeichnet und dieser Begriff in sehr glücklicher Weise 
zu einer Reihe fruchtbringender Spekulationen über den Wechsel 
der Lebensäusserungen in einem Organismus, also über dessen 
Stoffwechsel, verwerthet. Da nun die lebende Substanz, an der 
sich der Stoffwechsel vollzieht, immer nur als Zelle vorkommt, 
so wird diese in Bezug auf ihre Verrichtungen eingehender be¬ 
trachtet und die Wechselbeziehung der einzelnen Formbest and - 
theile erörtert, woraus hervorgeht, dass sowohl der Kern als da« 
Protoplasma am Stoffwechsel der ganzen Zelle betheiligt und für 

5* 


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68 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


ihr Bestehen unentbehrlich sind. Weiterhin wird in diesem 
6. Kapitel eine Ableitung der elementaren Lebenserseheinungen 
aus dem Stoffwechsel der Zelle versucht und dementsprechend 
nacheinander der Stoffwechsel-, Form Wechsel- undEnergiewechsel- 
mechanisinus der Zelle besprochen. Den Schluss des Kapitels und 
des ganzen Buches bildet, vom Einzelindividuum zu dem G<- 
sammtorganismus übergehend, ein Abschnitt über die Yer- 
fassunirsverhiiltnisse des Zellstandes und zwar in Bezug auf die 
Selbständigkeit und Abhängigkeit der Zellen, ihre Differcnzirung 
und Arbeitsteilung und die Zentralisation ihrer Verwaltung. 
Noch einmal wird hier der festgegründete Standpunkt vertreten, 
dass die allgemeine Physiologie nur eine Ccllularph.vsiologie sein 
kann. 

Ein Sachverzeichnis« ist dem Jahrbuch noch bcigrfiigt. 

Mit grosser Befriedigung erfüllt, abgesehen von einigen Mei¬ 
nungsverschiedenheiten, die es hervorzurufen vermag, das Stu- j 
dium dieses Buches, das sich seilet durch die ganze Behandlung | 
des Stoffes und durch äussere Ausstattung mehr empfiehlt, als I 
alle Anpreisungen dies thun können. B ü r k «' r - Tübingen. 

Annalen der städtischen allgemeinen Krankenhäuser zu 
München. Im Verein mit den Aerzten dieser Anstalten heraus- 
ggelten von Prof. Dr. v. Ziemssen, Direktor des stiidt. all¬ 
gemeinen Krankenhauses 1/1. Band II. 1808—1800. Mit 
10 Abbildungen im Texte. München, J. F. L e h m an n’s Verlag, 
1001 . 

Der Inhalt der diesjährigen Annalen ist wilder ein sehr reich-, 
haltiger, so dass wir im Folgenden nur eine gedrängte Uebersieht 
über denselben zu gehen vermögen. Nach einem allgemeinen Be¬ 
richt über die sämmtlichen städtischen Krankenhäuser Münchens 
folgen statistische Mittheilungen über die Morbiditiits- und 
Mortalitätsverhältnisse in den einzelnen Anstalten, sowie der 
Yerwaltungsbericht für die bezeiclmeten 2 Jahre. Der wissen¬ 
schaftlich-ärztliche Theil bringt eine grosse Zahl von Beiträgen: 

1. J. Botty: Ueber einen Fall von Wirbelfraktur mit 
sekundärer Rückenmarksläsion. Kasuistische Mittheilung mit 
eingehender Epikrise. Von besonderem Interesse sind die hei 
dem 31 jährigen Kranken vorhandenen Sensibilitätsstörungen. 

2. M. Maier: Ueber Darmblutung bei Abdominaltyphus. Be¬ 
richt über im Ganzen 304 Typhusfälle mit 28 Fällen von Darm¬ 
blutungen. 3. I’. Bock: Die kroupöse Pneumonie auf der 
1. med. Klinik und Abtheilung des Herrn Geh.-R. v. Z i e m s s e n 
in den Jahren 1802—95 (inkl.). Gibt eine statistische Uebersieht 
über 179 Fälle der Erkrankung. 4. A. W iedemann: Typhus 
abdom. auf der I. med. Klinik in den Jahren 1895 mit 1809. 
Der Bericht umfasst, die Beobachtungen bei 93 Fällen. Die hin¬ 
sichtlich der Agglutination gemachten Erfahrungen stimmen 
mit den anderwärts gemachten vollkommen überein, lieber die 
Häufigkeit des Vorkommens der Typhusbazillen im Harne, der 
Typhösen werden keine Angaben gemacht. Bei fehlender Diazo- 
renktion riith Yerf., mit der Diagnose Typhus vorsichtig zu sein. 

5. K. P e 1 t z: Die Krankheiten der Leber und Oallemvego auf der 
T. med. Klinik in den Jahren 1800—05 (inkl.). Berichtet, ein¬ 
gehend über 145 einschlägige Fälle. 0. L. Noll: Zur Diffe- 
rentinldiagnostik traumatischer Verletzungen des Conus niedul- 
laris und der Cauda equiun. Bespricht an der Hund eines 
typischen Falles (23 jähriger Kranker) die genaue örtliche. Dia¬ 
gnose der Verletzung und die Wertliung der klinischen Erschei¬ 
nungen für dieselbe. 

Aus der 2. medizinischen Abtheilung und Klinik des Herrn 
Prof. Dr. v. Bauer liegen in den Annalen 2 Arbeiten vor: 

1. K. F i scher: Ein Fall von Kugelthroinbus. mit Besprechung 
der Aetiologie und Diagnose dieser seltenen Affekt hm. 2. F. Ott: 
Ein Beitrag zur Kasuistik der Kugelthromben dis Herzens. Die 
klinische Diagnose war l*ei der 55 jährigen Kranken auf Stenose 
der Aorta und Mitralis mit Hypertrophie beider Kammern ge- | 
•teilt worden, da die Symptome dieser Klappenfehler am deut¬ 
lichsten in die Erscheinung traten. Die betreffenden Präparate 
sind in dem Artikel abgebildet. 

Die 3. medizinische Abtheilinig und Klinik für Syphilis und 
Hautkrankheiten des Oberarztes Prof. Dr. Posselt publizirt in 
den heurigen Annalen folgende Arbeiten: 3. K. Welsch: Ein 
Endotheliom im Mediastinum, ln dem betreffenden Falle, eine 
37 jährige Frau betreffend, bestanden hochgradige Komprcssions- 
•rscheinungeu. Die Diagnose, welche gegenüber Aorten¬ 


aneurysma schwierig abzugrenzen war, wurde mit Hilfe der 
Röntgendurchleuchtung doch schon in vivo auf Mediastinaltumor 
gestellt. 2. F. Oberreit: Ein Fall von Homkysten nach 
miliar-papulösem Syphilid. Die seltene Erkrankung wurde an 
einer 24 jährigen Kranken beobachtet; die mikroskopischen Prä¬ 
parate sind im Original abgebildet.. 

Der chirurgischen Abtheilung und Klinik des Oberarztes 
Prof. Dr. v. Auge rer entstammen folgende Beitrag«*: 

I. R. Grnshey: Ueber Verbrennungen. Verfasser berichtet 
iiln-r die Erfolge der verschiedenen therapeutischen Maassnnhmeii 
an 453 Fällen von Verbrennunge n, welche in einem Zeitraum von 
8 Jahren an der chirurgischen Klinik zur Beobachtung kamen. 
Die altbewährten Salben verbände fanden ausgedehnte Verwen¬ 
dung, auch das Tliiol wurde in zahlreichen Fällen mit gutem 
Erfolge angewendet. Von den mitgetheilten Fällen endeten iin 
Ganzen 36 tödtlich. 2. W. Höf er: Ein Fall von Verätzung 
der Speiseröhre mit sekundärer Arrosion der Aorta; tödtliehe 
Blutung. Der seltene Verlauf wurde an einem 4 jährigen Kind 
beobachtet, das Laugenstein geschluckt hatte. Der Sektions¬ 
befund ist beigegeben. 3. Gr. Geb eie: Ueber Harnblasen- und 
Harnröhrentumoren mit Anschluss eines Falles von Fibromen 
der Harnblase und Harnröhre. Eine grö-sere Abhandlung bringt 
4. 1L W ies: Ueber die Prognose der llnscnsehartenoperationen. 
Beitrag zur Statistik der llasenseharteiioperatinnen der chirur¬ 
gischen Klinik München. Der Bericht umfasst 40 zur Ojioratioii 
gelangte Fälle aus «len Jahren 3801—1899. Die Verarbeitung d««s 
Materials ist eine sehr eingehende. 5. J. Rosen bäum: Das 
Vorkommen von Erysipel an der chirurgischen Klinik während 
1803—3807. 379 Fälle mit 6.2 Proz. Mortalität sind zu der Arbeit 
verwertbet. in der besonders auch der Erfolg der Alkoholtherapie 
des Erysipels betont wird. 

Den statistischen Berichten aus der gynäkologischen Klinik 
des allg. Krankenhauses 1/J. (Vorstand: Hofrath Prof. Dr. 
A in a n n) von Ha m m und S a u t e r folgt aus der 2. gynäko¬ 
logischen Klinik und gynäkologischen Abtheilung des allg. Kran¬ 
kenhauses 1/J. (Dr. J. A. A in a n n) eine Abhandlung iilx*r die 
Alkoholtherapie bei entzündlichen Veränderungen des weiblichen 
Genitaltraktus. 70 Fälle sind zu Grunde gelegt. Die Resultate 
der S a 1 /. w e d c Fsehen Alkoholtherapie können als günstige be¬ 
zeichnet werden. Die Alkoholtherapie erwies sieh als der 
Ichthyoltherapie mindestens gleichwerthig. 

Ein weiterer Th« il der Annalen bringt den Bericht iilx*r die 
Leichenöffnungen im pathologischen Institut während der Jahre 
3807—380!» (inkl.). erstattet von Prof. O. B o 11 i n ge r. Der Be¬ 
richt beschränkt sieh auf statistische Daten. 

Der ärztliche Bericht über das stiidt. allgemeine Kranken¬ 
haus r/J. (Oberärzte Dr. B r u n n e. r und Dr. Z a u b z e r) bringt 
statistische Angalx-n; es folgt dann noch eine Abhandlung von 
Prosektor A 1 her t über SFiille von Fistula bimueosa bei Karz.i- 
nom (mit Abbildungen). Der Bericht über die Thütigkeit im 
Leielicnhause des stiidt. allg. Krankenhauses r/J., erstattet von 
Dr. Dürck, erstreckt, sieh auf 232 Sektionen, deren haupt¬ 
sächlichste Befunde in Kürze angegeben sind. E. Alb recht 
und W .Bö hm berichten über Gelatineinjektionen bei Blutungen 
(5 Fälle). Die Verfasser kommen zur Meinung, dass ein ein¬ 
wandfreier Beweis für die spezifisch hiimostyptische Wirkung der 
subkutanen Gelatineinjektionen weder aus früheren, noch aus den 
initgetheilten Versuchen sieh ergibt; die Hauptrolle scheint nach 
den vorgenommenen Versuchen das Kochsalz zu spielen. 

J. Din gl reit er berichtet ül>cr traumatische eitrig«“ Menin¬ 
gitis. Es handelte sieh um eine Spätinfektion. Der T«xl der 
33 jährigen Kranken erfolgte 5 Monate nach d«*r Verletzung. 
E. Hingsatner thcilt. die Krank< , nges«“lii«*lite von 6 Fällen 
von Ilorzaneurysmen mit, mit sieh ansehlmssemler Epikrise. Der 
l>< rieht der chirurgischen Abtheilung ist erstattet von «len Assi¬ 
stenten derselben. Seine statistischen Zusammenstellungen be- 
zichen sieb auf 3802 grössere Operationen. J)er schliesslich über 
das stiidt. Krankenhaus Münehen-Sohwabing gegeliene Bericht 
gibt in seinem allgemeinen Theilc eine Uebersieht über die Kran¬ 
ken hewegung (Dr. V o i t h e n 1 <• i t n e r), in seinem speziell«'!! 
(DDr. Betz und Werner) «‘ine kurze Zusammenstellung der 
behandelten internen urul «•hirurgischen Fälle der Anstalt. 

Der stat fliehe Band der Annalen, der in einer Stärke von 
526 Seiten vorliegt, gibt von dem wissenschaftlichen Geiste, in 


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14. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 



w«*lch<*m die Münchener städtischen Krankenanstalten nach alter 
Tradition betriehen werden, wieder ein beredte« Zeugnis«. 

G r a s s m a n n - München. 

■ i ~ ; 

Dr. M. Pfaundler: lieber Stoffwechselstörungen bei 
magendarmkranken Säuglingen. Mit. besonderer Bezugnahme 
auf die C z o r n y - K e 11 e rsehe Siiurevergiftungshvpothefte. 
90 Seiten. Verlag von S. Karger, 1901. 

Czerny und seine Breslauer Piidiatersehule hatten bei 
ihren systematischen Untersuchungen über die Kachexie magen- 
darmkranker Säuglinge die auffallende Erhöhung der Ammoniak- 
ausscheidung gefunden und weiter eine häufige hochgradige 
T.cheivrkrankung. Erstere suchten sie als Folge einer Acidosc, 
einer Säurevergiftung wegen herabgesetzter Oxydationsfähigkeit, 
des Organismus nachzuweisen. Nicht die ungenügende Harn- 
stoffsynthese seitens der funktionsschwachen Leber, sondern die 
Säuerung des Organismus machen sie für das reichlich im Harn 
erscheinende Ammoniak verantwortlich. 

Verfasser bringt in den ersten beiden Dritteln seiner Arltcit 
Alles auf. was sich, sei es gegen die angewendeten Untcrsuehungs- 
methoden der Breslauer Schule, sei es gegen die Berechtigung der 
Scldüsse aus dem beigt'brachtcn Material, einwenden lassen 
könnte. Im letzten Drittel seiner Arbeit versucht er in Gcgen- 
theil nachzuweisen, das« allein die geschädigte Leberfunktion un¬ 
abhängig von jeder Acidose zur ungenügenden Harnstoffsyn- 
th«*s«*. zur vermehrten Ammoniakausscheidung führt. 

Verfasser geht aas von den Untersuchungen seines Arbeits- 
gemrssen in Hofmeister’« Laboratorium. Jacob y, der bei 
seinen Studien über die, Autolyse der Leber und die oxydativen 
Fermente eine Zeit lang geglaubt hatte, neben dem oxydativen 
Fermenten auch ein harnstoffbildende« Ferment der Leber näher 
bestimmen zu können. Verfasser sucht nachzuweisen, dass bei 
der von Keller und Thiemich festgestellten so häufigen 
Lebercrkrankung magendarmkrankor Säuglinge die vermehrte 
Ammoniakausscheidung im Harn einer verminderten Harnstoff- 
synthese der Leiter in Folge herabgesetzter Oxydationskraft 
entspricht. 

Auf Grund einer genau angegebenen und kritisirten Methode 
wurde zunächst der Ammon iakoeffizient in den ersten Lebcns- 
hnlhjnhren beim gesunden und kranken Kinde bestimmt. 

Verfassers Zahlen bestätigen in erfreulichster Weise die von 
der Breslauer Schule begründeten Sätze, dass bei Säuglingen, 
welche in Folgt? von Atrophie oder schweren Magendarm- 
erkrankungen hochgradige Leberverändcrungcn oder eine ver¬ 
minderte Oxydationskraft des Organismus erfahren haben, der 
Aimnoniakkoeffizient ein erhöhter ist. Zahlen über 19 Proz. 
gehen bei Verfasser immer einher mit Darmerkrankung oder 
Atrophie, nur bei Fall 24 fehlen nähere Angaben. Andererseits 
erreicht kein gesunder Säugling auch nur den Mittelworth der 
nt rophisehen oder magendarmkranken Säuglinge. Auch die Er¬ 
höhung der Annnoniakaussehoidung bei fettreicher Nahrung 
findet, die zu erwartende Bestätigung. 

Erweitert werden unsere Kenntnisse insofern als wir er¬ 
fuhren. dass schon im 2. Lcbenshalbjahr dor Ammoniakkoöffizient 
'■i«-h rasch dem de« Erwachsenen nähert und dass meist — im 

< iegensatz zu Keller und Rumpf — relativ kleine Schwan- 
k iingenltei dem gleichen Säugling hei gleicher Nahrungvorkommen. 
Interessant ist der Nachweis der Schädigung der Oxyd ation.sk raft 
«los Organismus durch behinderte Sauerstoffzufuhr, »achgewiesen 
bei einem Kinde mit Larynxstenose. Mit der Intubation wurde 
«lie Sauerstoffzufuhr wieder hergostellt, dor Ammoniakkoeffizient 
prompt herabgesetzt. 

Sodann versucht Verfasser unter Ablehnung der „Acidose“ 
;i!s Ursache der erhöhten Amniouiakausseheidung im Ham im 

< M-gensatz zu der Breslauer Schule allein di«? Störung der Funk- 
tion der kranken Säuglingsleber resp. der Hari i stoffsyn t h«*se für 
jene als Ursach«? naehzuweisen. 

Die von Jaen b y in Hof m e i s t e r’s Laboratorium naeh- 
in-wipsenrn nutolv tischen Ferment«*, welche, z. B. Salieylaldehyd 
Ali Salieylsäure ox.vdiren, konnte Y« , rfasser bei der Extraktion 
«|*-r Säuglingsl««lx-r als quantitativ r«*sp. qualitativ s<*hr reduzirt 
mich weisen, sobald patliologische Leb«‘rveränderung«'n Vorlagen. 
Vorausgesetzt, dass die Methode der Extraktion und der kalori¬ 
metrischen Bestimmung der gebildetem Salieylsäure zu exakten 
Ergebnissen berechtigt, welche zuverlässige Schlüsse ermöglichen, 
und dass die namstoffsynthese unabhängig von der Ueber- 


Meliweunnung d«*r Treber mit sauren, anormalen Verdauungspro- 
duktea verläuft, und auf die vorn V«*rfasx«»r ausgeführte Weise 
in zuverlässiger Weise quantitativ bestimmt werden kann, wäre 
also auf diese Weise für die kranke Leber dos gestorbenen Säug¬ 
lings eine gestörte herabgesetzte Harnstoffsyntheao michgewiosen. 
In wie weit dies«? Ix*bererkranku ii gen ilureh die von der Breslauer 
Schule latenten Magendarmkrankheiten be«lingt werden und ob 
nicht neben der «lirekten S« hädigung der Leber durch anormale, 
saure Yerdauungsprodukte auch die Verminderung der ge¬ 
summten Oxydationskraft des Organismus bei schweren Ver¬ 
dauungsstörungen die Harnstoffsynthese schädigt und durch ver¬ 
mehrte Bildung saurer Produkte des intermediären Stoffwechsels 
den Ammoniakkoefliziejiten erhöht, wird durch Verfassers Unter- 
suehungeti nicht entschieden. Dieselben machen es aber höchst 
wahrscheinlich, dass, wie es nach den Arbeiten über die Harnstoff- 
synthese in der Leber ja zu erwarten war, die Lebererkrankungen 
des Säuglings, besonders zur Zeit der physiologisch noch leicht 
gestörten und unvollkommenen Harnstoffsynthese, von direkter 
und grüs-orer Bedeutung für die vermehrte Ammoninknusschei¬ 
dung sind, als cs die Breslauer Schule bis vor kurzer Zeit annahm. 
(Inzwischen hat C z c r n y’s Schüler W. F re u d in seinem Vor¬ 
trag auf der letzten Xaturforscherversammlung als Erster eine 
Herabsetzung der Oxydation;-Vorgänge l«*i lebenden Säuglingen 
mit schweren Ernährungsstörungen durch die Anwendung der 
Xonoki’schen B( iizolmethode direkt naehgewiesen. Es 
scheinen als«? sowohl verminderte Harnstoffsynthese wie Bindung 
des Ammoniaks an anormale, saure, ungenügeml oxydirtc Stoff- 
weehselProdukte in Folge verminderter Oxydationskraft vereint 
die erhöhte Ammoniakausseheidung zu bedingen.) 

S i e g e r t - Strassburg. 

Vorlesungen über Psychopathologie in ihrer Bedeutung 
für die normale Psychologie, mit Einschluss der psycho¬ 
logischen Grundlagen der Erkenntnistheorie. Von Dr. phil. 
et p««*«l. Gustav Störring, Privatdozent der Philosophie an 
der Universität Leipzig. Mit. 8 Figuren im Text. Leipzig, 
Kugel mann, 1900. V J11 und 408 Seiten. Preis 9 M„ geh, 
10 M. 

Seit dem Werke von Emminghaus ist keine eingehendere 
monographische Darstellung der Psychopathologie mehr geliefert 
worden, wenn auch jedes psychiatrische Lehrbuch in seinem all¬ 
gemeinen Theil diesen Fragen mehr weniger eingehendes Inter¬ 
esse gewidmet hat. Der Titel des vorliegenden, Wundt ge¬ 
widmeten Buches klingt vielversprechend, insofern ein enger An¬ 
schluss an die moderne, normale Psychologie daraus zu ent¬ 
nehmen ist. Von den psychologischen Grundlagen der Erkennt- 
nissthi'orie ist in dem Text freilich wenig zu merken, während 
hinsichtlich de r psychologischen Analyse der Einzelstörungen 
ein tiefes Eindringen gerühmt werden muss. Eingehend werden 
die Sinnestäuschungen behandelt. (Vorlesung 3—7), darauf die 
durch besonders eindringende Analysen ausgezeichnete Lehre von 
der Aphasie und die Gcdiichtnissstörungen (Vorlesung 8—10). Au 
die Erörterung der Wahnideen und Zwangsvorstellungen 
seidiesst sieh eine Vorlesung üln_»r Idiotie und Imbezillität, 
während die 3 letzten Kapitel den Gefühls- und Willensstörungen 
gewidmet sind. Als vollständig kann «las Buch nicht bezeichnet 
werden, denn gegenüber der detaillirteii Darstellung einzelner 
Probleme sind wieder andere Gebiete, so die Störungen des 
assoziativen Denkens oder der Ausdruekshcwcguugcn, kaum an¬ 
geführt. Die lockere Form der Vorlesung erleichtert die Lektüre, 
wenn auch darunter einigermaassen die Präzision der Definition 
und der Klassifikation leidet. Einzelne Wendungen wie ..ge¬ 
steigerter Turgor der Gehörzcnlren“ setzen zu unsichere Hypo¬ 
thesen voraus. Das Ganze ist zu Itcgriissen als erfreuliches Sym¬ 
ptom für die Krkcnutniss, wie lmthwendig es ist. «lass di«* Me¬ 
dizin, insbesondere «lie Psychiatrie, ein«* immer inniger«* Ver¬ 
bindung mit der normalen Psychologie <*rstrebt. 

W e y g a n «1 t - Wiirzburg. 


Max Wegscheider: Geburtshilfe und Gynäkologie 
bei Aetius von Amida (Buch 10 der Sammlung). Ein Ix*hrbu«*li 
aus «1er Mitte des 0. Jahrhun«l<*rts n. Uhr.; nach «len Codices 
in der k. Bibliothek zu Berlin (insbesomler«* den Sammlungen 
(\ Weigel’s) zum ersten Male iu’s Deutsche übersetzt von 
Dr. med. M. W e g s e h e i d e r. Berlin 1901. 136 Seiten gr. 8‘. 


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70 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


Das 16. Buch des Aetius besteht grösstentheib aus Excerpten 
aus Soranus, Rufus, Philumenos, Leonides, Galen, Archigenes 
und der Aspasia, welche in 146 Kapiteln wiedergegebon werden. 
Die Aspasia ist eine vollkommen apokryphe Person, über welche 
auch S i e b o 1 d keine Auskunft ertheilt. — Die Uebersetzung ist 
fliessend geschrieben, wenn wir von einigen stilistischen Härten 
absehen. — Einige Partien des Textes (Rezepte etc.) wurden 
nicht übertragen, was Mancher im Interesse der Folkloristik be¬ 
dauern wird. 

Es seien hier einige kritische Bemerkungen gestattet. 

Pag. 4 Allantois mit „Wursthüutchen“ gegeben, finde ich 
nicht geschmackvoll. — Pag. 5 zu „Kotyledonen“ wäre Koran I. 

3. 14 zu vergleichen, welcher die Sache kritisch bespricht. — 
Pag. 8 „Zeugungsfähig“ besser befruchtungsfähig (Sperma). — 
Pag. 11 das Kapitel über Kissa dürfte ursprünglich dem Soran 
angehören. Pag. 12 „Magenerweiterung“, besser Verschleimung 
(n/ados). — Pag. 13 Oenanthe, nicht „Weinreben“, sondern 
Weinblüthe: „schmutzige Wolle“, richtig „ungewaschene Wolle“ 
wegen des Oesvpums. — Pag. 14 Kimolisehe Erde mit Essig¬ 
wird schwerlich „essigsaure Thonerde“ bilden. — Pag. 17 „Hal- 
eyon“ soll heissen „Alcyonion“, worüber Dioscorides V. 35 und 
Galen XIT. 370 zu sehen sind. Mit diesem Namen halten die 
Alten höchst verschiedene Meerprodukte belegt (Tange, Zoo- 
phyten). Man vergleiche auch die Note von Puschmann in 
Alex. Trall. I. 442. — Pag. 22 wird Kollyrion mit „Zäpfchen“ 
übersetzt! — Pag. 37 „Feigen, geräuchert“, besser mit aroma¬ 
tischem Räucherwerk behandelte trockene Feigen. — Pag. 40 
Sternen, nicht „Oberkörper“, sondern Regio intermammalis. — 
Pag. 52 „heftige Durchfälle“ ist falsch, besser scharfer Darm¬ 
inhalt. — Pag. 54 „Lcpis“ mit „Schuppen“ übersetzt, soll heissen 
„Hammerschlng“. Was sollen das für Schuppen sein? — Pag. 55 
„Misy“ nicht Kupfervitriol, sondern schwefelsaures Eisenoxyd 
(efr. Quenstedt. Handbuch p. 530). — Pag. 56 „Aira“ ist 
entweder Loli um oder nach K. Kober t wohl Secale eornutum. 
Die IÜbersetzung mit „Unkraut“ ist. doch gar zu arg! — Pag. 57 
„Gypressenkugel“ gibt ('s nicht, sondern „Oypressenzapfen“. — 
Pag. 62 „asphnlthaltiger Klee“ ist auch eine starke Leistung; es 
ist die Psoralea bituminosa. eine Papilionacee mit eigenthüm- 
lichem Geruch. — Pag. 69 Meon. Hirschwurz ist nicht angängig. 
Das „Meon“ des Dioseuridcs ist nicht sicher bestimmbar. — 
Pag. 72 Phoinix, bekanntlich auch Dattel. Mit „Mark von 
12 Palmen“, wie W. schreibt, könnte man freilich starke Kuren 
machen. — Pag. 80 Dropax als „Pechmütze“ geht nicht, es heisst 
eben Pechpflaster. Plino Pechmütze an die Vulva wäre nicht 
zweckmässig. — Pag. 85 die „kvdonischen Aepfel“ sind nichts 
als Quitten. — Pag. 131 „Schwanz eines Esels“ ist zu bean¬ 
standen, wahrscheinlicher ist der Vergleich mit dem Phallus des 
Einhufers (Kerkosis). 

Aus diesen wenigen Beispielen, die leicht sehr vermehrt 
werden können, ersieht man, wie. nothwendig bei solchen Ueber- 
setzungen Studien im Gebiet der alten Pharmakologie sind, 
wobei die bekannten Schriften von Langkavel. Sprengel, 
F r a a s. Dragendorff, R. K o b e r t gute Dienste leisten 
können. J. Ch. Huber- Memmingen. 

Neueste Journalliteratur. 

Deutsches Archiv für klinische Medicin. 1901. 71. Bd. 

4. u. 5. Heft. 

20) F. Seiler: Ueber eine neue Methode der Untersuchung 
der Magenfunktionen nach Prof. Sahli. (Aus der mediz. Klinik 
der Universität Bern.) (Mit 1 Abbildung.) 

An Stelle der bisherigen klinischen Untersuehnngsinothoden 
der Magenfunktionen mittels der Probenialilzeit. die theils viel¬ 
deutig, thells komplizirt sind, sucht S. ein exakteres Verfahren 
einzubürgern. wodurch es insbesondere möglich sein soll, den je¬ 
weiligen Antlieil des Chemismus und der Motilität bei Magenstör¬ 
ungen genauer festzustellen. Hebert man z. B. nach Probefrüh¬ 
stück abnorm grosse Mengen Mageninhaltes von normaler Aciditiit 
aus. so kann es sich um Herabsetzung der Motilität bei normaler 
Sekretion handeln, oder um Hypersekretion bei normaler Motilität, 
ebenso würde sich ein mässiger Inhalt mit normaler Acidität, also 
anscheinend völlig normale Verhältnisse, auch Anden, wenn die 
Sekretion quantitativ gering, qualitativ abnorm sauer wäre, so 
dass ln solchen Fällen die Fehldiagnose ..Sensibilitätsneurose des 
Magens“ sehr nahe liegt. Nächste Vorbedingung ist die Her¬ 
stellung eines Probefrühstücks, welches in möglichst gleich- 
massiger Vertheilung neben Eiweiss und Kohlehydraten auch Fett 
enthält, durch Bestimmung des Fettes im Ausgeheberten — da Fett 
im Magen nur durch die Motilität, nicht durch Resorption ver¬ 


schwinden kann — ist ein sicheres Urtheil möglich, wie weit die 
ausgeheberte Menge durch Motilität und Sekretion beeinflusst 
wurde. Als brauchbares P.-F. erwies sich eine Mehlsuppe (23 g 
Mehl, mit 15 g Butter zur Bräunung geröstet, und Wasser ad 350 g). 
während die Milch wegen der raschen Gerinnung durch das Lab 
ferment sich nicht eignete. Die Menge des im Magen restirendcu 
Fettes gilt aus im Original nachzulesenden Gründen als Indikator 
für die restirende Menge des Mageninhaltes überhaupt. Mau 
kann also durch dessen Bestimmung im Ausgeheberten retiuirtes 
und sezernirtes Volumen, i. e. den Sekretionsquotienten bestimmen. 
Bestimmt man nun die Acidität resp. IICl-Fermentgehalt, so 
können die gefundenen Zahlen auf reines Sekret umgerechnet 
werden, indem man die retinirte Menge des P.-F. als Verdünnuugs- 
fliissigkeit des Sekretes betrachtet. Diese Resultate können zwar 
nicht als absolute Wert he für Sekretion und Motilität betrachtet 
werden, gestatten aber doch eine exakte Vergleichung der Fälle, 
wenn auch zur Zeit der Ausheberung eine nicht mehr bestimm¬ 
bare Menge Sekret mit der Nahrung den Magen schon verlassen 
hat. Die Bestimmung des restirenden Mageninhaltes erfolgte 
nach M a t h i e u (vergl. Boas’ Archiv 1800), des Fettgehaltes nach 
G erbe r aeidbutyrometriseh. 

21) U. Rose: Ueber eine eigentümliche Form von pro-y ; 

gressiver Muskelatrophie nach Trauma. (Aus der mediz. Klluikx, 
zu Strassburg.) (Mit 1 Abbildung.) r\ 

Nach eingehender Beschreibung des klinischen Kraukheits- 
blldes 2 atypischer Fälle von progressiver Muskelatrophie bespricht 
Verf. die ätiologisch in Betracht kommenden Erkrankungen, wobei 
er insbesondere aus der Literatur die Fälle zum Vergleich heran 
zieht, die auf Traumen, besonders auf Unfallverhütungen, zurück 
zuführen sind. Er kommt per exelusionem zu dem Schluss, dass 
I es siel) in beiden Fällen um „funktionelle Neurosen“ handelt die 
] eben einen leichteren Grad von Erkrankung des Zentralnerven¬ 
systems darstellen, wie er unseren heutigen, unzulänglichen Uuter- 
suchuugsmethoden noch nicht zugänglich ist. Jedenfalls darf 
zwischen den grob anatomischen Läsionen und den feineren mole¬ 
kularen Störungen, die als „funktionell“ bezeichnet werden, keine 
feste Scheidewand gezogen werden. Verf. ist geneigt, die hei 
beiden Kranken auamnestisch mehrfach festgestellten Traumen 
(Frakturen, Verbrühung, Erschöpfung! in letzter Linie mit für die 
Entstellung der progressiven Muskelatrophie verantwortlich zu 
machen, die auf ein mit geringer Widerstandskraft versehenes 
Nervensystem eingewirkt hätten, wozu andauernd schwere Körper¬ 
arbeit und vielleicht angeborene Schwäche der Vorderliornzellen 
hinzukoinmen. Beide wurden für dauernd erwerbsunfähig erklärt. 

22) A. K ti li u und A. S u e k st o r f f: Beitrag zur Statistik, 
Pathologie und Therapie des Abdominaltyphus. (Klinischer Be¬ 
richt über die im Jahre 1900 in der mediz. Klinik zu Rostock be¬ 
handelten Fälle.) (Mit 1 Kurve.) 

Von der umfangreichen Arbeit sei nur erwähnt, dass in Folge 
der schweren Infektion die Mortalität 13.4 Proz. betrug; in zwei 
Fällen trat im Anschluss an den auf holperigem Wege erfolgten 
Krankentransport eine tödtliche Darmblutung ein. Widal und 
Diazoreaktion waren meist positiv, ebenso Hypoleukoeytose, die 
sieh gerade als diagnostisches Frühsymptom sehr zuverlässig er¬ 
wies, während Roseola und Milztumor häufiger Im Stiche Hessen. 
Die Behandlung war die übliche. 

Ein Versuch zu spezifischer Behandlung mit dem J e z’sehen 
Antilyphusextrnkt konnte nur in 2 Fällen gemacht werden, so dass 
ein Urtheil über dessen Brauchbarkeit nicht möglich ist. Bei Darm¬ 
blutung Hessen Gelatineinjektionen im Stiebe, während Suprarenal¬ 
extrakt einige Male günstig wirkte, am besten erschien immer 
noch Extraet. li.vdrast. In Fällen von bakterieller, wahrscheinlich 
typhöser, Ostitis erwies sich Urotropin sehr brauchbar. 

23) A. J a q u e t: Ueber Brommethylvergiftung. (Aus der 
mediz. Klinik zu Basel.) 

Mittheilung zweier Fälle von Brommethylvergiftung bei zwei 
Industrieaibeitern. in denen ausser Schwindel und Schwäche- 
zustiiuden noch Sollstörungen und Dyspnoe, in einem Falle auch 
Tobsuchtsnnfiille, auftraten. Im Gegensatz zu anderen ga9- 
förmigen Giften, z. B. Aetlier, Bromäthyl etc., steht diese Intoxi¬ 
kation nach der unmittelbaren Giftwirkung nicht still, sondern 
schreitet fort und führte im Thierexperiment erst nach mehreren 
Stunden zum Tode. Es handelt sieh offenbar nicht um eine ein 
fache Lähmung, die sieh mit der Eliminiruug des Giftes aus dem 
Körper zurück bildet, sondern um eine Irreparable Läsion des 
Zentralnervensystems. Im Anschluss daran wird noch 1 Fall von 
Jodmethylvergiftung angeführt und dessen toxikologisches Ver¬ 
halten besprochen. 

24) G. Ascoli: Zur Pathologie der Lehercirrhose. (Aus der 
mediz. Klinik zu Genua; Vorstand Prof. Maragllano.) 

Nachdem A. einleitend die Angaben anderer Autoren betreffs 
extremer Fälle von hypertrophischer Cirrhose gegenübergestellt, 
kommt er zu der Anschauung, dass diese einen bindenden Schluss 
zu Gunsten der Scheidung der Cirrhose in verschiedene autonome 
Formen nicht zulassen. dass diese Fälle vielmehr als Mischformen 
anzuspreclien sind. Vom anatomischen Standpunkt ist die uni- 
taristiselie Auffassung der Cirrhosen geboten: denn eine tiefere 
Betrachtung der Thatsaehen ergibt nur aeeideutelle Differentlal- 
charaktcre in der beiden Formen (Laenuec- und Ilanot’sehe 
Cirrhose) gemeinsamen perikanalikulären und perivaskulären In¬ 
filtration. Dagegen dürfte das analytische Studium der ein¬ 
zelnen funktionellen Störungen der Leber und ihrer Beziehungen 
zum anatomischen Substrat zum Verständniss des Wesens der 
Krankheit führen, wie A. an zwei mangels jeder Komplikation 
für Stoffwechseluntersuchungen besonders geeigneten Fällen von 
Cirrhose zu zeigen sucht. In dem einen Falle (H a n o t’sche Cir- 


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14. Januar 1902. MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


71 


rhose) trat eine Tendenz zur Eiweissverschwendung auf, die in 
der Leichtigkeit, mit der bei massiger und selbst reichlicher 
Kalorienzufuhr dauernde N -Verluste auftrateu, und im andauernd 
hohen Niveau der N-Ausscheidung bei lnanition ihren Ausdruck 
fand. Das strikte Gegentheil hiezu liefert der E-StoffWechsel bei 
I.aeunec'sclier Cirrhose, dessen Wesen zwar vorläufig noch un¬ 
klar ist, der aber mit der Tendenz zu einem N-Deüzit im Harn 
und Koth jedenfalls von der ersteren Form sehr abweicht, deren N- 
Yerluste ein toxisch-infektiöses Moment andeuten. Bel der zweifel¬ 
los liestehenden funktionellen Beziehung zwischen Milz und Leber 
und Bluthiidung und Zerstörung weise das biologische Verhalten 
des Stoffwechsels bei H a n o t’sc-her Cirrhose darauf hin, dass diese 
wahrscheinlich gar nicht primär als Lebererkrankung debutirt, 
sondern von einer toxischen Schädigung der Blutkrase ihren Aus¬ 
gang nimmt, während die Leber erst sekundär geschädigt wird. 
Die sogen. Mischformen sind wohl meist atypische Laennec'sche 
«Zirrhosen, denen durch sekundäre Momente, wie Portalstenose, 
einzelne Charaktere der II a n o t’schen Form aufgeprägt werden. 

25j A. Gross: Zur Symptomatologie der Tabes dorsalis. 
(Aus der mediz. Klinik zu Kiel.) 

Im 5b. Bund dieses Archivs wurde aus der Kieler Klinik ein 
Fall von llämatoporphyrinurie veröffentlicht. Der Kranke zeigte 
ausserdem mit Obstipation eluhergehende Darmkoliken, wozu plötz¬ 
lich auftretende Lähmungen der Extremitäten kamen, die 
sich wieder zurückbildeten. Man deutete das nicht ganz klare 
Krankheitsbild so, dass es sich wahrscheinlich um eine Intoxi¬ 
kation vom Darme aus handle, die zu Koliken und Lähmungen 
führte, während das resorbirte Gift die zu Hämatoporpliyrinurie 
führende StofTwechselstörung bediugte. 

Bei einer 2. Aufnahme des Patienten einige Jahre später 
konnte G. eiue zweifellose Tabes feststellen, wesslialb er die 
früheren Darmkoliken als tabisclie Darmkrlseu und die Arm¬ 
lähmung als tabisclie Neuritis auffasst, die Autopsie ergab eine 
graue Degeneration der Ilinterstrünge, aber keine Erklärung für 
den l'rinbefund. 

2t») M. Oppenheim und Gg. Löweubach: Blutunter- 
suchungen bei konstitutioneller Syphilis unter dem Einflüsse 
der Quecksilbertherapie mit besonderer Berücksichtigung de3 
Eisengehaltes. (Aus Ilofrnth N e u m a n u’s Universitätsklinik 
Dir Syphilis in Wien.) (Mit 34 Kurven und Tabellen.) 

Nach kurzer Zusammenfassung der bisherigen, sich thcilweise 
widersprechenden Untersuchungsergebnisse des Blutes Syphili¬ 
tischer durch andere Autoren, berichten die Verfasser über ihre 
eigenen Beobachtungen, die sie unter peinlicher Wahrung aller 
Kautelen an liegenden Kranken der Klinik umstellten, und 
zwar mir an solchen, die bisher keine 1 lg-Behandlung dureligc- 
iiiacht und keinen abnormen Krankheitsverlauf zeigten. Bei den 
meisten Kranken wurde eine Inuuktionskur durchgeführt, bei 
einigen intramuskuläre bezw. Intravenöse Injektionen gemacht. 
1 »ie Zählung der Blutkörperchen geschah nach A b b 6 - Z e i s s . 
der Ilb-Gelialt wurde nach F 1 e i s c h 1, der Eisengehalt mit dem 
Ferrometer von J o 11 e s bestimmt. Es zeigte sich, dass der Hb- 
imcJ Fe-Gehalt, der bei konstitutioneller Lues vor Beginn der Be¬ 
handlung vermindert ist, durch Hg-Einwirkuug nicht in gesetz- 
massiger Weise beeinflusst wird. Die Zahl der Leuko- und Erythro- 
cyten ist vor und während der Behandlung annähernd normal; die 
Art der Hg-Einverleibung ist ohne Einfluss auf diese Verhältnisse. 

27) J. S c h i f f m a c h e r: Zut Kasuistik des sporadischen 
Kretinismus. (Aus der Universitätskinderklinik in München.» 
(Mit 2 Abbildungen.) 

Mittheilung eines interessanten Falles von Kretinismus, der 
wegen eines der Diagnose unzugänglichen, intraabdominellen Tu¬ 
mors laparotomirt wurde. Die Geschwulst entpuppte sieh als ein 
l««(i g schwerer Kothtumor, der merkwürdiger Weise in dem stark 
dilatirten Darm eine enge Passage flir den Durchtritt des frischen 
Kor lies freigelassen hatte. Die Schilddrüsenfütterung hatte eine 
wesentliche Besserung 'der psychischen Verfassung des Kindes 
zur Folge: an Stelle der völlig fehlenden Thyreoidea fand sielt eilte 
erbsengrosse Cyste. 

2N Kleinere Mittheilungen. 

P. K. Pel: Zur Chininbehandlung der kroupösen Pneumonie. 

Polemik gegen Pet*ol(i-Auf recht. 

W. S c li ü f f u e r - Sumatra: Zur Tüpfelung der rothen 
Blutscheiben bei Febris intermittens tertiana. 

Geltendmachung von Prioritätsansprüchen gegenüber Rüge. 

20» Besprechungen. Bainberger - Kronacli. 

Zeitschrift für diätetische and physikalische Therapie. 

B«l. V, Heft 6. 1«02. 

1) C\ L e s s e r - Berlin: Ueber die Lichtbehandlung von 
Hautaffektionen nach der F i n s e n’schen Methode. (Mit 2 Ab¬ 
bildungen.) 

Bei der Lichttheraple kommen 2 Faktoren in Betracht, einer¬ 
seits die gewebsschädlgeude und entztiudungserregende, anderer¬ 
seits die Imkterientödtende Wirkung der ultravioletten Strahlen. 
Während F. ursprünglich das Hauptgewicht auf die bakterizide 
Eigenschaft legte, neigt sich die Meinung jetzt mehr dazu, die 
ge wellsschädigende und entzündungserregeude Wirkung in den 
Vordergrund zu stellen. Gerade die erkrankten Gebiete der naut 
leisten nun diesem gewebssehädigeuden Einflüsse den geringsten 
Widerstand, so dass dadurch die F I n s e n’sche Behandlung mehr 
wie Jede andere lokalzerstörende Methode das Ideal völliger Zer¬ 
störung des Kranken bei völligem Erhalten des Gesunden er¬ 
reicht. Nach einer kurzen Beschreibung der Technik berichtet 
Verfasser über die von Ihm behandelten Hauterkrankungen. 


2) Leopold Läufer: Ueber den Einfluss der Darmbakterien 
auf die Ausnützung N haltiger Nahrung unter physiologischen 
und pathologischen Verhältnissen. (Aus der k. k. Krankenanstalt 
Rudolfstiftuug Wien.) 

Die reine StickstolTbilanz bei Stoffwecliselversuchen gibt wohl 
über den Eiweissumsatz genauen Aufschluss, lässt aber stets die 
Frage offen, ob das Eiweiss in einer demselben nahestehenden 
Form oder in für den Organismus minderwertigen Abbau- 
produkten resorbirt wurde. Für die Zersetzung des Eiweiss in 
niedere Verbindungen sind die Darmbnkterien verantwortlich zu 
machen. Verfasser suchte nun diesem wichtigen Kapitel dadurch 
näher zu treten, dass er fraktionirte Stickstoffbestimmungen, Be¬ 
stimmung des Gesammtstickstoffs, des Gerbsäureniedersehlag- 
tiltrats und des Pbospliorwolframsiiurenlederschlagtiltrats in nor¬ 
malen wie in pathologischen Fällen sowohl von Daruiinhalt. als 
auch von mit Da rin in halt beimpften eiweisshaltigen Nährböden 
vernahm. Durch Gerbsäure und PliospliorwolframsÜure werden 
nämlich die höheren und niederen Abbauprodukte des Eiweiss- 
moleUüis getrennt gefällt, so dass auf diese Weise eine getrennte 
Bestimmung des Stickstoffs derselben als durchführbar erscheint. 

Als llauptresultal ergab sich, (lass der Abbau N-haltigen 
Materials selbst normalerweise so weit erfolgt, dass ca. 30 Proz. 
der eingeftilirten Albumosen durch Gerbsäure nicht mehr fällbar 
waren. 

Dieser Abbau zeigte die höchsten Ziffern in Fällen von 
Kachexie. 

3) S. S a 1 a g li i - Bologna: Vereinfachtes Geräth für manuelle 
Heilgymnastik. (Mit 5 Abbildungen.) 

Neuer Apparat a) für sitzend auszufülirenile Rumpfbeweg 
uiigen bei Festlialtttng der anderen Extremitäten, b) mit sehr hoch¬ 
gestelltem Sitze für die Rotation des unteren Theils des Rumpfes. 

4i O s t e r t a g - Rerlitt: K o c h’s Mittheilungen über die 
Beziehungen der Menschen- und Hausthiertuberkulose. 

(). wendet sielt unter eingehender Würdigung der einschlägigen 
Literatur gegen etwaige voreilig«* Schlussfolgerungen aus den be¬ 
kannten Londoner Koiigivssmittheilungen, wie sie sieh gegen¬ 
wärtig schon in landwiiihschaftllehen Kreisen geltend machen 
und warnt dringend, auf Grund jener Veröffentlichung in unseren 
mühsam erkämpften prophylaktischen Maassregeln gegen die 
Kimlertuberkulose weniger streng vorzugehen. Denn die Frage. 
«>1> der Mensch für Perlsucht empfänglich ist, wird durch die 
Koeh'sehon Experimente durchaus nicht entschieden, ist aber 
nach den bisherigen Erfahrungen mit Wahrscheinlichkeit in 
positivem Sinne zu beantworten. Die endgiltige Entscheidung 
über die Beziehung zwischen Menschen- und Haust hiertuber- 
kulose müssen erst die Untersuchungen bringen, welche gegen¬ 
wärtig im In- und Auslände angestellt werden und durch Kocli’s 
Verdienst augeregt wurden. M. W a s s e r m a n n - München. 


A 


Dentsche Zeitschrift für Chirurgie. 61. Bd., 5. u. 6. Heft. 
Leipzig, Vogel, 1901. 

20) Eil derlen: Ein Beitrag zur Chirurgie des hinteren 
Mediastinum. (Anatom. Institut und Chirurg. Klinik zu Marburg). 

E. hat bei einem 20 jährigen Patienten ein verschlucktes 
Gebiss durch Operation vom hinteren Mediastinum aus entfernt. 
Die Operation bestand in der Bildung eines rechteckigen Lappens 
rechts von der Wirbelsäule, dessen Basis vom 3. bis 9. Brust¬ 
wirbel reichte, Resektion von je 7—10 cm der 5. bis 8. Rippe, 
Durehtrennung der Interkostalmuskulatur, Ablösen der Pleura 
und Inzision (Us Oesophagus. Vorher war eine Magenflstel an¬ 
gelegt. Der Patient wurde geheilt. Ein während der Operation 
entstandener Pneumothorax machte kaum Beschwerden und kam 
langsam zum Verschwinden. Im Verlauf der Rekonvaleszenz 
bildete sich ein subphrenischer Abszess aus, der noch ein zwei¬ 
maliges Eingreifen notliwendig machte. 

8. benutzt die genannte Beobachtung zu einer sorgsamen 
Studie über die Anatomie und Chirurgie des hinteren Mediastinum. 
Die gestimmten einschlägigen Fälle sind sorgfältig gesammelt, vom 
Verfasser werden sehr bemerkenswertlie eigene anatomische Prä¬ 
parate allgebildet und beschrieben. Wichtig sind vor allen Dingen 
die Untersuchungen über die. wechselnde Lage der Speiseröhre, 
wechselnd besonders in ihrem Verhältniss zur Wirbelsäule, zu 
den Pleurablättern und zur Aorta. Als besten Zugang zum Oeso¬ 
phagus empfiehlt Verfasser oberhalb der Bifurkation die linke 
Seite, in der Höhe des 5. und t». Brustwirbels die rechte Seite, 
weiter unten die rechte oder linke Seite. Die Operation soll be¬ 
schränkt werden auf die Entfernung von Fremdkörpern, die auf 
andere Weise nicht zu beseitigen sind, oder den Oesophagus be¬ 
reits durchbohrt haben, und auf die Beseitigung von Divertikeln 
im unteren Oesopliagusabschnitt. 

21) W i e s i n g e r: Zur Behandlung hochsitzender Mast¬ 
darmkarzinome. (Allgemeines Krankenhaus Hamburg.) 

Verfasser entwirft ein düsteres Bild von den Erfolgen der 
Operation bei hochsitzendem Mastdarmkarzinom. Verfasser glaubt 
die schweren Folgezustände durch die grundsätzliche Anlegung 
eines Anus praeternaturalis einschränken zu können. Der Arnis 
wird auf der linken Seite nach der Witzel’schen Methode 
(Untermiuirung der Muskulatur) angelegt. Der After soll auch 
nach der Operation bestehen blellien, wodurch es überflüssig wird, 
den stehenbleibenden Rektumabschnitt nach abwärts zu ziehen. 
Von 13 so operirten Kranken ist keiner im Kollaps gestorben, 

2 starben nach 2 und 6 Wochen im Anschluss an die Operation. 

3 Rezidive verliefen viel weniger störend, alle 3 konnten operirt 
werden. 


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No. 2. 


72 MUENCHENER MEDICINfSOHE WOCHENSCHRIFT. 


22) Mertens: Eine seltene Verletzung des Fusägelenkes. | 
(Chirurg. Klinik Leipzig.) 

10s handelte sichum eine isoiirteSuhluxnliondes unteren G«»l«»nk- 
endt's der Tibia nach der nusiialen Sein* hin, verbunden mit einer 
Schriigfraktur der Fibuln in der Mitte des Schaftes. Die Diagnose 
der Verletzung war erst möglich durch das ltüntgenbdd, das einen 
»»reiten Spalt raum zwischen der Gelonkihnhe des inneren Malli oius 
und der seitliclien nuHlialen <Jelenktliiche des Talus erwies, lin 
Fussgelenk bestand eine abnorme seitia-he Beweglichkeit, genau 
wie l>ei einer doppelseitigen Aiaileolentraklur. 

22) B m u li - t.öttingen: Kesektion einer Narbenstr.ktur des 
Oesophagus. 

Die Striktur lag unterhalb der Cartilago cricoidea und hatte 
nelien sich eine Schleimliauttasclie, durch welche die Bougic- 
behandlung ausserordentlich erschwert war. Kesektion der V/ s em 
langen Striktur. Naht des Defektes mit Katgut. Völlige Heilung, 
die noch nach 10 Jahren festgestellt werden konnte. 

24) St ha mer: Zur Irage der Entstehung von Magen¬ 
geschwüren und Leberinfarkten nach experimentellen Netz- 
resektionen. (Chirurg, l’oliklinik I^eipzig.» 

Zur Entscheidung der Streitfrage, ob zur Entstehung der 
Lelwrinlarkte und Magengeschwüre nach .Netzresektionen Bak¬ 
teriell not hu endig sind, wie es Engelhardt uiul .Neck be¬ 
haupten. hat der Verfasser eine Keihe von Versuchen augestellt. 
Bei sorgfältigster Beachtung aller aseptischen Einzelheiten ergab 
sich, dass Leherinl’arkte und Magengeschwüre auf treten können, 
ohne dass bei der Obduktion Bakterien wachst hum aus der Ligatur¬ 
stelle sowohl wie aus den liifarktlierden nachgewieseu werden 
kann. 

23) T a v e 1 - Bern: Das Erysipeloid. 

i) neue Fälle. Bei t» derselben war die Ursache in der Be¬ 
rührung mit faulendem Fleisch zu suchen. Bei einem Patienten 
wurde ein Holzsplitter angeschuldigt, l>ei einem das Abbeissea der 
Nägel, und nur bei einem blieb die Ansteekungsquelle tinnufge 
klärt. Die Inkubationszeit beträgt iu der lieget 1—,'» Tage, un¬ 
ziemlich plötzlich einsetzeudcn Ei*sclieiiuingen bestehen in einer 
schmerzhaften Schwellung und intensiven Uöthutig. Zur Vereite¬ 
rung kommt cs nicht, hu Gegensatz zum Erysipel ergreift das j 
Erysipeloid gerade die tieferen Theile am meisten: Sehnenscheiden 
und Gelenkkapsel; die Hautröthung zeigt nicht die scharfe Ab¬ 
grenzung. Eine Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens tritt nur 
bei grösserer Ausdehnung der Erkrankung ein. Die Aetiologie 
ist noch unklar. 

21») Hermes- Zur praktischen Verwendung der Netz¬ 
plastik. (Moabit-Berlin.) 

Verfasser empfiehlt die Verwendung des Netzes als Schutz 

1. zur Unterstützung von nicht ganz sicheren Nähten der 
Bauehorgane; 

2. bei Anwendung des Murphyknopfes, wenn die Bauchhöhle 
tamponirt werden soll; 

3. bei Defekten des Magendarmkanules, die auf anderen 
Wegen nicht zum Verschluss gebracht werden können. 

Ein Fall der letzteren Art, Defekt der Flexur, entstunden ge¬ 
legentlich der Exstirpation einer vereiterten Ovarialkyste, bei dem 
die .Netzplastik zu einer glatten Heilung führte, wird ausführlich 
mitgetheilt. 

27) Schmieden: Klinische Erfahrungen über Vioform. 
(Chirurg. Klinik Bonn.) 

Das von Tavel zuerst empfohlene Vioform (Jodtrichloroxy- 
eliinolin) hat sich auch iu der Bonner Klinik so gut bewährt, dass 
es das Jodoform völlig verdrängt hat; nur zu den Injektionen iu 
tuberkulöse Gelenke wird das Jodoform immer noch verwendet. 
Bel der Tamponade von eröffneten und exzidirteu tuberkulösen 
Herden wird ausschliesslich Vioforuigaze benützt. Ein solcher 
Tampon kann bis zu 2 Wochen liegen bleiben. Dieser Vortheil, 
den Tampon lange liegen zu lassen, macht sich zumal bei jauchigen 
Wunden angenehm bemerkbar. Dabei ist das Vioform völlig un¬ 
giftig, reizlos (nie Ekzeme!) und geruchlos, es besitzt die guten 
Eigenschaften des Jodoforms ohne dessen Schattenseiten. 

lief, kann nach seinen weiteren Erfahrungen die Beobach¬ 
tungen von Sch m i e d e lt nur bestätigen. lief, hat seit nunmehr 
1 Jahren kein Jodoform, ausser zu Jodoform!ujektionen, mehr 
verwendet. 

28) F r i t z s c h e - Leipzig: Ueber Unterkieferprothesen und 
über einen neuen künstlichen Unterkiefer. 

F. berichtet über 4 an der F r i e d r i e h*sehen Poliklinik 
beobachtete Fälle von Kieferresektion, bei denen er Prothesen 
nach verschiedenen Methoden mit gutem Erfolg angefertigt hat. 
Eine von ihm seihst konstruirte, auf dem M arti n’schen Prinzip 
beruhende Schiene wird genau beschrieben. 

29) 11 o m m: Ein Fall von Chondroma petrifleans retro- 
peritoneale. (Hospital zu St. Jakob in Wilna.) 

Die etwa mannskopfgrosse Geschwulst breitete sich zwischen 
Kippenbogen und Dariubeinkamm aus und entbehrte eines eigent¬ 
lichen Stieles. Bei der Operation wurde das Peritoneum und das 
Zwerchfell verletzt. Glatte Heilung. 

30) Jeuckol: Ein Fall von geheilter traumatischer intra¬ 
peritonealer Blasenruptur. (Chirurg. Klinik Göttingen.) 

Der Fall war dadurch ausgezeichnet, dass sowohl nach der 
Verletzung wie auch später klarer Harn ohne jode Beimischung 
spontan entleert wurde. Die Diagnose wurde erst klar, als sieh 
perltonii isehe Symptome einstcllten. Laparotomie, Naht des Intra- 
peritonealen Itisses, völlige Heilung. 


31) Lorenz: Zum Vorkommen des Tetanus nach sub¬ 
kutaner Gelatineinjektion. (I. Chirurg. Klinik Wien.) 

Im Anschluss an die Mittheilungen von Gerulanos und 
Georg! berichtet Verfasser über 2 Fälle, in denen ol»enf;ills 
nach GelaliiieiiijokOoneti Tetanus beobachtet wurde. 

K rock e. 

Centralblatt für Chirurgie. 1901. No. 61 u. 52. 

No. 31. M. Subbotin-St. Petersburg: Neues Verfahren 
zur Bildung der Harnblase und Harnröhre mit einem Sphinkter 
aus dem Mastdarm bei Exstrophia vesicae. Epispadie hohen 
Grades und Urinkontinenz. 

S. trennt den vorderen unteren ltektumabsehnltt (einschliess¬ 
lich vorderem Aftertheilt völlig vom übrigen Kektum mittels einer 
senkrechten Schleiuihautmuskelwand, die lieugebihleto Höhle wird 
mit der Blase breit anastomosirt, letztere von vorne geschlossen. 
S. hat die Operation 2 mal erfolgreich ausgeführt und ist der 
Ansicht, dass selbe nahezu normale Verhältnisse von Blase und 
Urethra erzielt, insbesondere die Möglichkeit aufsteigender lu 
feklion der Ilarnwege vom Darm aus vermeidet. 

Zunächst wurde in Narkose ein senkrechter Hautschuitt vom 
:•». Kreuz Wirbel nach unten geführt, «ler auch die hintere Kektum 
wand spaltete, und das Steissbein resezirt. nach Stillung der 
Blutung wurde mit aseptischer Gaze ansgetupft und das Ilektum 
tampoiiiiL unmittelbar üb<*r dein »Sphinkter dann die vordere lick- 
tumwaml 3 cm lang eingesehnitt«>ii. in diesen Schnitt die hinter.* 
Blnsenwand vom Assistenten mit dem Finger oingestülpt und 
ebenfalls eröffnet, so dass zwischen Kektum und Blase «-ine br.'iie 
Kommunikation entstand, deren Künder mit Katgutnähten (mittels 
T r e 1 a t’selier Staphylorrliaphienadelu) befestigt wurden. Nun 
wurde um diese Anastomose herum ein mit twiden Enden am 
Perineum mündender hufeisenförmiger Schnitt geführt, dessen 
Künder von der unterliegenden Museularis etwas abpräparirt. dir 
etwas befreiten Lappenränder aneinander gelegt mit fortlaufender 
Katgutmiht zusammimgenäht, wobei auch die Museularis gefasst 
wird, und mit ebensolchen Nähten die äusseren Ränder des huf¬ 
eisenförmigen Schnittes vereinigt. Zum Wund Verschluss wurde 
| die aufgeschnittene hintere Kektum wand mit doppelter Katgut- 
naht vereinigt, der Hautschnitt vorsichtshalber nur thellweisr 
ztisnmiiiengcnäht und mit steriler Gaze draiuirt. Die whler- 
natürliehe vordere Blasenöffnung diente zum Anlegen eines Dauer- 
kath«*t«*rs. ein in's Kektum eingelegter Guiumiselilauch sicherte d.-u 
fr«*ieii Abgang »ler Darmgase. — Nach 2 Wochen Untersuchung iu 
Narkose und Verweilkatheter in die neug«*bil«lete Urethra, die bald 
darauf täglich katheterisirt wurde; Urin klar, in der Blase werde:! 
100 ccm Flüssigkeit gut zurückgehalten und bei willkürlichem 
Urlniron mit Kraft ausg<*w«»rf«*n. — Keine Incout. alvi. 40 Tage 
nach der Operation wunh-n die Künder «ler vorderen Blnseiiöffuuiig 
angefriseht und letztere mit Näht«*n geschlossen, Dauerkatheteri- 
sation der neuen Ur«*thra währeml ein«*r Woche durchgeführt. 

J. Wietlng: Ein Verband für Unterkieferfrakturen. 

Mittheilnug «»Ines Zugverbatules. «ler sich für eine mehrfach*» 

Kieferfraktur, in der die leicht lvponirbarenBruchstellen durch eine 
Kautschukschiciie nicht festzuhalt.ii waren, vielmehr immer 
wieder zurücksaiiken, gut bewährte. Nach gleichmässiger Dauer- 
polsteriuig wird Kopf und Hals in einen Gipsverbaud eiug»- 
schlosseii (der besonders am Uintcrkopf und den Warzenfortsätzen 
gut modellirt sein muss», in «li<*s«-n V«*rband wird «»in Zinkstreifen 
eing«»gipst, »ler an mehreren St«41«-ii und «len Enden eingekerbt 
ist. uiiil der in s«»iu«»r Lage dem Bogen «les Unterkiefers entspricht. 
Der am Kiefer befestigt»* Silherdraht wird nach Erreichung rich¬ 
tiger Stellung der Fragmente über dem Zilikstreifeu geknotet. 
Eventuell kann zur Erzielung permanenter Extension ein Stück 
Gummisehlaucli in »len Verlauf »les Silberdralit«*s eingefügt werden 
(vergl. Al»bildung). 

No. 32. Fr. Kulm: Die perorale Intubation. 

K. hat unter versclii»»<leni , ii Voraussetzungen Apparate kon- 

struirt uini Versm-lu* angestellt, die Methode der peroralen In- 
tiihatiou auszubauen: er beimtzt jetzt hiezu ein Metallsclilaurh- 
r»*hr. zur Einführung einen Führungsstal» mit Handgriff, zur I‘>e 
festigung aussen am Mund einen zwischen die Zähne ragemlen 
Fortsatz und ein schildartiges «pieres Stück, das mittels einer 
um «len Kopf g«*führten Gum misch nur befestigt wird: »lie TechniK 
der peroralen Intubation ist besonders beim Erwachsenen ein 
fach, nur bei sehr reizbarer Schleimhaut event. vorher etwas 
Kokain oder Antipyrln anzuwenden. Durch Zug au der Zunge 
wird die Epiglottis hochgezogen und die Unterseite mit «lern linke» 
Zeigefinger umgriffen, an dieser entlang die Kanüle elngefiihrt 
Als Indikation bezeichnet K. vor Allem ihre Verwendung, wo "* r 
bisher wegen Kompression der Trachea tracheotomiren mussten, 
also bei Struma und Strumektomie; nach seinen Erfahrungen ist 
es bei starker Kompression d«*r Luftröhre durch Strumen, so dass 
die Fortsetzung der Narkose und Weiterarbeiten in der Narkose 
ohne Tracheotomie unmöglich gewesen wäre, mittels peronilcr 
Intubation leicht möglich, momentan Luft zu schaffen, die >«''• 
kose ungestört fortznsetzen und die Strumektomie iu aller R« llC 
zu beenden, und sieht K. den grossen Vortheil gegenüber der 
Tracheotomie in diesen Fällen in «ler rascheren Ausführbarst*'» 
und Keimfiviheit der Wunde. Zweitens wird die Operation u> 
hängendem Kopf durch die perorale Methode in vielen Füllen aJ 
entbehren sein. Viele Patienten ertragen nach Einlage der Kauuie 
Schwamme und grosse Tupfer tief hinten im Rachen leicht, wctiei 
Zunge noch Kiefer brauchen gehalten zu werden. Ein even- 
Glottiskrampf ist leicht und ganz zu heben. Direktes Einblast’ 
von Luft ist bei Asphyxie nach Einlage der Kanüle mittels eines 
aufgesetzten Gummiballons leicht möglich. Sehr. 


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14. Januar 1902. MIJENCIJENER MEDICINISCIIE WOCHENSCHRIFT. 78 


Centralblatt für Gynäkologie. 1901. No. 52. 

No. 52. 1) E. Kehrer- Bonn: Beitrag zur Behandlung 

chronischer Beckenexsudate. 

Nach einer kurzen Aufzählung der üblichen Resorptlouskuren 
chronischer Beckenexsudate beschreibt K. eine Modilikntion des 
von Tolan o unlängst beschriebenen Apparates zur Ileissluft- 
therapie (cf. dieses Bl. No. 33. pag. 1328). Der Apparat besieht 
aus einer Reifenbahre von Blech, in der sich 4 E diso n’sclie Glüh¬ 
lampen befinden; er wird auf das Bett über Bauch und Öber- 
sehenkel gesetzt und mit einer Wolldecke bedeckt Er strahlt eine 
Hitze bis zu 150° C. aus und erzeugt 1 h> 1 deu Kranken eine Zu¬ 
nahme der Eigenwärme von 4—6 Zehutelgrad. Bei seiner An¬ 
wendung entsteht eine bedeutende Schweisssekretion; K. lässt die 
Frauen am 1. Tag 20 Minuten lang schwitzen und steigt bis zu 
45 und 00 Minuten. Seine Resultate sind sehr günstig. Ausser bei 
chronischen Beckenexsudaten eignet sieh die Behandlung auch bei 
Paranietritis posterior. Perimetritis und Pelveoperitonitis, vielleicht 
auch bei Bauehdeckenfisteln, zur Lockerung peritonealer Ad¬ 
häsionen. Netzadhilslonen und zur Behandlung der infantilen ; 
Formen der Inneren Genitalien. Der von K. empfohlene elektrisch** 
Apparat zeichnet stell durch grosse Bequemlichkeit und Sauber¬ 
keit aus, setzt aber eine Elekrizitätsquelle von mindestens 110 Volt 
voraus. 

2) H. T h o in s o n - Odessa: Behandlung gynäkologischer 
Krankheiten mit heisser Luft. 

Th. verwendet schon seit 18!KJ di«* Heissluftthernpii* hei nicht 
akuten entzündlichen Erkrankungen der Adnexe und bei Pelveo¬ 
peritonitis. Bei Exsudaten, auch subakuten, war die Wirkung 
eklatant, ebenso bei Endometritis. Metritis, Lnktationsatrophie des 
Uterus und Oedemen der Beine. Er benutzt einen mit Oeffnungen 
versehenen Hohlcylinder aus mit Wasserglas imprägnirter Papp**, 
der durch eine Spiritus- oder Petroleumlampe geheizt wird. Die 
Betttemperatur steigt dabei nur etwa bis 50 —00° C.. doch geht di** 
Eigenwärme der Pat. unter starkem Schwitzen bis auf 38° und 
darüber. Kontraindizirt ist die Behandlung nur bei Ilerz- oder 
Gefässerkrankungon. J a f f C* - Hamburg. 

Zeitschrift für Tuberkulose und Heilstätten wesen. II. ßd. 

Heft (>. 

B 1 e 1 e f e 1 d t: Bekämpfung der Lungentuberkulose als 
Volkskrankheit auf Grund der deutschen Arbeiterversicherung. 

Ein das dem deutschen Leser meist bekannte Material über 
«las Thema enthaltender Vortrag. 

Einige Daten: „Von allen männlichen Arbeitern aus dem 
Bergbau un«l Hüttenwesen. Industrie und Bauwesen, die b.s zum 
Alter von 30 Jahren invalid werden, leiden mehr als die Iliilfte 
an Lungentuberkulose. Ebenso ungünstig ist das Verhältnis» bei 
weiblichen Rentenempfängern der gleichen Bcnifsklasson im Alter 
von 20—24 Jahren, während in den Altern von 25 —20 Jahren bei 
nahezu der Hälfte aller invaliden Frauen aus diesen Berufsklassen 
<li<* Invalidität auf Lungentuberkulose zurückzufiihron ist.” — 
..Bis Ende 1000 sind mehr als 17 Millionen Mark zur Verhütung 
der Invalidität von erkrankten Versicherten licrgogeben. Davon 
entfallen allHn auf das Jahr 1000 0 207 211 Mark und davon 
wieder 3 700 701 Mark, also weit über die Hälfte, auf Tuber¬ 
kulose." Es klingt sehr selbstverständlich, wenn B. sagt: „Soweit 
die gesetzlichen Hilfsmittel für die Familie des Kranken nicht 
genügen, greift auf Empfehlung der H«*ilstättenv«*rwaltiing**n 
u. s. w. die freie Liebesthätigkeit von Wohlthätigkeitsvor« inen und 
Privatpersonen Platz. Es handelt sieh dabei nicht nur darum, 
die Familie vor augenblicklichem Hunger und Noth zu bewahren, 
sondern <s müssen auch die oft noch bei anderen Fnniilicngliedeni 
vorhandenen Kranklicitskeiine rechtzeitig beseitigt und gesunde 
hygienische Anschauungen in die von «ler Ansteckung bedrohten 
Familien getragen werden." In der Praxis ist das meist nicht 
s«> einfach. — Es entspricht nicht den Tliatsaclieii, wenn, wie 
•lies jetzt oft geschieht, das deutsche Zentral-Komitee, der Berlin- 
Brandenburger Ileilstättenverein und der Berliner VolksheiIstiitt<*n- 
verein vom Rothen Kreuze als die 3 Führer auf dem Gebiete der 
Tulierkulosobekümpfung neben einander genannt werden. Die 
1 leiden letztgenannten sind Heilstüttenvcreino. wie auch derjenige 
zu München, zu Wiesbaden, in Sachsen u. n. und haben nur das 
voraus, dass sie in Berlin sind und sich desshalb hoher Protektion 
erfreuen. Ebenso ist es ein geschichtlicher Irrthuin, wenn die 
ILilstätte am Grabowsee als erste deutsche Volkslieilstätte be- 
z«*ichnet wir«l. Sie ist der geschichtlichen Entwicklung nach erst 
die fünfte *). 

Dvorak, k. k. Obersanitütsrath, Abgconlnetcr in Opocno: 
Ueber die Frage der Errichtung von Isolirabtheilungen oder 
Krankenhaussanatorien in allgemeinen öffentlichen Kranken¬ 
häusern in Oesterreich. 

I». hat mehrere Anträge auf Bekämpfung der Tuberkulös«? 
••iiigebraclit. dit? alle angenommen, aber aus Mang«*l an «1«*n 
n<'»Miig«*n Geldern nicht «lurehgeführt wunleii. Trotzdem hat er 
«s wieder mit einem Anfrage versucht, „betreffend die Errichtung 
\«m besonderen, mit Liegehallen und allen modernen Einricht¬ 
ungen ausg«-statteten Sonderabtbeiluugen für Luug«*ukrank<? bei 
all«*» neu projektirten und rekonstruirten allgemeinen «itT«*ntliolit-n 
Krankenhäusern in B«"*hinen, und betreffend <ii<> Fesls(«*llung dieser 
Anforderung als Bedingung für die Ertheilung des Ooffeutlichkeits- 
n-chtes aller neu errichteten öffentlichen Krankenhäuser". Er 

•» Siehe Liebe, 5. Bericht über den Stand der Volksheil- 
stätteuliewegmig. 


führt dann das bis jetzt vorliegende Material über diese Frag«* 
im Zusammenhänge vor. 

Blad und V i d e be c k - Kopenhagen: lieber die Diazo- 
reaktion, besonders ihr Auftreten bei der Lungentuberkulose. 
(Fortsetzung aus Heft 5.) 

Nach Besprechung der bisherigen Veröffentlichungen schildern 
die Verfasser ihn* Versuch«* und kommen endlich zu dem Ergeb¬ 
nisse: „In Anbetracht dieser Verhältnisse ist es einleuchtend, dass 
eine Reaktion, und zwar besonders ein«* mit negativem Resultat, 
auf unsere Auffassung d«*r Prognose «»inet* Lungentuberkulose 
kaum einwirkt, und dass Michaeli*» Vorschlag, die Diazo- 
reaktion solle ein Kriterium für die Aufnahme eines Patienten 
in einem Sanatorium sein, dahin erweitert werden muss, dass 
wenigstens eine Reihe von Untersuchungen verlangt wird.“ 

S t e i n t li a 1 - Berlin: Die Prophylaxe der Disposition. 

Bedauerlicher Weise kann man nicht in einem Referate ein«*» 
ganzen Artikel nhdruckcn. sonst timte ich es liier. Nicht durch 
Bazillenfang wird Prophylaxe der Disposition getrieb«*n, sondern 
durch Vorbeugen der Gewebsschwäohe des Volk«*«. D«*tn körper- 
lich arbei(«>nd«*n Volke muss ein«* liesser«*, an Ei\v«*iss rei«*bi»re 
Nahrung zur Verfügung stehen. Fleisch und Fett müssen billige 
Nahrungsmittel werden. Der Arzt muss, wie es auch Iltieppc 
in München ansspmeh, Sozialhygieniker werden. In zweiter Linie 
muss die Wohumigshygienc mehr g«*pti«*gt wer«l«*n. 

Esser-Köln: Die Wirksamkeit des Vereins zur Ver¬ 
pflegung Genesender in Köln. 

S o b o 11 e - Berlin: Zur Heilstättenbewegung im Ausland. 

F r i e d r i c h - Dresden: Mittheilungen aus dem Küsten- 
hospitnl zu Refsnaes 1875—1900. 

Liebe- Waldhof Elgershausen. 

Centralblatt für Bakteriologie, Farasitenkunde und 
Infektionskrankheiten. Hd. 30, No. 23 u. 2 4. 1901. 

1) Martirano-Roiu: Anopheles claviger, Wirth eines 
Distomum. 

Bei der Priiparining. von Anopheles, welche in Ställen 
gefangen worden waren, fanden sieh häutig in der Bauchhöhle und 
in den Kierslöcken kleine D i s t o m e n. Zuweilen sassen sie auch 
im hinteren Segment dt*s l'nt«*rlcibes und in der Speicheldrüse. 
Gewöhnlich war das Thier inkystirt. int Thorax und im Unterleib 
manchmal aber auch frei. Das Distomum ist nur 1,3 u lang 
und etwa 0,2 u breit. 

Da «li«? Disionieit gefährlich«» Parasiten w«*rd«*n können, so 
wäre es sehr wichtig, den näheran Entwicklungsgang dieses Tliieivs 
zu kennen. Möglich ist, «lass das Distomum in «len Körper eitles 
anderen Wirthes eindringt, wenn di«* Anopheles eine Beute dieses 
anderen Thieres wird. Da aller dl«* Larvcniintersuehung fehlt und 
der andere Wirth <l«*s Distomum noch fehlt, so ist vorläufig noch 
nichts damit bewiesen. 

2) A. J o o s - Brüssel: Ueber die Bedeutung anorganischer 
Salze für die Agglutination der Bakterien. 

Die Arlieit ist eine Erwähnung auf Angriffe von Fried¬ 
berger. auf die aber nicht näher eingegangen werden kann. 
Nach nochmaliger Prüfung «ler Thatsaclum lässt sieh Folgendes 
sagen: Die Agglutinationsorseheinung zerfällt in 2 ganz bestimmte 
Phasen. In d«*r ersten verbinden sleli di«* spezifischen Substanz«*!! 
mit dem Salz, ganz analog einem elnunisohen Doppelsalz. 

In der zw«*it*-n Phase sinken die Bakterien gleich einem 
«•hendselH'ii Ni«*d«*rsehiage zu lhxlen. Besonders aufmerksam wird 
darauf gema« lit, «lass, wenn man genaue Versuche ül>«*r «lie 
Agglutination anst«*llcu will, man mit einem sehr aktiven 
Serum arbeiten muss; man erhält dies leicht durch Immuni- 
siren in di«* Bntu-hhöhlc mit lebetnlen Knltuivn. 

3) G. v. R i g 1 e r- Klaus«>n!»urg: Das Schwanken der Alkalizi- 
tät des Gesammtblutes und des Blutserums bei verschiedenen 
gesunden und kranken Zuständen. (Fortsetzung folgt.) 

4) S c h o t t m ii 1 1 o r - Eppcnilorf: Ein keim- und wasser¬ 
dichter Doppelverschluss für Flaschen. 

Die Neuerung besieht «larin. «lass ein in einen Flaschenhals 
cingcscldiff«*ner Glasstöpsel in «ler inneren Kuppe einer kleinen 
Glnsghxke eing«*selimolz«*n ist. di«* beim Aufs«*tz«*n des Stöpsels 
in den Flusclmnhals h*tzt«*r«*n ülM*r«l«*ckt. Zwischen di«* Innenseite 
der Glasglocke und des Flaschenhalses wird Watte gebracht. 

No. 24. 1) K. Iv r e s I i n g - Petersburg: Ueber die Fett¬ 

substanz der Tuberkelbazillen. 

Die Analysen d«*r zur Tuberkulinbildung h«*rgestt*llt«*n 
Tubcrkolliazillenmassen ergaben getrockn«*t: 3,9 Proz. F«*u<*btigk«*it: 
2.5 Proz. Asche: 8.5 Proz. Sii«*kstotT: 53.6 Eiweiss; 38.9 Fett: stiek- 
stofffrei«* Substanz«*» 0.9. Die «lureli (’ldoroform extrahirte fett- 
artig«* Substanz enthält: frei«» F«*li säuren. Neutraifette. Lecithin, 
('hol«*sli'rin. ttn«l im Wasser lösli<-ln* Stoff«*. 

2) A s e «» 1 i - Genua: Ueber den Bau der Bakterien. Von Dr. 
N a k a n i s h i. 

Da N n k a n i s h i A s «* o 1 i's Arbeit über ähnliche Re- 
«dinchtttngeii übcrseln*» hat. weist L«*tzter«*r N a k :« n i s ti i darauf 
hin, «lass er zu einzelnen nndi-tvn R«*snltaten gekommen ist. 

3) O. S i «* Im* r t h - Niindu-rg: Zur Aetiologie der Pulpitis. 

Erwiderung auf «ln* Angriff«* Arkövy's. «lie darin gipfeln, 

dass Sieb <• r t h d«*n B a <• i 1 I u s g a n g r a «• u a e p u I p a <* 
Arkövy’s für «*in«*n Mcs«mt«*rieus hält, <l«*r keineswegs mit «ler 
Zahupulpagangriiu in Zusammenliang sieht. 

4) G. v. Riglcr-Klausenburg: Das Schwanken der Alkalizität 
des Gesammtblutes und des Blutserums bei verschiedenen ge¬ 
sunden und kranken Zuständen. «Schluss folgt.) 

K. <). N e u tu a u u - Ki d. 


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74 


MI)EN C 11 EN ER MED1CINISOITE WOCHEN,SCIIRI FT. 


No. 2. 


Berliner klinische Wochenschrift. 1902. No. 1. 

1> W. A. F r e u n d - Berlin: Thoraxanomalien als Prädis 
Position zu Lungenplithise und -Emphysem. (Schluss folgt.) 

2) U. I‘ f «* i f f «> r und E. F r i «* «1 1> «• r g «• r - Königsberg i. Pr.: 
Ueber Antikörper gegen die bakteriolytischen Immunkörper 
der Cholera. 

Furch die Versuche der Verl', erscheint nun bewiesen, dass 
die ('hoterniinimnikörpcr der Ziege und des Kaninchens spezilisch 
different sind: ferner, dass die Uhoteraainbmvzoptoren des nor¬ 
malen Ziegeiiseruins und des der spezilisch imuiuiiisirteu Ziegen 
identisch ist. Die Angaben des Artikels eignen sich nicht zu 
einem kurzen Auszuge. 

3) L. A p p e 1 b a u m - Berlin: Blutuntersuchungen an Phthi¬ 
sikern. 

Verf. berücksichtigte bei sein; n Untersuchung n besonders 
auch den wechselnden Wassergehalt des Blutes, (‘inen Faktor, der 
häufig nicht genügend in Kechnung gezogen wird. Fr untersuchte 
ferner nur reine Fülle von Phthise und zwar mit genauer Rück¬ 
sicht auf die Stadien der Krankheit, in welchem sich die Be¬ 
treffenden zur Zeit der Untersuchung befanden. Im ersten 
Stadium der Tuberkulose ergab sich kein typischer Blutbefund; 
doch wiesen die Fülle mit chronischem Verlauf, der sich schon 
über vieh* Jahre erstreckte, das Bild einer mehr oder weniger vor¬ 
geschrittenen Anämie auf. während eine 2. Gruppe der hielier ge¬ 
hörigen Kranken, nämlich solche mit kleiner Gestalt, gutem Fett¬ 
ansatz und frischer (Sesichlsfarbe. einen ganz normalen Blut- 
befmul aufwhs. Im 2. Stadium kann die vornehmlich durch Nacht¬ 
schwei sse und Diarrhöen verschuldete Verarmung des Blutes an 
Wasser eine Verbesserung des Blutbildes Vortäuschen. Doch han¬ 
delt cs sich thatsiichlich um eine unter der Oligämie niaskirte 
vorgeschrittene Anämie. Im 3. Stadium tritt die Anämie noch ver¬ 
stärkter hervor, indem sümmtliche Bestandtheilc des Blutes mit 
Ausnahme der I.eukoc.vteu eine Verminderung aufweisen. Letz¬ 
tere sind zum Tlieil sehr hochgradig vermehrt. Offenbar sind rot he 
Blutkörperchen massenhaft zu Grumte gegangen und zeigt die 
Vermehrung der Leukocyteu eine intensiv einsetzende Infektion 
an. Die nähere Untersuchung der Leukoeylcn ergibt, dass es sich 
bei der Vermehrung derselben hauptsächlich um Zunahme der 
neutrophilen polynukleären Zellen handelt. 

4i M e n z e r - Berlin: Ueber Angina, Gelenkrheumatismus, 
Erythema nodosum und Pneumonie, nebst Bemerkungen über 
die Aetiologie von Infektionskrankheiten. (Schluss folgt.) 

öi II. Ehret und A. S t o I z - Strassburg i. K.: Ueber ex¬ 
perimentelle Cholecystitis, und Cholangitis autoinfektiösen Ur¬ 
sprungs. 

Schon früher haben die Verf. nachgewiesen, dass das Zu¬ 
standekommen einer Infektion der Gallenwege in erster Linie 
daran geknüpft erscheint, ol* eine Behinderung der .Motilität der 
Gallenblase und des Gallcnsl ronies best) lit. Die jetzt mitgetheilton 
Versuche beschäftigten sich nun damit, oh es möglich ist. auch 
ohne Einbringung eines infektiösen Materials, nur durch Schä¬ 
digung der Gnlh'tihcwcguug. entzündliche Erscheinungen im 
Gallensystem zu bewirken. Die an iaparotomirleu Hunden vor- 
genommenen Untersuchungen zeigen nun. dass diese Frage zu be¬ 
jahen ist. Den Thiereii wurden st: rilisirte Fremdkörper in die 
Gallenblase gebracht, so dass die Gallenblase damit ausgefüllt 
war. Wurden die Thiere nun normal genährt, so blichen sie lange 
Zeit nach der Operation gesund, erkrankten aber und gingen an 
entzündlichen Erscheinungen der Galhnwcge resp. der Gallenblase 
zu Grunde, wenn ihnen statt der gewöhnlichen Nahrung eine 
schlechtere, darunter gelegentlich verdorbenes Fleisch, gereicht, 
wurde. Die Keime, welche bei der Sektion der Thiere gefunden 
wurden, gehörten grössientheiis der Koli-Gruppe an. zum Tlieil 
neuen, aber der Koli-Gruppe zugehörigen Arten. Es besteht kein 
Zweifel, dass di • Ern ger der Vorgefundenen Entzündungen aus 
dem Thi« rkörpi r selbst stammen, dass man es also mit Ent¬ 
zündungen autoinfektiöser Natur zu tliun hat. Die letzteren kamen 
leichter zu Stande, wenn die eingebraebteii Fremdkörper in die 
grossen Gallenwege gewandert waren, als.wenn die Gallenblase 
damit augcfiilit worden war. G r a s s m a n n - .München. 

Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte. 32.Jabrg. No. 1. 

Als Beilage: Im Doktorhause. 

Den Doktorsfrauen und -Helferinnen gewidmet von L. Z. 

Theodor II e u s s e r-Davos-Platz: Die Behandlung der Tuber¬ 
kulose mit Zimmtsäure (Hetol). 

Auf die hauptsächlich polemischen, gegen Staub (ibid. UM) 11 
gerichteten Ausführungen wird in Bälde in anderem Zusammen¬ 
hang eiligegaiig« n werden. 

Oskar Kreis: Kraurosis und Ulcus rodens vulvae. (Aus 
dem Frauenspital Basel.) 

Klinische und anatomisch" Beschreibung eines (operirteni 
Falles dieser seltenen Kombination. Für die Entstehung des 
Ilautkrehses. der schon fiiih .Metastasen und bald Rezidiv in «len 
Drüsen zeigte, kamen am li chemische und mechanische Reize in 
Betracht 

Carl S e h u 1 e r - Zürich: Ein neuer Ligaturenhalter. (Mit 
Bihl.i 1 >r. O. Pis c li i n g e r. 

Österreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 1. 1) II. Schlesinger und II. W e i e h s e 1 l» u li m - 

Wien: Ueber Myiasis intestinalis. (Die Fliegenlarvenkrankheit 
des Verdauungskanales.) (Schluss folgt.) 


21 F. P a s s i n i - Wien: Ueber granulosebildende Danu- 

fcakterien. 

Verf. theilt in seiner vorläufigen Mittheilung mit. dass «ler 
liarni ausser verschiedenen schon bekannten Ana"robicru iio !i 
eil:«* lb' be von Bakterien beherbergen kann, die granulös 'Pag.'in! ■ 
Vegetati« nsfoiim n zu bilden im Stande sind. Aus verschiedene:) 
Stühlen konnte er bis jetzt 3 Spezies derartiger Bakterien in Rein¬ 
kulturen züchten, deren Morphologie und Biologie ln Kurzem be¬ 
schrieben wird. 


3,i R. G r n s s h e r g e r und F. I* a s s i u i - Wien: Ueber die 
Bedeutung der Jodreaktion für die bakteriologische Diagnose. 

Der Vortrag eignet sieh nicht zu kurzem Auszug. 

I) Zu p p i n g e r - Wien: Zur Aetiologie des Pneumothorax' 
im Kindesalter. 

In dem vom Verf. inilgetheilten Falle hatte ein 2(4 jähriges 
Kind eine 4 ein lange Kornähre, welche aus dem Strohsaek seines 
Bettes hervorstand, in der Nacht aspirirt und ging in kurzer Zeit 
unter dem Bilde des Pneumothorax zu Grunde. Bei der Sektion 
zeigte es sich, dass die Aehre in «len Bronchus «los rechten Unter- 
lappens gerathen war und hier die Pleura durchstossen hatte. Am 
Endtheil des Haupthroiiehus war ein kleiner Abszess zur Aus¬ 
bildung gekommen. Fmndkörper. auch Askariden, können auch 
vom Oesophagus aus einen Pmuimothurax lu*rv«»ruf**n. Auch durch 
die Prnhcputiktiou kann in s«*ltenen Fällen ein Luftaustritt iu dir 
Ph'urahöhh' i'intreien. Aetiologiscli kommt ferner der Keuch¬ 
husten und die Tuberkulös * in Betracht, ferner Lungengaugrün. 
Pneumonie. Empyem und Emphysem, «loch sind diese Ereignisse 
ziemlich selten. Verf. theilt einige dit'ser Beobachtungen mit. 

G rass m a n u - München. 


Wiener medicinische Presse. 

No. 1. K. D i w a 1 d - Marburg: Ruptur der Quadriceps- 
seline, Pyartbvos des linken Kniegelenkes nach Sturz. 

Das Beiiierki iiswertlie des Falles ist «li«* trotz der schweren 
Verletzung. Abreissung und Splilti'fung der Patella und Vereiter¬ 
ung so gut wie vollständig wieder lu*rgestellte Beweglichkeit des 
< telcnkes. 


Wiener klinische Rundschau. 

>1. L. II ö f 1 m a y r - München: 


Zur Behandlung der 


No. 

Tabes. 

Von den 30 Tabeskrankmi. über «lie Ilöflmayr beruhtet, 
sind 20 zugestandeiiermaasseii lm lisch inlizirt gewesen, nur einer 
war «*s sicher nicht. Obsehoii daher eine antisyphilitische Kur 
das Nächst Heuende gewesen wäre, ist II. im Allgemeinen von einer 
solchen nbgekommen. Er legt vielmehr das Haupthestrel)«*n auf 
«li«* Helumg des allgemeinen Gesundheilszustandes der Patienten, 
und zwar durch geeignet«' diätetische Maassnahmou. verbunden 
mit hydrotherapeutischen Prozeduren, zum Beispiel dreimal 
wöchentlich wiederholte Bäder mit darauffolgendem Ganz Wickel, 
in dem di«* Kranken nicht schwitzen, sondern nur dunsten solh'ii. 
Zum Schluss nasse, dann trockene Abreibung und ein kurzer 
Spaziergang. Im Sommer sind Flussbäder von nicht unter llU 
empfehlenswerth, oft von günstiger Wirkung auf das Gefühl von 
Pelzigkeit. Ein srhh eiiter Ernährungszustand fällt in pro 
gtiostisolier Hinsicht von vornherein schwer iifs Gewicht. Bei 
den F r «• n k e rselien Uebungen ist auf das ausgiebige Holum 
der Fersen besomters zu achten; sie sind für II. nur «'in Tlieil 
«ler psychischen B «* h a n <11 u li g , mit der sieh hei der 
Tabes viel mehr «'rreiela'ii lässt, als allgemein angenommen wird. 
Schon «lie Ataxie ist zum Tlieil der Ausdruck einer gesteigerten 
Aeiigstliehkeit und ihre Stärk«* oft direkt abhängig von psyi-hiselien 
Einnässen: so hat ein Schreck bisweilen «'ine momentan gerad«'/.u 
lähmende Wirkung, auf der anderen Seit«' wird, wo es gilt, eitler 
Gefahr zu «mtrinnen, die Ataxie mit einem Mal überwunden. Wenn 
auch «lie Tabes im anatomischen Sinn unheilbar ist. so lassen sieh 
bei geeigneter Behandlung in günstigen Falten ihre Symptome Ins 
zur völligen Arbeitstitehiigkcit des Patienten beseitigen. 4 g - 
.iiauer beschriebene Fälle legen davon Zeugniss ab. . , 

| IJ ö 1 s c h e r - Tühingt n: Ueber expei-imentelle Untersuch»^ 
ungen mit säurefesten Bazillen. 

Von (teil morphologischen und kulturellen Unterseh teilen tltjl 
3 untersuchten BazUlenarten (des Butterbazillus Petri-Ilabi- 
nowitseb, «1«'S Grasbazillus II und des Thnothecbazilhis 
Mo oller) seln'ti wir al*. Si«> erwiesen sich als pathogen für 
Kaninchen und Meerschweinchen und zwar entsprechen bei intra¬ 
venöser Injektion die Resultate ganz den mit echten Tub«*rkol- 
bazillen erreichten, weniger bei intraperitonealer Infektion, wäh¬ 
rend lokale Infektionsversueln* negativ austielen. Mit erwärmter 
steril isirlor Butter zusammen iutraperitoneal lujizirt führten 
TuberlveUiazilh'ii ebenso wie die in Red«' stehenden säurefesten 
Arten zu einer eigenartigen exzessiven schwartigen Peritonitis, 
lm mikroskopischen Bild waren L a n g h a n s'sche Ri«*senzelieii 
elieiiso wie «lie Struktur «ler Knötchen typisch wie bei Tuber 
kulose. Jedenfalls besieht eine nahe Verwandtschaft zwischen 
di«'scr Baziltengrnppe und dem Tuberkt'lbazillus un«l es «'rselii’inl 


A 


der häutige Gelialt «ler Markihutter an «Ibsen Bazillen nicht un- 
bedenklich. 

No. 1. .T. Pal: Ischialgie, Meralgie und Plattfuss. 

Das Vorkommen der Meralgie bei Plattfuss hat Verfasser 
seit seiner letzten Publikation (vergl. diese Woebensehr. lh'd. 
S. (VC») noi-h häutiger b«*o1»a«4itet. neuerdings fand «*r mehrmals 
auch eine, bisweilen heftige Ischialgie als Itegleiterselieinung «les 
Plattfuss«*». Von der Ischias ist dieselbe dadurch zu unter- 
seln'iden. dass der N. ischiadicus selbst nicht betheiligt und driH'k- 
emptiinlli« li ist, dass der Sehmer/, im Liegen sieh alsbald bessert 


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14. Januar 1902. MTTENCHENER MEDfCINISCHE WOCHENSCHRIFT. 75 


uiul schwindet und von den geläufigen Mitteln gegen Ischias nicht 
beeinflusst wird. Zur rationellen Anfertigung der sehr individuell 
nnzupassenden Schuheinlagen reicht, das Verständnis« der Schuh¬ 
macher nicht aus. dieselbe bedarf gründlicher ärztlicher Vebei*- 
wachung. 

Prager medicinische Wochenschrift. 

No. 48, 49. 52. L. S c li w a r z - Prag: Ueber einige Fälle von 
N ervenkrankheiten. 

a) Dystroph! a tu usculorum, ausgezeichnet durch 
die seltene Bctheiligung der Mm. deltoides, stipra- und int'raspinati 
und konipiizirt durch Tremor, Subsultus tendinmn. clmrea tisch * 
Zuckungen als Ausdruck einer familiären ncnropathischen Be¬ 
lastung. 

ln Polio in y e 1 1 t i s a e u t a a d u I t o r u m. 

Die Differentialdiagnose gegenüber Polyneuritis stützt sieh in 
diesem Pall vor allen Dingen auf die in kürzester Frist erfolgte 
Entstehung der Erscheinungen, eigenthiimlieh ist die Beschränk¬ 
ung derselben auf einen Arm. 

ei Po 1 y n e u r i t i s mit G 1 y k o s u r i e n a <• h In¬ 
fluenz a. 

In «1er Rekonvaleszenz nach Influenza entwickelte sich inner¬ 
halb 3 Tagen eine vollständige Lähmung aller 4 Extremitäten 
uml wahrscheinlich zugleich mit dieser Nervenerkrankung stellt.» 
sich nach Zufuhr von Kohlehydraten Zucker im Ham ein. welche. 
Erscheinung mit der in 2 Monaten unter Schmierkur und elek¬ 
trischer Behandlung erfolgten Heilung der Krankheit auch ver¬ 
schwand. 

No. 51. E. II e p u e r - Prag: Ueber Hedonal als Schlafmittel 
und dessen Anwendung in der inneren Medizin. 

Versuche aus der Jaksch’schen Klinik haben gezeigt, «lass 
das Mittel, wie auch von Anderen beobachtet, hei nervöser Schlaf¬ 
losigkeit, Neurasthenie, Delirien. Hypochondrie. Depr« ss'.onszu- 
stiiiidcn u. dergl. iu Dosen von 1—4 gr einen mehrstündigen Schlaf 
herbeiführt. Bei Schlaflosigkeit in Folge grosser Schmerzen pflegt 
cs zu versagen und es verbieten sich grössere Dosen durch d u 
schlechten Geschmack. In vereinzelten Fällen stellten sieh leichte 
Beschwerden, wie Feholscin, Erbrechen, Benommenheit des 
Kopfes, ein. B e r g e a t - München. 

Französische Literatni. 

D e v i c , ausserord. Professor zu Lyon und G a 1 1 a v a r d i n- 

1. yon: Studie über den primären Krebs der Gallenwega (Ductus 
choledochus, hepaticus und cysticus). (Revue de medecinc. Juli. 
August und Oktober 1901.) 

Dieser ausführlichen Monographie über den primären Kt eh* 
der Gallenwege ist folgendes zu entnehmen: Derselbe ist eine 
nicht sehr seltene Affektion; Verfasser konnten 55 Fälle sammeln, 
welche sämnitlich kurz beschrieben, ebenso wie die gesummte 
Literatur anhangsweise wledergegehen ist. Bezüglich «1 *r ätio¬ 
logischen Bedingungen zeigte es sich, dass dieselheu nicht die 
gleichen sind, wie für den Krebs der Gallenblase: wahrend von 
letzterem die Frauen 4—5 mal so häufig befallen sind, wie die 
Männer, sind Im Gegenthell diese viel mehr prädisponirt zum 
Krebs der Gallenwege (30 Männer auf Kl Frauen): die Gallen- 
steinkrankheit ist beim primären Karzinom der Gallenwege nur 
ln der Fälle erwähnt, während sie heim Krebs der Gallenblase 
viel häutiger ist. Die höchste Froquenzziffer kommt schliesslich 
in einem relativ hohen Alter, zwischen 50 und 70 Jahren, vor. 
I»er primäre Tumor kann sich an irgend einer beliebigen Stelle 
der Gallenexkretionswege entwickeln, von den 53 Fällen s iss dieser 
Tumor 22 mal aiu D. choledochus. 10 mal am hipath-üs uml seinen 
Zweigen und 15 uml im Niveau des Zusammenflusses der ver- 
schi.«lenen Ausführungsgänge. Makroskopisch ist das Aussehen 
dieses Tumors ein sehr variables. Er hat im Allgem «inen wenig 
Neigung zur Generallsation (in % der Fället und dieselbe sch *int 
sich ausschliesslich auf die Leber zu beschränken, welche sehr 
oft hypertrophisch ist (häufiger wie heim Pankrcaskarziimnn. Der 
primäre Krebs der Gallenwege ist hauptsächlich eliarakt -risii t 
(lm.ii einen chronischen Ikterus mit lnsidiösem B ginn und pro¬ 
gressivem Verlauf, begleitet oder nicht begleitet von Verdauungs¬ 
störungen oder Schmerzen, rasch gesellen sieb Symptom.* von 
Kachexie und progressiver Schwäche hinzu, welche in einem Zeit¬ 
raum von 2—0 Monaten den Tod herbeiführen. Stützt man sieh 
hauptsächlich auf die physikalische Untersuchung des L >ib« s. so 
kann man mehrere klinische Formen unterscheiden: 1. gewöhn¬ 
liche Form mit Hypertrophie der Leber, gross* Gallenblase; 

2. atypische Form mit oder ohne Hypertrophie der Leiter und mit 
Atrophie der Gallenblase; 3. Form, welche die Iiyp *r;rophisch 
biliäre Cirrhose Sn Folge von Leber- und Milzvergrüsserung Vor¬ 
täuschen kann, und 4. die ohne Ikterus verlaufende Form (1 Be¬ 
obachtung). Die Diagnose des primären Krebses der Gailemveg.* 
soll gewöhnlich bei bestehender biliärer Leberhypertrophie eine 
leb-hte sein; diflferentialdiaguostisch kann jedoch Krebs der 
V a t e r'sehen Ampulle. Neubildung am Pankiva skopie. Kom- 
pre-don durch degenerirte Drüsen in Betracht kommen. Die Mög¬ 
lichkeit eines solchen Krebses wird man immerhin dann erwägen 
u>ii**en. wenn in einem Falle von Obstruktion der Gallenwege. 
welche rein krebslgen Ursprunges zu sein .scheint, die Erweiterung 
der Gallenblase fohlt. Die Therapie sollte stets eine chirurgische 
win aber bis Jetzt waren diese operativen Versuche rein pallia¬ 
tiver Natur. 

H e m 1 i u S e r: Studie über einige seltene Komplikationen 

der Dysenterie. (Ibidem.) 


Die Ruhr zählt unter die in Tunis am häutigsten verkommen¬ 
den Krankheit« n; einige seltene Komplikationen, welche R. dabei 
beobachtete, sind hier mit genauer Beschreibung der einzelnen 
Fälle wiedergegeben: cs sind das 1 Fall von schwerer Nephritis 
imit tödtlicheni Ausgang). 2 Fälle von allgemeinem Anasarka 
(Heilung). 1 Fall von Gonarthritis und sekundärer Phlebitis (Aus¬ 
gang in Toil nach Vernachlässigung sowohl der primären Dys¬ 
enterie wie der Komplikation). 2 Fälle von Epidydimitis. 1 weiterer 
Fall \on Phlebitis mit günstigem Ausgang und als achter Fall 
kommt ein Milzab«zcss, welcher sich in das Peritoneum öffnete, 
allgemeine Peritonitis. Tod. Die Fälle betreffen insgesammt Sol¬ 
daten im Alter von 20—30 Jahren. 

Georges Guillain: Das hysterische Stottern. (Ibidem.) 

Von den Eiseheinungen der Hysterie sind die Sprachstörungen 
rieht die gewöhnlichsten: während die Aphonie und die hysterische 
Stummheit mit einer gewissen Häufigkeit beobacht t werden, so 
sind die Fälle von hysterischem Stottern und Aphasie relativ selten. 
G. I « ol achtete einen Fall von ausgesprochen liysteri-cliein Stottern 
bei einem 48jährigen Manne, bei welchem das Leiden ziemlich 
b>-iisk nach einem Trauma und vorübergehenden allgemeinen Lüli- 
mnngserseheinungen auf trat und welcher vorher ganz gesund ge¬ 
wesen war. Im Anschluss an diesen Fall bespricht G. die weiteren 
aus der Literatur gesammelten Fälle und die Differ. nti.ildiagnose 
zwischen dem gewöhnlichen «meist von Jugend auf bestehendem 
und «lein hysterischen Stottern. Letzteres verschwindet nn*ist 
nicht während des Singen«, ist nicht von R -spiratiousstörungen, 
wie sie Chervin hervorhob, begleitet, soii«l<*m von einer offen¬ 
baren Störung in der Motilität «ler Zunge. ausserdem bestehen 
Verändeiuugen in der Abfassung der Satz.*, ein Wort wird leicht 
vergessen, grammatikalisch«* Fehler wer«l«*n gemacht, all' dies 
sind Veränderungen, welche «l«*m g«*wöhnliehen Stottern nicht zu¬ 
gehören. B« zügiieh der verschiedenen Theorien, welche zur Er¬ 
klärung d« s hysterischen Stotterns aufgestcllt wurden, glaubt G., 
«lass sie zu 2 Ilauptkriterien führen: zentralen und peripheren Ur¬ 
sprung «Im* beobachteten Störungen; wenn in manchen Fällen, wie 
in den von G. beobachteten, das Stottern die Folg«» eines psychi¬ 
schen Einflusses ist, so kann in anderen, wo Motilitätsstörungen 
der Spraelmrgane vorhanden sind, der periphere Ursprung dieser 
Erscheinung wohl In Betra«-htung kommen. 

R. F r o «* 1 i c h - Nancy: Zur Behandlung d:3 Tumor albus 
im Kindesalter durch Gehverbände. (Revue nunsuelle des tna- 
j ladies «le 1’enfance, Oktober 19ul.) 

Di«* konservative Behnmllung des Tumor albus iin Kindesalter 
ist jetzt wohl bei der Mehrzahl der Chirurgen, welch.» einige Er¬ 
fahrung iu «l«*r Entwicklung der tuberkulös n Arthritis im Kind s- 
alter haben, eingeführt. Die beiden Hauptbedingung.n der kon¬ 
servativen Behandiiing sind gutes Allgeineinbetinden und absolute 
Immobilisirung des Gelenk«»». Die Lösung letzteren Problems 
wunle von verschiedener Seit«* versucht, di«* II <• s s i n g'sch.*n 
Apparate hält Fr. für «li«* vollkommensten, aber wegen ihrer Kost- 
spieligk«‘it nur bei «len Reichen für anweinlbar: Lorenz-Wien 
habe nun durch Kombination des Gipsverbnndts mit Metallspangen 
die Idealbehaudlung für alle Fälle von Koxalgie im Kin<l«»salt«*r 
g« s« baffen. Fr. beselireibl liier kurz diese Apparate, wie sie so¬ 
wohl für das llüftg«*i«*nU wie das Knie- und «li«* Fussgelenke von 
Lorenz angegeben sind (nur vermittels der beigegebenen 9 Ab¬ 
bildungen verständlich) und hebt schliesslich als besondere Vor 
theili* dieser Geliapparat«» hervor, dass man die Kinder schon 
nach wenigen Tagen wieder nach Ilause oiler auf's La ml sehiek«*n 
kann, «lass dadurch ein langer Aufenthalt im Krankenhaus«», welcher 
die Kinder besonders der Gefahr «ler Ansteckung (Bronchopneu¬ 
monie. Scharlach. Masern, Varicellen) aussetzt, uml am h die Kosten 
«less«*lbi*ii erspart werden können. Del* einfache Aul'«-nthalt auf 
dein Land»* und die Bewegung im Freien, welche durch die Geh 
apparte ermöglicht sind, bieten den mit 'rumor albus behnft«*ton 
Kindern «li«* besten Garantien zur Heilung. 

A 1 ba re 1 - Nevian: Die Rachitis am Ende de3 18. Jahr 
hunderts und zu unserer Zeit. lAnnahs de nn'*«h eine et Chirurgie 
infantiles, 1. Oktober 1901.) 

In dieser historiselu*n Abhandlung wird vor Allein eim*r Arbeit 
von P u j o 1 aus dem Jahre 1792 g«*da«*ht und li«*rvorg«*hoben, dass 
selion damals die Ansichten über Aetiologie und Wesen der It lehitis, 
wenn auch in mane]ii*n l'unkten etwas verworn n erseli inend, der 
Ilauplsaehe nach mit «len heutigen 'l'lieorien übi-reinstininn-n und 
«lass wir allen Grund halten, «li«* Beobachtungen früherer Autor«*n zu 
berücksichtig«*!!. Während die Symptome der Krankheit beinahe 
ebenso wie in <h*n Büchern «ler Jetztzeit b**seliri«*b«*n siml. sei«*n 
aus <l«*m zitirten Buche von Pujol «li«* Theorien über die Patho¬ 
genese angegeben. Es sind deren fünf: I. «li:» d«*r Deeallieatioii 
(ungenügende Zufuhr von Kalk, nng« niigeiule Assimilation dos- 
««‘Iben. Desassimilation»: 2. des syphilitischen Ursprunges; 3. des 
nervösen; 4. des bakteriellen Ursprungs (..ein eigenes Prinzip") 
und 5. «li«» Theorie «ler Autointoxikation; hei «len letzteren konnte 
es sieh natürlich nur um verwandt«* Begriff«» und nicht um die- 
j« lügen, wie sie InMitzutnge festsli"h«*n, handeln. 

F r «teil «• li - Nancy: 2 Beobachtungen von Darmokklusion 
durch fehlerhafte Stellung des Darmes, die eine durch Torsion 
des ganzen Mesenteriums um seine Wurzel, die andere durch 
Rotation des Coecums um seine vertikale Achse. (Ibidem.) 

In dem ersten Falle handelte es sich um einen 3jährigen 
Knaben: Operation, Tod; in dem zweiten, welchen ebenso wie <l«*n 
ersten die Ucberschrift genügend kennzeichnet, um einen Erwach¬ 
senen (Alter ?), der 15 Tage nach der Operation das Spital geheilt 
verlassen konnte. Iu der weiteren Besprechung dieser und «b*r 
einschlägigen Fälle aus der Literatur erwähnt Fr. die Schwierig¬ 
keit «ler Diagnose, welche für die Drehung des Mesenteriums um 


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Tr; 


MIIENO'HF.NER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


/ 


seine Wurzel beinahe unmöglich ist. fiir den Volvulus des Blind¬ 
darmes j; doch i'lier gelingt: von Wielii igkeit ist hier he-cmiL-rs 
das sogen. W n li l’sehe Symptom (hochgradige Ausdehnung der 
gedrehten i ».‘umschlinge, Immobilisinmg derselben, Gefühl der 
Härte bei der Palpation und dumpfer Schall im Gegensatz zum 
übrigen Theil des Leibes. 

/ Marie G o r o v i t z - Paris: Die Tuberkulose der weiblichen 
( Geschlechtsorgane. (Revue de Chirurgie, April. Juni, August bis 
\ Oktober 1901.) 

\ Die ausserordentlich fleissige Arbeit, welche Symptomatologie, 
Diagnose (histologischen Befund), Prognose der weiblichen Genital¬ 
tuberkulose eingehend behandelt und alle Dis jetzt veröffentlichten 
Fälle kurz aus der Literatur — Angabe derselben — anführt, 
kommt zu folgenden Schlüssen: Die Tuberkulose der weiblichen 
Geschlechtsorgane ist viel häutiger als man früher glaubte und 
zwar konnte man Dank der histologischen und bakteriologischen 
Untersuchungen und der Impfmethode in vielen Fällen, welche 
sonst nicht erkannt worden wären, die Diagnose stellen. Die 
Untersuchung der Sekrete und der durch C'iirettage entnommenen 
Partikelehen leistet in diagnostischer Beziehung die grössten 
Dienste in Fällen von tuberkulöser Endometritis: die letztere ist 
bekanntlich immer die Folge einer anderen Affektion. die viel 
häutiger ist. nämlich der Trnmpcntuberkulose. Die klinischen 
Erfahrungen und die operativen Eingriffe zeigen, dass diese Form 
der Tuberkulose am Peritoneum mehr oder weniger ausgesprochene 
Reaktionen und speziell eine bestimmte Form von Peritonitis mit 
abgekapseltem Exsudat hervorruft (von C r u v e i 1 li i e r mit dem 
Namen Ascites der jungen Mädchen belegt». Es ist daher bei 
Laparotomien wegen tuberkulöser Peritonitis beim Weibe ange¬ 
zeigt, immer bis zu den Adnexen vorzudringen und deren Zu¬ 
stand festzustellen. Sehr oft wird man erkennen, dass sie der 
Ausgangspunkt des Leidens sind und wird sie. wo immer möglich, 
gründlich abtragen; damit werden auch die peritonealen Erschein¬ 
ungen günstig beeinflusst. Pie operativen Erfolge z. B. von 
Bouilly, der bei 12 Eingriffen ebenso oft Heilung, welche 7. 
4. 4*4 und 2 Jahre zurückdatirte, erzielte, ermuthigen zu radikalem 
Vorgehen. Bezüglich der Pathogenese kann die Tuberkulose der 
weiblichen Geschlechtsorgane sowohl auf deszendirendem wie auf 
aszendirendem Wege entstehen, erstere scheint die häufigere. Die 
klinische Erfahrung lehrt die Möglichkeit der tuberkulösen Infek¬ 
tion durch den Koitus und die Experimente an Thieren führen 
zu dem gleichen Resultat; die Anwesenheit von Tuberkelbaziilen 
im Sperma der Phthisiker erklärt die Möglichkeit dieses An¬ 
steckungsmodus! Die experimentellen Untersuchungen, welcln* 
Verfasserin selbst vornahm, zeigen, dass der Tuberkelbazillus, 
ohne vorherige Verletzung auf die Schleimhaut der Geschlechts¬ 
organe verpflanzt, sich dort vermehren und die charakteristischen 
Veränderungen der Tuberkulose hervorrufen kann. Bezüglich wei¬ 
terer Einzelheiten muss auf die interessante Arbeit selbst ver¬ 
wiesen werden. 

Kallionzis. Professor für Chirurgie an der Universität 
zu Athen: Ueber die Anästhesie mit den subarachnoidalen Cocain¬ 
injektionen. (Ibidem, Oktober 1901.) 

Auf Grund von 100 Fällen, welche K. in der Klinik von 
Galvani in Athen beobachten konnte, und weiteren 11 Fällen, 
bei welchen er selbst das Verfahren von Tuffier ausführte, 
erklärt er dasselbe für eine zweifellose Bereicherung der chir¬ 
urgischen Anästhesie: die Todesfälle, welche man der Rachl- 
cocainisation zugeschrieben, seien in Wirklichkeit nicht durch 
diese verschuldet und die beobachteten Zufälle (Erbrechen, Kopf¬ 
schmerzen u. s. w.) nicht schlimmer wie nach Acther- oder Chloro¬ 
formnarkose. Ebenso wie bei letzteren ergehe es auch bei der 
Racliicoeainisatiou, dass Anfangs Vieh* über diese Kühnheit den 
Kopf schüttelten. Iv. hat die Ueberzeugung, dass diese Methode 
noch gute Dienste leisten wird, vorausgesetzt, dass man sich dabei 
strenge an die von T u f f i e r gegebenen Vorschriften hält. 

Pa ein co M e n d e s - Bahia (Brasilien): Ein Fall von Goundou 
oder Anakhre. (Ibidem.) 

Diese Affektiou besteht in einer knöchernen Neubildung, 
welche meist symmetrisch im Gesicht sitzt und nur bei Negern 
vorkommt. In Westafrika seit Langem bekannt, ist sie jetzt 
auch in Ostindien und in Südchina beobachtet worden und der 
vorliegende Fall, einen 24 jährigen Mulatten betreffend, der erste 
in Brasilien beobachtete. Derselbe zeigt einen Tumor auf der 
linken Seite der Nase von harter Konsistenz und der Grösse eines 
Taubeneies, dessen Beginn er ungefähr 2 Jahre zui iickdatirt; der 
Tumor wurde unter Lokalanästhesie mit dem Meissei entfernt. 
Die histologische Untersuchung ergab keinen anderen Befund, 
als den bei Osteitis und Osteom vorkominenden. Bezüglich der 
Pathogenese dieser Neubildung glaubt M., dass die Anakhre eine 
der schwarzen Rasse eigonthümlielu* Krankheit ist und zur Klasse 
der Troplioneurosen des Kiefers gehört. Anhangsweise gibt 
Jeanselme noch eine kurze Beschreibung dieser Krankheit, 
demnach beginnt sie im Allgemeinen während der späten Kinder¬ 
zeit, ist Anfangs von heftigen Kopfschmerzen, leichtem Nasen¬ 
bluten und schleimig-eitrigem Ausfluss aus der Nase begleitet: 
später verschwinden diese Symptome, während die Tumoren an 
beiden Seiten der Nase stetig wachsen, die Augenhöhlen ver¬ 
drängen und schliesslich zur Blindheit führen können. 

B e z y und Stojanof f: Die Schilddrüsenbehandlung beim 
infantilen Myxödem (Myxoedöme fruste). (Presse mödic. 1901, 
No. 04.» 

Genaue Beschreibung eines Falles von Myxödem, welcher im 
Alter von 1 Jnlir sich im Anschluss an Masern entwickelte. Das 
llauptsymptom war auffallende Zunahme des Fettpolsters, wäh¬ 
rend die Entwicklung im Uebrigou einen Stillstand zeigte und 


besonders die intellektuellen Fähigkeiten zurückblieben. Auf vor¬ 
sichtige und mehrmals unterbrochene Darreichung frischer Scliafs- 
scliilddrüse trat allmählich Besserung und beinahe Heilung (nach 
2*/ 4 Jahren) ein, so dass die kleine Patientin nun (Juli 1901» als 
normal anzusehen sei. Die Verfasser weisen auf die Wichtigkeit 
dieses Krankheitsbildes, das jeder Kinderarzt kennen müsse, hin. 
zumal eine rechtzeitig eingeleitete Kur die Patienten davor be¬ 
wahren könne, Zeit ihres Lebens minderwerthige Individuen zu 
bleiben. 

Louguet: Die extraseröse Transposition des Hodens. 

(Progres medical 1901, No. 38.) 

Diese Operation, welche unter Anführung dreier Fälle (von 
Varikocele» in Technik — nur vermittels der beigegebenen Zeich¬ 
nungen verständlich — Indikation und Schlussresultaten he 
schrieben wird, ist besonders bei llydrocole, Hümato- und Variko¬ 
cele anwendbar. Sie wurde von L. im Jahre 1898 eingeführt uud 
derselbe verfügt nun über eine Reihe von 50 Operationen, wovou 
50 wegen Hiimato- und Hydrocele. 3 wegen Ektopie der Hoden 
und 3 wegen Varikocele. Besonders gegen letztere scheint die 
Methode die Operation der Wahl zu sein, wenn überhaupt ein 
blutiger Eingriff möglich ist. L. unterscheidet verschiedene Ab¬ 
stufungen der Operation: 1. sog. innere Einpflanzung (wegen 
Hydrocele). 2. hohe Verlagerung (wegen Varikocele), 3. tiefe Trans- 
position (wegen Ektopie), 4. äussere uud 5. transseptale Ver 
Pflanzung, welch’ letzere beide aber sehr selten in Anwendung 
kommen. 

H. de Gouvea: Die Moskitos und das gelbe Fieber. (Bull, 
med. 1901, No. 81.) 

Die ausführliche, mit kartographischen Skizzen versehene 
Arbeit bespricht in einzelnen Kapiteln 1. Topographie, Boden und 
Klima von Rio-de-Janeiro, 2. die Eigenthümlichkeiten bezüglich 
der Lebensweise und Gewohnheiten der Moskitos, 3. Geschichte 
der Gelbtieberepidemien von Rio und SAo Paolo, 4. und 5. die Be¬ 
ziehungen der meteorologischen Verhältnisse von Rio und der 
Schwankungen der Malaria-Endemie mit den Gelbfieber-Epidemien, 
(>. die Moskitos in Zusammenhang mit dem Gelbfieber und schliess¬ 
lich 7. die Experimente der amerikanischen Aerzte über die Uebcr- 
tragung des gelben Fiebers durch die Moskitos. Die Schlüsse, zu 
welchen Verfasser seine Arbeit führt, sind, dass das gelbe Fieber 
weder durch direkte noch Indirekte Berührung übertragen wird; 
der noch unbekannte Keim der Krankheit muss sich im Blute des 
kranken Menschen befinden uud wird durch gewisse Moskitos (Culex 
taeniatus Meigen und andere Arten) übertragen. Die Prophylaxe 
dieser Krankheit ist dieselbe wie jene der Malaria und Filariose und 
besteht darin, dass auf jede Weise die Annäherung der Moskitos an 
die Menschen und die Wasserbehälter verhindert wird und die Er¬ 
krankten selbst isollrt werden (obwohl weder direkte noch in¬ 
direkte Ansteckung möglich sein soll? Ref.). Bezüglich der Zer¬ 
störung der Moskitos gibt G. schliesslich eine Anzahl Maassregeln 
an, wie Anwendung von Theer, Petroleum, Kochsalz gegen die 
Larven, Drainage und Regulirung des Bodens: auf den Schiffen 
sollen beim Verlassen der Hilfen in die verschiedenen Räume unter 
Druck Dämpfe von schwefliger Säure, welche die Moskitos zer 
stören, eingeführt werden. G. zweifelt nicht, dass, wenn einmal 
in allen zivilisirten Ländern diese Schutzmaassregeln genau be¬ 
folgt werden, nicht nur Malaria. Filariose und Gelbfieber, sondern 
wahrscheinlich auch Beri-Berl und Lepra unterdrückt werden 
können. 

M a i 11 a n d - Lyon: Der tuberkulöse Rheumatismus. (Pres 
inedieale 1901, No. 74.) 

M. bestätigt vollkommen die Angaben Foneet’s (s. die 
Woehensehr. No.38, S. 1507) bezüglich des Vorkommens und derEui- 
steliung des Rheumatismus bei Tuberkulösen, führt 3 eigene Beob¬ 
achtungen dieser Art an und glaubt, dass dieser Rheumatismus 
in seinen schweren Formen in Tumor albus oder Ankylose seinen 
Ausgang nimmt. Die klinische Unterscheidung vom wahren 
akuten Gelenkrheumatismus soll eine sehr leichte sein; bei letz¬ 
icrem seien passive Bewegungen unter den uüthigen Vorsichts¬ 
maassregeln sehr wohl schmerzlos zu machen, da vor Allem nur 
das poriartikuliire Gewebe ergriffen sei, während dies beim 
l'seudorbeumatismus, wo der Sitz der Erkrankung die Zwischeu- 
gdenksbümler seien, ganz unmöglich wäre. 

B e srodka: Die natürlichen Antihämolysine. (Annales de 
l'institut Pasteur, Oktober 1901.) 

li.. der bekannte Schüler M e t s c h n i k o f f’s, steht bei 
diesen schwierigen Experimenten ganz auf Seite der Theorien 
Gruber's. während er die Ansichten E h r 1 i c h’s, welche Ihm 
übrigens zur Zeit der Veröffentlichung dieser Arbeit noch nicht 
bekannt waren [von der Multiplizitüt der Antikörper und Gegen 
antikörper (substnnces iixatrices und antifixatriees)], völlig iin 
Gegensatz zu den von ihm gefundenen Thatsachen stehend erklärt. 
Der geistreiche Aufbau derselben, der sich aus den Angestellten 
Experimenten ergibt, lässt sich dahin zusammeufassen, dass 
Mensch und Thier normaler Weise für ihre eigenen rothen Blut¬ 
körperchen im Blutserum ein Antibämolysin erzeugen, welches 
m lir wahrscheinlich ein Antiautohämolysin sei. Es ist ferner au- 
zunelmien, dass jeder Kategorie von Zellen, welche ein Zellgift 
(Cytotoxin) erzeugen können, im Blutserum ein spezifisches Gegen¬ 
gewicht (Anticytotoxin) entspricht. Das Gleichgewicht zwischen 
diesen beiden (tixateur und antifixateur) muss einerseits durch den 
Grad der Zellenvernichtung, andererseits durch die Fähigkeit des 
Organismus, gegen diese Zerstörung zu reagiren, geregelt werden. 
Dieses Gleichgewicht kommt wahrscheinlich unter Mithilfe und 
vielleicht im Inneren der Leukocyten selbst, welche der Entstehung 
dieser beiden Substanzen Vorschub leisten uud diese in das Serum 
übertreten lassen, zu Stande. So muss der Vorgang im physio- 



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14. Januar 1902. 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


77 


logischen Zustande sein; interessant wäre es nun, so schliesst 
Besredka, wie diese Reaktion unter pathologischen Verhält- 
uisseu sieh gestaltet, in den Fällen, wo eine Kategorie von Zellen 
erkrankt ist, ferner bei Erkrankungen der blutbildenden Organe. 
Mau kann sich sogar fragen, ob diese Reaktion der Antikörper 
nicht bei der senilen Atrophie eine Rolle spielt, besonders seitdem 
Metschnlkoff die Holle der Makrophagen bei diesem Vor¬ 
gang bewiesen habe. 

Etienne S e r g e n t: Vorhandensein der Anopheles in 
grosser Zahl in einer Gegend, wo die Malaria verschwunden ist. 
(Ibidem.) 

Es ist an den Ufern der Esonne, einem Nebenflüsse der Seine, 
w« S. das Verschwinden der Malaria koustatirt hat, während die 
Moskitos (Anopheles) noch in grosser Zahl vorhanden sind. Ver¬ 
schiedenen anderen Umständen, wie Eindämmung des Flusses, 
Bewaldung der Ufer, verbesserten hygienischen Verhältnissen der 
Bewohner und in gewissem Grade dem Gebrauche des Chinins 
schreibt nun S. das Verschwinden der früher häufigen Malaria zu. 
Die Frage, ob nicht doch die vorhandenen Moskitos eine Gefallr 
für die Bevölkerung bilden könnten, beantwortet S. im positiven 
Sinne; denn sehr häufig kommen Soldaten oder Leute aus den 
Kolonien, welche malariakrank sind, in diese ihre Heiinath zurück, 
halten gerade bei diesem Klimawechsel neue Fieberanfälle und ihre 
Plasmodien könnten durch die Anopheles auf gesunde Leute über¬ 
tragen werden. Stern- München. 

Inaugural-Diiaertationen. 

Universität Berlin. Dezember 1901. 

34. Marcuse Max: Zur Kenntnlss der Hauthörner. 

35. P u h 1 m a n n Robert: Ueber Seekrankheit. 

30. Lfon Moses: Jetziger Stand der Syphilis-Bazlllen-Frage. 

37. Marquart Arthur: Beiträge zur Kenntnlss der Lues hero- 
ditaria tarda. 

Universität Bonn. Dezember 1901. 

44. W i 11 f e 1 d Emil: Ueber den angeborenen Hochstand der 
Skapula. 

45. Schönbrod Franz: Ueber einen Fall von Phokomelie. Ein 
Beitrag zur Lehre von den Hemmungsmissbildungen. 

40. Marenbach O.: Die Behandlung der Skabies mit Eudermol. 

47. Overbeck Otto: Ueber Radikaloperation inkarzerirter Her¬ 
nien von Oktober bis April 1901. 

48. Spengemann Paul: Ueber die Entstehung von Hernien 
nach Trauma. 

Universität Freiburg i. B. Dezember 1901. 

41. Meyer-Delius Hugo: Ein Fall von Lymphosarkom des 
Mediastinums mit Metastasen an der Schädelbasis. 

42. Ersehe Ferdinand: Ueber Rubeola. Nach Beobachtungen 
in der medizinischen Klinik zu Freiburg i. B. 

43. V o 1 tz Wilhelm: Beitrag zur Kenntnlss derColloiddegeneration 
in Hornhautunrben. 

44. Hagel Heinrich: Ein Fall von Anaemla pseudoleukaemla 
infantum. 

45. Pilling Arnold: Ueber Aneurysma cordis. 

40. Ziegler Kurt: Zur Postgenerationsfrage. 

Universität Giessen. November und Dezember 1901. 

45. Vlehausen Max: Ueber einen Fall von cholämischer Blut¬ 
ung in die Gallenblase. 

40. Ostermann Alfred: Ueber die Sonderstellung der Chloride 
in dem Verhalten der rotlien Blutkörperchen gegen Salz¬ 
lösungen. 

47. Krautstrunk Tillmann: Beiträge zur Entwickelung der 
Keimblätter von Lacerta agilis. *) 

48. Siegler Karl: Beiträge zur puerperalen Statistik. Material 
aus den Jahren 1872—1900 aus der Entbindungsanstalt zu 
Fulda. 

49. Hobstetter Karl: Die Hufknorpelfistel des Pferdes und 
ihre Behandlung. *) 

*) Ist veterinär-medizinische Dissertation. 

Universität Greifswald. November 1901. 

34. Düsterhoff Kuno: Ueber plötzlichen Tod an Herzschlag, 

bedingt durch Kranznrtoricnerkrankung mit Herzruptur. 

35. Pankow Otto: Die Behandlung schwerer Trigeminus- 
neuralgien mit heisser Luft. 

Dezember 1901: Nichts erschienen. 

Universität Halle. Dezember 1901. 

4K H a a c k e Robert: Ueber Geschwulstbildungen endothelialen 
Ursprungs in einem Ovarialkystom. 

Universität Heidelberg. Dezeml>er 1901. 

20. X o h 1 Ernst: Zur Kenntnlss der Chininamaurose. 

Universität Jena. Dezember 1901. 

29. A r e n d Walther: Ueber Pityriasis rubra (Hebrae). 

30. Dörfer Johannes: Ueber Beziehungen der Lues zu anderen 
Krankheiten, insbesondere zu Tabes und progressiver Paralyse. 

31. Grüner Max: Seltenere Einbruchswege der eitrigen Lepto- 
menlngitis. 

32. Lorenz Oskar: Kavernöses Anglom des Rückenmarkes. 
Tödtllche Blutung. 

33. Weirich Julius: Ueber 2 Fälle von angeborenem Myxödem. 


Universität Kiel. November und Dezember 1901. 

97. Heinrichs Hugo: Ein Fall von primärem Gallenblasen¬ 
krebs. 

98. Kaeuffer Fritz: Ueber Laparotomie bei freier intra- 
peritonealer Blutung in Folge von frühgeborsteuer Tuben- 
schwangerschaft 

99. Beutter Emil: Beiträge zur Pneumotomie. 

100. B u h t z Walter: Ueber 2 Fälle von Lähmungen der Augen- 
muskelnervcii in Folge Trauma. 

101. Krüger Erich: Fälle von Gangrän des Unterschenkels. 

102. N a h m m a c li e r H. (\: 2 Fälle von primärem Karzinom der 
Vulva. 

103. R o t h m a n n Joachim: Ueber das Vorkommen von Hydro- 
cele bei Kryptorchismus. 

10-1. H a n n e in ü 11 e r Karl: Gefässarrosioneu im Verlaufe von 
Scharlach. 

105. Met liling Curt: Zur Kenntnlss des Vorkommens aeciden 
teller Herzgeräusche in den ersten Lebensjahren. 

106. Otteu Max: Ein Fall von Stich Verletzung der Arteria 
brachialis. 

107. Wal bäum Hermann: Zur Methodik der bakteriologischen 
Wasseruntersuchung mit Angaben über Bereitung des Nähr¬ 
agars. 

108. Ileinrichsdorff Paul: Ueber traumatische Epiphysen¬ 
lösungen. 

109. Janssen Adolph: Unsere Plattfussbehandlung. 

110. Steffen Wilhelm: Histologische Untersuchung eines Falles 
von Dystrofla musculoruin progressiva. 

111. L a v a 1 Paul Otto: Ueber einen seltenen Fall von Missbildung 
der Arteria puliuonalis. 

112. P i n c z a k o w 8 k i Franz: Die Verbreitung des Trachoms 
in Schleswig-Holstein. 

113. Kaufmann Walter: Günstige Beeinflussung einer be¬ 
stehenden Infektionskrankheit durch eine hinzutretende 
zweite. 

114. Müller Rudolf: Ein Beitrag zur Kasuistik der interparie¬ 
talen Hernien. 

115. Meller Alfred: Zur Behandlung der Ruptur der männ¬ 
lichen Harnröhre. 

Universität München. Dezember 1901. 

154. Fromm Eugen: Ueber 4 Fälle von letaler Gehirnaffektion. 

155. K u o 11 Haus: Zur Differentialdiagnose zwischen Pankreas- 
und Magenkarzinom. 

156. Lachmund Heinrich: Ueber lokale und regionäre An 
ästhesie, sowie ihre Verwendbarkeit bei grösseren Operationen. 

157. Vogt Hugo: Ueber einen Fall von angeborener Pulmonal¬ 
stenose. 

158. Weber Heinrich: Kasuistischer Beitrag zur Lehre von der 
autochthouen septischen Wandendokarditis. 

159. Wendel Ernst: Ein Fall von Carcinoma ventriculi mit 
karzinomatöser Pfortaderthrombose und Ascites chylosus. 

160. Delvaux Franz: Ueber die Hernia processus vaginalis 
encystica. 

161. U11 mann Johannes: Ueber die Einwirkung elektrischen 
Bogenlichts auf Mikroorganismen in Gegenwart von fluores- 
zirendeu Stoffen. 

162. Hoffinaun Alfred: Zur Dlflferentialdiagnose zwischen 
Mycosis fuugoldes und Sarcoma cutis. 

163. Prelscndanz Heinrich: Ein Fall von doppelseitigem 
multilokulärem Dermoid. 

164. E g g e 1 Hugo: Ueber das primäre Karzinom der Leber. 

165. Sander Heinrich: Ueber den Einfluss der Witterung auf 
die Pneumoniemortalität in München in den Jahren 1881 bis 
1898. 

166. Strohmeyer G.: Ueber einen Fall von puerperaler Sepsis 
(Pyaemia metastatlca), der nicht von den Genitalien aus¬ 
gegangen sei. 

Universität Rostock. Dezember 1901. 

27. Köster Richard: Kritische und experimentelle Beiträge zur 
Kenntnlss der Gallenfarbstoffe. (Aus dem hygien. Insitut der 
Universität Rostock; p hi los. Fakultät) 

28. Naito: Pathologisch-anatomische Untersuchungen über das 
Verhalten der Ciliarnerven, sowie über amyloide und hyaline 
Degeneration bei Phthisis bulbl. 

29. K rafft Bodo: Ueber lokale und allgemeine Schädigungen 
in Folge von Taxisversuchen inkarzerirter Hernien. 

Universität Strassburg. Dezember 1901. 

38. Strobl Edmund: Die Masernmortalität, ihr Verhältniss zu 
der an Scharlach, ihr Einfluss auf die Gesammtniortalitiit. 

39. Wächter Ernst: Ueber angeborenen Hoehstand des Schulter¬ 
blattes. 

40. Job Karl: Ueber die Dauer der Immunität nach der Vacei- 
natlon und nach spontanem Ueberstehen der Pocken. 

41. Roh mer Paul: Ueber Knochenbildung in verkalkten endo- 
karditischen und endarteritischen Herden. 

42. Itosell Max: Ueber Nachweis und Verbreitung intrazellu¬ 
lärer Fermente. 

43. Schwenk Josef: Ueber die Eiulausgiinge der Kalkverletz- 
uugen des Auges auf Grund von Beobachtungen an der Strass¬ 
burger Universitütsaugeukliuik. 

44. Förster Edmund Robert: Versuche über das Verhalten des 
Muskels, wenn Muskel und Nerv zugleich elektrisch durch- 
strömt werden. 

45. Meyer Ernst: Ueber den Baktericngohalt der 111 oberhalb 
der Einmündung der Strassburger Schmutzwässer. 


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78 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


40. Michaelis Rudolf: Kombination von tertiärer Lues mit 
primärem Zylinderzellensarkom an der Wandung der Nasen¬ 
höhle. 

Universität Tübingen. November und Dezember 1901. 

40. H a i s t Otto: Die operative Behandlung des postoperativen 
Ileus. 

41. Hartmann Gustav: Die Augen Verletzungen in der Tübinger 
Klinik im Jahre 1900. 

43. H ohmeier Fritz: lieber die Aenderungen der Ferment- 
mengen im Mageninhalt, ein Beitrag zur Physiologie der 
Magen Verdauung. 

43. Biehier Wae law: lieber lepröse Milzen. 

Universität Würzburg. Dezember 1901. 

32. A 8 s f a 1 g Karl: lieber die Verwendung des Methylenblau zur 
Prüfung der Nierenfunktion. 

33. L a d e n b u r g e r Hugo: Ueber die Ernährung Typhuskranker 
mit Rahm nebst Versuchen über die Ausnützung der Nahrung 
bei Typhus abdominalis. 

34. Wörde hoff Joseph: Ueber die Genese der Leberkavernome. 

35. Meyer Felix: lieber die Bedeutung des Kochens uud Kauens 
kohlehydrathaltiger Nahrungsmittel für die Verdauung. 

30. Möglich Otto: Beiträge zur Drainage der Bauchhöhle nach 
Laparotomien. 

37. Schmidt Richard: Ueber Scheiden-Bauchoperationen im An¬ 
schluss an 198 Fälle der Würzburger Universitäts-Frauenklinik. 

38. Veltung Hans: Ueber Schwindel bei Neurasthenie. 


Vereins- und Congressberichte. 

(Berliner medicinische Gesellschaft und Verein für innere 
Medioin siehe Seite 83 u. 84.) 

Medicinische Gesellschaft in Chemnitz. 

(Bericht des Vereins.) 

Sitzung vom 11. Dezember 1901. 

1. Herr N o b i s berichtet über 2 Magnetextraktionen ans 
der Netzhaut. 

2. Herr V e 1 h a g e n: Die Frühdiagnose des Ulcus serpens 
corneae. 

Vortragender hat seit längerer Zeit sämmtliche ihm vor¬ 
gekommenen Hornhautinfilträte und Geschwüre auf Pneumo¬ 
kokken mittels Deckglaspräparates untersucht. In allen Fällen 
von bösartigem Ulcus serpens fanden sieh, meist in Reinkultur, 
Pneumokokken. — Einmal wurde ein nach minimaler Holz- 
splitterverletzung entstandenes Infiltrat, welches erst geringe 
Iritis hervorgerufen hatte, wegen positiven Pneumokokken¬ 
befundes mit Erfolg kauterisirt. — 3 mal dagegen wurde nichts 
gemacht, weil keine Pneumokokken nachgewiesen wurden, trotz¬ 
dem grössere Geschwüre, Iritis, Hypopyon und in einem Falle 
sogar Dakryokystoblennorrhoe, vorhanden waren. In allen 
3 Fällen kam der Prozess von selbst zum Stillstand unter Er¬ 
haltung einer besseren Sehschärfe, als nach vorhergegangener 
Kauterisation geblieben wäre. 

3. Herr N ä t h e r: Ueber Impfgranulome. 

Vortr. sah in ca. 7 Proz. seiner 500 Rcvaccinirten etwa am 
20. Tage nach der Impfung an den Stellen der Impfschnitte, 
wo weder Knötchen oder Pusteln noch Entzündungserschein- 
tingen bei der Nachschau sichtbar gewesen waren, bis bohnen¬ 
grosse Granulationsgeschwülste (makroskopisch und mikro¬ 
skopisch) entstehen. Als Ursachen derselben spricht er eine Art 
Pseudodiphtheriebazillen an, die von Prof. Nauwerk sowohl 
aus der Lymphe als aus dem Gewebssaft der Granulations¬ 
geschwülste neben Staphylokokken gezüchtet wurden, und weist 
darauf hin, dass somit die Lymphkeime nicht so harmlos sind, 
wie gewöhnlich angenommen wird. 


Aerztlicher Bezirksverein zu Erlangen. 

(Bericht des Vereine.) 

Sitzung vom 20. Dezember 1901. 

Herr Oessner berichtet über 4 bemerkenswerthe Fälle 
von TotalexBtirpation des Uterus. 

1. F a 11. Im Mal 1895 wurde eine damals 53 jährige Kranke 
in die Klinik aufgenommen, die seit 4 Jahren über stärkere Blut¬ 
ungen zu klagen hatte. In letzter Zeit waren die Blutungen so 
stark, dass die Kranke öfters ohnmächtig wurde. In dem ver- 
grösserten Uterus Hessen sich starke Rauhigkeiten nachweisen. 
Bei der Auskratzung wurden grosse Tumorstücke entleert. Von 
einer Totalexstirpation des Uterus wurde Abstand genommen, well 
das linke Parametrium derb inflltrirt war. Die Uterusböhle wurde 
nach der Auskratzung wiederholt mit Liquor ferri geätzt. Die 
Kranke erholte sich sehr gut. 

Nachdem also im Mai 1895 ein inoperables Carcinoma corporis 
uteri angenommen worden war, suchte die Kranke im November 


1899 die Klinik wiederum auf: sie sah blühend aus und fühlte sich 
völlig gesund. Seit dem Eingriff im Jahr 1895 waren keine Blut¬ 
ungen mehr auf getreten; es bestand nur etwas schleimiger Aus¬ 
fluss, dem einige Tage vor der Aufnahme eine geringe Blutspur 
beigemengt war. 

Dies hatte die Kranke veranlasst, die Klinik neuerdings auf- 
zusueheu. 

Zu meiner Ueberrascliung fand ich jetzt einen kleinen, ziem¬ 
lich gut beweglichen Uterus, der nur auf die Länge des Cervikal- 
kaunlcs sondlrbar war. Im linken Parametrium, das vor 4 Jahren 
derb inflltrirt war, Hessen sich nur einige Stränge nachweisen. 

Es war also klar, dass es sich im Jahre 1895 nicht um eine 
karzinuinatöse Inliltration des Beckenbindegewebes gebandelt 
haben konnte, sondern dass entzündliche Veränderungen Vorge¬ 
legen haben mussten. Die Kranke wurde entlassen uud kehrte 
im Oktober 1901 wieder in die Klinik zurück. 

Auch jetzt war das Allgemeinbefinden und der Ernährungs¬ 
zustand ein vorzüglicher. Sie hatte einige Tage vor der Aufnahme 
Herrn Dr. Poll m a n n in Thurnau aufgesucht, der wegen 
blutigen Ausflusses die Cervix auskratzte und tamponirte. Es 
traten heftige Uteruskoliken auf und bei der Herausnahme des 
Tampons stürzte eine grössere Menge blutig schleimiger Flüssig¬ 
keit hervor. 

Jetzt konnte die Uterushöhle sondirt werden und in ihr Hessen 
sich höckerige Rauhigkeiten nachweisen. 

Dr. Polliuauu kratzte den Uterus aus und schickte die 
entfernten Gewobsstücke durch die Kranke nach der Klinik. 

Die mikroskopische Untersuchung ergab Adenokarzinom. 

Am 18. Oktober d. Js. entfernte ich durch vaginale Total¬ 
exstirpation den wenig vergrösserten Uterus. 

Am Präparat sieht man im Fundus uteri und an der vorderen 
Wand ein etwas über baselnussgrosses polypöses Karzinom. 

Der höchst merkwürdige Fall lässt sich nur 
so erklären, dass im Jahre 1895 ein beschränktes 
Carcinoma corporis uteri und Parametritits be¬ 
stand. 

Durch die Auskratzung und die wiederholte 
Aetzung mit Liquor ferri muss die Neubildung 
vollständig zerstört worden sein und es kam 
dann zu einer A t r e s i a uteri. 

Nach mehreren Jahren trat in der atre- 
tischen Höhle ein Rückfall der Neubildung auf, 
n acb d e m das pa ra m e t r a I o Exsudat so voll¬ 
ständig zur Aufsaugung gekommen war, dass 
nur noch einzelne Stränge nachweisbar waren. 

18. XI. Geheilt entlassen. 

2. F all. 49 jährige Kranke, V. Para. Nachdem die Regeln 
1 Jahr nusgeblieben waren, seit Weihnachten vor. Jahres unregel¬ 
mässige, an Stärke zunehmende Blutungen; in der letzten Zelt 
auch Ausfluss. 

Stark iibgcmagorte Frau; Abdomeu meteorlstiscli; Aszites 
nicht nachweisbar. Aus dem klaffenden Muttermund hängt ein 
zerfallener Polyp, der sich allmählich an Dicke zunehmend In die 
Uterushöhle fortsetzt und hier in derbe, bröckelige Gescliwulst- 
mnsson übergebt. Der Uterus ist hart, etwas schwer beweglich, 
überragt mit. seinem Fundus eben den Beckeueingang. Das Beckeu- 
bindegewebe beiderseits, besonders rechts derb, aber nicht knollig 
inflltrirt. 

20. IX. Vaginale Totalexstirpation, recht schwierig wegen 
der Straffheit der Ligamente und ausgedehnter Darmverwachs¬ 
ungen. Nach Eröffnung des Cavum Douglasii floss eine geringe 
Menge Aszites ab. Mit dem Corpus uteri waren mehrere Dünn- 
dannselillngen verwachsen, die sich jedoch ohne Verletzung des 
Darmes abstreifen Hessen. 

Obwohl die Neubildung die II t e r u s w a n d u n g 
noch nicht durchbrochen hat, sind die zu Ge¬ 
sicht kommenden Darm schlingen überall mit 
feinsten Karzinomknötchen bedeckt. 

Am Präparat sicht man ein fast faustgrosses, stark zerfallenes 
polypöses Karzinom, das aber überall noch von einer an der 
dünnsten Stelle 7 mm dicken Muskelschicht bedeckt ist. Neben 
der Massigkeit der Neubildung ist die ausge¬ 
breitete Metastasirung auf dem Darm bemerkens¬ 
wert!), die in dieser Welse bei Carcinoma uteri 
nur selten zur Beobachtung kommt. 

Am 17. X. verliess die Kranke die Klinik mit deutlich nach¬ 
weisbarem Aszites. 

Eine noch viel massigere Entwicklung eines Carcinoma cor¬ 
poris uteri bietet der 3. F a 11. 

56 jährige VII. Para; seit 6 Jahren in der Menopause. Seit 
2% Jahren Blutungen. 

Im Mürz dieses Jahres wurde nach Angaben der Kranken 
von einem Arzt aus der Gebärmutter eine Hnsengrosse Warze 
entfernt 

Bel der abgemagerten und sehr anämischen Kranken fand 
sich ein Uterus in der Grösse einer Schwangerschaft von 
4*/o Monaten. Der Fundus uteri überragt die Symphyse um drei 
Fingerbreiten; dabei ist der Uterus derart vergrössert, dass das 
r. Horn ausserordentlich stark ausgedehnt ist. Seine Oberfläche 
ist vollkommen glatt, der Uterus selbst gut beweglich.. 

Am 18. X. führte ich die abdominale Totalexstirpation des 
Uterus aus. Metastasen Hessen sich nirgends im Abdomen nach¬ 
weisen; auch nach Spaltung des Peritoneums zeigten sich die 
Lymphdrüsen an den grossen Gefässen nicht vergrössert. 

Das Präparat ist dadurch bemerkens werth, 
dass hier das fast 2f austgrosse Karzinom die 
Uterushöhle derart erfüllt, dass es vom Fundus 


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14. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


79 


und der rechten Wand ausgehend nur etwa in 
der Hälfte seines Bereiches von der Uterus¬ 
wand entspringt, im Uebrigen aber der glatteu, 
völlig atrophischen Schleimhaut nur anliegt 
und so wie ein submuköses Myom die Uterus¬ 
höhle ausdehnt. 

Es ist dies eine Entwicklung der Neubildung, die ich mich 
nicht erinnere, auch nur in ähnlicher Weise jemals gesehen zu 
haben. Trotz dieser ausserordentlichen Grösse der Neubildung 
scheint es noch nicht zu Metastasen gekommen zu sein. 

Am 2. XI. geheilt entlassen. 

4. Fall. Das Präparat entstammt einer 20 jährigen II. Para. 
Letzte Geburt 7. Mai 1900. 

Vor etwas über y 4 Jahr vor der Aufnahme in die Klinik 
blieb die Menstruation einmal 8 Wochen aus. Dann trat eine 
starke Blutung auf, die jetzt seit % Jahr ununterbrochen anhält. 
Neben reichlichem Abgang von flüssigem und geronnenem Blut 
besteht reichlicher, blutig-wässeriger Ausfluss, der in der letzten 
Zeit übelriechend geworden ist. 

Etwa 5 Wochen vor der Aufnahme bemerkte die Kranke 
eine Geschwulst im Leibe. Schmerzen bestanden nicht. 

Bei der ziemlich anämischen Kranken fand sich ein stark 
vergrüsserter Uterus, dessen Fundus 3 Finger breit unterm Nabel 
stand. Auf dem Fundus Uteri fühlte man hinter dem Abgang 
der linken Tube eine wurstartige Ilervorragung. Das Corpus 
Uteri fühlte sich etwas weich an und erinnerte in seiner Konsistenz 
etwas an einen schwangeren Uterus. Die Portio staml hoch und 
durch den Cervlknlknual hindurch fühlte man in der stark er¬ 
weiterten Uterushöhle eine zerfallende jauchige Geschwulstmasse, 
deren Ursprung etwa 2 Finger breit über dem inneren Mutter¬ 
mund an der hinteren Wand zu fühlen war. 

Die Diagnose wurde auf Syucytioma malig- 
uum gestellt und da der Uterus gut beweglich war und im 
Körper sich nirgends Metastasen nachweisen Hessen, wurde die 
vaginale Totalexstirpation beschlossen, die ich am 14. August aus¬ 
führte. Die Operation bot trotz der Grösse des Uterus keine 
Schwierigkeiten, da der weiche Uterus sich sehr in die Länge 
ziehen Hess und die Gewebe überhaupt eine solche Dehnbarkeit 
und Weichheit zeigten, wie es für einen puerperalen Uterus kenn¬ 
zeichnend Ist. Der Uterus selbst machte auch ganz den Eindruck 
eines puerperalen Uterus. 

Die Kranke, die schon vor der Operation leicht gefiebert hatte, 
fieberte noch die 4 ersten Tage nach dem Eingriff. 

Am IT». Tage fand sieh in der Columna rugarum posterior 
dicht hinter dem Scheideneingang ein haselnussgrosser, dunkel- 
blau-rother inderSch leim haut gelegener Geschwulstknoten, 
«ler sich leicht entfernen ll«*ss. 

Am 27. Tage nach der Operation wurde die Kranke entlassen. 
2'v, Monate später theilte der behandelnde Arzt mit. dass die 
Kranke völlig gesund sei und von einem Rückfall sich nichts nach¬ 
weisen lasse. 

Am Präparat sieht man, dass die 'fast 2 faustgrosse Neu¬ 
bildung vom Fundus Uteri ihren Ausgang genommen hat. Sie 
reicht an der vorderen Wand 6 cm herab, an der hinteren Wand 
bis 3 cm oberhalb des inneren Muttermundes. Der untere polypös 
in die Cervix hineinreichende Abschnitt ist stark zerfallen und 
missfarbig. Die übrige Geschwulstmasse lässt sich in ihrem Aus¬ 
sehen noch am ehesten mit einer aufgebrochenen Blutorange ver¬ 
gleichen. 

Im Fundus Uteri ist die Muskulatur von der Neubildung fast 
ganz zerstört; hinter dem Abgang der linken Tube hat die Ge¬ 
schwulst die Uteruswanduug durchwuchert und ragt hier als ein 
über wallnussgrosser blaurother Knoten hervor. 

Im linken Ovarium findet sich ein fast haselnussgrosses 
Corpus luteum verum. 

Die mikroskopische Untersuchung der Geschwulst und der 
Metastase bestätigt die Diagnose Syncytioma malignum. 

Herr R. F. Fuchs spricht über funktionelle muskuläre 
Insuffizienz der Atrioventrikularklappen. 

Der Vortragende fand, dass das frische Leichenherz einen 
insuffizienten Vorhofkammerklappenapparat besitzt, der nach 
Eintritt der Todtenstarre auch gegen höhere Drucke schlussfähig 
wird. Durch die Klappenschlüsse war es möglich, die Todten¬ 
starre am Herzen zeitlich zu verfolgen, wobei sich zeigte, dass das 
Herz als erster Muskel der Todtenstarre anheimfällt, zu einer 
Zeit, wo von Todtenstarre an der Skeletmuskulatur noch nichts 
zu merken ist. Der Vortragende maass ferner die Herzkaminer- 
länge während der normalen Schlagfolge, Vagusreizung und un¬ 
mittelbar nach dem Tode, sowie in der Todtenstarre. Das nor¬ 
male diastolische Herz ist gegenüber dem bei Vagusreizung be¬ 
deutend kleiner und das letztere erreicht noch nicht die Grössen 
des frischen Leichenherzen. Die Kammerlänge und Breite des 
todtenstarren Herzens erweist sich den entsprechenden Grössen 
des systolischen Herzens sehr ähnlich. Die Differenzen der 
Grössenunterschiede am lebenden Herzen und am frischen 
Leichenherzen sind ein direkter Beweis für den im Leben be¬ 
stehenden Herztonus. Da die Kammergrössen nach den Ver¬ 
suchen des Vortragenden in enger Beziehung zur Schlussfähig¬ 
keit der Klappen stehen, so muss eine Verminderung des Herz- 
tonns auch die Schlussfähigkeit der Atrioventrikularklappen ver¬ 
mindern, weil durch die Tonusherabsetzung das Herz in seiner 


gesammten Konfiguration dem frischen Leichenherzen ähnlich 
wird. Mithin besteht die Möglichkeit einer Insuffizienz der Atrio¬ 
ventrikularklappen durch Tonusherabsetzung oder durch zu 
schwache Kontraktion eines Herzens von geringerem als normalen 
Tonus. Es kann desshnlb das vollständige Fehlen anatomischer 
Grundlagen einer Klappen- oder Herzmuskelerkrankung die kli¬ 
nische Diagnose der Insuffizienz nicht erschüttern, weil ein voll¬ 
ständig normales Herz in seiner anatomischen Gleicligowichts- 
figur einen insuffizienten Klappenapparat aufweist. Diese im 
Leben oft beobachteten Insuffizienzen sind als rein funktio¬ 
nelle anzusehen und dürfen mit der sogen, relativen Insuffi¬ 
zienz nicht verwechselt werden. 

Die Versuche sind sämmtliche an Hunden und Kaninchen 
angestellt worden. Die ausführliche Mittheilung dieser Unter¬ 
suchungen ist unter dem Titel: „TTebcr Todtenstarre am Herzen, 
Ilerztonus und funktionelle muskuläre Insuffizienz der Atrio¬ 
ventrikularklappen“ bereits in der Zeitsehr. f. Heilkunde (Abtli. 
f. patliol. Anat., Heft 1) 1900 erschienen. 

In der Diskussion weist Herr Penzoldt darauf hin. 
dass er auch schon die Beobachtung gemacht halte, dass der 
Atrioventrikularapparat des frisch der Leiche entnommenen Her¬ 
zens insuffizient ist. 

Herr Merkel demonstrirt mikroskopische Präparate von 
ulceröser Zungentuberkulose. 


Allgemeiner ärztlicher Verein zu Köln. 

(Bericht des Vereins.) 

Sitzung v o m 15. Oktober 1901. 
Vorsitzender: Prof. II o «• h li a u s. 
Schriftführer: Dr. Schulte. 


Herr Eber hart demonstrirt: 

1. Eine von ihm am 1(5. VIII. 1900 exstirpirte Milz. Es l*e- 
fanden sieh darin am untere» Ende eine über hühnereigrosse 
Nekrose mit Ilebergang in Abscessbilduug, ausserdem an der Spitze 
oben noch eine kleinere Nekrose und in der Mitte der Milz zer¬ 
streut. noch kleinen» friselu» Embolien, lu dem Eiter könnt«*» 
Streptcx-occeu nachgewiesen w«»rdeu. Als Ursache dieser Er¬ 
krankung in der Milz ist eine Endokarditis valvul. mltralis nnzu- 
s«*ln»n. Pat. Überstand die Exstirpation des Organs gut. ging aber 
3 Monate nach der Operation unter pyämischen Erscheinungen zu 
Grunde. 

Die Diagnose wurde erst richtig bei der Operation gestellt und 
wurde ein Abscess in der linke» Niere vermuthet. Die Milzvcr- 
grüsserung war richtig diagnostizirt worden, die Täuschung wurde 
jedoch dadurch hervorgerufen, dass eine bei tiefer Inspiration vor¬ 
springende Crena lienis als untere Partie der Milz an gesprochen 
wurde und die darunter befindlich«» Abscessbildung in der Milz 
selbst wegen ihrer anderen weichen Konsistenz als Abscess der 
Niere. Man wurde dazu um so mehr verleitet, da gleichzeitig ein 
ziemlicher Eiweissgehnlt des Urins v«>rhandou und mikroskopisch 
viel*» (-ylinder und weisse Blutkörperchen uaehzuweisen waren, 
ebcnsoviele Bakterien. Tuberkelbacillen konnten weder von mir 
noch einem anderen darin sehr erfahrenen Kollegen nachgewiesen 
werden. 

Die Krankheit begann seldelehend unter den Erscheinungen 
eines gastrischen Fiebers mit gleichzeitiger Anämie und späterer 
Purpura rlieumatica, wie mir der zuerst behandelnde Arzt mit¬ 
theilte. 

Als interessant ist noch zu erwähnen, dass bald nach der Spien- 
ektomle die bekannte Vermehrung der welssen Blutkörperchen 
eint rat. 

2. Die Ovarien von einer Osteom&lacischen. Die Kastration 
war hier gemacht worden, weil eine zuerst angewandte Phosphor¬ 
behandlung ohne Erfolg geblieben, ja sogar einen Darmkatarrh 
hervorgemfen. 

Pat. ist durch die Kastration geheilt worden, insbesondere 
war auffallend, dass die entsetzlichen Rippenschmerzen, die Pat. 
Tag und Nacht quälten, schon 3 Tage nach der Operation fast 
vollständig geschwunden. Der watschelnde Gang und die Schwäche 
der Ileopsons verschwanden später und war Pat.. als ich sie 
vor einigen Wochen besuchte, vollständig wohl und ohne jede Be¬ 
schwerde. Die Operation war am 24. IV. d. .T. 

Die exstirplrten Ovarien zeigten mikroskopisch cirrhotische 
Veränderungen und ein fast vollständiges Fehlen der Primordial¬ 
follikel, die so häufig dabei vorkommende hyaline Degeneration 
der Gefässe konnte nicht nachgewiesen werden. 

Wenn wir auch nach Fehling in 83 Proc. durch die Kastration 
die Osteoiualacie heilen können, existirt zur Zeit noch kein spezi¬ 
fisches osteomalacisches Ovarium. 

Je«lenfalls ist die Osteomalacie als eine schwere Stoffwechsel¬ 
krankheit aufzufassen. Es Ist besonders wichtig, dass man die 
Krankheit, die gar nicht allzu selten vorkommt, frühzeitig er¬ 
kennt und zur richtigen Zeit eingreift. Denn die Deformitäten der 
Knochen verschwinden nicht, wenn auch die Krankheit selbst nus¬ 
heilt. Die Muskelsehmerzen. der watschelnde Gang und die 
Schwäche der Ileopsoas gehören zu den ersten Erscheinungen, 
wie uns Koppen zeigt (Archiv für Psychiatrie. 22. Bd.k Zu¬ 
nächst soll man mit Phosphor behandeln, am besten in Gestalt 


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80 MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 2. 


des Phosphorleberthrans; hilft dieser nicht, soll man zur Kastration 
schreiten. Es sind aber auch Fälle bekannt geworden, wo eine 
Phosphorbehandlung nach einer erfolglosen Kastration noch von 
Nutzen war. 

Fehling hat sich jedenfalls durch seine Lehre, dass die 
Osteoraalacie durch die Kastration heilbar sei, ein nicht hoch ge¬ 
nug anzuschlagendes Verdienst erworben. 

3. Einen über handgrossen Chorionfetzen, der sich am 5. Tage 
nach einer normalen Geburt ohne Temperaturerhöhung abge- 
stosseu. Vortr. war, eingedenk der von Kaltenbach ange¬ 
gebenen Lehre, nicht in den Uterus eingegangen, sondern hatte 
Secale gegeben und desinfizirende vaginale Spülungen verordnet. 

Herr Eberhart: Asepsis und Antisepsis in der opera¬ 
tiven Geburtshilfe. 

Wenn auch die Erfolge in der Leipziger Klinik, wie sie in 
den Arbeiten von K r ö n i g erwähnt werden, zu denken geben 
und höchst merkwürdig sind, kann sich Vortragender keineswegs 
auf diesen Standpunkt stellen. 

Ebenso sind für ihn die Erfolge des Mannheimer Wöch- 
nerinnen-Asyls nicht mnassgebend, da dieses Institut weder den 
Universitätskliniken noch den Verhältnissen, wie sie in der 
Praxis Vorkommen, entspricht. Die höchst widersprechenden An¬ 
sichten bezüglich des Bakteriengehaltes der Scheide können uns 
unmöglich zur Richtschnur dienen. 

Vortragender glaubt zwar auch, dass auf die sogenannte 
Selbstinfcktion keine Todesfälle im Wochenbett bei normalen Ge¬ 
burten Vorkommen können, ist aber immer noch, als früherer 
Kalte n bac h’scher Assistent, ein Anhänger dieser Lehre und 
macht bei allen operativen Eingriffen, speziell den uterinen, ins¬ 
besondere vor der Placentarlösung noch desinfizirende Scheiden¬ 
ausspülungen und hat dabei die nur denkbar günstigsten Erfolge 
stets erzielt. 

Der Altmeister H e g a r sagt in seiner Arbeit (Münch, med. 
Wochensehr. 1901, No. 38), dass seiner Ansicht nach bei dem 
Puerperalfieber nicht oft genug ausgespült würde. Er führt ein 
Rohr in den Uterus, lässt dasselbe 1—2 Tage liegen, um damit 
zu drainiren und lässt 1—2 stündlich desinfizirende Ausspülungen 
mit Chlorwasser V»—% Liter auf 1 Liter Wasser machen. Er 
möchte diese Ausspülungen bei der Puerperalfieberbehandlung 
nicht entbehren und hat günstige Erfolge damit erzielt. 

Im Gegensatz dazu sagt K r ö n i g (cf. Münch, med. Wochen¬ 
schrift 1901, No. 40), dass man sowohl bei jeder klinischen Ge¬ 
burt, als auch bei Geburten in der Praxis auf jede Desinfektion, 
jtxle Ausspülung der Scheide verzichten soll. Er ist gegen jede 
Desinfektion, auch bei der Placentarlösung, selbst bei der puer¬ 
peralen Endometritis soll man auf die Ausspülung, da dieselbe 
schädlich wirkt, verzichten. Er gibt nur Secale/ 

Für Vortragenden ist es sehr erfreulich gewesen, dass Ols- 
hausen (Berl. klin. Wochenschr. No. 45, 1899) sagt, bei der 
Lösung der Placenta hält er die prophylaktische Desinfektion 
noch für eine nicht zu unterlassende Sicherheitsmaassregel. 

B u m m, einer der heftigsten Gegner der Selbstinfektion, 
hält das Wochenbettsfieber meist für ein Resorptionsfieber und 
wehrt sich gegen die sich ihm aufdrängenden Thatsachen einer 
Selbstinfektion, sein Assistent Burkhardt empfiehlt Specula, 
wodurch die Scheide völlig entfaltet wird, damit die Hand keine 
Keime in den Uterus bei der Placentarlösung bringe. 

Sind in der Scheide keine pathogenen Keime, warum dann 
diese Vorsichtsmaassregel bei der Placentarlösung? 

Von besonderem Interesse und von hoher Bedeutung für diese 
Frage, sind die beiden Arbeiten von S t i c h e r aus der Breslauer 
Frauenklinik. S t i c h e r setzte dem Bad Kulturen von Bac. pro- 
digiosus zu und konnte sowohl bei Mehr- als Erstgebärenden 
diesen Bacillus in der Scheide nachzuweisen. Winternitz 
gelang dies nicht mit chemischen Reagcntien, die er dem Bade¬ 
wasser zugesetzt, was Stroganoff jedoch vorher gelungen. 

St ich er kommt desshalb auf Grund seiner ersten Arbeit 
und seiner zweiten, in welch’ letzterer er die Erfolge der mit 
Gummihandschuhen in der Breslauer Frauenklinik untersuchten 
Fälle, und die er früher daselbst ohne solche untersuchte, schil¬ 
dert, zu dem Schlüsse, dass in einer Kombination des aseptischen 
und antiseptischen Prinzips — Asepsis, was die Hand des Ge¬ 
burtshelfers (sterilisirte Gummihandschuhe) und Antisepsis, was 
die Vorbereitung der äusseren Genitalien und des Genitalkanals 
der Kreissenden anlangt, die beste Handhabe zur erfolgreichen 
Bekämpfung der puerperalen Infektion besteht. 


Dies ist auch die Ansicht des Vortragenden- Bei spontanen 
Geburten sind keine Ausspülungen nöthig, anders ist es jedoch 
bei pathologischen Geburten, wo öfters untersucht wird und unter 
Umständen noch ein operativer Eingriff nöthig; von be¬ 
sonderer Wichtigkeit ist die vaginale Spülung vor jedem intra¬ 
uterinen Eingriff, insbesondere vor der Placentarlösung. 

Im Gegensatz zu Olshausen möchte Eberhart jedoch 
vorschlagen, diese Operation nicht mit Gummihandschuhen, son¬ 
dern ohne dieselben vorzunehmen und diese Handschuhe nur an¬ 
zuwenden bei infektiösen Eingriffen, sowie bei jeder rectalen 
Untersuchung etc., damit man stets mit unbesudelten Händen 
arbeiten kann (conf. H e g a r). So lange die Ansichten über den 
Bakteriengehalt der Scheide so widersprechend sind, ist es nach 
Ansicht des Vortragenden entschieden am Platze, antiseptisch 
bei den oben angegebenen Zuständen zu verfahren. Es ist ihm 
daher sehr verständlich, dass Hofmeier seinen Ausspruch, 
dass der Arzt, welcher die Kreissende bei operativen Eingriffen 
nicht intravaginal deeinfizirt, sich eines Verstosses gegen § 222 
des R.-Str.-B. schuldig machen kann, gethan hat. 

Wer so glänzende Erfolge aufweisen kann, hat zu einem der¬ 
artigen Ausspruche wohl die Berechtigung. Wer Hofmeier 
kennt, weiss es, wie er es gemeint hat. Man soll, wenn man etwas 
bewährt findet, auch ganz und gar dafür eintreten. So empfehle 
ich auch aus vollster Ueberzeugung die vaginalen Spülungen vor 
intrauterinen Eingriffen, insbesondere vor der Placentarlösung; 
denn diesen verdanke ich meine guten Erfolge in der operativen 
Geburtshilfe. Schaden kann unter keinen Umständen den Wöch¬ 
nerinnen zugefügt werden. Fast alle Anhänger dieser Lehre 
nehmen meist die 1 proc. Lysollösung, wodurch die Schlüpfrigkeit 
der Scheide erhalten bleibt. Bei starkem Fluor schicke ich oft 
noch eine 1 proc. Sodalösung voraus, da dadurch besonders gut 
der Schleim gelöst wird. Ich bin mir wohl bewusst, dass man die 
Scheide selbst nicht absolut keimfrei machen kann, das ist auch 
nicht nöthig, wir machen sie aber durch diese Ausspülungen 
möglichst keimarm und bringen dann, wenn wir mit der Hand 
oder Instrumenten in den Uterus eingehen, der gewöhnlich keim¬ 
frei ist, entweder gar keine oder sehr wenige Keime nach oben. 

Bei der Wendung, der Zangenapplikation, wo man gewöhn¬ 
lich im Eisack selbst manipulirt-, schadet das Einführen von 
Keimen ja weniger; nehmen wir aber eine Placentarlösung vor. 
die vielleicht längere Zeit dauert, bringen wir die Keime leichter 
in die offenen Gefässlumina. Ich mache desshalb stets nach der 
Placentarlösung noch eine intrauterine Ausspülung und bevor¬ 
zuge dazu das Chlorwasser, welches bei Atonia Uteri auch 
noch zugleich eine muskelzusammenziehende Wirkung hervor¬ 
ruft. Hier kann man es gut in stärkerer Lösung als bei häufigen 
Spülungen nehmen, selbst bis 1:3 oder 1:2 Wasser. Hat man 
dies nicht zur Hand, nimmt man entweder eine 1 proc. Lysol¬ 
lösung oder Salicylsäure 1:300 oder Kal. hyp. 1:1000, nur keine 
Karbolsäure- oder Sublimatlösung. 

Als Kalten bac h’scher Assistent habe ich den hohen 
Werth der vaginalen Spülungen vor operativen geburtshilflichen 
Eingriffen kennen gelernt, ich habe diese Ausspülungen während 
meiner 12 jährigen Thätigkeit in Köln stets gemacht und nie 
Schaden, sondern nur Nutzen davon gesehen und empfehle die¬ 
selben auf das Wärmste. 

Ich stehe desshalb auch heute noch absolut auf dem Stand¬ 
punkt H o f m e i e r’s, eingedenk der Lehre meines imvergess¬ 
lichen Lehrers Kaltenbach und behaupte, was ich schon 
1893 auf dem mittelrheinischen Aerztetag in Kreuznach gesagt 
habe, dass Scheidenspülungen stets gemacht werden müssen: 

1. bei Gonorrhoe, 

2. bei sonstigen reichlichen Ausflüssen, 

3. wenn die Vaginalsekrete übel riechen, 

4. wenn Temperaturerhöhung bei der Geburt eintritt, 

5. wenn ein operativer Eingriff, namentlich ein intrauteriner, 
vorgenommen werden soll, ganz besonders aber vor der Placentar¬ 
lösung. 


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14. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


81 


Medicinische Gesellschaft zu Magdeburg. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 6. November 1901. 

Vorsitzender: Herr S e n d 1 e r. 

Herr S e n d 1 e r demonstrirt vor der Tagesordnung eine 
exstirpirte Gallenblase, die mit dem Kolon transversum ver¬ 
wachsen war und berichtet über den Fall. 

Herr Brennecke: Ueber die Menstruation. 

Vortr. geht von dem Ausspruch Schopenhauers aus, 
„dass im Grunde die Weiber ganz allein zur Propagation des 
Geschlechts da seien und dass ihre Bestimmung hierin aufgehe“. 
War Schopenhauer zu dieser TJeberzeugung wesentlich auf 
Grund psychologischer Beobachtungsthatsachen gelangt, so ist 
das Studium des Menstruationsvorganges wohl geeignet, die 
Wahrheit jenes Satzes aueh vom rein physiologischen Stand¬ 
punkte aus zu beleuchten. Es wäre wünschenswerth, dass die 
Vertreterinnen und Freunde der modernen Frauenbewegung 
sich dieser Thatsachen und der von der Natur selbst dem Weibe 
gezogenen Schranken klarer bewusst würden, um ihren in vieler 
Beziehung wohlberechtigten Bestrebungen mehr als bisher Maass 
und Ziel zu geben. 

Die Menstruation ist aufzufassen als eine den ganzen Or¬ 
ganismus des geschleclitsreifen Weibes periodisch ergreifende 
Erregung des Gefässystems, auf deren Höhe es normaler Weise 
zur menstruellen Gebärmutterblutung und damit zum jähen Ab¬ 
fall der Gefässerregung kommt. Hand in Hand mit dieser Ge- 
fässerregung vollzieht sich, wie B e i e 1, Goodmann und 
namentlich v. Ott überzeugend nachgewiesen haben, eine er¬ 
hebliche Steigerung der Energie aller Funktionen des weiblichen 
Organismus, die etwa 10 Tage vor dem Eintritt der menstruellen 
Blutung beginnt und mit jähem Abfall unmittelbar vor oder bei 
Beginn der Blutung endet. Das Ergcbniss seiner auf die In¬ 
tensität der Wärmestrahlung, Muskelkraft, Lungenkapazität, 
Inspirations- und Exspirationskraft und der Sehnenreflexe ge¬ 
richteten Untersuchungen stellte v. O 11 anschaulich in Form 
jener bekannten wellenförmig verlaufenden Kurve dar. (De¬ 
monstration der Kurve.) Interessant und für die Deutung dieser 
Beobachtungen wichtig ist die Thatsache, dass bei Kindern bis 
zum 13. Lebensjahre und bei Frauen über 58 Jahren sich perio¬ 
dische Schwankungen der Körperfunktionen nicht naehweisen 
Hessen. — Redner erörtert die überraschende, von ihm selbst in 
einigen Fällen scheinbar ganz unregelmässig verlaufender 
Menses bewährt gefundene Beobachtung Fliess’, der zu Folge 
sich gewisse Vorgänge im Leben aller Organismen — so auch 
die Menstruation — zu Reihen gruppiren lassen, die einer 23- 
resp. 28-tägigen Dauer entsprechen, und geht sodann auf die 
Fülle der Beobachtungsthatsachen ein, die dafür sprechen, dass 
es sich bei der Menstruation nicht nur um eine Hyperämie der 
Beckenorgane, sondern um eine Erregung des ganzen Gefäss- 
systems des weiblichen Organismus bandelt. Die so häufige 
Schwellung der Brüste, der Schilddrüse, die Veränderungen der 
Stimmbänder, des Blutdrucks und der Pulsfrequenz, die oft 
eintretende Neigung zu Diarrhöen, TTebelkcit und Erbrechen, 
die Veränderungen der llarnsekretion vor und während der Periode, 
die mannigfachen Störungen und menstrualen Beeinflussungen 
der Hautthiitigkcit, die an Auge und Nase menstruirender Frauen 
regelmässig zu beobachtenden Vorgänge, die gelegentlich auf¬ 
tretenden vikariirenden Nasen-, Lungen- und Magenblutungen, 
die so häufig einsetzenden psychischen Alterationen — das Alles 
beweist zur Genüge, wie lebhaft der ganze Organismus, das ganze 
Wesen d«-s Weibes unter dem Einfluss der bei der Menstruation 
wirkenden Reize steht. 

Redner schildert sodann die typischen Veränderungen, die 
sich an der Mucosa uteri vor, während und nach der Menstruation 
vollziehen — wie sie uns namentlich durch die Forschungen 
M ö r i c k e’s, L ö h 1 e i n’s, Westphale n’s, M and l’s und 
G ebh ard’s u. A. bekannt geworden sind — und macht darauf 
aufmerksam, dass auch die Vorgänge der prämenstrualen Schwel¬ 
lung, der menstrualen Abschwellung und der postmenstrualen 
Regeneration der Uterusmukosa sich getreu der von v. 011 
gefundenen wellenförmigen Kurve der vitalen Energie des weib¬ 
lichen Organismus anpassen. 

Dass die Causa movens all’ dieser gewaltigen menstrualen 
Vorgänge im Ovarium zu suchen ist, wurde zum 1. Male vor 
70 Jahren von Negrier als Vermuthung, im Jahre 1865 aber 
von B i s c h o f f und Pflüger klar und bestimmt aus¬ 


gesprochen. Der Reiz geht aus von dem im Ovarium reifenden 
Ovulum. Dafür spricht die Thatsache, dass bei Kindern und 
älteren Frauen, bei kongenitaler Verkümmerung und nach opera¬ 
tiver Entfernung der Ovarien, kurz immer, wenn es an einem 
funktionsfähigen ovulirenden Eierstock fehlt, stets und allemal 
die Menstruation und alle mit ihr in Beziehung stehenden schon 
erörterten Erregungen und Schwankungen der vitalen Energie 
vermisst werden. 

Nach Schilderung der anatomischen und histologischen Ver¬ 
hältnisse des Ovarium, sowie des Vorgangs der Follikelreifung 
bespricht Redner die Pflüge r’sche Menstruationstheorie, die 
durch neuere Forschungen (namenlioh L e o p o 1 d’s und Strass- 
m a n n’s) im Wesentlichen bestätigt wird. Nach Pflüger 
hat „die Schwellung der Uterusschleimhaut bei jeder Men¬ 
struation nichts Anderes zu bedeuten, als den Beginn der Bildung 
der Membrana decidua. Während die Ovula sich anschicken, 
die Ovarien zu verlassen, bereitet der Uterus das Bett, welches 
dieselben beherbergen soll. Die Menstruation kann aueh ohne 
Follikel berstung (Ovulation) erfolgen. Es ist also nicht die 
Follikel b e r s t u n g , wohl aber die Follikel r e i f u n g die 
Ursache der menstruellen Kongestion. Durch den Druck der 
wachsenden Follikel wird auf die Ovarialnerven ein konstanter 
Reiz ausgeübt. Die Summe dieser Reize, welche nach Ablauf 
einer gewissen Zeit immer eine bestimmte Grösse erreichen, 
löst schliesslich eine gewaltige Kongestion nach den Genitalien 
aus, unter deren Einfluss einerseits die Blutung der Uterus¬ 
schleimhaut, andererseits und zwar meist gleichzeitig mit dieser 
Blutung die Berstung der Follikel erfolgt“. 

Leopold’s Untersuchungen über das zeitliche Zusammen¬ 
treffen der Follikelberstung (der Ovulation) mit der Menstruation 
bestätigten Pflüge r’s Annahme, dass Ovulation und Men¬ 
struation gewöhnlich zusammenfallen, dass die Menstruation 
aber auch ohne Ovulation, doch seltener als mit Ovulation, vor¬ 
kommt; — sie bewiesen zugleich, dass intermenstruelle Ovu¬ 
lation ein seltenes Ereigniss ist. Hiermit in Einklang steht die 
häufig von den Gynäkologen gemachte Beobachtung der prä- 
nienstrualen Schwellung eines Ovariums und die gelegentlich 
bei Ovarialhernicn gemachten Wahrnehmungen. Redner gedenkt 
hierbei eines selbst beobachteten Falles von Ovarialhcrnie. in 
welchem das durch den Leistenkanal ausgetretene irreponiblc 
rechte Ovarium wenige Tage vor jeder Periode erheblich an¬ 
schwoll, druckempfindlich wurde und regelmässig zum Ausbruch 
einer quälenden, mehrere Tage andauernden universellen Urti¬ 
karia Anlass gab. Nach Exstirpation des dislozirten Ovariums 
blieben die prämenstruellen Urtikariaausbrüche dauernd weg. 

Eine weitere Bestätigung der P f 1 ü g e r’schen Menstrua- 
tionstheoric lieferte Strass mann auf experimentellem Wege. 
Er vermochte durch künstliche Erhöhung des intraovariellen 
Drucks (Gelatineinjektionen in das Ovarialgewebe nicht brünstiger 
Hündinnen) und durch die damit gesetzte Reizung der Ovarial¬ 
nerven reflektorisch eine (der antcmenstruellen Schwellung 
analoge) Schwellung und Hyperämie der Mucosa uteri und der 
äusseren Sehamtheile hervorzurufen. 

Ob das nervöse Zentrum, welches die von den wachsenden 
Follikeln ausgehenden Reize aufnimmt, akkumulirt und schliess¬ 
lich an die sympathischen Nervengeflechte der Gcfässe weiter¬ 
gibt. — ob dies nervöse Zentum in den von Elisabeth W inter¬ 
im 11 o r nachgewiesenen (von v. II e r f f bezweifelten) Ganglien¬ 
zellen des Ovariums selbst zu suchen, ist noch unentschieden, 
doch immerhin wahrscheinlich. Unwahrscheinlich aber ist. es, 
dass die von den reifenden Follikeln ausgehenden Reize rein 
mechanischer Art sind. Der funktionirende Eierstock liefert 
wahrscheinlich gewisse chemische Substanzen an das Blut und 
wirkt so im Haushalt des Organismus auch chemotaktisch. 
Dafür scheint unter Anderem das Fettwerden der Frauen im 
Klimakterium und nach der Kastration, sowie die erhebliche 
Abnahme der Phosphorsäureaiisseheidung und die vielleicht da¬ 
rauf basirende Heilung der Osteomalacie durch Kastration zu 
sprechen. 

Sind wir nach all’ den mitgetheilten Thatsachen berechtigt, 
in der Follikel- und Eireifung die Causa movens der mannig¬ 
fachen menstrualen Vorgänge zu erblicken —- diese periodisch 
sich wiederholenden menstrualen Vorgänge im Gesammtkörper 
wie im Uterus selbst aber als Rüstungen des weiblichen Or¬ 
ganismus zur Bildung einer Frucht aufzufassen — so drängt 
sich von selbst die Frage nach dem Verhültniss der einzelnen 


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82 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 


menstruellen Phase zum Eintritt einer Schwangerschaft auf. 
Mit anderen Worten, ist das mit der letztauf tretenden oder das 
mit der erstausbleibenden menstrualen Blutung freiwerdende 
Ei das befruchtete? 

Pflüger’s Ansicht ging dahin, dass bei Eintritt einer 
Schwangerschaft immer das zur Zeit der letzten Menstruation 
gelöste Ei befruchtet werde. Auch die allgemein übliche Berech- 
nungsweisc der Schwangerschaftsdauer beruht auf dieser An¬ 
nahme. Die wunde menstruirendc Uterusschleimhaut hielt 
Pflüger geradezu für nothwendig zum Haften des befruch¬ 
teten Eies. Demgegenüber ist zunächst an die nicht seltenen 
Konzeptionen ohne voraufgegangene Menstruation während der 
Laktation und bei sehr jugendlichen Individuen zu erinnern. Des 
Weiteren erörtert Redner die von Sigismund, Löwen- 
h a r (1 1 u. A. angeführten Gründe, welche immer entschiedener 
der I'eberzeugung Bahn gebrochen haben, das» das befruchtete Ei 
stets der zuerst ausbleibenden Periode angehöre. 
Die menstruale Blutung zeigt an, dass Schwangerschaft n iclit 
eingetreten, dass ein Ei unbefruchtet zu Grunde gegangen ist. 

Mit Recht weist Strassmann auch darauf hin, dass jeder 
Gynäkologe unbesorgt und ohne das Vorhandensein einer Gravi¬ 
dität zu befürchten, den Uterus sondirt, wenn er erfährt, dass 
die Patientin innerhalb der letzt verflossenen 3 Wochen menstruirt 
war. Wäre normaler Weise das Ei der letztauftretenden Periode 
das befruchtete, so würde die Uterussonde unsäglich viel Unheil 
anrichten und verdiente aus dem gynäkologischen Armamentariuin 
verbannt zu werden. Audi die Embryologie hat zu Gunsten der 
Sigismund-Loewenhard t'sehen Annahme entschieden. 
Der Entwicklungsgrad sehr jugendlicher Föten aus dem ersten 
Monat weist nach H i s in 75 Proz. der Fälle mit Sicherheit auf 
die Zeit der erstausgebliebenen Menstruation als Konzeptions- 
termin hin. 

Als Gesamintergebniss aller bisherigen Beobachtungen und 
Raisonnements lassen sich wesentlich nach Strassmann, 
dessen klaren und überzeugenden Darlegungen durchaus beizu- 
flichten ist, über den Zusammenhang zwischen Ovulation, Men¬ 
struation und Konzeption folgende Schlusssätze auf¬ 
stellen : 

Die Thätigkeit der weiblichen Generationsorgane vollzieht 
sich periodisch. 

An dieser Periodizität nehmen die gesummten Lebensprozesse 
des weiblichen Organismus theil, welche in wellenförmiger Be¬ 
wegung begriffen, in der jeweiligen Steigerung die Vorbereitung 
für die Entstehung eines kindlichen Organismus erkennen lassen. 

In gleich regelmässigen (auch bei scheinbarer Unregelmässig¬ 
keit sich zu einem 23 oder 28 tägigen Turnus gruppirenden) 
Phasen reift ein Ei heran. Unter dem Einfluss der Eireifung 
und abhängig davon entwickelt sich im Uterus die zur Auf¬ 
nahme und Ernährung des Ei<*s bestimmte antemenstrucllo 
Schleimhaut. 

Die Berstung des Follikels und Loslösung des Eies findet, 
durch histologische Wachsthumsvorgänge langsam vorbereitet, 
auf der Höhe der Wellenbewegung im Organismus noch vor Ein¬ 
tritt der menstruellen Blutung statt. 

Das austretende Ei wird sofort, schon auf dem Ovarium 
oder am Infundibulum tubae, befruchtet, und von diesem Moment 
an, noch während der etwa 3—5 Tage dauernden Wanderung 
des Eies, beginnt die Weiterentwickelung “und Umwandlung der 
Uterusschleimhaut zur Dezidua. Die Menstruation bleibt aus, 
es ist Schwangerschaft eingetreten. 

Tritt keine Befruchtung ein — geht das reife Ei extra- oder 
intrafollikulär zu Grunde — so geht auch die zu seiner Auf¬ 
nahme antemenstruell entwickelte Uterusschleimhaut zu Grunde; 
es findet keine Fortentwicklung und Umbildung zur Dezidua 
statt; es kommt zur menstruellen Blutung, Abschwellung und 
Rückbildung der Schleimhaut. Der Körper des Weibes traf alle 
Vorbereitungen zur Fortpflanzung, er lieferte das reife Ei, be¬ 
reitete ihm den Boden im Uterus zur Entwickelung und 
speicherte für den Aufbau Stoffe auf. Da keine Befruchtung 
eintrat, wird mit der menstruellen Blutung abgerüstet und im 
Haushalt des Organismus das Gleichgewicht wieder hergestellt, 
um binnen Kurzem das gleiche Spiel von Neuem beginnen zu 
lassen. 

Die periodische Schwellung des Endometrium ist — wie 
Strass mann treffend sagt, eine Funktion der Eireifung — 
die Deziduabildung ist eine Funktion der Eibefruchtung. 


Summa summarum: „Es ist ihr ewig Weh und Ach — 
So tausendfach — Aus einem Punkte zu kuriren.“ 
Diskussion: Herr H «uni g. 


Gynäkologische Gesellschaft in München. 

Sitzung vom 23. Oktober 1901. 

1. Herr Mirabeau demonstrirt a) einen wegen Adenoma 
malignum corporis nach Schuchard t’scher Methode exstir- 
pirten Uterus einer 57 jährigen Virgo Intacta. 

In Blasenstein (Uratstein) von (1er Form und Grösse des 
Trigonum Lieutodii bei einer jungen Frau, vermittels des Cysto- 
skops erkannt und durchKolpoeystotomie entfernt; primäre Blas n 
naht, isolirte Scheidennaht, glatte Heilung. Die Patientin wurde 
2 Jahre lang wegen Cystitis von verschiedenen Seiten behandelt, 
ohne dass der Stein entdeckt werden konnte. Empfehlung der 
(’ystoskopie zu Beginn jeder lokalen Blasenbehandlung. 
[Demonstration ries Steines und der eystoskopischen Bilder (Tafel.)] 

e) Papilläres Ovarialkystom von Mannskopf grosse. Stiel¬ 
drehung vor 8 Wochen. Peritonitis. Bei der Operation erweist 
sich der Tumor 2 mal nach links um seine Achse gedreht, voll¬ 
ständig mit Barmsehlingen umwachsen. Der Stiel vollkommen 
nekrotisch, so dass er nicht abgebunden werden brauchte. Glatter 
Operation«- und Heilungsverlauf. 

2. Herr J. A. A m a n n: Totale Inversion des Uterus durch 
Fibrom. (Der Vortrag erscheint in dieser Wochenschrift.) 

3. V o r trag des Herrn Ludwig S e i t z: Ueber Schwanger¬ 

schaft und Geburt bei Prolapsus Uteri. (Der Vortrag erscheint in 
dieser Wochenschrift.» Dr. Sigm. Mirabeau. 


Aerztlicher Verein in Nürnberg. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 17. Oktober 1901. 

Vorsitzender: Herr Carl Koch. 

1. Herr F. Glulini bringt die Krankengeschichte eines 
Falles von Aderhautsarkom nach einer Verletzung. 

2. Herr Neuburger stellt einen schön ausgeprägten Fall 
von Verrostung des Auges (Siderosis bulbi) vor. Die Iris des 
r. Auges zeigt eine selimutzig-gelbbräunliche Farbe (L blau), an 
der Kammerbucht oben innen ein kleines dreieckiges Loch (Ein¬ 
gangspforte des Splitters); im Pupillargebiet sind auf der Linsen¬ 
kapsel. sowie auf den breiten Synechien zahlreiche ockergelln? 
Ablagerungen. Das Auge ist und'urvhleuehtbar. ziemlich reizlos, 
gänzlich erblindet. Das Merkwürdige an dem Falle ist. dass der 
18 jährige Eisendreher von einer Verletzung des rechten Auges 
durchaus nichts weiss. Vor 7« Jahren wurde ihm aus der 1. Horn¬ 
haut ein Splitter entfernt und dabei vom Augenarzt das r. Auge 
geprüft und normal befunden. Vor V, Jahre merkten Bekannte 
zuerst das veränderte Aussehen des r. Auges; Pat. selbst ent¬ 
deckte erst vor Jahre die Erblindung: das r. Auge sei nie 
rotli oder entzündet gewesen. II i r s c h b e r g’s Sideroskop gibt 
beim Anlegen des inneren unteren Quadranten Ausschlag. Ein¬ 
malige Durchleuchtung mit Höntgenstrablen war negativ, sie soll 
wiederholt lx*zw. eine Photographie gemacht werden. Aus obigem 
objektivem Befunde hält Vortragender eine Verletzung durch einen 
Eisensplitter für sicher; zwar ist bei dem durch schleichende Irido- 
Oyklitis erblindeten Auge durch event. Magnetextraktion für die 
Sehkraft nichts mehr zu hoffen, doch soll das Unfallverfnliren 
einzig und allein auf Grund des objektiven Befundes eingeleitet 
und nach dessen Erledigung der Fall eingehend veröffentlicht 
werden. 

3. Herr Alexander zeigt mikroskopische Präparate von 
Lent!conus poster. mit Arteria hyaloidea persistens. Sie stammen 
von dem rechten Bulbus eines 7 Monate alten Kindes, welches 
früher schon wegen M ikrocephall e mit D Aviation 
e o n j u g e e iin Verein vorgestelit worden ist. (November 1900.) 

Die Anomalie war schon intra vitarn festgestellt worden. 
Die Linse ist nach hinten konisch ausgebuchtet und zeigt dort 
partiellen Zerfall ihrer Fasern (Catar. pol. post.). 

Die Art er. hyaloidea verläuft von der Papille zum hinteren 
Linsenpol, sieh dort in der Kapsel verlierend. 

Vortr. demonstrirt weiter mehrere Präparate von Arter. liya- 
loidca in embryonalen Augen und geht, dann näher auf den 
Lenticonus posier, ein, eine Linsenanomalie, die klinisch zwar 
schon länger bekannt, aber erst in den letzten Jahren eingehender 
untersmht. wurden ist (Hess. Bach. I* er ge ns. Bäck). 

Er scliliesst sieh der von Hess aufgestellten Theorie an. die 
bekanntlich die Missbildung der Linse auf eine fötale Continuitäts- 
Irennuiig der hinteren Linscnkapsel (event. hei der Rückbildung 
der Arter. hyaloid. entstanden) zurück führt. 

4. Herr S. Merkel berichtet über seine Erfahrungen mit 
Aspirin. 


Unterelsässischer Aerzteverein. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 21. Dezember 1901. 

Herr Madelung demonstrirt zuerst einen jungen Mann, 
dem ein sehr grosses Rundzellensarkom der Darmbeinschaufel mit 
bestem Erfolg exstirpirt wurde. Sodann bespricht er die trans¬ 
diaphragmatische Laparotomie behufs Naht einer stark blutenden 


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14. Januar 190Ö. 


MÜENCHENER MEDICINISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


83 


Milsverletzung. Per nuumehr völlig geheilte 20 jährige junge 
Manu hatte Anfangs Oktober eine Stiletwunde in der 1. Seite er¬ 
halten und zwar von oben nach unten in der mittleren Axillarlinie. 
Einige Stunden nach der Verletzung Zeichen innerer Blutung resp. 
Hümothorax. Bei Erweiterung der Wunde zeigt sich Netzvorfall 
durch die Zwerchfellwunde. Desslialb transdiuphmgniatische 
I^pnrotomie unter Bildung eines grossen Thoraxwandlappens 
durch Itippenresektion. Starke Blutung aus dein vom Stich ge¬ 
troffenen oberen Milzpol. Milzunht. Netzüberkleidung. Schluss 
des Zwerchfells wie des Thorax. Drainage. Heilung. 

Die seit 15 Jahren behufs Oi>erationen an der oberen Fläche 
der Leber bekannte transdiaphragmatische Laparotomie scheint 
bisher erst 2 mal ln Italien, 1 mal in Russland ausgeführt zu sein 
zwecks der Behandlung von Milzwunden. 

Herr Fürstner bespricht eine seltene Fora der infan¬ 
tilen Idiotie unter Vorstellung eines 5 jährigen Mädchens. 

Es handelt sich nicht um die bekannten Hemiparesen mit 
sekundärer Zerstörung der sensiblen Centren, noch um das häu¬ 
figere Vorkommen von späteren motorischen Störungen hei kon¬ 
genitaler Idiotie in Folge des Fehlens genügender Bewegungs¬ 
bilder, der Residuen geistiger Eindrücke in der Hirnrinde, wo¬ 
bei dann auch häufig eine ganz unausgebildete Sprache beobachtet 
wird. 

Im vorliegenden Fall, den man eine sensorische Idio- 
t i e neunen könnte, sehen wir bei einem bis auf ganz unbedeu¬ 
tenden Hydrocephalus äusserlich normal entwickelten Mädchen 
nur spärlichste 'Sinneswahrnehmungen. Allein ein vorgehaltenes 
Licht verfolgt der Blick, nur plötzliches Klingen einer lauten 
Schelle führt zu klarem (Jehörseindruck. Geschmack. Geruch. 
Wärmegefühl äussorn sich nicht. Daneben bestehen seit dem 
•». l.ebensinonat zunehmend Krämpfe nur des Zwerchfells und der 
Itnmpfinuskulntur: Spasmus nutuns, wol>el der Kopf gegen die 
Zehen geschleudert wird. Lähmungserscheinungon fehlen. Aber 
das Kind greift nur mit der linken Hand, am ehesten nach der 
offenbar erkannten Milchflasche, die gut zum Munde gelangt. 
Leichter Strabismus rechts, geringer Spasmus der vom r. Facialis 
versorgten Muskulatur. Kein Sphlnkterrotlex des Anus. Gang 
typisch für schwere Rindenläsion. 

Es handelt sieh also hier um die seltene Form sensori¬ 
scher Idiotie iin Gegensatz zu der häutigen gewöhnlichen 
infantilen Idiotie. 

Herr Wolf f bespricht die sogen. Akne chlorlca. die Chlor¬ 
akne. welche bei Elektrolyse des Chlorkalks resp. bei der Soda- 
fabrikation ln bisher etwa 15 Fällen beobachtet wurde. Die I/okali- 
sation der Aknepusteln, Comedonon und Atherome ist abhängig 
von dem Lageverhältuiss der elektrolytischen Zellen über oder 
unter dem betr. Arbeiter. Der vorgestellte kräftige Arbeiter zeigt 
die Erkrankung der oberen Körperhälfte; er war an den nega¬ 
tiven Zellen beschäftigt uud wurde wohl durch uutercldorigsaure 
Xatrondümpfc geschädigt. Die von einem französischen Autor 1**- 
hauptete letale Prognose kann Wolff nicht bestätigen, sein Fall 
scheint im (Jegentheil eine gute Prognose zu rechtfertigen. 

Herr Kien demonstrlrt das Präparat eines Oesophagus¬ 
karzinoms bei 71 jährigem Pfründner, welches, ohne Erschei¬ 
nungen seitens der Lungen zu bewirken, in den r. Bronchus per- 
forirt ist und 3 Wochen nach den ersten Sehluckbeschwerden 
zur Armsion der Aorta und foudroyanten Hämatemese führte. 
Vortragender Ist ein Gegner der kurativen Sondirung bei jedem 
Oesophaguskarzinom. Nur zu diagnostischen Zwecken ist die Son- 
dirung berechtigt. 

Herr Naunyn demonstrlrt eine K 1 u m p k e’sche Läh¬ 
mung bei 32 jährigem Manne, der im Rausch auf den hoeh- 
erholK-ncu Arm stürzte und auf dem über die linke Schulter ge¬ 
streckten Ann noch 2—3 Stunden schlief. Sofort zeigte sich eine 
Lähmung Im Bereich des 5. und 0. Cervlcalnerven und des Sym- 
patliiep.s. Die Flexoren des Oberarms. Supinator longus, Del- 
toideus. die Spinnt!. Ia*vntor scapulne und ein Thell des Cuenllaris 
sind gelähmt, ausserdem aber Ist die 1. Pupille und Lhlspaltc ver¬ 
engert und der linke Bulbus liegt tiefer als der rechte. Bei Pilo¬ 
karpininjektion tritt das Schwitzen links erst 12 Minuten später 
ein als rechts. Scnsibilltiitsstörungen fehlen. Die Prognose für 
die Heilung ist. wie bei der unkomplizirten Erb'sehen Lähmung, 
eine schlechte. 

Herr H. Freund demonstrlrt (Re Präparate resp. Photo¬ 
graphien von verschiedenen Füllen, bei denen anormale Tuben¬ 
entwickelung zu schweren Störungen führte. In 2 Fällen bestand 
l»ei abnorm langen, geschlängelten Tuben Tubarschwnngorscliaft 
mit sekundärer Blutung aus der geplatzten Tube. In einem 3. Fall 
Ix-stand ln einer abnorm kurzen Tube ein an grossen Venen über¬ 
reiches Septum, welches, Intra eoitum durch ein grosses Pessar 
verletzt, zur Tubenblutung führte. Im 4. Fall war wie bei Mar¬ 
tin durch Torsion einer abnorm kurzen schwangeren Tube am 
uterinen Ende die Haemorrhagie erfolgt. 

Herr Gerhardt demonstrlrt einen kleinhühnereigrossen 
Gallenstein, der ü. Tage langen Ileus bewirkt hatte. Die üljäbr. 
Patientin war, ausser vagen Schmerzen der Lebergegend 4 Jahre 
vorher frei von allen Symptomen der Cholelithiasi» gewesen. Durch 
. Hr jjonende. allmähliche Eingreifen nach Naunyn gelang es, 
M '{ I Iter in den Dann einzubringen, worauf am 2. uud 3. Tag 
• 11 erfolgte und am 4. Tag der von der Blase offenbar in den 
pf dann durchgebrochene riesige Stein entleert wurde. 


Berliner medicinische Gesellschaft. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 8. Januar 1902. 

I. Ordentliche Generalversammlung. 

Wiederwahl des Gesaimntvorstandes. 

II. Ordentliche Sitzung. 

Tagesordnung: 

Diskussion über den Vortrag des Herrn Freund: 
Ueber Thoraxanomalien bei Phthisis und Emphysem und über 
Disposition zu Lungenphthise. 

Herr Liebreich: Nach der glänzenden Entdeckung 
R. K o c h's sei ein zu einseitiger, kontagionistischer Standpunkt 
vertreten worden; allmählich komme die Disposition wieder 
zur Anerkennung. Die Arbeiten von Gott stein, Grawitz. 
Ilansemaun u. A. haben gezeigt, dass die Infektion durch 
chemische Noxen und vorangegangene andere Infektionen begün¬ 
stig! wird. Man müsse daher nicht allein mit den Bakterien, 
sondern mit der vitalen Kraft der Zelle rechnen. In diesem Sinne 
habe er vom NosoparasitIsmus gesprochen, im Gegensatz zum 
Orthoparasltisinus. der z. B. für die Syphilis und den Menschen 
als vorhanden angenommen werden darf. 

Diese theoretischen Betrachtungen haben die praktisch wich¬ 
tige Konsequenz, dass man therapeutisch nicht bloss gegen die 
Bazillen durch Desinflzlentien Vorgehen, sondern gleichzeitig die 
Widerstandskraft der Zelle erhöhen müsse. 

Herr Heuliner: Die starre Thoraxform, welche das Em¬ 
physem begünstige, sei ihm selbst bei Säuglingen schon auf¬ 
gefallen. Di«* ursprüngliche Arbeit A. W. Freund'« sei schon 
vor 50 Jahren von N iemeyer sehr geschätzt worden. 

Herr Kroenig: Er glaubt nicht, dass die Rachentonsille 
eine Verengerung des Thorax zu Stande bringen kann. Die An¬ 
sichten Zuelzer’s über die 1. Rippe hält er für ganz und gar 
unbegründet. 

Herr R o t h s c h i I d - Soden a. T. a. G.: Er habe vor längerer 
Zeit über den gleichen Gegenstand gearbeitet und sei zu theil- 
weise anderen Resultaten gelangt, wie Herr Freund. Die 
erste Rippe nämlich, auf die Herr Fr. den Nachdruck leg«*, 
spiele bei <l«*r Mechanik der Athmung eine ganz andere Rolle; 
sie mach«* nicht die auf Erweiterung des Thorax hinzielende B«*- 
wegung der übrigen Rippen nach oben mit, sondern mache eine 
Drehung um ihre Längsachse mit der unteren Kante nach vorn. 
Dadurch wird das fest mit ihr verbundene Mauubrium sterni 
ebenfalls nach vorn gedroht. Ist nun das Gelenk zwischen 
Mnnuhrium uu«l Corpus sterni, wie zuweilen, verwachsen, dann 
kann das Mnnuhrium diesem Zuge nicht folgen und es kommt 
zuweilen zu Einrissen iu den Knorpel der 1. Rippe, zumal wenn 
er spröde, verkalkt ist und in Folge dieser Frakturen auch zu 
PKcudarthroscn. Diese wären also keine auf Heilung der Raum- 
beengung hinzielenden Vorkommnisse, sondern unwesentliche se¬ 
kundäre Befunde. Der Winkel zwischen Corpus und Mnnuhrium 
sei vielleicht für den paralytisch«*» Thorax von Bedeutung und 
«lesshalb hala* er ein Instrument zu seiner Messung koustruirt. 
Unter Thorax parnlyticus sei ursprünglich eine durch Erschlaffung 
d»*r Muskulatur horbeigeführte Form verstanden worden. Es sei 
möglich, dass «li<* Besonderheiten des Thorax phthisieus durch ab¬ 
norm«* Knochea.-iilWickelung bedingt sei. diese s«*i dann ihrerseits 
wohl bedingt durch früher überstandeno Krankheit oder hereditär 
nc(|Uirirt. 

H«*rr M. Wolff: Die von Zuelzer angeführte Schmerz¬ 
haftigkeit und Abtnstbarkeit der 1. Rippe kann er gleich Iv rön i g 
nicht bestätigen. Die Verkn«öch«*rung dieser Rippe findet sich 
bald bei Phthisen, bald nicht. Zur Gelenkbildung in diesen Rippen- 
kuorptdn und der Deutung «li«*s«*s Vorganges als eines Zeichens 
für die Heilung der LungiMituberkulose bemerke er. dass man 
jetzt doch ein wenig zu optimistisch s«*i in Bezug auf Heilung *l«*r 
Lungentuberkulose. 

Herr v. II a n s e in a n n: Die von A. Frnenkcl angeführte 
Beobachtung Ribbert's, dass auch bei akuter Miliartuberkulose 
sich die ältesten Herde in der Spitze finden, sei desshall) unzu¬ 
treffend. weil R i b b e r t’s Fall gar keine akute Miliar¬ 
tuberkulose. sondern eine käsige Bronchitis sei. 

Herr Po rl: Er halte in GO Fällen von Skoliosen 1. n. 2. Grades 
nur einmal, und «1a b«*i einem hereditär schwer belasteten Kind«*, 
Tuberkulose der Lunge gefunden. 

Herr I mm ei mann: Zur Technik der Röntgenaufnahme 
der l. Rippe. 

Herr Edmund Meyer: In der Lungenheilanstalt Belzig hat 
Herr Moeller gefunden, dass von 143 Patienten mit Tuber¬ 
kulose im 1. Stadium nur 7 einen Thorax parnlyticus hatten, von 
U>5 im 2. nur 14 und von 100 im 3. Stadium nur 34. Daraus folge 
dass der Thorax parnlyticus mit der Tuberkulose nicht iu dem von 
Freund angenommenen Kausalzusammenhang stehe. 

Herr Le vv-Dorn: Zur Röntgentechnik. 

Herr K a m i n e r: M o s s e hab«* gerade dosshalb seine Arbeit 
gemacht, weil man früher angenommen habe, dass die Skoliose 
die Tuberkulose aussehlicsse. 

Herr F r «* u n <1 (Schlusswort): Die Ansicht A. F r n «* n kels 
von der Anämie der Lungenspitze sei strittig und iu Fällen von 
Abschnürung der Spitze durch eine enge 1. Rippe sicher nicht 
begründet. 

Die Bemerkungen Rothschild’» seien nicht zutreffend. 

Auf all«* Fälle werde jetzt auf die von ihm berichteten Punkte 
in Zukuuft mehr Gewicht gelegt werden und mau werde nicht 


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84 MüENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. Ho. 2. 


mehr, wie früher vor JiO Jahren, seine Arbeit unberücksichtigt 
lassen. Den anatomischen Theil habe er nochmals nucligepnilt 
und richtig befunden, jetzt sei es Sache der Kliniker, den klinischen 
zu untersuchen. Hans Kolin. 

Verein für innere Medicin zu Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom G. Januar 1002. 

Demonstrationen: 

Herr Ziegenhagen: Ein Aneurysma aortae^ascendentis 
in venam cavam perforatum. Trotz relativer SelteiiUeit ist dies 
der 5. Fall, der Im Friedrichshain in den letzten Jahren zur Beob¬ 
achtung und Sektion gelangte. 

Herr Lippmann-Wulff: Einen 3*jährigen Maler, der 
int Anschlüsse an eine Pneumonie eine doppelseitige Thrombose 
der Venae cruralis bezw. iliacae bekommen hatte und davon eine 
ausgedehnte Varicenbildung an den Beinen und am Kumpf 
zurückbehalten hat. 

Diskussion: Herren L e y d e n, A. F r a e n k e 1. Rosi n. 

Herr K a m i n e r: Die von Ehrlich beschriebene Jod¬ 
reaktion in Leukocyten (3 Stadien: diffuse Färbung des Proto¬ 
plasma. feine Kornelung. schollige Färbung), welche vom Kin¬ 
discher bei verschiedenen Infektionskrankheiten gefunden worden 
war. machte Yorlr. zum Studium bei einer grossen Zahl von In¬ 
fektionen und Intoxikationen. Es zeigte sich, dass sich diese lto- 
aktion immer dann fand, wenn eine bakterielle Infektion vorlag. 

Die im normalen Blut kreisenden Leukocyten sind nicht jod- 
empfindlich, dagegen die Eiterkörperchen; Injektion von Strepto¬ 
kokken bewirkte beim Meerschweinchen, dass nach 8 Stunden 
die Leukocyten Jodreaktion gaben; und in ähnlicher Zeit gelang 
es bei anderen Bazillosen die Reaktion nachzuweisen, nicht jedoch 
bei Iliihnercholera. Ebenso hört, nur noch schneller, nach In¬ 
jektion bakterienfreier Toxinlösungen die Reaktion auf. Diese 
Reaktion blieb jedoch aus nach Injektion von Tetanustoxin, was 
Vortr. für die Bindung dieses Giftes an amlerer Stelle, nämlich, 
wie von Wassermann nachgewiesen, an der Vorderhornzelle 
verwert liet. 

Wurde vor der Diphtheriegiftinjektion mit Diphtherieserum 
immunisirt, so blieb die Reaktion aus: 

Klein und Abrin verhielten sich ähnlich wie die Bakterien¬ 
toxine. 

Etwas komplizirter lagen die Verhältnisse bei chronischen In¬ 
fektionskrankheiten. wie z. B. Rotz und Tuberkulose; hier kam es 
auch auf die Versuchsanordnung an. Zumeist blieb die Reaktion 
aus. 

Tagesordnung: 

Herr Munter: Die Hydrotherapie der Tabes. 

Ilans Koh n. 

Aus den Pariser medizinischen Gesellschaften. 

Soci6t6 medicale des hopitaux. 

Sitzung vom 29. Novo in b e r 1901. 

Gaucher berichtet über eine neue Formel von benzoe- 
saurem Quecksilber zu Injektionen, welche sich besonders bei 
schweren Formen von Syphilis bewährte. Bei der früheren Zu¬ 
sammensetzung (nach Stou k o w e n k o f f) war das Quecksilber- 
Milz mit einer kleinen Menge Na 01 und Cocain, hydrochl. associirt. 
während bei der späteren (nach B re tonnen u> die Lösung des 
benzoesaureii Quecksilbers durch Ammon, benzoat., mit benzoe- 
saurem Kokain vermischt, bewirkt wurde; noch leichter gelingt 
diese Lösung in künstlichem Serum, welches 7.Ö Na01 pro Liter 
enthält, die Formel demnach lautet: 11g benzoic.1,0, Na CI (chemisch 
rein» 0.7Ö. Aqu. dest. 100.0. Wichtig ist, dass der Apotheker nicht 
das bcnzocsaureQuecksilber des Handels, welches unrein und schwer 
zu lösen ist, anwendet, sondern sich dasselbe selbst präparirt, 
worüber G. genaue Vorschriften gibt. Die 1 proz. benzoesaure 
Quecksilberlösung muss tief in das subkutane (nicht in die 
Muskeln!) Gewebe der Hinterbacken in der Dosis von 2 ccm pro 
Tag injizirt werden: sie wird gut vertragen, obwohl sie kein Kokain 
enthält, und verursacht nur geringen Schmerz, oft gar keinen. 

Im Anschluss hieran berichten Gaucher und Lacaperc 
über einen Fall von G e h i r u s y p h i 1 i s , welcher nur nach einer 
Leukoplasia linguae diagnostizirl und durch die Injektionen von 
benzoesaurem Quecksilber, gemeinsam mit innerer Joddarreielmng, 
geheilt worden ist. 

A c h a r d bespricht den Beginn der Hysterie im höheren 
Alter, stellt einen t>4 jährigen Mann mit hysterischen Stigmata 
vor, ebenso Pierre M a r i e 2 Kranke von 72 und 80 Jahren, 
W i d a 1 einen von 08 Jahren, bei welchen als einzige Zeichen der 
Hysterie (7) ausgesprochene Astasie-Aba sie vorhanden sei. 

Fernand Bezan^on und A. Philibert beobachteten 
einen Fall ganz abnormer Lokalisation des Typhusbazillus in 
den Gallengängen (Cholecystitis), welche ohne die Erscheinungen 
des Typhus sich entwickelt hat und deren genaue Natur nur durch 
die Serumdiagnose zu konstatiren war. Diese lokale Manifestation 
des E b e r t löschen Bazillus ohne allgemeinen Typhus reiht sich 
jenen von Pleuritis mit diesem Bazillus an und beweist, dass der 
E b e r t lösche Bazillus trotz seiner Beschaffenheit als spezifischer 
Infektionskeim, manchmal einfache organische Veränderungen 
verursachen und sich, wie die gewöhnlichen Saprophyton, die 
unseren Organismus bewohnen (Staphylo-Streptokokken), ver¬ 
halten kann. 


Sitzung vom 0. T) e z e m her 1901. 

L. Le vi und A. Lemierre besprechen im Anschluss 
an einen Fall von Typhuscystitis die Prophylaxe des Typhus; bei 
dem 24 jährigen Manne war die Blasenkomplikation 19 Tage nach 
der sonst gutartig verlaufenden Typhuserkrankung aufgetreten 
und mehr wie 3 Monate später enthielt der Urin noch weisse Blut¬ 
körperchen und Typhusbazillen in Reinkultur. Unter dem Ein- 
tlusse von 12 gr Urotropin, in 0 Tagen genommen, verschwanden 
Pyurie und die Bazillen aus dem Urin. Die Fälle von Typhus 
evstltis sind in Frankreich ausserordentlich selten (2 Fälle von 
Vincent); dhse Entzündung der Blase verläuft zuweilen rasch, 
manchmal sehr langsam und kann sich auf mehrere Monate und 
Jahre ausdehnen. Der Harn kann noch lange nach Aufhören der 
Entzündung Typhusbazillen enthalten; es ist daher in prophy¬ 
laktischer Beziehung sehr wichtig, den Urin aller Typhuspatientrn 
zu überwachen und sich gegen diese so zu verhalten, als ob ihr 
Urin stets Typhusbazillen enthielte. Das Urotropin hat ebenso, 
wie iti den Händen anderer Autoren (R Ichardson, Ilartou- 
Smith. Neufeld), auch im vorliegenden Falle guten Erfolg 
erzielt. Derselbe liefert einen weiteren Beweis, wie nothwemlig 
die „llaruprophylaxe“ des Typbus ist. 

S i m o n i n hat mehrere Fälle von erythematöser Eruption 
bei der Angina und Stomatitis ulcero-membranacea (mit dun 
Bazillus fusilormis) beobachtet. Diese Erytheme sind polymorph, 
manchmal scharlachälinlicli; häutig verläuft die Quelle der In¬ 
fektion unbemerkt und nur der Ausschlag zieht die Aufmerksam¬ 
keit auf sieh. Die meisten dieser Erytheme entstehen durch Misch- 
Infektion mit dem Streptokokkus. S. erinnert schliesslich daran, 
dass das von Siredey empfohlene Methylenblau rasch die Ver¬ 
narbung der Uleerntionen herbeiführt. 

Auswärtige Briefe. 

Wiener Briefe. 

(Eigener Bericht.) 

W i e n, 11. Januar 1992. 

Die Bewegung gegen die neue Bigorosenordnung. — 
Aerztliches Berufsgeheimniss und Krankenkassen. — Ein 
künstlicher Oesophagus. — Ein Ulcus venereum des Fingers. 

Sclnm vor den Weihnachtsferie.il hatten die Mediziner eine 
j grossartige Demonstration gegen Ilofrath Prof. Einer in- 
szenirt, weil sic ihn für den Urheber der neuen Bigorosenordnung 
lmltcn, über deren Härten sie sieb beklagen. Exner ist that- 
| sächlich Referent im Unterrichtsministerium und die neue 
' Rigoroseiiordnung für Mediziner ist wohl in der Hauptsache 
sein Werk. Nach der ersten Demonstration fassten die Medi¬ 
ziner ihre Wünsche und Beschwerden in einer Resolution zu¬ 
sammen, welche sic dem Profcssorenkollegium übergaben, welches 
I seinerseits die Resolution einem aus seiner Mitte gewählten 
Komitee zur Berathung übergab. Dieses Komitee bat dem Pro¬ 
fessorenkollegium noch keinen Bericht, erstattet, der Unterrichts- 
minister erwartet diesen Bericht, wie der derzeitige Dekan 
Prof. Kolisko den Studenten sagte, doch diese veranstalteten 
zu Beginn dieser Woche eine zweite Demonstration, worauf der 
Dekan die Vorlesungen Eine r’s sistirte. Man hatte diesmal 
in das physiologische Institut nur Ilörer Exner's zugelassen, 
die sieh als solche nusweisen konnten. Als nun Hofrath Exner 
Heu 11 örsanl betrat, wurde er mit wüstem Lärm und lebhaften 
Pfuirufen empfangen. Nachdem sieh die Studenten ausgetobt 
hatten, verliesson sie cinmiithig bis auf den letzten Manu den 
Saal, in welchem der Professor mit seinen zwei Assistenten zu¬ 
rück bl ich. Exner will so lange nicht lesen, bis ihm die volle 
Garantie gegeben ist. dass künftighin keine solchen Demonstra¬ 
tionen gegen ihn statt finden. 

Die Ursache der neuerlichen Erregung der Studentenschaft 
ist aber in einem am 5. d. M. in den politischen Zeitungen ab¬ 
gedruckten offiziösen Communique zu suchen, welches die Stu¬ 
denten — oh mit Recht, wissen wir nicht — wieder dem Herrn 
Ilofrathe Exner zusehreiben. In dieser offiziösen Mittheilung 
wird darauf hingewiesen, dass die Studirenden eine Erschwerung 
des Studiums und der Prüfungen namentlich darin erblicken, 
dass die netto Rigoroseiiordnung vorschreibt, es sollen alle Prü¬ 
fungsakte eines Rigorosums im Verlaufe einer Frist von drei 
Wochen abgelegt werden und es soll zwischen dem zweiten und 
dritten Rigorosum eine Präklusivfrist von sechs Wochen Platz 
greifen. Diese Härten werden damit gerechtfertigt, dass man 
sich künftighin nicht bloss zur „Prüfung“ vorbereiten solle, 
„dass vielmehr das dauernd erworbene Wissen, das Verständnis 
und das Können des künftigen Arztes für den Ausfall der Prü¬ 
fungen maassgebend sein sollen“. Der Unterrichtsminister habe 
an alle medizinischen Fakultäten einen Erlass gerichtet, in wel- 


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14. Januar 1902. MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 85 


ehern die Dekane und die Examinatoren aufgefordert werden, zur 
Vermeidung jeder zweckwidrigen Mehrbelastung der Kandidaten 
die Prüfungen künftig in dem durch die Instruktion vor¬ 
gezeichneten Geiste abzuhalten. Wenn die Studenten die Vor¬ 
lesungen regelmässig besuchen und fleissig mitstudiren, werden 
sie den bei den Prüfungen an sie gestellten Anforderungen 
entsprechen, ohne für jeden einzelnen Prüfungsakt noch eine 
längere Vorbereitungszeit zu benöthigeu. Im Communique wird 
ferner die Einführung neuer Prüfungsfächer als unerlässlich, 
ebenso die Repetitionsprüfung aus Anatomie oder Physiologie am 
Schlüsse aller Prüfungen als gerechtfertigt hingestellt, endlich 
die Verlängerung der Prüfungszeit beim Vorwalten triftiger 
Gründe (also von Fall zu Fall) Fristverlängerungen in der 
1 Ybergangszeit versprochen. 

In diesem Communique wird also die Einführung der neuen 
Rigorosenordnung mit all' ihren vexatorischen Neuerungen bloss 
gerechtfertigt, den Wünschen der Mediziner jedoch in keiner 
Weise Rechnung getragen; desshalb die neuerliche Erregung der¬ 
selben, die Demonstration und die Sistirung der Vorlesungen 
Ex ne Fs. Nun hat das Wiener medizinische Professoren¬ 
kollegium das Wort und das Schlusswort hat der Unterrichts¬ 
minister. 

Das Ministerium des Innern hat jüngst eine interessante 
Entscheidung getroffen. Durch die Anfrage veranlasst, ob die 
Krankenkassen, Krankenunterstützungs- und Krankenversiche- 
rurigsvereino berechtigt seien, die Diagnose bezüglich ihrer 
erkrankten Mitglieder von den öffentlichen Krankenanstalten 
zu erfahren, hat das Ministerium des Innern diese Anfrage dahin 
erledigt, dass die Kassen behufs Erfüllung der ihnen zustehen¬ 
den Verwaltungsaufgaben und behufs Ausübung der ihnen zu¬ 
kommenden Dispositionsrechte Mittheilungen über die Art der 
Krankheiten ihrer Mitglieder verlangen können. Es könne daher 
kein Anstand dagegen obwalten, dass die Verwaltungen der 
öffentlichen Krankenhäuser im Falle der Verpflegung eines 
Kassenmitgliedes die Diagnose auf Begehren mittheilen. Auch 
anderen Krankenunterstützungs- und Krankonversicherungs- 
vereinen könne solche Diagnose auf Verlangen insoweit mit- 
getheilt werden, als der Verein an einer solchen Mittheilung ein 
nachgewiesenes rechtliches Interesse habe, z. B. mit Rücksicht 
auf die gegen ihn erhobenen, von der Art der Krankheit ab¬ 
hängigen Ansprüche. Schliesslich fordert der Erlass, dass sich 
die Käsen und Vereine in allen diesen Fällen verpflichten müssen, 
das Geheimnis« zu bewahren, und dass hiebei den 
genannten Anstalten zu bedeuten sei, dass diese Mittheilungen 
nur auf das besonders gehörig begründete Ansuchen stattzufinden 
hätten, und dass die statuarischen Vertreter dieser Kassen für 
die Wahrung des Geheimnisses bezüglich der ihnen gewordenen 
Mittheilungen einzig und allein verantwortlich seien. 

Aus den wissenschaftlichen Sitzungen vor den Weihnachts- 
uud Neujahrsferien haben wir noch Einzelnes nachzutragen. 
In der Gesellschaft der Aerzte hatte Dr. S. Spiegel einen 
künstlichen Oesophagus gezeigt, den er für gewisse Fälle von 
inpermeablen Strikturen, welche im Brusttheile des Oesophagus 
r-itzen, für erspriesslich hält. Bei der Anfertigung des Apparates 
ging ihm Prof, v .M o s e t i g mit Rath an die Hand. In der 
Hauptsache besteht der Apparat aus einem Schlauche, über 
welchem eine kleine Walze gleitet, die bei der Bewegung nach 
abwärts den Schlauch plattdrückt, bei der Bewegung nach auf¬ 
wärts auf dom wieder röhrenförmig gewordenen Schlauch leicht 
rollt. In dieser Weise sollen also die gut gekauten Speisen nach 
Anlegung einer Oesophaguefistel mittels des künstlichen Oeso¬ 
phagus und der bestehenden Magenfistel in den Magen gebracht 
werden. Anwendung sollte der Apparat nur bei solchen Strik- 
t uron finden, wo bisher eine Ernährung durch die Magenfistcl 
für die Lebenszeit oder längere Dauer nöthig wäre. 

In der Diskussion sprach sich Prof. Dr. Eiseisberg 
(regen die Anwendung dieses Apparates aus, da derselbe ausser 
der Magenfistcl die Setzung einer zweiten Verletzung erfordert, 
■welcher Eingriff bei Karzinomkranken gefährlich, bei Narbcu- 
Strikturen aber überflüssig sei, da man in letzeren Fällen mit 
Cjiociuld im Laufe der Zeit sein Ziel erreiche. 

In derselben Gesellschaft zeigte Dozent Dr. Val. Ullman n 
«•inen 22jährigen Mann, der offenbar durch Autoinoculation 
durch daß Sekret seines eigenen Ulcus molle im Sulcus coronarius 
penis ein am Finger sitzendes venerisches Geschwür acquirirt 


hat. Am Nagelfalze des linken Daumens sitzt ein Geschwür, 
welches, ebenso wie das am Genitale befindliche, alle Charaktere 
eines typischen Ulcus molle aufweist. U 11 m a n n hat inner¬ 
halb zweier Jahre noch zwei andere solche Fälle gesehen, eben¬ 
falls an den Fingernagelgliedern sitzende, typische weiche Ge¬ 
schwüre bei gleichzeitigem Vorhandensein ebenso gearteter 
genitaler Affektionen. In den früheren Fällen konkomitirendo 
Adenitis cubitalis resp. axillaris, wesshalb die Kranken das Spital 
aufsuchen mussten. Diese extragenitale Infektion mit dem 
Gifte des venerischen Ulcus ist — wie Ullmann aus der 
Literatur nachweist — eine grosse Seltenheit. 


Verschiedenes. 

Gerichtliche Entscheidungen. 

Aerztliclies Bertifsgelieininiss und Anzeige- 
Pflicht. 

Ein Arzt war wegen Urkundenfälschung angeklagt, well er 
durch wissentliches Verschweigen des Umstandes, dass ein Patient 
an Arsenikvergiftung in Folge Selbstmordes starb, Anlass gegeben 
halte, dass in den Todteusehein, eine amtliche Urkunde, eine 
falsche Thatsache auf genommen wurde. Der Arzt berief sich in 
seiner Verteidigung darauf, (lass einerseits Niemand verpflichtet 
sei, einen Selbstmord anzuzeigen, andererseits aber der Arzt hievon 
durch sein Berufsgelieimniss direkt abgehalten werde. — Der Ge¬ 
richtshof stellte das weitere Verfahren ein mit der Motivlrung, 
dass die Verschwiegenheit des Arztes keinen sträflichen That- 
bestand bilden könne; zudem sei nicht erwiesen, dass ln dem betr. 
Todesfälle nicht, wie im Todtenschelne angegeben, Ilerzliihmung 
bezw. akute Gastroenteritis die Todesursache gewesen sei. 

In Staufen in Baden verhandelte das Schöffengericht am 
20. November 1001 gegen einen Arzt, der sieh geweigert hatte, der 
Aufforderung des Bezirksarztes entsprechend statt der von Ihm 
in die Todtenschelne eingetragenen Diagnosen „Leberleiden“ und 
„Nierenleiden“ eine spezielle Diagnose einzutragen, weil er be¬ 
fürchte, dass bei Bekanntwerden dieser letzteren üble Nachreden 
entstehen könnten. Er machte diese Weigerung auch der Straf¬ 
androhung des Bezirksamtes gegenüber erst geltend, nachdem 
ihm die Hinterbliebenen ausdrücklich verboten hatten, mehr als 
die genannten, im Uebrigeu richtigen Diagnosen anzugeben, und 
berief sich auf den § 300 Str.-G.-B.. der dem Arzt verbiete, unbefugt 
Privatgeheimnisse zu offenbaren. — Der Vertreter der Anklage 
machte geltend, dass die Offenbarung an den durch das Dienst- 
gclieimniss gebundenen Bezirksarzt keine unbefugte sei. Dem¬ 
gegenüber führte der sich selbst vertheldigeude Dr. G. aus, dass 
von der Schweigepflicht mir der das Geheimnis« Anvertrauende 
allein entbinden könne. Wenn nicht einmal ein Richter oder ein 
Gericht einen Zeugen von der Schweigepflicht entbinden könne, 
wo doch oft viel wichtigere öffentliche Interessen in Frage kämen, 
als die Medizinalstatistik, so könne dies noch viel weniger eine 
Ministerialverordnung. Die Statistik habe Überhaupt mit Namen 
nichts zu thun und es sei ihr vollauf gedient, wenn die Aerzte 
nur verpflichtet wären, in regelmässigen Zwischenräumen ohne 
Namensnennung Zähllisten auszufüllen, aus welchen die Bewegung 
der Krank hei ts- und Sterbefülle hinreichend zu ersehen wäre. — 
Das Gericht sprach den Angeklagten frei und zwar (nach einer 
von „zuständiger Seite“ in Form einer Berichtigung au die „Strass¬ 
burger Post“ ergangenen Mittheilung) wesentlich desshalb, weil 
das Bestehen der im öffentlichen Interesse der Statistik die Mit¬ 
theilung der Todesursache durch den Arzt verschreibenden 
Landesverordnung eine solche Mittheilung noch nicht zu 
einer befugten im Sinne des § 300 des Reichs Strafgesetzbuches 
mache, dann aber auch, weil der Angeklagte in gutem Glauben 
gehandelt habe. Der Fall soll noch die höhere Instanz beschäf¬ 
tigen. R. S. 

Tetanus mit tödtlichem Ausgang in Folge von 
Diphtherieheilserum- Injektionen in Italien. 

In No. 4 S. 166 des Jahrganges 1001 dieser Woehensehr. be¬ 
richtete Siege rt über die traurigen, ln Italien ungeheure Auf¬ 
regung und Beunruhigung hervorrufenden Fälle, ln welchen der 
Einspritzung mit Diphtherieheilserum aus dem Seniminstitut zu 
Mailand Tetanus mit tödtlichem Ausgang gefolgt war. Die Unter¬ 
suchung des fraglichen Serums ergab Verunreinigung desselben 
mit Tetanusbazilien. Es wurden desshalb der Direktor des In¬ 
stitutes Professor Dr. B e 1 f a n t i und sein Assistent Dr. Z e n o n 1 
wegen fahrlässiger Tödtung und Körperverletzung in den An¬ 
klagezustand versetzt und hatten sieh vor Kurzem vor dem Mai¬ 
länder Gerichte zu verantworten. Als Sachverständige waren u. A. 
die Professoren T I z z o u i - Bologna. F o a - Turin, Celli- Rom 
und Bonome - Padua erschienen. 

Die Verhandlung ergab über den Infektionsmodus nichts; 
die Angeklagten erklärten, die Inflzirung des Serums nicht ver¬ 
stehen zu können; auch die Sachverständigen vermochten sie nicht 
zu erklären, waren aber einig in dem Lob Belfanti's als eines 
hervorragenden Gelehrten, dessen Anstalt ein Muster wissenschaft¬ 
licher Exaktheit sei. 

Hierauf zog der Staatsanwalt die Anklage zurück, da die 
Sache in ihrer Entstehung völlig dunkel und ein Verhängnis« sei; 
die Angeklagten seien in keiner Weise für die beklagenswerthen 
Ereignisse verantwortlich zu machen. 

Der Gerichtshof erkannte nach kurzer Berathung auf nicht- 

schuldig. R. 8. 


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86 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 



Kalender für das Jahr 1902. 

Don in No. 52 des vor. Jahrg. angeführten Kalendern ist noch 
bei zu fügen: 

Taschenkalender für Nerven- und Irren- 
Aerzte 1902. Ilerausgegeben Namens der Redaktion des ..Cen¬ 
tralblattes für Nervenheilkunde und Psychiatrie“ von Dr. 
H. Kurella ln Breslau. Verlag von Vogel & Kreien- 
brink in Berlin. Enthält therapeutische, diagnostische und 
administrative Notizen (u. a. Hauptpunkte des Irrenrechts). Ver¬ 
mischtes und ausserdem ein Tageskalendarium in 12 Monatsheften. 

Deutscher Hebammen-Kalender für das Jahr 1902, 
XIV. Jahrg., Berlin. Verlag von Hlwin Staude. Mit dem Bild¬ 
nis« des San.-R. Dr. Adelmaun, Direktors der Ilebainmenschule 
in Metz und mehreren Beilagen. 

Therapeutische Notizen. 

Weitere therapeutische Erfahrungen über 
Yohimbin. Ohne näher auf eine ausführliche Beschreibung 
der einzelnen Fälle einzugehen, die ich seit meiner letzten Ver¬ 
öffentlichung (Deutsch, nted. Wochensohr. 1901. No. 17) zu be¬ 
obachten Gelegenheit hatte, möchte ich dieses Mal nur über einige 
neue, bislang nicht beobachtete Erscheinungen bei dem Gebrauch 
von Yohimbin in Kurzem berichten. 

Die Kranken waren zumeist mit der schweren Form der para¬ 
lytischen Impotenz behaftet, die schon Jahre lang bestand. Aber 
selbst in diesen Fällen waren die Erfolge, wie vordem, recht be¬ 
friedigend und dauernd, d. h. nunmehr schon monatelang be¬ 
stehend. Nur dann, wenn die Pat. schon in vorgerücktem Alter. 
Anfangs der 50 er Jahre standen, wo ohnedies die Potenz in der 
Abnahme sich befindet, versagte das Mittel häufiger. Hatten der¬ 
artige Pat. ferner leichte, bis jetzt subjektiv noch nicht in Er¬ 
scheinung getretene Prostatahypertrophien, so kam es bisweilen 
durch die kongestive Wirkung des Yohimbins zu häufigerem Urin¬ 
drang. Tags sowohl als Nachts, der aber beim Aussetzen des 
Mittels sofort wieder verschwand. Auf eine gleiche kongestive 
Wirkung dürften ebenfalls Leberkoliken und Anschoppungen zu¬ 
rückzuführen sein, besonders beim Gebrauch höherer Dosen von 
2 mal täglich 15 mg. Aber auch diese Anfälle verschwanden sofort 
mit dem Aussetzen des Mittels, ohne irgendwelche üblen Nach¬ 
wirkungen. ebenso die Störungen des Appetits und Magen¬ 
schmerzen. die ich bei 2 Pat. beobachtete. Letztere traten später, 
sobald das Mittel unmittelbar nach der Mahlzeit genommen wurde, 
nie wieder auf. ITämorrhoidale Blutungen, die unter Yohimbin- 
gebraueh mitunter reichlicher auftratcn. gaben zum Aussetzen des 
Mittels nie Veranlassung. Auch die durch Thierexperiment fest¬ 
gestellte Vergrösserung der Hoden konnte Ich einmal deutlich be¬ 
obachten mit gleichzeitig einhergehender Succulonz des früher 
schlaffen und desshalb im Suspensorium getragenen Skrotums, so 
dass Pat. ohne Bandage bequem umhergehen konnte. Andere Be¬ 
schwerden. wie Präkordialangst. Herzklopfen. Schwindel, dürften 
nicht in der Y’ohimbinanwendung ihren Grund haben, da dieselben 
bei jugendlichen Neurasthenikern in Verbindung mit kräftigen 
Erektionen auf zu treten pflegten, ohne dass Gelegenheit zur Aus¬ 
führung des Coitus gegeben war. Erscheinungen, die auch früher, 
vor der Erkrankung, unter gleichen Umständen sich einstellten. 

Den einzigen von mir beobachteten Fall einer weiblichen 
Patientin, der durch Yohimbin Spiegel günstig beeinflusst wurde, 
möchte ich hier etwas ausführlicher mittheilen. 

Es handelte sich um eine 22 jährige Primipara, bei welcher 
nach Aussage des Mannes der Geschlechtstrieb sehr ausgesprochen 
war. das Wollustgefühl jedoch nur nach mehrmals ausgeführtem 
Coitus sich einzustellen pflegte (Dyspareunla). Die Untersuchung 
ergab ausser einem leichten Fluor albus einen normalen Befund, 
nur die äusseren Geschlechtstlieile waren schwach entwickelt. 
Nach nur 8 tägigem Gebrauch von 2 mal täglich 5 mg Yohimbin 
Spiegel war eine wesentliche Besserung eingetreten. Der Erfolg 
wäre vielleicht, ohne Indessen eine suggestive Einwirkung ganz 
von der Hand zu weisen, dahin zu erklären, dass durch vermehrte 
Blutzufuhr und grössere Erektilität der Corpora cavernosa nun¬ 
mehr durch die Friktionen der periphere Reiz auf die Ceutren ver¬ 
stärkt wurde. 

Die Schuld der Misserfolge trägt meines Erachtens bei der 
Yohimbindarreichung hauptsächlich die unrichtige Auswahl der 
Patienten. Nur die reinen, nicht auf einer konstitutionellen oder 
organischen Erkrankung beruhenden Formen der funktionellen Im¬ 
potenz sind dieser medikamentösen Therapie zugängig. Jede akute 
oder chronische Entzündung der Unterleibsorgane oder Hyper¬ 
ämie derselben bildet eine Kontraindikation derselben. Dass auch 
das Alter, besonders in höheren Jahren nur geringe Erfolge auf¬ 
weisen wird, habe ich bereits oben auseinandergesetzt. 

Unter Berücksichtigung dieser Punkte wird das Yohimbin 
Spiegel stets ein ungefährliches und in seiner Wirkung gutes Mittel 
bleiben, das wir vorläufig durch kein besseres zu ersetzen im 
Stande wären. Dr. B e r g e r - Berlin. 

Jodoien ist ein von L a q u e r - Wiesbaden erfundenes, von 
Kalle & Co. in Biebrich fabrizirtes Ersatzmittel für Jod¬ 
kalium etc., mit welchem Jordan in der Abtheilung für vene¬ 
rische Krankheiten des I. Sladthospitals zu Moskau therapeutische 
Versuche unternahm. Das Jodolen, eine Verbindung von Jodol mit 
Elweiss, ist ein gelbliches, fein vertheiltes, in Wasser und Alkohol 
unlösliches, gerucli- und geschmackloses Pulver. Es wird. her¬ 


gestellt als Jodolenum externum mit 26 Proz. Jodol zur lokalen 
Anwendung und Jodolenum internum mit 9—10 Proz. Jodolgelialt. 
der Jodgehalt betrügt etwa '/*—'/, des Jodgehaltes lm Jodkalium. 
J. verordnete, um ein wirksames Quantum Jod zuzuführen, täglich 
6—10 Pulver von je 2.0 Jodolenum Int. Dasselbe wurde im Ganzen 
gut vertragen, jedoch kamen leichte Erscheinungen von Jodismus 
vor. welche aber nie zum Aussetzen des Mittels zwangen. 
Akne wurde nie beobachtet. Der Jodnnehweis im Urin gelang 
nach 2—3 Stunden. 2-1 Stunden nach Einnahme des letzten Pulvers 
Hess sieh kein Jod mehr naclnveisen. Das therapeutische Resultat 
war, dass das Jodolen sich bei Anwendung grösserer Mengen. 
12.0—20.0 pro die. bei tertiärer Syphilis und auch bei einem Fall 
von maligner Syphilis als wirksam erwies, dass aber bei dieser 
Dosirnng auch Erscheinungen von Jodismus nicht ausbleiben. 
Eine erfreuliche Erscheinung war. dass sicli während des Jodolen- 
gobrauches das Körpergewicht der Kranken hob. was J. dem 
grossen Eiweissgehalt des Mittels zuschreibt. Das Jodolenum 
externum kann mit den übrigen an Stelle des Jodoforms em¬ 
pfohlenen Streupulvern ..ganz gut koukurriren“. (Monatsh. f. 
prakt. Dermatologie 1901. No. 12.) R. S. 


Tagesgeschichtliche Notizen. 

München, 14. Januar 1902. 

— Tu C a li n s t a 1 t ist zwischen der Eisenbab n 
betrieb» k r a n k c n k a s s e und dem Verein Cann 
s t a t t o r Aerxte ein Konflikt atisgcbroeheu. Die k. Ge 
neraldirektion hat die Krankenkasse der Wagenwerkstätte Cann 
statt, die seit Jahren freie Wahl für ihre Mitglieder unter sänimt 
liehen Cannstntter AcrzPui hatte, mit der E i seit bah übet riete- 
kranUcnkasse vereinigt. Die mit den Cannstattcr Aerzten be¬ 
stehenden Verträge wurden auf 1. Januar 1902 gekündigt und am 
20. Dezember 1901, einen Tag vor Ablauf derselben, zwei Cann 
stattor Aerzte und ('in Spezialarzt für Augenkmnkheiten mit der 
Verschling der ärztlichen Praxis für die Betriebskrankenkasse be 
traut, du der bisher schon funktionirende Bahnarzt ausser Stand 
Kt, säimutliche Kasscuangchörige mit Familien zu behandeln 
Die nctiernauntcn Aerzte verzichten jedoch auf die angels>teii«*u 
Stellen, da sic auf die freie Arztwahl verpflichtet sind und des¬ 
halb nicht einer Kasse mit Zwangsarztsystem ihre Dienste zur 
Verfügung stellen durften. Die Eisenbahnbotriebskninkonkas*e 
stellt nunmehr vor der Wahl, ihre Kranken der Fürsorge ihrer 
bisherigen Aerzte zu belassen oder als Bahnilrzte einige Herren 
von auswärts zu berufen, die es weniger genau mit ihrer Stande*- 
ehre nehmen. Solche zu finden, wird überdies nicht leicht sein, 
da die grösste Cannstattcr Kasse, die gemeinsame Ortskranken¬ 
kasse, erklärt hat. solche Aerzte nicht anzustellen, wodurch ihre 
Existenz im Voraus in Frage gestellt scheint. 

— In Ausführung eines Beschlusses des Hildesheimer Aerzte 
Inges hat der Goschäftsausschuss des deutschen Aerzteverein*- 
bundes an den Bundesrath eine Eingabe gerichtet, es möchten die 
für die H o n o rirung ärztlicher Gutachten für die 
Militärbehörden erforderlichen Geldmittel in den Etat 
(»ingestellt werden. Die Voss. Ztg. bemerkt dazu, dass diese Ein 
gäbe den Niehtür/.ten schwer verständlich sein werde; man fräse, 
warum die Militärbehörden Gutachten, die sie von praktischen 
Aerzten einfordern und erhalten, nicht bezahlen. Das Blatt meint, 
dass die Bcrathung des Militäretats lm Reichstag eine passende 
Gelegenheit darhioto. die sicher gerechte Forderung der Aerzte 
nicht nur zur Sprache, sondern auch zur Anerkennung zu bringen 
Bei der Höhe des Militiiivtats sei die Ausgabe, welche die Be¬ 
zahlung der ärztlichen Zeugnisse für Militärpersonen erfordern 
würde, verschwindend klein. Es ist charakteristisch für die — 
Anspruchslosigkeit, der Aerzte. dass sie ohne Murren Jahrzehnt** 
lang diese Arbeit kostenlos und selbstverständlich ohne jeden 
Dank geleistet haben. Derart übel angebrachte Bescheidenheit, 
die mit Humanität nichts zu tliun hat, wird von den Aerzten noch 
an manchen Orten geübt. 

— Die in voriger Nummer abgedruckte Kundgebung des Pres*- 
aussclmsses des Aerztliehen Bezirksvereins München, betr. den 
Fall Hof brück 1. wird, soweit sie sich mit den Kur- 
p f u s c h e r i n s e r a t e n der T a g e s p r e s s e beschäftig 
und es für ein Officium nobile der guten Presse erklärt, solch** 
Inserate zurück weisen, von verschiedenen Blättern glosstrt. So 
bemerkt die Augsb. Abetidztg., dass das kaufmännische Personal 
einer Zeitung, dem die Inscratenannahme obliege, nicht befählst 
sei. zu unterscheiden, was lw»rechtigte und solide Anpreisung, vne 
Schwindel sei. Das einzige, was eine anständige Zeitung tliun 
könne und tliun müsse, sei. dass sie jede amtliche oder gericht¬ 
liche Enthüllung eines durch Inserate verübten Schwindels zur 
Kenntnis» ihrer Leser bringt, von notorischen Schwind 
1 e r n keine I n s e r a t e m ehr a n nimm t, und im Uebrigen 
das Publikum darauf verweist, selbst die Augen offen zu halten 
mul sieh vor Schaden zu behüten. Eine Kuratelbehörde werde di-* 
Presse nie sein können. 

Wenn die Presse in der Tliat von notorischen Schwindlern 
keine Inserate mehr aufuehmen würde, so wäre das schon ein 
grosser Fortschritt. Da wir zu geben, dass das Personal einer 
Zeitung nicht in allen Fällen solche Inserate zu unterscheiden ver 
mag. so wäre es Sache berufener Organe, in München z. B. de* 
Pressausschusses des ärztlichen Bezirksvereins, den Zeitungen solch** 
Inserate zu bezeichnen, um wenigstens das weitere Erscheinen 


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14. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


87 


derselben zu verhindern. Wir zweifeln nicht, dass unser Press- 
ausschuss sich dieser Aufgabe gerne unterziehen wird; wie weit 
tr dabei thatsachliches Entgegenkommen tiudeu wird, wird die 
Erfahrung lehren 

— Die iin vor. Jahre gegründete Wittwenkasse des 
Vereins zur Unterstützung invalider hilfs¬ 
bedürftiger Aerzte in Bayern wird durch einen auf 
dem Umschläge unserer letzten Nummern erschienenen Aufruf 
den bayerischen Kollegen in Erinnerung gebracht Die Kasse er¬ 
hält vom Invaliden verein eine jährliche Subvention je nach den 
vorhandenen Mitteln, ist im Uebrigeu aber auf freiwillige Gaben 
angewiesen. Da die Ansprüche an die Kasse mit dem Bekaunt- 
werdcu derselben zu steigen beginnen, so ist die Bitte der Leitung 
der Kasse um Zuwendung reichlicher Beiträge gerechtfertigt. Die 
Kasse wird geführt von llofrath Dr. Mayer und Dr. Prager 
in i'ürth; au diese Herren sind auch etwaige Geschenke, sowie 
I nterstützungsgesuche zu richten. 

— In Prätoria wurde eine Proklamation erlassen, welche be¬ 
züglich der Zulassung von praktischen Aerzteu in Transvaal Vor¬ 
sorge trifft und einen Artikel enthält, welcher die Ausfolgung von 
Lizenzen an Besitzer von Diplomen fremder Länder verbietet, 
falls die Gesetze des Lundes, aus welchem das betreffende Diplom 
stammt, den qualitizirten englischen Aerzteu nicht ein gleicli- 
werthigcs Vorrecht eiuräunueu. Diese Proklamation entspricht 
also ganz den Anträgen, die der „Medical Council" der Kapkolonie 
vor Kurzem gestellt hat (cf. No. 49 v. Jahrg.). 

— Allgemeine Theilnahme erregt der bedauerliche Unfall, der 
Herrn Geheimrath Rudolf Vireliow am 5. ds. zugestossett ist. 
Derselbe kam beim Verlassen eiues Strassenbahnwagens zu Fall 
und erlitt eine Sehenkelhalsfraktur. Bel dem hoheu Alter 
Virchow's kann über die ernste Bedeutung dieser Verletzung 
kein Zweifel sein; doch gibt die aussergewöhnliche Leistungsfähig¬ 
keit. deren Virchow sieh bisher erfreute, immerhin Grund zu 
holten, dass es ihm gelingen werde, den Unfall glücklich zu ültor- 
w indem 

—- Pest. Türkei. In Smyrna Ist einer Mittheilung vom 
27. Dezember v. J. zufolge ein neuer Pestfall festgestellt worden. 
-- Aegypten. Nach der letzten, am 20. Dezember v. J. abge¬ 
schlossenen Wochenübersicht über die Pestfälle ist in Aegypten 
kein Pestfall mehr seit dem 7. Dezember vorgekounuen bezw. seit 
dein 10. Dezember zur Anzeige gelaugt. Die Gesammtzald der 
seit dem 7. April 1901 gemeldeten Erkrankungen hat 195 betragen, 
der Pesttodesfülle 97; ein Pestkranker in Ziftah befand sielt am 
20. Dezember noch in Behandlung. — Britisch-Ostindien. Während 
der am 29. November v. J. abgelaufenen Woche sind in der 
Präsidentschaft Bombay 8529 neue Erkrankungen und 0292 Todes¬ 
fälle au der Pest festgestellt, also 285 und 229 weniger als in der 
Woche vorher; auf die Hafenstadt Karachi entfielen davon 51 
und 47. ln der Stadt Bombay wurden während der am 50. No¬ 
vember v. J. endenden Woche 204 neue Erkrankungen und 102 er¬ 
wiesene Posttodesfälle, ausserdem 122 pestverdächtige Todesfälle 
cez.dilt; dieGesan.mlzahl derTodosfälle daselbst sank von 800 in der 
Yorwoeh auf 7D5. — Mozambique. DerGesumlheitsratl» hat besehlos 
s. n. dass der Hafen von Louroiujo Marques als rein anzuseheu ist, 
weil vorläufig die Pest nur in einer mehr als 40 Meileu betragenden 
Entfernung und an einem vollständig isolirten Platze vorkommt. 
-- Kapland. Während der am 30. November v. J. abgelaufeiten 
Woche sind aus Port Elizabeth 2 neue Pestfälle, darunter 1 bei 
einem Europäer, gemeldet; auf der Knplmlbitisel traten angeb¬ 
lich neue Fälle nicht auf. Dagegen wurde im Laufe der Woehe 
bekannt, dass seit dem 11. November in Mosselbn.v 5 Pestfälle 
vorgekominen seien, von denen 3 bis Ende November tödtlieh ge¬ 
endet hatten. Mosselbay, woselbst vorher unter den Ratten 
Zeichen von Pest bemerkt worden sein sollen, wurde amtlich als 
l«e>tverseucht erklärt. — Paraguay. Die in Asuncion Anfangs No- 
veinlver v. J. beobachteten Fälle von Pest sind zum Tlieil in einigen 
am Hafen gelegenen Quartieren aufgetreten; Todesfälle waren Dis 
zum 8. November nicht vorgekominen, auch soll die Seuche bis 
dahin keinen grossen Umfang gewonnen haben. Dass es sich 
um wirkliche Beulenpest handelt, ist bakteriologisch festgestellt 
und d<»n Gesundheitsbehörden der Nachbarstaaten amtlich mit- 
getheilt worden. — Britisch-Ostindien. Während der am G. De¬ 
zember v. J. abgelaufenen Woche kamen in der Präsidentschaft 
Bombay 7G12 Xeuerkraukungen und 5744 Todesfälle an der Pest 
zur Anzeige, d. h. 917 und 548 weniger als in der Vorwoche. In 
der Stadt Bombay wurden vom 1. bis 7. Dezember 259 neue Er¬ 
krankungen und 173 erwiesene Pesttodesfälle, ausserdem 131 pest- 
verdächtig»» Todesfälle gezählt; die Gesammtzahl der Todesfälle 
daselbst stieg von 793 iu der Vorwoche auf 841. — In Kapstadt 
ist am 2. Januar 1 Soldat von Pest befallen worden. 

(V. d. K. G.) 

— In der 51. Jahreswoche, vom 15. bis 21. Dezember 1901, 
hatten von deutschen Städten über 40 000 Einwohner die grösste 
Sterblichkeit Bromberg mit 34.5. die geringste Kottbus mit 5,2 
Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohner. Mehr als ein Zehntel 
aller Gestorbenen starb an Scharlach in Beuthen, Bremen. Ober- 
hausen. an Masern ln Darmstadt, Gera, Heidelberg, Solingen, 
Würzburg, an Diphtherie und Kroup ln Bromberg, Elberfeld, 
Koblenz, KönlgshUtte. Osnabrück. 

— In der 52. JalircRwoche, vom 22.—28. Dezember 1901. 
hatten von deutschen Städten über 40 000 Einwohner di»» grösste 
Sterblichkeit Gera mit 34.0, die geringste Wiesbaden mit 8.9 Todes¬ 
fällen pro Jahr und 1000 Einwohner. Mehr als ein Zehntel aller 
Gestorbenen starb an Scharlach in Bremen, Remscheid; an Masern 
lu Bochum, Borbeck, Pforzheim, Worms, Würzburg; an Diphtherie 
und Kroup In Gleiwitz, Kassel. 


— Herr Dr. II o n i g in a n n, Begründer und seit vielen Jahren 
Redakteur der „Zeitschrift für praktische Aerzte" ist seit 1. d. M. 
aus «1er Redaktion der Zeitschrift ausgeschieden und zwar, wie 
wir auf seinen Wunsch mittheilen, auf Kündigung des Verlegers 
Schauer iu München, der die Zeitschrift seit 2 Jahren besitzt. 

(Hochschulnachrichten.) 

Breslau. Der Kultusetat für 1902 bringt, wie bereits be¬ 
richtet worden, eine dem hygienischen Universitäts- 
Institut Breslau unterstellte hygienische Station iu Beu¬ 
then O. S. Während der Staat für dieselbe rund 10 000 M. zu 
bewilligen hat, gibt «1er obersehlesisclie Berg- und Hütten¬ 
männische Verein in Katlowitz einen Jahresbeitrag vou 4000 M. 
zur Unterhaltung der Station. Die Stadt Beuthen selbst gibt die 
nöthigen Räumlichkeiten für Laboratorien und Stallungen unent¬ 
geltlich her und trägt die Kosten für Heizung, Gas un«l Wasser. — 
Für die Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenk rank - 
holten ist im neuen Etat eine Subveiitiouserhölmng um 300U M. 
vorgesehen. Für die Frauenklinik werden zur Remuuerirung 
eines Oberarztes unter Verwendung derjenigen eines Assistenten 
im Betrage von 1200 M. noch Sim> M. dazu gefordert. — Vou dem 
Bau einer psychiatrischen Klinik ist noch keine Rede. 

Halle a. S. Noch in diesem Semester beginnen uneut-. 
gelt liehe Fortbildungskurse für praktische Aerzte. Sie sollen 
innere Medizin, Chirurgie, Geburtshilfe und Gynäkologie, Psych¬ 
iatrie, Ophthalmologie, Otiatri«*, Pädiatrie, Dermatologie, Hygiene 
und pathologische Anatomie umfassen und während des Semesters 
wöchentlich 1 mal des Nachmittags stattüudcn. Bis jetzt haben 
sich 125 Theilnehmer gemeldet. 

Paris. Die me«liziuischc Akademie hat den Hugo-Preis 
im Betrage von 1UO0 Fr. für das beste auf dein Gebiete der Ge¬ 
schichte «1er Medizin in den letzten 5 Jahren in französischer 
Sprache erschienene Werk dem Fräulein Dr. Melanie Lipinska 
aus Warschau für ihr Werk: „Geschichte der Aerztinuen seit dem 
Alterthume bis auf unsre Tage" zuerkannt. Die Preisgekrönte ist 
zugleich berechtigt, den Titel „Laureat de l’AcadGinie de rnede- 
cine" zu führen. 

San F v a ncls c o. Dr. L. N e w mark wurde zum Pro¬ 
fessor der Neurologie ernannt. 

Vale n c i a. Dr. J. Bartrina y Capelia wurde zum 
Professor der topographischen Anatomie ernannt. 

(Todesfälle.) 

DDr. B1 a i s e, Professor der medizinischen Pathologie, 
G e m y, Professor der Klinik für Hautkrankheiten und Syphilis, 
B o u r 1 i e r, Professor «ler Tlierapeutik, siimmt liehe an der medi¬ 
zinischen Schule zu Algier. 

Dr. N. Ho ms y P a s e u e t s, Professor der medizinischen 
Klinik zu Barcelona. 

Dr. L. M. Sweet na in. Professor der chirurgischen Klinik 
an der medizinischen Fakultät, zu Toronto. 

Der Larvngnloge Dr. Achilles Gugenheim, Arzt am 
Hospital I.ariboisier«» in Paris, G2 Jahre alt. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Ernannt: Der prakt. Arzt Dr. Joseph Gernand in Eltmann, 
seiner Bitte entsprechend, zum Bezirksarzt I. Klasse iu Alzenau. 

Berufen: Vom 1. Januar 1902 an zu der Funktion eines Mit¬ 
gliedes des Kreismedizinalausschusses von Unterfranken und 
Aschaffenburg der praktische Arzt und Bahnarzt Dr. Otto 
Dehler in Würzburg. 

Befördert: Zu Assistenzärzten die Unterärzte Dr. Hans 
U artig im 5. Feld-Art.-Reg., Bartholomäus Manger Im 
10. Inf.-Reg. 

Auszeichnung. Die Erlaubnis zur Annahme und zum 
Tragen wurde ortheilt: dem Generaloberarzt Dr. Höhne, Regi- 
incntsarzt im 8. Inf.-Reg., für das Ritterkreuz 1. Klasse mit Eichen¬ 
laub und dem Stabsarzt Dr. Mehltretter, Stabsarzt im ge¬ 
nannten Regiment, für das Ritterkreuz 2. Klasse mit Eichenlaub 
des Grossherzoglich Badischen Ordens vom Ziihringer Löwen. 


Correspondenz. 

Zum Fall Hofbrückl. 

Herr Bezirksarzt Dr. Müller ersucht uns um Aufnahme 
nachstehender Zuschrift vom 11. ds.: 

„Den Herren Kollegen, die sich dafür interessiren, theile ich 
mit «lass der Mann der verurtheilten Buchhalterin (Sache Hof- 
b r ii c k 1), der mich konsultirte, wie seine Frau ohne Strafe weiter 
arbeiten könne («1. li. wie sie das Gesetz umgehen könnte), die 
richtige Antwort von mir sofort erhalten hat, wie ich es dem Kol¬ 
legen, der mit mir über die Sache sprach, gar nicht vorenthalten 
habe. Auch die betreffende Apotheke weiss ich ganz gut uud 
wäre sehr dankbar, wenn mir Jemand die gesetzlichen Vorschriften 
miltheilen würde, nach denen ich es dem Apotheker verbieten 
könnte, die ihm zugesandteu Rezepte eiues in Deutschland appro- 
birten Arztes zu fertigen. An maassgebender Stelle habe Ich mich 
vergeblich erkundigt, wie man diesem Gebahren steuern könnte." 

Hierzu möchten wir Folgendes bemerken: 

Erst durch die vorschriftsmiissige Anmeldung, nicht durch 
die Approbation allein, gelangt der Arzt in den Besitz der den 
Aerzteu zustehenden Rechte. Eine preuss. Verordnung vom 


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88 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 2. 


20. Mai 1888 *), betr. die An- und Abmoldun# der Aerzte. spricht 
dies ausdrücklich aus, indem sie sagt: ,. . . . Au den durch Allerh. 
Verordnung vom 25. Mai v. J., betr. die ärztliche Standesvertretung, 
den Aerzten verliehenen Rechten würden sie — d. i. die nicht 
ordnungsmässig angemeldeten Aerzte — nicht ohne Weiteres An- 
theil haben und den Apothekern würde es nur unter 
den sehr erheblichen Beschränkungen ge¬ 
stattet sein, die von ihnen verschriebenen Re¬ 
zepte a n z u f e r t i g e n, welche sich aus der Ver¬ 
ordnung vom 3. Juni 1878. betreffend die Ab¬ 
gabe stark wirkender Medikamente im Hand¬ 
verkauf etc., ergebe u.“ Es besteht wohl kein Grund, di«: 
Bestimmung über die ärztliche Anmeldung (Verordn, vom 11. Aug. 
1873, § 1) in Bayern anders aufzufassen, als es in Preussen ge¬ 
schieht Da nun Herr Hofbrückl München verlassen hat und 
in die Schweiz ausgewandert ist, kann derselbe nicht mehr als 
in München ordnungsmässig zur Praxis angemeldeter Arzt an¬ 
gesehen werden. Die Polizeibehörde wäre daher u. E. wohl in 
der Rage, den Münchener Apothekern hievon Kenntnis» zu geben 
mit dem Bemerken, dass Rezepte Hof brück Vs, die unter die 
Verordnung betr. die Abgabe stark wirkender Arzneimittel fallen 
(Hof brück l’s Mixturen enthalten mehr als 0,03 g Morphium 
und fallen daher unter diese Verordnung), nicht ausgeführt werden 
dürfen. Gegen Zuwiderhandelnde wäre einzuschreiten, event, eine 


*) 1* i s t o r, Gesundheitswesen in Preussen, Bd. I, S. 080. 


gerichtliche Entscheidung herbeizuführen. Ein wirksames Mittel, 
gegen den betr. Apotheker, falls er anderen Vorstellungen unzu¬ 
gänglich ist, vorzugehen, wäre ausserdem in der öffentlichen Be¬ 
kanntgabe seines Namens gegeben. Das Publikum hat ein Inter¬ 
esse daran, den Namen einer Apotheke zu erfahren, ln der ein 
gerichtlich festgestellter, höchst gemeingefährlicher Schwindel, wie 
ihn die H o f b r ü c k l'sche Heilmethode darstellt, ausgeübt wird. 


Uebersicht der Sterbefälle in München 

während der 53. Jahreswoche vom 29. Dez. 1901 bis 4. Jan 1902. 

Bevölkerungezahl: 499 932. 

Todesursachen: Masern 3 (1*), Scharlach — (—), Diphtherie 
und Kroup 2(1), Rothlauf 1 (1), Kindbettfieber 1 (—), Blutvergiftung 
(Pyämie u. s. w.) 1 (2), Brechdurchfall 1 (3), Unterleib-Typhus 1 (—i, 
Keuchhusten 3 (—\ Kroupöse Lungenentzündung 3 (*), Tuberkulose 
a) der Lunge 23 (20), b) der übrigen Organe 6 (3), Akuter Gelenk¬ 
rheumatismus — (2), Andere übertragbare Krankheiten 6 6\ 
Unglücksfälle — ,2\ Selbstmord 6 (2\ Tod durch fremde Hand— 1, 
Die Gosammtzahl der Sterbefälle 191 (199), Verhältnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 19,6 (20,7' für die 
über dem 1. Lebensjahre stellende Bevölkerung 12,8 (12,5). 


*) Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche. 


Morbiditätsstatistik der Infektionskrankheiten in Bayern: Oktober 1 ) und November 1901. 


Regierungs 
bezirke 
bezw. 
Städte mit 
über 30,000 
Ein¬ 
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Pfalz 

Oberpfalz 

Oberfrank. 




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Bevölkerungsz i f f c rn*): Oberbayern 1*323,383, Niederbayern 678,192, 
Pfalz 831,678, Oberpfalz 553,841, Oberfranken ».08,1 '6, Miltelfranken «15,«95. Unter- 
franken 650,766, Sehwaben 713,681. - Augsburg 89,170, Bamberg 41,823, Hof 32,781, 
Kalserdnutern 48.310, l.udwigshufen 61,914. München 499,932, Nürnberg 261,08', 
Pirmasens 30.195, Kegensburg 45,423, Wiirzbnrg 75,499. 

Einsendungen fehlen aus den Aemtern Bogen, Grafenau, Gunzenbausen Neu¬ 
stadt a/A , Nürnberg, Ebern, Uofhciin, Königshofen, I.obr, Mellriehstadt und 
Würzburg. 

Epidemien bezw. höhere Erkraukungszahlen (ausser von obigen Städten) 
werden gemeldet aus folgenden Aemtern bezw. orten: 

Diphtherie, Group: Fortsetzung der Epidemie in Dorfprozelten (Mnrkt- 
heidcnfeld) 10 weitere Kiiiie; ferner mehrere Erkrankungen in der Gemeinde 
Essleben (Scbueiufurt), 8 beb. Fälle In Kraftisried vObcrdorf), 32 im Stadt- und 
Landbezirke Kempten. 

Influenza: 52 beb. Fälle in den grosseren Städten München, Regensburg, 
Bamberg und Nürnberg, 42j in 75 atndt- und Lamlbezirken, hierunter 28 im ärzt¬ 
lichen Beziike Neuottmg (Altotttng), 14 im Stadl- und Laudbez.it kc Straubing, 
25 im Amte Zweibrucken, 23 im Amte Burglengenfeld. Einige Fülle im Knaben¬ 
seminare in «cheyern (Pfaffenhofen); grossere Verbreitung, leichte Formen, in 
Stadtsteina« h. 

Intermittens: 2 Fälle in Rain (Neuburg a/D), 1 Fall, aus China zurück- 
gekehrten Soldaten betreffend, im Amte Oberdorf. 

Meningitis cerebrospinalis: Im Amte Nordlitigen je 2 Fälle im Oktober 
in Laub, im November in Octtingen. 

Morbilli: Fortsetzung der Epidemien in den Aemtern Dacliau (Schul¬ 
schluss io Unterweikertshofen, 30 Kinder krank), Vieehtach (in Ruhniaunsfcldeu 
und Zachen bürg), Wegscheid 'in Wegseheid mul 10 weiteren Gemeinden), Hof 
tin den Gemeinden oberkotzau, Schwarzenbach u/S., Dolilun und Orötcnhruok, 
2ti beh. Falle), Nördlingen (In der Stadt erloschen, allmähliche Verbreitung auf 
den Landbezirk, zunächst auf MOttingcn und Buldiugcn; 170 beh. Falle), ferner 
in der Stadt Rothenburg o,T. mit geringer In- und Extensität. Epidemisches 
Auftreten weiters in den Aemtern Aichach (120 beh. Fälle im ä B Altomünster), 
Ebersberg (im Anschlüsse an die nusklingende Tussisepidemie), Frictlberg (Schul¬ 
schluss tu Gde. Sittenbach, 60 Kinder krank), Landsberg (in Issing), Sclionguu 
(Schulschluss in Bernbeuern, Sachsenried, St-hw absoien; keine ärztliclic Hilfe ge¬ 
sucht), Kottenburg (Sehulschluss in Obcrhatzkofen, von ca. 120 erkrankten Schul¬ 
kindern 10 bebundelt und in Rainertsbausen von BÖ Schulkindern 72 krank, von 
150 kranken Kiwietn überhaupt 8 behandelt), Wolfstein (in Gde. Grninet, Fürholz, 
Rebberg, Freundorf; fast keine ür/.tlich behandelten Fälle;, Landau I. Pf. (in 
Kschbaoh, Essingen, Godramstein, Göcklingen), Neustadt a. H. (nusgebreitet in 
Mussbacb), Nabburg (Schulschluss in Wolfriug, von 87 Schulkindern 35 krank), 
Forehheitn iiu der Schule Thuisbrunn), StallVlstein (Schulschluss ln Gemündn 
und Dicte sdorf), Hilpoltstcin (in Morsdorf und Ebenried, gutartig); in der Stadt 
Würzburg epidemisch in einigen Schulklassen, 83 beh. Fälle. Stadt- und Land¬ 
bezirke Erlangeu 36, Kaufbeuren 26, Aemler Mainburg 24. Fraiikentlial 32, «lermers- 
heim 24, Kirebheiinbolandeii 20, Speyer 117, Münehberg 37, Feuehtwangeu 27 
boh. Fälle. 


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Parotitis epidemica Fortsetzung der Epidemie in 8chwabach ond 
Roth, 25 beh Falle,- epidemisches Auf'reten ferner in den Aemtern Stnffelsteia 
(in Gemündn und Dietersdorf neben Masern) und Neuburg n. D. (in Thierhaupten 
keine ärztliche Hilfe begehrt'. 

Tussis convulsiva: Fortsetzung der Epidemien in den Aemtern Laufen 
(in Gde. Noukitehcn a lmalilieli it- Krlosehen), Mühldorf (noch in denGemeinden 
Porten und Aselmui und Viechtai ( Vlmahuie in d-n Gdn Gottcszell, Paters'loff 
Ruhmanosfeklen und Zaebenbere sowie im Stadt- und Lntidbezirke Donauworth, 
in letzterem in Kuishcini. Kpiden. seiies Auftreten ferner in den Aemtern Garmiscli 
(in Garmiseb und Eingehung. 46 beit. Fälle), Frankentlial (yline ärztliche Behänd- 
lung', Waldmünchen (begionet.de Epidemie in Waldinünchen), Hilpoltstein in 
Hilpoltstcin. oiine Komplikationen) und Brückenau (in Rupboden, meist ohne 
ärztliche Behandlung). Studt- uud Lntidbezirke Traunstein 21, Forehheiui ;j 
lieli. Fälle. 

T yphns a l.d um i n al i s Je 2 weitere Fälle in Eitensheim (Ingolstadt' ««■: 
Reichenseliwund (Hershruck i; Epidemie in Hietmaunsried (Kempten) nach 3 weiter»’" 
Fällen erloschen; ausserdem 4 vereinzelt'- Falle im Bezirke. Epidemie im Stadt¬ 
bezirke Grombühl in Wiirzbnrg, 12 beb. Fälle. Acmter Germersheim und Zwei- 
brücken je 4 beh. Fälle. 

Varicellen: Stärkere Verbreitung in Berchtesgmlen, leicht, keine ärzt¬ 
liche Behandlung; Epidemie in Gnötzheim (Kitzingeu). 

Variola, Variolois: 1 Fall in Altomünster (Aichaeh). 

M ilzlirund: 1 Fall, einen in einer Gerberei in Kusel beschäftigten Maschinen- 
lieizcr betreffend; Infektion bei Abladen von Häuten; genesen. 

Ein nachträgliche Anmeldung (bis längstens 26. Januar) bisher 
nicht zur Anzeige gelangter Fälle von Infektionskrankheiten 
uus früheren Mouaten (ausgeschieden nach Monnten) wird dringend 
ersucht. 

Im Interesse möglichster Vollständigkeit vorliegender Statistik wird tim 
regelmässige uud rechtzeitige (bis längstens 20. des auf den Bericht" 
iiionnt folgenden Monats) Einsendung der Anzeigen bezw. von Feh lanzeiec" 
ersucht, wobei anmerkungsweise .Mittheilungen ülier Epidemien erwünscht sind 
Zur Vermeidung von Doppelzählungen erscheint o* wünschenswert!!, dass F*i-* 
aus der sog. Grenz praxis entweder dem Amtsärzte des einschlägigen Grenz- 
amtes oder dem K Statistischen Bureau unter Ausscheidung nach Aemteru in¬ 
gezeigt werden. 

Meldekarten nebst zugehörigen Umschlägen zu portofreier Einsen 
düng an das K. Statistische Bureau siud durch die zuständigen k. Bezirksärzte 
zu erhalten. Diese Zählkarten dienen ebenso zu sog. S ammel k arten afe za 
Ei nsel ne i tiseuil unge ti der Amts- und praktischen Aerzte, welche in feie 
teretn Falle die im betreffenden Monate behandelten Fälle zusammeDgestellt ac’ 
je 1 Karte pro Monat nebst nlleufallsigen Bemerkungen über Epidemien etc. zu: 
Anzeige bringen wollen, Dagegeu wird ersucht, von Einsendung sog. Zähl¬ 
blättchen oder S a in m e 1 b o g e n abzusehen. Allenfalls in Händen betir.d- 
liehe sog. Postkarten wollen aufgebraucht, jedoch durch Angabe der Zai-i 
der behandelten 1 nf lue n zafalle ergänzt uud unter Umschlag eingesandt werdttu 


•) Definitives Erg-bniss der Zäblung vom 1. Dezember 1900. — *) Einschliesslich einiger seit der letzten Veröffentlichung (No. 49) elngelaufer.^ 
Nachträge. — *) Im Monat Oktober einschliesslich der Nachträge 1224. — 3 ) 40. mit 44. bezw. 45 —18. Jahreswoche._ 


Verlag von J. F. Lehmann in München. — Druck von E. Mühlthaler's Buch- und Kunstdruckerei A.G., München. 


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IMo Münch. Med. Wochcnsrhr. «rwhelnt wöchenü. 
In Nummern ron durchnehnfttlleb 6-6 Bogen, 
ireia in Deatscbl. n Oe*t.-Uni{am vlerteljahrl. 6 JC, 
Ina Ausland 7.60 JL Einzelne No. SO -i- 


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Znnendnngen sind rn agreMlren: Tür dl« Redacflon 
OttoitraMe 1. — Für Abonnement an J. F. Leh¬ 
mann, HeuRtraene ?0 - Für Inserate und Beilagen 

an Rudolf Mosse, PromenadeplaU 16. 




MCINISCHE WOCHENSCHRIFT 


(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 


ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 


Herausgegeben von 

Cfc. Biiiler, 0. Boltiogsr, H. CarschaiiB, C. Qerhirdt, 6. Uirkil, J. v. Mlchil, H.». Rinke, F. v. Wlickel, 

Frelbnrg 1. B München Lelpst*. Berlin. Nürnberg. Berlin. München. München. 



H. v. ZImssii, 

München. 


No. 3. 21. Januar 1902. 


Redaction: Dr. B. Spatz, Ottostrasse 1 
Verlag: J. F. Lehmann, Heustrasse 20. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

Aus der medizinischen Universitätspoliklinik in Marburg. 

Weitere Mittheilungen zur Serumdiagnose der 
Tuberkulose. 

Von Prof. Dr. E. Rom b erg. 

In No. 18 und 19 der Deutsch, med. Woclienschr. vom 2. und 
9. Mai 1901 habe ich Untersuchungen über die Serumdiagnose 
der Tuberkulose mitgetheilt. Als ihr Hauptergebniss betrachtete 
ich, dass entsprechend der Beobachtung v. Behring’s an 
Thieren auch das Blutserum von Menschen Tuberkelbazillen¬ 
emulsionen in derselben Weise agglutinirte, wie nach den An¬ 
gaben A r 1 o i n g’s und Courmont's die homogenen Kulturen 
lebender Tuberkelbazillen agglutinirt werden. Damit war die 
Möglichkeit gegeben, die Agglutinationsfrage bei der Tuberkulose 
mit einer gleichmässigen Testflüssigkeit zu untersuchen, deren 
Beschaffung nicht so schwierig war, wie die der homogenen Kul¬ 
turen. 

Bei der Untersuchung menschlicher Sera zeigte das dem pla¬ 
zentaren Theile der Nabelschnur entnommene Blutserum von 
Neugeborenen, die mit denkbar grösster Wahrscheinlichkeit frei 
von Tuberkulose sind, keine Agglutination. 

Personen über 18 Jahre, welche klinisch keine Tuberkulose 
erkennen Hessen, welche aber nach der unter R i b b e r t’s Lei- 
lung angeführten Untersuchung Nägel i’s') wahrscheinlich 
fast sämmtlich latente tuberkulöse Herde in ihrem Körper be¬ 
herbergen, agglutinirten nur zur grösseren Hälfte positiv. Ebenso 
wie nach N ä g e 1 i mit zunehmendem Alter eine immer grössere 
Zahl der latenten Tuberkulosen inaktiv wird, resp. ausheilt, war 
auch die Zahl der positiven Agglutinationsresultate bei den 
höheren Altersklassen geringer als in jüngeren Jahren. Es er¬ 
schien danach die Frage berechtigt, ob der positive Ausfall der 
Agglutination bei scheinbar tuberkulosefreien Menschen eine 
aktiv latente Tuberkulose anzeigt, ob ihr negativer Ausfall ausser 
durch wirkliches Freisein von Tuberkulose auch durch Inaktiv¬ 
werden einer latenten Tuberkulose verursacht sein kann. 

Von den Kranken mit klinisch nachweisbarer Lungentuber¬ 
kulose agglutinirten etwa 4 Fünftel. Die nicht agglutinirendcn 
Sera entstammten sehr schwer auftretenden oder rasch fort¬ 
schreitenden Phthisen oder nach dem klinischen Befunde wahr¬ 
scheinlich inaktiv gewordenen Lungentuberkulosen. 

Da die Agglutination auch bei Menschen positiv ausfiel, die 
keine Spur von Tuberkulose klinisch erkennen Hessen, da sie bei 
einer Anzahl klinisch sicherer tuberkulöser Lungenveränderungen 
versagte, folgerte ich, dass die Serumreaktion kein Hilfsmittel 
für die sogen. Frühdiagnose bereits manifester Tuberkulosen ist. 

Bei der weiteren Bearbeitung des Gegenstandes hat mich 
mein I. Assistent, Herr Dr. Stadler, wie früher, auf das Wirk¬ 
samste unterstützt. Er hat an den nachstehenden Ergebnissen 
hervorragenden Antheil. Ich danke ihm herzlich für seine werth¬ 
volle Mitarbeit. 

Die zu den Versuchen benutzten Tuberkclbazillenemulsfonen 
fTb-O) wurden mir durch Herrn Gehelmrath v. Behring über¬ 
lassen. 81e waren durchweg nach der in meiner ersten Mittheilung 


*) Nägel I: Üeber Häufigkeit. Lokalisation und Ausheilung 
der Tuberkulose. Nach 500 Sektionen des zürcheriselien patho¬ 
logischen Institutes. Virchow’s Arch. 1900, Bd. 100, Heft 2, S. 42G. 

No. 3. 


angegebenen Vorschrift mit getrockneten und ln Kugelmühlen 
zerkleinerten Tuberkelbazilleu hergestellt. Einem Liter der 
Emulsion wurden 5 g Karbolsäure hinzugefügt Zur Aus¬ 
führung (1er Agglutinationsprobe wurde wie früher 1 Theil 
der Emulsion mit 3 Theilen sterilen destillirten Wassers ver¬ 
setzt. Das Serum wurde vom Schröpfblut nach 6—7 stündigem 
Stehen desselben im Brutschränke abplpettirt, je 0.2 ccm Serum 
wurden dann in einer entsprechend getheilten Pipette abgemessen 
und mit der 5-, 10-, 15-, 20-, u. s. w.-fachen Menge der Tb-G-Lösuug 
vermischt. Von der Anstellung der Probe mit gleichen Mengen 
des Serums und der Tb-G-Lösuug haben wir neuerdings abge- 
sehen. weil wir uns überzeugten, (lass nur vereinzelt ein positiv 
agglutinirendes Serum nicht auch in der Verdünnung von 1:5 
agglutinirte und weil die Beurtheilung des Resultates in der 
Mischung von 1:1 bisweilen Schwierigkeiten machte. 

Der Ausfall der Reaktion wurde, wie früher, nach der 
Klärung beurthellt, die im Laufe von 40—44 Stunden in dem 
Gemische von Tb-G und Serum auftrat. Wurde die Lösung völlig 
klar, so wurde die Reakton als positiv = -f- bezeichnet. Trat eine 
bedeutende Klärung ein, Hess aber die Betrachtung gegen einen 
dunklen Hintergrund noch eine geringe Trübung erkennen, so 
sahen wir darin den Grenzwerth der positiven Reaktion = L 
(Limes) -f-. Alles, was nicht -j- oder L -f- reagirte, wurde als 
negativ bezeichnet und zwar als absolut negativ = —, wenn Jede 
Klärung ausblieb, als L—, wenn zwar eine geringe Klärung auf¬ 
trat, dieselbe aber nicht ausreichte, um die Trübung bei Besich¬ 
tigung gegen einen hellen Hintergrund verschwinden zu lassen. 

Zur Kontrole der Resultate empfehle ich eine Probe des 
untersuchten Serums im Eisschranke aufzuheben und eine damit 
im Verliiiltniss von 1:5 frisch hergestellte Mischung mit den Aggluti- 
nationsproben zu vergleichen, welche 40—44 Stunden im Brut¬ 
schränke gestanden haben. 

Zur Prüfung meiner früheren Ergebnisse wurde zunächst 
eine Anzahl weiterer Fälle untersucht und ich kann heute über 
die Resultate bei 256 Menschen berichten. 

33 Neugeborene zeigten durchweg keine Spur von 
Agglutination in dem Serum, das aus dem plazentaren Theile der 
Nabelschnur gewonnen war. Für die freundliche Ueberlassung 
des Blutes bin ich Herrn Geheimrath Ahlfeld zu bestem 
Danke verpflichtet. 

102 Menschen über 14 Jahre ohne klinisch erkenn¬ 
bare Tuberkulose agglutinirten zu 62,7 Proz. positiv. Von 
den 64 positiv reagirenden Fällen agglutinirten 4 nur im Ver¬ 
hältnis« von 1: 1, 39 bis zum Verhältnis« von 1:5, 18 bis zu dein 
von 1:10, 1 bis zu dom von 1:15, 1 bis zu dem von 1: 20, 1 bis 
zu dem von 1: 30. Auch an diesen grösseren Zahlen zeigte sich 
die merkliche Abnahme der positiv agglutinirenden Fälle, die Zu¬ 
nahme der negativen Resultate entsprechend dem höheren Lebens¬ 
alter. Boi den Menschen vom 40. Jahre an fehlte die Reaktion 
beinahe doppelt so häufig wie hei Personen zwischen dem 18. und 
39. Jahre. Tabelle I zeigt die Ergebnisse bei klinisch tuberkulose¬ 
freien Menschen. 


Tabelle I. 


Alter 

in Jahren 

Zahl dor 

untersuchten 

Fälle 

Ausfall der Agglutination in 
Prozenten der untersuchten 
Fälle 

positiv negativ 

14—17 

2 

1 Fall 

1 Fall 

18—29 

25 

72 

28 

30-39 

14 

78,6 

21,4 

40-49 

23 

52,2 

47,8 

50-59 

19 

57,8 

42,2 

00—69 

17 

52,9 

47,1 

70-79 

o 

2 Fälle 



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90 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Ich setze die Tabelle nach N ä g el i über das Verhalten der 
latenten Tuberkulose im verschiedenen Alter nochmals zum Ver¬ 
gleiche hierher. Von den latenten Tuberkulosen waren in Pro¬ 
zenten der Gesumm tzahl 


Tabelle II. 


Alter 

in Jahren 

aktiv 

latent 

zweifel¬ 

haft 

Summe der j 

aktiv latenten und 
zweifelhaften 
Fälle 

inaktiv 

latent 

18-30 , 

62 

5 

67 

33 

30-40 

42 

! 16 

58 

42 

40-50 i 

29 

18 

47 

53 

50-60 

25 

17,5 

42,5 

58 

60-70 | 

27 

17 

44 

56 

70-80 

24 

21 

45 

55 


I 


Die prinzipielle Uebereinstimmung der Agglutinations¬ 
ergebnisse mit den Zahlen N ä g e 1 i’s tritt besonders hervor, 
wenn man die inaktiv latenten Tuberkulosen mit den negativen 
Agglutinationsresultaten vergleicht und unseren positiven Zahlen 
die Summe der aktiv latenten und der in ihrer Beschaffenheit 
zweifelhaften Fälle von Tuberkulose gegenüber stellt. 

N ü g e 11 Ist zwar geneigt, die letzten eher den Inaktiven 
Formen zuzurechnen, well sie mit zunehmendem Alter häufiger 
werden. Er zeigt aber durch die Aufstellung der Rubrik, dass 
diese Fälle wohl aushellende, aber noch nicht sicher ausgehellte 
Tuberkulosen sind. Ist also meine Fragestellung berechtigt, ob 
das Agglutinationsvermögeu des Serums erst nach der Ausheilung 
einer latenten Tuberkulose schwindet, so sind die zweifelhaften 
Fälle N ä g e 1 i’s hinsichtlich ihrer Wirkung auf die uns be¬ 
schäftigende Eigenschaft des Blutes eher zu den aktiven Fällen 
zu rechnen. 

Auch die Fortsetzung meiner Untersuchung hat demnach er¬ 
geben, dass das Blutserum tuberkulosefreier 
Personen, wie es die Neugeborenen mit grösster Wahrschein¬ 
lichkeit sind, die Tuberkelbazillenemulsionen überhaupt 
nicht agglutinirt. 

Ebenso berechtigt ist auch jetzt die Fragestellung, ob 
der positive Ausfall der Agglutination bei 
Menschen, bei denen klinisch nichts von Tu¬ 
berkulose nachweisbar ist, die Gegenwart 
einer aktiv latenten resp. noch nicht völlig 
ausgeheilten Tuberkulose anzeigt, ob ferner 
ihr negativer Ausfall in einem Lebensalter, 
in dem das Vorhandensein von Tuberkulose 
im Körper äusserst wahrscheinlich ist, eher 
für inaktiv latente Tuberkulose, als für 
völliges Freisein von Tuberkulose spricht. 

Auch auf Grund meines jetzigen Materials kann ich diese 
Frage nicht endgiltig entscheiden. Nur nach dem Vorbilde 
N ä g e 1 i’s durchgeführte Sektionen bei klinisch untersuchten 
Fällen können die definitive Feststellung bringen. 

Von Patienten mit klinisch nachweisbarer 
Lungentuberkulose wurden 105 untersucht. 78 (74,3 
Proz.) agglutinirten, 27 (25,7 Proz.) reagirten nicht. 68 be¬ 
fanden sich in dem I., 30 in dem II., 7 in dem III. Stadium 
der Erkrankung nach der an das Turba n’sche Schema sich 
anlehnenden Klassifikation We icke rV). Bemerkenswerth ist, 
dass die Zahl der positiv agglutinirenden Fälle entsprechend der 
Ausbreitung der Krankheit immer geringer wurde, wie Tab. III 
zeigt. 

Tabelle in. 



Summe’der ! 
untersuchten 1 
Fälle ' 

Ausfall der Agglutination in 
Prozenten der untersuchten Fälle 

positiv 

negativ 

I. Stadium .... 

68 

79,4 

20,6 

II. Stadium .... 

30 

66,7 

33,3 

HI. Stadium . . . J 
! 

7 

57,1 

42,9 


Auch die Intensität der Agglutination nahm im II. und 
TIT. Stadium ab. Von den positiv reagirenden Fällen aggluti¬ 
nirten bis zu den verschiedenen Verdünnungen die folgenden: 


’) W e i c k e r: Beiträge zur Frage der Volksheilstättou. 
Berlin 1901. S. 22. 


Tabelle IV. 



Summe der 
positiven 
Reaktionen 

Verdünnung 

| 1:1 1:2 1:5 | 1:10 ] 

1:15! 

1:20 

I. Stadium 

mm 



n 

II. 8tadium 




mm 

UI. Stadium 




H 

Summe 

78 

3 1 44 . 16 j 

6 



Entsprechend der Abnahme der positiven Agglutination bei 
stärkerer Ausbreitung der Krankheit kamen von den 27 negativen 
Resultaten 16 auf rasch fortschreitende oder sehr schwere Tuber¬ 
kulosen. 7 andere mit negativer Reaktion, die mit einer Aus¬ 
nahme dem I. Stadium angehörten, waren dagegen nach dem 
ganzen klinischen Befunde als seit längerer Zeit stillstehend 
resp. ausgeheilt zu bezeichnen. Bei 4 Fällen war die Ursache 
der negativen Ergebnisse nicht erkennbar. 

Die Vertheilung der untersuchten Kranken auf die verschie¬ 
denen Lebensalter zeigt die folgende Tabelle, bei welcher der 
Ausfall der Agglutination durch -f und — bezeichnet ist. 

Tabelle V. 


Alter 

I. Stadium 

II. Stadium 

III. Stadium 

5—13 

14-17 

2- 

1- 

- 1— 

H 

- 1— 


18-29 

29- 

- 4— 

3- 

. 

1 + 

80-89 

7- 

- 1— 

6- 

- 3— 

8- 

40-49 

5- 

- 3— 

6- 

- 3- 

2 + 

50—69 

4- 

- 4- 

2- 

- 3— 

60-69 

6- 

- 1— 

l-i 

- 

1 + 

| 

70-79 

1- 

“ 

I 



Ausser einer positiv agglutinirenden tuberkulösen Knochen¬ 
erkrankung wurden schliesslich 15 der Phthise suspekte 
Patienten untersucht. Von ihnen zeigten 7 positiven, 
8 negativen Ausfall der Reaktion. 

Entsprechend meinem früheren Resultate war also auch an 
meinem jetzigen Material bei klinisch sicherer Tu¬ 
berkulose die Reaktion in der Mehrzahl der 
Fälle positiv. Das positive Resultat war bei wenig aus¬ 
gebreiteter Phthise merklich häufiger als bei stärker ausge¬ 
dehnter Erkrankung. Die Reaktion versagte bei 
einer Anzahl sehr schwer auftretender und 
rasch fortschreitender Phthisen und ebenso 
bei Prozessen, die seit längerer Zeit zum 
Stillstand gekommen, inaktiv resp. ausge¬ 
heilt waren. 

Auch meine grösseren Zahlenreihen lassen mich meine 
frühere Angabe aufrecht erhalten, dass die Serumreak¬ 
tion kein Hilfsmittel für die sogen. Früh¬ 
diagnose bereits manifester Tuberkulosen 
ist. Werden die Fragen, zu deren Aufstellung meine Unter¬ 
suchung geführt hat, durch weitere klinische und ausreichende 
anatomische Untersuchungen bejaht, so wird die Serumdiagnose 
der Tuberkulose uns voraussichtlich hauptsächlich bei der Er¬ 
kennung der latenten Tuberkulosen nützen. 

Wir haben uns weiter mit einigen äusseren Be¬ 
dingungen der Serumreaktion bei Tuberkulose be¬ 
schäftigt. Bei dem Vergleiche verschiedener Tuberkelbazillcn- 
emulsionen fiel mir auf, dass ihre Agglutinirbarkeit nicht immer 
so übereinstimmte, wie das bei den ersten von mir verwendeten 
Emulsionen der Fall war. Die eine Emulsion wurde sehr schwer, 
nur in niedrigen Verdünnungen, die andere sehr leicht bis zu 
hohen Verdünnungen hinauf und meist auch rascher agglutinirt. 
Für die vorstehende Zusammenstellung wurden natürlich nur 
die Resultate verwendet, die mit gleichmässig agglutinirenden 
Emulsionen erhalten wurden. Die erwähnte Verschiedenheit 
veranlasst« uns aber, ihrer Ursache in nahezu 400 Agglutinations¬ 
versuchen bei 185 Menschen naehzugehen. 

Ausser einem sehr merklichen Einflüsse, welchen die Ge¬ 
winnung und Vorbehandlung des Bazillenmaterials ausübte, 
zeigte sich zunächst der Alkaleszenzgrad der Emulsion 


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21. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


9t 


von Bedeutung. Wir wollen denselben in Kubikzentimetern 
Normaluatronlauge pro Liter ausdrücken. Die Tuberkelbazillen- 
omulsionen wurden mit Va proz. Natronlauge hergestellt, ent¬ 
hielten also im Liter 5 g NaOH. 6 g NaOH entsprechen 
125 ccm Normallauge (Normallauge = 40 g NaOH auf 1000 ccm 
Wasser). Der anfängliche Alkaleszenzgrad betrug also 126 ccm 
Normallauge. Er wurde durch Zusatz von Essigsäure bis zu 
schwach alkalischer Reaktion abgestumpft. Es zeigte sich nun, 
dass zur Erzielung gleiohmässiger Resultate eine genauere Be¬ 
stimmung des schliesslichen Alkaleszenzgrades *) nothwendig 
war. Denn schon Differenzen, die zwischen der von Neu¬ 
meister*) angegebenen Alkaleszenz des Kaninchenserums 
(etwa 32,5 ccm Normallauge = 1,25 g NaOH pro Liter) und 
nahezu völliger Neutralität (2,5 ccm Normallauge = 0,1 g NaOH 
pro Liter) lagen, verursachten verschiedene Intensität der Ag¬ 
glutination. Selbst noch geringere Unterschiede in der Alkales¬ 
zenz zwischen 32,5, 25 und andererseits 15 ccm, öfters sogar schon 
zwischen 32,5 und 25 ccm Normallauge, ergaben etwas differente 
Werthe in der Intensität der Agglutination. Bezeichnen wir 
durch die Zahl der Zeichen -f- resp. L + und L —, bis zu welcher 
Verdünnung (1:1, 1:5, 1:10, 1:15, 1:20, 1:30) die Aggluti¬ 
nation eintritt (z. B. H—h+ Agglutination positiv bis zur Ver¬ 
dünnung von 1:10 oder + L -f- L— Agglutination positiv bis 
1:5, bei 1:10 noch leichte Klärung der Testflüssigkeit), so erhellt 
der Einfluss der verschiedenen Alkaleszenz aus folgenden Bei¬ 
spielen. 


Tabelle VI. 


Protokoll- 
Nummer | 

Alkaleszenzgrad in ccm Normallauge 

pro 

Liter 

82,5 | 25,0 

15,0 

209 

221 


; ! 

[- 14T I 





"1 

■4 


“I 

-4 


ti 



235 

240 

229 

250 

953 

257 


?L + 


L-L— 


?4-L-fL— 

?L + L— 

? L+I^-L— 


?++L—’ 
?H—(-L — 
-|—H'L — 


Ucbereinstimmend zeigte sich die Agglutination um so 
stärker und trat früher ein, je geringer die Alkaleszenz der 
Tuberkelbazillenemulsionen war. Hielt sich die Alkaleszenz 
innerhalb der erwähnten Grenzen, wurde der völlig positive oder 
negative Ausfall der Agglutination allerdings nicht geändert. 
Das Blut der Neugeborenen reagirte bei den verschiedenen Al- 
kaleszenzgraden stets negativ, andere Sera, wie obige Beispiele 
zeigen, stets positiv. Dass aber Grenzfälle möglich sind, die 
bei hoher Alkaleszenz L —, bei niederer L -f- oder ganz positiv 
reagiren, soll nicht bestritten werden, obgleich ich es bisher nicht 
beobachtet habe. 

Wird die Alkaleszenz beträchtlich über 32,5 ccm Normal¬ 
lauge pro Liter gesteigert, kommt eine Agglutination überhaupt 
nicht mehr zu Stande. Wird die Reaktion der Tuberkelbazillen¬ 
emulsionen deutlich sauer gemacht, tritt nach dem Zusatz von 
Serum sofort ein reichlicher Niederschlag auf und die Flüssigkeit 
darüber wird klar. 

Nach dieser weitgehenden Abhängigkeit der Agglutination 
von dem Grade der Alkaleszenz war die Frage berechtigt, ob nicht 
der ganze Vorgang von dem verschiedenen Alkaleszenzgrade des 
Serums abhängig sei und wirklich agglutinirende Stoffe des 
Blutes keinen Antheil daran hätten. Wir haben Serum durch 
Alkalizusatz stärker alkalisch, durch Säurezusatz schwach sauer 
gemacht. Aber selbst bei Verwendung einer Emulsion mit nur 
5 ccm Normallauge im Liter wurde durch den Zusatz dieses so 
verschieden reagirenden Serums der Ausfall der Agglutination 
nicht geändert. 


Versuchsbeispiel Prot.-No. 190: 

1. Serum ohne Zusatz. -{--f—f- 

2. 2,5 ccm Serum -f- 0,8 ccm l /\o Normal- 
salzsäure, schwachsaure Reaktion -f~|—}—|— 

3. 2,5 ccm Serum 4- 0,8 ccm ‘/io Normal- 

.+++++L+ 

Din Serummenge trat offenbar gegen die Menge der Ba¬ 
zillenemulsion zu sehr zurück, als dass sie die Alkaleszenz der letz¬ 
teren in einer das Resultat verschiebenden Weise beeinflussen 
konnte. Thatsächlich kommen solche Unterschiede in der Al¬ 
kaleszenz des Serums nicht vor, wenn es nach annähernd gleicher 
Zeit vom Blute abpipettirt und sofort verwendet wird. 

Es wurden ferner einige Sera mit Normalsalz¬ 

säure auf empfindliches Lakmuspapier titrirt. Wir folgten da¬ 
bei dein uns gütigst ertheilten Rathe des Herrn Prof. N. Z u n t z, 
die nach Zusatz von je 0,1 ccm '/„ Normalsalzsäure eingetauchten 
Papiere vom Eintritte der ersten flüchtigen Röthung an auf 
einer Glasplatte mit weisser Unterlage trocknen zu lassen und 
erst nach völliger Trocknung den Eintritt der Neutralisation zu 
bestimmen. Es wird so der Einfluss der CO, auf den Ausfall der 
Reaktion ausgeschaltet. Herrn Prof. Z u n t z danke ich auch 
hier bestens für seine liebenswürdige Auskunft. Lassen sich auch 
die so erhaltenen Werthe für das Serum nicht mit den durch 
Phenolphthalein bestimmten für die Emulsionen vergleichen, 
so schien uns doch diese Titrationsmethode für die kleinen ver¬ 
fügbaren Serummengen die zuverlässigsten Resultate zu ver¬ 
sprechen. Die Alkaleszenz der nach ca. 6—7 Stunden ab- 
pipettirten menschlichen Sera schwankte bei 11 Untersuchungen 
zwischen 1,645—1,895 g NaOH = 41,125—47,375 ccm Normal¬ 
lauge pro Liter. Diese geringen Unterschiede konnten schon 
nach unseren früheren Erfahrungen das Resultat der Agglu¬ 
tination nicht beeinflussen und thatsächlich zeigte auch die etwas 
höhere oder niedrigere Alkaleszenz keine Einwirkung. So ag- 
glutinirte z. B. ein Serum von relativ hoher Alkaleszenz (1,870 g 
NaOH) bis zu 1:5 L +, ein solches von ziemlich niedriger 
(1,670 g NaOH) negativ. 

Immerhin könnte nach dem oben besprochenen Einfluss auch 
mässiger Alkaleszenzveränderungen auf die Intensität der 
Agglutination eine merkliche Abnahme der Serumalkaleszenz die 
Stärke der Reaktion beeinflussen. Die Serumalkaleszenz sinkt nun 
ziemlich schnell bei längerem Stehen des Serums über dem Blute. 
So hatte daa Serum eines Neugeborenen, das ca. 16 Stunden über 
dem Blute gestanden hatte, nur eine Alkaleszenz von 1,408 g NaOH 
(35,2 ccm Normallauge), 2 andere nach 24 Stunden abpipettirte 
Sera von Erwachsenen eine solche von 1,444 und 1,204 g NaOII 
(36,1 und 30,1 ccm Normallauge) pro I.iter statt der nach kürzerem 
Steilen gefundenen Zahlen von 1,645—1,895 g NaOH. Es ist dess- 
lialb zur Erzielung glelchmässiger Resultate zweckmässig, das zur 
Verwendung kommende Serum stets gleich lange, etwa 6 bis 
7 Stunden über dem Blute absetzen zu lassen und möglichst sofort 
zu verwenden. 

Die verschiedene Alkaleszenz des gleichmässig gewonnenen 
Serums hat also auf den positiven oder negativen Ausfall der 
Agglutination keinen Einfluss. Dagegen macht die Thatsache, 
dass schwächer alkalische Emulsionen ohne Aenderung des prin¬ 
zipiellen Ergebnisses leichter agglutinirt werden, als stärker 
alkalische, es rathsam, den Alkalenzgrad in Zukunft auf 5 ccm 
Normallauge pro Liter~efnzustell em ~Bie" obcn mijgctheilten Re¬ 
sultate sindTgahz iiberwTegencI mit Emulsionen von 25 ccm Nor¬ 
mallauge pro Liter gewonnen worden. 

In derselben Versuchsreihe haben wir weiter den Einfluss 
der Konzentration der Testflüssigkeit auf den 
Ausfall der Reaktion studirt und Verdünnungen der Tuberkel¬ 
bazillenemulsion im Verhältniss von 1 Theil Emulsion zu 
3 Theilen Wasser mit solchen von 1:5 in den verschiedenen 
Alkaleszenzgraden verglichen. Die Intensität der Agglutination 
nahm bei der stärkeren Verdünnung sehr bedeutend zu. Viel¬ 
fach wurden L-Resultate zu stark positiven Ergebnissen. 

Bel Alkaleszenzgrad 32,5 ccm pro Liter agglutinlrte z. B. ln 
der Verdünnung: 


Prot.-No. | 1:3 


1:5 


*) Als Indikator bei der Titration wurde Phenolphthalein ver¬ 
wendet. 

*) Neumelster: Lehrbuch der physiologischen Chemie. 
2. Aull. Jena 1807. 8. 548. 

*) Daa Frageteichen an erster Stelle bedeutet, dass die Probe 
in der Verdflnnung von 1:1 nicht angestellt wurde. 


221 

+L+L- 


4 -1 | T i- 



224 

222 

T. T. 

L-L— 

• 


223 

L— 

?L-fL+L+ 


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92 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Bei Alkaleszenzgrad 15,0 ccm pro Liter agglutiuirte in der 
Verdünnung: 


Prot -No. 


1 :3 


1:5 


221 +-H-L+L+ +++++ 

225 | ? L - i +-H-+ 

219 + +L+ ! +++4-L + 

222 ?L-L—L— j -H-L + 

.Ta, sogar das eine der in allen unseren sonstigen Versuchen 
absolut negativ reagirenden Neugeborenen-Sern zeigte bei Alkales- 
zenz 15,0 und stärkerer Verdünnung ein L—-Uesultat bis 1:1m. 

Die Unterschiede waren so gross, dass sie schon an sich den 
(icdankcn zurüekweisen Hessen, sie rührten allein von der ge 
ritigeren Alknleszenz der stärker verdünnten TestHiissigkeiten 
her. Wir haben indess auch direkte Versuche angestellt. Eine 
Ilazilleneinulsion von 32,5 ccm Nonnallauge pro Liter enthalt 
nach der Verdünnung mit 5 Theilen Wasser noch 5.417 ccm 
Normallauge pro Liter. Eine Emulsion mit 19,5 ccm Normal- 
lange pro Liter enthält nach der Verdünnung von 1: 3 4,875 ccm 
Nonnallauge, also etwa 0,5 ccm pro Liter weniger als die stärker 
verdünnte Emulsion. Sie müsste also eher leichter agglutiniren, 
wenn die Alkaleszenz maassgebend wäre. Thatsäehlich ist das 
Umgekehrte, der Fall. 


p . v- Alkaleszenz 32,5 Alkaleszenz 19,5 
Verdünnung 1:5 Verdünnung 1:3 


225 

226 
228 
229 



H- 

L j . 


r 

l_4_ 

— 

rT 

H- 


? L — 


? L - L - 


? I 
?I 



Es zeigt sieh also ein sehr merklicher, nicht selten die Re 
sultate verschiebender Einfluss der Konzentration der Test- 
flüssigkei. Er ist bei einem Vorgänge wie der Agglutination 
leicht verständlich, mahnt aber zur Innehaltung grosser Gleich- 
miissigkeit in dieser Beziehung bei der Herstellung von Test¬ 
flüssigkeiten, die in massiger Verdünnung verwendet werden sollen 
und deren Resultat nach der Klärung der Flüssigkeit beurtheilt 
wird. Die von Herrn Geheimrath v. Behring mir überlasenen 
Emulsionen stimmten in dieser Beziehung durchweg gut überein. 

Vielleicht spielt eine spontane Aenderung der Konzentration 
auch eine Rolle bei der leichteren Agglutinirbarkeit älterer 
Tuberkelbazillenemulsionen. Die Agglutinirarbeit nimmt so be¬ 
deutend zu, dass die Emulsionen dadurch nach 2—3 Monaten un¬ 
brauchbar werden. Wie mir Herr Prof. R u p p e 1 mittheilt, sind 
cs speziell die wachsartigen Bestandtheile der Bazillenleiber, die 
nach völliger Lösung des Protoplasma ausfallen. 

Auch über den Einfluss der Erwärmung des 
Serum 8 auf den Ausfall der Agglutination wurden Versuche 
im v. B e h r i n g’schen Institut und bei mir angestellt, sind aber 
noch nicht abgeschlossen. Die die Bazillenemulsionen aggluti- 
nirenden Substanzen scheinen schon bei vcrhältnissinässig niedri¬ 
ger Temperatur (56 0 C.) unwirksam zu werden. 

Die Ergebnisse dieser Untersuchungsreihe lassen sich 
f olgendermaassen zusammen fassen: Ausser der Ge¬ 
winnung und Vorbehandlung des Bazillen- 
materials übt der Alkaleszenzgrad der Tu¬ 
berkelbazillenemulsionen einen deutlichen 
Einfluss auf die Intensität der Aggluti¬ 
nation. Das prinzipielle Ergebniss der Ag¬ 
glutination wurde dagegen durch den inner- 
h alb ge wisserGrenzen verschiede ne n Alkalcs ■ 
zenzgrad nicht beeinflusst. 

Einen viel maassgeben deren, unter Um¬ 
ständen irreführenden Einfluss übt die 
StärkederVerdünnungderTuberkelbazillen- 
emulsionen, bei denen der Ausfall der Ag¬ 
glutination nach der Klärung beurtheilt wer¬ 
den soll. Auf grosso Gleich mässigkeit. in 
dieser Beziehung ist d esshalb bei der Her¬ 
stellung der Testflüssigkeiten zu achten. 

An diese Mittheilungen hoffte ich vor wenigen Wochen noch 
die Bitte knüpfen zu können, eine Sammelforschung in den dazu 


geeigneten Instituten und Krankenhäusern zu veranstalten. Es 
sollte so in objektiver Weise die Bedeutung der Agglutination bei 
der Tuberkulose entschieden werden. Herr Geheimrath v. Beh¬ 
ring wollte die dazu erforderliche Testflüssigkeit den Inter¬ 
essenten zur Verfügung stellen, wenn die Verpflichtung über¬ 
nommen wurde, die Untersuchungsorgebnisse nach einem be¬ 
stimmten Schema zusammenzustellen. Es wurden auch bereits 
die dazu erforderlichen grösseren Mengen der Tuberkelbazillen¬ 
emulsionen fabrikmässig hergestellt. Da erschien in No. 48 
der Deutsch, med. Wochensehr, die Arbeit R. Koch’s 
mit der Mittheilung, dass die Höchster Farbwerke getrocknete 
und in Kugelmühlen zerkleinerte Tuberkelbazillen käuflich 
abgeben. Ein dem v. B e h r i n g’schen gleiches Material 
zur Herstellung der Emulsionen ist dadurch allgemein zugänglich 
geworden. Eine Samniel Forschung von der früher beabsichtigten 
Ausdehnung in den dazu besonders berufenen Kreisen ist jetzt 
überflüssig, und ich muss die Herren, die sich für die Frage 
interessiren, auf. die eigene Herstellung der v. Beh ri n g’sehen 
Emulsionen mit dem Höchster Präparate verweisen. 

Ich gebe die Vorschrift für die Herstellung 
von 1 Liter fertiger Emulsion, möchte aber nicht 
unterlassen, auf den Preis des Höchster Präparates (0,1 g 5 M.) 
hinzuweisen. Die Herstellung kleinerer Mengen erfolgt ent¬ 
sprechend. 1000 ccm fertiger Emulsion reichen bei dem Vor¬ 
gehen nach meinen früheren Angaben (s. auch meine erste Mit¬ 
theilung) und bei Beschränkung auf die Verdünnungen von 
1:5, 1:10, 1:15 und 1:20 für 400 Einzel versuche, so dass das 
Bazillenmaterial für einen Versuch sich auf M. 1.25 stellt. 

Zur Gewinnung von 1 Liter v. B e h r i n g’scher Emulsion 
werden 10 g des Höchster Präparates im Achatmörser uuter all¬ 
mählichem Zusatz von verdünnter Natronlauge währeud 1 Stunde 
sehr gründlich und sorgfältig verrieben. Zur Herstellung der 
Lauge werden 125 ccm Nonnallauge mit sterilem destillirtein 
Wasser auf 900 ccm verdünnt. Bei dem leicht stäubenden Bazillen- 
nmterial ist grosse Vorsicht während des Verrührens angebracht. 
l)ic so erhaltene dicke Flüssigkeit wird ln einer luftdicht ver¬ 
schlossenen sterilen Flasche so lange im Brutschränke bei 37 8 C. 
gehalten und täglich 1—2 mal kräftig geschüttelt, bis nach durch¬ 
schnittlich 5—7 Tagen die Bazillen vollständig emulsionirt sind, 
kein Bodensatz mehr vorhanden ist. 

Es wird dann an einer kleinen Probe bestimmt, wie viel 
’/io-Normalessigsäure erforderlich ist, um die alkalische Reaktion 
auf 5 ccm Normallauge pro Liter abzustumpfen. Die gefundeuc 
Menge Essigsäure wird auf das Hauptquantum der Emulsion be¬ 
rechnet und in der berechneten Menge zusammen mit 5 g Karbol¬ 
säure in soviel Wasser gelöst, dass nach seiner Zufügung die ur-( 
sprüngliche Emulsion auf die Menge von 1 Liter gebracht wird. 
Es entsteht so eine 0.5 proz. Karbolsäurelösung mit 5 ccm Normal- 
luuge pro Liter. Der Zusatz der Essigsiiure-Karbolsäurelösuug 
muss unter Umrühren langsam und vorsichtig erfolgen. 

Die so bergestellte Emulsion Ist sofort verwendbar und hält 
sich, vor hellem Licht geschützt, bei müssiger Zimmertemperatur 
und im Eissehrauke etwa 8 Wocheu hindurch unverändert brauch¬ 
bar. Die für die Versuche nothwendige Verdünnung von 1 Theile 
der Emulsion mit 3 Theilen sterilen destillirten Wassers wird nur 
mit kleinen Mengen vorgenommen, die in 3—4 Tagen zur Ver¬ 
wendung kommen. 

Koch 0 ) ist bei seinen Agglutinationsversuchen zu einer 
Hcrstellungswei.se der Testflüssigkeit gelangt, die mit der 
v. B e h r i n g’schen erfreulich übereinstimmt. Auch Koch 
hntte unbefriedigende Resultate mit Arloing-Courmont- 


V 


*) Zur Orientirung der Leser, welchen die Daten der Publi¬ 
kationen nicht erinnerlich sind, sei Folgendes bemerkt: Die erste 
Veröffentlichung A r 1 o i n g's erfolgte auf dem französischen Kon- • 
gress für Innere Medizin 12.—17. April 1898. In den folgenden 
Jahren erschienen zahlreiche Mittheiluugen Arloing’s und j 
C o u r m o n t’s über Agglutinationsversuche, die mit den homo¬ 
genen Kulturen lebender Bazillen augestellt waren. Mit diesem 
Verfahren kamen die meisten deutschen Forscher zu keinem be¬ 
friedigenden Resultat, wie speziell die Mitthellungeu von M. Beck 
und Rabl nowitsch aus dem Institute für Infektionskrank¬ 
heiten (Deutsch, med. Wocheuschr. 1900, No. 25, und 1901, No. 10; 
Zeitschr. f. Hygiene u. Infektiouskrankh. 1901, Bd. 37, S. 205 [vom 
3. März 1901]) zeigen. Statt der lebenden Bazillen verwendete 
v. Behring Emulsionen getrockneter und zerkleinerter Bazillen 
und i c h berichtete in No. 18 u. 19 der Deutsch, med. Wochenschr. 
vom 2. und 9. Mai 1901 Uber Agglutinationsversuche mit diesen 
Emulsionen. Dass die Technik der Bazillenzerkleinerung und 
Emulsionirung zuerst von R. K o c h 1897 angegeben wurde, dürfte I 
allgemein bekannt sein. Die Agglutiuationsversuche Im v, Beh- 
v i d g'scheu Institute begauueu vor dem 16. Dezember 1900. wie in 
einem Bericht au den Herrn Minister für Landwirtschaft akten- / 
mässig festgelegt ist, die meinigen am 21. Januar 1901. Die Arbeit 
K o c h'8 über seine Aggiutiuatiousergebnisse erschien am 28. No¬ 
vember 1901; Ihr Inhalt wurde zuerst am 26. Oktober 1901 mit- 
getheilt 


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21. Januar 1902. MUENOHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


93 


hohen Kulturen und verwendete deshalb zur Erzielung einer 
gleichmäßigen Testflüssigkeit die auch von v. Behring ge¬ 
wählte Aufschwemmung der Bazillen mit Natronlauge und zwar 
in demselben Verhältniss wie v. Behring (0,2: 20 K o c h, 
10,0:1000,0 v. Behring). Er brauchte '/ M Normallauge, 
v..B e h r i n g Vs proz. = ‘/, Normallauge. Koch stumpfte mit 
Salzsäure die alkalische Reaktion ab, v. Behring mit Essig¬ 
säure. Koch hat dann sein Material dadurch verbessert, dass 
er ebenso wie von Anfang an v. Behring staubförmig zer¬ 
kleinerte Tuberkelbuzillen zur Herstellung der Testflüssigkeit 
verwendet. 

Das Koc h’sehe Verfahren unterscheidet sich von dem 
v. B e h r i n g’schen dadurch, dass Ko ch d ie .zerkleinerten Ba¬ 
zillen nicht mit NatroTflaug c bohauduU» sonderen in einer Karbol¬ 
säure-Kochsalzlösung aufschwgmmt und dass er die mit Natron¬ 
lauge behandelten Bazillen nur im Achatmörser verreibt. Er 
ist desshalb genöthigt, zur Entfernung der nicht emulsionirton 
Bazillen zu zentrifugiren. Bei sehr gleiohmässigem Gange der 
Zentrifuge wird - die Menge des so erhaltenen Bodensatzes an¬ 
nähernd gleich sein. Ein wirklich zuverlässiges Maass für die 
Menge der nach dem Zentrifugiren noch in der Flüssigkeit sus- 
pendirten Bazillen fehlt aber natürlich auf diese Weise. Bei dem 
Koc h’schen Verfahren fällt vielleicht diese ihm anhaftende 
Ungenauigkeit nicht allzu schwer in’s Gewicht, da Koch sehr 
stark (3C00 oder 10 000 fach) verdünnt. Bei den zum Gebrauehe 
400 fach verdünnten v. E e h r 1 irg’schen Emulsionen würde sie 
1 »ich sehr stören d b et ü erkbaf^nlachenr~^Aber auch für die Nach- 
I Prüfung der K o c h’schen Flüssigkeiten bedarf dieser Faktor 
1 eingehende Beachtung. Er ist um so mehr zu berücksichtigen, 
als die von uns mit den zerkleinerten Bazillen aus Höchst genau 
nach der Koc h’schen Vorschrift hergestellte Aufschwemmung 
schon nach 3—4 Tagen einen Bodensatz ausfallen Hess, sich also 
, im Gegensatz zu den v. B e h r i n g’schen Präparaten nicht so 
i gleichmässig emulsionirt hielt. Für den Ausfall der Reaktioneu 
/ dürfte es kä ün eich gilt i g sein, ob man die Probe mit der 

I unteren konzentrirten oder oberen dünnen Flüssigkeit anstellt. 

L Zur Entscheidung über den Ausfall der Agglutination in 
seinen fast wasserhelleu Testflüssigkeiten kann Koch nur den 
Niederschlag benutzen, der bei Zusatz eines wirksamen Serums 
eintritt. Auch v. Behring sah, wie ich in meiner ersten Arbeit 
mitgetheilt habe, in völlig wasserklaren, durch Auflösung der 
Bazillen erhaltenen Präparaten, die in 1000 facher Verdünnung 
verwendet wurden, solche Niederschläge. Ich habe aber für meine 
Untersuchungen die kon zentrirteren Emulsione n vorgezog en, weil 
die Erkennung UesT si)arIicheiiNiederscTitn77ü5 _ ni der klaren Lö¬ 
sung nicht leicht war und weil, wenigstens bei den Emulsionen, 
bisweilen Nmtrr^rhläge"’nnklaref^Natur Vorkommen, die mit 
einem AgglutimUidnsvorgang nichts zu,T hüfi ~hff bcn. ~~Ich habe 
desshalb bei den deutlich trüben Emulsionen, w*ie auch A r 1 o i n g 
und Courmont bei ihren Kulturen, nicht das Erscheinen eines 
Niederschlages, sondern die Klärung der Flüssigkeit als maass- 
gebend für den Ausfall der Reaktion angesehen. 

Die Agglutinationsversuche Koeh’s mit dem Serum nicht 
vorbehandelter Menschen bringen zur Entscheidung der Frage 
nach der diagnostischen Bedeutung des Vorganges keinen Bei- 
( trag, weil Koch meist, nur Verdünnungen bis zu 1: 25 hinunter 
verwendete und nur einen Theil seiner Fälle auf das Verhallen 
von 1:10 prüfte. Stärkere Konzentrationen gestatteten bei seiner 
Flüssigkeit die Erkennung des Niederschlages nicht mehr. Schon 
bei 1: 10 fand ich sie bisweilen schwierig. Er erzielte bei schein¬ 
bar tuberkulosefreien und bei tuberkulösen Menschen überwiegend 
negative Ergebnisse, wie auch ich bei Verdünnungen von 1:10 
und darüber nur in der Minderzahl der Fälle positive Resultate 
rnit den v. B e h r i n g’schen Emulsionen hatte. Immerhin ist 
interessant, dass Koch unter 38 Phthisikern 14 und ich unter 
«len 43 bei meiner ersten Arbeit untersuchten 15 fand, die im 
Verhältniss von 1:10 agglutinirten. Koch sah unter 6 schein¬ 
bar Tuberkulosefreien 2 bei 1:10 agglutiniren, ich unter den 39 
meiner ersten Mittheilung 6. Koc h’s Resultat stimmt also in 
«lieser Beziehung sehr befriedigend mit meinem bereits früher 
veröffentlichten überein. Das Serum von Neugeborenen, die mit 
denkbar grösster Wahrscheinlichkeit frei von Tuberkulose sind, 
hat Koch nicht zum Vergleich herangezogen. 

Die Stadieneinthcilung Koc h’s für die Phthisiker kann ich 
■. nicht direkt mit der v«.n mir benutzten vergleichen, weil das von 
So. 3 


mir gebrauchte WeickePsche Schema schon massigere Ver¬ 
änderungen dem II. rosp. III. Stadium zutheilt, als das von 
Koch zu Grunde gelegte Turba n’sche. 

Die K o c h’schen Angaben nöthigen zu dem Schlüsse, dass 
sein Verfahren zur Prüfung der diagnosti¬ 
schen Bedeutung der Agglutination unge¬ 
eignet ist, weil die Reaktion bei der Verdünnung von 1:5 
nicht mehr erkennbar ist. und seine Ergebnisse bei der Verdün¬ 
nung von 1:10 mir zu beweisen scheinen, dass seine Testflüssig¬ 
keiten nicht leichter agglutinirten als die v. B e h r i n g’schen 
Bazillenemulsionen. Sie berechtigen aber zu der Annahme, dass 
die Serumreaktion kein Hilfsmittel für die Frühdiagnose bereits 
manifester Tuberkulose ist. 

Oh die Serumdiagnose zur Erkennung tuberkulöser Ver¬ 
änderungen überhaupt brauchbar ist, dieser Frage stehe auch ich 
noch unentschieden gegenüber, wie die Zusammenfassung am 
Schlüsse meiner ersten Mittheilung zeigt. Keinesfalls Ist sie aber 
auf Grund der K o c h’schen Ergebnisse zu verneinen. Denn 
dass eine Anzahl klinisch tuberkulosefreier Menschen reagirt, 
kann nicht dagegen angeführt werden. Das scheinbar negative 
Ergebniss der Sektion eines Menschen, der agglutinirt hatte, be- 
weist doch im Hinblick auf die direkt widersprechenden 
Nägel i’schen Feststellungen nichts, wenn nicht mitgetheilt 
wird, von wem und wie eingehend die Sektion ausgeführt wurde. 

Mit demselben Recht könnte man sagen: Von klinisch tuber¬ 
kulosefreien Menschen reagiren auf Tuberkulin nach der Mit¬ 
theilung B e e k’s ') aus dem Institut für Infektionskrankheiten 
47,1 Proz. positiv, selbst wenn man alle der Tuberkulose auch 
nur suspekten Fälle ausschaltet. Also beweist die positive Tu¬ 
berkulin renkt ion nicht die Gegenwart der Tuberkulose. 

Niemand wird sieh auf diesen Standpunkt stellen wollen, 
weil dio last absolute Zuverlässigkeit der Tuberkulinprobe hei 
manchen Thicrartcn feststeht, und weil die enorme Iliiutigkeit 
«ler latenten Tuberkulose bekannt ist. Für den Menschen be¬ 
sitzen wir aber noch nicht einmal einen zuverlässigen Vergleich 
zwischen Ausfall der Tuberkulinprobe und autoptischcni Befunde 
ausser der von Koch zitirten kleinen Versuchsreihe von 
E. France, nicht einmal Mittheilungen über die Häufigkeit 
positiver Tuberkulinreaktionen bei scheinbar tuberkulosefreien 
Menschen in den verschiedenen Altersklassen. Wir haben keine 
anatomisch kontrolirten Kenntnisse über die Abhängigkeit der 
Reaktion von dem Zustande der Tuberkulose, von ihrem ver¬ 
schieden raschen Kortschreiten und von ihrer Ausheilung. Es ist 
noch zu ermitteln, ob sieh die Tuberkulinprobe nach derartigen 
Untersuchungen für den Menschen ebenso zuverlässig erweist, 
wie für das Rind. Und schon jetzt müssen wir betonen, dass «ler 
diagnostischen Anwendung des Tuberkulins im kindlichen Aller 
Schwierigkeiten entgegen zu stehen scheinen, die offenbar nicht 
leicht zu überwinden sind. Es fehlt wohl desshalb noch völlig 
eine grössere Untersuchungsreihe bei klinisch tuberkulosefreien 
Kindern. 

A priori ist es auch wohl möglich, dass Tuberkulin- und Ag- 
glutinationsprobe sich bei verschiedenen Thierklassen ungleich 
zuverlässig erweisen. Für diese Anschauung sprechen Versuche, 
die im Marburgcr Institut für experimentelle Therapie an 
Pferden, Rindern, Ziegen, Schafen, Kaninchen und Meerschwein¬ 
chen angostellt wurden. Herr Geheimrath v. Behring th. il' 
mir ferner mit, dass nach seiner Erfahrung tuberkulös«* Mäuse 
für Tuberkulin nicht überempfindlich werden und demnach durch 
dio Tuberkulinprobe von gesunden Mäusen nicht zu unter¬ 
scheiden sind. Es ist weiter möglich, dass in einer bestimmten 
Entwicklungsphase der Tuberkulose die eine Probe versagt, di.- 
andere positav ausfällt, dass auch das Lebensalter ähnlich 
wirken kann. 

Jedenfalls ist vor endgiltiger Abschätz¬ 
ung des diagnostischen Werthes der bei «lei 
Proben beim Menschen dio Sammlung ein« s 
klinisch und anatomisch sorgfältig unter¬ 
suchten und einheitlich z u s a in m e n g e s t c 1 1 i »■ n 
Materials imtliwendig. 

Besonders wünsch« n-werth erscheint die Prüfung «1« r 
Agglutination im k i n d 1 i e h o n A 1 t e r. Bei mein r 
Untersuchung reagirten die mit grösster Wahrseheinliehkcii 


: i Beek: Deutsch. me«1. Wochen sehr. 1SW. No. 0. T’eher 
die nicht mltgerechueten suspekten Fälle s. meine erste Art* it. 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


tuberkulosefreien Neugeborenen stets negativ, die Menschen 
zwischen dem 18. und 29. Jahre fast zu drei Vierteln positiv. 
Es ist vor Allem zu ermitteln, ob die Häufigkeit der Aggluti¬ 
nation im Kindesalter annähernd ebenso zunimmt, wie N ä g e 1 i 
die Tuberkulose häufiger werden sah, die er zwischen dem 1. und 
5. Jahre bereits bei 17 Proz. der untersuchten Leichen, zwischen 
dem 5. und 14. bei 33 Proz., zwischen dem 14. und 28. bei 50 Proz. 
antraf. Diese Ermittelung würde einen wichtigen Beitrag zur 
diagnostischen Verwerthung der Agglutination beim Menschen 
liefern und, wenn 9ie für die Brauchbarkeit der Methode sprechen 
sollte, uns gleichzeitig über die Anfänge der Tuberkulose im 
Kindesalter aufklären. 

Fasse ich die Ausführungen im letzten Theile meiner Arbeit 
zusammen, so hat Koch die v. Behringsehe Be¬ 
obachtung bestätigt, dass die Agglutination 
bei Tuberkulose mit Bazillenemulsionen zu¬ 
verlässiger zu prüfen ist, als mit den homo¬ 
genen Kulturen Arloing’s und Courmon t’s. Da 
Koch ein zur Herstellung der Emulsionen geeignetes Bazillen¬ 
material durch die Höchster Farbwerke käuflich abgeben lässt, 
können Herr Geheimrath v. Behring und ich auf die 
Sammelforschung zur Feststellung der Bedeutung der Aggluti¬ 
nation bei Tuberkulose verzichten. 

Die Koch’sche sehr stark verdünnte Auf¬ 
schwemmung zerkleinerter Bazillen ist zur 
Ermittelung des diagnostischen Werthes der 
Agglutination ungeeignet, weil sie die Reaktion in 
der Verdünnung von 1:5 nicht mehr deutlich erkennen lässt, 
und der Ausfall der Probe in dieser Verdünnung nicht entbehrt 
werden kann, wenn man verhältnissmässig schwer agglutinirende 
Emulsionen benutzt, wie die K o c h’sche Flüssigkeit oder die 
v. B e h r i n g’schen Präparate. Die letzteren geben in dieser 
Beziehung zuverlässigere Werthe. Die Koch'schen Re¬ 
sultate bestätigen nur meine frühere Fest¬ 
stellung, dass die Serumreaktion kein Hilfs¬ 
mittel für die Erkennung bereits manifester 
Tuberkulosen ist. Ueber ihren Werth für die 
Erkennung der Tuberkulose überhaupt ver¬ 
mögen sie nichts auszusagen. 

Die diagnostische Bedeutung des Tuber¬ 
kulins und der Agglutination für die mensch¬ 
liche Tuberkulose in ihrer verschiedenen 
Entwickelung und in den verschiedenen Le¬ 
bensaltern lässt sich mit Sicherheit nur auf 
Grund eines anatomisch kontrolirten Ma¬ 
terials entscheiden, das mit der nöthigen 
Sorgfalt nach dem Vorbilde Nägel i’s unter¬ 
sucht ist. So wahrscheinlich der hohe dia- 
gnostischeWerthderTuberkulinprobewenig- 
stens für den Erwachsenen ist, so fehlt es für 
den Menschen noch völlig an sicher verwert h - 
baren und hinreichend grossen Untersuch¬ 
ungsreihen. 

Besonders w ü n s c h e n s w e r t h erscheint die 
Prüfung der Agglutination im kindlichen 

Alter. 


Ueber wissenschaftliche Hydrotherapie und „Wasser¬ 
kuren“.*) 

Von Generalstabsarzt z. D. Dr. v. Vogl. 

Die Hydrotherapie ist das, was sie heute ist, in den Händen 
der Aerzte geworden; wenn auch schon im frühesten Alterthum 
Aerzte akute und chronische Krankheiten mit kaltem Wasser be¬ 
handelt haben, so ist sie doch in ihrer Entwicklung langsam fort¬ 
geschritten **). Sie war stets bemüht, mit der medizinischen 


*) Vorgetragen im Aerztlichen Verein München am 17. IV. und 
13. XI. 1901. Der die Wasserkuren betreffende Theil des Vortrags, 
der vornehmlich zur Aufklärung in Laienkreisen bestimmt war 
und desshalb schon in den Münch. Neueste Nachr. und in der 
Augsb. Abendztg. veröffentlicht wurde, wird unter den Vereins¬ 
berichten im Auszuge erscheinen. 

**) Näheres in: Geschichte der Hydrotherapie von Dr. P 1 o h n 
ln v. Z i e m s s e n’s Handbuch der allgemeinen Therapie, und 
Hydrotherapie des Alterthums von Dr. Marcuse in Mannheim, 
1900 . 


Wissenschaft in Fühlung zu bleiben, d. h. ihre Empirie sich 
wissenschaftlich verständlich zu machen; die mannigfachen 
Wandlungen in den Anschauungen über Ursache und Wesen 
der Krankheiten, im Besonderen des Fiebers haben aber auf die 
Fortschritte der Therapie, somit auch der Hydrotherapie hem¬ 
mend rückgewirkt. Sie darf also nicht getadelt werden, da?? 
9ie nicht früher festeren Boden gefasst und bestimmtere Lehr¬ 
sätze zur Reife gebracht hat. Sie ist gleichsam etappenweise 
fortgeschritten; erst im letzten Jahrhundert hat sie rascher und 
kontinuirlich sich entwickelt und zwar auf zwei getrennten 
Bahnen. 

Nachdem schon englische Aerzte die tonisirende Wirkung 
des kalten Wassers auf das Herz und die Blutgefässe hervor¬ 
gehoben und energisch mit Kältereizen in „nervösen und hitzigen 
Fiebern“ gegen die Adjyiamie vorgegangen waren, haben in Mitte 
dieses Jahrhunderts Hagenbach, J ürgensen, Lieber¬ 
rae i s t e r, Z i e m s s e n u. A. durch ihre exakten, ergebnis¬ 
reichen Forschungen über die Wärmeökonomie des menschlichen 
Organismus in gesundem und krankem Zustande zu einer förder¬ 
lichen Bewegung den Anstoss gegeben; zugleich ist Brand in 
Stettin mit seiner methodischen Kaltwasserbehandlung des 
Typhus hervorgetreten. Auf dem anderen Wege ist es W i n t e r- 
n i t z gelungen, selbständig in rastloser Arbeit die physiologische 
Grundlage der Hydrotherapie zu festigen und auf derselben das 
ganze Gebiet der inneren Pathologie den Heilagentien des 
Wassers zugängig zu machen; es sind in erster Linie die chro¬ 
nischen Krankheiten Objekt seiner Forschung ünd Thätigkeit 


gewesen. 

Die Wirkungen des Wassers, kalt oder warm, vollziehen sich 
in akuten Krankheiten nach denselben Gesetzen wie in chroni¬ 
schen und so mussten denn auch die Forschungen auf den zwei 
verschiedenen Bahnen in ein und demselben Ziele sich treffen; 
dieses sehen wir nun erreicht in einer hydrotherapeutischen 
Schule, würdig eines Platzes im Rahmen der gesammten Heil¬ 
kunde und bindend für Jeden, der sich des Wassers als Heilagens 
bedient; die Antheiluahme Winternitz’s an ihrer Gründung 
und Festigung sichert ihr unanfechtbar den Namen „Winter- 
nitz’sche Schul e“. 

Ihr ist bereits eine Lehrstätte an den Universitäten Wien, 
Berlin, München etc. eingeräumt und zu den schon aufliegenden 
grösseren und kleineren literarischen Arbeiten von Winter¬ 
nitz, Glax, v. Hösslin, Rossbach, Franz Müller, 
Munde, Riegel, Barwinsky, Krüche, Baruch, 
Krause, Kröger, Vierordt u. A. sind im Jahre 1900 
zwei vortreffliche Lehrbücher von Dr. Buxbaum in Wien und 
von Professor Dr. Matt lies in Jena getreten. Ersteres reprä- 
sentirt die Schule und bringt Alles bündig und klar, was 
Winternitz selbst und seine hervorragenden Schüler, da¬ 
runter besonders der Verfasser, an Wissen und Erfahrung ge¬ 
schaffen und gesammelt haben; letzteres hat in kritischer Prü¬ 
fung der physiologischen Grundlage der Hydrotherapie, nament¬ 
lich der Beziehungen des Kältereizes zur Herzarbeit, auf noch 
gegebene Lücken hingewiesen, im Uebrigen aber theoretisch und 
praktisch einen Gesichtspunkt eingenommen, der sich mit jenem 
durchaus deckt. Man darf sich der Erwartung hingeben, dass 
die offenen Fragen, die hier ebenso wenig fehlen wie auf anderen 
Gebieten der Therapie, in vereinter Bearbeitung durch so gedie¬ 
gene Kräfte zur befriedgienden Lösung gelangen werden; bis 
dahin muss das Errungene genügen. 


Ich möchte mir nun gestatten, über die Leistungsfähigkeit 
der modernen Hydrotherapie zu berichten. Ich stehe hiebei auf 
dem Boden der Praxis, die mich gelehrt hat, dass die Hydro¬ 
therapie da9 ärztliche Können am Krankenbett ausserordentlich 
erhöht; es bedarf nur der Kenntniss der physiologischen Wirkung 
und der Indikation des kalten und warmen Wassers, sowie der 
Technik seiner Verwendung; dann wird der Arzt mit den ein¬ 
fachsten Vornahmen, und zwar mit jeder derselben, also mit der 
Waschung, der nassen Abreibung, der Einpackung, den allge¬ 
meinen und örtlichen Bädern, insbesondere mit den Sitz-, Hand- 
und Fussbädem, einer Fülle von Indikationen genügen können; 
Apparate, speziell für Douchen etc., sind in der täglichen Praxis 
ganz entbehrlich, für die Klinik aber unerlässlich zur Forschung, 
Demonstration und Behandlung besonders gearteter Krank¬ 
heitsfälle. 

Das, was ich mitzütheilen habe, soll als Beitrag aufzufassen 
sein und nur diejenigen Krankheitsformen in sich schliessen, 
welche vor Allem die Hydrotherpie gebieten und über welche 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


96 


21. Januar 1902. 


mir auf Grund eigener nicht-spezialärztlicher Thätigkeit einiges 
Urtheil zusteht; es sind dies von den akuten Krankheiten: Schar¬ 
lach, Lungenentzündung und Typhus und von den chronischen: 
die Lungentuberkulose und die Herzkrankheiten. 

Die enorm hohe Sterblichkeitsziffer in einzelnen Scharlach¬ 
epidemien (bis zu 40 Proz.) hat die grosse Energie der Kälte¬ 
anwendung durch den englischen Arzt Currie hervorgerufen; 
andererseits hat wieder eine ganz geringe Sterblichkeit einer 
mehr exspektativen Behandlung den Vorzug zuerkannt. So ist 
ein Widerstreit der Meinungen geschaffen, der zur Zeit noch nicht 
gelöst ist. 

Das Herz ist im Scharlach schon im Beginn mehr ergriffen, 
als in anderen Infektionskrankheiten; in 2 innerhalb 36 Stunden 
tödtlieh verlaufenen Fällen der Scharlach - Epidemie hiesiger 
Garnison anno 1884/85') war infektiöse Myokarditis und in allen 
Fällen durchwegs enorme Frequenz der Herzthätigkeit gegeben 
und selbst in den leichtesten Fällen neben Bradykardie eine be¬ 
deutende Labilität noch lange in der Rekonvaleszenz nachweisbar. 
Ein in der Kindheit erstandener Scharlach steht als Ursache 
von „Herzkrankheit“ Wehrpflichtiger dem Gelenkrheumatismus 
und der Influenza an Häufigkeit nicht viel nach. 

Das Herz ist der Mittelpunkt der Symptomatologie und 
Prognose des Scharlachs und bestimmt durch sein Verhalten 
auch die Therapie; wenn man sich in letzterer gleichwohl immer 
wieder an die Ergebnisse der Thermometrie hält, so geschieht 
dies aus gleichen Grüpden wie bei den anderen akuten Infektions¬ 
krankheiten, dann aber besonders in Rücksicht auf die hier be¬ 
sonders häufig grosse Tendenz zum Wiederansteigen und auf 
die Störung des hämostatischen Gleichgewichts im Scharlach; 
die Hauttemperatur steht hier der Innenwärme fast gleich, sehr 
oft sogar höher, wie unsere 3 stündliche Messung in axill. und 
rect. zugleich (Tag und Nacht) gezeigt haben. 

Eben diese Störung im Reguli rapparat der Wärmeökonomie 
weist auch der Therapie die Haut als den wichtigsten und rich¬ 
tigsten Angriffspunkt an; die Hydrotherapie beeinflusst direkt 
und verlässiger als jede andere Therapie das Gebiet der Vaso¬ 
motoren : 

1. Das hochtemperirte Blut, in den erweiterten Gefässen 
der Scharlachhaut angestaut, wird durch die Kälte des Wassers 
abgekühlt und so dem Zentrum zugeführt; dies geschieht um so 
prompter, je weniger die Hautgefässe ihre Kontraktilität schon 
eingebüsst haben, also je näher der „Invasion“ die Kälte zur 
Anwendung kommt; je mehr schon „Florition“ besteht, desto ge¬ 
ringer ist die Kontraktilität der Gefiisse, desto weniger wird 
kühles Blut zentralwärts geleitet; es bleibt Erniedrigung der 
Innentemperatur (rect.) aus und dies ist der sog. negative Bade¬ 
effekt ; erst mehreren Angriffen gelingt die Kontraktion mit fol¬ 
gender Reaktion d. h. Erweiterung der Gefässe mit erhaltenem 
Tonus. 

2. Nicht bloss die gestörte Würmeregulirung, sondern auch 
die Blutvertheilung wird durch den Kältereiz vorübergehend 
und in methodischer Wiederholung dauernd hergestellt; e3 wird 
in der Zeiteinheit den bedrohten Organen, wozu ja das Herz 
vor Allem zählt, leistungsfähiges Blut zugeführt, was J ii r - 
g e n s c n als Ziel der Scharlaehtherape bezeichnet. Durch den 
gesteigerten Tonus der Gefässe wird auch die Herzkraft gehoben, 
cs kommt in beiden zu einer Reaktion, in welcher die Puls¬ 
frequenz geringer wird und die Spannung sich erhöht; die Puls- 
bcschleunigung tritt schon im kalten Bade zurück, noch bevor 
die Temperatur sinkt und überdauert deren Erniedrigung 
(Leichtenstern). 

Also Ueberwiegen der tonisirenden über die 
wärmeentziehende Wirkung des Kältereizes! 

3. Die schädigende Wirkung des Scharlachgiftes auf die 
nervösen Zentren und ihre Funktion steht seiner Gefährlichkeit 
für das Gefiisssystem nicht nach. Ein mächtiger Kältereiz auf 
die sensiblen Hautnerven kann Wiederbelebung der sinkenden 
oder schon gesunkenen Innervation (Sopor) vermitteln und so 
das Leben retten. 

4. Die skarlatinöse Dermatitis mit der immer vorhandenen 
multiplen Lymphadenitis wird von der Kälte antiphlogistisch ge¬ 
troffen; eine Mässigung des örtlichen Vorgangs kann für den 
krankhaften Allgemeinzustand doch nur von Vortheil sein. 

5. Auch die nthmende und namentlich wasserausscheidende 

Münch, med. Wocltrnschr. No. 41, !2, 1805. 


Hautthätigkeit, die im Scharlach darniederliegt, wird von der 
Kälte günstig beeinflusst im Sinne einer Entlastung der Nieren. 

6. Endlich darf angenommen werden, dass die Infektiosität 
der Scharlachhaut durch die Kaltwassereinwirkung herabgesetzt 
wird, was um so mehr von Bedeutung ist für eine möglichst 
frühzeitige und auf jeden Scharlachkranken anzuwendende 
Bäderbehandlung, als die Ansteckungsfähigkeit in der „In¬ 
vasion“ am grössten ist im Gegensatz zur Desquamation. In 
den beiden grossen Epidemien der hiesigen Garnison 1884/85 
und 1894/95 mit zusammen 436 Kranken hat die Verbreitung 
von Mann zu Mann nur in diesem Stadium stattgefunden; denn 
bei leisestem Verdacht auf Scharlach ist jeder Kranke dem La- 
zarethe zugeführt und hier bis zum gesicherten Abschluss der 
Schuppung, selbst über 2 Monate lang, zurückbehalten worden. 
Kein Schuppender war in der Kaserne! 

Den angeführten Sätzen ist zu entnehmen, dass der Kälte¬ 
reiz in den Gefässen und Nerven der skarlatinös ergriffenen 
Haut weitgehende und tiefgreifende Wirkungen auszulösen im 
Stande ist. 

„Für die beste Behandlung vom Beginn der Invasion bis 
zum Nachlass der Allgemeinerscheinungen halte ich den Ge¬ 
brauch der kühlen Bäder von 20° bis (bei grösseren Kindern) 
16® C., so oft die Temperatur in recto 40° 0. misst“, sagt 
J ürgensen. 

v. Ziemssen rühmt die strenge Methode Currie’s und 
bemerkt, dass auch die neueste Zeit den hohen Werth der Hydro¬ 
therapie bei Scharlach wieder erwiesen habe; je früher aber der 
Kranke in Behandlung komme, je höher die Körperwärme sei, 
je resistenter der Organismus, um so niederer solle die Tem¬ 
peratur des Bades und der Ucbergiessung gewählt werden. 

Mit besonderer Energie hat im Beginn der 80 er Jahre 
Leichtenstern*) in Köln in zahlreichen und verschieden¬ 
artigen Epidemien die Behandlung des Kindersaharlachs mit kal¬ 
tem Wasser durchgeführt. 

Diesen und noch manchen anderen Vertretern der strengen 
Kaltwasserbehandlung steht eine nicht kleine Gruppe von Aerzten 
mit absoluter Ablehnung des „kalten Wassers“ gegenüber. Die 
überwiegende Zahl aber bekennt sich heute, unter Ausschluss 
der „leichten“ Fälle aus jeder Behandlung, zu einer „milden 
Wasscranwendung“ in schweren Fällen. 

Der Charakter einer Epidemie hat einen bestimmenden 
Einfluss auf das Schlusscrgebniss der Prozentziffer der Gestor¬ 
benen und Geheilten; er muss auch in Rechnung gezogen werden 
bei der Wertschätzung der bethätigten Therapie und bei Ent¬ 
wurf eines Behandlungsplanes angesichts einer herangetretenen 
Epidemie; man kann ihn unschwer aus dem Spontanverlauf der 
ersten Erkrankungsfälle, noch verlässiger aber aus dem Ver¬ 
halten der Kranken gegen die sofort eingeleitete Bäderbehand¬ 
lung in der mildesten Anwendung des bei uns üblichen Schemas 
(alle 2—3 Stunden ein kaltes Bad von 20 0 —16 0 C. V4 Stunde 
lang, so oft der Kranke 39,5°—39,0° C. misst), erkennen; man 
kann schon am 2. Tage von Seite der Temperatur, Zirkulation 
(Pulsverlangsamung u. a.) und Innervation eine Remission kon- 
statiren und ist berechtigt, aus einer grösseren Zahl solcher Fälle 
die Gutartigkeit einer Epidemie abzuleiten, andererseits aber sich 
in der Behandlungsmethode von der Voraussetzung einer ge¬ 
wissen Malignität leiten zu lassen, wenn die Bäder von hart¬ 
näckiger Tendenz zum Wiederansteigen, von fortgesetzter Puls¬ 
beschleunigung und mehr oder weniger Prostration gefolgt, mit 
einem Wort, wenn die Effekte des Kältereizes negative oder ge¬ 
ringe sind; es lässt sich bei nicht gutartigem Charakter einer 
Epidemie am 1. Tage nie bestimmen, ob nicht schon am 2. oder 
3. Tage der Verlauf ein anomaler sein wird durch Ausschreitung 
oder Komplikationen, namentlich Hyperexie, äusserste Pro¬ 
stration, Sopor, sowie Herzkollaps in Folge von toxischer Schä¬ 
digung oder auch Vasomotorenlähmung und dann Anwendung« n 
der grössten Energie gebietet; es sind allerdings Fälle nicht gar 
zu selten, in denen wirklich am 3.—5. Tage oder auch noch später 
durch ein kaltes Vollbad bezw. ganz kalte Begiessung im warmen 
Bade oder feucht-warme Einwicklung der Extremitäten mit kalter 
Stammwicklung die sinkende Funktion der betreffenden Organe 
wieder auf gerichtet und so das bedrohte Leben erhalten wird; 
aber es steht hiebei oft in Frage, ob das Herz den sog. Priniär- 
affekt des Kältereizes noch aushält, und eben desshalb sind solche 
Erfolge nicht häufig genug, um das Gesammtcrgebniss dieser 


*> Deutsch, med. Wochenschr. 1882. 


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96 


MUENCHENER MEDICTNISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Therapie in einer bösartigen Epidemie merklich günstiger zu 
gestalten; es sind dies nur vereinzelte Glanzerfolge! 

Eine Therapie nun, die die äusserste Lebensgefahr noch zu 
bannen vermag, muss doch mindestens eben so leistungsfähig 
sein, wann der Krankheitsverlauf erst dazu neigt, anomal oder 
komplizirt zu werden; da dies nun in einer Epidemie mit wenig 
gutartigem Charakter anzunehmen ist, so wird man gerade hier 
in allen Fällen vom frühesten Beginn der Krankheit an, also auch 
schon in der Invasion, mit einer Behandlung einsetzen müssen, 
welche die Organe, besonders die Nieren, vor der toxischen Wir¬ 
kung mehr oder weniger zu schützen vermag. Wir sind in der 
benignen Scharlachepidemie 1894/95 mit 311 Kranken fast gar 
keiner Indikation von Bädern begegnet, in der Epidemie 1884/85 
(mit 125 Kranken) hatten fast alle Kranken Bäder angezcigt er¬ 
scheinen lassen und hier haben wir die anderweits schon festge¬ 
stellte ThatSache zu bestätigen vermocht,dass dicBiiderbeliandlung 
die Scharlachnephritis seltener und milder macht. Man wird 
sich keiner grossen Unterlassung schuldig machen, wenn man 
bei einer gutartigen Epidemie in allen Krankheitsfällen, selbst 
in den mit schweren Erscheinungen bis 41° C. in recto sich ein¬ 
führenden, von einer methodischen Bäderbehandlung absiehr, 
man soll es sich aber zum Grundsatz und zur Pflicht machen, 
in einer Epidemie, die sich als wenig gutartig zu erkennen gibt, 
jeden Kranken, der fiebert und auch nur Verdacht auf Scharlach 
bekundet, sofort der ganzen Strenge der Methode zu unter¬ 
ziehen. 

Man darf von einem solchen Verhalten erwarten, die Epi¬ 
demie gewissermaassen ihres schlimmen Charakters zu ent¬ 
kleiden, jedenfalls aber das Gesammtergebniss viel günstiger zu 
beeinflussen, als mit einer zusehenden Behandlung oder mit einer 
schüchternen Hydrotherapie als letzten Versuch! 

Wunderlich hat in der Pathologie einer „einfachen 
Pneumonie“ alle Bedingungen für eine spontane Heilung ge¬ 
sehen, dcssgleichen hat Buhl diese (kroupö^e) Pneumonie als 
einen Oberflächenprozess bezeichnet, der heilen muss, wenn nicht 
die Herzkraft unterliegt, bevor die Entzündung zur Lösung ge¬ 
kommen ist; mag auch diese Anschauung durch den Nachweis 
infektiöser Keime in der Alveolarwandung und den zugehörigen 
Lymphgefässen alterirt sein, richtig und durch tägliche Er¬ 
fahrung bestätigt ist. dass der eine Kranke bei der gleichen Iu- 
und Extensität der Entzündung stirbt, bei der ein anderer glück¬ 
lich die Heilung erreicht. Also ist die Individualität von be¬ 
stimmendem Einfluss auf den Verlauf, und zwar bestehen heute 
noch die Sätze Jürgense n’s zu Recht, dass vor Allem das 
Herz es ist, von dessen Zustand und Arbeit der Ausgang der 
Pneumonie abhängt und die Therapie sich leiten lassen muss. 
Gleichviel ob die Allgemeininfektion mit der Hyperthermie oder 
ob im Besonderen die Vasomotorenlähmung durch Kokken oder 
die Verringerung der Athemfläche oder endlich die Massen¬ 
exsudation in den Alveolen, die Inanition den letalen Ausgang 
vermitteln, immer ist es schliesslich doch das Herz, welches am 
meisten belastet und gefährdet ist. 

Nachdem die medikamentöse Antipyrese, welche mit ihren 
steilen und tiefen Abfällen und den überkompensirenden An¬ 
stiegen nichts geschaffen hat, als ein meist 7 Tage langes be¬ 
denkliches Schwanken zwischen Hyperpyrexie und Kollaps, ab¬ 
seits gelegt ist, möchte es fast scheinen, als ob die heute geübte 
Pneumonietherapie eine viel zusehendere Stellung einnehme, 
denn je und diese nur verlasse, wenn bedrohliche Erscheinungen 
von Seite des Herzens eine vitale Indikation ergeben; und auch 
hier kann sie sich keiner Bereicherung ihrer Hilfsmittel rühmen, 
sie hat vielmehr viele Stimulantien als ungenügend wirksam und 
selbst nachtheilig über Bord geworfen. Nur der Kampher hat 
durch prompte, nachhaltige Wirkung sich zu behaupten gewusst. 
Ob und wie oft er lebensrettend wirkt, entzieht sich freilich 
der Beurtheilung, besonders da, wo bei meist vorgerückter Akme 
die Krise gleichsam schon vor der Thüre steht und dann mit 
der Kampherwirkung zusammenfällt, ebenso wie auch der V.-S. 
in der präkritischen Zeit oft lebensrettende Wirkung* zuge¬ 
schrieben worden ist, an der sie keinen Antheil gehabt hat. 

Die heutige Therapie der Pneumonie hat also — abgesehen 
von den diätetischen Anordnungen —• keinen Einfluss 
auf den Verlauf der Krankheit und wenig 
Macht, der schon sinkenden Herzkraft auf¬ 
zuhelfen! 

Darin allein schon liegt eineBerechtigung der Hydrotherapie. 
Ausser dieser Erwägung hat mich zur Kaltwasserbehandlung 


der Pneumonie die eigene Erfahrung gedrängt, dass die Herab¬ 
setzung der Typhusmortalität durch die Bäderbehandlung zum 
grossen Theile auf die hiedurch gesetzte Verringerung der kom- 
plizirenden hypostatischen, mitunter auch kroupüsen Pneumonie 
und ganz besonders auf deren günstige Beeinflussung durch die 
verschärfte Anwendung des kalten Wassers (Bäder mit eiskalter 
Nacken- und Rüekenbegiessung) zurückzuführen war. Auf meiner 
Station des hiesigen Garnisonslazareths ist über 20 Jahre lang 
in allen (nicht primär komplizirten) Pneumoniefällen nach der 
Formel: „Alle 2—3 Stunden ein Va ständiges Bad von 20°—15° C. 
(=?16—12° R.), so oft die Temperatur in recto 39,0° bezw. 39" 
misst“ gebadet worden, also nach einer Anweisung, die nicht ab¬ 
weicht von der bei Typhus, Scharlach, eben weil sie ja nicht 
spezifisch gegen die Krankheit, sondern auf den Schutz des er¬ 
krankten Organismus gegen die Allgemeininfektion gerichtet ist. 

Ich glaube, die Vorlage einer Statistik der Hülergebnissc 
unterlassen zu dürfen; denn eine solche kann sich doch nicht 
ganz frei machen von berechtigten Einwänden und weit entfernt, 
nicht so aufklären und überzeugen wie eine exakte, unbefangene 
Beobachtung und ehrliche Darstellung eines Einzelfalles; insbe¬ 
sondere aber ist das Krankheitsbild vor und nach einer Kälte¬ 
anwendung, also hier einem Bade, dazu geeignet, ein Urtheil zu 
gewinnen und zu festigen. 

Die eigentlichen „Bade-EfFekte“ sind nun in der Pneumonie 
nicht sehr gross; sie sind nach 3 oder auch nach 2 Stunden schon 
wieder verschwunden, so dass oft die Febr. continua in der Kurve 
gar nicht unterbrochen ist; gleichwohl erscheinen die Durch¬ 
schnittszahlen aus den 8 bezw. 12 Messungen, ebenso wie im 
Typhus — nur nicht so gesichert und nicht so progressiv — 
um ca. 1° C. herabgesetzt; man kann bestimmt sagen, der Krank¬ 
heitsfall wäre ohne Bäder 7 Tage lang auf einem viel höheren 
Temperaturnivcau verlaufen. Und dies allein schon ist für die 
Erhaltung des Herzens und seiner Leistung nicht gleiehgillig! 
Hohe Temperatur begünstigt die toxische Wirkung auf dessen 
Gewebe, sowie den ganzen Organismus. 

Eingreifender und entscheidender ist die Wirkung des Kälte¬ 
reizes auf die Zirkulation, Respiration und Innervation. 

Nachdem der Kranke beim Einsetzen in das kalte Bad den 
Athem etwas angehalten hat, wird er zu einer tiefen Inspiration 
veranlasst, welche von einer sofortigen Expektoration gefolgt ist; 
es schwindet die Vox interrupta, die Cyanose mindert sich, das 
Athmen vertieft sich und das Sensorium wird frei etc. Nach 
dem Bade zeigt die günstige Veränderung der Pulsfrequenz und 
Beschaffenheit an, wie sehr die Herzarbeit erleichtert ist; die 
Theilnahme des Kranken an dem, was um ihn vorgeht, sein Ver¬ 
langen nach Nahrung, die er bisher verweigert hat, bekunden die 
Belebung des Nervensystems. 

Diese Wirkung, ebenso unverkennbar als wichtig, hält auf 
einige Stunden nach und muss neu ausgelöst werden, wenn 
sie verklungen ist; sie wird vom Kranken selbst am meisten em¬ 
pfunden und recht oft trotz der scheinbaren Härte, die gerade 
dem Bade bei Pneumonie mehr als bei Typhus und Scharlach 
anhaftet, wieder herbeigewünscht. AL Summation dieser Einzel¬ 
effekte erfolgt Hebung der Digestion, also der Ernährung, Steige¬ 
rung der Diurese, Elimination der toxischen Produkte. 

Man ist nun angesichts solcher unwiderleglicher Effekte des 
Kältereizes allerdings geneigt, der Hydrotherapie eine Indikation 
zuzuerkennen, doch nur in „schweren“ Fällen, wo „Herabsetzung 
der Temperatur, Hebung der Herzaktion, Förderung der Athmung 
und Belebung der Gesammtinnervation geboten erscheinen“, aber 
ich meine, diese Aufgabe sei in jedem Pneumoniefall der Therapie 
gestellt und wenn man überhaupt von einer „leichten“Erkrankung 
bei Pneumonie ohne Würdigung der individuellen Widerstands¬ 
kraft des Herzens reden kann, in einer leichten Form doch erfolg¬ 
reicher zu lösen als in einer schwereren; in dieser aber wird man 
sich bei einer solchen Zurückhaltung gegen die Hydrotherapie 
erst recht nicht entschliessen, den Kranken mit schwerer Dyspnoe 
in’s kalte Bad zu setzen. 

Wenn man sich aber vor Allem eines gänzlichen Mangels 
bestimmter primärer Komplikationen (Herzfehler, Sklerose der 
Gefässe, Emphysem etc.) vergewissert, so darf man bei jeder 
Pneumonie die methodische Bäderbehandlung einleiten; es soll 
hier aber nicht der Hinweis unterlassen werden, dass man in 
der Regel ein ganz intaktes Herz bei Pneumonikem nicht voraus¬ 
setzen dürfe; wenigstens haben unsere Erfahrungen dargethan, 
dass von den vielen hunderten Pneumoniekranker im Lebensalter 
von 20—22 Jahren nur wenige vor dem Dienstantritt ein- oder 


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6l. Januar 1902. MUENCHENER MEDIOINLSOHE WOCHENSCHRIFT. 


9 1 


mehrmals Pneumonie noch nicht erstanden hatten, was man füg¬ 
lich doch als eine gewisse Minderwerthigkeit der Kreislaufsorga ue 
deuten darf; da aber durch eine solche die von »Seite der In¬ 
fektion, Hyperthermie und der Einengung des Lungenkreislaufs 
dem Herzen drohende Gefahr noch erhöht wird, so liegt, gerade 
hierin eine weitere Indikation, die Herzarbeit zu erleichtern, das 
Herz zu entlasten durch die methodisch wiederholte Erweiterung 
des peripher* n Kreislaufs — d. h. durch die Reaktion nach den 
einzelnen Kälteanwendungen. Es liegt hierin eben auch eine 
Mahnung zur gewissenhaftesten Würdigung einer Reihe höchst 
wichtiger Punkte im Vollzug: Der Kranke muss aufgeklärt und 
psychisch beruhigt werden; es kann nicht genügen, ein Lad 
nach obigem Schema anzubefehlen; es muss, wenigstens dem 
ersten Bad der Arzt richtig anweisend beiwohnen; der Kopf und 
der Nacken des Kranken sind vor Allem kalt zu waschen und 
dann mit einer nasskalten Kompresse zu belegen zur Verhütung 
der Riickstauungs-Kongestion; vor Einsetzen in das kalte Bad 
ist die Darreichung einer kleinen Tasse heissen 
Thees mit Cognac unerlässlich, nicht allein als Stimulans, 
sondern zur Erweiterung der Hautgefässe (Alkoholwirkung!), 
also zur Förderung der Reaktion und der Abkühlung des Blutes 
in den erweiterten Gefässen durch das folgende kalte Bad. Damit 
deckt sich auch die noch viel wichtigere Vornahme, deren Unter¬ 
lassung jede Badewirkung illusorisch und meist sogar schädlich 
gestaltet, dass der Kranke vom ersten Augenblick 
ab im Voll- oder Halbbad ununterbrochen von 
einer oder noch besser zwei Personen mit je 
einem grossen Schwamme am ganzen Körper 
energisch abgerieben werde;die Haut muss im Bade 
noch roth und warm und immer mit neuen kalten Wassermengen 
in Berührung gebracht werden; der Kranke muss wiederholt aui- 
gefordert werden, tief zu athmen, bekommt noch während des 
Bades und dann am Schlüsse heissen Thee mit Cognac, und wird 
in denselben Zeitabständen 3 mal am Hinterhaupt, Nacken, 
Rücken und Brust mit je 2—3 Liter eiskalten Wassers aus ganz 
geringer Höhe begossen. Aus dem Bade gehoben wird er mit 
einem gewärmten Leintuch fest und flüchtig abgetrocknet und 
in das mit Wärmeflaschen gewärmte (namentlich am Fussciule) 
Bett verbracht und gut, nach allen Seiten abgeschlossen, bedeckt, 
bis die Badewirkung abgelaufen ist. 

So durchgeführt bereitet das kalte Bad dem 
Pneumoniker absolut keine Gefahr! Ich bin mir 
der Tragweite dieses Ausspruches ebenso wie seiner Richtigkeit 
bewusst. 

Das Ergebnisö des 1. Bades kann schon an sich eine günstige 
L mgestaltung des Zustandes sein und dient überdies als Direktive 
für die Fortsetzung event. Verschärfung oder Absehwäehung der 
Vornahme im Rahmen des gegebenen Schemas; es können diesem 
aber auch abweichende Vornahmen eingefügt werden, darunter 
vor Allem wärmere Bäder mit kalter Begiessung des Kopfes und 
der Brust, sowie auch selbstverständlich der Anwendung innerer 
Stinmlantien bei drohendem Kollaps nichts entgegensteht. deren 
Wirkung durch den „Herzschlauch“ noch wesentlich erhöht wird. 
Ebensowenig wird man engherzig auf dem Schema verharren, 
wenn eine ungewöhnliche subjektive oder objektive Reaktion oder 
die Gestaltung des Verlaufes eine Milderung gebietet; es werden 
einmal das allmählich abgekiihlte Bad von Vz ständiger Dauer, 
ein anderes Mal kalte Theilwaschungen (9° R.), mit Abreibungen 
täglich 4 mal (Pick) oder da, wo man jede Bewegung des 
Kranken zu meiden Anlass hat, kalte Stammumsohliig'e (16" C.) 
erneut, so oft die Temperatur in 2 oder 3 ständiger Messung 
38 bezw. 39° 0. beträgt (Baruch, Brieger u. A.) zulässig 
und durchaus nicht ohne allgemeine und namentlich örtliche 
Wirkung sein, aber immer mehr oder weniger einem Verzicht 
gleichkommen auf das, was man von einem sofort eingesetzten 
und methodisch durchgeführten Kältereiz von bestimmter Stärke 
erwarten darf: Belebung der Innervation, Zirkulation und Ro- 
-piration; nur damit gelingt es. dem Kranken über die Gefahr 
<t<-> Nachlasses der Herzkraft hin wegzuhelfen und im Falk* der 
Genesung möglichst wenig in seinem Stoffbefunde geschädigt in 
die Rekonvaleszenz zu überführen. 

Anreihend soll noch der grosse therapeutische Werth der 
Lokaltherapie der Pneumonie erwähnt werden; kalte Kompressen 
niif die erkrankte Brustseite, wie auch ein Eisbeutel über einer 
nn«.sen Kompresse der Brustwand aufgelegt, haben sicher eine 
Xo. 3. 


Wirkung auf den örtlichen Krankheitsvorgang und können die 
oft angezeigten Morphiuminjektionen mit Erfolg ersetzen. 

(Schluss folgt.) 


Aus dem St. Josephshaus in Heidelberg (Prof. Flein er). 

Ein Beitrag zur Behandlung schwerer Anämien 
gastro-intestinalen Ursprungs. 

Von Dr. F. P e r u t z. 


Unter dem K rank hei tsbogriff der essentiellen perniziösen 
Anämie fasste man ursprünglich nach Biermer [1] Fälle 
schwerer Blutcrkrankuug zusammen, die bei hochgradiger Ver¬ 
änderung des Blutes (Verminderung der rothen Blutkörperchen, 
Auftreten von l’oikiloeytose), stetig zunehmender Blässe und 
Begleiterscheinungen von Seiten des Herzens, des Nervensystems 
und des Yerdauung-apparates, der Therapie trotzend, zum Tode 
führten; eine diesen Zustand verursachende Organerkrankung 
konnte weder klinisch noch anatomisch festgestellt werden. 

Der Forschung der letzten Jahrzehnte ist cs aber geglückt, 
für eine Reihe dieser Fälle das Dunkel der Aetiologie zu lichten 
und ferner durch Einleitung einer entsprechenden Behandlung 
Besserung resp. Heilung zu erzielen. 

Dadurch nun. dass der als typisch angesehene Blutbefund 
auch hiebei zu erheben war, wurde die Krankheit zum Theil des 
perniziösen wie des essentiellen Charakters entkleidet; damit ge- 
rietli das früher einheitliche Krankheitsbild in’s Wanken und 
wurde zu einem »Symptomenkomplex für Fälle verschiedenen 
Ursprungs. 

Li mb eck [2] möchte daher den Begriff progressive per¬ 
niziöse Anämie auf die- seltener werdenden Formen beschränkt 
wissen, wo Kliniker und Anatom keine Ursachen auf decken 


können und schlägt für die übrigen die Benennung schwere 
Anämie vor, während Grawitz [3] die Bezeichnung Bi er¬ 
nte r’sehe Anämie empfiehlt, um die unberechtigte Trennung der 
unheilbaren von den geheilten Fällen zu vermeiden. Wir folgen 
liier der erstcrcn Nomenklatur und haben dementsprechend auch 
bei der Uebcrscltritt, den Namen „schwere Anämie“ gewählt, 
doch wird sieh im Folgenden der Ausdruck perniziöse Anämie 
manchmal nicht umgehen lassen, da die meisten der hier aus der 
Literatur zu ziiirenden Beobachtungen unter diesem Titel nieder- 


geb gt sind. 

Was mm die in Frage kommenden ätiologischen Momente 
betrifft, so soll hier auf die durch Botriocephalus latus (R u lie¬ 
be r g, L i c h t heim, S c li a p i r a u. A.m.) und Anehylostomum 
duodenale (B ii u m 1 e r, L e i e li t e n s t e r n u. A.) horvor- 
gerufoneii schweren Anämien, die nach Abtreibung der Parasiten 
geheilt winden, nur kurz hingewiesen werden. Eingehender halten 
wir uns mit Rücksicht auf den zu beschreibenden Fall, mit der 


viel diskutirten Frage zu beschäftigen, inwieweit solche Erkrank¬ 
ungen auf chronisch entzündliche oder atrophische Prozesse 
des Magens und des Darms zuriiekzufülirett und eventuell auch 


von dort erfolgreich zu beeinflussen sind. 

!•’ e n w i e k f l] hat zuerst auf die mögliche Abhängigkeit 
der Rhiterkrnnkuug von den erwähnten Störungen aufmerksam 
gemacht. 

In 4 Fällen, die unter dem Bild der idiopathischen Anämie 
zum Tode führten und die lieben hochgradiger Blässe und grosser 
Hinfälligkeit Störungen der Magen- und Darinfimktionen boten, 
ergab die mikroskopische Untersuchung einen fast völligen 
Schwund der Schleimhaut des Magens und der Drüsen. Er ist dess- 
halh geneigt, die destruktiven Veränderungen des Blutes durch den 
Verlust an assimilirbnrem Material, verursacht durch den Ausfall 
der Mageiifunktionen zu erklären. Doch scheint, wie er später 
an anderer Stelie[f»] betont, auch eine chronische Produk¬ 
tion und Resorption irgend welcher Zersetzungsprodukte, die hämo¬ 
lytisch wirken, dabei eine Rolli* zu spielen, Beipflichtende Stimm m 
für diese Beobachtungen und die sieh daranschliessendon Theorien 
erhoben sieh in den nächsten Jahren vor Allem in der englischen 
und amerikanischen Literatur (K i n i k u t [ti], Henry und 
Osler 17 |. M e U li e d r a n |S), 11 u n t e r |P|t. 

Ferner veröffentlichte R o s e n li e i tu 110) 2 tödtlieh ver¬ 
laufene Fälle, wo zu länger bestehenden Magettbesehwerden mit 
Fehlen der Salzsäure und lVpsinsekretion profuse Durchfälle 
traten und die Kranken an Erschöpfung zu Grunde gingen. Im 
Blut: Verminderung der rothen Blutkörperchen und Poikiloeytus •*. 
Autopsie ergab degeiierative Veränderungen der Magendriiseii 
und einzelner Partien der Darmsehleimhaut. 

Einen weiteren Beitrag lieferte die Beobachtung von Kattf- 
lii :• n ii 1111 aus der Iv u s s m a u 1’sehen Klinik. Bei einer 
27jälir. Frau, die schon seit früher Jugend an Magenbesehwerden 
gelitten, entwickelte sieh im Anschluss an eine Exazerbation 
dieses Leidens das Bild einer schweren Anämie mit entsprechendem 


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Gbogle 



No. 3. 


98 


MÜENCHENEK MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Blutbefund und Verminderung der Formelemente; neben grosser 
Schwäche stand während der ganzen Erkrankung die Bethelliguug 
des Magcndarmkanals im Vordergrund. Prüfungen der sekre¬ 
torischen Funktionen des Magens konnten leider nicht vorge¬ 
nommen werden. Die Kranke wurde geheilt. Wir werden dess- 
halb später noch Veranlassung finden, auf diesen Fall zurückzu¬ 
kommen. 

E i s e n 1 o h r [12] berichtet über einen Kranken mit schwerer, 
lüdtlicher Anämie, der ausserdem sekundäre Hückenmarksver- 
anderungeu aufwies. Von Seiten des Magens bestanden hier keine 
Klagen, doch fehlte die frei«* Salzsäure. Die Sektion deckte eine 
deutliche Verdünnung der Magen- und Darmwand, Schwund der 
Drüsenapparate und Zotten auf. 

Ein ähnlicher Befund bei einem Soldaten, dessen Krankheit 
dem klinischen Verlauf nach als schwere fortschreitende Anämie 
zu betrachten war, und bei dem Durchfälle und Erbrechen das 
Hauptsymptom gebildet hatten, veranlasst W i 11 sch u r [i:i|, 
gleichfalls die Aufmerksamkeit auf einen ursächlichen Zusammen¬ 
hang zwischen Magendarm- und Bluterkrankung zu lenken. 

Auch Grawitz (1. e.j räumt in einem Vortrag bei der 
Frage nach der Aetiologie der perniziösen Anämie der Atrophie 
der Magen- und Darmschleimhaut einen hervorragenden Platz ein. 
Neben dem schädigenden Einfluss auf das Blut durch die unge¬ 
nügende Ausnutzung der Nahrung und event. vom Darin wirkende 
Into.xikationsvorgiinge muss allerdings seiner Meinung nach noch 
eine fehlerhafte Richtung oder eine Insuffizienz der Blutbildung 
selbst, bestehen. 

ln der daran sich anschliessenden Diskussion geht Hanse¬ 
mann [14] noch weiter, als »1er Vortragende; er glaubt, dass fast 
allen Fällen von „idiopathischer Anämie“ die von E w a I d bc- 
schriebene Anadetiie zu Grunde liege. Wenigstens fand er in 
22 Fällen, bei denen k«*ine anderen anatomischen Ursachen vor- 
hsinden waren, immer Schwund der Magendrüsen mit Atrophie 
der Submucosa und Muscularis mucosa und Bild»*r von Darm¬ 
atrophie. Ganz anderer Meinung ist Jakob [In]: er sieht 
die perniziöse Anämie als Ursache eines Virus an. das wir nicht 
kennen und betrachtet die geschilderten Veränderungen als se¬ 
kundärer Natur, nicht ohne dass ihm von Ewald |15| wider¬ 
sprochen wird, der wegen des konstanten Befundes dieser Prozesse 
si<* als ursächliches Moment ansehuldigt. 

Auf diesem Standpunkt stehen, wenn wir die jüngsten Ver¬ 
öffentlichungen des Auslands berücksichtigen, auch P 1 e s s i [ l»;|. 
Stengel [17], 1! u n t «* r [ 18]. Freilich, wenn Letzterer an¬ 
nimmt, die Blutzerstörung rühre von Resorption eines bakteriellen 
Giftes her. produzirt durch die bei Zalmkaries massenhaft ver¬ 
schluckten Bakterien, so wird diese Annahme wohl vielfach 
Zweifel begegnen. Dagegen ist die Angabe nicht ohne Interesse, 
dass unter 278 aus der Literatur gesammelten derartigen Fallen 
in 227 (S3 Proz.l gastrointestinale Symptome bei Lebzeiten vor¬ 
handen gewesen. 

Eine von den meisten der angeführten Antoren nun wieder di¬ 
vergente Ansicht entwickelt Scnator|l!)| in dem Säkulärartikel 
über Anämie. „Atrophie der Magendriiseu allein könnescli werlicli zur 
Entstehung schwerer Anämie führen, da nach Entfernung des 
Magens der Ausfall seiner sekretorischen Thiitigkeit keine Schä¬ 
digung für den Organismus nach sich ziehe. Was den Befund 
der Darmatrophie betrifft, so sei er einerseits zu wenig konstant, 
andererseits würden bei Autopsien chronische Darmkatarrhe mit 
Atrophien gefunden, ohne dass intra vitam schwere Anämie vor¬ 
handen gewesen wäre.“ Doch lässt sich gegen diese Argumente 
vielleicht mit Grawitz einwenden, »lass lud der Entstehung 
schwerer Bluterkrankungen auf dieser Basis eine V<*rschi»*<l«*nh»dt 
der Widerstandsfähigkeit des Blutes und d«*r blutbildenden Organe 
nicht ganz ausser Acht zu lassen ist. 

StofTWechselv»*rsttche schliesslich bei «dnem Fall dieser Art 
mit Erlöschens»dn »1er sekretorischen Thiitigkeit des Magens Hessen 
St muss [20] die Ausnützung von Stickstoff und F»dt nicht 
wesentlhdt herabgesetzt ers«d»»dnen. auch war »lie Menge der 
A» thcrs«-hwelelsüuren im Urin nicht vermehrt, »lesghddmn konnten 
keine Ftomaine nnchgewies»*n werden; somit ist er gemdgt. die 
Alteration »1er Magenfunktionen der Bluterkrankung als koordiuirt 
oder als sekundär zu betrachten. 

Der vorstelietule Ueberblick der Literatur, »1er b»;i der Füll« 1 
des Materials nicht als er-cliöpfend anzusehen ist, zeigt, dass eine 
Einigung in <l«*r Frage, inwieweit die sogen, perniziöse Anämie 
ihre Entstehung Störungen des Magens- und Darmkanals, seien 
diese nun degen»?rativer oder toxischer Natur, v«*r«lankt, noch 
nicht zu erzielen ist; klinisch findet sieh dabei fast r»*gel- 
mässig Fehlen »1er Salzsäure und aller peptischen Fermente im 
Magensaft liehen Durchfällen oder Obstipation, anatomisch die 
beschriebenen Veränderungen im Verdauungstraktus. 

Doch hat dieser noch unentschiedene Streit nach einer Ri»*h- 
tung IxTeits segensreiche Friiclitc g»-z»‘itigt. und das ist in der 
Therapie. Es ist klar, mit dem Augenblick, wo sich die Auf¬ 
merksamkeit »len gastrointestinalen Symptomen zuwandte., wo 
die 1-rage der Intoxikation oder der Unterernährung dabei in 
»hn Kreis d«*r Betrachtungen trat, musst» 1 »1er Versuch auf- 
taliehen, durch Ih hamllung der Magen- »»der Darmerkrankung 
rückwirkend di»‘ Bluterkrankinig zu he»-influssen. Einige Male 
i«t »•' mit Erfolg bereits versucht worden und vielleicht kann 
später einmal der Ausfall der therapeutischen Bestrebungen bei 


der Entscheidung der Frage der Aetiologie auch zur Verwerthung 
herangezogen wer»len. 

Den Gedanken, di»* vom Magen aus schädlich wirkenden 
Stoffe durch Spülungen zu eutfernen, finden wir zuerst hei 
Sandoz [21] und H. Meyer [22] angeregt, denen cs auch ge¬ 
lang. dadurch in 2 Fällen ll»*ilung zu erzielen. 

Bei »ler bereits angeführten Pat. von Kaufmann (l.c.i wurden 
längere Zeit Morgens Ausspülungen »les Magens vorgenommen: an 
dit'selhen anschliessend wurde ein Aufschwemmung von Fleisch- 
pulver »Mngi'gossen. um auf diesem W«*g bei »lern Mangel an 
Appetenz den gesunkenen Ernährungszustand zu heben. Dies»* 
tlHTapeutische» Maassnalimen wurden mehrere Monate fortgesetzt, 
erst später dauehen Arsen gegeben. Während »ler achtmonatlich, n 
Beobachtuug sti»*g di»* Zahl der Erythrocyteu von 2 Millionen bei 
•">0 Proz. IIb auf 5y a Millionen bei 55 Proz. Hb; die Patientin, die 
in desolatem Zustand in die Klinik nufgenommen war. konnte 
arbeitsfähig entlassen wer»l**u und blieb auch nach einem Wochen¬ 
bett, »las sie 2 Jahre später durchmachte, gesund. 

Um abnorme Zerseizungsvorgänge im Darm zu bekämpfen, 
schlägt G i 1) s o n [25] als wirksames Mittel einer „antiseptic treat- 
tnent" die Darreichung von fi v nphtol vor und Hunter (1. c.) 
empfiehlt neben Mngenausspiiltmg als Darmnntiseptikn di»* 
Salicylsäure und deren Derivate. Auch räth er bei der bakteriellen 
Infektion von Magen und Darm, an der. wie erwähnt, Eiterungen 
und Karies «ler Zähne hetheiligt sein sollen, neben Entfernung 
der schadhaft»*!! Zähne einen Versuch mit Antistreptokokken¬ 
serum zu machen. 

Feber «*in»*n Fall, »l«*r, nachdem Ferratin, Knochenmark, 
Arsen. Chinin vergeblich angewandt, durch Salol geheilt wurde, 
berichtet I» i e b a 1 1 a [24]: »li«* Zahl der rotheu Blutkörperchen 
war s«-lion auf \.' a Million gesunken, der Kranke in soporösem Zu¬ 
stand. als mau zu diesem Mittel griff. 

Schliesslich hat auch Grawitz (1. e.) mehrere Kranke mit 
schweren Anämien durch Magen- und Darm spül ungen, Darreich¬ 
ung von Darmantiseptika. wie Kalotuel. Salol, Menthol. Anregung 
<l«*s Appetits durch Stomachika und sorgfältige Auswahl der Kost 
erfolgreich behandelt; erst später wurde nebenher Arsen gegeben. 

Bei siimmtliclieii Patienten Instand längere Zeit Appetitlosig¬ 
keit, Erhreelieti. Obstipation; freie Salzsäure fehlte im Magensaft 
mit Ausuahnn* eines Falles. In wenigtm Monaten nahm zugleich 
mit der Besserung <l»*s Allgemeinbefindens das Körpergewicht zu 
und hob stell die Blutbildung: sie konnten arbeitsfähig entlassen 
xverden. 

Dies«* Darstellung mag zeigen, »lass für «lie B»*luuullung 
somit hemts »l»r W«*g eines »*rfolgreiclu*n Vorgehens vor- 
gczci<jii!i i t ist. 1)«►»*1 i, wenn wir «len zahlreichen klinisch uml 
anatoniis<*h he.*-eliri» i hen« i n Fällen »lie spärliche Anzahl »ler thera¬ 
peutischen B< richte entgegimhalten. so scheint die.se Bahn noch 
so wenig besehritten, »lass «*s vom praktischen Standpunkt wohl 
g«*re«*lit fertigt «»*in mag. »lutvh die Veröffentlichung nachfolgender 
Beobachtung von Nemin d»*r Be<l«‘utiing einer ratiomdlen »lin- 
t« tisch-physikalischen Behandlung bei dieser Form »ler Blut- 
erkraiikung »las Wort zu ri-ilen. 

Krankengeschichte (Dr. L i p p «* r ti: 

Herr X„ 53 Jahre, Rittergutsbesitzer, konsultirte Herrn Prof. 
Fiel n er am 17. Juni 1900. Er war auf ärztlichen Ratli zu«*rst 
in Baden-Baden, nachher in Rigi-K»*h«*idegg gi*w«*sen. musste aber 
«l»*n dortigen Aufenthalt bald unterbrechen, dn sich schon bei ge¬ 
ringen Allst re»gung»*n b»*trä«*htlieh«‘ Atheiunoth einstellte; »lnI hm 
sah er blass und l*lu11eer aus. 

Die Anamnese ergab, dass er im Jahre 18(59 das erste Mal an 
heftigem Mag»*n- und Darmkatarrh erkrankt war; 1870 im Fehl¬ 
zug Typhus abdominalis. 1872 und 1875 wegen Magenbesehwerden 
und Durchfällen Kur ln Karlsbad, doch ohne nachhaltigen Erfolg. 
1880. 1890 stand er in einer Malariagegend in Garnison und litt 
vorübergehend an einseitiger Trigeminusneuralgie und an tinln*- 
stimmte» ziehenden Schmerzen in »len Gliedern; da diese Erschein- 
ung«*n auf Chinin und Arsen verschwanden und ausserdem an¬ 
geblich eine Milzvergrösserung bestanden hatte, wurde die Dia¬ 
gnose larvirte Malaria gestellt. FieberanfiUle waren nie auf 
getreten. 

Daneben traten immer wieder zeitenweise die Symptome von 
Seit«*» «les Mag» ns und »l»*s Darms in Gestalt von Druckgefühl 
mich »lern Essen. Aufstossen, mangelndem Appetit und Durch¬ 
fällen in den Vordergrund. 

Eine Kur 1888 in Kisslngeu. 1890 in Karlsbad blieb ohne 
Erfolg. Druck und Unbehagen, zu dem sieh auch noch Uebelkelt un<1 
Erbrechen manchmal gesellte, stellten sich nun fast nach jeder 
Nahrungsaufnahme ein; Durchfälle wechselten mit Verstopfung. 
In diesem Zustand hielt sich Pat. von 1892—1898. Ein noch- 
maliger Besuch von Ivissingeu 1898 hatte keine Einwirkung. 

Pat., »ler bis dabin im Ganzen noch leidlich leistungsfähig 
gewesen uml sein«*m Dienst als Reiteroffizier nachkoinmeu könnt«*, 
musste nun seinen Abschied nehmen, da zunehmende Schwäche 
und Anfälle von Kurzathmigkeit hinzukamen. 

Ausserdem verschlimmerte sieh sein Leiden durch profuse 
Diarrhöen, die sieh über Wochen erstreckten und durch Erbrechen, 
das mehrere Tage anhielt. In dieser Zeit b«*gauu auch die später 
zunehmende Blässe sich bemerkbar zu machen. 

Im April 19oo begab er sieh auswärts auf 5 Wochen in 
klinische Behanillttng: damals wurde bereits Fehlen der Salzsäure 
im Magensaft un«i eine Bluterkrankung festgestellt. Die Besser¬ 
ung, die mau hier erzielte, war aber nicht von Dauer, denn Pat. 


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21. Januar 1902. 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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kam kur* darauf von der Ihm angerathenen Nachkur ln dem Ein¬ 
gangs erwähnten Zustand nach Heidelberg. 

Neben der allgemeinen Mattigkeit und Hinfälligkeit klagte 
er über Uebelkeit, Aufstossen, galliges Erbrechen am Morgen und 
Appetitlosigkeit. Blut war nie erbrochen worden. Stuhlgang: 
Diarrhoe wechselnd mit Obstipation, erheblicher Verlust an Körper¬ 
gewicht. 

Potus und luetische Infektion negirt. 

Patient wurde in’s Josefshaus aufgenoinmen. 

Die Untersuchung ergab: 

Kräftigen Körperbau bei erheblich reduzirtem Ernährungs¬ 
zustand. Graugelbe Hautfarbe, anämische Schleimhäute. 

Herz nicht verbreitert, Töne rein, etwas leis. 

Lungen ohne Befund. 

A b d o in e n etwas aufgetrieben, nirgends druckempfindlich. 

Leber überragt den Rippenrand nicht. 

Milz perkutorisch und palpatorisch nicht vergrössert. 

Urin frei von Kiweiss und Zucker, enthält kein Urobilin. 
Indicaii mit dem Oberin ayer’schrn Reagens in geringen 
Mengen nachgewiesen. 

Pupillen reagiren. Patellarreflexe vorhanden. Keine Sensi¬ 
bilität sstörungen. 

Hämoglobingehalt des Blutes 50 Proz. nach F 1 e i s c h 1. 

Im mikroskopischen Prüpnrat vereinzelte Poikyloeyteu. 

Entleerungen 3—4 mal täglich, sehr voluminös, geformt bis 
dünnbreiig. enthalten viel unverdaute Massen beigemischt. Band- 
wurmglieder oder Parasiteneier werden nie aufgefunden. 

Ausheberung des Magens 3 Stunden nach Probemahlzeit 
fördert nur einige kaum veränderte Fleischbröckel zu Tage. 
I.akniu.s wird durch dieselben kaum geröthet. Kougopapier nicht 
verändert. Früh nüchtern war der Magen bis auf etwas ver¬ 
schluckten Schleim leer. 

Durch tägliche Spülungen des Magens früh nüchtern mit 
Salzwasser und abendliche Auswaschungen des Darms mit 
Kamillenklystieren hörte bald das Erbrechen auf und auch die 
Stuhlentleerung wurde geregelt. Der Appetit nahm bei Besserung 
des subjektiven Befindens zu, das Körpergewicht hol) sich. Beim 
langsamen Gehen und Treppensteigen trat keine Athemnoth mehr 
auf. zugleich wurde seine Gesichtsfarbe frischer und der lliimo- 
globingehalt stieg auf 05 Proz. 

Nach 4 wöchentlicher Behandlung fühlte sich Patient so wohl, 
dass er am 15. VII. mit einer Gewichtszunahme von 3 Kilo nach 
Hause entlassen werden konnte; er erhielt die Weisung die Magen¬ 
spülungen fortzusetzen und eine entsprechende Diät zu beob¬ 
achten. 

Bis gegen Weihnachten hatte er sich auf diese Weise leidlich 
gut und leistungsfähig befunden und war im Staude gewesen, 
leichtere Störungen des Magens durch Spülungen immer rasch 
zu belieben. 

Im Beginn dieses Jahres nun trat von neuem Erbrechen und 
danelteii auch Durchfälle auf. Zugleich verlor er den Appetit, 
magerte ab. Athemnoth, Herzklopfen, zunehmende Schwäche 
kamen dazu, auch abendliche Knöchelödeme stellten sich ein. 

In Berlin wurde die Diagnose perniziöse Anämie gestellt und 
»•im* Behandlung mit Arsen eingeleitet, das er aber auch bei sub¬ 
kutaner Anwendung nicht vertrug; eher verschlechterte sich sein 
Beünden während dieser Kur. 

Die Prognose wurde damals den Angehörigen gegenüber als 
sehr iufaust hingestellt, Patient aber doch, um den Winter im 
wärmeren Klima zuzubringen, an die Riviera geschickt. 

Er fühlte sich dort sehr schlecht, hatte fast täglich Erbrechen 
und Durchfall, verlor den Appetit fast völlig und kehrte daher 
schon nach kurzer Zeit nach Heidelberg zurück. 

Er war, als er am 28. April d. J. von Neuem zur Aufnahme 
kam. im elendesten Zustand. 

Sein Gewicht betrug bei vorhandenen Knöchelödemen nur 
120 Pfund, die Hautfarbe war graugelb, er litt an heftiger Athem- 
uoth. Seine Klagen waren im Wesentlichen obengesehiiderter Art, 
«ler Widerwille gegen Nahrung, besonders gegen Fleisch, hatte 
•■her noch zugenommen; auch Kopfschmerz und Schwindel war 
hinzugetreten. 

IVber den unteren Lungenpartien hörte man nun katarrha¬ 
lische Geräusche, am Herzen an allen Ostieu ein lautes systo¬ 
lisches Blasen. Der Spitzenstoss etwas ausserhalb der Mnminillar- 
linie; nach rechts reicht die Dämpfung bis Mitte des Sternums. 
Alalomen aufgetriebeu und wenig druckempfindlich. Leber über¬ 
ragt den Rippenrand und Ist bei Palpation schmerzhaft. Milz hin¬ 
gegen weder palpatorisch noch perkutorisch vergrössert. 

Urin enthält nun geringe Mengen von Albuinen, doch keine 
Fomielemente, keinen Zucker, doch auffallend viel Indikan. 

Hb-Gelmlt ist auf 20 Proz. gesunken; im frischen wie im 
gefärbten Präparat neben hammer- und keulenförmigen Erythro- 
cyten vereinzelte kernhaltige rothe Blutkörperchen, sowie Mikro- 
nnd Megalocyten. 

Nervensystem intakt. 

Die Ausspülungen des Magens wurden diesmal weniger gut 
v.'i-tragcn als früher, schon dns Aufsitzen im Bett zu dieser 
Prozedur verursachte Herzklopfen und Ohnmachtsanwandlungen, 
m> dass sie einige Zelt unterlassen werden mussten. Immerhin 
hatte ihre anfängliche Anwendung das Erbrechen beseitigt und 
den Appetit etwas gebessert; zugleich war im Anschluss daran 
••ine Zeit lang die Elngiessung von Hafergrütze versucht worden. 

Trotz des leidlichen Allgemeinbefindens nahmen aber die 
0«*den»e im Lauf der nächsten Woche zu, so dass Patient dauernd 
im Bett bleiben musste: sie erstrecken sich schliesslich auch auf 
Bauch- und Rückenbant, sowie auf Gesicht und Hände. Auch 
tritt bei Verstärkung der katarrhalischen Erscheinungen Uber den 


Lungen, rechts hinten Dämpfung mit Aufhebung von Stimm- 
fremitus und Athemgeräusch auf. Die Athemnoth ist vermehrt, 
mehrmals Erbrechen. 

Puls beschleunigt und ziemlich klein; eine Woche lang abend¬ 
liche Temperaturen um 38,5. Der Urin enthält nun auch etwas 
Urobilin. 

Da Medikamente in keiner Form auf die Dauer vertragen 
werden, werden alte Weine, Fleischsaft, Thee als Stimulantien 
versucht, dabei auch die Nahrungsaufnahme möglichst forcirt und 
die Anorexie in noch zu schildernder Weise bekämpft. 

Mit der Zunahme des Appetits und der besseren Ernährung 
ging auch der Hydrothorax und die sonstigen Stauungserschein¬ 
ungon zurück. Die Herzthätigkeit wurde kräftiger. 3 Wochen 
nach diesem bedrohlichen Zustand sind nur noch geringe Knöchel¬ 
ödeme vorhanden; Pat. vermag ohne Athemnoth sich langsam um¬ 
herzubewegen. Der Urin Ist wieder frei von Albumen und Uro¬ 
bilin; am Herzen ist noch ein systolisches Geräusch zu hören und 
etwas Verbreiterung nach rechts naelizuweisen. Hb-Gehalt hat 
wiener 50 Proz. erreicht. 

Bei gutem Kräftezustand geht Patient am 14. VII. nach 
Hause. 

Am 0. XI. stellt er sich neuerdings vor; er hat die Zelt über 
nach unseren Vorschriften sich ernährt, täglich sich Darmspül¬ 
ungen gemacht, nur selten zum Magenschlauch gegriffen. Appetit 
war dauernd gut, nie Erbrechen. Ausgiebige Bewegung im Freien 
machte ihm weder Athemnoth noch Herzklopfen; im September 
war er ohne üble Nachwirkung wieder auf das Pferd gestiegen. 

Nur manchmal sind Abends Oedeme an den Knöcheln vor¬ 
handen gewesen. Die Hautfarbe hat jetzt noch einen Stich in’s 
Graue, die Schleimhäute blass rosa. Körpergewicht 73 Klio. 

Herztöne rein, nur noch geringe Verbreiterung nach rechts. 
Puls regelmässig 72 von guter Füllung. Urin: frei von Eiweiss 
und Zucker, enthält kein Urobilin und nur wenig Indikan. 

Bel Ausheberung 3 Stunden nach P.-M. ca. 10 ccm eines grau 
gefärbten gröbere Fleischreste enthaltenden Breies entleert. Kongo 
unverändert. Lakmus schwach geröthet. 

Salzsäure def. 2.87 Prom. (78). Ges.-Azld. 25, Spuren Pepton. 
Milehsiiurereakt. pos. 

Keine Eiweissverdauung am M e t’sclien Röhrchen im Brut¬ 
schrank. 

Spülung Morgens nüchtern: Magen leer, Spülflüssigkeit 
kaum getrübt. 

Hb.-Geh. 80 Proz.; im frischen Präparat Geldrollenbildung, 
keine Poikilocytose mehr. Zahl der rothen Blutkörperchen 
3 000 000. 

Pat. klagt während seines Aufenthaltes hier nur Uber zeit¬ 
weilige Unbeständigkeit des Appetits; macht aber grössere Spazier¬ 
gänge auf die Berge (Königsstuhl) ohne irgendwelche Beschwerden. 
Abends kein« 1 Knöchelödeme. 

Am 28. XI. nach Hans« 1 entlassen: soll neben seiner jetzigen 
Lebensweise auch Ferratin mit Chinin und Arsen weiter nehmen, 
nn fiebrigen vor Ueberaustrengungen sich hüten. 

Fassen wir die wesentlichen Punkte der Krankengeschichte 
nochmals zusammen, so hot der Patient bereits bei der ersten 
Aufnahme im Juni 1900 das Bild einer schweren Bluterkrankung: 
Blässe. Hinfälligkeit, Anfälle von Herzschwäche, Herabsetzung 
des Hämoglobingehaltes auf 50 Proz. bei beginnender Poikilo- 
c.vtosc; der damals erzielte günstige Einfluss der Behandlung 
hielt nur wenige Monate nach. 

Als er von Neuem im April 1900 die Behandlung aufsuchte, 
hatte sich sein Leiden erheblich verschlimmert. Der Hämoglohin- 
gehalt war auf 20 Proz. gesunken, im frischen wie im gefärbten 
Blutpriiparat «las Bild ausgesprochener Poikilocytose. Der hydrä- 
mische Zustand des Blutes im Verein mit der Herzschwäche 
führte zu lebensbedrohenden Transsudaten in den Körperhöhlen, 
Stauungsbronchitis und ausgebreiteten Oedemen; am Herzen 
hörte man damals laute anämische Geräusche bei Verbreiterung 
seiner Grenzen, die Leber war vergrössert; im Urin neben Spuren 
von Albumen Urobilin, reichliche Mengen von Indican. Ver- 
hiiltnissmiissig rasch gingen all’ diese Erscheinungen im Laufe 
der Behandlung zurück und Pat. konnte im Juli gebessert ent¬ 
lassen wenlen; der Hämoglobingehalt betrug damals wieder 
50 Proz. 


Nachdem weiterhin sein Befinden ein gutes geblieben und 
er zu Hause mit Schonung seiner gewohnten Beschäftigung 
mmhgcgnngen war. kam er Anfangs November zum dritten Mal 
zu uns. Seine Gt^ichtsfarbe war wohl noch blass, doch war sein 
Körpergewicht so hoch wie vor der Erkrankung (140 Pfund); der 
Hämoglobingehalt betrug 80 Proz., es bestand keine. Poikilocytose 
mehr, die Zahlen «1er rothen Blutkörperchen betrug allerdings 
mit 3 900 000. Das Herz war wenig verbreitert, die Töne waren 
aber rein und «ler Organbefund sonst normal; im Urin kein 
Albumen und nur wenig Indican mehr. 

Wenn nun auch keine Angaben vorhanden sind über dio 
Zahl der rothen Blutkörperchen während des ersten und zweiten 
Aufenthalts unseres Patienten, so kann kaum in Frage geeilt 
wenlen. dass hier nach dem übrigen Blutbefund und dem kli- 


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Göogle 



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Al U EN CHEN ER A1EDIC1N1SC1IK WOCHENSCHRIFT. 


No. J. 


nischen Bild eine schwere Anämie Vorgelegen, die ihn an den 
Rand des Grabes brachte. 

Störungen von Seiten des Alagens, später auch von Seiten 
«l«s Darmes, waren bei unserem Kranken schon seit dem Jahre 
1809 vorhanden, also lange Ix-vor die Bluterkrankung in die Er¬ 
scheinung getreten. Er hatte desshalb mehrere Kuren durch¬ 
gemacht und war durch viele Hände gegangen, ohne aber eine 
nachhaltige und dauernde Linderung seiner Beschwerden zu er¬ 
fahren. Nun soll er in den Jahren 1880—1800 an larvirter 
Afalaria gelitten haben, wenigstens wurden intermittirende Gc- 
sichtsschmerzen, die durch Chinin und Arsen beeinflusst wurden, 
und allgemeine ziehende und reissende Schmerzen in den Glie¬ 
dern darauf zu rückgeführt. Fieber trat niemals auf und ob die 
geringe Alilzsehwollung dadurch oder nicht vielmehr durch den 
gleichzeitigen Magen- und Darmkatarrh bedingt sein konnte, 
muss unentschieden bleiben. Während dieser Zeit und in den 
darauffolgenden Jahren war Patient übrigens noch befähigt, 
sportlich hervorragende Leistungen zu unternehmen (u. a. be¬ 
stieg er 1880 das Matterhorn) und konnte seinen Dienst als 
Kavallerie« »flizier versehen. 

Wir glauben daher kaum, «lass ein entscheidender Einfluss 
auf die Entstehung «1er Bluterkrankung der angeblichen Malaria 
eingeriiumt. werden kann. Dagegen spricht schon «lie lange 
Dauer der Afageudnrmerkrankung vor derselben, «ler Umstand, 
«lass diese auch fernerhin im Vordergrund stand und dass hef¬ 
tigere Attacken von Erbrechen und Dur«*hfall dem Manifest- 
werden der Anämie vorausgingen. 

Auch während unserer Behandlung beherrschten neben der 
allgemeinen Schwäche die Symptome von Seiten der Verdau¬ 
ungsorgane: Erbrechen, Uebligkoit, Appetitlosigkeit. Durchfall, 
wechselnd mit Obstipation, das Bild. 

Die öfters vorgeimmnmin; Untersuchung des Mageninhaltes 
ergab jedesmal Fehlen der Salzsäure und des Pepsins, gestattete 
also Rückschlüsse auf atrophische Prozesse der Schleimhaut; die 
sehr reichlichen Stühle, die schon makroskopisch viel unver¬ 
daute Reste erkennen Hessen, sprachen für Störungen im Darm, 
sei es nun anatomischer oder auch nur funktioneller Natur. 

All das, zusammengehalten mit den in der Literatur nieder¬ 
gelegten Beobachtungen, lässt auch in unserem Falle eine Ab¬ 
hängigkeit der schweren Anämie von der Magendannerkrankung 
als wahrscheinlich annehmen; unterstützt wird dies noch durch 
den Erfolg unserer Therapie. 

Arsen war bei dem Patienten an«l«Twärts in Tropfenform 
wie auch subkutan versucht worden, doch konnte er dasselbe 
absolut nicht vertragen und hatte sieh sein Zustand dabei ver¬ 
schlimmert. 

Wir nahmen nun hier unsere Zuflucht zu Magen- und Darm¬ 
spülungen; daneben wurde kurze Zeit während des zweiten Auf 
enthalt es probirt, Kalisalze in Gestalt von Potio Riveri zuzu¬ 
führen, doch dies sowohl, wie ein Versuch mit Fcrratin, musste 
damals wegen heftiger Ucbligkeit bald aufgegeben werden. 

Nur ein alkalisch-muriat. Wasser (Oborsalzbrunner Ober- 
hrunner) Morgens und kleine Dosen Salzsäure in Wasser konnten 
als Stoniachiea länger genommen werden. Als stoniachal wir¬ 
kend ist wohl auch die morgendliche Magenspülung anzusehen 
und von «liesem Standpunkte zu empfehlen; denn es waren weder 
"Rückstände, noch Schleim Morgens im Magen, die ihre An¬ 
wendung sonst, nothwendig gemacht hätten; dem summirt sich 
aber noch ein and« rer, vielleicht nicht Unwesentlicher Faktor zu, 
«las ist die I hm hwn^chung des Organismus durch «las nach der 
Spülung zimiekldeibou«Ie und in den Darm hornhfliessende Wasser 
(F 1 e i n e r [25]). Gerade, da hei dieser Krankheit unbekannte, 
in’s Blut resorbirte Giftstoffe von anderen Autoren angenommen 
werden, s«> ist dies«“ Nebenwirkung der Magenwaschuug nicht 
ausser Acht zu lassen. 

Anschliessend an dieselbe wurde eine Zeit lang, als der 
Kranke nur mit Noth bewegt werden könnt«*. Nahrung zu 
sich zu nehmen, eine Mischung von Hafergrütze mit Ei durch 
di«* Sund«? eingcg««-se:i, ein Verfahren, «las auch sonst bei der 
Auffütterung appititloser, ^taik h< , ruut« , rg<‘kommencr Personen 
zu empfehlen ist. Die Darmspülungeu wiinkn Abends, in der 
W« i>e, wie es liier üblich, in Foim «..Lies Einlaufs von 1 Liter 
Kamillcnthee gegol>en und der Patient angewiesen, denselben 
gleich wieiler von sieh zu geben. Meist war der Flüssigkeit Stuhl 
böig«-mischt oder «lie Entleerung folgte kurz «Innaeh. 


Auf diese Weise wurde der Darm von den zersetzten Massen 
befreit, eine weitere Resorption schädlicher Produkte vermieden 
und durch Ausschaltung dieser die Peristaltik häufig anregender 
Reize eine bessere Ausnützung der eingeführten Nahrung äu¬ 
gest reht. Es gelang auch unter diesem Regime, die quälenden 
Durchfälle zu beseitigen und den Indicangehalt des Urins zu 
vermindern. 

Sonst war die Behandlung eine rein diätetische. Die 
Nahrung musste dabei zwei Anforderungen genügen: sie musste 
leicht assiinilirbar sein und dein Körper die nöthigen Brenn- 
werthe und «larüber zuführen. 

Der Milch, der Hafergrütze und den schleimigen Suppen 
wurde später weisses Fleisch, Breie, leichte Mehlspeisen zu- 
gefiigl: im Allgemeinen wurden am Anfang die Kohlehydrate 
bevorzugt, daneben Fett als Rahm und gute Butter gereicht; 
erst als der Widerwille gegen Fleisch nachliess, wurde cs 
in grösseren Quantitäten gegeben. Um den sehr damieder¬ 
liegenden Appetit anzuregen, wurden pikante Delikatessen 
(Hering, Anchovis) in kleinen Mengen der Hauptmahlzeit 
vorausg«“sc.hi«*kt; auch Liebig’s Fleischcxtrakt, Vs Theelöffel in 
warmem Wasser verrührt und kurz vor dem Essen genommen, 
that uns gute Dienste. Erst gegen Ende des letzten Aufenthaltes 
haben wir neben diätetischen Maassnahmen wieder den Versuch 
mit Fcrratin gemacht und ihm dasselbe, da er es nun zu ver¬ 
tragen schien, zusammen mit Arsen und Chinin verordnet. 

Dank «ler geschilderten Erniihrungskur imVerein mit Mag«“ii- 
uinl Danuspülungcn gelang es uns, den Patienten, den. als er 
zu uns kam, wenige Schritte ausser Athem brachten, und der 
im April «i. Js. unter «lern Bild«; schwerster Anämie, Herz- 
sejiwä« he und Oedcnicii unsere Hilfe aufsuchte, soweit her¬ 
zu-teilen. «lass er auf seinem Gut seinen Geschäften nachgehen 
und mehrere Stumlen wieder reiten konnte; dor Appetit blieb, 
kleine Schwankungen abgerechnet. gut, die Dannfunktionen ge¬ 
regelt ; bei s«incm letzten Hiersein im November war er im 
Staude, grössere Spaziergänge auf die Berge ohne besondere 
Anstrengung und ohne Kurzathmigkeit zu unternehmen. 

Trotz diiser äugenfälligen Erfolge dürfen wir unser«» 
Kranken aber schwerlich schon als geheilt bezeichnen. 

Prüfen wir di«“ aus «l« r Literatur angeführten Berichte auf 
den Dauererfolg, so scheint derselbe bei dem Kaufma n n’seli«;n 
Fall, wo di<- Frau noch 2 Jahre später, unbeschadet eint« Partus, 
gesuml geblichen war. ausser Frag«», zu stehen; bei den übrigen 
aber, wo er.-t einig«- Monate s«*it ihrer Entlassung aus dem 
Krankenhaus verstrichen, k«‘»nnen wir denselben noch nicht mit 
Sicherheit annehmen; auch b<*i unserem Kranken mussten wir 
ja Vs Jahr mu-li seiner ersten Behandlung ein schweres, fast 
tö«l11 ich«“s Rezidiv erleben. 

Wenn daher auch sicher Heilungen zu erzielen sind, so 
werden wir «loch gut thun. mit Grawitz die Möglichkeit, von 
Rückschlägen im Auge zu behalten. „Da auch nach Beein¬ 
flussung des auslösenden Moments lange Zeit noch eine gewisse 
Debilität der Blutbildung bestehen bleibt, die dann, sobald die 
alten Schädlichkeiten wieder eimvirken. von Neuem manifeste 
Symptome hervorrufen kann.“ Dabei liegt die Gefahr, dass 
Störungen auftreten können, insofern nahe, als der Magen, wenn 
einmal atrophische Prozesse der Mukosa vorhanden sind, dauernd 
s< kretionsuntüehtig bleibt und dem Darm stets eine Mehrarbeit 
zufallen wird. 

Dies ist für die Folge in d«“r Ernährung und Lebensführung 
stets zu berücksichtigen: unser Kranker hat daher auch nach 
seiner Entlassung im Juli neben unseren diätetischen Rath- 
sehlägen die Darmspülungen fortgesetzt. 

Nnclulem unter diesen Verhältnissen die Besserung ent¬ 
schieden fortgeschritten, «li«* Leistungsfähigkeit sich erhöht und 
der Blutbefund si«-h noch gebessert hat, können wir aber doch 
wohl für die Zukunft l*ei weiterer Beachtung der nöthigen Scho¬ 
nung «li«“ Prognose günstig stellen. 

Wenn somit muh ein abschliessendes Urtheil quoad sana- 
tioiu-m im Augenblick noch nicht abgegeben werden kann, po 
rechtfertigt der nachhaltige Erfolg unserer Therapie von Neuem 
den Hinweis, sich bei solchen Fällen nicht mit der Diagnose 
einer schweren Anämie und der Arsenmedikation zu begnügen, 
im TVbrigen aber die Sache als eine verlorne zu betrachten, 
sondern vielmehr unter Berücksichtigung des Zustandes von 
Magen mul Dann «lie ganze Aufmerksamkeit und Sorgfalt der 


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21. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Ernährung zuzuwenden, eventuell sogar dabei vor der Anwendung 
der Sondenfütterung nicht zurückzuschrecken; dann wird man 
auch die Freude haben, manchen Kranken der sonst, wie es in 
unserem Fall auch von autoritativer Seite vorher geschehen war, 
aufgegeben wurde, in gewissen Grenzen wieder zu einem genuss- 
uud arbeitsfähigen Menschen zu machen. 

Herrn Prof. F1 e i n e r, meinem verehrten Chef, sage ich 
auch an dieser Stelle für die gütige Ueberlassung der Arbeit und 
die freundliche Unterstützung meinen ergebenen Dank. 

Literatur: 

1. Blermer: Correspondenzblatt f. Schweiz. Aerzte 1872. — 

2. Limbeck: Grundriss einer Pathologie des Blutes. Jena 1896. —- 

3. Graw'ltz: Ueber Begriffsbestimmung, Ursachen und Behand¬ 
lung der progressiven perniziösen Anämie. Berl. klin. Wochen¬ 
schrift 1898. No. 32 u. 33. — 4. Fenwick: Atrophy of the 
Stomach. Lancet 1877. — 5. Derselbe: Virchow’s Archiv. 
Bd. 118. 1889. — 6. Kinlkut: Ref. im Centralbl. f. klin. Med. 
1887. — 7. Henry und Osler: Ref. ebenda. — 8. McPhe- 
dran: l’ernlclous Anaemia with a report of flve cases. Medic. 
News. Zit. nach Virchow’s Jahresbericht 1890. — 9. Hunter: 
Observations on the treateinent of pernic. anaemia based on a 
study of its causation. Brit. Journ. 1890. Zit. nach Virchow’s 
Jahresbericht. — 10. Rosenhelm: Ueber atrophische Prozesse 
der Magenschleimhaut. Berl. klin. Wochenschr. 1888. No. 51 u. 
52. — 11. Kaufmann: 2 Fälle geheilter perniziöser Anämie 
nebst Bemerkungen zur Diagnose und Therapie dieser Krankheit. 
BerL klin. Wochenschr. 1890. — 12. Eisenlohr: Ueber primäre 
Atrophie der Magen- und Darmschleimhaut und deren Beziehung 
zur schweren Anämie. Deutsch, med. Wochenschr. 1892. No. 49. 
13. W 111 s c h u r: Zur Pathogenese der progressiven schweren 
Anämie. Deutsch, med. Wochenschr. 1893. — 14. Diskussion über 
den Vortrag von G r a w 11 z in der Hufeland’schen Gesellschaft. 
Bert klin. Wochenschr. 1898. S. 710. — 15. Diskussion über den 
Vortrag von M o x t e r und Jakob im Verein für innere Medizin. 
Berl. klin. Wochenschr. 1898. No. 30. — 10. Plessi: Ref. im 
Centralbl. f. iun. Med. 1900. — 17. Hunter: Further Observations 
on pernic. Anaemia. Lancet 1900. — 18. Stengel: Progress, 
pernic. Anaemia. Americ. med. News 1900. Zit. nach Virchow's 
Jahresbericht. — 19. Senator: Zur Kenntniss und Behandlung 
der Anämien. Berl. klin. Wochenschr. 1900. No. 30. — 
20. Strau8s: Untersuchungen Uber Resorption und Stoffwechsel 
Im*! Apepsia gastr. mit besonderer Berücksichtigung der perniziösen 
Anämie. Zeitschr. f. klin. Med. Bd. 41. — 21. Sandoz: Schweiz. 
Correspondenzblatt. Bd. 17. — 22. H. M e y e r: Ebenda. 1889. — 
23. G i b s o n : The antisept. treatement of pernic. Anaemia. 
Edinb. Journ. 1892. Zit. nach Virchow’s Jahresbericht. — 24. D ie- 
balla: Zur Therapie der perniziösen Anämie. Zeitschr. f. klin. 
Med. Bd. 31. — 25. F 1 e 1 n e r: Zur Geschichte und Praxis der 
Magenspülung. Deutsche Klinik. 1900. 


Ueber einen eigentümlichen Urinbefund (Emulsions- 
Albuminurie) bei Eklampsie und Uraemie.*) 

Von Dr. Heinrich Gramer, Frauenarzt in Bonn a/Rh. 

Vor ca. 3 Jahren machte ich gelegentlich bei einer schweren, 
letal verlaufenden, puerperalen Eklampsie eine auffallende Be¬ 
obachtung am Urin der Patientin. Nach zahlreichen Anfällen 
war Koma eingc.treten. Der durch Katheterisiren entleerte hoch- 
konzentrirte Urin hatte dunkle Bierfarbe, saure Reaktion, die 
Harnsäule erstarrte beim Kochen, die Tagesmenge war sehr stark 
reduzirt. Etwa 48 Stunden vor dem Exitus zeigte sich nun eine 
graubraune, dichte, milchige Trübung im Urin, die weder beim 
Erwärmen noch bei Säurezusatz sich löste. Bei dem Versuch, 
diese Trübung abzufiltriren, klärte sich das Filtrat auch nach 
wiederholter Filtration durch mehrfach zusammengefaltetes 
Papier nicht im Geringsten auf. Ebenso zeigte sich nach dem 
Zentrifugiren nicht die Spur einer Sediment- oder Schichten¬ 
bildung. Der Urin musste demnach feinste korpuskuläre Ele¬ 
mente in Emulsion enthalten, ich unterzog ihn daher einer ge¬ 
naueren mikroskopischen Untersuchung. Bei schwachem Trocken¬ 
system sah ich zunächst nichts, bei starkem Trockensystem 
konnte ich einzelne kleine kugelige Körper unterscheiden. Erst 
!x*i Benutzung der Immersion mit starker Abblendung löste sich 
für das Auge die Emulsion auf in eine Unzahl feiner und feinster 
Kügelchen bis zur Grenze des Sichtbaren mit lebhaften, oszilliren- 
« len Bewegungen. Bei Untersuchung der untersten Schicht des 
Zcntrifugenhams fanden sich wenige rothe Blutkörperchen, sehr 
vereinzelte Leukocythen, hnmsaure und oxalsaure Salze, keine 
Ifamzylinder. Auffallend war, dass im Gegensatz zu dem früher 
durchsichtig entleerten Urin die Harnsäule jetzt beim Kochen 

*) Nach einem Vortrag, gehalten in der niederrbeiulschen Go- 
Mcllsclinft für Natur- und Heilkunde um 9. XII. 1901 zu Bonn. 

No. 3. 



nicht mehr zur Gerinnung kam, sondern nur ein sehr starker 
Niederschlag sich bildete, welcher die Emulsion zerstörte. So¬ 
weit ging meine damalige Beobachtung. Eine genauere chemische 
Untersuchung, die ich beabsichtigte, kam nicht zur Ausführung. 
Indessen zeigte sich noch eine eigentlnimliche Erscheinung: die 
Emulsion in dem Urin, den ich in eine reine, offene Glasschale 
geschüttet hatte, löste sich nach ca. 2 Tagen im Stehen bei 
Zimmertemperatur — es war im Sommer — spontan auf, so 
dass eine klare, bierbraune Flüssigkeit mit geringem Bodensatz 
bestehen blieb. 

Der geschilderte Befund forderte eine Deutung. Es lag sehr 
nahe, an Chylurie oder Lipurie zu denken. Hiermit stimmte je¬ 
doch weder das mikroskopische Bild noch das physikalische Ver¬ 
halten des Urins zusammen. Leukocyten waren nur sehr spär¬ 
lich vorhanden, nach starkem Zentrifugiren war nicht die Spur 
einer Schichtbildung sichtbar. Ich neigte dazu, die Enitilsion 
für durch Eiweisskörper bedingt anzusehen, ohne indessen ge¬ 
nügende Beweise für diese Ansicht zu haben oder in der Literatur 
etwas Aehnliches finden zu können. Jedoch erklärte sich mir mit 
dieser Annahme wenigstens die eigenthümliche Thatsache, dass 
die Emulsion beim Stehen im Zimmer spontan sich geklärt hatte. 
Bei der enormen Verbreitung peptonisirender Bakterien gerade 
im Sommer — ich erinnere hier nur an die Milchzersetzungen in 
dieser Jahreszeit — war es mir leicht verständlich, dass die 
Eiweisskürper beim Stehen des Urins durch bakterielle Peptoni- 
sirung in Lösung gegangen waren. Jedenfalls nahm ich mir vor, 
diesen eigonthiimlichen Befund im Auge zu behalten. 

Noch in demselben Jahre, 1898, sah ich bei einer zweiten 
letal verlaufenden, puerperalen Eklampsie einen ähnlichen Emul¬ 
sionsurin. Ich machte in diesem Falle nur die Differenzirung 
durch Erwärmen, Säurezusatz, Filtriren und Zentrifugiren. 
Diese Versuche gaben dasselbe Resultat wie im ersten Fall. Zur 
mikroskopischen oder weiteren chemischen Untersuchung kam 
ich nicht, da die sehr kleine Urinmenge durch einen Zufall 
verloren ging. Indessen bin ich überzeugt, dass es sich um die¬ 
selbe Erscheinung im Urin gehandelt hat. 

ln der späteren Zeit geriethen mir diese Beobachtungen 
fast in Vergessenheit, bis ich vor mehreren Wochen bei einem 
Fall schwerster Urämie wieder daran erinnert wurde. Diesmal 
gelang es, Dank der freundlichen Unterstützung des Herrn Prof. 
Dr. A. Schmidt und Herrn Professor Dr. Bleibtreu, 
eine etwas eingehendere chemische Untersuchung des Urins vor¬ 
zunehmen. Der Fall war folgender: 

Frau P. H. (J.-No. 469), 58 Jahre, hat 10 mal geboren, seit 
12 Jahren zesslren die Menses. Vor 10 Jahren hat Pat. angeblich 
Gelenkrheumatismus ohne besondere ärztliche Behandlung über- 
standeu und seitdem an zunehmender Athemnoth und Herzklopfen 
gelitten. In den letzten Tagen akute Verschlimmerung dieser 
Beschwerden, Kopfschmerzen, Verschlechterung des Sehvermögens, 
Angstzustiinde. Oedeme will Pat. nicht gehabt haben. Status 
am 27. X. 1901: Sehr fettleibige, mittelgrosse, kräftig gebaute, 
blasse Frau, Oedeme wegen des starken Fettpolsters nicht deut¬ 
lich, livide Gesichtsfarbe, Dyspnoe, die durch einen Katarrh der 
Bronchien noch gesteigert ist. Temp. 37,6. Puls 126, sehr klein 
und leicht unterdrückbar, mit sehr wechselnder Frequenz der 
einzelnen Schläge und häufig aussetzend. Herzdämpfung nach 
links und unten etwa 2 Querfinger verbreitert. Herztöne an der 
Spitze ausserordentlich unrein, kratzendes, systolisches und fau¬ 
chendes diastolisches Geräusch, Spitzeustoss sehr weich, häufig 
aussetzend. Ueber den Lungen keine Dämpfung aber reichlich 
feuchte Rhoncbi. Ich verordnete Digitalis, Liqu. Kal. acet. und 
Milchdiät. Die Urinmengen waren in den letzten Tagen angeb¬ 
lich sehr gering gewesen. Der spontan entleerte Urin war Bauer, 
von bierbrauner Farbe, zeigte massenhaften Niederschlag von 
Uraten, das klare Filtrat gerann beim Kochen. In den folgenden 
Tagen entwickelte sich die Sehstörung zur völligen Amaurose, 
das Sensorium wurde benommen, es traten leichte Zuckungen 
namentlich im Gesicht und au den Extremitäten der rechten 
Körperhälfte ein. Die letzte spontane Urinentleerung erfolgte 
am 28. X. Abends in’s Bett. Bis zum 30. X. Vormittags blieb 
der Schluckrefiex erhalten, so dass es bis dahin möglich war, 
Flüssigkeit zuzuführen. Am Abend dieses Tages (9>/ 2 Uhr) trat, 
im Koma bei zunehmender Cyanose, Trachealrasseln und Immer 
länger aussetzeudein Puls der Exitus letalis ein. 

Am 30. X. Nachmittags 5 Uhr entleerte Ich, da Pat. seit fast 
2 Tagen kein Wasser mehr gelassen hatte, die Blase durch Kathe- 
terisiren. Ich gewann ca. 300 ccm milchig trüben Urin. Die 
Filterprobe und die mikroskopische Untersuchung, die ich zu 
Hause voruahm, bestätigten mir, dass ich es wiederum mit <h*r 
oben beschriebenen Erscheinung zu thun hatte. Ich brachte daher 
den Urin in die mediz. Klinik zu Herrn Prof. Dr. A. Schmi d t. 
Hier wurde Folgendes festgestellt: 

Der Urin reagirt sauer und stellt eine milchig graubraune 
Emulsion dar, die sich weder durch Filtriren noch durch Zcntri- 


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io2 : > y ^J_ MÜENCH ENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


fugiren differeuziren liisst uud sich weder beim Erwärmen noch 
bei Siiurezusatz löst. Bei mikroskopischer Untersuchung sind 
mittels der Immersion bei starker Abblendung unzählige feinste 
Kügelchen zu erkennen. Nach starker Verdünnung mit Wasser 
hellt sich bei Tropfenzusatz sowohl von Essigsäure als auch von 
Kalilauge die Emulsion bis auf eine zarte Trübung auf. Dasselbe 
tritt ein bei überschüssigem Zusatz von Essigsäure oder Kali¬ 
lauge zum unverdünnten Urin. Erwärmen begünstigt diese Auf¬ 
hellung. die übrigens auch beim einfachen Zusatz von sehr viel 
Wasser auftritt. Beim Kochen entsteht ein starker Niederschlag, 
welcher die Emulsion zerstört. Beim Ausschweukeu mit Aether 
bleibt die Emulsion bestehen, indessen bildet sich über derselben 
eine klare, kolloide Schicht, die bei Zusatz von Alkohol sich ab¬ 
setzt und keinen Fettflecken gibt. Auch die mikrochemische Unter¬ 
suchung mit Osmiumsäure ist negativ. Die folgenden Unter¬ 
suchungen wurden von den Herren Professor Dr. Bleib- 
t r e u uud Dr. N e r k i n g im physiologischen Institut der Univer¬ 
sität ausgeführt. Bei Pepsin-Salzsäure-Verdauung klärte sich die 
Trübung auf, während eine mit gleicher Menge Salzsäure ohne 
I’epsinwersetzte Probe — gleich lange digerlrt — trüb blieb. Beim 
weiteren Stehen des Urins schlugen sich im Bodensatz mehr und 
mehr llarnsiiurekry.stalle nieder. Dagegen, dass erheblichere 
Mengen Harnsäure in der Trübung vorhanden sind, spricht aber 
der Umstand, dass der trübende Körper, mit Alkohol ausgefällt, 
keine Murexidprobe gibt und dass die Fällung durch Erwärmen 
mit. Salzsäure nicht wie eine Harnsäurefällung, sondern flockig 
wie ein Eiweisskörper aussah. Durch 1 stümliges Erhitzen mit 
1 proz. Salzsäure entsteht ein Niederschlag, der mikroskopisch zahl¬ 
reiche Krystalle enthält, die als Allantoiu angcsprochen werden. 
HarnsSiure-Krystalle kamen nur sehr spärlich darin vor, und dem¬ 
entsprechend gab dieser Niederschlag die Murexidprobe nur 
schwach. Indessen gelang es nicht, in dem inzwischen schon 
etwas alt gewordenen Harn Allantoin chemisch nachzuweisen. 

Leider bereitete die trotz Thymolzusatz zunehmende Zer¬ 
setzung weiteren Untersuchungen ein Ende. 

Indessen dürfen wir das vorliegende Ergebnis« dahin zu¬ 
sammenfassen, dass in dem fraglichen Urin eine oigenthümliche 
Emulsion von Eiweisskörpern bestand, denen Allantoiu und Harn¬ 
säure möglicherweise beigemischt waren. 

Ich habe für diese eigentümliche Eiweissausscheidung in 
Form einer Emulsion in der Literatur, soweit sie mir zu Gebote 
stand, ein Analogon nirgends finden können. Trotzdem ist cs 
mir zweifellos, dass es sich bei dem vorliegenden Befunde keines¬ 
wegs um ein Unikum handelt. Dagegen spricht schon die That- 
saehe, dass ich in meinem doch verhiiltnissiniissig kleinen Be- 
ohachtungskreis drei derartige Fälle sah. Wenn auch die che¬ 
mische Untersuchung in den beiden ersten Fällen sehr unvoll¬ 
kommen war, so war doch das Aussehen und das physikalische 
Verhalten des Urins so charakteristisch und das klinische Bild 
bei allen drei Patientinnen ein so gleichartiges, dass ich auch 
in den beiden ersten Fällen die Emulsion im Urin für durch 
Ei weisskörper bedingt halten muss. 

Es ist andererseits leicht erklärlich, dass dieser Befund bis¬ 
her nicht zur Beobachtung gekommen ist. In allen drei Fallen 
lagen die Kranken im Koma. Der Urin konnte nur durch 
Kathetcrisiren gewonnen werden, da er in diesem Stadium ent¬ 
weder in’s Bett gelassen oder überhaupt nicht entleert wird. 
Ferner ist er in Folge der starken Verminderung der Tages- 
menge so hoch konzentrirt, dass, falls eine solche Trübung zur 
Beobachtung kommt, dieselbe sehr leicht, wenigstens für den 
ersten Augenblick, mit einem Niederschlag von Uraten oder 
anderen Harnsalzen verwechselt werden kann. Beim längeren 
Stehen allerdings müssen dann die Salze zu Boden fallen, 
während die Emulsion als solche sieh charakterisirt. Aber auch 
diese Erscheinung kann leicht falsch gedeutet werden. Man 
könnte diese beim Stehen des Urins persistirende Trübung für 
eine Bakterienwucherung halten, zumal ja im Allgemeinen ein 
trübes Filtrat als durch Bakterien bedingt angesehen wird. 
Uebrigens dürfte eine so milchige Trübung wohl sehr selten 
durch Bakterienwachsthum entstehen. Indessen selbst der mikro¬ 
skopische Befund kann noch irre führen. Glaubte ich doch 
selber im ersten Fall zunächst, als ich diese feinen Kügelchen 
in ns/.illiivndcr Bewegung mit. der Immersion sah, Kokken unter 
dein Mikroskop zu haben. Besonders nahe lag ja der Gedanke 
au den Microcoecus urcae. Zwar war für diese Annahme die 
< irö-.se und Anordnung der Kügelchen eine zu mannigfaltige; 
trotzdem gos« ich Gelatineplatten, in denen Kokken aber nicht 
aulgimren. Es entwickelten sieh nur Stäbchen, vor Allem Ileu- 
bazillen. Gerade dieser letztere Befund war es, der mich im 
ersten Fall auf den Gedanken brachte, dass die Trübung beim 
Sti llen des 1 rins durch bakterielle IVptonisirung verschwunden 
sei. Uebrigens zeigte der Urin sauere Reaktion und cs fehlte 
vollkommen der für den Microcoecus urcae charakteristische 
amntoniakali-ehe Geruch. 


Die vorliegende Beobachtung fügt zu den zwei bisher be¬ 
kannten uud beschriebenen Arten der Urinemulsionen, der 
Chylurie und der Lipurie, als dritten Typus die „Emulsions¬ 
albuminurie“; diese Bezeichnung dürfte für den be¬ 
schriebenen Befund vielleicht am passendsten sein. 

Es sind eine ganze Reihe interessanter Fragen, die sieh im 
Anschluss an dieses Novum uns aufdrängen. Leider bleiben 
viele derselben in Folge der nicht sehr eingehenden chemischen 
Untersuchung und wegen des Fehlens von Sektionsbefunden 
unbeantwortet. Nur einige Ueberlegungen will ich noch im 
Folgenden anschliessen. 

Wenn wir bedenken, dass es sich in den drei beschriebenen 
Fällen um schwere Albuminurien gehandelt hat, in denen der 
mit Eiweiss gesättigte Harn beim Kochen zur Gerinnung kam, 
so ist vielleicht die Vorstellung nicht von der Hand zu weisen, 
dass wir in der beobachteten Emulsion eine Uebersättigung des 
Urins mit Eiweiss vor uns haben, indem der Eiweissüberschuss 
in Form dieser Kügelchen ausfiel. Für diese Auffassung spricht 
der Umstand, dass reichlicher Zusatz von Flüssigkeit, sei es 
Essigsäure, Kalilauge oder einfaches Wasser, die Emulsion bis 
auf eine zarte Trübung zum Versehwinden brachte, den trüben¬ 
den Körper also offenbar löste. Eine genaue Feststellung des 
Prozentsatzes der im Emulsionsurin enthaltenen Eiweissmenge 
im Vergleich zu demjenigen des vorher entleerten, klar filtriren- 
den Urins wäre dosshalb sehr erwünscht. Möglicher Weise ist 
auch die Qualität des enmlgirten Eiweisscs eine andere, als die 
im klaren Filtrat. Jedenfalls müsste bei weiteren Unter¬ 
suchungen auch auf eine eingehende Differenzirung der in diesem 
Urin überhaupt vertretenen Eiweisskörper Werth gelegt werden. 

Es ist ein günstiger Zufall, dass ich die Emulsionsalbu- 
minurie ausser in zwei Eklampsiefällen auch in einem Falle 
reiner Urämie linden konnte. So war es von vornherein auszu- 
sehliessen, dass diese Erscheinung etwa nur für die erstere Er¬ 
krankung charakteristisch sei. Andererseits ist durch diese, den 
beiden Krankheitsbildern gemeinsame Beobachtung wiederum 
ein Moment gefunden, das ihre nahe Beziehung zu einander 
beweist. In allen drei Fällen handelt es sich um schwerste 
Nicrensehädigungen und Koma. Es liegt nahe, die Emulsions¬ 
albuminurie iu Zusammenhang zu bringen mit der Schwere der 
Erscheinungen und mit dem tödtlichen Ausgang. Man könnte 
sich vorstellen, dass, abgesehen von der primären schweren 
Läsion der Nierenepithelien, den emulgirten Eiweisskörpern viel- 
lcicht auch ein mechanisch wirkender Einfluss zukommt, indem 
sic die Glomeruli und Harnkanälchen verstopfen und so dio 
Anurie herbeiführen. In dem zuerst beschriebenen Eklampsiefall, 
in welchem ich mehrere Proben Emulsionsham entnehmen 
konnte, war eine zunehmende Verdichtung der Emulsion bis 
zum Tode sehr deutlich. 

Jedenfalls wäre es aber von Wichtigkeit, festzustellen, ob 
die Emulsionsalbuminurie als Zeichen für einen nahen un¬ 
günstigen Ausgang prognostisch verwerthet werden kann. Die 
beobachteten drei Fälle scheinen für diese Annahme zu sprechen. 
Es soll damit keineswegs behauptet werden, dass diese Erschei¬ 
nung etwa bei jeder ungünstig ausgehenden Eklampsie oder 
Urämie zur Beobachtung kommen würde. Aber wenn sich der 
Satz bewahrheiten sollte, dass das Auftreten der Emulsions¬ 
albuminurie bei Eklampsie mit Sicherheit eine ungünstige Pro¬ 
gnose zu stellen erlaubt, wenn es uns also möglich sein sollte, in 
manchen schweren Fällen den Ausgang dieser Krankheit voraus¬ 
zusagen, so wäre damit ausserordentlich viel gewonnen. Denn 
gerade die völlige Unsicherheit der Prognose nimmt uns jede 
Grundlage, um die scheinbaren Erfolge der verschiedenen thera¬ 
peutischen Maassnalimen gegeneinander abzuwägen. 

Weitere Beobachtungen müssen lehren, ob nach dom Auf¬ 
treten der Emulsionsalbuminurie eine Wiederherstellung der 
Nierenfunktion noch möglich ist oder nicht. Indem ich mich 
auf diese Andeutungen beschränke, hoffe ich, dass die vorstehende 
Mittheilung ihren Zweck dahin erfüllt, dass in weiteren Fällen 
die klinische Beobachtung, die chemische Analyse und der Sek¬ 
tionsbefund von vornherein für eine vollkommenere Aufklärung 
der berührten Fragen vorbereitet werden kann. 


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21. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


103 


Aus dem Krankenhaus der jüdischen Gemeinde in Berlin. 
Innere Abtheilung. Dirigirender Arzt: Prof. Dr. Lazarus. 

Ueber den Zusammenhang von Diabetes insipidus 
und mellitus. 

Von Dr. med. P h. Kuhn. 

Seit P. Frank wird bei Diabetes nach dem Vorhandensein 
von Zucker im Urin streng zwischen D. mellitus und insipidus 
unterschieden. Es bestehen aber zwischen beiden Formen dieser 
Erkrankung sehr nahe Wechselbeziehungen. Schon die experi¬ 
mentellen Untersuchungen weisen darauf hin. Verläuft ja die 
Polyurie nach der bekannten Piqüre theils mit, theils ohne 
Glvkosurie. 

Weiter spricht für eine Verwandtschaft beider Zustände die 
von H o f f m a n n, Külz u. A. festgestellte Thatsache, dass 
durch künstlich vermehrte Ilarnabsonderung Glykosurie erzeugt 
werden könne unter der Wirkung gesteigerter Diurese. Den 
sichersten Beweis liefert uns aber die Natur selbst, wenn wir be¬ 
obachten, wie der eine Zustand in den anderen übergeht, sowohl 
in der Heredität bei verschiedenen Familienmitgliedern, wie 
solche Fälle von Trousseau und anderen Forschem in der 
Literatur beschrieben sind, als besonders auch bei ein und der¬ 
selben Person. Die Fälle sind nun zahlreich bekannt, in welchen 
zuerst richtiger Diabetes mellitus bestand, dann unter Verschwin¬ 
den des Zuckers einfache Polyurie blieb, die sich später auch noch 
verlor. So hat unter Anderen F rerichs von 2 Fällen dieser 
Art und zuletzt Senator darüber berichtet. 

Dagegen existiren bis jetzt in der Literatur nur 3 Beobach¬ 
tungen, nach welchen in den betreffenden Fällen Glykosurie erst 
nach jahrelangem Bestehen zur Polyurie getreten war. Die beiden 
ersten stammen ebenfalls aus F rerichs Klinik, und. sind in den 
Dissertationen von H a d r a und M i e 1 e c k i beschrieben. Letz¬ 
terer entnehme ich die kurze Mittheilung, dass es sich um einen 
an Meningitis erkrankten Patienten handelte, der im Anschluss 
daran von D. insipidus befallen wurde, der später in mellitus 
überging. Ueber eine 3. Beobachtung dieser Art hat Senator 
im Jahre 1897 in einer Sitzung des Vereins für innere Medizin 
berichtet. 

Die Patientin, um welche es sich dabei handelte, stellte sich 
Senator zum 1. Male im Alter von 47 Jahren vor. Sie litt 
angeblich seit ihrer Jugend an starkem Durst und dementsprechend 
sehr reichlicher Harnabsonderung, befand sich aber im Uebrigen 
stets wohl, war bis wenige Jahre zuvor blühend und wohlgenährt 
mit einem Durchschnittsgewicht von 05 kg. Hereditäre Momente 
waren nicht nachweisbar. Die von dem Hausarzt wiederholt vor- 
genommene Untersuchung ergab eine 24 ständige Harninenge von 
12—13 1 mit einem spezifischen Gewicht von 1001—1003 ohne 
Spuren von Eiweiss. 3 Jahre später trat zum 1. Male Zucker 
auf (0,3 Proz.). Dabei war der Urin immer sehr blass und von 
niedrigem spezifischen Gewicht und wurde ln einer Menge von 
10—12 1 entleert. Seit dem Auftreten des Zuckers, welcher später 
wiederholt nachgewiesen wurde, kam die Frau zusehends herunter, 
obgleich in ihren Organen keine Abnormitäten nachzuweisen 
waren. Eine Kur in Karlsbad, sowie andere diätetische und 
medikamentöse Kuren waren ohne Erfolg, bis Patientin in 
äusserster Erschöpfung mit beginnendem Dekubitus zu Grunde 
ging. 

Der Fall, der in unserem Krankenhaus in letzter Zeit zur 
Beobachtung kam, wurde fast vom Beginn seines Entstehens an 
verfolgt. 

Es handelte sich um eine 58 jährige Frau, die zum 1. Male 
wegen rechtsseitigen Empyems nach Pneumonie vom 29. April bis 
9. Juli 1899 im Krankenhaus war. Damals wurde bei der am 
17. Mai vorgenommeuen Resektion der 8. Rippe unterhalb des 
Angulus scapulae % 1 Eiter entleert. Die Wunde vernarbte glatt. 
Während des Aufenthaltes war die Urinmenge stets normal und 
frei von pathologischen Bestandtheilen. Patientin konnte geheilt 
entlassen werden. Im Juli 1900 kam sie erneut auf die chirurgische 
Station; diesmal wegen eines in der Zwischenzeit entstandenen 
Mammatumors. Da es sich dabei um Karzinom handelte, wurde 
bei der Patientin durch Radikaloperation am 16. Juli 1900 die linke 
Brustdrüse in toto entfernt mit Ausräumung der Achselhöhle. 
Nach der Entlassung wurden noch 2 mal während der ambulauten 
Weiterbehandlung erkrankte Hautpartien der Narbenumgebung 
exzldirt; zuletzt Ende Januar vorigen Jahres. Damals gab Pat. 
zum 1. Male an, dass sie enorm viel trinken müsse, während 
gleichzeitig ihre Urinmenge bedeutend vermehrt sei. Sie wollte 
plötzlich an einem Nachmittag bei dem Besuch ihrer Schwester 
von dem starken Durstgefühl befallen worden sein. Wegen dieses 
Leidens blieb sie vom 28. Februar bis 27. März in Krankenhaus¬ 
behandlung. Während derselben schwankten die Urimnengeu 
zwischen 5 und 7 1 bei einem spezifischen Gewicht von 1002—1004. 
Da Saccharum nie im Urin gefunden wurde, so stand die Diagnose 
..Diabetes insipidus“ fest. Die Therapie beschränkte sich damals 
auf Darreichung von Antlpyrin und wegen Interkurrireuder rheu¬ 


matischer Beschwerden auf Natr. salicyl.. Eiue Besserung wurde 
nicht erzielt und Patientin auf eigenen Wunsch wieder entlassen. 

Zuhause verschlimmerte sich jedoch der Zustand; Patientin 
wurde so schwach, die sie nicht einmal mehr ordentlich stehen 
konnte, und so suchte sie am 16. April wiederum das Krankenhaus 
auf und kam diesmal auf die innere Station. 

Die Anamnese liess sich dahin vervollkommnen, dass Patientiu 
als Kind nie ernstlich krank war. Mit 16 Jahren war sie zum 
1. Male menstruirt, die Periode danach immer regelmässig und 
sehr sturk. Patientin heirathete erst mit 41 Jahren und machte 
mit 43 Jahren eine schwere Entbindung durch; das Kind, das nich» 
ausgetragen war, kam todt zur Welt. Ob danach noch Men¬ 
struation bestand, ist leider in der Anamnese nicht vermerkt. 

In Bezug auf hereditäre Belastung war nichts von Belang 
zu ermitteln. 

Ihre Klagen bestanden ausser der grossen Hinfälligkeit in 
ständig vorhandenen! starkem Durst- und öfters während der 
Nacht sich einstellendem Schwindelgefühl; als überaus lästig 
wurde auch die stete Trockenheit der Zunge und Lippen em¬ 
pfunden. 

Der Status war folgender: 

Stark abgemagerte, mittelgrosse Person mit 100 y 2 Pfund 
Körpergewicht, die nur mit Unterstützung aufrecht stehen und 
mit erheblicher Anstrengung gehen kann. 

Gesichtsfarbe sehr blass, Gesichtsknochen stark vorspringend. 
Fettpolster völlig geschwunden. In den Achselhöhlen und 
Schlüselbeingruben keine nachweisbaren Driisenschwellungen; 
nur in der Leiste einzelne, kleinere, nicht schmerzhafte Drüsen. 

Auf der linken Brustseite an Stelle der Mamma eine ungefähr 
8 cm lange, schräg nach der Achselhöhle verlaufende, glatte, nicht 
gerötliete Narbe. In der Gegend der hinteren unteren rechten 
Lungengrenze eine ebenfalls schräg verlaufende, ca. 5 cm lange 
Narbe. Die Lungenuntersuehung ergab überall vollen Klopfton, 
die Grenzen an gehöriger Stelle, geringe Verschieblichkeit der 
Ränder. Auskultatorisch war fast überall sehr rauhes VesikulÜr- 
athmen; mit trockenen Nebengeräuschen nur über der linken 
Untersehlüsselbeingrube. 

Herzflgur nicht verbreitert. Spitzenstoss sehr deutlich inner¬ 
halb der Brustwarze im 5. Interkostairaura. Töne rein. Puls 
ziemlich kräftig, regelmässig, wenig beschleunigt (100). 

Abdomen leicht aufgetrieben und gespannt, nirgends schmerz¬ 
haft. Leber und Milz nicht vergrössert. Zunge, beim Hernus¬ 
strecken zitternd, mit starken schmutzig-gelblicheu Belägen be¬ 
deckt. Stuhl ungehalten. 

Urin hellfarbig, ganz klar, Tagesmenge S900 ccm. spezifisches 
Gewicht 1006. Kein Saccharum, auch spektroskopisch nicht, kein 
Albumen, etwas Iudikan. 

Sensibilität intakt. Patellnrreflexe leicht gesteigert. 

Therapeutisch wurde zunächst Opium als Pulver, danuTinctur. 
opii versucht, beides ohne Erfolg auf Polyurie und Polydypsie. 
Bis zum 3. Mai bestanden geringe Temperatursteigerungen, wahr¬ 
scheinlich in Folge »1er pulmonüreu Affektion, die mit Antipyrin 
bekämpft wurden. Stuhlentleerung musste meist künstlich herbei¬ 
geführt werden. Die Urinsekretion erreichte mit 10 200 ccm und 
1004 spezifischem Gewicht am 5. Mai ihr Maximum, sonst betrug 
sie in der Regel gegen 7000; entsprechend war die Flüssigkeits¬ 
aufnahme, meist etwas hinter der Ausscheidung Zurückbleiben»!. 
Bei wiederholt vorgenommener Untersuchung fand sich kein 
Saccharum, auch kein Albumen. 

Zum 2. Mal begann die Temperatursteigerung am 6. Mai, die 
unter starken Remissionen bs zum 20. anhielt; höchste Temperatur 
am 14. Mai mit 39,0°. 

Während dieser Periode war eine deutliche Einwirkung auf 
die Flüssigkeitsaufnahme und -Ausscheidung zu bemerken. Letz¬ 
tere hielt sich zwischen 5— 6000: ebenso »lie Aufnahme zwischen 
4000 und 6000. Es ist dies eine Beobachtung, die schon S t r u b e 11 
gemacht und therapeutisch zu verwenden gesucht hat, indem er 
zur Erzeugung von Fieber und zur Verminderung des Durst¬ 
gefühls in dessen Gefolge 0,1 gr Deuteroalbumose unter die Haut 
spritzte. 

Wir suchten zu zwei verschiedenen Malen die Austrocknung 
der Gn'webe durch subkutane Na Cl-Infuslonen von je 1 1 ohne 
wesentlichen Erfolg zu b»*kämpfcn. Eine Vermehrung der festen 
Harnbestandtlieile zeigte sich nicht, im Besonderen waren die 
Harnstoffmengeu nach Bestimmungen mit dem H ü f n e r’schen 
Apparat kaum vermehrt. Sie betrugen durchschnittlich 34,5 gr 
pro die. 

Mit dem Temperaturabfall am 20. Mai trat plötzlich unter 
weiterer Verminderung des Tagesurins auf 4500 und Steigerung 
des spezifischen Gewichts auf 1011 Saccharum mit 1.8 Proz. auf. 
das, wie mehrfach erwähnt, bei regelmässigen Untersuchungen 
zuvor niemals vorhanden war. Dlazoreaktion blieb ständig 
negativ, ebenso die Acetonproben. 

Das Krankheitsbild änderte sich auch insoferne. als Patientin 
von jetzt an, während sie zuvor immer lebhaft war. sehr viel 
schlief und beim Erwachen ständig stark benommen war, so »lass 
mau au Coma diabeticum denken musste. Die Nahrungsaufnahme 
war noch geringer als zuvor und demzufolge sanken auch die 
Körperkräfte rapide; bei der letzten Wiegung am 24. Mai wog 
Patientiu nur noch 89 Pfund. 


Zucker war nun ständig im Urin, schwankend zwischen 1.5 
und 1,8 Proz. 

Unter Erhöhung der Pulsfre»iuenz und erneutem Anstieg d.r 
Temperatur auf 3S.2 am 25. Mai, die nochmals am 27. Früh einen 
kritischen Abfall auf 36,2 zeigte, um dann wieder im Laufe des 
Tages auf 39° zu steigen, erfolgte am 28. der Exitus letalis. 


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104 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Wührend der letzten 2 Tage hatte Patientin bei zunehmender Be¬ 
wusstseinstrübungen an Incontinentia urinae et alvi gelitten. 

Die Autopsie, die Herr Privatdozent Dr. Oestrelch vor¬ 
nahm, ergab Folgendes: 

Dura mit dem Schädeldach an einzelnen Stellen verwachsen; 
auf der Inneren Seite der Dura links neben dem hinteren Ende 
des Längsblutleiters einige flache, markige Knoten. Daselbst ist 
der Knochen rauh, zum Theil mit weisslichen Auflagerungen be¬ 
deckt; die Tabula interna zeigt in der Höhe des Scheitels eben¬ 
falls mehrere röthlich-graue Inflltrationsstellen. Gefässe der 
Basis zart 

Gehirn schneidet sich ziemlich derb; Schnittfläche miissig 
feucht; Ependym der Ventrikel ist glatt. Eine Herderkrankung 
besteht nicht. 

Bei Ablösung der Brustnarbe findet sich am medialen Ende 
ein flacher, markiger Knoten. • 

Die Innenseite des Sternums zeigt in der Höhe der 3. und 
4. Rippe mehrere grnu-weissliche Knoten von markiger Beschaffen¬ 
heit. Das Ilerz ist klein, Muskulatur bräunlich-roth, Aortenklappe 
leicht verdickt. Im oberen Theil des Mediastinums, entsprechend 
etwa dem Sternalnnsatz der 1. Rippe, liegen einige krebsige 
LymplidrUsen. 

Im linken Oberlappen zahlreiche fibröse Stellen und schwielige 
Verdickung der Pleura; die rechte Pleura schwielig mit dem 
Thorax verwachsen. Der rechte Oberlappen zeigt ausgedehnte 
schiefrige Induration. In den Bronchialdrüsen rechterseits meta 
statische Geschwulstentwickiung. Milz von gewöhnlicher Grösse, 
welch, blass. 

Pankreas ziemlich dünn, atrophisch. 

Linke Niere mit sehr schwer abziehbarer Kapsel, zahlreichen 
metastatischen Geschwulstknoten. Starke Fettmetamorphose der 
Rindensubstanz; der untere Theil der rechten Nebenniere enthält 
einen kirschgrossen, metastatischen Knoten. In der Umgebung 
des Plexus solaris finden sich verschiedene vergrösserte, meta 
statisch erkrankte Lymphdrüsen. 

Die rechte Niere verhält sich wie die linke. 

Leber klein, braunroth, mit einzelnen Krebsknoten. Unter 
der Vena axillaris medianwiirts in Höhe der 1. Rippe liegt ein 
erbsengrosser Geschwulstknoten. Der Uterus fehlt. Das linke 
Ovarium und Tube ist vorhanden. Schelde endet ln einer Narbe 
blind oben. 

Diagnose: Carcinoma clcatrlcls manunae sinistrae, glan- 
dularum lymphnticarum multiplex, glandulae suprarenalis. 

Was lehrt nun dieser Fall? 

Unzweifelhaft ist es eine seltene Beobachtung und mit Rück¬ 
sicht auf die erwähnte Literatur wohl der erste Fall, der verhält- 
nissmässig kurze Zeit nach seiner Entstellung als Diabetes in- 
sipidus erkannt und 8 Tage ante mortem zum Diabetes mellitus 
wurde, ein sicherer Beweis für eine nahe Verwandtschaft beider 
Kraukhei tsprozesse. 

Es gibt nun auf Grund der vorliegenden experimentellen Er¬ 
fahrungen nur eine Stelle im Gehirn, wo die beiden Zentren, 
die für die Entstellung verantwortlich gemacht werden, zu¬ 
sammenliegen; das ist am Boden des 4. Ventrikels, in der Gegend 
der Ala cinerea. Weiter nach vorne macht ja die Piqüre Poly¬ 
urie ohne Zuckerausscheidung, weiter nach hinten nur Zucker¬ 
harn. Es war nun naheliegend, mit Rücksicht auf die Ent¬ 
stehung des Leidens fast unmittelbar im Anschluss an Carcinoma 
mammae, an eine Gehimmetastase zu denken, die zuerst nur das 
eine Zentrum befallen, dann aber auch auf das andere über¬ 
gegriffen habe. Die Sektion gab dafür, wie schon erwähnt, keinen 
Anhaltspunkt. Von vornherein war es aber schon schwer, sich 
vorzustellen, wie bei der begrenzten räumlichen Lage beider 
Zentren am Boden des 4. Ventrikels, der ja selbst nur eine ge¬ 
ringe Ausdehnung hat, sich ein so zirkumskripter Tumor bilden 
könne, zuerst an der Stelle des angenommenen Diabetes insipidus, 
dann an der des Diabetes mellitus-Zentrums. Er hätte dann 
wohl auch Erscheinungen von Seiten der dort verlaufenden Ge- 
himnerven bedingen müssen. 

Bei Gehirntumoren ist aber schon wiederholt Diabetes in¬ 
sipidus allein beobachtet worden. In einem Fall, den Schultze 
im Archiv f. Psychiatrie veröffentlicht hat, handelte es sich sogar 
wirklich um eine auf die Umgebung des Zentralkanals und den 
Boden des 4. Ventrikels beschränkte Gliomatose. 

Weiter musste man auch an Veränderungen im t Plexus 
coeliacus denken, da diese ja sowohl vasomotorische Nerven für 
die Leber als auch für die Niere führt und Veränderungen in ihm 
von Dickinson und S c h a p i r o bei Diabetes insipidus und 
von L u s t i g bei Diabetes mellitus beobachtet wurden. Dagegen 
sprechen nur die negativen experimentellen Untersuchungen von 
P e i p e r, dem es durch Exstirpation des Plexus coeliacus mit 
folgender Degeneration des Nervus splanchnicus nicht gelang, 
Diabetes zu erzeugen. 


Die Autopsie unseres Falles lässt die Annahme zu, dass die 
metast-atisch erkrankten Lymphdrüsen in der Umgebung des 
Plexus solaris durch Druck auf denselben Degenerationserschei¬ 
nungen mit den Folgen auf den Stoffwechsel hervorgerufen 
haben. 

Dass Veränderungen in der Nebenniere, wie sie in auf¬ 
fälliger Weise sich zeigten, bei Diabetes schon beobachtet wurden, 
ist mir nicht bekannt. 

Die anatomisch diagnostizirte Pankreasatrophie könnte ja 
für die Aetiologie des Diabetes mellitus verwendet werden; für 
den zuerst bestehenden Diabetes insipidus beweist sie nichts, 
da bis jetzt nach experimenteller Pankreasexstirpation Diabetes 
insipidus allein und mit Uebergang in mellitus nicht beobachtet 
wurde. 

Der merkwürdige Nebenbefund des Fehlens des Uterus war 
höchst überraschend. Hat doch Patientin während des Lebens 
nie Angaben von einer gynäkologischen Operation gemacht, die 
sio überstanden, mit Ausnahme der schon erwähnten schweren 
Entbindung. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass damals schon der 
Uterus entfernt worden ist, weit eher muss man an eine spätere 
Exstirpation desselben wegen Karzinom denken, die uns die 
Patientin verschwiegen hat. 

Bietet uns so der Fall des Interessanten vielerlei, so lässt er 
uns über ebensoviel im Unklaren; und wir müsßen künftigen 
Forschungen vertrauen, dass sie die letzten Ursachen für beide 
Arten des Diabetes ergründen werden. 

Dass ein Zusammenhang zwischen denselben besteht, lehrt 
unsere Beobachtung. 

Zum Schlüsse erlaube ich mir, Herm Prof. Lazarus für 
die Ueberlassung der Bearbeitung des Falles bestens zu danken. 


Aus der Münchener chirurgischen Klinik (Prof. Dr. v. Angerex). 

Blutvergiftung und Amputation. 

Von Dr. H. Brauser, Assistenzarzt. 

Unter obigem Titel erschien im April 1901 in dieser Zeit¬ 
schrift aus der Feder D o e r f 1 e r’s ein Artikel'), der, wie ich 
glaube, wohl geeignet war, Aufsehen zu erregen. War er doch 
bestimmt, Lehren, die nach des Verfassers eigenem Ausspruch 
sich in jedem chirurgischen Lehrbuch heute noch finden, urazu- 
stossen und ad absurdum zu führen, und zwar Lehren, die für 
das Thun und Lassen des Arztes von grösster praktischer Be¬ 
deutung sind. 

Nun haben ja die Aufstellungen DoerflePs in dieser 
Zeitschrift bereits durch Mittheilungen von H. W o 1 f f aus der 
v B e r g m a n n’schen Klinik eine Beantwortung gefunden*)» 
und, wenn ich gleich hier vorausschicke, dass der Standpunkt, 
den unsere Klinik einnimmt, sich ziemlich genau mit den von 
W o 1 f f ausgesprochenen Grundsätzen deckt, so möchte es viel¬ 
leicht überflüssig erscheinen, des Näheren noch einmal auf die 
vorliegenden Fragen zurückzukommen. 

Allein bei der eminenten Wichtigkeit des Gegenstandes und 
bei der grossen Verbreitung der Münchener medizinischen 
Wochenschrift speziell unter den praktischen Aerzten Bayerns 
halten wir es für angebracht, dass auch von Seiten der Münchener 
chirurgischen Klinik Stellung zu den angeregten Fragen ge¬ 
nommen wird. 

D.’s Aufsatz zerfällt dem Sinne nach ln 2 Theile. In dem 
einen Theile legte er die Grundsätze dar, nach denen er frische 
Inflzirte Wunden und deren Folgezustände behandelt. Wir können 
uns hierüber kurz fassen: Die Behandlung aller Wunden von vorn¬ 
herein mit feuchten antiseptischen Okklusionsverbänden (Gutta¬ 
percha) dürfte wohl kaum allgemeinen Anklang finden. Neigt doch 
die Ansicht der meisten heutigen Chirurgen dahin, dass gerade 
die feuchte Wärme des Guttaperchaverbandes begünstigend auf 
das Wachsthum der pathogenen Keime wirkt Doch wollen wir 
uns, wie gesagt hierauf nicht näher einlassen. 

Ein Verdienst Doerfler’s Ist es zweifellos, wieder einmal 
mit Nachdruck auf den Werth und die Nothwendigkeit grosser, 
ausgedehnter Inzisionen bei allen phlegmonösen und sep¬ 
tischen Prozessen hingewiesen zu haben. Leider wird ja nur all¬ 
zuoft gegen diese Regel gesündigt. Wie häufig kommt es vor, 
dass Patienten mit ausgedehnten Panaritlen oder Phlegmonen zur 
Klinik kommen mit der Angabe, der Arzt habe bereits einge¬ 
schnitten, dass sie auf Grund dessen zuweilen einen weiteren Ein¬ 
griff lange verweigern, während bei der Untersuchung sich die 
„Operation“ als ein kleiner, kaum cm-langer, seichter Einschnitt 
herausstellt der oft noch nicht einmal bis auf den Eiter gedrungen 


*) No. 17 und 18, 1901. 
*> No. 48, 1901. 


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21. .Tanuar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 105 


ist. Wir möchten bei dieser Gelegenheit nicht den Hinweis unter¬ 
lassen, dass ein grösst*« Hindernis.« für richtiges und radikales Vor¬ 
gehen die enorme Schmerzhaftigkeit aller Vornahmen im eitrig 
intihrirteu Gewebe ist und dass desslialb die Operation unter 
Narkose — bei der Kürze des Eingriffs genügt meist die so be¬ 
queme Chloräthyl- oder Bromiithernarkose — im Interesse des 
Kranken und des Arztes auf das Dringendste zu empfehlen ist. 

Ich habe Obiges erwähnt, weil ich auf's Nachdrücklichste 
betonen möchte, dass auch wir den allergrössten Werth 
auf frühzeitige, ausgedehnte Inzisionen bei 
allen Formen der „B 1 u t v e r g 1 f t u n g“ lege n. 

Der zweite und Ilaupttheil der 1) o e r f 1 e r*scheu Abhand¬ 
lung gipfelt in dem Satze: „Ich verwerfe die Amputation bei Blut¬ 
vergiftung (sept. Phlegmone, Pyämie, Septikiimie, Phlegmone mit 
malignem Oedem etc.) auf Allerentschiedenste! Die Amputation ist 
in all" diesen, selbst allerschwersten Fällen nicht gerechtfertigt.“ 

Hierin geht nun D. nach der Ansicht und den Erfahrungen 
unserer Klinik entschieden viel zu weit. D. mag recht haben, dass 
mancher Arm und manches Bein, welches amputirt wurde, hätte 
erhalten werden können, allein die Amputation bei den in Frage 
stehenden Erkrankungen in allen Fällen als absolut unzulässig, 
als „einen Missgriff ärztlicher Kunst, eine Sünde gegen die Natur 
und ihre Gesetze“ zu bezeichnen, dazu können wir uns trotz der 
eindringlichsten und überzeugtesten Ausführungen D.'s nicht ver¬ 
stehen. 

Zunächst möchten wir einige Punkte und Behauptungen einer 
Besprechung unterziehen, die Doerfler für seine Meinung in’s 
Feld führt. 

I»en allgemein bakteriologischen Ausführungen D.'s ist 
Wolf f bereits auf's Treffendste mit dem Hinweis auf die Unter¬ 
suchungen N ö t z e l s begegnet; der Hauptfehler D.'s liegt wohl 
darin, dass er stets Vorhandensein von Bakterien oder Toxinen 
im Blut = Allgemeiniufektion, Sepsis im klinischen Sinne setzt, 
was doch sicher nicht richtig ist. 

Doerfler fragt desslialb: „Ja, woher wissen wir denn. 

dass nicht schon zahllose Streptokokken den Organis¬ 
mus bevölkern, Streptokokken verschiedenster und viru¬ 
lentester Art im Blute kreisen und sich rapid entwickeln V" 
Sicherlich! Das wissen wir häutig nicht, aber wir nehmen 
auch gar keine Rücksicht auf diese Frage, wir lassen sie 
unentschieden und sorgen nur dafür, dass dem Blut nicht immer 
neue Mengen solcher Feinde zugeführt werden, dadurch, dass wir 
die Möglichkeit des Nachschubs erschweren, zunächst indem wir 
den primären Infektionsherd breit eröffnen und offen halten, dann 
alter, wenn wir auf diese Weise nicht zum Ziel kommen, als letztes 
Mittel durch vollständige Beseitigung des primären Herdes 
mittels Amputation. 

Beide Methoden bezwecken das Gleiche, nur auf verschiedenen 
Wegen. 

Doerfler behauptet nun, die Amputation sei die schlech¬ 
teste und ungenügendste Methode hiezu. Dass sie die für den 
Kranken verlustreichste ist. und dass man sie desslialb nur in 
Nothfällen anwendet, versteht sich ja wohl von selbst, aber dass 
sie die schlechteste sei und noch dazu ungenügend, ist eine ganz 
unl*ewieseue Behauptung. Rein theoretisch betrachtet ist die radi¬ 
kale Entfernung eines schädigenden Objektes doch eher die vor- 
theilhafteste. 

Einen weiteren Grund, die Amputation gänzlich zu verwerfen, 
sieht Doerfler in der Schwierigkeit, den richtigen Zeitpunkt 
zu treffen. Das ist gewiss oft sehr schwierig, aber genügt diese 
Schwierigkeit in der Indikationsstellung dazu, einer Operation voll¬ 
ständig die Existenzberechtigung abzusprechen? Ist es nicht oft 
unendlich schwer bei Appendizitis, bei subkutanen Bauchver- 
letzungen die richtige Entscheidung: „Operation oder nicht“ zu 
treffen? Sollen wir desslialb diese Eingriffe als unzulässig be¬ 
zeichnen? Doch gewiss nicht. Der erste Satz von Doerfler’s 
Schlussthesen lautet: „Es gibt keine lokale Sepsis ohne Betheili¬ 
gung des Gesannntorganismus“. „Lokale Sepsis“ ist eigentlich eine 
contmdictio in adjecto und insoferne ist dieser Satz Doerfler's 
cl»enso richtig als selbstverständlich. Meint er jedoch damit, es 
gibt keine lokale Infektion ohne Allgemeininfektion, so dürfte diese 
Behauptung zum Mindesten sehr theoretisch aufzufassen sein, 
denn das Vorkommen lokaler Eiterungen ohne dass der Gesammt- 
organismus Im klinisch wahrnehmbaren Sinne darauf reagirt, steht 
wohl ausser Zweifel. Die von Doerfleram eigenen Organismus 
gemachten dieslieziiglichen Erfahrungen beweiseu meiner Ansicht 
nach nur seine individuelle gross«* Empfindlichkeit für die Infektion 
mit bakteriellen Giften. Dass es ab«*r anderseits eine lokale In¬ 
fektion mit schwerer Betheiligung des Gesaiumtorganismus gibt, 
welche letztere durch radikale Entfernung des lokalen Herdes er¬ 
folgreich lx*kämpft werden kann, werden, wie ich hoffe, die weiter 
unten stehenden Krankengeschichten beweisen. 

Man kann lx*i den Gliedabsetzungen wegen septischer Prozesse 
je nach dem Zeitpunkt, in dem diese vorgenommen werden, zwei 
Arten unterscheiden, ohne dass sich natürlich eine ganz scharfe 
Grenze zwischen beiden ziehen lässt: Die F r ii h o peratl «> n 
und die Spiitoperntlon. 

Die erstere kommt in Betracht bei «len akutesten Fällen fort¬ 
schreitender Phlegmom*, wie sie vor Allem durch den Bazillus des 
malignen Gederns hervorgerufeu wird, wenn die phlegmonöse In¬ 
filtration schon in «len ersten Tagen trotz ausgedehntester In¬ 
zisionen unaufhaltsam und rapid vorwärts schreitet, das Lolx*n 
förmlich von Stunde zu Stunde mehr und schwerer bedrohend. 

No. 3. 


Meist handelt «*s sich hier nicht mehr um Amputation, son 
«lern um die Exartikulation des l>etretf«*n«l<*n Gliedes. Wolf I 
führt in der ersten der mitgetlmilten Krankengeschichten (junger. 
kräl'tig«*r Arbeitt*r A.) einen in dieser Richtung «*klatanten Fall an, 
bei dem die Absetzung mit lebensrettendem Erfolge ausgeführt 
wurde. 

Gewiss sind solch«* Fälle nicht allzu häufig, leider nützt 
meistens bei derartigen schwersten Formen auch die Exartikulation 
nichts mehr, aber b«*weist denn nicht hier ein günstig verlaufender 
Fall mehr als zehn ungünstige? 

Nun behauptet Doerf I e r: „Wir haben wissenschaftlich uu«l 
■menschlich kein Recht zu einem letzten Versuch", wie »*s die 
Absetzung «les Gliiales in solchen verzweifelten Fällen ist. 

Ich glaub«* nicht, dass Doerfler mit dieser Behauptung An 
klang finden wird und ebensowenig, dass er in anderen Fällen nach 
«liesem Grundsätze handelt. Wie «»ft kommt nicht der Chirurg und 
sicher auch 1 > o «* r f 1 e r in der Lagt*, bei nahezu aussichtsl«»s«*n 
Fällen einen letzten Rettungsversuch in Gestalt eines operativen 
Eingriff«*« zu wagen! Ich erinnere nur, um eiues zu erwähnen, an 
die schwersten Fälle allgemeiner Perforationsperitonitis. 

Doerfler greift dann einen Satz Schrei her’s her¬ 
aus aus dem Handbuch der praktischen Chirurgie von Berg- 
in a n n, B r u n s und M i k u 1 i c •/.), in dem dieser über eine 
durch hohe Amputation geheilte progrediente Phlegmone be¬ 
richtet und fragt: „Kann «1er Gegenbeweis erbracht werden, 
«lass Schrei her"s Patient ohne Amputation gestorben wäre?" 
Abgesehen davon, «lass es b«*i einer solchen Art der Kritik 
überhaupt unmöglich wäre, die Wirksamkeit irgend einer Therapie 
durch die Kasuistik zu lx*w«*iseii, könnte man z. B. mit dem gleichen 
Recht, bei phlegmonösen. l«*tal endigenden Prozessen am Rumpf 
fragen: Hätte nicht vielleicht «ler betreffende Patient gerettet, wei¬ 
den können, wenn «*s nach der anatomischen Lage des Infektions¬ 
herd«*« möglich gewesen wär«*, letzteren durch Amputation zu ent¬ 
fernen? 

Jenen foudroyanten Fällen von Sepsis stehen nun andere, aber 
in ihrem Endresultat kaum weniger gefährliche gegenüber: Es 
besteht an irgend «*in«*r Extremität «du Infektionsherd, derselbe 
ist breit geöffnet, grosse Inzisionen sind gemacht, die Haut auf 
weite Strecken unterminirt, «li«* Muskeln und Sehnen förmlich wie 
Im anatomischen Präparat freigelegt, so dass nirgends eine !£.«*- 
tontion möglich: trotzdem reinigen sich die Wurnlen nicht, st«*ts 
wird ein ttbelriechemios S«*kret produzirt, die Wunden sind 
schmierig belegt und die A11 g e m e i n e r s c h e i n u u g e u 
«lauern an. Das Fieber fällt nicht ab, der Appetit stellt sich 
nicht ein. tlie Kräfte verfallen und «li«* Kranken kommen immer 
mehr und mehr herunter, sie siechen langsam dahin. lli«*r ist 
es, wo die Amputation ebenfalls lebensrettend wirkt, wo 
sie ihre schönsten Triumphe leiert. Im Nachstehenden seien 
einige, die Verhältnisse illustrirende, besonders charakteristische 
Krankengeschichten aus einer grossen Anzahl herausgegriffen. 

Marie A„ 5!» Jahre. Pat. erkrankte 3 Monate vor Eintritt in 
die Klinik an einem Pnnaritium dos rechten Zeigefingers und wurde 
ärztlich liehandelt. In der letzten Woche vor der Aufnahme nahm 
dit* Schwellung zu, au«h stellten sich stärkere Fiebererscliei- 
nungcu ein. 

Bei der Aufnahme am 21. I. UHX) war der Zeigefinger un¬ 
förmlich verdickt, die Schwellung erstreckte sich durch die Hold 
hand auf «len Vorderarm: Pat. fieberte hoch. Es wurden sofort 
grosse* Inzisionen gemacht, «li«* gesummte Muskulatur und ihre 
Interstitiell freigelegt, reichlich Eiter entleert. Nichtsdestoweniger 
blieb die Temperatur h«»oh bis 40.1 in der Axilla. Auch nachdem 
über das Elltmbogongelenk hinauf inzidirt wurde, erhielt sich das 
Fieber, die Pat. ver»«*l immer mehr und mehr. Daher wurde am 
27. I. wegen dringender lntlicatio vitalis «lio A in p u t a t i o n d «* s 
Obcrar m «* s oberhalb der Komlylen vorgenommen. 

Die Temperatur, welche am Abend vor der Operation no« h 
40,1 betragen hatte, fiel am Abend des Operationstages auf 36,3. 
erhob sich am nächsten Tage noch auf 39.0, und am dritten auf 
38,0, um dann «lauernd normal zu bleiben; die Patientiu erholt«* si«*h 
zusehends und konnte am 24. IV. (die Heilung erfolgte unter 
starker, das Allgemeinbefinden aller nicht stüreniler Eiterung) ge¬ 
heilt entlassen werden. 

Noch deutlichere allgemein-septische Erscheinungen zeigte 
nachstehender Fall. 

J. B., Dienstknecht, 24 Jahre alt, trat am 8. I. 1900 in Be¬ 
handlung der Klinik. Er führte seine Erkrankung auf eine 
4 Wochen vorher stattgehabte Verstauchung «les liuken Hand¬ 
gelenkes zurück. 

Bei seinem Eintritt war der ganze link«* Vorderarm diffus 
g«*schw«*llt, au mehreren Stellen fauden sich bis liandt ellergrosse, 
missfarbig lx*l«*gte, ulzerirte Flächen, das nekrotische distale Ende 
der Ulna lag fr«*i. 

Er wtrnlt* sofort ausgedehnt inzidirt, die total nekrotisch«* 
distale Epiphyse «l«*r Ulna entfernt, sämmtllch«* v«>rhandene Fisteln 
und ulzerirte* St«*ll«*n «»xkoelileirt. gespalten und breit tnmponirl. 
Unmittelbar an «li«* Operation schloss sich' ein ausgedehntes Ery¬ 
sipel mit sehr hohen T«*mp«*raturen an. welches am 16. I. abgeheilt 
war Aber auch nachher blieben di«* Temperaturen hoch: am 17. I. 
40.0. am 18. I. 39.6. am 19.1. 39.2. am 20.1. 39.9. am 21.1. 39.6. 
Die Inzisionswunden eiterten stark, am Ansatz «les linken Masseter 
trat eine schmerzhafte Periostitis auf (18. I.), nachdem schon am 
11. eine ebt*nsol<*ln* an der Symphyse sh-h gezeigt hatte: ausserdem 
fand si«-h nunmehr (18. I.) an Stelle «les bisher reinen 1. Moral¬ 
tones ein blasendes Geräusch. Allgemeinzustand sein- s« liw«*r. 

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Iw 


MUENCHENEft MEDIClNlSCllE WOCHENSCHRIFT. 


Nu. b. 


Am 22. I. suprakondyläre Amputation des Oberarms. Die 
höchsten Temperaturen der nachfolgenden Tage waren: 23. I. 39,4, 
24.1. 37,3, 25.1. 37,5, von da ab normal. 

Der Patient erholte sieh rasch, die Heilung der Wunde er¬ 
folgte unter geringfügiger Eiterung, am 10. II. konnte B. geheilt 
entlassen werden. 

In diesem Falle hatte also die Amputation, trotzdem bereits 
metastatische Entzündungen au entferuteu Körper- 
steilen auf getreten waren, den ausgesproehendsteu, man kann 
ruhig sagen lebensretteuden Erfolg. 

Etwas anders gelagert ist folgender Fall, welcher von Anfang 
an in unserer Behandlung stand. 

F. F., Forstgehilfe, 20 Jahre. Pat. brachte sich selbst aus 
Unvorsichtigkeit einen Schrotschuss in die rechte Hohlhand bei, 
und zwar aus unmittelbarer Nähe, indem dus Gewehr, auf dessen 
Mündung er die Hand stützte, sich entlud; er kam bereits am Tage 
nach der Verletzung in Behandlung der Klinik (20. XI. 1900). Die 
Sclirotladunig hatte die Hand vollständig durchsetzt und alle 
Weichtheile und Knochen zwischen Metakarpus I und IV voll¬ 
ständig zerschmettert. Es wurden zunächst alle gequetschten 
und zerrissenen Theile inklusive des 2. und 3. Fingere sorgfältig 
entfernt; möglichst glatte Wundverhältnisse geschaffen, aus¬ 
giebig desinfizirt, einige Situationsnähte gelegt, im Uebrigen aber 
die Wunde offen gehalten und tampouirt. Schon am 22. stieg die 
Temperatur auf 39,4, die Wunde war schmierig belegt, ül>el- 
riechend; die wenigen Nähte wurden entfernt, feucht verbunden. 

Am 23. Temperatur 40,4; Lymphangitis und throinbosirte 
Veuenstränge am Vorderarm. 24. XI. 40,2, 25. XI. 40,0, 20. XL 
39,0. Dann begann die Wunde sich zu reinigen, die Lymphangitis 
und Thrombophlebitis gingen zurück. 

Die abendlichen Temperaturen erreichten in der Zeit bis zum 
5. XII. nur mehr 38,0 oder 38,1. Pat erholte sich jedoch nicht 
wünscheuswertli, der Ernährungszustand ging zurück. Am 5. XII. 
plötzlich Schmerzen, Temperatur 39,5. 0. XII. Schüttelfrost von 

25 Minuten Dauer, Temperatur 41,2, geringe Schwellung am Hand¬ 
gelenk, keine Lymphangitis, keine Lymphdriisenschwollung. In¬ 
zision dorsal und volar am Handgelenke, Freipräpariren der Mus¬ 
keln und Knochen: es entleeren sich nur wenige Tropfen trüben 
Sekrets sowie einige nekrotische Kuocliensttickchen; die Wunden 
werden breit offengehalteu. 

7. XII. Temperatur 40,2, 8. XII. Temperatur 39,3, 9. XII. Tem¬ 
peratur 40,0. Pat. ist sehr schwer aftizlrt; völlig appetitlos, leicht 
ikterisch, Sensor!um zeitweise etwas benommen. 

10. XII. Amputation des Vorderarms an der Grenze zwischen 
mittlerem und vorderem Drittel. 

Die Temperaturen erhoben sich von da an noch einmal auf 
38,7, sonst nicht einmal mehr auf 38,0 und waren vom 10. XII. au 
normal. Patient bekam schon wenige Tage nach der Operation 
sehr guten Appetit und erholte sich rapid, die Operationswunde 
heilte per primarn. 

Es muss doch gewiss zugegeben werden, dass in diesem Falle 
so konservativ als möglich vorgegangen worden ist, um dem Manne 
wenigstens eine theilweise brauchbare Hand und ihn selbst seinem 
Beruf zu erhalten, nur die allerdringenste Lebensgefahr hat uns 
damals bewogen die Absetzung der Hand vorzunehmen, sie war 
not h wendig und in ihrem Erfolge eklatant. Bei solcher Sach¬ 
lage handelt es sich unserer Ansicht nach nicht um ein Recht, 
sondern um eine Pflicht zur Operation. 

Endlich möchte ich noch einen Patienten kurz erwähnen, der 
sich noch in Behandlung befindet. Bei ihm handelte es sich wieder 
um eine ausgedehnte Phlegmone des rechten Vorderarms, bei dev 
die Eiterung trotz tiefer und langer Inzisionen und Dralugirung 
aller Muskelinterstitien nicht zum Stillstand kam, das Fieber an- 
dauerte und der Kräftezustand in bedrohlichster Weise sank. 
Am 29. XI. wurde aus dem Blut der Staphylo- 
coccus pyogenes albus in Reinkultur gewonnen. 

Seit der am 30. XI. 1901 vorgenommenen Amputation Ist die 
Temperatur normal und Patient hat sich bereits in jeder Be¬ 
ziehung erholt. 

In diesem Falle war also nachgewiesenermaassen 
das Ereigniss eiugetreten, welches nach Dörfler den Nutzen 
der Amputation von vornherein illusorisch machen soll, e s 
kreisten die Bakterien im Blut; und doch wieder der 
prompte Erfolg! Auch W o 1 f f berichtet ja Uber 2 derartige Fälle. 
Ich glaube, dass die angeführten Beispiele genügen; eine grössere 
Anzahl würde nur Wiederholungen bieten. 

Wir haben bisher absichtlich die Frage nur vom Standpunkt 
der Indicatio vitalis betrachtet und unerwähnt gelassen, dass sehr 
häufig auch Im Hinblick auf die spätere Funktion die Erhaltung 
der betreffenden Extremität werthlos ist. D o e r f l e r sagt zwar: 
„die spätere Regeneration und Erzielung eines gebrauchsfähigen 
Armes ist bei genügender Berücksichtigung aller Hilfsfaktoren, 
namentlich der Bewegungstherapie, fast stets zu erreichen.“ 
Nun, wir sind, obwohl uns im Krankenhaus 1/1. die modernsten 
Hilfsmittel der medico-mechanischen Behandlung zu Gebote 
stehen, in dieser Hinsicht nicht so optimistisch. Gangrän, eitrige 
Einschmelzung und Nekrose von Sehnen, Muskeln, Bändern und 
ganzen Kuochentheilen schaffen nach unsera Erfahrungen nur zu 
häutig derartig verstümmelte Extremitäten, dass sie zum Ge¬ 
brauch nicht nur untauglich sind, sondern dass ihre Anwesenheit 
die Arbeitsfähigkeit des Verletzten direkt beeinträchtigt. 

Von einer nochmaligen genauen Formulirung der nach den 
Erfahrungen unserer Klinik bestehenden Indikationen zur Am¬ 


putation sehe ich ab, sie gehen aus den vorstehenden Ausfüh¬ 
rungen wohl zur Genüge hervor, ausserdem verweise ich auf die 
Formulirung derselben in dem Wolf f’schen Aufsatz (S. 1917), 
die unseren Anschauungen in jeder Beziehung entspricht. 

Ich gebe mich der Hoffnung hin, dass ebenso wie durch die 
letztgenannte Abhandlung so auch durch die vorstehenden Aus¬ 
führungen und mitgetheilten Krankengeschichten ein Beitrag 
geliefert wurde zur Bekämpfung einer Ansicht, die, konsequent 
durchgeführt., geeignet ist, gelegentlich eine not h wendige, 
lebensrettende Operation zu verhindern, deren Berech¬ 
tigung wir nach wie vor anerkennen und die wirinit nicht e n 
aus den klinischen Lehrbüchern gestrichen wissen möchten. 


Amputation und Blutvergiftung II. 

Von I)r. Heinrich Doerfler in Regensburg. 

v. Bergmann bat in der Sitzung vom 30. Oktober 1901 
der Berliner medizinischen Gesellschaft Stellung genommen gegen 
meine Abhandlung obigen Titels, veröffentlicht in No. 17 und 18 
dieser Wochenschrift vom Jahre 1901. Er ist dabei mit aller Ent¬ 
schiedenheit dafür eingetreten, dass, wenn eine Phlegmone trotz 
der grossen Inzisionen sich immer weiter auszubreiteu die Neigung 
zeige, die Zelt zur Absetzung des Gliedes gekommen sei und zwar 
auch dann, wenn das Blut bereits dieselben Bakterien enthält, wie 
das phlegmonöse Gewebe (vergl. Münch, med. Wochensehr. No. 45, 
S. 1820). Er fügt dann hinzu, es sei heutzutage Sitte geworden, 
in solchen ärztlichen Dingen Uber Andersdenkende und -Handelnde 
immer gleich so abzuurtheilen, als ob eine vor den Staatsanwalt 
gehörige That vorläge. 

Selbstverständlich habe ich mich in meiner Abhandlung mit 
dem Staatsanwalt weder direkt noch indirekt auch nur andeutungs¬ 
weise beschäftigt, dagegen habe ich gar nichts eiuzuwenden, wenn 
Jemand aus ihr herauslesen will, dass die Amputation unter 
Umständen als „Kunstfehler“ l>etrachtet werden kann, ob¬ 
gleich auch dieser Ausdruck (vergl. Referat der Deutsch, med. Ztg.) 
in meinem Aufsatz nicht zu finden ist. v. Bergmann ist da¬ 
mit nicht innerhalb der Grenzen sachlicher Kritik geblieben; 
jedenfalls beweist mir seine Polemik, dass hier noch eine wunde 
Stelle zur Diskussion steht. Zum Anhänger der Amputation haben 
mich seine Aeusseruugeu nicht umzuwandeln vermocht Mein 
Aufsatz entstand aus der praktischen Erfahrung heraus und ist 
für den Praktiker bestimmt. Er soll eine Lücke ausfüllen in der 
bis jetzt sehr unsicher gehaltenen Lehre von der Amputation bei 
Blutvergiftung. Ich stelle hiebei ausdrücklich fest, dass ich Ein¬ 
gangs meiner Worte darthat, dass ich solche Fälle im Auge 
habe, bei welchen laut Bericht in Folge aufgetretener Blutver¬ 
giftung nach kleinen Verletzungen „sofort“ oder am „2., 3. und 
4. Tage“ amputirt werden musste. 

Das Verhalten der Kliniker in solchen Fällen kam .hiebei gar 
nicht iu Frage. Dort geschieht dies wohl längst nicht mehr. Die 
Praxis mit ihren trüben Resultaten kam hiebei nur iu Betracht. 
Desslialb habe ich am Schlüsse meiner Arbeit damals ausdrücklich 
geschrieben: „Da möchte mir mancher zurufen, ich stosse offene 
Thüren ein mit meiner Kriegserklärung gegen die Amputation, 
die man heute kaum mehr oder nur in den seltensten Fällen 
macht. Dem ist aber leider nicht so! Es wird noch jährlich in 
ungezählten Fällen dieser Missgriff ärztlicher Kunst bei sog. Blut¬ 
vergiftung (sc. iu der Praxis) begangen und fordert derselbe noch 
jährlich seine Opfer!“ Die Schuld hiefür bürdete ich den in den 
Lehrbüchern der Chirurgie gegebenen, der Präzision gänzlich ent¬ 
behrenden Lehren auf, und thue das heute noch. Klinische 
Lehren und deren Bethätiguug in der Praxis sind oft 
zwei grundverschiedene Dinge und was in der Klinik spielend 
ausgeführt werden kann, Ist oftmals ln der Praxis gänzlich un¬ 
möglich. Und desslialb braucht der Praktiker möglichst präzis 
gehaltene Angaben, welche ihm eine zuverlässige Richtschnur für 
sein therapeutisches Eingreifen sind. Denn Schlag auf Schlag 
setzt die foudroyante septische Phlegmone ein und Schlag auf 
Schlag bis zum letzten Moment muss der Praktiker wissen, was 
er zu thun hat. Glückt es nicht, das Verderben aufzuhalten, geht 
der Pat. zu Grunde, so trägt der Arzt in sich die beruhigende 
Gewissheit, Alles gethan zu haben, was überhaupt möglich war. 
Heute hat er sie noch nicht. Unbeantwortet ist die Frage: Darf 
Ich amputireu und wann darf ich amputireu? 

• v. Bergmann hat iu klarster Weise nun in seinem jüngsten 
Vortrage „Ueber die Behandlung der akuten progressiven Phleg¬ 
mone“ den Weg gezeichnet. Mögen seine dort niedergelegten 
Grundsätze als besonderes Kapitel Aufnahme finden ln unseren 
chirurgischen Lehrbüchern der Gegenwart zum Nutz und Frommen 
der praktischen Aerzte, zum Heile der Kranken. Vielleicht folgt 
diesem ersten Vortrage, der bis zur Amputation sich erstreckt, 
eine neue Arbeit des grossen Klinikers, ln welcher auch das Kapitel 
der Amputation selbst bei progressiver Phlegmone behandelt wird. 
Dann ist mein Streben nach Klarheit iu dieser eminent bedeutungs¬ 
vollen Frage genügend belohnt. 

In dem oben erwähnten Vorträge v. Berg mann’s, gehalten 
gelegentlich der Eröffnung der Fortbildungskurse für Militärärzte 
(Berlin 1901, bei Hirschwald erschienen) ist besonders betont, 
welch* vorzügliches Heilmittel die grossen Inzisionen bei dieser 
Erkrankung sind und es heisst dort unter anderem „... aber zur 
Zeit, da nur Arm und Bein betroffen sind, ist die Wirkung 
der Inzisionen in den meisten Fällen eine den Pro¬ 
zess begrenzende". (Seite 15 der Abhandlung.) 


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21. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


107 


Damit sind zunächst präzise Vorschriften geschaffen, wie der 
Arzt sich zu verhalten hat, so lange als der septische Prozess sich 
auf die Extremität beschränkt. Wird trotz der Schnitte das 
jähe Fortschreiten der Phlegmone nicht gehemmt, greift dieselbe 
auf den Kumpf Uber, was hat dann zu geschehen - ' 
Soll weiter inzidirt worden oder soll amputirt resp. exartikulirt 
werden? 

Nach meinen und zahlreichen Erfahrungen anderer Chirurgen 
sollen die Inzisionen in ausgiebigster Weise fortgesetzt werden, 
die Amputation dagegen ist zu unterlassen oder jedenfalls nur 
unter ganz genau flxirten, engbegrenzten Umständen zulässig. 

Und damit komme ich zu dem Punkte, den Ich zur öffentlichen 
Diskussion bringen wollte, v. Bergmaun’s Polemik in der 
medizinischen Gesellschaft zu Berlin und eine von einem seiner 
Assistenten (Dr. Wolff) augefertigte Erwiderung (Münch, med. 
Wocheusohr. No. 48, 1901) veranlassen mich zu ausführlicher Entgeg¬ 
nung. Bei meiner ersten Abhandlung war für mich nicht die Frage 
«ler Behandlung der akuten malignen Phlegmone au sich, sondern 
diejenige der Unzulässigkeit der Frühampututlon in der Praxis 
aktuell, also die Beseitigung eines geradezu verhänguissvollen 
Fehlers in der chirurgischen Therapie! 

Zunächst nun nochmals kurz mein Programm: Ich ver¬ 
werfe die Frühamputation bei frischer progre¬ 
dienter Phlegmone a u f’s Entschiedenste. Ich gehe 
noch einen Schritt weiter: Ich verwerfe - die Amputation 
bei frischer septischer Phlegmone überhaupt, 
wenn «1 i e s e aus kleinen Verletzungen hervor- 
ge gangen ist, die Extremität in ihrer Totalität 
durch Traumen nicht alterirt ist und wenn durch 
den an der verletzten Stelle wieder eingetretenen Entzüuduugs- 
prozess nicht ausgedehnte Welchtheil- und Sehnen- 
nekrosen oder Gangrän eingetreten ist. Und .selbst 
diese muss ihre Begrenzung gefunden haben. Deji’n das 
Schaffen frischer Operationswunden in septisch-eiterigen oder 
septisch-serösen Bezirken oder in der Nähe derselben birgt unter 
allen Umständen grosse Gefahren in sich und gibt fast stets die 
Veranlassung zu erneutem Aufflammen der Sepsis, es werden in 
«len frischen durch Operationen geschaffenen Wunden neue Ein¬ 
gangspforten gebildet zu den alten schon vorhandenen. 

W. gibt ln seiner Erwiderung die Indikationen für Absetzung 
der befallenen Extremität bei progredienter Eiterung, malignem 
0«Hlem und foudroyanter Gangrän, wie sie in der Berliner Klinik 
derzeit gelten und geräth dabei über die von mir gezogenen 
Grenzen hinaus. 

Die Frage der Amputation «1er Extremitäten 

1. bei schweren Verletzungen mit ausgiebiger Zerstörung von 
Weichtheilen und Knochen, die ein nur irgendwie gebrauchs- oder 
heilungsfähiges Glied nicht mehr als möglich eracht«;n lassen; 

2. die ausgedehnte Zerreissung von Weichtheilen mit Er¬ 
öffnung oder Zerschmetterung grosser Gelenke; 

3. die Eröffnung und Zerstörung derselben allein mit konse¬ 
kutiver schwerer septischer Eiterung; 

4. schwere, ln Folge der Verletzung und Infektion aufg<>- 
tretene Gewebs- und Gelenkseiterungen, welche tiefgreifende <ie- 
struktive Prozesse an Knochen- und Weichtheilen nach sich ziehen 

- diese Frage gehört nicht ln den Rahmen meiner 

vorigen Abhandlung, sie ist eine Angelegenheit für sich und 
war auch in meiner ersten Arbeit nicht berührt. 
Wenn ich ln derselben einige Worte über das chirurgische und 
antiseptische Handeln des Arztes in der Landpraxis bei frischen 
schweren Verletzungen obiger Art einfügte, so geschah dies nur, 
um den Werth der Prophylaxe zur Verhütung der Sepsis an 
erlebten Beispielen klnr zu legen! 

Warum ich an obigem Programm unentwegt festhalte, das 
soll in folgenden Ausführungen ■ klargelegt wenlen. Mögen die- 
selljeit auch bei den Gegnern nicht auf sterilen Boden fallen! 

Zunächst sei erwähnt, dass mir zahlreiche Zuschriften nach 
Veröffentlichung meiner Arbeit zugingen, in welchen mir freudige 
Zustimmung zu meinen Thesen ausgesprochen und reichliches, 
zum Theil sehr interessantes Material zur Verfügung gestellt 
wurde. Aus allen diesen Briefen geht deutlich hervor, dass meine 
Th«*sen so nufgefasst wurden, wie sie beabsichtigt waren, „als 
eine Kriegserklärung gegen die zu frühe Amputation au sich ohne 
Erschöpfung aller chirurgischen Hilfsmittel bei frischen septischen 
Phlegmonen andererseits“. Jeder der mir zustiramenden Kollegen 
bestätigte, dass allenthalben in der Praxis in Folge der Unklar¬ 
heit der Anschauungen in zahlreichen Fällen amputirt wird, wo 
es sicher nicht nothwendig Ist. Gerade diese Thatsache scheint 
dem Kliniker in ihrem ganzen Umfange nicht genügend bekannt 
zu sein. Meine Ausführungen entstanden aus der Praxis und Ihren 
tiefernsten Erfahrungen heraus, und mit mir haben zahlreiche 
Chirurgen und praktische Aerzte ebenso empfunden. Ich nehme 
au, dass W. die derzeitigen Anschauungen der Berliner chirur¬ 
gischen Klinik vertritt, und dass somit seine Veröffentlichung 
v. B e r g m a n n’s Approbation besitzt. Dies veranlasst mich, zum 
besseren Verständnis meiner früheren Thesen W o 1 f f’s Ausführ¬ 
ungen einer Besprechung zu unterziehen und zugleich neue ein¬ 
wandfreie Belege aus der Praxis zu bringen, dafür, dass meine 
Anschauungen in der That ihre volle Berechtigung haben. In 
W.’s Erwiderung fehlt zwar keineswegs der Ton einer gewissen 
klinischen Ueberlegenheit, aber OT bat dabei übersehen, dass er 
von meinem eigentlichen Thema abgekommen ist und mir beweisen 
will, was ich nicht bestritten habe. Bezüglich seiner dort nieder- 
geiegten nicht immer ganz klaren Anschauungen in den von meinem 
Thema abweichenden Fragen stehe ich grösstentheils auf dem¬ 
selben wissenschaftlichen Standpunkte, womit jedoch nicht gesagt 


sein soll, dass ich mit seinen Ausführungen in allen Punkten ein¬ 
verstanden bin. 

Zunächst musste jeder Leser der Arbeit W.’s den Eindrin-k 
gewinnen, als ob ich überhaupt jede Amputation bei Sepsis jede r 
Art prinzipiell verwerfe. W. spricht hiebei die Ansicht aus, dass 
„Lehren, welche in der hier gewühlten allgemeinen und dabei so 
positiven Form aufgestellt werden, eine geradezu verhängnisvolle 
Wirkung haben können etc.“ Da sich aber meine Lehren, wie 
schon erwähnt, nur gegen die Amputation bei frischer progre¬ 
dienter Sepsis nach Verletzungen und sonstigen traumatischen 
Komplikationen innerhalb der ersten Tage (nach meinen Erfahr¬ 
ungen etwa 8—12 Tage) richten, halte ich alles, was ich gesagt 
habe, aufrecht. Eine verhängniss volle Wirkung werden 
diese Lehren nie haben, im Gegen theil, sie werden ihr«? 
guten Früchte tragen im Gegensatz zu den bisherigen Grund¬ 
sätzen. Besser immer noch: ein Arzt amputirt in der Praxis zu 
spät als zehn zu früh! Selbstverständlich werden nie rein theore¬ 
tische Forschungen, denen unwiderlegliche Sicherheit noch nicht 
zukommt, für die therapeutischen Entschlüsse und Handlungen 
des Praktikers von bestimmendem Einfluss sein. Er wir«l sich 
derselben erinnern und stets zu beurtheilen suchen, wie weit sich 
Theorie und Praxis in Einklang bringen lassen. Diesen Stand¬ 
punkt nehmen wir den Forschungen eines Schimmelbusch, 
II a 1 b a n , Rücker ebenso wie eines Friedrich, Canon, 
N ö t z e 1 gegenüber ein, und so halte ich auch trotz der von 
Friedrich anfgestellten Sätze, dass jede natürliche, nicht mit 
Reinkulturen bewerkstelligte Infektion in der weitaus grössten 
Zahl der Fälle bis mindestens zur (5. Stumle oder dauernd einen 
örtlichen Charakter habe, daran fest, dass es keine lokal be¬ 
schränkte Sepsis gibt und verweise auf meine diesbezüglichen 
Ausführungen. 

Da wir nun unser Material fast ausschliesslich erst zu Ge¬ 
sicht bekommen, wenn schon die beginuemle septische Entzündung 
vorhanden ist, so kommt dieser Satz F r I e d r i c h’s für den Prak¬ 
tiker kaum in Betracht! W. gibt zu, dass die Indikation zur Am¬ 
putation mit absoluter Schürfe nie werde festgelegt werden können 
und kommt nun zu den Verhältnissen, unter welchen die Ampu¬ 
tation für gerechtfertigt und geboten erachtet wird. Gegen diese, 
seine Indikationen Hesse sich manches ein wenden, aber abgesehen 
davon, dass hieinlt ein anderes Kapitel angeschnitten wird, ge¬ 
stattet uns die Zeit leider nicht, hierauf genauer einzugehen. 

Ich begnüge mich daher damit, seinen weiter begrenzten Indl- 
kathmen zur Amputation meine engeren entgegenzustellen und die 
Berechtigung dieser Begrenzung durch Beispiele zu illustriren. 
Ebenso kommen für mich nicht in Betracht die Fälle von akuter 
infektiöser Osteomyelitis, die eventuell zur Amputation führen 
können, ebensowenig die Fälle von Gelenkeiterungen, komplizirten 
Frakturen mit folgender septischer Phlegmone etc. 

Dass in erster Linie die peinlichste Beurtheilung des Allge¬ 
meinzustandes des Patienten für unser therapeutisches Verfahren 
maassgebend sein muss, ist selbstverständlich; dass theoretische 
Erwägungen über die Zahl oder Giftigkeit der in’s Blut einge¬ 
drungenen Infektiouskeime hiebei ganz ausser Acht bleiben, ist 
ebenso selbstverständlich. Lediglich die Widerstandskraft des 
Patienten gegen das Virus und seine Erzeuger darf maassgebeud 
sein. Diese aber variirt bekanntlich ungeheuer! Ich rekapltulire 
kurz unser Vorgehen: 

Da gewöhnlich die Patienten erst in Behandlung treten, wenn 
schon beginnende Phlegmone und allgemeine Krankheitserschei¬ 
nungen vorhanden sind, so hat unser erster therapeutischer Ein¬ 
griff ln grossen, die ganze Länge der Infiltration durchsetzenden 
Inzisionen zu bestehen. Ich taste mir genau die Schmerzgrenze 
ab und bis zum Ende derselben verlängere ich meine Inzisionen. 
Ist daran anschliessend noch ein grösserer Bezirk aufwärts öde- 
matös, so wird auch dieser in seiner ganzen Ausdehnung in langen 
und tiefen Schnitten vorn und hinten gespalten. Hiezu benutze 
ich die vorher gebrauchten Instrumente und Verbandstoffe nicht, 
sondern frische Instrumente, frisch sterilisirte Verbandstoffe, 
frische Lösungen. Ist das Oedem am nächsten Tage weiter ge¬ 
gangen, so wird unter streng aseptischen Kautelen hier weiter in¬ 
zidirt und drainirt. Ist das geschehen, dann werden erst die 
Tampons vom Tage vorher entfernt und zwar in rück¬ 
wärtsgehender Reihenfolge, zuletzt die Tampons der eitrigen 
Regionen. Hat das Oedem oder das eitrige Inültrat auf Schulter 
oder Hüfte übergegriffen, so werden die Inzisionen in langer Aus¬ 
dehnung bis an die Grenzen des jeweiligen Oedems fortg<?setzt und 
hier am Rumpfe, an Brust und Rücken kommen die Oedeme und 
Infiltrate fast ausnahmslos zum Stillstand, schon aus Gründen 
der gänzlich veränderten und für die rapide fortschreitende Phleg¬ 
mone ungünstigen Anordnung der Lymphwege! Schreitet trotzdem 
auch hier das Infiltrat noch weiter, so dürfte die Amputation schon 
desswegeu zwecklos sein, weil zu grosse Partien des Rumpfes 
inflltrirt sind und die Quelle für weitere Bakteriämie oder Toxiu- 
ämie sicher nicht mehr im Infektonsherd am Ort der Verletzung 
oder in den eitrigen Infiltraten der Extremitäten allein liegt, son¬ 
dern in den inflltrlrten Regionen des Rumpfes genügend toxisches 
Material angebäuft ist, um den Tod zu veranlassen. Die Ncu- 
infektiou der gesunden Region erfolgt stets vom Randgebiete des 
Entzündungsherdes aus. Die Lyinphbahneu des ursprünglichen 
Infektionsherdes, namentlich wenn dieser hochgradig patho¬ 
logisch-anatomisch verändert ist, wie dies in s«-hweivn 
Fällen wohl stets der Fall ist, haben ihre physiologische 
Resorptionskraft derart eingebüsst, dass sie nur noch 
theoretisch in Betracht kommen; im nekrotischen und 
beginnend nekrotischen Gewebe Ist die Lcitungs- mal Auf- 
saugungsfähigkeit der Lymphwege überhaupt aufgehoben. Rech¬ 
net man hiezu noch die von Anfang an inszenirte gründliche Ab- 


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108 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


leitung d«*r Sekrete nach aussen, so bietet der ursprüngliche In¬ 
fektionsherd, auch wenn er beträchtliche Ausdehnung zeigt, einen 
sehr unwesentlichen Faktor bei dem rapiden Fortschreiten der 
akuten Sepsis. Beweis: Die zahllosen Todesfälle auch nach oder 
trotz der Amputation. Als Schulfall in dieser Hinsicht möchte 
ich den von Professor v. II e inek e und mir seiner Zeit in der 
Erlanger Klinik behandelten Fall des Kollegen Ur. Iv. bezeichnet! 
(s. früher). Nun kommt noch hinzu, dass es doch eine Forderung 
der Anhänger der Amputation bei Phlegmone ist, dass man .im 
Gesunden amputirt. v. Bergmann gibt in seiner letzten 
Veröffentlichung selbst zu, dass man, solange sich die Phlegmone 
auf die Extremität beschränkt, mit den grossen Inzisionen fast 
stets auskommt. Das entzündliche Gedern, das meist in grossen 
Bezirken Uber die eiterigen Regionen weit hinaus sich erstreckt, 
wird in den meisten Fällen nur noch die Exartikulation und diese 
nur unter unsicheren Verhältnissen in Frage kommen lassen, weil 
eben thatsächlieh meist schon bei der Ablatio in entzündlich 
ödematösem Gewebe gearbeitet werden muss. Operirt mau aber 
früher, dann ist es in den meisten Fällen erst recht zu früh! 
Dann ist die Ablatio auch nach v. Bergmann'» Anschauung 
wissenschaftlich noch nicht gerechtfertigt. 

Sicher ist, dass man absolut keine Garantie hat. ob. selbst 
wenn mau frühzeitig amputirt. nicht schon genügend Toxine im 
Blut waren, die darnach noch «len Tod verursachen, trotzdem 
noch vereinzelte Autoren dies in Abrede stellen. Man müsste eben 
dann, wie es gegenwärtig zur Ueberbrüekung dieser absoluten 
Unsicherheit bezüglich des rechten Zeitpunktes häufig geschieht, 
annehmen, dass alle die Fälle, bei welchen nach Amputation 
Heilung eintrat, als zur rechten Zeit operirt gelten, diejenigen, 
die starben trotz Operation, als zu spät zur Operation gekommen 
erachten. Für diejenigen Fälle aber, die sterben, ohne amputirt zu 
werden, bliebe daun stets noch der Vorwurf der versäumten 
Ablatio. 

Geradezu typisch in dieser Beziehung dürfte folgende Gegen¬ 
überstellung des von Wolff angeführten Falles und eines meiner 
Fälle sein. 

Wolf f's Fall: Junger, kräftiger Arbeiter kommt mit äusserst 
maligner Form des akuten purulenten Oedems Pirogoff's in 
die Berliner Klinik. Der Erfolg der sehr ausgiebigen Spaltungen 
war nicht befriedigend. - Die septischen Allgemeinerscheinungen 
nahmen zu, die septische Phlegmone war am folgenden Tag über 
das Schultergebiet in progredienter Weise auf Brust und Rücken 
ülK*rgegangen, dabei äusserster Kollaps und Benommenheit des 
Patienten. 

Per Fall schien aussichtslos. Ohne Zögern wurde nun die 
Exartikulation der Schulter vorgenommen, obwohl auch sie eine 
sichere Gewähr gegen das Fortschreiten des lokalen und allge¬ 
meinen septischen Prozesses nicht bieten konnte. Die Wirkung 
des Eingriffes war frappant. Rückgang der Phlegmone am Rumpfe 
und Schwinden der septischen Allgemeinerscheinungen folgte un¬ 
mittelbar der Absetzung des Gliedes. Baldige Heilung. 

Nach W o 1 f f’s fester Uel>erzeugung wäre ohne den vorge¬ 
nommenen Eingriff oder bei Hinausschieben desselben der Kranke 
sicher verloren gewesen. Dabei ist er sich aber auch bewusst, 
dass auch die Amputation vielleicht nicht mehr lebensrettend ge¬ 
wirkt hätte, wenn die günstigen Konstitutionsverhältnisse des 
Kranken nicht zu Hilfe gekommen wären. 

Mein Fall (mitgetheilt im Mai d. Js. von Dr. B., Spezialarzt 
für Chirurgie): Vor ca. 2 Monaten verletzte sich die 38 jährige 
Bauernfrau M. dadurch, dass sie sich eine kaum sichtbare Stich¬ 
wunde am rechten kleinen Finger zufügt«'. Wenige Stunden nach¬ 
her hohes Fieber, leichte Schwellung der Umgebung der Stieh- 
verh'tzung. Am nächsten Tage hohes Fieber anhaltend, Finger 
und Hand bis zum Handgelenk geschwollen. In Folge dessen 
ausgiebige Inzisionen längs des Fingers und an der Haml. Kein 
Eiter. 

Am zweiten Tage in Folge bolnm Fiebers und weiterer Aus¬ 
breitung der Schwellung über den Vorderarm neue ausgedehnte 
Inzisionen über das ganze geschwollene Gebiet bis zum Ellen¬ 
bogen herauf. Nirgends Eiter, sulzlg-ödematösc Aufschwemmung 
der durchträukten Gewebe, Eutleerung von Serum. Am nächsten 
Tage keine Besserung. Allgemeinbefinden dagegen sehr schlecht. 
Patientin delirirt viel. Puls 120—130; klein, flatternd. Desshalb 
■am 4. Tage bei fortschreitender Verschlimmerung weitere In¬ 
zisionen beziehungsweise Erweiterung und Verlängerung der schon 
vorhandenen bis hoch herauf zum Oberarm. Jetzt zwischen den 
Muskelinterstitien spärlich Eiter. Trotzdem nach kurzem Abfall 
erneuter höherer Anstieg der Temperatur. Uebergroifen der Phleg¬ 
mone auf Schulter und Brust, in der Nacht zunehmende grosse 
Schwäch«', Athembeschwerden, Endokarditis nachweisbar, ebenso 
pleuritisches Reiben. Nach erneuter Berathung der behandelmlen 
Aerzte wird der Zustand als derart hoffnungslos gefunden, dass 
ausser «len Laien auch die Aerzte am Aufkommen verzweifeln, 
«1a «1er Exitus sozusagen stündlich erwartet wird. Wir erklärten 
dem Manne der Patientin unsere Gründe, aus w«*lchen wir eine 
Ablatio nicht m«*hr vorschlügen; unter Hinweis auf schon ge¬ 
machte günstig«' Erfahrungen glaubte ich jedoch nicht jed«* Hoff¬ 
nung aufgeben zu müssen. In der folgenden Nacht trat, statt des 
«•rwarteten Exitus Besser u n g «‘in. und von «1a ab langsam 
Genesung. 

So lautet «Ile Krankengeschichte «i«*s Knllegcu B. Mir er¬ 
scheint dieselbe sehr geeignet zum Beweis für in e i n «• Auffassung. 
Hätte Kollege B. an demselben Tage amputirt. an dem beschlossen 
wurde weg«>n allgemein trostlosen Befundes die Amputation ab¬ 
zulehnen und wäre darauf die Besserung eingetreten, welch«' 
in unserem Falle in derselben Nacht auch ohne Amputation tlmt- 
sächlieh «'ingetreten ist. so hiitt«* inan selbstverständlich si«-h ge¬ 


sagt: In diesem Falle hat «loch sicher die Amputation lebeus- 
retteml gewirkt. Er wäre ein Schulfall für die Lehre von der 
Amputation und ihre Berechtigung gewesen. So alter unterblieb 
dieselbe, und zufällig in derselben Nacht trat die Wendung zuui 
Besseren ein. Der Beweis ist demnach zu Gunsten meiner Thesen 
ausgefallen. Denn ebenso gut hätte in derselben Nacht in W.'s 
Falle auch ohne Amputation die Besserung eintreteu können, 
welche W. als eine sichere Folge der vorgenommenen Ablatio 
bezeichnet. 

Folgend«? weitere Fälle aus einem unserer grössten sü«l- 
deutschen Krankenhäuser mögen ferner bekunden, wie sehr die 
Sicherheit der Indikationsstellung zur Amputation getrübt wird 
durch überraschende Wendungen im Verlauf der progredienten 
Phlegmone mit schwerer allgemeiner Sepsis: 

52 jähriger Mann, Potator, verletzte sich durch Ausgleiten 
auf der Strasse an einer zerbrochenen Mineralwasserflasche am 
linken Ellenbogengelenke über dem Olekranon. Gelenk nicht er¬ 
öffnet. Die Wunde reinigte Patient mit Spülwasser. Es ent¬ 
wickelte sich schon am nächsten Tage eine foudroyante Phleg¬ 
mone mit schwerer allgemeiner Sepsis. Grosse zahlreiche In¬ 
zisionen. Der Prozess schreitet rapid weiter. Schüttelfröste, 
intermittireudes Fieber, Verfall der Kräfte. Multiple tiefe In¬ 
zisionen an Streck- und Beugeseite von Vorder- und Oberarm, so¬ 
wie in der Schultermuskulatur. Permanentes Bad mit schwacher 
essigsaurer Thouerdelösung. Denkbar schlechtes Befinden, kleiner, 
fadenförmiger Puls, 130—140. 

Zu wiederholten Malen legten wir uns die Frage der Exarti¬ 
kulation vor, stellten aber auch die Prognose post exarticulatiouem 
wegen Potatoriura, Fettherz und der Schwere der allgemeinen 
Sepsis absolut infaust. In Folge dessen konservative Behandlung 
neben Verabreichung von Analepticis. In den nächsten Tagen 
Stillstand der Phlegmone. Nach mehrwöchentlicher Behandlung 
wird Pat. mit Versteifung des Ellenbogengelenkes, da auch dieses 
zuletzt von der Eiterung ergriffen war, geheilt entlassen. 

Wissenschaftlich war der Fall verloren, thatsächlieh ist er 
geheilt. 

Als Gegenstück hiezu stellt mir derselbe Kollege 2 weitere 
Fälle, welche zu ders«?lben Zeit dort in Behandlung standen, zur 
Verfügung. 

In beiden Fällen wurde wegen schwerer Sehnenscheiden¬ 
phlegmone von der Vola manus ausgehend im Anschluss an Schnitt- 
verh'tzungen am 5. resp. 6. Tage in einem Falle die Amputatio 
antibrachii, im anderen humeri wegen schwerer allgemeiner Sepsis 
behufs rascher Entfernung des Infektionsherdes ausgeführt. Exitus 
in beiden Fällen nach einigen Tagen. 

Endlich möchte ich noch aus meinen klinischen Erinnerungen 
einen bieher gehörigen Fall in Kürze mittheilen. 

Ein junger Offizier erlitt eine komplizirte Knöchelfraktur. 
Im Anschluss daran septische Phlegmone schwerster Art. 

In Folge dessen baldigste Amputation des Unterschenkels im 
Gesunden. Bei auffallender Euphorie schreiten die Erscheinungen 
der Sepsis rapid weiter; einer meiner chirurgischen Lehrer, der 
weiterhin zur Behandlung beigezogen wird, amputirt abermals 
hoch oben am Oberschenkel. Trotzdem ist die verheerende Wir¬ 
kung «U*r Septico-pyaemie nicht aufzuhalten, der jugendkräftige 
Patient erliegt derselben nach kurzer Zelt. 

Wenn Wolff ferner glaubt, dass mir Fälle wie derjenige 
C a n o n’s unbekannt seien, welcher noch einem Patienten ein 
Bein mit Erfolg amputirte, ln dessen Blut nicht nur der Staphylo- 
coccus albus nachgewiesen, bei dem auch durch Reinkultur des¬ 
selben Erregers aus dem Sputum ein Lungeninfarkt festgestellt 
war, so irrt er. Derartige Beobachtungen sind mir nicht nur nicht 
unbekannt, sondern es stehen mir mehrere zur Verfügung aus 
eigenen und fremden Erlebnissen, welche zahlreiche metastatische 
Erkrankungen aufwiesen. Sie alle sind genesen ohne Ampu¬ 
tation. Ich greife einen typischen Fall heraus: 40 jähriger 
Spänglermeister iufizirte sich, indem er sich an einer Dachrinnen¬ 
kante eine kleine Risswunde au einem Finger zuzog. Im An¬ 
schluss daran schwere acutissime verlaufende Phlegmone. Mehr¬ 
fache Inzisionen des Fingers und der Hand sofort nach dem Auf¬ 
treten der ersten entzündlichen Schwellung (2. Tag), Weiter¬ 
schreiten der Phlegmone über die Hand und hoch hinauf zum 
Vorderarm. Grosse Inzisionen. Zugeich sekundäre Pleuritis. 
Perikarditis. Hypopyon, leichter Ikterus, kleiner, fadenförmiger 
Puls. Trostloser Zustand! Beim Konsilium rleth der eine Kollege 
doch noch zur Amputation bezw. Exartlculatio humeri. Ich trat 
für weitere konservative Behandlung ein, fährt mein Gewährs¬ 
mann, der als Fachchirurg beigezogen war, fort, indem ich die 
Ansicht aussprach: Wenn der Mann nach der Ablatio durch- 
kommt, kommt er sicher nicht durch, weil wir ihm den Arm 
abgenommen haben. Desshalb nochmals ausgiebigste Inzisionen, 
namentlich die ganze Extremität durchsetzend, durch Hand, 
Vorderarm, Oberarm hindurch. Drainage mit feuchter Gaze, oft 
g«? wechselte feuchte Verbände Kurz darauf Wendung zum 
Besseren. Ausgang: Genesung. Einziger Nachtheil: einige wenig 
brauchbare Finger! Hätten wir unsern Spänglermeister amputirt. 
so liefe er im günstigsten Falle jetzt mit einem Arme herum, 
wahrscheinlich aber gar nicht mehr.“ So der Bericht eines an¬ 
erkannten Fachkollegen vom Rheine! 

Solche Fälle, die als absolut einwandfrei und als objektiv 
beurtheilt gelten müssen, beweisen nachdrücklich, wie allein der 
Organismus und seine Antikörper nach vorausgegangener Er¬ 
schöpfung aller chirurgischen und internen Therapie exklusive 
Ablatio, schliesslich sich — und das sehr häufig — zum Siege 
durchringt über das eingedrungene verheerende Gift! Selbst dem 
hartnäckigsten Befürworter der Amputation müssen sie mindestens 
zu denken geben. Sie sind noch besonders einwandfrei, weil bei 


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21. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


10 !) 


ihnen tlieilweise von Anhängern der Amputation dieselbe ledig¬ 
lieh wogen anscheinender absoluter Aussichtslosigkeit unterlassen 
wurde. Zur freudigen Ueberrascliung der Kollegen sind sie ge¬ 
nesen und wurden für sie zur Veranlassung, diese Vorgänge ernst 
zu prüfen und zum Amputationsmesser nur in den allerseltensten 
Ausnahmefällen mehr zu greifen. W. möge in Folge dessen nicht 
wieder sagen, dass einwandfreie Beobachtungen fehlen; denn 
nachdem er meine eigenen Fälle nicht als solche zu erachten 
scheint, habe ich absichtlich nur Krankengeschichten fremder, 
anerkannter Fachchirurgen hier eingeschaltet! 

Diese nicht zur Amputation gekommenen Fälle mögen 
illustriren, wie gewagt W.’s Behauptung ist, wenn er sagt, dass 
auch nur eine solche Beobachung, wie bei dem in der Berliner 
Klinik amputirten 20 jährigen Studenten, dessen Fall er ausführ¬ 
lich S. 1918 beschreibt, genügt, um die Amputation zu recht- 
fertigen. In diesem speziellen Falle, dessen Wietiergabe in den 
verschiedenen Referaten eine gänzlich ungenügende war, welche 
ganz falsche Anschauungen zu erwecken geeignet waren, wurde 
die Amputation am 9. Tage ausgeführt. Kritisch wäre von 
meinen Gesichtspunkten aus hiezu zu bemerken, dass ich schon 
am 2. oder 3. Tage spätestens, nachdem die Temperatursteigerung 
nicht mehr zurückging, grössere Spaltungen unter strengsten 
Kauteleu vorgenommen hätte. Als am 5. Tage der kleine Finger 
iH'ginnende Gangrän zeigte, an der Stelle der komplizirten 
Metakarpusfraktur Eiter vorquoll, beginnende phlegmonöse Schwel¬ 
lung der Umgebung, auch der Gegend des Handgelenks und 
Druckempfindliehkeit daselbst auftrat, da würde ich der Am¬ 
putation des V. Fingers, nachdem schon Anzeichen schwerster 
Allgemeinsepsis sich anmeldeten (Ikterus etc.), der Resektion des 
IV. Metakarpus und der Inzision an der Volarseite des Vorder¬ 
armes einfache grosse Inzisionen an Dorsal- und Volarseite von 
Hand und Vorderarm über das Handgelenk herauf mit eveut. 
Eröffnung desselben vorgezogen haben. Amputation und Resektion 
würde Ich zunächst unterlassen haben. Die am nächsten Tage 
aufgetretene Lymphangitis nach anfänglichem Abfall des Fiebers 
würde ich mit weiterer Inzision beantwortet haben. Am 8. Tage 
machte W. weitere Inzisionen und fand Elter in der Tiefe der 
Vorderarmmuskulatur. An diesem Tage würde ich bis zur Grenze 
des Oedems gespalten haben! Als im W.’schen Falle am 9. Tage 
der Zustand nach den weiteren breiten Inzisionen bis zum Eilen¬ 
bogengelenk sehr schlecht und gegen Abend äusserst bedrohlich 
erscheint, wird zur Amputation geschritten. Die Sektion des 
Armes ergab „eine eitrige Infiltration entlang den Lymphbahncu 
und Muskellnterstitien bis zum Ellenbogengelenk, entzündliches 
Oedem erstreckt sich bis zur Amputationsstelle“. Ich würde 
meiner Therapie also eine etwas andere Richtung gegeben haben. 
Ob mit Erfolg? Wer weiss es! Wenn ich die Spaltung auch der 
ödematösen Regionen besonders betone und auch eventuell vor 
der aseptischen Eröffnung des betreffenden Gelenkes nicht zurück- 
schrecke, wenn es sehr suspekt erscheint — besser ein steifes 
Gelenk als gar keines! — so gehe ich von der Ansicht aus, dass 
diese ödematösen Regionen und deren Serum, die geschwellten, 
stärker gefüllten Gelenke giftige Substanzen in Form von Bak¬ 
terien otler Toxinen schon reichlich enthalten und desshalb 
ebenso behandelt werden müssen, wie die schon 
Eiter enthaltenden Bezirke. Denn der Vorläufer der 
eitrigen Infiltration ist, falls der Prozess weiter schreitet, stets 
das entzündliche Oedem. Dasselbe muss, ist es am nächsten Tage 
nach der Inzision nicht in deutlichem Rückgang begriffen und 
das Fieber nicht stark gefallen, ebenso ausgiebig gespalten werden, 
wie der eitrige Bezirk selbst! Schreitet es weiter unter Tem- 
peratursteigeruug, dann weiter gespalten! 

Zum Vergleiche siehe unseren völlig analogen Fall Dr. K. 
in meiner ersten Abhandlung, der nur ein Beispiel ist aus mehreren 
derartigen Fällen, die ich selbst zum Theil noch mit Prof, 
v. H e i n e k e, meinem hochverehrten und unvergesslichen Lehrer, 
behandelt und operirt habe. 

Wann der rechte Zeitpunkt zur Amputation gekommen ist, 
darüber weiss W. eben auch keine andere strikte Indikation nn- 
zugeben als: ..der Blick des erfahrenen Praktikers wird erkennen, 
wo er zu warten oder vorzugehen hat“. Ganz recht! Aber wenn 
der erfahrene Praktiker durch seine Erfahrung allmählich zur 
Einsicht kommt, dass diese Erfahrung gar häufig wieder eine neue 
Bereicherung erfährt und wenn ihn schliesslich dieselbe Erfahrung 
lehrt, dass, je weniger er amputirt um so weniger 
gestorben sind, was dann? Dann wird er logischer Weise 
der Amputation gegenüber misstrauisch und wird vor ihr warnen! 

Die persönlichen Spitzen W.’s am Schlüsse seiner Ausfüh¬ 
rungen übergehe ich. Sie haben seinen Anschauungen keinen 
Nutzen gebracht und erinnern mich lebhaft an meine eigene chir¬ 
urgisch-klinische Assistentenzeit, wo ich auch etwas an dem Uebel 
klinischer Ueberlegenheit krankte und über die „Aerzte draussen“ 
und deren Diagnostik, sowie ihre Fähigkeit einer richtigen In- 
dikationsstellung zur Tagesordnung überzugehen geneigt war. Ich 
bin unterdessen auch in grosser chirurgisch-praktischer Thätigkeit 
mit grossem eigenen klinischen Material älter geworden, an Er¬ 
fahrung reicher und bescheidener! Desshalb stelle ich gegenüber 
W.’s reicher Erfahrung meine reichere Erfahrung und glaube, 
dass W. manchen meiner genesenen Fülle, die zu den aller- 
whwersten zählen, die es gibt, amputirt hätte. Noch gilt glück¬ 
licher Weise In der Wissenschaft heute nicht das Wort: Roma 
locuta. causa finita! 

Einen endgiltigen theoretischen Beweis für die absolute Rich¬ 
tigkeit der W.’schen Indikationen zur Amputation zu erbringen, 
wird mit unseren heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen 
cU*nso wenig möglich sein, wie das für meine Anschauungen der 
Kall Ist. An die wirksame Ausschaltung des Giftherdes durch 


Amputation glaube ich in keiner Weise. Schreitet die septische 
Entzündung vom Infektionsorte weiter, so genügt schon am selben 
Tage die in dem nett ergriffenen Gebiete rapid angehäufte Gift 
menge, sei es in Form von Bakterien oder von Toxinen, um von 
hier aus den Organismus von Neuem zu iiberfiuthen mit Gift¬ 
keimen oder deren Produkten und der ursprüngliche Giftlierd hat 
nur noch eine geringere oder geringste Autlieilnnhme an der 
Weiterverbreituug, namentlich wenn er frühzeitig nach allen 
Richtungen gespalten und seine Sekrete wirskam nach aussen ge¬ 
leitet wurden. Nun dann wird also im Gesunden amputirt! Dabei 
bleibt aber ausser Acht, dass um diese Zeit die regionären Lymph- 
drüsen schon längst zahllose Giftstoffe beherbergen und ihre 
bakteriziden Substanzen dagegen in’s Feld führen. In die Lyniph- 
drüsen führt der Weg nur durch die Lymphgefässe. Die Gift- 
keime oder deren Produkte haben also (las äusserlieh noch voll¬ 
ständig gesund erscheinende Gebiet langst durchwandert, die sog. 
gesunde Region, in welcher amputirt wird, ist also längst — 
strenge genommen — infizirt oder jedes bei der Amputation durch¬ 
trennte Lymphgefäss gibt den daselbst befindlichen Giftstoffen 
Gelegenheit, sich über die neue frische Wunde verderbenbringend 
nuszubreiten, dieselbe sofort umfangreich zu iullziren. Und d a - 
her kommt es. dass wir trotz streng aseptisch 
oder antiseptisch durchgeführter Amputation 
den Stumpf nach kürzester Zeit so häufig über¬ 
zogen finden mit jenen wohlbekannten und ge¬ 
fürchteten schmutzig-farbenen Sekreten, die 
uns sofort sagen: es war umsonst! Und desshalb muss ich vor¬ 
läufig noch das günstige oder ungünstige Resultat einer Amputation 
bei Phlegmone einem Zufallsereigniss gleich achten. 
Hier muss Empirie und Statistik in ihr Recht treten und wenn 
heute vom streng kritischen Standpunkte aus eine Saramelforsch- 
ung angestellt werden würde, wie viele trotz Amputation l>el 
progredienter akuter Phlegmone gestorben sind, wie viele ohne 
Amputation genesen sind, wie viele mit Amputation ge¬ 
nesen, so würde sich wohl sicher das Zünglein der Waage auf 
meine Seite neigen. 

Zinn Schlüsse betone ich nochmals, dass meine erste Arbeit 
in dem Sinne geschrieben wurde, dass in der Praxis 
draussen zu viel und zu früh amputirt wird bei akuter 
progredienter Phlegmone. Die Ursachen hiefiir habe ich ge¬ 
nügend betont. 

Die Frage über das chirurgische Handeln bei dieser Ivrank- 
heitsform, solange sie neben der Betheiligung des Organismus 
sich auf die Extremität beschränkt, ist durch 
v. Bergmaun’s letzte Veröffentlichung über dieses Thema er¬ 
schöpfend beantwortet. Kein Arzt wird darnach mehr, so hoffe 
ich zuversichtlich, bei der aus kleinen Ursachen hervorgegangenen 
foudrovanten septischen Phlegmone zum Amputiren sieh ent- 
sehliessen. Geht der verderbliche Prozess auf den Rumpf über, 
dann ist der Zeitpunkt für viele Chirurgen gekommen zur Ablatio 
event. Exarticulatio, schwerste allgemeine Sepsis vorausgesetzt! 
Auch dann halte ich diesen Eingriff nur unter der Bedingung für 
zulässig, wenn erst auch am Rumpfe (las werthvollste Hilfsmittel, 
die ausgedehntesten und zahlreichen breiten Inzisionen, zu ver¬ 
sagen droht und die Amputation bezw. Exartikulation der 
letz t e Versuch — W o 1 f f gibt selbst zu. dass die Am¬ 
putation stets ein Versuch bleiben wird — zur Rettung des Kranken 
ist. Jeder Operateur muss in dieser Lage die Gewissensfrage au 
sieh selbst gerichtet haben: Würdest Du Dir selbst Jetzt die Ablatio 
am eigenen Körper machen lassen? Wenn er sich darauf mit 
einem zuversichtlichen Ja antwortet — dann sei der Versuch 
gemacht! 

Stünde in jedem chirurgischen Lehrbuch am Schlüsse der Ab¬ 
handlung der Therapie bei Blutvergiftung klipp und klar ge¬ 
schrieben: „Von der Ablatio ist solange abzusehen, als nicht alle 
Maassregeln bis zum letzten Punkte erschöpft sind; innerhalb der 
ersten Tage, ja der ersten Woche ist sie zum Mindesten ver¬ 
früht“, dann wüsste der Arzt genau, wie er zunächst zu handeln 
hat. Dem erfahrenen Praktiker bleibt hiebei genügend Spielraum, 
der Nichtchirurg hat gewissenhaft und wissenschaftlich korrekt 
eingegriffen. 

Stünde ferner dort zu lesen: Verschiedene Autoren machen in 
vereinzelten verzweifelten Fällen, wo alles andere versagt hat. 
die Amputation oder Exartikulation und berichten über gute Heil¬ 
erfolge. obwohl anderseits auch ohne Ablatio unter solchen Um¬ 
ständen spontane Heilung des Oefteren eintritt, dann 
würde ich meinen ersten Aufsatz nicht geschrieben haben, 
obgleich ich persönlich auch innerhalb der 
von mir gezogenen Grenzen (Fehlen von Knochen und 
Weichtheilzerschmetterungen, Gelenkeitorungen. Weiehtheil- und 
Sehnennekrosen. Gangrän etc.) die Amputation verwerfe. 

Die Nothlage, in welche gerade bei dieser entsetzlichen Er¬ 
krankung der Arzt draussen mangels präziser Prinzipien sich ver¬ 
setzt sieht, ist grösser als die erfahrensten Kliniker häufig nur 
ahnen. 

Drückt diese Nothlage denjenigen Aerzteu. welche nicht nur 
in langjähriger klinischer Schule, sondern auch in derjenigen des 
praktischen Lebens Erfahrungen gesammelt und beide zu ver¬ 
gleichen gelernt haben, die Feder in die Hand, so sollen auch ihre 
Stimmen gehört werden sine ira et Studio! 

Die von Generationen von Aerzten „bis heute geübte und 
sich eines unbestrittenen Ansehens bei denselben erfreuende“ Am¬ 
putation bei septischer Phlegmone stammt aus einer Zeit, in 
welcher das Wesen der Infektion, wie wir sie heute auffassen, 
noch eine terra ineognita war. Unserer besseren Erkenntniss und 
unseren durch die Segnungen von Anti- und Aseptik geschärften 
Erfahrungen muss auch unser therapeutisches durch Theorie u n d 


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110 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Praxis erprobtes Handeln angepasst werden, sonst bleiben wir 
stellen! Und Stillstand ist hier sicher Rückschritt! 

An den hier festgelegten Grundsätzen, die mich reiche prak‘ 
tische Erfahrung gelehrt hat, halte ich unentwegt fest! Mögen 
sie objektiv nachgeprüft werden. Allmählich, dess bin ich sicher, 
werden sie durchdringen! Damit erscheint für mich jede weitere 
Diskussion geschlossen! 


Bericht Uber das Ambulatorium für innere Krank¬ 
heiten des medizinisch-klinischen Institutes (Geh.- 
Rath v. Ziemssen) im Jahre 1901. 

Das Ambulatorium wurde im Jahre 1901 von 3525 Kranken 
(gegen 2753 im Vorjahre) aufgesucht. Davon treffen auf das 
männliche Geschlecht 2C95, auf das weibliche 830 Personen. In 
den einzelnen Monaten gestaltete sich die Frequenz folgender- 
maasscn: Januar 359, Februar 280, März 340, April 476, Mai 334, 
Juni 337. Juli 332, August 246, September 263, Oktober 242, No¬ 
vember 273, Dezember 242. Die behandelten Erkrankungen waren 
folgende: 

I. Infektionskrankheiten. 

Typhus 2, Masern 0, Scharlach 0, Diphtherie 1, Varicellen 1, 
Erysipel 1, Puerperalfieber 1, Gelenkrheumatismus 17, Influenza 28, 
Parotitis epidemica 1, Malaria 1. 

II. Krankheiten des Respirationsapparates. 

Erkrankungen der Nase und ihrer Nebenhöhlen 65, akute Kehl¬ 
kopfkrankheiten 36, chronische Kehlkopfkrankheiten 30, akute 
Bronchitis 55, chronische Bronchitis 60, Emphysem 55. Bronchial¬ 
asthma 4, Bronchiektasien 2, Lungentuberkulose 885, croupöse 
Pneumonie 5, katarrhalische Pneumonie 1, Lungenkarzinom 1, 
exsudative Pleuritis 8, trockene Pleuritis 9. Adhäsivpleuritis 23, 
Empyem 1. 

III. Krankheiten des Zirkulationsapparates. 

Akute Endokarditis 1, Perikarditis 1, Mitralfehler 48, Aorten¬ 
klappenfehler 17, Aortenaneurysmen 5, kombinirte Klappenfehler 
17, Herzhypertrophie und Myodegeneration 59, funktionelle und 
nervöse Herzerkrankungen 62, Arteriosklerose 18, Erkrankungen 
der Venen (Varicen, Hämorrhoiden u. s. w.) 22. 

IV. Erkrankungen des Verdauungsapparates. 

Katarrhalische Angina 35, follikuläre und lakunäre Angina 24. 

phlegmonöse Angina 6. nekrotische Angina 4, andere Mundrachen¬ 
erkrankungen 105, Oesophaguskarzinom 1, Oesophagusstriktur (gut¬ 
artig) 1, Oesophaguskrampf 2, akute Gastritis 15, chronische 
Gastritis 37, Gastrektasie 13. funktionelle und nervöse Magen¬ 
erkrankungen 54, Magengeschwür 11, Magenkrebs 10, akuter Darm- 
katairh 27, chronischer Darmkatarrh 15, Enteritis merabranaeea 3. 
habituelle Obstipation 42, Eingeweidewürmer 14, Perityphlitis 4. 
katarrhalischer Ikterus 8, Gallensteine 5, Lebercirrhose und Leber¬ 
syphilis 14. 

IV. Erkrankungen des Urogenitalapparates. 

Chronische Nephritis 33, Wanderniere 8. andere Nierenerkran- 
kuugen 7, Erkrankungen der Blase 15, Gonorrhoe, weicher 
Schanker, Epididyraitis. Bubonen 38, Syphilis 36, Frauenkrank¬ 
heiten (und Gravidität) 37. 

V. Erkrankungen des Nervensystems. 

Psychosen 12, Epilepsie 15, Hysterie 75, Neurasthenie und 
Nervosität 190, Chorea Sydenlmmi 3, Hemikranle 3. Basedow¬ 
sche Krankheit 12, Beschäftigungsneurosen 1, Cephalüa 30, pro¬ 
gressive Paralyse 12, Polioencephalitis 3. Hemiplegien 17. Hirn¬ 
tumor 1. Himabszess 1, Himlues 2, multiple Sklerose 1, Hämato- 
myelie 1. Tabes 24, spastische Spinalparalyse 1, amyotrophische 
Lateralsklerose 1, Syringomyelie 5. Poliomyelitis 5, Kompressions¬ 
myelitis 1. Muskeldystrophie 1, Neuritis 7, Ischias 24. periphere 
Lähmungen 12, Faeiallslähmung 10. Facialiskrampf 1. Trigeminus¬ 
neuralgie 12, andere Neuralgien 15. 

VI. Konstitutionsanomalien. Erkrankungen des 
Blutes und des Bewegungsapparates. Vergif¬ 
tungen. 

Chlorose 38. Aniimle 12, Leukämie 1, andere Blut- und Milz¬ 
erkrankungen 5, Skrophulose 7, Rachitis 2, Gicht 0, Diabetes 5. 
Fettsucht 20, Arthritis deformans 4. verschiedene andere chronische 
Gelonkorkrankuugen 39. Erkrankungen der Muskeln 57. Alkoholis¬ 
mus 18. Bleivergiftung 8, andere Vergiftungen 1. 

VII. Verschiedene andere Erkrankungen. 

Verletzungen, Folgen von Verletzungen. Unfallskranke 89. 
verschiedene chirurgische Erkrankungen 67, Struma 15. Erkran¬ 
kungen der Zähne 142. Erkrankungen der Augen 6, der Ohren 9. 
der Haut 57, Doiores 149. Altersschwäche 9, Gesunde 51, Sonstiges 
(Rekonvaleszenten. Defatigatio u. a.) 47. 

Dem Ambulatorium oblag auch die Kontrole der für die Volks¬ 
heilstätte Planegg begutachteten Lungenleidenden. Von den 465 
Begutachteten (im Vorjahre 388) konnten 405 als geeignet der 
Heilstätte überwiesen werden (im Vorjahre 331). 60 (57) mussten 
leider wegen zu weit vorgeschrittener Lungenerkrankung, wegen 
erheblicher Mitbetheiligung des Kehlkopfes, oder wegen ander¬ 
weitig vorhandener Krankheitsprozesse zurückgewiesen werden. 

I>r. K e r s c h e n s t e i n e r. 


Referate und Bücheranzeigen. 

Die Entwicklung des Röntgenverfahrens im Jahre 1901. 

Von Dr. Alber s- Schönberg in Hamburg. 

Da es für den Arzt kaum möglich ist, bei der anschwellenden 
Literatur andauernd die Neuerungen und Verbesserungen des 
Röntgenverfahrens in der Medizin zu verfolgen, soll in folgenden 
Zeilen eine gedrängte Uebersicht über den derzeitigen Stand des 
Röntgenfaches gegeben werden. Der Zeitpunkt ist um so geeig¬ 
neter, als gelegentlich der Versammlung deutscher Naturforscher 
und Aerzte in Hamburg eine das gesammte Gebiet umfassende 
Ausstellung stattgefunden hat, welche von einer Reihe ein¬ 
schlägiger Vorträge und Demonstrationen begleitet war. Sechs 
Jahre sind seit der Entdeckung der X-Strahlen fast vergangen, 
eine Frist, in welcher das Röntgen verfahren rapide an Terrain 
und an Freunden gewonnen hat. 

Es bedarf nicht der Erwähnung, dass die Apparate und 
Hilfsapparate dauernd verbessert und vervollkommnet 
worden sind. Ohne Ausnahme stellten die grossen Firmen ge¬ 
legentlich der Ausstellung mustergiltige Apparate aus, welche 
nach den verschiedensten Prinzipien und Systemen gebaut waren 
und alle in ihrer Art Vorzügliches leisteten. Die wesentlichste 
Neuerung der letzten Zeit war die Einführung des elektrolyti¬ 
schen Unterbrechers, welcher vermöge seiner ausserordentlichen 
Leistungsfähigkeit und Einfachheit als der Unterbrecher der Zu¬ 
kunft zu bezeichnen ist. Anfangs viel angefeindet, hat er sich 
jetzt Bahn gebrochen und dürfte wohl so leicht nicht von anderen 
Apparaten zu übertreffen sein. Die Frage, ob grosse oder kleine 
Induktoren zu wählen sind, ist für das erste zu Gunsten der 
grossen 40—60 cm - Apparate entschieden worden. Die Induk¬ 
toren selbst haben in ihrem Bau wesentliche Aenderung erfahren, 
doch dürfte hier nicht der Platz sein, darauf näher einzugehen. 
Die Röhren sind in den letzten Jahren nicht wesentlich ver¬ 
ändert worden, neu sind verschiedene Arten der Regulirvorrichl- 
ungen, sowie die Wasserkühlröhren. Gute Regulirvorrichtungen 
gestatten eine wesentlich zweckmässigere Ausnutzung der Röhren 
und sind somit kaum zu entbehren. Besondere Röhren für den 
Gebrauch des Wehnelt sind seit Einführung der variabelen Selb-t- 
deduktion der Induktoren nicht mehr erforderlich. Bei richtiger 
Konstruktion des Instrumentariums kann jede beliebige Rohre 
ebensogut mit Wchnelt wie mit Hg-Unterbrecher benutzt werden. 
Unter den Hilfsapparaten haben diejenigen eine einschneidend.' 
Bedeutung erlangt, welche da9 Arbeiten mit dem senkrechten 
Röntgenstrahl ermöglichen, es gehören hierher der O r t h o - 
(1 i a g r a p h von Moritz, ferner die Apparate von L e v y • 
Dorn, Behn, Boas u. A. Besondere Bedeutung ist dem 
C o w l’schen Apparat beizulegen, mit welchem Aufnahmen in 
einzelnen Athmungsphasen gemacht werden können. Auf diese 
Instrumente und ihre Anwendung werde ich weiter unten noch 
zurückkommen. Ein bedeutender Fortschritt ist ferner die 
Durchleuchtung und Aufnahme bei systematischer Anwendung 
von Bleiblenden. Ausser grossen Uebersichtsbildem werden die¬ 
jenigen Partien, auf welche es besonders ankommt (z. B. Stelle 
eines Knochens, wo ein Sequester vermuthet wird) bei Zwischen¬ 
schaltung einer Bleiblende untersucht. 

Die Erfolge sind ausserordentlich und hierdurch Bilder zu 
erzielen, wie sie früher nicht möglich waren, z. B. Struktur¬ 
aufnahmen der Lendenwirbelsäule, des Schenkelkopfes, des 
Humeruskopfes: Aufnahmen des Schädelinnern, welche die Keil¬ 
beinhöhle, die Sella turcica, die Cellulae mastoideae, die Gefäss- 
sulci am Schädelinnern zeigen u. a. m. Die Blenden spielen ferner 
eine grosse Rolle bei den Untersuchungen in der inneren Medizin, 
wovon weiter unten zu sprechen sein wird. 

Soweit es möglich ist, sollte keine Aufnahme der Knochen et<\ 
ohne Blendenzwischensehaltung gemacht werden; die Güte des 
Bildes entschädigt für die grössere Mühe. Besonders bei harten 
Röhren verbessern die Diaphragmen die Bilder. 

Eine nicht unwesentliche Neuerung stellen die Stereo- 
skopischen Röntge n bilder (Levy-Dorn, Hilde¬ 
brandt) dar, welche es ermöglichen, Skeletpartien in voll¬ 
endeter Körperlichkeit zu sehen. Während diese Aufnahmen 
bisher so hergestollt wurden, dass von den stereoskopisch auf¬ 
genommenen Originalplatten verkleinerte Diapositive angefertigt 
wurden, welch’ letztere mit kleinen Stereoskopen betrachtet 
wurden, haben wir neuerdings Apparate (Walter) erhalten. 


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21. Januar 1902. 


111 


MUENC11ENER MED1C1NISOUE WOCHENSCHRIFT. 


welche es ermöglichen, direkt die Originalplatten ohne Verkleine¬ 
rung stereoskopisch zu besehen. Die Plastik erhöht sich hier¬ 
durch um ein bedeutendes. Ferner gestattet diese Methode der 
Stereoskop-Auf nähme mathematisch genaue Lokalisationen von 
Fremdkörpern, sowie die Vornahme exakter Entfernungsmess¬ 
ungen beliebiger Skelettheile von einander. 

Den Hauptnutzen der Stereoskopie haben die ange¬ 
borenen Luxationen gehabt, die Deutlichkeit, mit welcher 
die Stellung des Schenkelkopfes bei den Stereoskopbildern zu bt~ 
urtheilen ist, wirkt überraschend. Der Nutzen der Stereoskopie 
ist bis jetzt wohl mehr ein didaktischer, in der Praxis wird man 
in den meisten Fällen von Frakturen und Luxationen, ferner 
bei Fremdkörperbestimmungen mit den üblichen Methoden der 
Aufnahme in zwei zu einander senkrechten Ebenen auskommen. 

Eine ganz neue Technik der letzten Jahre (Sjögren) ist 
die Unterau chungd er Zähne zu zahnärztlichen Zwecken. 
Kleine lichtempfindliche, in wasserdichtes Paraffinpapier einge¬ 
schlagene Films werden in den Mund gebracht und mit leichtem 
Druck am Kiefer fixirt. Eine kurze, nur nach wenigen Sekunden 
zählende Expositionszeit genügt, um wunderbar scharfe Zahn- 
und Kieferbilder zu erhalten. Die Kieferstruktur erscheint deut¬ 
lich, die Zahnwurzel, der Wurzelkanal, die Pulpa ist exakt nb- 
gebildet. Ketinirte oder verlagerte Zähne oder Zahnkeime hei 
Zahnwechselanomalien im Kindesalter und später können mit 
Leichtigkeit diaguostizirt werden, was für zahnärztliche Zwecke 
von Bedeutung ist. Alte Wurzeln, Cysten, Abszesse, Kiefer¬ 
nekrosen und Kieferfrakturen sind deutlich darstellbare Affek¬ 
tionen. Weniger gut sind die Resultate bei den E m pyc m e n 
der Highmors- und Stirnhöhle, welche beiden wohl 
besser auf dem Leuchtschirm untersucht werden. 

Die Untersuchung der Frakturen bietet nach wie vor 
ein dankbares Gebiet der Röntgentechnik. Mit wenigen Aus¬ 
nahmen können alle Frakturen des Skeletes zur Anschauung ge¬ 
bracht werden, ausnehmen möchte ich die Frakturen der Rippen 
in der Axillarlinie bei korpulenten Leuten, Frakturen der Brust¬ 
wirbelsäule in der Herzgegend bei korpulenten Leuten, sowie ver¬ 
schiedene Frakturen des Schädels, namentlich auch des Gesiehts- 
scliädels. Dass es Fälle gibt, wo auch diese Brüche namentlich 
durch Anwendung verschiedener Kunstgriffe diagnostizirt werden 
können, ist nicht zu bezweifeln, es fehlt indessen die absolute 
Sicherheit. J”eder Bruch wird, soweit dieses möglich ist, in zwei 
aufeinander senkrechten Ebenen untersucht, da sehr wohl in 
einer der Ebenen weder eine Bruchlinie noch eine Deviation der 
Bruchenden zu erkennen sein kann, die in einer anderen Ebene 
sofort deutlich wird. Schwer zu beurtheilen sind die Epiphysen¬ 
linienfrakturen bei Kindern, und meist nur durch Aufnahmen 
in zwei Ebenen zu konstatiren. Unbedingte Ruhelage des zu 
.untersuchenden Gliedes ist natürliches Erforderniss jeder Auf¬ 
nahme. Es sind eine ganze Reihe zweckmässiger Hilfsapparate 
für diese Zwecke konstruirt worden. 

• Bezüglich der Beurtheilung des Standes der Bruchenden im 
Röntgenbild hat die Erfahrung gelehrt, dass dieselben fast nie 
ideal stehen, und dass selbst scheinbar erheblich dislocirt geheilte 
Brüche bezüglich der Funktion vorzügliche Resultate geben 
können. Aus diesem Grunde sollte man den Patienten lieber die 
Bilder nicht in die Hand geben, da die Versuchung, Missbrauch 
damit zu treiben, zu nahe liegt. Das Anfertigen von Papier¬ 
abzügen ist überhaupt nicht so sehr zu empfehlen, erstens aus 
oben genanntem Grunde und zweitens wegen ihrer relativen 
Mangelhaftigkeit. Zur Diagnosenstellung eignet sich nur die 
Originalplatte selbst. Bei den deform geheilten Knochenbrüchen 
ist, worauf Golebiewsky hingewiesen hat, auf etwaige durch 
die deforme Heilung bedingte Funktionsstörungen des zentral 
und peripher gelegenen Gelenkes zu achten. 

Ueber die Luxationen ist weniger Neues zu berichten. 
Die Therapie der Luxatio cox. cong. lässt sich wesentlich 
durch die Kontrole, welche das Röntgenbild gewährt, verbessern. 
Schneidet man Fenster in den Gipsverband, so kann man bei 
richtiger Anlage derselben, die Pfanne genau einstellen und sich 
von der richtigen Stellung des Kopfes überzeugen. Wichtig ist 
das Verfahren zur Feststellung von Knochenherden und Se¬ 
questern bei Osteomyelitis, namentlich an solchen Stellen, 
welche der Betastung nicht zugänglich sind, so an der Hinter¬ 
seite der Tibia am oberen Theil dee Humerusschaftes u. a. m. 
Die Darstellung der Knochenherde bei der Tuberkulose ist 
nur dann möglich, wenn es bereits zum Schwund von Knochen¬ 


gewebe gekommen ist, der frische Knochenherd, bei dem nur das 
Knochenmark erkrankt ist, lässt sich nicht röntgenographisch 
darstellen, was a priori zu erwarten war, da es für die „Strahlen¬ 
absorption gleichgiltig ist, ob das Gewebe zwischen den Knochen- 
bälkchen tuberkulös erkrankt oder gesund ist. Zuerst wies 
E. Fraenkel auf diese Thatsache bei Knochenherden in der 
Wirbelsäule hin. Auch die beginnende Spondylitis ist aus 
dem gleichen Grunde nicht darstellbar. Erst die Formverände¬ 
rung des Wirbelkörpers, diese allerdings sehr früh, lassen sieh 
prägnant darstellen. Die Knockensyphilis ist eine 
äusserst dankbar zu untersuchende Krankheit. Aus dem Röntgen¬ 
bilde gelingt die Differentialdiagnose in vielen Fällen. Die Osteo¬ 
sklerose und die Osteoporose, die Stalaktitenbildung, die peri¬ 
ostalen Auflagerungen, Knochengummata sind deutlich sichtbar. 
Auch Sehnenscheidengummata lassen sich unter Umständen gut 
darstellen, vor Allem sind es die Diaphysen der langen Röhren¬ 
knochen, ferner die Kondylen des Femur, sowie des Trochanter 
major, welche osteoporotische und osteosklerotische Veränder¬ 
ungen zeigen. Namentlich bei Kindern gab das Studium der 
Osteochondritis syphilitica gute und einwandsfroie Resultate 
(Kienböck). Sarkome und Karzinome sind gut dar¬ 
stellbar und zeigen charakteristische Bilder, z. B. Krebsmetastason 
in den Rippen oder Röhrenknochen. 

Ueber die F remdkörper lässt sich im Allgemeinen 
nicht viel Neues Vorbringen, ausgenommen in der Lokalisations¬ 
frage. Die unzähligen Methoden und Apparate, welche für die 
Fremdkörperlokalisation ersonnen und publizirt worden sind, 
leiden meist an einer gewissen Schwerfälligkeit und sind daher 
für die Praxis nicht zu empfehlen. An den Extremitäten genügt 
die Aufnahme in 2 Ebenen wohl in den meisten Fällen, um den 
Fremdkörper zu lokalisiren. Am Kopf und am Thorax haben 
wir durch den M o r i t z’schen Orthodiagraphen einen be¬ 
quemen und auf den Millimeter genau arbeitenden Apparat zur 
Lokalisirung. In wenigen Minuten ist der Sitz des Fremdkörpers 
bestimmt; Bedingung ist indessen, dass er auf dem Lichtschirm 
sichtbar ist. Wenn letzteres nicht der Fall ist, haben wir in der 
Stereoskopie nach W alter ein genaues Verfahren zur Lokali¬ 
sation. Die Fremdkörperlokalisation fällt zusammen mit den 
Schussverletzungen und ist somit zu dem Gebiet der 
Anwendung der Röntgenstrahlen in der Kriegs¬ 
chirurgie zu zählen. Hierauf einzugehen fehlt hier der 
Raum. Ich verweise auf das neu erschienene Werk von 
Schjerning über Schussverletzungen. Dort ist 
alles Wissenwerthe über die Anwendung des Röntgenapparates 
im Kriege nachzulesen. Auch die Erfahrungen des griechisch¬ 
türkischen, des Transvaal-Krieges und des Chinafeldzuges sind 
dort niedergelegt worden. 

Die Erweichung der Knochen bei etwaiger Entzündung, 
Tuberkulose, Syphilis, Sarkom, Karzinom, 
die sogen, entzündliche Atrophie, sowie die Knoche n- 
a t r o p h i e nach Frakturen lässt sich gut radiographisch 
fixiren (Stöcker, Kienböck, Sudeck) und erhält da¬ 
durch namentlich bei Unfallbegutachtung Bedeutung. 


In der Augenheilkunde kommen die Röntgenstrahlen 
wiederum zur Lokalisation metallischer Fremdkörper in Betracht. 
Der Nachweis eines kleinen Metallstückchens gelingt nicht immer 
sofort. Bedingung bei der Aufnahme ist die absolut ruhige 
Stellung des Bulbus. Eine Bewegung desselben während der 
Aufnahme verwischt den schwachen Schatten. Ich pflege mit 
nach oben aussen und nach unten aussen gerichtetem Blick die 
Aufnahmen zu machen. Erst bei negativem Ergebniss ver¬ 
schiedener gut gelungener Aufnahmen darf man einen Fremd¬ 
körper ausschliessen. Wichtig ist die Bestimmung seiner Lage, 
da der Magnet bei genauer Kenntniss der Lage des Splitters 
rationeller angewendet werden kann. Stereoskopisch die Lage 
im Bulbus bestimmen zu wollen, halte ich nicht für angebracht. 
Die Bilder sehen recht gefällig aus, geben in sehr vielen Fällen 
aber absolut unrichtige Resultate. 

In der Laryngologie wurden Verknöcherungen am 
Kehlkopf am Lebenden nachgewiesen; die Darstellung des 
Zungenbeines, sowie des nicht verknöcherten Kehlkopfes gelingt 
bei sorgfältiger Abblendung und Anwendung sehr weicher 
Röhren. 

Ich komme nun zu dem interessantesten, aber auch schwierig¬ 
sten Gebiet der. chirurgischen Röntgenographie, dem N n e li - 
weis der Nierensteine. So verschieden wie die Erfolge 


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112 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 



der einzelnen Untersucher auf diesem Gebiete sind, so verschieden 
sind die Ansichten über die Darstellbarkeit von Konkrementen. 
Es sei mir gestattet, im Folgenden meine Ansichten, welche 
ich mir auf Grund einer grossen Anzahl von Untersuchungen 
gebildet habe, kurz zusammen zu stellen. Ausführliche Publi¬ 
kationen sind bereits an anderer Stelle erfolgt. 

Die praktisch am meisten in Betracht kommenden Steine 
sind Phosphat-, Oxalat- und Harnsäuresteine. Die Harnsäure-, 
sowie die seltenen Cystin- und Xanthinsteine sind im Allge¬ 
meinen nicht mit Röntgenstrahlen nachzuweisen. Sie stehen be¬ 
züglich ihrer Darstellbarkeit auf der gleichen Stufe wie die 
Gallensteine, d. h. sie können nur unter besonders günstigen 
Umständen gefunden werden. Diese genannten Arten von Kon¬ 
krementen sind für Röntgenstrahlen ebenso durchlässig wie die 
sie umgebenden Weichtheile und können keine differenzirenden 
Eindrücke auf der Platte hinterlassen. Anders verhalten sich 
die Konkretionen aus phosphorsaurein oder oxalsaurem Kalk. 
Sie geben, wie man sich jederzeit überzeugen kann, da sie stark 
X-Strahlen absorbireude Körper sind, ausserordentlich prägnante 
Schatten auf den photographischen Platten. Trotz dieser schein¬ 
bar günstigen Verhältnisse ist es schwierig, aber dennoch fast in 
allen Fällen möglich, Steine von der Minimalgrösse einer Bohne 
im Körper nachzuweisen. Die Methode des Nachweises, auf die ich 
liier nicht näher eingehen will, beruht in der sorgfältigen Ab¬ 
bleudung der Röntgenstrahlen und einer stückweisen Durch¬ 
leuchtung der Nierengegend. Natürlich spielt die Korpulenz 
eine nicht zu unterschätzende Rolle und kann in manchen Fällen 
den Erfolg in Frage stellen. Bei 110 cm Bauchumfang (über 
dem Nabel gemessen) habe ich noch ein positives Resultat ge¬ 
habt. Gestattet es die Korpulenz des Patienten, ein Bild auf der 
Platte zu erhalten, welches die letzte Rippe, die Proc. 
transvers. der Wirbelsäule, sowie den Musculus 
psoas zeigt, so ist der Zweck erreicht. Auf einem solchen Bilde, 
welches derartige Details zeigt (sogar Weichtheile), muss sich ein 
Konkrement von etwa Bohnengrösse abheben. Ist die Platte 
absolut negativ, so stehe ich nicht an, einen Phosphat- und 
Oxalatstein — nicht aber einen harnsauren Stein — auszu- 
sehliessen. Es wäre sehr zu wünschen, dass meine Methode nach¬ 
geprüft würde, denn es ist nicht zu bestreiten, dass der Nieren¬ 
diagnostik durch die sich bewährende Röntgenmethode eine we¬ 
sentliche Hilfe erwachsen würde. Bei negativem Befund bleibt 
also die Möglichkeit des harnsauren Steines offen. Hier muss 
nun die Urinuntersuchung eintreten. Blutkörperchen, Leuko- 
cyten und Nierenbeckenepithelieu im Sediment, sowie die Po¬ 
sitive P f e i f f e r’sche Reaktion auf freie Harnsäure werden 
allermeist genügende Aufklärung geben, namentlich dann, wenn 
charakteristische Schmerzen vorhanden sind. 

Die Versuche, Blasensteine mittels Röntgen nachzu¬ 
weisen, haben keine sicheren Resultate gegeben. Hier leistet 
die Cvstoskopie entschieden wesentlich mehr. In den seltenen 
Fällen von Blasensteinen bei Kindern ist die Technik leicht und 
wohl i in m er von Erfolg begleitet. 

An dieser Stelle muss nun noch erwähnt werden, dass man 
bei mageren Personen grosse Nierensteine recht gut 
bei Anwendung geeigneter Abblendung auf dem Fluoreszenz¬ 
schirm sehen kann, wie mir dieses bei einer mageren Patientin 
einmal geglückt ist. 

Bei der Untersuchung Unfallverletzter spielt, das 
Röntgenverfahren eine wesentliche Rolle, namentlich beim Nach¬ 
weis alter Frakturen, Absprengungen etc. Dass hierbei Miss¬ 
bräuche vorgekommen sind, fällt nicht der Methode, sondern 
den Untersuchern zur Last. Es ist selbstverständlich, dass man 
wissenschaftlich und technisch Herr der Methode sein muss, 
um koine Irrthümer zu begehen. Die wenig gekannten über¬ 
zähligen Knochen, sowie die Sesambeine an bisher unbekannten 
Stellen haben manchem Untersucher Fallstricke gelegt. Nur 
Kontrolaufnahmen der gesunden Seite schützen vor Irrthümeru. 
Ich sah, was hier nebenbei erwähnt werden mag, vor einiger Zeit 
ein Sesambein am oberen Rande der Fovea oleerani, und zwar 
war dasselbe nur einseitig vorhanden, was jedenfalls auffallend 
ist. Eine Absprengung hätte in diesem Falle leicht diagnostizirt 
werden können, wenn nicht die Form eine für Sesambeine cha¬ 
rakteristische gewesen wäre. Auch Sick hat im Eppendorfer 
Krankenhause einen ähnlichen Fall beobachtet. 

Ich wende mich jetzt, zu der Besprechung der Röntgen¬ 
technik in der inneren Medizin, dem neuesten Be- 


thätigungsgebiet der Radiodiagnostik. Die Entwicklung dieses 
Zweiges war eine langsamere, wie die des chirurgischen, was 
seinen guten Grund darin hat, dass die Technik schwerer und 
langsamer zu erlernen ist und die Erfolge sich in Folge dessen 
auch nur langsam einstellen. Vielfach wurde dem Verfahre» 
jede Bedeutung für die innere Medizin abgesprochen, aber dennoch 
hat die Methode sich siegreich durchgekämpft und steht jetzt 
ebenbürtig neben der Auskultation und Perkussion. Durch die 
Vereinigung aller drei Methoden erntet die Dia¬ 
gnostik bereits reiche Früchte. Es wird noch einer langen Zeit 
bedürfen, bis die radioskopische Technik so vereinfacht und zu¬ 
gleich verfeinert sein wird, dass sie Allgemeingut aller klinischen 
Diagnostiker wird, ihre Lebensfähigkeit hat sie indessen da¬ 
durch bewiesen, dass sie Erfolge gezeitigt hat, welche auch dir- 
Anerkennung der Skeptiker gefunden haben. Eine Reihe von 
Universitätskliniken und Privat instituten ist eifrig an der Ar¬ 
beit, dio Methode zu studiren und bekaimt zu machen. Das 
jüngst erschienene Werk von Holzknecht über die röntgeno¬ 
logische Diagnostik der Erkrankungen der Brusteingeweide gibt 
einen guten Begriff von der Vielseitigkeit und Ausdehnungs¬ 
fähigkeit der Röntgenuntersuchung in der inneren Medizin. Der 
Thoraxinhalt ist in erster Linie für das Verfahren geeignet. 
Da Organe von verschiedener Dichte (Zwerchfell, Lunge, Her;.) 
in ihm gelegen sind, können durch die dadurch bedingten Kon¬ 
traste der einzelnen Schatten Schlüsse auf Veränderung der 
Brusteingeweide gezogen werden. Weniger günstig stehen die 
Organe der Abdominalhöhle da. Nur einzelne seltene, noch 
näher zu besprechende Möglichkeiten gibt es, hier mittels der 
Durchleuchtung Erfolge zu erzielen. Die permanente Bewegung, 
in welcher sich die Brustorgane befinden, macht es ohne Weiteres 
klar, dass dio Röntgcnographie, d. h. die Anwendung der photo¬ 
graphischen Platte, bezüglich ihrer Wichtigkeit bedeutend hinter 
die Bedeutung der Schirmuntersuchungen zurücktritt. Nur in 
einzelnen Ausnahmefällen wird man Grund haben, die Befunde 
auf der Platte zu fixiren, in der Mehrzahl der Fälle wird die 
Diagnose allein durch die direkte Schirmbetrachtung gestellt 
werden. Die letztere ist mühsam zu erlernen. Die Uebung im 
Erkennen und Differenziren der feinen Skeletunterschiede kommt 
erst ganz allmählich. Die erforderlichen Nebenapparate sind 
komplizirt und in ihrer Handhabung nicht einfach. Die In¬ 
duktoren und vor Allem die Röhren müssen bester Qualität sein. 

Von den Erkrankungen der Lunge interessirt am meisten 
die Diagnose der tuberkulösen Spitzenaffektion. 
Es ist vielfach behauptet und ebenso oft bestritten worden, dass 
die Spitzenerkrankungen in einem Stadium nachweisbar sind, in 
welchem Perkussion und Auskultation noch absolut koine kli¬ 
nischen Befunde geben. Der Beweis eines derartigen positiven 
röntgenologischen Befundes dürfte unter allen Umständen beim 
Fehlen sonstiger diagnostischer Merkmale recht schwer zu er¬ 
bringen sein. Wenn man etwas geringere Ansprüche stellt, so 
wird man noch recht erfreuliche Resultate bei der Spitzenuntor- 
suchung zu verzeichnen haben. Eine nur auf den röntgeno¬ 
logischen Befund aufgebaute Diagnose der Spitzenaffektion bei 
fehlenden Befunden der Perkussion oder Auskultation halte ich 
für unstatthaft. 

Ich habe eine Reihe von klinisch nachgewiesenen Spitzen 
affektionen, mit und ohne positiven Bazillennachweis, untersucht. 
Es waren darunter latente Fälle, welche als geheilt aus Anstalten 
und Kurorten entlassen waren. Bei einzelnen derselben waren 
noch physikalische Befunde zu erheben, bei anderen dagegen 
nicht. In fast allen Fällen ergab die Schirmuntersuchung Trü¬ 
bung des Bildes der kranken Seite gegenüber der gesunden. E- 
ist dieses auch weiter gar nicht zu verwundern, da das tuber¬ 
kulös infiltrirte Lungengewebe für die Strahlen einer weichen 
Röhre weniger durchsichtig sein wird, wie das Gewebe der ge¬ 
sunden Lunge. Selbstredend sind derartige Untersuchungen 
nur mit guten Blendenvorrichtungen zu machen. Ueberhaupt 
gibt das Röntgenbild über den Grad der Zerstörung der Lunge, 
d. h. über die Ausdehnung der Infiltrationsherde, sowie über die 
Maassc des noch vorhandenen gesunden Lungengewebes den 
besten Aufschluss (H o 1 z k n e c h t). Ausgedehnte tuberkulöse 
Infiltrationen sieht man gut und kann dieselben auch auf der 
Platte darstellen, was bei den oben beschriebenen Spitzenaffek¬ 
tionen weniger leicht gelingen dürfte. Kavernen sind bei gün¬ 
stiger Lage zu erkennen und als solche zu identifiziren, eventuell 
auch radiographisch darzustellen. Der praktische Werth beruht 


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21. Januar 1902. MUEttCHENER MEDICINISCflE WOCHENSCHRIFT 1 . 


llA 


in der erfolgreichen Untersuchung der Spitzen. 
Es ist wohl anzunehmen, dass bei verbesserter Technik und ver¬ 
mehrter Uebung in dieser Richtung viel zu erreichen ist, heut¬ 
zutage sind wir indessen noch nicht weiter, als dass wir die 
Röntgenmethode der Spitzenuntersuchung den anderen physi¬ 
kalischen Methoden als werthvolle Ergänzung in zweifelhaften 
Fällen anreihen können. Es liegt auf der Hand, dass pneu¬ 
monische Infiltrationen ganzer Lungen sich mar- 
kiren, doch ist das Bedürfniss, derartige Fälle zu durchleuchten, 
kaum vorhanden. Verkalkte Bronchialdrüsen am 
Hilus lassen sieh bei einiger Grösse gut erkennen. 

Einen wesentlichen Nutzen gewährt das Verfahren beim 
Aufsuchen zentraler Herde in den Lungen, sowie von 
hämorrhagischen Infarkten und von Lungen- 
nbszessen. Mit dem bereits häufiger zitirten Orthodiagraphen 
wird ee nicht schwer fallen, derartige sichtbare Horde resp. Ab¬ 
szesse genau zu lokalisiren. Die bereits vielfach beschriebenen 
Echinokokken der Lunge geben sehr prägnante und in¬ 
struktive Bilder, nicht weniger wie die Lungentumoren. 
Ich hatte Gelegenheit, einen von der Pleura ausgehenden Echino¬ 
kokkus zu sehen. Derselbe hatte die Lunge bis fast zur Spitze 
hinauf verdrängt. Die ganze rechte Lunge zeigte dabei tiefe 
S.-hattirung wie bei hohen pleuritischen Exsudaten. Eine Probe¬ 
punktion perforirte einen Bronchus, in Folge dessen ein grosses 
Quantum der Echinokokkenflüssigkeit ausgehustet wurde. Man 
sah auf dem Leuchtschirm deutlich, wie das Flüssigkeitsniveau 
sank, und konnte durch Bewegen des Patienten lebhaften Wellen¬ 
schlag hervorrufen. 

F remdkörper wurden in grosser Anzahl in den Lungen 
nachgewiesen. Die pleuritischen Exsudate, sowie 
die Empyeme eignen sich gut, sowohl für die Schirmunter¬ 
suchung wie für die Radiographie. Ueber den Stand und die 
Grösse der Exsudate, bei welchen man das Phänomen der 
Succussio Hippocratis in seltenen Fällen sehen kann, erhalten wir 
nur bei sehr genauer Untersuchung in den verschiedenen Durch¬ 
leuchtungsebenen brauchbare Aufschlüsse. Für Empyem oder 
Exsudat lässt sich das Verfahren differentialdiagnostisch nicht 
brauchen. Die bindegewebigen Verdickungen der 
Pleura geben in vielen Fällen ausserordentlich charakteri¬ 
st ische Bilder; auch interlobäre Schwarten können 
nach Holzknecht diagnostizirt werden. 

Von hervorragendem Interesse ist die Durchleuchtung in 
Fällen von Pneumothorax resp. Pyopneumothorax 
mit dem charakteristischen Flüssigkeitsniveau, worüber die Ar- 
1 »eiten von Kienböck u. A. nachzulesen sind. 

Einen wesentlichen Nutzen hat das Röntgen verfahren der 
Zwerchfelluntersuchung (Levy-Dorn, Holz¬ 
knecht u. A. m.) gebracht. Durch verschiedene Röhren- 
stellungen können alle Theile des Diaphragma sichtbar gemacht 
werden. Man sieht das Zwerchfell deutlich die Athmungs- 
exkursionen vollführen. Man kann Hochstand und Tiefstand, 
ungleiche Beweglichkeit und anderes mehr erkennen. Von be¬ 
sonderem Interesse ist die zuerst von Williams beschriebene 
und von verschiedenen Beobachtern bestätigte Thatsache, dass 
U-i beginnender Lungentuberkulose das Zwerchfell der erkrankten 
Seite weniger ausgiebige inspiratorische Exkursionen, als das der 
ir<-sunden Seite macht, ein Phänomen, das von W. auf Kapazitäts¬ 
verlast der erkrankten Lunge zurückgeführt wird. Diagnosen 
von Zwerchfellhernien sind in der Literatur nieder- 
gelegt. 

Von wesentlich grösserer praktischer Bedeutung als die 
"Untersuchung der Lungen ist die des Herzens und der 
grossen G e f ä s s e. Hier steht die exakte Messung 
der llerzgrösse obenan. Die direkte Röntgenographie de3 
1 lerzens mit Einschluss der Rieder-Rosentha l’schen Mo¬ 
mentaufnahmen ergibt bezüglich der Grössenverhältnisse stets 
vmgenaue Resultate, da man, mit divergenten Strahlen arbeitend, 
«las Herz in wesentlich grösserem Maassstabe auf die Platte pro- 
jizirt als der Norm entspricht. Aus diesem Grunde konnten uns 
llerzaufnahmen früher wenig nützen. 

Es lagen allerdings eine Reihe von Vorrichtungen vor, 
die von Rosenfeld, Payne, Donath, Levy-Dorn 
u. A. angegeben waren, mittels deren man stets in demselben 
Winkel zum Schirm einfallende Röntgenstrahlen zur Projektion 
verwenden konnte, so dass exakte Messungen der Entfernungen 
bestimmter Punkte eines Objektes möglich waren. Erst neuer¬ 


dings aber sind durch Moritz und in Anlehnung an ihn von 
Behn, Levy-Dorn u. A. Apparate konstruirt worden, mit 
denen es gelingt, ohne Weiteres die ganze Herzsilhouette in 
richtiger Grösse zu erhalten. Diese Apparate, allen voran der 
Morit z’sche Orthodiagraph, beruhen auf dem Prinzip, statt 
mit divergenten mit dem senkrechten parallel zu sich selbst ver¬ 
schiebbaren Strahl zu untersuchen und zu zeichnen. Versuche 
an metallenen Gegenständen, sowie Leichenversuche haben die. 
Exaktheit des Verfahrens erhärtet. Fehlerquellen sind durch 
die ganze Konstruktion, welche streng nach optischen Grund¬ 
sätzen ausgeführt ist, ausgeschlossen. Auf die nähere Beschrei¬ 
bung des Morit z’schen in dieser Wochenschr. (1900, No. 29) 
ausführlich beschriebenen Orthodiagraphen, sowie der übrigen 
dem gleichen Zweck dienenden Apparate brauche ich hier nicht 
feingehen. Dem in Rückenlage befindlichen Kranken wird bei 
dem Morit z’schen Apparat mittels eines Farbstiftes die Ilorz- 
und Gefässfigur direkt auf die Brusthaut gezeichnet, es kann 
dies sowohl in der Diastole wie in der Systole erfolgen, mithin 
aus der Differenz der beiden Zeichnungen die Grösse der Herz¬ 
exkursionen gemessen werden. Die so erhaltene Figur deckt 
sich mit den wandständigen Theilen des Herzens, dem 1. Ventrikel, 
einem Theil de« linken Vorhofs und dem rechten Vorhof. Die 
Grenze des linken Ventrikels, welche auf diese Weise erhalten 
wird, deckt sich mit der relativen Dämpfung bei starker Per¬ 
kussion, sowie auch mit der Herzresistenz E b s t e i n’s (Kar¬ 
funkel). In Fällen von starkem Emphysem, sowie senilem Thorax 
bei fettleibigen Menschen, bei Frauen, bei dicken Brüsten, bei 
welchem die Perkussion versagt, gibt das Röntgenverfahren 
sichere und richtige Resultate (Karfunkel). Die Grenze des 
rechten Vorhofes ist in den allermeisten Fällen wegen Ueber- 
lagerung durch Lungengewebe nicht zu perkutiren'). Hier er¬ 
gänzt also das Verfahren die Perkussion in wesentlicher Weise, 
denn mit keiner anderen Methode ist man im Stande, ein so ab¬ 
solut exaktes Bild des rechten Vorhofes zu geben wie mit der 
Röntgendurchleuchtung. Auch die rechte Ventrikelgrenze ist in 
tiefer Inspiration zum grössten Theil nochzumessen (Karfunkel). 
Der grosse Vortheil dieser Aufzeichnung ist der, dass die Herz¬ 
grösse gänzlich unabhängig von der Subjektivität des Unter¬ 
suchenden aufgezeichnet wird, dass sie also absolut genau ist. 
Durch Konstruktion der Mittellinie (Verbindung zwischen Jugu- 
lum und Nabel) wird die Herzfigur in zwei Theile getheilt. Dio 
sämmtlichen Maasse werden in Anbetracht der individuell sehr 
schwankenden topographischen Linien, wie Mammillarlinie, 
Sternallinie, Parasternallinie auf diese Mittellinie bezogen. Der 
von der Herzspitze bis zur Mittellinie gemessene Durchmesser 
entspricht dem linken Ventrikel, die vom Punkte der grössten 
Konvexität rechts bis zur Mittellinie gezogene Linie dem Durch¬ 
messer des rechten Vorhofes. Diese beiden genannten Durch¬ 
messer zusammen addirt geben die sogen, basale Herzbreite. Ein 
weiteres Maass ergibt sich aus der Verbindungslinie der grössten 
Konvexität rechts mit der Spitze. Es entspricht dies dem 
Sektionsdurchmcs^er, d. h. dem anatomischen Breitendurchmesscr 
des Herzens und ist der wichtigste, da er die Gesammtgrösse des 
Herzens repräsentirt. Am stark gewölbten Thorax misst man die 
Entfernungen nach Karfunkel, um Unzweckmässigkeiten zu 
vermeiden, direkt von Punkt zu Punkt mit dem Tasterzirkel. 
Selbstverständlich gibt diese Messung nur Aufschluss über die 
llerzgrösse in einer der Brustwand parallelen Ebene, nicht aber 
über den Durchmesser zwischen der vorderen und hinteren Herz¬ 
fläche. Man kann also nach Feststellung dieser Grössenverhält- 
nisso bei einer Herzdilatation exakt ansagen, wieviel Zentimeter 
dieselbe beträgt, wieviel auf den in der linken Thoraxseite unter¬ 
gebrachten Theil des Herzens, wieviel auf den in der rechten 
Seite untergebrachten zu rechnen ist. Die Messung wird haupt¬ 
sächlich dann in Betracht kommen, wenn man eine fortdauernd* 
genaue Ueberwachung der Herzgrösse für indizirt hält. Die auf 
die Brusthaut projizirte Herzfigur kann ohne Schwierigkeit 
direkt auf Pauspapier übertragen werden unter gleichzeitiger Mit¬ 
eintragung der Mainmillen, des Rippenansatzes und der unteren 
Thoraxapertur. Bei späterer Untersuchung legt man die erh.il- 
tenen Pausen übereinander und bestimmt so etwaige Differenzen. 
Solche Kontrolbilder haben ihren praktischen Nutzen beim Nach¬ 
weis von Herzveränderungen, nach Bädern und Gymnastik, 


*) In Bezug auf diesen und andere hier einschlägige Punkte 
siehe übrigens die Arbeit von Moritz in No. 1, 1002 dieser 
Wochenschrift. (Anmerkung der Redaktion.) 


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114 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


feiner bei akuten Herzüberanstrengungen, der idiopathischen 
Herzvergrösserung u. a. in. 

Für militärische Zwecke und besonders für 
Lebensversicherungsgesellschaften dürfte in 
dieser Methode eine wesentliche Bereicherung des diagnostischen 
Apparates liegen. 

Nächst der Herzmessung gewährt die Untersuchung Auf¬ 
schlüsse über die Herzlage, über abnorme Gestalt oder abnorme 
Eigenbewegungen des Herzens. Die sagittalen und lateralen 
Dislokationen, abnormen Drehungen, der Situs inv. cord, lassen 
sich diagnostiziren. 

Schon bald nach Bekannt werden der Röntge n’schen Ent¬ 
deckung wandte man sich der Diagnose des Aortenaneu¬ 
rysma zu und es fehlte bald nicht an Publikationen, welche 
dem Verfahren eine ausserordentliche Bedeutung beimaassen. 
Die Reaktion trat bald ein, als es sich hcrausstellte, dass nicht, 
jeder kugelige Schatten im II. I. C. 1. nothwendiger Weise ein 
Aneurysma zu sein braucht. In vielen Fällen sieht man bei 
gesunden Menschen diesen pulsirenden halbkugeligen Schatten, 
welcher dem normalen Aortenbogen entspricht. Es ist hier 
wesentlich das Verdienst von Holzknecht, feste Normen 
aufgestellt und vor Allem durch die Methode der schrägen 
Durchleuchtung eine Technik angegeben zu haben, welche mit 
relntiver Sicherheit die Stellung einer einwandsfreien Diagnose 
erlaubt. Nachdem man eine gewisse Uebung in der Beurtheilung 
dieser Verhältnisse erlangt hat, wird es nicht schwer fallen 
Aneurysmen zu diagnostiziren, wenngleich das erste Anfangs¬ 
stadium sich in den meisten Fällen der Beobachtung entziehen 
dürfte. Das Gleiche gilt von den zylindrischen Erweiterungen 
der Aorta, welche durchaus nicht in allen Fällen durch Röntgen- 
durchstrahlung kenntlich zu machen sind. Für die Aneurysmen 
gilt dasselbe wie für das Herz, dass nur der Schirmbetrachtung, 
nicht der Radiographie Bedeutung zukommt. Schwer, aber wohl 
in den meisten Fällen möglich, ist die Differentialdiagnosc 
zwischen Mediastinaltumor und Aneurysma. 

Die röntgenoskopische Untersuchung des Oesophagus 
bietet, da sie eine Funktionsprüfung desselben gestattet, ausser¬ 
ordentliche Vortheile und dürfte überhaupt nicht mehr zu ent¬ 
behren sein. In der Holzknech t’schen schrägen Durch¬ 
leuchtung kann man den Oesophagus von seinem Beginn bis zum 
Durchtritt durch das Zwerchfell sichtbar machen. Metallische 
Fremdkörper, wie verschluckte Gebisse oder Nadeln, werden über¬ 
raschend deutlich. Bei hohem Sitz der Fremdkörper kann man 
dieselben direkt unter Beobachtung der Schirmbilder mittels 
Kornzange entfernen (E n g e 1 m a n n.) Schluckbeschwerden, 
oft die ersten Zeichen beginnender Tumoren, können sehr früh 
entdeckt und auf ihre Ursachen zurückgeführt werden. Stenosen 
des Oesophagus werden in der Weise beobachtet, dass man den 
Patienten einen Bolus aus Wismuth schlucken lässt und gleich¬ 
zeitig die Bewegungen dieses stark schattengebenden Körpers auf 
dem Schirm beobachtet. Bei Stenosen der Speiseröhre bleibt der 
Bolus an der verengten Stelle stecken, nach einigen Minuten er¬ 
weicht die Oblate und das Wismuth schlängelt sich wurmförmig 
durch die stenosirte Partie. Bei doppelten Stenosen (Karzinom) 
kann man dann sehr oft das Wismuth, nachdem es die erste 
Striktur passirt hat, wiederum auf der zweiten Verengerung 
liegen bleiben sehen, bis sie auch dann schliesslich diese passirt. 
Das beschriebene Verfahren gibt also Aufschluss über den Sitz 
der Stenose, ihren Verlauf und ihre Weite resp. Enge. Es ist 
nicht zu bezweifeln, dass man mit Sonden sich dieselbe Auf¬ 
klärung schaffen kann, jedem Praktiker werden aber genügend 
Fälle bekannt sein, in welchen man Ursache hat, eine gefähr¬ 
liche Sondirung durch dieses unschädliche Verfahren, welches 
ohne Belästigung des Patienten vorgenommen werden kann, zu 
ersetzen. Die Divertikel lassen sich ebenfalls in dieser Weise 
sichtbar machen, indem man nach vorherigem Genuss vonWismuth- 
schüttelmixtur nach Schmilinsky eine mit Gummiballon 
armirte Sonde in das Divertikel, und eine zweite Sonde in den 
Oesophagus einführt. Bläst man den Ballon der Divertikelsonde 
auf, so kann man in Folge des Wismuthniederschlages eine deut¬ 
liche Vorstellung über den Sitz, event. auch von der Ausdehnung 
des Divertikel bekommen. Diese soeben geschilderten Schirm¬ 
befunde lassen sich bei einiger Uebung auch radiographisch 
fixiren. 

Wie schon erwähnt, leistet das Röntgenverfahren in der 
Untersuchung interner Fälle in der Abdominalhöhle wenig. Die 


einzige praktische Verwerthung findet es bei der Bestimmung 
der unteren Magengrenze. Bei nicht allzu korpulenu-u 
Personen kann man die Wismuthboli deutlich im Magen liegen 
sehen und durch Fixirung ihrer Lage die untere Magengrenze 
bestimmen. Ich möchte hieran einen Fall anschliessen, in welchem 
die Untersuchung zur Diagnose eines Darmverschlusses (Grüne¬ 
berg) beigetragen hat. Es handelte sich um einen Knaben mit 
hochgradig aufgetriebenen Abdomen, Aszites war nicht vor¬ 
handen, dagegen überall Darmschall. Mittels eingeführter Masi- 
darmrohre gelang es relativ gut, Luft abzulassen, jedoch sammelte 
dieselbe sich bald wieder an. Die Diagnose war auf Darmver¬ 
schluss gestellt worden. Im Durchleuchtungsbild konnte mau 
zunächst den ausserordentlich hohen Zwerchfellstand konstatireu. 
Die ganze Bauchhöhle erschien sowohl in sagittaler wie in seit¬ 
licher Richtung betrachtet noch transparenter als die Lungen. 
In dieser hell durchstrahlten Bauchhöhle konnte man einzelne 
tiefschwarze, strichförmige, sich bewegende Schatten erkennen. 
Es waren dies die Mcsenterialfalten, welche den peristaltisclien 
Bewegungen des Darmes folgend, jedesmal dann sichtbar wurden, 
wenn sie mit ihrer Längsachse in das Durchstrahlungsgebict 
kamen. 

Der Nachweis von Medikamenten im Darr; 
(Rumpel), sowie die Untersuchungen auf Arsenik im Darm 
von Thicren (Brautlech t) verdienen an dieser Stelle eben¬ 
falls hervorgehoben zu werden, da sie interessante Ausblicke für 
die Zukunft eröffnen. 

Zum Schluss sei noch auf eine Reihe von Publikationen 
(S i m m o n d s , Joachimsthal, Kellner u. A. m.) hin¬ 
gewiesen, welche die Kenntniss der Missbildungen, dn 
für das Röntgenverfahren besonders dankbares Gebiet, wesentlich 
förderten, sowie auf die zu wissenschaftlichen Zwecken ausge¬ 
führten knochen architektonischen U ntersuch- 
u n g e n (W o 1 f f). 

Ausser zu diagnostischen Zwecken ist das Röntgenverfahm; 
als dermatotherapeutisches Hilfsmittel weher 
ausgebildet worden. Nach langen Versuchen scheint sich jetzt 
die Ansicht Bahn zu brechen, dass nicht die elektrischen Wirk¬ 
ungen der Röhren, sondern die Strahlen selbst das wirksame 
Agens sind, dass ferner die sogen, kontrastreichen weichen 
Röhren den kontrastschwachen, harten an Wirkung auf die Haut 
überlegen sind. Die unfreiwilligen Röntgenverbrennungen sind 
mit weiterer Ausbildung der Schutzvorkehrungen, sowie mit Fest¬ 
setzung richtiger Expositionszeiten weniger geworden. Der Er¬ 
folg der Röntgenbestrahlung kann auf Grund der Verhandlungen 
der Naturforscherversammlung in Hamburg bei folgenden Derma¬ 
tosen als sichergestellt betrachtet werden: bei Lupus, Skro- 
phuloderm, Lupus erythematodes, Ekzem, R o- 
sazea, Akne, Prurigo, sowie in hervorragender Weis? 
bei S y k o s i s, Favus und juckendem Ekzem, in welch' 
3 letzten Fällen es wohl als souveräne Methode zu bezeichnen 
sein dürfte. Ueber den Werth der Methode zur Epilation sind 
die Akten noch nicht geschlossen. 

7. Boas: Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten. 

II. Thcil: Spezielle Diagnostik und Therapie. Mit 7 Abbild¬ 
ungen. 4. Auflage. Leipzig, T h i e m e, 1901. 

Die neue Auflage ist eine „gänzlich umgearbeitete und ver¬ 
mehrte“. Bei der Umarbeitung hat sie die früheren Vorzüge, 
die Rez. zuerst in dieser Wochenschr. 1893, No. 36, hervorge¬ 
hoben hat, erhöht. Insbesondere gereicht die reiche, immer zu¬ 
nehmende praktische Erfahrung dem Buch zu immer grösserem 
Vortheil. Wenn die Aufnahme neuer Abschnitte, wie Syphilis- 
Tuberkulose etc. eine Zunahme des Umfangs bewirkt hat, so i= - 
dieselbe doch nicht zu gross, um die praktische Brauchbarkci’ 
des Buches zu beeinträchtigen. Dass diese eine unzweifelhafte 
ist, geht daraus hervor, dass das Boa s’sche Werk, trotz de: 
grossen Zahl von Spezialwerken gerade auf dem Gebiete der Ver¬ 
dauungskrankheiten, sich einen so grossen Leserkreis erworben 
und in weniger als zehn Jahren vier Auflagen erlebt hat. 

Penzoldt. 


Hofrath K. Goeschel: Lehrbuch für Heilgehilfen 

Im Auftrag dos k. b. Ministerium d. I. bearb. SchlosserVlm 
Buchhandlung. Augsburg 1902. 

Das J. Sprengle Psche Lehr- und Handbuoh für Heil¬ 
gehilfen hat eine lange Reihe von Jahren seinem Zweck gut gc- 


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21. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDIOINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


dient und mehrere Neuauflagen erfahren, die von Dr. Spreng- i 
ler jun. den Aenderungen der Gesetzgebung etc. entsprechend I 
verbessert wurden, immerhin blieb trotz der Ausmerzung manches 1 
Veralteten noch manches nicht mehr Zeitgemässe stehen und 
speziell die Lehren der Asepsis und die Anweisungen zur Hände¬ 
desinfektion etc. fanden bei den Zusätzen und Aenderungen nicht 
die genügende Berücksichtigung, so dass wohl längst die Mehr¬ 
zahl der den Baderkurs Abhaltenden sich nicht strikte an die 
Darstellung des Lehrbuches hielten. Auf eine Anregung Hofrath 
G o e s c h e l’s hat desshalb das k. Staatsministerium d. I. nach 
Einvernehmen des Obermedizinalausschusses die Ausarbeitung 
eines neuen dem jetzigen Standpunkt entsprechenden Buches be¬ 
schlossen resp. den Verf. damit betraut. Das nun vorliegende 
Werkchen G.’s hat — was sehr zu begrüssen — keine wesentlich 
grösseren Dimensionen nach Umfang und Seitenzahl angenommen 
und es ist G. gelungen, das doch relativ sehr grosse Material in 
übersichtlicher und präziser Weise so darzustellen, dass das Buch 
ein handliches bleibt. 

Nach Voranstellung der Baderordnung und der für die Bader 
wichtigen Artikel des Reichsstrafgesetzbuches und Polizeistraf¬ 
gesetzbuches gibt G. zunächst eine treffende Ucbersicht über Bau 
und Haupt Verrichtungen des menschlichen Körpers im Allge¬ 
meinen und Speziellen, schildert sodann 2. die Krankenpflege im 
Allgemeinen und Besonderen bei Infektionskrankheiten (wobei 
die Anweisung für die Desinfektoren nach Gärtner zweck¬ 
mässig Einfügung gefunden hat) und die Hilfe bei chirurgischen 
Kranken und Operationen. Alles Wichtige, auf Krankenzimmer, 
Bett, Wäsche, Temperaturmessung, Verabreichung von Kost und 
Arzneimitteln, Applikation von Einreibungen, Klystiere etc. Be¬ 
zügliche findet Berücksichtigung und speziell wird das Kapitel 
über Krankenbeobachtung und Krankenbericht wohl von grossem 
Nutzen sein. Im 3. Abschnitt werden die chirurgischen Verrich¬ 
tungen, bei denen die Bader Heilgehilfen der Aerzte sind, d. h. 
die Blutentziehungen, Verbände und Verbandapplikationen be¬ 
sprochen und zweckmässiger Weise auch Massage und Heil¬ 
gymnastik unter Einreihung mehrerer guter Abbildungen des 
II o f f a’schen Lehrbuches eingehender berücksichtigt. Der 
4. Abschnitt behandelt die selbständigen Verrichtungen der 
Bader, die Lehre von der Behandlung einfacher Wunden und 
Entzündungen, vom eingewachsenen Nagel und Reinigen und 
Ausziehen der Zähne und hat hier zeitgemässer Weise auch eine 
Besprechung der Vorsichtsmaassregeln gegen die Verbreitung 
ansteckender Krankheiten durch Bader und Friseure Aufnahme 
gefunden. Der 5., wohl wichtigste, Abschnitt behandelt die erste 
Hilfe bei plötzlichen Unfällen, d. h. den Transport, die Lehre 
von den Frakturen und Luxationen, die Nothhilfe bei Erfrierung 
und Verbrennung, von Blitzgetroffenen etc. die Wiederbelebungs- 
methoden bei Ertrunkenen, Erstickten etc. Der 6. Abschn. schildert 
die Hilfe bei Sektionen, der 7. die Leichenschau und Dienstanwei¬ 
sung der Leichenschauer, während der 8. Abschn. die Anzeigepflicht 
bei ansteckenden Krankheiten unter Zugrundelegung der be¬ 
stehenden Gesetze und Verordnungen und unter kurzer An¬ 
führung von Symptomen und Verlauf der anzeigepflichtigen 
Krankheiten bespricht und als Anhang werden schliesslich die 
Instrumente und Apparate, deren die Bader zur Ausführung 
ihres Berufes bedürfen, kurz angeführt. Die durchaus nicht 
leichte Aufgabe, in präziser, leichtverständlicher Darstellung und 
Satzbildung den Badern ein guter, den modernen Fortschritten 
Rechnung tragender Führer zu sein, hat G. zweifellos in sehr 
glücklicher Weise gelöst und wie G. in der Vorrede hervorhebt, 
darf man die sachgemässe Unterstützung der Aerzte bei Aus¬ 
übung ihres Berufes (besonders auf dem Lande) und die wichtige 
Bedeutung der ersten Hilfe bei plötzlichen Unglücksfällen durch¬ 
aus nicht unterschätzen und wenn G. hiebei nur wieder das nil 
in »rere in den Vordergrund stellt, vor zahlreichen Fehlern, wie 
■/.. B. den voreilig angelegten Nähten etc. eindringlich warnt, so 
int das jedem mit den Verhältnissen Vertrauten aus der Seele 
gesprochen, ist es doch die Aufgabe der Lehrer des Baderkurses, 
dass sie nicht nur die Heilgehilfen mit den entsprechenden Me¬ 
thoden vertraut zu machen haben, sondern immer vor der Neigung 
zu zuviel selbständigem Handeln warnen und auf die Folgen 
solcher ev. Kompetenzüberschreitungen hinzuweisen haben. Zahl¬ 
reiche neue gute Holzschnitte erleichtern das Vcrständuiss, ob 
die beiden farbigen Tafeln ganz den Intentionen genügen, sei 
dahingestellt, spätere Auflagen werden der Verlagsbuchhandlung 
ma nche Verbesserung durch event. neue Abbildungen gestatten. 


115 


Jedenfalls kann das G.’sche Werkchen Allen, die Unterrricht 
an Bader, Sanitätskolonnen oder Krankenpfleger zu geben haben, 
nur bestens empfohlen werden und insbesondere möge derWunsch 
des Verf., dass auch approbirte Bader das Büchlein zur Lektüre 
benützen möchten, recht ausgedehnt in Erfüllung gehen. Die 
Verlagsbuchhandlung hat das ihre gethan, das Aeussere des 
Werkcliens hiezu einladend zu gestalten. 

Schreiber. 

Neueste Journalliteratur. 

Beiträge zur klinischen Chirurgie. Red. von P.v. Bruns. 
Tübingen, Lau pp. 31. Bd. 3. Heft. 

Das Schlussheft des 31. Bandes der Beiträge zur Chirurgie 
bringt aus dem Dlakonisseuhaus zu Freiburg i/Br. eine Arbeit 
von Prof. E. Goldmann: Zur Pathogenese und Therapie des 
Keloids, ein Beitrag zur Pathologie der Narbe, und darin ein¬ 
gehende Studien über das histologische Verhalten etc. des Keloids 
und der hypertrophischen Narbe. Wie frühere Forscher sieht G. 
das Wesentliche des Keloids in einer Bindegewebshyperplasie im 
Korium und konstatirt die Abwesenheit von elastischen Fasern, 
Haaren und Haarbalgdrüsen in denselben, während er markhaltige 
Nervenfasern (allerdings nur in geringer Anzahl» in allen Schichten 
des Keloids nachwies. Unter anderem theilt G. einen Fall von 
Keloid, nach elektrolytischer Beseitigung von Gesichtshaaren ent¬ 
standen, mit, das nach Exzision rezldivirte und erst nach noch¬ 
maliger Exzision und Deckung des Defektes durch Hautpfropfung 
vom Arm geheilt wurde. Wie W i 1 m s sieht G. das Wesen des 
Keloids in einer vermehrten physiologischen Thätigkeit der Binde¬ 
ge websgehilde der Cutis, in übermässiger Produktion kollagener 
Zellulnrsubstanz; „das Keloid verhält sich zur Haut, wie das 
Aneurysma zur Arterie". Schwund des elastischen Hautgewebes 
muss als prädisponirendes Moment für die Entstehung vou Keloid 
und hypertrophischer Narbe angesehen werden. Die Disposition 
liegt in einer besonderen Vulnerabilität des elastischen Stütz¬ 
gewebes, die Bindegewebshypertrophie ist nur eine sekundäre, 
kompensatorische Erscheinung. Die spontane Rückbildung des 
Keloids ist durch die allmählich eintretende Regeneration der 
elastischen Fasern bedingt. Das neugebildete elastische Gewebe 
nimmt seinen Ursprung von dem alten. Die Exstirpation des 
Keloids und sofortige Transplantation nach Th ler sch auf die 
frische Wundfläche verhindert nach G. ein Rezidlvlren. 

Aus der Freiburger Klinik gibt Hammer eine Mittheilung: 
Zur Kasuistik der Leberverletzungen mit Betheiligung grosser 
Gallenwege, resp. schildert einen 9 Stunden nach der Verletzung 
wegen beginnender peritonitiseher Erscheinungen operlrten Fall 
von Leberstichwunde der Konvexität (wohl bis nahe an die Unter- 
I fläche reichend), die mit Jodofonngazedocht behandelt wurde und 
1 glücklich verlief, nachdem im Anfang eine starke Sekretion von 
i Galle aus der Wunde die Verletzung eines grossen Gallengangs 
| vermuthen Hess: der Fall war übrigens durch embolische Prozesse 
, (blutiges Sputum, Fieber, Pleuraexsudat) komplizirt; derselbe Ist 
I eine Bestätigung für die Indikation zur Laparotomie, sobald bei 
' einer Verletzung hei Verfolgung des Wundkanals sich findet, dass 
das Peritoneum eröffnet; d. h. er beweist, dass eine unkompllzlrto 
Leberverletzung selbst schwerer Natur überstanden werden kann, 
wenn sie nach modernen Prinzipien behandelt wird. 

V. L 1 e b 1 e 1 n berichtet aus der Prager Klinik zur retro¬ 
graden Bougirung der entzündlichen Mastdarmverengerungen, 
schildert die bisherigen Methoden der Behandlung und theilt u. n. 
einen sehr schweren Fall luetischer Mastdarmstriktur mit, ln dem 
eine Resektion zunächst nicht in Frage kommen konnte, Bougi¬ 
rung nicht durchführbar war, weil das brüchige Gewebe hiebei 
eine Perforation zu Stande kommen Hess, die Laparotomie und 
Naht nöthig machte. Nach Anlegung einer Darmfistel am Colon 
asc. wurde ein Schrot mit Seidenfadeu benutzt, den Weg zu zeigen, 
und mittels ersterem dann ein Bändchen und der von E i s e 1 s - 
borg angegebene konische Gummischlauch durchgeführt, wodurch 
die Striktur bald beseitigt wurde. Der Fall beweist die Gefahr der 
Bougierung des Rektums ln derartigen Fällen, und betont L. als 
Vorthell der Methode die gefahrlose Entrirung, die Abkürzung der 
Behandlungsdauer und die viel universellere Anweudungsmöglich- 
keit. 

lieber den gleichen Fall berichtet H. Schlöffe r: Zur opera¬ 
tiven Ausschaltung entzündlicher Mastdarmstrikturen, indem 
veränderte Verhältnisse bei der 1>otreffendeii Pat. später einen radi¬ 
kalen Eingriff wünschenswerth machten und zur Sigmoideorecfo- 
stoinie führten (vom parnrektalen resp. perinealen Schnitt aus»; 
nach Schl, beweist der Fall, dass die Ausschaltung der erkrankten 
Flexur und des Rektums mittels einer einfachen Anastomose wohl 
genügen kann, um alle von denselben ausgehenden Störungen fern¬ 
zuhalten. 

Aus der Breslauer Klinik gibt P. Lengemann Statistisches 
über Chloroformgebrauch, d. h. entsprechende Zusammenstellung 
von 1000. sümmtlich mit der Esraarc h’sehen Maske und narb 
der Tropfmethode durchgefübrten Narkosen. Wenn auch Alter. Ge¬ 
schlecht, Körpergewicht, eventuell hochgradige Kachexie, Ge¬ 
wöhnung an Chloroform und Alkoholismus Momente darstellen, di • 
von Einfluss sind, ist doch der Hauptantheil an der Differenz auf 
eine in ihrem Wesen dunkle Ursache, eine individuelle Disposition 
zu beziehen, so dass wir auch bei Berücksichtigung aller Faktoren 


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116__MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 3 . 


nicht annähernd sagen können, wie viel ein Patient zur Narkose 
braucht 

Aus der gleichen Klinik berichtet W. Anschiltz über 
Selbstverstümmelungen und tliellt im Anschluss an mehrere 
näher mitgethellte Beobachtungen eine im Osten nicht ungewöhn¬ 
liche, zwecks Freiwerdens vom Militärdienst angewendete Art 
mit, nämlich dass sich die betreffenden Ixmte eine oder mehrere 
Zehen mit ätzender Substanz zur Nekrose bringen und dann, eine 
traumatische Entstehung vortäuschend, sich selbe vom Arzte ampu- 
tireu lassen. Das intakte Verhalten des Knochens, das gegen die 
als Ueberfahrung oder Zerquetschung bezeichnet« Entstehungs¬ 
ursache spricht, der im Allgemeinen nicht stimmende Zeitraum 
zwischen angeblicher Ursache und Stand der Gangrän etc. müssen 
den Verdacht erwecken. In Russisch-Polen scheint speziell die 
Karbolsäure zu dem betr. Zweck häufig benutzt zu werden. O r - 
1 o f f, der in Russland derartige Fälle beschrieb, macht auf die 
Untersuchung des Nagelbettes aufmerksam, da die Haut unter 
dem Nagel von dem Aetzmittel nicht betroffen wird, während die 
anderen Ursachen (Erfrierung etc.) auf dasselbe ln gleicher Weise 
einwirken, wie auf die übrige Haut. 

C. Schüller berichtet aus der Heidelberger Klinik zur 
Kasuistik und Chirurgie des primären Karzinoms der Papilla 
Vateri und schildert unter Berücksichtigung von 41 Fällen pri¬ 
märer maligner Neubildung der Mündungsstelle des Ductus chole- 
dochus 2 Fälle der Czerny'schen Klinik, von denen im einen 
Fall die Geschwulst transduodenal exstirpirt, Ductus choled. und 
pancreat. in’s Duodenum eingenäht wurden, während im anderen 
Fall eine palliativoperative Cholecystenterostomle ausgeführt 
wurde. Das klinische Bild dieser Fälle, bei dem der Ikterus, 
Abmagerung etc. besonders zu berücksichtigen ist, wird näher ge¬ 
schildert. 

Aus der Ofen-Pester Klinik berichtet K. Borsczöky über 
Ileus durch Embolie der Arteria mesent. sup. im Anschluss an 
einen typischen Fall bei einem 54 jährigen Arbeiter, der als 
innere Inkarzeration angesehen und laparotomirt wurde. 

Der gleiche Autor berichtet über Diabetes insipidus nach 
Basisfraktur und Commotio cerebri. 

Hammer aus der Freiburger Klinik schreibt über ein 
malignes fasziales Biesenzellensarkom mit Knochenbildung, 
das bei 39 Jährigem Mädchen nach einem Trauma rasch aus einem 
kleinen, schon Jahre bestehenden Knötchen entstanden war, die 
Exzision des mit einer partiellen Knochenschale versehenen Tumors 
war bald von Rezidiv gefolgt und die Blutuntersuchung (die Ge¬ 
schwulstelemente ergab) Hess die Prognose sehr ungünstig stellen. 
Auch die Exzision des Rezidivs und eines entsprechenden Stücks 
der Vena saph. war rasch von lokalen Rezidiven gefolgt und Pat. 
erlag sekundären Ablagerungen in Gehirn und Lunge. 

Aus der Ofen-Pester Klinik berichtet A. S z 11 i über Fibro- 
sarkom der Vulva im Anschluss au einen Fall dieser seltenen 
Neubildung (gäust eigrosser Tumor d. labium int. exstirpirt). 

Aus dem Kantonspital Münsterllugen gibt schliesslich 
C. Brunner klinische Beobachtungen über Aetiologie und 
chirurgische Therapie der Magenduodenumperforation und 
Magenperitonitis und theilt seine Erfahrungen in diesem Gebiet 
mit, nämlich einen Fall von Magenstich, der IG Stunden nach 
der Verletzung laparotomirt, genäht und mit Ausspülung der 
Bauchhöhle mit 1 prom. Salicyllösung behandelt und geheilt wurde 
und mehrere Ulkusperforationen, von denen eine bei einem schon 
länger magenleidenden Patienten 16 Stunden nach der Perforation 
operirt trotz umschriebener Peritonitis (subphrenischer Abszess} 
geheilt wurde, während in einem andern Fall eine Wurmfortsatz¬ 
peritonitis vorgetäuscht, der im eltererfüllteu kleinen Becken ad- 
härente Wurmfortsatz resezlrt wurde, die Perforation eines Ulkus 
des Duodenum jedoch bei der Operation unerkannt blieb und erst 
bei der Obduktion sich ergab. C. Br. betont, dass gerade solche 
Fälle, deren er noch einige aus der Literatur erwähnt, lehrreich 
sind und studirte speziell die bakteriologischen Befunde, bei denen 
die Streptokokken und neben diesen Staphylococcus aureus uu<l 
Bact. coli, sowie Hefezellen die Hauptrolle spielen. Die Intensi¬ 
tät der Infektion ist natürlich je nach dem Grad der Virulenz und 
Menge der Keime verschieden. 

Die Therapie der betreffenden 8 Fälle (von denen 2, obgleich 
erat uacli 16 Stunden operirt, gerettet wurden) und die Bekämpfung 
der Perforationsperitonitis wird näher lwsprocheu; bei lokalisirter 
Peritonitis wird Austupfung etc. empfohlen, bei schon eingetretener 
Ueberscliweminung der Bauchhöhle mit Mageninhalt ist eine 
einigermaassen gründliche mechanische Reinigung nur mit Hilfe 
der Ausspülung erreichbar, eine vollständige Elimination aller aus¬ 
gesäten Keime hält Br. nicht für möglich; bei allgemeiner Peri¬ 
tonitis der fibrinös trockenen Form hält er die Spülung für un¬ 
nütz. bei reichlich eitrigem Exsudat jedoch solche mit warmer 
physiologischer Kochsalzlösung für das schoneudste; er lässt der¬ 
selben Drainage (meist in den Lumbalgegenden und über der Sym¬ 
physe) folgen. Bezüglich der Therapie der Allgemeinintoxikation 
stehen wir noch vor einem ungelösten Problem. Zur antitoxiselien 
Behandlung felden bislang die wirksamen Autidota. Nach Br. 
wird — wenn wir erst einmal ein sicher wirkendes Antistreptu- 
Uokken- und Kolisentm haben — eventuell für den weiteren Fort¬ 
schritt unserer Peritonitisbehandlung etwas gewonnen sein. 

S e li r. 

Centralblatt für Chirurgie. 1902. No. 1 u. 2. 

No. 1. J. II e v e s i - Klausenburg: Chininum lygosinatum, 
ein neues Wundbehandlungsmittel. 


Dasselbe gehört ln die Gruppe der Lygoslnate, die R. Fa¬ 
hl n g i synthetisch aus dem Sallzylaldehyd dargestellt hat, als 
ein in Wasser sich fast nicht lösendes, ln Alkohol, Lysin und 
Chloroform leicht lösliches Pulver von bitterem Geschmack und 
kaum merklichen, aromatischen Geruch. Nachdem das Prnpanu 
l>ei Versuchen im hygienischen Institut bemerkeuswerthe bakteri 
zide Eigenschaften zeigte, verwandte es K. ln der chirurgischen 
Klinik seit ca. l>/ 2 Jahren: als Streupulver, als ImprägnlrstofT fiii 
Gaze, inGlyzeriususpension und als gut klebendes engllscues Tflaster. 
Es bewährte sich als Pulver zur Reinigung von Granulations- 
fläclien, Desodorisirung von Krebsgeschwüren, als lOproz. Glyzerin- 
mischung bei Karies, skrophulösen Drüsen etc.; es kommt l»esoti 
ders auch hiebei die blutstillende Eigenschaft des Präparates, das 
hierin die sogen, klebende Jodoformgaze Ubertrifft, zu Statten 
und ist II. der Ansicht, dass bei der styptischen Eigenschaft die 
Begünstigung der Blutgerinnung eine wesentliche Rolle spielt. 

E. Hahn: Eine Methode der Orchidopexie. 

Mittheilung einer Methode, die sich H. seit 188-8 gut bewährt 
hat. ln der Narkose G cm langer Uautschnitt über die Geschwulst 
parallel dem Lig. Poup.; schichtweise Durchtrennung bis auf die 
Tunica vaginalis, Eröffnung der Höhle. Mit Zeigefinger und Koni¬ 
zange wird vom untersten Winkel des Hautschnittes nach der 
tiefsten Stelle der Skrotalhälfte ein Kanal gebildet und hier au der 
tiefsten Stelle eine 1 */ 2 cm lange Inzision gemacht, Inzisionswunde 
und Kanal mit einer Kornzange so erweitert, dass der Hode leicht 
durch den Kanal und den Hautschnitt geführt werden kann, l'm 
ein Zurückschlüpfen zu verhüten, wird die Wunde so durch Knopf 
nähte verkleinert, dass der Hode pilzförmig durch den Hautschum 
vorragt. Schluss der Leistenwunde. Nach ca. 7 Tagen genügt cs. 
die betreffenden Knopfnähte am Hoden zu lösen, um diesen unter 
die stumpf abgelöste Haut Schiebern zu können, woselbst er dann 
durch Knopfnülite der Haut »lauernd erhalten wird. H. konnte 
meist gute Lage des Hodens im Skrotum bei der Nachuutei 
suclmng konstatiren; er empfiehlt, den ersten Verband nach dem 
ersten Akt der Operation ganz locker auzulegen. 

No. 2. Fr. II ö 1 s c li e r: Zur Behandlung der Ischias. 

II. behandelt seit 10 Jahren die schweren Iscbiasfälle, die mit 
immer wiederkelirenden Rezidiven interner und mechanischer Be¬ 
handlung trotzen, mit breiter Freilegung d»>s Nerven nach seinem 
Austritt aus der Incisura ischiad. und mehrtägigem Auflegen eines 
in 5 proz. Karbollösung getränkten Gazetampons. Die Wunde wlr.l 
an beiden Enden genäht, in der Mitte zur späteren Entfernung di* 
Tampons einne kleine Hoffnung gelassen. H. rühmt die über¬ 
raschende Wirkung auf die Schmerzen und guten Resultate. H. 
hat keine Komplikationen beobachtet, als zeitweilige Scliwelluuu 
der Leistendrüsen (da die Wundheilung mit Eiterung erfolgt); nur 
vereinzelt kam es kurz nach der Operation zu Schweisssekretiou. 

Unter 15 Fällen sali K. nur 2 mal Rezidive nach 2 resp. 
3 Jahren und zwar bei Fällen, ln denen er aus Besorgniss für den 
Nerven noch eine dünne Muskelschicht über demselben gelassen 
hatte, so dass es nicht zu einer unmittelbaren Karbolwirkuug kam. 

M. II e r m a n u - Lemberg: Ueber einen neuen Behelf zur 
Asepsis der Hände während der Operation. 

Mittheilung einer Vorrichtung zum Abspülen der Hände 
während der Operation. Verschieblicher, in der Nähe des Opera 
teure aufzustellender Ständer mit Pedalvorrichtung zur Oeffnuuu 
des Abflussrohres. Als Behälter kann iu der Privatpraxis jedes 
beliebige, mehrere Liter fassende Gefäss (am besten das, das in 
dem Wasser gekocht wurde) dienen, indem der Schlauch mit seiuem 
einen Ende in das Gefäss gesteckt, als Heber dient H. empfiehlt 
desshalb die Vorrichtung nicht allein für Operations- und Ordi 
nationszimmer, sondern wegen seiner raschen und leichten Adaptir 
barkeit für die Praxis überhaupt. Sehr. 

Centralblatt für Gynäkologie. 19o2. No. 1. 

1) R. O 1 s h a u s e n - Berlin: Ueber die Wahl der Operation 
bei Myomen. 

O. befolgt seit Jahren das neuerdings von Zweifel, Rost¬ 
bor n und W e r t b wieder verfochtene Prinzip, bei der Myom 
Operation, wenn nicht Erkrankungen der Adnexe oder technische 
Gründe die Fortnahme beider Ovarien erforderlich machten, 
wenigstens ein Ovarium zurückzulassen, um Ausfallserscheinungen 
oder Psychosen vorzubeugen. Erkrankung der nach der Uterus¬ 
exstirpation zuriickgclasscneu Ovarien hat auch O. beobachtet. 
Um dies zu verhindern, empfahl Werth möglichste Erhalt um: 
der Ovarialgefüsse. O stimmt dem bei, hält es aber für norii 
wichtiger, auch den Uterus so viel wie möglich zu erhalten. Di»" 
gelingt am besten durch Enukleation der Myome, was viel 
häutiger auszuführen geht, als man gewöhnlich annimmt. (>- 
konnte in den beiden letzten Jahren in 27 Proz. der Myomopera- 
tioimn enukleiren, darunter Fälle mit 3—G, ja 9 Myomen. Durch 
die Vermehrung der Enukleationen wird aueh die vaginale Ope 
ration zu Gunsten der abdominalen eingeschränkt werden. 

2) L. H e i »1 e n h n i n - Worms: Ueber Verkleinerung des 
Bauchraumes und Verhinderung von Bauchbrüchen durch 
Doppelung der Bauchdecken. 

Nach Exstirpation grosser Geschwülste aus der Bauchhöhle 
bestellt die Gefahr der Entoroptose und der Entstehung von 
Baiu-hbrüchen. Um dies zu vermeiden, empfiehlt II. das von 
P i »• c o 1 o (Centralbl. f. Chir. 1900, No. 2, p. 36) gegen Nabel- 
briieho angegebene Verfahren, das in einer Doppelung der Bauch 
decken besteht und in 2 Fällen grosser Ovarialtumoren sich be¬ 
währte. Die Technik muss im Original nachgesehen werden. 


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21. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCIIE WOCHENSCHRIFT. 117 


3) HBherlln - Zürich: Akute Sepsis, Ileus, Fseudoileus, 
Jodoformintoxikation, unstillbares Erbrechen? 

Fall von künstlichem Abort mit Sterilisirung wegen unstill¬ 
barem Erbrechen bei einer 39 jährigen dekrepiden Frau, welche 
am folgenden Tage unter schwersten Kollapserscheinungen mit 
Erbrechen und Tachykardie erkrankte und durch eine subkutane 
Salzwasserinfusiou von y 2 Liter gerettet wurde. Das Symptomen- 
bild kommt auch bei den ln der Uebersehrift genannten Zu¬ 
ständen vor, ist aber nach H. Folge der Inanition und der Herz¬ 
schwäche. 

4) A. Törngren - Helsingfors: Zwei Fälle von Laparotomie 
wegen spontaner Uterusruptur bei der Entbindung. 

Im 1. Fall bestand eine Komplikation mit Blasenriss: Sutur 
der Bisse, keine Drainage. Das Kind wurde mittels Baslothrips'e 
extrnhirt, die Mutter starb an Sepsis. 

Im 2. Fall bestand keine Komplikation: supracervikalo Am¬ 
putation, Drainirung durch die Bauchwunde. Genesung der Mutter. 
Das durch Wendung extrnhirte Kind starb 2 Stunden später. 

T. empfiehlt bei inkompleter Ruptur die Tamponade per 
vaginam. Bei kompleter Ruptur m i t drohender Verblutung soll 
die Laparotomie und supracervikale Amputation des Uterus ge¬ 
macht werden. Bei kompleter Ruptur ohne drohende Verblutung 
muss in der Privatpraxis nach Extraktion der Frucht die Tam¬ 
ponade per vaginam genügen. In einer Anstalt sollte aber auch 
liier die Laparotomie gemacht werden. J a f f e - Hamburg. 

Centralblatt fttr Bacteriologie, Parasitenkunde und In¬ 
fektionskrankheiten. Bd. 30. No. 52, 1901. 

1) M. B r o u h a - Lüttich: Sur les propriötea du serum des 
canceraux au point de vue des anticorps des levures. 

2) G. v. Rlgler-Klausenburg: Das Schwanken der AlkaPzität 
des Gesammtblutes und des Blutserums bei verschiedenen ge¬ 
sunden und kranken Zuständen. (Schluss.) 

Zu kurzem Referat nicht geeignet. 

3) A. Tedesehi und A. R o s e 11 i - Buenos Aires: Der 
selbstregulirende elektrische Thermostat. 

Als Vorzüge sind zu nennen: Die Leichtigkeit der Temperatur- 
regulirung. fast keine Schwankung der Temperatur im Apparat, 
geringe Kosten der Erwärmung. Gefahrlosigkeit, Unabhängigkeit 
von Gasleitung, da er von Akkumulatoren allein in Betrieb gesetzt 
werden kann. 

4) S y ui a n s k i - Königsberg: Eine Beobachtung über die 
Möglichkeit des Nachweises von Tetanusgift in dem Blute be¬ 
erdigter und faulender Leichen. 

Auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft sollte bei einer ex- 
humirten Leiche naehgewieson werden, ob sie an Tetanus ge¬ 
störten sei. Da dieselbe bereits 30 Tage in der Erde gelegen hatte, 
so war von vornherein nicht zu erwarten, dass Tetanusorganisiuon 
gefunden werden würden. Es wurden desshalb weisse Mäuse mit 
Horzhl u t. welches durch ein Kieselguhrfilter filtrirt worden 
war. subkutan injizirt. Einige Mäuse starben sehr kurze Zeit nach 
«1er Injektion in Folge der Fiiulnissprodukte. 2 Mäuse jedoch, 
welche 0.5 resp. 1 ccm Filtrat erhalten hatten, erkrankten nach 
4 Tagen an Tetanus und eine verstarb am 7. Tage. Mäuse, 
welche nur 0.25 ccm erhalten hatten, erkrankten zwar, starben 
:il*er nicht. Es hatte also das Tetanusgift trotz der Füulniss des 
Blutes 5 Wochen seine Eigenschaften erhalten. 

öl .7 ä g e r s k i ö 1 d: Tocotrema expansum Crepl —. Mono- 
stomum expansum Crepl, eine genitalnapftragende Distomide. 

R. O. Neumann - Kiel. 

Berliner klinische Wochenschrift. * w»2 No 2 

1) H. Oppenheim: Ueber einen Fall von Rückenmarks¬ 
tumor. 

Schon die ersten Erscheinungen an dem Kranken: neural¬ 
gische Schmerzen im linken Hypochondrium. Schwäche in den 
linksseitigen Alidoniinalmuskeln. Fohlen des Bnuchdeckenrofloxes 
links l»rächten Verfasser auf den Gedanken eines Tumors des 
Ttiickenmarks. Später traten Seusibilitätsstörungen am Rumpf und 
am linken Bein hinzu, welche die Diagnose sicherten. Es wurde 
»•in Tumor im Gebiet der 8.. 9.. eventuell der folgenden Dorsal- 
wurzeln angenommen. Extonslonsbohandlung erwies sich als von 
ungünstigem Einfluss. Die vorgenommene Operation ergab einen 
Ix>hnenförniig gestalteten Tumor an der angenommenen Stelle ein 
Fibrom mit stelleuwoiser myxödematöser Umwandlung. Verlauf 
anfänglich günstig; bald erfolgten aber meningitisebe Erschein- 
nungen. weichen der Patient erlag. Das Rückenmark zeigte ent- 
zfindlich-degenerative Veränderungen, deren Einzelheiten im Ori¬ 
ginal angegeben sind. 

2) K reb s - Berlin: Elektrisches Glühlicht und innere In¬ 
fektion. 

Die mltgetheilten, an Mäusen und Meerschweinchen unge¬ 
stillten Versuche ergaben im Gegensatz zu den Angaben von 
Aufrecht uud G e 1) li a r d t. dass ein günstiger Einfluss der 
Bestrahlung der Thioro. welche mit Milzbrand, resp. Typhus in- 
lizirt worden waren, sieh nicht erkennen Hess. Die Belichtung 
zeigte auch keine ungünstigen Folgen, wenn dafür gesorgt wurde, 
«lass die betreffenden Versuchstiere unter gleichen Temperatur- 
iMfüngungeu gehalten wurden. Ein irgend aussichtsreiches Ein¬ 
greifen mit «1er Lichttherapie bei Infektionen kann also vorläufig 
nicht für wahrscheinlich gehalten werden. 

3» J. Ruhe ni a n n - Berlin: Eine einfache Methode zur so¬ 
fortigen quantitativen Bestimmung der Harnsäure im Urin. 
(Schluss folgt.) 


4) A. F rcund - Berlin: Thoraxanomalien als Frädisposition 
zu Lungenphthise und -Emphysem. 

Vergl. das Referat S. 2022 der Münch, ined. Wocliensclir. 1901. 

Grass mann - München. 

Deutsche medicinische Wochenschrift. 1904 No. 1. 

1) W. Kollo und E. Martini: Ueber Pest. (Aus dem In¬ 
stitut für Infektionskrankheiten in Berlin.) (Schluss folgt.) 

2) Ernst B e n d 1 x und Adolf Bickel- Göttingen: Kritischer 
Beitrag zur Lehre von der Glykolyse. 

Vorläufige Mittheilung über die Fehlerquellen, welche aus der 
Löpine’schen Hypothese von der Glykolyse als einem enzyma¬ 
tischen Prozess resultiren. 

Die ausführliche Publikation der einschlägigen Arbeiten wird 
demnächst an einem anderen Ort erfolgen. 

3) Emil K ö r in 3 c z i - Ofen-Pest: Kann die Diagnose der 
Anaemia perniciosa aus dem hämatologischen Bilde festgestellt 
werden P 

Die Ansicht Iv.’s über die von ihm aufgeworfene Frage wäre 
dahin zusamnienzufasscn. dass das hümatologiselio Bild der per- 
nioiösen Anaemie in manchen Fällen von dem Bilde der sekundären 
Anämien nicht zu unterscheiden ist. dass aber das Knochenmark 
auch in diesen Fällen bei postmortaler Untersuchung einen megalo- 
plastisclien Typus zeigt. Ferner, dass das histologische Bild der 
perniziösen Anaemie oft von megaloblastischem Charakter ist. 
Diese Symptome hätten aber nur dann eine beweisführende Kraft, 
wenn dieselben von den anderweitigen Befunden der Blutunter- 
suehung und auch vom klinischen Bilde unterstützt würden. 

•1) Victor Schmieden- Bonn: Ueber den Werth der Theorie 
von der traumatischen Geschwulstgenese und über einen ge¬ 
heilten Fall von zentralem Riesenzellensarkom der Tibia. 

(Nach einem in der Nicderrheiniselien Gesellschaft für Natur- 
und Heilkunde in Bonn gehaltenen Vortrag.) 

Im Anschluss au die Mittheilung eines geheilten Falles von 
zentralem Riesenzellensarkom der Tibia sucht Sch. die Bedeutung 
des Traumas in der Geswhwulstätlologie zu priizislren, indem er 
betont, dass häufig gedankenlos dem Trauma eine viel zu be¬ 
deutende Stellung beigemessen wird. 

5) A. N e h r k o r n - Heidelberg: Temporäre Kolostomie bei 
chronischer Dysenterie. 

Mittheilung eines operativ geheilten Falles mit daran an¬ 
schliessender Angabe der Indikationen, welche in ähnlichen Fällen 
ein chirurgisches Vorgehen geboten erscheinen lassen. 

f>) B. O. Kellner- Bloemfontein (Südafrika): Ein Fall von 
Hermaphroditismus lateralis. 

Kasuistische Mittheilung mit Illustration. 

7i II. R u n ge : Berlin: Zum Treiben der Kurpfuscher. 

M. L. 

Oesterreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 2. Gussenbauer - Wien: Ueber die Behandlung der 
Fissura ani. 

Oberflächliche Fissuren können durch Jodoform uud Dermatol 
in kurzer Zeit geheilt werden. Wenn die Fissur tiefer greift und 
heftige Afterkrämpfe bestellen, erfordern solche Fälle eine operative 
Behandlung. Vor allen anderen Verfahren gibt Verfasser der R e - 
c a m i e r’sehen Dehnung des Aftersehliessmuskels den Vorzug, 
welcher aber in tiefer Narkose vorgenommen werden muss. Bel 
der Vornahme der Dehnung führt Verfasser die beiden Zeigeflng«*r 
nacheinander schonend ein und dehnt, bis der Sphinkter erschlafft 
erscheint; damit hören die Schmerzen auf und erfolgt sehr rasch 
die Heilung der Fissur, meist schon in einer Woche. Als Beleg 
veröffentlicht Verfasser die seit 1894 an seiner Klinik mit Erfolg 
operirten Fälle, 23 Männer und 27 Frauen betreffend. 

F. Finger-Wien: Ulcus molle und Syphilis. 

Verfasser führt aus. dass die bakteriologischen Forschungen 
sowohl die Berechtigung der Dualitätslehre, wie die der Annahme 
eines gemischten Schankers ergehen haben. Die Entdeckung des 
Bazillus des weichen Schankers durch Ducrey hat aber bisher 
noch nicht die Möglichkeit an «li«» Hand gegeben, von jedem Ulkus 
von vornherein zu sagen, ob man es mit Syphilis zu tliun hat. oder 
nicht, weil selbst bei Anwesenheit di«*ses Bazillus das gleichzeitige 
Vorhandensein «les syphilitischen Virus nicht ausgeschlossen 
werden kann, bevor nicht die Zeit für das Auftreten der Allgemein- 
«•rscheinmigen verstrichen ist. Schliesslich bekämpft er die Mei¬ 
nung. als ob ein sehr virulentes Schankergift die gleichzeitig ein- 
g«*impfto Syphilis etwa zerstören und eliiuiniren könne. 

3> I\. L a n d s t e i n e r und A. S t u r 1 i - Wien: Ueber die 
Hämagglutine normaler Sera. 

Der Artikel eignet sich nicht für einen kurzen Auszug. 

4) II. Schlesinger und A. W «• i c h s e 1 b a u in - Wien: 
Ueber Myiasis intestinalis, (Di«» Fliegenlarvenkrankheit des Ver- 
«lauuncskanales.) 

Vergleiche den Beri«»ht <l«*r Münch, ined. Wochcnschr. 1 '.n»1. 
S. 2h 32. linissnin n n - München. 

Wiener medicinische Wochenschrift. 

No. 48. J. F i ser - Laibach: Zur Kenntniss der Krankheiten 
der Augenhöhle. 

Ausführliche Beschreibung von 18 Fällen aus dem La>b:i« hor 
Lamlesspital: 


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118 


MIJENCIIENKR MEDIC1NISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


n) Verletzungen der Augenhöhle (4): 

1>) Phlegmone »Irr Orbita (3. davon 2 Iiu Zusammenhang mit 
«*iner Erkrankung der Nase): 

c) Carle» marginis orbitalis, ausnahmsweise den nasalen Tbed 
betreffend; 

dt Eetasia ossis ethmoidalis cum protusione bulbi (2); 

e) Oyst«*n der Orbita (1 congenitale, 1 Dermoid mit sarkoma- 
töser Degeneration der Wand): 

fl Neoplasmen (0, davon 3 Sarkome. 1 Karzinom. 1 Melano- 
sarkom. 1 zweifelhaft). 

No. 1. 1902. M. Schlichter - Ofen-Pest: Scheinoperationen 
bei eingebildeten Krankheiten. 

Wenn auch dann und wann ein verlockender Fall veröffent¬ 
licht wird, erklärt sich Verfasser doch gegen jeden erheblicheren 
Eingriff zur Beseitigung einer krankhaften Vorstellung. In einem 
Fall hat er einem jungen Mann, der unter der Vorstellung litt, seine 
— ganz wohlgestaltete Nase sei verkrümmt, nachgegeben und 
eine durch einen kleinen kosmetischen Fehler schliesslich berech¬ 
tigte unbedeutende Operation am Nasenflügel vorgenommen. In 
kürzester Zeit kehrte die Vorstellung doch zurück. Patient ver¬ 
langte später dringend eine grössere Operation und endete durch 
Selbstmord. In einem weiteren Fall führte eine solche überflüssige 
Operation zu einem schweren Erysipel, bei einem anderen diente 
«las endliche Nachgeben und Einleiten einer lokalen Schein¬ 
behandlung. Aet/en mit dem Lapis, nur dazu, um den Glauben an 
ein bösartiges Leiden erst recht zu befestigen. 

J. II r a c h - Przemysl: Knochennaht des Olekranon. 

Durchtrennung der Weiehtheile und des Olekranons. Eröffnung 
des Ellenbogengelenkes durch Säbelhieb. Gründliche Entfernung 
der Blutgerinnsel und Tamponade zur Vermeidung intraartikulärer 
Blutung hält. Verf. für besonders wichtig. Nach Entfernung der 
Tampons schichtweise Naht der Gelenkkapsel, des Olekranons, der 
Weiehtheile. Glatte Heilung. Herstellung der Beugefähigkeit bis 
zum rechten Winkel. 

Wiener medicinische Presse. 

No. 2. R. v. Mosetig-Moorliof : Schwerer Kom- 
pressionsikterus durch tumorbildende chronische Pankreatitis. 

Im vorliegenden Falle sollte die Choledoehotomie ausgeführt 
werden. Nach Eröffnung der Gallenblase und Entfernung einer 
Anzahl von Konkrementen zeigte es sich, dass sich der Ductus 
cholcdochus in einem etwa apfelgrossen, offenbar dem Pankreas¬ 
kopf ungehörigen Tumor verlor. Ob dieser chronisch-entzündlicher 
oder neoplastischer Art sei. war schwer zu entscheiden: das Fehlen 
von Aszites sprach gegen Karzinom: der Zustand der Kranken er¬ 
heischt«* rasch«* Beendigung der Operation. Es bli«*b also bei der 
Gholeeystotomie. Unter offener Wundbehandlung versiegt«* all¬ 
mählich «1er Gnlleabt’uss aus d«*r Fistel, welche plastisch ge¬ 
schlossen wurde. Der Fall wurde völlig hergestellt und reiht sieh 
den von M ayo-Robson gesammelten Fällen von chronischer 
Pankreatitis an. die durch spontane postoperative Involution des 
Tumors zur Heilung kamen. 

Wiener klinische Rundschau. 

No. 2. R. Porgcs - Wien: Beitrag zur operativen Behand¬ 
lung der Magengeschwüre. 

Bei einer 57 jährigen Patientin der H o c h e n e g g’schen 
Klinik Hessen «lie jahrelangen wechselnden klinischen Erschei¬ 
nungen nicht ein Magengeschwür diagnostiziren. Und doch ergab 
die wegen Unerträglichkeit des Zustandes schliesslich vorge- 
noimnene Laparotomie einen grossen Defekt an der kleinen Kurva¬ 
tur. welcher durch Verwachsung mit der Leberoberflädte seine 
Deckung gefunden hatte. Der Verschluss durch Naht war wegen 
Brüchigkeit der Magenwand unmöglich, von der Deckung durch 
Aufnähung des Netzes wurde in Folge ungünstiger Erfahrungen 
abgesehen und die offene B«*handlung mit Drainage und Tampo¬ 
nade vorgezogen. Zur Ausschaltung der oberen Magenparti«* wurde 
eine typische Gnstr<»«*nterostomi«* nach v. Hacker angcsehlosson. 
Unter Ernährung durch den Mund rasche Heilung, ohne dass durch 
das Drainrohr, das am 8. Tage entfernt wurde, je Nahrungsflüssig¬ 
keit ausgetreten wäre. Die m«*ist<*n zur Operation gelangenden 
Fälle von Magengeschwür sind durch Perforation und Peritonitis 
komplizirt. gestatten meistens nicht die Anlegung einer Gastro¬ 
enterostomie: diese sollte, wenn möglich, stets gemacht worden 
und zwar nach der v. H a c k e r’sclien Methode, die im Gegen¬ 
satz zu der W ü 1 f 1 «* r’schen das Regurgitiren des Speisebreies 
verhindert. Bergeat- München. 

Rumänische Literatur. 

C. Cristen nu: Hysterische Tetanie im Wochenbette. 
(Revista de Chirurgie. März 11)01.) 

Es luunlelt sich um eine Frau, welche am 20. Tag«* eines bis 
dnliin normalen Wochenbettes plötzlich schmerzhafte Kontrak¬ 
tionen des linken Masseters bekam, welche anfallsweise auftraten. 
12—20 mal in 24 Stunden sieh wiederholten und bis zu 20 Minuten 
dauerten. Die Zusammenzi«*liungen waren so heftig und un¬ 
erwartet. dass sich die Kranke öfters in die Zunge biss. Auch 
di«* Hals- und Nackenmuskeln, namentlich links, wurden von 
diesen Krämpfen befallen und trotz grosser Brom- und Chloral- 
«litsen «leimten sieb dieselben auch auf die linksseitige Arm-. 
Brust-. Baucii- und Beinnmskuhitur aus. Di«* Anfälle traten 
namentlich unter dem Einfluss«* emotiver Eindrücke heiterer «»der 
■rauriger Natur auf. aber auch Nachts mitten im Schlafe. Es 


wurden bei der Kranken auch anästhetische und hyperilsthetisclie 
Zonen konstatirt, aber keine Sehstörungen. Die Behandlung be¬ 
stand in warmen Bädern. Verabreichung von Ammonium valerian., 
2—4 Kaffeelöffel täglich, etc. und wurde die Heilung nach 45 Tagen 
erzielt. 

Itiissovici: Ueber die Behandlung der Lues mit doppelt¬ 
chromsaurem Kali. (Progr. med. roniän. 13. Mai 1901.) 

R. hat im Militärspital«* 4C> Fälle von Lues mit Pillen vom 
Kalium bichromnt um. 0.03—0.05 täglich, behandelt und gefunden, 
dass namentlich die sekundären Erscheinungen eine relativ 
rasche Besserung z«*igt«*n. Das schon von E. G ü n t z und 
V i c «* n t e empfohlene Präparat scheint spezifische, antiluetische 
Wirkung zu haben, reizt nicht die Mundschleimhaut und übt auf 
den Organsmus kciimrlei kumulative Wirkung aus. da «lie Elimi¬ 
nation dureli die Nieren eine sehr rasche ist. 

B a 1 a e <* s <• u: Die totale und bilaterale Resektion des Hals¬ 
sympathikus bei Struma exophthalmica. «Revista tle Chirurgie, 
April September 1901.) 

Die sehr umfangreich«*, mit zahlivlehen Illustrationen aus- 
gi'stat ifte Arbeit behandelt die von Thoma J o u n e s c u geübte 
M«*thod«‘ der Sympathikusresektion bei Morbus Basedow!!. 

Eine Wiedergabe der Details ist Im Auszug«* schwer möglich, 
es sei.-n daher nur die Schlüsse, zu welchen B. gelangt, hier kurz 
angeführt. Demzufolge ist «lie Synipathikusresektiou bei Struma 
exophthalmica die rationellste Behandlungsmethode und der 
Tliyivoidenexstirpation bei Weitem überlegen. Ihn bleiliende Re¬ 
sultate zu erzielen, müssen genügend grosso Stücke d«*s Hals¬ 
sympathikus exzidirt und das Ganglion inferior entfernt worden. 
Nur in den Fällt*n. wo ein«* retrosternale Struma schwere Druck- 
crschcinungen bewirkt, soll ausnahmsweise der Tumor «lirekt 
operativ angegangen werden. 

('. C risteanu: Bemerkungen über 2 Fälle von Sym- 
physeotomie. (Ibidem. Oktober 1901.) 

O. hat an zwei Gebärenden diese Operation mit bedeuten«! 
v«*r<*infa«*litem Instrumentarium und gutem Erfolg ausgefülirt. 
Er ist der Ansicht, dass nach dieser Methode die Operation nicht 
nur in den Kliniken, sondern auch von den praktischen Aerzten 
in <l(*r Stadtpraxis leicht ausgeführt werden kann. Nach Asep- 
tisirung der Symphysengt'geml und Vagina wird die Zange direkt 
an den hochst<*h<*n<l(*n Sehäihd nach d«*r Methode von Lepage 
angeh'gt. hierauf die Haut über «1er Symphyse bis auf den Knochen 
inzidirt und der Schnitt nach rechts in das grosse Labium bis zur 
Höhe des Ligamentum trianguläre fortgeführt. Die Wundriinder 
werden mit zwei Hacken auseinander gehalten, mit dem Zeige¬ 
finger der linken Hand unter di«* Symphyse eingegangen. w«»ix*I 
die Weiehtheile. Urethra und Klitoris, nach unten und links ge¬ 
drängt w«*r«len. Hierauf wird mit einem einfachen Bistouri di«; 
Symphyse und das Ligamentum triangulär«* gleichsam auf der 
Volarfläche des eingeführten Fingers durchschnitten. Die Blutung 
während der ganzen, kaum 15 S«*kunden dauernden Operation ist 
gleich Null. Auf die Wunde wird sterile Gaze gelegt und das 
Kind mittels der liegengelassenen Zange extrahlrt. Ein Gehilfe 
löst dann die Plazenta und macht eine intrauterine Waschung, 
während der Opemt«*ur die Symphysentheile nähert und. ohne tiefe 
Nähte anznlegi'ii. die Weiehtheile durch 8—40 Knopfnähte ver¬ 
einigt. Es wird ein <*infaeh«*r Verband und T-Binde angelegt und 
die Beine während einiger Tag«* genähert gehalten. Eine Ver- 
w«*ilsonde ist unnöthig. da eine 4—(»stündlich vorgenommene 
Kathcterisirung genügt. In beiden op«*rirten Fällen wurden die 
Kinder lobi'iid extrahlrt und die Frauen hatten späterhin keine 
Gidistürungen. obwohl die Symphyse beweglich blieb. 

.1. Tra i lesen: Ein Fall von Meningitis mit Pfeiffer¬ 
schem Bazillus. (Spitalul, 15. Oktober 1901.) 

Die 0 Monate alte Patientin bot das klassische Bild einer 
akuten Meningitis. w«*lche vor einigen Tagen mit Symptomen von 
Gastroenteritis begonnen batte, ln der durch Lumbalpunktion ge¬ 
wonnenen Flüssigkeit, wurden zahlreiche polynukleäre Leukocyten 
gefunden und auf dem P f e 1 f f © r’schen Nährboden entwickelten 
sich reine Kolonien von Infiuenznbazillus. 

S a d o v «* a n u: Einfache (paludische) Hypertrophie der 
Milz. (Progr. medical romnn. 28. Oktober 1901.) 

Die Kranke hatte 4 Jahre hindurch an Wechselfieber gelitten 
und wurde bei der Untersuchung ein Milztumor gefunden, welcher 
die unteren Rippen vordrängte, die Linea nlba überschritt und 
nach nuten bis zur Crista ilci reicht«*. Durch Laparotomie wurdt; 
die 3024 gr wiegende Milz mit gutem Erfolge für die Frau ex- 
stirpirt. 

N. I>. Stalen viel: Das Papillom der Konjunktivs. 

(Revista de Chirurgie. November 1901.) 

Das Papillom der Konjunktivs ist eine seltene Erkrankungs- 
form. Aus der Literatur konnte S. nur 15 Beobachtungen zu- 
snmnnuistidleii. welchen er eine l(»., eigene, hinzufügte. Der be- 
tretTend«* Kranke litt s«*it Jahren an Konjunktivitis; späterhin 
traten auf der Bindehaut verschiedene Auswüchse auf. Dieselben 
waren nur am linken Auge zu bemerk«*» und erschienen als zahl¬ 
reiche. kurzgestielt«*, fleischige, granulationsiihnliche Exkreszenzen 
auf Lid- mul Bulbuskonjunktivn. Die noch freien Bindehautthoile 
waren verdickt, mth und s«*zernir«*nd. Di«* Neugebilde hatten 
auch die linkt* Kornea ergriffen. Dieselbe war von zahlreichen, 
kleinen. Sessilcn Vegetationen von unr«*gelraässiger Oberfläche 
und rot her Farbe bed«*ckt. Auch die nicht ergriffenen Hornhaut- 
theile waren nicht normal, sondern boten eine vaskularisirte. un¬ 
durchsichtige Oberfläche. Die ganze Erkrankung hatte sieh fast 
sehiuerzios entwickelt. Es wurden mehrfache Auskratzungen mit 
scharfem Löffel und darauf folgende Kauterisiruugeu mit 


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21. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


110 


Pnquelin vorgeuomnien, doch nach einigen Wochen rezidivirten 
die Vegetationen. 

S. konnte seine Diagnose auch mikroskopisch bestätigen: er 
sieht das Papillom der Konjunktiva als Tumor an und nicht als 
einfache Polypen. Dasselbe ist im Allgemeinen gutartiger Natur, 
doch ist die Verwandlung iu ein malignes Neugobilde nicht aus¬ 
geschlossen. 

R. Dona: Die spontane Ruptur des schwangeren Uterus. 
(Spitalul, lö. November bis 1. Dezember 1901.) 

Es handelt sich um eine verschleppte und vernachlässigte 
Schulterlage, durch welche ein Hiss des unteren l'terussegments 
und der Vagina nach links und vorne hervorgerufen wurde. Das 
Kind und die Plazenta waren iu die freie Bauchhöhle expulsirt. 
Es wurde die Wendung und Extraktion der Frucht und Nach¬ 
geburt auf vaginalem Wege vorgenommen, hierauf durch Laparo¬ 
tomie die Totalexstirpation des Uterus vorgenommen. Die Peri¬ 
tonealhöhle wurde mit steriler Gaze genau gereinigt, hierauf das 
Peritoneum vollständig geschlossen und die Bauchwunde in toto 
genäht, zugleich durch Jodoformgazestreifen subpi ritoneai und 
vaginal drainirt. Es wurden der Kranken, ausser täglichen 
Vaginalausspiilungeu, noch subkutane Einspritzungen von 2000 gr 
künstlichem Serum pro die gemacht. Vom 8. Tage an war die 
Temperatur nach einigen febrilen Schwankungen normal und 
nach weiteren 4 Wochen war die Kranke vollständig hergestellt. 

D. ist der Ansicht, dass die allgemein übliche Extraktion 
der Frucht auf vaginalem Wege die Operation unnöthig verlängert 
und die Infektionsgefahr erhöht. Er meint, dass diese 
Extraktion ebenfalls durch die Laparotomie stattlinden soll und 
gleich daran die Totalexstirpation der Gebärmutter anzu- 
scliHessen sei. 

Sadovcan u: Doppelte Vagina; totale und sehr derbe 
Scheidewand; normaler Uterus. (Ibidem.) 

Die 19 jährige Patientin wurde mit begonnener Geburt in's 
Krankenhaus gebracht: bei der vorgenommenen Untersuchung 
wurde eiue doppelte Vagina gefunden. Die Geburt erfolgte glatt 
durch die linke Hälfte und war das Wochenbett normal. Nach 
einigen Tagen wurde eine genaue Untersuchung niunual 
und mit S i m s’schcn Vnlven vorgenonimeu und hierbei 
gefunden, dass die linke Vagina ein normales Aussehen 
und gewöhnliche Ausdehnung habe und dass an ihrem 
oberen Ende ein einfacher Uterus bestehe. Doch ragte nur 
etwa : ; 4 des Uterusmundes in diese Vaginalhälfte und das andere 
Viertel prominirte rechts in die zweite Vagina. Dieselbe hatte 
ein derbes, gezacktes, an einer einzigen Stelle eingerissenes Hymen, 
trotzdem war die Untersuchung mit 2 Fingern leicht möglich. 

G. Vrable: Fremdkörper der Blase. (Ibidem.) 

Die betreffende Kranke bot heftigsten Tenesmus. musste bei¬ 
nahe jede 5 Minuten urinlren und war der Harn trüb und eiterig. 
Durch Sondirung wurde ein Fremdkörper konstatirt, welcher als 
Blasenstein angesehen wurde und die Lithotripsie beschlossen, da 
Patientin sich im 6. Monate der Schwangerschaft befaud und einer 
grösseren Operation nicht ausgesetzt werden sollte. Durch diesen 
Eingriff wurde viel phosphorsaurer Kalk entfernt, andererseits 
aber doch die Frühgeburt provozirt. Nach 12 Tagen waren die 
früheren Symptome nach kurzer Remission wieder entwickelt 
und es wurde der hohe Blasenschnitt beschlossen. Hierbei wurde 
ein 12 cm langes und kleinüngerdickes Stäbchen gefunden, 
welches stark mit Phosphaten überzogen war und mit. beiden 
Enden sich quer in die Blasen wand cingestemmt hatte. Patientin 
gestand späterhin, sich dasselbe in abortiver Absicht eingeführt 
zu halKMi, indem sie es ln die Gebärmutter bringen wollte. 

Dr. E. T off- Braila. 

Inaugural-Dissertationen. 

Universität Breslau. November und Dezember 1901. 
t. II insberg Victor: Ueber Labyriutheiterungeu. 

Preiser Georg: Beitrag zur Lehre von den Tuboovarial- 
cysten. 

Winkler Carl: Das Dezhluom. 

:i7. Nachtigall Paul: Ein Fall von medianer Nasenspalte. 
,'{M. Fach n rieh Bruno: Beitrag zur Kenntniss der typischen 
Bauchdeckenfibrome. 

BÖ. Storch Ernst: Physiologische Untersuchungen über die Funk¬ 
tionen der Hirnrinde, zugleich eine Vorstudie zur Lehre von der 
A phask*. 

40. Bergei Dagobert: Ein Fall von Kantharidinvergiftung. 

41. John Heinrich: Ueber die Behandlung veralteter Luxationen 
des Schulter- und Ellbogengelenkes. 

!U. R u in m 1 e r Richard: Den Dermatosen analoge Sehleimhnut- 
erkrankungen des Kehlkopfes. 

4.*’. Liebert Georg: Ueber Venenthrombose bei Chlorose. 

44. Arndt Johannes: Das Verhalten der Kalksalze in den Faeces 
und Im Harn von Säuglingen bei Darreichung gekochter und 
ungekochter Milch. 

4"*. Tiegel Max: Ueber die Vortheile des suprasymphysären 
Faszienquerschnitts nach Pfannonstiel. 

4U. Wiener Fritz: Ueber Veränderungen der Schilddrüse nach 
Anlegung einer Fistel der Gallenblase. 

47. Hllgermann Robert: Die Betheiligung des Ganglion 
Gasser! bei Mittelohrelterungen. 

Universität Erlangen. Dezember 1901. 

Dorn Jakob: Ueber die Bildung der Knochenabszesse. 

VA. Werner Michael: Drei Fälle von primärem Nierensarkom. 


35. Westrum Wilhelm: Klinische Beiträge zur Kenntniss der 
Syringomyelie. 

30. Ilayashi T.: Vergleichende Blutdruckmessungen an Gesunden 
und Kranken mit, den Apparaten von Gärtner, R i v a - 
R o c c I und F r e y. 

Universität Königsberg. Dezember 1901. 

30. Auliuth Paul: Ueber die Tarsusausscliäluug bei Behand¬ 
lung des Trachom. 

31. Liedke Alfred: Die Verbreituugsweise der Diphtherie mit 
besonderer Berücksichtigung der Uubertragung des Dipli- 
theriekontagiums durch J hie re, speziell Pferde. 

32. 11 u eilen Adolf van: Ein Beitrag zur Biologie des Tuberkel¬ 
bazillus mit besonderer Berücksichtigung der H e s s e schen 
Angaben. 

33. Hu eil en Emil van: Ein Beitrag zur Formaldehyddcsiiifek- 
tiou. 


Vereins- und Congressberichte. 

Berliner medicinische Gesellschaft. 

(Eigener Bericht.; 

Sitzung vom 15. Januar 1902. 

Tagesordnung: 

Herr Pels-Leusden: Oesophagotomien wegen Fremd¬ 
körper. (Mit Demonstration.) 

Im ersten Fall war eine Bteehmüuze von Zweimarkstückgrössc 
verschluckt worden. Entfernung auf andere Weise missglückt, 
und daun, nach Transport in die Charite, auch nicht mehr versucht, 
wegen des scharfen Randes der Münze. Routgeubild zeigte den 
Sitz. Oesopliagotowie. Heilung. 

Im 2. Fall hatte eiue (»5 jährige Frau ein Knochenstüek ver¬ 
schluckt, davon Phlegmone um den Oesophagus . Operation. 
Heilung. 

Der 3. Fall, junger Manu, der ebenfalls ein Knochenstüek ver¬ 
schluckt hatte, ist erst vor wenigen Tugen operirt; vorläufig mit 
gutem Erfolg. 

Diskussion: Herr R o s e u h e i w: Wenigstens im 1. Falle 
hätte mit dem Oesophagoskop der Fremdkörper gesehen und per 
vias naturales entfernt werden können. Eine besondere Stellung 
nehmen unter den Fremdkörpern der Speiseröhre die verschluckten 
Gebisse ein, deren scharfe Hacken die Extraktion kontiamdiziren. 

Herr Reichert: Er habe bei einer 31 jährigen Frau das 
Gebiss mit dem Münzonlauger extrahirt bezw. mit der Hand, als 
cs nochmals iu der Hohe des Kehlkopfs stecken geblieben war. 

Herr Treitel hat ebenfalls ein Gebiss mit Glück extrahirt. 
Dies müsse jedoch als Ausnahme betrachtet werden. 

Herr 1’ e 1 s - L e u s d e u: Die Münze sei in seinem Falle zu 
scharf für die Extraktion gewesen. 

Herr F. Krause: Ersatz des gelähmten Quadriceps 
femoris durch die Flexoren des Unterschenkels. 

Demonstration eines vor 4 Jahren operirteu Falles. Der Put. 
hatte im 2. Lebensjahre eine spinale Kinderlähmung durehgemacht. 
Es blieb der Qundric. fern, vollständig gelähmt und allmählich ent¬ 
wickelte sieh eiue Beugekontraktur des Kuies. Jetzt, nach der 
Operation sicherer Gang, wenngleich, wegen der Verkürzung des 
Beins, mit Hinken. Auf elektrische Reizung bleibt der Quadrieeps 
reaktionslos, während Reizung des Iscliiadicus durch Vermittlung 
der Flexoren des Unterschenkels eiue prompte Streckung des Beins 
besorgt — ein Resultat, dass in der Diskussion Herr J o i 1 y be¬ 
stätigt. Es waren also die Flexoren au der Aussen- und Innen¬ 
seite des Oberschenkels freipräparirt und ihre Sehnen nach Durch¬ 
trennung auf die Patella verpflanzt worden. Hans Ivo li ii. 


Verein für innere Medicin zu Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 13. Januar 1902. 

Herr K o r n f e 1 d - Wien a. G.: Demonstration von Asbest¬ 
gegenständen für die Krankenstube. Der feuerfeste (mindestens 
95proz.) Asbest ist nach Vortragendem im Grossbetrieb billiger 
für die Herstellung von Möbeln und Gegenständen als billigstes 
Holz. Beide Umstände, Billigkeit und Unzerstörbarkeit durch 
Feuer, machen ihn daher geeignet zur Anfertigung von Gegen¬ 
ständen, welche durch Ausglühen desintizirt werden sollen: dazu 
rechnet Vortragender z. B. Spucksdmlen. Mundspatel, eventuell 
auch Schränke, Stühle u. dergl. mehr. 

Noch ist die Herstellung im Grossen dadurch erschwert, dass 
aller Asbest von einer einzigen englischen Finna bezogen werden 
muss; doch hofft Vortragender, dass sich dies bald ändern werde. 

Herr Ewald ilemonstrirt einige Fliegenlarven, welche zu¬ 
fällige Befunde im Stuhle eines Nosopholten bildeten. 

Herr Gerhardt weist dabei auf seine diesbezüglichen 
früheren Mittheilungen hin. 

Tagesordnung: 

Herr Senator: Nierenkolik, Nierenblutung und Ne¬ 
phritis. 

James Israel hatte vor einiger Zeit über die Erlolge der 
N i e r e. n s p a 11 u n g bei Nierenkolik, Nierenblut ung und seilet 


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M (JEN CHEN ER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


120 


bei Nephritis berichtet und einige Haruspezialisten waren seinem 
Beispiele gefolgt. Diese Mittheilungen macht Vortr. zum Gegen¬ 
stand seiner kritischen Betrachtung. J. Israel hatte die guten 
Erfolge das Eingriffs bei Schmerzen so erklärt, dass in gewissen 
Fällen eine starke Hyperämie der Niere vorhanden sei, welche zur 
Spannung der Nierenkapsel und damit zu Schmerzen führt und 
dass diese Hyperämie und Spannung durch die Nierenspaltung 
beseitigt werde, ln ähnlicher Weise durch Entspannung werde 
die Blutung beseitigt und auch ein günstiger Einfluss auf den 
nephritischen Prozess selbst ausgeübt. 

Senator, der als Erster im Jahre 1890 einen Fall von 
„renaler Hemophilie“ durch Entfernung der kranken Niere ge¬ 
heilt hatte, glaubt nun an der Hand der I s r a e l’schcn Fälle, 
welche er als meisterhaft beobachtet und objektiv geschildert 
anerkennt, den Nachweis erbringen zu können, dass die po¬ 
st ul irte K u p s e 1 s p a n n u n g in der Mehrzahl der Fälle 
gar nicht vorhanden gewesen sei; denn in den meisten seiner 
14 Fälle führte Israel an, dass bei der Operation die Niere 
schlaff, weich oder dem ähnlich befunden worden sei. Diese Er¬ 
klärung der Nierenkolik sei also wohl unzutreffend und damit 
die Begründung des Eingriffs hinfällig. 

Wenn ferner dieser Eingriff zur Beseitigung der Kongestion 
und damit zugleich zur Beseitigung einer Blutung dienen sollte, 
so wäre doch die Blutung selbst das einfachste Mittel zu diesem 
Zweck. In der That habe Naunyn 3 Fälle von Massenblutung 
bei Nephritis mitgetheilt, die ohne Operation bei interner Me¬ 
dikation heilten. Auch P e 1 und Rosonstein haben sich 
gegen die Operation erklärt, während die Chirurgen und Ilarn- 
spezialisten sie lebhaft annahmen. Was endlich die Nephritis 
anlange, die in einigen Fällen mikroskopisch an exzidirten 
Stückchen bestätigt sein soll, so sei in keinem Falle ein Morbus 
Brightii vorhanden gewesen. Es habe sieh immer nur um kleine, 
lokale AfFektionen gehandelt. J. Israel sei übrigens nicht 
entfernt so weit gegangen, wie seine Nachfolger, die zum 
grössten Theil ganz kritiklos vorgegangen seien. 

Er sei ungern an die Kritik der I s r a e l'sehen Arbeit heran¬ 
gegangen, aber die Verdienste, die sich dieser Autor sonst um 
die Nierenchirurgie erworben habe, stünden so hoch, dass sie 
in diesem einen Punkte eine ablehnende Kritik wohl vertragen 
könnten. 

Diskussion vertagt. Hans K o li n. 


Aerztlicher Verein in Hamburg. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 7. Januar 1902. 

Vorsitzender: Herr Köm m e 1 1. 

I. Demonstrationen: 

1. Herr Bi eck-Altona demonstrirt 4 durch vaginale Total¬ 
exstirpation gewonnene Uteri. Bei dreien konnte die Diagnose 
der malignen Erkrankung (es handelte sich um Adenocarcinoma 
corporis Uteri) nur mittels des Mikroskops am kürettirten Material 
gestellt werden. Im Hinblick hierauf betont er den Werth der 
mikroskopischen Frühdiagnose und hält unter voller Würdigung 
der neueren Methoden vorläufig noch für das Erstrebenswertheste. 
im Hinblick auf die Statistik der Berliner Frauenklinik mit 40Proz. 
Dauerheilung und 5 Proz. Mortalität im Sinne Prof. W inte r's 
die Frühdiagnose zu fördern unter Beibehaltung der vaginalen 
Operationsmethodcn für alle Frühfälle. Da die Indolenz der 
Frauen und die Furcht vor der Untersuchung am schwersten oder 
oft gar nicht zu überwinden sind, so ist wenigstens darauf hinzu¬ 
wirken, dass Unkenntniss der Thatsache, dass gerade am Uterus 
auch die frühesten Stadien maligner Erkrankung mit dein Mikro¬ 
skop erkannt werden können, und Skeptizismus betreffs des W’er- 
thes der Stückehendiagnose nicht die Haus- und Kassenärzte ab- 
lialten, die Frauen mit verdächtigen Symptomen, die sich nur 
einmal untersuchen lassen, ohne Verzögerung an den Spezialisten 
zu weisen, der die eventuelle Frühdiagnose stellt. 

2. Herr Den ecke berichtet wiederum Uber einen inter¬ 
essanten Fall von Aneurysma, til jiilir. Arbeitersfrau: 1. XII. 1901 
»iiifgenommen, nachdem sie am Tage vorher bewusstlos hingefallen 
war. Hemiparese rechts. Aphasie. Besserung. Soiidenfüttenmg 
bis 14. XII. Am 3. I. 1901 Morgens Aufschrei. Tod nach wenigen 
Minuten. Sektion: (Jeliirn: K. Ventrikel von lockerer bräun¬ 
lichen Gerinnseln erfüllt, die Gegend der linken grossen Ganglien 
durch eine ältere Blutung ausgedehnt zerstört. Brust: L. Innige 
drängt sich vor. In der 1. Pleurahöhle 4 <mi ccm fleisehwasser- 
iihnliche Flüssigkeit. Keine Verwachsungen. An der hinteren 
Brustwand eine grosse glatte Vorwölbung der Pleura costalis. 
Dieser kissenartige Sack fluktuirt und enthält etwa 2 1 Blut. 
Aorta weit, hochgradig atheromatös verändert. In der Höhe des 
•». Brustwirbels ani'iirysmatische Erweiterung. Usur des Wirbels 
und sackförmige, jetzt durch ein Gerinnsel verschlossene Aus¬ 
buchtung nach hinten. Hier Durchbruch in das zwischen Brust¬ 


wand und Pleura beiegene lockere Bindegewebe und Bildung des 
oben erwähnten Blutsackes. 

3. Herr Lochte berichtet unter Demonstration der ein¬ 
schlägigen Präparate über 2 Fälle von Erstickungstod. In beiden 
Fällen war das Individuum hei der Mahlzeit wie vom Schlage 
gerührt todl zu Boden gefallen. Es fand sieh hei beiden ein 
grosser langer Fleischbisscn. der den Schlund oberhalb des Kehl¬ 
kopfes verlegte. Eigenthümlich Ist. dass der Tod in diesen Fällen 
so plötzlich cintritt. ohne dass das Individuum Abwehrbewegung. it 
macht. Da es nicht die durch den momentanen Verschluss der 
Luftwege durch einen grossen Bissen bedingte mangelnde Luft¬ 
zufuhr allein sein kann, die den Erstickungstod bedingt, erinnert 
Vortr. an die anatomischen Beziehungen zum Vagus uud hält es 
für möglich, «lass eine Reizung der sensiblen Fasern durch «li«* 
sieh durch- bezw. einkleimnenden Bissen ein wichtiges Moimmt 
in dem tragischen Ausgang dieser Fälle darstellt. 

II. Herr Lenhartz feiert in längerer Ansprache Herrn 
E. Fraenkel, der am 1. Januar 1902 auf eine 25jährig«? 
ununterbrochene Thiitigkeit als Prosektor der harnburgisclten 
Staatskrankenanstalten zuriieksieht. Seinen Anregungen, seinen 
wissenschaftlichen Forschungen und nicht zum wenigsten seiner 
treffenden Kritik verdankt der ärztliche Verein Belehrung uud 
Förderung. Eine grosse Zahl in Hamburg thiitiger Aerzte 
schätzt sich glücklich, durch Fraenkel das pathologisch- 
anatomische Fundament ihres Wissens und Könnens erhalten 
zu haben. 

III. D i s k u s s i o n über den Vortrag des Herrn Kümmell: 
Erfahrungen über Diagnose und Therapie der Nierenkrank¬ 
heiten. 

Herr K ö n i g - Altona erkennt die Bedeutung und die Re¬ 
sultate der funktionellen Nierendiagnostik vollauf an. Es gibt 
Fälle, in denen der gesonderte Uretereukatheterlsmus allein maiiss- 
geh«-n«l ist. wenn auch ihm Bo«>huchtungeii zu Gebote stellen, in 
denen «lie Ergebnisse der Gefrierpunktsmethode per sectiouein ihre 
Bestätigung fanden. Redner b«*tont die Notliwendigkeit konser¬ 
vativen Vorgehens in Fällen von Pyoneplirose od«-r einfacher 
NYphrolithiasis und erwähnt zum Beweise folgende Beobachtung. 
3«* jährige Frau. St«*inkolik«*n. eitriger Harn. Freilegung der Niere 
dureli Sekthmssehnitt: Im Nierenl»ei*ken mehrere Depots von 
stinkendem Eiter und ein Konglomerat fest inkrustirter Steine. 
Drainage, dann Sekundärnaht: Heilung ohne Fistel. 

Herr Lenhartz betont zunächst den diagnostischen 
Werth genauester Harnuiikroskopie hei zweifelhaften Nieren- 
erkranktmgen. Der Befund von vereinzelten rotheu Blutkörper¬ 
chen im abgesetzten und zentrifugirten Harn gehört nach Sehinerz- 
attaeken zur Kegel und ist «laun für Steine charakteristisch. In 
solchen Fällen wird man mit einer grossen Sicherheit zu opera¬ 
tivem Vorgehen rutlien dürfen. Auf der anderen Seite ist es auf¬ 
fallend, wie grosse Konkremente bei Individuen offenbar Jahre¬ 
lang bestehen bezw. sich entwickeln können, ohne dass die 
Anamnese des Kranki-n in dieser Richtung Aufklärung verschafft. 
Redner erwähnt den Befund von grossen tropfsteiuförmigen Kon- 
kreiueuten. die das ganze Nierenbecken erfüllen und ln die 
Cnlices hineinrngen, als zufälligen Nebenbefund bei Sektionen, 
ohne dass «li«- Uriusokretion jemals gestört war. — Die Diagnose 
der Eiterniere ist oft durch Palpation möglich; besonders sind 
intermittirende Vergrösserungeu verdächtig. Auch Probepuuk- 
tioiieii geben oft Aufschluss und sind nicht so gefährlich, wie¬ 
wohl sonst angenommen wird. — Die Iv ii in ui e 11'sche These. 
j»*«lc chronische Cysiitis, «lie nicht auf Gonorrhoe beruhe, sei 
tuberkulöser Natur, ist insofern zu erweitern, als auch das 
Bacterium coli eine nicht allzu selten zur Beobachtung kommende 
t'ystitis bedingt. — Die Anheftung der beweglichen Niere wird 
jetzt erfreulicher Weise seltener von den Chirurgen ausgeführt 
wie friilmr. Bei neurasthenischen mageren Personen sind die Be¬ 
schwerden wohl nur in den seltensten Fällen auf die Beweglichkeit 
der Niere und zumeist auf das nervöse Grundleiden zu beziehen. 
Ganz zu verwerfen sind chirurgische Maassnahmen bei akuten 
Nephriti«leii, z. R. die von englischen Autoren empfohlene Kapsel¬ 
spaltung b«*i Soharlaehuephritis. 

Herr Wiesiuger erklärt sich mit den Gesichtspunkten, 
die Herr Lenhartz entwickelt hat, auch vom chirurgischen 
Standpunkte aus einverstanden. Bei Tuberkulose des Urogenital¬ 
apparat i-s hält er einen Versuch mit Tuberkulin für berechtigt 
und eventuell für «•rfolgreich. Der Konservatismus bei Ilydro- 
und Pyonephros«* darf nicht zu weit getrieben werden, wenn «.-s 
nicht gelingt, «lie Passage dureli den Ureter wieder frei zu be¬ 
kommen. was häutig durch «lie pathologisch-anatomischen Ver¬ 
hältnisse des Ureters (Striktur, Klappen, seitliche Insertion) be¬ 
dingt ist. W. zeigt einen Nierenstein von radiosehenartiger Ge¬ 
stalt. welcher eiiu-n Ureierverschluss mit 8 tägiger Nierenkolik 
bedingte und dureli die Untersuchung per vnginam in die Blas«- 
befördert und per vias naturales unmittelbar darauf entleert 
wurde. 

Herr Albers-Sch ö n 1» e r g weist im Anschluss an «lie 
Bemerkungen des Herrn Lenhartz auf «lie bisher wenig Be¬ 
kannt gewordene, 1888 von P f e i f f e r - Wiesbaden publtzirte Re¬ 
aktion auf freie Harnsäure in Fällen von harnsaureu Steinen bin. 
A.-S. hui bei eiiu-r grossen Zahl von Untersuchungen auf Kon- 
kromeiiio dies«* in den Verhandlungen «les Kongresses für innere 
Medizin 1888 niilu-r b-sehriebono Method«- ang«*wend«*t und glaubt 
«lie.M'lbe zu weiterer Nachprüfung wann empfehlen zu können. 


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21. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


121 


Die Frage über (len Werth der Röntgenuntersuchung bei 
Nierensteinen kann in folgenden Sätzen zusammengefasst werden: 
Harnsäuresielne sind allermeist nicht nachzuweisen, dagegen 
Phosphat- und Oxalatsteine fast immer, ausgenommen bei über¬ 
mässiger Adipositas und kleinen Konkrementen. Grosse Kon¬ 
kremente können auch bei korpulenten Leuten gefunden werden. 
Bei mageren Patienten gelingt cs, selbst linsengrosse Konkretionen 
nachzuweisen. 

Die Technik muss eine derartige sein, dass auf den in Be¬ 
tracht kommenden Platten die letzte Rippe, die Querfortsätze der 
Lendenwirbelsäule, die Crista ilei und vor Allem der Musculus 
psoas differenzirt sichtbar sind. Auf Platten dieser Qualität werden 
etwa vorhandene Phosphat- oder Oxalatsteine wohl allermeist zu 
erkennen sein. 

Herr Edlefseu bespricht die reflektorische Oligurie und 
Anurie. Experimentelle Untersuchungen, u. A. von Arthur Goetze, 
haben gezeigt, dass Steigerung des Sekretdruckes der einen Niere 
und ebenso auch andere sensible Reize der einen Niere zu einer 
verringerten Sekretion der anderen Niere Veranlassung gaben. 

Herr S u d e c k warnt vor zu weit getriebenem Konservatis¬ 
mus. Das Bestehenbleiben von Nierenfisteln, bedingt durch Strik- 
turen, Infiltrate und Verdickungen am und in der Umgebung des 
Ureters erfordert später doch die sekundäre Exstirpation. — S. 
erwähnt einen Fall, der dadurch bemerkeuswerth ist, dass vor 
der Operation im Urin Streptokokken in Reinkultur ausgeschieden 
wurden. Bei der Sektion fand man im Nierenbecken fest an¬ 
haftende Steine, deren Entfernung mit der Scheere geschehen 
musste. Das Nierenbecken war völlig sauber, so dass von der 
Exstirpation der Niere abgesehen wurde. Es entwickelte sich 
eine Streptokokkensepsis, der der Patient erlag. Primäre Tot.il- 
exstirpation würde diesen Ausgang wohl vermieden haben. 

Herr Simmonds berichtet über einen Fall, der für die An¬ 
nahme einer reflektorischen Anurie spricht. Ein 60 jähriger Mann 
erkrankte akut an Schmerzen im Leibe und Anurie, die sechs Tage 
bestand. Dann entleerten sich wieder mehrere Liter Uriu täglich 
(eiweissfrei, mit spärlichen Blutzöllen). Der Mann starb unmiltel- 
bar darauf an Pneumonie. Die Sektion ergab links Ektasie des 
Nierenbeckens und Ureters, Steine in der Niere und den Ilnra- 
wegen. Rechte Niere makroskopisch und mikroskopisch absolut, 
intakt. Hier hatte also ein Verschluss des 1. Ureters durch einen 
Stein gleichzeitig auch Anurie der intakten rechten Niere bewirkt. 

Herr Rumpel erwähnt, dass der Befund von rotlien Blut¬ 
körperchen nicht in jedem Falle von Stein erhoben werden kann. 
In einem genau beobachteten Falle ging nach zahlreichen Koliken 
ein linsengrosser Phosphatstein ab. ohne dass jemals Blutkörper¬ 
chen nachgewiesen wurden. Auf der anderen Seite bedingen Tu¬ 
moren der Niere das Auftreten von Blut im Harn. R. erwähnt 
einen 18S9 von ihm, Käst und Schede beobachteten, dunkel 
geblielienen Fall von Nierenblutung. Schede machte damals 
die Sectio alta und katheterisirte von der Blase aus beide Ureteren; 
die verschieden gefärbten Katheter wurden dann durch die Harn¬ 
röhre geleitet Das Blut entleerte sich immer nur aus der einen 
Niere, die dann exstirpirt wurde, sich aber makroskopisch und 
mikroskopisch als völlig normal erwies. Solche idiopathischen 
Blutungen aus dem Nierenbecken sind sehr selten. — Dass man 
nach Nierenpalpation Spuren von Blut im Urin findet, ist neuer¬ 
dings oft beobachtet worden. 

Herr F r a e n k e 1 richtet an den Vortragenden die Frage, 
was aus den bei der Nieren- und Ureterexstirpation bei Tuber¬ 
kulose zurückbleibenden jedenfalls auch schon tuberkulös er¬ 
krankten Stümpfen später wird. Gewöhnlich wird «pioad vitam 
das Resultat chirurgischer Behandlung dieses Leidens desshalb 
wenig befriedigend sein, well beide Nieren erkrankt sind. 

Die tuberkulöse Cystitis ist bei Männern entschieden häufiger 
als bei Frauen. Ausser Gonorrhoe und Tuberkulose kommen aber 
noch eine Reihe von Cystitiden aus auderer Aetiologie, z. B. bei 
Lageveränderungen etc. vor. Als Symptome für Nierensteine er¬ 
wähnt F. in Intervallen auftretende, in den Iloden ausstrahleude 
Blasonschmerzen. 

Der Schluss der Diskussion wird vertagt. 

Werner. 


Biologische Abtheilung des ärztlichen Vereins Hamburg. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 3. Dezember 1901. 

Vorsitzender: Herr E d 1 e f s e n. 

Schriftführer: Herr Just. 

Herr A. Mau demonstrlrt, als seltenen Befund beim Weibe, 
ein primäres infiltrirendes Karzinom der Harnblase, kombinirt 
mit linksseitiger Steinniere, völliger Obliteration des zu¬ 
gehörigen Ureters und kompensatorischer Hypertrophie der 
rechten Niere. Ein ätiologischer Zusammenhang zwischen der 
sicher schon lange bestehenden Steinbildung, die das ganze 
Nierenparenchym zum Schwund gebracht hatte, und dem sehr 
zollarmen Plattenepithelkrebs konnte um so weniger sicher- 
gestellt werden, als anamuestische Angabeu über ein früheres 
Nieren- oder Blasenleiden völlig fehlten. Nur in den letzten 
Leidens Wochen war der 61jährigen Frau häufigerer Harndrang 
aufgefallen. Sie hatte bis zuletzt normale Urinmengen entleert, 
obgleich das Karzinom die rechte Urctermünduug schon leicht 
verengt und dadurch eine Dilatation des Ureters herbeigeführt 
hatte. Im obllterirten linken Ureter steckte noch ein Stein. Den 
Tod hatte eine Mitralstenose herbei geführt. 


Diskussion: Herr Edlef seu bezweifelt auf Grund 
des aus der Hypertrophie der rechten Niere hervorgehenden Alters 
der Steinbildung und Atrophie der linken Niere den ätiologischen 
Zusammenhang einer etwa durch die Nierensteine bewirkten 
Blasenreizung mit dem Karzinom. 

Herr Saenger: Ueber das intermittirende Hinken. 

Vortragender theilt 3 Fälle von Claudication intermittente 
(Oharcot) mit, hoi denen durch Röntgenphotographien deut¬ 
liche Kalkablagcruugcri in den Gefässen der unteren Extremi¬ 
täten nachgewiesen werden konnten. Stellenweise war aus der 
ringförmigen Anordnung der verkalkten Stellen ersichtlich, dass 
es sich in diesen Fällen nicht um eine Arteriosklerose, sondern 
um eine richtige Arterienverkalkung handelte. Vortragender be¬ 
spricht eingehend den bis jetzt nicht genügend beachteten Unter¬ 
schied zwischen diesen beiden Erkrankungen. 

Bei der Arteriosklerose handelt es sich um eine Erkrankung 
der Intima, bei der Arterienverkalkung um eine Erkrankung 
der M ed i a der Gefässe. Während bei letzterer die Verkalkung 
frühzeitig auftritt, ist hei erstorer dieselbe erst der Endausgang 
des arteriosklerotischen Prozesses. 

Das wesentlich häufigere Befallcnsein des männlichen Ge¬ 
schlechts vom intermittirenden Hinken, das Lebensalter (59 bis 
GO Jahre) spricht sehr dafür, dass in den meisten Fällen Arterien¬ 
verkalkung vorliegt. Arteriosklerose kommt in Hamburg nament¬ 
lich bei Arbeitern viel früher vor. 

Aetiologisch fand Vortragender in seinen Fällen das Moment 
der Uebcranstrcngung der Beine im Beruf sehr hervortretend 
und spricht sich gegen die B r i s s a u d’sche und neuerdings von 
Oppenheim vertretene Ansicht von einem Zusammenhang des 
intermittirenden ninkons mit der neuropathischen Diathese aus. 

Vortragender glaubt, dass der Schmerz in ähnlicher Weise 
zu Stande kommt, wie hei der durch Verkalkung der Kranz¬ 
arterien bedingten Angina pectoris. 

Durch weitere genaue anatomische Untersuchungen und prä¬ 
zise Röntgenaufnahmen muss fcetgestellt werden, hei welcher 
Lokalisation des verkalkenden Prozesses der Symptomenkomplex 
des intermittirenden ninkens zu Stande kommt. Dass derselbe 
auch durch eine arteriosklerotische oder syphilitische Intima- 
erkrnnkung verursacht werden kann, ist selbstverständlich und 
in solchen Fällen ist die Therapie (Jod u. s. w.) wirksam. In 
seltenen Fällen scheint ein ähnlicher Symptomenkomplex durch 
angiospastisehe Zustände der Arterien ohne Wand Veränderung 
vorzukommen. 

Die auf Arterienverkalkung beruhende Claudication inter- 
inittente ist, wie Charcot schon hervorgehoben hat, nicht 
besserungsfähig und führt meist schliesslich zu Gangrän. 

Zur Differontialdiagnose zwischen Arteriosklerose ohne Kalk¬ 
ablagerung und Arterienverkalkung empfiehlt Vortragender nach- 
driieklichst die Röntgenaufnahme der erkrankten Arterien, die 
heutzutage vorzügliche Bilder liefert. Vortragender demonstrirt 
die Röntgenplatten seiner Fälle. 

Diskussion: Herr Heinrich Embden: Die Abhängigkeit 
des intermittirenden Hinkens von der Gefässerkrankimg stvbt fest. 
Ebenso sicher aber erscheint es. dass noch irgend welche be¬ 
sondere Momente hinznkommen müssen, um bei Gefässerkran- 
kung das hier besprochene Krnnklieltsbild nuftreten zu lassen. 
Dafür spricht die relative Seltenheit des intermittirenden Hinkens 
gegenüber der sehr'häufigen Verkalkung und Sklerose der Arterien 
ln den unteren Extremitäten. Das besondere Element in einer 
„neuropathischen Diathese“ zu suchen, dafür scheint noch keine 
genügende Veranlassung vorzuliegen. E. wendet sich bei dieser 
Gelegenheit gegen den Missbrauch. (1er mit der Statuirung der 
„neuropalhisclien Diathese“ ln wachsendem Maasse getrieben wird. 
Irgend eine nervöse Erkrankung im Vorleben des Patienten oder 
irgend eines Verwandten, genügt vielen Autoren, um den. an sich 
übrigens ziemlich inhaltlosen Begriff „neuropathische Diathese“ 
zu zitiren. Ebenso verhält es sich mit der Statuirung der erb¬ 
lichen Belastung. Erst neuerdings fängt man an. bei medizinischen 
Erblichkeitsstudien die Methoden der Genealogen anzuwenden. 
Die Pferdoziiehter sind exakter auf diesem Gebiete als die Aer/.te; 
von ihnen liesse sich für die Methodik Vieles lernen. Gegen die 
ätiologische Rolle der nervösen Disposition beim intermittirenden 
Hinken dürfte auch die Thntsaehe sprechen, dass bei der Angina 
pectoris, die man nicht mit Unrecht als das intermittirende Hinken 
des Herzens bezeichnet hat, die ..neuropathische Diathese“ keine 
nachweisbare Rolle spielt. Zum Schluss theilt Herr E. die Ge¬ 
schichte einer jungen Frau mit. welche im übrigens normalen 
Wochenbette eine dem intermittirenden Hinken analoge Erkran¬ 
kung im rechten Arm. die in anderer Form schon von dem Herrn 
Vortragenden erwähnt wurde, akquirirte. Der Arm war in der 
Ruhe von normalem Aussehen und vollkommen schmerzfrei: bei 
jeder Thiitigkoit aber wurde er blass und sehr schmerzhaft. 
Die Untersuchung ergab völliges Fehlen des Pulses ln der Arteria 


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122 


MTTENOTTENER MEDICTNISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


brachlalis, radlalls und ulnaris. Es steht fest, dass der Radial- 
puls frtiher vorhanden war. I)le subjektiven Störungen haben 
sieh ganz langsam, al>er nicht vollständig ausgeglichen: der Puls 
Ist nicht wiedergekehrt. Ob es sieh um eine Embolie bei okkulter 
Endokarditis handelt, steht dahin: die Frau erfreut sich einer tadel¬ 
losen Allgemeingesundheit. Eine Angioneurose scheint aus¬ 
geschlossen zu sein. Neue anatomische Untersuchungen, deren 
erst sehr spärliche vorlicgen. können allein die Fräse nach der 
Pathogenese des intermittirenden Ilinkens beantworten. Dabei 
wird man besonders genau auf die Lokalisation der Gefüsserkran- 
kungen achten müssen. 

Herr Boettleer demonstrirt gleichfalls das Röntgen- 
blld eines Patienten mit Intermittlrendem Hinken. 
Die Arterla tiblalis postica zeigt in Ihrem ganzen Verlaufe 
Verkalkungen. Der 05 jährige Herr litt seit ca. 1 Jahr 
an leichtem Einschlafen des rechten Unterschenkels, seit 
ca. 3—4 Monaten an Klaudikatlon: ätiologisch kommt 
nur Ueberanstrengung der Beine in Betracht, der Kranke 
hat seit 52 Jahren vorwiegend im Ladengeschäft gestanden. Die 
Beschwerden treten nur rechts auf. Der Puls der rechten Ponlitea 
ist nicht fühlbar, links jedoch kräftig, die Dorsalis pedis ist 
beiderseits nicht fühlbar. Bemerkenswert!! ist. dass am rechten 
Unterschenkel gleichzeitig von .Tugend auf Krampfadern bestehen, 
die möglicher Weise auch ätiologisch in Betracht zu ziehen sind. 

Herr W i e s I n g e r erklärt im Anschluss an eine Bemerkung 
von Herrn S a e n g e r. dass einer Anzahl der von ihm beobachteten 
Fälle von ..intermittlrendem Hinken“ Plattfnsselnlagen ohne 
Nutzen verordnet worden seien, dass auch er der Ueberzeugung sei. 
dass bei ausgesprochenen Fällen von intermittlrendem Hinken 
von denselben nichts zu erwarten sei. Es gebe ledoch 
eine Anzahl von Fällen, deren Symptome nicht so klar und aus¬ 
gesprochen seien, mit Schmerzen in den Füssen und Unter¬ 
schenkeln und der Unmöglichkeit längere Strecken zu gehen, bei 
denen Plattfusseinlngen von grossem Nutzen seien. Tn solchen 
sei der Versuch ihrer Anwendung durchaus gerechtfertigt. 

Herr Deutschländer weist auf ein Krankheitsbild hin. 
das In differentialdiagnostischer Hinsicht erwähnt zu werden ver¬ 
dient. und das einen ähnlichen Symptomenkomplex in gewissen 
Fällen zeigt, wie das intermittirende Fieber, wenn freilich ein 
Angiospasmns hierfür nicht verantwortlich zu machen sei. D. 
meint das Frühstadium der Arthritis deformans ooxnc. Auch 
hier handele es sich um Leute in gutem Ernährungszustand« in 
den vierziger oder fünfziger Jahren. Auch hier trete in gewissen 
Fällen, wenn die Patienten eine Zeit lang in Bewegung s«i«n. oft 
ein stärkeres, schmerzhaftes Hinken auf. so dass die Patienten 
genöthigt seien, sich ausznrulien. worauf das Gehen dann wieder 
besser würde. Erst jüngst seien einige Fälle dieser Art wieder ver¬ 
öffentlicht worden (Becher: Zur Frühdiagnose der Arthritis 
deformans coxae. Berl. klin. Wocbenschr. TOOL No. 471. Das 
objektive Unterscheidungsmerkmal bestehe bei diesen Fällen in 
der Beschränkung der Abduktion in der erkrankten Hüfte. Was 
die Therapie anbetrifft. so empfiehlt D.. beim anglospastiscben 
Hinken einen Versuch mit Schienenhülsenannaraten zu machen, 
die das Bein beim flehen entlasten und mit denen auch bei der 
Arthritis deformans der Hüfte oft recht wesentliche Besserungen 
erzielt worden seien. 

Herr Just wendet sich gegen die von den Herren Sänger 
und Embden aufgestellte Analogie zwischen intermittirondem 
Hinken und Angina pectoris, indem er darauf hinweist, dass d is 
intermittirende Hinken nach Angabe der Beobachter stets nach 
längerer, starker Arbeit der Muskeln eintrete, während doch die 
Anfälle von Angina pectoris, wenn auch nicht Immer, so doch mit 
besonderer Häufigkeit während des Schlafes eintreten. 

Herr Kaes weist darauf hin. dass doch die Erblichkeit der 
Neurosen, speziell aber vieler Psychosen, eine wissenschaftlich un- 
gemein sicher gestellte Thatsaclie sei. 

Herr Heinrich Embden: Herr Kaes hat mich missver¬ 
standen. Ich habe durchaus nicht die Bedeutung der Erblichkeit 
für das Zustandekommen vieler Psychosen geleugnet. Nur gegen 
die Leichtfertigkeit, mit welcher auf Grund ganz ungenügenden 
Materials im einzelnen Falle häufig von erblicher Belastung ge¬ 
sprochen wird, habe ich mich gewandt. 

Herr Fraenkel erörtert die Frage der Fühlbarkeit des 
Fussnrterlenpulses: seinen Beobachtungen zufolge sei der Puls 
an der Tibial. postica durchaus nicht regelmässig zu fühlen, was 
sich aus der tiefen Lage der durch das straffe Lig. erncint. intern, 
noch besonders geschützten Arterie auch ohne Weiteres erkläre. 
Der Mangel der Fühlbarkeit des Pulses ln diesem Oefäss gestatte 
daher keine Rückschlüsse über das Verhalten des Lumens. — Die 
Heranziehung der Angina pectoris durch Kranzarterlenerkrankung 
sei nur sehr bedingt zulässig, da man es im Gegensatz zu den durch 
eine exzessive, einen Kollateralkreislauf ermöglichende. Oofäss- 
versorgnng ausgezeichneten Extremitäten am Herzen mit End- 
arterien zu thun habe. Fr. setzt dann eingehend die Unterschiede 
zwischen der sog. Mediaverkalkung der Arterien und dem als 
Arteriosklerose oder chron. deformirende Endarteriitis bezeieh- 
noten Prozess auseinander und erläutert dieselben durch Zeich¬ 
nungen und Rüntgenbildor. Therapeutisch sei die Mediaverkalkung 
selbstverständlich in keiner Weise zu beeinflussen, wie das auch 
Herr S a e n g e r bereits hervorgehoben habe, während der arterio¬ 
sklerotische Prozess, besonders wenn es sich dabei tun syphi¬ 
litische Effekte handelt, einer inneren Medikation doch bis zu 
einem gewissen Grad zugängig sei. 

Herr Olsha nsen macht darauf aufmerksam, dass die 
Schmerzen nicht während des Stehens, sondern nach längerem 


Gehen auftreten. während doch die Zirkulation im Stehen mehr 
behindert sei. als im Gehen. 

Herr Mönckeberg zeigt 2 mikroskopische Präparate, die 
den Unterschied zwischen der reinen Sklerose und der Verkalkung 
der Gefässwiinde illustriren. 

Herr H n f f n e r weist darauf hin, dass ausgedehnte Arterien¬ 
verkalkung ziemlich häufig als Nebenbefund bei der Radiographie 
von Verletzungen der unteren Extremitäten sich zeige bei älteren 
Personen, die als Schnuerleute. Kohlenarbelter etc. seit Jahren 
die schwerste Arbeit ohne alle Beschwerden leisten. 

Herr Edlefsen meint, dass für das Zustandekommen des 
intermittirenden Hinkens die Lokalisation der Gefässverkalkun^ 
wohl bedeutend in’s Gewicht fallen werde. 

Herr Bertelsmann: Was den Schmerz beim Intemiit- 
tirenden Hinken anbetrlflTt. so handelt es sich dabei vielleicht um 
ähnliche Vorgänge, wie wir Chirurgen sie beobachten, wenn wir 
bei einem nicht narkotislrten Menschen die künstliche Blutleere 
an wenden. Die Intensität dieses Schmerzes habe ich auch einmal 
an mir selbst erprobt. 

Herr Fraenkel glaubt, dass cs sich bei der Entstehung 
dieses Schmerzes mehr um Druck auf die Nerven handle, ebenso 
Herr Dr. E m 1) d e n. 

Herr W 1 e s i n g e r erinnert demgegenüber an die allein nach 
Arterienembolien an den Extremitäten auftretenden ausserordent- 
lieh heftigen Schmerzen. 

Herr Bertelsmann: Ausser dem, was Herr W le si ng*:r 
vnrg bracht habe, scheine ihm die Art und die Zeit der Entstehung 
und des Schwindens des Schmerzes nicht dafür zu sprechen, dass 
es sieh um eine Nervonkompression handle. 

Herr Fraenkel glaubt, dass das Auftreten der Schmerzen 
in den Extremitäten nach Anlegung des Esmarch>h»ii 
Schlauches nicht in Parallelegesetzt werden könne mit den Schmerzen 
bei den Zuständen, von denen liier die Rede ist. da bei der An¬ 
legung des Schlauches neben der Blutleere auch eine direkte 
Kompression der Nervenstiimme bewirkt werde. 

Herr Wiesinger erinnert an die heftigen Muskelschmerzen, 
welche bei Embolie der Arterien ln den Extremitäten eintreten. 

Herr Sn enger freut sich, dass Herr Boottiger in 
seinem Falle ebenfalls eine Ueberanstrengung der Beine als ätio¬ 
logisches Moment gefunden halte. Herrn W i e s i n g e r's Be¬ 
merk umr gegenüber hebt er hervor, dass seine 3 Patienten mit 
intermittirendem Hinken Plnttfüsse hätten und dass dieselben 
längere Zeit von chirurgischer Seite daraufhin behandelt worden 
waren, ohne dass sie Erleichterung ihrer Beschwerden fanden. 

Das von Dcutscliliin d e r beobachtete Syinptoinenbiltl 
im Frühstadium der Arthritis deformans eoxae haben wir nicht 
beobachtet. In seinen Fallen von Arthritis deformans eoxae sei 
der Schmerz beim Beginn der Bewegung aufgetreten und halte 
allmählich während des Gehens nachgelassen. Also ein ganz ent¬ 
gegengesetztes Verhalten wie beim intermittirenden Hinken. P r 
Empfehlung, letzteres mit Scliicncnhülscnappnraton zu behänd'ln. 
steht S. S' lir skeptisch gegenüber. 

Vor Allem dankt S. ferner Fraenkel dafür, dass er als 
pathologischer Anatom die vorgetrngene Ansicht der scharfen 
Unterscheidung der Arteriosklerose von der Arterienverkalknmr 
bestätigt und durch Demonstration von Röntgenbildern erhärtet 
hat: ferner, «lass er s-ünen Assistenten Herrn Mönck.eber; 
veranlasste. beweisend!* mikroskopische Präparate vorzuzeigen. 
Bisher sei dies* so scharfe Trennung der beiden Krankheiten 
durchaus noch nicht in das Bewusstsein der Aerzte gedrungen. 
Was die Fühlt arkeit des Puls « der A. tibial. post, beim normalen 
Menschen betrifft, so hat S. ebenfalls dieselbe oft vermisst. Zum 
Schluss bespricht S. noch einmal das Zustandekommen des 
Schmerzes, den er als ischämischen Muskelschmerz ansieht. Trutz 
der Einwürfe hält er an der Analogie mit dem Schmerz bei dev 
Angina pectoris fest. Endlich empfiehlt er. in allen Fällen 
von intermittlrendem Hinken eine Röntgenaufnahme 
machen zu lassen, um festzustellen, ob eine Ver¬ 
kalkung der Arterien vorliege. In Fällen mit ne¬ 
gativem Resultat auf der Röntgenplatte kann es sieh lim arterio¬ 
sklerotische (event. luetische) oder angiospastische Zustände lian 
dein, deren Prognose viel günstiger sei. als die der Arterien¬ 
verkalkung. 


Naturhistorisch-Medizinischer Verein Heidelberg. 

(Medizinische Sektion.) 

Sitzung vom 11. Juni 1901. 

1) Herr Bettmann: Demonstration einer Impfpsoriasis, 
nach Hauttätowierung. 

1> i s k u s s i o u: Herr M a r w e d e 1. 

2. Herr v. Hippel: Heber Divergenzlähmung. 

Nach eingehender Besprechung der Symptome der sogen. 
Divergcnzlälmniiig -teilt der Vortragende folgenden Fall vor: 

Marie B.. is Jahre. Landwirthstoehter. ledig, ist seit 3 Wochen 
zur Begutachtung ihres Gosammtbefindcns in der medizinischen 
Klinik aufgi-noinmcn. Sic hat Anspruch auf Unfallrente erholten, 
weil sie ihre Beschwerden auf einen am 11. Juli 190" erlittenen 
Ilitzschlag (Unfall im landwirtschaftlichen Betrieb) zurückführt. 
Bei der Arbeit auf dem Felde wurde es ihr übel und schwindlig 
sie musste sieh setzen und dann niederlegen, konnte aber geführt 
noch nach Hause geben. Dort angekommeu legte sie sich nnt 
heftigen Kopfschmerzen zu Bett, hatte dabei starke Atheninolh 
und das Gefühl, als ob eine Kugel im Halse emporstiege. D‘*' s 


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21. Januar 1902. 


MüENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


ixetuhl kehrte immer wieder, weuu nie den Kopf nach hintenüber 
legte. Im Ganzen war sie 14 Tage bettlägerig, nach 8 Tagen 
hatte sie einen Krampfanfall von derselben Art, wie er später auch 
in der medizinischen und in der Augenklinik beobachtet wurde. 

Sobald sie nach dem „Hitzschlag" sich wieder selber etwas 
beobachten konnte, bemerkte sie, dass sie Alles doppelt sah; sie gibt 
bestimmt an, dass auch damals die Doppelbilder immer den 
gleichen Abstand hatten, einerlei in welcher Richtung sie gesehen 
hat Sie hatte auch Schmerzen und das Gefühl von Müdigkeit in 
den Augen. Auch jetzt leidet sie noch daran. Sobald sie sich über¬ 
beugt „schiesst ihr das Blut in den Kopf, dass sie umfiUlt“. Sie 
hat angeblich nicht mehr arbeiten können. Das Doppelsehen be¬ 
steht unverändert bis zum heutigen Tage. 

Seit dem „Hitzschlag“ hat sie ihrer Angabe nach 24 Pfund 
abgenommen. Bis dahin war sie ganz gesund; die Periode ist mit 
15 Jahren eingetreten, kehrte alle 2 Wochen wieder und war mit 
starkem Blutverlust verbunden. Vor dem Anfall war die Periode 
11 Wochen ausgeblieben. Die Hände und Füsse seien damals ge¬ 
schwollen gewesen, so dass sie ihre Stiefel nicht anzieheu konnte, 
dies hat sich aber in kurzer Zeit verloren. Die erste Periode nach 
Ablauf der 11 Wochen soll mit besonders starkem Blutverlust ver¬ 
bunden gewesen sein. Geschlechtsverkehr wird mit Bestimmtheit 
m Abrede gestellt. 

Eltern und 7 Geschwister leben und sind gesund, 1 an Diph¬ 
therie, 1 an Scharlach gestorben. 

Status praesens: K —1DS = 7 U , L — 1 DS = 7,,.. 
Binokular wird Schweigger 0,4 in 25 cm bequem gelesen, also kein 
Akkomodationskrumpf. Gesichtsfeld und ophth. Befund normal. 
Beim Bück in die Ferne deutlicher Strabismus couvergens. Auf 
80 cm und näher kein manifestes, dagegen deutliches latentes Kou- 
vergenzschielen. 

Prüft man mit einer auf einer Schiene verschieblichen Nadel 
auf Doppelbilder, so treten dieselben auf 3o—40 cm Kutternuug 
aut, wenn man von der Nahe ausgehend die Nadel verschieuc 


123 

Diagnose „Divergenzlähmung“ nicht berechtigt. Dies war in 
einem Fall von U h t h o f f so. 

In dem meinigen war der Verlauf folgender: 

12. VI. 1001. L. Tcuotomie des it. internus: Unmittelbar da¬ 
rauf in der Mittellinie und Elektionsstelluug Eiufaehselieu nach 
rechts hinüber gekreuzte D. B. 

... .***• her Mittellinie dynamisches Gleichgewicht und 

Einiachseheu. Auf 0 m Abduktion ^ Pr. 5“, Adduktion Pr. 12“. 

18. VI. In der Mittellinie auf 0 m Einfachsehen. Mit abwärts 
brechendem Prisma Konvergenz von 4“. Abduktiousprisma von 
2 “ überwunden. Adduktiousprisma von 115“ überwunden. 

Auf 30 cm. Abduktionsprisma von 0 U überwunden. Adduk¬ 
tionsprisma von IG“ überwunden. 

Mit abwärts brechendem Prisma Konvergenz von 5". Ganz 
nach rechts gekreuzte D. B., entsprechend der operativen In¬ 
suffizienz. 

Die abduktive iusion fehlt hiernach nicht vollkommen, 
bleibt aber doch erheblich hinter der Norm zurück, es behält dem¬ 
nach die Erklärung „Divergenzlühmung“ doch die grössere Wahr¬ 
scheinlichkeit. 

Der hall ist von besonderem Interesse, weil er das Syru- 
ptomenbild der sogen. „Divergenzlühmung“ bei ausgesprochener 
schwerer Hysterie zeigt. 

Diskussion: Herren Magnus, Leber. 

3. Herr P etersen: Ueber Aufbau, Wachsthum und 
Histogenese der Hautkarzinome, mit Demonstration instruktiver 
Wachsmodellpräparate. (Anderweitig erschienen.) 

Diskussion: Herren Leber, Schottländer. 

Sitzung vom 25. Juni 1901. 


tca. 35 cm), wahrend sie schon aut ca. 4o cm zur Verschmelzung 
kommen, wenn man sich von der Ferne annähert. Die Angaben 
sind bei vielfach wiederholten Prüfungen absolut konstante. 

ln der Mittellinie nimmt der Abstand der Uoppeiunder mit 
wachsender Entfernung dauernd zu. Bewegt mau m emer be¬ 
stimmten Kntternung das Fixationsobjekt nach deu Beiten, so 
bleibt der Abstand der Doppelbilder im AUgemeineu unverändert, 
nur bei 2 Untersuchungen wurde gauz spoman das Straub’sche 
Symptom — Abnahme des Beitenahstaudes nach rechts uud links 
— angegeben. 

Bei starker Hebung des Kopfes wird bis auf ca 1 m einfach 
gesehen, bei Senkung ist kein Unterschied gegenüber der geraden 

Haltung zu ermitteln. 

Mit einem Adduktionsprisma von 14—18 u (die Augabeu wech¬ 
seln bei verschiedenen Untersuchungen etwas) ist Einfachseheu 
im ganzen Blickfeld zu erzielen. 

Fat. kann bis auf 5 cm konvergiren, ohne dass Doppelsehen 
auf tritt. 

Auf 6 m vermag Pat noch mit Pr. 22 0 einfach zu seheu, bei 
Anwendung stärkerer Prismen treten gekreuzte Doppelbilder auf. 

Auf 30 cm tritt bei Anwendung von Abduktiousprisma 1 0 be¬ 
reits Zerfall in Doppelbilder ein, dagegen wird Adduktiousprisma 
von 18* überwunden. 

Wendet man aufwärts brecheude Prismen au, so bringt 
Prisma 8—10* (Angaben bei verschiedenen Untersuchungen etwas 
wechselnd) die BUder gerade übereinander, Pr. 12—14 u bewirkt 
Umschlag in gekreuzte Diplopie. 

Bei einer einzigen Untersuchung wurde angegeben, dass bei 
Prüfung auf 1 m die gleiehuamigen Doppelbilder uaeb rechts uud 
links etwas grösseren Abstand zeigten als iu der Mittellinie. Bei 
grösserer Entfernung des Objektes war der Abstand in jeder 
Klchtung der gleiche. 

Die Pat. ist ein kräftig gebautes Mädcbeu vou gesunder Ge¬ 
sichtsfarbe; sie macht einen sehr depriwirten Eindruck uud ist 
über die ihr gemachte Aussicht, das Doppelsehen durch Operation 
zu heilen sehr erfreut Sie ist ganz vou dem Gedanken beherrscht, 
eine Unfallsentschädigung zu erhalten. Sie zeigt die ausge- 
sprochendsten Symptome schwerer Hysterie. Während des kli¬ 
nischen Aufenthaltes hatte sie mehrere grosse hysterische Anfälle, 
der Raehenreüex fehlt; einmal bestand für 8 Tage ein aus¬ 
gesprochen spastiseb-paretiseber Gang, der auf energische sug¬ 
gestive Therapie wieder verschwand. Die innereu Orgaue sind 
normal, nur war ganz geringe Albuminurie vorhanden, Form- 
bestandtbeile konnten aber im Urin nicht nachgewiesen werden. 


Vor der Tagesordnung theiit der Vorsitzende deu Aufruf des 
Komites mit zur Veranstaltung ärztlicher Studienreisen in Bado- 
uud Kurorte. 


1; Herr Baiser: Abszesssenkung bei Mittelohrkaries. 

Vortr. berichtet über seltenere Komplikationen von Mittel¬ 
ohrkaries unter Demonstration eines Kranken, bei welchem 
sich im Anschluss au akute Felseubeinkaries ein Abszess au der 
Unteriläcbe der Schädelbasis vor dem Process. eondyl. oss. oecip. 
entwickelt hatte; die Abszessliöhle wurde eutleert durch Erweite¬ 
rung eines Fistelganges, welcher vom Kellerraum in der Richtung 
auf die Spitze der Felseubeinpyramide zwischen Carot. intern, und 

Jugularis verläuft uud, vom Promontorium gemessen, 5_G ein 

lang ist. (Ausführliche Veröffentlichung des Falles wird später 
erfolgen.) 

Diskussion: Herr P a s s o w. 

2. Herr Jordan: a) Demonstration 
Tubargravidität. 

b) Vorstellung einer geheilten Patientin 
Coecal- und Kolonresektion wegen Tuberkulose. 

c) Patienteuvorstcliung nach Magenresektion wegen Sarkom. 

D i s k u s s l o u: Herr Fleiner. 


einer exstirpirten 
nach ausgedehnter 


Sitzung vom 16. Juli 1901. 

1. Herr Schiller: Fall von kolossaler Hyperostose des 

Schädels. (In dieser Wochenschrift publizirt) 

Diskussion: Herr Leber. 

2. Herr Bettmann: Ueber experimentelle Alopecie. 

\ orlragen<ler deiiiomtrirt ein Kaninchen, bei dem es ge¬ 
lungen ist, durch Eingabe von Thallium aeeticum inten¬ 
siven Haarausfall hervorzurufen. 

Das dewoustrirte krallige Thier zeigt am Rücken zu beiden 
Seiten der Mediaulinie, wie über der Mittellinie selbst iu mehreren 
grösseren, stellenweise konlluirteu Bezirken eine auffällige diffuse 
Lichtung des Haarkleides, ohne dass an einer Stelle eine voll¬ 
kommene Kahlheit, wie bei der Alopecia ureatu bestände. Iu der 
Umgebung jener Beziike sn 1 nie Haare wesentlich gelockert: 
weder an der Ilaut, noch an uen Haaren sind irgend welche 
weitere pathologische Erscheinungen zu bemerken. Der Haar¬ 
ausfall hat sieli bei dem 'J liiere eingestellt, nachdem dieses inner¬ 
halb einer Zeit von 14 Tagen im Gunzui etwa 5 mg Thallium 
aeeticum auf dem Wege der \ ei l lUterung erhalten hatte. Irgend 
welche andere Vergifiungscrseheimmgen sind nicht aufgetreten. 


Die eigentümliche Form der Diplopie kam, wie dies beim 
vorjährigen Ophthalmologenkongress von Bielschowsky und 
in der an seinen Vortrag anschliessenden Diskussion dargelegt 
wurde, sowohl durch die Annahme eines Kouvcrgenzkrampfes 
als einer Divergonzläbmung erklärt werden. Die ausgesprochene 
Hysterie lässt eher an einen Krampfzustand denken, indessen 
kann kein positiver Grund für die Annahme eines solchen geltend 
gemacht werden. 

Für die Diagnose scheint mir von Wichtigkeit das Ergebniss 
der Therapie: Wenn es gelingt, durch Tcuotomie eines Internus 
Einfachheit für die Ferne herbeizuführen und dann eine nor¬ 
male abduktive Fusion nachweisbar wird, so scheint mir die 


Vor einigen Jahren wurde das Thallium aeeticum als Mittel 
gegen die Xaehtschweisse der Phthisiker empfohlen. Man ei- 
lebte aber in einigen Fällen, dass die Eingabe des Mittels bei 
deu Patienten einen mehr oder minder ausgedehnten oder selbst 
universellen Haarausfall zur Folge hatte. Eine derartige Be¬ 
obachtung von G i o v a n n i n i veranlasstc Bcttmnnii ex¬ 
perimentell die Frage in Angriff zu nehmen, ob sich etwa bei 
Thieren durch Thallium aeeticum eine Alopecie hervor rufen 
licsse. Die Versuche wurden an Kaninchen vorgenommen, denen 
B. kleine Quantitäten des Giftes subkutan oder intravenös in 
jizirtc. Diese Versuche ergaben ein negatives Resultat. Dm 
Thierc starben, ohne dass ein Haarausfall eiugetrel« n wäre. 


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124 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Buschke hat nun «eigen können, dass bei weissen Mäusen 
auf die vorsichtige Eingabe sehr kleiner Mengen von Thallium 
aeoticum hin ein Haarausfall entstellt. Der positive Erfolg war 
aber an die Verfüttern ng des Giftes gebunden. Intra¬ 
peritoneale oder subkutane Injektionen blieben ergebnislos. 
Andererseits ist die weisse Maus überhaupt das einzige Versuchs¬ 
tier, bei dem Buschke zum Ziele gelangte. Bei anderen 
Thioren (graue Maus, Ratte, Meerschweinchen, Katze, Hund etc.) 
und speziell auch beim Kaninchen konnte Buschke weder 
durch Verfiitterung noch durch Injektion die Alopecie hervor- 
rufen. 

Bett mann ging nun bei seinen neuerdings wieder auf¬ 
genommenen Untersuchungen von der Frage aus, ob nicht doch 
bei einer Verwendung minimaler Giftquanten auch andere Thiere 
als die weisse Maus der Thalliumwirkung zugänglich seien, und 
ist nunmehr mit Fütterungsversuchen beim Kaninchen zu einem 
positiven Resultate gelangt. Die vorläufigen Ergebnisse zeigen 
beim Kaninchen bezüglich des zeitlichen Einsetzens der Alopecie 
und der Lokalisation und Form der Herde grosse Ueberein- 
stimmung mit den Befunden, die Buschke an der weissen 
Maus gewann. 

Nach diesen Erfahrungen muss dem Thallium aceticum eine 
geradezu spezifische Giftwirkung auf die Behaarung zu¬ 
geschrieben werden. Dieselbe lässt sich vorläufig am besten durch 
die Annahme irgend welcher durch das Gift bedingter funk¬ 
tioneller nervöser Störungen erklären. Für die Annahme 
anatomischer Läsionen haben die Hautuntersuchungen wie die 
Obduktionsergebnisso Buschke’s keinen Anhalt geliefert. 

Die Thalliumalopecie kann somit grosses theoretisches Inter¬ 
esse erwecken; eine praktische Verwerthbarkeit dagegen hat sie 
nicht zu beanspruchen. Aeusscrlich in, Form von Salben oder 
Pflastern verwendet ist das Thallium aceticum ohne Wirkung, 
und bei der innerlichen Darreichung gelingt es nicht, den Effekt 
auf beliebige Hautstellen zu konzentriren; endlich ist nach den 
bisherigen Erfahrungen die Tlntlli umalopecie eine vorüber¬ 
gehende Erscheinung, die sich vollständig wieder ausgleicht. Von 
einer Verwerthung des Mittels zur Entfernung von Hyper¬ 
trichosen kann desshalb nicht die Rede sein. 

3. Herr V ö 1 c k e r: Der S c h ü 11 e r’sche Krebsparasit. 
(Siehe Deutsch, med. Wochensehr. 1901.) 

Diskussion: Herren Peterson, Schwalbe, Leber. 
Völker. 

Sitzung vom 30. Juli 1901. 

1. Herr P a s s o w: Zur chirurgischen Behandlung der 
Verengerungen des Thränennasenkanals. (Cf. Münch, med. 
Wochensehr. 1901, No. 36.) 

Diskussion: Herren Leber, Czerny. 

2. Herr Cohnheim: Die Umwandlung deä Eiweisses in 
der Darmwand. (Cf. Zeitsehr. f. physiol. Chemie 1901, 
Bd. XXXIII, pag. 451.) 

3. Herr Jordan: Zur Aetiologie des Erysipels. (Cf. 
Münch, med. Woehensehr. 1901, No. 35.) 

Gynäkologische Gesellschaft in München. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 21. N o v e m l> e r 1901. 

I. Herr A. M ü 1 1 e r:* Demonstrationen. 

a) Zwei Fälle von Hydrorrhoea gravidarum, bei denen trotz 
frühzeitiger Zerreissung des Amnion und fortwährendem Frucht¬ 
wasserabfluss das Kind sich noch Monate hindurch weiterent- 
wickelte. Das demoustrirte Präparat zeigt eine 5 Monate alte 
Frucht mit deutlicher Verkrümmung der Extremitäten: der an der 
Nachgeburt erhaltene Anmionsaek ist kaum hühnereigross. In 
diesem Fall floss von der 9. Schwangerschaft swoclie au beständig 
Fruchtwasser ab, das zuletzt übelriechend wurde. Im 5. Monat 
Blutung und Geburt der Frucht in Steisslage. wegen Rigidität des 
Muttermundes sehr erschwert. 

In einem früher beobachteten Fall waren zwischen Blasen¬ 
sprung und Geburt eines lebenden Kindes im 0. Monat S) Wochen 
verstrichen. 

b) Genitalpräparat, durch vaginale Totalexstirpation ver¬ 
mittels S c h u c h a rd t'schen Schnittes gewonnen von einer 
55 jährigen Patientin, die gleichzeitig au einem beginnenden Kan- 
kroid der Portio, Myomen des Corpus uteri und einer Ovarialkyste 
litt; die Operation war durch zahlreiche entzündliche Ver¬ 
wachsungen mit Blase und Netz sehr erschwert. Trotzdem am 
3. Tag nach der Operation eine lebensgefährliche Blutung des 
Magens auftrat, die im Zusammenhang mit lokalen Befunden am 
Magen den Verdacht auf Magenkarzinom erweckte, erholte sich 
Patientin von dem Eingriff. 


Diskussion: Goss mann, Amaun, Mirabeau, 
Müller. 

II. Herr J. A. Amann jr.: Demonstration einer typischen 
Sactosalpinx mit Stieltorsion. Der 20 cm lange und 6 cm breite 
Tumor war 2'/ 2 mal nach rechts um seine Achse gedreht und zeigt 
alle Zeichen der Torsion, völlige Durchblutung von Wand und In¬ 
halt und Nekrose des Stiels. Auch auf der anderen Seite bestand 
Hydrosalpinx, doch konnte durch Ausführung der Salpingostomie 
die Tube und ein Theil des Ovariums bei der 33 jährigen Patientin 
erhalten werden. 

III. Herr Mirabeau: Schwangerschaft und Geburt bei 
vorgeschrittener Tabes dorsalis. 

Nach einem Ueberblick über die wenigen hierher gehörigen 
Fälle aus der Literatur wird über einen neuen Fall berichtet Es 
handelt sich um eine Frau, die mit 17 Jahren Lues acquirirte. 
darauf langdauernde antiluetische Behandlung. Mit 18 Jahren 
Exanthem, das auf Sclimierkur rasch verschwand. Von da an 
immer gesund. Mit 22 Jahren Heirath mit einem gesunden Mann; 
die Ehe bleibt steril. Mit 20 Jahren bemerkt Patientin die ersten 
Zeichen einer Erkrankung. Zunehmende Schwäche der Beine, Uu 
Sicherheit beim Geben, periodische Schmerzen in den Beinen, ln 
den nächsten 3 Jahren trotz verschiedenster Behandlung Zunahme 
der Lähmungserscheinuugen. Nach einer neuerlichen Schmierkur 
in 3 Abtheilungen tritt im 30. Lebensjahr Abort und nach einiger 
Zeit neue Schwangerschaft ein: damals war die Patientin schon 
vollkommen gelähmt und bot auch sonst alle Zeichen vorge¬ 
schrittener Tabes. Während der Schwangerschaft erneute 
Schmierkur, Patientin hat nicht die geringste Empfindung von ihrer 
Schwangerschaft, nur lschurie tritt zeitweise auf. 

Die Geburt erfolgt am normalen Schwangersehaftsende wider 
Erwarten rasch. Patientin hatte nicht die geringste 
E mpflndung v o m Wehenschmer z. Die Wehen selbst 
— 7 im Ganzen — waren von ungewöhnlicher Kraft 
und Länge. Sehr kräftig entwickeltes, gesundes Mädchen. 

Diese Beobachtung bestätigt die von Golz und Anderen aus 
Thierexperiuienten erschlossene Thatsache, dass die motorischen 
Zentren für den Uterus in diesem Organ selbst liegen müssen, dass 
die zum Leudeniuark führende Bahnen wesentlich sensible sind 
und nur reflektorisch durch diese- die Wehenthätlgkeit beeinflusst 
werden kann. Vergleich mit der wehenstärkeuden Morphium¬ 
wirkung bei grossem Wehenschmerz. (Der Vortrag erscheint aus 
führlieh im Zentralbl. f. Gynäkologie.) 

Diskussion: Theil liaber, Amann, Nassauer. 
Ludwig Seitz, Mirabeau. 

IV. Herr J. A. Amann: Komplete Uterusruptur; abdomi¬ 
nale Totalexstirpation des Uterus. 

(Der Vortrag erscheint ausführlich in dieser Wochenschrift> 

Dr. S. M i r a b e a u. 


Aus den Pariser medizinischen Gesellschaften. 

Acad6mie de mSdecine. 

Sitzung vom 3. Dezember 1901. 

Robin, Binet und Dupasquier berichten über die 
Lungenathmung in der Höhe (bei Ballonfahrten). Die E: 
fnhriingcii konnte Letzterer an sich selbst bei dem Aufstiege des 
„Quo V'ndis“ sammeln und sind folgendermaassen zusammenzu 
fassen: 1. der Puls ist beschleunigt, 2. die Häufigkeit der Athmung 
hat proportionell mit der Höhe zugenoinmen, 3. die Lungen- 
Kapazität im gleichen Verhältnis» nbgenommen, 4. die Lungen 
ventilation hat in unregelmässiger Weise mit der Höhe zuge- 
I nominell, 5. der respiratorische Gaswechsel ist vermehrt und 
> speziell wird mehr O durch die Gewebe absorbirt, 6. der Respi- 
1 rationsquotient ist bedeutend vermindert, 7. diese verschiedenen 
. Veränderungen haben erst aufgehört, wenn der Experimentator 
' wieder zur Erde gekommen ist. Welches auch die Rolle verschie¬ 
dener anderer Faktoren, wie Kälte und Nüchternheit (Hunger- 
zustainl) der Versuchsperson sein mag. die Rolle der Höhe selbst 
i bleibt eine beträchtliche und die Widersprüche, welche sich in 
diesen Ergebnissen mit. jenen von T i s s o t und Hnllion finden, 
liegen nach der Berichterstatter Ansicht in Faktoren indivi- 
1 ducllcr Art. 

Fern et bespricht die therapeutische_V erwendung d e3y 

Strychnins, dessen hoher Werth. besomle fsT hei «Ich n«T\ • Er 
i scheinungeii des Alkoholismus und.-der!Schwäche ( Ady namie) im 
I (Jefolge der Infektionskrankheiten, zuwenig beliiuiuF sei. Beim 
i Delirium tremens stellt (las Strychnin an der Spitze der nützlichen 
i Medikamente, dazu kommen als weitere Hilfsmittel Bild -r, Iso 
| lirung. Diät (Milch). Das Strychnin wirkt als das beste Tonikum 
I des Nervensystems: F. injizirt 3—4 mg auf einmal pro Tag, mau 
j kann bis auf 0—7 mg gehen. Bei den nervösen Zufällen des 
eiironischen Alkoholismus muss das Strychnin in geringen Dosen 
(bis zu 3 mg pro Tag) und iu Syrupfonn gegeben werden. Bei 
den toxi-iulektiösen Krankheiten, wie Pneumonie, Grippe. Typhus, 
kann das Strychnin in subkutanen Injektionen die grössten Dienste 
leisten. Stern. 


Aus den englischen medicinischen Gesellschaften. 

Royal Medical and Chirnrgical Society. 

i S 11 7. u n ff v o m 20. November 1901. 

A. E. G a r r o d sprach über Alkaptonurie und berichtete über 
! das Ergehn iss seiner Beobachtungen an einer Reihe derartiger 


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21. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Fälle. Es scheint, als ob Ehen zwischen Vetter und Base 
zur Entstehung dieser Anomalie eine gewisse Disposition bieten; 
wenigstens traf dies zu bei 3 von den 4 Familien, welche das 
Material für G.’s Beobachtungen mit 11 Kranken lieferten. Da¬ 
gegen war bei den Aseendenten nichts von Alkaptonurie nach¬ 
zuweisen. In der Literatur hat Redner nur einen einzigen Fall 
iinfgefunden, bei welchem Blutsverwandtschaft der Eltern erwähnt 
wird, doch ist es ganz wahrscheinlich, dass bei anderen Fällen 
keine speziellen unamnestischen Erhebungen in dieser Beziehung 
gemacht wurden, und ohne besonderes Inquiriren erhält man dies¬ 
bezügliche Angaben von den Angehörigen gewöhnlich nicht. Sehr 
benierkenswerlh war ein Fall bei einem neugeborenen Kinde, 
welches 52 Stunden nach der Geburt die charakteristische Ver¬ 
färbung in den Windeln produzirte, während dieselbe nach Angabe 
•'er sehr zuverlässigen Wärterin vorher nicht eingetreten war. 
Demnach ist die Entwicklung von Homogentisinsäure, welche diese 
altnorme Beschaffenheit des Harns verursacht, an die Aufnahme 
von Nahrung in den Verdauungskanal gebunden, was auch mit 
der Thatsache übereinstimmt, dass diese Säure aller Wahrschein¬ 
lichkeit nach ein Spaltungsprodukt des Tyrosins bei der Protein¬ 
verdauung ist. Nach Mittelbach tritt Ja auch das Maximum 
der Ausscheidung dieses Körpers 2—3 Stunden nach der Mahlzeit 
ein. Allerdings konnte ti. dieses Zeitverhältniss nicht bestätigen; 
vielmehr fand er die grössten Mengen von Homogentisinsäure 
während er 4. bis 8. Stunde nach der Mahlzeit. 

Ooborne erwähnt einen Fall, bei welchem wegen positiven 
Ausfalls der F e h 1 i n g’schen Probe eine Lebensversicherungs- 
gcsellseliaft einen Antrag ablebute, während thatsächlich die Re¬ 
duktion durch Alkapton bedingt wurde. Er glaubt, dass durch 
Darreichung einer thyroslnfrelen Nahrung die Alkaptonurie zum 
Verschwinden gebracht werden und somit der Beweis für die Ur¬ 
sache der TJrinrenktion geliefert werden könnte. 

Garrod erklärt dagegen, dass selbst ein dreitägiges Fasten 
die Alkaptonurie bei einem solchen Patienten nicht vermindert 
halte. 

Leeds and West Riding Medico-Chimrgical Society. 

Sitzung vom 1. November 1901. 

Braithwaite bezeichnet als ein mögliches ätiologisches 
Moment bei der Entstehung von Krebs ein Uebermaass von Salz 
in der Nahrung, sowie einerseits unmässige Nahrungszufulir, 
namentlich von Fleisch, und andererseits die Nichtverwendung des 
«l«*u Organen zuströmenden Ernährungssaftes in höherem Alter, 
wie an den Brüsten und der Gebärmutter. Hauptsache dabei sei 
alter der Ueberschuss an Salz ln der Nahrung. Als Beweis führt 
••r ilie Immunität gewisser Klassen von Menschen und Thieren an. 
Für erwiesen hält er die Theorie zwar nicht; sie soll nur als An¬ 
regung zu weiterer Forschung mltgetheilt sein. 

Medical Society of London. 

Sitzung vom 25. November 1901. 

Symptome und Behandlung der Wanderniere. 

H. M o r r 1 s: Die eigentliche Wanderniere, nicht die mit der 
Atbmuug zusammenhängende physiologische Bewegung dieses Or¬ 
ganes, ist in Bezug auf ihre Häufigkeit sehr verschieden beurtheilt 
Bel Frauen Ist dieselbe nach den verschiedenen Beobachtern zu 
1—46 Proz. angegeben worden; nach Obduktionsberichten für 
beide Geschlechter dagegen hat man weniger als ‘/io Proz. ge¬ 
funden. Intra vitam erkennt man die Affektion am besten durch 
him&nueüe Palpation der Lende, während der Patient lang insplrirt 
und kurz exspirirt, wie bei einem tiefen Seufzer. Symptome, 
welche auf die richtige Diagnose hinlenken können, sind Schmer¬ 
zen, theils von längerer Dauer, theils paroxysmal, Erbrechen, Ver¬ 
stopfung, Daraikolik, Neurasthenie und Hysterie, ferner gelegent¬ 
lich Polyurie und andere Störungen von Seiten des uropoetischen 
Systems, sowie Magenerweiteruug und mechanische Verlegung 
<l< s Darmkanals, hauptsächlich durch Zug und Enteroptose. Ent¬ 
gegen der Ansicht einiger Autoren hält M. daran fest, dass Ptosls 
der Gedärme nicht eine Nierensenkung veranlassen könne, wohl 
aiier vice versa. Zur Behandlung empfiehlt M. die Anwendung 
von Stützverbänden (aber nur nach thatsächlich erfolgter Repo¬ 
sition) und die Nephropexie in sonst unheilbaren Fällen. Die 
Mortalität bei dieser Operation beträgt wenig mehr als 1 Proz. 
Falls beiderseitige Nephroptose besteht, empfiehlt es sich, die 
zweite Niere 8 Tage nach der ersten zu operiren, um eine unnöthlg 
lange Rekonvaleszenz zu vermelden. Bel Hysterischen ist nur ln 
der Hälfte der Fälle ein wirklicher Erfolg von der Operation zu 
erwarten, aber wo renale Krisen ein hervorragendes Symptom 
bilden, sollte iuon energisch auf einen chirurgischen Eingriff 
dringen. 

Morgan stimmt Redner darin bei, dass Bettruhe nur von 
geringem Nutzen ist 

Maclagan dagegen hat damit oft Besserung der Beschwer¬ 
den and Hebung des Allgemeinbefindens erzielt. Er erwähnt Fälle 
von Ikterus und Gallenkolik, welche durch Druck der beweglichen 
Niere auf den Gallengang entstanden waren. 

B. Clarke: Die Intensität der Schmerzen Ist ein ziemlich 
zuververlässiges Kriterium für den Grad der Nierensenkung. Oft¬ 
mals kann man die Schmerzen beseitigen, indem man den im 
Nierenbecken angesammelten Urin ausdrückt. Bel der Operation 
lief reit er die Niere von dem sie umgebenden Fette und heftet sic 
unmittelbar an die Lendenfaszie an. 


Morris hält das Fettgewebe für eine gute Stütze an der 
Niere. Er oiw»rirt je nach den Indikationen nach (1er Methode von 
V u Illet, nach Tuffier oder drittens in der Weise, dass in die 
Nierensubstanz ohne Ablösung der Kapsel drei Knopfnähte gelegt 
werden und sie mit der Alxlominalwand fest verbunden wird, ln 
etwa 90 Proz. der Operationen erzielte er Heilung. 

Pliillppl. 

Auswärtige Briefe. 

Wiener Briefe. 

(Eigener Bericht.) 

Wien, 18. Januar 1902. 

Eine sonderbare Snggestivbehandlung. — Ein ärztlicher 
TJrinschauer. — Zwei Fälle von Chlorom. — Schluss der 
Diskussion über Myiasis intestinalis. 

Mit einer sonderbaren Suggestivbehandlung hatte sich die 
liiederösterreiehischeAerztckammer zu beschäftigen. Die k. k. Be¬ 
zirkshauptmannschaft K. berichtete über einen Dr. Z., der mit 
einem Kurpfuscher Hi ld wein bei Stockerau gemeinschaft¬ 
liche Sache macht, an die Kammer. Der Arzt arbeitete mit dem 
Kurpfuscher in folgender Weise: Die Patienten gingen zuerst 
zu Dr. Z., wurden untersucht, erhielten eine Anweisung, gingen 
mit dieser zum Kurpfuscher, welcher die verordneten Medika¬ 
mente dispensirte. Dr. Z. rechtfertigte sich damit, dass er dies 
bloss der Suggestion halber thue. Da nämlich bekanntermaassen 
ein grosser Theil der Landbevölkerung ein Vorurtheil gegen den 
Arzt und eine Voreingenommenheit für den „Wunderdoktor“ 
habe, habe er (Dr. Z.) den Kurpfuscher als Mittel zur Suggestion 
für diesen Theil der Bevölkerung benützt. Dadurch, dass das in 
Wahrheit vom Arzte verordnete Medikament thatsächlich von 
dom „Wunderdoktor“ verabreicht werde, seien die Patienten der 
Meinung, sie seien von dem „Wunderdoktor“ behandelt worden 
und der Arzt habe sie desshalb zu diesem geschickt, weil der 
„Wunderdoktor“ die Sache besser verstehe. Diese Art der Sug¬ 
gestion sei für die ländlichen Patienten, die so grosse Hoffnungen 
auf den „Wunderdoktor“ setzen, sehr wirksam. Es könne daher 
mit Rücksicht auf den angestrebten Zweck — Heilung durch 
Suggestivbehandlung — in der Abmachung des Arztes mit dem 
Kurpfuscher, der in diesem Falle nur der Handlanger des Arztes 
sei, nichts Ungebührliches erblickt werden. 

In der niederösterreichischen Aerztekammer wurde bezüg¬ 
lich des Falles beschlossen, noch weitere Erhebungen zu pflegen; 
wir aber halten dafür, dass die Aussage des Arztes, er schicke 
seine Patienten zum Kurpfuscher, um die Landbevölkerung noch 
mehr in ihrem Glauben zu bestärken, dass ein Kurpfuscher eine 
Krankheit besser zu behandeln verstehe als der Arzt — das An¬ 
sehen und die Würde des ärztlichen Standes so sehr schädige, 
dass der saubere Kollege schon desshalb allein disciplinariter be¬ 
handelt werden müsste. Anstatt die Landbevölkerung aufzu- 
klnren und auf den richtigen Weg zu weisen, tragen solche Aerzte 
nur zur Verdummung des Volkes bei und untergraben dabei die 
Existenz der redlich arbeitenden Mitglieder unseres Standes. 

Wir können übrigens noch mit einem zweiten, ähnlichen 
Falle dienen. Ein Medicinae universae Doctor war bei seiner 
Kammer verklagt worden, dass er Kranke nach der blossen Urin¬ 
schau (ohne den Kranken zu sehen oder den Urin auch nur zu 
untersuchen) behandle. Zu seiner Rechtfertigung schrieb er, 
nach dem „Oesterr. Aerztekammer-Blatt“, der Kammer wörtlich 
Folgendes: „Mein Schwiegervater (ein Patronus chirurgiae) hat 
durch 30 Jahre das Urinschauen und Kuriren darnach ausgeübt. 
Die ganze Umgebung weithin hat das gewusst, und es sind die 
Leute beinahe jeden Tag mit Urin gekommen. Nach ihm habe 
ich seine Stelle bekommen. Nun sind die Leute natürlich zu 
mir gekommen und haben das Vertrauen vom Schwiegervater 
auf mich verlegt ; desshalb habe ich auch zum Urinschauen ge¬ 
griffen, um doch etwas zu verdienen. Natürlich mache ich das 
nicht so wie mein Schwiegervater, welcher in der Richtung viel 
Vertrauen bei den Leuten gehabt hat. Wir Aerzte hier 
im Orte sind dazu gewissermaassen gezwungen, 
weil solche Leute, welche man mit Urin wegschickt, nach O. 
laufen, wo ein berühmtes Weib wohnt und aus dem Urin kurirt. 
Wenn ich dasselbe thue, so hat das wenigstens die gute Seite, 
dass cs die Kurpfuscherei verkleinert, denn schauen wir nicht 
auf Urin, so schauen Kurpfuscher“. . . . Solchen Auslassungen 
eines Doktors der gesammten Heilkunde können wir nur allerlei 
Achtung entgegenbringen 1 


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126 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


In der Gesellschaft für innere Medizin deraonstrirte jüngst 
Dr. Karl Sternberg die Hals- und Brustorgane eines Falles 
von Chlorom, den er zu seziren Gelegenheit hatte. Das Präparat 
stammt von einer 51 jährigen Taglöhnerin, die auf der IV. medi¬ 
zinischen Abtheilung des Rudolfspitales lange Zeit in Behand¬ 
lung stand und klinisch einen komplizirten Symptomenkomplex, 
sowie einen in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerthen Blut¬ 
befund darbot. Bei der Obduktion zeigten sich sämintliche 
äussere und innere Lymphdrüsen, ganz besonders die des Mund¬ 
höhlenbodens und Halses, vergrössert (einzelne bis auf Nuss¬ 
oder Pflaumengrösse) und auf der Oberfläche wie am Durch¬ 
schnitte intensiv grasgrün gefärbt. Beide Tonsillen 
zeigten eine unebene Oberfläche, die linke war leicht vergrössert, 
beide erwiesen sich im Durchschnitte durch ein grasgrünes Ge¬ 
webe substituirt. Der weiche Gaumen und die hintere Rachen- 
wand von uneben höckeriger Oberfläche, an der Oberfläche wie 
an den Schnittflächen grasgrün gefärbt. Ebenso wiesen beide 
Nieren kleinere oder grössere, runde, grüngefärbte Herde in der 
Rinde sowohl als in den Pyramiden auf. Die Milz auf das 
2'/ a fache vergrössert, hyperplastisch, das Knochenmark grauroth, 
die Follikel am Zungengrunde, sowie im Darme weder vergrössert 
noch gefärbt. 

Das Chlorom steht in naher Verwandtschaft mit der Lympho- 
sarkomatose, was P a 11 a u f schon früher behauptet und daige- 
than hat. Die genauere Untersuchung des Farbstoffes ist noch 
nicht beendet. 

ln der Diskussion berichtete Assistent Dr. Türk über 
einen ähnlichen Fall eigener Beobachtung. Es betraf einen 
Mann, welcher das Bild der schwersten perniziösen Anämie dar¬ 
bet. Da der Kranke Gasarbeiter war, so wurde eine chronische 
Vergiftung mit Kohlenoxyd als Ursache der Anämie vermutlich 
Man fand bei der Sektion eigentümlich grüngefärbte, bis nuss¬ 
grosse Herde in der Niere, an der Unterfläche des Sternums, an 
der inneren Fläche der Rippen, endlich eine fast diffuse Chlorom- 
hildung im Knocheninarke. Auch das histologische Bild seines 
Falles war ganz das eines Lymphosarkoms. 

In der überaus lebhaft geführten Diskussion über das Thema: 
Myiasis intestinalis, wobei noch mehrere Redner über eigene Be¬ 
obachtungen von Madenbefunden in menschlichen Sluhlentleer- 
ungen berichteten, waren die Ausführungen Professor Dr. Gärt- 
ner’s geradezu sensationell. Prof. Gärtner wies nämlich durch 
Zergliederung aller auf den vorgebraehten Fall bezüglichen, wich¬ 
tigeren Momente, durch Hinweis auf die Entwicklung der grauen 
Fleischfliege, deren Larven in den Stühlen gefunden wurden, 
endlich durch Zitirung mehrerer gewichtiger Autoren etc. nach, 
dass in diesem Falle absolut keine Fliegenlarvenerkrankung des 
Darmes vorlag. Die sogen. Myiasis intestinalis wird zumeist 
von den Larven der sogen. Lusterfliege hervorgerufen, aber nicht 
von denen der Sarcophaga eamaria, deren Larven in diesem 
Falle in den Stühlen gefunden wurden. In den letzten Dezennien 
wurden in allen Kulturländern Millionen von Obduktionen aus¬ 
geführt und niemals wurden die Larven der grauen Fleischfliege 
im Därme resp. in den Dejektionen von Darmleidenden gefunden. 
Die Larven waren hier sümmtlich gleich lang (lVz —2 mm), Pädo- 
genesis wurde bei diesen Fliegen niemals beobachtet, es ist viel¬ 
mehr sicher, dass die graue Fleischfliege nicht Eier legt, sondern 
lebende Maden zur Welt bringt, welche IV2 —2 mm lang sind 
und sieh sofort lebhaft bewegen. Die in den Fäces thatsächlich 
gefundenen Larven glichen mithin nach jeder Richtung eben ge¬ 
borenen Larven der Sarcophaga eamaria. Und nun führt Gärt¬ 
ner des Weiteren aus und weist in zwingender Art nach, dass 
die lebenden Maden erst in die Fäces gelangten, nachdem die¬ 
selben aus dem Darme entleert waren. Damit verliert der Fall 
alles Räthselhafte. Sämmtliche Fälle von Madenabgang ereig¬ 
neten sich in den Monaten, in welchen die Sarcophaga schwärmt 
— niemals wurden im Winter Madenschübe konstatirt — die 
mit Blut und Eiter gemischten, wahrscheinlich intensiv riechen¬ 
den Stühle übten auf die Fliegen eine grössere Anziehungskraft 
aus, als die Fäces gesunder Menschen. Endlich sahen die im 
Darme Vorgefundenen Geschwüre nicht so aus, dass der Ob¬ 
duzent auch ohne von den Maden Kenntniss zu haben, sofort 
hätte sagen können, solche Darmveränderungen seien bloss durch 
Fliegenmaden hervorgerufen. 

In seinem Schlussworte wies Dozent Dr. H. Schlesinger 
nach, dass in seinem Falle thatsächlich in Gegenwart von Aerzten 
die lebenden Maden aus dem Darmtraktus gekommen und nicht 


erst später zu den Exkrementen gelangt seien. Die Larven seien 
von verschiedenen Zoologen auch verschieden bestimmt worden. 
Schlesinger weist aus der Literatur das wiederholte Vor¬ 
kommen von Sarkophaga-Arten beim Menschen nach, bespricht 
nochmals den Krankheitsverlauf und den anatomischen Befund 
und gelangt zum Schlüsse, dass hier ein kausales Verhältniss 
zwischen der Infektion mit Fliegenmaden und den Darmuloera- 
tionen bestehe. Bezüglich der näheren Modalitäten der Infektion, 
Einführung und Vermehrung der Larven, kurz des ganzen 
näheren kausalen Verhältnisses, wissen wir freilich niohts 
Sicheres und können nur Hypothesen aufstellen. 


Verschiedenes. 

Gerichtliche Entscheidungen. 

Unlauterer Wettbewerb. 

Angeklagter hatte als Natur heilkundiger und In¬ 
haber einer Anstalt für chemisch-mikrosko¬ 
pische Harnuntersuchung seine Dienste dem Publikum 
ln 2 Inseraten angeboten, in deren einem er erklärte, durch Harn¬ 
untersuchung die Spuren vieler Erkrankungen sicher erkennen 
und beseitigen zu können. Er Ist aus § 4 des Gesetzes vom 27. Mal 
189(1 (betr. unlauteren Wettbewerb) bestraft worden, well er sich 
gerühmt habe, die Krankheiten sicher zu erkennen, wozu er nach 
eigenem Geständniss nicht befähigt sei, und well er überhaupt 
durch sein Verfahren nicht bestimmte Krankheiten, sondern den 
kranken Körper zu hellen suche, es ihm also genüge, die Er¬ 
krankung überhaupt zu erkennen. Das Reichsgericht hob «las 
verurtheileude Erkenntniss auf und wies die Sache in die Instanz 
zurück, weil nur die Reklame durch unrichtige tbatsächllche An¬ 
gaben strafbar sei, nicht Anpreisungen Im Allgemeinen. In 
solchen könnten zwar auch thatsächllche Angaben liegen; diese 
seien aber festzustellen, und hier um so mehr, als das Urtheil 
zugebe, dass ein Theil der Behauptungen auf Wahrheit beruhe. 
(Urth. IV. 1191/01 vom 4. Juni 1901.) 

Wir werden s. Zt. über den weiteren Verlauf der Sache be¬ 
richten. Gs. 

Ara 5. Dezember 1901 stand der praktische Arzt Dr. L. in J. 
vor dem Strafgericht in Zabern unter der Anklage, von ihm be¬ 
handelte Typhusfälle der Mediziualbehörde nicht angezeigt zu 
haben. Der Sachverhalt war folgender: In J. herrschte ln den 
Monaten September bis Dezember 1900 eine Epidemie zweifel¬ 
haften Charakters; der Kantonalarzt Dr. K. ln J. diagnostizlrte bei 
0 Füllen seiner Praxis Typhus und nahm auf Grund von Angaben 
dritter Personen an, dass auch bei 11 Patienten des Dr. L. die 
selbe Krankheit vorliege, obwohl er diese Fälle selbst nicht ge¬ 
sehen hatte und Dr. L. die Diagnose bestritt. Der Kreisarzt Dr. H., 
sowie der Geh. Obermedizinalrath Dr. Kr. gelangten ebenfalls 
auf Grund kurzer Untersuchungen von 1 bezw. 2 Fällen des Dr. L. 
zu der Ueberzeugung, dass sowohl bei diesen, als auch bei den 
anderen Fällen des Dr. L. Typhus vorliege, was Dr. L. ver¬ 
schwiegen habe. Sie veranlassten daher den Dr. L., von nun an 
alle verdächtigen Fälle anzuzeigen, „um sich Unannehmlichkeiten 
zu ersparen“. Dr. L. sagte dies zu und meldete am 7. Dezember 
die lnkriminirten Fälle, wobei er schrieb: „Ich kann die ge¬ 
schilderten Fälle nur für eine leichte Intoxikation mit Typbus¬ 
gift ansehen und sie als Typhus levis bezeichnen“. Hierauf er¬ 
folgte die Anklage, welche sich darauf stützte, dass Dr. L. selbst 
zugegeben habe, Fälle von Typhus levis behandelt zu haben, die 
er nicht rechtzeitig zur Anzeige brachte. — Die Behauptung des 
Dr. L., er habe sich in keinem Falle von der Diagnose Typhus 
überzeugen können, wird unterstützt durch die eidliche Aussage 
des Dr. E., welcher dieselbe Patientin wrie die Amtsärzte*zu genau 
derselben Zeit wie diese eingehend untersuchte und das Vor¬ 
handensein von Typhus bestreitet Demgegenüber wurde von der 
Mediziualbehörde der Beweis, dass Typhus thatsächlich vorliege, 
nicht erbracht; eine bakteriologische Untersuchung der Stühle 
wurde nicht vorgenommen, da bei einem negativen Resultat einer 
solchen Untersuchung nicht bewiesen sei, dass nicht doch Typhus 
vorliege. — Das Gericht sprach den Dr. L. frei, da es zu der 
Ueberzeugung gelangte, dass bei den medizinalbehördlicherseits 
vorgenommenen Untersuchungen die Möglichkeit nicht ausge¬ 
schlossen erscheine, dass es sich ln Wirklichkeit nicht um Typhus¬ 
fälle gehandelt habe. R. S. 

Beiträge zur Epidemiologie der Diphtherie 
gibt Gottstein in den Therap. Monatsh. XII. 01. Er weist 
nach, dass die Diphtherie um das Jahr 1760 herum ln der Mark 
in heftiger Weise aufgetreten ist, um nachher wieder spontan 
zu erlöschen. Die jetzige Diphtheriepandemie nahm ln Deutsch¬ 
land ihren Ursprung erst nach dem Jahre 1850 aus ganz kleinen 
Anfängen heraus. Den Höhepunkt erlangte die Seuche in den 
Jahren 1880—1890. Es kam dann noch ein zweiter Anstieg in 
den Jahren 1892—1894 und seitdem besteht der sehr auffällige 
Abfall, der mit der Einführung der Serumbehandlung zusammen- 
tiel. 

Um den Abfall der Diphtherie seit 1894 richtig zu deuten, 
muss man die Letalität und die Morbidität untersuchen. Die 
Letalität betrug für Hamburg in 1872/94 15 Proz., in München 
in 1888/94 12 Proz. Aus der Berechnung von Bayeux ergibt 
sich auf 207 257 mit Serum behandelte Fälle eine Letalität von 


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21. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


127 


16,2 Proz. Sie Ist also grösser als die Letalität ln Hamburg und | 
München vor Einführung des Serums. 

Die Morbidität der Diphtherie ist nach den statistischen An¬ 
gaben seit dem Jahre 1894 in allen grösseren Städten ständig 
gesunken. Die entsprechenden Kurven bewegen sich durchaus 
entsprechend den Letalitätskurven., Die Sterblichkeit Ist also nur i 
dc8swegen gesunken, weil erheblich weniger Kinder von der | 
Krankheit befallen worden sind. Kr. 

Therapeutische Notizen. 

Ueber die Hetolbe Ilä ndlung der Lungen- • 
tuberkulöse liegt auch einmal ein günstiger Bericht vor, und 
zwar aus der Praxis von Frank- Berlin (Ther. Monatsh. XII, 01). 
Bel 13 Fällen hat F. 8 mat -B c s s c r ung - erzielt und zwar 6 mal eine 
an Heilung grenzende Besserung. Kr. 

B p 1 c a r i n wird von S z a b 6 k y - Ofen-Pest auf Grund von | 
Versuchen lm dermatologischen Institut der Universität Ofen-Pest 
als ein gutes, allen Anforderungen entsprechendes Mittel 1 
gegen Scabies, Prurigo und die durch Epizoen hervor¬ 
gerufenen HautaJTektionen empfohlen; auch bei Pruritis senilis 
und universalis leistete es als momentan juckstlllendes Mittel gute 
Dienste. Es wurden ln der Regel 10 proz. Salben verwendet, 
20 proz. Salben und spirituöse Lösungen sind, da sie leicht zu 
Dermatitis Anlass geben, nur bei kleinen Verbreitungsherden und 
mit Vorsicht zu gebrauchen. Da das lästige Jucken in kürzester 
Zeit beseitigt wird, das Mittel ungiftig und geruchlos ist und 
die Wäsche nicht verunreinigt, ist dasselbe zur Anwendung bei den 
genannten Affektionen zu empfehlen. (Die Heilkunde 1901, De¬ 
zember.) R. S. 

Collemplastrum Mercurcolloid ist ein Kaut¬ 
schukpflaster mit 15 proz. Mercurcolloid, ln Farbe und Preis dem 
offlzinellen Quecksilber-Pflastermull annähernd gleich und von 
vorzüglicher Klebkraft. Es wird angewendet bei syphilitischen 
Prozessen, Bubonen, Periostitis, Periurethritis, Lichen ruber. Haut- ' 
lipoinen und Clavi. (Deutsche Praxis 1901, No. 24.) R. S. 


Tagesgeschichtliche Notizen. 

München, 21. Januar 1902. 

— Die Freie Vereinigung der Deutschen medi¬ 
zinischen Fachpresse hat auf ihrer Generalversammlung 
am 29. September v. J. in Hamburg Uber Einführung und 
Begutachtung neuer Arzneimittel durch die 
medizinische Fachpresse berathen und auf Gmnd 
eines Referates von Geh.-R. Eulenburg folgenden Beschluss 
gefasst: „Die Freie Vereinigung der medizinischen Fachpresse er¬ 
klärt: Wir betrachten es als Aufgabe der medizinischen Fach¬ 
presse, mit allen verfügbaren Mitteln darauf hinzuwirken, dass 
nicht statt einer zulässigen und zweckentsprechenden Publizität im 
Inseratentheil, eine auf unkritische und unzulängliche Begutach 
tung sich stützende Reklame sowohl zu Gunsten neuer Arznei¬ 
mittel wie älterer Präparate in den redaktionellen Theil der Zeit¬ 
schriften eindringe. Dem Redakteur muss das Recht der Ab¬ 
lehnung Ihm anstössig erscheinender Inserate zustehen. Orlginal- 
artlkel und Referate, von deren Aufnahme Inseratenaufträge ab¬ 
hängig gemacht werden, sind abzulehnen.“ 

— Wie wir der D. Med.-Ztg. entnehmen, hat der 3. Senat des 
Oberverwaltung8gerlebts ln Berlin in einem Urtheil ausgesprochen: 
das Ansehen des ärztlichen Standes erfordere, dass grundsätzlich 
einein Arzt für die Dauer des Ehren Verlustes die 
Approbation entzogen werde. Eine Ausnahme hiervon 
84*1 nur für den Fall zuzulassen, dass ganz besondere Umstände 
die der Verurthellung zu Grunde liegenden Handlungen in einem 
milderen Lichte erscheinen Hessen. 

— Der preussische Justizminister hat an die Oberstaats¬ 
anwälte einen Erlass über die strafgerichtliche Ver¬ 
folgung der Kurpfuscherei gerichtet, worin darauf hln- 
gewieseu wird, dass § 4 des Gesetzes Uber den unlauteren Wett¬ 
bewerb zweckmässig zur Bestrafung der Kurpfuscherei ausgenutzt 
werden kann. Es heisst in dem Erlass: „Wie die Entscheidung 
des Reichsgerichts vom 16. Juni 1900 und die dazu erstattete Er 
klärung des Oberreichsanwalts vom 23. Oktober 1900 ergibt, hat 
das Reichsgericht die Bestimmungen des § 4 des genannten Ge¬ 
setzes auch auf die von den sogen. Heilkünstlern dargebotenen 
..gewerblichen Leistungen“ für anwendbar erklärt. Nach § 12 
a. a. O. ist die Strafverfolgung ln den Fällen des § 4 von einem 
Antrag abhängig, welcher von jedem der in dem § 1 Abs. 1 be- 
zeichneten Gewerbetreibenden und Verbände gestellt werden kann. 
Zu den Antragsberechtigten werden ausser den Aerzten selbst auch 
die zur Vertretung der Interessen des ärztlichen Berufs berufenen 
Aerztekammem bezw. deren Vorstände zu rechnen sein. Ich er¬ 
suche, die Ihnen unterstellten Beamten der Staatsanwaltschaft 
hierauf hinzuweisen und auf eine nachdrückliche Verfolgung der 
eingehenden Strafanträge hinzuwirken.“ 

— Um das ärztliche Fortbildungswesen in 
Schlesien zu organlsiren, fand am 12. Januar in Breslau eine 
Konferenz statt, ln welcher drei lokale Vereinigungen, und zwar je 
eine für Breslau, Görlitz und den oberschlesischon Industriebezirk 
zwecks Veranstaltung unentgeltlicher Kurse und Vorträge für 
praktische Aerzte gegründet wurden. Die Breslauer Vereinigung, 


welche vornehmlich aus den leitenden Aerzten der dortigen 
Krankenhäuser besteht, wird sich dem von dem Kultusministerium 
in’s Leben gerufenen Zentralkomitee bezw. dessen über ganz 
Preussen verbreiteten Organisation angliedern und im Frühjahr 
seine Thiitigkeit beginnen. Ausserdem wird die medizinisch«* 
Fakultät selbständig im Sommer einen Zyklus von Fortbildungs¬ 
kursen und Vorträgen veranstalten nach Art der Dozenten vereine 
für Ferienkurse, welche schon in mehreren Universitätsstädten 
nbgehalten und erfahrungsgemäss vorwiegend von ausländischen 
Aerzten besucht werden. 

— Pest. Türkei. Einer Mittheilung vom 7. Januar zu Folge 
ist in Beirut eine Pesterkrankung festgestellt worden. — Aegypten. 
Am 27. Dezember v. J. wurden 4 Neuerkrankungen (und 2 Torles¬ 
fälle) an der Pest und zwar 3 (1) in Tantah und 1 (11 in Zlftah zur 
Anzeige gebracht. — Brltisch-Ostludien. Während der am 13. De¬ 
zember v. J. endenden Woche sind in der Präsidentschaft Bombay 
6958 Neuerkrankungen und 5145 Todesfälle an der Pest angezeigt 
worden, d. h. 654 und 599 weniger als in der Vorwoche: auf die 
Stadt Karachi entfielen davon 68 und 52. In der Stadt Bombay 
wurden in der am 14. Dezember abgelaufenen Woche 206 neue 
Erkrankungen und 141 erwiesene Pesttodesfälle, ausserdem 131 
liest verdächtige Todesfälle gezählt; die Gesammtzahl der Sterbe¬ 
fälle daselbst sank von 841 in der Vorwoche auf 776. (V. d. K. G.) 

— In der ersten Jahreswoche, vom 29. Dezember 1901 bis 
4. Januar 1902 hatten von deutschen Städten über 40 003 Einwohner 
die grösste Sterblichkeit Kaiserslautern mit 30,8. die geringste 
Mülheim a/Rh. mit 7.6 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohner. 
Mehr als ein Zehntel aller Gestorbenen starb an Maseru ln Bochum, 
Bromberg, Mainz, Solingen. 

— Der Oberarzt des städtischen Krankenhauses in Wiesbaden, 
Dr. Otto Weintraud. wurde zum Professor ernannt. 

— Dem Assistenten am Institut für Infektionskrankheiten 
zu Berlin Dr. Moritz Elsner und dem Herausgeber der Deutsch, 
ined. Wochenschr. Dr. Julius S c h w albe in Berlin ist das Prä¬ 
dikat ..Professor“ beigelegt worden. 

-- Für den Unterricht in den Kursen für Badergehilfen ge¬ 
langt nunmehr an Stelle des bisherigen Lehrbuches von Spreng- 
1 e r das Lehrbuch für Heilgehilfen von Hofrath Dr. Carl 
G ö s c h e 1. Oberarzt am städt. Krankenhause in Nürnberg, zur 
Einführung. 

— In London erscheint seit Anfang dieses Jahres im Verlage 
von Ball 11t re. Tindall & Co. eine neue gynäkologische 
Monatsschrift unter dem Titel: „Journal of Obstetrios and Gynaeco- 
logy of the British Empire“. Dieselbe kostet jährlich 25 s. 

(Hochschulnachrichten.) 

Bonn. HabiUtirt: Dr. med. Max zur N e d d e n als Privat- 
dozeut für Augenheilkunde. Seine Antrittsrede behandelte die 
Stellung der Augenheilkunde zu den anderen medizinischen 
Wissenschaften. 

Bern. Die Privatdozenten in der medizinischen Fakultät, 
der Phvsiologe Dr. med. L. Ascher und der pathologische Ana¬ 
tom Dr. med. M. H o w a 1 d, sind zu Professoren ernannt worden. 

(Berichtigung.) In der Arbeit von Dr. K e 1 i i n g in 
Dres«len. No. 1, pag. 21, 2. Spalte, 3. Zeile von unten muss es 
heissen: «leretwegen ich die Gastrostomie ausführte. 

In der Besprechung des Werkes von Delbrück „Hygiene 
des Alkoholismus“ in No. 1 vom 7. Januar d. Wochenschr. ist der 
Preis dieses Buches versehentlich mit M. 1.85 statt M. 2.50 an¬ 
gegeben. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Niederlassung: Dr.med. Gust. Deldeshelmer. appr. 1899. 
in Nürnberg. Dr. phil. Willi. Lehnert, appr. 1900. in Nürnberg. 

In den dauernden Ruhestand versetzt: Der Landgcriohtsarzi 
Dr. Wilhelm Rüth In Passau. seiner Bitte entsprechend, wegen 
zu rück gelegten 70. Lebensjahres unter Anerkennung seiner lang¬ 
jährigen, treuen und ersprlessliehen Dienstleistung. 

Erledigt: Die Landgericlitsarztsstelle in Passau. Bewerber 
um dieselbe haben ihre vorschrlftsmässig belegten Gesuche lad 
der ihnen Vorgesetzten k. Regierung, K. d. Innern, bis zum 
31. Januar 1. Js. einzureichen. 

Ernannt: Der prakt. Arzt Dr. Franz Xaver Mayer in 
Abensberg zum Bezirksarzt I. Klasse in Wegscheid. 

Gestorben: Dr. Julius Reichel. Oberstabsarzt a. I>. in 
München, im 67. Leliensjahre. Dr. Anton H tt 11 i n g «* r. prakt. 
Arzt und Oberstabsarzt der Landwehr in Pfarrkirchen, im 56. Le¬ 
bensjahre. 


Correspondenz. 

Zum Fall Hofbrückl. 

Herr Dr. C. B e d n 11, Vorstand des Apothekergremiums von 
Oberbayern, ersucht uns um Aufnahme nachstehender Zuschrift: 

In*No. 1 der Münch, med. Wochenschr. wird berichtet, dass 
der Mann der Buchhalterin Hof brück Ts erklärt halte, sein«* 
Frau sei in einer hiesigen Apotheke beschäftigt bezw. eugagirt. 
um die Mixturen Hof brück l’s weiter anzufertigen. 

Der Ausschuss des Apothekergremiums von Oberbayern er¬ 
achtete es auf Grund des § 37. Z. 2 der k. Verordnung vorn 27. 1. 
1848 für seine Pflicht, von dieser Anschuldigung einer hiesigen 


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MUENCHENER MEDICINTSCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Aitotheke bei der k. PolizeidirektJon Anzeige zu erstatten und um 
Untersuchung des Falles zu bitten. Das Apothekergremlum hat 
nicht bloss selbst ein grosses Interesse, zu ermitteln, in wie weit 
diese ungeheuerliche Beschuldigung eines angesehenen Apothekers 
der Wahrheit entspricht, es handelt auch dem Wunsche des an¬ 
geschuldigten Apothekers entsprechend, welcher auf das Be¬ 
stimmteste erklärt, dass die Buchhalterin II o f b r ti c k I's nie¬ 
mals von ihm eugagirt, noch weniger aber ermächtigt gewesen 
sei. in seiner Apotheke Arzneien anzufertigen, dies auch nie ge- 
tlian habe, noch in Zukunft thun dürfe. 

Nachtrag zur Arbeit von Dr. Clemm in Darmatadt: Ein 
Führungsdraht für den Magenschlauch mit Vorrichtung zur 
Freihaltung und Reinigung der Sondenfenster von verstopfen¬ 
den Nahrungsmitteln (s. d. Woehensehr. 1901, S. 2007). 


Daneben kann die Ausführung der erforderlichen Desinfektion 
auf Kosten der nach § 1 verpflichteten Personen durch das Polizei- 
Präsidium (Sanitätskommission) veranlasst werden. 

§ 5. Diese Polizeiverordnung tritt mit dem Tage ihrer Ver¬ 
kündigung in Kraft. 

Gleichzeitig wird die Polizei Verordnung vom 7. Februar 18K7. 
betreffend die Desinfektion bei ansteckenden Krankheiten, mit 
den sie ergänzenden Bekanntmachungen vom 7. Februar 1887. 
21. Februar 1889 und 24. Juli 1890, sowie die Polizeiverordnung vom 
8. Dezember 1890, betreffend Lungen-, Kehlkopf- und Danntnberku- 
lose, aufgehoben. 

Berlin, den 3. Juli 1901. 

Der Polizeipräsident, 
gez. v. Richthofen. 


In No. 12, 1879 der Berl. klin. Wochenschr. gab Dr. Frey 
ln Baden-Baden einen Apparat zur künstlichen Ernährung an; der- 
sellK* trug als einen Bestandteil eine, an einem biegsamen Drahte 
bewegliche Eichel als Verschluss des Magenschlauches. Die 
anderen Bestandteile des Apparates interessiren hier nicht näher, 
doch habe Ich die Erwähnung dieses Führungsdrahtes noch nach- 
zut ragen: 

Eine Neusilberführung spitzwinkelig abgebogen wie das von 
mir angegebene Glasrohr, war um den Draht dicht geschlossen, 
demselben zwar freie Bewegung gestattend, andererseits aber den 
Abfluss von Flüssigkeit nebenher, ebenso aber auch die 
Herausnahme des Drahtes — im Gegensätze zu meinem 
Instrumente — unmöglich machend. 

Die Eichel schloss die abgeschnittene Sonde ab; wurde der 
Draht nun vorgeschoben, so hing die Eichel frei ln den Mngeu- 
raum hinein und Hess die Nährflüssigkeit austreten. 

Zur Ausheberung dagegen ist das Instrument aus 2 Haupt¬ 
gründen unverwendbar: 1. Bedeutet der nicht entfernbare Draht 
ein Ilinderniss an und für sich, und 2. wird ein etwa eingekeiltes 
Ilinderniss anstatt wie von den Zacken meines Körbchens gefasst 
und zerrissen zu werden, nur noch fester gepresst und die be¬ 
gonnene Ausheberung so Jäh abgebrochen. Daneben fällt in’s Ge¬ 
wicht, dass das Ganze schwer zu reinigen und zu sterllislren ist 
und, anstatt wie meine Schlauchseele nur im Bedarfsfälle ange¬ 
wandt zu werden, stets von vomeherein miteingeführt werden 
muss. Immerhin habe ich gerne die Gelegenheit ergriffen, der 
Vollständigkeit halber auch dies Instrument zu beschreiben. 

Dr. C 1 e m m. 


Amtlicher Erlass. 

(P r e u s 8 e n.) 

Pol izeiver ordn^mgy.. die D esinfek tion bei ansteckenden Krank- 
" " N Beiten T5eIrT ~~— 

Auf Grund der §§ 143 und 144 des Gesetzes Uber die allge¬ 
meine Laudesverwaltung vom 30. Juli 1883 (G. S. S. 195 ff) und der 
§§ 5 ff. des Gesetzes über die Polizeiverwaltung vom 11. Mürz 1850 
(G. S. S. 2G5) wird hierdurch nach Zustimmung des Gemeinde¬ 
vorstandes für den Stadtkreis Berlin Folgendes verordnet: 

§ 1. Die Haushaltungsvorstände bezw. deren Stellvertreter 
(in Anstalten die Leiter, Verwalter, Hausväter etc.), sowie die 
Unternehmer von Privatkrankenanstalten und die Besitzer und 
I^eiter aller dem öffentlichen Verkehr dienenden Aufenthaltsein¬ 
richtungen, wie Gasthöfe, Logirhiluser, Herbergen, Pensionate, 
Ulmmbregarnles, Schlafstellen und dergleichen mehr, sind ver¬ 
pflichtet, bei Krankheits- wie Sterbefällen 
von asiatischer Cholera, Pocken, Fleck- und Rückfalltyphus, 
sowie Diphtherie unbedingt, 
von Darmtyphus, Ivopfgeuickkrampf (Meningitis cerebrospinalis», 
bösartigem Scharlachfieber, bösartigen Masern und bös¬ 
artiger Ruhr auf besondere Anordnung des Kgl. 
Polizeipräsidiums 

die von den Kranken benutzten Effekten und Räume, sowie die 
in diesen befindlichen Gegenstände gleichzeitig, und zwar 
lediglich durch die städtische Desinfektionsanstalt und deren 
Beamte, auf ihre Kosten desinflzlreu zu lassen. 

Den Besitzern und Leitern der obenbezeichneten, dem öffent¬ 
licher Verkehr dienenden Aufenthaltseinrichtungen kann diese 
Verpflichtung auch bei Lungen-, Kehlkopf- und Darmtuberkulose 
von dem Polizeipräsidium auferlegt werden. 

§ 2. Die Herbeiführung der im § 1 vorgeschriebenen Des¬ 
infektionen haben die dort bezeichneten verpflichteten Personen 
i n n e r h a 1 b 24 Stunden nach der durch den behandelten Arzt 
festgestellten Genesung., bezw. nachdem der Kranke oder dessen 
Leiche aus der Wohnung entfernt worden ist, bei ihrem zuständigen 
Polizeirevier zu beantragen. 

§ 3. Aerzte, welche an Lungen-, Kehlkopf- und Darmtuber¬ 
kulose Erkrankte in den in § 1 bezeichneten~AilfonthrtRsuiirieh^- 
tungen etc. behandeln oder aus denselben anderweitig übernehmen, 
sind verpflichtet, hiervon der Sanitätskommission binnen 24 Stun¬ 
den auf den üblichen Meldekarten Anzeige zu machen. 

§ 4. Mit Geldstrafe ins 30 M.. an deren Stelle im Unvermögens¬ 
falle* eine Haftstrafe bis zu 10 Tagen tritt, wird bestraft. 

a) wer die in § 1 bis 3 erlassenen Vorschriften Übertritt, 

b) wer durch sein Verhalten die nach § 1 vorgeschriebeno Des¬ 
infektion hindert oder unmöglich macht, 

sofern nicht durch die Zuwiderhandlung die Im § 327 des Straf¬ 
gesetzbuchs vorgesehene höhere Strafe verwirkt ist. 


Vorstehende Polizeiverordnung wird hierdurch in Erinnerung 
gebracht. 

Berlin, den 23. September 1901. 

Der Polizeipräsident. 

I. A.: Kautz. 


Generalrapport über die Kranken der k. bayer. Armee 

für den Monat November 1901. 


Iststärke des Heeres: 


67 304 Mann, — Invaliden, 202 Kadetten, 145 Unteroff.-Voi 




Mann 

Invali¬ 

den 

Kadetten 

31 

1. Bestand waren am 




- cfSf 

31. Oktober 1901: 

1363 

— 

1 



im Lazareth: 

1522 

— 

1 


2. Zugang: 

im Revier: 

4566 

— 

88 


in Summa: 

6088 

— 

84 


Im Ganzen 

sind behandelt: 

7451 

— 

85 


°/oo der Iststärke: 

110,7 

— 

178,8 

m 


dienstfähig: 

5170 

— 

25 

4 


°/oo der Erkrankten: 

693,8 

— 

714,3 

44M 


gestorben : 

7 

— 

— 

_ it*. 

3. Abgang; 

°/oo der Erkrankten: 
invalide : 

0,94 

29 

— 

— 


*) Darunter 115 

dienstunbrauchbar : 

146*) 

— 

— 


nach d. Kln- 

anderweitig : 

322 

- 

1 


Stellung 

in Summa: 

5674 

— 

26 


4. Bestand 
bleiben am 
30.Xov.1901: 

in Summa: 

°/oo der Iststärke: 
davon im Lazareth : 

1777 

26,4 

1065 

= 

9 

44* 

1 

,-ff 

davon im Revier: 

712 

— 

8 



Von den in Ziffer 3 aufgeführten Gestorbenen haben gelitten 
an: Septikäraie 1, akuter Miliartuberkulose 1, Lungentuberkulose 1. 
Hirnhautentzündung 1, chronischer Entzündung der Herzklappen 1. 
Blinddarm- und Bauchfellentzündung 1, Zerreissung der Milz und 
der linken Niere (in Folge von Pferdeschlag) 1. 

Ausserdem endeten noch 3 Mann durch Selbstmord (davon 2 
durch Erschiessen, 1 durch Erhängen). 

Der Ge8nmmtverlust der Armee durch Tod betrug demnach im 
Monat November 10 Mann. 


Morbiditätsstatistik d. Infektionskrankheiten für München 

in der 2. Jahreswoche vom 5. bis 11. Januar 1902. 
Betheiligte Aerzte 205. — Brechdurchfall 9 (6*), Diphtherie 
Croup 21 21), Erysipelas 11 (9;, Intermittens, Neuralgia intemi 

— \ Kindbetttieber — (—), Meningitis cerebrospin. 1 (1), 
Morbilli 47 (53), Ophthalmo-Blennorrhoea neonat. 2 i2\ Parotitis 
epidem. 14 >), Pnemnonia crouposa 22 (22 , Pvaemie, Septikaemic 

— (— , Rheumatismus art. ac 15 24 , Ruhr (dysenteria) — .— , 

Scarlatina 5 (15), Tussis convulsiva 8 (19), Typhus abdominalis 
1 6\ Varicellen 11 (21), Variola, Variolois — (■—), Influenza 3 3, 
Summa ll>7 (207). Kgl. Bezirksarzt Dr. Müller. 


Ueberslcht der Sterbefälle In München 

während der 2. Jahreswoche vom 5. bis 11. Januar 1902. 

Bevülkerungszahl: 499 932. 

Todesursachen : Masern 2 (3*), Scharlach — (—), Diphtherie 
und Kroup 4 (2), Rothlauf—(1), Kindbettfieber — (1), Blutvergiftung 
'TPyämie u. s. w.) — (1), Brechdurchfall 1 (1), Unterleib-Typhus — (1 1 , 
Keuchhusten 2 (3), Kroupöse Lungenentzündung 5 (3), Tuberkulose 
a) der Lunge 25 (23), b) der übrigen Organe 5 (6), Akuter Gelenk , 
rhemnatismus 1 (—), Andere übertragbare Krankheiten 5 (6\ 
Unglücksfälle 3 (—), Selbstmord 2 fl\ Tod durch fremde Hand — (— . 

Die Gesammtzahl der Sterbefulle 185 ,191), Verhältnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 19,0 (19,6^ für die 
über dem 1. Lebensjahre stehende Bevölkerung 11,7 (12,8). 


*) Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche. 


Verlae vi.n J. K. Leb mann iu Miincheu. — Druck von K. MiihUhaler's Buch- uiU 


Kunstdruckerei A.ü., München. 

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MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 

(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 

ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 

Herausgegeben von 

0. Bollinger, H. Curschmann, 6. Gerhardt, 6. Merkel, J. v. Michel, H. i. Ranke, F. v. Winckel, 

München. Leipzig. Berlin. Nürnberg. Berlin. München. München. 


Cfe. Blinler, 

Freiburg i. B. 


No. 4. 28. Januar 1902. 


Redaktion: Dr. B. Spatz, Oltostrasse 1 
Verlag: J. P. Lehmann, Heustrasse 20. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

Erfahrungen über 100 medulläre Tropakokain- 
Analgesien.*) 

Von Dr. Karl Schwarz, Primararzt am Spitale der Barm¬ 
herzigen Brüder in Agram. 

Wer eine grössere Operation unter medullärer Analgesie 
ausführen sieht, wird sich eines gewaltigen Eindrucks nicht er¬ 
wehren können. Nach einem einfachen Nadelstich in die Lenden¬ 
gegend und Injektion einer minimalen Kokainmenge in den Sub¬ 
arachnoidalraum tritt eine geradezu verblüffende Schmerz¬ 
lähmung: der unteren Körperhälfte ein. Knochen können ge¬ 
sägt, gemeisselt, gebrochen werden, man kann schneiden, brennen, 
ätzen, der Patient bleibt bei vollem Bewusstsein vollständig 
schmerzlos. Das Gebiet der Inhalationsnarkose würde allgemein 
durch diese Methode eine ganz bedeutende Einschränkung er¬ 
fahren, träten nicht nach der subarachnoidalen Einverleibung 
des Kokains Erscheinungen zu Tage, die zumindest höchst pein¬ 
lich und qualvoll für den Patienten sind, Kopfschmerzen, 
Uebligkeiten, Erbrechen, Schüttelfrost und Temperatursteige¬ 
rungen, kalte Schweisse und Kollapse, ja angeblich sind auch 
Todesfälle danach beobachtet worden. Bier, der geniale Ent¬ 
decker dieser Methode, ist es auch, der diese trübe Kehrseite 
seines Verfahrens mit besonderem Nachdruck hervorhebt, davor 
warnend, dasselbe in die allgemeine Praxis einzuführen. Ihm 
gegenüber steht T u f f i e r, der ausgezeichnete Pariser Chirurg, 
der sich die wunderbare Bio rische Entdeckung mit Begeisterung 
zu eigen gemacht (es allerdings vorziehend, sie von Corning 
herzuleiten), an Hunderten von Fällen zur Anwendung gebracht 
hat und mit Feuereifer für ihre Verbreitung eintritt. Auch 
Tuffier gleitet über die lästigen Nebenerscheinungen dieser 
Methode der Sehmerzbetäubung nicht leicht hinweg, aber er 
hält sie für vorübergehend und ungefährlich, während er 
Reclus gegenüber es energisch bestreitet, dass die von Letz¬ 
terem in’s Feld geführten und der Methode zur Last gelegten 
8 Todesfälle bei eingehender kritischer Prüfung jedes einzelnen 
dieser Fälle wirklich Opfer der Rachikokainisation seien, ja, er 
erklärt 9ich für jeden durch die spinale Injektion von Kokain 
in den von ihm angegebenen Dosen etwa erfolgenden Todesfall 
persönlich verantwortlich. 

Jedenfalls sind Nacherscheinungen, wie rasende Kopf¬ 
schmerzen, Erbrechen, Schüttelfröste, hohe Temperatursteige¬ 
rungen bis 40® und darüber geeignet, die Vortheile der Rachi¬ 
kokainisation vor der allgemeinen Inhalationsnarkose in einem 
zumindest zweifelhaften Licht erscheinen zu lassen, auch dann, 
wenn diese Nacherscheinungen keine dauernden Schäden hinter¬ 
lassen. Es wäre zweifellos ein hoher Gewinn für die Chirurgie, 
wenn es gelänge, die Vortheile dieser Methode bei Ausschaltung 
ihrer Nachtheile zu wahren. 

Meine Versuche, durch Eukainanwendung an Stelle des 
Kokains die gefürchteten toxischen Nebenwirkungen hintan¬ 
zuhalten, ergaben ein negatives Resultat. Seine Nebenwirkungen 
sind ebenso arg wie die des Kokains. Zu dem gleichen Resultat 
kamen auch Bier und Tuffier. 


•) Nach einem lh der Gesellschaft der kroatischen Aerzte ge¬ 
haltenen Vortrage. 

No. 4. 


In jüngster Zeit bedient sich Bier folgenden Verfahrens: 
Er wendet Eukain B (als das weniger giftige Präparat) an und 
legt dabei den Patienten eine Stauungsbinde um den Hals. Es 
ist nämlich kaum zweifelhaft, dass die erwähnten Nebenerschei¬ 
nungen als Giftwirkung vom Gehirn und verlängerten Mark 
ausgelöst werden, denen das Gift durch den Liquor cerebro¬ 
spinalis zugeführt wurde. Wird nun um den Hals eine stauende 
Gummibinde angelegt, so kommt es zu einer venösen Stauung 
im Schädel, einer Raumbeengung, die ein Entweichen des Liquor 
cerebrospinalis nach dem Rückenmark hin zur Folge hat. Durch 
das Anlegen einer Gummibinde um den Hals soll mm der Liquor 
cerebrospinalis vom Gehirn öbgehalten werden. Nach der Bie r- 
schen Vorschrift soll man die Binde noch 2 Stunden nach der 
Operation liegen lassen, um das völlige Verschwinden des Giftes 
aus dem Rückenmarke abzuwarten. Von den 21 Fällen, in denen 
Bier so vorging, hatten 10 überhaupt keinerlei Nebenerschei¬ 
nungen, 7 geringere und 4 stärkere. Wir finden auch hier Tem¬ 
peratursteigerungen bis 39,8°, mehrtägige Kopfschmerzen und 
Erbrechen. — Es scheint mir nicht wahrscheinlich, dass sich 
diese Modifikation der B i e rischen Methode viel Anhänger ge¬ 
winnen wird. 

Ich habe auf Grund einer Reihe von Fällen anempfohlen, 
das Kokain durch Tropakokain zu ersetzen, da die Nacherschei¬ 
nungen desselben, inwieweit sie überhaupt auftreten, relativ 
milder Art sind, jedenfalls keinen Vergleich mit denen nach der 
Kokainanwendung ertragen. Bier gibt nach seinen geringen 
Erfahrungen zu, dass die unangenehmen Folgeerscheinungen bei 
diesem Mittel wesentlich geringer sind als bei Kokain, hält wei¬ 
tere Versuche für empfehlenswerth, zumal die Thierversuche 
E d e n’s beweisen, dass für die Katze das Mittel verhältniss- 
mässig wenig giftig wirkt, beklagt aber die geringe Ausdehnung 
des analgetischen Bereichs. Tuffier, der das Tropakokain 
ebenfalls auf meine Empfehlung hin versuchte, fand seine an- 
algesirende Kraft für nicht ausreichend. Mit der Ausdehnung 
meiner Erfahrungen konnte ich mich selbst nicht der Erkennt¬ 
nis verschliessen, dass das Tropakokain, wie sehr es auch dem 
Kokain durch die unvergleichlich geringeren toxischen Neben¬ 
wirkungen überlegen sei, in Bezug auf die Ausdehnung des an¬ 
algetischen Körperbezirks hinter dem Kokain zurückbleibt. 
Speziell Operationen von den P o u p a r t’schen Bändern auf¬ 
wärts, aber selbst Operationen an den Oberschenkeln können 
oft nur unter mehr minder bedeutender Hypalgesie ausgeführt 
werden, nicht aber unter so völliger Analgesie wie unter Kokain. 

Der After, der untere Abschnitt des Mastdarms, Damm, 
männliche und weibliche äussere Genitalien, Füsse und Unter¬ 
schenkel konnten sicher und vollständig analgesirt werden. In 
den höheren Partien konnte die gewünschte Schmerzlosigkeit 
nicht mit genügender Konstanz hervorgerufen werden. 

Während ich bisher meine Normaldose Tropakokain (0,05) 
in 1 ccm Wasser aufgelöst zur Injektion benützte, versuchte ich 
nun in einem Fall einer freien Leistenhernie — behufs weitorer 
Ausdehnung des schmerzlosen Körperbereichs — (am 15. Fe¬ 
bruar v. J.) eine Injektion von 0,05 Tropakokain in 5 ccm Wasser, 
und zwar injizirto ich die ganze Lösung, nachdem sich die ersten 
Tropfen Liquor cerebrospinalis an der Mündung der Hohlnadel 
gezeigt. Die Analgesie reichte bis zum Rippenbogen, die Radikal¬ 
operation wurde unter völliger Schmerzlosigkeit ausgeführt. in 
der Nacht trat aber ziemlich heftiger Kopfschmerz auf, der 


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MÜFNCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


iaö 



übrigens bis zum Morgen verschwunden war. Am 10. März v. J. 
machte ich einen zweiten Versuch bei einem Fall einer hoch 
hinauf reichenden eitrigen Parametritis, den ich von der Bauch¬ 
seite retroperitoneal zu eröffnen beabsichtigte. Ich injizirte 

5 cg Tropakokain in 12 ccm Wasser. Es trat eine bis zu den 
Brustwarzen reichende Analgesie auf, die Operation konnte völlig 
schmerzlos ausgeführt werden, aber die weitere Folge waren 
ßchüttelföste, Erbrechen, Abends eine Temperatursteigerung bis 
41 °, nächsten Tag 39 ®, heftige Kopfschmerzen. Erst den 3. Tag 
war Patientin fieberfrei und frei von Kopfschmerzen und Ueblig- 
keiten. Nach diesen Erfahrungen stand ich von weiteren Ver¬ 
suchen in dieser Richtung ab. 

Auf dem vorjährigen Berliner Chirurgenkongress konnte 
ich als Resultat meiner Erfahrungen berichten, dass ich mit dem 
Topakokain zwar keine so ausgedehnte Analgesie wie mit dem 
Kokain erzielen konnte, dass aber mit diesem Präparat die fatalen 
Nebenerscheinungen des letzteren vermieden werden oder nur in 
milderem Grade auftreten. Kader bestätigte vollkommen diese 
Angaben und fügte hinzu, dass er, um die Extension des schmerz¬ 
losen Bezirks zu vermehren, die Kranken nach der spinalen 
Injektion in Beckenhochlagerung brachte und dann selbst Lymph- 
drüsenexstirpationen am Halse schmerzlos ausführen koimte. 

Gegenwärtig verfüge ich über weit über 100 Fälle von Raclii- 
tropakokainisation und will in Kürze über die Ergebnisse des 
ersten Hunderts dieser Fälle berichten. Hiebei will ich von den 
2 bereits erwähnten Fällen absehen, bei denen ich versuchsweise 
Tropakokain in grösseren Flüssigkeitsmengen gelöst injizirte. 
Ebenso will ich bei der Darlegung meiner Schlussfolgerungen 
von einem Falle abstrahiren, bei dem ich eine unzulässig hohe 
Dose Tropakokain zur Anwendung brachte. Da ich bis dahin 
niemals ernstlichere Intoxikationserscheinungen erlebt hatte, 
glaubto ich, um eventuell die Ausdehnung des Anwendungs¬ 
gebietes dieser Methode zu vermehren, in der Dosirung auch 
weiter gehen zu können und injizirte bei einem Fall von in- 
karzerirter Leistenhernie, einem 21 jährigen kräftigen Mann, 
8 cg Tropakokain und fügte — nach Kader — Beckenhoch¬ 
lagerung hinzu. Es trat eine bis zur Höhe der Brustwarzen rei¬ 
chende absolute Analgesie auf. Gegen Ende der Operation trat 
ein Schüttelfrost auf, der Patient wurde tief cyanotisch, der Puls 
kaum fühlbar, die Athmung war hiebei kaum verändert, der 
Patient bei vollem Bewusstsein. Etwas Erbrechen. 4 Kamplier- 
aetherinjektionen. Nach einer halben Stunde wich allmählich 
die Cyanose, das Frösteln dauerte noch etwa 2 Stunden. Tem¬ 
peratur 38,3. Kein Kopfschmerz. Der weitere Verlauf war voll¬ 
ständig ungestört. Ich führe diesen Fall an, um auf die Ein¬ 
haltung der Grenzen der zulässigen Dosirung hinzuweisen. In 
meinen Schlussfolgerungen glaube ich ihn als abweichend von 
der normalen, gebotenen Anwendungsweise nicht berücksichtigen 
zu dürfen. 

Nach den K a d e r’schen Mittheilungen habe ich, um die 
Analgesie so tief als möglich zu gestalten, in fast allen Fällen 
die Patienten nach der Injektion in Beckenhochlagerung ge¬ 
bracht. Nach 10 Minuten währender Beckenhochlagerung 
wurden die Patienten wieder horizontal gelagert. Ich kann nach 
meinen Erfahrungen die Angaben Kader’s über die beträcht¬ 
liche Ausdehnung des schmerzgelähmten Bezirks durch die 
Beekenhochlagerung im Grossen und Ganzen bestätigen, wenn 
auch nicht in dem Ausmaass, wie es von Kader ab Regel an¬ 
gegeben wurde. (Ich berufe mich hiebei auf meine Erinnerung 
an die Kader’sclie Mittheilung, ein gedrucktes Referat hierüber 
liegt — auch in den „Verhandlungen der Deutschen Gesellschaft 
für Chirurgie“ — nicht vor.) Ich benützte für Operationen am 
Anus, unteren Abschnitt des Rektum, männlichen und weiblichen 
äusseren Genitalien, Vagina, Damm, Füssen, Unterschenkeln 
und unteren Abschnitten der Unterschenkel 5 cg, für die höheren 
Abschnitte uer Oberschenkel und höheren Partien überhaupt 

6 cg als Maximaldose; bei jüngeren (bis 17 jährigen) Individuen 
habe ich auch 4 cg mit vollem Erfolg verwendet. In 2 Fällen 
trat nach der Anwendung einer 5 proz. Lösung, also 0,05, eine 
komplete Analgesie des ganzen Körpers bis an die obere Hals¬ 
grenze ein, der Kopf zeigte eine bedeutende Hypalgesic. In der 
Regel reicht jedoch die Analgesie nach 6 cg bis zur Nabelhöhe, 
zuweilen bis zum Rippenbogen; in den angrenzenden höheren 
Partien herrscht nur eine mehr minder ausgesprochene Schmerz¬ 
herabsetzung. Unter einer solchen führte ich beispielsweise eine 
Mammaamputation mit Avisräumung der Achselhöhle, in einem 


anderen Fall eine Rippenresektion aus. Versuche, um die Grenzen 
des Anwendungsgebietes dieser Methode kennen zu lernen, die 
kein ganz befriedigendes Resultat ergaben. Grössere Laparo¬ 
tomien schliesse ich grundsätzlich von der medullären Narkose 
aus, da, wenn auch der Schnitt durch die Bauchdecken schmerz¬ 
los oder nahezu schmerzlos ausgeführt werden kann, das Ziehen 
und Zerren an den Eingeweiden doch höchst qualvoll empfunden 
wird. Für Bruchoperationen verwende ich durchwegs die Rachi- 
tropakokainisation. Die Radikaloperation der Leistenbrüche kann 
so unter absoluter Analgesie ausgeführt werden, jedoch geschah 
es in einer geringen Zahl von Fällen, dass die Analgesie vor 
Schluss der Operation, nach etwa 30 Minuten und auch etwas 
früher, in dieser Höhe bereits zu weichen begann, so dass ich 
in wenigen Fällen gegen Schluss der Operation noch zur Narkose 
griff. In der Regel ist aber die Radikaloperation anstandslos 
ausführbar. Für alle grösseren Operationen der obenerwähnten 
Gegenden verwende ich die Rachitropakokainisation als Normal¬ 
verfahren. An den unteren Extremiäten, Genitalien, Damm und 
After dauert die Analgesie 1—2 Stunden. 

Als von besonderem Interesse will ich einen Fall hervor¬ 
heben, bei dem ich einen 65 g schweren Blasenstein durch Epi- 
kystotomie entfernte. Es handelte sich um einen 38 jährigen 
Morphinisten und Kokainistcn (er pflegte sich täglich 1,2—2,0 
Morphium und daneben 1,0 Kokain subkutan einzuverleiben), 
jede Blasenfüllung behufs Ausspülung verursachte ihm unge¬ 
heure Schmerzen, so dass von vorhergehenden Blasenspülungen 
abgesehen werden musste. Nach der Rachitropakokainisation 
konnte die Blase mit 150 g Borwasser gefüllt, die Blase eröffnet, 
der Stein entfernt, die Blasen-, Faszien- und Hautnaht ausge¬ 
führt werden, ohne dass der Patient eine Spur einer Schmerz¬ 
empfindung gehabt hätte. Keine Nacherscheinungen. 

Gegenüber den Anwürfen der unzureichenden Schmerz¬ 
betäubung durch Tropakokain kann ich auf eine ganze Menge 
von Kollegen verweisen, die die Rachitropakokainisation auf 
meiner Abtheilung ausführen gesehen und fast täglich zu sehen 
Gelegenheit haben. Die Schmerzlähmung ist einfach im- 
ponirend. 

Ich führte folgende Operationen unter medullärer Tropa¬ 
kokainnarkose aus: 3 Resektionen resp. Evidements im Bereich 
des Fussskelets, 1 Pirogoff, 7 Nekrotomien am Unterschenkel. 
3 Amput. cruris, 2 Kniegelenksresektionen, 3 Osteotomien nach 
MacEwen, 3 Nekrotomien am Oberschenkel, 2 Amputat. femor.. 

1 Discissio phlegmones femoris, 4 Spaltungen und Auskratzungen 
von tuberkulösen Fisteln am Oberschenkel und Becken, 1 Ligätura 
arter. iliac. ext. wegen Aneurysmas der Art. femoral., 1 Ex¬ 
stirpation vereiterter inguinaler Lymphdrüsen, 1 Kolporaphia 
ant., Kolpoperineoraphia und Alexander, 1 Kolporaphia ant. und 
Kolpoperineoraphia, 1 Ventrifixatio uteri, 1 Spaltung eines para- 
metritischen Abszesses, 1 vaginale Exstirpation eines submukösen 
Ulerusmyoms, 3 Kolpotomiae post, wegen eitriger Adnexitiden. 

2 Thermokauterisationen mächtiger Kämme von Condyl. acum., 
1 Exstirpation eines Care. lab. maior. carcin.,1 Amputatio penis 
enrein., 1 Epikystomie wegen Harnblasensteins, 1 Urethrotomia 
ext. wegen Strictura urethrae, 1 Operation einer Vesikovaginal¬ 
fistel, 2 Spaltungen von Fissurae ani, 3 Exzisionen von Hämor¬ 
rhoiden, 1 Spaltung einer Fistula recti, 1 Dilatation einer Rektal- 
striktur, 24 Radikaloperationen einer einseitigen freien Leisten¬ 
hernie nach Bassini,2 Radikaloperationen von freien Leisten¬ 
hernien und Hydrocelen, 4 Radikaloperationen von beiderseitigen 
freien Leistenhernien, 8 Herniotomien inkarzerirter Hernien, 
meist mit nachfolgender Radikaloperation, 2 Varikokelenopera- 
tionen, 2 Radikaloperationen einer Hydrokele nach Bergmann, 

1 Spaltung eines Abszesses der Leistengegend, 1 Gastroentero¬ 
stomie, 1 Resectio costae, 1 Amputatio mammae mit Ausräumung 
der Achselhöhle, 1 Exstirpation von Lymphomata colli. 

Wie verhält es sich nun mit den Folgeerschei¬ 
nungen der Rachitropakokainisation? 

Ich kann füglich behaupten, dass in der Mehrzahl der Fälle 
die Folgeerscheinungen, objektiv und subjetiv, gleich Null sind. 
In einer Minderzahl treten gewisse Erscheinungen auf, die Rudi¬ 
mente der berüchtigten Nachwirkungen der Rückenmarks- 
kokainisation darstellen. Ich will die hervorragendsten derselben 
einzeln durchgehen. 

1. Erscheinungen w’ährend der Operation. 15—20 Min. 
nach der subarachnoidalen Kokaininjektion werden die Patienten 
in der Regel blass, mit Schweiss bedeckt, von Uebligkeiten, 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Brechreiz, der in ungefähr der Hälfte der Fälle zu Erbrechen 
führt, befallen. Nach der Rachitropakokainisation merkt mau 
bei sorgfältiger Beobachtung zuweilen eine leichte Blässe oder 
leichten Stich in’s Cyanotische auftreten. Uebligkeiten oder Er¬ 
brechen werden nur ganz ausnahmsweise beobachtet. Unter 
1ÖQ Fällen (immer abgesehen von den 3 atypisch ausgeführten 
Rachitropakokainisationen) beobachteten wir 2 mal Brechreiz, 
2 mal wirkliches Erbrechen, lmal wurde ein 18 jähriger schwäch¬ 
licher Patient, an dem eine Radikaloperation einer Leisten¬ 
hernie ausgeführt wurde, deutlich cyanotisch und von Erbrechen 
befallen. Wie bei Kokainanwendung sieht man auch nach 
Tropakokain zuweilen ein nicht zu unterdrückendes Zittern 
beider unteren Extremitäten auftreten, oft mit Frostgefühl ver¬ 
bunden. 1 mal trat unwillkürliches Harnlassen, 3 mal unwill¬ 
kürliche Stuhlentleerung ein. Sehr oft ist der Sphinkter ani 
dermaassen gelähmt, dass er weit klafft. Der Puls zeigt nicht 
selten nach der Operation eine deutliche Verlangsamung, die 
Pulsfrequenz betrug nicht selten 56, ja in vereinzelten Fällen 48, 
dabei war aber der Puls voll und kräftig, gut gespannt, das sub¬ 
jektive Befinden hatte nicht die geringste Störung erlitten. Nach 
1—2 Stunden pflegt sich übrigens die normale Puls¬ 
frequenz wiederherzustellen. Die Athmung bleibt vollständig un¬ 
beeinflusst. Während der Dauer der Analgesie sind die unteren 
Extremitäten etwas paretisch, das Lagegefühl gestört. 

2. Erbrechen. Nach Ablauf des oberwähnten nauseosen 
Stadiums zur Zeit der Operation kommt es noch nachträglich 
nach der subarachnoidalen Kokaininjektion, wenngleich nicht 
häufig, doch auch nicht ganz vereinzelt, zu Erbrechen. Nach 
der Rachitropakokainisation sahen wir nur 2 mal Erbrechen auf¬ 
treten. 

3. Kopfschmerzen. Die Kephalalgic ist diejenige der 
verschiedenen unangenehmen Nacherscheinungen der Rachi- 
kokainisation, welche in der Regel das weitere Krankheitsbild 
beherrscht. Sie fehlt nur ganz ausnahmsweise, ist in der Regel 
selir heftig, oft geradezu tobend und dauert einen halben Tag, 
oft aber auch Tage lang an. Nach der Rachitropakokainisation 
kam es nun allerdings auch in 11 Fällen von 100 zu Kopf¬ 
schmerzen, aber welcher Unterschied in der Intensität 1 So lange 
wir Kokain als medulläres Anästhetikum verwendeten, fanden 
wir Tags darauf die Patienten, den Kopf mit Kompressen be¬ 
deckt, apathisch, mit schwer krankem Ausdruck. Dieses früher 
alltägliche klinische Bild ist seit der Einführung des Tropa¬ 
kokain au3 unseren Krankensälen verschwunden. Auf Befragen 
gibt wohl hie und da ein Patient an, er habe in der der Operation 
folgenden Nacht Kopfschmerzen gehabt. Sehr selten werden die¬ 
selben als heftig geschildert. In einzelnen Fällen klagten die 
Patienten erst den 3. oder 4. Tag nach der Operation über 
leichten Kopfschmerz, der zuweilen auch 2 Tage, besonders bei 
aufrechter Körperhaltung andauert. 

4. Temperatursteigerungen. Nach Kokainanwen¬ 
dung sind mit Frostanfällen einhergehende hohe Temperatur¬ 
steigerungen, bis 39 und 40° und selbst darüber, nichts Unge¬ 
wöhnliches. Hier finden wir einen unverkennbaren prinzipiellen 
Unterschied zwischen der Kokain- und Tropakokain-Anwendung. 
Eine 38,2® übersteigende Temperatursteigerung nach einer asep¬ 
tischen, unter Rachitropakokainisation ausgeführten Operation 
haben wir niemals beobachtet. Ich halte es für wahrscheinlich, 
dass die Steigerung der Temperatur um einige Zehntel Grad — 
wie bemerkt, niemals über 38,2® — dem Tropakokain zuzu¬ 
schreiben war, diese Erscheinung ist jedoch gewiss völlig be¬ 
langlos. 

Ueber schlechten Schlaf nach Tropakokain-Anwendung habe 
ich — im Gegensätze zu Bier — keine Aufzeichnungen ge¬ 
macht und kann darüber nicht berichten. Ich halte es für nicht 
gut möglich, zu entscheiden, ob eine schlaflose Nacht nach über¬ 
standener Operation als Giftwirkung oder als natürliche Folge¬ 
erscheinung von vorausgegangener Furcht und Aufregung, Wund- 
schmerz u. s. w. zu deuten sei. 

Das jüngste Individuum, das der Rachitropakokainisation 
unterzogen wurde, war 12, das älteste 78 Jahre alt. Besonders 
bei dekrepiden Greisen mit seniler Gangrän war es ganz auf¬ 
fallend, wie gut von ihnen diese Analgesirungsmethode ertragen 
wurde. 

In der Technik der Injektionen hielt ich mich an 
die T u f f i e r’schen Vorschriften. Ich führe die Injektion an 
dem Sitzenden, stark vornüber Gebeugten, in der Regel zwischen 


131 


4. und 5. Lendenwirbel, mit einer 9 cm langen, dünnen, an der 
Spitze kurz abgeschrägten Hohlnadel aus. Kaum, dass der 
Liquor cerebrospinalis abzutropfen beginnt, spritze ich die Tropa¬ 
kokainlösung ein. Ich habe es für unnöthig befunden, erst ein 
gewisses Quantum Liquor cerebrospinalis abfliessen zu lassen, wie 
es von mancher Seite vorgeschrieben wurde. Ebensowenig fand 
ich in meinen Erfahrungen eine Stütze für die Vorschrift, die 
analgesirende Lösung sehr langsam einzuspritzen. Ich fand 
keinen Unterschied, weder in der unmittelbaren Wirkung, noch 
nachher, ob ich langsam oder rasch spritzte. Nach ausgeführter 
Operation lasse ich die Patienten durch mehrere Tage das Bett 
hüten; es kam jetloch vor, dass die Patienten trotz¬ 
dem noch am Tag der Operation das Bett verliessen und herum¬ 
gingen, ohne dass dies von irgend welchen üblen Folgeerschei¬ 
nungen begleitet worden wäre, in der Regel büssen sie es aber mit 
Kopfschmerzen und Schwindelgcfühl. 

Nun zu den Schlussfolgerungen! Auch das Tropa¬ 
kokain ist allerdings kein harmloses Mittel, wie wir uns besonders 
bei Ueberschreitung der Normaldose überzeugten. Aber, wird es 
überhaupt jemals gelingen mit harmlosen Mitteln in solchem 
Maasse schmerzlähmend zu wirken? In der von mir empfohlenen 
Dosirung jedoch bewirkt die Rachitropakokainisation, wie aus 
meinen bisherigen Erfahrungen hervorgeht, eine bis zur Nabel¬ 
höhe reichende komplete Analgesie, die es erlaubt, die grössten 
Operationen an der unteren Körperhälfte schmerzlos vorzu¬ 
nehmen, ohne dass die Patienten weiterhin an irgend welchen 
unangenehmen Folgeerscheinungen zu leiden hätten. Dies ist die 
Regel. In der Minderzahl der Fälle treten allerdings gewisse 
Nacherscheinungen auf, dieselben sind jedoch milder Art und 
keineswegs beunruhigend oder für den Patienten besonders 
qualvoll. Ich ziehe desshalb die Rachitropa¬ 
kokainisation jeder Art von Inhalationsnar¬ 
kose überall, wo es angeht, vor. 


Ueber die Auskultation des Respirationsapparates nV 
nebst Bemerkungen zur Pathologie der^Lungenphthise. /\ 

Von O. Rosenbach in Berlin. 


I. Bei welcher Athmungsform soll man ansknltiren ? 

Diese Frage wird Mancher für überflüssig halten, da sie 
durch die Erfahrung und theoretische Erwägung dahin beant¬ 
wortet zu sein scheint, dass bei langsamer, tiefer, Respiration, 
unter periodischer Einschaltung von Hustenstössen, die besten 
Bedingungen für die Entstehung physiologischer und patho¬ 
logischer Athmungsgeräusehe gegeben sind. Und doch glaube ich, 
dass die Frage diskutabel ist; denn das Festhalten an einer 
Athmungsfonn ist eine unzulässige Beschränkung der Unter¬ 
suchung, und gerade durch forcirtes Tiefathmen können lrr- 
thümer entstehen. Wenn auch naturgemäss der Geübte bei einem 
beschränkten Verfahren weniger Irrthümem ausgesetzt ist, weil 
er sieh auf Grund grösserer Erfahrung eine eigene feste Norm 
für die Untersuchung gebildet hat, so sollte doch der Anfänger 
jedenfalls lernen, unter möglichst verschiedenen funktionellen Be¬ 
dingungen zu untersuchen. Warum sollen denn überhaupt für 
die Untersuchung des Athmungsapparates nicht dieselben Erwäg¬ 
ungen maassgebend sein, wie für die der Herzthätigkeit, die man 
ja auch unter verschiedenen Einflüssen, d. h. in der Ruhe, nach 
stärkeren Muskelbewegungen, bei langsamer und bei schneller 
Athmung, im Stehen und im Liegen untersuchen muss, um 
feinere funktionelle Unterschiede festzustellen ? 

Vor Allem bestätigt die Erfahrung durchaus nicht die An¬ 
nahme, dass tiefe langsame Inspiration, die intensivste 
Bewegung des Luftstromes und somit die besten Beding¬ 
ungen für die Entstehung der Athmungsgeräusehe liefert, und 
es ist leicht aus der Praxis eine Reihe bedeutungsvoller Aus¬ 
nahmen vorzuführen: 1. Sind viele Menschen, namentlich solche 
mit sitzender Lebensweise und vor Allem weibliche, an enges 
Korset gewöhnte, Personen gar nicht im Stande, die oberen 
Lungenpartien, auf die es doch hauptsächlich ankommt, ergiebig 
und energisch zu erweitern resp. wirklich tief zu athmen, und 
man muss die tiefe Inspiration erst mühsam einüben lassen oder 
verschiedene Hilfsmittel, wie Kompression der unteren Thorax¬ 
abschnitte, längere Athmungspausen, Hustenstösse etc., an- 
wenden, um bessere Athemzüge zu erhalten. 2. Wird dort, wo 
solche tiefe Athemzüge mit einiger Anstrengung ausgeführt 
werden können, der Akt der Einathmung oft ungebührlich aus- 


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* 



132 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


gedehnt, d. h. der Luftstrom tritt so langsam und allmählich 
ein, dass das Athmungsgeräusch nicht nur nicht stärker, sondern 
wesentlich schwächer, ja in den oberen Partien zu einem unbe¬ 
stimmten Hauchen wird, das besonders leicht zur Annahme 
pathologischer Zustände veranlasst. 3. Bildet sich bei tiefster 
Inspiration — durch ruckweise Kontraktion der Muskeln — am 
leichtesten die sehr störende Sakkadirung aus. 4. Treten bei 
forcirter Inspiration besonders leicht auf der Höhe der Inspi¬ 
ration pseudopulmonale und pseudopleurale knackende Muskel¬ 
geräusche, deren Bedeutung ich bereits mehrfach l ) erörtert habe, 
auf und erschweren die Beurtheilung wesentlich, zumal wenn 
die Dämpfungsverhältnisse wegen verschiedener Krümmung der 
Rippen oder des Schlüsselbeines, ungleicher Dicke des Fett 
polstere etc. nicht ganz eindeutig sind. 5. Gibt es nicht wenige 
Personen, bei denen in Folge individueller Verhältnisse über¬ 
haupt langsame tiefe Athmung kein deutliches Respirations¬ 
geräusch ergibt. Aus allen diesen Gründen habe ich seit vielen 
Jahren die Untersuchung bei langsamer Respiration mit der 
bei sehr schneller kombinirt, also ein Verfahren angewendet, 
das vielleicht auch Andere üben, das aber meines Wissens nicht 
häufig sein kann, da es sonst nicht so oft Vorkommen könnte, 
dass Patienten, die schon häufiger untersucht worden sind, nach 
der Perkussion an den Untersucher die Frage zu richten pflegen, 
ob sie jetzt langsam und tief athmen sollen, und da ich 
ferner häufig von Kollegen gerade wegen meiner ihnen befremd¬ 
lichen Untersuchungsmethode interpellirt worden bin, vielleicht 
allerdings, weil sie leicht als Flüchtigkeit gedeutet werden kann. 

Selbstverständlich muss man bei der Untersuchung des 
Athuiungsapparates stets erst einige tiefe Athemzüge ausführen 
lassen, um die Erweiterungsfähigkeit des Thorax resp. den Re¬ 
spirationsmodus genau feslzustellen und um sich zu überzeugen, 
in welcher Form die Athmungsgeräusche produzirt werden. Bei 
ungenügender Deutlichkeit sollte man sich aber nicht erst mit 
Versuchen, den Patienten zu tiefen Einathmungen zu veran¬ 
lassen, abmühen, sondern ihn sofort auffordern, möglichst schnell, 
aber bei geschlossenem Munde, zu athmen. Man darf es aber 
natürlich nie unterlassen, auch bei offenem Munde athmen zu 
lassen, um alle durch Veränderungen in der Nase entstehenden 
Störungen dee Lufteintrittes in die Lungen auszuschalten; denn 
die dabei oft produzirten, von manchem Untersucher so gefürch¬ 
teten, keuchenden Geräusche können den Geübten doch nicht 
stören. 

Man kann sich leicht überzeugen, dass bei schneller 
Athmung das Athmungsgeräusch qualitativ und quantitativ 
deutlicher und auch gleichmässiger wird, dass die unregelmässige 
stossweise Form der Verschärfung resp. Sakkadirung fortfällt, 
und dass Rasselgeräusche und wesentliche Unterschiede der 
Athmung beider Seiten besonders deutlich werden. Wer einige 
Gesunde bei dieser Form der Athmung auskultirt hat, der wird 
sich an die geringe Verschärfung des Athmungsgeräusches leicht 
gewöhnen, zumal sie auf beiden Seiten gleichmässig zu sein 
pflegt. 

Die Beschleunigung des Eintrittes der Luft wirkt also u. E. 
als energischer Faktor der Schallverstärkung, d. h. innerhalb 
weiter Grenzen wird der durch die geringere Luftmenge 
bewirkte Ausfall schallerzeugender Wellen durch die Energie 
der Wellen gleichsam überkompensirt. Jedenfalls scheint sich 
die obere Partie der Lunge besser mit Luft zu füllen, und es 
fällt damit nach einigen Athmungen auch manche auffallende 
Dämpfung fort oder wird geringer, abgesehen davon, dass in 
Folge solcher besseren Füllung der Lunge mit Luft meiner Er¬ 
fahrung nach Rasselgeräusche, die vorher nicht oder undeutlich 
wahrnehmbar waren, sich in deutlicher Form kundgeben. 

Sehr vortheilhaft ist es auch, bei Patienten mit auffallend 
schwacher Respirationsthätigkeit die Untersuchung der Spitzen 
erst nach stärkeren Muskelbewegungen vorzu¬ 
nehmen, da die so beschleunigte und vertiefte Athmung die 
günstigsten Bedingungen für die Ausbildung des Athmungs¬ 
geräusches resp. der Rhonchi liefert. Das Auftreten von Rassel¬ 
geräuschen wird wahrscheinlich dadurch begünstigt, dass zähes 
Sekret gelockert wird oder stärkere Absonderung erfolgt. 
Zwischen die Reihen von schnellen Athemzügen müssen natür- 

‘) O. Rosenbach: Ueber pseudopulmonale und pseudopleurale 
Geräusche. Bresl. ärztl. Zeltschr. 1881, No. 4. — Ueber pseudo- 
pulmonale und pseudopleurale Geräusche (Muskelkuacken und 
Muskelknarren). Wien. klin. Rundschau 1899, No. 26. 


lieh immer langsame Inspirationen, Hustenstösse oder längere 
Athmungspausen eingeschoben werden, um dem Patienten Ge¬ 
legenheit zu geben, den Athmungstypus zu modifiziren. 

Abgesehen von dem funktionellen Gesichtspunkte, wird durch 
diesen Wechsel der Athmungsform auch einem mir von kollegialer 
Seite geäusserten Bedenken gegen die schnelle Athmung Rech¬ 
nung getragen. Diesem Bedenken liegt die entschieden berück- 
sichtigenswerthe Erwägung zu Grunde, dass möglicherweise 
mancher Untersucher nicht im Stande sein werde, bei besonders 
schnellen Athemzügen den Charakter des Athmungsgeräusches 
ordentlich aufzufassen. Gerade dieser Einwand spricht aber auch 
für die Nothwendigkeit, schon au3 Gründen der individuellen 
Auffassung, viele Möglichkeiten der Untersuchung zu schaffen. 

Mir scheint jedenfalls die schnelle, aber kräftige Athmungs- 
thätigkeit, die natürlich etwas ganz Anderes ist als die flache, 
fliegende Respiration Fiebernder oder schwer Kranker, auf die 
Ausbildung des akustischen Charakters der auskultatorischen 
Lungenphänomene ebenso günstig einzuwirken, wie die kräf¬ 
tigere, durch schnelle Bewegung erzielte, Herzthätigkeit auf die 
Wahrnehmbarkeit von akustischen Phänomenen am Herzen. 
D. h.: Die Schnelligkeit des Luftstromes scheint innerhalb weiter 
Grenzen wichtiger für die Erzeugung akustischer Phänomene 
als die Menge der im Querschnitt eintretenden Lufttheilchen. 
Wie dem auch sein mag, jedenfalls sollte auch auf dem Gebiete 
der Auskultation (und Perkussion) der Lungen auf die mannig¬ 
faltigste Variation der funktionellen Untersuchung Rücksicht 
genommen werden; denn starres Festhalten an ei ne r Prüfungs¬ 
methode verkleinert das Ergebniss der Untersuchung resp. ver- 
grössert die Möglichkeit des Irrthums. So wird vielleicht diese 
kleine praktische Notiz, auch wenn sie Manchem nichts Neues 
bringen sollte, nicht ganz zwecklos sein, weil sie wieder auf die 
Bedeutung der funktionellen Prüfung hinweist. 


II. Ueber einen eigenthümlichen Geruch der Exspir&tionsluft 
im Beginn der Lungenphthise nebst Bemerkungen zur Patho¬ 
genese. 

/ Da jetzt die Zeit glücklicher Weise vorüber zu sein scheint, 
f wo man dem positiven oder negativen Befunde bezüglich der 
I Tuberkelbazillen oder richtiger der mehr oder weniger 
^säurefesten Bazillen eine pathognomonische, von mir 
Mets bestrittene, Bedeutung zumessen zu können glaubte, die 
^Zeit, wo oft der fern vom Krankenbette weilende Mikroskopiker 
dem Kliniker die Direktive ertheilen durfte, so kommt natürlich 
wieder den rein klinischen Zügen des Krankheitsbildes eine er¬ 
höhte Bedeutung zu. So möchte ich im klinischen Interesse hier 
noch einmal auf ein von mir vor langer Zeit beschriebenes^, | 
aber meines Wissens gar nicht berücksichtigtes, sehr frühes ' 
Symptom der Phthise oder, wie ich lieber sagen will, ein wesent- ( 
liches Zeichen der Disposition zur Phthise auf- \ 
merksam mäcRenT'^ nämli c t r - auf - den —ci genthümlichea i 
Geruch der Exspirationsluft phthisischer oder der 
Phthise verdächtiger, namentlich jüngerer, Personen. Diese» 
fade, süssliche, äusserst widerliche Geruch, der eine entfernt« 
Aehnliclikeit mit dem der putriden Bronchitis hat und sich schon 
in gewisser Entfernung von dem betreffenden Kranken bemerklich 
macht, haftet dem Sputum, das in einer Reihe von Fällen nur 
in minimalen Mengen vorhanden ist, nicht an, sondern scheint 
an die Exhalationsluft gebunden zu sein. 

Das von mir auch in den letzten Jahren, trotz beschränkten 
Materials, mehrfach beobachtete Symptom ist meines Erachtens 
erstens prognostisch bedeutsam; denn die Fälle, in denen ich es 
beobachtete, nahmen einen auffallend ungünstigen Verlauf, auch 
wenn die sonstigen Erscheinungen eine günstigere Auffassung 
nahe legten. Zweitens ist es ätiologisch und pathogenetisch 
interessant als Beweis für das Zusammenwirken verschiedener 
Faktoren bei Entstehung und Ausbildung der als phthisisch 
bezeichneton Prozesse, die eben nicht mit Tuberkulose 
identisch sind. 

Es ist eigenthümlich, dass der spezifische Geruch in der weit¬ 
aus überwiegenden Mehrzahl der Fälle gerade bei durchaus nicht 
sehr ausgesprochenem Zerstörungsprozesse in den Lungen vor¬ 
kommt, und dass er jedenfalls am stärksten ausgebildet ist, wenn 
die physikalischen Erscheinungen noch sehr gering sind. Bei 
Infiltration ganzer Lappen oder bei Herden, die bereits grössere 


*) O. Rosenbach: Ueber einen eigentbiimllchen Geruch der 
Exspirationsluft von Phthisikern. Aerztl. Praktiker 1893, No. 21 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


133 


28. Januar 1902. 


Dämpfung hervorrufen, bei Kavernenbildung fehlt der Geruch; 
auch bei sehr reichlichem Sputum habe ich ihn fast immer ver¬ 
misst. Da der spezifische Geruch nicht oder nur zum geringsten 
Theile im Munde resp. im Pharynx entsteht, also weder einer 
Krankheit der Zähne, der Mandeln, der Nasenschleimhaut noch 
dem die Dyspepsie so häufig begleitenden Schleimhautkatarrh, 
der gewöhnlichen Ursache des Foetor ex ore, allein seine Ent¬ 
stehung verdankt, so kommt als Ursprungsort vor Allem die 
Lunge resp. das Bronchialsystem in Betracht und man kann 
mit Wahrscheinlichkeit annehmen, dass es sich dann um Zer¬ 
setzungsprozesse handelt, die auf Grund einer pathologischen 
Disposition resp. Betriebsstörung im Gewebe durch die eine oder 
andere Form von Mikroorganismen in ähnlicher Weise, wie dies 
bei putrider Bronchitis oder Gangrän oder bei Ozaena der Fall 
ist, eingeleitet und unterhalten werden *). Der in den Luftröhren 
produzirte riechende Stoff mischt sich natürlich der Aus- 
athmungsluft bei und ist deeshalb bei längerem Anhalten des 
Athems und im Speiglase nicht nachzuweisen, während jede 
kräftige Exspiration ihn in die Athmungsluft und dadurch zum 
Nachweise bringt. 

Wir verfügen über eine Reihe von Beobachtungen, wo uns 
nur das Bestehen des auffallenden spezifischen Geruches Ver¬ 
anlassung zu einer wiederholten sorgfältigen Untersuchung der 
Lungen gab, die dann nach einiger Zeit eine phthisische Er¬ 
krankung sicherstellte. Wir rathen desshalb, bei Verdacht auf 
Erkrankungen der Lungen, in allen zweifelhaften Fällen stets 
auch den Geruch der Exspirationsluft sorgfältig zu kontroliren 
und bei Anwesenheit des spezifischen Geruchs in gewissen Inter¬ 
vallen eine besonders genaue Untersuchung der Lungen vorzu¬ 
nehmen. Kann man srich über den Charakter und den Ent¬ 
stehungsort des Geruches — denn Foetor ex ore ist ja nicht 
selten — bei der ersten Untersuchung desshalb nicht völlig klar 
werden, weil möglicher Weise schadhafte Zähne resp. die katar¬ 
rhalisch affizirte Schleimhaut der Mundhöhle die Quelle des Ge¬ 
ruches sein könnte, so kann man durch Anwendung von des- 
■ wlorisirenden Mund- resp. Gurgel wassern und Anordnung be¬ 
sonderer Zahnpflege nach kurzer Zeit sich völlige Klarheit ver¬ 
schaffen, da ja diese Maassnahmen nur den Geruch, dessen Quelle 
di© Mundschleimhaut ist, aber nicht den aus den tieferen Theilen 
resp. aus der Lunge stammenden Fötor zum Verschwinden 
bringen. 

Allerdings ist ee besonders auffallend, dass alle von mir be¬ 
obachteten Personen sehr schadhafte Zähne hatten, deren Geruch 
ähnlich, wenn auch nicht gleich dem der aus der Tiefe kommen¬ 
den Exspirationsluft war, und es liegt nahe daran, zu denken, 
«lass die konstitutionelle oder lokale Disposition zur Phthise sich 
frühzeitig in der Ernährung der Zähne geltend macht. Meines 
Erachtens scheinen Leute— m i t seftf' gesunden und kräftigen 
Zähnen zur Phthise überhaupt weniger disponirt zu sein. 

Da sich zweifellos immer deutlicher eine Veränderung der 
Anschauung über die pathogenetische und pathognomonische Be¬ 
deutung desTuberkelbazillus anbahnt,und da von ausgezeichneten 
Forschem , unter denen ich in erster Reihe Martius, Schleich, 
Ri Gottstein, Nauss nennen möchte, die wichtigen 

“Pafftoren Heredität und Individualitä t. Di sposition un d Kon¬ 
stitution gebührend gewürdigt werden, so möchte ich cs 
nicht unterlassen, die Schlusssätze meiner Mitthedlung über das er¬ 
wähnte Symptom hier anzuführen, da sie den Kern der damals 
herrschenden, von mir bekämpften, Anschauungen in’s rechte 
Licht zu setzen scheinen. 

„So wenig wir auf Grund klinischer Erfahrung und bakterio¬ 
logischer Untersuchung geneigt sind, dem Tuberkelbazillus eine 
primäre oder ausschlaggebende Rolle bei der 
Entstehung der meisten Fälle phthisischer Lungenprozesse 
zu vindiziren, so sehr huldigen wir der Ansicht, dass an der Er- 
r« 2 gung und Erhaltung der phthisischen Prozesse die gewöhn¬ 
lichen Eiterungserreger in hohem Maasse betheiligt sind, 
indem sie entweder allein oder in Folge ihrer symbiotischen *) Be¬ 
ziehungen zum Tuberkelbazillus den hauptsächlichen klinischen 
Verlauf der Erkrankung und das schliesslich vorhandene Bild der 

*) Vergl. unsere Ausführungen ln: Dyspepsie bei motorischer 
Insuffizienz desHamapparates (uroklnetische Dyspepsie). Deutsch, 
med. Wochenschr. 1899, No. 33—35. 

*)0. Rosenbach: Beobachtungen Uber die nach Anwendung 
des K o c h’schen Mittels auftretenden Reaktionser.scheiuuugen. 
Deutsch, med. Wochenschr. 1890, No. 49 u. a. a. O. 

No. 4 . 


Gewebsstörung gestalten. Ihre Ansiedelung in der Mundhöhle 
müssen wir also mit aller Energie dadurch verhindern, dass wir 
selbst die kleinsten Herde und Kolonien i m G e w e b e ausrotten; 
denn sie liefern den Boden für die weiteren Zerstörungsprozesse. 
Damit ist natürlich nicht gesagt, dass man nun in jedem ver¬ 
dächtigen Falle die Mundschleimhaut mit scharfen Des- 
infizientien misshandeln solle, sondern es soll nur nahe gelegt 
werden, die modernen Errungenschaften der Hygiene und 
Therapie des Mundes und der Zähne in vernünftiger 
Weise so auszunützen, wie sie es verdienen 5 ). 

Wenn zweifellos im Kampfe gegen die Lungen¬ 
phthise die Hygiene, die die Kräftigung der Konstitution 
anstrebt, im Vordergründe steht, so muss eben auch der Theil der 
Gesundheitspflege besonders gefördert werden, der die ratio¬ 
nelle Pflege des Mundes und die Beseitigung aller 
Schädlichkeiten, die die Sicherheit dieser Einbruchspforte ge¬ 
fährden, anstrebt und darauf hinwirkt, dass der Ansiedlung von 
eiterungerregenden Bakterien, ihrer Akkommodation an den 
O r g a n i 8 m u s und der davon abhängigen Gefahr ihres Ein¬ 
dringens in die schwache Lunge nach Möglichkeit vorgebeugt 
werde. Da unsere Beobachtungen uns, nachdem wir erst einmal 
auf die Beziehungen der Erkrankung der Mundhöhle zu entzünd¬ 
lichen Erkrankungen der Luftwege aufmerksam gemacht worden 
waren, in immer steigendem Grade gezeigt haben, wie oft die Re¬ 
sultate schlechter Mundpflege sich gerade bei Individuen, die mit 
chronischen Lungenkrankheiten behaftet sind, finden, so erwächst 
uns die Pflicht, nicht bloss die Lunge beim Gesunden oder bereits 
Kranken zum Objekte hygienischer oder therapeutischer Maass¬ 
nahmen zu machen, sondern in allen Fällen auch den Mund¬ 
organen dieselbe Beachtung zu Theil werden zu lassen.“ 

Also njpht- der Tuberkelbazillus ist zu bekämpfen, sondern 
der fehlerhaft funktionirende Theil des Betriebes ist zu be¬ 
seitigen, welcher die Disposition zum Endoparasitismus gibt, 
d. h., wie ich vielfach ®) "Susgeführt habe, den sonst gutartigen 
Schmarotzern Gelegenheit zur abnormen Vermehrung und zum 
Eindringen in die Gewebe bietet, sie zu p a t h o g e n e n Faktoren 
macht, die aber nicht mit spezifischen Erregern, d. li. Ver¬ 
tretern einer besonderen Spezies, identisch sein müssen. 

Es ist besonders bezeichnend für die Einseitigkeit der bak¬ 
teriologischen Betrachtungsweise, wie leicht man sich u. a. 
darüber hinweggesetzt hat, dass trotz schlechter Mundpflege 
tuberkulöse Erkrankungen der Mundorgane bei Phthisikern über¬ 
aus selten sind, dass auch sonst bei krankhaftem Zahnfleische 
und hohen Graden von Mund-, Rachen- und Nasenkatarrh sich 
zwar allerlei ulceröse, aber sehr selten tuberkulöse Prozesse finden, 
und dass endlich das Innere der Nase bei Erwachsenen — selbst 
bei Lupösen — immerhin nicht gerade häufig Sitz tuberkulöser 
Erkrankung ist. Für diese Gebiete kommt doch die Magen¬ 
verdauung, durch deren Einwirkung man die Seltenheit des 
Vorkommens von primärer Infektion des Darmes am ehesten zu 
erklären vermeinte, nicht in Betracht, und dass der Speichel nicht 
schützt, beweist vor Allem die häufige Lokalisation pathologischer 
Uleerationen am Kehldeckel und am obersten Theile der hinteren 
Larynxwand, der doch jedenfalls mit Speichel in Berührung 
kommt. Es ist doch überaus merkwürdig, dass gerade die Stellen, 
durch welche allein die Einführung des angeblich spezifischen, 
säurefesten Bazillus stattfinden kann, in hohem Maasse gegen 
Tuberkulose immun sind, während sie für Eiterungsprozesse resp. 
Entzündung und Geschwürsbildung den denkbar günstigsten 
Boden bieten. Das beweist doch am besten die Bedeutung der 
Disposition und lehrt, dass eine Zerstörung des Gewebes nicht 
stattfindet, weil irgend ein Mikrobium da ist, sondern dass die 
Mikrobien nur dort in die Gewebe eindringen, wo die Be¬ 
dingungen für eine Störung des inneren Betriebes, d. h. für un¬ 
genügende Leistung zur Erhaltung der Existenz des Gewebes, 
durch Anlage oder einen äusseren Einfluss gegeben sind. Dass 
ein solcher äusserer Faktor auch einmal eine besonders starke 
Aktivirung (sogen. Virulenz) von sonst unschädlichen (symbio¬ 
tischen) Mikrobien bilden kann, soll nicht bestritten werden; 

®) O. Rosenbach: Ueber die Pflege des Mundes bei 
Kranken. Zeitschr. f. Krankenpflege 1894, No. 4. 

°) O. Rosenbach: Welchen Nutzen hat die Bakteriologie 
für die Diagnose innerer Krankheiten gebracht? Wiener med. 
Presse 1894. No. 43. — Inwieweit hat die Bakteriologie die Dia¬ 
gnostik gefördert und die Aetiologie geklärt? Deutsch, uied. 
Wochenschr. 189b, No. 41. 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


134 


aber dieser Umstand ist erst zu beweisen, was nicht leicht ist. 
da die Einflüsse, welche die Aktivirung der Mikrobien bewirken, 
auch eine reziproke Schädigung der Widerstandskraft der Ge¬ 
webe des betreffenden Wirthes herbeigeführt haben können 1 ). 

Nun fängt allerdings die Zeit an, auch hier Wandel zu 
sehaffen, d. h. man beginnt auch in weiteren Kreisen gerade auf 
dem Gebiete der Aetiologie der Phthise die Disposition und 
Heredität nicht mehr als Quantite negligeable anzusehen. So 
wird man, nach untrüglicher Erfahrung, auch bald wieder einen 
schlagenden Beweis dafür haben, wie schnell die Welt vergisst 
und zwar nicht bloss Thatsachen, sondern ganz besonders 
wissenschaftlichelrrthümer, deren man sich ungern 
erinnert. Die „allemal Weisen“ sind bereits an der Arbeit, zu 
zeigen, dass doch eigentlich weder auf dem Gebiete der Chirurgie 
noch auf dem der inneren Medizin irgend Jemand jemals die 
Mikrobien für die zureichende, geschweige denn für die alleinige 
Ursache von Erkrankungen gehalten und die wesentliche 
Bedeutung der Heredität, des Genius epidemieus und der in¬ 
dividuellen Disposition*) geleugnet habe. Wie bald wird man den 
rastlosen Kämpfern gegen die Uebergriffe und Irrthümer der 
orthodoxen Bakteriologie mit demselben Nachdruck, mit dem man 
sie früher der Unwissenscliaftlichkeit zieh, nachweisen, dass sie 
ihre Kräfte im Kampfe gegen Windmühlen vergeudet haben! 


Thymusdrüse und Rachitis. 

Von Dr. F. Mendel in Essen (Ruhr). 

Die grosse Zahl der bisher aufgestellten Hypothesen über die 
Pathologie der Rachitis, von denen keine einzige im Stande ist, 
das Wesen und die Entstehungsursachen dieser Krankheit ge¬ 
nügend zu erklären, ist durch die neueste Arbeit von Stoeltz- 
n e r und S a 1 g e (Beiträge zur Pathologie des Knochenwachs¬ 
thums 1901) um eine neue Hypothese vermehrt worden. 

Dass es sich bei der Rachitis nicht bloss um einen patho¬ 
logischen Zustand des Knochensystems sondern um eine wahre 
Konstitutionskranklieit handelt, deren hervorstechendes Sym¬ 
ptom die Knochenveränderungen darstellen, muss als feststehend 
angenommen werden und die Analogien, welche diese Allgemein¬ 
affektion mutatis mutandis mit der durch Störung der Schild¬ 
drüsenfunktion hervorgerufenen Krankheit, dem Myxödem, be¬ 
sitzt, musste den Gedanken nahelegen, den auch Stoeltzner 
zum Ausdruck bringt, dass für die Rachitis ebenfalls Störungen 
der inneren Sekretion (Brown-Sequard) irgend einer der 
in ihrer physiologischen Wirkungsweise bisher noch unerforsch¬ 
ten Blutgefässdrüsen verantwortlich gemacht werden müssten. 

Indem nun Stoeltzner sämmtliche Blutgefässdrüsen 
auf ihre etwaige Beziehung zur Rachitis einer summarischen 
Prüfung unterzieht, gelangt er per exclusionem zu dem Schluss, 
dass die Rachitis nur durch eine Erkrankung der Nebennieren 
und zwar des Marks derselben hervorgerufen werden könne, ob¬ 
wohl weder die Physiologie noch die Pathologie dieses Organs 
irgend ein Moment darbietet, welches dieser Theorie als Stütze 
dienen könnte. Aus diesem Grunde sind auch weder die angeb¬ 
lich erzielten Besserungen der Rachitis noch auch die Verände¬ 
rungen des Knochengewebes, welche Stoeltzner bei rachi¬ 
tischen Kindern nach Verabreichung von Nebennierensubstanz 
beobachtete, als beweiskräftig für seine Theorie anzusehen. Soll 
aber die Hypothese Geltung behalten, dass die Rachitis „durch 
die mangelhafte Funktion eines für den Haushalt des Organis¬ 
mus wichtigen Organs entstehe“, dann durfte Stoeltzner 
bei seinem Exklusionsbeweise nicht mit solcher Leichtigkeit über 
die Thymusdrüse hinweggehen, die nach den Untersuchungen 
von F riedleben (1858) und in neuerer Zeit von v. Metten- 
heimer (Jahrbuch der Kinderheilkunde XLVI) sowohl physio¬ 
logisch wie pathologisch zu dem Knochenwachsthum des Kindes 
in Beziehung steht. Nach Stoeltzner soll sie desswegen 
auszuschliessen sein, weil „sie in ihrem histologischen Bau mit 
der Schilddrüse durchaus keine Aehnlichkeit besitzt und ausser¬ 
dem im frühenKindesalter atrophirt, während die Einschmelzung 

’) O. Rosenbach: Grundlagen, Aufgaben und Grenzen 
der Therapie. Wien 1891. S. 12 ff. 

*) Die Konstitution ist nur ein — wenn auch bedeutungs¬ 
volles — Element der Disposition resp. Renktionsform. d. h.: die 
Art des Betriebes wird zwar durch die Konstitution beein¬ 
flusst, ist aber in weitem Umfange von äusseren Faktoren ab¬ 
hängig. Betriebspathologie deckt sich also nicht mit Konstitutions¬ 
pathologie. 


und Wiederneubildung von Knochengeweben bis in’s höchste 
Alter fortgeht“. 

Während der erste Grund absolut nicht als stichhaltig au- 
zusehen ist, muss der zweite gerade als ein kräftiges Beweis- 
moment für die Beziehung der Brustdrüse zur Rachitis ange¬ 
sehen werden, denn die Rachitis muss, soweit sie das Skelet be¬ 
trifft, als eine Störung der Knochenentwicklung, nicht 
als eine Erkrankung des fertigen Knochens angesehen 
werden und gerade die Zeit des floridesten Knochenwachsthunis 
ist es, in der auch die Thymusdrüse ihre energischste Thätigkoit 
ausübt. 

Die Zeit der grössten sekretorischen Thätigkeit der Thymus 
entfällt nach Friedleben in die Zeit vom 9. Lebensmonate 
bis zum vollendeten 2. Lebensjahre. Von da ab vermindert sie 
sich, wenn auch nur allmählich und sehr langsam, dennoch stetig 
und um so mehr, je näher das Individuum der Pubertätszeit ge¬ 
langt, um im Jünglingsalter fast ganz zu versiegen und schliess¬ 
lich vollständig aufzuhören. Der abnehmenden Menge des Se¬ 
krets entsprechend vermehrt sich die bindegewebige Grundlage 
der Thymus und verdrängt das Drüsengewebe. 

Die chemischen Bestandteile der Thymusdrüse verändern 
sich natürlich ebenfalls mit dem Alter, jedoch so, dass die Salze, 
welche aus schwefelsaurem Kalk, Erdphosphaten, 
phosphorsauren Alkalien und Chlorkalium be¬ 
stehen, in derjenigen Zeit des Säuglingsalters ihr Maximum er¬ 
reichen, in welche die stärkste Entwicklung des Körpers und 
ganz besonders seines Knochengerüstes fällt. 

Einen hervorragenden Einfluss auf die Grösse der Thymii' 
und ihre Sekretion hat die Ernährung; ihre Thätigkeit ist 
grösser während der Verdauung und der Assimilation der Nah¬ 
rung, während die Milz im nüchternen Zustande eine energische 
Thätigkeit entfaltet. 

Fasten, unzweckmässige und besonders übermässig stark 
amylumhaltige Nahrung führt zu einem allmählichen Schwund 
der Drüse und schliesslich zu völligem Erlöschen der Sekretion. 
Einen ähnlichen Einfluss haben akute und noch mehr chronische, 
mit Störung der Ernährung einhergehende Krankheiten, aber 
auch bei der Rachitis steht das relative -wie 
absolute Gewicht der Thymus unter der No rin 
(F r i e d 1 e b e n). Die aus solchen Gründen atrophirte Drüse 
vermag aber wieder in den Normalzustand zurückzukehren. 

Thiere, welchen die Thymusdrüse exstirpirt wurde, nehmen 
mehr Futter zu sich als andere, ihr Wachsthum ist zwar absolut 
grösser als das normaler Thiere, es bleibt aber relativ zur auf¬ 
genommenen Nahrungsmenge unter der Norm; ihr Blut wird 
albumin- und wasserreicher, die Zahl der farblosen Blutkörper¬ 
chen absolut hoher, die der gefärbten Blutzellen absolut niedriger. 
Die Stickstoffausscheidung ist entschieden erhöht, während die 
Ausscheidung der Kohlensäure durch die Lungen beträchtlich 
herabgesetzt ist. Die Schweissdrüsen der Haut entwickeln eine 
gesteigerte Thätigkeit, während die Nierensekretion unter die 
Norm herabsinkt. An merkwürdigsten aber ist der Einfluss der 
Thymusexstirpation auf das Wachsthum der Knochen und deren 
chemische Konstitution und zwar ist dieser Einfluss abhängig 
von dem Stande der Knochenentwicklung zur Zeit der Operation. 
Die Thiere werden stets nach Maassgabe des Alters, in welchem 
sie der inneren Brustdrüse beraubt wurden, im Knochenwachs¬ 
thum aufgehalten, die Knochen selber aber besonders im kom¬ 
pakten Theile besitzen weite Markhöhlen, dünne Knochen¬ 
schichten und eine über die Norm gehende Biegsamkeit. 

Die Thymus ist demgemäss ein Organ, wel¬ 
ches besonders während der energischsten 
Wachsthumsperiode des Körpers dem Anbilden 
der Gewebe und vor Allem des Knochen- 
Systems dient (Friedleben). 

Die Aufhebung der Thymusfunktion hat also in ähnlicher 
Weise wie die Exstirpation der Glandula thyreoidea beträcht¬ 
liche Störungen der verschiedensten Organe zur Folge und wenn 
wir auch nicht berechtigt sind, aus den von Friedleben in exak¬ 
tester Weise ausgeführten Thierexperimenten ohne Weiteres 
Schlüsse auf die menschliche Pathologie zu ziehen, so besitzt 
doch das durch Entfernung der Thymusdrüse hervorgerufene 
Krankheitsbild in allen seinen Symptomen eine so frappante 
Aehnlichkeit mit der im Kindesalter so häufigen Rachitis, das? 
wir wohl berechtigt sind, einen Zusammenhang dieser Krankheit 
und der Funktion der inneren Brustdrüse anzunehmen, zumal 


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28. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 135 


noch andere gewichtige Gründe aus der Pathogenese dieser Er¬ 
krankung für unsere Theorie in’s Gewicht fallen. 

Das im Vordergrund stehende und auch stets am meisten 
beachtete Symptom in dem mannigfaltigen Hilde dieser Krank¬ 
heit sind die Skeletveränderungen. 

Zu derselbigen Zeit im Kindesalter, vom 9. Lebensmonate bis 
zum Ende des 2. Jahres, wenn die Fontanellen sich allmählich 
schliessen, der Zahndurchbruch stattfindet, die Epiphysenknorpel 
sich mächtiger entwickeln, kurz das gesammte Knochengerüst 
auf einen auffallend stürmischen Whchtsthumsprozess hinweist, 
findet auch die energischste Entwicklung und die stärkste Saft¬ 
bildung in der Thymusdrüse statt und dass dieses Zusammen¬ 
treffen kein zufälliges ist, dafür spricht die chemische Unter¬ 
suchung der Brustdrüse dieser Periode. Sie enthält gerade in 
diesem Lebensabschnitte am reichlichsten die zum 
Aufbau der Knochen nothwendigen Salze. In 
dieselbige Zeit fallen aber auch die häufigsten Erkrankungen 
an Rachitis, die wir ja gerade bei denjenigen Kindern diagnosti- 
ziren, bei denen jene soeben aufgeführten Zeichen eines inten¬ 
siven Knoehenwachsthums beeinträchtigt sind oder völlig aus- 
bleiben. 

Die Knochenveränderungen aber, welche F r i ed¬ 
le b e n an seinen der Brustdrüse beraubten Thieren nachge¬ 
wiesen, sind zwar mit denen des rachitisch erkrankten Skelets 
nicht zu identifiziren, sie beweisen aber schlagend den Einfluss 
der gestörten Thymusfunktion auf das Knochenwachsthum. 
Aber auch eine ganze Reihe der mannigfachen Begleiterschei¬ 
nungen derRaehitis, die sich in anderen Organen als im Knoehen- 
system abspielen und diese dadurch als eine wahre Konstitutions- 
krankheit charakterisiren, finden wir bei den operirten Thieren 
wieder. 

Die weissen Blutkörperchen sind vermehrt, die rothen an 
Zahl vermindert, das Blutwasser reicher als normal, das voll¬ 
ständige Bild einer Anämie, wie wir sie bei rachitischen 
Kindern fast nie vermissen. 

Die profusen Schweisse, welche bei der englischen 
Krankheit oft das einzige, frühzeitig auftretende Prodromal¬ 
symptom bilden und während des ganzen Verlaufs der Krank¬ 
heit bis zum Stillstände derselben die kleinen Patienten be¬ 
lästigen, fehlen auch bei den Versuchsthieren nicht. 

Wir finden ferner bei ihnen eine Verminderung der 
CO, - Perspiration, wie sie auch bei Rachitischen nach¬ 
gewiesen ist und nach W achsmuth für die Aetiologie der 
Erkrankung von hervorragender Bedeutung sein soll. 

Fassen wir alle diese Momente zusammen, so ist selbst bei 
dem grössten Skeptizismus nicht zu leugnen, dass das Krank¬ 
heitsbild der ihrer Thymus beraubten Thiere in zahlreichen 
Punkten mit dem der Rachitis übereinstimmt und wir desswegen 
wohl nicht zu weit gehen, wenn wir die Behauptung aufstellen, 
dass gestörte Thymusfunktion und Rachitis 
in ursächlichem Zusammenhänge stehen. Die 
Ernährungsstörungen aber, welche von den 
meisten Pädiatern als Ursache der Rachitis 
angesprochen werden, führen nur desswegen 
zur Rachitis, weil sie die innere Sekretion 
der Thymusdrüse beeinträchtigen. 

Eine andere Reihe Autoren steht dem Zuge der Zeit folgend 
auf dem Standpunkte, dass die Rachitis als Infektionskrankheit 
aufzufassen sei und führen als wichtigsten Stützpunkt ihrer 
Theorie den fast stets beobachteten Milztumor an, der je 
nach der Schwere des Prozesses einen sehr beträchtlichen Umfang 
erreichen kann. 

Wir haben gesehen, welche Wechselbeziehungen zwischen 
Thymusdrüse und Milz unter normalen und pathologischen Ver¬ 
hältnissen bestehen, dass, je niedriger das Gewicht der Thymus¬ 
drüse fällt, um so bedeutender die Milz an Umfang zunimmt. 

Es liegt also nichts näher, als die Milzvergrösserung 
bei Rachitis für eine vikariirende Hyper¬ 
trophie zu halten. 

Soll aber unsere Theorie für die menschliche Patho¬ 
logie Berechtigung finden, so ist unumgänglich auch der 
Beweis zu liefern, dass auch die grosse Reihe nervöser 
Störungen, welche sich so häufig bei der Rachitis ein- 
8teilen und als charakteristisch zum Symptomenbilde dieser Kou- 
stitutionsanomalie gehören, zur Beeinträchtigung oder Aufhebung 
der Thymuafunktion in Beziehung stehen. Auf eine Schädigung 


des Zentralnervensystems im Sinne einer pathologisch gestei¬ 
gerten Erregbarkeit ist auch ihre Disposition zu den verschieden¬ 
artigsten Krampfformen zurückzuführen, insbesondere aber zum 
Laryngismus, dessen Zusammenhang mit der Rachitis, so 
viel umstritten auch seine Entstehungsursachen sind, von fast 
allen Autoren anerkannt wird und eine so innige ist, dass Stimin- 
ritzenkrampf ohne Rachitis kaum beobachtet wurde. 

Wenn es auch im Gegensatz zu den anatomischen Ver¬ 
änderungen der Rachitis bei diesen mehr funktionellen Störungen 
dos Zentralnervensystems schwierig erscheint, den Zusammen¬ 
hang derselben mit gestörter Thymusfunktion durch Thier¬ 
experimente zu beweisen, so findet sich doch in der menschlichen 
Pathologie und zwar auf dem am besten erforschten Gebiete 
der Brown - Sequar d’schen Theorie in der Lehre vom 
Myxödem ein so treffendes Analogon für die Einwirkung einer 
inneren Drüsensekretion auf die Gehimthätigkeit, dass es nicht 
gewagt erscheint, für den kindlichen Organismus der Thymus¬ 
drüse nach dieser Richtung hin eine der Schilddrüsenfunktion 
ähnliche Einwirkung zu viudiziren, zumal die beiden hier in 
Frage kommenden Krankheiten, die Kropfkachexie und die 
Rachitis, mutatis mutandis eine nicht zu verkennende Aehnlich- 
keit besitzen und nach den therapeutischen Erfolgen von 
Mikulicz erwiesen ist, dass die innere Brustdrüse Stoffe ent¬ 
halten muss, welche iip Haushalte des menschlichen Körpers 
eine ähnliche Rolle spielen, wie die Produkte der Thyreoidea. 
Für die Aehnlichkeit der Funktion dieser beiden Blutgefäss- 
driisen spricht auch der Umstand, dass sogen. Thymus persistens 
am häufigsten bei Kropf, Myxödem und Morbus Basedowii ge¬ 
funden wurde, also bei all’ den Erkrankungen, die auf eine ge¬ 
störte Schilddrüsenfunktion zurückgeführt werden, so dass sogar 
die Annahme berechtigt erscheint, dass auch in vivo die Thymus¬ 
drüse vikariirend für die Schilddrüse eintritt. 

Mit Fug und Recht verlangt man für eine Theorie, wie wir 
sie aufstellen, dass der Schwund und die Sekretionsstörung der 
Thymus die Ursache der Rachitis sei, anatomische Be¬ 
lege. 

Die sorgfältigsten und einzig verwerthbaren Leichenbefunde 
finden wir bei F riedleben, welcher die Thymusdrüsen von 
ca. 300 Kindern von den ersten Lebenstagen bis zur Pubertäts¬ 
zeit ohne Rücksicht auf die Todesursache untersuchte. Wir 
finden in sämmtlielien Fällen, wo Rachitis zwar nicht als Todes¬ 
ursache, aber doch als Nebenbefund bei der Sektion konstatirt 
wurde, das Gewicht bei der Thymusdrüse entweder sehr klein 
oder in einzelnen Fällen abnorm gross, ihre Konsistenz derb 
hart, ihre Farbe blass und ihr Sekret spärlich und nicht vor¬ 
handen angegeben, eine Thatsache, welche auch von H e n n i g 
im Handbuch der Kinderheilkunde insoweit bestätigt wird, als 
auch er bei dieser Krankheit Atrophie der Thymus konstatiren 
konnte. Auch nach den Untersuchungen von v. Metten- 
h e i in e r wird man nicht fehl gehen, wenn man mit F r i ed¬ 
le b e n für die grosse Mehrzahl der Fälle von ausgesprochener 
Rachitis einen atrophischen Zustand der Drüse annimmt. 

Da nun so alle in Betracht zu ziehenden Umstände die 
Richtigkeit unserer Theorie wahrscheinlich gemacht hatten, war 
es, da wir von den Grundsätzen der Brown-Sequard’schen 
Lehre ausgingen, nach den Erfolgen der Myxödembehandlung 
mittels Schilddrüsenfütterung nur ein Schritt, auch die Thymus¬ 
drüse zur Heilung derjengen Krankheit zu verwenden, die nach 
unserer Ansicht als eine Folge ihrer Sekretionsstörung ange¬ 
sehen werden muss. 

Von ähnlichen Gesichtspunkten ausgehend, hat bereits 
v. Mettenheimer Thymussubstanz zur Heilung der Rachitis 
verabreicht und dabei einen Rückgang der nervösen Reizerschei¬ 
nungen beobachtet. Wenn die Besserung der übrigen Symptome 
nicht so eklatant war und Stoeltzner und Lissauer, 
welche seine Angaben nachprüften, jeden therapeutischen Erfolg 
leugneten, so lag das beide Male an der zu niedrig bemessenen 
Dosis und der zu kurzen Auwendungsdauer des verabreichten 
Medikaments. 

Seit länger als 5 Jahren habe ich über 100 rachitische Kinder 
Anfangs mit frischer Kalbsthymus, später mit Thymustabloidä 
(B. W. & Co.) behandelt. Die frische Kalbsthymus wurde zur 
Mittagszeit vor dem Essen feingehackt in warmer Fleischbrülle 
gegeben und zwar so viel Gramm einer Drüsensubstanz als das 
Kind Monate zählt. 

•>* 


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136 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


Die Suppe wurde von fast allen Kindern gern genommen 
und gut vertragen, Nebenwirkungen unangenehmer 
Artwurdennicht beobachtet, auch nicht nach Verwendung 
viel grösserer Mengen, so dass die Thymus im Gegensatz zur 
Thyreoidea für völlig unschädlich erklärt werden kann. 
Später wurden die Thymustabloids in einem Löffel Milch zer- 
stossen den Kindern verabreicht und zwar 6—12 pro die je nach 
dem Alter der Kinder und mit diesen dieselben Resultate erzielt, 
wie mit der vorher genannten Medikation. 

Um aber ein genaues Bild der therapeutischen Wirkung zu 
haben, wurden die bisher beobachteten Rachitisfälle in vier 
Gruppen gesondert : 

Erstens solche, welche nur die Prodromal¬ 
symptome der englischen Krankheit darboten, vor Allem 
profuse Schweisse am Kopfe oder am ganzen Körper, Anämie, 
Verdriesslichkeit, unruhigen Sclilaf etc. 

Dass diese Störungen Anzeichen einer beginnenden Rachitis 
waren, dafür sprachen Erblichkeit von Seiten der Eltern, oft ver¬ 
bunden mit der Erfahrung, dass ältere Geschwister der Patienten 
ebenfalls zu einer bestimmten Zeit an Rachitis erkrankt waren. 

Zur zweiten Gruppe zählten diejenigen, bei welchen die 
rachitischen Knochenveränderungen in ihren 
verschiedenen Entwickelungsphasen zu erkennen waren, weiche 
Schädelknochen, offene Fontanellen, verzögerte oder imregel¬ 
mässige Dentition, Rosenkranz, Pectus carinatum, Auftreibung 
der Epiphysen, Verkrümmung der Röhrenknochen etc. 

Die dritte Serie bildeten solche, wo neben mehr oder 
weniger ausgebildeter Rachitis der Knochen die nervösen Sym¬ 
ptome in den Vordergrund traten, vor Allem der Spasmus 
g 1 o 11 i d i s. 

Viertens solche mit beträchtlichem Milz¬ 
tumor. 

Trotzdem nun, um ein klares Urtheil über die neue Medi¬ 
kation zu gewinnen, imUebrigen an der Ernährung und sonstigen 
Lebenshaltung unserer Patienten so wenig wie möglich geändert, 
wurde, trat doch in vielen Fällen, wo die Verordnung regelmässig 
und konsequent durchgeführt wurde, eine günstige Ein¬ 
wirkung auf den rachitischen Prozess zu Tage. 
Insbesondere waren es die sogen, funktionellen Störungen, welche 
am schnellsten und wirksamsten durch die Organtherapie beein¬ 
flusst wurden. Die übermässige Schweissbildung liess schon nach 
zwei bis drei Wochen langer Behandlung bedeutend nach, der 
Schlaf der Kinder wurde ruhiger, ihr Aussehen frischer und 
munterer. Wurde, wie das in einem Falle beobachtet worden, 
die Behandlung ausgesetzt, dann traten allerdings die früheren 
Krankheitssymptome wieder auf, um bei erneuter Verabreichung 
frischer Kalbsmilch bald wieder zu verschwinden. 

Die Anfälle von Stimmritzenkrampf nahmen an Zahl und 
Intensität ab, um nach Wochen, oft auch schon früher, völlig 
aufzuhören. 

Als besonders instruktiv ist ein Fall zu betrachten, der vor¬ 
her schon der von Kassowitz und H e n n i g so warm em¬ 
pfohlenen Phosphortherapie absolut erfolglos unterzogen worden 
war und bei dem sich der Spasmus schon seit Monaten täglich 
wiederholte und sehr häufig zu lebensgefährlichen allgemeinen 
Konvulsionen Veranlassung gab. Schon nach mehrtägiger Ver¬ 
wendung von Kalbsmilch in der oben bezeichneten Form hörten 
die Anfälle für immer auf und eine 3 Monate konsequent durch¬ 
geführte Verabreichung brachte auch alle übrigen rachitischen 
Symptome allmählich zum Schwinden. 

Am handgreiflichsten und für unsere Theorie desswegen be¬ 
sonders beweiskräftig ist die Einwirkung dieser Behandlung auf 
den Milztumor. Nach zwei bis drei Wochen war eine deutliche 
Abnahme des Milzumfangs zu konstatiren und bei Fortsetzung 
der Kur gingen selbst Anschwellungen, welche den Rippenrand 
um 3-—4 cm überragten, allmählich zur Norm zurück. Auf¬ 
fallend war dabei die gleichzeitige beträchtliche Abnahme der 
bei Rachitischen so häufig sich vorfindenden, tympanitisehen Auf¬ 
treibung des Abdomens. Als in einem Falle wegen Stomatitis 
aphthosa die Behandlung ca. 14 Tage nicht durchgeführt werden 
konnte, begann auch die Milz wieder zu ihrer früheren Grösse 
anzuschwellen. 

Wie bei den Heilungsvorgängen der Rachitis überhaupt das 
Nachlassen der Hyperidrosis und der nervösen Erscheinungen so¬ 
wie die Abschwellung der Milz stets als Zeichen des Stillstandes 
der Krankheit und der beginnenden Besserung anzusehen sind. 


so begannen auch mit dem Schwinden dieser Symptome in 
unseren Fällen die rachitischen Knochenveränderungen sich all¬ 
mählich zurückzubilden; die Dentition wurde beschleunigt be¬ 
sonders auffallend in den beginnenden Fällen, die Fontanellen 
wurden kleiner, die Kinder begannen sich auf die Füsse zu 
stellen, kurz Alles deutete darauf hin, dass auch das Knochen¬ 
gerüst sich dem Heilungsvorgange angeschlossen. 

Allerdings bedarf es einer mehrere Monate fortgesetzten 
Thymusfütterung, um dieses Resultat zu erzielen, jedoch bei 
eingetretenem Stillstand der Krankheit und beginnender Besse¬ 
rung genügt es schon, die oben bezeichnete Dosis 2 mal wöchent¬ 
lich zu verabreichen. 

Die Heilwirkung unserer Behandlungsmethode ist auf 
folgende Weise zu erklären: Die Substitution der inneren Se¬ 
kretion der Thymusdrüse beseitigt zunächst die rachitischen 
Symptome und hebt dadurch die Gesammtkonstitution; die 
Besserung dieser aber hat, wie uns die Physiologie der Thymus 
lehrt, eine allmähliche Restitution der Drüse und damit eine 
endgiltige Heilung der Rachitis zur Folge. Daraus ergibt sich 
von selbst, dass unsere Medikation erfolglos bleiben muss, wenn 
spezifische Erkrankungen der Thymusdrüse (kongenitale Syphilis, 
Tuberkulose) die L T rsache der Rachitis bilden. 


Ueber Morbus Addisonii. 

Von Dr. J. Bruno in Heidelberg. j 

Seitdem im Jahre 1855 zum ersten Male Addison das 
nach ihm benannte Krankheitsbild einheitlich beschrieben hat. 
ist die Literatur über die Erkrankung der Nebennieren in ausser¬ 
ordentlichem Maasse gewachsen. Während aber die klinischen 
Erfahrungen über diese höchst eigenartige Krankheit im Wesent¬ 
lichen die A d d i s o n’sche Veröffentlichung bestätigten und der¬ 
selben ihren Platz als Krankheitsprozess sui generis sicherten — 
hat es einer langen Reihe von Jahren bedurft, um über das 
Wesen dieser Krankheit, über die Pathogenese eine nur einiger- 
maassen anschauliche Vorstellung zu gewinnen. Und noch heute 
sind unsere Kenntnisse über das Zustandekommen dieser Affek¬ 
tion lückenhaft und basiren zum Theil auf Hypothese. 

Dies hat seine Ursache darin, dass wir bis zu Addison 
so gut wie nichts über die normale Funktion der Nebennieren 
überhaupt wussten. Erst die Pathologie hat den zahlreichen 
Forschern und Experimentatoren den Weg gewiesen, zur Er¬ 
gründung der physiologischen Wirkungen dieses wichtigen Or¬ 
gans. — Das erste Ergebniss der experimentellen Forschung über 
die Funktion der Nebennieren, wie dasselbe durch die Unter¬ 
suchungen von Brown-Sequard, Gratiolet und Ph i li¬ 
po a u x, Nothnagel, Abelous und Langlois u. A. 
geliefert worden ist, lässt sich in dem Satz ausdrücken: „Die 
Nebennieren sind absolut lebenswichtige Organe.“ 

Die zweite Frage nach der Funktion dieser Organe suchte 
man zu beantworten, indem man die Ausfallserscheinungen stu- 
dirte, welche sich nach Exstirpation der Nebennieren ergaben. 
Solche Ausfallserscheinungen waren an den Versuchstieren: 
Abmagerung, Reiz- und Lähmungserscheinungen von Seiten des 
Zentralnervensystems, Störungen des Appetits, Durchfälle, Sinken 
des Blutdrucks. 

Im Blut entnebennierter Thiere wurden von Brown- 
Sequard und später von Abelous und Langlois giftige 
Wirkungen festgestellt. Marino Z u c c o und S u p p i n a ver¬ 
glichen diese Giftwirkung mit der des Curare, welches lähmend 
auf die motorischen Nervenendigungen wirkt. Nach Abelous 
und Langlois bestände die Funktion der normalen Neben¬ 
nieren darin, die im Blute angesammelten und kreisenden gif¬ 
tigen Stoffe zu neutralisiren und zwar wären diejenigen giftigen 
Stoffe, welche die normalen Nieren zu entgiften haben, die bei 
der Muskelthätigkeit gebildeten Ermüdungsstoffe. 

Ein weiterer Weg zur Ergründung der Funktion der Neben¬ 
nieren war die Untersuchung der Wirkung von Nebennieren¬ 
extrakten. Hierbei ergab sich übereinstimmend als wesentliches 
Resultat: starke Blutdrucksteigerung und Verstärkung der Herz¬ 
aktion. Cybulski und Szymonowicz sehen nach ihren 
Untersuchungen die Aufgabe der Nebennieren darin, eine Sub¬ 
stanz zu bilden, welche konstant die vasomotorischen Zentren, 
die Zontra der Vagi und Accelerantes, sowie der Athmung an¬ 
regt und gleichsam in einem Zustand permanenter tonischer Er¬ 
regung erhält. Der Angriffspunkt der blutdrucksteigernden Wir- 


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•fiiiium* li»2. 


' M UKKCll KN Eit M EDICTNlSCilE WOCTlENSCIIRI FT. 


137 


kung der Nobciniieronextrnlitc ist nach den Untersuchungen von 
Oliver, Schäfer, (io tt lieh, Bieill in den peripheren 
Apparaten zu suchen. 

\ on dom weiteren Vorsuoli, der Wirkung der Nebennieren 
auf physiologisch - chemischem Wege beizukonunen, d. h. die 
chemisch wirksame Substanz zu finden, seien hier noch kurz er¬ 
wähnt die Untersuchungen von Mühl m a n n, welcher Brenz¬ 
katechin in der Nebennierensubstanz naehwies und dieser che¬ 
mischen Substanz eine wichtige Rolle beim Zustandekommen 
«h r Addis o n'sehen Krankheit zumisst, was übrigens II u i s - 
ma 11 s in einer neueren Arbeit (Münch, med. Wochensehr. 1900, 
No, 13) zu widerlegen sucht, ferner der Nachweis von Neurin, 
Lecithin und Sphygmogenin (Zucco, Alexander, 
F r ä n k e 1). 

Trotzdem sind die Akten über die Physiologie der Neben¬ 
nieren noch immer nicht geschlossen. Dessgleiehen haben die 
anatomischen und histologischen Untersuchungen über die 
Nebennieren selbst und deren Beziehungen zum sympathischen 
Nervensystem (Iv öl liker, Biedl u. A.), sowie die patho¬ 
logisch-anatomischen Befunde (Brauer, Neusser, Karg 
u. A.) bei der A d d i s o n’schen Krankheit selbst völlige Klarheit 
über die Pathogenese dieser Erkrankung noch nicht ergeben. Die 
Summe der bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiet, soweit 
sie durch die exakte wissenschaftliche Forschung geliefert sind, 
fasst Neusser in seiner Monographie über die Erkrankung 
der Nebennieren zusammen in den folgenden Schlusssätzen: 

„Die Nebenniere ist eine Drüse mit innerer Sekretion und 
hat die Aufgabe, toxische Stoffwechselprodukte anderer Organe 
zu entgiften und eine vor Allem für die Ernährung und Er¬ 
haltung des normalen Tonus des sympathischen Systems unent¬ 
behrliche Substanz synthetisch darzustellen. 

Der Addison’sche Symptomenkomplex ist in jedem Fall 
It-dingL durch Schädigung und terminalen gänzlichen Ausfall 
dieser Funktion der Nebennieren, sei es, dass dieselben selbst 
anatomisch erkrankt oder durch eine Erkrankung der ihre Funk¬ 
tion beherrschenden Leitungsbahn, welche vom Rückenmark durch 
die Splanchnici und das Ganglion eoeliacum geht, in ihrer ent¬ 
giftenden und sekretorischen Thütigkeit gehemmt und schliess¬ 
lich gelähmt werden. Auf diese Weise entsteht einerseits eine 
nutritive uud funktionelle Schädigung des sympathischen 
Systems, andererseits eine allgemeine Autointoxikation. Ausser 
diesen beiden Hauptmomenten hat in vielen Fällen noch eine 
lokale Schädignng des Bauchsympathikus durch Uebergreifen 
des pathologischen Prozesses auf denselben einen Antlieil an dem 
Zustandekommen einzelner A d d i s o n’scher Symptome. 

Die Pigmentirung der Haut und Schleimhäute ist kein in- 
tegrirender Bestandtheil des A d d i s o n’schen Symptomenkom- 
plexes und hat zwar hohe diagnostische, aber keine prinzipielle 
Bedeutung für denselben. Sie ist kein direktes, sondern ein in¬ 
direktes Nebennierensymptom, das nur durch Vermittlung des 
allgemein oder lokal geschädigten Sympathikus entsteht.“ 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen, welche den heu¬ 
tigen Stand der mit der Nebennierenfunktion so eng ver¬ 
knüpften Addisonfrage wiedergeben sollen, sei es mir gestattet, 
die Mittheilung zweier Fälle von A d d i s o n’scher Krankheit 
folgen zu lassen, welche ich im Verlauf der letzten Jahre zu 
beobachten Gelegenheit hatte. 

F a 11 I. O. St.. 39 Jahre, Tapezierer aus Heidelberg, trat am 
17. VII. 1901 in meine Behandlung. Die Anamnese ergab Folgen¬ 
des: Vater an Blutbrechen gestorben. Mutter mit 50 Jahre an Aus¬ 
zehrung. Ein naher Verwandter auch am Blutsturz gestorben. 
Patient hatte 8 Kinder, wovon jetzt noch 4 leben. 1 Kind ist 
schwachsinnig geworden nach Ilimliautenziindung. Von den ge¬ 
storbenen Kindern ist eines an Gehirntuberkulose gestorben, eines 
an Zehrung (Pädatrophle). eines an Scharlachsepsls, eines an 
..Hirngichtern“. 

In seiner Jugend hatte Patient schweren Scharlach mit Nieren¬ 
entzündung zu überstellen. Später soll er zwar nie mehr ernstlich 
krank gewesen sein, jedoch immer sehr schwächlich, soll nie 
ordentlich haben essen können und sehr nervös gewesen sein. 

Im Oktober 1900 begann Patient sich krank zu fühlen. Er 
klagte über allmählich zunehmende Mattigkeit. Müdigkeit und 
Schaffensunlust. Er wurde reizbar, nervöser und aufgeregter wie 
früher, ass sehr schlecht. Im Winter 1900/1901 stellte sich dann 
starker Ilusteu ein. der lange nubielt, er hatte öfters Fieber. Im 
Frühjahr 1901 klagte er sehr viel üiier „rheumatische“ Sehmerzen 
in den Beinen, ferner neuralgifonne Schmerzen in Lenden und 
Kreuz. Zu derselben Zeit stellten sich langdauernde Diarrhöen 
eia. seit 2 Monaten Erbrechen, Anfangs nur Morgens, nur „Herz- 
»\nss« r‘\ später auch am Tage, was der Pat. zu sich nahm. Dabei 

No 4 . 


magerte er sehr stark ab. schwitzte Nachts viel, klagte über Haut¬ 
jucken. ln letzter Zeit folgte auf die Diarrlmc hartnäckige Ver¬ 
stopfung. einige .Male weisser Stuhl. Am IG. VII. Abgang eines 
Kothsteins. Heftige Selinierzen im Bauch bestanden seit .Monaten. 
Seit Beginn des Frühjahrs ist ganz allmählich eine Braunfärbung 
seines Gesichtes und seiner Hände auf getreten, was von seinen An¬ 
gehörigen auf die lange Krankheit bezogen wurde, ohne dass man 
der Sache weitere Bedeutung beilegte. In letzter Zeit hat siel» 
eine starke psychische Veränderung beim Patienten eingestellt. 
Er ist oft ganz verwirrt und durcheinander, pliantasirt, verweigert 
die Nahrung. Bei der Untersuchung ist er jedoch geordnet uud 
gut orientirt. Urin in letzter Zeit sehr spärlich und dunkel. 

Status p r ä s e n s am 17. VII. 1901. Acusserst abgemager¬ 
ter kleiner Mann mit dürftiger Muskulatur und völlig geschwun¬ 
denem Fettpolster. Aus dem Munde deutlicher Obstgeruch. Tem¬ 
peratur 37,2. Puls fadenförmig klein, leicht imterdrückbar, 72 in 
der Minute. Auf den ersten Blick auffallend bei dem Patienten 
ist die absolute Bronzefärbung des kacliektischen Gesichtes. Die 
Verfärbung desselben ist diffus, jedoch sind auf dem braunen 
Grunde zirkumskripte kleinere, Stecknadelkopf- bis linsengrosse 
dunklere, mehr schwärzliche Pigmcntimngen zu unterscheiden. 
Die Konjunktiven und Skleren sind völlig frei. Die Schleimhaut 
der Lippen ist von dunkeln Streifen und Flecken durchsetzt uud 
hat ein chokoladefarbenes Aussehen. An der Wangeuschleiiuhaut 
beiderseits, ebenso wie am weichen Gaumen typische zirkum¬ 
skripte, braune Pigmentablagenmgen. Die Haut des Rumpfes au 
Brust und Rücken ist vorwiegend weiss. Die Axiilarfalten sind 
nicht, die Warzenhöfe schwach pigmentirt. Vereinzelt finden sich 
kleine Flecken am Rumpf zerstreut. Dagegen sind die Streckseiten 
beider Hände diffus braun, wie das Gesicht; die Handteller und 
Nägel dagegen weiss. Die Schnuigegend ist dunkel pigmentirt, 
Penis und Skrotum fast diffus schwarz, auf der Glans penis und 
dem Präputium Stecknadelkopf- bis linsengrosse, zirkumskripte 
Pigmentflecke. Die Steissgegend ist ziemlich weiss. dagegen sind 
beide Sitzhöcker symmetrisch schwnrzbrnun verfärbt. An den 
unteren Extremitäten, sowohl an den Streck- wie Beugeseiten 
lässt sich starke Spreukelung mit grösseren und kleineren braunen 
Flecken nacliweisen. 


Die Brust ist sehr flach. Die SehHisselbeingruben sind tief 
eingesunken. Die Thoraxiuuskulatur ist sehr atrophisch, die Ath- 
mung sehr oberflächlich, jedoch nicht dyspnoiseh. Die Perkussion 
ergibt Tiefstand beider Lungenspitzen und verkürzten Schall über 
diesen, sonst keine Abnormität. Auskultatorisch lässt sich auf 
beiden Lungen verschärftes Iiispiriiun beiderseits und ziemlich 
lautes Exspirium ohne direkt bronchialen Charakter nackweisen. 
Keine katarrhalischen Geräusche. Herztöne leise und rein, die 
Ilerzgrenzen normal. 

Der Leib ist stark eingesunken, etwas kahnförmig. Leber und 
Milz zeigen normale Grenzen. Die Palpation des ganzen Abdomens 
ist etwas schmerzhaft, liefert jedoch keinen besonderen Befund. 
Der Urin ist dunkel, hochgestellt, enthält weder Ei weiss noch 
Zucker. Die G e r h a r d fsche Eisenchloridprobe auf Acelessig- 
säure ist positiv, die Le ga l’selie Probe auf Aceton ist zweifelhaft! 
Das Erbrochene ist schleimig-gallig, der Stuhl angehalten. Aus¬ 
wurf ist nicht vorhanden. 

Diagnose: Morbus Addisoni. Chronische Lungentulierkii- 

lose. 

Therapie: Gegen das Erbrechen Diät: Eismilclikakno. 
Innerlich Morphin 0,015. Einlauf. 

Verlauf. 18. VII. 1901 Morgens. Das Erbrochen hat seit 
gestern Al>end aufgehört. Es besteht jedoch hochgradige 
Schwäche. Der Puls Ist sehr klein. Der Kranke schläft viel und 
pliantasirt. Völliger Appetitmangel. Klage über grosse Uebelkcit. 
Starker Obstgeruch. 

Abends: Temperatur 37". Hat wieder 2 mal erbrochen. 

19. VII. Nacht war sehr unruhig, hat viel im Schlafe ge¬ 
sprochen. Klagt über grossen Schwindel, bricht wieder mehr. 
Champagner. Vinum Condurango. Morphin subkutan. 

Abends: Normale Temperatur. 

20. VII. Klagt über Soliluckbeschwerden. Tonsillen und 
Gaumenbögen zeigen Soorbelag. Gurgelwasser. Bricht mehrmals. 
Temperatur normal. Puls fadenförmig, irregulär. 

Abends: Somnolenz; der Kranke liegt mit weitgeöffnetem 
Munde. Iteagirt auf Anrufen. Sprache stark erschwert. Nimmt 
etwas Milch. Bricht aber bald wieder. Lässt Stuhl und VJriji 
uifl er sich gehen. 

23. VII. Hat Nachts 5 mal erbrochen. Sensor!um Ist klar. 
Exitus um 7 1 /, Uhr Morgens. 

Der Auszug aus dem Sektionsprotokoll (Pathologisches In¬ 
stitut) ergibt: 

Brouzcfarbe in Gesicht, Händen. Genitalien. Sitzknorren- 
gegend. Schleimhaut des Mundes. Lungen: Pleuritlsche Ad¬ 
häsionen, namentlich der linken Lungenspitze. Zahlreiche Durch¬ 
setzung mit Knötchen, danelten besonders «leutlieh narbige Schrum¬ 
pfung. Schwielcuhildung. oberflächliche Lappung und Furchung. 
Oberlappen stärker, Untorlappen geringer erkrankt. Milz wenig 
geschwollen, mit einigen Kaps«*lverdickungen. Hämochromatose 
des Darms. Beide Nebennieren vergrössert. vollständig 
in Kiis«*uiasseu und fibröses Gewebe verwandelt, offenbar von 
eigentlicher Drüsensubstanz nichts übrig. Nieren ohne Befiuui. 
Leber normal gross, überall von stecknadelkopfgrossen, bläulieh 
schwärzlichen Flecken ln Abständen von \/. cm und weniger «lun-li 
setzt. Ga Ilona ppa rat ohne Befund. Kein Ikterus. Gehirn. Vaui 
und Sympathie! ohne Befund. Beekonorgnn«* normal. 


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e 




MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


138 


Anatomische Diagnose: Morbus Addisoni. Tuber¬ 
kulose beider Nebennieren. Chronische indurative Tuberkulose 
beider Lungen, besonders der Spitzen. Pleuritis adliaesiva beider¬ 
seits, Myodegeneratio eordis. Leberflecke. 

Mikroskopische Diagnose: Tuberkulose der Neben¬ 
nieren. In der Haut deutlich Pigment, ln der Leber centro- 
aciniires Pigment (ohne Eisenreaktion!». In dem Plexus sacral. 
keine Degeneration. 

Die vorstehende Krankengeschichte schildert einen in jeder 
Beziehung, klinisch wie anatomich, typischen Fall von Morbus 
Addisonii. Die Krankheit tritt auf bei einem tuberkulös be¬ 
lasteten Manne im mittleren Lebensalter unter allmählichem 
Beginn mit allgemeiner Adynamie und Asthenie, rheumatischen 
und neuralgiformen Schmerzen in Kreuz- und Lendengegend und 
Husten. Später stellen sich schwere gastrointestinale Störungen 
ein, welche auch die Ursache des verhältnissmässig frühen Todes 
werden. Zugleich mit der zunehmenden Kachexie des Kranken 
tritt ausgedehnte Melanodermie und Bronzefärbung auf. Der 
Kranke geht an unstillbarem Erbrechen unter terminalen De¬ 
lirien zu Grunde. Die Sektion bestätigt das Bestehen einer 
beiderseitigen Nebennierentuberkulose. Bemerkenswerth ist 
vielleicht der anatomische Befund an der Leber, nämlich Durch¬ 
setzung derselben mit Pigmentablagerungen, welche sich im 
Zentrum der Aeini befinden und keine Eisenreaktion geben. 

Am Vagus, Sympathikus und Plexus sacralis liess sich kein 
pathologischer Befund erheben. 

Fall II. J. U., 25 Jahre, Bierbrauer aus Neuenburg, wurde 
am IS. März 181)8 in die Krankenstation des Männerarmenhauses 
auf genommen. 

Die Anamnese ergab Folgendes: Die Mutter des Patienten 
ist an Uteruskarzinom gestorben, der Vater und 5 Geschwister 
leben und sind gesund, Lungen- und Nervenleiden sollen nicht in 
der Familie sein. Die Geschwister des Patienten sollen ebenso 
wie er brünett sein, jetloch vollkommen weisse Haut haben. 

Der Patient selbst ist angeblich bis zu seinem 20. Lebensjahr 
völlig gesund gewesen. Damals erkrankte er mit Mattigkeit, er 
magerte ab, war verstimmt und psychisch verändert. Gleichzeitig 
bekam er Schmerzen im Leib, auf der rechten Seite, welche immer 
gleiehmüssig gewesen sein sollen, nie sehr heftig waren, sondern 
nur das Gefühl erzeugten, als sei da etwas darin, was früher nicht 
vorhanden war. Bis vor 4—5 Jahren will er vollkommen weisse 
Haut gehabt haben; damals begann ganz allmählich eine dunklere 
Verfärbung der Haut sich einzustellen, die sich dann bis zu der 
augenblicklichen Stärke entwickelt hat Begonnen hat die bronze- 
artige Verfärbung am ltumpf, in der Hüftgegend, unter den Armen, 
in der Schenkel beuge. 

Seit einigen Jahren leidet er an Husten, Auswurf und Nacht¬ 
seh weisseu. Im Februar 1897 hatte er zum ersten Male eine 
Hämoptoe und wurde dosshalb 4 Wochen im Neuenburger Spital 
behandelt. Nach kurzer Zeit, angeblich nach einem heissen Trunk, 
Wiederauftreten der Lungenblutung (5—4 Spuckgliiserlg Wegen 
der gleichen Beschwerden in Innsbruck im Krankenhaus (Oktober 
1897), in Würzburg (17 Tage). Vom 3. März bis 18. März 1898 
brauchte er wegen grosser Mattigkeit zu der Fussreise von Würz¬ 
burg nach hier, konnte täglich nur 2 Stunden gehen. 

Bei der Aufnahme klagte er über starken Husten, Auswurf, 
hochgradige Ermattung, Schüttelfröste, Naehtschweisse, Durch¬ 
fülle, Schlaflosigkeit und spontane Schmerzen im Leib. Seit 
ly 2 Jahr Erlöschen der Potenz. 

Status praesens: Stark heruntergekommener Patient im 
Zustand hochgradigster Erschöpfung. Starke Dyspnoe, kleiner 
frequenter Puls 108. Temperatur 37,5 °. Haut stark schwitzend, 
feucht. 

Auffallend ist die diffuse Bronzefarbe der Gesichtshaut. Auf 
dom braunen Untergründe noch umschriebene dunklere Flecke. 
Skleren ebenfalls braun, medial und lateral von der Kornea pig- 
mentirt. Die Lippeuschleimhäute zeigen braune Einlagerungen, die 
Wangeuschleimhaut ist entsprechend den Kanten der Molarzähne 
deutlich pigmentirt. 

Die Uuterkieferhalsfalte, der Nacken sind dem Ansatz des 
Hemdes entsprechend stärker gebräunt Auf der Brust dunkel- 
sehwarzbrauue Höfe um die Warzen und kleinere und grössere 
Flecken. Die Impfnarben am linken Arm zeigen starke Pigment- 
anhüufungen; die Innenflächen der Hände und Füsse, die Nagel¬ 
betten sind völlig pigmeutfrei, während die Streckseiteu der Hilude 
und Füsse diffus bronzefarben gebräunt sind. In besonders starker 
Weise lässt die Bronzefärbung sich erkennen in der ganzen Becken¬ 
gegend, am Mons veneris, der Hüfte, Lende — entsprechend dem 
Kleideransatz; Pigmentflecke finden sich am Penis, dem Prä¬ 
putium, dem Sulcus corouarius, an den Analfalten. 

Nirgends lassen sich Drüsenschwellungen nachweisen. Die 
Untersuchung der Brustorgane ergibt; Starke Dyspnoe. Ange¬ 
strengtes Inspirium. Verlängertes Exspirium. Starkes Nach¬ 
schleppen rechts. Der Perkussiousschall ergibt vorn rechts eine 
bis zum II. Interkostalraum reichende Dämpfung. Ueber der¬ 
selben ist das Inspirium stark verschärft, exspiratoriseh. Bron- 
chialathmen. feuchte, mittelblasige Rhonehi. Am Sternalansatz 
der ersten Rippe findet sich lautes amphorisches Athmon und 
Kavernenrasseln. Die untere Lungeugreuze steht vorn an nor¬ 
maler Stelle. Auf der linken Lunge sind vorn vereinzelte Rhonehi 


No. 4. 

nachweisbar. Hinten rechts reicht, die Dämpfung bis Mitu- 
Scapulae. Lautes Bronchlalathmen. Verstärkter Stimmfremitus. 
Kavernenrasseln. In den abhängigen Theileu mehr trockener felu- 
blasiger Katarrh. Links hinten diffuses Rasseln ohne Dämpfung. 

Das Herz ist etwas überlagert, die Herztöne sind leise und 
rein. Die Leber und Milz sind nicht vergrössert. Der I^eib ist 
etwas eingesunken, der Schall überall etwas leer. Im rechten 
Ilypoehondrium bis zur Mitte des Leibes ist eine sehr druck¬ 
empfindliche und schmerzhafte umschriebene Resistenz, welche bei 
tiefer Athmung leicht verschieblich ist (rechter Ren?). Auch im 
linken Ilypoehondrium ist eine umschriebene schmerzhafte Partie. 

Der Stuhl ist diarrhoisch. Der Urin dunkel, ohne Eiwelss und 
Zucker. Im Sputum sind reichlich Tuberkelbazillen nachweisbar. 

Blutbefund: 4 592 000 rothe Blutkörperchen, 7000 weisse Blut¬ 
körperchen. 

Starke Sekretion eines gelblichen Schweisses. 

Am Nervensystem keine nachweisbaren Veränderungen. 

1) i a, g n o s e: Lungentuberkulose. Nebennierentuberkulose 
(Morbus Addisoui). 

Therapie: Allgemein roborirend. Hygienisch-diätetisch. 

Aus dem Krank hei ts verlauf sei kurz mitgetheilt, dass der 
schwere Allgemeinzustand, den der Kranke bei der Aufnahme 
bot, sich unter einer allgemeinen, auf die Bekämpfung der phtbisi 
scheu Symptome gerichteten Behandlung verhältnissmässig schnell 
besserte. Das Fieber liess uaeli, die gastrointestinalen Störungen 
verschwanden allmählich; es bestanden nur noch grosse Schwäche 
und profuse Schwelsse. Die Ernährung hob sich langsam unter 
geeigneter Pflege und medikamentöser Darreichung von Kreosot 
mit Leberthran. Vom 8.—10. April und 27—30. April hatte Pa¬ 
tient noch 2 schwere Attacken zu bestehen, die mit Schüttelfrösten, 
hohem intermiltirendem Fieber und völliger Störung des Allge¬ 
meinbefindens. Durchfällen einhergingen. Er erholte sich aber 
schnell, nahm stetig an Körpergewicht zu. Bis zum 5. Juli hatte 
er 15 Pfund zugenommen. Im unmittelbaren Anschluss au den 
letzten Fieberanfall, hatte Patient eine sehr charakteristische 
Hypothermie, nähmlich vom 1.—12. Mai andauernd Temperaturen 
zwischen 35—30" C. 

In den letzten Wochen seines Krankenhausaufenthaltes klagte 
er wieder viel über spontane Schmerzen ln der rechten Bauchseite. 
Die zum Zweck der Abgrenzung der umschriebenen Resistenz in 
tiefer Narkose vorgenommene Untersuchung hatte kein besseres 
Resultat, als die Palpation, da dabei völlig die respiratorische Ver¬ 
schieblichkeit des Tumors (?) fehlte. 

Interessant war noch die 4—0 Wochen nach einer Venaesektion 
aufgetretene Pigmeutlrung der entstandenen Schnittnarbe. 

Patient wurde Ende Juli auf seinen Wunsch gebessert ent¬ 
lassen. 

In diesem 2. Fall handelt cs sich um einen mehr chronisch 
verlaufenden, ebenfalls typischen Fall von A d d i s o n’scher 
Krankheit. Derselbe ist charakterisirt durch allmählich im 
Laufe von 4—5 Jahren auftretende Melanodermie an charak¬ 
teristischen Stellen bei einem erblich nicht belasteten, seit 
2 Jahren lungentuberkulösen Individuum. Gleichzeitig bestehen 
hochgradige Adynamie und die bezeichnenden gastrointestinalen 
Störungen. Bemerkenswerth ist im klinischen Bilde dieses Falles 
die umschriebene, sehr schmerzhafte Resistenz im rechten und 
linken Hypochondrium. Im chronischen Verlauf dieser Er¬ 
krankung schwere Fieberattacken mit nachfolgender, sehr charak¬ 
teristischer, andauernder Hypothermie zwischen 35—36° C. 

Leider verlor ich den Patienten, der noch wiederholt über 
sein Befinden berichtete, seit einiger Zeit aus den Augen. 

Neusser hat in seiner schon mehrfach zitirten Mono¬ 
graphie über die Erkrankung der Nebennieren auf eine neue 
diagnostische Möglichkeit bei Morbus Addisonii hingewiesen. 
Thierexperimente von Brown-Sequard und Abelous 
und L a n g 1 o i s haben, wie schon Eingangs erwähnt, nachge¬ 
wiesen, dass das Blut nebennierenberaubter Thiere giftig ist, 
indem es bei normalen Fröschen ähnliche Erscheinungen hervor¬ 
ruft wie Kurare und bei entnebennierten Fröschen den Tod be¬ 
schleunigt. Neusser wirft nun die Frage auf, ob nicht auch 
das Blut nebennierenkranker Menschen derartige Giftwirkungen 
aufweise, ob wir nicht in diesen toxischen Eigenschaften des 
Addisonblutes ein empfindliches diagnostisches Reagens besitzen 
können. 

Ich versuchte diese N e u s s e r’sche Anregung zu benutzen, 
indem ich das Blut des zweiten Addisonkranken bezüglich seiner 
Giftwirkung auf Frösche untersuchte. Die Versuche wurden 
im hiesigen pharmakologischen Institut angestellt. Dabei musste 
ich auf die ursprünglich A b e 1 o u s’schen und L a n g 1 o i s’schen 
Versuche zurückgreifen. Diese Forscher hatten gefunden, dass 
sowohl bei Fröschen als bei Hunden die Entfernung einer Neben¬ 
niere keine wesentliche Folge hatte. Entfernung einer Neben¬ 
niere und eines Theils der anderen führt zumeist zum Tode. 
Wurden aber grössere Nebennierenreste zurückgelassen, so trat 
der Tod, wenn überhaupt, erst nach längerer Zeit ein. Totale 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


130 


Entfernung überlebten Sommerfrösche höchstens 48 Stunden, 
Winterfrösche bis zu 14 Tagen. Meerschweinchen und Hunde 
gingen alle innerhalb weniger Stunden zu Grunde. Implantirte 
man vor doppelseitiger Exstirpation den Thieren ein Stück 
Nebenniere, so ertrugen sie die Operation. Entfernte man das 
implantirte Stück, so gingen sie zu Grunde. Injektion von Neben- 
nierenextrakten vermochte das Leben der operirten Thiere zu ver¬ 
längern. Brown-Sequard konnte bei entnebennierten 
Thieren günstige Beeinflussung durch Transfusion normalen 
Blutes erzielen. 

Meine eigenen Versuche stellte ich nur an männlichen 
Sommerfröschen an. Ich verfuhr dabei nach der von A b e 1 o u s 
und L a n g 1 o i s angegebenen Operationsmethode. 

Einseitig operirte Thiere überlebten die Operation. Die 
doppelseitig operirten Thiere starben sämmtlich nach einem Zeit¬ 
raum von 16—72 Stunden (1—3 Tage). Kontrolfrösche, welche 
einfach laparotomirt wurden, überlebten den Eingriff völlig gut. 
In einer zweiten Versuchsreihe erhielten doppelseitig operirte 
Frösche 20 Stunden nach der Operation 1—2 Spritzen (1—2 ccm) 
Addisonblutserum in die Vena centralis gespritzt. Dieselben 
starben zwischen 1—24 Stunden nach der Injektion. In einer 
dritten Versuchsreihe erhielten doppelseitig operirte Frösche 
1—2 Spritzen Addisonserum in den dorsalen Lymphsack injizirt. 
Sie starben etwa in der gleichen Zeit wie die Kontrolthiere, 
denen nur beide Nebennieren entfernt waren, also nach 24 bis 
48 Stunden. Eine vierte Versuchsreihe schliesslich enthielt 
doppelseitig entnebennierte Thiere, welche 24 Stunden nach der 
Operation 1—4 ccm normales Blutserum in den dorsalen Lymph¬ 
sack empfangen hatten. Dieselben starben zwischen 36 und 
60 Stunden (also ungefähr im gleichen Zeitraum wie Kontrol- 
frösche, denen man beide Nebennieren entfernt hatte). 

Die Vergleichung dieser Resultate ergibt keine wesentliche 
Differenz zwischen der Toxizität des Blutes meines Addison- 
kranken und der normalen Blutserums für entnebennierte 
Frösche. Allerdings gehörte der beschriebene Fall II zu den 
prognostisch günstigeren chronischen Fällen, wo eine sehr starke 
toxische Wirkung nicht so sicher zu erwarten war, da ja auch sonst 
der Patient Zeichen schwerer Autointoxikation hätte darbieten 
müssen. In dieser Beziehung wäre vielleicht Fall I, welcher in 
stürmischer Weise letal verlief, geeigneter zu diesen Versuchen ge¬ 
wesen. Jedoch war das bei der Art des Verlaufs der Erkrankung 
ausgeschlossen. Immerhin dürfte es sich empfehlen, in geeig¬ 
neten Fällen die N e u s s e r’sche Anregung weiter zu prüfen 
und zu verfolgen. 

Iilteraturüber sicht: 

Ncusser: Die Erkrankung der Nebennieren. Nothnagel's 
spez. Pathol. n. Thernp. XVIII. Bd., 3. Theil. 


Aus der k. chirurgischen Klinik zu München 
(Prof. Dr. v. A n g e r e r). 

lieber Angiome und ihren Zusammenhang mit 
Karzinomen. 

Von Dr. G e b e 1 e , Assistent der Klinik. 

Professor Leser berichtet in einem am 23. X. 01 im 
ärztlichen Verein zu Halle gehaltenen Vortrag, der in der Münch, 
rned. Wochenschr. (17. XII. 01) wiedergegeben ist, über ein die 
Krebskrankheit beim Menschen häufig begleitendes, noch wenig 
gekanntes Symptom. Nach dem Autor sind kleine und kleinste 
Angiome der Hautdecke bei Karzinomen sehr häufig und auf 
Grund von Beobachtungen an 50 Karzinomkranken und 300 
anderweitigen Patienten kommt er zu folgenden Schlüssen: 

1. Das Auftreten von Angiomen ist eine gewöhnliche Be¬ 
gleiterscheinung des Karzinoms. 

2. Das Auftreten von Angiomen bei anderen Erkrankungen 
wird nur selten beobachtet. 

3. In Folge dessen muss den im relativ frühen Alter und 
ixi verhältnissmässig grosser Anzahl auf tretenden Angiomen der 
Haut ein diagnostischer Werth bei der Diagnose Karzinom bei- 
f^emessen werden. 

Mein sehr verehrter Chef, Prof. Dr. v. Angerer, veran¬ 
lasst« mich nun, die interessanten Angaben Lese Fs, die auf 
Frühdiagnose und Frühoperation des Karzinoms eine sehr er¬ 
freuliche Perspektive eröffneten, nachzuprüfen. 

Es stand mir ein Material von 21 Karzinomen und 200 an¬ 
deren Erkrankungen zur Verfügung. Alle Kranken wurden ge¬ 


nauest auf die nadelstich- bis linsengrossen, hellrothcn, promi¬ 
nenten, scharf abgegrenzten und auf Druck kaum abblassenden 
Gesehwülstchen untersucht, welche hauptsächlich am Rumpf, 
weniger an den Extremitäten, fast nie an Händen und Füssen 
sich etabliren. 

Von den 21 Karzinomen trafen 10 auf Männer, 11 auf 
Weiber. Hinsichtlich der Lokalisation des Karzinoms handelte 
es sich in unseren Fällen um 1 Oesophagus-, 4 Magen-, 1 Magen- 
Leber-, 3 Rektum-, 1 Prostata-, 1 Penis-, 1 Oberkiefer-, 1 Ton- 
sillar-, 1 ausgedehntes Haut-, 4 Mamma- und 3 Portio- bezw. 
Cervixkarzinomc. Von diesen Fällen war bei 11 die 
Untersuchung auf Angiome positiv, bei 10 
negati v. 

Bei den 200 anderweitig Erkrankten fiel 
die Untersuchung 86 m a 1 positiv und 114 mal 
negativ a u s. 

Was das Alter der mit Angiomen Behafteten betrifft, so 
prävalirte nach unserem Beobaehtungsmaterial das höhere Alter 
nicht vor dem mittleren. Von den 11 Karzinomen, bei denen 
Angiome konstatirt wurden, überschritten 5 die Grenze von 
50 Jahren, 6 blieben hinter dieser zurück. 

Von den 86 Kranken, welche die verschiedensten Krank¬ 
heitsbilder, ausgenommen Tumoren, zeigten und Angiome auf¬ 
wiesen, standen 51 unter 50, 35 über 50 Jahren. 

Uebereinstimmend mit Leser konnte ich aber feststellen, 
dass Angiome beim bejahrteren, über 50 Jahre stehenden Pa¬ 
tienten, gleichviel welche Erkrankung er hat, in grösserer Anzahl 
sich vorfinden wie beim jüngeren. Die höchste Zahl wurde bei 
einem 55 jiihr. Mann mit hochgradiger Kyphoskoliose, Hydrocele 
und Variocele, welcher 48 Gesehwülstchen hatte, nachgewiesen. 

Nach unseren Beobachtungen kann das Auftreten der Angiome 
diagnostisch nicht verwerthet werden. Keinesfalls lässt sich 
daraus ein Symptom für Karzinom konstruiren. Fehlen doch 
nahezu bei der Hälfte der Fälle der Karzinome die Angiome, 
während solche bei einem grossen Prozentsatz von nicht an 
Karzinom Erkrankten wieder zu konstatiron sind. Die kleinen 
Gesehwülstchen scheinen vielmehr eine Gewebsschwäche, die im 
Alter physiologisch ist, zum Ausdruck zu bringen. Sie stellen 
also physiologische Degenerationsprodukte dar, genau so wie die 
im Alter in grosser Zahl sich einstellenden Naevi pigmentosi, 
Xanthome, Lentigines. Papillome, Fibrome etc. Das relativ 
häufige Zusammentreffen der Angiome mit einer Alterserkrank¬ 
ung wie dem Karzinom ist somit verständlich und wird die Ent¬ 
wicklung derselben dadurch höchstens gefördert, nicht aber ver¬ 
anlasst ! Dafür, dass die Angiome als äusseres Zeichen von 
Gewebsrückbildung aufzufassen sind, spricht auch die Er¬ 
scheinung, dass man bei anderen Geschwülsten als beim Karzinom 
den Angiomen gleichfalls begegnet. Ich hatte Gelegenheit, 
5 Sarkome (2 Mamma, 1 Sternum, 1 von der Scheide der Schenkel- 
gefässo ausgehend, 1 Chondrosarkom des R II. Metakarpus), 
weiterhin 6 gutartige Tumoren (1 Lipom am Rücken, 1 Fall 
von Neurofibromen der oberen Extremitäten, 2 Uterusmyome 
und 2 Ovarialkystome) daraufhin zu kontroliren. Bis auf 
1 Sarkom fanden sich in sämmtlichen Fällen Angiome. Bei dem 
einen Sarkom fielen aber zahlreiche Naevi pigmentosi auf. 

Mit der Annahme von Gewebsschwäche harmonirt schliess¬ 
lich die Thatsache, dass gesunde Leute, welche blond sind und 
hellen Teint zeigen, ohne Altersunterschied sehr häufig Angiome 
und andere Hautveränderungen zeigen. Verfasser selbst, der 
blond ist und im 29. Lebensjahr steht, weist an seinem Körper 
5 Angiome und 41 Naevi pigmentosi auf, erfreut sich dabei aber 
des besten Wohlbefindens. 

Lehrreich für die richtige Beurtheilung der Angiome ist fol¬ 
gender Fall, der am 3. XII. 01 in unserer Klinik zuging: 

H. Fl., Oekonom, C>8 Jahre. Pat. leidet seit 33 Jahren an 
Heruia cruralis beiderseits. Radikaloperation am 9. XII. Die 
abnorm grossen Scheukelbrüche heilen per primam innerhalb 
10 Tage. 21. XII. Tat. klagt über Magenbeschwerden. 22. XII. 
Blut im Stuhl. Kein Erbrechen. Kein Tumor im Eplgnstrlum fühl¬ 
bar. Rektum frei. Keine Hämorrhoiden. Da Patient 37 Angiome 
der Hautdecke zeigt, wird an Magenkarzinom gedacht. Eine Aus¬ 
heberung des Magens und eine Untersuchung des Magensaftes 
erscheint unter den gegebenen Umständen unthunlieh. 23. XII. 
und folgende Tage Blut im Stuhl, so dass Pat. am 29. XII in Folge 
Verblutung trotz Diät, Eis u. s. w. zu Grunde geht. Die Sektion 
ergibt ein markstückgrosses Duodenalgeschwür mit Arrosiou der 
Arteria panereatieo-duodenalls und tödtllche Verblutung. Kein 
Carcinoma ventriculi. Keine Thrombose von Mesenterialgcfässen. 
Operationswuudeu glatt und solid verheilt. 


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MO 


MUENC1IENER MEDTCIN1SCIIE WOCllKXSClIKl LT. 


No. 4. 


1) i e A ii g i o m o sind somit, für Karzino m, w i e 
auohaus diesem Fall so recht ersieh lieh ist, 
keinesfalls b e w e i s <* n d, \v e n n s i e a u c h aus n a h e - 
lieg e n d e n, o h e n e r w ii hnten Gründen relativ 
h ii u f i g e B e g 1 o i t e r s e h e i n u n jr o n des Karzino m s 
sind, und kommen vielfach bei anderen Krau¬ 
le e n. j a seihst, b e i Ges u n d e n v o r. 

A n in e r k u n g. Nachträglich konnte leb lioeli hei 4 weiteren 
Karzinomfiillen (l Magren-, 2 Mamma- und 1 Gesichtskarzinom) 
und einem Lipom der Submnxillarregion Angiome konstatiren. 


Ueber wissenschaftliche Hydrotherapie und „Wasser¬ 
kuren“. 

Von Generalstabsarzt z. D. Dr. v. Vogl. 

(Schluss.) 

Die Bekämpfung der Toximvirkungen und die Erhöhung der 
Widerstandskraft des ergriffenen Organismus ist Alles, was heute 
von der Typhusthorapie verlangt werden kann. 

„D i e Kaltwass e r b e h a n d 1 u n g des Typhus 
gibt, von all e n B ehandlunpsartcn die best e n 
TT e i 1 r e s u 1 i a te“; dieser Satz ist endlich nach hartnäckiger 
Ablehnung zur ungewöhnlich befriedigenden Genugtluiung für 
die-Vertreter dieser Behandlung (Eneyklopiidisehe Jahrbücher, 
vergleiche Jahrgang 1893 mit .Jahrgang 1891 sub „Alxlominal- 
typlius“) durehgedrungen und zwar vor Allem in Folge der Re¬ 
sultate der „B ran d’schcn Behandlung“; gleichwohl hält man 
sich von deren strengen Methode noch immer zurück und lässt sich 
hiebei von mehrfachen Bedenken und Einwänden leiten, deren 
Erwähnung und Erörterung ieli mir gestatte: 

1. „Ein leichter und mittelsehwerer Typhusfall bedarf einer 
so strengen Behandlung nicht.“ Dem ist zu erwidern, dass man 
früher den Verlauf des Typhus in einen solchen mit leichter und 
schwerer Primürnffoktion mit und ohne Sckundäraifektion ge¬ 
schieden, also wohl gewusst hat, dass gerade oft Fälle, die recht 
stürmisch eingesetzt, spontan in eine milde Bahn eingelenkt 
haben und umgekehrt; erstcres muss angestrebt, letzteres ver¬ 
hütet worden; und da ein so umstimmender Einfluss an eine ge¬ 
wisse Energie des Verfahrens gebunden, diese aber wieder nach 
dem Kräftcstnml des Kranken zu bemessen ist, so wird verständ- 
lieh, warum Brand die Stärke seiner Methode bei ihrem mög¬ 
lichst frühen Einsetzen erkannt hat. Der richtigste und noch er¬ 
reichbare Zeitpunkt für ein solches wäre der erste Tag der Fieber- 
Akine. d. h. also genau am Abschluss des meist. 5 tägigen stufen¬ 
förmigen Ansteigens der Temperatur. Gewiss können anfänglich 
schwere Fälle auch spontan in eine günstige Bahn einlenken und 
zur Heilung gelangen, sonst gäbe es ja keine Vis medicatrix 
naturae, aber ebenso gewiss würde eine viel grössere Zahl 
„leichter“ Fälle einen schlimmen Verlauf nehmen ohne Behand¬ 
lung. 

2. „Kriiftigo Männer, wie die Soldaten im 20.—22. Lebens- 
jalire, mögen sieh für solche rigorose Behandlung ganz gut 
eignen, weniger aber Schwächlinge beiderlei Geschlechts und ver¬ 
schiedenen Alters aus bürgerlichen Kreisen“, ist ein weiterer 
Eimvand, der dahin zu beantworten wäre, dass die Erfolge der 
Brau d'sehen Methode gerade in der Zivilbevölkerung des 
Typhusherdes Stettin errungen worden sind, desgleichen in 
Frankreich von Tripier, Bouveret, Vinaj etc. und in Nord¬ 
amerika von Baruch in grossen Zivilspitälern und in der 
Privntpraxis, also an einem gemischten Krankenmaterial; und 
dann ist zu bemerken, dass gerade weniger robuste Individuen 
dii^er Anregung der Ilerzkrnft bedürfen gegenüber einer 2 bis 
3 wöchentlichen Intoxikation. 

3. Ein weiteres Bedenken, welches der B r a n d’schen Me¬ 
thode entgegengehalten wird und ihre Aufnahme in die Praxis 
erschwert, wird in der Anwendungsformel gefunden, die. man 
gerne als Schablone und als unrichtig deshalb bezeichnet, weil 
sie einseitig nach der Temperatur des Kranken gestaltet sei, die 
überdies in einzelnen Krnnklicitsfonnen mit voinngegangener 
Erschöpfung. Entbehrung (Kriogstyphus etc.) gar nicht einmal 
erhöht sei. Die Erfahrung lehrt, dass allerdings sich Temperatur¬ 
erhöhung nicht stets mit Zirkulation»- und Innervationsstörung 
deckt, aber es gehört doch zu den grössten Ausnahmen, dass 
eine Fehris Continua einen solchen leichten Verlauf begleitet, 
und was die oben angeführten fieherlosen, perniziösen Fälle be¬ 
trifft, so wird man solche eben nicht dieser Formel unterwerfen; 


es darf liier keine Wärme entzogen, wohl aber durch flüchtige 
Kältoreize die Zirkulation und die Innervation angerigt wenl n. 

Im grossen Ganzen ist denn auch der Parallelisinu> zwiseh.n 
Temperatur und Pulskurven anerkannt und eigentlich auch nic’a 
lief rennlcnd. Der Temperaturgang ist überdies ganz besonders 
der Feststellung, der Aufzeichnung und der Kontrole zugänglich; 
er gibt in Verbindung mit den übrigen Daten ein Bild von dem 
Stand der toxischen Wirkungen, zeigt die. Effekte der therapeu¬ 
tischen (Wasser-) Anwendung an und bestimmt so das weitere 
Verfahren. 

„Es ist mir nicht zweifelhaft, dass, wenn es etwa vorgezogeti 
würde, sich in der methodischen Behandlung von der jeweiligen 
Pulshäufigkeit oder Beschaffenheit oder der Abstufung der Inner¬ 
vationsstörung, z. B. der Benommenheit, der Betäubung, de- 
Sopors leiten zu lassen, vielleicht das eine oder andere Mal bei 2 
oder 3 stündlicher Aufzeichnung ein Bad ausfallen bezw. gereicht 
würde, dass aber im Ganzen die annähernd gleiche Zahl von 
Bädern sieh ergäbe, wie an der Hand der Temperaturkurve. 

Tn keinem Falle liegt in der Formel „alle 2—3 Stunden eit; 
’i stündliches Bad von 20 bis 15" C„ so oft der Kranke 39.5 l>i- 
39,0" C. in reeto misst“, etwas Bindendes für den Arzt; sic 
sehliesst überdies schon einen grossen Spielraum für die An¬ 
passung an den Kranken und seinen Zustand in sich und kann 
nach ärztlichem Ermessen sofort bei Seite gelegt werden, wie ich 
auch fast täglich in dem einen oder anderen Fall das Baden 
unterbrochen und durch ein allmählich abgekühltes Bad oder eine 
kalte Ganzwicklung (4 mal in der Stunde gewechselt) ersetzt 
habe, wenn das Herz dem Anprall nicht gewachsen oder passiv*- 
Bewegung des Kranken nicht zulässig erschien. 

Die Formel gilt erst nur für die Einleitung der Behandlung 
und dann für die Durchführung l>ei typischem, unkomplizirtem 
Verlauf; richtig vollzogen, ist sie auch geeignet, den Verlauf 
typisch zu erhalten; jede Komplikation aber wird ohnehin von 
der Formel entbinden. 

4. Noch ein Eimvand von autoritativer Seite darf hier nicht 
unerwähnt bleiben; er ist gegen die häufige Widerlxolung der 
Bäder gerichtet, wodurch das ganze Krankheitsbild verändert 
und das hervorgerufen werde, was man bei medikamentös oder 
exspektativ behandelten Typhon oft zu sehen Gelegenheit hätt -: 
das Bild der Febr. nervosa versatilis (Sehnenhüpfen,Flockcnleseni 
an Stelle der Febr. nerv, stupida; und dann soll eine exeessiv- 
Reaktion mit Tennperatursteigerung Folge dieser vielen Bäder 
sein. 

Ich habe an den vielen Hunderten von Typhuskranken nur 
das Gegentheil beobachtet: Beruhigung statt Aufregung und 
Temperaturherabsetzung statt. -Erhöhung und finde mich liierlxi 
in Pehereinstimmung mit allen Aerzten, die sich streng an di«- 
Methode gehalten haben; kein richtig badender Kranker hat 
mussitirende oder agitirende Delirien, und seit Einführung der 
Biiderbeliamllung war es nie mehr nöthig geworden, eine ständig. 
Wache an ein Bett zu stellen, um Flucht oder Sprung eines 
Typlmskranken durch das Fenster zu verhüten, was früher gar 
nicht so selten war und jetzt noch schwer vermeidlich ist und vor¬ 
kommt, wo die Kranken exspektativ behandelt werden, was ja in 
obigem Einwand selbst angedeutet ist. Ebenso war es mir nie 
möglich die hier erwähnte Temperatursteigerung zu beobachten, 
wie sie wohl bei exzessiven Wasserkuren fieberloser Kranker 
neben hochgradiger Erregung als sogen. Krise zu Stande kommen 
kann, nach meiner Erfahrung und Ueberzeugung aber nie bei der 
methodischen Biide.rbchandlung akut Erkrankter. 

Wäre («s so, so wäre es mir nicht entgangen und sicher auch 
von mir nicht verschwiegen worden; ich hätte vielmehr nicht 
gezögert, die Methode Brand als theoretisch ver¬ 
fehlt. und als praktisch schädlich zu erklären und 
anfzugehen. So aber kann ich mir diesen Einwand nur aus einer 
Täuschung erklären, der eine Verständigung gewiss nicht fern¬ 
liegt. Auch Bä urnl er*) sieht den Hauptfaktor der 'Behand¬ 
lung in deren Konsequenz. 

Die Leistung dieser methodischen Behandlung nun kommt 
dadurch zu Stande, dass sie leichte Fülle leicht zu e r - 
halt c n . m i 1.1 e 1 s <• h w e r e n aber einen leicht o n 
u n (1 s e h w e r e n einen mittelschworcn Verlaut 

:1 i „Praktische Erfahrungen über. Kaltwasserbehandlung bet 
lleotyplnis" in der Festschrift gelegentlich dos 70 jährigen Geburts¬ 
tages v. / i e nt s s e tfs. 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


141 


anzuweisen vermag; ob sie abortiv wirken kann, wie 
man seiner Zeit dem Kaloinel zugeschrieben hat, ist kaum zu 
entscheiden; Abkürzung gelingt ihr nicht, sondern nur Milderung 
des Verlaufs *). Auch der Prüfung «liest 1 « Satzes darf zunächst 
der Tempereraturgang unter dem Einflüsse der Behandlung zu 
Cirund gelegt werden: 

Wenn man z. B., so oft bei stündlicher Messung die Tem¬ 
peratur 39,5“ in rect. beträgt, sofort ein Bad von 16” C. in der 
Dauer von % Stunde anordnet, so wird hiebei nichts anderes be¬ 
zweckt, als ein Aufhalten des W e i t e r a n s t e i g en «; 
allerdings ist liiemit natürlich ein Badeeffekt verbunden, eine 
Remission, die aber individuell verschieden und besonders am 
ersten Behandlungstag noch sehr gering und sehr kurz ist; schon 
nach 3 Stunden ist die Rektumtemperatur wieder an der sogen. 
Anfangstemperatur, i. e. der Temperatur vor dem gereichten 
Bade, hier also 39,5" angelangt, oder über dieselbe* angestiegeu; 
im letzteren Fall wird mau sich, wenn es sich mehrmals wieder¬ 
holt hat, dazu entsohliessen, bis auf Weiteres alle 2 Stunden zu 
messen, event. zu baden zur Verhütung des Weiteransteigens. 
Also die Methode ist. in erster Linie gegen die Exazerbationen 
gerichtet, die sie niederhalten will; sie beabsichtigt aber hiebei 
nicht, den Verlauf fieberlos zu machen, sonst würde sie. alle 
3—2 Stunden ein Bad reichen, so oft die Temperatur überhaupt 
als „febrile“ sich erweist; eben») wenig sieht sic darin ihn- 
nächste Aufgabe, durch möglichst ergiebige Remissionen, im 
Sinne Liebermeiste r’s, den deletären Einfluss der Hyper¬ 
thermie zu unterbrechen, sonst würde sie Bäder von niederer 
Temperatur (12—10" C.), oder von längerer Dauer (ca. '/» Stunde) 
oder aber behufs Steigerung des Effektes früh Morgens, zur Zeit 
des an sich schon gegebenen Niederganges der Temperatur, ver¬ 
ordnen. 

Die B r a n »Esche Behandlung will nur durch frühzeitiges 
und methodisches Eingreifen die F i e b e r t c in p e r a t u r 
auf mässiger Höhe erhalten, entsprechend der 
heutigen Anschauung über die Bedeutung des Fiebers. Nun ist 
es allerdings auch ein Effekt der fortgesetzten Wiederholung 
kalter Bäder, dass der Widerstand gegen Wärmeentziehung von 
Bad zu Bad und von Tag zu Tag abnimmt, d. h. dass die Bade- 
Effokte, also die Remissionen, grösser und anhaltender werden; 
damit werden auch wieder die nach 3 Stunden folgenden 
Exazerbationen weniger hoch (nach Lieberm eister's 
Deutung durch Feberwindung der febrilen Würmeproduktion). 
Es werden schon am 2. Tag sowohl die Exazerbationen bei den 
3 stündlichen Messungen und Bädern, wie auch ihre aus den 
8 Messungen berechneten Tagesdurchschnittsziffern tiefer stehen 
als am 1. Tag und da dies bei typischem, nicht koinplizirtem 
Verlauf und richtiger Anwendung der Methode sieh von Tag zu 
Tag seihst in einer 3 wöchentlichen Fieberakme fortsetzt, so muss 
es so kommen, dass die Abendtemperatur des Aufnahmstages 
nicht mehr wieder erreicht wird, also das Maximum für den 
ganzen Verlauf bleibt, wie ich in hunderten von Kurvtni demon- 
striren kann. 

In diesem Erfolg der Temperaturlxjherrsehung liegt also 
nichts Anstössiges und nichts l’cberraschendes. sondern nur die 
Anregung, es geradeso zu machen. Als Koeffekt mit diesem, 
natürlich nicht ganz ausnahmslosen Niedergang der Durch¬ 
schnittstemperatur vollzieht sich auch eine progre sive Miissigung 
»ler toxischen Erscheinungen von Seite der Zirkulation, Inner¬ 
vation etc. und der Lokalvorgiingo im Darme etc.; sie kommt 
»•hon nach wenigen Bädern in der gänzlichen Umgi'staltung des 
Krankheitsbildes, in der Beseitigung des „Status typhosus“ zum 
Ausdrucke und hat eine Minderung oder Fernhaltung aller jener 
Komplikationen zur Folge, welche in der Hyperthermie, »1er Blut¬ 
stauung und »1er Störung »los Nervenlebens ihren («rund haben; 
je umfangreicher dies gelingt, »lesto tiefer wird die Mortalitäts¬ 
ziffer zu stehen kommen; dies haben Alle festge-stellt, die si»*h der 
Methode bedient haben '). Ich glauln.*, an »lieser Stelle von dem 
bereits gelieferten statistischen Nachweise dieses Gelingens ab- 
»*hen zu dürfen, möchte mir aber gestatten, zwei Punkte hervor¬ 
zuheben, di» 1 sich mir im Verlaufe meiner Beobachtungen immer 
mehr als hochwichtig für diese günstigen Ergebnisse aufgedrängt 

*) ..Der Typhus lm MünchenerGarnlsonslazareth.“ Dr. A.Vogl. 
A roh. f. klln. Med.. 43. u. 44. Bd. 

'-) „Das Wasser ln »1er ärztlichen Praxis.“ Von l>r. Barne h. 
Uebersetzt von Dr. Grosse ln Leipzig 18Ü0. 

Na 4. 


haben; »las ist die Ernährung des Kranken und die Vermehrung 
»ler Diurese. In Benützung der erwähnten, stetig grösseren Re¬ 
missionen der Temperatur* untl übrigen toxischen Erscheinungen 
zwisthen 2 Bädern ist es ermöglicht gewesen, den Kranken schon 
vom ersten Tage ab in Form von Kaffee mit Milch und viel 
Zucker, Thee mit Zucker, Bouillou mit Ei, Flaumsuppe (Fleisch¬ 
brühe, feinst verkochtem Mehl mit Eiern), Milch in kleinen und 
häufigen Mengen, eine nahrungsstoffreiche Fieberkost zu reichen 
uml uns hiebei zu überzeugen, dass dieselbe auch wirklich ge¬ 
nommen un«l oluie jetle Störung verdaut uml assimilirt worden 
ist; recht bald konnte bei anhaltenderen Morgen- und Mittags- 
Immissionen zu halb-konsistenter Mittagskost, als Auflauf oder 
Kalbfleischhaehe übergegangen werd»*n. Ohne die Schaffung sol- 
<*her immer grösser werdender Pausen wäre eine derartige 
Nnhrungszufuhr bedenklich o<ler doch mindestens illusorisch, 
w«'il der Kranke sie nicht aunimmt oder nicht verdaut. 

An zweiter Stelle möchte ich die Vermehrung der Diurese 
in Folge d»>r Kiilteanwemlung erwähnen; schon nach wenigen 
Bädern schwindet die febrile Oligurie. Am 3. Tage ist in der 
K»‘gel die Diurese als vermehrte zu erkennen, und die »lureli- 
sehnittliche 24 stündliche Harnmenge während des ganzen Krank¬ 
heitsverlaufs hat sieh auf 2900 ccm berechnet. Die Bedeutung 
»lieser Steigerung der Nierenthätigkeit ist ja wohl anerkannt, 
»lie Thatsaehe aber, meine ich, noch zu wenig gekannt un«l ge¬ 
glaubt. 

Aus Allem tritt somit »ler Einfluss eines aktiven Eingriffes 
in »len Krankheitsverlauf unverkennbar hervor; »ler diätetischen 
Behandlung ist hiebei der gebührende, gewiss nicht unterschätzte 
Platz eingeräumt ; aber ihre eigenen Leistungen bleiben doch um 
no weiter zurück, je weniger si« 1 sieh mit »ler methodischen Bäder- 
hehandlung kombinirt. 

Masern, Blattern, Gesichtsrose etc. wurden nach denselben 
hitenden Sätzen behandelt. Im akuten Gelenkrheumatismus 
glaubte ich mit der Wirkung »ler Sali»*ylate mich begnügen uml 
wegen der grossen Schmerzhaftigkeit »ler Gelenke von Bade- und 
anderen mit Bewegung der Kranken verbundenen Prozeduren ab- 
sch»n zu dürfen — vielleicht nicht, ganz mit Recht, denn die 
Erfolge der Hydrotherapie werden von W i n tern i t-z u. A. g<>- 
radchin als gesichert uml vorzüglich gesehihhrt. 


Soll ich nun selbst »las Ergebnis« aus diesen meinen Mit- 
theilungcu zusammenfassen, so möchte ich es dahin fwtstellen, 
»lass der S c h w erpunk t <1 e r II y drotherapie akuter 
Krankheiten in der Mässigung «ler Er sc hei¬ 
lt ngen und in der Fernhaltung von Ausschrei¬ 
tungen und Komplikationen durch möglichst 
t r ii h e Einleitung und konsequente Durch- 
f ii h r u n g, d. h. in der Prophylaxe g e 1 e g e n i s t. 

„Das ist also der langen Rede kurzer Sinn“, mag man wohl 
hier eimverfen, und ich hab«« nichts dagegen, wenn nur »ler Sinn 
als richtig anerkannt wird. — 

Wir wissen in den wenigsten Fällen, wann Tuberkulös« 1 
begonnen hat und wann sie gegebenen Falls sicher als geheilt zu 
erachten ist; »ler militärärztlichen Erfahrung ist ganz verlässig 
zu entnehmen, dass der Anfang der Tuberkulose der Wehrpflich¬ 
tigen auf unbestimmbare Zeit., meist in die frülu'ste Kindheit 
zurückzuverlegen ist. Mag man nun den Zustand bis zur mani¬ 
festen Erkrankung familiär ererbte otler erworbene Disposition, 
phthisisehen Habitus, Inkubation, Skrophulo-Tuberkulose oder 
latente Tuberkulose nennen, er führt eher als nicht zur manifesten 
Tuberkulös«) und muss an sich schon zum Gegenstände hygie¬ 
nischer Fürsorg«) und ärztlicher Behandlung gemacht werden, 
wenn man die Tuberkulose als Volkskrankheit nach »lern richtigen 
„Principiis obsta“ beseitig» 1 !! will. Die Heilung eines solchen 
Zustandes ist gleichwerthig der Heilung einer manifesten Tuber¬ 
kulose. deren energische Bekämpfung in Heilstätten damit durch¬ 
aus nicht abgelchnt werden will. 

Alles, was einem solchen Kandidaten der Tuberkulös« 1 zu¬ 
zuwenden ist, kann nur den Charakter «ler Prophylaxe haben, 
d. h. auf Abwehr gegen eindringende oder schon eingedrungen» 1 
Krankheitskeime abzielen, und was prophylaktisch bethätigt wer- 
«len kann, lässt sieh in den Begriff „Kräftigung und A b- 
h ii r t. u n g“ fassen; diese aber sind durch nichts ergicbigi'r und 
verlässiger zu erreichen, als durch den thermischen und mecha¬ 
nischen Reiz der Kaltwasseranwendung. 


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Gbogle 



142 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


Schon Brehmer hat in seiner Freiluftbehandlung der 
Hydrotherapie eine gewichtige Rolle zugewiesen und einen 
grossen Theil seiner Erfolge gedankt; jetzt, wo die Wirkungen 
des Wassers besser gekannt und verstanden sind, sollte diese 
Rolle keine untergeordnete werden. Der Kältereiz wirkt anregend 
auf Funktion und Ernährung sümmtlieher Organe; im Bosondern 
steigert er den Tonus des geschwächten (kleinen () Herzens und 
der zartwandigen Blutgefässe, sowie den Blutdruck; die Athem- 
muskeln und mit ihnen der Brustkorb werden besser entwickelt 
und dies ist. sehon eine mehr kurative Leistung; ebenso wird die 
Gcsammtemährung gehoben; die Abhärtung soll Schutz geben 
gegen die schädigenden Einflüsse der kalten Luft; sie wird 
angestrebt durch Herabsetzung der Erregbarkeit der Hautnerven, 
durch Hebung der Wärmeregulirung mittels des flüchtigen Kälte¬ 
reizes des Wassers und bedeutet Fernhaltung der Katarrhe, dieser 
schlimmen Etappen im Entwicklungsgang der Tuberkulose. Ge¬ 
wiss hat der Kältereiz der Luft, wie er in hochgelegenen Winter¬ 
kurorten und auch in der Freiluftl>ehandlung tiefer gelegener 
Sanatorien als Ileilfaktor gepriesen wird, abhärtende Wirkung, 
aber er ist nicht Jedermann zugängig und in der Verwendung 
nicht so individuell abslufbar, wie der Kältereiz des Wassers; 
dieser kann das Höhenklima ersetzen und als Einleitung für die 
Freiluftbehandlung die „Abhärtung“ festigen; so wird dem 
Kranken in der Anstalt früher und ergiebiger der Vollgenuss 
der freien Luft im Winter ermöglicht, ohne Katarrhe gewärtigen 
zu müssen. 

Die Kälteanwendung besteht am geeignetsten aus täglichen 
Theilwasehungen, d. h. Schwamm- oder Loofah- oder Handtuch- 
Abwaschung eines Körpertheiles nach dem anderen, zuerst mit 
Wasser von Zimmertemperatur (18—20" C.), dann, nach wenigen 
Tagen schon, mit Wasser aus der Leitung (12 0 C.), immer aus der 
Bettwärme heraus, flüchtig und unter Auflegen einer kalten Kom¬ 
presse auf den Kopf. Dies ist die einfachste Vornahme zur Ab¬ 
härtung im Hause. In der Anstalt können sogen. Ganz¬ 
abreibungen, Abklatschungen oder auch wechsclwarme Regen¬ 
brausen zur Anwendung kommen. Die Reaktion nach allen diesen 
Vornahmen wird bei noch Kräftigeren durch Bewegung, bei 
Schwächeren durch Bettwärme gefördert. 

Der Abhärtung sind überdies strenge Rücksichten geboten 
auf die hier so häufige Blutleere und Herzschwäche 
(Erethismus), welche die Reaktionsfähigkeit das Kranken ausser¬ 
ordentlich alteriren; es muss hier gegebenen Falls der Kälte¬ 
anwendung Wärmeanstauung oder -Zufuhr (Einpackung oder 
Ileissluftbad) vorangehen und die Dosirung des Kältereizes ärzt¬ 
lich festgestellt bezw. überwacht werden; es darf nicht mehr 
Wärme entzogen werden, als angestaut oder zugeführt worden ist. 

Mit der Feststellung der Tuberkulose — mit 
und ohne Bazillennachweis — tritt die Indikation der Abhärtung 
durch allgemeine Kälteanwendungen mehr zurück; es wird mehr 
der örtliche Krankheitsvorgang der Angriffspunkt der hydria- 
frischen Anwendung; die Lokaltherapie kann mit Erfolg auch 
häuslich durchgeführt werden, wird aber die schönsten Erfolge 
haben in Verbindung mit der Freiluftbehandlung. 

Es ist experimentell erwiesen, dass örtlich auf die Körper¬ 
oberfläche applizirte Kälte nicht bloss temperaturemiedrigend in 
die Tiefe wirkt, sondern auch auf dem Wege der Innervation 
und des Blutstromes die unterliegenden Organe in ihrer Funktion 
und ihrem Gewebe günstig beeinflusst. So kann und wird also 
auch eine Kälteanwendung auf die oberen Partien der Brust das 
anämische Ansiedclungsgebiet der pathogenen Keime in den 
Lungen, besonders deren Spitzen durch Steigerung des Zu- und 
Abflusses, durch bessere Durchströmung in dem Sinne um¬ 
stimmen, dass den Eindringlingen für Weiterentwicklung und 
Verbreitung ungünstigere Bedingungen geschaffen und endlich 
ein Damm gesetzt wird — also dasselbe, was bei Spontanheilung 
sich vollzieht und bei jeder Therapie als Ziel angestrebt wird, das 
ist ein Stillstand der Krankheit. 

Den wohl bekannten und bewährten Kreuzbinden Winter- 
n i t. z’ fällt diese Aufgabe der örtlichen Einwirkung zu: es sind 
dies zwei 2.5 in lang»? und 0,4 m breite Leinenbinden, von denen 
die eine in kaltes (12 0 C.) Wasser getaucht und gut ausgerungen 
kreuzweise über beide Schultern und unter den Achseln quer 
über die Brust angelegt wird und die zweite trocken als gut ab¬ 
schliessende Decke darüber zu liegen kommt. Unter diesem Um¬ 
schläge wird eine reaktivwarme Dunstschicht erzeugt, welche 


ebenso wie der Primärreiz der Kälte seine Tiefenwirkung äussert; 
durch Erneuerung dieses „erregenden“ Umschlages Früh und 
Abends und nach Bedarf noch mehrmals unter Tags werden nach 
Winternitz’ Vorstellung und Darlegung die Lungen und 
namentlich ihre Spitzen in ein „Treibhausverhältniss“ versetzt, 
unter welchem dio angestrebten Heilvorgänge sich vollziehen 
können; dureli zeitgemässe Verbindung mit dem „Herzschlauche“ 
werden diese mächtig gefördert (Hebung der Herzkraft). 

So einfach die Sache sich darstollt, so ernst ist sie zu nehmen 
und so wenig ist ihr Nutzen zu unterschätzen; er ist im physi¬ 
kalischen Befunde nachweisbar und zu verfolgen; die Wirkung 
dieser Lokaltherapie wird durch die Liegekur gewiss beträchtlich 
erhöht und dürfte in einer zeitlich richtig bemessenen Autotrans¬ 
fusionslage (J a c o b y) noch eine weitere Unterstützung finden. 

Es wird zwar nie an Fällen mangeln, welche aller Therapie 
zum Trotz unaufhaltsam dem Untergange zueilen, aber man kann 
doch nicht absprechen, dass die Aero-Diätotherapie sieh der all¬ 
gemeinen und örtlichen Leistungen der Hydrotherapie nicht ent- 
schlagen darf. Diese ist ihr aktiver Bundesgenosse, welcher 
Sekundärinfektion, also Fieber, abzuhalten berufen und be¬ 
fähigt ist. 

Die symptomatische Behandlung findet in der 
Hydrotherapie eine Fülle nutzbringender Vornahmen: 

Massiges und ganz kurz dauernde« Fieber geht hier oft 
allen anderen Erscheinungen weit voran; es muss gesucht und. 
wenn gefunden, behandelt werden, denn hohe Temperatur be¬ 
schleunigt den Zerfall; der Fiebernde gehört in's Bett; oft er¬ 
folgt hier sofort Entfieberung; ebenso auch bei Luftveränderung; 
in zahlreichen Fällen haben Tuberkulöse das Fieber verloren, so¬ 
wie sie aus dem Krankensaal in unsere luftigen Baracken ver¬ 
legt worden sind, und liaben sofort wieder gefiebert, (um 0,5 bis 
1 0 C.) bei erbetener Rückverlegung in den Saal. Eine trockene 
Abreibung ist ausserdem im Stande, eine spontan nicht schwin- 
dendo Wärmeretention zu heben, wenn nicht, so vermag eine 
kalte Theilwaschung (Abends), sofort oder nach Wiederholung am 
folgenden Tage, oft dauernde Entfieberung zu machen; auch 
Fiicherdouchon, von kundiger Hand ausgeführt. Das hektische 
Fieber wird mitunter noch durch kalte Einpackung unter nöthi- 
gen Ivautelen, innerhalb 1 Stunde 4 mal gewechselt, mit Erfolg 
bekämpft, wo dio kalten Abwaschungen (abendlich) mit ener¬ 
gischem mechanischen Reiz (Frottiren) das Fieber unbeeinflusst 
lassen. Mit dem Fieber zessiren auch die Morgen- 
schweisse, soweit sie damit Zusammenhängen. Ausserdem 
wirkt auf den schwitzenden, durch eine schlimme Nacht er¬ 
schöpften Kranken nichts erquickender, als Morgens eine kalte 
Körperwaschung mit trockener Abreibung; Atropin wird unent¬ 
behrlich, wo Kälteprozeduren nicht mehr zulässig sind. 

Der Einfluss der Hydrotherapie auf Lungonblutung 
ist vor Allem ein prophylaktischer: Die abhärtenden Vornahmen 
tonisiren die Gefässe und die konstant getragenen Kreuzbinden 
fördern den Kreislauf der Lunge und lassen es nicht zur Stasc 
kommen, der häufigsten L T rsache der Blutung; ist eine solche 
durch Zerreissung eines grösseren Gefässes zu Stande gekommen, 
so wird ein Eisschlauch an Stelle der Blutung, im Verein mit 
psychischer und physischer Ruhe, Darreichung von Kodein, 
Morphium, die Thrombonbildung fördern. Die schlimmen diar- 
rhoischen Enth erungen werden durch einen Prieesnitzumschlag 
und andere, den Abdominalkreislauf mächtig beeinflussende Vor¬ 
nahmen viel zuverlässiger und nachhaltiger beseitigt, als durch 
die bald erschöpfte Wirkung der Opiate, Tannate und anderer 
antidiarrhoischer Mittel, als Kolombo, Naphthol etc., auf welche 
aber immerhin nicht ganz verzichtet werden kann. — 

Dio Ergebnisse der exakten Forschung W i n t e r n i t z’s und 
seiner Schüler Pospischil, Strasse r, Buxbaum u. A. 
über den Einfluss des thermischen Reizes des Wassers auf den 
Kreislauf sind es vor Allem gewesen, welche der Hydro¬ 
therapie ihre heutige Stellung errungen haben; schon im Jahre 
1898 konnte Nothnagel in Wien sich dahin äussem, dass 
vielleicht kaum ein paar Jahre vergehen werden, bis die Me¬ 
thoden der Hydrotherapie allgemein so weit ausgebildet sein 
werden, dass man die Herzkranken mit Erfolg in Kaltwasser¬ 
heilanstalten schicken werde. 

Nunmehr liegen die leitenden Sätze dieser Therapie vor, 
wenn auch nicht ganz abgeschlossen, doch reif zur Aufnahme 
und Einführung in die Praxis. 


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28. Januar 1902. 


MUENCJHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


143 


Die Herzthätigkeit ist der Hydrotherapie auf zwei Wegen 
zugängig: man kann direkt durch Kältereiz (nur dieser und nicht 
auch der Wännereiz kommt hier zunächst in Betracht) an Ort 
und Stelle, an der Herzgegend sowohl als auch an der Stelle der 
nervösen Zentren, im Nacken die Herzaktion anregen, also analog 
"wirken mit den pharmazeutischen „Herzmitteln“. Die indirekte 
Einwirkung der Kälte auf das Herz hat ihren Angriffspunkt 
in der Gesamir.toberfläche des Körpers, in deren sensiblen Nerven 
und Gefässnerven, von wo aus auf dem Wege des Reflexes in der 
Blutbahn der Zentralapparat des Kreislaufs beeinflusst wird, in 
Analogie mit den „Vasomotorenmitteln“; keines dieser wirkt so 
sicher und so abstuf bar, wie der Kältereiz des Wassers. 

Störung der Herzarbeit, insbesondere mangelhafte Blutver- 
theilung, sind das eigentliche Wesen der Herzkrankheiten und 
das Objekt der Therapie. 

Es handelt sich darum, die Leistungsfähigkeit des Herzens 
zu erhöhen für den Ausgleich der hämostatischen Störung; man 
kann das Herz kräftigen durch Anregung zu grösserer Arbeit, 
durch Herausforderung seiner Reservekraft im Sinne einer 
Gymnastik: Kräftigung durch Uebung, oder man 
kann die Aufgabe des Herzens vermindern durch Förderung des 
peripheren Kreislaufs, durch Beseitigung der Stromhindemisse 
— das ist die Kräftigung durch Schonung. 

Auf dieser heutigen Grundlage der diätetisch-hygienischen 
und pharmazeutischen Behandlung muss sich auch die Hydro¬ 
therapie der Herzkrankheiten bewegen. Die Einwirkung auf die 
Gesammtoberflächo des Körpers in Form von kalten Ganz¬ 
waschungen, Wicklungen, Douchen, Voll- und Halbbädern etc. 
hat als Primäraffekt eine mächtige Zusammenziehung der Ge- 
fässe des betroffenen und nächstgelegenen tieferen Gebietes und 
reflektorisch auch der grossen Gefässe des Abdomens; durch die 
Einengung des Stromgebietes werden grosse Blutmengen ver¬ 
drängt und so dem Herzen temporär Widerstände bereitet. 

Diesem das Herz belastenden Primäreffekt des Kältereizes 
bei einer Allgemeinanwendung folgt als Sekundäreffekt eine 
mächtige Erweiterung der betroffenen Hautgefässe; es ist dies 
der Vorgang, mit dem die Hydrotherapie eigentlich arbeitet, die 
Reaktion; sie ist begleitet von Röthung und Erwärmung der 
Haut und, was das Wichtigste für das Verständniss ihrer Be¬ 
deutung und Wirkung ist, von einer lebhaften Steigerung der 
Zirkulation in den erweiterten Gefässen; wenn man bedenkt, 
dass hier fast die Hälfte der Gesammtblutmenge Aufnahme fin¬ 
den kann und durch die selbständige Kontraktilität der Gefässe 
(Hautherz nach Hutchinson) in seinem Strome beschleunigt 
wnrd, so wird der ansaugende, das Herz entlastende Effekt in 
seinem ganzen Umfang ersichtlich; zeitgemässe Wiederholung 
solcher Reaktionen bringt thatsächlich Schonung für das Herz. 

Also beim Primäreffekt einer allgemeinen Kälteanwendung 
muss das Herz, beim Sekundäreffekt kann es mehr arbeiten! 

Die Vornahmen, welche auf eine direkte Beeinflussung des 
Herzens abzielen, bestehen vor Allem in Auflegen eines Herz¬ 
beutels oder besser eines von 10° C. kaltem Wasser durch¬ 
strömten, flächenförmig zusammengefügten Gummischlauches 
auf die Herz- oder Nackengegend als sogen. Herz- oder 
Nackenschlauch. Immer muss eine entsprechend grosse 
nasse Kompresse als Unterlage dienen und die Dauer der An¬ 
wendung von Fall zu Fall, von 1—2 Stunden täglich bis zur 
Permanenz, bestimmt werden. 

Diese örtliche Kälteanwendung steht mit ihrer Wirkung 
zwischen Uebung und Schonung; das Herz wird ohne Belastung 
und Entlastung zur gesteigerten Thätigkeit angeregt; es füllt 
und entleert sich besser und passt sich so der erhöhten Aufgabe an, 
wie solche durch einen Defekt im Klappenapparat etc. gegeben 
ist; es wird das erreicht, was man als ,»Kompensation“ von einem 
„Herzmittel“ verlangt. 

Winternitz hat diese Wirkung erkannt und er¬ 
probt und die örtliche Kälteanwendung durch den „Herzschlauch“ 
der Digitalis gleichgeschätzt; er findet sie überall da am Platze, 
wo die Herzkraft anfängt, nachzulassen und ihre Indikation erst 
abgeschlossen mit der vollendeten Degeneration des Herzmuskels. 
Ihr Versagen ist für W internitz diagnostisch und pro¬ 
gnostisch von grosser Bedeutung. 

Die Beeinflussung der Herzarbeit durch den Nackenschlauch 
fällt mit der Wirkung des Herzschlauches zusammen; sie kommt 
besonders zur Geltung bei Tachykardie durch Innervations¬ 


störung; Beschleunigung des Pulses und Arrhythmie bei orga¬ 
nischen Fehlern hat im Herzschlauch den verlässigsten Regu¬ 
lator. 

Die Allgemeinanwendungen, also Waschung des ganzen 
Körpers bis zu dem kalten Halbbad, haben ihre bestimme«: 
Indikation in der jeweiligen Phase einer akuten oder chro¬ 
nischen Zirkulationsstörung; da wo noch die Herzarbeit genügt 
und Reservekraft verfügbar ist, also wo auch noch Körper¬ 
bewegung (Terrainkuren etc.) und Thermalsoolbiider, so weit diese 
mit Druckerhöhung verbunden sind, zulässig und zweckent¬ 
sprechend sind, wird man auch die Uebung, d. h. die Anwen¬ 
dungen mit starkem Primäreffekt zur Geltung bringen dürfen; 
ebenso wird, wenn in schonender Behandlung sich eine be¬ 
friedigende Anpassung der Ilcrzkraft. an das Hinderniss bereits 
etablirt hat, der errungene Zustand durch maassvolle, aber ziel¬ 
bewusste Prozeduren (Ganzwaschungen, Halbbäder, Douchen etc.) 
festgehalten werden dürfen. 

Aber überall, wo Schonung geboten ist, und dies gilt wohl 
als die Regel, muss der Sekundäreffekt des Kältereizes, die Re¬ 
aktion, herangezogen werden; nun ist diese allerdings ohne den 
belastenden Primäreffekt einer Allgemeinanwendung nicht zu 
erreichen, vielmehr um so ergiebiger und wirkungsreicher, je 
intensiver der Primäreffekt gewesen ist und gerade dieser kann, 
wie eben erwähnt, durch den zentripetalen Anprall der Blutsäule 
und reflektorisch das schwache Herz überanstrengon und ge¬ 
fährden. 

Um nun gleichwohl bei sogen, unvollkommener oder gestörter 
Kompensation eine solche Reaktion zu erreichen und zu ver- 
werthen, hat die Wintern it z’sche Schule in tiefsinniger 
Verwendung der sogen. Th eil waschung ein Verfahren 
erdacht, wobei sie die unerlässlichen Primäreffekte des Kälte¬ 
reizes in zeitliche und örtliche Einzeleffekte so vertheilt, dass 
immer ein Körpcrtlieil nach dem andern der Waschung (10° C.) 
unterzogen wird und an einem fest geriebenen und sofort gut 
bedeckten Körpertheil, z. B. der linken Oberextremität, schon die 
Reaktion eingetreten ist, wenn an dem andern eben erst die kalte 
Waschung beginnt, d. h der Primäreffekt des Kältereizes aus- 
gelöst wird u. s. f. So wird durch viele energische, aber räum¬ 
lich beschränkte und dadurch weniger belastende Primäreffekte 
eine vollkommene mehrstündige Reaktion auf der Gesammt- 
oberfläehe des Körpers «zu Stande gebracht, gerade so, wie sie 
auf eine kalte Ganzwaschung, Wicklung, Halbbad erfolgt. Dieses 
Verfahren, in methodischer Wiederholung die beste Schonung für 
das ITerz, trägt das Gepräge der modernen Hydrotherapie: 
Energie und Vorsicht, und ist durch seine physiologische Begrün¬ 
dung und seine praktische Einfaeliheit gewiss dazu angethan, 
Vertrauen zu erwecken. 

Gleichzeitig mit, vor und nach diesen Vornahmen, den täg¬ 
lichen Tlieilwaschungen, häuslich ganz leicht durchführbar, kann 
auch kürzer oder länger der Herzschlauch seine Anwendung 
finden. 

Di«; Hilfsmittel der Hydrotherapie werden in Behandlung 
der Herzkrankheiten den Arzt jedenfalls befriedigen, ohne jedoch 
die unschätzbaren pharmazeutischen Herzmittel, im Besonderen 
die Digitalis und einige Stimulantien auszuschliessen. 

Die hydriatrischen Vornahmen, also hier die Theilwaschung 
und der Herzschlauch, sind schon frühzeitig, bei den ersten An¬ 
zeichen der Störung der Kompensation, ohne jeden Nachtheil 
und mit sichtlichem Erfolg, anwendbar, sie können die An¬ 
wendung der Digitalis für eine ernstere, vielleicht vitale In¬ 
dikation zurückstellen und können endlich, besonders der Herz¬ 
schlauch, noch Wirkungen entfalten, wo das Herz auf Digitalis 
schon nicht mehr reagirt. Ueberdies sind sie befähigt, durch 
ihre reaktive Gefässerweiterung bei gleichzeitiger Darreichung 
der Digitalis deren gefässverengenden Wirkung zu begegnen und 
so deren länger fortgesetzten Gebrauch zu gestatten, d. h. deren 
Wirksamkeit in der Dauer auszudehnen, ohne Kumulation oder 
Digitalismus gewärtigen zu müssen. Eine unterstützende Wir¬ 
kung vorsichtiger h.vdriatrisolier Vornahmen soll sich besondere 
auch in der Steigerung und Regulirung der diuretischen Wir¬ 
kung dos Kalomol bei Transsudationen unzweideutig zu erkennen 
geben, ebenso wie auch die Mittheilung II e u b n e r’s, dass die 
Heilergebnisse der Serotherapio durch die Verbindung mit 
Hydrotherapie wesentlich verbessert worden sind, in höchstem 
Maasse beachtenswerth erscheint. 

4* 


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144 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


Die Ix'istunsren der Hydrotherapie auf dem (iebiete der Er¬ 
krankungen des Nervensystems, Stoffwechsels und Bewegungs- 
apparates sind, zum grössten Theile wenigstens, an eine spezial¬ 
fachliche Anstaltsluhandlung gebunden und somit auch einer 
Besprechung von dieser Stelle* entzogen. 


Invalidenversicherungsgesetz und Arzt. 

Von Prof. Dr. Friedrich M a r t i u s. 

Keines der drei grossen sozialpolitischen Gesetze, mit denen 
wir uns hier vom ärztlichen Standpunkte aus beschäftigen, ist 
anfänglich so unpopulär gewesen, wie das „Gesetz, betreffend die 
Invalidität»* und Altersversicherung“ vom 22. Juni 1889. Nicht 
als ob die wohlthätige Absicht des Gesetzes von den Einsichtigen 
je verkannt wäre. Nur die Form der Ausführung des Gesetzes, 
die Kleberei, fand in den betroffenen Kreisen keine rechte Gegen¬ 
liebe. Pud docli ist bei der weitgehenden Umarbeitung, die das 
Gesetz im Jahre 1899 erfahren hat, gerade diese Form der Bei¬ 
trapsentrichtung bestehen geblieben. Man hat wohl kein besseres 
Verfahren ersinnen können und. wie in vielen menschlichen 
Dingen, wirken auch hier Zeit und unabänderlicher Zwang er¬ 
zieherisch. Das Kleben ist uns Allen eine, wenn auch nicht lielie, 
so doch gelassen ertragene Gewohnheit geworden, lind das ist er¬ 
freulich. Denn gerade bei diesem Gesetz treten die weitgehenden 
Segnungen, die es bringt, man kann sagen täglich, mehr zu Tage. 
Daher ist es verständlich, dass auch im Reichstage die Anfangs 
unfreundliche Stimmung, die diesem Gesetze gegenüber herrschte, 
völlig umgeschlagen ist. Während im Jahre 1889 das Gesetz nur 
eine Mehrheit von 21 Stimmen fand, ist die Novelle vom Jahr»' 
1899 von einem mit mehr als 200 Mitgliedern besetzten Hause fast 
einstimmig (gegen nur 5 Stimmen) angenommen. Ja, auch die 
Vertreter der Sozialdemokratie, die sich bis dahin gegen die 
ganze soziale Gesetzgebung prinzipiell ablehnend verhielten, 
haben bei dieser Gelegenheit — ein gewiss bemerkenswert lies Er¬ 
eigniss — zum ersten Male für ein sozialpolitisches Gesetz üIht- 
haupt gestimmt! 

Das am 13. Juli 1899 Allerhöchst vollzogene und am 
1. Januar 1901 zur Einführung gelangte neue Gesetz trägt nun¬ 
mehr den einfacheren und kurzen Titel: „1 n validen ver- 
s i c h e r u n g s g c s e t z“. Nur mit diesem haben wir es selbst¬ 
verständlich nunmehr zu tliun. 

Die Absicht de« Gesetzes ist Ihnen Allen geläufig. Es 
schliesst, sich eng an die Ziele der Krankenversicherung und der 
Unfallversicherung an, indem es die klaffende Lücke ergänzt, die 
diese beiden Gesetze gelassen haben. Die K rank e n Ver¬ 
sicherung trifft, nach einer Formulirung v. W o e d t. k e's. 
Fürsorge für Fälle vorübergehender Krankheit. Die 
U n f a 11 v e r s i e h e r u n g sorgt 1 km Erwerbsunfähigkeil. 
welche aus Anlass eines „Unfalles l>ei dem Betriebe“ oingetreten 
ist, und gewährt, sofern ein solcher Unfall den Tod des Ver¬ 
sicherten nach sich gezogen hat. auch den Hinterbliebenen des¬ 
selben massige Jahresrenten. Die Invalid e nversi e h e 
r u u g dagegen ist für solche Fälle bestimmt, in welchen der Ver¬ 
sicherte ans anderen Gründen, als einen durch Unfallversicherung 
gedeckten Betriebsunfall, insbesondere in Folge von G e - 
b r e e h 1 i e h k e i t, Abnutzung der Kräfte, Siech- 
t h u m, Alter, Unfällen ausserhalb d e s Be¬ 
triebes u. s. w., also in Folge von Leiden, welche jedem 
M enschen d r o h e n, erwerbsunfähig geworden ist. Ausser¬ 
dem gewährt sie eine Rente (sogen. Altersrente), wenn der Ver¬ 
sicherte ein hohes Lebensalter (das 71. I^ebensjahr) erreicht hat. 
ohne bereits erwerbsunfähig zu sein. 

Diese letztere, die Altersrente, scheidet aus unserer Betrach¬ 
tung aus. Sie wird eben ihrer Natur nach ohne Mitwirkung 
des Arztes erlangt. 

Um so wichtiger wird für die uns beschäftigende Frage, 
nämlich nach dem Antheil des ärztlichen Standes an der prak¬ 
tischen Durchführung des Gesetz».«, ein anderer Punkt, der im 
alten Gesetze nur nebensächlich angedeutet, im neuen Gesetze 
prinzipielle Würdigung und weitgehende Durchführung gefunden 
hat, es ist das die v orbeug e n d e Krank e n p f 1 e g e bei 
den Versicherten. Ist ein Versicherter durch eine Krankheit im 
Sinne des Gesetzes erst dauernd erwerbsunfähig geworden, so liegt 
er. so lange er noch lebt, »1er Versicherungsanstalt als Renten¬ 
empfänger zur Last. Wird sein Leiden dagegen geheilt oder 


wenigstens so sehr gebessert, »lass Erwerbsunfähigkeit im Sinne 
des Gesetzes uusbleibt, so bedeutet das eine Entlastung der Ver¬ 
sicherungsanstalt. Da nun die Heilung bezw. Besserung einer 
Krankheit, in vielen Fällen von der rechtzeitigen Einleitung 
eines Heilverfahrens und von der sachgemässen Durchführung 
eines solchen abhäugt. so ist nach dem neuen Gesetz das zu¬ 
ständige Versicherungsamt zur Einleitung und Uebemahme eines 
geeigneten Heilverfahrens bei erkrankten Versicherten be¬ 
rechtigt, wenn dadurch der erstrebte Zweck, Vermeidung der In¬ 
validität, aller Voraussicht nach erreicht wird. 

Der üIhm-uus wichtige, die vorbeugende Kranken¬ 
pflege der Versicherten regelnde § 18 des Gesetzes lautet in 
seinem 1. Absatz wörtlich folgendermaassen: „Ist ein Versicherter 
dergestalt erkrankt, dass als Folge der Krankheit Erwerbs¬ 
unfähigkeit zu besorgen ist, welche einen Anspruch auf reichs¬ 
gesetzliche Invalidenrente ltcgründct, so ist die Versicherungs¬ 
anstalt befugt (notabene nicht „verpflichtet“) zur Abwendung 
dieses Nachtheils ein Heilverfahren in «lern ihr geeignet er¬ 
scheinenden Umfange eintreten zu lassen“. 

Es ist Ihnen Allen geläufig, tu. II., dass die Durchführung 
der gegenwärtig so populären Heilstättenbewegung mit den Be¬ 
stimmungen dieses berühmten 5; 18 auf das Engste verknüpft ist. 

Aber «las neue Gesetz eröffnet noch viel weitergehende Per¬ 
spektiven. Nach 164 des Gesetzes kann ein Theil des all¬ 
mählich sich ansammelnden Vermögens der einzelnen Versiche¬ 
rungsanstalten für solche Veranstaltungen nutzbar gemacht wer¬ 
den, welche ausschliesslich oder überwiegend der Versicherung^* 
pflichtigen Bevölkerung zu Gute kommen. Dass es im Eiuzei¬ 
falle hierzu einer besonderen Erlaubnis» des Bundesrathes bedarf, 
ist. verwaltungsteehnisch wichtig, ändert aber an dem Prinzip 
nichts, das eine ungeheure Tragweite haben kann. Gedacht ist 
nämlich in erster Linie daran, mit diesen überschüssigen Geldern 

— und es handelt sich daU*i zum Theil um recht grosse Summen 

— den Bestrebungen zur Verbesserung der Wohnungsverhältnisse 
der Arbeiter entgegenzukommen. Die Verbesserung «1er 
Wohnungsverhältnisse der Arbeiter ist aber nicht nur ein 
ethisches, es ist. vor Allem auch ein eminent praktisch-hygie¬ 
nisches Postulat. Alle einsichtigen Hygieniker sind längst 
darüber einig, dass die* Desinfektionsmaassregeln allein zur Be¬ 
kämpfung der grossen endemischen Volksstmehen, in erster Linie 
der Tuberkulös«*, nicht ausreichen. Die positiv aufbauende 
Hygiene verlangt durchaus eine durchgreifende Aufbesserung der 
Lebensbedingung«*ti für die arbeitende Bevölkerung und zwar steht 
unter <lies«*n das Wohnungsproblem obenan. Auch die immer 
brennender werdende Frage der Bekämpfung dt« Hyperalkoholis- 
mus hängt eng damit zusammen. Ohne Schaffung behaglicher 
häuslicher Verhältnisse, die an eine menschenwürdige Wohnung 
untrennbar gebunden sind, ist eine Aenderung der Trinksitten 
in der arbeitenden Bev«"dkerung schwerlich zu erhoffen. Bislang 
war schwer abzusehen, wie ohne radikale Umwälzung aller Ver¬ 
hältnisse auf dem Roden «1er heutigen Gesellschafts- und Wirth- 
sehaftsordnung ein«« durchgreifende Aenderung der Wohnungs- 
verhiiltniss«« der Arl>eiterbov«ülkerung möglich s«*i. Das neue (»e- 
M-tz eröffnet eine aussichtsreiche Perspektive. Und an der Durch¬ 
führung und der praktischen Ausgestaltung dieser weit¬ 
ausschauenden Pläne ist nicht nur der Sozialpolitiker und der 
Verwaltungsboamte interessirt, si<> ist ohne Betheiligung des 
Hygienikers und Arzt«« nicht wohl denkbar. 

.Ja man kann, ohne in Utopien sich zu verlieren, auf Grund 
des angeführten Paragraphen die sozialhygienische Zukunfts¬ 
musik noch viel weiter ausmalen. Herr Gebhard, der verdienst¬ 
volle Direktor d«*r hanseatischen Versicherungsanstalt, dessen 
kluger und kraftvoller Initiative wir die Gründung der den Ver¬ 
sicherungsanstalten gehörigen Volksheilstätten verdanken, hat 
kürzlich den Gedanken ausgesprochen, dass <>s künftig möglich 
sein werde, die durch den eigentlichen Versicherungszweck nicht 
verbraucht.»*n G«*lder für hygienische Maassrcgeln nutzbar zu 
machen, die nicht unmittelbar «len Versicherten selbst, sondern 
deren Frauen und Kindern zu Gute kommen. So würde es 
meines Era«*htcns durchaus zulässig sein, unter der Voraus- 
M'tzung, dass d«*r Kampf gegen die Tuberkulose am wirksamsten 
mit der prophylaktischen Bekämpfung der sogen. Skrophulose 
bei den Kindern einzusetzen habe, beim Bundesrathe die Er¬ 
richtung besonderer Heilstätten für die skrophulösen und somit 
konstitutionell fchwachen Kinder der Versicherten zu beantragen. 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


145 


Wer aber soll und kann entscheiden, ob dieser Weg, dies Prinzip 
das richtige ist, wenn nicht die medizinische Wisschenschaft? 
Und wer soll gegebenen Falls die geeigneten Kinder aussuchen, 
wenn nicht der Arzt ? 

Kurz, m. H., auch das Invalidenversicherungsgesetz kann, 
wenn es seinen Zweck erfüllen soll, der praktischen Mitarbeit 
des ärztlichen Standes ebensowenig entbehren, wie Krankenkasse 
und Unfall. Wie aber hat sich der Gesetzgeber die Betheiligung 
der Aerzteschaft an der praktischen Durchführung der In- 
validisirung Versicherter, dem Aussuchen geeigneter Fälle für 
die Heilstättenbehandlung, der wissenschaftlichen Begutachtung 
weiterer sozialpolitischer Maassnahmen hygienischer Art ge¬ 
dacht? Die Antwort auf die gewiss berechtigte Frage ist immer 
wieder erstaunlich, um nicht zu sagen verblüffend. Sie lautet 
einfach: Gar nicht. Im ganzen Gesetz kommt meines Wissens 
der Ausdruck Arzt, ärztlich überhaupt nicht vor. Aber es werden 
doch zwecks Invalidisirung ärztliche Zeugnisse verlangt. Ge¬ 
wiss, sie können verlangt werden. N ö t h i g sind sie nicht. 
Hören wir das Gesetz selbst. Im Abschnitt III des Gesetzes, 
das vom „Verfahren“ handelt, bestimmt § 112 über die Fest¬ 
stellung der Rente in Absatz 2 Folgendes: „Die untere Ver¬ 
waltungsbehörde oder Rentenstelle hat die zur Klarstellung des 
Sachverhalts erforderlichen Erhebungen anzustellen und die Ver¬ 
handlungen mit ihrer gutachtlichen Aeusserung dem Vorstande 
der für ihren Bezirk zuständigen Versicherungsanstalt zu über¬ 
senden.“ Diese Bestimmung enthält, worauf ich zunächst die 
Kollegen aufmerksam machen möchte, ein bisher nicht ge¬ 
nügend beachtetes Novum. Es ist nach derselben der unteren 
Verwaltungsbehörde in Betreff des Verfahrens der Invalidisirung 
eine viel grössere Selbständigkeit, eine viel weiter gehende 
Kompetenz beigelegt, als nach dem alten Gesetz. Die Begut¬ 
achtung der Anträge auf Rentenbewilligung, die Feststellung 
von Fällen, in denen Grund zur Annahme vorliegt, dass Ver¬ 
sicherte durch ein Heilverfahren vor baldigem Eintritt der Er¬ 
werbsunfähigkeit werden bewahrt werden, dass Empfänger der 
Invalidenrente bei Durchführung eines Heilverfahrens die Er¬ 
werbsfähigkeit wieder erlangen werden u. s. w. (§ 57), das Alles 
liegt der unteren Verwaltungsbehörde ob. Als untere Verwal¬ 
tungsbehörde fungirt in Preussen der Landrath, in grösseren 
Städten der Magistrat, in Bayern die Gemeindebehörde, in 
Sachsen der Stadtrath, bezw. die Amtshauptmannschaft; in 
Württemberg das Oberamt, in Baden das Bezirksamt, in Hessen 
die Bürgermeisterei, hier in Rostock für die Stadt das Polizei- 
anit, für den I.andbezirk das Amt Toitenwinkel. Diese unteren 
Verwaltungsbehörden haben aber nicht allein zu entscheiden. 
Es sind ihnen eine Anzahl, in der Regel je vier, Vertreter der 
Arbeitgeber und der Versicherten beigegeben, die im Einzelfalle 
über die Zuerkennung der Rente mit zu entscheiden haben. 

Die so zusammengesetzte untere Verwaltungsbehörde kommt 
also für die uns hier intere-ssirenden ärztlichen Fragen in erster 
Linie in Betracht. Wie gelangt dieselbe, das ist die Frage, im 
Einzelfalle zu einer Ueberzeugung darüber, ob Invalidität im 
Sinne des Gesetzes besteht, das heisst nach § 5, ob die Erwerbs¬ 
fähigkeit des Versicherten in Folge von Alter, Krankheit oder 
anderen Gebrechen dauernd auf weniger als ein Drittel herab¬ 
gesetzt ist ? Die Antwort lautet, das ist lediglich ihre Sache. 
Ein ärztliches Gutachten über den körperlichen Zustand des Ver¬ 
sicherten, von dem eine Erwerbsunfähigkeit abhängt, ist an sich 
überhaupt nicht, nach dem Kommentar von v. Woedtke nur 
dann erforderlich, wenn letztere nicht ohnehin (nach dem Augen¬ 
schein) feststellt. Im Uebrigen ist es dem Antragsteller unbe¬ 
nommen, auf seine Kosten ein ärztliches Attest über seinen 
körperlichen Zustand und den davon abhängigen Grad seiner 
Erwerbsfähigkeit bezügl. -Unfähigkeit beizubringen. Aber ab¬ 
hängig in ihrem Urtheil ist die untere Verwaltungsbehörde von 
diesem ärztlichen Atteste keineswegs. Sie hat nach freiem Er¬ 
messen zu entscheiden, ob sie ihm beitreten will oder nicht. 

Gleich hier will ich einschieben, dass diese Bestimmung, die 
Unabhängigkeit vom ärztlichen Urtheil, durchaus nicht immer 
zu Ungunsten des Antragstellers auszuschlagen braucht. Ebenso 
gut, wie die untere Verwaltungsbehörde den Antragsteller gegen 
das ärztliche Attest abweisen kann, ebensogut kann sie auch ge¬ 
legentlich im Widerspruch zum ärztlichen Attest, das den Antrag¬ 
steller für noch arbeitsfähig im Sinne des Gesetzes erklärt, diesem 
die Rente zubilligen. Ich habe durch das freundliche Entgegen- 

No. 4. 


kommen des Direktors unserer Landeeversicherungsanstalt solche 
Entscheidungen selbst in Händen gehabt. 

Freilich handelt es sich im letzteren Falle nicht um ärztliche 
Atteste, die von den Antragstellern selbst beigebracht werden. 
Diese — die Antragsteller selbst — werden, da sie in keiner 
Weise gezwungen werden können, überhaupt ein ärztliches Attest 
beizubringen, schwerlich zu ihren Ungunsten lautende Atteste 
produziren. Es handelt sich in diesen Fällen vielmehr ausschliess¬ 
lich um Atteste, die von der unteren Verwaltungsbehörde oder, 
im Berufungsfalle, von der Versicherungsanstalt durch Aerzte 
ihrer Wahl, d. h. ihres Vertrauens, ausgestellt sind. Wir kommen 
damit auf den Kernpunkt der uns beschäftigenden Frage, näm¬ 
lich auf die Stellung der sogen. Vertrauensärzte zu den Ver¬ 
sicherungsanstalten. 

Zunächst eine wichtige Feststellung, m. H.l Das Gesetz 
hat in keiner Weise Vertrauensärzte vorgesehen. Noch 
weniger ist irgend wie und wo davon die Rede, dass, wenn die 
Versicherungsanstalt oder die untere Verwaltungsbehörde in 
zweifelhaften Fällen Gutachten von Aerzten ihrer Wahl oder 
ihres Vertrauens sich ausstellen lässt, diese Obergutachter etwa 
beamtete Aerzte, Kreisphysici, Bezirksärzte sein müssen. 
Davon kann gar keine Rede sein. Wenn die Versicherungs¬ 
anstalten sich in solchen Fällen an einen beamteten Arzt wenden, 
so ist das genau so der Ausfluss ihres freien Willens, wie die 
Einforderung eines ärztlichen Attestes überhaupt. 


Welches sind aber, so müssen wir fragen, die Fälle, in denen 
den Versicherungsanstalten bezügl. der unteren Verwaltungs¬ 
behörde, die (notabene auf ihre Kosten zu geschehende) Ein¬ 
forderung eines solchen vertrauensärztlichen Zeugnisses noth- 
wendig erscheinen kann? Nun, zwei Kategorien von Fällen sind 
möglich. Entweder der Antragsteller versteift sich auf sein 
gutes Recht und verweigert die Beibringung eines ärztlichen 
Attestes überhaupt, während die zuständige Rentenstelle ohne 
ein ärztliches Erachten ein Urtheil über den vorliegenden Grad 
der Erwerbsfähigkeit nicht glaubt sich bilden zu können, oder 
das vom Antragsteller beigebrachte ärztliche Attest ist nach 
Form oder Inhalt oder nach beidem so mangelhaft, dass die be¬ 
gutachtende Rentenstelle nichts damit anzufangen weiss. Es 
ist nur zu natürlich, dass die Rentenstelle (oder das Versiche¬ 
rungsamt) in solchen Fällen an diejenigen Aerzte sich wendet, 
von denen sie weiss, dass sie bei ihnen auf eine formal und in¬ 
haltlich sachgemässe und erschöpfende Darstellung des Falles 
rechnen kann. Da nun ohne Weiteres zugegeben werden muss, 
dass — namentlich anfänglich — die hausärztlichen bezügl. 
kassonärztlichen Zeugnisse, die die Antragsteller selber bei¬ 
brachten, vielfach in keiner Weise, weder formal noch inhalt¬ 
lich, den berechtigten Anforderungen an ein einigermaassen 
brauchbares ärztliches Attest genügten, so begreift es sich leicht, 
dass und warum bei manchen Versicherungsanstalten eine, wie 
gesagt vom Gesetz in keiner Weise vorgesehene oder gar geforderte 
Vertrauensarztstellung sich herausgebildet hat, ja 
dass es Versicherungsanstalten gibt, die überhaupt kein anderes 
Gutachten, als das von ihren Vertrauensärzten ausgestellte be¬ 
rücksichtigen. 

Nun, m. H., diese letztere Entwicklung der Dinge halte ioh 
für so unglücklich wie möglich und wenn meine heutigen Aus¬ 
führungen einen besonderen Zweck verfolgen, so ist es der, da¬ 
gegen Front zu machen. Ich halte diese Entwicklung für un¬ 
glücklich im Interesse der Sache selbst, denn sie schädigt die 
grossen sozialpolitischen Ziele des Gesetzes, im Interesse der An¬ 
tragsteller, denn sie ist nur zu geeignet, dieselben gelegentlich 
einer allzu einseitigen Beurtheilung Preis zu geben, und vor 
Allem im Interesse des ärztlichen Standes, dessen Wohl und 
Wehe, soweit nicht höhere allgemein giltige Interessen dem ent¬ 
gegenstehen, wir hier zu vertreten haben. 

Gestatten Sie mir, m. H„ das etwas näher zu begründen: 

Um einen bestimmten Ausgangspunkt der Erörterung zu ge¬ 
winnen, will ich meine eigene Auffassung der Sachlage an die 
Spitze stellen und die geht dahin, dass auch hier die grundsätz¬ 
liche Anerkennung der freien Arztwahl gefordert und die¬ 
selbe möglichst allgemein durchgeführt werden muss. 

Denken wir uns zunächst in die Lage des Versicherten, der, 
weil er sich arbeits- und erwerbsunfähig fühlt, einen Renten¬ 
anspruch durchsetzen, oder, weil er krank, aber besserungsfähig 
zu sein glaubt, die Einleitung eines Heilverfahrens beantragen 
will. An wen soll und wird er sich zunächst wenden? Nun, 


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146 


MUENCHENER MEDICINISCKE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


an den Arzt seines Vertrauens, an den Arzt, der ihn bisher 
beobachtet und behandelt hat. Und der sagt achselzuckend: 
„Ja lieber Mann, da kann ich Ihnen nicht helfen. Mein Zeug- 
niss nützt Ihnen nichts. Gehen Sie zum Kreisphysikus, der ist 
der Vertrauensarzt der Rentenstolle“. Liegt das im Interesse 
der Sache? Wir Alle wissen, wie argwöhnisch der Arbeiter ist. 
Schon diese Antwort lässt, ob mit Recht oder nicht, das ist eine 
Frage für sich, an den guten Absichten des Gesetzes zweifeln. 
Dass wir uns und die Versicherungsanstalt möglichst vor Betrü¬ 
gereien schützen und der blossen Faulheit und Arbeitsscheu 
nicht unter die Arme greifen sollen, ist gewiss. Aber anderer¬ 
seits dürfen wir nie vergessen, dass die soziale Gesetzgebung 
ein Werk des Friedens und des Ausgleichs der sozialen Gegen¬ 
sätze sein soll, dass wir Aerzte desshalb — immer vorausgesetzt, 
dass wir uns nicht betrügen lassen — der natürliche Anwalt des 
kranken und elenden Versicherten, nicht der der 
Versicherungsanstalt sind. Wenn private Versicherungsanstalten 
Vertrauensärzte ausschliesslich und lediglich zur Wahrung ihrer 
Interessen anstellen, so ist das begreiflich und selbstverständlich, 
denn es handelt sich um nichts Anderes, als um ein Geschäft. 
Die Invalidenversorgung ist aber nicht desswegen zum Gesetz 
erhoben, damit der Staat mit der Kleberei ein möglichst gutes 
Geschäft macht, sondern damit den wirklich Armen und Elenden 
geholfen werde. 

Dass die Versicherungsanstalten für zweifelhafte Fälle oder 
solchen Antragstellern gegenüber, die überhaupt nicht in Be¬ 
handlung waren oder von denen kein privatärztliches Gutachten 
zu erlangen ist, sich an Aerzte ihres Vertrauens wenden, ist ihr 
gutes Recht und durchbricht das hier geforderte Prinzip der 
freien Arztwahl in keiner Weise. Nur dagegen, dass 
grundsätzlich eine besondere Klasse von Versicherungsärzten ge¬ 
schaffen werde, ohne deren Berathung es in keinem Falle abgehe, 
richtet sich der Widerspruch. Wenn irgendwo, so ist in diesen 
Dingen der einseitige Fiskalismus, der in dem Rentenempfänger 
nur den Benachtheiliger der Versicherungsanstalt sieht, vom 
TJebel. 

Mit voller Absicht, m. H., erörtere ich diese Verhältnisse 
rein theoretisch, losgelöst von allen persönlichen Erfahrungen, 
an denen es keineswegs fehlt. Nur das muss ich noch einmal be¬ 
tonen, dass die Versicherungsanstalten selbst keineswegs immer 
einen derartig übertriebenen fiskalischen Standpunkt einnehmen, 
vielmehr durchaus im wohlverstandenen Sinne des Gesetzes be¬ 
strebt sind, jedem Rentenanwärter zu seinem Recht zu verhelfen. 
Das kommt am schärfsten zum Ausdruck in der bereits vorhin 
erwähnten Thatsache, dass gar nicht selten, wenigstens hier bei 
uns, das Versicherungsamt gegen das Obergutachten des be¬ 
amteten Vertrauensarztes, der den Antragsteller für noch erwerbs¬ 
fähig erklärte, entschied und nach eigenem Augenschein dem 
Antragsteller die Rente zuerkannte. 

Und nun zu den Anträgen auf Uebernabme eines Heilver¬ 
fahrens, speziell gegen Tuberkulose, durch die Versicherungs¬ 
anstalten. Wer soll sie anregen, wer sie ärztlich begründen? 

Hier heisst es: bis dat, qui cito dat. Wir werden mit unserer 
ganzen Heilstättenbewegung, die zum Ruhm der deutschen 
Wissenschaft und der deutschen sozialen Initiative gerade bei 
uns so schön in Fluss gekommen ist, auf ein falsches Geleise 
gerathen und vielleicht schmählich Fiasko machen, wenn es nicht 
gelingt, unter den Versicherten die Anfangsfälle im allerfrühesten 
Stadium herauszufinden und diese dann auch schnell, ohne un- 
nöthigen Zeitverlust, wie er dem Bureaukratismus nun einmal 
untrennbar anhaftet, den Heilstätten zuzuführen. Jeder, der 
in dieser Frage praktisch mitgearbeitet hat, weiss, wieviel hier 
im Argen liegt. 

Zunächst, wer soll die geeigneten Fälle ausfindig machen? 
Das kann der Natur der Sache nach nur der behandelnde Arzt, 
sei er Privat- oder Kassenarzt. Wenn dieser die ersten Zeichen 
beginnender Tuberkulose entdeckt hat und dann sofort ein 
formal und saclilich genügendes Zeugniss ausgestellt hat, so sollte 
auf Grund desselben — falls nicht ausnahmsweise besondere Be¬ 
denken vorliegen — von den unteren Verwaltungsbehörden so¬ 
fort mit Ja oder Nein beschlossen und bejahenden Falles die 
Sache an das Versicherungsamt zur beschleunigten Entscheidung 
weitergegeben werden. 

Ist aber für die Rentenstelle der erstbehandelnde Arzt, 
sagen wir der Kassenarzt, mit seinem Zeugniss eine quantite 
negligeable, wird erst ein weiteres Gutachten vom Vertrauens¬ 


arzt eingefordert, so vergeht viel Zeit. Wer es erlebt hat, weiss 
davon zu erzählen. Der Kranke wartet mit Spannung, sein Zu¬ 
stand verschlechtert sich zusehends und wenn es zum Spruch 
kommt, erhält er anstatt der ersehnten Behandlung den schrift¬ 
lichen Bescheid, dass es nun zu spät sei, sein amtlich bescheinigtes 
Todcsurtheil. Das ist denn doch, m. H., ein blutiger Hohn auf 
die wohl t billigen Absichten des Gesetzes. 

Und nun zu den Aerzten selbst. 

Wer mehr als einmal die sehliessliche Ablehnung seiner wohl¬ 
erwogenen, aus ehrlicher Ueberzeugung gestellten Anträge auf 
Invalidisirung oder auf Einleitung des Heilverfahrens in Folge 
vertrauensärztlichen Obergut achtens erlebt hat, der fühlt sich in 
seiner Stellung seiner Klientel gegenüber derartig kompromittirt, 
dass er die Lust verliert, an der guten Sache weiter mitzuarbeiten. 
Er verzichtet auf die fernere Ausstellung solcher Atteste, zu der 
ihn Niemand zwingen kann. 

Tch will mich mit diesen Andeutungen begnügen. Wer in 
der Praxis dieser Dinge veisirt ist, für den genügen sie. Und 
wer ihnen ferner steht, kann sie sich leicht selber weiter ausmalen. 
Erwägungen dieser Art haben nun schon an verschiedenen 
Stellen dazu geführt, den Versuch zur grundsätzlichen Durch¬ 
führung der freien Arztwahl auch im staatlichen Versicherungs¬ 
wesen zu machen. Veber die Berliner Verhältnisse berichtet 
Prof. Posner folgeudermaassen: „Es gibt Versicherungs¬ 
anstalten, welche von vornherein sich lediglich auf das Gutachten 
von Vertrauensärzten beschränken; es gibt Versicherungs¬ 
anstalten, welche auch in dieser Beziehung die freie Arzt¬ 
wahl als ihr Prinzip proklamirt haben, und ich freue mich 
besonders, dass seit diesem Jahre, dank den Verhandlungen, 
welche seitens des Vorstandes unserer Aerztekammer mit dem 
Direktor unserer Versicherungsanstalt, Herrn Dr. Freund, 
geführt worden sind, auch den Berliner Kollegen nun nicht nur 
— was ja früher schon bestanden hat — die Möglichkeit gegeben 
ist, die Atteste für die Versicherten auszustelleu, sondern, dass 
sie diese Atteste nun wirklich, in logischer Konsequenz seitens 
der Versicherungsanstalt honorirt bekommen; dass also die An¬ 
stalt damit selbst diese Atteste, soferne sie den gesetzlichen Be¬ 
dingungen entsprechen und soferne sie von Aerzten ausgestellt 
worden sind, welche den Patienten bereits früher behandelt haben, 
als vollwerthig in jeder Beziehung anerkennt“. 

Diese prinzipielle Anerkennung der freien Arztwahl beim 
Invalidisirungsverfahrcn in Berlin steht bisher, soweit meine 
Kenntniss reicht, wohl ziemlich vereinzelt da. In der medi¬ 
zinischen Presse liegt noch eine weitere Aeusserung über diesen 
Punkt aus Oberbayern vor. Dr. J. Sendtner - München 
schreibt in der 'Münch, med. Wochenschr. (1901, No. 45) : „Bei 
der Durchführung des Invalidenversicherungsgesetzes bildet da« 
ärztliche Gutachten eine wichtige Grundlage. Einige Versiche¬ 
rungsanstalten haben die Abgabe dieser Gutachten bestimmten 
Vertrauensä rzten übertragen, während andere Anstalten 
es dem Rentenbewerber überlassen, ein Zeugniss von dem Arzte 
seiner Wahl beizubringen. In der Regel wird der behan¬ 
delnde Arzt uin die Abgabe des Zeugnisses angegangen, der 
durch die vorhergehende Beobachtung des Kranken am besten 
über dessen Erwerbsfähigkei t zu urtheilen vermag. Auch die 
Versicherungsanstalt von Ohrrbayern huldigt auf diesem Ge¬ 
biete der freien Arztwahl. Um jedoch eine einheitliche 
ärztliche Beurtheilung im Sinne des Gesetzes herbeizuführen, 
wurde hier ein Anstaltsarzt angestellt, dem fast sämintliche An¬ 
träge sammt dem ärztlichen Zeugniss zur nochmaligen Prüfung 
unterbreitet werden. In zweifelhaften Fällen wird der Anstalfs- 
arzt veranlasst, auf Grund persönlicher Untersuchung ein Ober¬ 
gutachten abzugeben.“ 

Nun, m. II., ich brauche nicht erst zu sagen, dass diese \rt 
freier Arztwahl mit ständiger Bevormundung der frei gewählten 
Aerzte durch einen zu dein Zwecke eigens angestellten Ober¬ 
kollegen gerade die Nachtheile mit sich bringen muss oder doch 
wenigstens kann, die ich zu charakterisiren versucht habe, näm¬ 
lich eine aus psychologischen Gründen immer mehr sich stei¬ 
gernde einseitig fiskalische Behandlung der Rentenanträge, eine 
nicht zu vermeidende, ebenfalls mit der Zeit immer schärfer 
hervortretende Diskreditirung der Stellung des behandelnden 
Arztes, sei derselbe nun Privat- oder Kassenarzt, endlich ein 
wachsendes — wenn auch natürlich an sich unberechtigtes Miss¬ 
trauen seitens der arbeitenden Bevölkerung in die guten Ab¬ 
sichten des Gesetzes. 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


14? 


28. Januar 1902. 


Und doch — und damit komme ich auf die Kehrseite der 
Medaille — kann ich mich keineswegs den Gründen verschliessen, 
die zu dieser vom Gesetzgeber keineswegs von vornherein beab¬ 
sichtigten Entwicklung geführt haben. Rückhaltlos muss es 
anerkannt werden, an dieser üblen Wendung ist niemand anders 
Schuld, als wir Aerzte selbst. Denn das ist klar, dass die in 
ihren Absichten durchaus gerechten und wohlwollenden Ver¬ 
sicherungsanstalten gar keine Veranlassung gehabt hätten, die 
von den Rentenanwärtern beigebrachten privatärztlichen Zeug¬ 
nisse, die noch dazu den Versicherungsämtern nichts kosten, 
nicht zu respektiren, wenn einmal dieselben immer zu erlangen 
wären und wenn sie zweitens, soweit sie vorgebracht wurden, 
den nun einmal nothwendigen Anforderungen in sachlicher und 
formaler Beziehung genügt hätten. Aber da liegt der Hase im 
Pfeffer. 

Der freie Arzt, der auf der Universität nur die rein medi¬ 
zinisch sach- und fachliche Behandlung Kranker kennen gelernt 
und von der juristischen, formalen Schulung in der Behandlung 
öffentlicher Angelegenheiten keine Ahnung hat, hasst den 
bureaukratisehen Zwang. Er begreift oder lernt nur sehr schwer 
begreifen, dass eine so weit und so tief in das öffentliche Leben 
eingreifende Institution wie die Invalidenversicherung ohne eine 
formal streng korrekte Behandlung des Einzelfalles gar nicht be¬ 
stehen kann. 

Ich unterscheide hier streng, m. H., zwischen der auf medi¬ 
zinisch-wissenschaftlichem Gebiete liegenden Frage der sach¬ 
lichen Begründung einer Invaliditätserklärung und der rein for¬ 
malen Behandlung derselben. Die erstere bildet ein besonderes 
Kapitel für sich. Dass die diagnostischen Fähigkeiten der Aerzte 
nach Anlage und Ausbildung verschieden sind, wird sich nicht 
leugnen lassen. Aber davon abgesehen muss doch jeder Arzt, 
wenn er nicht ein ganz gewissenloser Mensch ist, darüber sich klar 
sein, dass er ein in seinen Folgen so weitgehendes Gutachten, 
wie es hier gefordert wird, nur abgeben darf nach gründlichster 
Untersuchung des Kranken und nach reiflichster Ueberlegung 
oller in Frage kommenden Umstände, dass ferner das Gutachten 
keinen wissenschaftlich-abstrakten Zweck, sondern ein ganz be¬ 
stimmtes. praktisches Ziel hat, nämlich zu entscheiden, ob auf 
Grund des erhobenen Befundes weniger als eine 1 Drittel-Erwerbs¬ 
fähigkeit im wohldefinirten Sinne des Gesetzes besteht. Wer 
also es unternimmt, im Interesse seines Klienten ein derartiges 
Zeugniss auszustellen, muss denselben nicht nur genau unter¬ 
sucht haben, er muss auch über die in Frage kommenden gesetz¬ 
lichen Bestimmungen genau orientirt sein. Wieviel Aerzte aber 
haben wohl das Gesetz wirklich gelesen oder gar studirt? Aber 
selL.-t wenn alle diese Vorbedingungen erfüllt sind, so bleibt 
immer noch übrig, dass das Zeugniss eine für den Nichtmediziner 
verständliche, für den Verwaltungsbeamten und Juristen ver- 
werthbnre Form hat. 

Da ieh mich streng auf die Erörterung der allgemeinen 
Grundsätze beschränken und von allem Persönlichen durchaus 
ab>ehtn will, so bringe ich keine Beispiele. Wer solche wünscht, 
den verweise ich auf die oben genannte Arbeit des Kollegen 
S c n (1 t li i' r aus Oberbayern. Denn — was im Gebirge in dioser 
Hinsieht möglich ist, das kommtwohl auch an derWaterkante vor. 

Hervorgehoben sei nur Folgendes: 1. Wenn auch im Ge¬ 
drängt* der Praxis des Tages Last und Mühe schwer drückt, das 
versprochene Zeugniss muss, wenn man erst einmal sachlich mit 
sieh in’s Keine gekommen ist, auch schnell expedirt, darf nicht, 
verbummelt werden. Mir sagte der Direktor unserer Landes- 
versicherungsanstalt, mit dem ich eingehend die vorliegende 
Frage durchgesprochen habe, das Versicherun rsamt würde ent¬ 
sprechende privatärztliche Atteste manchmal gern berücksichtigt 
haben, wenn sie nur zu erlangen gewesen wären. Es wäre vor- 
gckoinmen, dass Aerzte auf direkte Anfragen seitens der An¬ 
stalt einfach ülterhaupt nicht geantwortet hätten. 2. muss das 
Atte-t — leserlich sein. Ich verliere über diesen Punkt kein 
Wort. Wer selbst nicht so deutlich schreibt, dass Andere seine 
Hieroglyphen ohne allzuviel Zeit und Mühe entziffern können, 
soll Zeugnisse, wie in Frage stehende, deutlich absehreiben lassen. 

3. Da bei der ärztlichen Begutachtung von Renten- und 
Heilverfahrensanträgen ganz bestimmte vom Gesetze vorgeschric- 
beue Fragen beantwortet werden müssen und diese nicht allen 
ärztlichen Begutachtern jederzeit gegenwärtig sein werden, so 
haben verschiedene Versicherungsanstalten Formulare für das 
Gutachten auagearbeitet, das die einzelnen zu beantwortenden 


Fragen enthält. Das in Berlin giltige Formular ist in No. 17 
der BerL klin. Wochenscbr. 1901 in dem Vortrage von P o an e r 
abgedruckt. Das von der Landesversicherungsanstalt Mecklen¬ 
burg aufgestellte Schema ist folgendes: 

Aerztliclies Erachten 

über d .. 

xu . 

geboren am.. 

zur ^'ach«uchiitig einer Invalidenrente. 


1. OegenwRrtige- Zustand. Bezeichnung der 
Krankheiiserscheinungen o<le B scliwe den, 
welche die Erwerbsfilhigkeit beeintiäch- 
tigen. 

2 Angabe, seit wann und wie oft (1 Antrag- 
steil r ... beo achtet ist: 

In Wohnung? 

In der Spreehstnnle? 

ln hausarztlicher Behandlung? 

Welche früheren Krunkhelten s nd be¬ 
obachtet? 

Kann \ntragstcller durch eine . 

Kräften >m<l Fähigkeiten entsprechende 
Thrtt gkelt, die untc* billiger Berück¬ 
sichtigung Ausbildung und b s- 

hcrigc i Berufes zugemnthet werden kann, 

noch den Betrag von . H im Jahr 

verdienen ? 

i Rel K<*»o «or uat dieser Kr*»*« «Id«] au««ec dem Baarluhu 

■uch oiwuti« Na ur*lhe »u berück«! htlgcu.) 

a Wann ist diese Erwerbsunfähigkeit 
••ingetreten? 

b) Seit wann ist diese Erwerbsunfähigkeit 
als eine dauernde anzusehen? 

4. Ist diose Erwerbsunfähigkeit durch einen 
Betriebsunfall oder Schuld eines Dritten 
entstanden? 

Hat Antragsteller diese Erwerbsunfilhlg- 
kelt vorsätzlich herbeigeführt oder dieselbe 
hei Begehung eine« durch strafgerlchtllches 
Urthod festgestellten Verbreehons oder vor¬ 
sätzlichen Vergehens sich zugezogen? 

5. Sonstige Bemerkungen. 


, am .t*u . 1‘JO . 


GebQ'irBB-Berecbnung: 

Gobühr . jK. 4 

Reisekosten . „ 

Portoverlag . ,, 

M 4 


Das ist die wesentliche formale Seite der Sache. Achten 
Sie dieselbe nicht gering, m. II.! 

Wenn wir als erstrebenswerthes Ziel die Forderung auf¬ 
stellen, dass der gesammten Aerztcsehaft die Möglichkeit gegeben 
werde, an der praktischen Durchführung des Invalidisirungs- 
verfahrens sieh zu betheiligen, so bleibt das so lange ein frommer 
W unsch, als die Aerzte selbst nicht sich entschliessen, den berech¬ 
tigten Forderungen in dieser Beziehung mehr als bisher zu ge¬ 
nügen. 

Aber damit sind wir nicht zu Ende. Auch ein formal ge¬ 
nügendes Attest kann als sachlich nicht beweisend zurückge- 
wiesen werden. Und oft genug weichen gerade in diesem doch 
wesentlichen Punkte die Urtheile verschiedener Begutachter weit 
von einander ab. Wer hat im Einzelfalle sachlich Recht, der 
behandelnde. Arzt, der den Antragsteller für invalid oder der 
ärztliche Obergutaehter, der ihn für arbeits- und erwerbsfähig 
im Sinne des Gesetzes hält? Das zu entscheiden, unterliegt dem 
Liberium arbitrium der Rentenstelle bezw. des Versic.herungs- 
amtes. Damit könnten wir uns begnügen, wenn die Sache nicht 
einen bösen Haken hätte. Gerade diese abweichenden medizini¬ 
schen Urtheile über einen und denselben Fall sind nicht geeignet, 
den Respekt vor dem ärztlichen Wissen und Können bei den aus¬ 
schlaggebenden Behörden und bei dem zunächst betheiligten 
Publikum zu erhöhen. Nur zu gern zuckt man über die dis¬ 
paraten Aerzte, von denen doch einer nothwendig der Dumme 
sein muss, die Achseln. Freilieh in vielen Fällen ganz mit Un¬ 
recht. Denn meist liegt gerade in der vorliegenden Frage die 
Schuld der Differenz nicht an einer objektiv falschen Aufassung 
des einen oder des anderen Arztes, sondern in der Latitude, die 
das Gesetz der subjektiven Auffassung nun einmal gibt. Ob das 
in der Sache selbst begründet ist, oder auch anders sein könnte, 
das geht uns hier zunächst nichts an. Wir haben mit dem Ge¬ 
setz zu rechnen, so wie es ist. 

Wer ist im Sinne des Gesetzes rentenberechtigt? Unter 
Voraussetzung genügend erfüllter Beitragspflicht derjenige Ver¬ 
sicherte, dessen Erwerbsfähigkeit in Folge von Alter, Krankheit 

ä* 


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148 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


oder anderen Gebrechen dauernd auf weniger als ein Drittel 
herabgesetzt ist. Wann ist das der Fall, das ist die Frage 1 

Das Gesetz antwortet: „Dies ist dann anzunehmen, wenn sie 
(die betreffenden Versicherten) nicht mehr im Stande sind, durch 
eine ihren Kräften und Fähigkeiten entsprechende Thätigkeit, 
die ihnen, unter billiger Berücksichtigung ihrer Ausbildung und 
ihres bisherigen Berufs zugemuthet werden kann, ein Drittel des¬ 
jenigen zu erwerben, was körperlich und geistig gesunde Personen 
derselben Art mit ähnlicher Ausbildung in derselben Gegend 
durch Arbeit zu verdienen pflegen.“ 

v. W o e d t k e gibt dazu folgenden Kommentar: „Diese Vor¬ 
schrift nähert die Invalidität unseres Gesetzes der Berufsinvali¬ 
dität, deckt sich aber noch keineswegs mit der letzteren. Eine 
verständige Praxis wird hier das Richtige leicht (?) finden.“ (Zu 
diesem „leicht“, m. H., erlaube ich mir denn doch ein Frage¬ 
zeichen zu setzen.) „Es soll“, fährt v. Woedtkc fort, „für 
jeden Arbeiter, der invalid wird, eine Art Doppelgänger (ein 
körperlich und geistig gesunder Arbeiter „derselben Art“) gesucht 
werden, ohne dass er genau dieselbe Stellung einzunehmen und 
denselben Verdienst zu haben braucht. Es wird damit (nach den 
Motiven 7. Nov. S. 247) nicht von einem abstrakten Normal¬ 
arbeiter, der sich praktisch kaum finden liesse, ausgegangen, 
sondern von einem Lohnarbeiter gleicher Art, also von einem Ver¬ 
sicherten, der im Wesentlichen die gleichen Kenntnisse und 
Fähigkeiten besitzt, welche der Rentenbewerber nach mensch¬ 
licher Voraussicht haben würde, wenn er sich im Vollbesitz seiner 
geistigen und körperlichen Gesundheit befände. Ein Drittel von 
dem, was ein solcher Doppelgänger (noch) verdient, muss der¬ 
jenige, der sich für invalid hält, durch irgendwelche Lohnarbeit 
„auf dem gesammten wirthschaftlichen Erwerbsgebiet“, also nicht 
bloss der Arbeit in seinem bisherigen Beruf, nicht mehr 
(v. Woedtke sagt wohl in irrthümlicher Weise „noch“) verdienen 
können. Allerdings muss es eine Arbeit sein, „die seinen Kräften 
und Fähigkeiten entspricht“ (also insbesondere nicht zu schwer 
ist) und die ihm „unter billiger Berücksichtigung seiner Aus¬ 
bildung und seiner bisherigen Kraft zugemuthet werden kann“, 
also nicht niedrig oder entwürdigend für ihn sein würde. „Auf 
den Erwerb durch eine für sie völlig fremde körperlich und geistig 
ungeeignete Lohnarbeit oder auf eine Erwerbsgelegenheit, die 
sich möglicher Weise an einer von der bisherigen Beschäftigungs¬ 
art weit entfernten Stelle bieten könnte, werden die Versicherten 
nicht verwiesen werden dürfen (Mot. z. Nov. S. 248). Um ein 
mehrgebrauchtes Beispiel zu wiederholen, darf man also von einer 
etwa durch Neurasthenie für ihren Beruf imtauglich gewordenen 
Lehrerin nicht verlangen, dass sie das Drittel ihres Einkommens 
durch Kartoffelschälen sich erwerben solle. 

Nun, m. H., wir werden gern zugeben, dass durch diese Er¬ 
örterungen der Begriff der Erwerbsunfähigkeit im Sinne des In¬ 
validenversicherungsgesetzes juristisch zureichend definirt und 
formal streng abgegrenzt ist. Aber medizinisch sachlich klar und 
zweifelsohne ist er darum noch lange nicht. 

Gehen wir von einem konkreten, aus meiner eigenen Er¬ 
fahrung stammenden Beispiel aus. 

Ein Lohnarbeiter, der nichts weiter gelernt hat, erkrankt «“in 
akutem Gelenkrheumatismus mit Endokarditis. Diese Krankheit 
wird geheilt, aber mit einem dauernden schweren Defekt. Er 
verlässt das Krankenhaus mit einem Klappenfehler, einer voll 
ausgebildeten Aorteninsuffizienz. Aeusserlich ist dem Mann nicht 
viel anzusehen. Er hat eine kräftig entwickelte Muskulatur und 
eine blühende Gesichtsfarbe. Nun versucht er zu arbeiten: 
Einige Wochen geht’s. Dann bekommt er Herzklopfen und 
Athemnoth und muss die Arbeit niederlegen. Was anderes als 
rein körperliche und zwar schwere Arbeit gibt es für den Mann 
nicht. Denn etwas anderes hat er nicht gelernt und Schonung 
bei der Arbeit ist ausgeschlossen; denn der Arbeitgeber bekommt 
leicht eine vollwerthige Kraft. Entweder alles oder nichts. Da 
sich voraussehen lässt, dass der Mann bei jedem Versuch zur 
Arbeit seiner Art bald wieder eine Kompensationsstörung des 
Herzens bekommen werde, die ihn am weiteren Erwerb hindert, 
so attestire ich ihm, dass er dauernd nicht mehr im Stande sei, 
noch durch eine seinen Fähigkeiten entsprechende Arbeit ein 
Drittel des von einem gleichartigen Arbeiter verdienten Tag¬ 
lohnes zu verdienen. Der Antrag wird abgelehnt. Warum? 
Weil das Obergutachten des Vertrauensarztes dahin geht, dass 
der Mann trotz seines als thatsächlich vorhanden anerkannten 
Klappenfehlers wohl noch im Stande sei, ein Drittel des für ihn 


maassgebenden Tagelohnes zu verdienen. Wer hat Recht! 

A priori, wissenschaftlich deduktiv ist die Frage gar nicht zu 
entscheiden. Wohl ist neuerdings der Versuch gemacht worden, 
den durch einen bestimmten Klappenfehler gesetzten Arbeits¬ 
verlust mathematisch zu berechnen und es könnte scheinen, als 
ob auf diesem Wege sogar ein direktes Maass für die Grösse 
der Arbeitseinbusse gewonnen werden könnte. Aber diese rein 
mechanistische Anschauung vergisst, dass bei Bewerthung der 
noch vorhandenen Leistungsfähigkeit vielmehr die individuell 
wechselnde Kraft des Kreislauf moto re, des Herzmuskels und 
seine Fähigkeit zu kompensatorischer Arbeit in Frage kommt, 
als der Ventildefekt selbst. So liegen Verhältnisse vor uns, für 
die es eine durch einfache Berechnung zu findende allgemein 
giltige Werthung nicht gibt. Entscheidend ist hier, wie in allen 
medizinisch-naturwissenschaftlichen Dingen, die Erfahrung. 
Und diese hat in dem vorliegenden Falle für meine Auffassung 
entschieden. Der betreffende Arbeiter ist, nachdem er seine ge¬ 
wohnte Arbeit wieder aufgenommen und eine Zeit lang durch¬ 
geführt hat, mit einer schweren Kompensationsstörung und einem 
dauernd wesentlich verschlechterten Herzen in die Klinik ge¬ 
kommen, die er dieser Tage nach Beseitigung der Kompensations- 
Störung wieder verlässt. Ich habe ihm gerathen, nunmehr seinen 
Antrag auf Rentenbewilligung auf Grund dieser als Neuerkrank- 
uug aufzufassenden Kompensationsstörung zu wiederholen und 
habe ihm versprochen, ein entsprechendes Zeugniss auszustellen. 

Ich habe dies Beispiel so ausführlich behandelt, weil ich es 
zum allgemein anerkannten wissenschaftlich gelehrten Grund¬ 
satz erhoben sehen möchte, dass voll ausgebildete Klappenfehler 
des Herzens bei Männern, die durch schwere körperliche Arbeit 
ihren Lebensunterhalt verdienen, Erwerbsunfähigkeit im Sinne 
des Gesetzes bedingen. 

Und nun noch ein anderes Beispiel. 

Ein Taglöhner vom Lande, der bei schwerster körperlicher 
Arbeit immer mässig gelebt hat und nie eigentlich krank ge¬ 
wesen ist, gelangt in das 6. Jahrzehnt seines Lebens. Da be¬ 
merkt er, wie seine körperliche Leistungsfähigkeit allmählich 
abnimmt. Die schwere Arbeit will ihm nicht mehr so von der 
Hand, wie früher, er wird leicht kurzluftig bei der Arbeit und die 
rechte Ausdauer fehlt. Der Gutsherr, der ebenso wie der : n- 
dustrielle Arbeitgeber für sein Geld nur eine vollwerthige Ar¬ 
beitskraft gebrauchen kann, veranlasst den Mann, sich um die 
Rente zu bewerben. Die Untersuchung ergibt ausgesprochene 
peripherische Arteriosklerose, eben nachweisbare Hypertrophie 
des linken Ventrikels, eben nachweisbares Volumen pulmouum 
auetum (Altersemphysem), geringfügige Albuminurie als Aus¬ 
druck einer ganz schleichend verlaufenden Altersdegeneration der 
Nieren, alles Dinge, die man suchen muss, um sie zu finden. 
Meiner Ueberzeugung nach handelt es sich um „Arbeitsinvalidität“ 
und ich stelle das Zeugniss dementsprechend aus. Der Mann 
wird abgewiesen. Das ausschlaggebende Zeugniss des Vertrauens¬ 
arztes stützt sich darauf, dass der Bewerber nicht krank sei, viel¬ 
mehr eine kräftige Muskulatur besitze und blühend aussehe. 

Nun, m. H., krank im landläufigen Sinne des Wortes ist 
der Mann freilich nicht. Aber 3 der lebenswichtigsten Organe, 
Zirkulationssystem, Lungen und Nieren, sind abgenutzt. Wir 
kommen damit auf einen neuen Begriff, in den wir uns erst 
hineinleben müssen. Freilich kommt das Gesetz uns darin ent¬ 
gegen. Es bestimmt ausdrücklich, dass die geforderte dauernde 
Herabsetzung der Erwerbsfähigkeit durch „Alter, Krankheit 
oder andere Gebrechen“ bedingt sein kann. Also nicht bloss 
durch Krankheit, das Alter (selbstverständlich unter 70 Jahren, 
denn diese bedingen an sich, d. h. selbst ohne Erwerbsunfähig¬ 
keit, den Rentenanspruch) genügt. 

In der That tritt die Seneszenz bei verschiedenen Individuen 
sehr verschieden früh ein. Das lehrt die tägliche Erfahrung. 
Hier handelt es sich um diejenige Seneszenz, die sich durch den 
Elastizitätsverlust der Gefässe und der Lungen dokumen tirt 
Dieser eine echte Abnutzungserscheinung darstellende Elastizi¬ 
tätsverlust wird durch schwere körperliche Arbeit beschleunigt 
Ist sie erst ausgebildet, so bedeutet sie hochgradige Beeinträch¬ 
tigung der Arbeitsfähigkeit überhaupt, die um so grösser wird, 
je mehr Organe oder Organsysteme an der vorzeitigen Abnutzung 
betheiligt sind. So komme ich bei nicht eigentlich kranken 
und auch eigentlich nie krank gewesenen Personen zum Begriff 
der Arbeitsinvalidität, deren objektiver Nachweis auf dem ange¬ 
gebenen Wege wohl möglich ist. Dadurch, dass diese Menachen 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


149 


noch über eine relativ kräftige Muskulatur verfügen und eine 
gesunde Gesichtsfarbe haben, lasse ich mich nicht täuschen. Sie 
sind es recht eigentlich, denen die Wohlthaten des Gesetzes zu 
Gute kommen sollen und ich würde es mit meinem Gewissen 
nicht verantworten können, wenn ich bei dieser meiner Auf¬ 
fassung als Arzt nicht wenigstens den Versuch machte, ihnen 
zu ihrem Recht zu verhelfen. Welche Bitterkeit andererseits das 
Herz eines alten Mannes erfüllt, der nach rastloser, schwerer 
Lebensarbeit am Ende seiner Leistungsfähigkeit angelangt ist 
und fühlt, dass er nicht mehr mitkommt, wenn er dann kleinlich 
abgewiesen wird, das will ich nicht weiter ausmalen. Friedliche 
und versöhnliche Empfindungen sind es nicht. 

Nur um nicht missverstanden zu werden, muss ich noch 
einmal hervorheben, m. H., dass ich mit dieser meiner Auffassung 
nichts weniger beabsichtige, als einer gewissen 
Leichtfertigkeit in der Ausstellung der 
Atteste das Wort zu reden. Wenn Herr Kollege 
Sendtner als Vertreter der vertrauensärztlichen Stellung vor 
den „Gefälligkeitszeugnissen“ warnt und hinzufügt, „die Legende, 
dass man ein ärztliches Zeugniss für jeden Zweck haben könne, 
müsse einmal gründlich zerstört werden“, so stimme ich dem aus 
vollster Ueberzeugung bei. Wer etwa aus Schwäche, nur um den 
lästigen Quäler los zu werden, oder gar aus eigennützigen Mo¬ 
tiven, nämlich um seiner Klientel entgegen zu kommen und so 
seine Praxis zu vergrössem, gegen bessere wissenschaftliche 
Ueberzeugung solche „Gefälligkeitszeugnisse“ ausstellt, der ver¬ 
dient nicht den Ehrennamen eines Arztes. Er ist unter die 
Pfuscher und Betrüger gegangen. Und damit komme ich für 
heute zum Schluss. Freilich liesse sich über die sachliche Frage 
nach der Beurtheilung der Arbeitsfähigkeit unter den Folgen 
der wechselnden Einflüsse von Arbeit und Krankheit, ja des 
Lebens selbst auf die Versicherten noch Vieles sagen. Ich habe 
die fraglichen Probleme nur gerade anschneiden können. Aber 
sie sind eben heute zum Theil noch strittig und ungelöst. Die 
wissenschaftliche Verarbeitung der weiteren Erfahrungen auf 
diesem schwierigen Gebiete wird allmählich die Begriffe klären 
und zu allgemein anerkannten Normen führen. 

Dagegen hoffe ich, dass nach der anderen Seite hin, näm¬ 
lich in Betreff der formalen Behandlung des Invalidisirungsver- 
fahrens, Einhelligkeit unter den Aerzten schon jetzt sich wird 
erzielen lassen. Ich fordere, dass keinem Arzte die Möglichkeit 
verschlossen werde, praktisch an der Durchführung dieses grossen 
Werkes mitzuarbeiten, muss aber um so mehr betonen, dass 
das nur möglich ist, wenn die Aerzte selbst 
den guten Willen haben, sich in die Eigen¬ 
artigkeit der Materie einzuarbeiten und wenn 
sie Selbstzucht genug üben, um im Interesse 
ihrer Klienten, im Interesse des Standes, dem 
sie an gehören, im Interesse der grossen so¬ 
zialen Gemeinschaft, der auch sie zu dienen 
berufen sind, sich den berechtigten Anfor¬ 
derungen zu fügen, dio nun einmal von einer 
solchen Arbeit nicht zu trennen sind. 


Sir William MacCormac. 

Sir William MacCormac, der am 4. Dezember in 
Bath plötzlich verstorbene Präsident des Royal College of 
Surgeons, wurde im Jahre 1836 zu Belfast als Sohn eines dort 
lebenden Arztes geboren. Der Vater, Henry MacCormac, 
war einer der besten Kenner der Tropenkrankheiten und ein eif¬ 
riger, allerdings meist verkannter Vorkämpfer der Lehre von der 
Freiluftbehandlung der Phthise. Mit einer seiner Zeit in Vielem 
voraus eilenden Bildung verband er eine gründliche Kenntniss 
fremder Sprachen, ein Umstand, der gewiss dazu beitrug, dass 
er seinen Sohn schon früh zur Vollendung seiner Studien in’s 
Ausland schickte. Zuerst in Belfast und später in Dublin er¬ 
zogen, ging der junge MacCormac bald nach Paris und 
schliesslich nach Berlin, wo er unter Langenbeck studirte 
und den Grund zu einer langjährigen Freundschaft mit dem 
Altmeister der deutschen Chirurgie legte, die erst der Tod 
Langenbeck’s endete. Es würdo zu weit führen, all’ die 
vielen Examina mit und ohne „honours“ aufzuführen, die der 
junge Irländer zu bestehen hatte, bis er mit zahlreichen Diplomen 
versehen 1864 in die Praxis trat. Dies Jahr sah seine Ernennung 
zum Fellow Royal College of Surgeons Ireland und seine glück- 

No. 4. 


lic-he Bewerbung um den Posten eines Chirurgen am Royal 
Belfast Hospitale. Besonders beschäftigte den jungen Chirurgen 
das Studium der Gelenkveränderungen, daneben legte er als 
Lehrer an der Queens University Proben seiner später so ge¬ 
schätzten Lehrfähigkeit ab. In dankbarer Erinnerung an diese 
Zeit und an das rege Interesse, das MacCormac auch später 
noch der Universität entgegen brachte, ein Interesse, das sich be¬ 
sonders bethätigte, als es galt, der Queens University die Gleich¬ 
berechtigung mit anderen Aerzteschulen zu erkämpfen, ernannte 
ihn dieselbe später zum Ehrendoktor und Mitglied ihres Senates. 

Lange blieb aber MacCormac nicht in Belfast, die be¬ 
schränkteren Verhältnisse der irischen Provinzialstadt boten 
seinen ehrgeizigen Wünschen kein genügendes Feld, er wollte 
nach London, um wie so viele seiner Landsleute dort sein Glück 
zu machen. Kaum in der Hauptstadt angekommen, traf ihn 
die Kunde vom Ausbruch des deutsch-französischen Krieges und 
er brach sofort nach Paris auf, um zu sehen, „what military 
surgery was like“. Hier war das Misstrauen gegen alles Fremde 
und die Spionenriecherei auf ihrem Höhepunkte angelangt und 
erst dem Einflüsse Nelaton’s gelang es, den Widerstand der 
Behörden zu beseitigen und dem jungen Irländer die Erlaubnis 
zu verschaffen, zur französischen Armee nach Metz abzugehen. 
Aber auch hier war seines Bleibens nicht; von Isnard und 
den unter ihm arbeitenden Aerzten mit Freude auf genommen, 
wurde er doch den Militärbehörden verdächtig und B a z a i n e 
schickte ihn nach Chalons zurück, wo er die unter der Leitung 
von Marion Sims stehende anglo-amerikanische Ambulanz an¬ 
traf, der er als zweiter Chirurg beigegeben wurde. Bald über¬ 
nahm er die Oberleitung, da S i m s nach New-York zurückkehrte, 
und schon nach kurzer Zeit konnte er sich nicht darüber be¬ 
klagen, dass er und seine 16 Unterärzte nicht genug zu thun 
hätten. Ueber 100 grössere Operationen, meist Amputationen 
und Resektionen, wurden von ihnen täglich in der Caserne 
d’Asfeld ausgeführt. Leider zog sich MacCormac eine 
schwere Phlegmone zu, doch heilte dieselbe bald ab und blieb er 
für die Folge von septischen Erkrankungen verschont, obwohl 
er, wie er in seinen „N otes and Recollections of an 
Ambulance Surgeon“ erzählt, täglich stundenlang in 
fauligen, eitrigen Wunden arbeitete und sich oft genug an 
scharfen Knochenenden verletzte. Das ebengenannte Buch, eine 
Sammlung und Erweiterung von Briefen, die während des Feld¬ 
zugs im British Medical Journal erschienen waren, wurde auch 
in’s Französische übersetzt und machte seinen Verfasser rasch 
bekannt; besonders aber nutzte ihm die im Feldzuge gesammelte 
reiche chirurgische Erfahrung bei seiner Bewerbung um die 
Stelle eines Assistant Surgeon am St. Thomas Hospitale. Meist 
werden die Stellen der Oberärzte und Lehrer an den Londoner 
Krankenhäusern nur an Männer vergeben, die in diesem Kranken¬ 
hause ihre Ausbildung genossen und sich von unten herauf¬ 
gearbeitet haben; auch MacCormac hätte schwerlich die 
Schranken dieser zopfigen Einrichtungen überschreiten können, 
wenn nicht die Kriegserfahrung und das mit grossem Beifall 
aufgenommeno Buch ihm helfend zur Seite gestanden hätten. 
Mit grossem Eifer warf er sich auf die Pflichten, die seine 
neue Stellung mit sich brachte und auf’s Engste blieb er fortan 
bis zu seinem Tode mit dem St. Thomas Hospitale verbunden, 
dem er als Assistant Surgeon, Surgeon und von 1894 an als 
Consulting Surgeon angehörte; ausserdem bekleidete er von 1873 
bis 1894 die Professur für Chirurgie an demselben Hospitale, 
eine Professur, die im Anfang des Jahrhunderts der berühmte 
C o o p e r inne gehabt hatte. Seine Vorliebe für Kriegschirurgie 
und die Erfahrungen, die er auf diesem Gebiete gesammelt hatte, 
liessen ihn geeignet erscheinen, bei Ausbruch des serbischen Feld¬ 
zugs 1876 die Oberleitung über das von England gesandte 
ärztliche Hilfskorps zu übernehmen; er war bei der Schlacht 
von Alexinatz zugegen und nahm auch nach seiner Rückkehr 
nach London regen Antheil an den Arbeiten des Hilfskomitee 
Ueberhaupt war es wohl mehr das grosse organisatorische Ge¬ 
schick MacCormac’s als besondere wissenschaftliche oder 
operative Erfolge, die ihn bald in den Vordergrund des ärzt¬ 
lichen Lebens der Hauptstadt drängten. 1878 zum General¬ 
sekretär des für 1881 geplanten internationalen Kongresses für 
Medizin gewählt, führte er die ihm anvertrauto Aufgabe mit 
grösstem Geschick durch und gestaltete den Londoner Kongress 
zu einem äusserst erfolgreichen; besonders freute ihn stets, dass 
er es fertig gebracht hatte, so viele bedeutende Männer, wie 

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15Ö 


küENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


tto. i. 


Paget, L i s t e r , Gull, Jenner, Koch und Pasteur 
zu vereinigen. Auf diesem Kongresse legte er auch den Grund¬ 
stein zu den vielen Freundschaften, die ihn mit Acrzten der 
ganzen Welt verbanden. 1883 nahm er an der Kommission Theil, 
die das Verhalten des Sanitätskorps im egyptiseben Feldzüge zu 
begutachten hatte, und auch mehrere ärztliche Gesellschaften er¬ 
kannten sein Führungsgeschick an, indem sie ihn zu ihrem Vor¬ 
sitzenden erwählten. Unterdessen wuchs auch sein Ruf als Lehrer 
und besonders als Examinator, als welcher auch Schreiber dieser 
Zeilen zuerst Gelegenheit hatte, MacCormac kennen zu 
lernen. Die mächtige Erscheinung mit dem schönen Kopfe und 
den klaren, ernsten Augen hatte für den Kandidaten etwas Be¬ 
ruhigendes, ein Eindruck, der durch das zielbewusste und stets 
freundliche Examiniren noch erhöht wurde. Zahlreiche Schüler 
und Freunde sorgten auch dafür, dass sein Rath vielfach in 
Konsultationen verlangt wurde. Ohne besonders produktiv zu 
sein, hatte er ein offenes Auge für Alles, was in der ärztlichen 
Welt vorging, und er war stets bereit, das Neue aufzunehmen 
und zu prüfen. So war er auch ein eifriger Vorkämpfer der 
Lister’schen Lehren und einem von ihm im Jahre 1879 ge¬ 
haltenen Vortrage über Antisepsis in der Chirurgie ist es zu 
danken, dass die bis dahn noch von vielen englischen Chirurgen 
mit Misstrauen, ja Verachtung angesehene neue Lehre sich 
rascher Balm brach. Dieser Vortrag und die an ihn sich an¬ 
schliessende Diskussion, an welcher u. A. L i s t e r , Spencer 
Wells, Paget, Hutchinson Theil nahmen, kam in 
Buchform heraus und wurde bald in mehrere fremde Sprachen 
übersetzt. Ausser diesem und dem oben erwähnten Buch über 
seine Erfahrungen als Kriegschirurg hat MacCormac nur 
noch eine grössere Arbeit veröffentlicht; leider ist von dieser 
Operationslehre nur der I. Theil, die Ligatur der Arterien, fertig 
und zweimal aufgelegt worden. Die weiteren Theile, sowie ein 
Lehrbuch der Chirurgie, das ihn lang beschäftigte, musste er 
immer wieder hinausschieben, da seine Praxis und die zahlreichen 
Ehrenämter, welche er bekleidete,-seine ganze Zeit in Anspruch 
nahmen. Eine kurze Arbeit über die operative Behandlung 
intraperitonealer Blasenzerreissungen, die 1886 im Englischen 
erschien, wurde, wenn ich mich recht erinnere, auch in Volk- 
mann's Vorträgen abgedruckt. Den Höhepunkt seiner sozialen 
Stellung erreichte MacCormac 1896, als er zum Präsidenten 
des Royal College of Surgeons ernannt wurde. Wie gut er diesen 
Posten nusfüllte, geht wohl am besten daraus hervor, dass er 
5 mal hintereinander wieder gewählt wurde, eine Ehre, die vor 
ihm Niemanden zu Theil geworden war. Das wichtigste Ereig¬ 
niss während dieser Zeit war die 100 jährige Jubelfeier des 
College, zu welcher zahlreiche Chirurgen des In- und Auslandes 
zusammenströmten. Vielen von ihnen wird der liebenswürdige 
Präsident und sein gastfreies Haus in angenehmer Erinnerung 
geblieben sein. Dass einem an so hervorragender Stelle stehenden 
Manne auch höfische Ehrungen in vollem Maasse zu Theil 
wurden, ist selbstverständlich; so war MacCormac auch 
Baronet und Ritter zahlreicher englischer und ausländischer 
Orden, daneben war er Leibarzt des Prinzen von Wales, dem er 
vor wenigen Jahren einen Knieseheibenbrueh ohne blutigen Ein¬ 
griff heilte. Zum letzten Male wurde MacCormac auch 
weiteren Kreisen bekannt, als er kurz nach Ausbruch des süd¬ 
afrikanischen Krieges der Regierung seine Dienste anbot und als 
Consulting Surgeon zum Kriegsschauplätze abriiekte. In we¬ 
nigen Monaten besuchte und inspizirte er die Hospitäler in der 
Kapkolonie, ging dann nach Natal, wo er der für die Engländer 
so blutigen Schlacht von Colenso beiwohnte, von hier eilte er 
nach Kapstadt zurück, um mit Roberts nach der Modder und 
später nach Jakobsdaal und Kimbcrley vorzudringen. Trotz dieser 
angestrengten Reisen behielt er Zeit und Lust, seine Erfahrungen 
und Erlebnisse in höchst interessanten und lehrreichen Briefen 
(Lancet) einem grösseren Publikum zugänglich zu machen. 
Uebrigens entging auch er nicht dem trügerischen afrikanischen 
Klima, sondern er hatte Gelegenheit, wegen eines schweren 
Dysenterieanfalles auch als Patient mit einem der Krankenhäuser 
Bekanntschaft zu machen. Wie es scheint, hat er sich von dieser 
Erkrankung nie wieder ganz erholt, zumal da sein Herz schon 
durch eine schwere Pneumonie mit Empyem geschwächt war, 
die er vor wenigen Jahren durchmachte. Immerhin glaubte 
Niemand, dass das Ende so nahe war und Jeder hoffte, dass die 
Bäder von Bath, wohin er sich zur Kur begeben hatte, ihm 
Heilung bringen würden. So kam denn der plötzlich an Herz 


liihmung erfolgte Tod auch seinen näheren Freunden gänzlich 
unerwartet. Nicht nur in England, sondern auch im Auslände 
wird der Todte von zahlreichen Freunden vennisst werden, eine 
Thatsache, die sich auch in der grossen Betheiligung am Leichen¬ 
begängnisse kund gab. 

J. P. z um Busch- London. 


Referate und Bücheranzeigen. 

A. v. Kölliker: Die Medulla oblongata und die Vier¬ 
hügelgegend von Ornithorhynchus und Echidna. Leipzig, 
W. E n ge 1 m a n n, 1901. VI und 100 S.. 16 M. 

In einem reich ausgestatteten Band liefert der Altmeister 
der anatomischen Wissenschaft eine Reihe von Forschungsergeb¬ 
nissen auf einem bisher fast unbebauten Gebiet. Der Ilim- 
stamm vom Ornithorhynchus paradoxus wurde in eine Totalserie 
von ca. 600 Schnitten zerlegt und nach Weigert’» Mark- 
soheidenmethode gefärbt. Aus diesem reichen Material werden 
16 Präparate bildlich wiedergegeben und unter detaillirter Ana¬ 
lyse der topographischen und histologischen Verhältnisse be¬ 
schrieben, unter besonderer Zusammenfassung der Einzelheiten, 
die die Kerne der Himnerven, die Pyramiden- und Schleifen¬ 
kreuzung, Oliven, Bindearme, Brücke u. s. w. betreffen. Ebenso 
wurden die entsprechenden Hirnthcilc von Echidna hystrix in 
eine Serie von etwa 500 Schnitten zerlegt und unter Heran¬ 
ziehung von 9 Abbildungen interpretirt. Aus der Fülle von neuen 
Aufschlüssen hebt v. Kölliker als für die Monotremen vor¬ 
zugsweise charakteristisch hervor die frülizeitige Eröffnung de« 
Hückenmarkskanals, die laterale Lagt 1 des Nuclcus hypoglosai am 
Seitenstrang, den besonderen dorsalen Kern des im Ganzen 
schwachen Facialis, die starke Trigeminusentwicklung und das 
Austreten desselben am proximalen Rand der Brücke, die geringe 
Entwicklung der Pyramiden, die in der Brücke fehlen, die grosse 
Entwicklung von Kreuzungen in der Brücke und den Uebergang 
der gekreuzten Brückenfasern in die basalen Theile des Mittel¬ 
hirns und das Zwischenhirn, den Mangel an grauer Substanz 
in den Seitentheilen der Brücke und das Vorkommen eine« be¬ 
sonderen freien Finde» derselben, wie schliesslich den Verlauf 
des Nervus cochloae ventral vom Peduneulus cerebelli, wie der 
Nervus vestibuli, statt an der Aussenseite des Peduneulus. Die 
Behauptung von Elliot S m i t h, dass der Quin tu» beim er¬ 
wachsenen Ornithorhynchus kein Ganglion Gasseri besitze, liess 
sich vollständig widerlegen. Bei Echidna wurde weiterhin der 
Anschluss der kleineren Portion des motorischen Trigeminus an 
die grosse Portion desselben nachgewiesen. 

W e y g a n (11 - Würzburg. 


P. Haushalter, G. Etienne, L. Spill mann, 
Ch. Thivy: Cliniques mSdicales iconographiques. Avec 
62 planches hors texte comprenant 398 figurcs. Paris. C. N a u d. 
Fasciculc 1. Planches 1 ä 7. 

Wie die Verfasser im Vorworte betonen, beabsichtigen sie mit 
dem vorliegenden Werke die Wiedergabe einer Reihe von Photo¬ 
graphien typischer Krankheitsbilder, die sie im Laufe der Zeit zu 
beobachten Gelegenheit hatten. Sie wollen damit die Verände¬ 
rung, die das Aussehen und die Haltung des Kranken bei den 
verschiedensten Affektionen — sie nennen u. a. die Kinder¬ 
lähmung, peripherische Neuritis, Hydrocephalus, Basedow*- 
sclie Krankheit, Myxödem, chronischen Rheumatismus, Rachitis 
— erleidet, zum Ausdruck bringen; auch sollen Veränderungen 
der Haut berücksichtigt, werden. Sie wählen recht charakte¬ 
ristische Bilder aus, die den Blick schärfen, die im Moment mehr 
lehren als eine lange und noch so ausführliche Beschreibung, die 
auch gegebenen Falls bei der Stellung der Differentialdiagnose zu 
verwerthen sind. 

Bisher liegt nur das erste Heft vor. Es behandelt, die spinale 
progressive Muskelatrophie, die Dystrophia musculorum pro¬ 
gressiva, mit eingehender Berücksichtigung verschiedener Typen, 
je. nach der ersten und weiteren Lokalisation, Form und Beginn 
der Muskelerkrankung, und die progressive Muskelatrophie der 
ersten Kindheit. 


Die Abbildungen (Phototypien) sind grösstentheils sehr in¬ 
struktiv und technisch vorzüglich. Sie sind begleitet von einem 
knapp gehaltenen Text, der einmal das Krankheitsbild im All- 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


151 


gemeinen und dann mit besonderer Bezugnahme auf die bildlich 
dargestellten Fälle schildert. 

Die erste Lieferung ist. vielversprechend und erscheint ge¬ 
eignet, das Ziel zu erfüllen, das die Verfasser mit ihrer gemein¬ 
samen Arbeit erreichen wollten. 

I eher die weiteren Lieferungen wird demnächst berichtet 
werden, falls sie erschienen sind. Ernst Schultze. 

A. v. Eiseisberg: Die Krankheiten der Schilddrüse. 

Deutsche Chirurgie, herausgegoben von E. v. Bergmann und 
I*. v. Bruns. Lief. 38. Stuttgart, F. Enke, 1901. 

Wie von v. E i s e 1 s b e r g in dem Vorwort betont wird und 
aus einem Vergleich des vorliegenden Buches mit der früheren 
Bearbeitung des Gebiete« von Lücke (1876) leicht ersichtlich, 
haben kaum in einem anderen Gebiet der speziellen Chirurgie die 
letzten 20 Jahre so wesentliche Fortschritte zu verzeichnen, und 
da dieselben überdies von grösster praktischer Bedeutung, so wird 
schon aus diesem Grunde das v. Eiselsberg’schc. Werk über 
die Krankheiten der Schilddrüse das allgemeine Interesse erregen. 
Schon die auf 54 Seiten in entsprechender Gruppirung zusammen¬ 
gestellte Literatur gibt ein Bild, wieviel in dem betreffenden Ge¬ 
biete gearbeitet, wurde und sind natürlich all’ die wichtigen 
Arbeiten in der v. Eiselsber g’sehen Darstellung vollauf ge¬ 
würdigt. E. gibt zuerst eine klare Darstellung der Anatomie, 
Histologie und Entwicklungsgeschichte der Schilddrüse, der 
physiologischen Bedeutung derselben (die die Schilddrüse als 
eine Drüse mit spezifisch innerer Sekretion mischen lässt, die 
schädliche Substanzen im Blut zerstört, bezw. Substanzen sezer- 
nirt, die zum Stoffwechsel nüthig sind). Auf’s Eingehendste wer¬ 
den die experimentellen Forschungen über Sehilddrü-enexstir- 
pation und deren Folgen bei den verschiedenen Thierarten, denen 
wir ja so viel Aufklärung in dem betreffenden Gebiet verdanken, 
dargestellt und dann die Art des Auftretens, die geographische 
Verbreitung, pathologische Anatomie der Struma besprochen, 
v. Eiseisberg gibt zu, dass die Aetiologie des Kropfes noch 
unbekannt, dass die Annahme aber, dass der Kropferreger im 
Wasser wohnt, die grösste 'Wahrscheinlichkeit besitzt. Bei der 
Symptomatologie und Diagnostik der Struma sind bi*sonders auch 
die abnormen Lagerungen (endothorakalo etc.) und Nebenkröpfe 
etc. eingehend berücksichtigt. Die Therapie bespricht die interne 
Medikation, die Organotherapie, bezüglich deren v. E. hervorhebt, 
dass die günstige Wirkung der Schilddrüsenfütterung Anfangs 
in zu rosigem Licht gesehen wurde, die Injektionen, die mit Rück¬ 
sicht auf ihre Gefahren mit Recht ziemlich verlassen sind, da 
häufiger danach doch noch eine Operation nöthig und diese dann 
durch die nach der Injektion eingetretenen Verwachsungen er¬ 
schwert ist. Die operative Behandlung steht heutzutage im 
Vordergründe. Die Kropfoperation ist einer der segensreichsten 
Eingriffe, v. E. folgt hier ira Wesentlichen den Koche r’schen 
Ausführungen, dessen Querschnitt er auch als den zweck- 
massigsten anerkennt. Der oberste Grundsatz, das« niemals die 
ganze Drüse exstirpirt werden darf, muss fest geh alten werden, 
und schildert v. E. eingehend das Vorgehen bei der Operation der 
Resektion und Enukleation und deren spezielle Modifikationen, 
die Gefahren der Tetania thyreopriva und Cachexia strumipr. 
»Sodann bespricht v. E. im Speziellen die Symptome etc. 
und Therapie des Cystenkropfs, der Struinitis, Tuberku¬ 
lose, des Echinokokkus und der Neoplasmen der Schild¬ 
drüse, sowie die Lehro vom Kretinismus und Myxoedem. 
Das Kapitel der B a s e d o w’schen Krankheit ist von dem Assi¬ 
stenzarzt v. E.’s, O. Ehrhardt klar und mit entsprechender 
Würdigung der zahlreichen neueren Arbeiten bearbeitet, danacli 
ist die überwiegende Mehrzahl der Autoren dahin einig, dass die 
Resektion oder halbseitige Kropfexstirpation bei Bnsedowstruma 
als Normal verfahren anzusehen ist, wenn interne Behandlung 
sich als erfolglos erwies. Zu den neuerdings (hauptsächlich von 
französischen Chirurgen) empfohlenen Eingriffen am Sympathi¬ 
kus kann man nach E. noch nicht rathen. E. würde die Sym¬ 
pathikus resektion nur dann in den Bereich der Erwägung ziehen, 
we nn hochgradiger Exophthalmus den Bestand der Augen ge¬ 
fährdet oder die Schilddrüsenoperation erfolglos geblieben ist. — 
Die v.E.’sche Arbeit ist imText. mit zahlreichen, die verschiedenen 
Formen der »Struma und deren histologischen Befund, das Myx¬ 
ödem und den Kretinismus etc, darstellenden typischen Ab¬ 


bildungen illustrirt, während 3 farbige Tafeln die histologischen 
Details verschiedener Erkrankungen der Schilddrüse treffend 
wiedergeben. Mit der vorliegenden Lieferung hat das gross an¬ 
gelegte. Werk der Deutschen Chirurgio wieder einen wesentlichen 
Fortschritt zur Vollständigkeit gemacht und wird erstere nicht 
allein den Chirurgen, mindern auch den praktischen Arzt und 
Internisten vollauf befriedigen. Schreiber. 


Fritsch: Die Krankheiten der Frauen. 10. Auflage, 
Bd. I der »Sammlung medizinischer Lehrbücher. Leipzig, Verlag 
von S. H i r z e 1. 

Das allbekannte Fritsch’sche Lehrbuch, welches nun be¬ 
reits in .10. Auflage, neuerdings im Verlage von S. Hirzel in 
Leipzig, vorliegt, darf wohl als das beliebteste und am meisten 
gelesene Lehrbuch der Frauenkrankheiten bezeichnet werden, was 
schon aus der Thatsache erhellt, dass e« innerhalb der letzten 
9 .lahre 5 neue Auflagen erlebt hat! Wenn in der Vorrede ge¬ 
sagt wird, das« das Buch dem Studirenden zur Einführung, dem 
praktischen Arzte als Rathgeber und dem Fachkollegen als ein 
Berather dienen möge, so hat der Verfasser vollkommen gehalten, 
was er versprochen hat, und ist diesen Anforderungen in jeder Be¬ 
ziehung gerecht geworden. In jeder Neuauflage ist das Ergebnis? 
der jüngsten wissenschaftlichen Forschungen mit kritischem 
Auge geprüft und das Brauchbare für den Leser verwerthet 
worden. Die vorliegende Auflage sehliesst sich nun eng an die 
9. Auflage des Jahri« 1900 an, welch’ letztere gegen die früheren 
eine wesentliche Umarbeitung und zum Theil Neubearbeitung 
damals gefunden hatte; es ist daher begreiflich, dass die vor¬ 
liegende nur wesentliche Ergänzungen und Aenderungen zur letz¬ 
ten Auflage enthält, soweit solche bezüglich einiger anatomischer 
wie auch therapeutischer Fragen nothwendig wurden. Die An¬ 
lage des Werkes ist im Ganzen die gleiche geblieben: Nach einer 
Einleitung über gynäkologische Antisepsis (Kap. 1) und all¬ 
gemeine Diagnostik (II) folgen die Abschnitte über Erkran¬ 
kungen der Vulva (III), Scheide (IV), Blase (V), Uterusmiss¬ 
bildungen (VI), Entzündungen (VII) und Lageveränderungen 
des Uterus (VIII), bösartige Geschwülste des Uterus (IX), 
Myome des Uterus (X), Krankheiten der Ovarien (XI), Tuben 
(XII), Nachbehandlung nach Laparotomien (XIII), Para- und 
Perimetritis (XIV), Menstruation und Ovulation (XV), Gonor¬ 
rhoe der weiblichen Geschlechtsorgane (XVI), die den Frauen 
eigenthümlichen Darmleiden (XVII); eine kurze Pharmacopoea 
gynaeeologica bildet den Abschluss des Werkes. Eine Umarbei¬ 
tung haben die Abschnitte über Antisepsis (neu: Desinfektions¬ 
mittel »S. 17), Erkrankungen der Blase (Steinbildung S. 111) ge¬ 
funden ; vaginale Ovariotomio (S. 454) sowie die Technik der 
vaginalen Adnexoperationen (S. 475) sind als neue, nunmehr an 
vielen Kliniken erprobte Operationsmethoden beschrieben. Die 
Zahl der Abbildungen (278 Figuren!) ist gegen früher um einige 
sehr instruktive Bilder vermehrt, während der Umfang des Buche« 
um Wenige« abgenommen hat. Die Ausführung der makro¬ 
skopischen wie mikroskopischen Bilder darf allenthalben als sehr 
gut bezeichnet werden, wie auch die Ausstattung des Werkes 
wiederum eine vorzügliche ist. Es würde zu weit führen, auf den 
reichen Inhalt des ausgezeichneten Lehrbuches einzugehen; Die¬ 
jenigen, welche dasselbe von den früheren Auflagen her kennen, 
werden auch in dem neuen Gewände den alten Freund wieder- 
erblieken, der uns beim Studium lieb geworden ist; für Den¬ 
jenigen, welcher das Werk noch nicht kennt, sei nur kurz auf die 
Vorzüge desselben hingewiesen, welche es zum Lehrbuch im 
wahren »Sinne des Wortes stempeln: Klare Disposition, einfache, 
überaus klare Darstellung und Sprache, Erläuterung des Gesagten 
durch wirklich gute Abbildungen, Beschränkung des Inhalte« auf 
das für den Studirenden wie Praktiker Nothwendigste unter Ver¬ 
meidung alles überflüssigen Ballastes! Die kleine Gynäkologie ist. 
in vollem Umfange berücksichtigt und allenthalben durch prak¬ 
tische Winke bereichert; es sei hier beispielsweise nur auf die 
überaus lehrreiche Darstellung der Pessarbehandlung bei Retro- 
flexio uteri (»S. 259), die Behandlung der Endometritis (S. 200), 
der Parametritis exsudativa (S. 535) verwiesen, Fragen, welche 
gerade den Praktiker interessiren dürften. Auch in der Neu¬ 
bearbeitung wird sich das Buch rasch neue Freunde und Ver¬ 
ehrer erwerben, nicht nur- bei don Studirenden, denen ich dus- 
sellie besonders empfehlen möchte, sondern auch bei den Prak¬ 
tikern, welche bei der Uebersichtlichkeit und Reichhaltigkeit sich 


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152 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


sowohl über das Gebiet der Frauenkrankheiten, als auch über die 
ihm viel ferner liegende operativ technische Seite leicht in dem 
Werke orientiren können. Wir wünschen der neuesten Auflage 
die weiteste Verbreitung! H. W a 11 h e r - Giessen. 

R. Abel: Taschenbuch für den bakteriologischen Prakti¬ 
kanten. 6 . Auflage. Würzburg 1901. S t u b e r’s Verlag. 

Wenn ein derartiges Taschenbuch in 12 Jahren 6 Auflagen 
erlebt, so beweist das wohl am besten, dass Anordnung und Aus¬ 
wahl des Stoffes sich bewährt hat. Angenehm wäre es, wenn 
hinter dem Namen der Autoren, welche die einzelnen Färbungs¬ 
und Züchtungsverfahren etc. angegeben haben, sich auch die 
betreffende Literaturangabe fände, da man wenigstens bei den 
komplizirteren Verfahren doch häutig genöthigt ist, auf die 
Originalarbeit zurück zu greifen. Könnte dieser Wunsch schon 
in der nächsten Auflage Berücksichtigung finden, so würde sich 
die Brauchbarkeit des sonst so praktischen Buches wesentlich 
erhöhen. W i 1 d e. 

Dr. Prinzing: Die Zuverlässigkeit der Todesursachen¬ 
statistik Württembergs im Vergleich mit der anderer Staaten. 

(S.-A. aus dem Württ. Jahrbuch 1900.) 

Prinzing hat in seinem Aufsatze in knapper, aber treff¬ 
licher Weise die Vorschriften über die Leichenschau in den ein¬ 
zelnen Staaten zusammengestellt, deren Werth beurtheilt und 
formulirt zum Schlüsse die Haupterfordernisse einer guten 
Leichenschau dahin: obligatorische Ausführung derselben nur 
durch Aerzte als Lei eben schauer, Abgabe der Diagnose von 
Seiten jedes einen Verstorbenen behandelt habenden Arztes, 
strengste Wahrung des ärztlichen Geheimnisses durch Einsenden 
der Scheine an eine zentrale Behörde, welche dieso unter Mit¬ 
wirkung von Aerzten bearbeitet und welche Rückfragen an den 
behandelnden Arzt, nach dem Vorbilde der Schweiz und Englands, 
stellen darf. Mehrere Staaten, vor Allem die Schweiz, ein grosser 
Theil Oesterreichs und Italien, haben diese Forderungen ziemlich 
erfüllt. England, _das allerdings keine obligatorische Leichen¬ 
schau hat, wo aber die behandelnden Aerzte die-Diagnose aller 
behandeken Verstorbenen, 91,2 Proz. aller Verstorbenen, angeben 
müssen, auch Baden' und Hessen nähern sich diesem Ziel. 
Möchte nun auch Bayern, das von allen grösseren Staaten des 
Deutschen Reiches die älteste obligatorische Leichenschau hat, 
die obligatorische Diagnosenabgabe von Seiten des behandelnden 
Arztes und die Entfernung der Laien und Bader vom Amt 
eines Leichenschauen) in beschleunigterem Tempo erstreben. 
Zu einer gediegenen Mithilfe der Aerzte ist allerdings nicht nur 
eine Auflage des Staati-s, sondern auch gerne und mit Verstäiul- 
niss geleistete Opferwilligkeit der Aerzte nöthig, denen gerade 
jetzt eine wenig einsichtige Kammer eine Standesordnung geben 
möchte, welche nicht für, sondern gegen die Aerzte be¬ 
stimmt zu sein scheint. Ganz im Rückstand sind Preussen und 
Frankreich, welche sich selbst von Ungarn übertreffen lassen. 

Von P r i n z i n g ! s Ausführungen kann Referent nur den 
Schlüssen aus der Tabelle auf S. 291 nicht beistimmen und er 
Ixdauert cs lebhaft, dass der Aufsatz in einem Buche erschienen 
ist, welches auch den Amtsärzten nur schwer zugänglich ist. 

Dr. K o 1 b. 

Dr. P. S i e b e r t, prakt. Arzt, Spezialarzt für Haut- und 
Harnleiden in München: Sexuelle Moral und sexuelle Hygiene. 

Ein Wegweiser. Verlag von J. Alt, medizinische Buch¬ 
handlung, Frankfurt a. M. 1901. Preis 2 M. 

Verf. nennt seine Schrift einen Versuch, das, was der be¬ 
kannte Aufruf der deutschen Universitätsprofessoren der aka¬ 
demischen Jugend hinsichtlich des sexuellen Verhaltens in so 
eindringlichen Worten vor Augen gestellt hat, auch seinerseits 
ausführlicher und zwanglos, aber auch freier zu erörtern. Mo¬ 
derner als die Herren Professoren, hat er sein Buch den deutschen 
Hochschülern und Hochschülerinnen gewidmet, wendet sich 
aber an die Jugend der gebildeten Stände überhaupt. Das 
Problem, in welchem Grade der zur Kultur emporgestiegenc 
[Mensch die sexuellen Empfindungen und Antriebe, die aller Be¬ 
obachtung nach im Thierreich fast schrankenlos herrschen, 
Zwecken höherer Werthung unterordnen müsse, hat schon viele 
Köpfe beschäftigt und der Verf. hat ersichtlich mit scharfer 
Kritik die Pfade seiner Vorgänger auf diesem Gebiet verfolgt. 
Es ist hier nicht der Ort, der eigenen Meinung, welche der Verf. 


sich über diese Fragen gebildet hat, in ihren Einzelnheiten mit 
Gründen und Gegengründen nachzugehen; nur Einiges mag be¬ 
rührt werden. Es ist sicher ein hochsittlicher Standpunkt, als 
das Endziel des Geschlechtsverkehrs das Kind zu betrachten und 
ganz von selbst ergibt sich hieraus als wichtige Grundlage für 
eine sexuelle Moral die Pflicht gegenüber Familie und Staat im 
Allgemeinen. Warum gefällt es dem Autor, diesen allgemeinen 
Standpunkt mit alldeutschen Ideen zu verquicken? Berührt 
schon .der Satz eigenartig, dass den Verf. jene alldeutschen Ideen 
und ihre Verwirklichung mit Gefühlen erfüllen, „welche mit 
sexuellem Kraftgefühl Aehnlichkeit haben“, so wird man vollends 
erstaunt, zu hören, dass „Platz schaffen für deutsche Kinder 
eine Forderung der sexuellen Moral ist“. Auf die Gefahr hin, 
dem Verf. ernstlich an’s Herz zu greifen, muss ich doch sagen: 
Hier hat er den Zug auf ein Nebengeleise gefahren. Auch die 
so milde Beurtheilung und Verteidigung, welche Verf. dem 
nusserehelichen Geschlechtsverkehr, insbesondere den sog. „Ver¬ 
hältnissen“, angedeihen lässt, weil solche sozusagen zu den natür¬ 
lichen Menschenrechten gehören, will mir gar nicht zu dem 
obigen Hauptzweck des Geschlechtsverkehres passen. Wo wird 
diesem Zwecke weniger gehuldigt, als bei den „Verhältnissen“? 
Sehr scharf — Manche werden es sogar fanatisch heissen — 
ist Klage erhoben gegen das Christenthum, durch das die Rein¬ 
heit unseres Denkens in geschlechtlichen Dingen erst vergiftet 
worden sei. Mag das der Verf. mit den Herren Theologen 
nusmachen! Eitel Reinheit scheint mir freilich bei den „ante 
Christ, nat.“ auch nicht geherrscht zu haben — das weiss ich 
von meiner humanistischen Bildung her! Wenn das S.’sche Buch 
auch nicht arm an paradox klingenden Sätzen ist, so ist es 
andererseits reich an sehr vortrefflichen Anschauungen, wozu Ref. 
besonders jene zählt, welche sich auf die offizielle Gesellschafts¬ 
moral gegenüber der Erörterung sexueller Fragen, auf die „Politik 
der Feigheit“ in diesen Dingen, auf die rechtzeitige Aufklärung 
der heranwachsenden Jugend über sexuelles Wissen, auf die 
Hygiene der Gattenwahl u. a. beziehen. Vieles ist da ganz aus¬ 
gezeichnet au Inhalt wie Form, wie überhaupt der Verf. über 
eine sehr gewandte und namentlich zu populärer Darstellung 
wissenschaftlicher Fragen ungewöhnlich geschickte Feder ver¬ 
fügt. Manchen zu kraft - gonialistisch gerathenen Ausdruck 
würde man freilich lieber nicht in dem Buche sehen, der aus 
dem Rahmen vornehmer Darstellung herausfällt, auch würde die 
Schrift meiner Ansicht nach gewinnen, wenn einzelne Abschnitte, 
welche sich zu sehr dem Stoffgebiet eines in neuester Zeit viel 
berufenen Moraltheologen nähern, aus diesem medizinischen 
Buch herausgenommen würden, z. B. pag. 124 und 125. 

Wie eine Fata Morgana zeigt uns Verf. in weiter Ferne 
der Entwicklung der Völker und Individuen eine Epoche der 
Menschen geschickte, wo cs nicht mehr nöthig sein wird, eine 
sexuelle Moral zu schreiben, weil dann alle Menschen von echter, 
auf das Vaterland gerichteter Moral erfüllt sein werden. Qui 
vivra verra! Es ist wohl zu erwarten, dass dem vorliegenden 
Werkehen, das noch der Sturm- und Drangperiode des offenbar 
sehr begabten Schriftstellers entstammt, noch andere nachfolgen 
werden, die das mit so viel Geschick aufgegriffene Thema weiter 
verfolgen werden. An Freunden und Feinden wird’s schon dem 
gegenwärtigen „Versuch“ nicht fehlen! 

Grass mann - München. 

Heueste Journalliteratur. 

Hegar’s Beiträge zur Geburtshilfe und Gynäkologie. 

Bd. V, Heft 3. Leipzig, Arthur Georgi. 

O. Burckhardt- Basel: I. Die endogene Puerperalinfek¬ 
tion. H. Puerperalinfektion mit Pneumokokkus Frankel. 
Mit 1 Abbild. 

Unter endogener Infektion versteht B. eine solche, bei der die 
Keime von einem im Körper befindlichen Mikrobenherd hernihren. 
Sie ist selten, indess kann B. aus der Baseler Klinik zwei mikro¬ 
skopisch und bakteriologisch untersuchte Fülle bringen. Der erste 
betraf eine 35 jährige Primipara, die unter Erscheinungen schwerer 
Pneumonie und Peritonitis in die Klinik gebracht wurde und hier 
während der Entbindung im Kollaps starb. Die Sektion ergab 
Bronchopneumonie, Pleuritis und eiterige Peritonitis und B. glaubt 
nach der mikroskopischen Untersuchung, dass die Bakterien von 
einem primären Mischinfektionsherd in den Lungen auf dem Blut¬ 
wege verschleudert wurden, sich in den Plazeutarsinus festsetzten 
und von liier Uterus und Peritoneum infizirteu. Auch einen anderen 
Fall einer Diplokokkeniufektion bei einer 33 jährigen V. Para hält 
B. fiir durch die Bluthahn von der Pleura aus verbreitet. Den 
Schluss der Arbeit bildet die Schilderung eines Falles von puer- 

e 





28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


153 


peraler Sepsis durch Reininfektion mit dem Pneumokokkus 
Fränkel. 

O. Küstner - Breslau: Die blutige Reinversion des Uterus 
durch Spaltung der hinteren Wand nach Eröffnung des Douglas. 
Mit 2 Abbild. 

Pas K.’sche Verfahren zur Behandlung der stumpf nicht zu 
reinvertireuden Inversion ist allgemein gebriiuchlich geworden. 
K. bringt drei neue Fälle, wo es sehr guten Erfolg hat, zwei von 
puerperaler, einen von einer durch Myom bedingten Inversion. 
Es ist vor Allem wichtig, dass die Operation nach Eröffnung des 
hinteren Douglas nur durch Spaltung der hinteren Wand gemacht 
wird. 

H. B. Semmelink -Leiden: Ueber Achsendrehung des 
Uterus. Mit 2 Abbild. 

Bei einer Frau von 40 Jahren fand sich ein subseröses Myom 
dreimal um 180° torquirt; ausserdem aber fanden sich Corpus und 
Cervix fast ganz getrennt, so dass zwischen beiden nur ganz 
dünnes Bindegewebe lag. Der torquirte Uterus war atrophisch, 
der Cervikalkanal verschwunden, in den Tuben und Ovarien waren 
alle Gefässwiinde verdickt. Nach Ansicht S.’s war die Dehnung 
der Cervix primär und dadurch ist wohl die Torsion entstanden. 
Weitere 3 Fälle von einfacher Torsion aus der Leidener Klinik 
werden angeführt, einer durch Fibrom, die beiden anderen durch 
Ovarialtumoren bedingt. 

F. A p e 11 - Leipzig: Ueber die Endotheliome des Ovariums. 
Mit 4 Abbild. 

Die Zahl dieser Tumoren ist im Ganzen gering. Nach ge¬ 
nauem Referat mehrerer Fälle aus der Literatur berichtet A. über 
einen eigenen Fall, der eine 33 jährige I. Para betraf, die vor 
6»4 Monaten entbunden hatte und seither an Schmerzen und Zu¬ 
nahme des Lell>es erkrankt war. Die klinische Diagnose lautete 
auf Sarkom, der Tumor erwies sich aber als Endotheliom, und 
zwar als lymphatisches perivaskuläres Endotheliom. 

H. S e 11 h e 1 m - Freiburg 1. B.: Experimentelle Begründung 
der H e g a r’schen Schwangerschaftszeichen. Modell eines gra¬ 
viden Uterus. Mit 8 Abbild, u. 1 Tafel. 

Die bekannte Erscheinung der Kompressibilität der Wände 
des graviden Uterus beruht auf einem Nachgeben dieser Wände. 
Diese Erklärung des II e g a r’schen Zeichens durch die Elastizität 
der Wand wird experimentell bewiesen durch genaue Messung 
eines graviden Uterus aus dem III. Monat im Ruhezustand und 
bei Kompression des unteren Abschnittes, daneben durch Ein¬ 
bringen des Uterus ln einen Wasserbehälter und den Nachweis, 
dass bei einer Kompression das Wasser in der Steigrohre in die 
Höhe ging, ferner durch Gipsabgüsse. Bildet man in der vor¬ 
deren Wand des Uterus eine Falte, so weicht das sehr verschieb¬ 
liche Ei nach hinten aus. Das Modell des graviden Uterus be¬ 
steht aus einer mit Glyzeringelatine gefüllten Gummiblase. 

Derselbe: Kastration und sekundäre Geschlechtscharak¬ 
tere. Mit 1 Tafel. 

Die Arbeit handelt über den Einfluss der Kastration auf die 
Ausbildung der Zitzen und Hörner beim Ochsen. Die Zitzen 
wachsen unverhältnlssmässig bei den Kastraten in den ersten 
6 Jahren; auch das Drüsengewebe Ist beim Ochsen reichlicher als 
beim Stier entwickelt, ebenso werden die Hörner bei Kastraten 
sehr viel länger. 

A. Glöckner- Leipzig: Zur papillären Tuberkulose der 
Cervix uteri und der Uebertragung der Tuberkulose durch die 
Xoh&bitation. 

Isolirte Lokalisation des tuberkulösen Prozesses in der Cervix 
ist selten. G. hat einen solchen Fall, und zwar einen von sogen, 
papillärer Cervikaltuberkulose beobachtet. An der Portio fand 
sich eine schwammige, leicht blutende, zottige Anschwellung bei 
einer 29 Jahre alten Frau, die wegen Blutungen in die Klinik kam. 
Vaginale Totalexstirpation. — Es zeigte sich nun. dass der Ehe¬ 
mann eine nicht schmerzhafte Anschwellung des rechten Hodens 
hatte, der dreimal so gross war wie der linke und an dem sich 
ausserdem noch itn unteren Pol ein harter Knoten fand. In dem 
mikroskopisch genau untersuchten Präparate von der Portio ge¬ 
lang es, typische Tulierkulose und auch Tuberkelbazillen naehzu- 
welsen. doch war die Tuberkelbildung nur oberflächlich. Die Ueber¬ 
tragung vom Manne hält G. mit Recht für sicher. 

M. Pfister - Heidelberg: Ueber die reflektorischen Bezieh¬ 
ungen zwischen Mammae und Genitalia muliebria. 

Eine dankenswerthe ausführliche Zusammenstellung der be¬ 
kannten Wechselbeziehungen, die P. in Genito-Mammaereflexe und 
Mammae-Genitalreflexe einthoilt. Interessant sind 3 Fälle, wo V. 
durch Reizung der Brustdrüsen mit Hilfe von Saugglüsem sehr 
schnell die Frühgeburt einleiten konnte, nachdem andere Mittel 
versagten. Aus angestellten Thierversuchen ergibt sich, dass nach 
Resektion alleT zu den Mammae führenden peripheren Nerven 
deren Entwicklung und Funktionsfähigkeit nicht gestört wurde, 
also die Isolirung der Drüse von jeder Nervenleitung von den 
Genitalien ohne Einfluss ist. 

W. Schauenstein - Graz: Zur Bakteriologie des puer¬ 
peralen Uterussekretes. 

\ Auf Grund zahlreicher sorgfältiger Versuche kommt S. zu dem 
Schluss, dass die puerperale Uterushöhle gesunder Wöchnerinnen 
meist kelmhaltlg ist, häutiger bei I. Puren und Frauen mit kurzer 
Dauer der Nachgeburtszelt: die Gesnmmtdauer der Geburt und die 
innere Untersuchung hat ebensowenig Einfluss wieDammverletzung 
und schlechte Involution des Uterus auf dies Verhältniss. Die 
Wöchnerinnen mit positivem Bakterlenbefund haben vermehrte 
Lochiolsekretion und oft subfebrile Temperatur. I n d e r II ä 1 f t e 
der keim haltigen Fälle waren Streptokokken 
naebzu weisen. Die im Spätwochenbett im Uterus normaler 
Wöchnerinnen sich findenden Bakterien gedeihen ausnahmslos 


unter Luftabschluss und wachsen im Gegensatz zu den bei fiebern¬ 
den Wöchnerinnen gefundenen nur langsam bei aerober Züchtung. 
Als Hauptresultat der ganzen Arbeit möchte Ref. den Schluss be¬ 
trachten. dass nothwendiger Weise endlich einmal der Sntz von 
der Keimfreiheit der normalen puerperalen Uterushöhle endgiltlg 
fallen gelassen werden muss: im Uebrigen bleibt die Verwirrung, 
Unsicherheit und praktische Unverwendbarkeit der bisherigen bak¬ 
teriologischen Untersuchungen und Resultate nicht nur nach wie 
vor bestehen, sondern wird noch vermehrt. (Ref.) 

H. S e 11 h e i m - Freiburg i. ß.-. Konflgurable Kinderschädel. 

Die Knochen der Schädelkapsel wurden gelöst, mit Seide 
wieder verbunden und im Schädel eine Gummiblase befestigt, die 
nach Belieben aufgepumpt werden kann, woruuf die einzelnen 
Knochen gegeneinander beweglich werden. Die Schädel scheinen 
zum Unterricht recht brauchbar. V o g e 1 - WUrzburg. 

Centralblatt für Gynäkologie. 1902. No. 2 u. 3. 

No. 2. 1) B. S. Schultz e: Ueber die 10 Schwangerschafts¬ 
monate. 

Sch. schlägt vor, es abzuschaffen, die vierwöchentlichen 
Abschnitte der Schwangerschaft „Schwangerscliafts- 
m o u a t e" zu nennen, wie er dies seit 42 Jahren in seinem in 
12 Auflagen erschienenen Lehrbuch der llebammenkuust stets 
gethan. Die Frauen und das bürgerliche Leben rechnen auch 
die Schwangerschaft nach den gewöhnlichen Monaten, wodurch 
sie auf 0, nicht, wie die Geburtshelfer, auf 10 kommen. Monds¬ 
monate sind die Geburtshelfermonate auch nicht, da Jene 29V2 
betragen. Die 10 Sehwangerschaftsmonate rühren nicht, wie an¬ 
genommen, von H i p p o k r a t e s her, sondern wahrscheinlich 
von einem unkundigen Uebersetzer, der aus 10 Menstrualperioden, 
Menses. „Monate“ gemacht haben wird. Daher soll man die Zelt 
der Schwangerschaft überall nach der Zahl der Wochen be¬ 
zeichnen. 

2) Iv rö n i g- Leipzig: Zur Kasuistik der Schwangerschaft 
im rudimentären Nebenhom des Uterus (Uterus bicornis uni- 
collis). 

Unter 82 Fällen von Gravidität im Nelmnliorn. die Kehrer 
kürzlich zusammenstellte, findet sich nur einer, wo vom Haupt¬ 
horn aus die Auskratzung des schwangeren Nebenhorns vorge¬ 
nommen werden konnte. Einen solchen Fall operirte K. Die 
23 jälir. III. Para kam mit der Diagnose ..Tubenschwangerschaff* 
zur Laparotomie. In der Bauchhöhle fand sich dunkles flüssiges 
Blut; links sass als faustgrosser Tumor der Fruchtsack In einem 
Nebenhom. Es gelang mit Hega r’schen Dilatatoren den Cervikal¬ 
kanal und den Kaual des Verbindungsstücks so zu dilatiren, dass 
die Höhle mit dem Finger von Blut und Plazentarstücken ent¬ 
leert werden konnte. Heilung nach 19 Tagen. 

K. bedauert, nicht die Tubensterilisation der linken Seite 
ftusgefiihrt zu haben und findet es selbst diskutabel, ob die Semi- 
nmputatiou des Nebenhorns nicht richtiger gewesen wäre? Uns 
erscheint letzteres richtiger, da eine Laparotomie doch schon vorau¬ 
gegangen war. 

3) Kos len ko-Moskau: Ein Fall von Geburt bei Uterus 
bicornis duplex. 

Der Fall betrnf eine XI. Para, die 8 normale Geburten und 
| 2 Aborte gehabt hatte. Die Diagnose wurde während der Geburt 
; gestellt; es handelte sich um Zwillinge, die sich, jeder in 1 Horn, 
entwickelt hatten. Die Scheidenwand ging bis In das Collum uteri 
herab. Wochenbett normal. 

4) E. P f 1 a n z - Marienbad: Pubertätshypertrophie beider 
Mammae. 

30 jährige Frau, die seit ihrem 10. Lebensjahr die noch jetzt 
unveränderte Hypertrophie der Mammae besitzt. Der grösste Um¬ 
fang betrug 48 cm. Bei einer Entfettungskur nahm Pat. um 
7.9 kg ab. während die Brüste ganz unverändert blieben. Hieraus 
schllcsst P.. dass es sich um reine Hyperplasie der Drüsensubstanz. 
nicht um Fettablagerung an den Mammae handelte. Pat. war 
Übrigens seit 12 Jahren verheiratliet und nie gravid gewesen. 

No. 3. 1) K r ö n i g - Leipzig: Die mediane Spaltung de3 

Uterus bei der vaginalen und abdominalen Totalexstirpation 
desselben. 

K. hat die von Küstner. Kelly, D ö d e r 1 e i n und ihm 
selbst empfohlene Operationsmethode in letzter Zeit 32 mal ver¬ 
wendet und bespricht die Vortlieile derselben. Von den 32 Fällen 
waren 25 vaginal und 7 abdominell operirt. Eine Pat. starb, die 
andern sind glatt geheilt. Als Indikationen gelten chronisch¬ 
entzündliche Adnexerkrankungen. Totalprolaps des Uterus und der 
Scheide, klimakterische und endometrisclie unstillbare Blutungen. 
Myoma uteri. Carcinoma uteri, Ovarialkarzinom und Tuben- 
scliwangerschaft 

2) G. B u 11 u s - Freiburg i. B.: Zur Topographie des Uterus 
und der Blase nach Alexander-Adams’ Operation. 

* B. fand unmittelbar nach der Operation den Uterus fast stets 
gestreckt, den Fundus über den Beckeneingang erhoben, oft 2 bis 
3 Querfinger breit. Später ändert sich dieser Zustand häufig und 
besonders wird der Stand des Uterus durch den Füllungszustand 
der Blase beeinflusst. B. betont die Wichtigkeit weiterer Unter¬ 
suchungen über die Lage des Uterus gleich nach der Operation 
und bei Nachuntersuchungen. 

3> A. T h e i 1 h a be r - München: Das Weten der Dys¬ 
menorrhöe. 

Th. vertheidigt seine In dieser Wochensehr. 1901, p. 882 go- 
gegebene Deutung der Ursachen des Schmerzes bei der sogen, 
essentiellen Dysmenorrhoe gegen Menge tcf. das Referat in 
diesem Bl. 1901, No. 52, p. 2119). Er empfiehlt von Neuem 


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154 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


gegen die Schmerzen die Resektion des Sphinkter orif. intern!, ans 
deren Erfolgen sieh die Richtigkeit seiner Auffassung bestätige. 

J a f f e - Hamburg. 

Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. 20. Bd. 3, 4., 

5. u. 6. Heft. 

Friedrich H a h n: lieber das Auftreten von Kontrakturen 
bei Dystrophia muscularis progressiva. (Aus dem Kaiser Franz 
Josefs-Ambulatorium in Wien.! 

Verfasser lullt es fiir möglich, dass die bisweilen im Frfih- 
stadium der progressiven Muskeldystrophie sieh entwickelnden 
Knochenveründerutigeu «Difformitiiten des Brustkorbes. Spitzfuss- 
stellung u. r. w.) auf Erkrankungen des Skelets zuriickzufiihren 
sind, nachdem eine Erklilrung dieser Phiimunene durch reine 
Muskelwirkung „bisher nicht in befriedigender Weise gegeben 
werden konnte“. 

Rolly: Angeborene doppelseitige Starre (L i 111 e’sche 
Krankheit) bei Zwillingen mit Sektionsbefund. 

Derselbe: Weiterer Beitrag zur kongenitalen Muskel- 
starre. (Aus der Heidelberger Kinderklinik und Poliklinik.) 

v. T i 1 i n g: Ueber die mit Hilfe der Marchifärbung nach¬ 
weisbaren Veränderungen im Rückenmark von Säuglingen. (Aus 
der medizinischen Klinik in Bonn.» 

T. fand fast in allen untersuchten Rückenmarken von Säug 
lingen bei Anwendung der M a r c h i - Methode schwarze Körn¬ 
chen im intramedullären Antheil der vorderen und der hinteren 
Wurzeln. Als ursächliche Momente für die gefundenen Verände¬ 
rungen sind wohl weniger bestimmte Krankheiten als vielmehr 
allgemeine Ernährungsstörungen anzusehen. 

Za li n: Ein Beitrag zur Kenntniss der Brückengeschwülsts. 
(Aus der psychiatrischen Klinik in Würzburg.) 

Eine in der Brücke aufgetretene gummöse Geschwulst ver¬ 
ursachte. ohne zur Raumverdrängung zu führen, die schwersten 
Ilirndmcksymptoine. Im Bereiche der Neubildung sind die 
Pyramidenbahnen zu Grunde gegangen. Die bpi dem Kranken 
beobachtete hochgradige Ataxie kann nicht durch die Ponsläsion, 
sondern lediglich durch die Fernwirkung auf das Kleinhirn er¬ 
klärt werden. 

Kopezynski: Zur Kenntniss der Symptomatologie und 
pathologischen Anatomie der Lues cerebri. (Aus dem Labora¬ 
torium des Prof. () p p e n h e i m - Berlin.) 

Zu kurzem Referat nicht geeignet. 

Kreg m a u n - Warschau: Ueber Kleinhirngeschwülste. 

Mittheilung einiger klinischer Berichte von Patienten mit 
Kleinhimaffektionen. 1 h* 1 denen die Diagnose durch den nut¬ 
optischen Befund bestätigt werden konnte. 

X a 1 b a u d o f f - Moskau: Zur Frage der Pathogenese von 
Rückgrats Verkrümmungen bei Syringomyelie. 

Die Frage, ob die so häufige Krümmung der Wirbel¬ 
säule bei der Syringomyelie auf Veränderungen der um¬ 
liegenden Muskulatur zurückzuführen ist oder ob ein primäres 
Knochenleiden vorliegt, wird von dem Verfasser auf Grund ein¬ 
gehender Forschungen dahin beantwortet, dass die „knoehen- 
trophisohe Entstehung der Wirbelsäulenkrümmung nachweisbar 
wäre“. 

B ä u m 1 i u: Ueber familiäre Erkrankungen des Nerven¬ 
systems. (Aus der mediz. Klinik und aus dem Kinderspital zu 
Basel.) 

Der Autor fasst die Ergebnisse seiner sehr eingehenden Arbeit 
ln folgenden Schlusssätzen zusammen: 

1. Im Verlaufe der typischen Fälle von F r i e d r e i e h'scher 
Krankheit kommen neben den klassischen Symptomen auch Sen- 
sibilitiitsstörungen, Atrophie und Pseudohypertrophie der Mus¬ 
kulatur vor. 

2. Der von Pierre Marie als Hcrf*do-Ata.\ie cßrfdudleusc 
aufgestellte Typus, das spastische Gegenstück zur Fried - 
reich’schen Krankheit, wird sowohl wegen des klinischen Bildes 
als wegen des pathologisch-anatomischen Befundes am besten mit 
der letzteren zusammen zu einer nosologischen Einheit, der 
hereditären Ataxie, gerechnet. 

ö. I >ie W e s t p h a 1 - S t r ü in p e 11 ’ s c li e N e «rose, die 
vorläufig noch als Pseudosklerose zu bezeichnen ist und haupt¬ 
sächlich durch motorische Reizersclieinungen charakterisirt wird, 
kann auch hereditär-familiär auftreten. 

Grunow: Zur Poliomyelitis anterior (chronica und acuta) 
der Erwachsenen. (Aus der med. Klinik in Kiel.) 

Nichts wesentlich Neues. 

B r a s c li - Berlin: Beiträge zur Aetiologie der Tabes. 

Der Autor bringt mit Krankengeschichten von Tabes in¬ 
fantum. Tabes unter Elleleuten und Tabeskranken mit manifester 
Lues weitere Beweise darüber, (biss die Syphilis in der Aetiologie 
der Tabes eine grosse Rolle spielt. # 

Alcssandro M a r i n a - Triest : Studien über die Pathologie 
des Ciliarganglions bei Menschen, mit besonderer Berücksich¬ 
tigung desselben bei der progressiven Paralyse und Tabes. 
Vergleichende Studien mit dem Ganglion Gas3eri und cervicale 
supremum. Bedeutung des Ciliarganglions als Zentrum für d’n 
Sphinkter iridis bei Menschen. 

M. konnte feststellen, dass ln allen Fällen von progressiver 
Paralyse und von Tabes, in denen die Pupillenreaktiou fehlte, die 
Ciliarganglien und meistens auch die Ciliarnerven Degenerations¬ 
zeichen boten. Bei diesen Krankheiten liegt eine langsam ver¬ 
laufende Entartung der Zellen des Spinalgaugiions vor und zwar 
schwindet zuerst die chromatische Substanz, dann erst die 
Ganglienzelle selbst. 


I, e w 1 n k o li n und A r mit: Ueber die Einwirkung der ge¬ 
bräuchlichen Pupillenreagentien auf pathologische Pupillen. 
(Aus der Irrenanstalt zu Dalldorf.) 

Die reflektorische und die absolute Pupillenstarre sind nur 
graduell verschiedene Kraukheitserscheinungcu; die absolute Starre 
ist lediglich als ein höherer Grad der Erkrankung aufzufassen. 
Die Miosis hei reflektorischer Pupillenstarre ist bedingt durch zen¬ 
trale Sphinkterreizung. 

F1 u k e 1 n i) u rg: Ueber Myeloenkephalitis disseminata 
und Sklerosis multiplex acuta mit anatomischem Befund. (Aus 
der Poliklinik von O p p e n h e i m in Berlin.) 

H i g i e r- Warschau: Zur Klinik der Schweissanomalien bei 
Poliomyelitis anterior (spinale Kinderlähmung) und posterior 
(Herpes zoster). 

Der Autor konnte bei mehreren Fällen von Vorderhorn- 
erkmnkung die Beobachtung machen, dass im Gebiet der ge¬ 
lähmten Extremitäten Anidrose bestand und verinuthet, dass mit 
den Vorderhornganglienzellen gleichzeitig die Soli welsszcnt reu. die 
vermuthlich an der Basis des Ilinterhornes gelegen sind, zu Grunde 
gingen. 

Bei Herpes zoster zeigen die ergriffenen Hautpartien noch 
lange Zeit (mehrere Monate) nach Abheilung der Bläschen Hyper- 
idrose. H. glaubt, dass diese Erscheinung durch eiue Reizung der 
Schweisszeutreu von dem erkrankten Spinalgauglion her zu er¬ 
klären sei. 

v. S t r ü m pell- Erlangen: Ueber das Tibialisphänomen 
und verwandte Muskelsynergien bei spastischen Prozessen. 

Als Tihialisphänomon wird vom Verfasser eine heim Heran¬ 
ziehen des Beines an (len Rumpf gleichzeitig stattfindeude An¬ 
spannung des Musculus tibialis auticus bezeichnet. Diese Mitbe-, 
wegung findet sich fast regelmässig bei den Hemiplegien, mögen 
sie zerebraler oder spinaler Natur sein, ln solchen Fällen wird 
der innere Fussraml des kranken Beines bei Flexion des Olier- 
sehenkels in der Hüfte durch die synergische Kontraktion des 
Tibialis auticus stark gehoben und diese Bewegung kann auch 
durch Gegendruck mit der Hand nicht gehemmt werden. Bei herni- 
plegischen Paresen tritt das Tibialisphänomen desshall» so deutlich 
hervor, weil man hier ohne Weiteres den Unterschied in der 
Beugung des gelähmten und des gesunden Beines beobachten kann: 
es findet sich diese Mitbewegung aber auch bei den Panrpleglen 
mit spastischer Parese der Beine, also vorzüglich in den Fällen, 
in welchen positiver B a b i n s k y’scher Zehenreflex (Dorsalflexloni 
beobachtet wird. Der letztere Hautreflex hat vor dem Tibialis¬ 
phänomen aber noch den Vorzug, dass er auch bei willkürlich 
völlig gelähmten Beinen zu Stande kommen kann. 

Das Tibialisphänomen bietet grosses theoretisches Interesse, 
weil cs uns zeigt, dass die Kranken die Fähigkeit verloren haben, 
bei der willkürlichen Innervation des einen Muskels den anderen 
schlaff zu halten: die Kranken können nur ganze Muskelgruppen 
(in diesem Fall die Verkiirzer der gesammten unteren Extremitäti 
lu Aktion setzen, aber nicht mehr die einzelnen Muskeln isolirt 
iimervireu. Die Ursache für diese Erscheinungen scheint in der 
Leitungsunterbrechung in den Pyramidenhahnen zu liegen. Aehu- 
lielu* Mitbewegungen wie das Tibialisphänomen findet man bei 
Hemiplegien auch in den oberen Extremitäten. 

Th. Rumpf und O. Schümm: Ueber chemische Ände¬ 
rungen der Muskulatur bei der Entartungsreaktion. 

Bei der chemischen Analyse der gelähmten Muskeln eines an 
Polyneuritis verstorbenen Alkoholikers zeigte sich, dass der Fett¬ 
gehalt. in hohem Grade vermehrt war. Die Autoren nehmen au. 
dass das Fett einer Einlagerung in die entartete Muskulatur 
und nicht einer fettigen Degeneration des Muskels 
seine Entstehung verdankt. Ferner lässt sieh nachweisen. dass 
die Trockensubstanz des entarteten Muskels beträchtlich vermin¬ 
dert, der Wassergehalt alter stark vermehrt Ist. 

W. KoiMilg- Dalldorf: Beiträge zur Klinik der cerebralen 
Kinderlähmungen. 

Der Autor, welcher schon zahlreiche Arbeiten über die im Titel 
stellende Krankheit verfasst hat. bringt hier „in Form einer Nach¬ 
lese“ eine Reihe von werthvollen Beobachtungen und erörtert da¬ 
bei vorzüglich die Störungen der Sensibilität, die motorischen Reiz- 
crscheinungcn und die Koordiuationsstörung, die Stellung des ge¬ 
lähmten Armes, den Muskeltonus. die passive Beweglichkeit der 
Gelenke und andere wichtige Punkte. 

L. R. Müller- Erlangen. 


Virchow’s Archiv. Bd. ICC. Heft 3. 1901. 

18) S. Knslii w a m u r a - Japan: Die Schilddrüse bei In¬ 
fektionskrankheiten. (Aus der pathol. Anstalt des Kranken¬ 
hauses im Friedrichshain zu Berlin.) 

Im Gegensatz zu anderen Autoren (Roger, Garnier. 
Ton i u. A.) findet Iv. keine charakteristischen Veränderungen 
dabei vor. 

P.t) J. Meiner! z: Ein ungewöhnlicher Fall von ange¬ 
borener Missbildung des Herzens. (Aus dem pathol. Institut zu 
Berlin.) 

Dieselbe betraf einen 24jälirigen jungen Mann, der seit dem 
IT». Lebensjahr angeblich Beschwerden hatte: es handelte sich um 
abnorme Stellung und Defektbildung des Ventrikelseptums zu¬ 
gleich mit Hypoplasie des PulmonaJkouus und Stenose des Pul- 
monalostiums (nur 2 Klappeutn sehen); die Aorta verläuft vor der 
Pulmonalis. und ausserdem entspringen einige Sehnenfäden der 
Tricuspldalklappc, durch den Septumdefekt hindurchtretend (!'. 
von der Wandung des linken Ventrikels. In diesem abnormen 
Ursprung verinuthet M. den entwicklungsgeschichtlichen Grund 


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*>$. Januar 190Ö. MUENCHENEß MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


15-' 


/ 

( 


für ilen Septumdefekt, während <li«* Pulinoiinlstenose entzündlicher 
Natur xu »ein scheint. M. fügt noch einen zweiten Full bei einem 
-VT jährigen weiblichen Individuum an. bei dein neben völligem 
Defekt de» Vorhofseptums eine entzündliche Konusstenose der 
Pulmonalls und ein thalergrosser Defekt in der Ventrlkelsche : de\vnnd 
konstatirt wurde. 

2U) F. B 1 u tu - Frankfurt a/M.: Ueber Nierenveränderungen 
bei Ausfall der Schilddrüsenthätigkeit (Nephritis interstitiaiis 
autointoxicatoria). 

Ausgehend von einer früheren Arbeit (Die Schilddrüse als 
«•utgifteudes Orgau. Vircb. Arrli. Bd. 158) weist B. in vorliegendem . 
Aufsatz nach, dass sieh bei Ausfall der Schilddrüsenthätigkeit 
an den Vereuehsthieren neben konstanten typischen Degenera¬ 
tion s e r s eh ein u n g e n am Zentraine rvonsystem 
auch stets da» Vorhandensein einer herdweise beginnenden oder be¬ 
reit» diffusen interstitiellen Nephritis nach weisen 
lässt, vorausgesetzt, dass die Thier«; nicht ganz akut 
zu Grunde gegangen waren, oder sieh als dauernd immun 
gegen die der Sehilddrilsenexstirpation folgende Vergiftung 
erwiesen. B. folgert aus den vorliegenden und den früheren Ex- 
l«erimenten: Die Schilddrüse hat als entgiftendes Organ die Funk¬ 
tion. «lein Organismus schädliche Darmtoxine zu vernichten; er¬ 
lischt diese Thiitigkeit. so stellt sich ein«; onterogene Autointoxi¬ 
kation ein, als deren Folge die auftretenden Nieren Veränderungen 
zu betrachten sind. 

21) A. Pappenheini; Wie verhalten sich die Unn a’schen 
Plasmazellen zu LymphocytenP (Aus Dr. TT n n a's Dermato- 
logieum zu Hamburg.) Theil II und III, sowie zusamnipufassende 
Thesen. 

Die umfangreiche Arbeit ist zu kurzem Referat nicht geeignet. 

22) S a w a d a - Japan: Die Veränderungen der weichen 
Hirnhaut bei akuten Infektionskrankheiten. (Aus dem pathol. 
Institut zu Berlin.) 

Die Haupterseheinungen, die bei den 21 von S. untersuchten 
Fällen beobachtet wurd«;n, waren: Vermehrte Blutfüllung in den 
Gefassen, Blutextravasate in der Araehnoidea; üdematoser Zu¬ 
stand und Leukoeyteuintiltrution der Araehuoid«a. Dabei g«*ht der 
mikroskopische Befund nicht immer dem makroskopischen parallel, 
so sieht man besonders, dass mikroskopisch ein«; Entzündung nach¬ 
gewiesen werden kann, während die makroskopische Untersuchung 
dieselbe nicht erkennen liess; in seltenen hüllen findet man freilich 
auch Oedem mit leichter Trübung, wobei der mikroskopische Be¬ 
fund relativ geringgradig«; Prozesse aufweist. Diesen ana¬ 
tomischen Veränderungen entsprachen in der Hegel auch klinisch 
mehr weniger ausgesprochene meningltische Erscheinungen. 

22) II. ltoede r-Berlin: Ein Fall eines solid thrombirten 
(? lief.) Dilatationsaneurysma de« Ductus arteriosus Bot&lli. 
«Aus dem pathol. Institut zu Dresden.) 

In vorliegender Arbeit beschreibt 11. bei einem 10 Tage alten 
Kind ein durch einen rothen Thrombus verschlossenes Aneurysma des 
Duet. art. von derGrösse einer halben Kirsche. Nach It.’s zusammen- 
fassender Darstellung scliliesst sich der Duct. art. unter normalen 
Verhältnissen nicht durch Thrombose, sondern durch eine uorina- 
liter an seiner Eiumündungsstelle in die Aorta vorhandene klappen¬ 
artige Lamelle, welche bei Steigerung des Aortendrucks nach 
dem ersten Athemzuge das Lumen der Duktusmündung verlegt; 
dieser klappenartige Sporn ist bedingt durch die spitzwinklig«; 
(33 •) Vereinigung von Duktus und Aorta. Der ganze Duktus 
schliesst sich alsdann durch eiue Endarteriitis obliteraus. Diese 
Verhältnisse können eine Störung erleiden, wenn die Blutdruck- 
regulimng im Aorten- und Pulmonalkreislauf verzögert wird; der¬ 
artige Momente sollen im vorliegenden Fall durch die lang sich 
hinschleppende schwere Geburt und die dadurch bedingte Asphyxie 
d«*s Kindes gegeben sein. 

24) F. Palla: Ueber einen Fall von Kanalisationsstörung 
des untersten Ileum in Folge von Einschnürung durch einen 
bindgewebigen Strang. (Aus dem anatomischen Institut zu Inns¬ 
bruck.) 

Der einschnürende bindegewebige Strang entspricht der ob- 
literlrten Vena meseuteriea inferior und es ist der vorliegende, 
nur zwei Parallelfälle in der Literatur aufweisende Befund als 
entstanden durch eine alte retroperitoueole Hernie des Kecessus 
duodeno-jejunnlis (T r e 11 z) zu erklären. (Näheres siehe Ori¬ 
ginal!) 

25) J. A r n o 1 d - Heidelberg; Ueber feinere Strukturen der 
Leber, ein weiterer Beitrag zur Granulalehre. (Rud. Vlrchow 
zur Feier seines 80. Geburtstages gewidmet) 

Zu kurzem Referat nicht geeignet. H. Merkel- Erlangen. 

Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. 11)02. 
Bd. 39. 1. Heft. 

1) Paul C 1 a i r m o n t - Wien: Differentialdiagnostische 
Untersuchungen über Kapselbakterien. 

Die bisher auf morphologischer Basis nicht vollkommen ge¬ 
lungene Unterscheidung der bekannten ähnlichen Organismen des 
Hhinoskleroms, der Ozaena, des Bacillus mucosus, 
Friedländer, Lactis aerogeues suchte Verfasser durch 
Herbeiziehung der Serumrenktiou resp. Agglutination 
zu ermöglichen. Er isolirte und sammelte insgesammt 
28 Stämme, mit denen zum grossen Theil Thiere immuuisirt 
wurden. Zu seiner Ueberraschung gelang es al)«*r nur mit einigen 
wenigen Stammen, eine Immunität der Thiere und Entwickelung 
von Schutzstoffen zu Stande zu bringen. Die meisten untersuchten 


Stämme bildeten überhaupt kein«■ Agglnlinlne. so dass 
die serodiagnostische M«*tliod<* sieh als unbrauchbar hu musst «»Ute. 

Es wurden nun, wie auch von den früheren Untersuchern, 
die morphologischen und biologischen Merkmale 
wieder herangezogen, aber auch nur mit geringem Erfolg, da 
n b s o 1 u t e Charaetcristl c a für die einzelnen Arten nicht 
hervortraten und biochemische Eigenschaften nur zum Theil dia¬ 
gnostisch verwertlibnr gefuurieu wurden. Clairmont ist in¬ 
des» der Ansicht, dass mit Heranziehung des T li i e r e x p e r i - 
ui e ntes auf <!rund «h*s mikroskopischen Bildes d e r 
Agarplatten, der Farbe des Rasens, der Milch- 
geri n n u n g. I n t e n s 11 ii t d e r G a s b i 1 d u n g bei Itohr- 
und Milchzuekcrvergühnmg und «l«*r S ä u re b i 1 d u n g wenig¬ 
stens eine Abtrennung des Baut. laut, aerogeues vom 
B a c t. p n e u moni a e F r i e d 1 ä u «1 e r erfolgen könne. Audi 
sei es möglich, «len It li i n o s k 1 e r o m 1> a c i 11 u s vom P n e u - 
monie- und Ozacuabacillns abzutrennen. Maassgebeml 
sei hier: Reaktion d e r L a c k m u s ui o 1 k e. G a s b i 1 d u n g 
b e i W a c h s t li u m in Z u c k e r 1 ö s u n g e u und die T li ler- 
p u t h o g e n i t ii t. 

2) Markl-Wien: Ueber Hemmung der Hämolyse durch 
Salze. 

Die Versuche Mark l'» verfolgten den Zweck, festzustellen, 
ob saures phosphorsau res Natron die hämolytische 
Wirkung des normalen und des Imimmscrums beeinflusst. Durch 
Experimente an Tlileren liess sieh erweisen, dass das Salz die 
Erytbroeyten vor der hämolytischen Wirkung der Sera schützte. 
Es muss also das Salz die Zellmembranen «ler Erytbroeyten in 
einer Welse beeinflussen, dass die Alexine nicht eingreifen können. 
Diese Theorie deckt sich vollständig mit der physikalischen Theorie 
N o 1 fs. 

2) F. Iv i r s t e i n - Giessen: Ueber die Dauer der Lebens¬ 
fähigkeit von Krankheitserregern, in der Form feinster Tröpf- 
^cnen und Stäubchen. 

Die vom Verfasser früher gemachten Versuche mit Pro¬ 
di giosus und rosa Hefe dehnte derselbe auf Diph¬ 
therie. tuberkulöses S p u t u m, Geflügel clioler a. 
Staphylokokken. Streptokokken und Milzbrand- 
sporeu aus und schloss daran noch einige Versuche über die 
L«*bens«lnuer der Keime beim Versprühen in der Form feinster 
Stäbchen. 


Danach halten sich: 

Prodigiosus. 

Typhus . 

Diphtherie . 

Tuberkulose .... 
Gefl ügelcholera . 
Staphylococcen.. 
Streptococcen . . . 
Milzbrandsporen . 


im zerstreuten Tages¬ 
licht aufbewahrt: 
im Mittel 
24 Stdn. 

24 „ 

24-48 „ 

5 Tage 
1U Stdn. 

8—10 Tage 

10 n 

lü Wochen 


im Keller aufbewahrt 
im Mittel 

? 

? 

5 Tage 

wenigstens 22 Tage 
24 Stdn. 

35 Tage 

33 

mindestens 3 Monate. 


Nach diesen Resultaten muss der frühere Hinweis vom Ver¬ 
fasser. dass die mit feinsten Tröpfchen verspritzten Tuberkel¬ 
bazilien unter der Einwirkung von Lieht und Luft iu 
„k ii r z e s t e r Z e 11“ ihre Lebensfähigkeit einbüssen, doch erheb¬ 
lich modiflzirt wcnlen. 

Wie aus der Zusammenstellung hervorgeht, ist die Lebens¬ 
dauer ausserordentlich verschieden, doch zeigt sich, dass sie immer 
abhängig ist direkt von der Dichtigkeit der den 
schädlichen Einflüssen des Lichtes und de r 
Austrocknung ausgesetzten B a k t e r i e n m u s s e n. 

Ueber die Dauer der L«*bensfäliigkeit der Bakterien in Form 
feinster S t ä u b c li e n ist die Angabe zu machen, dass die 
untersuchten Materialien (Prodigiosuskulturen, Sta¬ 
phylokokkenkulturen und broncliitisches Spu- 
t u m) sich in dieser Form 1 ä n g«; r halten als in feinsten Tröpf¬ 


chen vertheilt. 

4) Fr. W ec li s be rg - Frankfurt a/M.: Zur Lehre von der 
natürlichen Immunität und über bakterizide Heilsera. 

R. ü. Neu mann - Kiel. 


Berliner klinische Wochenschrift. 1902. No. 3. 

1) II. S a 1 o in o n - Frankfurt a. M.: Zur Organotherapie der 
Fettstühle bei Pankreaserkankung. 

Verf. beschäftigte sich mit der Prüfung der Frage, wieweit 
pankreatogene St«*at«»rrhoe durch die Darreichung neuerer Pan¬ 
kreatin priipnrate verbessert werden kann. Bei «ler erst«*n Patientin 
liess sieh durch Darreichung des sog. Pankreon», ein«*s mit 10 Proz. 
Tannin verbundenen Pankreatins (Ulieuanin-Auchen) ein«» Vermin¬ 
derung der l'VttHusselicidung und eine Besserung der N-Aufnahme 
erzielen; auch bei einem zweiten Falle erhielt Verf. Del einer Reihe 
von Versuchsperioden ähnlich günstige Resultate. Durch die 
Organotherapie kann auf «len Stoffwechsel pankivaskranker M«»ti¬ 
schen entschieden mächtig eingewirkt werden. 

2) W. F r i e d 1 ä n der- Berlin: Zur Uebertragungsweise der 
Syphilis. 

Verf. bespricht folgenden Fall: Ein mit frischer Syphilis.be¬ 
hafteter Kellner führte die Konzeption seiner gesunden, nicht 
immunen Frau herbei, ohne sie zu inflzireu. Dass «las am nor¬ 
malen Ende «ler S«*hwnng«*rsehaft g«»horeno Kind gesund war. 
wird dadurch bewiesen, «lass es mit 1 Jahr und 8 Monaten einen 
Primäraffekt mit sich anschliessenden sekundären Erscheinungen 


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MUENCRENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


156 


erwerben konnte. Erst 1 Jalir nach der Geburt eines zweiten ge¬ 
sunden Kindes ist auch die Infektion der Mutter zu Stande ge¬ 
kommen. Der Fall zeigt, dass die Vererbung der Syphilis von 
den Eltern auf die Kinder auch im frühen Stadium der elter¬ 
lichen Syphilis nicht obligatorisch ist. 

,1) W. P i c k - Breslau: Psoriasis und Glykosurie. 

Versuche über das Auftreten von alimentärer Glykosurie, 
welche Verf. bei 50 Psoriatikern und ebensoviel anderen Haut- 
kranken anstellte, hatten das Ergebnis«, dass die alimentäre Glyko¬ 
surie sich bei der letzteren Kategorie von Kranken mindestens 
ebenso häutig Ümlet, als bei den Psoriasiskranken, so dass der 
eigentliche Befund von alimentärer Glykosurie bei Psoriasis sich 
nicht im Sinne einer Beziehung der Psoriasis zu Stoffwechsel¬ 
anomalien verwerthen lässt. 

4) H. G e b h a r d - Lübeck: Maassnahmen zur Ergänzung 
der durch Unterbringung in Heilstätten geübten Fürsorge für 
Lungenkranke. 

Vergl. hierüber das Referat S. 1703 der Münch, ined. Wochen¬ 
schrift 1001. 

f») J. Ruhe m a n n - Berlin: Eine einfache Methode zur so¬ 
fortigen quantitativen Bestimmung der Harnsäure im Urin. 

Referat siehe S. 2022 der Münch, med. Woehonschr. 1901. 

Grassmann - München. 

Deutsche medicinische Wochenschrift. 1Ü02. No 2. 

1) H. Brat- Berlin: Ueber die Bedeutung des Leims als 
Nährmittel und ein neues Nährpräparat „Gluton“. 

Nach einem Im Verein für innere Medizin in der Sitzung vom 
4. November 1901 gehaltenen Vortrag. (Referat s. d. Woclieuschr., 
No. 40, 1901.) 

2) F. W e i s s b e i n - Berlin: Ueber einige neuere Nähr¬ 
präparate. 

Farbenanalytische Untersuchung einiger neuerer Nährpräpa¬ 
rate nach der Poan er’sehen Methode, wobei statt des E li r 11 c h- 
schen Triacids die Pappenhei ra’sehe Farblösung verwandt 
wurde. W. weist auf die hohe Bedeutung dieser sich durch 
leichte Ausführbarkeit auszeichnenden Methode hin. womit es jedem 
Praktiker mit Hilfe einer Zentrifuge und eines Mikroskops ohne 
Mühe gelingt, sieh über den Werth und die Zusammensetzung 
der jetzt so massenhaft in den Handel kommenden Nährpräparate 
zu orlentiren, bevor noch Stoffwechselversuche angestellt sind. 

3) F. II a a s 1 e r: Ueber Folgeerkrankungen der Ruhr. 

Nach einem am 15. März 1901 im Verein deutscher Sanitäts¬ 
offiziere des ostasiatischen Expeditionskorps in Tientsin gehaltenen 
Vortrag. (Schluss folgt.) 

4) W. Kolle und E. Martini: Ueber Pest. (Aus dem 
Institut für Infektionskrankheiten in Berlin.) (Fortsetzung folgt.) 

5) Ferencz Jüttner- Breslau: Kritisches zur physikalisch¬ 
chemischen Untersuchung der Mineralwässer. 

Zu einem kurzen Referat nicht geeignet. 

0) Aus der ärztlichen Praxis. 

a) A. von zur Mühlen: Ein Pall von operativ geheilter 
subglottischer Narbenstenose. 

Kasuistischer Beitrag. 

b) Z. B y c h o w s k - Warschau: 1. Eine kleine Verbesserung 
der Magensonde. 

Um die Höhe eines Hindernisses in der Speiseröhre beim Son- 
diren bequem bestimmen zu können, empfiehlt B. das Anbringen 
einer Zentimeterskala (ungefähr bis 50 cm) auf jeder Magensonde, 
wobei die unsaubere und unangenehme Manipulation des nach- 
herigen Messens umgangen werden kann. 

2. Eine einfache und empfindliche Eiweissprobe. 

Angabe einer sich besonders in der Kinderpraxis empfehlenden 
Methode, mit Hilfe derer es gelingen soll, schon bei 1 bis 2 Tropfen 
Urin Eiweiss mit Bestimmtheit nachzuweisen. Diese Modifikation 
der gewöhnlichen Kochprobe besteht in einer leicht wahrnehm¬ 
baren opaleszirenden Trübung, die ein Tropfen eiweisshaltigen 
Urins hervorruft, den man auf heisses, in einem Reagensglas oder 
Irgend einem beliebigen farblosen Gefäss befindliches Wasser 
fallen lässt. M. L. 

Correspondenzblatt fiir Schweizer Aerzte. 32.Jahrg. No. 2. 

Max W a 11 h a r d - Beru: Zur Prophylaxe nach Naht des 
Rektum-Damm-Vaginalrisses (Dammriss IH. Grades, kompleter 
Dammriss) und der Rekto-Vaginalflstel. (Schluss folgt.) 

F. Müller- Basel: Zur Erinnerung an Carl Lieber¬ 
meister. 

Enthält hauptsächlich eine lesenswerthe historisch-kritische 
Darstellung der Anschauungen über Typhus und Fieber und der 
bezüglichen Leistungen Liebermelste r’s. 

Dr. O. rischingcr. 

Oesterreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 3. 1) E. Strüussle r - Wien: Zur Aetiologie der akutsn 
hämorrhagischen Encephalitis. 

An der Hand zweier klinisch genau beobachteter und später 
auch zur Autopsie gelangter Fälle von akuter hämorrhagischer 
Encephalitis, sowie ähnlicher in der Literatur niedergelegter Be¬ 
obachtungen beleuchtet Verf. den Zusammenhang der klinischen 
Erscheinungen dieser Krankheit mit intestinaler Autointoxikation, 
weiche wahrscheinlich durch Koprostase hervorgerufen werden 
kann. Klinisch bemerken«werth war das Auftreten von Aceton 
in den betr. Fällen, was als Indikator für die Anhäufung giftiger 


Produkte des Stoffwechsels im Organismus aufgefasst werden 
kann. Es wird für die bezeichnet« Krankheit hiedurch eine ätio¬ 
logische Analogie mit verschiedenen anderen nervösen Erkrank¬ 
ungen hergestellt, z. B. mit dem Delirium acutum, der Amentia. 
Speziell kann die Hyperämie des Gehirnes in ätiologischen Zu¬ 
sammenhang mit der Koprostase gebracht werden. In Betracht 
zu ziehen ist besonders auch, dass Störungen des Verdauungs- 
traktus in der Symptomatologie der Encephalitis auffallend häufig 
eine Rolle spielen. 

2» G. Markt-Wien: Experimentelle Untersuchungen über 
das Antityphusextrakt J e z’s. 

Verf. bespricht die Darstellung seines Extraktes, sowie die 
vergleichenden Prüfungen der Sehutzkraft der Antitypliusextrakte 
und der Typhusimnnmsera an der Hand zahlreicher Thierversuche 
und kommt zu folgenden Schlüssen: Die aus den Organen der 
mit Typhusbazilion behandelten Kaninchen nach deT von Jez 
angegebenen Methode dnrgestellteu Extrakte, sowie das Orlginal- 
Antilyphusextrakt J e z’s enthalten Schutzstoffe gegen die Typhus- 
hazillen, aber in geringerer Menge als die entsprechenden Immun¬ 
sera; diese Schutzstoffe sind spezifische Körper, welche in Organen 
von normalen Kaninchen nicht nachweisbar sind; die Wirkung 
dieser Stoffe ist eine antiinfektiöse, nicht antJtoxische. 

3) O. Frankl-Wien: Ein neues trepanförmiges Schädel- 
perf Oratorium. 

Siehe Abbildung und Beschreibung Im Original. 

G l'iiss m a u n - München. 

Wiener medicinische Presse. 

No. 3. W. Winternitz - Wien: Lungentuberkulose und 
Hydrotherapie. 

Eine rein kontagionistische Auffassung der Tuberkulose ge-/ 
nügt weder den Ansprüchen der wissenschaftlichen Theorie, noch 
sind die lediglich auf Bekämpfung des Bazillus gerichteten thera¬ 
peutischen Maassnahmen (Entfernung des Sputums u.dgl.) praktisch 
genügend wirksam. Die Heilstätten werden Immer nur einem viel zu 
geringen Tlieil der Kranken Aufnahme gewähren können. An 
Stolle der Zentralheizung in diesen Anstalten wünscht W. dringend 
wegen der Trockenheit der Luft die Ofenheizung. Mastkuren 
werden vielfach übertrieben und sind dann nur schädlich. Die 
Freiluft- und Liegekur, am besten in Form eines wirklichen Zeit¬ 
lebens, eignet sich für Fälle mit hektischem Fieber, sonst ist Be¬ 
wegung und Beschäftigung der Kranken mehr zu empfehlen. Der 
llnuptwerth bei Bekämpfung der Tuberkulose ist auf soziale und 
hygienische Maassnahmen Im grossen Stil zu legen. „Eine 
Phthisenbehandlung ohne entsprechende energische Hydrotherapie 
ist eine unvollständige Behandlung.“ Dient sie im Allgemeinen 
zur Erreichung einer Abhärtung gegen Erkältung und einer grös¬ 
seren Seuchenfestigkeit, so leistet sie in der Behandlung des Ein¬ 
zelnen grosse Dienste als touisireiules, die Ernährung hebemies 
Mittel, dann aber ist sie schon in ganz mässigen Prozeduren 
(z. B. Kreuzbinde) sehr wirksam zur Bekämpfung des hektischen 
Fiebers, das in der Regel als „Stauungstleber“ beginnt. 

Wiener klinische Rundschau. 

No. 1—3. E 1 s e h n 1 g - Wien: Die Pathogenese der Stau¬ 
ungspapille bei Hirntumor. 

Nachdem Verfasser über die neueren einschlägigen Publi¬ 
kationen referirt, kommt er zu dem Schluss, dass sie alle keiuen 
wirksamen Gegenbeweis gegen die Leber'sehe EntzUnduugs- 
theorie erbringen. Er seihst ist noch der Auffassung, dass die 
von dem Gehirntumor produzlrten Toxine mit der Zerebrospinal¬ 
flüssigkeit zum orbitalen Sehnerven gelangen und längs der Ge¬ 
fasst in den priiformirten Ly mph wegen eindringen und dort die 
Entzündung des interstitiellen Gewebes des Nerven erzeugen. 
Auf die weiteren anatomischen und klinischen Deduktionen 
können wir liier nicht eingehen. 

No. 3. M. S a 111 e r - Sarajevo: Ueber Makrodaktylle. 

Genaue Beschreibung zweier Fälle von angeborenem Riesen¬ 
wuchs des 2. und 3. Fingers der r. Hand, welcher namentlich in 
einem Fall einen ganz exzessiven Grad erreichte. Anatomisch waren 
siecharakterisirt als partielle Hypertrophie mit Wucherung des Fett¬ 
gewebes. In jedem Falle Exartikulation der beiden vorderen 
Phalangen des Mittelfingers. 

Prager medicinische Wochenschrift. 

No. 2. H. Nathan: Ueber einen Fall von Tetanie mit tro- 
phischen Störungen im Bereich des Nervus medianus. 

Eine 20 Jährige Frau wurde kurz nach einer Geburt von 
Tetanie befallen. Innerhalb 3 Wochen gehellt, zeigte sie nach 
7 Wochen unter Pariisthesien am 2. und 3. Finger beider Hände 
spontan entstandene Blasen und eiternde Substanzverluste, welche 
narbig verheilten. Neben diesen eigentümlichen Störungen 
— Haarausfall und trophische Veränderungen an den Nägeln sind 
bol Tetanie öfter beschrieben worden — fand sich auch eine links¬ 
seitige Cataracta incipiens, eine Erscheinung, die auf der v.Jaksc fa¬ 
schen Klinik, seit darauf geachtet wird, sich fast bei jedem Fall 
von Tetanie konstatiren lioss. 

No. 3. F. Schenk-Prag: Ueber die Werthigkeit der ein¬ 
zelnen Symptome und Zeichen der beginnenden Schwangerschaft 

Von 01 Fällen lmt Sch. bei einer ersten Serie von 11 wieder¬ 
holt Schwangeren der ersten 0 Wochen jedesmal eine deutliche 
Zunahme des sagittalen Uterusdurchmessers (D i c k i n s o n) ge¬ 
funden. 5 mal das H e g a r’sche Zeichen, und zwar 2 mal korablnirt 
mit dem Piskacek-Brau u’scheu Symptom. 20 Fälle 
(6_8. Woche [5 Nulliparae]) zeigten wiederum die sagittale Yer- 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


167 


grösserung, 13 davon den Öega r’schen, 10 den Plskacek- 
Brau n’schen Befund. Bel 30 Fällen (bis zur 12. Wocbe [5 Nulli- 
parael) fanden sieb letztere Befunde 28 bezw. 23 mal. Für die 
Frühdiagnose der Gravidität ist also die Vergrösserung des 
sagittalen Durchmessers das werthvollste Zeichen, nach diesem 
das H e g a r’sche Zeichen. Gegen Ende des 2. Monates tritt dieses 
letztere in den Vordergrund. Im 3. Monat ist es fast ausnahmslos 
vorhanden, das Piskacek-Brau n’sche Symptom in mehr als 
drei Vierteln aller Fälle. B e r g e a t - München. 

Italienische Literatur. 

S a n f e 1 i c e: Ueber pseudoparasitäre Zeitformen bei 
malignen Tumoren. (Rif. med. 1901. No. 23G—237.) 

Vielfach werden von neueren Autoren die von Flimmer, 
Leopold, Sanfelice, M a f f u c c 1 u. A. als ätiologische 
parasitäre Gebilde ln malignen Tumoren erwähnten Zellformen 
verwechselt mit Zellelnschltissen, degenerirteu 
Zellenhaufen ohne nachweisbare Membran und 
Kapsel, denen eine parasitäre Natur nicht inue- 
wohnt Gegen derartige Arbeiten von N i c h o 1 s und Borrel 
richtet sich der Vorkämpfer der parasitären Theorie, Sanfelice. 
Von der Möglichkeit des Eindringens echter Sprosspilze in Epithel¬ 
zellen, welche Borrel bezweifelt, könne man sich leicht über¬ 
zeugen durch Einimpfung mittels Scariükation auf das Epithel 
der Cornea eines Hundes. Der Anstoss zur Proliferation der 
Epithelzellen würde durch die Produkte der Parasiten gegeben, 
sowohl auf die sie beherbergenden Epithelzelleu als auch auf 
andere per distance. 

Der Umstand, dass man ln normalem Gewebe oder bei anderen 
nicht malignen Geschwülsten die sogenannten Russe l’schen 
Körperchen gefunden habe, beweise nichts gegen seine Spross¬ 
pilztheorie. 

Diejenigen Sprosspilze, welche sich häufig durch Epithel¬ 
läsionen iu der Mucosa und in der Cutis finden, können nach 
ihrem Eindringen ln die Gewebe zu Grunde gehen und ihr Proto¬ 
plasma kann dann die typische Form der sogen. Russe l’scheu 
Körperchen annehmen. 

B u 11 a: lieber die Zunahme der Pellagra in Italien und 
über die Mittel gegen dieselbe berichtet eine neue, in Udine er¬ 
scheinende Zeitschrift. B. betont In derselben, dass trotz aller 
Maassregeln der Sumpfaustrocknungen, der Wohnuugsverbesse- 
rungen, Einrichtung von Volksküchen, Innerhalb der letzten 
5 Jahre die Krankheit ln der Zunahme begriffen sei. In der 
Provinz Brescia sei die Zahl der pellagrösen Irren gestiegen von 
97 auf 154; ln der Provinz Vicenza hätte man vor Kurzem die 
Irrenanstalt erweitern und ein besonderes Pellagra-Irrenhaus an¬ 
bauen müssen. Er schlägt die Einrichtung von öffentlichen 
Nahrungsmittelmagazinen vor, aus welchen Bedürftige um eiu 
Geringes ihren Lebensunterhalt beziehen sollen. (Gazzetta degli 
ospedali 1901, No. 129.) 

Lucatello und Malfatti: Beitrag zum Studium der 
Leberfnnktion bei Pellagrakranken. (Gazzetta degli osped. 1901, 
No. 132.) 

Die Autoren haben im pathologischen Institut zu Padua eine 
Reihe von Untersuchungen gemacht, aus der sie den Schluss 
ziehen, dass die wesentliche Bedingung zur Erkrankung au 
Pellagra eine morphologisch und funktionell 
schwache Leber Ist. Diese Schwäche äussert sich in 
einer Herabsetzung sowohl der glykogenbil¬ 
denden Eigenschaft der Leber, als auch der 
harnstoffbildenden, ausserdem in einer nicht unbedeu¬ 
tenden Reduktion des Volumens des Organes. Es Ist anzunehmen, 
so glauben die Autoren schllessen zu müssen, dass unter solchen 
Verhältnissen Gifte, wie das von verdorbenem Mais herrührende, 
wenn sie die schützende erste Barriöre der Epithelien der Darm¬ 
schleimhaut passirt haben, seitens der Leber nicht den Widerstand 
finden, welcher sonst von diesem Organ auf sie ausgeübt wird. 

Terni: Stadien über die Pest. (Rif. med. 1901, No. 232 
bis 234.) 

Aus dem bakteriologischen Institut zu Pa¬ 
lermo veröffentlicht T. die wichtigsten neueren 
Daten über die bakteriologische und klinische 
Diagnose der Pest. 

In den heissen Ländern sind pernieiöse Krankheiten des 
Lymphgefüsssystems so häufig, dass sie von brasilianischen 
Aerzten als besondere epidemische Krankheitsformen aufgestellt 
werden. Diese wenig exakte Anschauungsart kann bei der noth- 
wendigon frühzeitigen Diagnose der Pest leicht hinderlich werden. 
Die Pest begann in neuerer Zeit überall mit leichten Formen, 
charakterisirt durch Bubonen; erst später folgen dann die mit 
vermehrter Virulenz des Infektionsträgers einhergehenden gastro¬ 
intestinalen, septikämischen und pneumonischen Formen. 

Für die Lymphdrüsenerkrankungen bei Pest ist differential- 
diagnostisch wichtig, dass man niemals entzündliche Erscheinungen 
an den Lymphgefässen zwischen zwei Lymphdrilsenregionen be¬ 
merkt. So z. B., wenn der Initialbubo bei der Pest ein cruraler 
Ist, zeigt sich nach 2—3 Tagen ein inguinaler Bubo; aber beide 
sind nicht durch entzündete Lymphstränge verbunden. In der 
grossen Mehrzahl entspricht dem Pestbubo keine Hautläsion irgend 
welcher Art; wo dies der Fall ist, kann es sich um kleine, un¬ 
bedeutende Excoriatlonen an den unteren Extremitäten handeln; 
niemals aber findet man eine entzündliche Affektion der Lymph- 
gefisse, welche von diesen Läsionsstellen bis zur nächsten Lympli- 
drüsenreglon hinüberleitet. 


Der Pestbubo präsentirt sich für gewöhnlich hart, nicht fluk- 
tuirend, beweglich; er erreicht am 3—5. Tage Hühnereigrösse. In 
den abortiven Fällen, welche in einer beginnenden Epidemie die 
Mehrzahl ausmachen, kommt es unter kritischen Symptomen zur 
Resorption des Bubo. Die Pestbazillen, welche auf der Höhe des 
Entzündungsstadiums nachweisbar waren, verschwinden sehr 
schnell und sind oft nach 4—5 Tagen nicht mehr nachweisbar. 

In den ungünstig verlaufenden Fällen kommt es zur Nekrose, 
zur Erweichung und Oeffnung des Bubo, welcher oft ein un¬ 
schuldiges Aussehen haben kann. Während man den Prozess 
auf dem Wege der Heilung glaubt, geht er in indolenter Welse 
in die Tiefe, breitet sich bis zur Serosa aus; es erfolgt ein akutes 
septikämisches Krankheitsbild und der Tod. In diesen Fällen sind 
in dem niemals gutartig aussehenden Eiterausfluss oft über 4 bis 
5 Wochen sehr virulente Pestbazillen nachzuweisen und der Ver¬ 
breitung dieser Keime in der Umgebung der Kranken ist in nicht 
sorgfältig beobachteten Fällen Thür und Thor geöffnet. 

Der Autor beschreibt ausführlich die Technik der mikro¬ 
skopischen Untersuchung, sowie der Untersuchung in Kulturen, 
auch die Isollrung aus dem Blute und aus dem Sputum. Wir 
verweisen hier auf das Original. 

M i n c i o 1 1 i: Ueber Urticaria pleurltica. 

M. macht auf die von R u m m o und neuerdings von 
Karogeorgiades betonte Thatsache aufmerksam, dass nach 
der operativen Entleerung eines Pleuraexsudates öfter Urticaria 
beobachtet wurde. 

Diese Urticaria ist zu erklären als eine toxische, 
bewirkt durch Resorption der zurückgeblie¬ 
benen Exsudatreste, welche die Bazillen und Ihre Stoff- 
wechselproduktc in konzentrirterer Form enthalten sollen. 

Diese Urticaria, namentlich wenn sie heftig und, wie es oft 
der Fall ist, mit Zeichen von akuten Intoxikationen, wie Er¬ 
brechen, Fieber, Somnolenz, elntritt, ist nach den beiden Autoren 
prognostisch als günstig aufzufassen. 

M. beschreibt einen derartigen Fall. 

Cavazza: Ueber Urobilinurie bei der Chlorose. Eine im 
Aufträge Arcangeli’s unternommene klinisch-experimentelle 
Studie. (II pollclinlco, Oktober 1901.) 

Das Resultat dieser Untersuchungen bestätigt die bisher all¬ 
gemein geläufige Anschauung, dass im Blute Chlorotischer die 
Resistenz der rothen Blutkörperchen eine verminderte ist. Dem¬ 
entsprechend ist ln schweren Formen von Chlorose 
zur Zeit der Akme immer das Urobilin Im Urin 
vermehrt. Wenn dies nicht zu konstatiren zu sein scheint, 
so liegt der Grund daran, dass diese Vermehrung oft nur 4—5 Tage 
dauert und alsdann einem verminderten Urobilingehalt Platz 
machen kann, der unter die physiologische Norm geht. 

Physische Strapazen, Fieber, kalte wie warme Bäder können 
bei der Chlorose Urobilinurie herbeiftihren; indessen hat diese Uro¬ 
bilinurie Chlorotischer nach C. immer etwas Spezifisches. So bringt 
bei den durch Kälte herbeigeführten Chlorosen (einer in Italien viel¬ 
erwähnten Form — chlorosi da freddo —) der Gebrauch kalter 
Bäder Vermehrung des Urobilins, während bei denjenigen Chloro- 
tischen, welche sich während der heissen Jahreszeit zu ver¬ 
schlimmern pflegen, heisse Bäder Bilinurie machen. 

Im Ganzen aber tritt eine Vermehrung des Urobilins im Urin 
bei Chlorotischen eher ein als bei Gesunden. 

Silva: Ueber Anwendung von Eisentropon und Eisen- 
mangantropon bei rachitischen Kindern. (Gazzetta degli osped. 
No. 129. 1901.) 

S. berichtet aus dem Institut für Rachitische in Padua: Das 
Mittel wurde ln der Dosis von 10—15 g pro die, der Milch und 
dem Wein zugesetzt, von Kindern von 3—6 Jahren gut vertragen. 
Die Gewichtszunahme wie die sorgfältig kontrolirte Hämoglobin- 
zunahme des Blutes war eine in die Augen fallende. 

T o z z i hat über das Vorhandensein des Kremaste r- 
Reflexes eine lange Reihe von Untersuchungen angestellt und 
kommt dabei zu einem Resultat, welches die diagnostische Be¬ 
deutung dieses Symptoms erheblich herabsetzt 

Derselbe soll im Gegensatz zu den Angaben Mocli’s sich sehr 
selten auf beiden Seiten gleichmässig verhalten. Er kann ferner 
bei Hemiplegischen fehlen oder vorhanden sein, sowohl auf der 
kranken als auf der gesunden Seite. 

Im Uebrigen ist er abhängig von dem Reizzustande des 
Nervensystems, auch von intestinalen Zuständen; auch wird er 
beeinflusst durch Medikamente, wie Opiate, Brom, Strychnin, 
Digitalis u. s. w. 

Besonders bemerkenswert!! ist die Unregelmässigkeit dieses 
Reflexes, wenn das Verhältnis» zwischen Körpergrösse und trans¬ 
versalem Durchmesser (d. h. des bei horizontal erhobenen oberen 
Extremitäten von einer Mittelfingerspitze bis zur anderen quer 
über die Brust gemessenen Durchmessers) ein abnormes ist. Diese 
Abnormität bezeichnet T. als ein Stigma neurotlcum. (Rif. med. 
1901, No. 25G u. 257.) 

Patella: Klinische und pathologisch-anatomische Unter¬ 
suchungen über den Polyklonus. (II pollclinlco, Nov. 1901). 

Der von P. veröffentlichte Fall Ist eine Illustration zu der in 
dieseu Blättern besprochenen Anschauung Murr i’s über Poly- 
klouieu und Chorcaformeu, nach welcher dieselben immer ein 
Symptom einer Läsion oder funktionellen Störung der Kortikal¬ 
schicht in der Region der Zona Rolandi sind. 

Die klonischen Muskelkrämpfe hatten sich auf die beiden 
oberen und unteren Extremitäten erstreckt, die vom Facialis 
inuervirten Muskeln waren unbetheiligt geblieben. Die Aut¬ 
opsie ergab in den Kortikalpartien bei der 
Roland’sehen Zone punktförmige rothe und 


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158 


MTTENCHENER MEDTCINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


weisse nekroblotlsclie Herde. sklerotische 
periarteriltlsche entzündliche Stellen und 
hämorrhagische Infiltrationen. 

C a s o e 1 a: Das Wiederkäuen beim Menschen. (Rif. med. 
3901, No. 251.) 

Ueber einen Fall von Kumination oder Merycismus berichtet 
C. aus dem Manoeom zu Aversa. Diese seltene Krankheils¬ 
erscheinung ist nach C. immer aufzufassen als ein funktioneller 
Atavismus, welchen man antrifft bei Individuen mit zahlreichen 
Stigmata nervöser Degeneration. Anatomische Veränderungen 
am Magen mögen in manchen Füllen noch eine aceidentelle Rolle 
spielen. C. gibt die wichtigsten Daten aus der Literatur über diese 
Anomalie. 

Becco: Ueber die Sanduhrform des Magens. (II Morgagni, 
Okt. 1901.) 

Eine die Geschichte und die verschiedenen Theorien über diese 
Anomalie erschöpfende Abhandlung. Die Veranlassung bot die 
Obduktion eines Falles, wo eine Kolon schlinge 
den Magen e i n g e s c h n ü r t und in zwei Hälften 
g e t h e i 11 hatte. Auf das Colon transversum hatte der 
linke Leberlappen einen starken Druck ausgeübt. Ob diese Ab¬ 
normität. im Leben besondere Symptome geboten, war nicht zu 
ermitteln. 2 Abbildungen erläutern diesen Fall. 

Zanardi sieht die Ursache der Karbolgangrän in einer 
spezifischen Wirkung auf die Wände der Blutgefässe der Arterien 
wie der Venen. Die Nekrose folgt genau den GefässverUstelungeu. 
Die abgestorbenen Gefiisse sind mit Thromben gefüllt. (Gazzetta 
degll ospedali 1901, No. 123.) II a g e r - Magdelmrg-X. 

Holländische Literatur. 

Dr. L. C. Kersberge r: Beitrag zur Kenntniss der Anae- 
mia infantum pseudoleucaemica von J a k s c h. (Weekbl. van 
het Neederl. Tydschr. voor Geneeskunde, No. 14.) 

Mittheilung eines Falles (lli/ 2 Monate altes, männliches Kind) 
mit allen Zeichen obiger seltenen Atfektiou: enormer Milzlumor. 
Drüsenschwellung, leichtes Fieber, Oligocythämie, Oligoehromüniie, 
starke 1‘otkiloe.vtose und Polychromatophilie etc., mit Ausgang 
in Genesung. 

Resultate der Untersuchung nach der Frequenz von Krebs 
in Holland. (Ibidem, No. 15.) 

Genau nach dem Schema von Leyden wurde auch in Hol¬ 
land versucht, eine Statistik des Krebses aufzustellen und die an 
einem Tage in Behandlung befindlichen Krebskranken zu zählen 
(15. Oktober 1900). Leider war die Thellnalime der Aerzte eine 
recht geringe und sind darum die Resultate nur mit Vorsicht zu 
verwerthen. 

Von einem Mitgliede der Kommission wurden ausserdem alle 
Krebssterbefälle der letzten 2-Tj Jahre gesammelt und ergaben 
eine Mortalitätsziffer von 0,0937 Proz. 

Die Prozentzahl der am 15. Okt. in Behandlung Gestandenen 
berechnet sich auf 0.02SC. Das Verhältnis der erkrankten männ¬ 
lichen zu den weiblichen Individuen ergibt 1:1,025. 

Nach dem Alter trifft die grösste Erkrankungsziffer auf 
61—70 Jahre, dann folgt 51—00, 71- 80; über SO Jahre ist sie 
immer noch 3,53 Proz. 

Der A usgangsort des Krebses war in 49,88 Proz. der 
Traetus intestin.; in 20.20 die Brustdrüse (ein Fall bei einem 
Manne); in 12.74 die weiblichen Genitalien; in 7.15 das Gesicht; 
in 3,87 die Unterlippe; in 5,58 Proz. die vorderen Regionen. Dabei 
trafen von 438 Krebsfällen des Tract. intest. 275 auf Männer und 
163 auf Frauen. Unter 372 männlichen Krebskranken halt« n 
73.9 Proz. Krebs der Verdauungsorgane, von Frauen dagegen nur 
32,2 Proz. 

Ueber die Zunahme des Krebses in der letzten Zeit lassen sich 
sichere Schlüsse nicht ziehen. 

Bezüglich der A e t i o 1 o g i e ergab sich in 18.1 Proz. das Vor¬ 
kommen von Krebs bei mehreren Familieugliederu. Es wird u. a. 
folgende Beobachtung von weil. Prof. v. Iterson mitgetheilt; 
Unter 14 Mitgliedern von zwei verwandten Familien litten 8 mit 
Sicherheit und ausserdem noch 3 mit Wahrscheinlichkeit an Krebs. 
Prof. Körte weg sah bei 2 Schwestern Mastdarmkrebs und be¬ 
obachtete in 3 Geschlechtern (Grossmutter. Mutter und Tochter) 
Carcinoma mammae. Prof. J. Veit berichtet von 2 Schwestern 
mit Portiokarzinom. Auch zwei weitere Aerzte bringen ähnliche 
Beobachtungen bei Familien. Im Ganzen findet sich hereditäre 
Belastung in 19,7 Proz. der Fälle. 

Das gleichzeitige Vorkommen von Karzinom bei Ehegatten 
wird in 11 Fällen notirt und für die Fälle, bei denen man an 
Uebertragung (Ansteckung) von Person zu Person denken kaun r 
ist die Prozeutziffer 10.92. 

Erwähnung verdient ferner, dass Dr. Oostra in Anna Tau- 
lowna von Januar 1896 bis Februar 1901 bei 3030 Einwohnern 
ln 500 Häusern 28 Krebsfälle behandelte, wovon 26 im westlichen 
Stadttheil mit schlechtem Untergrund gegen nur 2 Fälle im öst¬ 
lichen mit gutem Untergrund. 

Frühere Syphilis wird 9 mal, Trauma 36 mal angeführt. Alku- 
holismus 87 mol. Tabak missbrauch 125 mal. Bringt man Alkohol- 
und Tabakmissbrauch in Beziehung zu den Zahlen für das männ¬ 
liche Geschlecht, so erhält man 23.4 resp. 33.7 Proz. 

H. A. Guye, Professor zu Amsterdam: Ueber Kürettage | 
des Sinus sphenoidalis bei rezidivirenden Nasenpolypen, tlbid.. ! 
No. 17.) 

An der Hand von 4 operirten Fällen bespricht Verf. die I-Iaupt- j 
Symptome der Sinusitis: Kopfschmerz, Fötor und Nasenpolyp ui. j 
Augenaffcktloncn, wie sie von S n e 11 e n, Holmes und L a per- 1 


sonne beschrieben sind, bestanden in den vorliegenden Fällen 
nicht. 

Dr. G. v. Eysselsteyn: Fixatio omenti (Talma’s 
Operation bei Zirkulationsstörungen im Gebiete der Vena portae). 

(Ibid., No. 18.) 

Kasuistische Mittheilung über 10 im Krankenhause zu Suri¬ 
name (Westindien) operirte Kranke, wovon 6 mit glänzendem Re¬ 
sultate, trotzdem es sich um äusserst geschwächte Individuen 
handelte, die ausserdem noch alle an Anchylostomiasis litten. Die 
Ursache der Cirrhose war bei den meisten nicht Alkoholmissbrauch, 
sondern Malaria. 

R. Schölten: Ein Beitrag zur Karzinomstatistik. (Ibidem, 

No. 20.) 

Enthält eine Studie über sämmtliche iu den letzten 8 Jahren 
in der Stadt Leiden registrirteu Karzinomfälle. Dieselben waren 
gleiclmiässig über die Stadt vertheilt, zweifellose sogen. Karzinom¬ 
herde waren nicht zu konstatiren. Auffallend Ist wiederum das 
grosse Uebergewicht von Karzinom des Magens und Traetus in¬ 
testinalis: 78 Proz. 

Dr. J. A. Körte weg, Professor zu Leiden: Fremdkörper 
in der Lunge, (ibidem, No. 22.) 

Eiu 23 jähriger Manu war im April 1900 ln Süd-Afrika beim 
Springen einer Lyddit-Bombe auf wenige Schritte Abstand viel¬ 
fach verwundet worden. Eiu Splitter traf ihn an der Vorderseite 
der rechten Schulter und drang in medialer Richtung zwischen 
2. und 3. Rippe in die Lunge. Die nach den ersten Stunden sich 
emsu lieude Atheiunotli i ersehwund schnell, ebenso das einige 
'läge später auftretende Aushusteu stinkenden Blutes, nur ein 
unangenehmes Gefühl bei tiefem Athern blieb zurück. Im Juli 
nach heiligem Niesen lianioptoe, die sich öfters wiederholte, wess- 
lialb Patient zur Operation nach Holland geschickt wurde. Diese 
wurde ein halbes Jahr spater von Prof. Korteweg uacn voraus- 
gegaugeuer genauer Radiographie ausgeiulirt. 

Am 17. Oktober Resektion der II. Rippe, wobei bei dem Ver¬ 
suche, der Narbe nach der Luuge zu iiacbzugehen, die Pleura¬ 
höhle geöff net wurde. 

Verband, Bauchlage, um eine Verschiebung des Splitters nach 
hinten zu verhüten. 31. Oktober zweite Operation: Unter ziem¬ 
lichen Schwierigkeiten Eutiernuug des Splitters und einiger 
lvleiderletzeii. liefe der Wumibohle 11 cm. Volle Genesung. 
Der Splitter war 4 y 2 cm lang, 1 y 2 cm dick, Gewicht 42 g. 

Nach T u f f i e r's und A mol d’s Zusammenstellung wäre 
dies der zweite Fall einer Fremdkörperextraktiou aus der Lunge 
durch äussere Operation. 

11. J. M. Schoo: Ueber Malaria. (Ibidem, No. 24.) 

Welche Temperatur ist uötliig für die Amphigouie von Plas¬ 
modium vivux? Diese Frage ist ois heute nicht genügend gelost 
und Verf. machte darum in Holland eine Reihe von Versuchen an 
inlizirten Anopheles. 

Aus diesen geht zunächst hervor, dass bei einer in Holland 
viele Tage herrschenden Temperatur von 25 u C. die Kapseln sich 
in 12 'lagen entwickeln und Sporozoitou am 14. Tage in den 
Speicheldrüsen zu finden sind. Wenn die Anopheles inflzirt sind 
bei einer für die fernere Entwicklung der Amphiouten günstigen 
Temperatur, vermag nur iu den ersten zwei Tagen eiu Sinsen 
auf 15 -10° die fernere Entwicklung zu hindern, nach dieser Zeit 
nicht mehr. . 

Bei einer Temperatur von 18" C. ist die Entwicklung lang¬ 
sam, schneller bei 35“, am besten bei 30°. 

Beim Menschen vermag eine genügende Chiniudosis vor dem 
zu erwartenden Allfalle die fernere Entwicklung der Gameten 
völlig zu verhindern. 

Dr. S c h i o t h - Bad Brückenau. 


Vereins- und Congressberichte. 

(Berliner medicinische Gesellschalt siehe S. 174.J 

Verein für innere Medicin zu Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 20. Januar 1902. 

Diskussion über den Vortrag des Herrn Senator: 
Nierenkolik, Nierenblutung und Nephritis. 

Herr J. Israel dankt dem Vortragenden für die Anregung 
zu einer nochmaligen Prüfung seiner eigenen Mittheilungen und 
für die liebenswürdige Form, in welche er seine Kritik gekleidet. 

Er sei zum operativen Vorgeben gegen Nierenkoliken 
dadurch gekommen, dasser in einem Falle von Nierenkolik, der allen 
anderen Mitteln getrotzt und daher den Aulass zur Diagnose 
Nierenstein geboten hatte, nach der zum Zwecke der Entfernung 
des Nierensteins vorgeuommeueu Nierenspaltung, die aber keinen 
8tciu hatte auffinden lassen, ein dauerndes Verschwinden der 
Koliken beobachten konnte. Es war in diesem Falle kein Stein, 
aber aueli sonst keine greifbare Ursache der Koliken auf¬ 
findbar gewesen. Eine sorgfältige klinische und anatomische Be- 
ohaehtuug und das Studium der Literatur ergab sodauu, dass bei 
einer grossen Z a li 1 von Nierenkoliken sich entzünd¬ 
liche Prozesse der Nieren linden. Der Charakter der¬ 
selben sei kein einheitlicher, bald linde sich eine diffuse, bald eine 
mehr zerstreute herdförmige, bald eine auf eiueu Pol beschränkte 
Entzündung. Es war also zunächst ganz zufällig beobachtet 
worden, dass Nierenkoliken und dann auch Nierenblutungen durch 
die Inzision geheilt werden. 


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28. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


159 


Diese Tliatsacbe legt die Erklärung nahe, dass Koliken und 
Blutungen auf Kongestion der Niere beruhen können. 

Es lehrt ferner die Erfahrung, dass die primären entzündlichen 
Veränderungen sich entweder ganz auf eine Niere beschränken 
können oder doch die andere nur so wenig in Mitleidenschaft 
ziehen, dass sie auf Jahre hinaus den Eindruck einer gesunden 
Niere machen kann. 

Auf Grund dieser Beobachtung wurde J. Israel allmählich 
dazu gedrängt, obige zwei Affektioneu ln das Gebiet der Nieren¬ 
chirurgie einzureihen. Niemals habe er davon gesprochen, den 
Morbus Brightii operativ behandeln zu wollen: denn dieser 
Name sei eben für doppelseitige Nierenerkrankungen reservirt, 
während er selbst nur von einseitigen entzündlichen Prozessen 
gesprochen habe. 

Wenn Senator nun das Vorhandensein einer Nieren- 
kongestlon in Isruel's Fällen damit ablehnen zu können 
meint, dass die Niere sich bei der Operation schlaff zeigte, so ist 
damit nur gesagt, dass die plötzlich aufgetretene Kongestion im 
Moment der Operation nicht da war, derartige Schwankungen ge¬ 
hören aber zum Begriff der Fluxion. 

Das Vorhandensein solcher Kongestion im Aufalle habe er 
übrigens auch klinisch durch Palpation einer Vergrößerung der 
Niere sicherstellen können, auch in einem Falle, wo trotz der vor 
der Operation gefühlten N i e r e n v e r g r ü s s e r u u g die Ope¬ 
ration eine schlafTe Niere aufdeckte. Senator habe daun be¬ 
stritten. dass Nierenentzündung Kolik und Blutung zur Folge 
haben könne; aber beides komme vor, wie noch kürzlich Schede 
bewiesen. Und dass Nephralgie bei entzündlichen Prozessen vor¬ 
komme, beweisen auch 9 von seinen 14 Fällen, von welchen noch 
einer ausscheidet. Man müsse sich hiebei an die positiven Re¬ 
sultate halten; denn wenn keine entzündlichen Prozesse gesehen 
worden. so beweise dies noch nicht, dass nirgends welche vor¬ 
handen gewesen. Die Theorie von der nervösen Natur der Blu¬ 
tung. einer Angioneurose, sei vorläufig auf 2 Fälle basirt 
und darum nicht aufrecht zu erhalten. Ja, man müsse 
diese Hypothese energisch bekämpfen, indem sie von einem ener¬ 
gischen therapeutischen Eingreifen abhalte und darum schade. 

Die Probeinzision sei das einzige Mittel, zu einer 
sicheren Diagnose zu kommen, und gleichzeitig ein Heilmittel. 

Die Ansicht Senate r’s und P e l's. dass die Blutung das 
beste Mittel zur Bekämpfung der Kongestion sei, sei durch die 
Erfahrung widerlegt. Und wenn Senator meine, die Inzision 
setze eine Entzündung, es sei aber widersinnig, eine schon vor¬ 
handene Entzündung durch eine künstliche Entzündung zu be¬ 
kämpfen. so widerspreche dem die ärztliche Praktik, welche öfters 
chronische Entzündungen (Hydrops genu, Hydrocele) durch eine 
künstliche akute zu vertreiben suche. 

Die Resultate, welche er bisher erzielte, seien gute. Durch 
den Eingriff der Nierenspaltung wurden C dauernd von Schmerz 
lind Blutung befreit, in 2 kein Erfolg erzielt, in einem wurde 
auch die andere Niere ergriffen und in 3 erfolgte der Tod. Mit 
der verbesserten Diagnostik würden auch die Resultate noch besser 
werden. 

Herr G. Klemporer: In seinem Falle, der der Theorie 
von der Angioneurose mit zu Grunde gelegt wurde, wurde nach 
abundanten Blutungen die blutende Niere entfernt und von meh¬ 
reren Untersuchern dann für völlig gesund befunden. Demnach 
müsse man zugeben, dass es Blutungen bei völlig ge¬ 
sundem Nierenparenchym geben könne. Dazu gehöre 
auch der Schede’sche Fall. 

Die Erklärung J. Israel's von dem Morbus Brightii bilde 
ein Spiel mit Worten. Unter Morbus Brightii verstehe nein eine 
Nierenerkrankung, welche zu Allgemeinerkrankung und Hydrops 
führt; ob diese Erkrankung auf eine Niere beschränkt bleiben 
könne, müsse eigentlich so lange unentschieden bleiben, als der 
Befund nicht durch die Sektion erhärtet werde: doch halte er einen 
solchen Befund für ausgeschlossen, da eine h ä m a t o g e n auf die 
Nieren einwirkende Schädlichkeit nothgedrungen beide Nieren er¬ 
greifen würde. 

Die Operation der Nephritis sei vor 15 Jahren von Harrison 
zuerst ausgeführt worden, als er versehentlich eine Scharlach- 
nephritis operirte, und dieser habe auch die Theorie von der Ent¬ 
spannung der Kapsel aufgebracht. 

Den Ein wand Soinitor’s gegen die Kongestion 
hält er für ausserordentlich wichtig; denn wenn nach Israel’s 
Meinung die Kongestion gerade im Momente der Operation nicht 
vorhanden war, dann hätte man doch ruhig abwarten sollen, o b 
sie nicht von selbst weggeblieben wäre. 

Die Ansicht Israel’s, dass die akute Nephritis Koliken 
mache, glaube er nicht. Da müsste noch ein besonderer Faktor 
mit lm Spiele sein, der nervöse. Denn die entzündlichen Herde 
I srael’g seien so unbedeutend, dass sie allein nicht Kolik und 
Blutung machen können. 

Was die diagnostische Bedeutung der Niereninzision anlangt, 
so sei ein für allemal zu sagen, man dürfe nicht eher operiivn. 
als bis alle anderen Hilfsmittel erschöpft seien, und ein solches 
Hilfsmittel für die Diagnose Bei auch der therapeutische Erfolg. 

Bei Nierenprozessen sei im Allgemeinen ein operativer E.n- 
jgrlff nur daun statthaft, wenn, abgesehen von Tumoren und 
Tuberkulose, ein mechanisches Hinderniss die Uriusekrei ion 
hemme. Diese Indikation, die mechanische komplete Auurie auf- 
gedeckt zu haben, sei eines der bedeutenden Verdienste J. Israel s. 

Herr Casper: Er berichtet über 2 Fälle von schwerer 
Nlerenblutung, die Jetzt nach 9 bezw. 4 Jahren völlig frei und 
gesund geblieben sind ohne operativen Eingriff. Diese Beobach¬ 
tungen sprächen doch sehr für Blutungen aus einer Niere ohue 


anatomische Veränderung. In dem einen Falle war ausser¬ 
dem die andere Niere durch Eiterungsprozesse funktionsuntüchtig 
geworden, so dass man also die andere das Leben bisher unter¬ 
haltende Niere kaum für anatomisch krank halten kann trotz 
der damaligen Blutung. Was die therapeutische Bedeutung der In¬ 
zision anlangt, so habe er einen Fall von aszendirender Nephritis 
durch diesen Eingriff gehellt. In diesem Falle, wo typische Koliken 
bestanden, waren Steine verrauthet und operirt worden. Es fand 
sich nur etwas Eiter und Pat. kam zur Genesuug. Ob die Koliken 
durch die vorhandenen Verwachsungen bedingt worden 
waren, wie Senator meint, sei unentschieden. 

In einem zweiten Falle waren wegen typischer, mit Erbrechen 
einhergeltender Koliken und regelmässig damit verbundener 
S c li wellung der rechten Niere Steine vermuthet und 
inzidirt worden. Befund negativ, aber Patient seitdem geheilt. 

In einem anderen Falle, bei einer an Oligurie leidenden 
Hysterischen Dame war nach einmaligem E i n 1 e g e u 
des V r e t e r k n t h e t e r s Heilung erfolgt. Und diese Er¬ 
fahrung lässt die Annahme eines Spasmus des Ureters nahe¬ 
liegend erscheinen. Was den Morbus Brightii a»lange, so seien 
vor 14 Tagen von amerikanischer Seite (E d e b o I s) 18 Fälle von 
operativer Heilung eines wirklichen Morbus Brightii veröffentlicht 
worden. Dieser Autor habe meist beide Nieren Inzidirt. Ein 
sicheres Urtheil sei darüber noch nicht abzugeben, doch habe er 
die Arbeit für wichtig genug gehalten, sie sogleich zu übersetzen 
und in seiner Monatsschrift zum demnächstigen Abdruck zu 
bringen. 

Herr Zondeck: Anatomische Bemerkungen. 

Herr Senator (Schlusswort): Er habe selbst hervorgehoben, 
dass Israel entgegen seinen Nachfolgern niemals von Morbus 
Brightii gesprochen habe. Die wichtigsten anderen Punkte seien 
von Herrn K 1 e m p e r e r schon erwähnt worden. 

Die diagnostische Bedeutung der Nieren- 
Inzision sei jedenfalls nicht anzuerkennen, denn 
makroskopisch sei an dem blutenden Organ nichts zu sehen und 
mikroskopisch unt* fliege cs zu sehr dem Zufall, welches Stückchen 
man untersucht. Therapeutisch könne sic wirken, nicht 
aber durch Entspannung, sondern durch Zerre issung der 
Verwachsungen. Diese können Ursache der Kolik werden, 
niemals aber könne dies eine Nephritis tlniu, gleichviel, ob sie 
akut oder chronisch sei. Hans K o h n. 


Gesellschaft der Charite-Aerzte in Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 16. Januar 1902. 

1. Herr v. Leyden: Zur Serumtherapie des Scharlach. 

Der Vortragende weist darauf hin, dass seit der Einführung 
des B e h r i n g’sehen Heilserum in die Therapie eine grosse Reihe 
von Heilsera erfunden wurden, ohne die allgemeine Anerkennung 
zu finden. Auch auf der ersten medizinischen Klinik wurden 
Versuche, auf diesem Wege akute Infektionskrankheiten zu be- 
einfiussen, seit mehreren Jahren gemacht, so von Klemperer 
bei Pneumonie, jedoch ohne besonderen Erfolg. Unter den 
1 mmunkrankheite n, d. h. denjenigen, welche eine Schutz¬ 
wirkung hinterlassen, sind Itesonders Scharlach und Masern einer 
Behandlung nach der B e h r i n g’schen Methode nicht zugäng¬ 
lich, weil ihre Erreger unbekannt sind. Es wurde daher in der 
ersten medizinischen Klinik seit 1897 der Weg eingeschlagen, 
dass Patienten, welche Scharlach überstanden hatten, Blut 
entzogen und daraus ein Serum hergestellt wurde, das zur Prü¬ 
fung kam. Von diesem „Kekonvaleszentenserum“, 
das Herr B 1 u m c n t h a 1 darstellte, wurden zunächst 10 ccm, 
später 20 ccm eingespritzt. Das Material war nur gering, jedoch 
liess sich nach Ansicht des Vortragenden unter 14 Scharlach¬ 
fällen bei 5 Fällen eine eklatante Wirkung beobachten, bei 
9 Fällen eine geringe, im Allgemeinen eine Abkür¬ 
zung des Krankheitsverlaufs, wenn auch das Ex¬ 
anthem in den ersten Tagen nach der Injektion noch etwas fort- 
schritt. Nierenentzündungen wurden nicht beobachtet. Die 
Fälle waren fast nur leichtere Erkrankungen. Der Vortragende 
kommt auf Grund dieser Beobachtungen zu der Ansicht, mög¬ 
lichst frühzeitig das Rekonvaleszentenserum einzuspritzen und in 
nicht zu kleinen Dosen, bis 40 ccm. Er spricht, den Wunsch aus, 
dass Herr II c u b n e r auf der Kinderabtheilung das Serum 
anwenden möge und zwar nicht bloss bei schweren, sondern be¬ 
sonders auch bei leichteren Erkrankungen. 

Diskussion: Herr II e u b n e r erwidert, dass das von 
Herrn v. L e y d e n empfohlene Serum bei Scharlach zur Ver¬ 
wendung bei leichten Erkrankungen Ihm nicht geeignet er¬ 
scheint. Das Diphtlicrieheilserum ist hiermit nicht zu vergleichen, 
weil cs auf exakte Thierexperimente gegründet, der Erreger wohl 
bekannt ist, und die Wirkung seines Giftes schon von R o u x 
und Yersin studirt war, ehe noch das Antitoxin entdeckt war. 
Dieses letztere stellt eine durch Titration lm Thierkörper dosir- 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4 


bare Substanz dar. Beim Scharlach dagegen sei es nicht 
einmal sicher, ob es überhaupt Toxin und Antitoxin bilde. Die¬ 
jenigen, welche meinen, dass Streptokokken die Erreger des Schar¬ 
lach sind, dürften der Ansicht sein, dass sich keine Antitoxine 
bilden. Wenn man auch die Antitoxinbildung beim Scharlach 
nicht ableugnen will, so kann man doch zweifeln, ob das Serum 
ein solches enthält. Ein weiterer Uebelstand liegt nach Heub- 
n e r’s Ansicht darin, dass das Serum von Menschen stammt, 
bei denen z. B. eine Tt r nnciiiti|iiriiapnt » lose 

und S y p h 111 s n icht—oiu ie We iter««—ausgeschlossen werden 
können. Es"sei ferner schwierig, bei leichten Schrtrlachfallen eine 
günstige Serumwirkung festzustellen, weil ähnliche Teraperatur- 
kurven, wie die vom Vortragenden gezeigten, auch bei unbeein¬ 
flusstem Verlauf Vorkommen. Herr Heubner lehnt die Be¬ 
handlung leichterer Erkrankungen mit dem 
Serum ab. da eine gewisse Gefahr nicht auszuschliesseu und 
eine sichere Beurtheilung des Erfolges nicht möglich ist; dagegen 
ist er geneigt, schwere Erkrankungen damit zu behandeln, da 
auch bei solchen sich ein Erfolg der Injektionen zeigen müsse, 
wie die Beeinflussung schwerer Diphtheriefälle durch Heilserum 
es lehre, wo die Kinder in den örtlichen und allgemeinen Er¬ 
scheinungen gewisse Beeinflussungen zeigten, wenn sie auch der 
Wirkung des Giftes auf die Herz-. Nieren- und Nervenzellen er¬ 
lägen. 

2. Herr Jacob: Demonstration von Apparaten. 

Es wird eine aus wasserdichtem Stoff bestehende leicht trag¬ 
bare Badewanne gezeigt und ein fahrbarer Hebeapparat 
mit einem verstellbaren Hebe rahmen; an den letzteren 
wird ein Stoff, der schonend unter den Kranken geführt werden 
kann, angekniipft. und der Kranke damit gehoben und für alle 
Manipulationen zugänglich gemacht, insbesondere in Fällen von 
Wirbelkaries oder bei akuten Infektionen zur Bäderbehandlung. 

K. Brandenburg - Berlin. 


Altonaer Aerztlicher Verein. 

(Officielles Protokoll.) 

Sitzung vom 23. Oktober 1901. 

Herr Möller stellt 3 Kinder aus dem Krüppelheim zu 
Altona vor, welche bei ihrer Aufnahme in die Anstalt weder gehen 
noch stehen konnten, und welche mit Hilfe von orthopädischen 
Stützapparaten Hessin g’scher Art es gelernt haben, sich ohne 
fremde Hilfe vorwärts zu bewegen. 

Das 1. Kind, ein 6 jähriges Mädchen, war bei einem Brande 
verunglückt; in Folge der schweren Brandverletzungen war vor 
etwa 2 Jahren zu Kiel eine hohe Amputation beider Oberschenkel 
vorgenommen worden. Das Kind geht jetzt an einem Stocke mit 
Hilfe eines Stelzapparates. welcher aus einem Hessin g’sohen 
Beckengürtel und 2 Stelzfüssen besteht, welche an Stelle des Knie¬ 
gelenkes eine Sperrvorrichtung tragen. 

Das 2. Kind leidet an den Folgen einer spinalen Kinder¬ 
lähmung. Die Streckmuskeln beider Beine sind total gelähmt. 
Bel der Aufnahme bestanden Flexionskontrakturen ln beiden Knle- 
und Fussgelenken; bei dem Versuche zu stehen, knickte es sofort 
in den Knien ein. Nach Beseitigung der Kontrakturen lernte das 
Kind bald in Gipsgeh verbänden zu stehen und zu gehen. Jetzt 
trägt es einen Lederhülsenstütznpparat und geht in demselben an 
einem Stock. 

Dns 3. Kind, ein 8 jähriger Knabe, leidet an angeborener 
spastischer Spinalparalyse. Bei der Aufnahme bestanden hoch¬ 
gradige Kontrakturen beider Hilft-. Knie- und Fussgelenke. Durch 
mehrfache operative Eingriffe, welche in Muskel- und Sehnen¬ 
durchschneidungen mit nachfolgendem Redressement bestanden, 
wurden die Verkrümmungen beseitigt Er lernte dann bald in 
H e s s I n g’schen Apparaten zu gehen. Jetzt geht er auch ohne 
Stützapparat an 2 Stöcken. 

Herr König stellt zwei Kranke vor. denen wegen Oeso¬ 
phagus- bezw. Kardiakarzinom eine schräge Magenflstel nach 
v. Bergmann angelegt wurde. Bemerkenswerth ist der Verlauf 
der Krankheit des zweiten. 50 jährigen Kranken. Vor jetzt 
ly, Jahren hatten sich die ersten Magenerscheinungen gezeigt, vor 
etwas über Jahren stellten sich Schluckbeschwerden ein: der 
Kranke musste die Speisen sofort wieder von sich geben und b°kam 
zeitweise nur flüssige Kost herunter, zeitweise allerdings wieder 
feste Speisen. Im Krankenhaus gelang einmal die Sondirung. ein 
ander Mal stiess sie an der Kardia auf ein Hindemiss. K. machte 
die Laparotomie und entdeckte nun erst den hoch hinter dem 
Rippenbogen gelegenen, fast handtellergrossen Tumor: ein Kar¬ 
zinom des oberen Theils des Magens, dessen Zapfen wohl 
das Lumen der Kardia verlegt hatten. Da wegen der Ver¬ 
wachsungen und der Drüsen die Exstirpntion aussichtslos schien, 
entschloss sich K. zur Anlegung einer Magenfistel für den Fall, 
dass absolute Stenose einträte. Seitdem “’ud -V, .Tnliv verflossen, 
die Passage durch die Kardia ist frei geblieben, die Fistel ausser 
Funktion gesetzt. Der Tumor ist auch jetzt noch nicht von aussen 
zu fühlen, der Kranke ist in recht gutem Ernährungszustand und 
ohne wesentliche Beschwerden. 


Greifswalder medicinischer Verein. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 24. Oktober 1901. 
Vorsitzender: Herr Bonnet 
Schriftführer: Herr Busse. 

1. Herr Westphal: 

a) lieber Chorea chronica progressiva. (Krankenvorstel- 
lungen.) Es handelt sich erstens um eine 30 jährige Patientin, 
welche an Chorea hereditaria erkrankte uud an diesem Leiden ge¬ 
storben ist. Das Leiden entstand im Anschluss an das letzte, 
normal verlaufende Wochenbett vor 5 Jahren. Die Zuckungen be¬ 
treffen die gesammte willkürliche Muskulatur, der Gang ist un¬ 
sicher und schlürfend; die Sprache bietet neben schnalzenden 
Lauten die leichtere Form der ..choreatischen Sprachstörungen“ 
dar; das Leiden begann mit grosser Reizbarkeit und heftigen Wuth- 
a»füllen, später stellte sich die für hereditäre Chorea charakte¬ 
ristische Geistesstörung, fortschreitende intellektuelle Schwäche, 
immer deutlicher ein; Gedächtniss und Geisteskraft haben ln hohem 
Grade gelitten. Der zweite Fall betrifft einen 41 jährigen Maurer, 
bei dem die Chorea nicht auf hereditärer Basis, sondern im An¬ 
schluss an ein schweres Trauma (Sturz aus dem 3. Stockwerk) sich 
eingestellt hat Anfangs gering, haben sich die Störungen im Laufe 
der Zeit sehr erheblich vermehrt, beim Gang macht der Patient 
groteske Rumpfbewegungen wie bei tiefen Verbeugungen, die 
Sprache erscheint als ein kaum verständliches Lallen. Bel ge¬ 
wollten Bewegungen lassen die Zuckungen nach und hören im 
Liegen fast völlig auf. 

b) Heber einen Fall von polyneuritischer Korsako w’- 
scher Psychose mit eigonthiimlichem. Verhalten der Sehnenreflexe. 

Der 53 jährige Fischer, ein starker Potator, leidet an der Kor¬ 
sako w’schen Psychose, die sich nach kurzem Delirium entwickelt 
hat und durch eine eigentümliche Gedächtnisstörung cliarakteri- 
sirt Ist. Patient hat die Merkfähigkeit für neuere Vorkommnisse 
vollkommen verloren, während das Gedächtniss für die Ereignisse 
vor der Erkrankung gut erhalten ist. In Armen und Beinen hat 
Patient reissende Schmerzen und objektiv nachweisbare An¬ 
ästhesien. Besonders auffallend ist, dass die 
Patellarreflexe beiderseits, auch mit Jendras 
sik, andauernd völlig fehlen und dass bei Per¬ 
kussion der Patella r sehnen regelmässig in dem 
entgegengesetzten Adduktorengebiet eine leb¬ 
hafte, ausgiebige Zuckung auftritt. Wir haben es 
hier also mit gekreuzten Reflexen zu tliun. Bei fehlenden Patellar- 
reflexen ist der gekreuzte Adduktorenreflex eine ganz ungewöhn¬ 
liche Erscheinung. Der Vortragende erklärt dies nach dem Vor¬ 
gänge von Sternberg durch eine Uebertrngung des Reflexes 
durch den Knochen (Periost). 

2. Herr T i 1 m a n n: Vorstellung eines Falles von gehellter 
vereiterter Schädelbasisfraktur. 

Eine 24 jährige Schnitterin stürzte am 28. VIII. von einer 
Leiter und blieb bewusstlos mit Blutung aus Nase und linkem 
Ohr liegen. Am nächsten Tage wurde die Patientin in die Klinik 
aufgenommen mit Blutung aus dem linken Ohr und den Erschei¬ 
nungen einer Gehirnerschütterung. Besserung. Am 5. Tage leich¬ 
tes Fieber, Ausfluss aus dem linken Ohr; nach mehreren fieber¬ 
freien Tagen beginnen am 10. Tage Schüttelfröste mit normalen 
hohen Abendtemperaturen. Am 12. Tage, bei 40.2°, wird ein 
0 monatliches Kind geboren. Am 19. Tag wird die Haut Uber dem 
linken Felsenbein durehtrennt, dns Periost gespalten; im Warzen- 
fortsatz findet sich ein klaffender Spalt, der nach vom ln den 
äusseren Gehörgnng, nach hinten bis In’s Hinterhauptsbein sich 
fortsetzt, welcher 4 cm hinter dem äusseren Gehörgang senkrecht 
auf einen grösseren, klaffenden Knochensprung stösst Bei Hebel¬ 
bewegungen mit einem Elevatorium bemerkte man ein Wackeln 
des gesummten Schädels, Mit einem Meissei und Knochenzange 
wurden die Ränder der Bruehlinie entfernt, die harte Hirnhaut 
blossgelegt. Sie ist mit Eiter bedeckt, aber unverletzt. Im Mittel¬ 
ohr Eiter und nekrotische Gehörknöchelchen. Am Gesäss und 
Unterschenkel bilden sich Abszesse, nach deren Spaltung ein 
glatter Heilungsverlauf eintritt. 

3. Herr Triepel : Heber subkutane Muskel- und Sehnen- 
zerreissung. 

An den quergestreiften Muskeln und Sehnen amputirter 
unterer Extremitäten stellte T. Dehnungsversuche an und be¬ 
rechnete darnach die dynamische Festigkeit oder Ruckfestigkeit 
der Sehne = 0.1 kg/ccm, des untliiitigen Muskels auf = 0,025 
kg/'ccui. des tliätigen Muskels auf = 0.085 kg/cem. Im 
Momente der Beanspruchung wird der Muskel immer in den 
thütigen Zustand übergehen, so dass also der letztere Werth bei 
Muskelzerreissungen immer in Betracht kommt. Die dynamische 
Festigkeit wächst mit dem Volum des beanspruchten Körpers, 
also bei der Sehne nicht nur mit Ihrer Dicke, sondern auch mit der 
Länge. Daraus erklärt sich die Thatsache, dass kurze Sehnen viel 
leichter reissen als lange Sehnen. Da nun die Ruekfestigkeit der 
Sehne und des tliätigen Muskels annähernd gleich sind, die Muskel 
aber vielfach sehr viel voluminöser, so ist die Gefahr einer Sehnen- 
zerreissung bedeutend grösser als der Muskelzerreissung. zumal 
auch die Sehne schon durch den Muskelzug erheblich gedehnt ist 
Mit dieser grösseren Gefährdung steht die grössere Häufigkeit der 
Rehnenzorrcissungen gegenüber der Zahl der Muskelzerreissungen 
im Einklang. Zur Erklärung der Sehnenzerreissung muss im All¬ 
gemeinen die Wirkung äusserer Gewalten, das ist „lebendige 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


161 


Kraft“ heraugezogen werden, die gleich ist dem Produkt der 
Masse und dem Geschwindigkeitsquarirat (14 m v'-i. 

Auch statisch, d. h. nur durch seine eigene Kraft, kann 
«ier Muskel unter gewöhnlichen Umständen seine Sehne nicht zer- 
relsseu. sondern nur weuu diese pathologisch verändert oder die 
I^istungsfähigkelt des Muskels momentan erhöht ist, wenn er 
z. B. genule in Hyperextensiou sich befindet oder von gesteigertem 
nervösem Reize getroffen wird. 

Auch die Erscheinung, dass der Muskel sich selbst zer- 
reisst. kann nur die Folge statischer und nicht dynamischer Be¬ 
anspruchung sein und es ist klar, dass nicht die Stelle der Kon¬ 
traktion auch die Steile der Ruptur sein kann, sondern man muss 
«nneliuien, «lass eine partielle Kontraktion in Folge einer schlchten- 
weisen Innervation des Muskels eiutritt. wie solche im Thierexperi- 
menr von C li n u v e a u für den M. stcrno-maxillaris des Pferdes 
na<-ligewlesen, und für den M. rectus abdominis der Menschen 
n dem solche Rupturen am öfti'Hten angetroffen werden, von vorn¬ 
herein zuzugelx*!) ist. 


Verein der Aerzte in Halle a. S. 

(Bericht de« Verein*.) 

Sitzung vom 6. November 1901. 

Vorsitzender: Herr C. Fraenkel. 

c ’ H ; ,|T 1 Sc ,^8yer berichtet über die erste ärztliche 
Studienreise in die Nordseebäder. 

2. Herr Disselhorst: Histogenetisches und Verglei¬ 
chendes über Geschwülste. (Der Vortrag erscheint im Wortlaut 
in dieser Wochenschrift.) 

In der B e s p re c h u n g erwähnt Herr G e b h a r d t mit 
Beziehung auf die bis jetzt Im Ganzen vergeblich versuchte ex¬ 
perimentelle Erzeugung von Tumoren Versuche des in Breslau ver¬ 
storbenen Prof. G. Born vom Jahre 1893-1894, lx*i denen 
I- machen aufgeschwemmtes embryonales Material von sehr Jungen 
Embryonen injizirt wurde — Versuche, welche aus verschiedenen 
(•runden damals nicht zum Abschlüsse gelangten. Auch damals 
ergab sich, soweit die Erinnerung des Referenten reicht, grössteir- 
•4 11 ‘“ ln Kesnltnt, indem sich, allerdings noch nach ziem- 

iich langer Zeit. z. B. nach Injektionen in den Rilckenlymphsack. 
thells freie, theils in fibrinösen Gerinnseln oder aus diesen ent¬ 
standenen tibrilläreu Gewebsbildungen enthaltene schwärzliche 
Detritusmassen l»ei der Sektion des Yersuchsthiere« vorfaudeu. 
I 11 1 oder 2 Fällen wurden später cystische, in der Wand stark 
pigineutiite. übrigens selir kleine Gebilde in der Rückenhaut kon- 
statirt. Bei den. gleichfalls von l’rof. Born untemommenen, 
künstlichen Verwachsmigsmissbildungen von Aniphlhicnlarveii 
zeigten vereinzelt kleinere, anderen Larven nngelieftete Theilstücke 
tenitoiniUmliches Waelisthum. Auch darauf ging Herr Prof. B o ru. 
wohl durch seine schwere, letzte Erkrankung verhindert, nicht 
mehr näher ein. 

Bezüglich der jetzt so sein- in Misskredit gekommenen Cocci- 
<lieu als Geschwulsterreger kann G. uur Folgendes bemerken. Ob¬ 
gleich er früher Gelegenheit gehabt hat. sowohl In de» Präparaten 
seines ehemaligen Lehrers und Chefs Heiden h a i n. als auch 
anderweitig eine grosse Zahl der verschiedenartigsten Coeeidien- 
forinen im Gewebe zu lieobaehten, sind ihm stets nur regressive 
Zell verändern ngen. durch dieselben veranlasst, zu Gesicht ge¬ 
kommen — von reaktiven Granu lat Ions Vorgängen und zeitigen In¬ 
filtrationen der Umgebung abgesehen — in voller Ueliereln- 
stiiuuinng mit Allem, was bezüglich zweifelloser Coeeldieu sonst I 11 
der zoologischen Literatur zu linden ist. 

Bezüglich des gleichzeitigen multiplen Auftretens maligner Ge¬ 
schwülste in multipel vorhandenen Organen gedenkt er des Falles 
einer Hündin mit multiplen Mammatumoren, der ihm seiner Zeit 
im Breslauer physiologischen Institut vorkam. Leider konnte er 
den betreffenden Fall damals uieht selbst mikroskopiseh unter¬ 
suchen: eine stereoskopische Aufnahme desselben soll in einer dev 
nächsten Yereinssltziingen demonstrirt werden. 


Naturhistorisch-Medizinischer Verein Heidelberg. 

(Medizinische Sektion.) 

Sitzung vom 5. November 1901. 

Als Schriftführer der Sektion wird an Stelle des nach Aachen 
verzogenen Herrn Prof. Marwedel Prof. L. Brauer gewählt. 
Derselbe nimmt die Wahl dankend an. 

1. Herr Bettmann: Vorstellung und ausführliche Be¬ 
sprechung zweier Fälle von Lepra. 

1. 51 jähr. deutscher Ingenieur, der 1873 nach Brasilien aus- 
wänderte und l>is zum letzten Sommer in der Provinz San Paolo 
lebte. Einer seiner Brüder, der dort starb, scheint an Lepra ge¬ 
litten zu haben. Bel unserem Patienten sind die jetzigen Er¬ 
scheinungen im Laufe der letzten beiden Jahre deutlich hervor¬ 
getreten. 

Es finden sich ausgedehnte flache Infiltrationen und Pig- 
inentlrungen, besonders im Gesichte und an den Extremitäten, 
weniger stark am Rumpfe. Typische „Leontiasis“ des Gesichtes, 


sehr starke Verdickung und Plguieutiruug der Haut am Hand¬ 
rücken. 

Augenbrauen fehlen, Wimpern sind fast vollständig verloren 
gegangen, der Bart, die Behaarung der Achselhöhle und der Regio 
pubica sind stark gelichtet. 

Die Nägel sind an den Zehen rissig, an den Fingern nicht 
verä ndert. 

Ausgedehnte Sensibilitässtörung, stellenweise dissozilrt. Hand¬ 
rücken am stärksten betlielligt. 

Nervus ulnaris beiderseits verdickt. 

Vollkommener Defekt des knorpeligen Nasenseptum. Beider¬ 
seits Knoten im Nebenhoden. 

2. Der jetzt 15 jährige Sohn des Patienten ist in Brasilien 
geboren und wurde von 3y 2 Jahren als g e s u 11 d nach Deutsch¬ 
land geschickt, wo er sich seitdem aufhielt. 

Anamnestisch ist festzustellen, dass seine Erkrankung vor 
mehr als 2 Jahren mit heftigem Hautjucken begann. Allmählich 
erschienen Knoten und Knötchen an verschiedenen Körperstellen. 
besonders im Gesicht. Keinerlei Beschwerden. 

Bei dem Knaben, der im Waelisthum zurückgeblieben ist. 
finden sich viel Dutzende kleinerer Knoten und Knötchen über 
das Gesicht zerstreut, liesonders in der Umgebung des Mundes und 
am Kinn. Die Gebilde sind ziemlich derb, andeutungsweise 
durchscheinend. Ein Knoten an der linken Wange ist uleerirt. 
Auch an den Handrücken und Armen und in geringerer Zahl an 
den Beinen finden sieh entsprechende kleine Tumoren. Dazwischen 
flachere Infiltrate. Massige Pigmentirung und Schilfermig der 
Haut. 

Die Augenbrauen sind fast vollständig verloren gegangen. 
In der Nase mehrere oberflächliche Geschwüre. Ein halbkugeliges 
Knötchen in der Plica iutcrarytaenoidea. Grosser harter Milz 
tuuior. 

Herabsetzung der Sensibilität im rechten Peronäusgebiet. Er¬ 
höhung der Sehnenreflexe. Patellar- und Fussklonus. 

Bei beiden Patienten finden sich kolossale Mengen von 
Leprabnzillen im Nasenschleim; ferner gelang der Nachweis der 
Bazillen in Hautschüppchen, im Eiter, im Ge webssaft, und bei 
dem älteren Patienten auch in den Fäces. 

Ein kleiner Tumor, der dem jüngeren Patienten exzidirt 
wurde, erweist sich seiner Struktur nach als „Leprorn“ und ent¬ 
hält dementsprechend auch kolossale Mengen von Bazillen. 

Es verdient wohl besondere Beachtung, 
das« unser jüngerer Patient, ohne dass man 
von der Art seiner Erkrankung eine Ahnung 
hatte, seit 3 Jahren in einem Knaben pensionat 
lebte, in dem er das Schlafzimmer mit einer 
grösseren A 11 z a li 1 von Mitschülern (bis zu 11!) 
t h e i 1 t e. Trotzdem nach Lage der Dinge nicht die geringsten 
Vorsichtsmaassregeln ergriffen waren, und trotzdem der Kranke 
in Folge seiner Nasenaffektion enorme Mengen von Leprabazillen 
verstreut, scheint keinerlei Weiterübertragung seiner Krankheit 
stattgefunden zu haben. 

Vortragender bespricht die Maassregeln, die gegen die 
Weitorverbreitung der Lepra ergriffen werden müssen. Was 
speziell die vorgestellten Patienten betrifft, so verlangen ver¬ 
einzelte Fälle der Erkrankung, die nach leprafreien Ländern 
gelangen, keine allzu strenge Isolirung. Man kann solche Patien¬ 
ten in häuslicher Pflege belassen, wenn sie die Garantien bieten, 
dass gewisse Vorsiehtsmaassregeln eingehalten werden (Schlaf¬ 
zimmer, Ess- und Trinkgeschirr, Leib- und Bettwäsche, Nasen¬ 
schleim !), 

2. Herr Petersen: Ein Fall von doppelter Darm¬ 
resektion mit Darmausschaltung (Krankenvorstellung). (Cf. den 
Nachtrag zu dem Vortrag vom 7. Mai 1901, No. 1, S. 42 d. W.) 

3. Herr Brauer: Ueber chronische Steifheit der Wirbel¬ 
säule. 

Nach einleitender Besprechung der einschlägigen Literatur 
stellt der Vortragende folgenden Fall vor: 

Ernst C., Kellner. 20 Jahre alt. Familienanamuese ohne Be¬ 
lang (weder Tuberkulose, noch rheumatische Leiden). Pat. hatte 
als Kind Diphtherie und Masern. Kein Trauma. 

1895 Ende Dezember Gonorrhoe, Mitte Januar 1890 bei noch be¬ 
stehendem Tripper Gelenkrheumatismus (linkes Seliultergelenk. 
beide Hüften. Kuiee uud Fussgelonke), dabei „Herzerweiterung". 
Spitalaufnahme. Nach 8 Wochen völlig geheilt, entlassen. 

Dann völlig wohl. 1899 in Brüssel neu erkrankt: 2 Monate 
lang Schmerzen in beiden Hüften und in einem Knie. Pat. konnte 
nicht Treppen steigen. Ing meist zu Bett. Damals keine Be- 
theiliguug der Wirbelsäule. 

Wegen Plattfuss militilrfrei. Das jetzige Leiden begann An¬ 
fang Februar 1901. Pat. erwachte eines Morgens mit heftigen 
Schmerzen, die von der Tuenden- und Kreuzbeingegend nach den 
Weichen hin ausstrahlten, so dass er sich kaum bewegen konnte. 
Mit vieler Mühe gelang es ihm. aufzustehen. doch konnte er nicht 
gehen, noch den Rumpf nach vorwärts, seitlich oder nach rück¬ 
wärts beugen. Torsion war möglich. Erst nach Verlauf einer 


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102 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Stunde konnte Pat. wieder gehen. Die Schmerzen Hessen nach, 
hörten aber nicht ganz auf. 

Setzte sich jedoch Pnt. wieder eine Zeit hang, so fingen die 
Schmerzen und die Steifheit wieder an. 

Mit zeitweiliger Besserung dauerten die Beschwerden das 
ganze Frühjahr und den Sommer hindurch. 

Die Schmerzen sind besonders stark des Morgens beim Auf¬ 
stehen; wenn Pat. sich aber einige Zeit bewegt hat. werden sie 
geringer. Sie strahlen beiderseits längs des Rippenrandes nach 
vorne. 

Im Bett kann er nie längere Zeit in derselben Lage verharren. 
Im Uebrigen keine Beschwerden. 

Keine Syphilis, kein Potatorium. Bei der Einathmung Span- 
nungsgefühl auf der Brust. 

Stat. praes.: 

Sehr gross, mässiger Ernährungszustand, dürftiges Fett¬ 
polster. schwächliche Muskulatur. Anämie. 

Aus dem Status sei dann ferner hervorgehoben: 

Thorax mässig gewölbt, sonst von normaler Form. Thorakale 
AtLnnung fehlt fast vollständig. Mittlerer Brustumfang SO«/, cm. 
Tiefste Inspiration 01 cm. Tiefste Exspiration 80 cm. 

Lungen ohne pathologischen Befund. 

Herz: Normale Grenzen. Leises systolisches Geräusch. 
Aeeentuirung des 2. Pulmonaltones. 

Reim Gehen wird der Rücken steif gehalten. Will Pat. einen 
Gegenstand aufheben, so muss er stark in die Kniebeuge gehen. 
Auch beim Treppensteigen, Auf- und Niedersetzen, Sichdrelien etc. 
tritt sehr deutlich die gezwungene steife Körperhaltung hervor. 

Die Lumbalgegenden, der Rippenbogen, sowie die Ileosakral- 
gelenke sind auf Druck sehr schmerzhaft. Die Gürtel- und Ex¬ 
tremitätengelenke sind völlig frei. Die Wirbelsäule selbst ist auf 
Druck nicht empfindlich; die physiologischen Krümmungen sind 
zum Tlieil ausgeglichen. 

Die langen Rückenmuskeln zeigen mittlere Atrophie. Kopf¬ 
beugen nach vorwärts ist wegen Schmerz in der Wirbelsäule nicht 
möglich; Rückbeugung des Kopfes leicht möglich. 

Bei Vor- und Rückbeugung des Rumpfes wird die Lenden- 
uml die untere Hälfte der Brustwirbelsäule wie ein Stock völlig 
steifgehalten. Die Beugung vollzieht sich in den Hüftgelenken. | 
Das Vorbeugen ist schmerzhaft. Torsionsbewegungen in massigem 
Grad«* ausführbar. Keine Exostosen au der Wirbelsäule nachzu¬ 
weisen. Schlag auf den Kopf oder Erschütterung des Rumpfes 
erzeugt keine Schmerzen in der Wirbelsäule. 

Das Röntgenbild lässt im Lenden- und unteren Brusttheil 
Zwischenwirbelscheiben nicht erkennen. 

Im Nervensystem nichts Besonderes. Reflexe, Sensibilität etc. 
normal. Keine für Interkostalneuralgie charakteristischen Druck¬ 
punkte. 

Die Diagnose lautet aut chronisch ankylosirende Entzün¬ 
dung der Wirbelsäule (Strümpells Typus) auf der Basis 
eines chronisch rczidivirenden, ursprünglich gonorrhoischen Ge¬ 
lenkrheumatismus. 


Sitzung vom 19. November 1901. 

1. Herr Nehrkorn stellt einen 19jährigen Patienten vor. 
bei dem wegen chronisch-dysenterischer Beschwerden die links¬ 
seitige Kolostomie ausgeführt wurde. Patient litt seit ea. y 2 Jahr 
an chronis(.-hen Dannblutungen. Während 4 wöchentlicher Be¬ 
obachtung in der chirurgischen Klinik nahmen die blutigen und 
schleimigen Diarrhöen, der allgemeine Kräfteverfall und die 
Anämie rasch zu. Nach Versagen aller Versuche interner Therapie 
wurde zwecks lokaler Behandlung an der Flexura siginoides. die 
als der Sitz der Erkrankung anzusprechen war. ein Anus praeter¬ 
naturalis angelegt. Sofortiger Erfolg in Bezug auf Sistiren der 
Blutungen. Gute allgemeine Rekonvaleszenz. Nach 3y> Monaten 
Gewicht von 85 wieder auf 125 Pfund. Hämoglobingehalt des 
Blutes von 30 Proz. auf 71 Proz. gestiegen. Schluss des künst¬ 
lichen Afters. 5 Wochen danach ungestörtes Wohlbefinden. 

2. Herr v. Hippel: Demonstration eines Falles von Me- 
lanosarkom des Ciliarkörpers. 

Bei dem 11 jährigen Mädchen wurde die Geschwulst erst im 
Laufe dieses Jahres bemerkt. Der Tumor sitzt am linken Auge 
unten aussen und hat zu Irisdialyse geführt. In der Peripherie 
ragt er bis an die Horuliauthinterfläche. Bei Lupenvergrösserung 
sieht man hier vor der Hauptgeschwulst eineu bräunlichen Streifen, 
der wahrscheinlich durch Eindringen von Tumorzellen in die 
tiefsten Schichten der Hornhaut zu erklären ist. Die Geschwulst 
ist von gleiehmässig schwarzbrauner Farbe. In der ganzen Iris 
sieht man eine Anzahl schwarzbrauner Flecken, während die des 
rechten Auges gleiehmässig hellgrau ist. 

Der nasale Theil der Pupille erweitert sich gut auf Atropin, 
man sieht dann die Geschwulst hinter der Iris buckelförmig in «len 
Ginskörperraum hervorrngen. Ihrer Oberfläche ist eine gleichfalls 
scharf begrenzte, aber hell durchscheinende Blase aufgesetzt, «li«! 
wohl einer Timschriebonen Netzhautablösung entspricht. 

Der Hintergrund ist deutlich sichtbar, die Sehschärfe beträgt 
nach Korrektion eines HornhautastigmatIsmus von 3 D. i /. v 

Der Fall ist besonders bomerkenswerth, weil er ein Kind 
betrifft. 

Ein Trauma ist nicht voratisgegungen, an 2 Stellen des Kol¬ 
liers Anden sieh Melanome der Haut. 

3. Herr Jordan: Operative Eröffnung einer Eiterhöhle des 
Oberlappens der rechten Lunge (mit Krankenvorstellung). 


No. 4. 


Der 37 jährige Steinhauer, tuberkulös belastet, aber selbst 
früher stets gesund, erkrankte Im Mai 1899 mit Fieber. Husten, 
übelriechendem Auswurf und expektorirte in der 4. bis 5. Woehe 
ein fast nussgrosses stinkendes Gewebsstüek: R. H. über der 
Skapula Dämpfung. Allmähliche Besserung, doch blieben Husten 
und Auswurf in wechselnder Intensität bestehen. Im Frühjahr 
und Sommer 1901 mehrmals Hämoptoe, im August starke Ver¬ 
schlimmerung durch Auftreten hoben Fiebers, starken nustens. 
übelriechenden Auswurfs, dessen Menge über y 4 Liter in 24 Stun¬ 
den betrug. 

Bei der Aufnahme in die Privatklinik am 8. X. zeigte der 
sehr heruntergekommene und leidend aussehende Mann R. V. 0. 
im 2. Interkostal raum eine deutliche Einsenkune und ein Zuriiek- 
bleilKMi dieser Partie bei der Inspiration. Heber der r. Clavicula 
war der Schall verkürzt, unterhalb derselben bis zum unteren 
Rand der 3. Rinne gedänmft und auskultatorisch bestand ahsre- 
sehwäelites VesikuHirathmen mit verlängertem Exsnirium und zeit- 
woison küneenden und meinenden Ronehis. R. H. O. leichte 
Seballverkiirzmur bis zum unteren Drittel der Skanula und Vesi 
kulärathmen mit vereinzelten Rhonehis. Die übrieen Abschnitt*- 
der r. Lunge, sowie die ganze 1. Lunge bieten normale Verhält¬ 
nisse. Das Herz ist etwas nach R. verzogen. Das Snntum ist 
reineitrig, bat ftitiden Geruch, wird in der Menge von 300—480 g 
in 24 .Stunden unter starkem Husten entleert: trotz wiederholter 
T'nt«*rsuehune wurden keine Tuberkelbazillen, gefunden. 

Diagnose- Fiterböhle Im Oberlnnnen «1er r. Lunge. Am 
15. X. wurde in Morphinm-Chloroform-Narkoso ein Ha"tnvtskel- 
lanpen mit unterer Konvexität Umschnitten und treten die CDvieah 
zu nach oben abgelöst. Die Basis dosseihen reichte vom r. Stemp¬ 
eln virnln reden k bis zum Proe. eorneoides. die Snit^e ln" etwa« 
oberhalb «ler MnmmiHn. Nach subnerins*«1«r Resektion der 2. iwl 
3. Rinne in der Länge von 5 ein und Exzision der Interkostal- 
mnskeln lag die Pleura frei, deren Verwachsung mR der Lance 
ans der respiratorischen Unbeweglichkeit des betreffenden T,nne»n 
abschnittrs geschlossen werden konnte. Unter di«*«en Um a tä n <1en 
wurde die einzeitige Pneumotomie beschlossen und nach positiver 
Prnbenimktion mittels des Thermokauters ansgeführt. Nach 
langem Suchen und nach Erweiterung des Onerntionsfoldes durch 
Resektion der 1. Rinne gelangte man in der Tiefe von 5 cm. 
etwa in der nöhe dos Proe. eorneoides. auf eine wall nuss¬ 
grosse. glattwandige. mit mehreren Ausbuch¬ 
tungen versehene. stinkendes Sekret ent¬ 
haltende Höhle. Die Blutung war gering. li“ss sieh durch 
TComnression iewells leicht stillen. Die Abszessböbl“ würfle mit 
stcrilisirtcr Airoleazo locker tamnonirt fler Wdehtbeill*»nnpr» flurch 
einige Nähte flxirt. die Wunde im Uebrigen offen behandelt. 

Am 5. Tage nost operationem erfolgte eine leichte Nach¬ 
blutung. die zur Erneuerung der Tamnonade nöthigte. am fi Tage 
trat plötzlich eine starke arterielle Blutung ein. aus der medialen 
tmediastiunleul Wand der Lungenh*"«ble ergoss sich ein bleistift¬ 
dicker arterieller Blutstrom. Das blutende Gefäss wurde mittel« 
zweier Schieber sofort gefasst und damit die Blutung gostRR. Pa 
eine Ligatur nicht ausführbar war. wurden die Schieber 48 Stun¬ 
den in situ gelassen und fielen von selbst ah. Der weitere Verlauf 
war ein ungestörter, unter lebhafter Ornnuünine verkleinerte 
die Höhlung mehr und mehr, das Snntum ging auf ein Viertel d°r 
ursprünglichen Menge zurück, das Allgemeinbefinden besserte sich 
ausserordentlich schnell. Die umfangreiche Thoraxwnnde ist bi« 
auf die Prainöffnnng. die in die Lunge führt, geschlossen Pat. 
befindet sieh ln voller Rekonvaleszenz; die vollständige Heilnne 
wird indessen voraussi<*htHch noch längere Zeit beanspruchen. 

Herr Magnus: Ueber die Wirkung der Digitalis auf 
die Gefässe. 

Yort.r. berichtet über Versuche, welche er gemeinsam mit 
Herrn Prof. Gottlieh im pharmakologischen Institut ange- 
steilt, hat, um festzustellen, ob an der durch Digitalis bewirkten 
Blutdrucksteigerung ausser der sicher bewiesenen Verstärkung 
der Herzthätigkeit auch noch eine Verengerung der Gefässe be¬ 
theiligt sei. Um hierüber in’s Klare zu kommen, wurde ersten? 
die Ausflussgeschwindigkeit des Blutes aus Venen verschiedener 
Gofiiesbezirke des Splanehnikusgehietes und der Extremitäten 
untersucht und zweitens plethysmographische Kurven der Milz. 
Niere, des Darmes, der Extremitäten aufgenommen (Demon¬ 
stration der Versuehsmethoden). Beide Methoden hatten über¬ 
einstimmende Resultate. Die Versuche wurden an morphini- 
sirten Hunden angestellt, deren Herzvagus durch Atropin 
gelähmt war. Es ergab sich, dass hei Digitalinum verum, dem 
Hnuptbestaudtheil des Digitalisinfuses, bei Strophanthin, dem 
wirksamen Prinzip der Strophanthustinktur, bei Convallarin 


und hei einem neuerdings von Thoras dargestellten Körper 
aus einer afrikanischen Strophanthusart gleichzeitig mit der Blut- 
druoksteigerung eine starke Gefässverengerung in den Organen 
des Splanchnikusgebietes (Milz, Niere, Darm) auftritt. während 
die Gefässe der Kürperoberfliiche (Haut, Extremitäten) erweitert 
werden. 

Im Gegensatz dazu steht die Wirkung des Digitoxins, 
welches zugleich mit der Blutdrucksteigerung eine Verengerung 
sämmtlicher Gefässgebiete bewirkt. 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


163 


Zu einer näheren Analyse der Gefüsswirkung wurde das 
Strophantin benutzt. Es liess sich feststellen, dass die Gefäss- 
verengerung auch eintritt, wenn die Organe von ihren vaso¬ 
motorischen Zentren getrennt sind, dass also der Angriffspunkt 
der Digitaliswirkung die peripheren Gefässe selbst (glatte Mus¬ 
kulatur oder periphere nervöse Elemente) sind. Die Erweiterung 
der Gefässe au der Körperoberfläche erwies sich als abhängig 
von der Gefüsskontraktion in den Bauchorganen, sie fehlte nach 
Ausschaltung des ganzen Splanchnikusgebietes, statt dessen trat 
jetzt eine Gefässverengerung durch Strophanthin in den oberfläch¬ 
lichen Bezirken ein. 

Die Gefässerweiterung in den peripheren Körpergebieten 
wird bedingt dadurch, dass das Blut aus dem sich kontrahiron- 
den Splanchnikusgebiet heraus und in jene herübergedrängt 
wird. Dazu kommt aber noch ein zweites Moment, nämlich 
eine aktive reflektorische Gefässerweiterung in den oberfläch¬ 
lichen Gebieten, welche durch die Kontraktion der Bauchgefässe 
ausgelöst wird und sich an einem künstlich durchbluteten Bein, 
das nur durch seine Nerven mit dem Thier in Verbindung stand, 
nachweisen liess. 

Der Unterschied zwischen Digitoxin und den anderen unter¬ 
suchten Digitaliskörpern ist nur ein gradueller, insofern die Ge¬ 
fässverengerung bei allen Präparaten nach Entfernung der 
Bauchorgane eintrat und da auch nach Digitoxin in seltenen 
Fällen periphere Gefässgebiete sich erweiterten. 

Nach Digitoxin tritt also eine Umlagerung des Blutes von 
der venösen auf die arterielle Seite des Kreislaufs ein, bei den 
anderen Präparaten kommt hierzu noch eine Umlagerung aus 
den Gefässgebieten des Körperinnern nach der Körperoberfläche. 

Durch die allgemeine Gefässverengerung bei Digitoxin wird 
dem Herzen ein allgemeiner, nach Umständen sogar schädlicher 
Widerstand entgegengesetzt, während bei Digitalin, Strophanthin 
etc. durch Erweiterung einzelner GefÜssprovinzen das Herz ent¬ 
lastet wird. 

In beiden Fällen führt Zunahme des Druckgefühles und 
Verengerung des Strombettes zu einer starken Beschleunigung 
de« Blutstromes. 

Für die Beseitigung von Stauungen dürfte ausser dieser Zu¬ 
nahme der Strömungsgeschwindigkeit noch die Verdrängung des 
Blutes aus den Bauchorganen maassgebend sein. 

(Ausführliche Publikation erfolgt im Archiv f. exper. Path. 
und Pharmakol. Bd. 47.) 

Diskussion: Herr G o 111 i e b gibt im Anschluss an den 
Vortrag einen Ueberblick über die historische Entwicklung und 
Bedeutung der Frage. Gewichtige Argumente für eine gefiiss- 
verengernde Wirkung der Digitalisstoffe ergaben schon Versuche 
mit künstlicher Durchblutung überlebender Organe (Schäfer, 
K obert), sowie Beobachtungen von L. Brunton und Fr. Pick 
am lebenden Warmblüter. Der Grund, wesshalb diese früheren 
Versuche nicht überzeugender gewirkt haben, liegt zum Theil in 
der Ueberlegung, dass eine Gefässverengerung durch Steigerung 
der Widerstände, gegen die sich das Herz zu entleeren hat, dem 
Herzen eine Aufgabe aufbürdet, der gerade das kranke Organ am 
wenigsten gewachsen sein könnte. Wenn sich alle Gefässe des 
Körpers gleichmässig verengern würden, so würde allerdings die 
Aufgabe des Herzens enorm erschwert. Nun ergaben aber unsere 
Versuche, dass die Gefässverengerung nach Digitalin. Strophanthin 
etc. nur die inneren Organe betrifft, und dass das hier verdrängte 
I-tlut in den Gefässbezirken der Körperperipherie Platz findet, also 
dahin ausweichen kann, so dass das Herz zum Theile entlastet 
wird. Dabei wird gerade lu den Tbeileu des Organismus, iu 
welchen eine Verbesserung des Blutumlaufs bei Stauungszustäuden 
am meisten Noth thut, in den Gefässen des Darms, der Leber und 
.Viere, durch das Zusammenwirken der Gefässverengerung und 
verstärkter Herzarbeit die Blutgeschwindigkeit am wirksamsten 
(gehoben. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch bei jenen kleinen thera¬ 
peutischen Gaben, die am Krankenbett in Betracht kommen, die 
gefassverengernden Wirkungen der Digltalisstoffe bereits eine 
Rolle spielen. Wenigstens konnte bei den rasch wirkenden, 
toxischen Gaben im Thierversuehe jedesmal konstatirt werden, 
dass die Gefässverengerung nicht etwa erst auf der toxischen Höbe 
der Wirkung eintrat, sondern schon im allerersten Beginn der Blut¬ 
drucksteigerung. Diese ersten Wirkungen grosser Gaben setzen 
wir aber mit Recht in Parallele mit dem Einfluss kleiner Dosen, 
den wir bei therapeutischer Anwendung möglichst lauge festzu- 
halten suchen. 


Medicinische Gesellschaft zu Leipzig. 

(Offlcieiles Protokoll.) 

Sitzung vom 19. N o v e m her 1901. 

Vorsitzender: Herr Ourschmann. 

Schriftführer: Herr Braun. 

Herr Braun demonstrirt: 

1. Einen Fall von Phlebarteriektasie der rechten oberen Ex¬ 
tremität. 

Der Kranke, ein 43 jähriger Schlosser, hat. so lange er sich 
erinnern kann, oberhalb des rechten Handgelenks, in der Gegend 
der Radialarterie, eine kleine Geschwulst gehabt, ebeuso waren 
schon in der Kindheit die Venen der rechten Hand und des rechten 
Vorderarmes stärker entwickelt, als auf der linken Seite. Er hat 
davon keine Beschwerden gehabt, und war stets arbeitsfähig, bis 
vor einem Jahre die Geschwulst an der rechten Hand stärker zu 
wachsen begann und ihm heftige Schmerzen verursachte. Dess- 
linlb begab er sich in ärztliche Behandlung. Die Symptome waren 
im Februar d. J. folgende: 

Die rechte A. braehialis ist fast doppelt so dick, wie die linke, 
etwas geschlängelt, pulsirt sehr stark. An der A. ulnaris und 
radialis ist die Pulsation rechts ebenfalls weit stärker als links. 
Das untere Ende der A. radialis ist stark geschlängelt und zeigt 
4 hintereinander liegende liasel- bis wallnussgrosse Aneurysmen. 
In Folge des vermehrten Blutzuflusscs ist die Haut der rechten 
Hand «geröthot, heiss, stark schwitzend und sind die Ilautveneu 
an Hand und Vorderarm ausserordentlich stark gefüllt. Wird der 
Arm senkrecht in die Höhe gehoben, so entleeren sich die Venen, 
füllen sich auch beim Ilerunterlassen des Armes nicht wieder, 
wenn gleichzeitig die A. braehialis komprimirt wird. Beim Nach¬ 
lassen der Kompression blähen sie sieh sofort wieder auf, zeigen 
aber keine Pulsation. 

Eine weitere Folge der abnormen Zirkulation iu der Ex¬ 
tremität sind Ernährungsstörungen: Atrophie der Muskulatur und 
der Arthritis deformans ähnliche Gelenkveränderungeu an den 
Fingern. Der Vortragende weist darauf hin, dass die Erhaltung 
der Form der Gelenkenden gebunden ist an eine äusserst feine Re¬ 
gulirung des ununterbrochenen An- und Abbaues des Knochen- und 
Ivuorpeigewebes. Sobald durch abnorme Zirkulation oder Inner¬ 
vation diese Regulirung gestört sei, müssen sieh die Formen der 
belasteten Gelenkcudcu auch verändern. Auch eine Herabsetzung 
der Ilautsensibilität, welche die erkrankte Extremität bis zur 
Mitte des Oberarms zeigt, dürfte als eiue Ernährungsstörung auf- 
zulasseu sein. 

Die Aneurysmen der A. radialis hat B. im Februar d. J. ex- 
stirpirt, eine abnorme Verbindung zwischen der Arterie uml Veue 
ist nicht vorhanden gewesen. Nach dem operativen Eingriff haben 
die Schmerzen des Patienten auf gehört, die übrigen Symptome 
haben eine weitere allmähliche Zunahme erfahren. Der Vor¬ 
tragende bespricht kurz das, was über die Aetiologie dieser selteueu, 
wahrscheinlich auf kougenitaleu Ursprung zurückzuführenden 
Erkrankung, bekannt ist und bemerkt, dass sie sieh wohl nicht 
immer scharf gegen das aueh an der oberen Extremität vor¬ 
kommende Aneurysma cirsoides allgrenzen lasse. Therapeutisch 
würde, da die Krankheit in anderen Fällen stets progredient war 
und häufig zur Amputation der Extremität geführt hat, die Unter¬ 
bindung der Arteria braehialis zu versuchen sein. B. hat sich bis 
jetzt dazu noch nicht entschliessen können, weil die Folgen dieser 
Operation an der in ihrer Zirkulation gestörten Extremität nicht 
zu übersehen sind und der Kranke zur Zeit arbeitsfähig ist. 


2. Einen Patienten, bei dem er vor 4 Wochen eine Operation 
wegen gliomatöser Cyste der rechten Grosshirnhemisphäre aus¬ 
geführt hat. 

Der Kranke, ein 33 jähriger Arbeiter, Potator, war im Jahre 
1894 nach einem Fall auf den Kopf kurze Zeit bewusstlos. Weitere 
Folgen hatte diese Verletzung zunächst nicht. 1 Jahr später traten 
Krämpfe auf, welche an der linken Halsseite begannen, dann auf 
deu liuken Arm uud das linke Bein Übergriffen. Bald nahmen 
diese Anfälle au Häufigkeit zu, ergriffen auch die andere Körper- 
hälfte und waren mit Bewusstseiusverlust verbunden. Wegen der 
Krämpfe bat Pat in den Jahren 189ö—1898 wiederholt wocheu- und 
monatelang im hiesigen städtischen Krankenhause gelegen. Brom¬ 
kali, Opium, Jod blieben ohne Einfluss auf den Charakter und die 
Zahl der Anfälle. Zeitweilig hatte er deren 2—<3 am Tag, dann 
kamen wieder Zeiten, wo er nur manchmal leichte, auf die linke 
KörperhäUte beschränkte Krämpfe hatte, manchmal blieben sie 
auch längere Zeit ganz aus. Vor 2 Monaten gesellte sieh ein 
wichtiges Ilerdsymptom hinzu; Hemiparese der linken Körper- 
häifte. Als Vortragender den Patienten kurze Zeit später auf seine 
Abtheilung im Diakonlsseiihaus bekam, zeigte er folgende Sym¬ 
ptome: 

Gut genährter, kräftiger Mann, mit gesunden inneren Organen. 
Am Kopf keine Narbe, am Schädel keine verdickte oder schmerz¬ 
hafte Stelle. Das psychische Verhalten ist hochgradig gestört: der 
Kranke ist stumpfsinnig, sehlafsüchtig. vergesslich, es ist nicht viel 
aus ihm herauszubekommeu, die Erhebung der Anamnese ist fast 
unmöglich. Andere Hirndruekerscbeinungen, Stauungspapille, Puis- 
verlaugsamung, fohlen. Sprache ungestört. Das linke Bein ist 
parotisch, so dass Patient nur sehr schlecht laufen kaun, der 
linke Arm desgleichen, er kann aktiv nicht erhoben werden, die 
Finger der linken Hand sind gebeugt und können aktiv nicht ge¬ 
streckt werden. Die Reflexe der linksseitigen Extremitäten sind 
hochgradig gesteigert. Der linke Mundfazialis ist ^gelähmt, die 

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164 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


Zunge wird nach links herausgestreckt. Der Augeufazlalls 
dagegen Ist intakt. Es wurden einige leichte Anfülle be- 
obachtet: sie lK*standen in klonischen Zuckungen, welche au der 
linken Halsseite begannen, so dass der Kopf nach links gedreht 
wurde, auf den linkeu Arm, dann auf das linke Bein Übergriffen 
und mit völligem Verlust des Bewusstseins nicht verbunden waren. 
Fieber war nie vorhanden. Die Diagnose lautete auf eine Affektion 
in der rechten Grosshirnheuiisphäre in der Nühe der Hirnrinde, 
und zwar voraussichtlich in der (legend des unteren, mich der 
Fossa Sylvli zu gelegenen Theiles der Zeutralwlndungen. Denn 
da liegt das Zentrum für die Halsmuskulatur, von der die moto¬ 
rischen Ueizerschelmingen stets ihren Anfang nahmen. Welcher 
Art diese Affektion war, blieb ganz unsicher. 

Durch Ausschneiden eines handtellergrossen, in der Scliliifen- 
gegend gestielten Hautknoehenlappens mit Hilfe der Doye n’schen 
Fraise und 1) a h 1 g r e e n'schen Schiidelscheere wurden die er- 
wilhnten Theile der Himriude am IS. Oktober d. J. freigelegt, 
nachdem zuvor die Lage der Fissura Rolandi und Fissuni Sylvii 
mittels der Iv r ö n 1 e i n’schen Methode bestimmt, worden war. 
Nach Eröffnung des Schädels präsentirte sich die enorm gespannte, 
stark vorgewölbte, nicht pulsireude Dura. Sie wurde kreuzweise 
eingeschuitteu. Beim Abziehen der an einer Stelle an der Hirn¬ 
rinde adhüreuten Duralappen stürzte in starkem Strahl eine gross** 
Menge klarer, gelblicher Flüssigkeit aus der eingerisseneu Binde 
hervor. Eine Inzision in das nun sofort stark pulslrende Hirn Hess 
eine 7 cm im Durchmesser haltende Hirncyste erkennen, welche 
einen grossen Theil der rechten Hemisphäre ausfüllte, in der 
(legend der Zeutralwlndungen bis dicht an die Hirnrinde heran¬ 
reichte, und sie komprimirt hatte. Ihre Innenfläche war glatt, 
schien aus normaler Hlrnsubstauz zu bestehen, eine besondere, 
abziehbare oder exstirpirbare Schicht war nicht vorhanden. Bei 
«lern jetzt vorgenommenen Versuch, die Lage der Itindeuzeutren 
mit dem faradiseheu Strom zu bestimmen, war es von luteress»*, 
dass das einzige Zentrum, welches sich bei »1er schwachen, in An¬ 
wendung gezogenen faradiseheu Beizung als erregbar erwies, das¬ 
jenige war, welches auch vor der Operation nicht gelähmt war, 
nämlich das Zentrum für den linken Augeufazialis. Es lag dicht 
iielH*u der durch die Hirnrinde gelegten Inzisionswunde. Aus dem 
Hautknoclienlnppen wurde vom olicren Bande ein Stück ausge¬ 
schnitten. auch wurde in dieser (legend die Dura nicht geschlossen, 
einmal um ein Drain nach aussen leiten zu können und ferner Im 
Hinblick auf die Anschauungen Kocher's, wonach der Schädel 
nach Operationen wegen motorischer Beizerscheinungen der Hirn¬ 
rinde nicht ganz geschlossen, sondern ein Ventil geschaffen werden 
soll zum Ausgleich intraknmieller Drucksehwankungeu. Hierauf 
wurde ein Drain in die Kyste eiugeführt. der Hautknochenlappen 
eingefügt und bis auf die Drainstelle vernäht. 

Der Wundverlauf war ungestört, nach 14 Tagen wurde dns 
Drain entfernt, well auch nicht ein Tropfen Flüssigkeit durch 
dasselbe entleert worden war. Bereits am Tage nach der Operation 
waren die Lähmungen der linken Körperhälfte und die Steigerung 
der Reflexe au den linksseitigen Extremitäten völlig verschwunden, 
ein Zeichen, dass diese Symptome lediglich durch die Kompression 
der Hirnrinde bedingt worden sind. Ferner war das psychische 
Verhalten des Kranken normal gewordeu, er war gar nicht wieder¬ 
zuerkennen, erinnerte sich wieder an frühere Zeiten, war völlig 
klar und lebhaft. Am 5. Tage konnte er das Bett verlassen, die 
motorische Kraft der linken Extremitäten ist heute nicht mehr er¬ 
kennbar herabgesetzt. Durch die im Schädel gelassene Lücke sieht 
und fühlt man die Pulsation des (Jeliirus. Die Prognose des Falles 
ist trotz des jetzigen Wolillietindens des Kranken nach 2 Rich¬ 
tungen hin getrübt. Die mikroskopische Untersuchung eines ex- 
stirpirteu Stückchens der Kystenwnud luit ergeben, dass dlcsellie 
nus einem zell- und gefässreichen, ganz allmählich in die normale 
Himsubstanz übergehenden gliomatösen (Jewebe besteht, und gllo- 
matöse Degenerationen machen wahrscheinlich nicht Halt nach 
derartigen Operationen. An eine völlige Exstirpation des glio¬ 
matösen (Jewelies ist aller gar nicht zu denken. Fenier wird sich 
erst nach Jahren, falls der Kranke dann noch lebt, entscheiden 
lassen, ob die motorischen Reizorscheinungen der Hirnrinde, die 
Riudeuepilepsie, durch die Operation geheilt oder gebessert wor¬ 
den sind. Der Kranke hat nach der Operation 3 mal leicht»* 
Zuckungen im linken Arni und Bein gehabt, die wenige Sekunden 
anhielten. Er hat aber auch vorher Zeiten gehabt, wo sich nur 
leichte oder gar keine Anfälle zeigten. Es wird später noch einmal 
iilier den Fall berichtet werden. 

Herr Biehl demonstrirt: 

1. Einen Fall von Verkalkung der Haut (Kalksteine). 

Bei einer öl jährigen Frau liestehen seit ihrem 1(5. Lebens¬ 
jahre — angeblich nach Putzen von Kupfergescliirr mit Schwefel¬ 
säure - an beiden Händen zahlreiche bis erbsengrosse, an vielen 
Stellen zu lutselnussgrossen Plaques konfluirende Geschwülste, 
deren Hauptsymptom auffallende Härte ist. Die Haut über diesen 
Tumoren, welche namentlich an der Beuge- und den Seitenflächen 
der Finger sowie in «ler Vola mauus sitzen, ist von normalem Aus¬ 
sehen und ein wenig verschiebbar: die Tumoren sind der Unter¬ 
lage nicht adhiirent. Beide Hände sind so reichlich mit den Knoten 
besetzt, dass Pat. keine schwerere Arbeit verrichten kann. 

Das Leiden wurde bisher immer für (Sicht gehalten. Von Z«*it 
zu Zeit, stellen sich Schmerzen in einzelnen Knoten ein. und es 
brechen einzeln«* Knoten auf und enth*eren kreidige liarte Massen. 
G«*l«*nke frei. Organe normal. 

Ein «*xzidlrt«*rKnoten ll«*ss sich nur sehr mangelhaft s«*hnei«len. 
enthielt kristallinische und amorphe Konkremente; chemische 


Probe ergab Abwesenheit von Harnsäure, dagegen Kohlensäure 
und I'hosphorsäure und Kalk. Böntgimnufnahnie ergab sehr 
«leutlh-he Bilder der Verkalkung. Histologische Untersuchung 
ergab, dass tlie Konkremente nicht an epitheliale Gebilde. Talg 
«lrüsen etc. und nicht an pathologische Grundlagen (Atherom. 
Epitheliom) gebunden, sondern in biud«*g«*webige Kapseln ein- 
geschlossen in «ler Kutis und Subkutis liegen, stellenweise von 
Zeichen chronischer Entzündung begleitet. R. bespricht die be¬ 
kannten Fälle von Verkalkung «ler Haut, namentlich die von 
v. Noor «len zusammengestellten Fälle und äussert die Ansh-lit. 
«lass wahrscheinlich Entzündungspro«luktc der Schwefelsümv 
«lermatltis die Veranlassung für «lie Konkrementbildung gegeben 
lmlieii. (I)er Fall wird an anderer Stelle ausführlich beschrieben.! 

2. Einen (»7 jährigen Arbeiter und eine 40 jährige Dame mit 
Atrophia idiopathica cutis progressiva, und erläutert «len Fall 
durch Mittheilung der bisher liekannt gewordenen Thatsachen über 
diese Krankheit, Demonstration von ähnlichen Atrophien und histo 
logischen Präparaten. 

Herr Bender demonstrirt einen Fail von erworbenem Hoch¬ 
stand der Skapula mul einen Fall von einseitiger isolirter Atrophie 
des M. cucullaria. (Wird in «ler Münch, med. Woehenschr. Publi¬ 
zität.) 

Herr P a e s 81 e r spricht über Epilepsie und Apoplexie. 

Vortr. schildert 2 Fälle von posthemiplegiscli«*n 

Konvulsionen. 

1. Fall. W., 54 Jähriger Galvanoplastiker, war bis vor 
4 Jahren angeblich immer gesund. Entwicklung leidlich, früher 
ebenso wie sein Vater und <*in Bruder leicht nufbrausemL Keim* 
neimipatliisehe Belastung. Keine Lues. Nach Angabe «ler Frau 
»lässiger Pot ns. Vor 4 Jahren s«*hmerzlose Anschwellung der 
Fiisse. vielleicht Knöclielödem; «Lieh soll der heliandelude Arzt 
das Bestehen einer Herz- und Nierenerkrankung vermisst halten. 
Vor 2 Jahren. 13. X. 1HPP, apoplektischer Insult. 
Der Mann Hel nach kurzem uubedeuteudeii Unwohlsein plötzlich 
hei der Arbeit um; er wurde rechtsseitig gelähmt uinl 
ap ltaMisi- h, aber nicht völlig bewusstlos nach Hause gebracht. 
Drei Tage später kam er ziemlich schwer benommen in «Ile me«li- 
zlnische Klinik. Hier fanden sich nelten der schlaffen Hemiplegie 
und fast vollständiger amnestischer Aphasie die Zeichen einer 
<• li t* o n i sc h e lt interstitiellen Nephritis: Here- 
hypertroph!«* ohne wesentl leite Dilatation, Aceentuatlou «les 
2. Aortentons, Arteriosklerose, Drahtpuls. In dem ziemlich reich¬ 
lichen Harn v«m relativ zu geringem sjiezlflsclten Gewicht fand 
si<*h »*lne Spur Eiwelss, sowie einzelne hyaline und gratinlirt«* 
Uyliuder. Im Krankenhaus«* liesserten sich die Lähmungen all¬ 
mählich, die Sprache kehrte schliesslich fast vollkommen wieder 
zurück. Als W. 3 Monate na«*h «lern Krankheitsbeginn aus der 
Klinik entlassen wurde. k«mnt«* er «ihm* Unterstützung etwas gelten, 
«ler rechte Arm und die Haud wunleu liewegt. waren aber noch 
völlig gebrauchsuufüliig. 

V i e r M «i n a t e n n c h «1 e r A p o p 1 e x i e trat zu Haus«* 
z tt nt erste u M a 1 e ein s *• hwerer Krampfanfall 
auf. anscheinend verbunden mit vollkommener Be¬ 
wusstlosigkeit. 

Patient sjiss nach «ler Schilderung s«*iner intelligenten uu«l 
gut lieobaclitendeu Frau auf dem Soplta und hatte sieh noch eliett 
nuterhalten, als er plötzlich «len Kopf in eigenthümlicher Weise 
nach rechts wendete: «lie Augen waren gleichfalls starr nach rechts 
und olien gerichtet. Bald begannen Zuckungen im G«*sieht. danach 
s«*hr rasch auch am übrigen Kiürper. Das Bewusstsein war an- 
scheinend schon etwas vor Begiutt der allgemeinen Konvulsionen 
erloschen. Im Begiun «l«*s Anfalls hat sich Patient in die Ztiuge 
gebissen. Nach Ablauf der Krämpfe ftilgte tiefer, mehrstündiger 
Schlaf. Als Patient erwachte, war die rechte Körper- 
h ii 1 f t e w i t* der so v o 11 k o m men ge 1 ä h m L wie u u - 
tii 111 «* 1 li a r tt a «• Ii dem Schlaganfall 1 m Oktobe r 
1 SPP. a u c h «lie S p r a e li e war total w i e «1 e r ge 
s «• li w u n «1 e u. Di e V e r s «• li 1 i m m e r u u g ging j e «l o c Ii 
in ganz kurzer Zeit wieder zurück. 

Einige Wochen nach diesem Anfall kam Patient zum zweiten 
Male in die Klinik. Hier haben sieh seit dieser Zeit die Krampf¬ 
anfälle in Abständen von durchschnittlich 3—(5 Wochen wiederholt. 
Zweimal trat eine »lässige Häufung «ler Anfälle ein. welche dns 
zweite Mal v«m einer lies«iiiders langen anfallsfreien Zeit, gefolgt 
war. In der nnfnUsfreicu Zeit wurden gelegentlich Bewusstseins¬ 
störungen in Form von l«*i«-hten Oliimiachtsnnwandlimgen 1 h- 
obachtet. 

B«*i «len im Krankenhanse aufgetreteneu Anfällen Italien 
Anfangs wiederholt «1 i e Zuckungen ihren Aus¬ 
gang v «i n «ler g e 1 ä li m teil rechten Seite g «* - 
n o m m «* n und sind erst vou hier aus auf die g e - 
s u n <1 «* K ö r p e r h ii 1 f t e ii b e r g e s p r u n g e u. Bel diesen 
Anfällen lN*stnnd in «ler Regel «lie schon im ersten Anfälle vou 
der Frau «les Patienten beobachtete Ablenkung <l**s 
Kopfes und «ler Blickrichtung nach der ge- 
1 ä hinten respektive krumpfenden Seit e. Ebenso 
wiederholte sich jedesmal «las Wiedererscheinen 
«ler u r s p r ii n g 1 i <* li v «i r li a ndenen Sprach- un «1 
motorischen Lähmung. Dabei hat die Sprach«* 
allmählich dauernd gelitten, so dass zur Zeit eine stabile, 
ziemlich hochgradige, amnestische Aphasie bestellt Dagegen 
scheint die «lauernd«* Lähmung der Körpermuskulatur nicht weiter 


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28. Januar 1002. , MUEXCUENER MEDIC1XISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


lor» 


?.n?i‘n()iii!iH'n 7,11 haben. ZuntrenMs.se kamen noeli häufig vor. Oft 
wurden die Krampfanfälle durch einen lauten Schrei eingeleilet. 

I m w eite r e 11 V e r 1 11 u f d e r K r a n k heit li a t das 
K r a ni p f l> i 1 d e i n e w e s e n 11 1 c h e A enderung e r - 
fahren. Seit einitrer Zeit beginnen nämlich die Konvulsionen 
stets gleichzeitig in beiden Körpcrhälften. Die konjugirt.* Devia- 
tion nach rechts blieb aus. Ferner kommt es nach den Anfällen 
nicht mehr zu der früher stets beobachteten vorübergehenden 
Verschlimmerung der Lähmungen. Wenn 1‘atient nach dem An¬ 
fall aus dem Schlaf erwacht, kann er sofort die paretisehen <»Heiler 
in demselben I'infange wieder bewegen, wie vor dem Anfall. Allen 
die Sprache wird durch die Krampfanfälle nicht mehr beeinflusst. 

Die Intelligenz des Kranken bat seit dem Auftreten der 
Krämpfe langsam aber deutlich abgenommen. Der körperliche 
Zustand ist. abgesehen von der jetzt spastischen Hemiparese, 
ein relativ guter. Das Nierenleiden hat keine erkennbaren Fort¬ 
schritte gemacht. 

2. Fall. S.. 4<» jähriger Kaufmann. Seit 2 K Jahren 
Zeichen von Sehr 11 in p f n i 1? r e. Bis daliin gesund. Vor 
T» Jahren anfallsweise ..Ischias” im linken Kein. Bei diesen 
Anfällen öfter Schwindel, einmal auch Sehstörungen. Vor 

I .1 a h r <2S. V. UD1) e n t w i e k e 1 t e s i e h n a «• h e i n e r 

A ufre g u 11g p 1 ö t z 11 c h 0 i n e 1 ä li 11111» g «artig e 
Schwache in den Keinen. Der 1‘atient wurde u n be¬ 
sinnlich und Iiekam b a 1 d d a r a uf kl o 11 i s e li e 

K r ii m p f e der link e 11 G e s t e li t s h ii 1 ft e u n ii d e s 

link eil A r m s. Das Kein soll au den Krampferscheimmgen da¬ 
mals nicht bet heiligt gewesen sein. Die Zuckungen dauerten 
angeblich 2 Stunden. Als der Kranke am folgenden Tage in die 
medizinische Klinik aufgenommen wurde, zeigte er eine links¬ 
seitige Hemiparese. Der Arm war schlaff gelähmt, das 
Hein spastisch paretisch. Gleichzeitig bestand links eine gering* 

II er a b s e t z u 11 g der S e n s i l> i J i t ii t für alle Emptindungs 

«pmlitäten. Die Reflex«* verhielten sieh in der für eine typische 
cerebrale Hemiplegie charakteristischen Weise. Am Tage 
erfolgte ein n e u o r K r a m p f a 11 f a. 11 . D a s K 0 
w u s s t s e i n w a r e r I o s e h e n. I) i e K o n v 11 1 s i o n e 11 
sannen mit a n f ii n g 1 i e b 1 «* i e b I e n Zuck n 11 g e 11 i n 
der linke n G e s i e h t s li ii 1 f t o und schritt e n i n d e r 

für Rind e n k o 11 v u 1 s i o 11 e 11 t y p i s c li <• n W e i s e z u 111 

Hein fort. Während der Dauer des Anfalles bestand kon- 
j u g i r t e D e v i a t. i o n n a eh links, als o 11 a c li d e r g e • 
1 ä h m teil res p. k r a m p f e 11 d e n I\ ö r p e r li ii 1 f t e. Hei 
Wiederkehr des Bewusstseins bestellt. eine vollkommene 
schlaffe linksseitige II e m i p 1 e g i e. Sensibilität 
links herabgesetzt, namentlich Temperatmvmpfiinlungcn werden 
unsic her angegeben. Auf der linkt 11 <’.« siebtsfi*ldhälftc* beider 
Augen liestebt eine dentlich nnehweisbare Einschränkung: die ge¬ 
nauere Aufnahme des Gesichtsfelds misslingt in Folge des leicht 
l*cnonimenen Allgemeinzustaiides. 

Zwei Tag«* später sind die Liihniungserscheiiiungcii bis auf 
geringe Reste wieder geschwunden. 

Am 7. VI. traten wiederholt heftige* halbseitige Krämpfe der 
linken Körperhälfte mit vollkommenem Hewusstseinsveilust auf. 
Konjugirt»* Deviaton nach links. Nach den Krämpfen vorüber¬ 
gehend»* vollkommene Analgesie. Di«* linke* 8eite ist selilalT ge¬ 
lähmt. die rechte kataleptiseh. Nach Aufhöre*n der Anfälle bcste*iii 
noch eine Zeit lang laut schnarchende, öfter nussedzendc 
Athmung. Am folgenden Tage ein gleicher Anfall. Danach ist 
Patient desoriontirt unel sehr aufgeregt, lebhaft mit Tode*sge*danken 
beschäftigt. In der nächsten Zeit liessort sieli die Lähmung wieder. 
Krümpfe treten nicht auf. Die Sensibilität wird wie»l»*r normal. 
Das Bewusstsein ist noch häutig gestört. Patient ist entweder 
sumnolent »wlor stark erregt. Zeitweise C li e y n e - S t o k e s'se-hcr 
Atliemtypus mit Athempausen bis zu öd Sekunden. 

Erst gegen Ende* Juni, 4 Wochen nach dem Beginn der Krank¬ 
heit. tritt eine wesentliche Besserung im Befinden des Kranken 
ein. Das Scnseniuni wird dauernd frei, elie* Aufrcgungsztiständo 
kedircn nicht, mehr wie-den*. Gleichzeitig besteht eine sein* rei«h- 
liehe Diurese. Spastische linksseitige Hemiparese. 

ft. All. 1001 . E r 11 enter linksseitiger K r a m i> f - 
a »fall mit B e w u s s t s c i n s v e r 1 u s t. n a c h f o 1 g e> 11 d 0 
schlaffe L ii li in 11 n g el e r k r a m pf cn d 0 11 Iv ö r p e r - 
ii ä I f t e. Sehnen- und Ilautre tlcxc in den gelähmten Thcilcn 
«•rlose-heii. Naciielem etwa S sohdie halbseitige* Krampfattaken 
hintereinander abgelanfen sind, tritt ein tief komatöser Zustand ein. 
In dem noch manchmal eigenthümlich waekednde ode»r rhythmisch 
scliiittelnde He-wcgungen des Kopfes, bald nach links, bald nach 
rechts hinneigeud. nnftreten. 

0. VIII. Nachdem in der letzten Zeit nur veredn/.olte Zuckunge*n 
ln ele*n gelähmten Muskeln ohne Bewusstseinsstörung anfg»*tre*ten 
waren, e rfolgt«* licute* während de*s Se*hlafs »*in neuer vollkommen 
!i:ill>seitig«*r Krampfanfall in der linken Körperhilfte. I».*r 
Kranke erwacht»* dabei aus dem Seldaf und blieb dann hei völlig 
klarem Bewusstsein. Die Krämpfe erzeugten nach seiner Angabe 
»•in schmerzhaft, zieliemles Gefühl, in d *r linken Brust hälft»* ein 
starkes, beängstigendes Oppressioiisgcfiihl. Der Anfall dau«*rt fast 
»dm«* T’nt»*rhreelning ca. 1 Stunde. Danach ist die linke Körper- 
hälfte wie»l«*r vollkoinm» n scldalT gelälunl. die Sensibilität in 
allen Qualitäten stark herahg»*sctzt. Nach dem Anfall keine Kopf- 
s«*hin»*rz»*n, k» in S»-hlaf. 

Zur Zelt »*rgiht die nhjektir 1* U n t «* r s u <• h 11 n g »1 «* s 
I» a t i «* n t e n eine spastische linksseitig«* Demi- 
par« >0 mit kaum im«*hw«*isharer II »* r a 1» s e l /, u n g der 


Sensibilität. Die gelähmten Muskeln sind ziemlich stark 
atrophisch; keim« Ea lt. Patient kann den linken Arm leidlich 
g(*braueh»*n. kann mit Enterstiit/.ung gehen. Die Zeichen der 
Nicrenaftektiou unverändert. K e i n e S y m p t »> m e v o n 
E r a e m i e. 

Vortragender führt aus, dass es sieh in beiden Fällen um 
j tost hem iplegi sehe Konvulsionen handelt. Urämie als Ursache 
«ler Krämpfe ist mit Sicherheit auszus»*hlics<cn. Im ersten Fall- 
hui sich auf dem Boden der Rindenkonvulsioncn das typische 
Bild «ler klassischen Epilepsie entwickelt, während im 2. Falle 
dauernd nur Rindenkrämpfe uuftrut»*n. Die verhältnissmiDsig 
gro-se Seltenheit derartiger Fälle erklärt sich aus »1er Seltenheit 
von Kindenhlutungcn, die man pathologisch - anatomisch dab-i 
gefunden hat. 

Diskussion: Herr Sol t manu ist der Meinung, dass 
es sieli in diesen Eäll«*n um die Heizung eines oder mehrerer 
Rin»len/.entr»*n mit Vebergroifon der Erregung auf di«* graue Hirn- 
rimie. nicht aber um genuine Epil«*psie handle. Für »li«* Auf¬ 
fassung spreeli»* aueli «las von H«*rrn Paessler erwähnt«' Sym¬ 
ptom der konjugirten Deviation der Bulbi und der Wendung des 
I\opf«*s nach «i«*r gelähmten Seit»* zu Beginn der Anfälle. 

Herr (1 e i s t - Zsehadrass beriehtei über einen ähnlichen Fall 
von post hem iph'giselier Epilepsie und Hemianopsie, wo hei d«*r 
Sektion eine apopl«*ktisehe Eyst»* im Illnterhauptlappen gefunden 
wurde. 

Herr Schütz stimmt Herrn S«iltmann bei. Di»* «*<*hte 
genuin»* Epilepsi»* s«*i «*inw»*»l»*r ein«* N»*urose oder eine Psyelms»*, 
«lie in den ersten L«*liensjalir»*n entsteht. Epil«*psi«*ähnli»*hen Z11- 
ständi-n. welche nach dem 2Ö. l»is öo. Lebensjahr beginnen, liege 
in der It«*g»*l ein 01 iranisches L«*ld«*n zu Grunde. Die nach Apo- 
plexi»* zu b(>oba«-hteinlen Musk«*lzu«*kungen seien keine Epilepsie. 
Aehidiehe Ztistämlc wiinlen aueli 1 n*«» 1 mi eiltet hei Arterioskleros»* 
und ln*i Atropliie der Hirnrinde in Folge von Potatorium. Hierauf 
hali«* Il«*rr Paessler zu wenig Gewicht gelegt. 

Herr Paessler ist der Meinung, »lass seine Kranken An¬ 
fangs. wie er auch betont habe, an Rindenkonvulsioncn gelitt«*n 
hätten, dass sieh aber hei «len einen daraus schliesslich ein»* 
««•litt* Epilepsi»* «•ntwickolt hah<\ Für cim*n derartigen Zusaimnen- 
liang. wie aueli für das Auftreten c«*ht«*r Epilepsi«* n:»«*h dem 

Lol»«*nsjalir s«*i<*n von Pinswang er zahliviehe B«*ispi«*le 
mitgetheilt w«»r«h*n. 


Medicinische Gesellschaft zu Magdeburg. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 21. November 1901 - 
Vorsitzender: Herr Sondier. 

Herr Paul Schneider domonsirirt vor der Tagesordnung: 

I. ein seltenes Präparat aus dem Gebiete der vergleichenden pntho- 
logischen Anatomie: Eine Selbslheilung des in der Mitte frnktu- 
riiten Humerus einer Ente. 2. demonstrirt derselbe ein rnikro- 
skopiselics Präparat eines glaukomatösen Auges, an dem eine 
überaus tiefe Exkavation dos Sehnerven zu sehen ist. 

Diskussion. Herr Habs erklärt die Spontanheilung für 
sehr interessant und spricht des Längeren über die eigenartige 
Konfiguration der Erakturstelle. 

Herr Schreiber hält seinen angekiindigten Vortrag: 
„Wie korrigirt man die Kurzsichtigkeit am zweckmässigsten?“ 

Die* Korrektion der Kurzsichtigkeit hat Sehr, bei jugend¬ 
lichen Myopen in der Weise bis vor Kurzem nusgcfiihrt. dass 
er hei M <1.51) kein Glas verschrieb. Boi M> 1,5 wurde für 
die Ferne dasjenige Konkavglas verordnet, welches dio Kurz¬ 
sichtigkeit. annähernd korrigirte. ohne dass Mikropie eintrat, 
für die Nähe wurde das entspreeliond schwächere Konkavglas ge¬ 
geben. welches den Fernpunkt bis auf 40 cm vom Auge verlegte. 
Af.vopien > 10,0 D wurden für die Ferne nur ausnahmsweise 
annähernd voll korrigirt. Auf Insuffizienz der Rceti interni und 
komplizireiulen Astigmatismus wunlc stets die nüthigo Rücksicht 
genommen. Die veror»lncten Brillen wurden, wenn sie kompli- 
zirtcrer Natur waren, st«*ts einer Kontrole unterworfen. 

Eine von dem Vortragenden aus seinem Materiale aufgestelltc 
Statistik, welche die nach obigen Prinzipien korrigirten Kurz¬ 
sichtigen aus den ersten 10 Jahren seiner Thätigkeit umfasst, 
ergibt, dass die Hauptprogr«*ssivitiit «1er Kurzsichtigkeit in dem 
Alter voll 7—10 Jahren zu finden ist. Die Zunahme der Kurz¬ 
sichtigkeit betrug nämlich in diesem Alter bei einer Be- 
ohaehtnngsdauor von 7'/i* Jahren für das rechte Auge 3.761). 
für «las linl e 3.41 D. Bei «letijenigen .Myopen. w«*lehe erst im 

II. Jahre zur Bi-ohaehtung kamen, betrug di«* dur»*hselinittli«*h<* 
Zunahme der Kur/.-dehtigkeit. in 6jähriger Beobacht ungszeit 
rechts mir noch 2.39. links 2.21 D. Annähernd dieselbe Zunahme 
der Kurzsichtigkeit fand sich !>«*i d«*u 12 und 13 jährigen My..pi*n: 
vvl'r« ii I • 1 i« • 1 1 jähvig«*!i in S j.'ihrigi-r 15> «»hacht uni: - lau« r ini:* 


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MUENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


IG« 


No. 4. 


noch eine Zunahme ihrer Kurzsichtigkeit von 1,94 1) rechts und 
4.63 D links zeigten. Vom 17. Lebensjahre ab wird die Myopie, 
einige Ausnahmen abgerechnet, stationär. Bei der Altersklasse 
17—20 Jahre war in einer 7 Vü jährigen Beobachtungsdauer nur 
noch eine Zunahme von 0.63 D auf dem rechten und 0.74 D auf 
dem linken Auge zu konstatiren. 

Auf Grund dieser statistischen Zahlen kann nach Ansicht 
des Vortragenden von der Vollkorrektion der Kurzsichtigkeit, 
wie sie Pfalz auf dem letzten Heidelberger Ophthalmologen* 
Kongresse so dringend empfohlen hat, nur für die Altersklassen 
7 Jahre bis 14 Jahre eine wesentliche Besserung des Zunahme¬ 
verhältnisses der Kurzsichtigkeit erhofft werden, er schlägt daher 
vor allen Dingen für dieses Alter die Vollkorrektion vor, würde 
dieselbe aber erst von einer Myopie > 1,25 beginnen lassen. Die 
subjektiv festgestellte Myopie ist in allen Fällen objektiv nach¬ 
zuprüfen, bei Verdacht auf Akkommodationskrampf ist Atropin 
in Anwendung zu bringen. Astigmatismus und Insuffizienz sind 
zu berücksichtigen. Ferner ist darauf zu achten, dass die nöthige 
Akkomodationsbreite vorhanden ist. Kurzsichtige, die älter als 
zwanzig Jahre sind, und die bis dahin nicht voll korrigirt sind, 
werden am zweckmässigsten nach alter Methode korrigirt; bei 
Kurzsichtigen, welche das 40. Lebensjahr überschritten haben, 
i*t auf die vorhandene Presbyopie Rücksicht zu nehmen. 

In der Diskussion ergreifen das Wort die Herren 
M ü 11 e r. San d m a n n, M o li r, E n g e 1 m a n n, Schreibe r. 


Aerztlicher Verein München. 

(Officielles Protokoll.) 

Sitzung vom 43. November 1904. 

Herr Lange: Die Neubildung von Sehnengewebe an 
seidenen Sehnen. 

(Der Vortrag ist in No. 1 dieser Woehensehr, abgedruckt-.) 

Diskussion: Herr Mollier macht auf den embryonalen 
Charakter des neugebildeten Selincngewebes aufmerksam und ver¬ 
gleicht die Neubildung des Sehnengewebes aus lockerem Binde¬ 
gewebe der Subkutis mit der HIstogenese der Sehne in Korrelation 
zur Entwicklung des Muskelgewebes. 

Es wäre denkbar, dass auch die Sehnenneubildung bis zu dem 
Endstadium des normalen fertigen Sehm ngewebes fortschreite und 
es wäre von Interesse, ein solches Stückchen neuen Sehnengewebes 
nach längerer Funktionsdauer des Muskels histologisch und 
chemisch zu untersuchen. 

Herr Salzer: Die Ausführungen des Herrn Vortragenden 
Inten ssiren mich besonders, weil ich mich früher init ganz ver¬ 
wandten Untersuchungen am Auge beschäftigt habe. (Vergl. 
Salzer: lieber den künstlichen Hornhautersatz. Wiesbaden. 
Bergmann, und Sitzungsberichte der Morph. Ges.. München 
1 SOS. sowie Zeitsehr. f. Augenlieilk. 1900). Aus dem Vorhalten 
der Seide im Organismus geht hervor, dass nicht jeder Fremd¬ 
körper ausgestossen werden muss, wie noch jetzt vielfach ge¬ 
glaubt wird, und dass das jahrelange Verweilen eines geeigneten 
Fremdkörpers nicht mit besonderen Gefahren verknüpft zu sein 
braucht. Da die Stoffe, die ich zu meiner Cornea arteficialis ver¬ 
wendet habe, noch bedeutend indifferenter sind, als Seide, so kann 
ich nur betonen, dass die Ursachen der Ausstossung meiner Pro¬ 
thesen nach jahrelangem Verweilen in rein lokalen Verhältnissen 
zu suchen sind; wahrscheinlich ist es der Augendruck, der die Pro¬ 
these nach vorne treibt. 

Auch dass durch die Anwesenheit der Seide neues Sehnen- 
gewebe nach G 1 u c k's treffendem Ausdruck ..gezüchtet“ wird, 
ist mir sehr interessant. Ich habe in ganz analoger Welse Hora- 
liautgewebe zu züchten versucht. Indem ich ln oberflächliche De¬ 
fekte der Hornhaut Eihiiutehen. Seid<>nstüekehen u. s. w. eln- 
zuheilen versuchte. Teil erhielt auch Einwanderung von Zellen in 
das Stückchen Fremdkörper hinein, die ich als Hornhautzellen auf¬ 
fasse. Dass es mir vorläufig nicht gelang, bleibendes Gewebe zu 
erzeugen, liegt, n. a. auch wohl daran, dass hier der Beiz der 
Funktion fehlt. 

Herr Mollier erwähnt, dass bei der Regeneration auch die 
Ernährung des betreffenden Gewebes ausser dem Grade seiner 
Differenz innig eine Rolle spiele und desshalh ein Vergleich des 
Hornhaut ge web's mit der Subkutis nicht direkt möglich sei. 

Exe. v. V o g 1: Heber wissenschaftliche Hydrotherapie und 
Wasserkuren. 

Der Vortrag schliesst sich an den am 17. April 1901 im ärzt¬ 
lichen Verein gehaltenen Vortrag an und ist in No. 3 und 4 dieser 
Wochensehr, ahgedruekt. Der frühere Vortrag ist in den Münch. 
Neueste N’aehr.. N'o. 189. 23. April u. ff. und in der Augsb. Abend¬ 
zeitung. 23. April u. IT. abgednn-kl: ein Referat über denselben 
folgt hier. 

Die Antlieilnahmo der Laien an der Hydrotherapie ist kaum 
jüngeren Datums als diese seihst; aber Wenige haben ihre 
„Wasserkuren“ (nach selbst gewählter Bezeichnung) zu einer 


solchen Bedeutung gebracht, wie Priessnitz, ein einfacher 
Landmann in Gräfenberg in Schlesien, geb. 1799, gest. 1851, 
und Kneipp, ein Pfarrer in Wörishofen im bayerischen Kreis 
Schwaben, geb. 1821, gest. 1897. 

Beide sind nach der Legende durch zufällige Wahrnehmung 
auf die Heilwirkung des kalten Wassers aufmerksam gemacht 
und im Volksmunde zum „Vater der Wasserheilkunde“ erhoben 
worden — ganz mit Unrecht! Wohl aber bekommt man bei un¬ 
befangener Anschauung den Eindruck, dass beide Männer voll¬ 
überzeugt ihren Wahrnehmungen die Pflicht entnommen haben, 
sie allen Leidenden zum Nutzen werden zu lassen; dies muss 
ihnen zuerkanut werden, aber der Gründung der Hydro¬ 
therapie sind sie gänzlich ferngestanden; diese ist kein Kind des 
49. Jahrhunderts und auch kein Kind eines glücklichen Zufalles. 
An dei weiteren Ausbildung dieser Lehre haben sie selbst 
keinen Anthcil beansprucht, denn sie haben sich jeder Theorie 
abhold erklärt, sind also auch nicht in der Lage gewesen, die 
Lehrsätze von der Wirksamkeit des kalten Wassers durch einen 
neuen Gedanken oder eine Errungenschaft zu bereichern. 

Priessnitz aber hat die Anwendung des Wassers 
zu Heilzwecken systematisirt und manches Neue geschaffen; er 
war ein denkender Kombinator uud ein Meister der Technik. 

Kneipp’s Verfahren hat auf technischem Gebiete jeder 
Originalität entbehrt; seine „Güsse“, das Wesen der „Kneipp¬ 
kur“ sind in veränderter Nomenklatur dasselbe, was schon immer 
vorher geübt worden ist und wenn ihnen nachträglich als Eigen¬ 
art der „drucklose Strahl“ zugeschrieben wird, so ist zu bemerken, 
dass K. selbst von einem solchen nichts hat wissen wollen; sonst 
hätte er nicht den Schlauch mit sehr hohem Druck an Stelle der 
Giesskanne gesetzt und nicht von einem „Blitzguss“ geredet. 

In der Anwendung des Wassers hat K. an den 
vielgenannten Priessnitz nicht herangereicht. 

Kneipp hat sieh aber nach anderer Richtung verdient ge¬ 
macht. Er hat als Mann des Volkes dessen Verkehrtheiten iu 
der Lebensart gekannt und mit der ganzen Macht seines Ein¬ 
flusses bekämpft; er hat über Ernährung, Kleidung,Wohnung etc. 
durch meist richtige Anschauungen aufgeklärt und ist ein be¬ 
redter Apostel der Massigkeit und der Abhärtung gewesen. Er 
hat mit einem Worte die Gesundheitslehre popularisirt und sieh 
dadurch an Verdienst über Priessnitz gestellt. 

Nur zur Wasserkur dieser Männer! 

Priessnitz und Kneipp haben beide grosse Er¬ 
folge gehabt, äussere sowohl als wirkliche 
Heilerfolge. 

Ein Heilagens wie das Wasser, mit so sicherer und viel¬ 
seitiger Wirkung gibt unausbleiblich Erfolge, wo immer es zur 
Verwendung kommt; es versagt auch in Laienhänden ebenso 
wenig wie ein Arzneistoff in richtiger Gabe, am rechten Platze 
und zur rechten Zeit! Jede Krankheit mit Darniederliegen der 
Lebensenergie, mit mangelhafter Blutbereitung oder Blutver- 
theilung oder Innervation, mit Störung der Hautthätigkeit iu 
Folge Verweichlichung etc. muss unter dem belebenden Reiz des 
kalten Wassers (nur von diesem soll ja zunächst die Rede sein) 
günstig beeinflusst bezw. zur Heilung gebracht werden; eine 
solche aus den Händen eines Laien trägt den Schein des Wunder¬ 
baren an sieh, namentlich dann, wenn Jahre oder Jahrzehnte hin¬ 
durch Heilversuehe anderer Art erfolglos geblieben sind. Glanz¬ 
erfolge solcher Art haben sich nun in Gräfenberg und Wöris¬ 
hofen wie an einem internationalen Sammelpunkt gehäuft und 
von da nach allen Himmelsgegenden Verkündigung gefunden; 
so ist der Krankenstrom dahin zur Hochfluth geworden, die mit 
den vielen Tausenden immer wieder eine gewisse Quote für 
Glanzerfolge zugeführt hat Dies musste alle Welt in Staunen 
versetzen, nicht bloss Laien, sondern auch Aerzte, die von den 
bisherigen Leistungen der Hydrotherapie noch wenig Kenntniss 
genommen oder zu nehmen Gelegenheit hatten. Man hat ja nur 
von „Glanzerfolgen“ gehört, darunter sogar von Heilung Blinder. 
Taubstummer etc.; die Gesammtleistung aber ist vom Anfang 
bis zum Ende dem Einblick verschlossen geblieben. Gräfenberg 
und Wörishofen glaubten sieh der Pflicht entbunden, welcher 
jede ärztlich geleitete Wasserheilanstalt sich unterzieht, rück¬ 
haltlos alljährlich über die Zahl der Kranken, der Geheilten, 
Ungeheilten und Verstorbenen zu berichten, sowie über Er¬ 
fahrungen, die den Aerzten zur Belehrung, den Kranken zum 
Nutzen dienen könnten. Hier hat jede Berichterstattung gefehlt 


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28. Januar 1902. MUENCHENER MEDICI NISCHE WOCHENSCHRIFT. 107 


und als schlimme Erfahrung findet sich nur angedeutet, dass 
nicht immer Alles so gegangen ist, wie es hätte sein sollen. 

Ich fühle weder Bedürfniss noch Neigung, hier der hinter* 
lassenen Kasuistik zu folgen und Momente der Anschuldigung zu 
entnehmen; ich beschränke mich darauf, nachzuweisen, dass 
Misserfolge dieser Kuren in grossem Umfange zu Tage getreten 
sind und zu Tage treten mussten. Pr. und K. hatten ihr ganzes 
Streben auf Glanzerfolge gerichtet und eben desshalb mit grüsst- 
möglicher Energie bethätigt; dies hat ihnen Misserfolge und die 
Zwangslage bereitet, die Energie immer mehr herabzumindern. 

Sie sind von G1 a n z e r f o 1 g e n durch Miss¬ 
erfolge zum Rückzug geschritten. 

Priessnitz hat auf seine Walddouche und seine be¬ 
rühmten Kotzenwicklungen mit den „Krisen“ verzichten und 
schliesslich alle Lungen- und Herzkranken aus seinem Verfahren 
ausschliessen müssen. Kneipp hatte seine Giesskanne und 
dann den Schlauch mit einer Energie arbeiten lassen, die der j 
P ri essn i tz’schen Walddouche nicht viel nachgestanden ist, 
als er erklären musste: „Ich habe 30 Jahre lang sondirt und jede 
Anwendung an mir selbst probirt, 3 mal, ich gestehe es ollen, 
sah ich mich veranlasst, mein Wasserheilverfahren zu ändern, 
die Saiten abzuspannen, von der Strenge zur Milde, von grosser 
Milde zu noch grösserer herabzusteigen . . . 

Mit diesem Rückzuge zur Milde haben beide die Eigenart 
ihres Verfahrens, die ja doch vor Allem in der Energie gelegen 
war, aufgegeben, damit aber auch die Aussicht auf Glanzerfolge 
sich geschmälert; denn mit „Milde“ weiss der Laie nichts zu 
machen! 

Milde wird ja, wie auch die Strenge, weniger von der Au- 
wendungsform — als Waschung, Douche (Guss), Wicklung, Bad 
etc. etc. — als vielmehr von der innerhalb jeder Form abstufbaren 
Reizgrösse bestimmt, welche selbst wieder abhängt ganz besonders 
von der individuellen Reaktionsfähigkeit des Kranken; zu deren 
Prüfung und Schätzung bedarf es unerlässlich der Kenntniss 
des menschlichen Organismus im gesunden und kranken Zustand 
und des Verständnisses, wie der thermische und mechanische 
Reiz auf die Gewebe und Funktionen zu wirken vermag. Auch 
ohne positives Wissen lassen sich immerhin mit diesem Reize 
Erfolge erreichen, aber nicht Misserfolge ferne halten; das „non 
nocere“, die erste Pflicht des Arztes, ist dem Laien unerreich¬ 
bar; und darin liegt die Gemeingefährlichkeit der Laien¬ 
medizin. 

Priessnitz und Kneipp sind aber mit ihrem Wissen 
noch unter dem heutigen Niveau der allgemeinen Laienbildung 
gestanden und dennoch haben sie sich vermessen an die Behand¬ 
lung akuter Krankheiten mit ihren täglich wechselnden Erschei¬ 
nungen und Indikationen gewagt und haben alle chronischen 
Krankheiten, ohne eine derselben sicher zu erkennen, ihrer Uni- 
versalbehandlung unterworfen; sie haben in der Abstufung ihrer 
Anwendungen sich nur von dem Eindrücke einer „schwäch¬ 
lichen“ oder „kräftigen“ Konstitution leiten lassen; sonst waren 
ihre reichlichen Verordnungen nichts als eine belang- und ver- 
ständnisslose Abwechslung, eine „Variatio delectat“. Sie waren 
ausser Stande, bei Einleitung des Verfahrens bestimmten In¬ 
dikationen zu folgen und bei Durchführung die individuellen 
Grenzen zu erkennen und einzuhalten zwischen Anregung (Schock) 
und Wärmeentziehung. Gerade diese Scheidung aber ist es, 
welche der Hydrotherapie Erfolge ermöglicht ohne Misserfolge. 

Nicht unerwähnt darf bleiben, wie beide Männer keine Ge¬ 
fahr darin gesehen haben, vielen Tausenden von Kranken aller 
Art, sogar Frauenkrankheiten ernstester Natur, briefliche An¬ 
weisung zu monatelanger Selbstbehandlung zu geben — in offen¬ 
kundigem Verzicht auf ihren „Scharfblick und die Begabung, 
der äusseren Erscheinung das Leiden viel sicherer abzulosen, als 
dies der Wissenschaft mit ihren Untersuchungsmethoden gelingt. 
Auch hier mögen sie manchen Glanzerfolg erreicht haben; wie oft 
sic die Gesundheit geschädigt und das Leben gefährdet haben, ist 
jeder Berechnung entzogen. 

Priessnitz’ und Kneipp’s Verfahren kenn¬ 
zeichnen sich somit als Laienbehandlung ohne 
Diagnose und ohne Kontrole, als eine Behand¬ 
lung en gros und par distance — das 
Schlimmste, was sich über ein Heilverfahren 
sagen lässt und was man einem Arzt nie ver¬ 
zeihen würde, einem Laien aber verzeihen 
kann, eben weil er Laie ist. 


Diskussion: Herr Raimund M a y r spricht über die gün¬ 
stige Einwirkung der kalten Bäder bei seiner Erkrankung an 
Pneumonie. 

Herr Grass mann weist im Anschluss an den Vortrag 
v. V og l’s über die wissenschaftliche Hydrotherapie auf den mäch¬ 
tigen lleilfaktnr hin. welchen wir in den Seebädern, speziell 
unseren Xordseebädern besitzen, über die Redner bei der heurigen 
ärztlichen Studienreise einige Erfahrungen sammeln konnte. Red¬ 
ner drückt den Wunsch aus, dass einer der Herren Kollegen, der 
hinsichtlich der therapeutischen Verwendung der Seebäder eigene 
Erfahrungen in grösserem Mnasse besitze, dieselben gelegentlich 
in einem Vortrage an dieser Steile der hiesigen Aerzleschaft zu¬ 
gänglich machen möge, da auch hier, wenn auch in relativ be¬ 
scheidenem Mansse, an den Arzt das Bedürfniss herantrete. Klien¬ 
ten wogen des (Jebrauches eines Seebades zu berat heu. Für eine 
Kur in unseren Xordseebädern eignen sich in erster Hinsicht das 
ganze Heer der Nervösen und Nourasthenischen, überhaupt alle 
durch berufliche Ueberanstrengung erschöpfte Konstitutionen, die 
in der That meist eine beträchtliche Besserung oder völlige Heilung 
erzielen; ferner anämische und chlorotische Personen, dann Re 
Konvaleszenten von akuten und chronischen Krankheiten, Personen 
mit chronischen Katarrhen der Luftwege. Betreff der Tuberkulose 
kommeu ln erster Reihe die Kinder in Betracht. Auf skroplmlüse 
und rachitische Affektioneu wirken die Seebäder erfahrungs¬ 
gemäß sehr günstig ein. In Kürze weist Redner auf die in Be¬ 
tracht kommenden Ileilfaktore» hin. Es sind dies vor Allem die 
reine, staubfreie und wenig durch Bakterien verunreinigte Lul't, 
bezüglich welcher übrigens der so oft in den Vordergrund ge¬ 
stellte Salzgehalt nach den vorliegenden Untersuchungen eine 
untergeordnete Rolle spiele, ferner das gleiehmnssige Klima der 
in Frage kommenden Inseln oder Küstenbäder. Nicht zu unter¬ 
schätzen ist die beschauliche Ruhe, welche ein Aufenthalt aiu 
Strande für Denjenigen, welcher sie wirklich aufsucht, mit sich 
bringt. Unter den Heilfaktoren müssen auch die guten sanitären 
Einrichtungen genannt werden, welche unsere deutschen Bade¬ 
verwaltungen im letzten Dezennium geschaffen halten, zum Theil 
mit kolossalen Kosten: die Entwässerungsanlagen, die Einrich¬ 
tungen für Beschaffung eines guten Trinkwassers, die Versorgung 
der Fäkalien. Die Aborte befinden sich grösstentheils in einem 
hygienisch erfreulichen Zustande. Abgesehen vou dem einfachen 
Verweilen am Strande ist der hauptsächlichste therapeutische 
Faktor das Seebad selbst. Ohne auf die physiologischen Wir¬ 
kungen des Meerbades näher einzugehen, muss doch kurz hervor¬ 
gehoben werden, dass ein Bad im Wellenschlag bekanntlich eine 
sehr ausgesprochene momentane Wirkung auf den Organismus 
entfaltet, die sieh aus chemischen und mechanischen Komponen¬ 
ten zusaramensetzt. Besonders schwächliche Leute sind darauf 
hinzuweisen, dass sie beim Gebrauch der Bäder eine gewisse Vor¬ 
sicht nicht ausser Acht lassen dürfen, wenn sie nicht unangenehme 
Zufälle erleben wollen. Die Haupt regeln in dieser Hinsicht lassen 
sich kurz dahin zusammenfassen, dass Anfangs nur sehr kurz und 
durchaus nicht jeden Tag gebadet werden soll. Unbedingt zu ver¬ 
melden ist zweimaliges Badeu innerhalb eines Tages. Das dürfte 
auf die meisten Menschen eine schwächende Wirkung ausüben. 
Zur Einleitung der Seebäderkur ist vor Allem der Gebrauch der 
Warmbadeanstalten zu empfehlen, welche ln den meisten unserer 
Nordseebüder mit grossen Kosten eingerichtet worden sind. Auf 
die Indikationen für die einzelnen Bäder des Genaueren einzugeheu, 
möchte Redner unterlassen und wünscht nur darauf hlugewiesen 
zu haben, dass auch die süddeutschen Aer/.te allen Grund haben, 
sich für die therapeutische Anwendung der Seebäder im Interesse 
ihrer Patienten zu interessireu. 

Herr F r a n c k e; Es ist hier hervorzubeben, dass die physio¬ 
logische Begründung des Wasserheilverfahrens trotz aller Expert- 
mentalergebuisse, die darüber veröffentlicht sind, noch eine sehr 
mangelhafte ist. Wohl ist ein grosser Unterschied zwischen dem 
reinen Empiriker und dem Arzt, der sich auf jeue Experimental¬ 
ergebnisse stützt, aber man täusche sich nur nicht über die Gren¬ 
zen unseres Wissens. Dass wir nach einer Reihe scharfer, untrüg¬ 
licher Schlüsse eiue ganz bestimmte Wasseranwendung setzen 
müssten, mit ganz sicher vorherzusagendem therapeutischen Er¬ 
folg, so weit sind wir noch lange nicht. Vorläufig spielt die ver- 
muthete Fluxion des Blutes, die angenommene Hyperämie Innerer 
Organe, die Wärmewelle, die fabelhafte Anregung der Haut- 
thätigkeit und vieles andere noch eine leitende Rolle. Unsere Me¬ 
thoden müssen erst noch viel verbessert werden, um die ver¬ 
wickelten Vorgänge, die sich nach den Wasseranwendungen er 
geben, übersehen zu können, bevor wir von einer wirklich wissen¬ 
schaftlichen Hydrotherapie sprechen können. Wir müssen, um 
nur eines anzuführen, erst eine viel bessere Art der Bestimmung 
des Blutdruckes durchführen, als sie bis jetzt allgemein ver¬ 
wendet wird. Heute Abend ist nicht mehr die Zeit, hierauf naher 
einzugehen, doch bin ich bereit, wenn es gewünscht wird, meine 
Angaben Leiter zu belegen. Ich bin dazu iu der Lage, denn ich 
gebe mich lange Jahre mit der physiologischen Begründung der 
sogen. Naturheilmaassnahmen, also auch der Hydrotherapie ab. 

Herr v. V o g 1: Es ist schwer, einem so allgemein gehaltenen 
Einwand zu erwidern. Gewiss sind, wie ich schon in der Ein¬ 
leitung zu meinem Vortrage zugegeben, ln der physiologischen 
Deutung der thermischen und mechanischen Wirkungen des 
"Wassers noch manche Lücken, aber diese nicht mehr und nicht 
grösser, vielleicht sogar geringfügiger, als diejenigen im Verständ¬ 
nis» der mitunter gerade wirksamsten pharmazeutischen Mittel. 


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1 'S 


MUFNCHFXKU MFDICINISC11E WOCUENSC'Il 1UIT. 


X... I. 


Es sind doch die entgegengesetzten Wirkungen des kalten und 
wannen Wassers auf Zirkulation. Innervation und Respiration 
woid gekannt, sowie auch der Einfluss auf die Sekretion im 
^Besonderen der Niereu; so die vermehrte Diurese und Ausscheidung 
der Toxine bei akuten Infektionskrankheiten etc.; endlich darf 
auch auf die Erhöhung der Alkalinitiit des Blut« ■s unter den Ein¬ 
flüssen von Kälteprozeduren hingewk'sen werden. 

Sitzung vom 11. D e z e m b e r 1901. 

Herr v. Win ekel: Diagnostische Schwierigkeiten und 
Irrthümer. 

(Der Vortrag erscheint in der Sammlung klinischer Vorträge 
von 11. v. V o 1 k m a n n. X. F.) 

Diskussion Herr F r o m in e 1 ist auch der Ansicht, dass 
diagnostische Irrthümer bei Abdoiuiiiullumoreii nie ganz zu ver¬ 
meiden sind. Das beste diagnostische Hilfsmittel ist die Zuhilfe¬ 
nahme der Narkose, welche F. bei jeder Untersuchung ein¬ 
schlägiger resp. zweifelhafter Fälle prinzipiell an wendet. 

Herr M o r i tz: Ueber orthodiagraphische Untersuchungen 
am Herzen. 

(Der Vortrag ist in Xo. 1 dieser Woehenschr. abgedruckt.) 


Nürnberger medicinische Gesellschaft und Poliklinik. 

(Offlcielles Protokoll.) 

Sitzung vom 19. Dezember 1901. 

Den- Steinhardt «icunuistrirt eine einfache, von der 
Firma Wunder & Kn eist in Hannover Allgefertigte Kinder¬ 
wage. Dieselbe besitzt das gleiche Aussehen wie «Im b. kannie.i, 
nahezu in jedem Haushalt vorhandenen Wirthsehaftswagen, mir 
bat die Wiegeschale eine längsovale Form, analog dem kindlichen 
Körper. Die tiewiehtsointheiluiig ist auf ]<■ g genau. Eine bei- 
gegebene runde Schale, von gleichem Gewicht wie di«* läugsovule, 
macht die Wage ohne Weiteres für Haushaltungszwecke venveml- 
bar (Preis M. 11.50). 

Herr Gessner; Ueber den Etat crible. 

Das zentrale Nervensystem, welches die in der Uebersehriit 
genannte pathologisch-anatomische Erscheinung aufwies, wurde er¬ 
halten hei der Sektion eines über 70 Jahre allen Mannes, der 
während der letzten Jahre seines Leliens an ausgesprochenster De¬ 
mentia senilis litt. Körperliche Funktionen intakt; unmotivirtrs 
Weinen. Die Sekti«»n wurde kurz nach dem Tode gemacht. Die 
Oberfläche des Gehirns war glatt; keine Protubernnzcn. Auf 
Durchschnitten auffallende Porosität der gesummten Hirnrinde, 
die wie ein Schwamm aussah; meistens waren die Spültchen senk¬ 
recht zur überdache gestellt. In der Gegend der lusula Heilii fast 
völlige Trennung zwischen Mark und Binde. In der Gegend der 
1. Capsula interna eine 5—0 cm lange, schmale rostfarbene Narbe, 
in welche der Linsenkern fast völlig einbezogen war. Lupciiver- 
grösserung liess deutlich auch die schwammige Beschaffenheit des 
Markes erkennen. Dieses Aussehen hot das ganze Gehirn und 
Bückenmark. 

Zuerst wurde der Etat crible von Duraud-Fardel und 
ungefähr um die gleiche Zeit von Pa re happe (1854) be¬ 
schrieben. Der Erstere gab ihm den Namen. Später kamen 
B i z z o z e r o (lNüfy und im gleichen Jahre H a u p t m a n n 
tauf der Naturforscherversammlung in Dresden), dessen Präparate 
Wustplial zu deuten versuchte. 1870 beschrieb C lark e den 
Etat crible. 1872 Oberst einer und F 1 e i s e b 1, 1874 Rip- 
ping und Adler; im gleichen Jahre erzeugten Eichhorst 
und Naunyn jene ARektion auf experimentellem Wege durch 
Lywplistauung. 1875 folgten Wiesinger und Arndt, welch’ 
Letzterer zum ersten Male bei einer progressiven Paralyse den 
Etat crible über das ganze zentrale Nervensystem ausgebreitet 
fand. 1870 kam der geistvolle Schule, 1878 nochmals Arndt, 
3880 Schlesinger, 1880 Hess, 1890 A. Pick, 1890 Neu- 
dürfte r. 1897 Sichert. 

Am häufigsten wurde der Etat crible bei Paralysis 
progressiva, d< muäclist bei Dementia senilis, ferner 
bei G u in in i eerebri <(J berstein e r), bei T u in o r ccrebri 
(Fleisch 1), bei I’otatori u iu (A rn «11), bei 11 y steriu (Ii. 
bei Idiotie und e i n f a c h e r I) e m e u z gefunden. Mit Aus¬ 
nahme eines Falles von A rn d t (progressiver Paralyse) war der 
Etat crible immer nur partiell. 

Ursprünglich halte mau den Etat criblö nur in der Rinde ge¬ 
funden und leugnete sein Vorkommen im Mark. Spätere T’nter- 
sucher fanden ilm auch im Mark, und in unserem Falle ist das 
Mark hochgradigst betroffen. 

Der Etat crible muss von der cystischen Degeneration <1<‘S 
Gehirns und Bückenmarks, wenigstens was die Klassifikation be¬ 
trifft. scharf getrennt werden. Beides kann zusammen Vor¬ 
kommen; iu unserem Falle fehlten jedenfalls Cysten vollständig. 

Mikroskopische Betrachtung der Schnitte ergibt, dass «las 
Mascheunetz nicht etwa reines Gliagcwebe ist, sondern dass sich 
noch zahlreiche Nervenfaser», allerdings zum grossen Theile in 
regressiver Metamorphose befindlich, \ortinden. ferner dass auf 
dem Gerüste sehr reichlich Iv a p i 11 a r e u verlaufen und dass hin 
und wieder langgestreckte schmale Ganglienzellen sich linden. In 
den Hohlräumeu finden sich G c f ii s s e, entweder quer, oder 


I Dings, oder schräg getroffen, je nachdem der llohlraum ia 
I seiner Längs- oder ü » e r r i c Ii t u n g getroffen ist; zuweilen 
i si, "l es mir abgerissen«* G e fiiss a r m e, auch obliterirte Gelass« . 
Innig an die Wand geschmiegt sieht man häutig Ganglienzellen, 
die die liohlrämm* wie Tapeten allskleiden. Die Ganglienzellen 
zeigen alle Stadien «l«*r Degiiieratimi; manche sind noch relativ 
j ent erhalten; «li«> exlreinsten Formen zeigen nur noch Pigineiu- 
tnimmer. Manche Hohlräuiiie sind in der Mitte wie durch Septa 
getheilt; die Septa sind airophirt«* llinisubstanz. ln den Hohl 
| läuineii zeigen si< h ausserdem häutig roiln* Blutkörperchen. man li. 
sind davon völlig ausgefüllt. Diese kleinsten Blutungen wr- 
«lanken ihre Enlsiehung Alikiii< kungen von Gefäs.-arm« n, wodur«-!i 
Stauung und Z« rr«-issung eiutrilt. Auss«*rdcm sieht man Lymph- 
körp«*rehen. Hiiniatoidinköriier. geronnene Substanzen. Chole- 
ste.arintafeln w«*rd« n von einigen Beohaehiern angeführt. 

Was «Ii«* Erklärung des Etat crihle anlaugt, so hat Bizzo- 
zei-o zuerst eine Erweitern ng der L y in p h g e f ii s s e 
angenommen. die jedoch erst ](» Jahre später entdeckt wur«I«*n. 
I elieriiaupt: bewegen sieb die Erklärungsuiöglichkeiten in eng ge- 
steckten Grenzen. Entweder Lymphstauung oder Er- 
1 w e i c h u n g. W e s i p li a 1 hielt «ii«- Maschen für ein G e f ä s s - 
1 netz; Arndt war der Erste, «ler nachwies, dass konstant in 
einem llohlraum ein Blutgefäss steckt, und dass die Bäume durch 
Erweiterung von Lymphrümiien zu Stande kommen. Nach den 
experimentellen Untersuchungen von Binswaugor um! 
Berger iiv.isi ist d«T «•xlrjuidveiititiell-epicerebral-perioellulSir** 
Lyinphnimn ein «*chtes Lymphsystem; der intraadv«*ntiti«*ll-sub- 
araelnioideale Baum di«*nt zur Regulirung des hydrostatischen 
Druckes. Lyinphräum«* sind im Gehirn überall vorhanden, und 
«d» man, wie W i e s i n g e r. als primär«* Ui-saehe die Erweite- 
rmigeu d«*r p«*ri«-ellulären. oder, wit* A r n «11, «ler übrigens gar 
nicht bewiesen« n interlibrillän n. oder der Intra- oder der extra- 
a«lventitiellen Lyiiipliräuiiie aniiiniml. timt nichts zur Sache. 
Jedenfalls sind sie alle von der Erweiterung betroffen, und die 
primäre Vrsaelu* liegt zuweilen überhaupt ausserhalb «les (Jeliirns 
und Küekenmarks. Für eine Entstehung «l«*s Etat crible aus 
k I c i n s t«» n E r w <* i <• li u n g s li »* r «1 «• n < Z i e g 1 e r. S i «* b «• r t. 
spricht gar nichts, zumal Hess ausdrücklich betont, dass er nie¬ 
mals Thromben gefunden habe. 

Im Allgemeinen lässt, sieh sagen, dass der Etat crlblt* rein 
mechanisch durch wiederholte starke Kongestionen nach «lein 
zentralen Nervensystem eiiisieht. wodurch vorülH*rgehemle Er 
w(‘it«*rmigen der perivaskulären <*tc. Lymphräiiine lu*rvorg«*rufen 
werden, die schliesslich, zumal bei der Nachgiebigkeit der in ihrer 
Vitalität beeinträchtigten Nerveiisubstanz. persistiren. In Fällen 
von partiellem Etat crible handelt es sieh eben nur um eine par¬ 
tielle Stauung. 

Die von Arndt sieh selbst gemachten Einwände, dass der 
Etat eribh'* vielleicht, eine postmortale Erscheinung sei. sind Hin 
fällig L wegen der r« gressiven Metamorphosen. 2. wegen der 
Ausfüllung «ler Lymphräiiine mit morphologischen Gebihlen mul 
5. wegen des kurz post mortem erhobenen Befundes. 


Rostocker Aerzteverein. 

(Bericht des Vereins.) 

Sitzung vom 9. X o v e in her 1901. 

Herr Joseph hält seinen angckümligtcn Vortrag über 
Ovarialkystom als Geburtshinderniss. 

Im Anschluss an die dem Vortrage folgende Diskussion, 
an der sieh ausser dem Redner besonders Herr Schatz be¬ 
theiligte. besprach Herr Bü ttuer eine von ihm beobachtete, mii 
Ovarialtumor komplizirte Geburt. 

Sodann folgte als Hauptpunkt der Tagesordnung der Vor¬ 
trag des Herrn L e c h 1 e r über das Thema „Arzt und Kranken¬ 
kasse“. 

Der Vortrag, welcher das seit Einführung des Krankon- 
kasseng«-setzes gewaltig angewachsene Material in wohl einzig¬ 
artig erschöpfender Weise berücksichtigte, wird baldigst in der 
Münch, nied. Woehenschr. als besonders werthvoller Beitrag zu 
dieser das allgemeinste ärztliche Interesse beanspruchenden Frage 
veröffentlicht werden. Besonders interessant für die mecklen- 
i burgisclie Aerztoschaft gestaltete sich die Darstellung der in 
j unserem engeren Vaterlande bestehenden kassenärztlichen Ver- 
| hältnisse, welche der Vortragende durch Versendung von Frage- 
1 bogen an sämmtliche in Mecklenburg praktizirenden Aerzto 
authentisch bearbeitet hatte und an der Hand von tabellarischen 
Zusammenstellungen erläuterte. 

Nach Beendigung des Vortrages sprach Herr Martius 
i Herrn Lech ler den Dank und die Anerkennung «ler Versamm¬ 
lung aus. 

Nach einigen Bcrmerkungen d«*s Herrn Barfurth über die 
voraussichtlich günstige Wirkung der neuen Prüflings- 
! ordnung auf mancherlei Uebelstiinde, die der L e c h 1 e r*scln* 
Vortrag bezüglich dos kollegialen Verhaltens einzelner Aerzte er¬ 
wähnt hatte, berichtet Herr Fabian über einen Fall von all¬ 
gemeiner hämorrhagischer Diathese bei chronischem Ikterus und 


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28. Januar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 169 


deoionstrirt einige dabei klinisch gewonnene anatomische 
Präparate: aus geronnenem Blute bestehende Aus¬ 
güsse der Luftwege, die sich von den feinen Veräste¬ 
lungen des Bronchialbaumes an, das Gebiet eines grossen Bronchus 
erfüllend, in die Trachea und den Larynx fortsetzen und sich noch 
••in Stück weit ln den Oesophagus hiuüberschlagen, die Sinus 
jiiriformes naturgetreu modellireud. (Der Fall soll anderweitig 
ausführlicher veröffentlicht werden.) 

An der Diskussion über die Demonstration betheiligten 
sich die Herren Müller, Robert, Schatz, Kühn, 
Büttner. 

Zum Schluss demonstrirt Herr v. Thiimen noch einige 
Iustrumente. Er zeigt zunächst ein neues Endoskop, das, auf dem 
Prinzip des Nitze-Oberlände r 1 scheu beruhend, von V a 1 e n- 
t i n e angegeben ist. Gegenüber den beiden bis jetzt besteheudeu 
Systemen bietet es ganz erhebliche Vortheile. Denn wenn das 
Casper’sche Endoskop in Folge seiner Konstruktion deu 
••normen Nachtheil hatte, dass man bei jedem instrumentelleu 
Eingriff sich durch das Instrument selbst das Gesichtsfeld sehr 
stark verdunkelte, litt das Nitze-Oberlände Fache etwas 
unter dem Nachtheil der Unhandlichkeit, da es mit Wasserkühlung 
verbunden war, weil Ja als Lampe eine offene Glühschlinge diente. 
Bei dem neuen Instrumentarium ist diese durch eine sehr kleine, 
aber ausgezeichnetes Licht liefernde, Mignonlampe ersetzt, die 
Jede Wasserkühlung überflüssig macht. 

Ferner zeigt derselbe sein Nitz e'sches Ureteren- und Irri- 
gationakystoskop, das er vor jedem Gebrauch ausgekocht hat. 
Das Instrument hat diese Behandlung über 2 Jahre lang gut ver¬ 
tragen, erst nach dieser Zelt ist etwas Wasser in das optische 
System gekommen. Jetzt ist es nach geringer Reparatur wieder 
tadellos. 

Sitzung vom 14. Dezember 1901. 

Herr Martins hielt den angekündigten Vortrag: ,,Arzt 
und Invalidenver8ichenwgsgesetz“. 

(Erscheint in extenso an anderer Stelle dieser Nummer.) 

Der Vortrag, welcher eine Reihe neuer Gesichtspunkte be¬ 
rührte, rief eine ausserordentlich lebhafte Diskussion hervor, 
an der sich fast alle Anwesenden betheiligten. Besonders ein¬ 
gehend beschäftigte man sich mit der Frage, wie die vom Gesetze 
zur Erlangung der Rente geforderte % Erwerbsfähigkeit 
seitens des Arztes bei der Ausstellung von Attesten im Einzelfalle 
fe.stzustellen sei. Ferner wurde die Thatsache, dass die Behörden 
die von den Aerzten ausgestellten Atteste vielfach nicht respek- 
tiren, sondern nur diejenigen von Vertrauens- bezw. beamteten 
Aerzten, besprochen und dies von mehreren Seiten darauf zu- 
riickgefiihrt, dass die Atteste ln Folge zu ungenügender Ausbil¬ 
dung der jungen Mediziner im Attestweseu auf der Universität oft 
weniger sachlich als formell unzureichend oder verkehrt abgegeben 
würden. Es sei daher Aufgabe der Universitätslehrer, hierauf 
mehr als bisher geschehen Gewicht in ihrem Unterricht zu legen. 
Herr Martius sprach die Erwartung aus, dass voraussichtlich 
das „praktische Jahr“ in dieser Beziehung von grossem Nutzen 
sein würde. Dieser empfahl auch die Benutzung eines für die 
Ausstellung von Invaliditätsattesten zweckmässigen gedruckten 
Formulars, von welchem er einige Exemplare zirkullren Hess. 
Herr Robert besprach dann noch die Schwierigkeiten, 
welche sich bei der Aufnahme von Lungen¬ 
kranken in die Lungenheilstätten ergäben, da die 
Grenze der Aufnahmefähigkeit von den verschiedenen Anstalten 
sehr verschieden beurthellt würde. Herr Martius ersucht den 
.Sprecher, demnächst über dies Thema im Verein einen Sonder¬ 
vortrag zu halten, wozu sich Herr Robert unter dem Beifalle 
der Versammlung bereit erklärte. Nach Schluss der Diskussion 
dankte der Vorsitzende Namens der Anwesenden Herrn Martius 
für seinen ausserordentlich interessanten und umfassenden 
Vortrag. 


Aut den Pariser medicinisclien Gesellschaften. 

Societ6 medico-chirorgicale. 

Sitzung vom 23. Dezember 1901. 

Zur Diagnose der prävesikalen Tumoren. 

M 1 n e t hebt die Seltenheit dieser, im Cavum Retzii liegenden, 
Tumoren hervor, die aber weniger selten mit anderen Affektioueu 
verwechselt würden. In solchen Fällen kann man bloss per ex- 
ciusionem verfahren und zwar muss man ausschHessen: 1. die 
Tumoren der Blasenwand, welche während der Kontraktion der 
rechtsseitigen Muskulatur nicht verschwinden, 2. die Tumoren der 
Blase, welche man nur sehr selten in der Regio hypogastrlca fühlt, 
und andere Blasenaffektionen, wie Ausdehnung der Blase durch 
den Urin, nicht entleerte Divertikel, enorme Steine u. s. w.; speziell 
auch gewisse Formen von chronischer Pericystitls, ‘welche ziemlich 
glelchmässig die Blasenwand verdicken, 3. Tumoren des Bauches 
und Beckens, wie jene der weiblichen Geschlechtsorgane, retrovesi- 
kale Tumoren (Hydatidencysten), Neoplasmen des Darmes und 
Peritoneums. Wenn man schliesslich darüber klar ist, dass die 
Geschwulst vor der Blase liegt, muss man von den sehr seltenen 
Tumoren die kalten Abszesse, Hämatome, Phlegmone chronischer 


Natur unterscheiden; bezüglich der letzteren muss man sich auf 
die Gesammtheit der Symptome und den Verlauf der Krankheit 
stützen. Man beobachtet besonders Hydatidencysten, deren Dia¬ 
gnose weniger Schwierigkeiten bieten soll; ausnahmsweise hat man 
auch prävesikale Aktinomykose beobachtet. 

D e s n o s glaubt, dass im Zweifelsfalle nach lange ausge¬ 
dehnter Beobachtung es besser ist, eine Inzision zu machen und 
die Gegend vor der Blase genau zu untersuchen; denn sehr oft 
umgeben diese Phlegmonen die Blase und ziehen hinter die Pro¬ 
stata. Ein häufiger diagnostischer Irrthum besteht darin, einen 
Tumor des Abdomens, besonders des Eplploon oder des Darmes, 
für einen prävesikalen zu halten und zahlreich seien die Fälle, wo 
Kranke mit vermeintlicher Retention schleunigst sondirt wurden, 
welch’ letzterer Weg übrigens das beste diagnostische Mittel sei. 

S c h w a r t z berichtet über eineu, von ihm beobachteten, Fall 
von periuteriner Phlegmone, welche er für prävesikal gehalten 
hatte, und erklärt die Differentlaldiaguose derselben für ausser¬ 
ordentlich schwierig. 


Soci6t6 medicale des hopitaux. 

Sitzung vom 13. und 27. Dezember 1901. 

O d d o und Audibert - Marseille berichten über perio¬ 
dische, familiäre Lähmung, eine seltene Affektion, welche sich 
deu familiären Myotonien nähert und nach der beiden Bericht¬ 
erstatter Ansicht familiäre Myoplegle genannt werden sollte. 
Dieser Zustand, meist auf Vererbung beruhend, ist durch einen 
vorübergehenden, periodischen, mehr oder weniger allgemeinen 
Verlust der willkürlichen Bewegungen charakterisirt, mit Auf¬ 
hebung der Sehueureflexe und tiefgehenden Störungen der elek¬ 
trischen Reaktionen, ohne dass Sensibilität und Psyche mit er¬ 
griffen sind. 

S o u q u e s und Rlblerre weisen im Anschluss an einen 
Fall von Selbstmord beim Typhus auf die Nothwendigkeit hin, 
die delirirenden Typhuskrauken genau zu überwachen. C hante¬ 
ln esse, Moutard -Martin, Antony haben ähnliche Fälle 
erlebt und sind derselben Ansicht. 

Marcel L a b b 6 und Jean F e r r a n d berichten über schwere 
Bleivergiftung bei Arbeitern in Akkumulatorenfabriken. In 
2 von den 4 Fällen war nach 2 resp. 6 Monaten eine ausgedehnte 
Lähmung mit beträchtlicher Muskelatropliie, besonders an den 
Oberextremitiiteu, ln den 2 anderen Fällen intensive Bleikolik ein¬ 
getreten; bei Allen bestand hochgradige Anämie. Berichterstatter 
heben als Weg der Vergiftung l>el diesen Kranken die Athem- 
orgnne hervor, da sie in einer mit Bleistaub erfüllten Luft arbeiten. 

Rendu gedenkt ebenfalls der schweren Art von Bleiver¬ 
giftung bei den in Akkumulatorenfabriken beschäftigten Leuten, 
die sogar zu Kachexie führen und zur Aufgabe dieser Thätlgkeit 
zwingen kann. 

Jules Courmont - Lyon bespricht die Anwesenheit des 
E b e r t h’schen Bazillus im Blute Typhuskranker und deren 
Verwerthung zur Frühdiagnose. In konstanter Weise ist der 
Bazillus, wenigstens bei den gewöhnlichen schweren Fällen im 
Blute der Typhuskranken vorhanden; er tritt schon sehr bald (vor 
dem 5. Tage) auf und verbleibt im Blute bis zum Ende der dritten 
Woche, bei den prolongirteu Formen oder solchen mit Rückfällen 
kann er noch länger im Blute bleiben oder daraus verschwinden. 
Der aus dem Blute entnommene Bazillus hat alle charakteristischen 
Eigenschaften desselben, mit Ausnahme einer nur sehr schwachen 
Agglutinationsfähigkeit. Mit der letztgenannten steht übrigens 
die Anwesenheit des Bazillus im Blute nicht in Beziehung, die 
Serumrektion kann sehr spät eintreten, während der Bazillus schon 
am fünften Tage im Blute vorhanden ist; dies letztere ist also ein 
sehr werthvolles Frühsymptom, so lange die Serumreaktion eine 
negative Ist. Die Uutersuchungsmethode besteht darin, 2—4 ccm 
Blut auf 500 ccm Bouillon zu verlmpfen, bei geringeren Quanti¬ 
täten beider Flüssigkeiten ist der Ausfall der Probe immer ein 
negativer. 

S i m o n i n berichtet über 'Appendicitis im Verlaufe man¬ 
cher Infektionskrankheiten. In den 18 beobachteten Fällen 
handelte es sich um infektiöse Angiua, schweren Scharlach, hart¬ 
näckiges Erysipel und um Parotitls-KompUkatlon. Alle Grade 
der Appendizitis: die einfache Folllkulitls, die latente katarrhalische 
Entzündung, die Perifollikulitis und die Abszedirung und Perfo¬ 
ration kamen vor. Der Streptokokkus ist sicher die häufigste Ur¬ 
sache dieser Appendizitis durch Allgemeininfektion; derselbe 
scheint auch für gewöhnlich bei Angina, Erysipel, Scharlach, 
Masern, Influenza, sei es als primärer Infektionsträger oder als 
sekundärer oder assozilrter, die Hauptrolle zu spielen. Die hier 
beobachteten Thatsachen bekräftigen die Ansicht mancher Ana¬ 
tomen, dass die Sklerose des Wurmfortsatzes, welche man so oft 
bei alten Leuten findet, die Endphase zahlreicher latenter oder 
subakuter Entzündungen Ist, die im Verlaufe der den Menschen 
so häufig in der ersten Lebenshälfte befallenden Infektionskrank¬ 
heiten sich einstelieu. 

Chauffard und Sired ey berichten über rasche Heil¬ 
ung der Angina ulcero-membranacea (Vincent) mit Methylen¬ 
blau (Pulver); ersterer hält diese Heilung sogar für ein gutes 
differentialdiaguostisches Mittel zur Unterscheidung zwischen 
dieser Angina und dem Schanker der Tonsillen. 

S 1 m o n i n hebt die Häufigkeit dieser Angina bei Leuten mit 
schlechten Zähnen (Carles) hervor. Stern. 


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MUENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


Aus den englischen medicinischen Gesellschaften. 

Pathological Society of London. 

Sitzung vom 3. Deze mber 1001. 

TJeber Lymphadenoma und dessen Verhältniss zur Tuberkulose. 

II. T. Butlin: Es sind 2 Ci nippen von Lympliadonom zu 
unterscheiden; bei der einen I-'onn sind die Drüsen weich, bei der 
anderen hart. Oftmals sieht man ausser den zuerst ergriffenen 
Drüsenpaeketen noch sonstige Schwellungen im Lymphsystem, 
und auch die Milz und Leber betheiligen sieh oft im weiteren 
Verlauf an der Affektion. Redners Meinung nach handelt es sich 
dabei um ein Leiden sui generis. eine echte Hypertrophie, und 
nicht um Entzündung oder Tuberkulose. Allerdings ist die 
Differentialdiagnose zwischen letzterer Krankheit und Lymph- 
ndeiiom oft nicht einmal mit annähernder Sicherheit zu stelleu. 
Ueberdies können beide Anomalien gleichzeitig vorhanden sein, 
und 1». ist der Meinung, dass lymphadenomatöse Drüsen sogar 
mehr als andere zur tuberkulösen Infektion neigen. 

. F. W. And re wes hat 23 Präparate dieser Art untersucht. 
Er detinirt. das Leiden (dis ja auch Hodgkin’sche Krankheit 
oder nach Virchow Lymphosarkom benannt ist) als eine pro¬ 
grediente Vergrösserung der Lymphdrüseu und Lymphgewebe 
ohne Metastasen im gewöhnlichen Sinne und ohne bestimmte 
Veränderungen des Blutes. An den histologischen Veränderungen 
beiheiligt sich die ganze Drüse: das Stroma zeigt eine Hyper¬ 
plasie mit Wucherung der endothelialen Zellen. Verminderung 
«ler Lymphocyten, Vermehrung der normaliter wenig zahlreichen 
eosinophilen Zellen und Verwischung der ganzen normalen An¬ 
lage. Bei der oben erwähnten weichen Form findet man nament¬ 
lich endotheliale Hyperplasie. Zwischenstufen sind aber häufig, 
ebenso Vermischung mit Tuberkulose, aber A. hat bei unzweifel¬ 
haften Fällen von Lymphadenoma das Fehlen von Tuberkel¬ 
bazillen konstatirt. 

N. Pitt berichtet Uber 3 Fälle, welche Intra vitam für 
typische Lymphadenomata gehalten worden waren, bei denen aber 
die Autopsie eine Komplikation mit Tuberkulose ergab. Viel¬ 
leicht könnte die Tuberkulinreaktion diagnostisch mit Erfolg an¬ 
gewandt werden. 

Society of Medical Officers of Health. 

Sitzung vom 26. Oktober 1001. 

A. Wynter Blyth sprach über das Thema: Ventilation. Int 
Allgemeinen bezeichnet man eine Zimmerluft als athembar. 
wenn sie weniger als 6 Theile CO. auf 10 (MM) enthält. Diese De- 
tinithm ist insofern unzweckmässig, als die Aussenluft oft schon 
selbst so viel CO a enthält, ohne dass sie gesundheitsschädlich wäre. 
Eine zweckmiissigere Normirung wäre es, zu verlangen, dass die 
Innenluft höchstens 2 pro 10 000 mehr CO, enthalten dürfe als die 
Aussenluft. Sehr zu empfehlen wäre eine ausgedehntere Verwen¬ 
dung der elektrischen Kraft zur Fortbewegung verbrauchter Luft 
iu (leu Hausern, da solche Einrichtungen nicht von der Ausson- 
tcmperatur und dem barometrischen Luftdruck abhängig sind. 
Dabei sind Fächerapparate allein zuverlässig und einpfehlenswerth. 
während Luftschachte bei Windstille, wo sie gerade am nötliigsteu 
sind, versagen, und die H i n c k e s - B i r d’schen Fensterveuti- 
latoren und die Neil-Arnot t’schen Schomsteinvorkehruugen 
andere Nachthelle haben. Solche Fächervorrichtuugen gibt es so¬ 
wohl mit elektrischem wie auch mit Petroieumbetrieb. Sie sollen 
ISO 000 Kubikfuss Luft per Stunde fortschaffen können und selbst 
in kleinen Räumen von 300 Kubikfuss Inhalt keinen merklichen 
Zug verursachen. Ferner bespricht Redner die Verhältnisse bei 
der unterirdischen elektrischen Bahn ln London; hier hat er 9 bis 
10 Theile CO, pro 10 000 auf den Bahnsteigen gefunden, 10.3 im 
Tunnel und 11 in den Waggons. Wegen «ies Fehlens von Schwefel 
mache sich diese Verunreinigung nicht so sehr bemerklioh wie 
bei der unterirdischen Eisenbahn. Aber die LUftungsvorkehrungen, 
welche eine Luftbeweguug von nur 4 Meilen per Stunde (6 km) 
erzielen, müssen als ganz unzureichend bezeichnet werden. An 
sich können bei elektrischer Beleuchtung und zweckmässigen 
Lüftungsvorrichtuugen unterirdische Räume ebenso gesund sein 
wie oberirdische. 

M c V a i 1 stimmt Ileduer dariu bei, dass die Menge von 
CO. (6:10 000) kein zuverlässiges Kriterium für die Reinheit der 
Luft ist. 

Glover Lyon bespricht seine Fächerapparate, welche aller¬ 
dings ziemlich theuer sind. 

Willoughby weist auf die vortreffliche Einrichtung der 
Cedächtnisskirche in Berlin hin, wo durch Dampfrohre die Luft 
in der Kuppelspitze auf 26—27 0 C. erwärmt wird uud in Folge 
dessen stets durch die Luken nach oben entweicht uud niemals, 
wie anderswo, in Folge von Abkühlung zum Zurücksinkeu ver¬ 
anlasst wird. 

Medical Society of London. 

Sitzung vom 9. Dezember 1901. 

A. Crombie: Zur Beurtheilung der körperlichen Taug¬ 
lichkeit für das Tropenleben. 

Die klimatischen Verhältnisse sind im Allgemeinen von ge¬ 
ringerer Bedeutung iu Bezug auf Schädigung der Gesundheit als 
verschiedene andere äussere Umstände. Die llarnsäurediathesp 
bildet keine Kontraindikation gegen das Tropenleben, vielmehr 
ist Gicht in diesen Gegenden eine Seltenheit. Dessgleichen be¬ 
finden sich Nephritlker dort subjektiv wohl, obgleich eine eigent¬ 


liche Heilung ihres Leidens nicht direkt bewirkt wird. Ferner 
ist in Indien nach den Erfahrungen C.’s der akute Gelenkrheuma¬ 
tismus eine Seltenheit und hei «len dortigen Europäern fast un¬ 
bekannt, während die subakute Form bei gewissen Klassen der 
Eingeborene» einigerinnassen häufig vorkommt. Trockene schup¬ 
pende Hautkrankheiten sind selten, während die parasitären Der¬ 
matosen und <li<* mit lebhafterer Sekretion einhergehenden be 
sonders häufig beobachtet werden. Schlecht vertragen werden 
alle plötzlichen Abkühlungen und die damit verbundene interne 
Hyporiimi«*. Kein Anglo-Indier könne knlte Bäder gut vertragen. 
Personen mit schwacher Herzthätigkeit befinden sich für kurze 
Z«dt. aber nur für kurze Zeit, in den Tropen wohl. Die Körper¬ 
temperatur ist stets um 2—3 Zehntel Grad höher als in Europa, 
und «lie Einheimischen zeigen eine weitere Erhöhung um ebenso¬ 
viel. Das Nervensystem wird leicht affizirt, einerseits durch die 
hohe Temperatur und andererseits durch den vielfach unvermekl- 
liclion Mangel an Umgang. Namentlich Individuen, die zu Fett¬ 
sticht ncig«*n, oder die von Haus aus neurasthenisch veranlagt 
sind, bedürfen in dieser Beziehung besonderer Berücksichtigung. 
Vor Allem soll die Verdnuungsthütlgkeit tadellos funktioniren; 
Magendilatation, sowie Neigung zu Diarrhoe sind entschiedene 
Gründe zum Ausschluss von Tropendienst. Dagegen ist tuber¬ 
kulöse Belastung für manche Gegenden, z. B. Nieder-Bengalien. 
keine Gegenindikation, wenn auch einmal ausgebrochene Schwind¬ 
sucht überall in den Tropen sehr rasch zu verlaufen pflegt. Dia¬ 
betes hingegen zeigt keine Beschleunigung des Verlaufs. Spät- 
formen der Syphilis geben eine recht schlechte Prognose, die ersten 
Stadien können aber dort mit Erfolg behandelt werden. 

Spätwirkungen des Tropenlebens bei Europäern war der 
Titel eines Vortrages von J. Anderson. 

Mangel an individueller Hygiene sei oft die wirkliche Ursache 
von vielen Affektionen, welche «lern Einfluss der Hitze gemeinhin 
zugeschrieben werden; aber nach statistischen Erfahrungen der 
Lebensversicherungsgesellschaften sind die Aussichten In Bezug 
auf Lebensdauer bei den aus Tropengegenden zurückgekehrt«“» 
Europäern entschieden schlechter als bei anderen. Nach Malaria 
beobachtet mau öfters als Spätwirkungen Neuralgien und fron¬ 
talen Kopfschmerz. Tabes sieht man sehr selten bei den Einge¬ 
borenen in Indien, obgleich Syphilis dort etwas ganz gewöhnliches 
ist. Das als typhöse Malaria bekannte Fieber sei wahrscheinlich 
eine gleichzeitige Erkrankung an Typhus bei einem inalarlakranken 
Individuum. Leberabszesse treten oft erst Jahre lang nach der 
Rückkehr «Ies Patienten nach Europa hervor. Dysent«*rie zeigt 
eine besondere Vorliebe für Individuen, welche Malaria durch¬ 
gemacht haben, obgleich sonst ein ätiologischer Zusammenhang 
zwischen den beiden nicht besteht. 

Du n ca n: Die verschiedenen Gegenden Indiens verhalten 
sich in Bezug auf den Einfluss des Klimas gegenüber der Tuber¬ 
kulose theils günstig, theiis sehr ungünstig. Wer an Dysenterie. 
Sonnenstich oder Syphilis gelitten habe, sollte lieber sieh nicht 
wk'der in heissen Ländern aufhalten. Ebenso sollte Niemand vor 
dem 25. Lebensjahr sich dahin hegeben. 

G. Th in: Bel manchen Fällen von vermeintlicher Spätwirkuug 
«ler Malaria findet man keine Plasmodien. 

Cant lie besprach «len Zusammenhang zwischen Dysenterie 
und Leberahszess. P h i 1 i p p I - Bad Salzschlirf. 

Auswärtige Briefe. 

Berliner Briefe. 

(Eigener Bericht.) 

Zentralausschuss der Kassenärzte Berlins. — Zur Revision 
des Krankenversicherungsgesetzes. — Vertrauensärzte und 
Nachuntersuchungen. — Der Eddyismus. 

Die Entwicklung «ios Kranke nkassenwesens und die mitunter 
recht stürmischen Umwälzungen, welche die ärztliche Versorgung 
der Kassemnitglieder im Laufe der Jahre erfahren hat, haben 
eine Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der kassenärztlichen 
Verhältnisse in Berlin zur Folge gehabt, die zu überblicken nur 
dem Eingeweihten möglich ist. Ein enger Zusammenhang zwi¬ 
schen den verschic«lenen kassenärztlichen Vereinigungen bestand 
nicht, obwohl die Wogen des Kampfes, der zu Zeiten zwischen 
einzelnen dieser Vereinigungen geführt wurde, sich längst ge¬ 
glättet haben. Es hat auch an Versuchen, auf neutralem Boden 
Fühlung zu einander zu nehmen, nicht gefehlt; der kräftigste 
Versuch dieser Art, die Gründung einer gemeinschaftlichen 
wirtschaftlichen Kommission, hat aber nicht lange Bestand ge¬ 
habt, die Gegensätze erwiesen sich eben noch als zu schroff. 
Später sind, wenn es sieh um ganz bestimmte Fragen handelte, 
doch wieder gemeinsame Berathungen und ein gemeinschaft¬ 
liches Vorgehen den Kassen gegenüber ermöglicht worden, so 
dass verhindert würde, was früher nicht selten geschah, nämlich 
dass seitens der Kassen die eine Aerztevereinigung gegen die 
andere ausgespielt wurde. Aber der Zusammenhang blieb 
immerhin ein lockerer; und während die Krankenkassen, welche 
ebenfalls sehr verschiedene Organisationen haben, durch ihren 
Zusammenschluss zu einer „Zentralkommission“ eine sehr kraft- 


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28. Januar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


171 


volle Macht repräsentirten, standen ihnen die Aerztevereinigungen 
immer nur als einzelne SondergTuppen gegenüber, denen der 
kräftige Rückhalt an der Gosammtheit fehlte. Es ist daher als 
ein werthvoller und hoffentlich auch aussichtsreicher Fortschritt 
zu betrachten, dass die Begründung eines Zentralausschusscs der 
Kassenärzte Berlins und der Vororte in die Wege geleitet wird. 
Die Delegirtcn von acht kassenärztlichen Vereinigungen — und 
in diesen dürften wohl alle Kassenärzte Berlins überhaupt ver¬ 
treten sein — haben in gemeinsamer Sitzung beschlossen, einen 
Zentralausschuse der Kassenärzte zu bilden, welcher die Regelung 
derjenigen Punkte, die für sämmtliche Kassenärzte von gemein¬ 
samem Interesse sind, in die Hand nehmen soll. Dass solche 
Punkte zahlreich vorhanden sind, hat sich oft genug gezeigt, und 
dase der Mangel einer einheitlich organisirten Aerztevertretung 
l>ei der Behandlung dieser Punkte der Sache zum Schaden ge¬ 
reichte, hat sich ebenfalls gezeigt, so noch vor Kurzem bei der 
Ausarbeitung einer „Anleitung zur sparsamen Arzneiverord¬ 
nung“. An dieser „Anleitung“ waren so viele Ausstellungen zu 
machen, dass sie fast Niemanden befriedigte. Es war daher ein 
sehr glücklicher Gedanke des neubegründeten Zentralausschusses, 
diese Frage aufzugreifen und sich sofort vor eine praktische Auf¬ 
gabe zu stellen. Er beschloss, eine Kommission mit dem Rechte 
der Kooptation zu wählen, welche die Ausarbeitung einer An¬ 
leitung zur sparsamen Verordnungsweise bewirken soll. 

Die prinzipiellen Gegensätze, welche zwischen den verschie¬ 
denen Gruppen von Kassenärzten bestehen, werden durch die 
Schaffung eines gemeinsamen neutralen Arbeitsfeldes voraus¬ 
sichtlich nicht berührt werden, ja es ist vielmehr zu erwarten, 
dass sio in der allernächsten Zeit wieder mit grösserer Schärfe 
zum Ausdruck kommen werden, wenn die von dem General¬ 
sekretär des Deutschen Aerztevoreinbundes an die einzelnen Ver¬ 
eine gerichteten Fragen in diesen zur Verhandlung kommen; 
denn gerade die grundlegende Frage, die freie Arztwahl, bildet 
die Ursache jener Gegensätze. Diese Frage soll zwar als solche 
von der Erörterung ausgeschlossen werden, weil sie bereits ihre 
Beantwortung auf dem Aerztetage gefunden hat; cs wird sich da¬ 
her hauptsächlich darum handeln, ob und in welcher Form die 
Einführung der freien Arztwahl zu einer gesetzlichen Forde¬ 
rung erhoben werden soll. Für die nächsten Sitzungen haben alle 
Vereine eine Besprechung der Revision des Krankenversiehe- 
ruugsgesetzes auf ihre Tagesordnungen gesetzt. Damit das ge- 
samrate. Material nach einheitlichen Grundsätzen behandelt wer¬ 
den kann, wird die Beantwortung der Fragen durch die Aerzte- 
kammer erfolgen, welche Fragebogen an die einzelnen Mitglieder 
versenden wird. In anderen als dem oben erwähnten Punkte wer¬ 
den wesentliche Meinungsverschiedenheiten kaum zu Tage treten. 
Die seit Bestehen des Gesetzes gesammelten Erfahrungen sind 
so reichhaltige, zudem stehen die vom Zentralverband der Orts¬ 
krankenkassen im Deutschen Reich in seinen Petitionen ge- 
äu8serten Wünsche so vielfach im Widerspruch zu den Forde¬ 
rungen der deutschen Aerzte, dass es nothwendig sein wird, 
unsere Stimme recht laut zu erheben, so laut, dass sie an maass- 
gebender Stelle nicht gut überhört werden kann. Die Vorgänge, 
die aus Berlin, München, Leipzig, Remscheid u. a. bekannt ge¬ 
worden sind und mit erschreckender Deutlichkeit auf die wunde 
Stelle im Krankenkaseenwesen hingewiesen haben, machen cs 
zu einer unabweisbaren Pflicht, so weit es in unseren Kräften 
steht, dahin zu wirken, dass in Zukunft ein unwürdiges Ab- 
hängigkeitsverhältniss der Aerzte von Kassen Vorständen nicht 
mehr möglich ist. Weder die idealen noch die materiellen Inter¬ 
essen der Aerzte sind beim Erlass des Krankenversicherungs¬ 
gesetzes berücksichtigt worden, es wird darum nothwendig .sein, 
das Versäumte jetzt mit um so grösserer Energie nachzuholon. 

Unter den Einwänden, welche gegen das Prinzip der freien 
Arztwahl von ihren Gegnern erhoben werden, wird als der wich¬ 
tigste immer die Begünstigung des Simulantenthums betont. Es 
ist nicht zu verkennen, dass die Entlarvung eines SimulanteJi 
schwieriger ist, wenn es dem Kranken frei steht, den Arzt beliebig 
oft zu wechseln, als wenn er gezwungen ist, immer denselben oder 
einen unter wenigen Aerzten aufzusuchen. Die Vorstände der 
Krankenkassen und der Aerztevereine haben in gleichem Maasse 
«■in Interesse daran, Missbräucho dieser Art zu verhüten, und 
«las führt«; zur Einführung der früher allerdings meist über¬ 
flüssigen Einrichtung von Nachuntersuchung und Anstellung von 
Vertrauens- resp. Kontrolärzten. Die Stellung des nachunter¬ 


suchenden Arztes ist sowohl dem Kollegen wie dem Kranken 
gegenüber eine recht schwierige und erfordert neben der wissen¬ 
schaftlichen Befähigung ein hohes Maass von Geschick und 
kollegialem Takt. Unliebsame Vorkommnisse bei einer Kranken¬ 
kasse, bei denen die nothwendigen Rücksichten nicht immer ge¬ 
wahrt zu sein scheinen, gaben Veranlassung, die Frage der Nach¬ 
untersuchungen aufzurollen, und einige von den Aerzten, welche 
sich durch die angewandte Methode peinlich berührt fühlten, 
gingen so weit, dem System der freien Arztwahl die Schuld an 
diesen Missständen zuzuschieben, da doch bei den fixirten Kassen¬ 
ärzten dergleichen nicht vorgekommen sei. Abgesehen davon, dass 
die Richtigkeit dieser letzteren Thatsache nicht unbedingt fest¬ 
steht, ist es jedenfalls verfehlt, für die Fehler, die in einem 
speziellen Falle vorgekommen sind, das ganze System ver¬ 
antwortlich machen zu wollen. Vertrauensärzte und Nachunter¬ 
suchungen sind nothwendig« Einrichtungen und entsprechen viel¬ 
fach den Wünschen der behandelnden Aerzte selbst. Das giflit 
schon daraus hervor, dass in vielen Fällen die Nachuntersuchung 
von dem behandelnden Arzt beantragt wird. Ein Analogon da¬ 
für bietet die Privatpraxis in der Form der Konsultationen, die 
weder wenn der Arzt, noch wenn der Kranke sie verlangt, etwas 
Peinliches zu haben brauchen. Die ganze Frage dürfte sich also 
dahin zuspitzen, dass nur solche Aerzte mit dem schwierigen und 
undankbaren Amt betraut werden, welche eine Gewähr dafür 
bieten, dass kollegiale Gepflogenheiten von ihnen stets streng ge¬ 
wahrt werden. 

Das Treiben der Gebetheiler, über das wir in unserem letzten 
Brief zu berichten Gelegenheit hatten, hat sich Dank der Macht, 
welche die Suggestion der Massen stets zu entfalten pflegt, mit 
Riesenschritten weiter ausgedehnt. Fast jeder Praktiker verfügt 
über eine Anzahl Fälle aus seiner Klientel, die in der „Christian 
Science“ oder wie sie nach ihrer Begründerin, Miss Eddy, auch 
genannt wird, im Eddyismus ihr Heil suchen. Arm und Reich, 
Hoch und Niedrig (vorzugsweise aber Hoch) strömt den neuen 
TIeilsaposteln zu. Die schweren Unglücksfälle, die in Amerika 
durch diesen Unfug verschuldet wurden, sind noch wenig oder gar 
nicht zur Kenntniss dos Publikums gekommen, und vorläufig 
wird hier noch flott weiter gebetet. Die Eddyisten verfügen so¬ 
gar zur Verbreitung ihrer Lehre über ein eigenes Organ, und 
in Wort und Schrift wird eifrig für sie Propaganda gemacht. 
Aber schon machen sich Zeichen bemerkbar, welche vielleicht als 
der Anfang vom Ende des ganzen Unfugs gedeutet werden 
können. Zu den von den Eddyisten abgehaltenen Versammlungen 
wurde die Aula eines städtischen Realgymnasiums benutzt, und 
diesen Umstand benutzte ein Stadtverordneter, um die Stadt¬ 
verordnetenversammlung mit dem Gegenstände zu befassen. Er 
konnte zunächst nur den Antrag stellen, den Magistrat um Aus¬ 
kunft darüber zu ersuchen, ob ihm bekannt ist, dass in der Aula 
des Falk-Realgymnasiums regelmässig Versammlungen statt¬ 
finden, welche den Zweck haben, für die sogen, „metaphysische 
Heilmethode“ nach dem System der Amerikanerin Eddy Pro¬ 
paganda zu machen. Es ist in jedem Fall erwünscht, dass die 
Behörden anfangen, ihr Augenmerk auf das gefährliche Treiben 
zu richten; dadurch ist ihm in Amerika der Garaus gemucli« 
worden, und hoffentlich wird dasselbe auch hier geschehen, noch 
ehe das Unheil, das durch die Gebetheilungen angerichtet wird, 
den gleichen Umfang angenommen hat wie dort. 

Berlin, den 2Ö. Januar 1902. M. K. 


Wiener Briefe. 

(Eigener Bericht.) 

Wien, 25. Januar 1902. 

Die neue Krankenkasse der Bankbeamten Wiens. — 
Stellungnahme der Aerztekammer zur Kasse. — Die Berufung 
Professor Escherich’s nach Wien. — Ein neues hygie¬ 
nisches Institut. — Thiosinamin bei Narbenstrikturen des 
Oesophagus. — Jodipin gegen Aktinomykose. 

Eine neu gegründete Krankenkasse, die der Bankbeamten 
Wiens, bildet in den ärztlichen Kreisen Wiens das Gesprächs¬ 
thema. Auch unsere Fachpresse hat die Frage gehörig hclctn-liicl. 
nachdem die Wiener Aerztekammer sielt mit derselben wiedcrh«»!i 
beschäftigt- und zu derselben Stellung genommen halt«-. Ein 
Uomniunhiue unserer Kammer lautet: ..Der Vorstand der W lein - 
Aerzt«‘kuminer hat durch seinen Dch girteu mit den Proponent« n 


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172 MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 4. 


der zu gründenden Krankenkasse der Bankbeamten Wiens Ver¬ 
handlungen gepflogen, welche den Zweck hatten, die Kasse auf 
die Basis der vollständig freien Wahl des Arztes für die nicht 
Versicherungspflichtigen und der freien Aerztewahl für die Ver¬ 
sicherungspflichtigen zu stellen. Die Anfangs glatten Verhand¬ 
lungen haben in Folge mangelnden Entgegenkommens dos provi¬ 
sorischen Comites der Kasse dazu geführt, dass im allerletzten 
Momente ein Statut zu Stande gekommen ist, welches von dem 
ursprünglich in’s Auge gefassten Prinzip der freien Aerztewahl 
weit entfernt und für die Aerzteschaft noch weit weniger günstig 
ist, als das von derselben in seltener Einmüthigkeit perhorreszirte 
Statut der Meisterkrankenkassen. Es scheint ferner nahezu 
sicher, dass eine Reihe von Aerzten behufs Anstellung bei dieser 
Kasse bereits in Aussicht genommen ist. Bei dieser Sachlage und 
der Dringlichkeit der Angelegenheit — die Kasse soll schon im 
Laufe dieses Monats aktivirt werden — hat der Vorstand der 
Wiener Aerztekammer zunächst an die ihm bekannten Ver¬ 
trauensärzte der provisorischen Kassenleitung eine Zuschrift ge¬ 
richtet, in welcher diese Aerztc mit Berufung auf ihren kol¬ 
legialen Sinn und ihr Solidaritätsgefühl auf Dringlichste ersucht 
werden, vorderhand keine wie immer geartete Stelle bei der 
Krankenkasse der Wiener Bankbeamten insolange anzunehmen, 
als die Wiener Aerztekammer, welche zur Berathung dieser An¬ 
gelegenheit in den nächsten Tagen Zusammentritt, über dieselbe 
ihr Votum abgegeben haben wird.“ 

Erklärend sei hinzugefügt, dass bisher die Bankinstitute ihre 
Beamten mit einem Gehalte unter 1600 Kronen (ohne Einrech¬ 
nung von Quartier- und Nebengebühren) bei der Bezirkskranken¬ 
kasse versicherten, wogegen die höheren Beamten die „Begünsti¬ 
gung“ der Befreiung von der Krankenkassenpflicht besassen. Die 
neue Kasse will den Letzteren, also den nicht versicherungs¬ 
pflichtigen Mitgliedern, Krankengeld, sodann die theueren hydro- 
pathischen und mechanotherapeutischen Kuren, sowie den Land¬ 
aufenthalt und bei plötzlichen Erkrankungen oder Unfällen auch 
die Kosten für die ärztliche Hilfe bis zum Ausmaasse des 
Minimaltarifes der Aerztekammer (2 Kronen pro Visite) bezahlen. 
Die Versicherungspflichtigen würden Krankengeld, Arzt und 
Apotheke, sowie Beerdigungsbeiträge erhalten. Mitglieder der 
neuen Krankenkasse sollen statutarisch die Beamten und Be¬ 
amtinnen der Wiener Bank- und Kreditinstitute und Bankhäuser, 
aber auch die Ehefrauen der Beamten werden. 

In der Kammersitzung vom 21. 1. M. wurde diese Angelegen¬ 
heit nochmals berathen und sodann folgender Beschluss gefasst: 
„Die Wiener Aerztekammer erklärt die Annahme jedweder ärzt¬ 
lichen Stelle bei der Krankenkasse der Bankbeamten Wiens für 
standeswidrig, insolange diese Annahme nicht unter Bedingungen 
möglich ist, welche vorher von der Wiener Aerztekammer ge¬ 
prüft und gutgeheissen worden sind“. Auch verlautet, dass die 
Mehrzahl der in Aussicht genommenen Aerzte der Krankenkasse 
der Bankbeamten bereits mündlich oder schriftlich erklärt habe, 
sich dem Wunsche der Aerztekammer zu fügen. 

Dem einmüthigen Vorschläge des Wiener medizinischen Pro- 
feHsorenkollegiums Rechnung tragend, hat der Unterrichts- 
minister Herrn Professor Dr. Theodor Escherich aus Graz 
nach Wien berufen, damit derselbe die durch das Ableben 
Widerhofe Fs verwaiste Lehrkanzel der Kinderheilkunde 
übernehme. Escherich ist 1857 zu Ansbach in Mittelfranken 
geboren, habilitirte sich in München im Jahre 1886 zum Dozen¬ 
ten der Kinderheilkunde und wurde 1890 zum Professor in Graz 
ernannt. Er hat während dieser Zeit eine Reihe hervorragender 
Arbeiten publizirt, welche seinen Ruf als eminenter Kliniker 
und Forscher begründeten. Vorderhand ist unsere Universitäts¬ 
klinik für Kinderheilkunde noch im St. Anna-Kinderspital unter- 
gebraeht, doch steht zu erwarten, dass auch E. in absehbarer 
Zeit eine neue Klinik erhalten werde, welche den modernen An¬ 
forderungen entspricht. 

Auch unser Professor der Hygiene, Hofrath Dr. Max 
G ruber, erhält ein neues Institut. Einem Anträge des Pro¬ 
fessorenkollegiums Folge leistend, hat das Unterrichtsministerium 
angeordnet, dass für das hygienische Universitätsinstitut ein 
den Postulaten der modernen Forschung Rechnung tragendes, 
mit den erforderlichen Behelfen auszustattendes bakteriologisches 
Laboratorium errichtet und mit den „beschleunigten Arbeiten“ 
zu diesem Zwecke begonnen werde. Die Arbeiten sind bereits in 
Angriff g< nummeu. 


In der Gesellschaft der Aerzte machte Dr. Ludwig T e 1 e k y 
Mittheilungen über seine Erfahrungen mit Thiosinamin. Das 
Mittel kam zur Anwendung behufs Dehnung resp. Erweichung 
alter Narben des Oesophagus, und zwar wurden täglich 3 Tbeil- 
striche einer 15 proz. alkoholischen Lösung des Thiosinamius 
unter die Rückenhaut injizirt. Einige Fälle verliefen überaus 
günstig. So wurde eine Frau, welche eine 25 Jahre alte Narben- 
striktur des Oesophagus hatte, nach längerer und erfolgloser 
Bougirung, in der obenerwähnten Weise 10 mal eingespritzt, ohne 
hiebei weiter bougirt zu werden. Sie wurde geheilt und blieb 
es nun schon 2 Jahre lang. In gleicher Weise wurde ein Knabe 
mit mittelschwerer Oesophagusstriktur nach Kalilaugevergiftung 
schon durch 6 derlei Injektionen — ohne weitere Bougirung — 
geheilt. Bei einem dritten Falle (wieder ein Knabe mit einer 
Striktur, welche erst 7 Wochen bestand) trat Anfangs wesent¬ 
liche Besserung, sodann auffallende Verschlimmerung ein, wess- 
halb die Bougirung ohne Ende eingeleitet werden musste. Es 
scheint also, dass frischere Narben (jünger als 6 Monate) dieses 
Mittel kontraindiziren, ebenso möge man e6 nicht in Gebrauch 
ziehen, wenn nicht vollkommen verheilte tuberkulöse Prozesse 
oder irgend welche Entzündungsherde bestehen. Das Thiosin¬ 
amin an sich dehnt die Oesophagusstriktur nicht, es macht blo?> 
die Narbe dehnbar und der die Speiseröhre passirende Bissen 
erweitert die verengte Stelle. 

In der Diskussion sprach Hofrath Prof. Neumann über 
den Werth des Thiosinamins bei Sklerodermie (N e i s s e r) und 
bei Narben, welche nach seinen wenigen Erfahrungen günstig be¬ 
einflusst werden. Auch Prof. M r a c e k hat mit diesem Mittel 
bei Narbenkontrakturen wiederholt Besserung erzielt, dagegen bei 
Lupus und Lues bloss Misserfolge beobachtet. Dozent 
Dr. Emerich Ullmann hat Thiosinamin bei Keloid ohne jede 
Einwirkung applizirt. Dr. K o h n bestätigt die erzielten Erfolge, 
da er vor Jahren gemeinsam mit Prof. Hebra die bezüglichen 
Versuche gemacht hat. Endlich hebt Dozent Dr. Spiegler 
hervor, dass es eine ganze Reihe von chemischen Substanzen gebe, 
welche — ähnlich dem Tuberkulin — an irgend einem peripheren 
Punkte in die Blutbahn gebracht, im pathologischen Gewebe eine 
entzündliche lokale Reaktion hervorrufen. Insbesondere be¬ 
sitzen diese Eigenschaft jene Verbindungen, welche zu den orga¬ 
nischen Aminen gehören. Auf die von den Vorrednern be¬ 
schriebene Heilwirkung des Thiosinamins wolle er jetzt nicht ein- 
gehen. 

Dozent Dr. Kreibich stellt einen Fall aus der Klinik 
Kaposi’s vor, eine 21jährige Patientin, welche durch lolcalo 
Injektionen von Jodipin von ihrer Aktinomykoße der Wangen¬ 
haut befreit wurde. Die rechte Wange zeigte eine handteller¬ 
grosse Anschwellung von höckeriger Oberfläche, wobei die hasel¬ 
nussgrossen Höcker theils derb, theils fluktuirend waren. Der 
Eiter wurde durch Punktion entleert, wobei typische Aktino- 
mycespilze gefunden wurden. Unmittelbar danach wurde 
25 proz. Jodipin, und zwar den ersten Tag 7 ccm injizirt, am 
vierten Tage bloss 4 ccm. Da starke entzündliche Reaktion eiu- 
trat, wurde Liquor Burowii applizirt. Später wurden alle 
4—5 Tage je 3 ccm Jodipin eingespritzt, so dass im Ganzen ca. 
30 ccm des Mittels verbraucht wurden. Vollständige Heilung 
in der 5. Woche, keine Narbenbildung. In zwei früheren Be¬ 
obachtungen wurde in gleicher Weise verfahren und das gleiche 
günstige Resultat — vollkommene Heilung in einigen Wochen 
— erzielt. Der Redner schlägt vor, auch bei Aktinomykose der 
inneren Organe dieses Mittel zu versuchen, und zwar intra- 
pnrenchymatös, wenn die Erkrankung auf die Haut übergegTiffen 
hat, oder durch Injektion hoher Dosen (100—150 g), wenn der 
Herd selbst nicht zugänglich ist. Das 25 proz. Jodipin ist in 
allen Fällen vorzuziehen. Bekannt ist, dass man auch mit Jod¬ 
kali (täglich 1 —2 g) Heilungen oder Besserungen bei Akt-ino 
mykose erzielt hat, doch ist die Jodkalibehandlung jedenfalls 
eine länger andauernde. 

Römische Briefe. 

(Eigener Bericht.) 

Rom, den 15. Januar 1902. 

Etwas über B a c c e 11 i und seine Gegner. — Einige 
anatomisch-pathologische Fälle. — Jubiläum Prof. Murr i’s. 

Als Schüler und Bewunderer Prof. Baccelli’s kann ich 
nicht umhin, mit Entrüstung gegen die Art zu protestiren, mit 


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28. Januar 1902. MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


178 


der kürzlich in einer Münchener Zeitung von ihm gesprochen 
wurde. Man kann die Sache um so weniger unbeachtet lassen, 
als cs sich nicht um irgend ein untergeordnetes Skandalblättchen, 
sondern um die ernsten und mit Recht beachteten „Münchener 
Neuesten Nachrichten“ handelt, die in den Nummern 16 und 17 
2 mit A. C. gezeichnete Artikel aus Rom brachten. Besonders der 
eine dieser beiden Artikel weist einen solch’ parteiischen, aggres¬ 
siven Charakter auf, wie ich ihn bisher nie in den Spalten dieser 
Zeitung gefunden habe; der Verfasser des angezogenen Artikels 
bedient sich gewisser Wendungen und Worte, die gewiss nicht 
dem „Knigge“ entnommen sind. 

Beide Artikel drohen sich um eine archäologische Frage, und 
da ich in dem Fache nicht kompetent bin und ausserdem auch in 
unserer Zeitschrift kein Raum für archäologische Diskussionen 
ist, übergehe ich diesen Punkt und gestatte mir nur die An¬ 
merkung, dass gerado der beschimpfte und als Ignorant in archäo¬ 
logischen Dingen hingestellte B a c c e 11 i mehr als irgend ein 
anderer Minister bei uns für die Archäologie und die Kunst ge- 
than hat. Es genügt hier wohl, auf die Freilegung des Pantheons, 
die Zerstörung der „orecchie del Bernini“, die Herstellung der 
„passeggiata archeologica“, die neuen Ausgrabungen am Forum 
Romanum und in Pompeji und den Ausstellungspalast für 
moderne Kunst zu erinnern. Doch nicht der Artikel selbst ist 
es, gegen den ich mich wende, denn dazu bin ich wie gesagt 
nicht berufen, sondern eine Fussnote, in welcher R. C. die Ge¬ 
legenheit (ob dies wirklich zur archäologischen Frage passt?) er¬ 
griff, um dem „Ackerbauminister“ Baccelli Eins auszuwischen 
und Baccelli’s Mittel zur Heilung der Maul- und Klauen¬ 
seuche „eine der gewöhnlichen B a c c e 11 i’schen Schwindeleien“ 
(sic!) nannte. Sehen wir näher zu, wie die Dinge liegen. 

Als Baccelli vorigen Sommer das Ministerium des Acker¬ 
baues übernahm, brachte gerade die Maul- und Klauenseuche der 
Landwirthschaft grossen Schaden und Baccelli wollte daher, 
um wenn möglich der Seuche Einhalt zu gebieten, bei den 
Thieren seine Methode der Sublimatinjektion versuchen, die er 
als Arzt in der menschlichen Pathologie bei schwerer Syphilis 
und infektiösen Krankheiten so erfolgreich eingeführt hatte. Die 
ersten Versuche fielen günstig aus und die Methode verbreitete 
sich daher sehr schnell, so dass man heute die endovenösen Subli¬ 
ma tinjektionen gegen die Aphta epizootica nicht nur in Italien, 
sondern auch im Auslande zur Anwendung bringt. In Italien 
sind bisher 2000 geheilte Fälle angemeldet worden, die Sache kann 
also doch wohl nicht schlecht sein. Aber natürlich werden auch 
etliche Thiere trotzdem, oder vielleicht gerade weil das Mittel 
(aber vielleicht nicht richtig) in Anwendung kam, darauf ge¬ 
gangen sein und nun werden diese verendeten Ochsen dem 
„Minister“ Baccelli von seinen politischen Feinden als ebenso 
viele Verbrechen angerechnet. Hat er doch auch den Muth ge¬ 
habt, verschiedene Neuerungen einzuführen, die Vielen nicht 
gefallen, die Administration streng zu handhaben etc. Man sucht 
ihn zu bekämpfen, wo und wie es nur möglich ist, aber — auch 
bei ihm lässt sich das Wort anwenden — man beisst auf Granit! 

Dass jedoch ein deutsches Blatt Baccelli befehdet, ist 
mir nicht recht verständlich, denn in dem jetzigen Kabinet ist 
er sicher einer der aufrichtigsten Freunde Deutschlands und 
treuester Anhänger des Dreibundes. Und welches sind denn dann 
die übrigen „Schwindeleien“ Baccelli’s? Will A. C. viel¬ 
leicht die Errichtung der grossartigen Poliklinik mit diesem 
lieblichen Epiphonem bezeichnen, oder die Einführung des ebenso 
poetischen als nützlichen Baumfeetes, oder jene der deutschen 
Sprache in den Gymnasien? Beinahe müsste man das letztere 
annehmen, denn voriges Jahr war in einem anderen Artikel in 
den N. N. (ich entsinne mich allerdings nicht mehr, ob derselbe 
auch von A. C. war) gerade der Nachfolger B a c c e 11 i’s, der 
das Deutsche wieder aus den Schulen verbannt hatte, als der 
beete ITnterrichtsminister Italiens gepriesen. 

Wenn A. C. ferner meint, Baccelli sei nur „bei seinen 
Freunden im Parlamente als grosser Pathologe berühmt“, so 
kann er sich vielleicht gerado von einigen seiner Landsleute, 
deren eigene Berühmtheit und Kompetenz in Dingen der medi¬ 
zinischen Wissenschaft er wohl kaum in Zweifel ziehen wird, 
eines Besseren belehren lassen, denn die Professoren V i r c h o w 
und Gerhardt werden schwerlich einen Schwindler ihrer 
grössten Hochachtung und Freundschaft würdigen! Also Hut 
ab, Herr A. C.! 


Nun einige Fälle aus Marchiaf a va’s Vorlesungen. Im 
hiesigen pathologischen Institut wurden bisher, d. h. vom No¬ 
vember 1901, dem Anfang de« scholastischen Jahres, bis jetzt, 
183 Obduktionen gemacht und unter diesen fanden sich vier 
Aneurysmen der Aorta abdominalis. Schrott er sagt in 
„Nothnagel’s spezieller Pathologie“, dass die Aneurysmen der 
Aorta abdominalis einen ziemlich seltenen Befund bilden. 
Marchiafava betonte statt dessen, dies treffe wenigstens hier 
in Rom nicht zu, denn alle Jahre kommen Aortenaneurysmen - 
vor und heuer, da kaum 3 Monate vom scholastischen Jahre ver¬ 
flossen sind, haben wir schon vier solcher Fälle. Ein anderer 
Fall verdient, obwohl er nicht gerade aussergewöhnlich selten ist, 
doch die Aufmerksamkeit der Herren Kollegen. Es handelt sich 
um Tuberkulosis der Unterlappen beider Lungen. Der Ver¬ 
storbene, ein Bedienter, war 54 Jahre alt und hatte seit einem 
Monat an Husten und Athmungsbesehwerden gelitten. Man hatte 
Entzündungs- und Kaverncnsymptome in den unteren Schichten 
der Lungen diagnostizirt, aber da der mikroskopische Befund 
negativ ausfiel, die Lungenspitzen völlig unversehrt waren und 
auch das Alter des Patienten eigeutlich dagegen sprach, war die 
Diagnose: „Tuberkulosis der Lungen“ intra vitam nicht leicht 
zu stellen. 

Eichhorst sagt in der letzten Ausgabe seines Hand¬ 
buches der spezi eilen Pathologie über primäre Bronchitis fibrinosa: 
Dieselbe kommt nicht häufig vor, denn es sind zur Zeit kaum 
mehr als 100 Beobachtungen bekannt, von welchen übrigens ein 
Theil nur sehr lückenhaft mitgetheilt ist. Ich will hier einen 
solchen Bronchitisfall nur kurz erwähnen, da der Sektor selbst 
denselben sammt den mikroskopischen und bakteriologischen Re¬ 
sultaten ausführlich mittheilen wird. Es handelte sich um einen 
31 jährigen Maurer, Alkoholist, der vor 2 Monaten in einem 
Abzugskanal gearbeitet und sich dabei eine Nierenerkrankung 
zugezogen hatte; dazu kamen in seinen letzten Lebenstagen noch 
eine Bronchitis fibrinosa mit Husten und Athembeschwerden 
und am Schluss Urämiesymptome. Die Bronchien waren ver¬ 
stopft mit Gerinnseln, welche deutlich die Form des Bronchial¬ 
baumes zeigten, sie bildeten, um so zu sagen, die Ausgüsse der 
Bronchien. 

Ein noch seltenerer Fall war die Alteration, die in der 
Arteria pulmonalis eines 59 jährigen Mannes gefunden wurde. 
Krankheiten der Lungenarterie spielen keine sehr grosse. Rolle 
in der medizinischen Pathologie und das betreffende Kapitel ist 
meist oberflächlich und flüchtig behandelt. Die Arteria pulmo¬ 
nalis war in diesem Fall sklerosirt und die Verdickungen an den 
Innenflächen des Gefässes waren um so ausgesprochener, je weiter 
man in den Verästelungen kam, so dass diese Verdickungen an 
gewissen Stellen atheromatöso Geschwüre bildeten. Einige 
Arterienäste waren auch thrombosirt. In der Aorta waren nur 
sehr geringe Spuren von Sklerosis vorhanden. Würde der Mann 
länger gelebt haben, so wäre es sein Schicksal gewesen, einem 
Aneurysma der Lungenarterie zu erliegen; ein äusserst seltenes 
Vorkommniss, da 0 r i s p unter 915 Aneurysmafällen nur vier 
Fälle von Aneurysma der Arteria pulmonalis gefunden hat. 

In meinem nächsten Brief werde ich Gelegenheit haben, 
über das 25 jährige Jubiläum zu berichten, das nächstens in 
Bologna für den verdienten Kliniker Professor Murri, eines 
Schülers der römischen Klinik gefeiert wird. 

Dr. Giov. G a 11 i. 


Berliner medicinische Gesellschaft. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 22. Januar 1902. 

Herr A. Baginsky: Demonstration von zwei Kindern 
(etwa 3 und 12 Jahre), welche an chronischer exsudativer Bauch¬ 
fellentzündung, wahrscheinlich tuberkulöser Natur, gelitten 
hatten uud unter Kehmtpr«»dfpnbft handlung ireheilt_ -ivnrden. Er¬ 
wähnung eines dritten glöTehen rmies. IHIS FTne Kind war ihm 
von Herrn Beck aus dem Ivoc h'schen Institut zugeschickt 
worden, weil die Herren dort eine Operation für unvermeidlich 
gehalten hatten. 

Diskussion: Herr C a s s e 1 bemerkt, dass er ln seiuem 
vor einigen Monaten gehaltenen Tut trage über chronische tuber¬ 
kulöse Peritonitis darauf htngewies c nTrabe, dass aieseTSTttrankllng 
zuweilen spontan bezw. unter hygienisch-diätetischer Behandlung 
heile. Doch gäbe es gewisse Fälle, In welchen die Operation un¬ 
vermeidlich sei. Welcher Faktor bei der internen Behandlung 
der maassgeb; nde sei, die verbesserte Hygiene dos Krankenhauses, 


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174 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 4. 


die Schmierseife, das Kreosotverfahren oder welcher sonst, das 
sei doch schwer zu entscheiden. 

Herr Lassar: Die Schmierseife sei auch sonst ein gutes 
Mittel, z. B. für Epidldymitis und Orchitis, wo sie in Mischung mit 
Jodkali sehr gut wirke; natürlich nicht auf das empfindliche Skro¬ 
tum aufgetragen, sondern im Bade anzuwenden. Auch für 
Strumen sei diese Mischung unter leichter Massage zweckmässig. 

Herr Ewald: Chronische Peritonitis heilt zu oft spontan 
l>ezw. unter interner Therapie, als dass man die Wirkung gerade 
der Schmierseife zusprechen könnte. 

Herr Senator: Als er selbst seinerzeit die Schmierseife 
für die erwähnte Krankheit empfohlen habe, habe er es auf 
<irund von Beobachtungen gethan, in welchen doch wohl nur 
dieses Mittel die gute Wirkung ausgeübt hatte und keine Aeu- 
derung In den hygienischen Verhältnissen in Frage gekommen war. 
Er habe die Schmierseife ln Verbindung mit Jodoform und 
reinem Fett angewandt. 

Tagesordnung: 

Herr Kossmann: Indikation und Recht znr Tödtung 
des Fötns. 


Nach einer hist orischen Einleitung geht Vortragender 
auf die juristische Seite der Frage über, welche für den 
Arzt insofern ungünstig liegt, als in den beiden in Frage kom¬ 
menden Paragraphen 218 und 229 nicht von ärztlichen 
Eingriffen die Rede ist und daher der Auslegung freies 
Spiel gelassen ist. Die Kommentatoren haben sich in verschie¬ 
denem Sinne ausgesprochen. 


Das Kirche n recht der Katholiken ist durch Edikte 


vom .Tahre 1884, 18S9 und 1895 festgelegt; es ist darin jeder 
Eingriff zur Herbeiführung des künstlichen Aborts oder zur 
Tödtung des Fötus verboten, auch dann, wenn die Mutter 
nur dadurch gerettet werden könnte. Auch ist der Unterricht 
der betr. Methode auf katholischen Schulen untersagt. Die 
ethische, für den Arzt ausschlaggebende Seite der Frage 
betreffend, so will Vortragender vom künstlichen Abort 
nicht sprechen, da hier kein prinzipieller Standpunkt aufgestellt 
werden könne, sondern von Fall zu Fall entschieden werden 
müsse. Er sei aber jedenfalls nur dann erlaubt, wenn man über¬ 
zeugt sei, dass das kindliche Leben auch ohne den Abort ver¬ 
loren sei. 


Wenn man sieh zur Einleitung des künstlichen Aborts ent- 
schliesse, so sei es jedenfalls zweckmässig und rathsam, zwei ver¬ 
trauenswürdige Kollegen zuzuziehen und über den ganzen Her¬ 
gang ein Protokoll aufzunehmen. 

Die Tödtung des Kindes unter der Geburt komme 
nur im üussersten Nothfalle in Frage. Vortragender meint nun, 
dass man in solchen Fällen der Mutter die Möglichkeit der Er¬ 
haltung «les Kindes durch den Kaiserschnitt nahelegen 
müsse. Die Mutter müsse die heutzutage relativ geringe Gefahr 
des Kaiserschnittes ebenso im Interesse des Kindes auf sich 


nehmen, wie der Vater in einem Berufe oder im Kriege das Leben 
auf’s Spiel setzt. 

W enn die Mutter dies ablehnt, soll der Arzt erklären, dass 
er die Behandlung niederlege. Es sei selbstverständlich, dass er 
daun bis zur Ankunft eines anderen Kollegen bei der Kreissenden 
bleibe. 

Diskussion: Herr L. L a n <1 a n und Herr Diilirssen: 
Letzterer führt aus, dass es mit Rücksicht auf die Schutzlosigkeit 
des Arztes durch das Gesetz und die Unsicherheit der Recht¬ 
sprechung das Richtige wäre, wenn der Arzt jeden künstlichen 
Abort einfach ablehnen würde; gleichviel ob die Mutter dabei ihr 
Leben verliere oder nicht. 

Fortsetzung vertagt. Hans K o h n. 


zuziehen ist, wenn nicht überhaupt eiue Desinfektion des Raumes 
mit Formaldehyd angezeigt erscheint. (Apotheker-Zeitung 1901, 
No. 8(5.) R. S. 


Frequenz der deutschen medizinischen Fakultäten. 
Winter-Semester 1901/1902. 1 ) 



Winter 1900/1901 

Sommer 1901 

Winter 1901/1902 

ln- 1 Aus--) 
lAnder lAnder 

8umma 

In- | Aus-») 
lAnder lAnder 

Summa 

lu- 1 Ana-*) 
lAnder lAnder 

luirnnt 

Berlin*) 

859 

453 

1312 

702 

364 

1066 

778 

476 

1254 

Bonn 

210 

13 

223 

255 

23 

278 

213 

20 

233 

Breslau 

211 

6 

217 

244 

15 

259 

215 

14 

229 

Erlangen 

126 

123 

249 

125 

119 

244 

126 

124 

250 

Freiburg 

76 

242 

318 

75 

329 

404 

74 

266 

3«) 

Giessen 

69 

83 

152 

64 

88 

152 

68 

103 

171 

Göttingen 

145 

48 

193 

144 

45 

189 

121 

41 

162 

Greifswald 

201 

23 

224 

208 

30 

238 

192 

24 

216 

Halle 

154 

49 

203 

lf.O 

42 

192 

151 

41 

192 

Heidelberg 

80 

159 

239 

78 

215 

293 

73 

175 

218 

Jena 

52 

94 

146 

47 

111 

158 

49 

88 

137 

Kiel 

26G 

83 

349 

313 

118 

431 

266 

81 

347 

Königsberg 

201 

23 

224 

203 

23 

226 

178 

29 

207 

Leipzig 

278 

316 

594 

259 

263 

522 

253 

295 

548 

Marburg 

172 

45 

217 

171 

45 

216 

161 

42 

203 

München 

464 

650 

1114 

420 

692 

1112 

410 

635 

1045 

Rostock 

51 

74 

125 

50 

77 

127 

51 

88 

139 

Strassburg 

154 

142 

296 

139 

128 

267 

149 

143 

292 

Tübingen 

146 

115 

261 

136 

123 

259 

140 

102 

242 

Würzburg 

155 

320 

475 

145 

266 

411 

145 

272 

417 

Zusammen 

4070 

3058 

7131 

3928 

3116 

7044 

3813 

3059 

6872 


Frauen sind nicht nach Fakultäten ausgeschieden 


*) Nach amtlichen Verzeichnissen. Vergl d. W. 1901, No. 27. 

*) Unter Ausländern sind hier Angehörige anderer deutscher 
Bundesstaaten verstanden. 

*) Ohne die Studirenden des Kaiser-Wilhelm Instituts. 

Galerie hervorragender Aerzte und Naturforscher. 

Der heutigen Nummer liegt das 123. Blatt der Galerie bei: Sir 
William M a c C o r m a c. Nekrolog siche Seite 149. 

Therapeutische Notizen. 

Vierwochenkuren der Lungenkranken! Bisher 
galt es als Prinzip, bei einer rationellen Behandlung von Lungen¬ 
kranken zum Mindesten eine Zelt von mehreren Monaten zu ver¬ 
langen. Herr Stern- Reinerz benutzt den D e 11 w e 11 e r’scheu 
Ausspruch: „Prinzipien sind nur für dumme Menschen“ und sucht /, 
nachzuweiseu, dass auch (Ile Vierwochenkure» ihre Berechtigung j ' 
haben (Ther. Monatsli. X, 01). Durch ollsommerllchen Besuch/ 
eines Kurortes erhalten sich viele Phthisiker ihre Leistungsfähig¬ 
keit. Kr. 

Um Rizinusöl und ähnliche Substanzen be¬ 
quem einzunehmen empfiehlt Rosenberg - Berlin ein 
cinfnehes Verfahren (Ther. Monatsli. XI, 01). Er geht von der 
Thatsache aus, dass viele Dinge als schlecht schmeckend be¬ 
zeichnet werden, die lediglich unangenehme Geruchsempfindungen 
auslösen. Schaltet man beim Verspeisen derartiger Dinge die 
Gerucliswahrnelimuug durch festes Zuhalten der Nase aus. so ist 
der schlechte Geschmack verschwunden. Das gelingt auch beim 
Rizinusöl leicht. Man muss sich die Nase fest zuhalteu und nach 
dem Schlucken die Lippen gut abwischen und die im Munde noch 
hängenden Reste mit Limonade hinunter spülen, bevor man den 
Luftstrom wieder durch die Nase gehen lässt. In dieser Form ge¬ 
nommen macht das Rizinusöl nicht die geringste Beschwerde. 


Verschiedenes. 

Untersuchungen über desinflzirende Wandanstriche. 

Oborapotheker Dr. Rapp untersuchte auf Veranlassung der 
Verwaltung des städt. Krankenhauses M Uneben r. I. einige 
Emaillelackfarben auf ihre keimtödtende Wirkung. Die Versuchs- 
nnordnung entsprach der von Jacobitz (s. diese Wochen sehr. 
1901, No. 17. S. 275) angegebenen. Als am besten keimtödtend 
erwiesen sich die Zoneafarbe No. 101 (von der Firma Zonca & Co. 
in Kitzingen) und die Poizellaiiemaillefnrben 2097 B und 2098 B 
(von der Firma Rosenzweig & Baumann in Kassel). Nachprüf¬ 
ungen der Zoncafarben bezüglich der Dauer der keiintödtenden 
Wirkung ergaben nach 1(5 Tagen keine Minderung, nach 40 Tagen 
eine bedeutende Abnahme der Desinfektionskraft. Den Werth der 
kelmtOdtenden "Wirkung möchte R. nicht zu hoch anschlagen, wenn 
dieselbe auch als eine schätzenswerthe und auch wünschenswerthe 
Eigenschaft zu bezeichnen ist; aus der Abnahme der Desinfektious- 
kraft und der hieraus sich ergebenden Notlnvendigkeit, nach 
wenigen Wochen den nicht billigen Anstrich zu erneuern, wenn 
er desiniizirend wirken soll, geht hervor, dass das sichere und 
billigere Abwaschen der Wände mit desinflzirenden Lösungen vor- 


Dns von der Firma K n o 11 & Co. in Ludwigshafen her- 
gestellte P u r g a t i n (Purgatol. Anthrapurpurlndiacetat, s. diese 
Wochenschr. 1901, S. 35) wurde von W. E b s t e i n - Göttingen 
mit gutem Erfolg angewendet. Als ..Schiebemittel" bei Kopro- 
stase neben Oelklysmen waren Dosen von 2.0 nöthig, bei einfacher 
chronischer Stuhlverstopfung oder vorübergehender Stuhltriigheit 
waren in der Regel Dosen von 1.0 wirksam. Die Darreichung 
geschieht in Kapseln mit Nachtrinken von Wasser oder als 
Schachtelpulver, von welchem als mildes Laxans Abends eine 
Messerspitze und als Drastikum Abends y 2 Theelöffel gegeben 
werden soll. Als eine oft nicht angenehme Nebenwirkung Ist die 
nach Purgatingebrauch nuftretende Rothfärbung des Urins zu be¬ 
achten. (Ther. d. Gegenw. 1902, Januarheft.) R. S. 

Durch Beobachtungen in der Praxis aufmerksam gemacht, fand 
F o c k e - Düsseldorf, dass die Stärke der offlzlnelleu 
Folia digitalis jahreszeitlichen Schwankungen 
unterliegt. Nach dem Arzneibuch für das Deutsche Reich sind 
Fol. digital, nicht über 1 Jahr aufzubewahren. Eine Vorschrift, 
wann die alten Blätter durch frische ersetzt werden müssen, 
existirt nicht, doch findet der Umtausch gewöhnlich im Juli und 


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^8. Januar 1902. 


&ÜENCHENER MEDiCIÜISCfiE WOCHENSCltftlEi'. 


August statt. F. fand nun, dass er zur Erzieluug der gewünschten 
Wirkung die Dosis mit dem „Altern“ der BlUtter bis zu etwa dem 
Vierfachen der anfänglichen Höhe, von 0.5 nach Eintreffen der 
frischen Blätter bis auf 2,0 gegen Ende des Jahres, steigern musste. 
— Die Thatsache des Schwindens der Wirksamkeit der Digitalis¬ 
blätter wird zwar in den Lehrbüchern der Arzneimittellehre 
(v. Tappeiner. Penzoldt, Lew in u. A.) erwähnt, dürfte 
jedoch ln der Praxis bisher nicht ln dem Maasse berücksichtigt 
worden sein, wie sie es Angesichts des hohen therapeutischen 
»' erthes und der häufigen Anwendung der Droge verdiente. 
(Therapie d. Gegenwart 1002, 1.) r. s. 

Zur internen Behandlung der Syphilis empfiehlt W e r 1 e r 
Pillen aus Mercurcolloidsalbe: 

Rp.: Mercurcolloid 3,0—6,0 
Argillne alb. q. s. u. f. 
pilul. N. XXX. Consp. Talco pulver. 

DS. 3 mal tgl. 1—2 Pillen nach der Mahlzeit. 

Der therapeutische Effekt dieser Pillen ist nach zahlreichen 
Erfahrungen W.’s ein durchaus günstiger, toxische Erscheinungen 
wurden in keinem Falle wahrgenommen. (Deutsche Praxis 1001, 
No. 24.) R. S. 


Tagesgeschichtliche Notizen. 

München, 28. Januar 1902. 

— Gemäss Absatz 3 der K. Allerhöchsten Verordnung vom 

27. Mürz 1901, die Arzneitaxordnung für das Königreich 
Bayern betreffend, ist die Arzneitaxe alljährlich namentlich in 
Rücksicht auf die jeweils eingetreteneu Veränderungen der 
Materialpreise, sowie auf die erzielten Bereicherungen des Arznei¬ 
schatzes einer Revision zu unterstellen und deren Ergebniss zur 
öffentlichen Kenntniss zu bringen. Das K. Staatsministerium des 
Innern hat desshalb die Ivreisregieruugen, Kammern des Innern, 
beauftragt, nach Einvernahme der Apotheker-Gremialausschüsse 
und der Kreismedizinalausschüsse in genannter Hinsicht gutacht¬ 
lichen Bericht zu erstatten. 

— Ueber die ärztliche Untersuchung unbemit¬ 
telter Militärreklamanten haben die preuss. Minister 
der Medizinalangelegeuheiten und des Innern im Einverständnisse 
mit dem Kriegsminister neuerdings Bestimmungen getroffen. In 
der Dienstanweisung für die Kreisärzte wird unter den vertrauens¬ 
ärztlichen Verrichtungen des Kreisarztes die Untersuchung von 
Angehörigen Militärpflichtiger (Reklamanten) auf ihre Erwerbs¬ 
oder Aufsichtsfähigkeit erwähnt, die auf Ersuchen der Ersatz¬ 
behörden erfolgt. In der Verfügung wird festgelegt, dass die 
M inister es nicht für zulässig erachten, diese 
Untersuchungen durch Privatärzte vornehmen 
zu lassen. Soweit die Militürreklamnuten unbemittelt sind 
und deren Zahlungsunfähigkeit von dem zustäudigeu Landrath 
bescheinigt wird, können die Kosten für von einem Kreisärzte 
an ihnen vorgenommene Untersuchungen auf den Fonds der Re¬ 
gierung zu allgemeinen polizeilichen Zwecken übernommen werden. 

— Das Zentralkomitß für das ärztliche Fortbil¬ 
dungswesen in Preusseu veröffentlicht das 3. Vcrzeicli- 
niss unentgeltlicher Fortbildungskurse und Vorträge für prak¬ 
tische Aerzte in Berlin. Die 12 Vorträge bilden eine Vortragsreihe 
über „Gerichtliche Medizin“ und linden vom 10. Februar bis 
1. April statt. Ferner werden vom 21. März bis 8. April 5 Vor¬ 
träge über Syphilis und Gonorrhoe als Schluss des gleichlautenden 
Zyklus ira Herbst 1900 gehalten. Zur Theiinahme au den Fort¬ 
bildungskursen und Vortrügen ist jeder In Berlin und Umgegend 
praktizirende Arzt gegen Lösung nicht übertragbarer Karten be¬ 
rechtigt. Die Karten, sowie das Verzeichniss der Fortbildungs¬ 
kurse und Vorträge sind im Direktionsbureau der Charitö zu 
erbalten. 

— Der Verband der Aerzte Deutschlands zur Wahrung ihrer 
wirthscbaftlichen Interessen hat eine „Anleitung zur ökonomischen 
Verordnungsweise für Krankenkassen“ herausgegeben. Dieselbe 
enthält ln grösster Kürze die Grundzüge der sparsamen Verschreib¬ 
weise. durch deren Befolgung grosse Ersparnisse für die Kassen 
erzielt werden könnten. Auf einzelne Medikamente und auf die 
Zusammenstellung einer Rezeptsammlung geht das Heftchen nicht 
ein; ln dieser Beziehung wird auf. D r e s d n e r’s Aerztl. Verord¬ 
nungsweise hingewiessen. Der Preis ist 50 Pf. 

— Pest. Türkei. In Smyrna wurde am 17. Januar eine 
neue pestverdächtige Erkrankung festgestellt. — Aegypten. Vom 

28. Dezember v. J. bis 10. Januar d. J. wurden In Tantah 18 Neu¬ 
erkrankungen (11 Todesfälle) an der Pest festgestellt, in Ziftah 1 (1). 
— Aden. In Aden ist am 5. Dezember v. J. unter der Lnskar- 
mannschaft des Dampfers „Patiola“ ein Pestfall mit tödtlichem 
Ausgange vorgekoraraen. — Straits Settlements. Ein Chinese, 
der am 6. Dezember v. J. als pestverdächtig ln das Quarautüne- 
lager in Peuang gebracht wurde, ist am 8. ds. Mts. an Pest ge¬ 
storben. Weitere Fälle waren bis zum 10. Dezember nicht be¬ 
kannt geworden. — Mauritius. In den 4 Wochen vom 8. November 
bis 5. Dezember v. J. kamen 83, 07, 01, 52 Erkrankungen und 50, 
39. 37, 37 Todesfälle an der Pest zur Anzeige. — Kapland. In der 
Woche vom 8. bis 14. Dezember v. J. sind Pestfälle nur in 
Mossclbay und Ladysmith bei je einem Farbigen festgestellt 
worden; die Kaphalbinsel und Port Elizabeth sind frei geblieben. 

(V. d. K. G.) 

— In der 2. Jahreswoche, vom 5.—11. Januar 1902, hatten 
von deutschen Städten über 40 000 Einwohner die grösste Sterb¬ 


lichkeit Mülheim n. d. Ruhr mit 28.3. die geringste Ilagen mit 
8.1 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohner. Mehr als ein Zehntel 
aller Gestorbenen starb an Masern in Bochum, Borbeck, Darrn- 
stadt, Solingen. Worms, an Scharlach In Bremen. Bromberg, Ellier- 
fehl, Elbing, an Diphtherie und Kroup in Heidelberg. 

(Hochschulnachrichten.) 

Heidelberg. Ks lmbilitirte sich für Chirurgie der Assistent 
der Chirurg. Klinik Dr. Friedrich Völcker mit einer Vorlesung 
über „Pyämie und SeptikÜmie“. 

Strassburg. Zum Direktor der Ohrenklinik und Extraordi¬ 
narius fürOtologie und Rhlnologie wurde Privatdoz. Dr. Manasse 
bisheriger stellvertretender Leiter der Klinik, ernannt. 

Basel. Dr. O. H a 11 a u e r, Assistenzarzt in der Augeupoli- 
klinik, hat sich für das Fach der Ophthalmologie habilitirt. 

Bologna. Habilitirt Dr. G. C o 1 o m b o für Augenheilkunde 

Moskau. Habilitirt Dr. 1*. S. Speransky für Dermato¬ 
logie und Syphlllgraphie. 

Wien. Durch den Rücktritt Prof. v. Kraf ft-Ebin g’s 
vom Lehramt, der mit dem Ende dieses Halbjahres bevorsteht, 
tritt ein Wechsel in der Leitung der sämmtlichen Universitäts¬ 
kliniken für Psychiatrie in Oesterreich ein. An Stelle Prof, 
v. K r a f f t - E b 1 n g’s tritt Prof. Wagner v. J a u r e g g an 
die Spitze der ersten psychiatrischen Klinik in Wien. An seine 
Stelle in der Direktion der Klinik in der niederüsterreichischen 
Landesaustalt tritt Prof. Gabriel Anton, der jetzige Direktor 
der Universitäts-Irrenklinik in Graz. Ihn ersetzt Prof Karl 
Maye r, der jetzt die Irreuklinlk in Innsbruck leitet. Die Leitung 
der Innsbrucker Irrenklinik wird dem Privatdoz. Dr. v. Sölder 
in Wien übertragen. 

(Todesfälle.) 

Ein neuer schwerer Verlust hat die medizinische Wissen¬ 
schaft betroffen: am 21 ds. starb in München unser hochgeschätzter 
Kliniker. Geheimrath v. Ziem äsen, im Alter von »'2 Jahren. 
Er hatte noch bis 8 Tage vor seinem Tode seine vielseitigen Berufs- 
pfllcliten in vollem Umfange erfüllt, als er an einer Broncho¬ 
pneumonie erkrankte, die er nicht überstellen sollte. Mit 
Z i e m s s e n verliert die deutsche Klinik einen ihrer be¬ 
deutendsten Führer, der bei fast allen grossen Fragen, welche die 
Medizin in den letzten Dezennien bewegten, bestimmend mit ein¬ 
gegriffen hat; mit ihm verliert auch der deutsche Aerztestaml 
überhaupt einen Mann, der seine ungewöhnliche Kraft stets mit 
Begeisterung in den Dienst der ärztlichen Sache gestellt hat. Für 
München zumal ist sein Verlust unersetzlich; er war mit allen 
Münchener Verhältnissen auf's Engste verwachsen und verdankte 
seiner überlegenen Befähigung einen weitgehenden Einfluss bei 
staatlichen wie städtischen Behörden, den er stets zum Besten 
der wissenschaftlichen und ärztlichen Interessen geltend machte; 
das Gewicht der Persönlichkeit Z i e m s s e u’s wird noch oft 
schwer vermisst werden. Auch unsere Wochenschrift verliert mit 
Z i e m s s e n viel. Er war Ihr nicht nur ein hochgeschätzter Mit¬ 
arbeiter, sondern er gehörte auch dem Herausgeberkollegium seit 
1892 au und nahm an den Angelegenheiten des Blattes das leb¬ 
hafteste Interesse. 

Das Leichenbegiingniss Z i e m s s e n’s, das die Stadt München, 
deren Ehrenbürger er war, als Ehrensache übernommen hatte, 
fand unter enormer Betheiligung oller Bevölkerungskreise statt; 
seit Nussbau m’s Begräbniss hat mau ein solches Zusammen¬ 
strömen von Menschenmassen zur Bestattung eines Arztes nicht 
erlebt; wie Nussbaum hat eben auch Z 1 e m s s e n, der nicht 
nur ein bedeutender, sondern gleichzeitig ein guter und menschen¬ 
freundlicher. Arzt gewesen ist, auch die Liebe seiner Patienten zu 
erwerben verstanden. Von den zahlreichen am Grabe gehaltenen 
Ansprachen theilen wir hier die warm empfundene Rede des Ver¬ 
treters der medizinischen Fakultät, Obermedizlnnlrnthes Prof. 
B o 111 n g e r, mit: 

Hochgeehrte Trauer -Versammlung! 

In Vertretung des Dekans der medizinischen Fakultät habe 
Ich die schmerzliche Aufgabe übernommen, unserem so rasch 
dahingeschiedenen Kollegen den Abschiedsgruss zu widmen. 

Ich fühle mich nicht berufen, an dieser Stätte die hohen und 
glänzenden Verdienste des Verstorbenen als Forscher, Lehrer und 
Arzt eingehend zu schildern; unbestritten dürfte sein, dass 
v. Zlemssen unter den deutschen Klinikern des verflossenen 
Jahrhunderts in erster Reihe steht. 

Das grosse und wichtige Gebiet der Inneren Medizin bildet 
den Mittel- und Schwerpunkt der medizinischen Wissenschaft 
überhaupt; als geborener Vertreter dieses fundamentalen Faches 
war v. Ziemsseu mit seiner reichen Begabung und dem um¬ 
fassenden Geiste der rechte Mann am rechten Platz. Niemals 
hat er jedoch den leisesten Versuch gemacht, die seiner Persön¬ 
lichkeit und dem von ihm so erfolgreich vertretenen Fach mit Recht 
gebührende Präpondcranz Andere fühlen zu lassen; stets war er 
der liebenswürdige und hilfsbereite Kollege, unermüdlich in der 
Arbeit, von eiserner Energie, wo es galt, das als richtig Erkannte 
in die Wirklichkeit umzusetzen, von weitem Blick, ein organi¬ 
satorisches Talent ersten Ranges, mit einem feinen Instinkt für 
die Bedürfnisse des Unterrichts begabt, unablässig bemüht, Alles 
zu unterstützen und zu verbessern, was zum Gedeihen der medi¬ 
zinischen Wissenschaft dienen konnte, sowie, zur Verbesserung 
des Unterrichts der künftigen Aerzte, von deren Wissen und Kunst 
das Wohl und Wehe so zahlreicher Mitmenschen ablniugt. 

Es ist meiner Fakultät und mir ein wahres Herzensbedürfnis-;, 
auch an dieser Stelle der hervorragenden menschlichen Eigen¬ 
schaften unseres Ziemsseu ganz besonders zu gedenken, seines 


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i76 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCäRlFt. 


Ko. 4. 


echt kollegialen Sinnes, seiner Herzeusgüte, seines Wohlwollens 
fiir Alle, die mit ihm in Berührung kamen; bei diesen Eigen¬ 
schaften ist leicht verständlich, dass ihm ein Hauptverdienst zu¬ 
kam bei der Pflege der traditionellen idealen Harmonie, von der 
beseelt die Mitglieder unserer Fakultät seit Jahrzehnten mit ein¬ 
ander ihre Aufgabe zu erfüllen bestrebt sind. 

Diese seltene und harmonische Vereinigung von Eigenschaften 
lässt es verstehen, dass der Verlust dieses Mannes für unsere Uni¬ 
versität und Fakultät, an deren Blühen und Gedeihen er einen 
hervorragenden Antheil hatte und die ihm stets so sehr am Herzen 
lag, ein geradezu unersetzlicher genunnt werden muss. 

Wiederholt hat der Verstorbene den Wunsch geäussert, ,,in 
den Sielen“ sterben zu dürfen; derselbe ist ihm in der That erfüllt 
worden: mitten ln rastloser Arbeit Ist er gefallen, wie der Soldat 
auf dem Schlachtfeld, und sind wir dankbar, dass ein gütiges Ge¬ 
schick ihn, den Mann mit dem Jugendlichen Feuergeist und dem 
unermüdlichen Schaffenstrieb, vor langem Siechthum und Kranken¬ 
lager bewahrt hat. 

Unseren tiefempfundenen Dank für Alles, was Du uns ge¬ 
leistet und gethau, rufen wir in das offene Grab; mit Welimuth 
nehmen wir Abschied von dem gefeierten Mann, stolz, ihn den 
TJnserlgen nennen zu dürfen, der nicht bloss in unserem Andenken, 
sondern in dem, was er geschaffen, fortleben wird. 

Als Zeichen unauslöschlicher Dankbarkeit für Dein lang¬ 
jähriges, segensvolles Wirken, als Beweis der Liebe und Ver¬ 
ehrung für den unvergesslichen Freund und Kollegen lege ich 
diesen Kranz auf die Ruhestätte. Lebe wohl! Ruhe in Frieden! 

Die Obduktion der Leiche des Herrn Geheimrath Professor 
v. Ziemssen ergab als Todesursache: Lobuläre akute 
Pneumonie in allen Lappen, namentlich au der Wurzel des rechten 
Überlappens (zentrale Pneumonie). Als Nebenbefunde 
wurden konstatirt: Starkes Lungenödem; alte ausgedehnte Ver¬ 
wachsungen beider Pleurablätter; Uber dem rechten Unterlappeu 
frische Pleuritis sicca. Massige Hypertrophie und Dilatation des 
Herzens, besonders des rechten Ventrikels. Sklerose der Coronar- 
arterien und der Aorta. Terminale parenchymatöse Nephritis; 
Narbe der linken Niere. Verwachsung einer Ileumschllnge mit 
dem Scheitel der Harnblase (offenbar Rest einer typhösen Darm- 
affektion). 

Die von Ziemssen für das laufende Semester augeküudig- 
ten Vorlesungen werden von den Herren Professoren Dr. Fr. Volt 
(Klinik) und Dr. Sittmann abgehalten. Die Direktorial¬ 
geschäfte leitet bis auf Weiteres Prof. v. Bauer. 

Mit Ziemsse n’s Tod ist der wichtigste Lehrstuhl der medi¬ 
zinischen Fakultät verwaist: von seiner glücklichen Neubesetzung 
wird für Jahre hinaus die Blüthe der Fakultät abhüngen. 

In Aachen starb am 19. ds. der ausserordentliche Professor 
der Hygiene an der Universität Heidelberg Professor Dr. Eduard 
Gramer. 

Dr. G. Garibaldi. Professor der chirurgischen Anatomie 
und operativen Medizin an der medizinischen Fakultät zu Genua. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Niederlassung: Dr. Albert Wein stock, appr. 181)8, in 
Nürnberg. Oberarzt Dr. Johannes Voigt, appr. 181)1, in Nürn¬ 
berg. als Spezialarzt für Psychiatrie zur Zivliprnxis angemeldet. 
Gestorben: Dr. Albert Hentschel in Wenieck, 41 Jahre alt. 


Correspondenz. 

Entgegnung zu dem Aufsatz des Herrn Prof. Moritz: „Ueber 
orthodiagraphische Untersuchungen am Herzen“ ln No. 1 dieser 
Wochenschrift. 

Von Dr. Lev y- Dorn - Berlin. 

Herr Moritz schreibt in der Anmerkung 1 auf Seite 1 
unter Anderem: „Dem Orthodiagrapheu nachgebildet, aber alle 
mit Führung in vertikaler Ebene, sind der von Le vy-Dorn 
in der Deutsch, med. Wochensclir. 1901. No. 49, beschriebene 
Apparat, ferner . . . .“ 

Diese Bemerkung widerspricht leicht festzustelleuden Thnt- 
sachen: 

1. Der von mir angegebene Apparat besitzt nicht allein in 
der vertikalen Ebene, sondern auch, gerade wie der M o r 11 z’sche 
Tisch, in der horizontalen Fläche Führungen. Er dient übrigens 
nur nebenbei als Orthodiagraph. Sein Hauptzweck ist vielmehr, 
möglichst allen Aufgabeu gerecht zu werden, welche an ein 
Stativ bei irgendwelchen Röntgenuntersuchungen mittels Platte 
oder Durchleuchtungsschirm herantreten können, wie schon sein 
Name „Universalstativ“ andeutet. 

2. Mein Apparat Ist also keine „Nachahmung“ des Moritz- 
seheu, schon weil die Möglichkeit, mit ihm orthodiagraphische 
Untersuchungen auszuführen, nur die eine seiner Eigenschaften 
ist und weil mit ihm solche Untersuchungen im Gegensatz zu dem 
M o r i t z’schen Tisch in allen Ebenen möglich sind. 

Orthodiagraphische Untersuchungen wurden vor Moritz 
ausgeführt. Ich habe selbst zur Zeit eine Methode angegeben, 
sogar ohne besonderes Instrumentarium solche auszuführen. Die 
von mir damals angeführten Zahlen für die Herzgrösse harmouiren 
gut mit den durch das Moritz’sehe Verfahren gewonnenen — zum 
gewissen Zeichen, dass meine Methode auch Zuverlässiges leistet. 

Was meinen Apparat betrifft, so unterscheidet er sich auch 
ln Einzelheiten wesentlich von demjenigen des Herrn 


Moritz. Bei diesem findet eine freie Gleitbewegung statt, 
bei mir eine Verschiebung in festen Schienen. Ebenso ist die 
Schreibvorrichtung in beiden Apparaten verschieden. 

_ ^ 

Bemerkung zu obiger Entgegnung von Herrn Dr. Levy-Dorn. 

Von Prof. Dr. Moritz- München. I 

Ich gestehe es, übersehen zu haben, dass der Lev y - Dom- ^ 
sehe Apparat auch in horizontaler Ebene benutzt werden kann. 

Er wird allerdings dadurch meinem Horizontaldiagraphen nur 
ähnlicher. Das Levy-Dorn’sche „Universalstativ“ habe ich in 
Hamburg bei der diesjährigen Nnturforscherversamtnlung al* 
„Ortlioröntgenogrnph“ ausgestellt gesehen. Daselbst kam also 
selbst dem Namen nach eine Anlehnung au den Orthodiagrapheu 
zu Tage. Der Name hat sich freilich inzwischen geändert, der 
Apparat Ist aber doch wohl derselbe geblieben. Damals war die 
Orthodiagraphie augenscheinlich noch Hauptzweck des Apparates. 
Jetzt ist sie freilich nur mehr Nebenzweck. 

Ueber das Verhültniss des Orthodiagraphen zu den Vorarbeiten 
auf demselben Gebiete (Rosenfeld, Payne, Donath. 
Levy-Dorn) habe ich mich, wie ich glaube, objektiv in meiner 
Arbeit in No. 29 des Jahrganges 1900 dieser Wochenschrift aus¬ 
gelassen. 

Kurz gefasst ist die Sachlage so, dass man vor Konstruktion 
meines Apparates wohl mehr oder weniger genau die Abstände 
zweier Punkte auf röntgenoskoplschem Wege bestimmen konnte, 
keineswegs aber Im Stande war, die ganze Silhouette eines Gegen¬ 
standes rasch und exakt aufzuzeichnen. Nachdem Ich mittels 
des Orthodiagraphen gezeigt hatte, wie dieses Ziel zu erreichen sei. 
ist bald eine ganze Reihe derartiger Apparate (neben den in 
meiner Arbeit in No. 1, 1902, dieser Wochenschrift genannten 
noch einer von B e h n, einer von Karfunkel in Aussicht ge¬ 
stellt) entstanden, die alle dasselbe Konstruktionsprinzip (Fest¬ 
stellung des Patienten, allseitige Beweglichmachung der Röhre in 
einer Ebene, Fixirung einer Zeichenvorrichtung gegenüber der 
Röhre im senkrechten Röntgenstrahl) besitzen. Hierauf kommt 
es an und nicht auf Konstruktionsdetails, die natürlich sehr ver¬ 
schieden gewählt werden können. Ich glaube also berechtigt zu 
sein, zu sagen, dass diese Apparate dem meinen nachgebildet sMen. 

Freie Vereinigung Breslauer Augenärzte. 

Wir werden uin Aufnahme nachstehender Zuschrift ersuch!: 

Zur Richtigstellung einiger Punkte des in No. 1 dieser Zeitung 
erschienenen Breslauer Briefes erlaube ich mir, kurz Folgendes zu 
bemerken: 

Herr W. befindet sich im Irrthum, wenn er sagt: „Der Ver¬ 
trag (der betreffenden Ortskrankenkasse) mit der Provinzlalaugen- 
heilanstalt hat der Agitation der vereinigten Augenärzte nicht 
lange Stand gehalten, er ist. gekündigt worden“. Die Kündigung 
ist vielmehr ganz spontan, und zwar am Tage, nachdem ich die 
einschlägigen Verhältnisse erfahren, auf meine Veranlassung hin 
durch den Vorsitzenden des Schlesischen Vereins, dem Statuten- 
gemäss das Recht des Vertragsabschlusses zusteht, erfolgt, weil 
es nicht iu den Intentionen unserer Anstalt liegt, die berechtigten 
Interessen hiesiger Augenärzte zu schädigen. 

Es wird ferner gesagt: „Auch werden etwaige stationäre 
Fälle für 75 Pfennig dort aufgenommen“. Auch das trifft in dieser 
allgemeinen Fassung nicht zu; der Verpflegungssatz schwankt 
zunächst noch zwischen 50 Pf.. 75 Pf., 1.00 Mark und 1.25 Mark 
für Kassenkranke und beträgt 1.50 Mark für Nicht-Kassenkranke. 
Mit dem für die BrÄlauer Krankenkassen zum 1. April verein¬ 
barten Mindest Verpflegungssatz von 1.— Mark wird indessen eine 
Taxe erreicht, wie sie vereinzelt auch Mitglieder der freien Ver¬ 
einigung der Augenärzte ihren Kassenkranken gegenüber für Be¬ 
handlung und Verpflegung in Anrechnung bringen. 

Was endlich den Satz anlnngt: „Denn warum 500 Mark aus¬ 
geben, wenn man den Kassenmitgliedern augenärztlichen Rath so 
gut (oder schlecht) wie umsonst verschaffen kann", so mag als 
Antwort darauf der Umstand Erwähnung finden, dass es meinen 
Assistenten und mir oft schwer wird, uns des Andranges von 
Kassenpatienten hiesiger Spezialkollegen zu erwehren. So lange 
ich die Chefarztstelle unserer Anstalt bekleide, ist es in solchen 
Füllen stets unser Bestreben gewesen, solche Patienten Ihren be¬ 
stallten Kassen- resp. Spezialärzten zuzusenden. 

Breslau, den 15. Januar 1902. 

Dr. Ofto Meye r, 

dirig. Arzt des Schles. Vereins zur Heilung armer Augenkranker. 


Uebereicht der Sterbefälle In München 

während der 3. Jahreswoche vom 12. bis 18. Januar 1902. 

Bevölkerungszahl: 499 932. 

Todesursachen: Masern 3 (2*), Scharlach — (—), Diphtherie 
u Kroup 1 (4), Rothlau! — (—), Kindbettfieber — (—), Blutvergiftung 
(Pyämie u. s. w.) 1 (—), Brechdurchfall 1 (l), Unterleib-Typhus — (—). 
Keuchhusten 1 (2), Kroupöse Lungenentzündung 4 (5), Tuberkulose 
a) der Lunge 29 (25), b) der übrigen Organe 10 (5), Akuter Gelenk-, 
rheumatismus — (1), Andere übertragbare Krankheiten 6 (6), 
Unglücksfälle 1 (3), Selbstmord — (2), Tod durch fremde Hand — 

Die Gesammtzahl der Sterbefälle 195 (185), Verhftltnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 20,0 (19,0) für die 
über dem 1. Lebensjahre stehende Bevölkerung 12,8 (11,7). 


*) Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche. 


Verla* von J. F. Lehmann in iliiucheo. — bruck von E. Muhllholer's Buch- und Kunsldruckersl A.G., München. 

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Die Münch. Med. Woehcnschr. erscheintwöchcntl. H T 1 TXT/^TTTTlXTTTIT^ Zusendungen sind r.u udressiren: Für die Redaktion 

ln Nummern von durchschnittlich 6—6 Bogen. |y| I I IX fl . 1-1 H. X H, rt Ottostrasse 1. — Fiir Abonnement an J. K. Leh- 

Prels in Deutschi. u. Ocst.-Ungarn vlerteljfthrl. 6 JC, A .1 VJ A.A 1 ili mann, Heustrasse 20. — Für Inserate und Beilagen 

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MED ICINISCHE WOCHENSCHRIFT 

(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 

ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 

Herausgegeben von 

Ch. Bäuiler, 0. Bollinger, H. Curschmann, 6. Gerhardt, 6 . Merkel, J.^v. 1 Michel, H. v. Ranke, F. v. Winckel, 

Freiburg 1. B. München. Leipzig. Berlin. Nürnberg. Berlin. München. München. 


No. 5. 4. Februar 1902. 


Redaktion: Dr. B. Spatz, Ottostrasse 1 
Verlag: J. F. Lehmann, Heustrasse 20. 


49. Jahrgang. 


Originalen. 

Weg mit der Taxis! 

Von Prof. I)r. Otto Lanz (Bern) Amsterdam. 

Wenn ich mir auf Grund meiner Erfahrung die Frage zu 
beantworten suche, warum denn die Mortalität der Hernio- 
tomie immer noch eine relativ so hohe sei zu einer Zeit, wo 
die Radikaloperation zum gefahrlosen Eingriff ge¬ 
worden, so muss ich mir sagen, dass an diesem Verhalten die 
Taxis nicht unschuldig sei. Ich meine, die Gefahren der 
Taxis werden immer noch sehr unterschätzt, indem die schwere 
»Schädigrung einer eingeklemmten Darmschlinge allzusehr der 
Einklemmung als solcher, viel zu wenig der Maltraitiruug durch 
die Taxis in diu Schuhe geschoben wird. 

Einmal ist ja die Entscheidung, ob der Darm bei einer ein¬ 
geklemmten TIernie, zu der wir gerufen werden, noch vollkommen 
lebensfähig sei, immer und in allen Fällen nur in Form einer 
mehr oder weniger wahrscheinlichen Annahme mög¬ 
lich. Sicherheit, dass wir mit gelungener Taxis jede 
Lebensgefahr beseitigt, besitzen wir nicht; kommt es doch vor, 
duss schon nach Stunden Gangrän vorliegt, dies namentlich 
in Fällen, wo die elastische Kompression der Bruchpforte oder 
des Bruchsnckhalses so stark ist, dass neben dem venösen Abfluss 
auch die arterielle Zufuhr abgosehnitten und eine anämische 
Nekrose der Darmwand die Folge ist. Und gerade dieso Formen 
der Einklemmung sehen in ihren Lokalsymptomen weniger ge¬ 
fährlich aus; weil die Zirkulation ganz ausgeschaltet ist, kommt 
es nicht zu Blutstauung und ihren Folgen, weder zu erheb¬ 
licherem Exsudat in die Darmwand, noch zu reichlicher Bildung 
von Bruchwasser, so dass der Tumor klein bleibt. Der Arzt 
kommt am Mittag und „setzt“ mit der Taxis „an“; er kommt 
am Abend wieder und setzt wieder an, er kommt am Morgen 
noch einmal und setzt noch einmal an; die Taxis gelingt, der 
Patient aber stirbt . . . Das ist ein Vorkommniss, das ich mehr 
als einmal erlebt habe! 

Wir unterscheiden 3 Grade der Brucheinklemmung: die 
Obturation, bei welcher das Darmluinen noch nicht ganz 
unwiderruflich geschlossen, der Durchtritt von Gasen noch mög¬ 
lich ist; die Inkarzeration, bei der für den Darm noch 
Platz genug ist, Koth und Gase aber weder herein noch hinaus 
können; die Strangulation, welche nicht nur die Koth-, 
sondern auch die Blutzirkulation unterbricht. Wäre es nun 
immer möglich, die verschiedenen Formen auseinander zu halten, 
so liesse sieh bei den leichteren Graden der Versuch recht¬ 
fertigen, das vielgefürchtete Messer zu umgehen. Da dem aber 
nicht so ist, so steht der Arzt vielfach auch nach geglückter 
Taxis auf dem bekannten Standpunkte Ambroise Par e’s. 

Dazu kommt als ein sehr schwerwiegendes weiteres Moment, 
dass der herbeigerufene Arzt im Allgemeinen trotz aller gegen* 
theiligen Betheuerungen versichert sein kann, dass der 
Patient, der selbst seinen Bruch ja meist seit Jahren kennt 
und vielleicht wiederholt schon reponirt hat, seine Versuche und 
alle möglichen Repositionsmanöver bereits gemacht hat; es fragt 
sich nun, ob der Arzt dieselben von vorne anfangen will, oder ob 
er nicht folgerichtiger handelt, prinzipiell die Gelegenheit einer 
Einklemmung wahrzunehmen, den günstigen Moment zu be¬ 
nutzen, wo der Patient in Folge der Schmerzen, des Erbrechens 

No. 6. 


und der anderen quälenden Begleiterscheinungen nachgiebig 
sich der Operation fügt. Wissen wir ja doch, dass eine einmal 
eingeklemmt gewesene Hernie in Folge der gleichen anatomischen 
Verhältnisse, die eine erstmalige Einklemmung bedingten, gar 
zu gerne sich wieder einklemmt, dass also die Operation doch 
nicht zu umgehen sein wird. 

Im letzten Jahre hatte ich 4 mal die traurige Gelegenheit, 
zu unglücklich reponirten Hernien zugezogen zu werden, 
bei denen 4 mal Exitus eintrat, 2 mal trotz sofort ausgeführter 
Laparotomie. Das eine Mal handelte es sich um Massenreposition, 
die 3 andern Male war eine bereits gangränöse Schlinge durch 
die Taxis reduzirt worden. Auf der anderen Seite kamen mir 
von 7 herniotomirten Fällen, bei denen die Taxis nicht gelungen 
war, 6 durch. Der 7., ein Samariter, der den Arzt nicht nöthig 
zu haben glaubte, hatte durch Drücken und Pressen und Kneten 
so intensive Blutungen in die Wand der eingeklemmten Darm¬ 
schlinge und die umgebenden Weichtheile hervorgerufen, dass 
nach erst 24 ständiger Einklemmung die ganze Bruehgegend 
blau sugillirt, erschien. In der resezirten brandigen Darm¬ 
schlinge fand sich schmutzige, dunkelbraune, nach Blut aus¬ 
sehende Jauche. Die Darmnaht war durch das Oedem der 
Schleimhaut erschwert und nach der Resektion hatte das zu¬ 
führende Ende, obwohl während der Operation gut aussehend, 
eine erschreckend dunkle Färbung angenommen; trotzdem wurde 
die Schlinge reponirt, indem sie sich auf mechanische Reizung 
kontrahirte. Da ich den Fall auswärts operirte und nicht per¬ 
sönlich beobachtete, vermag ich nicht zu sagen, ob dies die 
Totlesursache abgegeben hat. 

Während von den 6 übrigen 5 ganz glatt per primam heilten, 
kam die Heilung des 6. auf Umwegen zu »Stande und ich gebe 
die Krankengeschichte desselben zur Illustration im Auszuge 
wieder, weil mir aueh in diesem Falle, bei mässiger In¬ 
karzeration, die Taxis mit Schuld daran erscheint, dass 
der Darm bei der schon am 2. Tage ausgeführten Herniotomie 
suspekt erschien. 

Herr J. W. aus K., 05 Jahre alt, kommt am 3. III. 1900 als 
Nothfall. Er hat in der rechten Inguiualgegend seit Jahren eine 
haselnussgrosse Anschwellung von Zeit zu Zeit bemerkt, die ihn 
aber nicht weiter belästigte und als Drüse gedeutet wurde. Vor 
30 Stunden ist dieselbe plötzlich grösser und schmerzhaft ge¬ 
worden; I’atient musste abliegen und erbrechen; der gerufene 
Arzt konstatirte eine eingeklemmte Hernie, machte gestern 
Abend und noch heute Früh wiederholte aber vergebliche Taxls- 
versuche und erklärte hierauf dem Patienten, es könne nicht 
anders als durch eine Operation geholfen werden. 

Status praesens: leicht verfallener, alter Mann mit 
unregelmässigem, frequentem, gespanntem Puls. Abdomen auf¬ 
getrieben, Flatus seit 30 Stunden nicht mehr abgegangen. Auf 
der rechten Seite eine etwas über wallnussgrosse, prallgespannt«», 
inkarzerirte Kruralhemic. 

Operation 3. III. Querschnitt über dem Tumor unter 
Kokain. Durch verschiedene Fettschichten hindurch wird der 
Bruchsack freigelegt, isolirt und eröffnet, wobei sieh ein Kaffee¬ 
löffel blutigen, trül*»n Bauchwassers entleert. Die vorliegende 
Hernie wird zuerst als eine llemia Littrica gedeutet; es zeigt sieh 
aber, nach dem direkt nach aufwärts ausgeführten D6bridement, 
beim Vorziehen des Darms, dass knapp die ganze Zlrkumferenz 
einer Dünndarmschliuge lnkarzerirt gewesen war. Dieselbe, brauu- 
rotli verfärbt und matsch anzufühlen, erholt sich so schlecht, «lass 
die Dannresektion indizirt erscheint. Ob eine solche indess bei 
dem bestehenden schl«»ehten Allgemeinzustand des Pat. überstan- 
«len würde, erscheint fraglich, wesshalb ein Jodoformgaze<i«>« ht mit 
Hilfe der Kropfsonde durch das anstoeeende Mesenterium gelegt 

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178 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


und die Darmschlinge reponirt wird. Auf diese Weise ist es mög¬ 
lich, bei eintretender Störung, der lnkarzerirt gewesenen Darm¬ 
schlinge sofort wieder habhaft zu werden. Nach Abtragung des 
Bruchsacks wird durch Bruchpforte und Bruchsackhals eine 
Seldenkuopfnalit geführt, lang gelassen, um später geschnürt zu 
werden. 

Verlauf: 7. III. Jodoformgazedocht entfernt und Naht zu¬ 
sammengeschnürt. Anstaudslose Heilung unter offener Wund¬ 
behandlung. 

Entlassung am 31. III. 

Nicht allgemein bekannt ist die Thatsache, dass zum Zu¬ 
standekommen einer Massenreduktion, bei welcher der 
Bruch sammt Sack und Einklemmungsring einfach intraabdomi¬ 
nal verlagert wird, gar keine besondere Gewalt an¬ 
gewandt zu werden braucht. So wurde mir am 20.1.1901 von 
einem Kollegen ein Patient in extremis zugeführt, der seit 
6 Tagen an Ileuserscheinungen litt, bereits seit 3 Tagen Koth 
brach. Die wiederholt und genau aufgenommene, auch später 
exakt kontrolirte Anamnese ergab, dass der Mann seit Jahren 
an einer linksseitigen Leistenhernie litt, die er immer mit leich¬ 
tester Mühe selbst reponiren und durch ein Bruchband zurück¬ 
halten konnte. Am Morgen des 15. Januars hatte er den Bruch 
angeblich ohne jede Anstrengung, ohne jeden Schmerz, ebenso 
leicht wie sonst reponirt, so dass die eintretenden Ileussymptome 
weder vom Patienten noch vom behandelnden Kollegen in irgend¬ 
welchen Zusammenhang mit der Hernie gebracht wurden. — 
Die Untersuchung zeigte den linken Lcistenkanal frei, hinter 
demselben keinen fühlbaren Tumor. Die Perkussion ergab das 
Vorhandensein eines in Rückenlage bis zur Mitte zwischen 
Symphyse und Nabel hiuaufreichenden Aszites bei massig auf¬ 
getriebenem und mässig gespanntem Abdomen. Bei der sofort 
in der Linea alba ausgeführten Laparotomie wurde bedeutende 
Peritonitis serosa konstatirt und die eingeführte Hand stiess 
in der Gegend des Blasenscheitels auf einen faustgrossen 
Tumor: eine typische Reposition en masse. Ein vorsichtiger Ver¬ 
such, die Einklemmung durch leichten Zug an den gefangenen 
Darmschlingen zu heben, gelang sofort; die befreite Darmschlinge 
zeigte in schönster Weise die Sehnürfurchen, doch konnte die 
Schlinge ganz unbedenklich reponirt werden und der Patient 
genas. 

Die Krankengeschichte eines ganz analogen Falbes — leider 
aber mit imglücklichem Ausgang — gebe ich in Folgendem 
kurz wieder. Hervorhebend möchte ich zu diesem Falle be¬ 
merken, dass der Träger weder von der Gegenwart einer Hernie, 
noch von einer Reposition derselben eine Ahnung zu haben schien; 
man musste die Hernie förmlich in den Patienten hinein- 
examiniren. 

Herr II., 50 Jahre alt, aus B. 

Anamnese 20. XI. 1901: Letzten Freitag am 15. «ls. stellten 
sich angeblich ohne Ursache bei (lern Pat. während der Arbeit Leib¬ 
schmerzen, später Uebelkeit und Erbrechen ein. Am Tage darauf 
nahmen diese Beschwerden intensiv zu, es wurde alles Genossene 
gleich wieder erbrochen und es bestand absolute Wind- und Stuhl¬ 
verhaltung, so dass der Arzt konsultirt wurde. Die verordneten 
Medikamente hatten keinen Effekt, doch waren die Ileuserschei¬ 
nungen noch in den beiden nächsten Tagen durchaus nicht stür¬ 
misch, das Abdomen auffällig wenig aufgetriebeu und weich, und 
nun begann der Pat. Uber Sch merzen zu klagen, die sich mehr und 
mehr iu der Ileocoekalgegend lokalisirten, so dass der behandelnde 
Arzt im Zweifel blieb, ob Ileus oder Perityphlitis vorliege. Da 
stellte sich aber im Laufe des gestrigen Tages Kotherbrechen ein; 
vom Mittag hinweg kollabirte der Pat. rasch, der Puls verfiel und 
in diesem Zustande endlich Hess er sich bewegen, Spitalhilfe auf¬ 
zusuchen. Hier macht er die Angaben, dass er in den letzten 
Jahren schon verschiedene, aber immer bedeutend leichtere, höch¬ 
stens einen Tag lang andauernde Zufälle solcher Art Überstunden 
habe. An Blinddarmentzündung hat er nie gelitten, dagegen bringt 
man schliesslich noch heraus, dass wahrscheinlich eine rechts¬ 
seitige Inguiualhemie bestanden hat, die er offenbar selbst re- 
pouirt hat, aber ohne es zu wissen. 

Status: Gesichtsfarbe eyanotisch, Zunge trocken, Singultus, 
Erbrechen von l>/ 2 Liter fäkaler Massen. Extremitäten kalt, Puls 
nicht mehr zählbar; dabei ist das Sensorium merkwürdig frei. 

Das Abdomen ist sehr wenig aufgetrieben, auffällig weich, 
überall etwas empfindlich; ausgesprochen druckempfindlich aber 
nur über dem rechten Lig, Poup., woselbst bei tiefer Palpation 
eine Resistenz nachweisbar ist. Im Bereich des Abdomens nir¬ 
gends eine abnorme Dämpfung, kein Erguss nachweisbar, Schach¬ 
telton in der Nabel- und Ileocoekalgegend. Die Bruchpforten frei. 
Während der Untersuchung absolut keine Peristaltik sichtbar. 

Es wird sofort eine subkutane Infusion von 1 Liter, später 
eines zweiten Liters Salzwasser gemacht, hierauf eine Magen¬ 
spülung ausgefiihrt, die Fäkalmassen zu Tage fördert; des Weiteren 
ein Klystier mit Kaffee und Kognak gegeben, sowie eine sub¬ 
kutane Injektion von Kampher und Aether. Trotz aller dieser 


Maassnahmen erholt sich der Puls nicht Es wird ohne Aussicht 
auf irgend einen Erfolg iu der Linea alba unterhalb des Nabels 
nach intrakutaner Injektion von 1 proz. Kokainlösung laparo- 
t o m i r t. Bei Eröffuung des Peritoneums stellen sich kolossal 
geblühte, schon etwas matte Düundarmschlingen ein. bei deren 
Verfolgung die Hand auf einen faustgrossen, über dem rechten 
Lig. Poup. gelegenen Tumor kommt Derselbe wird mittels Specu- 
lutn zugänglich gemacht und stellt sich als typische Massen- 
reposition vor. Die geblähte Schlinge verliert sich in die Ge¬ 
schwulst und hinter derselben tritt die abführende Schlinge als 
vollständig kollabirter, kleinfingerdicker Strang heraus. Es er¬ 
klärt sich nuu auch die fehlende Auftreibung und Spannung des 
Abdomens daraus, dass die Einklemmung im Anfangstheile des 
Jejunum stattgefunden hat. Mit leichtem Zug wird versucht, die 
im Bruchsack inkarzerirte Darmschlinge zu befreien. Dies ge¬ 
lingt an der zufülxrendeu Schlinge, wobei eine grünlich verfärbte 
Sehnürfurche zum Vorschein kommt. Zugleich macht sich ein 
penetranter gangränöser Geruch bemerkbar, der zu der Annahme 
berechtigt, dass im Sack bereits Perforation und Abszedlrung statt¬ 
gefunden hat. Es wird desshalb eine breite Enteroanastomose 
zwischen zuführender und abführender Darmschlinge ausgeführt 
und der Inhalt des geblähten Darmtheiles sogleich nach der Naht 
in den kollabirten Darm hiuübergestrelft Hierauf werden die 
Bauchdecken geschlossen, die Nahtlinie mit einem Kollodlalstreifen 
bedeckt und — falls sich im Befinden des Pat. die geringste Wen¬ 
dung zum Bessern einstellen sollte — in Aussicht genommen, dem 
Tumor in einem zweiten Akt von der Inguinalgegeud aus beizu- 
koiumeu. Dies wird jedoch durch den wenige Stunden später 
eintretenden Tod überflüssig gemacht. Die Temperatur, die vor 
dem ohne Narkose ausgeführten Eingriff 35,8 betrug, stieg vor 
dem Exitus auf 38,2, eine weitere Infusion, sowie Salzwasser- 
kl.vsmata blieben nutzlos. 

Am gleichen Tage nach diesem Falle, sowie 2 Tage später 
kamen 2 weitere Fälle in meine Beobachtung, von denen mir 
der erstere wieder recht eindringlich die Gefahren der Taxis 
zu illustriren scheint: 

Die 52 jährige Patientin, Frau Marie O. aus V., hatte seit 
mehreren Jahren Jeweilen nach anstrengender Arbeit Schmerzen 
in der Magengegend, begleitet von Erbrechen. Erst vor 2 Jahren 
bemerkte sie dabei zufällig, während eines solchen Schmerz¬ 
anfalles, einen etwa wallnussgrossen Knollen in der rechten 
Leistengegend. Derselbe konnte von der Pat. selbst ln der Folge 
immer durch Umschläge und Drücken wieder zurückgebracht wer¬ 
den. Vor 14 Tagen wurde dies zum ersten Mal der Pat. unmög¬ 
lich, gelang aber dem Arzte relativ leicht In den 2 letzten Wochen 
nun wurde ein Bruchband getragen. 

letzten Freitag, den 15. ds., stellten sich nach längerer Plätt¬ 
arbeit wieder heftige Schmerzen in der Magengegend ein und es 
trat Erbrechen auf. Da die Schmerzen nicht weichen wollten, 
Auftreibung des Leibes, sowie Wind- und Stuhlverhaltung auf¬ 
traten, wurde der Arzt gerufen, der eine, nach seiner Meinung 
gelungene Taxis ausführte. Doch gingen die bedrohlichen Er¬ 
scheinungen nicht zurück, sondern steigerten sich. Seit dem 
1(5. schon riechen die erbrochenen Massen fäkal; auf Verabreichung 
von Ricinusöl trat statt der gewünschten Besserung, Verschlimme¬ 
rung ein, die den behandelnden Arzt veranlasste, chirurgische 
Hilfe beizuziehen. 

Status praesens 19. XI.: Pat sieht ausgesprochen 
zyanotisch und etwas verfallen aus. Puls 120, von geringer Span¬ 
nung. Starker Foetor ex ore, Zunge dick belegt und trocken, Sin¬ 
gultus, Erbrechen geringer Mengen fäkaler Flüssigkeit. Das Ab¬ 
domen ist sehr stark auf getrieben, gespannt; ab und zu sind peri- 
staltische Wellen sichtbar. Perkussiousschall überall hoch tym- 
pauitisch; keine Dämpfung in den abhängigen Partien. Die Druck¬ 
empfindlichkeit ist im Bereiche des ganzen Abdomens eine gleieli- 
müssige, nur unmittelbar über der rechten Spina pubis wesentlich 
ausgesprochener, woselbst eine hühnereigrosse Resistenz sich uach- 
welsen lässt. Unterhalb des Lig. Poup., der Spina pubis an¬ 
liegend, eine taubeneigrosse Scheukelhernie nachweisbar, mit 
schwappendem Inhalt unter schwacher Spannung. 

19. XI. Operation nach Infusion 1 Liters physiologischer 
Kochsalzlösung. In Lokalanästhesie (1 proz. Kokainlösung) wird 
eine, die mediale Hälfte des Lig. Poup. betreffende Inzision ge¬ 
macht. Nach Freilegung des Bruchsackes gelingt es nicht, den¬ 
selben wie sonst ohne Weiteres auszuschälen. Nach Spaltung 
seiner sulzig infiltrlrteu Wand entleeren sich ca. 2 Esslöffel voll 
sanguinolenten, leicht getrübten Bruchwassers. Direkt vor dem 
Schenkelkanal, im Bruchsackhalse liegend, erscheint ein Stück 
zyanotischer Dannwand, das Bild einer Hernia Littrica. Unter 
sorgfältigem Anziehen des Darmes gelingt es aber, eine properi¬ 
toneal repouirte Darmschlinge herauszuholen, und es werden nach 
multiplem D6bridement, die beiden Sehnürfurchen ln schönster 
Weise sichtbar, diejenige des zuführenden Schenkels so verdünnt 
und matsch, dass die Repositionsmöglichkeit vorerst zweifelhaft 
erscheint. Da sie sich aber nach vorübergehender Lagerung in 
einer Salzwasserkompresse sammt der lnkarzerirt gewesenen 
Darmschlinge deutlich erholt, wird die Reduktion ausgefiihrt, 
hierauf der Bruchsack wie ein Handschuhfinger über die eingeführ- 
ten Zeige- und Mittelfinger der linken Hand gestülpt, herausgelöst, 
zentral durchstochen, ligirt und abgetragen. Schluss der Bruch¬ 
pforte mittels einer Knopfuaht durch Fascia pectiuea und Lig. 
Poup. Fortlaufende Hautnaht und Kollodlalstreifen. 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


179 


4. Februar 1902. 


Verlauf: Am Abend nach der Mittags 3 Uhr ausgeführteu 
Hornlotomle beträgt die Temperatur 36,2. Puls 112. 

Am 20. XI. Flatus aufgetreten. Abdomen welcher, aber Immer 
noch stark aufgetrieben. 

Am 22. XI. dunkles Blut im Sputum. Abeudtemperatur 37,4. 
Puls 90. Hämorrhagischer Infarkt im rechten Unterlappen. 

Am 23. XI. fortlaufende Naht entfernt. Tadellose Prima. 

Am 3. XII. steht Pat auf, wird am 7. XII. gehellt entlassen. 

Der andere, 2 Tage später von mir operirte Fall betraf ein 
4 Wochen altes Kind, dessen rechtsseitige Inguinalhernie seit 
3 Tagen inkarzerirt war. Der am Tage vorher zugezogene Kol¬ 
lege hatte einen kurzen und nicht energischen, vergeblichen 
Taxisversuch gemacht. Dieser Vorsicht ist es vielleicht zuzu- 
scbreiben, dass die Darmschlinge — trotz s o energischer Ein¬ 
klemmung, dass die Reposition erst nach 3 mal wiederholtem 
Debridement gelang — ohne jedes Bedenken reponirt werden 
konnte. Sie zeigte zyanotische Verfärbung und an der Kon¬ 
vexität leichte Fibrinauflagerung. Es betrifft dies den 3. Fall 
einer von mir in den ersten Lebenswochen ausgefiihrten Hernio- 
tomie; sämmtliche 3 Kinder sind genesen. 

Einem mir befreundeten Kollegen verdanke ich die persön¬ 
liche Mittheilung, dass ihm in ganz kurzer Zeitfolge 3 inkarzerirte 
Hernien gestorben sind; die Taxis schien gelungen, der Verfall 
der Patienten und die eintretenden peritoni tischen Erscheinungen 
klärten über das Geschehene auf. 

Allein nicht nur für die unmittelbare Lebensfähigkeit eines 
sonst schon schlecht ernährten und entzündlich veränderten 
Darms kann die durch die Taxis bedingte Quetschung verhäng¬ 
nisvoll werden. Die Nekrose einer beschränkten Stelle der 
inkarzerirt gewesenen Darmkuppe oder einer Schnürfurche kann 
sieh noch nachträglich ausbilden und zu Spätfolgen führen. 
2 Fälle von chronischem Heus, die ich in den beiden letzten 
Jahren zu operiren Gelegenheit hatte, lassen sich am unge¬ 
zwungensten so erklären, dass auf reaktiv-entzündlicher Basis 
Verwachsungen sich einstellten; das eine Mal führten solche 
6 Wochen, das andere Mal 1 Jahr nach einer stattgefundenen 
Einklemmung einer Hernie zu Stenoseerscheinungen, die durch 
Laparotomie und Lösung von Beiden gehoben wurden. 

Kurz, je mehr solcher übler Bruchzufälle 
im Anschluss an eine Taxis ich sehe, desto 
mehr drängt es mich dazu, die Frage aufzu¬ 
rollen, ob denn wirklich bei der gegenwärtigen 
Entwicklung der chirurgischen Technik, bei 
der Sicherheit unserer aseptischen Wund¬ 
behandlung die Taxis zur Zeit noch einen dem 
Stande ärztlichen Wissens und medizinischer Er- 
kenntniss entsprechenden Eingriff darstelle. 
Ob nicht vielmehr der sicherere und einzig 
richtige Weg bei jeder Inkarzeration, zu 
welcher ärztliche Kunsthilfe verlangt wird, 
in der a tempo a u 8 z u f ü h r e n d e n Herniotomie 
einzuschlagen sei. 

Ueber die Ausführung derselben sind keine weiteren 
Auslassungen nöthig; die Herniotomia externa, die Spal¬ 
tung des Einklemmungsringes ohne Eröffnung des Bruch¬ 
sackes, hat zur Zeit keine Bedeutung, ja keine Berech¬ 
tigung mehr. Im Gegen theil ist das Postulat, den Bruch- 
sack in jedem Falle zu eröffnen und sich in jedem Falle über 
den Zustand der eingeklemmten Theile zu orientiren, ein ab¬ 
solutes. — Einer frühzeitig vorgenommenen Herniotomie wird 
man auch gleich die Radikaloperation durch Ver¬ 
schluss der Bruchpforte anschliessen können, was bei entzünd¬ 
lichen Komplikationen später nicht mehr mit der gleichen 
Sicherheit möglich ist, denn die Conditio sine qua non einer 
wirklichen Radikaloperation ist die tadellose aseptische 
Heilung. 

Das beim Versagen der Taxis übliche Mittel, die Einleitung 
der Narkose zur Ausschaltung des Muskelwiderstandes, sollte 
also nicht sowohl zur Taxis als vielmehr gerade zur Hernio- 
tomic Verwendung finden. Dies schon aus dem Grunde, weil 
eine unmittelbare Wiederholung der Narkose zum Zwecke einer 
event. trotzdem nöthig werdenden Operation durchaus nicht ir- 
revelant ist. — Uebrigens kann die Narkose bei der Hernio¬ 
tomie sehr wohl entbehrt werden und wird mit grossem Vor¬ 
thei] durch die Lokalanästhesie mit 1 proz. Kokainlösung oder 
der Schleie h’schen Mischung ersetzt. 


Es hiesse den Verhältnissen der Praxis nicht gerecht werden, 
wollte man die Schwierigkeiten einer immer und überall sofort 
auszuführenden Herniotomie übersehen. Was in chirurgischer 
Spitalatmosphäre ein sehr einfacher, leichter und gefahrloser 
Eingriff, kann in der Landpraxis sehr umständlich, sogar ge¬ 
fährlich sein. Und es liegt mir ferne, den Teufel durch Beize¬ 
bub, die Taxis durch eine in schlechten Verhältnissen unsicher 
ausgeführte Herniotomie vertreiben zu wollen. Allein heutzutage 
sind ja gut eingerichtete chirurgische Spitäler und geschulte 
Chirurgen so reichlich zur Verfügung, dass eine diesbezügliche 
Verlegenheit die Ausnahme sein dürfte. Wie schon gesagt, kann 
man dem Patienten bei der Gelegenheit gerade den Segen einer 
Radikaloperation angedeihen lassen, was ebenfalls nicht gering 
anzuschlagen ist, da eine einmal eingeklemmt gewesene Hernie 
mechanische Bedingungen aufweist, welche zu einer Wieder¬ 
holung der Einklemmung prädisponrren. Jedenfalls sollte selbst 
der Taxis-freundlichste Arzt seinem Patienten sagen, dass auch 
im Falle des Gelingens das Leiden fortbestehen und zu neuen 
Katastrophen führen wird. Diese wenig erfreuliche Zuversicht 
wird ihn vielleicht bewegen, 2 Fliegen mit einem Schlage 
schlagen zu lassen. 

Die Koche r’sche Dehnungstheorie erklärt es, warum die 
Reposition sogar bei freigelegtem Darm und relativ schwacher 
Einklemmung gelegentlich ohne Spaltung des Einklemmungs¬ 
ringes unmöglich ist. Ich glaube also, dass der Taxis eine Reihe 
von unberechenbaren, unliebsamen bis lebensgefährlichen Be¬ 
gleiterscheinungen anhaften, die es wünschenswerth erscheinen 
lassen, die Frage zu ventiliren, ob dieselbe heutzutage noch als 
ein dem Arzte erlaubtes Manöver zu betrachten sei. Der Ope¬ 
rateur, der viele Ilerniotomien ausführt und dabei immer wieder 
sieht, wie bedeutend die Schwierigkeiten der Reduktion selbst 
nach Freilegung des Darms und der Bruchpforte öfters sind, 
muss sich nur immer wieder verwundern, dass mit der Taxis 
nicht noch mehr Unheil angerichtet wird, als im Allgemeinen zu¬ 
gegeben wird; er wird einzig und allein schon auf Grund dieser 
Erfahrung den Darm den Schädigungen durch eine Taxis nicht 
aussetzen, sondern ohne Weiteres herniotomiren und zwar: „ehe 
die Sonne aufgeht, ehe die Sonne niedergeht“. 


Nierenquetschung oder Nierenentzündung? 

Ein Beitrag zur Lehre von den subkutanen Nierenverletzungen. 4 ) 

Von Professor Dr. G. Edlefsen. 

Am 12. Juli 1900 wurde der Brauereiarbeiter G. von dem 
unten näher zu schildernden Unfall betroffen. Schon am fol¬ 
genden Tage machten sich Symptome einer Nierenerkrankung 
bemerkbar, die nach meiner Ueberzeugung nur als direkte Folge 
des Unfalls betrachtet werden konnte, und nach dem Ergebniss 
der weiteren Beobachtung musste angenommen werden, dass es 
sich um eine durch denselben bedingte verhältnissmässig leichte 
Quetschung der Nieren handelte. 

Die Kasuistik der subkutanen Nierenverletzungen ist trotz 
der Ilochfluth derselben, die, wie Küster 1 ) sagt, die letzten 
20 Jahre gebracht haben, keine so umfangreiche und mannig¬ 
faltige, dass es überflüssig erscheinen könnte, weitere Fälle mit- 
zutheilen, wenn diese dazu beitragen können, den Kreis unserer 
Erfahrungen über die Entstellungsursachen und den Mecha¬ 
nismus derartiger traumatischer Schädigungen der Nieren und 
ihre Symptomatologie zu erweitern. Der vorliegende Fall aber 
bietet, wie mir scheint, ein besonderes, seine eingehende Be¬ 
sprechung rechtfertigendes Interesse, thcils, weil die Art, wie 
die supponirte Xicrenquetsehung zu Stande kam, eine, wenn auch 
nicht ganz ohne Analogie dastehende, so doch immer ziemlich 
ungewöhnliche war, theils, weil ein so geringer Grad einer durch 
Trauma herbeigeführten Nierenläsion, wie er hier auf Grund der 
zu Tage getretenen Erscheinungen anzunehmen war und auch 
durch die Geringfügigkeit der einwirkenden Gewalt wahrschein¬ 
lich gemacht wurde, selten beobachtet zu sein scheint, theils end¬ 
lich. weil die Thatsaehe, dass die Folgen der Verletzung sich hier 
im Wesentlichen nur in Erscheinungen äusserten, die denen einer 
Nephritis sehr ähnlich waren, die Vermuthung nahe legen musste. 


*) Vortrag, gehalten ln der biologischen Abtheilung des ärzt¬ 
lichen Vereins zu Hamburg am 22. Oktober 1901. 

! ) Deutsche Chirurgie, Lieferung 52b. 1. Hälfte. Prof. Dr. 
Klister: Die chirurgischen Krankheiten der Nieren. 1. Hälfte, 
Seite 181. 

1 * 


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180 MUENGHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 5. 


dass schon vor dem Unfall eine Nierenerkrankung bestanden 
haben könnte. Denn dies machte natürlich eine besonders vor¬ 
sichtige und sorgfältige Abwägung aller für oder gegen die trau¬ 
matische Natur der NierenafTektion sprechenden Gründe an der 
Hand eingehender Literaturstudien erforderlich und eine der¬ 
artige Untersuchung darf, wie ich glaube, wenn sie sich auch, wie 
hier, nur auf einen speziellen Fall bezieht, doch immer ein ge¬ 
wisses allgemeines Interesse in Anspruch nehmen, zumal, wenn es 
sich um Erwägungen und Erörterungen handelt, die auch bei der 
Beurtheilung anderer Fälle ähnlicher Art Bedeutung gewinnen 
können. 

Der Unfall, der sich am 12. Juli Nachmittags etwa um 
3 Vz Uhr ereignete, hat keine unmittelbaren Zeugen gehabt. 
Nach dem an die Berufsgenossensehaft erstatteten Bericht und 
den späteren, allerdings unsicheren und schwankenden Aus¬ 
sagen des Verletzten, verlief er ungefähr in folgender Weise: 

Von einem hohen Stapel leerer Halbhektolltergeblnde, die in 
vierfacher Reihe eins über dem andern standen (nicht lagen), nahm 
G., der zwischen dem Stapel und einem V/ 4 Meter von diesem ent¬ 
fernten eisernen Geländer stand, welches eine zur Seite der Fass¬ 
waschmaschine befindliche rechtwinklige Vertiefung gegen den 
Raum vor dem Füsserstapel und den Zugang zu diesem abschllesst, 
ein Fass aus der obersten Reihe zum Spülen herunter. Ein da¬ 
hinter In gleicher Höhe stehendes Fass, das nicht sicher gestützt 
war, kam dabei, während er das eben herabgenommene noch In 
den hoch über den Kopf erhobenen Händen hielt, in’s Schwanken 
und fiel ihm gegen die von einem starren Schutzleder bedeckte 
Brust. Wie der Vorgang sich nun weiter in seinen Einzelheiten 
abgespielt hat, ist nicht sicher festzustellen. Auf meine Frage, 
wie es sich erkläre, dass er unter dem Anprall des nach seiner 
(später von dem Braumeister bestätigten) Angabe 40—50 kg 
schweren Fasses nicht die Haltung verloren habe und auf den 
Rücken gefallen sei, erwiderte er, dass dies durch das hinter ihm 
befindliche Geländer verhindert worden sei, und ich stellte mir 
daher vor, dass ihn der Stoss in dem Augenblick getroffen habe, 
als er im Zurückweichen die horizontale oberste GelUnderstnnge 
mit dem Rücken berührte. Da diese sich 80 cm über dem Fuss- 
bodeu befindet, konnte in diesem Falle, wenn er sich zugleich, wie 
es nur naturgemiiss erscheint, nach rückwärts beugte, wohl gerade 
die Nierengegend des kaum mittelgrossen Mannes zwischen Stange 
und Fass gepresst werden oder, wenn das nicht zuträfe, musste 
doch der Stoss gegen die Brust um so energischer wirken, weil der 
Rücken am Geländer einen Widerstand fand. 

Später hat er jedoch dem Vertrauensarzt der Berufsgenossen¬ 
schaft auf genaueres Befragen den Vorgang anders, und zwar in 
einer Weise geschildert, die mir mit einer kleinen Modifikation 
weit mehr plausibel erscheint. Danach hätte er nämlich, als er 
bemerkte, dass das zweite Fass in’s Schwanken kam, das eben 
herabgenommene, um seine Hände zur Abwehr frei zu machen, 
über seinen Kopf weg uach rückwärts in die hinter dem Geländer 
befindliche Vertiefung geschleudert *) und wäre daun von dem 
nach stürzenden Fasse, dos er vergebens noch zu ergreifen suchte, 
gegen die Brust getroffen worden, worauf dasselbe an seiner Leder¬ 
schürze herunterrutschend zu Boden fiel. Ist diese Darstellung 
richtig, so muss er wohl, als der Stoss ihn traf, näher bei dem 
Füsserstapel als bei dem V/ 4 Meter von diesem entfernten Geländer 
gestanden und wird demnach an dem letzteren keinen Rückhalt 
gefunden haben. Freilich könnte er dann immer noch zurückge¬ 
taumelt und mit dem Rücken gegen die Gelilnderstange gestossen 
sein. Allein, das lässt sich wohi vermuthen, kann aber nicht als 
erwiesen gelten. 

Ueberhaupt bleibt, wie gesagt, der Vorgang bei dem Unfall 
in ein gewisses Dunkel gehüllt und nur die Thatsaclie, dass das 
herabstürzende Fass wirklich die Brust des Arbeiters getroffen 
hat, ist von keiner Seite bezweifelt oder bestritten worden. Aber, 
wie wir noch sehen werden und wie dem Kundigen sofort ein¬ 
leuchten wird, ist es auch für die Beurtheilung der Folgen, die 
der Unfall für die Nieren haben konnte, ziemlich gleichgiltig. ob 
er sich in der einen oder der anderen vorhin geschilderten Weise 
zugetragen hat. In dem einen Falle waren die Bedingungen für 
das Zustandekommen einer subkutanen Nierenverletzung kaum 
weniger günstig als in dem andern. 

Da er zunächst, abgesehen von massigen Schmerzen in der 
Brust und etwas Husten mit angeblich blutig gefärbtem Auswurf, 
keine ernsten Beschwerden fühlte, setzte G. die Arbeit fort und 
blieb auch noch am folgenden Tage und bis zum Nachmittage des 
14. Juli in Thätigkelt. Während dieser Zeit verspürte er häufig 
Drang zum Wasserlassen, entleerte danu aber immer nur spär¬ 
liche Mengen eines Urins, der, wie er mir und einem bereits vor 
mir zur Begutachtung des Falles aufgeforderten Physikus auf 
Befragen mittheilte, meistens roth oder röthlicli gefärbt war. Die 
Richtigkeit dieser Angaben wird von dem Vertrauensarzt be¬ 
zweifelt, weil G. bei den ersten Konsultationen nichts von der 


*) Nach dem von dem Vertrauensarzt wiedergegobouen Be¬ 
richt des Vorletzten soll das in seinen Händen befindliche Fass 
von dem nachrutschenden einen Stoss erhalten haben, so dass es 
über seinen Kopf und das Geländer weg im Bogen nach der Fass¬ 
reinigungsmaschine fiel. Doch scheint es mir nicht denkbar, dass 
der Stoss des eben erst ln Bewegung gerathenen Fasses mit einer 
solchen Wucht erfolgt sein sollte, und die obige Darstellung dürfte 
zweifellos die grössere Wahrscheinlichkeit für sich haben. 


angeblichen Hämaturie erwähnt hat. Allein sie wurden, wie ich 
dem gegenüber bemerken muss, erst kürzlich wieder von der 
Frau des Verletzten bestätigt, die einem ihr nicht bekannten, nur 
ein- oder zweimal von dem Manne konsultlrten Arzt, den ich. 
um jede Beeinflussung möglichst zu vermeiden, gebeten hatte, an 
meiner Stelle Erkundigungen einzuziehen, in Abwesenheit ihres 
Mannes und anscheinend ganz unbefangen erzählt hat, am ersten 
Tage nach dem Unfall sei reichlich Blut in dem häufig und tropfen¬ 
weise entleerten Harn enthalten gewesen, wobei sie noch er¬ 
klärend hinzufügte, ihr Mann habe anfangs, um sie nicht zu be¬ 
unruhigen. von dem Unfall als der muthmaasslichen Ursache dieser 
Erscheinung nichts erwähnt. Zur Einstellung der Arbeit sah er 
sich, wie er mir sagte, veranlasst durch zunehmende Schmerzen 
in der Unterbaüchgegend und durch eine sich allmählich ein 
stellende ödem«löse Schwellung der Füsse und des „Gemäelits". 
eine Angabe, die ich glaubte, auf ein Oedem des Skrotums be¬ 
ziehen zu müssen. Ein später befragter Mitarbeiter weiss sich 
nur zu entsinnen, dass G. am 14. Juli etwa eine Stunde vor Feier 
abend sich niedergesetzt und gesagt habe, jetzt könne er nicht 
mehr arbeiten, weil er in der Unterleibsgegend solche Schmerzen 
habe*. 

Am Abend dieses Tages stellte sich der Verletzte, ein 3()jähr„ 
kräftig gebauter und in gutem Ernährungszustände befindlicher 
Mann von mittlerer Grösse, zuerst dem Vertrauensarzt in seiner 
Sprechstunde vor. Er klagte Uber Schmerzen in der unteren Brust - 
hälfte und war etwas kurzathmig. Dem Arzte fiel das eigeu- 
thümlich gelblich-blasse anämische Aussehen des Kranken auf. 
Am Rumpf’ war nicht die geringste Verletzung, auch keine Spur 
einer Blutunterlaufung zu entdecken. Dagegen war die untere 
Brustgegend und die vordere Bauchwand ödematös geschwollen, 
auch bestand leichte Schwellung der Füsse. Von einem Oedem 
des Skrotums erwähnt der Arzt in seinem ersten Bericht nichts; 
doch hat er einige Tage später neben dem Oedem der Bauchhaut 
auch ein solches in der Schamgegend konstatirt. Die weitere 
Untersuchung ergab an den Lungen und Pleuren, auf deren Schä¬ 
digung die Klagen des Kranken hinzuweisen schienen, nichts Ab¬ 
normes. Der Spitzenstoss war iin 5. Interkostalraum in der Mam- 
mlllarlinie sicht- und fühlbar, die Herzthütigkeit gesteigert, der 
Puls voll und hart. Der Harn, über dessen Farbe und spezifisches 
Gewicht nichts bemerkt ist, enthielt „viel Eiweiss“. Nach An¬ 
sicht des Arztes war er nicht bluthaltig. Eine mikroskopische 
Untersuchung wurde leider nicht vorgenommen, ln den folgenden 
Tagen nahm das Oedem noch zu. namentlich schwollen die Füsse 
stärker, so dass Pat. die Stiefel nicht mehr anzielien konnte. Der 
Harn blieb sicher bis zum 17. Juli, an welchem Tage dies noch 
ausdrücklich notirt ist, gering an Menge und „stark ei weisshaltig - *. 

Die Oedeme sind danu, wie es scheint, bald geschwunden. 
Wie lange die Albuminurie noch fortbestaudeu hat. lässt sich nicht 
genau feststellen. Sicher war am 28. Oktober 1000, wie ein von 
diesem Tage datlrtos Zeugniss des Kassenarztes besagt, im Haru 
kein Eiweiss mehr nachzuweiseu. Wahrscheinlich hatte die 
Eiweissausscheidung schon etwas früher - aufgehört, da G. bereits 
am 10. Oktober die Arbeit wieder auf nehmen konnte, die er dann 
ohne Unterbrechung bis zum 19. Januar 1901 fortsetzte. 

Nach dem amtlichen Zeugniss des Braumeisters und der Aus¬ 
sage seiner Arbeitsgenossen und Vorgesetzten hatte G. bis zum 
Tage des Unfalls den Eindruck eines durchaus gesunden Menschen 
gemacht. Ebenso behauptete er auch selbst, sich bis dahin absolut 
nicht krank gefühlt zu haben. Nachträglich erfuhr der Kassen¬ 
arzt jedoch von der Frau des Kranken, dass er vorher schon 
längere Zeit etwas blass ausgesehen und zuweilen Uber Kopf¬ 
schmerzen geklagt habe, und diese nnamnestischeu Daten vor Allem 
bestimmten ihn. eine Schädigung der Nieren durch den Unfall in 
Abrede zu stellen und die unmittelbar nach demselben konstatirte 
Albuminurie als Symptom einer zufällig schon vorher bestehenden, 
unbeachtet gebliebenen Nephritis zu bezeichnen. Diese Ansicht, 
zu deren Stütze er auch die nach seiner Meinung vorliegende 
Hypertrophie des linken Ventrikels heranzog, begründete er in 
dem oben erwähnten ärztlichen Zeugniss vom 28. Oktober 1900. 
Neuerdings hat die Frau freilich mit grosser Bestimmtheit ver¬ 
sichert, dass ihr Manu bis zum Tage des Unfalls vollkommen 
gesund gewesen sei; aber dieser Aussage kann jetzt offenbar kein 
Gewicht beigelegt werden. Dagegen scheint mir kein Grund vor¬ 
zuliegen, die Richtigkeit Ihrer weiteren Angabe zu bezweifeln, 
nach welcher ihr Mann bis zum Eintritt des Unfalls immer sehr 
guten Appetit gehabt und auch sein gewohntes Quantum Bier 
getrunken, am Tage nach demselben aber sein Mittagessen zurück- 
gewieseu und auch nur wenig Flüssigkeit zu sich genommen hat. 

Im Januar d. J. wurde G. — wahrscheinlich in Folge einer 
Erkrankung an Influenza — wieder bettlägerig und ist seitdem, 
weil er sich angeblich nicht fähig dazu fühlte, von der Arbeit 
ferngebliebeu. Dies gab Veranlassung zu der sclion beiläufig er¬ 
wähnten Untersuchung durch den Physikus, die am 28. Februar 
stuttfand. Aus dem von ihm erstatteten Gutachten, welches die 
Frage, ob die iiberstandene NierenafTektion als Folge des Unfalls 
zu betrachten sei, mit einem „non liquet“ beantwortete, hebe ich 
nur die Thatsache hervor, dass auch jetzt der Harn eiweiss 
frei gefunden wurde. 

Darauf erging an mich die Aufforderung, mich älter die obige 
Frage und über die weitere, ob der jetzige Zustand auf Nach¬ 
wirkungen des Unfalls zurüekzuführeu sei, gutachtlich zu Uussent. 
und am 22. März d. J. erschien dann der Arbeiter G. zum Zweck 
der Auskunftertheilung und Untersuchung in meiner Sprechstunde. 
Nach seinen Angaben, die später durch anderweitige Mittheilungeu 
ergänzt und durch eine Inspektion der Oertlichkeit kontrolirt 
! wurden, habt* ich die obige Schilderung von dem muthmaasslichen 
| Ablauf des Vorganges bei dem Unfall entworfen. Der Kranke 


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4. Februar 1901 MtJEtfCHENEK MEDICINISCHE WOCHENSClIItI FT. 


181 


klagte jetzt noch über Schmerzen in der unteren Brustgegend und 
im Kücken, besonders recliterseits. die sieh angeblich bei jeder 
Anstrengung steigerten und es ihm unmögiieli machten, zu arbeiten. 
Für die Begründung dieser Klagen galt mir der Untersuchungs- 
lK*fund keinen Anhalt und ich musste es zweifelhaft lassen, ob 
sie noch in irgend einer Beziehung zu dem erlittenen Unfall stehen 
konnten. Später bin ich nach reiflicherer Ueberleguug freilich zu 
der Ueberzeuguug gekommen, dass diese Möglichkeit doch keines¬ 
wegs ausgeschlossen ist, und eine kürzlich vorgenommene Röntgen¬ 
untersuchung, über die ich am Schluss noch ein paar Worte sagen 
werde, hat es sogar zur Wahrscheinlichkeit erhoben, dass solche 
Beziehungen wirklich noch bestehen. 

l>ie Gesichtsfarbe des Kranken war nicht auffallend blass, 
der Gesichtsausdruck jedoch etwas leidend, der Ernährungszustand 
mangelhaft, die Muskulatur nicht so kräftig, wie man bei einem 
30 jährigen Arbeiter erwarten konnte. Die Untersuchung ergab 
an den Lungen ansscr Emphysem mittleren Grades nichts Ab¬ 
normes. Die relative Ilerzdämpfung fand ich. dem Einfluss des 
Emphysems auf den Schall entsprechend, etwas kleiner als normal: 
die linke Grenze in der Muimnillarlinie, 10 cm von der Mittellinie, 
die rechte 3,.>—4 cm von derselben entfernt, Herztöne rein; keine 
Verstärkung des 2. Aorteutons, überhaupt keine Zeichen einer, 
etwa durch die Perkussion nicht nachweisbaren, Hypertrophie des 
linken Ventrikels. Der in meiner Gegenwart in geringer Menge 
entleerte Harn war klar, dunkler als normal gefärbt, batte ein 
«nur nach Verdünnung mit Wasser zu bestimmendes» spezifisches 
Gewicht von fast 1030 und enthielt weder Eiweiss noch Zucker. 
Au der Leber und den übrigen Unterleibsorganen war nichts Ab¬ 
normes nachzuweisen. 

Ich will gleich hier bemerken, dass noch kürzlich wieder, wie 
mir mitgetheilt wurde. der Harn des G. von zwei Aerzten. deren 
Einer das spezifische Gewicht auf 1016 bestimmte, untersucht und 
c i w e i s s f r e i befunden worden ist. 

Es fragt sich nun also zunächst, ob überhaupt anzunohmon 
ist, dass ein Unfall von der Art, wio er sich liier wahrscheinlich 
zugetragen hat, zu einer Schädigung der Nieren führen konnte. 

Di«*se Möglichkeit kann nach meiner Meinung gar nicht 
bezweifelt werden. Wenn man die Kasuistik der subkutanen 
Nierenvorlctzuiigcn durchmustert, findet man, dass schon viel 
geringere (iewalteinwirkungen, wie z. B. ein Stoeksehlng auf die 
Gegend der untersten falschen Kippen*), ein Schlag auf den 
Bauch*), eine rasche Abwehrbewegung‘) genügt haben, um 
Xierenquetsehungen und -Zerreissungcu selbst der schwersten 
Art zu Wege zu bringen, und, mag nun der Unfall sich in der 
einen oder der anderen oben geschilderten Art abgespielt haben, 
in jedem Falle wird man nach Allem, was die Erfahrung und das 
Experiment darüber gelehrt haben, sich leicht überzeugen, dass 
das Zustandekommen einer Nierenquetschung mit oder ohne 
(»efässzerreissungen sich ohne Zwang erklären lässt. 

Das Fehlen von Sugillationen in der Lumbalgegend 
und an der vorderen Brust- und Bauchwand spricht nicht da¬ 
gegen. Daraus würde sich, seihet wenn etwa sicher konstatirt 
wäre, dass eine Pressung der Oberbauchgegend zwischen Fass 
und Geländerstange stattgefunden hätte, nicht die Berechtigung 
ergeben, den Eintritt einer Nierenquetschung zu bezweifeln oder 
auch nur für unwahrscheinlich zu erklären. Denn es sind 
inanehe Fälle von schwerer subkutaner Nierenverletzung, so u. A. 
von S e b i 1 e a u *) und Kremser*), beschrieben worden, in 
denen das Fehlen von Blutunterlaufungen, auch nach Einwir¬ 
kung grösserer Gewalt, audrücklich betont wird. Ueberdies war 
hier die vordere Körperfläche durch das starre lederne Schurzfell 
geschützt. 

Ebenso wenig beweist die Thatsache etwas dagegen, dass 
der Betroffene noch 2 Tage arbeiten konnte. Auch dafür lassen 
sieh Belege genug aus der Literatur anführen: Selbst nacli viel 
schwereren Nieren Verletzungen haben die Verunglückten manch¬ 
mal noch eine lange Fahrt im Omnibus zurücklegen oder 
mehrere Meilen gehen können (Beispiele siehe s. u. a. bei 
Maas, 1. c.) und ein Fall wurde von Bienfait 7 ) beschrieben, 
in dem die betr. Frau, trotz Hämaturie und schmerzhaften Harn- 

x ) Vergl. H. Maas: Klinische und experimentelle Unter¬ 
suchungen über die subkutanen Quetschungen und Zerreissungeu 
der Nieren. Dentsche Zeitscbr. f. Chirurgie. Bd. X (1878), Fall 
No. 3. 17 u. 46. 

*)P. Güterbock: Beitrüge zur Lehre von den Nieren¬ 
verletzungen. Areh. f. klin. Chirurgie, Bd. 51, Tab. V, No. 28 uud 
Tab. VI. No. 9. 

') Clement L u c a s. s. Küster l.c. S. 185. 

q Sebileau: Trols cas de plaies ou contusions du rein ac- 
«•ompagnöes de symptomes diff6rents. Journ. de M6d. de Bordeaux 
1881, 7. Aoüt. 

*) Kremser: Zehn Fälle von subkutaner Nieren Verletzung 
durch stumpfe Gewalt Jahrbücher der Hamburger Staatskranken¬ 
anstalten IV, 1893/94, Thl. II. S. 594. . 

q Gazette bebdomadaire 1856, p. 19. — Maas, Lc. No. 25. 

No. 5. 


drang», noch bis zum Abend des 3. Tages gearbeitet hat, während 
doch ein darauf zur Entwicklung kommender grosser perineph- 
ritiseher Abszess Zcugniss von der Schwere der Verletzung ab¬ 
legte. Gerade der Umstand, dass G. noch 2 Tage seine Arbeit 
verrichtete, macht, cs wahrscheinlich, dass die llauptwirkung des 
Unfalls, der ja auch keine Spuren äusserer Verletzungen zurück- 
liess, in einer Schädigung innerer Organe bestand, die, weil sie 
augenblicklich keine erheblichen Schmerzen verursachte, sich der 
Beachtung des Verletzten entzog, bis ihre Folgen in nicht mehr 
zu übersehender Form zu Tage traten. Dazu kommt noch, dass 
er, wie seine Frau glaubwürdig versichert hat, bestrebt war, ihr, 
um sie nicht zu lieunruhigcn, das Geschehene zu verheimlichen. 

Bei N i e r e n z e r r e i s s u n g e n pflegen allerdings sofort 
heftige Schmerzen aufzutreten. Aber, wie Küster (1. e. 
S. 201) sagt: „Nicht in allen Fällen ist der Schmerz so hochgradig. 
Zuweilen beschränkt er sich auf eine Empfindung von dumpfem 
Unbehagen, von Druck uud Schwere, die den Kranken nicht 
bindert, seiner Beschäftigung weiterhin obzuliegeu. Es siud das 
wahrscheinlich Fälle, in denen schwere Kontinuitätstrennungen 
des Organs fehlen." 

Auch die Hämaturie ist kein so konstantes Symptom 
bei den subkutanen Nierenverletzungen, dass es sehr in’s Gewicht 
fallen würde, wenn man annchmen müsste, dieselbe habe hier 
trotz der gegeilt heiligen Behauptung des Verletzten und seiner 
Frau, die immerhin später durch büeherkundige Genossen klug 
gemacht sein könnten, gar nicht bestanden.* Bluthamen ist 
durchaus nicht in allen Fällen beobachtet worden. Vielmehr 
können, wio Küster (1. c. S. 202) sagt, nur diejenigen Ver¬ 
letzungen zu einer nonnenswertlien Blutung führen, bei welchen 
die Einrisse bis in die Nierenkelcho oder das Nierenbecken 
dringen. Es bleibt allerdings auffallend, dass G. dom Vertrauens¬ 
arzt gegenüber nichts davon erwähnt hat. Aber daraus, dass 
schon am Abend des 2. Tages ohne mikroskopische Untersuchung 
kein Blut mehr im Urin zu bemerken war, den Schluss zu ziehen, 
dass iilK i haupt keim* Hämaturie bestanden habe, liegt doch durch¬ 
aus keine Berechtigung vor. In der Literatur findet man in einer 
nicht geringen Zahl von Fällen die Angabe, dass schon nach 
1—2 tägiger Dauer der Hämaturie der Harn wieder ganz klar und 
normal gefärbt gewesen sei (siche K ü s t o r 1. c. S. 203, Beispiele 
bei Maas und Kremser 1. c.), und nach Küster besitzen 
wir in diesem Verhalten des Urins ein sicheres Zeichen dafür, 
dass nur eine kapillare Blutung stattgefunden hat. 

Nur das wird dann immer noch fraglich erscheinen, ob event. 
auch ohne vorauf gegangene Hämaturie eine so beträchtliche 
Album inuri e, wie sie von dem Vertrauensarzt bereits am 
Abend des 14. Juli konstatirt wurde, als einzige ohne mikro¬ 
skopische Untersuchung erkennbare unmittelbare Folge einer 
Nierenquetsehung so bald nach dem Unfall auftreten konnte. 
Indess, auch das steht keineswegs ohne Analogie da. Küstci,’ 
der 18 Fälle sogen, „tramnat isolier Nephritis“ aus der Literatur 
sammeln konnte, sagt (1. e. S. 205) ausdrücklich: „Zuweilen tritt 
sie“, d. h. dem Sinne nach die Albuminurie, „im unmittel¬ 
baren Anschluss an eine Gewaltwirkung auf, ohne dass Blut¬ 
harnen sieh gezeigt hätte.“ 

Wenn sich nun auch nicht genau fesstellen liess, wie cs in 
Wirklichkeit bei dem Unfall zugegangen ist, so darf man doch, 
wie gesagt, getrost behaupten, dass er unter allen Umständen, 
mag man sich nun für die eine oder für die andere der, wie cs 
scheint, allein in Betracht kommenden Möglichkeiten entscheiden, 
ganz dazu angethan war, eine Schädigung der Nieren herbeizu¬ 
führen. 

Wäre er so verlaufen, wie ich Anfangs annahm, hätte also 
eine Einpressung des Körpers zwischen Gcländerstange und Fass 
auf der Höhe der untersten Kippen stattgefunden, so würde das 
Zustandekommen einer Quetschung der Nieren und zwar beider 
in ziemlich gleichmässiger Weise ohne weiteres verständlich sein. 
Aber auch wenn der Körper, ohne dass es zu der von mir als 
naturgemäss betrachteten Kückwärtsbcugung kam, nur an der 
auf der Höhe des Steissbeins befindlichen Stange eine Stütze 
fand, wäre dasselbe leicht zu erklären. Mau hätte es sich dann 
ungefähr ebenso zu denken, wie bei einem Schlag oder dem 
Fall einer Last auf den Leib eines auf dem Rücken liegenden 
Menschen, d. h. es kämen entweder die Verhältnisse in Betracht, 
die nach Bi da ult*) hauptsächlich bei der Entstehung der 

6 » Camille Bl da ult: I)e la contusion renale et de son tralte* 
ment. Tliöse de Paris 1894, No. 203. Referat in Virehow-Hirsch's 
Jahresbericht 1894. S. 493. 

2 


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182 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Nierenquetschungen betheiligt sind, oder wir hätten, der von 
Küster vertretenen Anschauung entsprechend, vorwiegend auf 
die Wirkung des Muskelzuges zu rekurriren oder dürften auch 
wohl ein Zusammenwirken beider Faktoren als wahrscheinlich be¬ 
trachten. 

B i d a u 11 weist, gestützt auf Untersuchungen an Durch¬ 
schnitten gefrorener Leichen, in seiner unter den Auspizien von 
T i 11 a u x geschriebenen Dissertation darauf hin, dass die 
Nierenkontusionen oft nicht durch direkte Gewalt oder 
unmittelbar durch Berührung der Nierengegend mit einem 
ausserhalb des Körpers gelegenen Widerstand zu Stande kommen, 
sondern dadurch, dass die Niere gegen im Körper selbst vor¬ 
handene, der Lendengegend angehörige Punkte gedrängt wird, 
nämlich die von der 12. Rippe und dem Querfortsatz des 1. Len¬ 
denwirbels und von der Gelenkverbindung zwischen erstem und 
zweitem Lendenwirbel gebildeten Vorsprünge. Durch die von 
vorn auf die Nierengegend gerichtete stumpfe Gewalteinwirkung 
wird die Niere zwischen dieser und den genannten Widerstands¬ 
punkten gleichsam koiupriinirt. Küster (1. c. 189) macht da¬ 
gegen Folgendes geltend: Ein Stockschlag gegen den Bauch oder 
ein Stoss gegen denselben dürfte wohl immer, wie bei jedem hef¬ 
tigen Schreck, eine reflektorische Zusammenziehung der Bauch¬ 
wand und des Zwerchfells erzeugen. Eine krampfhafte Zu¬ 
sammenziehung Mer Bauchwandmuskeln, soweit sie an den 
unteren Rippen sich befestigen, muss aber genau in derselben 
Weise, wie eine die Ixjndengegend treffende Gewalt, eine stoss- 
weisc Adduktionsbewegung dieser Knochen herbeiführen und, 
indem so die Niere von der nach vorwärts gerissenen Rippe an 
einem günstigen Punkte umfasst wird, verhilft die gleichzeitig 
(vermöge der Zwerchfellkontraktion) erfolgende Verschiebung 
des Organs nach unten der hydraulischen Pressung zu vollerer 
Wirkung. So kann der Muskelzug ganz allein, wie auch 
einige von Küster angeführte Beispiele, in denen eine andere 
Erklärung ausgeschlossen werden musste, beweisen, die Ver¬ 
letzung der Nieren erzeugen. In unserem Falle aber liegt es, 
wie mir scheint, sehr nahe, thatsächlich, wie schon angedeutet, 
ein Zusammenwirken des von B i d a u 11 geschilderten Mechanis¬ 
mus mit dem Muskelzuge im Sinne von Küster anzunehmen. 

Ganz dasselbe musste zur Geltung kommen, wenn der Unfall 
so verlief, wie G. später behauptet hat und wie es auch nach Lage 
der Dinge am meisten der Wahrscheinlichkeit zu entsprechen 
scheint. Wenn der Stoss gegen seine Brust erfolgte, als er eben 
das herabgenommene Fass nach hinten geschleudert hatte und 
nun das nachstürzende vergebens abzuwehren oder zu ergreifen 
suchte, so befanden sich wohl zweifellos die Streckmuskeln des 
Rückens im Zustande äusserster Spannung und es wurde dadurch 
gewissermaassen Ersatz geboten für die mangelnde Anlehnung 
des Rückens gegen einen festen Köri>er. Somit waren die Be¬ 
dingungen für das Zustandekommen einer Aupressung der Nieren 
gegen die B i d a u 1 t’schen Widerstandspunkte trotz der Ab¬ 
schwächung des Stosses durch das Schutzleder durchaus günstig. 
Zugleich aber handelte es sich um eine jener Gewalteinwirkungen, 
die besonders geeignet sind, eine reflektorische Zusammenziehung 
der Bauchmuskeln zu veranlassen. Der Fall hat in dieser Be¬ 
ziehung gross«; Aehnlichkeit mit dem von Clement Lucas mit- 
getheilten, über den Küster mit folgenden Worten berichtet: 

„Ein 60 jähriger Mann geht hinter eiuein mit Säcken be- 
lndenen Wagen her. Als einer der Säcke herabfällt, sucht er den¬ 
selben durch plötzliches Zugreifen mit beiden Händen zu halten, 
verspürt aber sofort heftigen Schmerz links vom Nabel und ent¬ 
leert nach kurzer Frist blutigen Urin.“ 

In jedem Falle lag also nicht nur die Möglichkeit vor, sondern 
man darf es sogar als höchst wahrscheinlich hinstellen, dass dev 
Unfall zu einer Nieren Verletzung geführt hat. Bei jeder Art 
des Verlaufs waren auch, wie es scheint, beide Nieren in 
gleichem Maassc der Gewaltcinwirkung ausgesetzt. Es ist daher 
sehr wohl möglich, dass wirklich beide zugleich und in ungefähr 
gleichem Grade geschädigt worden sind. 

Für eine Betheiligung beider Nieren schien die beträcht¬ 
liche Verminderung der Harnabsonderung und der rasche Ein¬ 
tritt der Oedeme zu sprechen und, da eine starke Hämaturie, die 
auf einen reichlichen Erguss von Blut in das Nierenbecken zu be¬ 
ziehen gewesen wäre, wohl sicher nicht bestanden hat und eine 
zirkumrenale Blutung wenigstens nicht nachgewiesen wurde, 
schien auch der weitero Schluss berechtigt, dass die durch den Un¬ 
fall bewirkte Schädigung der Nieren so leichter Art war, dass 


sie sich im Wesentlichen nur in einer, freilich recht tiefgreifen¬ 
den Störung ihrer Funktion äusserte. 

Allerdings kann beides keineswegs als vollkommen sicher 
gelten. Denn einerseits lehrt die Erfahrung, dass, auch wo allem 
Anschein nach beide Nieren ganz gleiehmässig gefährdet waren, 
doch in Wirklichkeit oft nur die eine derselben eine Verletzung; 
davontrug, und andererseits ist es bekannt, dass auch eine ein¬ 
seitige Nicrenquetschung beträchtliche Oligurie und sogar voll¬ 
ständige Anurie zur Folge, haben kann, indem die starke Reizung 
der einen zu einer reflektorischen Sekretions- 
h e in m u n g der anderen Niere führt. 

Dass eine solche „reflektorische Anurie“ wirklich 
vorkonunt, kann wohl nicht bezweifelt werden. Schon Vulpian') 
führte, wie Nepveu angilit. gestützt auf die Untersuchungen 
von B r o w n - S 6 q u a r d und Claude B e r u a rd ’*), die bei ein¬ 
seitiger Nierenkolik beobachtete Oligurie und Anurie auf einen 
durch die heftige Reizung der Schleimhaut des Nierenbeckens oder 
Ureters ausgelösten Heimuuugsvorgang (action d'arr^t» in der 
Niere der gesunden Seite, „une action rßflexe vaso-motrice", zurück. 
Nepveu ") kam in Uebereinstimmung mit V e r n e u i 1 zu ähn¬ 
lichen Schlüssen bezüglich der Erklärung der Oligurie bei einem 
Fall von einseitiger Nierenquetschung und einem weiteren von 
einseitiger Ureterzerreissung. ebenso auch Godlce“) und 
Page ’ 3 ) bei der Beurtheilung ihrer den erwähnten verwandten 
Fälle. Endlich ist es neuerdings nach James Israel 14 ) durch 
die Versuche von Arthur G ö t z 1 über jeden Zweifel festgestellt, 
dass Drucksteigerung in der einen Niere (durch Retention des 
Harns im Nierenbecken) Sekretionshemmung in der anderen zu 
bewirken vermag und dass auch eine Reihe anderer sensibler 
Reize dasselbe Resultat zuwege bringen kann, ist, wie Israel weiter 
bemerkt, zwar nicht experimentell erhärtet, aber auf Grund kli¬ 
nischer Erfahrungen als wahrscheinlich zu betrachten. 

(Schluss folgt.) 


Aas dem Veroinshospital in Hamburg. 

Zur Kenntniss der Starkstromverletzungen. 

Von Dr. F. J essen, 01>enirzt der inneren Abtheilung. 

Bis vor rund 10 Jahren waren unsere Kenntnisse über die 
Wirkung starker elektrischer Ströme wesentlich auf die an Blitz- 
sehlagverletzungen gemachten Beobachtungen gestützt. 

Diese B»H»hachtungen ergaben, abgesehen von den direkten 
Folgen der Verbrennung (Wunden; Blitzflguren etc.), dass es in 
einer Reihe von Fällen durch den Blitzschlag zum Tode kam, 
in anderen Fällen Störungen rein funktioneller Natur auf traten, 
und vereinzelt eine Mischung von funktionell und organisch be¬ 
dingten Schädigungen zu verzeichnen war. 

So beschreibt I) ü r c k ’) den Obduktionsbefund eines am 
Blitzschlag Verstorbenen, bei dem ausser den Verbreunungsspuren 
als wesentlicher Befund eine Apoplexie und eine „abnorme" Weich¬ 
heit“ des Gehirns gefunden wurde, welch* letztere der Verf. auf 
eine Auflockerung des Zusammenhangs der Hirnsubstanz zurück- 
führt, da Fäulniss absolut ausgeschlossen w r ar. 

Dann berichtet Offenberg 2 ) Uber eine Reihe von Blitz¬ 
schlägen, bei denen die Getödteten nicht obduzirt wurden; bei den 
am Leben gebliebenen Verletzten wurde Bewusstlosigkeit mit 
Amnesie verzeichnet; auffallender Weise war aber ln einer grös¬ 
seren Reihe von Fällen das Bewusstsein und die Erinnerung völlig 
erhalten, selbst bei solchen, die schwer verletzt waren und wie 
todt da Ingen. 

X o t h n a g e 1 3 ) beschreibt einen Fall, in dem ein 36 jähr. 
Mann nach eiueiu Blitzschlag eine Lähmung der rechten Haml 
behielt, die nach mehrmonatlichem Bestehen rasch heilte, aber 
nach 6 Jahren rezldivirte. Gleichzeitige, ringförmig begrenzte 
Anästhesie und Herabsetzung der faradlschen Erregbarkeit be¬ 
wies den funktionellen Charakter der Erkrankung. Nothnagel 
konnte im Thierexperiment nachweisen, dass die faradische Er¬ 
regbarkeit eines von einem starken Schlag einer Leydenerflasche 
getroffenen motorischen Nerven verringert war. 

C hnrcot'i berichtet Uber einen Fall, in welchem ein 
45 Jähriger Mann den Blitz sah; er konnte also nicht getroffen sein. 
Anfangs gering, später stark entwickelt trat Hemiparese und 
sensible, sowie sensorielle Hemlanästhesie auf; ferner bestanden 
Gesichtsfeldeinschränkung, Anästhesie des Rachens, verschiedene 


“) Lecons nur l’appareil vaso-moteur, pag. 537. 

Claude Bcrnard: Legons sur les liquides de l’organlsine, 
pag. 168 ff. 

,l ) Nepveu: De l’oligurie et de l’anurie traumatiques. Ga¬ 
zette liebdomadaire 1877. pag. 100. 

12 ) Medico-chirurgical Transactions 1887. II. pag. 237. 

”) Ibidem 1S88, Bd. XXI, pag. 239. 

“) James Israel: Chirurgische Klinik der Nierenkrankheiten. 
Berlin 1901, S. 402. 

') Münch, med. Wochenschr. 1895. 31. 

2 ) Festschrift des Vereins der Medizinalbeamten im Reg.-Bez. 
Düsseldorf. 1895. S. 127. 

3 ) Vircbow’s Archiv. 1880. Bd. 80. 

4 ) Wiener med. Wochensehr. 1890. 1 ff. 


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4. Februar 1902. MTJENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


183 


Krampfanfälle. Die hysterische Lähmung „substitulrte“ die Blitz¬ 
lähmung. 

Weiter findet sich ein besonders interessanter Fall von 
Eisenlohr 4 ) beschrieben. In diesem trat nach einem kalten 
Schlag eine Lähmung des einen Armes und Beines ein. Die Pat. 
lernte wieder gehen. Dann aber zeigten sich vasomotorische 
Störungen (oedfcme bleu de Charcot), athetoseartige Be¬ 
wegungen, während Sensibilität, Reflexe etc. keine Abweichungen 
darboten. Neben diesen funktionellen Störungen fanden sich aber 
Aenderuugen in der Funktion einiger der kleinen Handmuskeln, 
deren Erregbarkeit für den faradischen Strom herabgesetzt war, 
während die galvanische Zuckung normal blieb. Ausserdem 
fanden sich Muskelatrophien, die sich von hysterischen Atrophien 
dadurch unterschieden, dass sie nicht das ganze Glied, sondern 
nur einzelne Mukelbündel betrafen. 

Seit der vermehrten Benützung elektrischer Starkströme in 
allen möglichen Betrieben, sowie deren Anwendung zu Hin- 
riehtungszwecken haben wir nun aber auch Kenntnisse über die 
Wirkung künstlicher elektrischer Starkströme auf den mensch¬ 
lichen Organismus erlangt. Diese Kenntnisse entsprechen nun 
im Wesentlichen denen, die wir durch Beobachtung an Blitz- 
schlngfolgen gewonnen haben. 

Auch hier finden wir tödtliche Verletzungen, rein funktio¬ 
nelle Störungen und eine Mischung funktioneller Schädigungen 
mit organischen verzeichnet. 

I'ebcr dies Wesen des Todes durch elektrische Starkströme 
sind wir durch eine Reihe von Thierversuchen und zum Theil 
auch durch Beobachtungen an elektrisch hingerieliteten, sowie 
an durch Unglücksfälle zu Grunde gegangenen Personell unter¬ 
richtet. 

B r i a u d * **) ) erklärt in seinem ziemlich ziisnmmeufnssendeii 
Werke den elektrisch bedingten Tod durch Asphyxie bulbären 
Ursprungs. Die Intensität der Verbrennung ist gleichglltig; es 
kann l*ei leichter Verbrennung der Tod eintreten und bei schwerer 
Verbrennung keine weitere Schädigung sich zeigen. 

Kratter’) fand bei einem durch einen Strom von 1600 Volt 
Getödteten 21 Stunden p. m. alle Organe hypervenös, Lungenödem, 
Blutextravasate in der Vagus-Carotisselieide, entlang den Wirbeln; 
das Herz war schlaff. Er unterscheidet beim Tode durch Elek¬ 
trizität 1. den Tod durch Schock, 2. durch primäre Athemlälimuug 
und 3. durch Himdrueksteigerung in Folge von Blutungen. In 
Thierversuchen fand derselbe Autor*), dass immer zunächst Ath- 
niuugslälimung eintrat, während das Herz noch eine Zeit fort- 
schlug. 

Cuniiingham’) fand in Thierversuchen, dass Starkstrom¬ 
verletzungen immer erst fibrilläre Kontraktionen des Herzens 
hervorrufen. nicht vollkommene Herzlähmung. Der Tod des 
Zentralnervensystems erfolgt durch die komplete Anämie. 

P r 6 v o s t und B a 11 e 11 i ,# ) haben in mehrfachen Reihen 
von Untersuchungen im Wesentlichen ähnliche Resultate zu ver¬ 
zeichnen; auch sie konstatiren als charakteristisch die fibrillären 
Zuckungen des Herzens, sowie Lähmungen des Vagus. 

Corrado") fand beimTode durch Elektrizität neben gut erhal¬ 
tenen Nervenzellen solche, deren Zellkörper mit Hervorquellen eines 
Tlielles des Zellkörpers zerrissen war. Ferner fand dieser Autor 
im Nervengewebe und im Blute Gasblasen und nimmt an, dass 
diese die Trennung der Zellen bewirken. 

Ausser diesen Beobachtungen finden sich Berichte über 
schwere Erkrankungen nach Starkstromverletzungen. 

Don eil an 11 ) fand einen Mann nach Verletzung durch einen 
Strom von 1000 Volt bewusstlos, mit weiten Pupillen, schnar¬ 
chender Athmung und sehr blass. Es traten Delirien und Krämpfe 
auf. Darauf folgte tiefer Schlaf und nach diesem allmählich 
völlige Genesung. 

d’A r 8 o n v a 1 ’*) berichtet über einen Fall, In welchem ein 
Strom von 4500 Volt von einer Hand bis durch’s Gesäss den 
Körper durchlief. Es gelang, durch künstliche Athmung das Leben 
zu erhalten und später trat völlige Genesung ein. 

Jüngst hat dann Euleuburg") über schwere progressive 
Gehirnerkrankungen nach Starkstromverletzuug auf der Natur¬ 
forscherversammlung in Hamburg gesprochen. Ein 48 jähriger 
Mann wurde durch einen Strom von 500 Volt durch Reissen des 
Strassenbahndrahtes getroffen. Es trat Epilepsie rechts auf, dann 
Lähmung rechts, rechtsseitige Blindheit, dann links lnkomplete 
Lähmung und Erblindung links. 

Ausser diesen Fällen schwerer oder tödtlicher Verletzung 
durch Starkstrom finden sich aber dann auch Angaben in der 


*) Jahrbücher der Hamburg. Staatskrankenanstalten. 1890. 
Seite 80. 

*) La mort et les accldents causös par les courants Glectriques 
de haute tension. Lyon. 1892. 

0 Wiener klln. Wochenschr. 1894. 21. 

*) Wien. med. Wochenschr. 1895. 32. 

•> New-York med. Journal. 1809. Vol. 70. 

’•) R£vue m£dicale de la Suisse romande. 1899. 10. Compt. 
rend. 1899. 23./X., 26./XII. Journal de physlol. et de patholog. 
L p. 689. 

u ) Zitirt nach Neurolog. Centralbl. 1899. S. 933. 

“) Medical News. 1894. 4. VIII. 

**) Compt. rend. 1894. 20. V. 

»*) Naturforscher-Versammlung in Hamburg. 1901. 


Literatur über rein funktionelle Schädigungen als Folge solcher 
Traumen. 

Einen Fall traumatischer Hysterie nach Telephonverletzung 
beschreibt G e e 1 v i n k “) in seiner Dissertation, ferner hat 
Iloche 1 *) im unterelsässischen Verein in Strassburg einen Fall 
traumatischer Hysterie nach Verletzung durch Reissen des 
Strassenbahndrahtes vorgcstellt. 

Angesichts der Thatsache, das6 vorläufig noch nicht sehr zahl¬ 
reiche Veröffentlichungen über Starkstroniverletzungen gemacht 
sind, möchte ich mir erlauben, einen solchen Fall kurz zu be¬ 
schreiben, zumal auch in ihm anfänglich die Trennung funktio¬ 
neller oder organischer Erkrankung nicht ganz leicht war. 

Der 4Gjühr. F. stammt aus nicht belasteter Familie; er ist 
angeblich stets gesund gewesen. Pat. ist verheirntliet, hat 
12 Kinder, von denen 7 früh starben. Seine Frau Ist gesund. Für 
Lues, die Pat. entschieden negirt, kein Anhalt. Kein Potntorium. 

Dieser Mann erhielt am 14. X. 1899 einen Schlag durch den 
Leituugsdralit der Strassenbahn (500 Volt Gleichstrom). Der 
Strom ist angeblich mehrere Minuten durch den Körper gegangen, 
da Pat sich nicht losmachen konnte. Unmittelbar nachher war 
Pat. benommen. 

Er war 2 Tage bettlägerig, begann dann zu arbeiten, bekam 
aber immer zunehmende Kopfschmerzen, Schwindelanfälle, Zuck¬ 
ungen und Krieboln im rechten Arme. Wegen dieser Beschwerden 
wurde Pat. in ein anderes hiesiges Krankenhaus aufgenommen. 

Daselbst konstatlrte man: Matter Gesichtsausdruck, hängende 
Augenlider. Unsicherheit beim Gehen. Neigung, nach der rechten 
Seite zu fallen, Abweichen der Zunge nach links, geringe Parese 
des linken Fazlalis. Pupillen ungleich verzogen; Augenhintergrund 
normal, Sehnenreflexe gesteigert, keine Senslbilitätsstörung. Eines 
Tages stürzte Pat., ohne das Bewusstsein zu verlieren, zu Boden 
und klagte über starken Kopfschmerz, er machte schüttelnde Be¬ 
wegungen in allen Gliedern. S Tage später ein gleicher Anfall. 
Pat. bekam Traitement mixte und wurde „geheilt“ entlassen. 

In dem über den Pat. ausgestellten Gutachten wurde Lues 
ausgeschlossen, ebenso aber auch die Annahme einer Simulation 
resp. Hysterie*zurückgewiesen und auf unsere Uukemitniss über 
die Wirkung starker Ströme hirgedeutet und daher die Möglich¬ 
keit einer „traumatischen Neurose“ nach dein elektrischen Trauma 
zugegeben. 

Nach der Entlassung aus diesem Krankenhaus«* will Pat. immer 
wieder heftige Kopf- und Brustschmerzen gehabt haben. Er Hess 
sich daher am 26. IX. 1900 in das Vereinshospital aufnehmen. 

Hier wurde folgender Befund erhoben: 

Kräftig gebauter Mann von gutem Ernährungszustand. 

Innere Organe ohne Befund. 

Keine Störungen an den Hirunerven. 

Patellarreflexe beiderseits sehr lebhaft, ebenso die Plan tu r- 
refiexe. Kein B a b i n s k y’scher Reflex. Kein Fnssklonus. 
Kremaster-, Bauch-, Konjunktivalreflex sehr gesteigert. Hyper¬ 
ästhesie der Bauchhaut links. R o m b e r g’sches Symptom sehr 
deutlich. An den Beinen ringförmige Herabsetzung des Tempe¬ 
ra tursinnes. Gesichtsfeld nicht eingeschränkt. 

Am 6. X. 1900 ein Schwindelanfall, der den P. auf die linke 
Seite warf. Starker Kopfschmerz; Bewusstsein erhalten. 

Am 26. X. 1900 beim Gehen im Garten Schwindelanfall mit 
Zuckungen, die im rechten Arme anfingen, dann auf beide linke 
Extremitäten übergingen. Diese Zuckungen und Zähneknirschen, 
sowie starkes Aufschreien wiederholten sich, als P. in’s Bett ge¬ 
bracht war. Keine Störung des Bewusstseins. Nachher heftiger 
Kopfschmerz. 

29. X. Ein gleicher Anfall. 

30. X. Ausser dem früheren Befund besteht jetzt noch auf 
dem Rücken des linken Unterarms eine ringförmige Zone herab¬ 
gesetzter Tastempfindung. 

10. XI. In der letzten Zeit dauernd fortschreitende Besserung. 
Keine Schwindelanfälle, nur noch Hyperästhesie der Bauchhaut. 
Die Therapie bestand anfänglich in Traitement mixte, später ln 
rein suggestiven Mnassnahmen. 

P. wurde gebessert entlassen. 

Nunmehr hatte P., der begonnen hatte, einen leichten Dienst 
zu verrichten, wiederholt Schwindelanfälle, wurde stellenweise er¬ 
regt und unklar und daher am 6. I. 1901 wieder dem Vereins¬ 
hospital überwiesen. 

Jetzt bestand starker Tremor der Hände, Zunge ohne Tremor. 
Sehr gesteigerte Reflexe: Gang sicher; nur beim raschen Um¬ 
drehen geringe Unsicherheit; keine Ataxie. Stark ausgesprochenes 
Romberg’sches Phänomen. Starke Hyperästhesie der Baucli- 
haut. Gesichtsfeld nach oben eingeschränkt. 

Da naeli den bisherigen Beobachtungen die Annahme einer 
organischen Hirnerkrankung (syphilitischen oder traumatischen 
Ursprungs) immer unwahrscheinlicher wurde, lehnte ich Kranken¬ 
hausbehandlung ab und entlless den P. sofort wieder zur Arbeit, 
indem ich in meinem Gutachten ausführte, dass die Arbeit das 
beste Heilmittel für die supponirte traumatische Hysterie sei und 
dass die Annahme eines ernsteren organischen Hirnleidens sich 
zwar noch nicht ganz ausschliessen lasse, dass dasselbe aber erst 
greifbarere Symptome machen müsse, um energischere Behand¬ 
lung nothwendig erscheinen zu lassen. 

Der weitere Verlauf rechtfertigte diese Beurtheilung durchaus. 


”) I.-D. Berlin 1896. 

*•) Deutsche med. Wochenschr. 1899. 19. 

•)* 


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MUENCIIENER MEDICJNISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


184 


Der Pat. hatte anfänglich noch seinen leichten Dienst ver¬ 
richtet. erschien dann aber im Oktober 11*01 von selbst mit der 
Ritte, wieder seine alte Arbeit aufnehmon zu dürfen. Inzwischen 
war ihm sein 1-4. Kind geboren. 

Hei der Nachuntersuchung Hess sich irgend welche Ab¬ 
weichung von der Norm nicht Huden und der Pat. verrichtet jetzt, 
ohne Keilte zu beziehen, seine Arbeit wie vor dem Anfall. 

Kriti-ch muss man über diesen Fall sagen, dass trotz des 
angewandten Traitcment mixte ein Anhalt, die Erkrankung als 
Hirnlues aufzufassen, wie bereits in dem ersten Gutachten des 
linderen Krankenhauses ausgeführt war, nicht vorlag. Anderer¬ 
seits lx>t der Fall anfänglich auch durchaus nicht die typischen 
Stigmata der Grande Hysterie. Allein-manche hysterische Züge 
des Hildes, vor Allem die Hyperästhesien, Hessen mich bereits 
bei der ersten Aufnahme des Pat.. diese Annahme als die wahr¬ 
scheinlichere hinstellen. 

Da der Pat, vor dem Unfall völlig gesund war und un¬ 
mittelbar nach dem elektrischen Trauma die ersten Symptome 
der Erkrankung sich zeigten, so muss man das letztere wohl als 
das die Erkrankung auslösende Moment hinstellen. 

Wir sehen also hier als Folge eines Starkstromtraumas ein 
Krankheitsbild auftreten, welches im Ganzen wohl rein funktio¬ 
neller Natur eine Mischung von hysterischen Zügen und von 
solchen Erscheinungen zeigte, die auf organische Läsionen 
vorübergehend hinweisen konnten. 

Wenn wir uns nun an die im Thierexi>eriment gefundenen 
feinen Veränderungen, wie sie im Hirne nach Starkstrom¬ 
einwirkung beobachtet sind, erinnern, so scheint es mir nicht ganz 
unmöglich, dass die. anfänglich schwereren Erscheinungen viel¬ 
leicht auf solche feine Veränderungen im Hirn zurückzuführen 
waren, neben welchen dann die elektrische Schädigung „sub- 
sfifuirend“ die psychogenen, hysterischen Züge auftraten. 

Nach dem einstimmigen I’rtheil aller Autoren ist die lx'ste 
Kehandlung der Starkstromverletzung in schweren Fällen die 
künstliche Athmung. d’A r s o n v a 1' ) gelang es auf diese 
Weise sogar einen von einem 45Ü0 Volt starken Strom getroffenen, 
stundenlang bewusstlosen Verletzten zu retten. 

Die leichteren Störungen müssen nach den üblichen Regeln 
behandelt werden. 

Sehliesslich möchte icli nicht unterlassen darauf hinzuweisen, 
dass auch dieser Fall wieder beweist, wie wichtig in Fällen, 
in denen es sich um Rentenbezüge handelt, die psychische Ruhe 
und das Fortfallen eines Rentenkampfes ist. Auch in diesem 
Falle kam der Pat., wie ich es auch sonst schon oft gesehen habe-, 
spontan wieder zur vollen Arlx*it. 

Nachtrag bei der Korrektur. 

First nach Absendung des Manuskriptes kam mir die Arbeit 
von Koche über die nach elektrischen Entladungen auftreten- 
den Neurosen (Acrztl. Sachverständigenztg. 1901, 18) zu Gesiebt. 
Wenn Verfasser vorschliigt, funktionelle Lähmungen nach Stärk¬ 
st romtraumon nicht als Hysterie zu bezeichnen, sondern lieber 
aus solchen Zuständen Lehren zur Aufklärung «1er Hysterie zu 
ziehen, so stimme ich dem völlig hei und verweise auf meine 
oben gegebene Annahme von der Möglichkeit feinster llirn- 
läsionen, wie sie uns die Thierexjx*rimente nach Starkstromtod 
zeigen. 


Zur Behandlung der Lungenblutungen mit subkutanen 
Gelatineinjektionen. 

Von l)r. med. Ludwig T h i o m e. 

Sekundiirarzt der Dr. I»rch m««Eschen Lungcnhcilanstalt zu 
Görlx-rsdorf (Schlesien). 

Der in der Münch, med. Wochensehr. No. 50. 1901 ent¬ 
haltene Artik<-1 der Herren l)Dr. Hammel bachcr und 
l’isching e r, Ix-titelt: „Zur Behandlung der Lungenblut ungen 
mit subkutanen (Jelatineinjektionen“, veranlasst mich, meine 
dieslx-zü glichen Erfahrungen, die ich s«dbst an der Dr. 
B r e h in «• r’sehen Luugcuhcilaiistnlt zu Görbcrsdorf in den 
letzten 2 .Jahren gesammelt habe, zu veröffentlichen. Die Zahl 
der hierorts auspefiihrtcu Gclatim»iujcktioncn beläuft sieh auf 
12, deren jeweiliger Erfolg lx*i der Aufzählung der einzelnen 
Fälle lH'sproeln n wird. 

In der allgemein bekannten Weise wurden die Gelatineinjek¬ 
tionen ausgeführt, so dass ich darauf des Breiteren nicht eiu- 

'■) Compt. rend. 1894. 20. V. 


zugehen brauche. Als Injektionsstelle wurde ausschliesslich der 
Oberschenkel benutzt, in welchen subkutan eingestochen wurde. 
Die in vielen Publikationen erwähnten Klagen der Patienten 
über grosse Schmerzhaftigkeit nach der Injektion habe ich und 
auch mein Kollege, Herr Dr. 0 ybulski, dem ich für Ueber- 
lassung seiner Fälle hiermit danke, nicht beobachten können; 
ob die Beifügung von Natron zur 2 proz. Gelatinelösung, oder 
das starke Verstreichen mit den Daumen der durch die Ein¬ 
spritzung entstanden«‘ii Anschwellung oder ob die Applikation 
von mit essigsaurer Thonerde getränkter .Lxloformgaze dies ver¬ 
hindert halten, wage ich bei der geringem Anzahl d«*r Fälle mit 
Bestimmtheit nicht zu ents«*hci«len. Erwähncnswerth ist noch, 
«lass in 2 Fallen, wo diese beiden zuletzt geschilderten Mani¬ 
pulationen absichtlich unterlassen und Natron zur Injektions¬ 
flüssigkeit nicht hinzng«**etzt wurde, ausgedehnte Hautnekroson 
eintraten, welche die Patienten längere Zeit an’s Bett fesselten. 
Irgend w«*lch«“ Komplikationen mit T«*tanus. wie sie neuerding-' 
beschrieben werden, habe ich glücklicher Weise nicht zu ver¬ 
zeichnen gehabt. 

Fieber, von dem fast alle Autoren berichten, trat bei 11 von 
12 Patienten auf. W«*nn auch dasselbe durchschnittlich meist 
nur 8—14 Tage anlindt, so erreichte es doch immerhin beträcht¬ 
liche IIöh«*grade. Ein Patient z. B. mass 5 Tage lang al» 
Ahen<lteniporatur 40,3—40,7" ('. im G«*g«*nsatz zu 39.0" ('. der 
Morgentemperatur. ln den übrigen Fällen schwankte «1 i«» 
Maximaltempcratur zwischen 37.0” (\ und 38.9* (’. Nur in 
einem einzigen Fall wunle als höchst«* T«*mporatur 37.0" ('. er¬ 
reicht. I)i«‘s<*r Fall ist auch insofern interessant, als vor Beginn 
d«*r Blutung Patient beständig bis 37.9" (\ fi«*l>ertc; d«*r Krank¬ 
heitsherd beschränkte sich auf «len linken ()lx*rlappen, in dessen 
Spitz«* sieh eine etwa fiinfmarkstiiekgntsse, reichlich gefüllt«* 
Kav«*rne befand. Vom Eintritt «l«*r Blutung ab verlor der Patient 
sein F'h-ber, alle Firs«*h«*inungen iilx*r «1er erkrankten Stelle ver- 
sehwan<l«*ri, und als geheilt konnte <*r entlassen werden. Sollte 
in «lern gleichzeitigen Vers«-hwind«*n sämmtlieher Krankheits¬ 
herde das Fehlen <l«*s F'i«*bers begründet sein? 

Was nun «1 i<* 12 Füll«« selbst, anbelangt, so ist über «liesellx*» 
F'olg«*n«les z« berichten. Vorausschieken will ich noch, «lass die 
Menge der Injektionsflüssigkeit, ausser in 2 Fällen je 100 ccm 
betrug. 

1. Herr Dr. S. 3 Tage laug mittelstark«* Blutung. Am 4. Tage 
Injektion. Blutung st«*lit. Fieber bis 38.9* nach 2 Woeben 
li«*berfrei. Ilnutnekrose: auf Druck «*ntle«*rt sieb serös-«*it«*rige. 
etwas blutig gefärbte Flüssigkeit. 

2. Herr Z. Starke Blutung, die sieh innerhalb 8 Tagen täg¬ 
lich in verschiedener Stärke wie«l«*rholt. Nach «1er Injektion Still¬ 
stand. Kein Fieber. Pnthmt «erlässt nach 8 Tagen «las R«*tt. 

3. Herr H. 4 Monate lang w«*«*hseln kleine Blutung«*» mit 
blutig gefärbtem Auswurf. Nach «1er Inj«*ktion hört «lie Blutung 
sofort auf. Teuip. bis 37.9° C. Patient v«*rlässt uaeh 1» Tagen 
«ins Bett, worauf sich wi«*«ler 3 W«»«*h«*n lang v«*rcinz«*ltc Bltti- 
spumi im Auswtirf z«*ig«*n. 

4. II«*rr II. 0 Wochen lang klein«*!*«* Blutungen wie im Fall 3. 
Injektion wir«l mit S e b 1 e i «• h’scher Loknlanästhesi«* absolut 
selttin rzlos auagefülirt und verläuft ohne örtliche Reaktion. Temp. 
38.0 0 t'. Blutung steht 8 Tage lang, «lann v«*reinz«*lte Blutbeimeng- 
mtgeti im Auswurf. 

5. Herr K. 5 Tage lang s«*hwor«* Blutung, die sich nach einer 
Injektion von 100 ecm 2 proz. Gelatinelösung nach 24 Stumlen 
wlwlerholt. aber nach weiterer Injektion von 50 com steht und 
auch niemals wieder eingetreten ist. Ausg<*d«*lmte NYkrose. Fi«*ber 
bis 40.7° C. 

0. Herr I). Blutung stobt nach Injektion. Fi«*ber bis 38.5“ C. 

7. Herr S. 8 Tage lang ziemlich starke Blutung, nach In¬ 
jektion Stillstand. Temp. 38.3 0 C. 

8. Herr Z. 3 Tag«* lang mittl«*rc Blutung, Stillstuml nach In- 
j«*ktion. T«*mp. bis 38.8° <’. 

S*. Herr O. Nach Ilusteimdz schwer«* Blutung. lnj«*ktiou 
«>rfolglos: Blutung wkxlerholt sieh na«*h 0 Stun«l«*n. Temp. 
bis 40.3° C. Miliartuberkulose. 

10. Frau D. Plötzliche schw«*re Blutung, die nach der In¬ 
jektion für 3 Tage zum Stehen gebracht wird. Temp. bis 40.1 0 C. 
Bei erneuter Blutung Exitus. 

11. Herr W. 5 Tage lang mltt«*lstarke Blutung, nach In¬ 
jektion Stillstand. Temp. 39.5° C. Mlllnrtuberkulos«*. 

12. Herr L. 3 Tage lang schwer«* Blutung. Nach Injektion 
zweimal unbedeutende Blutungen, ca. 50 ccm. Temp. 38,9" C. 
Blutung steht 0 Tage lang, darnach Rezidiv, <*a_ 150 c«*m; eine 
zweite Gelatineinjektion ist von Erfolg begleitet. 

Fassen wir nun das Fazit aus dem Geschihlerten zusammen, 
so muss <l«*r Wirkung der Gelatineinjektion zweifelsohne ein 
guter Erfolg zugesprochen werden, und ich bin weit entfernt, 
die. Anwendung der Gclatinoinjektiou bei schweren Lungen¬ 
blutung« n. wo alle anderen Mittel versagten, jetzt noch als ein 


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4. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


185 


ultimum refugium zu bezeichnen, wie es ein Kollege mir gegen¬ 
über im Gespräch gethan hat. Ich werde auch in Zukunft immer 
Gelegenheit nehmen, bei lange anhaltenden Blutungen auf dieses 
Mittel zurückzukommen und meine weiteren Erfahrungen in 
einem späteren Artikel niederlegen. 


Aus dem Wöchnerinnenasyl des Ludwig Wilhelm-Krankenheims, 

Karlsruhe. 

Ein Fall von Lufteintritt in die Venen des puerperalen 
Uterus mit tödtlichem Ausgange. 

Von Dr. Fritz Sengler, Assistenzarzt. 

Seitdem der Franzose Lion et im Jahre 1845 den ersten 
durch Sektion bekräftigten Fall von Luftembolie durch die 
Ulerusvenen veröffentlicht hatte, wandte sich die Aufmerksam¬ 
keit der Autoren diesem so gefährlichen und oft gar nicht zu 
vermeidenden, glücklicher Weise aber seltenen Ereigniss zu. 
Bald mehrten sich auch die publizirten einschlägigen Fälle, so 
dass Olshausen [1] 1864 bereits über 12 durch Sektion er¬ 
härtete Fälle berichten konnte, neben 7 anderen, durch die Um¬ 
stände, unter welchen der Exitus eingetreten, höchst wahrschein¬ 
lich hierher gehörenden. 

Die Frage nach der Ursache des Lufteintrittes in den puer¬ 
peralen Uterus wurde von Duncan, Schatz und vor Allem 
Hegar [2] experimentell zu erklären versucht, während der 
eigentliche Todeseintritt besonders in Couty, Passet, 
Hauer [6] und in neuerer Zeit in Heller, Mager und 
S c h r ö 11 e r [12] seine Deuter fand. 

Merkwürdig ist, dass erst 1888 Kramer [5] den ersten 
Fall von Luftembolie bei Placenta praevia veröffentlichte, ob¬ 
wohl doch gerade bei dieser Anomalie die Gelegenheit für den 
Eintritt von Luft in freiliegende Gefässlumina eine ausser¬ 
ordentlich günstige ist. Auf diese Möglichkeit hatte schon 
Olshausen 1864 nachdrücklich hingewiesen und viele der 
bisher bekannt gewordenen plötzlichen Todesfälle bei Placenta 
praevia, die man mit Nervenschock oder Gehirnanämie zu er¬ 
klären versuchte, darauf zurückgeführt. Seit Kramer sind 
bis heute, so weit mir die Literatur zugänglich, noch 6, also 
im Ganzen 7 Fälle von Luftembolie bei Placenta praevia be¬ 
schrieben worden, bei denen die zur Sicherstellung der Diagnose, 
wenn nicht nöthige, so doch sehr erwünschte Sektion nicht fehlt 
(Krukenberg [7], Heuck [10], Lesse [11], Zorn [13], 
Boss [8], Hübl[14]. 

Dagegen vermisste ich in der neueren Literatur Angaben 
über Todesfälle nach Lufteintritt in den Uterus, bei denen obige 
Anomalie nicht vorlag. 

Ich glaube daher einen im Wöchnerinnenasyl des Ludwig- 
Wilhelm-Krankenhcims dahier beobachteten Fall von Exitus in 
Folge Luftembolie nach manueller Plazentarlösung veröffent¬ 
lichen zu sollen, um so mehr, als bei der Seltenheit der Luft¬ 
embolie überhaupt jeder einschlägige Beitrag nur erwünscht sein 
kann. 

Am 10. VI. 1901 wurde die 42 jährige Frau A. M. in das 
Wöchnerinnenasyl aufgenommen. 

Die Anamnese ergab: VI. Para. Alle vorhergehenden 
Geburten sollen abnorm gewesen sein. Oft musste die Zange an¬ 
gelegt werden. Jedesmal kam es zur manuellen Lösung der Pla¬ 
zenta. Zweimal war sie bereits im Asyl entbunden worden. Beim 
ersten Male, Mal 1898, war sie schon zur künstlichen Frühgeburt 
bestellt worden wegen platt-rachitischen Beckens mit den Maasseu: 
Di st. spin. 24,0, D. crist 20,5, D. troch. 27,5, Conj. extern. 17,0, 
ConJ. diag. 9,0. Sie kam aber zu spät. Schliesslich schwere hohe 
Zange und manuelle Plazentarlösung. Kind lebte. Das zweite 
Mal, Juni 1899, wurde die künstliche Frühgeburt im 8. auf 9. Monat 
eingeleitet. Einfache Beckenausgangszange. Plazenta nach 
22 Stunden manuell geholt. 

Status: Mittelgrosse, etwas untersetzte Frau von blassem, 
schwächlichem Aussehen. Beckeumaasse wie oben. Ende der 
Gravidität. Das Fruchtwasser war seit 24 Stunden abgeflossen. 
Der Muttermund erwies sich den touchirenden Fingern als hand¬ 
tellergroß». Blase gesprungen. Kopf fest in’s Becken eingetreten. 
II. Gesichtslage. 

Verlauf: Spontane Geburt eines 3120 g schweren Knaben 
nacb 17 stündigen kräftigen Wehen am 11. VI. 1901. Die Plazenta 
zögerte, ohne dass es. Anfangs blutete. Als nach 3 Stunden massige 
Blutung begann, wurde Expression versucht. Dieselbe gelingt 
weder ohne, noch mit Narkose. Die Blutung wird stärker, drohend. 
Völlige Atonle des Uterus. Frau blass, unruhig, rasch athmend. 
Daher wird zur manuellen Lösung in horizontaler Steiss-RUcken- 
lage, Beine von 2 Schwestern ln den Hüftgelenken gebeugt ge¬ 
halten, geschritten. Die Plazenta sitzt an der rechten vorderen 

No. 5. 


Uteruswand und ist an ihrem linken Rand ein wenig gelöst, sonst 
ln ganzer Ausdehnung noch anhaftend. Uterusausspülung mit 
40 0 heissem 1 proz. Ly wlwasser. Es blutet jetzt fast nicht mehr. 
Uterus zieht sich etwas zusammen. 2 Ergotinspritzen. Subkutane 
Kochsalzinfusion, die schon während der Lösung vorbereitet. Frau 
direkt nach der Operation entschieden besser. Doch noch während 
der Infusion plötzlich flatternder, kaum fühlbarer Puls, höchste 
Unruhe, Jaktationen, schwere Dyspnoe. Es blutet wieder massig 
aus dem Uterus. Desshalb Jodoformgazetampouade der Gebär¬ 
mutter und Scheide in der Annahme, obige Symptome seien durch 
hohe Anaemie bedingt. Die Frau erholt sich aber nicht mehr 
trotz ausgiebigster Auwendung der Analeptika: Kampher, Aether, 
Champagner, heissen Kaffee etc., sondern stirbt ca, y 2 Stunde nach 
Lösung der Plazenta. 

Ihr rascher Tod erscheint mir Anfangs nicht recht erklärlich, 
da die Menge des verlorenen Blutes keineswegs eine sehr beträcht¬ 
liche war. Mein Chef, Hofrath Dr. Benckiser, welcher 
y 4 Stunde später hinzukam, dachte sofort an Luftembolie, und stellte 
bestimmt diese Diagnose, nachdem er an Stelle der Herzdämpfung 
deutlichen tyinpanitischen Schall konstatirt hatte. 

Die 22 Stunden p. m. vorgenommene Sektion ergab: Ziem¬ 
lich blasse, doch nicht wachsartig verfärbte, weibliche Leiche, 
Todtenflecke, Todtenstarre. Abdomen stark aufgetrieben. Nach 
Eröffnung des Leibes zeigen sich Magen und Darm stark gebläht 
Das Peritoneum ist überall glatt und spiegelnd. Im Douglas 
findet sich eine geringe Menge blutig seröser Flüssigkeit. Uterus 
ist äusserst schlaff, fast mauuskopfgross. Der Peritonealüberzug 
desselben überall intakt. Im Herzbeutel eine geringe Menge 
klarer Flüssigkeit. Die sowohl in situ als auch am heraus¬ 
genommenen Herzen ausgeführte Perkussion des Organs, speziell 
der rechten Kammer, ergibt deutlichen tympanltlschen Schall. 
Beim Betasten hört man ein unverkennbares Quatschen uud hat 
das sichere Gefühl, wie wenn Luftblasen unter dem Finger sich 
bewegten. Das Herz wird daher an seinen grossen Gefüssen 
abgebunden und ausserhalb der Ligatur abgetragen. Beim Durch¬ 
schneiden der Gefässe entströmt eine grosse Menge völlig 
schaumigen Blutes dunkler Farbe. Der rechte Ventrikel zeigt sich 
ganz erfüllt mit dem obigen Blutschaura. Ebenso fliesst aus der 
Art. pulmonalis mit Luft stark gemengtes Blut. Auch der linke 
Ventrikel enthält eine geringe Menge schwarzen Blutes, das eben¬ 
falls einige Luftblasen birgt Darauf wird ein Stück der Vena 
cava inferior und der Vena uterina dextra aufgeschnitten. Die¬ 
selben zeigen sich, wie überhaupt alle nicht zum Verdauungs- 
traktus gehörenden, vom Becken ihren Ursprung nehmenden 
venösen Gefässe sehr stark gefüllt und zwar mit dem oben be¬ 
schriebenen Blutschaum. Die Leber bietet eine starke Vergrösse- 
rung des rechten Lappens dar, ist von etwas blasser, graugelber 
Farbe und brüchiger Konsistenz; das beim Durchschneiden sich 
entleerende Blut ist dunkel, aber nicht schaumig. Im Uterus 
befindet sich ein Jodoformgazestreifen, welcher so ziemlich das 
ganze Kavum ausfüllt. An der linken Tubenecke sitzen noch 
einige Dezidunfetzen. Uteruswand ist überall intakt. Aus den 
Gefüssen an beiden Uteruskanten lässt sich Luftbliischeu ent¬ 
haltendes Blutserum herauspressen. 

Nach diesem Sektionsergebniss dürfte wohl die Diagnose: 
„Tod in Folge Luftembolie“ als sicher zu betrachten sein. 
Dennoch will ich etwa zu machende Einwände und aufsteigende 
Bedenken entkräften. 

So könnte man einen Chloroformtod proponiren und die 
nachgewicsene Gasansammlung im Blute damit erklären, was 
ja nach H a n k e l’s Lehre (Handbuch der Inhalationsanästhesie) 
möglich. Dagegen spricht, dass die Narkose eine sehr ruhige, 
ohne krampfhaften Glottisverschluss verlaufende war, nur wenig 
Chloroform (ca. 20 ccm) verbraucht wurde und die Frau nachher 
wieder bei sich war. Also Fehlen der von II a n k e 1 geforderten 
V orbedingungen. 

Oder die Gase im Blute wären als Fäulnissprodukte anzu¬ 
sehen. Die Autopsie wurde allerdings erst 22 Stunden p. m. 
vorgenommen. Doch müsste es immerhin als höchst auffallend 
und merkwürdig bezeichnet werden, dass die fragliche Gasbildung 
gerade nur in den venösen Gefässen stattgefunden habe, welche 
vom Uterus direkt zu den grossen Hohlgefässen und von da zum 
Herzen führen, wälirend die Blutbahnen, welche vom Verdauungs¬ 
trakt, also einem gewiss sehr rasch in Fäulniss übergehenden 
Gebilde, herstammen, keine solche aufwiesen (vergl. den Blut-_ 
befund der Leber). Ferner fehlten andere Fäulnisserscheinungen.' 
Die Leiche roch nicht. Es bestand noch Todtenstarre. Schliesslich 
war die Anwesenheit von Luft im Herzen bereits % Stunde nach 
Todeseintritt durch Perkussion deutlich nachzuwoisen. 

Weiter wäre an Verblutungstod zu denken. Dem widerspricht 
der hierfür sicher viel zu geringe Blutverlust — die Unterlage 
musste nur 2 mal gewechselt werden — und der noch relativ 
grosse Blutreichthum der Leiche. 

Endlich könnte auch eine Thrombusembolie Vorgelegen 
haben. Aber abgesehen davon, dass sich dieselben nach Hübl [14] 
erst in den späteren Tagen des Wochenbetts zu ereignen pflegen, 

8 


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186 


MtTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


ermangelte auch das obduzirtc Herz an seinem Klappenapparat 
jeglicher chronisch entzündlicher Veränderungen, welche zur 
Bildung von alten Thromben hätten Veranlassung geben können. 

Nach Allem bleibt also nur Luftembolie als causa mortis 
übrig. Und zwar muss entsprechend dem ganzen Verlaufe 
massig viel Luft und langsam, vielleicht in mehreren Nach¬ 
schüben, in dieBlutbahnen eingetreten sein. Denn der Exitus war 
kein plötzlicher, trat vielmehr erst Va Stunde nach Auftreten 
der ersten beängstigenden Zeichen ein. Auch hatte das Herz 
Zeit und das Vermögen, das mit Luft gemischte Blut durch die 
Lungen bis in das linke Herz und wohl auch noch weiter zu 
treiben. Der Tod wird also hier gemäss der Theorie von Passet 
und H a u e r [6] durch Luftembolie der Pulmonalgefässe, also 
durch Erstickung, eingetreten, und der Fall nach H ü b 1 [14] 
unter die Gruppe des protrahirten Exitus zu zählen sein. 

Es erübrigt nun noch, sich über die Ursache und Art und 
Weise des Zustandekommens des Lufteintrittes in den Uterus 
und die Blutbahn klar zu werden. Beim Ueberblicken des ganzen 
Falles erkennt man leicht verschiedene Zeitabschnitte, bei wel¬ 
chen Gelegenheit zum Lufteintritt gegeben war. 

Einmal bei der wiederholten und forcirten Anwendung des 
C r e d e’schen Handgriffes. Derselbe wurde bei horizontaler 
Bc-ttrückenlage mit etwas erhöhtem Oberkörper der Frau aus- 
goführt, und zwar zuerst ohne und dann mit Narkose. Bei der 
völligen Atonie und immer wieder eintretenden Erschlaffung des 
Organes ist es wohl denkbar, dass in den unvermeidlichen Pausen 
Luft in den Uterus aspirirt wurde, was auch nach II eg a Fs [2] 
Versuchen zutreffend ist. Immerhin wäre damit noch kein Ein¬ 
dringen der Luft in die offenen Gefässe gegeben. Denn die 
eventuelle Ansaugung kann unmöglich so kräftig gewesen sein, 
dass sie die Luft bis direkt in die klaffenden Venenlumina ge¬ 
führt hätte, wie H e g a r’s Versuche ebenfalls darthun. Man 
müsste also, um das Zustandekommen dieser letzten Bedingung 
zu erklären, annehmen, dass beim Wiedereinsetzen des durch die 
massirendo und pressende Hand erzeugten Druckes im Uterus 
sich ein Hinderniss für das Zurückweichen der eingedrungenen 
Luft gebildet habe und so dann allerdings dieselbe nach der Seite 
des geringsten Widerstandes, d. h. in die offenen Gefässe habe 
ausweichen müssen. Doch für diese nothwendige Annahme ist 
keine ersichtliche Unterlage vorhanden, so dass das Eintreten 
der Luftembolie in Folge des Crede oder der Uterusmassagc 
nicht viel Wahrscheinlichkeit für sich hat, obwohl Braun [4], 
Kezmärszky [3] und Zorn [13] in ihren Arbeiten darauf 
aufmerksam machen. Auch war die Lage der Frau im Bett 
eine einfache Steissrückenlage mit durch die Anordnung der 
Matratzen, Keilkissen etc. bedingten etwas erhöhtem Oberkörper, 
also eine solche, bei der eine Aspiration überhaupt kaum zu er¬ 
klären wäre. 

Dagegen lag die Frau bei der Vornahme der manuellen 
Plazentarlösung flach auf einem horizontal gestellten Operations¬ 
bock in Steissrückenlage und ist es klar ersichtlich, dass hierbei 
nicht nur Luft mit dem Arm und der Hand in den Uterus ge¬ 
bracht worden ist, sondern auch leicht bei den schabenden und 
streichenden Bewegungen der Finger und dem Entgegendrücken 
des Fundus Uteri durch die aussen aufliegendo Hand Luft me¬ 
chanisch in die offenen resp. frisch eröffneten Gofässlumina ge¬ 
presst worden sein kann, zumal der Muttermund durch den Arm 
taraponirt, also ein Ausweichen der Luft nach aussen, wenn 
nicht immöglich, so doch erheblich erschwert war. 

Dagegen spricht nur, dass nach der Literatur und Statistik 
bei den manuellen Plazentarlösungen eine Luftembolie zu den 
grossen Seltenheiten gehört, während sie nach der obigen Er¬ 
klärung relativ recht häufig sein müsste. 

Schliesslich wäre daran zu denken, dass durch die nach¬ 
folgende Uterusausspülung mit 1 proz. Lysollösung entweder die 
Luft erst eingebracht oder wenigstens die bereits vorhandene 
durch den erzeugten Druck in die Gefässe getrieben worden sei, 
eine Möglichkeit, auf die O 1 s h a u s e n [1] u. A. hingewiesen. 
Diese Ausspülung wurde nun unter allen üblichen Kautelen mit 
dem Uteruskatheter vorgenommen. Auch war die Fallhöhe nie 
grösser als 50—80 cm. Ferner war reichlich Gelegenheit gegeben 
sowohl für den Abfluss des Desinfiziens als der event. Luft. Auch 
für diese Annahme spricht also nicht viel. 

Als vierte Gelegenheit könnte man noch das Verbringen der 
Patientin auf den Operationsbock und dann wieder von diesem 
herab in das tiefer gelegene Bett bezeichnen, wobei die Entstehung 


eines intraabdominellen Unterdruckes und dadurch bedingte 
Luftansaugung schon zu verstehen wäre. Doch dürfte dieselbe 
nicht zu beweisen sein. 

Ganz von der Hand zu weisen ist aber keine der angeführten 
Möglichkeiten, wenn auch keine als absolut sichere und alleinige 
Ursache anzusehuldigon ist. Vielmehr muss man gerade dess- 
halb und auch wegen des protrahirten Verlaufes, den event. 
Nachschüben ein Zusammenwirken aller dieser und vielleicht 
noch anderer annehmen und hier, wie wohl bei vielen derartigen 
Fällen, den Tod durch Luftembolie mit einem Zusammentreffen 
vieler ungünstiger und unglücklicher Umstände erklären (vergl. 
Hü bl). 

Immerhin zeigt dieser Fall wieder zur Genüge, wie man bei 
allen geburtshilflichen Operationen nicht peinlich genug nach 
den durch die Erfahrung gegebenen Regeln handeln kann und 
muss, insbesondere auch, wie nothwendig es ist, hierbei Alles, 
was eine Herabsetzung des intraabdominellen Druckes unter den 
atmosphärischen bedingen oder bewirken könnte, zu vermeiden 
oder wenigstens auf das Geringste zu beschränken. 

Ich erlaube mir daher, Folgendes vorzuschlagen: 

1. Alle geburtshilflichen Operationen sind womöglich in 
Steissrückenlage mit etwas erhöhtem Oberkörper vorzunehmen. 
Dabei ist auf einen andauernd guten Kontraktionszustand des 
Uterus zu achten. Ich bin mir dabei wohl bewusst, dass zur 
Vornahme einiger Operationen, z. B. bei der Reposition vorge¬ 
fallener Theile, schweren Wendungen etc., die S i m s’sche Seiten¬ 
lage oder auch die Knieellenbogenlage nicht immer zu umgehen 
sein wird, doch sollte man sie im Hinblick auf die mögliche 
Luftaspiration nur auf strikteste Indikation hin wählen. 

2. Die Ausführung manueller Plazentarlösungen und kom- 
binirter Wendungen bei Placenta praevia ist unter anhaltender 
Irrigation der Scheide, resp. der Uterushöhle mit physiologischer 
Kochsalzlösung — natürlich unter allen gegebenen Kautelen — 
zu machen. Ich gehe hierbei von folgenden Erwägungen aus: 
Einmal wird die mit der Hand unvermeidlich doch eingebrachte 
Luft auf ein Minimum beschränkt werden. Und dann, sollte 
doch Aspiration in die Blutbahn eintreten, so würde die in den 
Organismus gelangende Salzlösung demselben nicht nur nicht 
schaden, im Gegensatz zu Ausspülungen mit Karbol-, Lysol- oder 
Sublimatlösungen, bei denen sogar gelegentlich plötzliche Todes¬ 
fälle festgestellt sind, sondern vielmehr im Stande sein, den wohl 
stets bereits eingetretenen grösseren Blutverlust zu ersetzen und 
so direkt belebend und kräftigend zu wirken. Die Ausführung 
als solche dürfte wohl auch nicht auf zu grosse Schwierigkeiten 
stossen. 

Wenn auch diese Vorschläge gewiss nicht künftighin alle- 
Fälle von Luftembolie zu verhindern vermögen, so hoffe ich doch, 
dass deren Zahl durch sie einigermaassen beschränkt werden 
könnte, was bei ihrer Gefährlichkeit nur zu begrüssen wäre. 
Literatur. 

1. Ols hausen: Monatssehr. f. Geburtskunde Bd. 24, 1864. 

— 2. H e g a r: Archiv f. Gynäkologie Bd. IV und V, 1872—73. — 

3. Közmärszky: Archiv f. Gynäkologie Bd. XIII, 1878. — 

4. Braun: Wiener med. Woohenschr. XXXIII, 27 u. 28, 1883. — 

5. Kramer: Zeitsehr. f. Geburtsh. u. Gynäkologie Bd. XIV, 
Heft 2, 1888. — 6. A. Hauer: Zeitschr. f. HeUkunde Bd. XI. 
2 u. 3, 1890. — 7. Krukenberg: Zentralbl. f. Gynäkologie 
1892, p. 169. — 8. Boss: Inauguraldissertation, Breslau 1894. — 
9. Freudenberg: Zentralbl. f. Gynäkologie Bd. XVIII, 20, 1894. 

— 10. II. Heuck: Zeitschr. f. Geburtsh. u. Gynäkologie 
Bd. XXVIII, 1894. — 11. I, e s s e: Zeitschr. f. Geburtsh. u. Gynäko¬ 
logie Bd. XXXV, 1896. — 12. R. Heller, W. Mager. 
II. Schrötter: Zeitschr. f. klin. Med., Suppl.-Heft 1897. — 

13. F. Zorn: Münch, med. Wochenschr. XLV, 18, 1898. — 

14. H. IIÜ bl: Wiener klin. Wochenschr. XIII, 5, 1900. 


Die Behandlung des chronischen trockenen Mittel¬ 
ohrkatarrhs durch Sitzungen in der pneumatischen 

Kammer. 

Von Dr. Hamm, Spezialarzt für Ohren-, Nasen- und Hals¬ 
krankheiten in Braunschweig. 

Der chronische Mittelohrkatarrh ohne Exsudatentwicklung 
— die Sklerose des Mittelohrs — ist von jeher eine crux medi- 
corum gewesen. Es hat nicht an Bemühungen gefehlt, die durch 
die Krankheit verursachten Beschwerden zur Heilung zu bringen, 
und es gibt eine ganze Reihe von Behandlungsmethoden. Aber 
gerade diese Mannigfaltigkeit, die von Jahr zu Jahr grösser wird, 


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4. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


187 


bc-weiat, dass mit den bisher erreichten Resultaten weder Aerzte 
noch Patienten zufrieden waren. Viele Ohrenärzte beschränken 
sich nach mancherlei Enttäuschungen darauf, jedes Jahr einige 
Wochen lang regelmässig die Luftdouclie anzuwenden, und ihre 
' Resultate sind gewiss nicht schlechter, als die solcher Kollegen, 
•die nach allen neu und eindringlich empfohlenen Mitteln greifen. 
Sie wenden die Luftdouche in der Hoffnung an, eine Ver¬ 
schlimmerung des Krankheitsprozesses zu verhüten; ob der 
Zweck wirklich erreicht wird, bleibe dahingestellt. Von anderer 
Seite wird die Luftdouche verworfen und direkt für schädlich 
gehalten. Viel erreicht wird mit der Luftdouche gewiss nicht, 
aber schlechter als das meiste Neuauftauchende ist sie auch nicht. 
Man hat sich nun neuerdings mit Vorliebe der Trommelfell¬ 
massage zugewandt, nachdem die medikamentöse und chirurgische 
Therapie vollständig im Stich gelassen haben; ob die von 
Fischenich neuerdings empfohlene intratubale Injektion 
einer 2 proz. wässerigen Pilokarpinlösung besser ist als alles 
Bisherige, müsste einmal nachgeprüft werdon, die von 
Fischenich angegebenen Resultate klingen sehr ermuthigend. 

Die einfachste Ausführung der Trommelfellmassage ge¬ 
schieht durch die von Hommel in die Praxis eingeführte 
Tragus-Presse. Dieselbe besteht darin, dass der Patient den 
Tragus in den äusseren Gehörgang einpresst und auf diese Weise 
eine Luftverdichtung im äusseren Gehörgang zu erstreben sucht. 
Die Prozedur soll in einer Minute ungefähr 120—150 mal aus¬ 
geführt werden und bei 4—6 maliger Ausführung am Tage jedes 
Mal etwa IV 2 Minuten dauern. Es leuchtet natürlich ein, dass 
es unmöglich ist, auf diese Weise einen festen Abschluss des 
äusseren Gehörgangs zu erreichen, und so ist es überhaupt frag¬ 
lich, ob wirklich eine Luftverdichtung und damit eine Massage¬ 
wirkung auf das Trommelfell zu Stande kommt. Es werden 
daher mehr oder weniger komplizirte Apparate zu diesem Zweck 
benutzt. Der einfachste ist der Rarefacteur von Delstancho, 
welcher den S i e g 1 e’schen Ohrtrichter in Verbindung setzt mit 
einem Handkompressionsapparat. Die Erfolge sollen, wie bei 
jedem Apparat angegeben wird, bei frischen Fällen von Sklerose 
ganz gute sein, während bei älteren jede Heilwirkung ausbleibt. 
Ein zweifellos sehr sinnreich ersonnenes Instrument ist die 
federnde Drucksonde von Lucae, die auf den kurzen Fortsatz 
des Hammers aufgesetzt wird und nun in kleinen Stössen den 
Hammer mobilisiren soll; jede brüske Bewegung kann durch die 
in der Sonde angebrachte Spiralfeder vermieden werden. Die 
Anwendung der Drucksonde ist manchmal sehr schmerzhaft 
trotz Eintauchens der Sonde in eiskalte Kokainlösung, wie 
Lucae empfohlen hat. Auch kommt es vor, dass nach längerer 
Anwendung der Sonde die Applikation auf einmal schmerzhaft 
wird, nachdem sie anfänglich gut vertragen ist. Ein fernerer 
Uebelstand ist, dass es sehr leicht vorkommt, dass das Instrument 
▼om Proceesus brevis abgleitet und nun auf dem Trommelfell 
herummassirt wird. Was nun die Erfolge anlangt, so sind die 
Meinungen über den Werth der Drucksonde sehr getheilt. Theo¬ 
retisch leuchtet es ja ein, dass ein Druck direkt auf den Hammer 
sich durch den Amboss auf den Steigbügel fortsetzt und die 
Steigbügelplatte zur Bewegung bringt, aber leider ist das nur 
theoretisch der Fall. Nur wenige Autoren wissen von guten 
Erfolgen zu berichten; von vielen wird das Instrument überhaupt 
nicht mehr angewendet. Urtheilt man unbefangen, dann muss 
man sagen, dass die Erfolge durchaus nicht ermuthigend sind 
— trotz der neuesten Publikation J a c o b s o n’s zu Gunsten der 
Drucksonde. Ich selbst bin von sehr geübter Hand ungefähr 
Vi Jahr lang täglich mit der federnden Drucksonde behandelt 
worden, habe durch die Massage eine leichte Entzündung des 
Trommelfells bekommen und keinerlei Nutzen, sondern eher Ge¬ 
hörsverschlechterung gehabt. Ich will übrigens bemerken, dass 
Lucae, dem Zuge der Zeit folgend, neuerdings eine elektro¬ 
motorisch betriebene Drucksonde konstruirt hat, welche natürlich 
dieselben Vorzüge besitzen soll, wie die mit der Hand betriebene. 

Eine wirklich starke Erschütterung des Trommelfells findet 
durch die komplizirten Vibrationsapparate von W e g e n e r, 
Breitung u-A. statt. Der W e g e n e rische Vibromasseur, 
beschrieben im Archiv für Ohrenheilkunde, Bd. 41, H. 3 u. 4, 
ist von seinem Erfinder nur als wirksam gegen das lästige Ohren¬ 
sausen angegeben worden. Er besteht im Wesentlichen aus 
einem Kessel,, in dem die Luft nach Belieben komprimirt und 
verdünnt werden kann. Durch einen Gummischlauch, der luft¬ 
dicht in den äusseren Gehörgang eingesetzt wird, steht dieser 


Kessel mit dem Ohr in Verbindung. Es lässt sich nicht be¬ 
streiten, dass der Apparat gegen Ohrensausen sehr gut wirkt; 
dasselbe kann in der That vollständig verschwinden, allein es 
kommt leicht nach einigen Monaten wieder und dann ist es 
möglich, dass auch die geringste Erschütterung durch den Vibro¬ 
masseur so schmerzhaft ist, dass man den Apparat überhaupt 
nicht anwenden kann (eigene Beobachtung). Es kommt auch 
vor, dass das Ohrensausen überhaupt imbeeinflusst bleibt, selbst 
bei längerer Anwendung. Was die Hörverbesserung anlangt, so 
hat Wegen er angegeben, dass eine solche nur zuweilen ein- 
tritt und von vornherein durchaus nicht zu erwarten ist. Ich 
kann das bestätigen. In einer ganzen Reihe von Fällen habe ich 
nur ein einziges Mal eine ganz bedeutende Hörverbesserung ge¬ 
sehen; ob dieselbe dauernd gewesen ist, weise ich allerdings nicht. 
Nach ähnlichem Grundsatz der Luftverdichtung und Luft Ver¬ 
dünnung ist die Zahl der elektromotorisch betriebenen Apparate 
konstruirt, von denen der bekannteste der von Breitung ist. 
Da diese nach meiner Meinung nicht mehr als der W egener- 
sche Vibromasseur leisten können, habe ich sie nicht in Anwen¬ 
dung gezogen. Lucae urtheilte kürzlich (Arch. f. Ohrenheilk., 
Bd. 51, H. 1) folgendermaassen: „Der Hauptwerth der elektro¬ 
pneumatischen Massage besteht nach allen meinen bisherigen 
Erfahrungen darin, dass sie uns in Verbindung mit dem 
S i eg 1 e’schen Trichter ein vorzügliches Hilfsmittel zur Prüfung 
der Beweglichkeit des Trommelfells und Hammergriffs an die 
Hand gibt.“ Ich muss offen gestehen, es ist von einem schwer¬ 
hörigen Patienten ein bischen sehr viel verlangt, sich 4 Wochen 
und länger täglich massiren zu lassen, damit — der behandelnde 
Arzt zu einer exakten Diagnose kommt, mit welcher dann dem 
Kranken aber auch noch nicht geholfen ist. 

Die Ursachen des Misserfolges der bisherigen Behandlungs¬ 
methoden haben nach meiner Meinung ihren Hauptgrund in 
der zu schwachen mechanischen Einwirkung. Die Sklerose der 
Paukenhöhlenschleimhaut beruht bekanntlich auf einer narbigen 
Schrumpfung, die sowohl primär wie als Folge eines chronischen 
hyperplastischen Katarrhs eintreten kann. Dazu tritt sehr oft 
eine Einlagerung von Kalksalzen, die das Ganze noch starrer und 
spröder macht. Soll die Schleimhaut wieder geschmeidiger, die 
Knöchelchen leichter beweglich gemacht werden, dann muss: 
1. der angewendete Druck stärker sein, 2. die Dauer des jedes¬ 
maligen Druckes verlängert werden, da mit den kurz dauernden 
Druckstössen der Massage nichts erreicht worden ist. Der Druck 
muss langsam ansteigen, da die öfter zu beobachtende Schmerz¬ 
haftigkeit der Massage wahrscheinlich darauf zurückzuführen 
ist, dass Druckerhöhung und Drucknachlass zu schnell auf¬ 
einander folgen und so akute Zerrungen eintreten. Ein solches 
„Instrument“, das diese Vorzüge aufzuweisen hat, ist die pneu¬ 
matische Kammer, die bei Ohrenkrankheiten systematisch nur 
ganz vereinzelt angewendet worden ist. Auf die wohlthätige 
Wirkung derselben bei Ohrenkrankheiten bin ich aufmerksam 
gemacht durch die Arbeiten von L i e b i g in Reichenhall- 
München. L i e b i g schreibt über die Beobachtungen, die er 
zufällig an Schwerhörigen, welche die Kammern in Reichenhall 
benutzten, gemacht hat, in seinem Buche „Der Luftdruck in den 
pneumatischen Kammern und auf Höhen“ auf Seite 144 fol¬ 
gendermaassen : 

„Katarrh der Tuben und der Trommelhöhle. Schon zufällige 
Beobachtungen ln den Luftschachten haben die Aufmerksamkeit 
auf den Nutzen des Luftdruckes für das Gehör gelenkt, und viele 
Aerzte, wie Berti n, Pravaz, Levinsteln, G. Lange, 
Freud und L a n d a h 1, welcher in 127 Füllen 62 mal Erfolg 
hatte, haben die guten Wirkungen bestätigt. Bei Kranken, welche 
schon lange von Ohrenärzten ohne Wirkung behandelt waren, hat 
man noch erfreuliche Resultate erzielt. 

Dr. H o v e n t in Brüssel hat mehrere Arbeiten veröffentlicht, 
in welchen er zahlreiche Beispiele über die guten Wirkungen des 
Luftdruckes bei Gehörleiden gibt; er gebrauchte aber einen höheren 
Druck als wir. Ich selbst habe einige Fälle zufällig beobachtet, 
in welchen die Wirkung auf das Gehör augenfällig war. Ein 
Seminardirektor aus Norddeutschland, welcher die Kammer 
brauchte, hatte die Absicht, sich seines Gehöres wegen pensioniren 
zu lassen; er fand aber durch den Luftdruck so grosse Besserung, 
dass er sein Amt wieder versehen konnte. 

Wenn die Ohrenärzte ihre Kranken schicken würden, dann 
könnte gewiss eine Kammer mit höherem Druck für sie ein¬ 
gerichtet werden.“ 

Bei der Trostlosigkeit der bisherigen Therapie erschien es 
nun durchaus wünscheuswerth, den Werth des pneumatischen 
Kabinets bei der Behandlung der trockenen Mittelohrerkrank¬ 
ungen unparteiisch zu prüfen, um zu ermitteln, ob es der Mühe 

3* 


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188 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


werth sei, schwerhörige Patienten einer solchen Kur zu unter¬ 
werfen. Ich will im Folgenden über meine Erfahrung an 
8 Patienten, die ich lediglich mit Luftdruck behandelt habe, 
hiermit berichten. Ich werde mich bemühen, ganz objektiv zu 
sein, trotzdem ich selbst unter den Patienten bin. Die Zeit des 
Beginns der Behandlung liegt fast 1 Jahr zurück, so dass ich 
auch wohl ein Urtheil darüber abgeben kann, ob der Erfolg 
angehalten hat. 

1. H. L., 21 Jahre alt, Schlosser, Ist schon als Kn{ibe von 
12 Jahren wegen Schwerhörigkeit mit Luftdouche behandelt, die 
das Leiden in Schranken hielt, so lange der Patient die Schule 
besuchte. Als er ln eine Fabrik eintrat, nahm die Schwerhörig¬ 
keit zu, trotzdem alljährlich 4 Wochen lang täglich die Luft¬ 
douche angewendet wurde. Seiner Beschreibung nach ist der 
Patient auch in einem Jahr mit der Drucksonde behandelt worden, 
und zwar ohne jeden Erfolg. Ich selbst habe den Patienten mit 
dem W e g e n e r’schen Vibromasseur behandelt, aber auch ohne 
Erfolg. Ueber Ohrensausen wurde nicht geklagt. Die Unter¬ 
suchung ergibt auf dem rechten Ohr ein diffus getrübtes, milchig 
aussehendes Trommelfell, auf dem linken eine zentrale trockene 
Perforation. Das Gehörvermögen beträgt vor der Behandlung: 

Taschenuhr: rechts und links nicht gehört 

Flüstersprache: rechts am Ohr, links nicht gehört 

Konversatiousspraclie: rechts 20 cm, links 17 cm. 

(Es wurde auf Zahlen und leichtere Worte geprüft.) 

Es bestand also eine ziemlich hochgradige, allen bisherigen 
Behandlungsmethoden trotzende Schwerhörigkeit, die, zumal bei 
dem Berufe des Patienten, eine ungünstige Prognose gab. 

Nach der 6. Sitzung ergab die Geliörprüfuug: 

Uhr: rechts und links nicht gehört. 

Flüstersprache: rechts 12—19 cm, links 10 cm. 

Konversationssprache: rechts 120—150 cm, links 82—89. 

Nach der 10. Sitzung: 

Uhr: rechts und links nicht gehört. 

Flüstersprache: rechts 28 cm, links 7 cm. 

Konversationssprache: rechts 200 cm, links 80 cm. 

Dabei bestand leichter Bronchialkatarrh (Erkältung). 

Nach der 20. Sitzung: 

Uhr: rechts 8 cm, links 6 cm. 

Flüstersprache: rechts 120 cm, links 30 cm. 

Konversationssprache: rechts und links 650 cm. 

Auf dieser Höhe hielt sich das Gehörvermögen, ohne sich 
weiter zu bessern, etwa 3 Wochen, als es rapide wieder abnahm 
in Folge einer starken Erkältung. Der Patient war nämlich eines 
Morgens ohne Ueberzieher und ohne Schirm durch einen furcht¬ 
baren Schneesturm eine Viertelstunde weit nach seiner Arbeits¬ 
stelle gegangen, und hatte hier ln einem zugigen Raum den 
ganzen Tag in durchnässten Kleidern gearbeitet. Die Folge war 
eine starke Bronchitis und doppelseitige katarrhalische Otitis 
media ohne Exsudatbildung. Die Sitzungen in der pneumatischen 
Kammer wurden nusgesetzt, und Luftdouche durch Katheterismus 
angewendet. Nun hob sich das Gehör wieder, so dass es 
4 Wochen nach Aufhören der Sitzungen betrug: 

Uhr: rechts nicht gehört, links 8 cm. 

Flüstersprache: rechts 04 cm, links 58 cm. 

Konversationssprache: beiderseits 4 m. 

Die Behandlung wurde jetzt abgebrochen. Eine Nachunter¬ 
suchung nach 6 Monaten ergab folgendes Resultat: 

Uhr: rechts 12 cm, links 0 cm. 

Flüstersprache: rechts 148 cm, links 12 cm. 

Konversationssprache: rechts 600 cm, links 65 cm. 

Der Patient gibt an, im Verkehr durch besseres Sprachen- 
verständniss bedeutende Erleichterung zu verspüren. 

2. Frau B., 36 Jahre alt, seit langen Jahren schwerhörig, 
schon viel mit Luftdouche ohne Erfolg vorbehandelt Die Unter¬ 
suchung ergibt doppelseitigen chronischen Mittelohrkatarrh, keine 
Trommelfeilperforation. In der rechten Nasenhöhle mehrere iu 
Eiter schwimmende Polypen, die rechte Kieferhöhle bleibt bei der 
Durchleuchtung dunkel. Die Anbohrung der Kieferhöhle entleert 
stinkenden Eiter, doch bleibt die Operation des Empyems und die 
Entfernung der Nasenpolypen ohne Einfluss auf das Gehör. Das¬ 
selbe beträgt vor der Behandlung: 

Uhr: beiderseits nicht gehört 

Flüstersprache: rechts 14 cm, links 11 cm. 

Konversationssprache: beiderseits 130 cm. 

Am Schluss der etwa 6 Wochen lang täglich angewandten 
Sitzungen: 

Uhr: rechts nicht gehört, links 8 cm. 

Flüstersprache: beiderseits 400 cm. 

Konversationssprache: beiderseits 800 cm. 

Die grosse Besserung hat leider nicht angehalten, sondern ist 
allmählich wieder verloren gegangen; die Patientin kann indcss 
zeitweise wieder besser hören. 

3. Kuufmann V., 26 Jahre alt sehr starke Schwerhörigkeit 
beiderseits, seit Jahren bestehend, bisher stets erfolglos behandelt. 
Vor etwa 6 Jahren ist ihm in der Ohrenklinik in X der Hammer 
des rechten Ohres mit dem denkbar ungünstigsten Resultat ent¬ 
fernt worden, nachdem der Patient gebessert entlassen war. Es 
finden sich leider immer noch Ohrenärzte, die den Muth haben, 
bei trockener chronischer Otitis media operativ einzugreifen und 
ihre angeblich glänzenden Resultate zu veröffentlichen. 


Patient hört vor der Behandlung nur Konversationssprache 
am Ohr, sehr laut Gesprochenes ln 9 cm Entferung. 

Der Fall war von vornherein vollständig aussichtslos, es trat 
eine leichte Besserung ein, die indess nicht angehalten hat. 

4. Schmied W. M.. 45 Jahre alt, Otitis media chronica beider¬ 
seits, bisher stets erfolglos behandelt. Hört vor Beginn: 

Uhr: nicht gehört. 

Flüstersprache: rechts nicht gehört, links 40 cm. 

Konversationssprache: rechts 18 cm, links 260 cm. 

Patient hörte nach Beendigung der Sitzungen bedeutend 
besser, doch ging dieser Fortschritt alsbald in Folge der Berufs¬ 
arbeit verloren, so dass die Behandlung als nutzlos zu bezeichnen 
ist. Doch machte es den Eindruck, als ob der Patient in einem 
anderen, die Ohren weniger schädigenden Berufe wahrscheinlich 
mit dauerndem Erfolge behandelt wäre. 

5. H. H., Kesselschmied, Otitis media chronica beiderseits, 
vor mir ohne Erfolg durch Lufdouehe behandelt Hört vor Beginn: 

Uhr: beiderseits nicht. 

Flüstersprache: rechts 42. links 36 cm. 

Konversationssprache: rechts 130 cm, links 115 cm. 

Im Laufe der Sitzungen bessert sich das Gehör unbedeutend, 
und auch das verschwindet sehr bald in Folge der Berufsarbeit. 

6. A. I\, Maurer, Otitis media chronica beiderseits, bisher ohne 
Erfolg mit Luftdouche und Massage behandelt. 

Vor der Behandlung: 

Uhr: rechts 22 cm, links nicht gehört. 

Flüstersprache: recht 34 cm, links 23 cm. 

Konversationssprache: rechts 100 cm, links 47 cm. 

Am Schluss der Behandlung: 

Uhr: rechts 15 cm, links nicht gehört. 

Flüstersprache: rechts 260 cm, links 84 cm. 

Konversationssprache: rechts 400 cm, links 200 cm. 

Die Besserung hat nicht angehalten, Patient hört nur noch zu¬ 
weilen besser. 

7. C. L., Schlosser, Otitis media chronica, rechts trockene 
zentrale Perforation, schon vielfach ohne Erfolg behandelt 

Uhr: links nicht gehört, rechts 8 cm. 

Flüstersprache: rechts 60 cm, links 54 cm. 

Konversationssprache: rechts 260 cm, links 130 cm. 

Im Laufe von 6 Wochen, während welcher Patient mit 
2 kleinen Pausen täglich Sitzungen nahm, bessert sich das Gehör 
auf: 

Uhr: rechts 27 cm, links 11 cm. 

Flüstersprache: beiderseits 200 cm. 

Konversationssprache: 8 m. 

Die wiederholte Nachuntersuchung ergibt stets das gleiche Re¬ 
sultat, Pat. hat im Verkehr absolut keine Schwierigkeiten mehr, 
hält sich für geheilt 

8. Verfasser, seit 8 Jahren an Otitis med. chronica leidend, bis 
her ohne jeden Erfolg vielfach behandelt. Geprüft wurde nur auf 
Flüstersprache. 

Vor der Behandlung: rechts 14 cm, links 5 cm. 

Nach der Behandlung: rechts 130 cm, links 32 cm. 

In Folge mehrfacher Erkältungen ging die Besserung zurück, 
hob sich aber auf eine erneute Reihe von Sitzungen wieder auf die 
frühere Höhe. Im Nahverkehr besteht bedeutende Erleichterung, 
was sich besonders bei mit Kehlkopfkrankhelten behafteten Patien¬ 
ten bemerkbar macht. 

Ueberblicken wir die erzielten Resultate, dann müssen wir, 
um vor Ueberschätzung zu bewahren, konstatiren, dass das pneu¬ 
matische Kabinet kein Universalheilmittel gegen chronische pro¬ 
gressive Schwerhörigkeit ist, da von 8 Fällen 5 ungebessert ge¬ 
blieben sind. Es muss aber hervorgehoben werden, dass es sieb 
um schwere, eine ganze Reihe von Jahren schon bestehende 
Mittelohrkatarrhe handelte, die bisher stets erfolglos behandelt 
waren und theilweise eine Neigung zur Verschlechterung zeigten. 
Dazu kommt, dass Fall 4 und 5 in Folge ihres Berufes und 
Fall 3 in Folge sehr fortgeschrittener Schwerhörigkeit von vorn¬ 
herein als aussichtslos anzusehen waren. Auch Fall 6 (Maurer) 
bot in Folge des Berufs eine ungünstigere Prognose. Fall 1 
und 7 sind trotz des Berufes gebessert. Eine vorübergehende 
Besserung zeigte sich in allen Fällen. Eigenthümlich ist, dass 
das Gehör während des Aufenthalts im Kabinet sich sehr ver¬ 
schieden verhält; so konnte z. B. Fall 3 ohne Hörrohr, das er 
sonst immer benutzte, alles Gesprochene verstehen, während der 
Verfasser im Kabinet bedeutend schlechter hört. Irgend welche 
nachtheilige Folgen sind nicht zur Beobachtung gekommen, 
lassen sich auch jedenfalls bei vorsichtigem Ansteigen und Ab¬ 
nehmen dos Luftdrucks vermeiden. Die Dauer der Sitzung be¬ 
trug IVa Stunden, von denen 25 Minuten auf das Ansteigen und 
40 Minuten auf das Heruntergehen des Druckes verwendet 
wurden. Ein grosser Vorzug des Verfahrens ist, dass es auch 
bei grossen Perforationen oder Fehlen des Trommelfells ange¬ 
wendet werden kann. Vielleicht würde sich nach Radikalopera¬ 
tionen, wenn die Eiterung beseitigt und noch ein Rest Gehör¬ 
vermögen vorhanden ist, eine Luftdruckbehandlung empfehlen; 
darüber müssten Versuche angestellt werden. Jedenfalls ist da3 


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4. Februar 1&02. 


MtXENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


189 


pneumatische Kabinet den bisherigen Methoden überlegen, da 
es in mehreren Fällen geholfen hat, wo jene versagten. Eine 
genauere Bestimmung der Fülle, welche für das pneumatische 
Kabinet geeignet sind, lässt sich erst durch eine grössere Anzahl 
von Fällen geben, die von mehreren Seiten herzugetragen werden 
müssen. Unbedingt nöthig ist allerdings völlige Objektivität, 
die leider bisher sehr gefehlt hat, so dass man wohl massenhaft 
Arbeiten über günstige Erfolge von den mancherlei existirenden 
Massageinstrumenten finden kann, aber nur ganz vereinzelt wirk¬ 
lich ruhige und vorurtheilslose Kritiken. Dadurch ist es ge¬ 
kommen, dass viele Fälle einer ungeeigneten Behandlungsweise 
unterworfen worden sind, die nicht immer ohne Schaden für 
den betreffenden Patienten abgelaufen sind. 

Die Dauer einer Kur schwankte zwischen 25 und 40 Sitz¬ 
ungen. Anfänglich habe ich die Patienten unter einem Ueber- 
druck von '/„ später ‘/, und zeitweilig l 1 /, Atmosphären sitzen 
lassen, am günstigsten scheint 1 Atmosphäre zu wirken. Es 
scheint, als ob in den dauernd beeinflussten Fällen noch eine 
günstige Nachwirkung eintritt. Wahrscheinlich wird es in den 
gebesserten Fällen wünschenswerth sein, jedes J ahr eine Reihe von 
Sitzungen zu nehmen, um die Besserung aufrecht zu halten. 
Darüber, wie über manche andere Fragen, die noch der Auf¬ 
klärung bedürfen, muss die Zukunft entscheiden. Vorläufig hat 
1 mir daran gelegen, auf die günstige Wirkung des pneumatischen 
\ Kabinets hinzuweisen und die Herren Kollegen zu gleichen Ver¬ 
suchen anzu regen. 


I Aus dem k. Institut für experiment. Therapie in Frankfurt a/M. 

(Direktor: Gell. Med.-Rath Prof. Dr. P. Ehrlich.) 

Ueber den Austritt des Hämoglobins aus sublimat¬ 
gehärteten Blutkörperchen. 

Von Dr. Hans Sachs, Assistenten am Institut. 

Die folgende Mittheilung wurde durch Untersuchungen von 
Matthes 1 ) veranlasst, die zur Aufklärung der Frage von der 
Rolle des Immunkörpers (Ambozeptors) bei der Hämolyse an¬ 
gestellt wurden. Die Eigenart der interessanten Versuchs¬ 
resultate fordert zu einer eingehenden Betrachtung der in Frage 
kommenden Faktoren auf, deren Resultat uns zu einer ganz 
anderen Auffassung der auch von uns bei einer Nachprüfung 
festgestellten thatsächlichen Befunde geführt hat. 

Dass zunächst normale und ebenso sensibilisirte, d. h. mit 
Immunkörpern beladene rothe Blutkörperchen durch verdauende 
Fermente nicht angegriffen werden, können wir nach eigenen 
vielfachen, früheren Erfahrungen mit Pepsin, Pankreatin und 
I’apain bestätigen 5 ). Bei Verdauungsversuchen mit Pepsin und 
Pankreatin besteht allerdings die Schwierigkeit, dass der dem 
Optimum der Wirkung entsprechende Gehalt an Salzsäure resp. 
Alkali an und für sich nicht indifferent für die Blutkörperchen 
ist, so dass man gezwungen ist, mit diesen Fermenten unter 
relativ ungünstigen Bedingungen zu operiren. 

Matthes tödtote nun Blutkörperchen durch Vorbehand¬ 
lung mit HuyemVcher Lösung (die bekanntlich l A Proz. 
Sublimat enthält) ab und fand, dass derart vorbehan¬ 
delte Blutkörperchen unter dem Einfluss 
wirksamer Pankreasflüssigkeit leicht gelöst 
werden. Diese fixirten Blutkörperchen, die selbst der zer¬ 
störenden Wirkung des destillirten Wassers nicht mehr zu¬ 
gänglich sind, lösten sich aber auch im spezifisch-hämo¬ 
lytischen Serum und — sogar im eigenen normalen 
Serum. Wir konnten die Richtigkeit dieser Angaben leicht 
bestätigen, können uns aber nicht Matthes anschliessen, wenn 
er die Lösung der fixirten Blutkörperchen durch Pankreatin 
als Verdauung auf fasst und der H a y e m’schen Lösung gewisser- 
maassen die Rolle eines Immunkörpers zuschreibt? Die auf¬ 
fällige Thatsache, dass die fixirten Blutkörperchen sich sogar 
in ihrem eigenen Serum auflösen, erschien uns vielmehr als eine 
Folge der Bindung des in den Blutzellen haftenden und ihre 

: ) M. Matthes: Experimenteller Beitrag zur Frage der Hämo¬ 
lyse. Münch, med. Wochenschr. 1902, No. 1 (7. Januar). 

*) Nach neueren Untersuchungen von Herrn Dr. Morgen- 
r o t h Ist auch das von C o h n h e 1 m beschriebene und uns von 
Ihm freundlichst zur Verfügung gestellte interessante Darmferment. 
Erepsin nicht im Stande, sensibüisirte Blutkörperchen anzu¬ 
greifen. 

No. 6. 


Lösung verhindernden Sublimats durch das Eiwei&s des Serums, 
und die Versuche, die ich auf Veranlassung von Herrn Geh.-Rath 
Ehrlich nach dieser Richtung hin angestellt habe, haben 
diese Auffassung voll und ganz bestätigt. 

Ich benutzte nach dem Vorgang von Matthes Kaninchen¬ 
blut, welches, serumfrei mit Hayem’scher Lösung im Verhält¬ 
nis von 1:4 versetzt, nach kurzem Stehen zentrifugirt und 
3 bis 4 mal mit 0,85 proz. Kochsalzlösung gewaschen wurde. 

Schliesslich wurde eine 5 proz. Aufschwemmung des fixirten 
Blutes in 0,85 proz. Na Cl-Lösung bereitet und stets die ent¬ 
sprechende Kontrole mit normalem 5 proz. Kaninchenblut an¬ 
gestellt. Zu den Versuchen diente 1 ccm der 5 proz. Blut¬ 
aufschwemmung, und es wurde die Flüssigkeitsmenge nach Zu¬ 
fügen des Reagens durch physiologische Kochsalzlösung auf 
2 ccm gebracht. 

Es stellte sich zunächst heraus, dass nicht nur 
frisches Kaninchenserum, sondern auch durch 
Vs ständige Erwärmung auf 56° inaktivirtes 
und sogar mit physiologischer Kochsalz¬ 
lösung auf das 10 fache Volumen verdünntes 
und dann eine Stunde lang gekochtes Ka¬ 
tt inchenserum noch in einer Menge von 0,075 ccm Serum 
vollständige, und zwar fast momentane Auflösung des 
fixirten Kamnchenblutes bewirkt. Es kann hiernach wohl von 
einer wirklichen Giftwirkung des Serums keine Rede sein, viel¬ 
mehr deutet schon dieser Versuch darauf hin, dass hier anders¬ 
artige Einflüsse die merkwürdige Erscheinung bedingen. Wenn 
die Auffassung richtig ist, dass es sich um eine Quecksilber¬ 
bindung durch das Serumeiweiss handele, so musste es auch 
möglich sein, durch andere Quecksilber entziehende Mittel die 
Auflösung der mit Haye m’scher Lösung fixirten Blutkörper¬ 
chen herbeizuführen, was in der That leicht gelingt. Ich wählte 
Jodkalium und Natriumhyposulfit zu dieser Probe und fand, 
dass schon äusserst kleine Mengen dieser Substanzen die so¬ 
fortige Auflösung des fixirten Blutes herbeiführen. Es genügten 
0,00075 ccm einer 20 proz. Jodkaliumlösung in physiologischer 
Kochsalzlösung und 0,00025 ccm einer ebensolchen Natriumhypo- 
sulfitlösung,um leem unserer 5 proz. fixirten Blutaufschwemmung 
vollkommen aufzulösen*). Durch dieses Ergebniss ist 
die von uns vermuthete Funktion des Serum¬ 
ei weisses bei den von Matthes erhobenen 
Befunden sichergestellt. Man wird sich demgemäss 
vorstellen müssen, dass die mit Haye m’scher Lösung ge¬ 
waschenen Blutkörperchen sich in Wasser nur desshalb nicht 
lösen, weil das in ihnen gebundene Quecksilbersalz den Austritt 
des Hämoglobins verhindert. Dabei kann es sich darum handeln, 
dass die löslichen Stoffe, z. B. das Hämoglobin, mit dem Sublimat 
eine unlösliche Verbindung eingehen; es ist aber auch aus¬ 
reichend, wenn man anninnnt, dass die Grenzmembran des Diseo- 
plasmas durch das eingelagerte Quecksilbersalz eine die Diffusion 
des Blutfarbstoffs verhindernde Dichtung erfährt. Wie dem aber 
auch sei, jedenfalls werden alle Einflüsse, die die Quoehsilber- 
verbindung sprengen, eine sofortige Auflösung des Hämoglobins 
bedingen, da, im Sinne Ehrlich’s ausgedrückt, das im leben¬ 
den Zustande die Diffusion des Hämoglobins verhindernde Disco¬ 
plasma durch die Sublimatbehandlung abgetüdtet worden ist. 

Es ist hiernach leicht ersichtlich, dass auch die von 
Matthes beschriebene Lösung des fixirten Blutes durch 
Pankreatin nicht im Sinne einer Verdauung gedeutet 
werden muss, da jede derartige Fermentlösung genügend Eiweiss 
enthält, um die Wirkung auf unsere Weise zu erklären. Auch 
dies konnte ich durch den Versuch bestätigen, indem neu¬ 
trale Pepsin- und Pankreatinlösungen ihre auch von uns fest¬ 
gestellte hämolytische Wirkung auf fixirtes Blut in gleicher 
Weise nusüben, wenn sie vorher 1 Stunde lang auf 
95° erhitzt wurden. 

Zum Schlüsse sei bemerkt, dass, wie ja a priori zu erwarten 
ist, auch nach Fixirung mit einer V* proz. Sublimatlösung in 
0,85*proz. Kochsalzwasser anstatt mit Haye m’scher Flüssigkeit 
die Blutkörperchen sich ganz analog verhalten, und dass die 
gleichzeitig angestellten Kontrolen mit normalem Blut in allen 
Versuchen negativ ausfielen. Dagegen war die Hämolyse durch 
S o 1 a n i n, das normales Blut in grossen Verdünnungen auf löst. 


*) Für normales Kaninchenblut Ist die 1000 bis 2000 fache 
Menge Jodkalium resp. Natriumhyposulflt noch Indifferent 

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ISO MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. S. 


bei fixirtem Blute selbst bei grossen Dosen nicht 
zu erzielen, da eben hierbei das nothwendige Eiweiss fehlt 
und die abgetödteten Blutzellen dem Einfluss der Blutgifte nicht 
mehr zugänglich sind. 

Wir resümiren, dass cs bei den mit Hayem’scher Lösung 
gehärteten Blutkörperchen nur das chemisch gebun¬ 
dene Sublimat ist. welches den Austritt des 
Hämoglobins verhindert. Alle Mittel, die im 
Stande sind, das Queeksilbersalz an sich zu 
r e i s s e n, d. h. die Blutkörperchen zu enthärten, be¬ 
wirken den sofortigen Austritt des Hämo¬ 
globins in jedem Medium. So interessant daher die 
Matthe s’schen Befunde an sich sind, so wenig dürften sie für 
die Lehre von den Hämolysinen von Bedeutung sein. Dagegen 
scheint es nicht ausgeschlossen, dass sie für eine Methode des 
Nachweises kleinster Mengen Quecksilber entziehender Sub¬ 
stanzen verwendet werden könnten. 


Ueber steile Becken-Tieflagerung bei Operationen 
an den Gallengängen. 

Von Dr. med. Wilh. Rühl in Dillenburg. 

So leicht und einfach wie sich typisch verlaufende Gallen¬ 
steinoperationen — wie z. B. die Entfernung von Gallensteinen 
aU9 der Gallenblase — abspielen können, so schwierig können 
Operationen an den Gallengängcn werden. Ganz besonders rechne 
ich hierzu die Entfernung von Steinen aus dem Clioledochus. 
Sagt doch der in dieser Hinsicht sehr erfahrene Kehr') in 
Bezug auf die Choledoehotomie wörtlich: „Die Technik derselben 
ist oft so schwierig, dass ich sie zu den schwersten Eingriffen 
rechne, die wir überhaupt bisher am Menschen vorgenommen 
haben.“ In gleichem Sinne sprechen sich die meisten Autoren aus. 

Wohl gibt es auch viele leicht und typisch verlaufende Fälle 
der Art, wo die Vorgänge bei der Choledoehotomie ohne Zwischen¬ 
fall in glatter Reihenfolge sich abwickcln (Kehr). Oft aber 
dauert die Operation stundenlang und ist überhaupt nur unter 
den grössten Schwierigkeiten durchführbar. 

Es ist die3 auch begreiflich und sozusagen fast selbstver¬ 
ständlich, wenn wir uns die Verhältnisse, unter denen operirt 
wird, klarlegen. Die Operation spielt sich an einer Stelle ab, 
wo die Gallengänge, die Pfortader und die Leberarterie mit ihren 
Aesten in sehr grosser Tiefe ganz dicht zusammenliegen. 
Auch die Vena cava liegt in allernächster Nähe. Die weitere 
direkte Umgebung besteht aus Darm, Magen, Pankreaskopf 
u. s. w. 

Jede — auch die unbedeutendste — Verletzung dieser Theilc 
kann unberechenbar schwere Folgen haben. Derartige übelc Er¬ 
eignisse sind nun um so eher möglich, als das uns geläufige ana¬ 
tomische Bild dieser Gegend häufig vollkommen verändert ist 
und zwar in einem Grade, dass die Unterscheidung der Gallen¬ 
gänge von ihrer Umgebung oft auf recht grosse Schwierigkeiten 
stösst. Ganz besonders ist dies zu erwarten, wenn in Folge 
vorausgegangener pathologischer Vorgänge Grössenveränderungen 
der Gallengänge, Schwielenbildungen, Verwachsungen, solide und 
fistulöse Adhäsionen zwischen Gallenblase, Gallengängen, Magen 
und Darm vorhanden sind. Es sind dann 2 sehr grosse Gefahren, 
welche bei Operationen in dieser Gegend drohen, nämlich eines- 
theils die Verletzung eines Darmes, des Magens etc. und die 
hieraus resultirende Peritonitis resp. Sepsis, anderntheils die 
Verletzung eines grossen Gefässes und die hierdurch bedingte 
sehr gefährliche und schwer stillbare Blutung. Sogar die Ver¬ 
letzung eines kleineren Gefässstämmehens, selbst die Durch¬ 
trennung von Adhäsionen kann schon zu erheblichen Blutungen 
führen, da bekanntlich die Cholümisehen zu Blutungen sehr 
neigen. Diese Übeln Zufälle sind um so mehr zu fürchten, als 
die Korrektur derselben durch die versteckte, tiefe und unzu¬ 
gängliche Lage des Operationsfeldes äusserst erschwert wird. 

Vor Kurzem hatte ich einen sehr schweren Fall der Art 
zu operiren und habe ich bei dieser Gelegenheit die Erfahrung 
gemacht, dass durch eine bestimmte Lagerung der zu operirenden 
Person — nämlich durch Tieflagerung des Beckens 
— die Uebersicht über das Operationsfeld, erleichtert werden 
kann. Da jeder auch noch so geringfügige Umstand, welcher bei 

*) Kehr: Die chirurgische Behandlung der Galleustelnkrauk- 
heit pag. 45. 


derartigen schweren Operationen die Orientirung zu erleichtern 
vermag, von höchster Wichtigkeit sein dürfte, so gestatte ich 
mir, den betreffenden Fall, resp. den Operationsverlauf desselben, 
zu veröffentlichen: 

Frau II. F. aus St. bei Wiesbaden, z. Z. 38 Jahre alt, war ab 
Kind stets gesund gewesen. In dem Alter von 19 Jahren — also 
vor 19 Jahren — hatte dieselbe den ersten Anfall von Gallensteiu- 
kolik gehabt. Die Patientin war damals ein halbes Jahr öfters von 
Anfällen heimgesueht worden, wobei eine Anzahl kleinerer Steine 
durch den Stuhl abgegangen waren. Nach dieser Zeit trat voll¬ 
kommenes Woldbetinden ein; Patientin fühlte sich ..kerngesund” 
bis zum 3. Januar 1901. An diesem Tage traten plötzlich furcht¬ 
bare Schmerzen auf mit starkem Erbrechen, welches sich bis zum 
Bluterbrechen steigerte. Von da ab traten fortgesetzt häutige An¬ 
fälle auf, so dass Patientin vollständig bettlägerig wurde. Schon 
nach dem ersten Anfälle wurde der Stuhl weisslicli gefärbt, auch 
trat Ikterus auf und schliesslich auch noch heftiges Hautjucken. 
Da keine Besserung eintrat, sondern im Gegentheil die Anfälle 
immer schlimmer wurden, Hess sieh Patientin zu Ende 
April v. J. in eine chirurgische Klinik aufnelunen, woselbst sie 
von einem bekannten Chirurgen operirt wurde. Bei der am 
29. April v. J. stattgehabten Operation wurden eine Menge Steine 
— darunter sehr dicke — entfernt. Der in die Gallenblase ein- 
geführte Gummischlauch wurde am 10. Tage nach der Operation 
entfernt. 

Der Erfolg der Operation war anfänglich insofern ein guter, 
als wenigstens die heftigen Schmerzen, der Ikterus und das Haut¬ 
jucken nachliessen. Doch stellte sich von da ab ein neuer, höchst 
unangenehmer Zufall ein, es floss nämlich die Gallo permanent 
durch das Drainrohr und später durch die FistelöfTnung ab. Alle 
Versuche, den Gallenabfluss zum Verschwinden zu bringen, waren 
umsonst. Wurde die FistelöfTnung fest verschlossen, so entstanden 
überaus heftige Sclmier/anfülle mit hohem Angst- und Beklein- 
tnungsgefühl, Ikterus u. s. w., genau — ja noch schlimmer — wie 
vor der Operation. Erst nach wieder eingetretenem Abfluss der 
Galle Hessen die beängstigenden Erscheinungen nach. Der Stuhl 
war und blieb stets dauernd weiss. Allmählich verlor die Frau 
den Appetit gänzlich und magerte in erschreckender Weise ab. 
Die Gewichtsabnahme ging schliesslich so rapid von statten, dass 
Patientin innerhalb der letzten 4 Wochen vor der Aufnahme in 
meine Privatkliuik 37 Pfund verloren hatte. Patientin hatte in¬ 
zwischen noch mehrere Fachkollegeu kousultirt, keiner jedoch 
hatte eine nochmalige Operation unternehmen wollen. Aui 
15. August Hess sich die Frau in meine Privatklinik aufuehmeu. 
Die ausserordentlich schwache kachektische Frau konnte sich nur 
noch mit Mühe fortbewogen. Das Abdomen war stark incteo- 
ristiseh aufgetrieben. Aus der FistelöfTnung unterhalb des rechten 
Rippenbogens floss permanent Galle ab. Ein dicker Watteverband 
musste alle 2—3 Stunden erneuert werden, da er bis dahin immer 
wieder mit Galle durchtränkt war. Es handelte sich also um einen 
kompleteu Verschluss des Clioledochus, und musste als wahrschein¬ 
lichste Ursache ein Stein ln dem Gange angenommen werden. Da 
die Frau in Folge des Verlustes sümmtlicher Galle auf das 
Aeusserste entkräftet war, so erschien — trotz des hohen 
Schwächezustandos — die sofortige Operation indizirt. Am 
29. August führte ich dieselbe in folgender Welse aus: 

Winkelschnitt, beginnend am Schwertfortsatz bis zum Nabel, 
von da senkrechter Schnitt auf derselben nach rechts, dicht unter¬ 
halb der Fistel entlang. Nach Aufklappen des so erhaltenen 
Lappens nach oben zeigten sich eine Menge strangartiger Gebilde 
und Verwachsungen, welche z. Th. doppelt unterbunden und durcli- 
trennt wurden. Die freigelegte Kuppe der Gallenblase zeigte sieb 
ausserordentlich fest mit den Bauchdecken verwachsen. Die sehr 
grosse und verdickte Gallenblase war mit dem Dünndarm, Q-uer- 
darm und Duodenum verlöthet. Da die Adhäsionen zum Theil 
sehr fest waren und sich bis in die Tiefe hin fortsetzten, so war 
deren Trennung ausserordentlich schwierig. An einer tief ge¬ 
legenen Stelle riss trotz aller Vorsicht beim Lospräpariren Serosn 
und Muskularis des Dünndarmes ein. was sofortige sorgfältige 
Doppelnaht der Bissstelle erforderte. Das Kommen Winslowii 
fand sieh vollständig obliterirt vor. theils durch strangartige Ge¬ 
bilde, theils durch kompakte, nach dem Duodenum hinziehende 
Kehwielenmassen. Nachdem ich mit grosser Mühe das Kommen 
Winslowii freigelegt hatte, konnte leli einen stark haselnussgrossen 
Stein in dem untersten Theil des Choledochus, dicht vor dem Ein¬ 
tritt desselben in «las Duodenum, fühlen. Alle Versuche, den Stein 
zu loekern und nach oIs*n zu schieben, misslangen, da derselbe 
überaus fest in dem Gange eingekeilt war. Die Freilegung dieser 
Stelle behufs Inzision war sehr schwierig, da der Choledochus nur 
rechts seitlich zugänglich erschien und gerade an dieser Stelle 
in schwielige Massen eingehüllt war. Beim Eindringen auf dieses 
Gewebe entstand trotz aller Vorsicht plötzlich eine sehr starke 
Blutung: das ganze Operationsfeld war im Augenblicke mit 
Blut überschwemmt. Dem Vorgehen K e h r's folgend, stopfte ich 
schleunigst die grosse Wundhöhle mittels steriler Gaze aus, jedoch 
die Blutung war so stark, dass die tamponirende Gaze bald mit 
Blut «lurchtränkt war. Auch sagte Ich mir, dass mit der Blut¬ 
stillung auf diese Weise der Kranken nicht viel genützt sei, denn 
der (’holedoehusversehluss war ja nicht gehoben. Ein Versuch, 
die Gaze zu entfernen und das blutende Gefäss zu fassen, gelang 
nicht, da letzteres in zu grosser Tiefe lag und lm Augenblicke der 
Wundtrichter mit Blut gefüllt war. In dieser Noth verfiel ich auf 
die Idee, den Körper in schräge Beckentief läge- 


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4. Februar 1902. 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


191 


rimg, d. h. in halbstehende Haltung zu bringen, was 
durch eine besondere Vorrichtung an meinem Operationstische 
leicht zu ermöglichen war. Der Erfolg dieser Maassregel war ein 
ül»erfasehender. Nach entfernter Gaze konnte ich — trotz der 
starken Blutung — die blutende Stelle erkennen, da das 
Blut nach unten ab floss und das Operationsterrain 
nicht mehr überschwemmte. Es war eine sehr grosse 
Vene, vielleicht die Vena portarum selbst, in deren Wand eine Ver¬ 
letzung von 4 nun Länge entstanden war. Es gelang mir nun die 
blutende Stelle rasch abzuklemmen und nachträglich mittels Venen¬ 
naht definitiv zu verseil Hessen. Auch die vollständige Freilegung 
des unteren Abschnittes des Oholedoolnis gelang mir jetzt be¬ 
deutend leichter als vorher, über h aupt erschl e n m i r d a s 
ganze Operationsfeld viel übersichtlicher als 
in horizontaler Lago der Patientin. 

Ich schnitt nun auf den Stein ein und entfernte denselben 
mittels Iiöffel und Zange. Bei Durehsolineidung des Choledocluis 
war etwas Pankrensgewebe. welches den Gang an dieser Stelle 
zum Theil umgab, mit durchtrennt worden, was zu einer nicht uu- 
lietriiehtliclien Blutung Veranlassung gab. Doch gelang es leicht, 
die blutenden Stellen in geeigneter Weise zu umstechen. Der 
rholedochus wurde mittels 0 Suturen geschlossen; dann wurde in 
geeigneter Welse (nach Poppert) drainirt 

Der Verlauf nach der Operation war anfänglich sehr besorg¬ 
niserregend. Die Frau kollabirte beträchtlich und mussten inner¬ 
halb der ersten 2 Tage wiederholt Infusionen von Kochsalz- und 
Natrium-Saccharatlösung gemacht werden. Im Peinigen machte 
die Frau eine glatte Rekonvaleszenz durch. Der Stuhl färbte sich 
sofort dunkel, der Gallenabfluss liess nach. 

Wie aus obiger Krankengeschichte hervorgeht, ist der 
schliesslich günstige Ausgang der Operation nicht zum wenigsten 
dadurch ermöglicht worden, dass zum Ende die exakte Blut¬ 
stillung noch gelang. Welche Rolle die Beckentieflagcrung dabei 
spielte, ist aus der Krankengeschichte hervorgegangen. 

Ich glaube desshalb zu der Behauptung berechtigt zu sein, 
dass durch die Bocken tieflager ung bei Operationen 
im oberen Theil der Bauchhöhle 

1. dio Blutstillung wesentlich erleichtert 
wird, da das nach unten abfliessende Blut das 
Operationsfeld nicht überschwommen kann, 

2. die Uebersicht über das Operationsfeld 
wesentlich gefördert und erleichtert wird. 

Ich empfehle desshalb diese. Lagerung den Herren Kollegen 
zur geneigten Nachprüfung und zwar nicht nur für Gallcnstein- 
ojm rationen, sondern auch für Operationen am Magen, Py- 
lorus etc. 

Allerdings muss die Lagerung in geeigneter Weise ausge¬ 
führt werden. Vor Allem muss der Körper so hoch gelagert 
werden, dass die Höhe des Operationsfeldes der Stellung des 
Ojierateurs in passender Weise entspricht. Sodann muss die 
Körperachse hinlänglich geneigt sein; am meisten wird sich eine 
Neigung der Längsachse des Körpers in einem Winkel von 45° 
gegen den Horizont bewähren. 

Myelopathische Albumosurie. 

Von Dr. T. R. Bradshaw, Arzt am Royal Infirmary und 
Dozent für klinische Medizin, TJniversity College, Liverpool. 

In einem in (1er Münch, med. Woehensehr, vom 20. August 
1901 erschienenen Artikel berichten die Herren Doktoren J o c h - 
mann und Schümm über das Vorkommen von Albumosurie in 
einem von ihnen für echte Osteomalacie erklärten Falle [1]. Die 
früheren Beobachter dieses seltenen Harnzustandes bringen — mit 
Ausnahme derjenigen, welche vor 20 Jahren darüber geschrieben 
hal>en — so ziemlich einstimmig die Albumosurie nicht mit Osteo- 
malacie. sondern mit einer zölligen Infiltration oder Neubildung 
der Knochen und des Knochenmarkes in Verbindung. Der Fall 
A s k a n a z y’s [2] bildet thatsäclillch keine Ausnahme von dieser 
Regel, denn obschon der Patient an lymphatischer Ixmkümic 
litt, wurden doch ausgedehnte Veränderungen Im Knocheuinarke 
gefunden, und die Rippen waren ausserordentlich brüchig; und 
wir müssen Anstand nehmen, ohne überzeugende Beweisgründe 
der Ansicht beizutreten, dass Albumosurie im Verlaufe von echter 
Osteomalacie auftrete. 

Bevor ich näher auf die Beweisgründe eingehe, welche die 
Herren Doktoren Jochmnnn und Schümm dafür erbracht 
hal>en, dass cs sich in ihrem Falle um echte Osteomalacie handelte, 
k* 4 es mir gestattet, darauf aufmerksam zu machen, dass sie eine 
unerklärliche Unkenntniss der Arbeiten an den Tag legen, welche 
während der letzten drei Jahre nicht nur in Gross-Britannien und 
den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, sondern auch auf 
deutschem Sprachgebiete veröffentlicht worden sind. Joch mann 
und Schumui sprechen in ihrem Aufsatz vom 20. August nur von 
7 in der Literatur vorhandenen Füllen, und sehliessen darin den 
wohlbeka nuten Fall von Byrom Bram well und Noöl Pa ton 
ein. von dem Professor Huppert jetzt überzeugt, ist. dass es 
sich überhaupt nicht um Albumosurie handelte [3]. Jeder einzelne 
dieser Fälle war von mir erwähnt in meiner ersten Arbeit über 


Albumosurie. welche bei dem Sekretär der Royal Medical and 
Chirurgical Society in London am 20. Dezember 1897 eingereicht 
und am 20. April 189S vorgetragen wurde [4]. Seitdem habe ich 
im Anschluss an denselben Krankheitsfall verschiedene Aufsätze 
veröffentlicht, in deren einem die Bezeichnung „Myelopathische 
Albumosurie" zuerst angewandt wurde [5]; ausserdem sind zahl¬ 
reiche andere Fälle in der gleichen Periode sowohl ln Europa wie 
in Amerika publizirt worden. Zuletzt, fünf Wochen vor dem 
Datum der Mittheilung von Joch mann und Schlimm, er¬ 
wähnte ich in einer Notiz im British Medical Journal, dass die 
Zahl der bekannt gegebenen Fälle Kl erreicht hätte [5]. 

Ich mache auf diese Thatsachen aufmerksam, um zu zeigen, 
dass, wie genau auch Joch mann und Schlimm in den Be¬ 
obachtungen ihres eigenen Falles gewesen sein mögen, sie doch 
nicht eine genügende Bekanntschaft mit den Arbeiten besitzen, 
welche bereits auf diesem Gebiete gemacht worden sind, als dass 
Avir berechtigt wären, ihren Ansichten ohne Weiteres beizutreten, 
avo sie von den Schlussfolgerungen anderer Beobachter alm-eichen. 
Die Herren Joch in a n n und S c h u m m stützen ihre Behaup¬ 
tung, dass es sich in ihrem Falle um echte Osteomalacie und nicht 
um sogenanntes multiples Myelom handelte, auf die Ergebnisse 
der Autopsie. Ihre Beschreibung der letzteren, obschon ohne er¬ 
läuternde Zeichnung, ist ziemlich vollständig: indess entspricht sie 
meines Erachtens AA-eit mehr der pathologisehen Anatomie des 
multiplen Myeloms als der Osteomalacie; ja noch mehr, soAvohl 
die makroskopischen Avie die mikroskopischen Befunde sind fast 
völlig identisch mit denen meines Falles. 

...... von den Wirbelkörpern fast nichts übrig geblieben 

Avar, als eine liimbeerg£16eartige pulpöse Markmasse, die nach oben 
und unten von den gut erhaltenen ZAvischenAvirbelscheiben und 
nach den Seiten von einem papierdünneu Rest der grösstenthells 
entkalkten kompakten Substanz begrenzt Avar. Ferner fand sich 
typische Knoehenerweiterung im Sternum, in den leicht mit der 
Seheere schneidbaren Rippen, soavIo in den Beckenknochen und 
den laugen Röhrenknochen.“ 

„Mikroskopisch fand sich in den am meisten veränderten 
Knoehentheilon, so in den Wirbelkörpern und den Beekenkuoclien 
ein fast gänzlicher Schwund der Spongiosabälkelien." 

„Das Knochenmark war ein äusserst zellreiehes, lympboides 
Mark, das stark liyperämisch Avar und vielfach Blutungen und 
Blutpigment enthält.“ 

Es ist mir kein Befund bekannt. Avelelier beweist, dass das 
Knochenmark Del Ost(*onmlacie Avesentlich verändert sei. Anderer¬ 
seits beschreibt die Bezeichnung „himbeergölfeartige Mnrkmnsse“ 
äusserst treffend die Neubildung in den Knochen meines Falles, 
während die mikroskopischen Erscheinungen ln beiden Füllen so 
ziemlich identisch waren. 

Wenden Avir uns nun zu dem klinischen Bilde des Falles, so 
finden Avir ebenfalls, dass er weit mehr dem multiplen Myelom, 
als der Osteomalacie entspricht, besonders betreffs der „heftigen 
Schmerzen in der Wirbelsäule und der Vorwölbung in der Höhe 
der 2. bis 4. Rippe“. Es handelte sich ferner nicht um Kom¬ 
plikation mit Schwangerschaft, der letzte Partus hatte im Jahre 
1889 stattgefunden: auch Avar das Alter ein solches, in dem Osteo¬ 
malacie nur höchst selten auftritt. 

Ich gebe die Möglichkeit zu, dass neben den Knochenneu- 
blldungen osteomalacische Veränderungen vorhanden gewesen sein 
könnten, Avie scheinbar in Schönenberg er’s Fall [7]; indessen 
kann ich keinen Befund daA-on in J o c h m a n n’s und Schum m’s 
Aufsatz augegeben finden. 

Ich möchte um so mehr betonen, dass ich der festen Ueber- 
zeugung bin, es handelte sich in dem fraglichen Falle um multiples 
Myelom und nicht um echte Osteomalacie, weil Ich ihn bereits als 
Beweis gegen meine Ansicht erwähnt finde, die ich bei verschie¬ 
denen Gelegenheiten dahin ausgesprochen habe, dass die Anwesen¬ 
heit des sogen. Bence-Jone s’schen Körpers im Harn (myelo¬ 
pathische Albumosurie) pathognomonlsch für gewisse tiefe Ver¬ 
änderungen in den Knochen und im Knochenmark ist, Ver¬ 
änderungen, welche, obschon nicht immer identisch in pathologisch- 
anatomischer Hinsicht, doch in ihrem Verlaufe bösartig sind und 
stets zum Tode führen [81. 

Die 19 unzweifelhaften Fälle, ln welchen andauernde Albu- 
mosurie von Bence-Jones'schem Typus nachgewiesen wor¬ 
den, endeten tödtlieh und mit nur zwei Ausnahmen innerhalb eines 
Jahres, nachdem sie als solche erkannt AA-aren. Diese zwei Aus¬ 
nahmen sind bemerkensAverth: In beiden Fällen handelte es sich um 
Aerzte, bei denen aus leicht A-erständlichcn Gründen ein Abweichen 
vom normalen Verhalten des Urins früh bemerkt Averden konnte. 

Ist meine Ansicht richtig, so muss cs von der höchsten Wich¬ 
tigkeit sein, zu erkennen, dass myelopathische Albumosurie nicht 
im Verlauf A-on echter Osteomalacie auftritt. Letztere ist ein nicht 
immer unheilbares Leiden, Avelches der Arzt zum Stillstand zu 
bringen hoffen darf, während die Knocheuveriinderungen bei 
niyolopathischer Albumosurie wesentlich progressiver Natur sind 
und nur die trübste Prognose zulassen. 

Literatur. 

1. Jochmann und Schümm: Typische Albumosurie bei 
echter Osteomalacie Münch, med. Wochenschr., 20. Aug. 1901. — 
2. Askanazy: Feber die diagnostische Bedeutung der Aus¬ 
scheidung des Bence-Jone s'schen Körpers durch den Harn. 
Deutsch. Arch. f. klin. Med. 1900, Bd. 08. S. 34. — 3. Huppert: 
Uelier den N o e 1 - P a t o r’sehen Eiweisskörper. Centmlbi. f. d. 
med. Wissenseh. 1808. No. 28. — 4. Bradshaw: A cnse of Albu- 
rnosuria in which the Albumose Avas spontnneously precipitated. 
Med.-chir. Trans 1898, p. 259. — 5. Bradshaw and W a r r i n g - 
ton: The Morbid Anatomy and Pathology of Dr. B r a d s h a w'b 

4 * 


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192 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Case of Myelopathie Albumosurla. MedL-chlr. Trans 1899. — 
6. Br ad shaw: On the Evolution of Myelopathie Albumosurla. 
British Med.-Journ., July 13.. 1901. — 7. Schönenberger: 
Ueber Osteomalncie mit multiplen Riesenzellsarkomen und mul¬ 
tiplen Frakturen. Virchow’s Arch. 1901, Bd. 1G5, H. 2. — 8. Wie¬ 
land: Studien über das primär multipel auf tretende Lympho¬ 
sarkom der Knochen. Virchow’s Arch., Bd. 166, H. 1, S. 144 (Note). 


Bericht über die kgl. chirurgische Universitäts- 
Poliklinik zu München im Jahre 1901. 

Von Prof. Dr. F. Kl a u s s n e r. 

An genannter Anstalt wurden im Jahre 1901 15 046 Kranke 
behandelt; rechnet inan zu diesen noch rund 200, die aus dem 
Jahre 1900 bis Mitte Januar verblieben sind, so ergibt sich eine 
(}c8aimntzahl von 15 246 Kranken gegen 15 848 des Vorjahres. 

Von diesen wurden 14 651 ambulatorisch, 140 in den Woh¬ 
nungen behandelt und 255 in die stationäre Abtheilung der chir¬ 
urgischen Poliklinik aufgenommen. 

Lässt man die aus dem Vorjahre verbliebenen 200 Patienten 
ausser Ansatz, so vertheilen sich die restireudeu 15 046 auf die 
einzelnen Monate wie folgt: 

Januar 1345, Februar 1103, März 1317, April 1383, Mal 1295. 
Juni 1271, Juli 1345, August 1286, September 1094, Oktober 1305. 
November 1103, Dezember 1199. 

Bei den 15 046 Kranken sind auch 2760 mit Zahnkrankheiten 
Behaftete mit eingerechnet. Bringt man diese in Abzug, so treffen 
von den 12 286 Kranken nach Kreisen ausgeschieden auf: 

Obcrlmyern 7428 (darunter allein auf München 975). Nieder¬ 
bayern 1388, Pfalz 130, Oberpfalz 730, Mittelfranken 309, Ober- 
franken 170, Unterfranken 171, Schwaben und Neuburg 768; 
586 gehörten den übrigen deutschen Staaten an, 594 waren aus 
nichtdeutschen LUndern. 

Von diesen 12 286 Patienten waren 5821 Männer und zwar 
ihrem Berufe nach: 

4107 Handwerker. Gewerbetreibende und Kaufleute, 893 Ar¬ 
beiter und Taglöhuer. OOIIausirer, Kolporteure und verarmte Kauf¬ 
leute, 379 Beamte, städtische-, Bahn-, Post-, Trambahn-, etc.- 
Bedienstete, 382 Schüler und Skribenten. 

2945 waren Frauen, nämlich: 

1051 Handwerker- und Arbeitersfrauen, Frauen von Gewerbe¬ 
treibenden und Kaufleuten, 158 Frauen von Bediensteten und 
Beamten, 982 Näherinnen, Dienstmädchen etc., 361 Arbeiterinnen 
und Taglöhnerinnen. 393 Schülerinnen und weibliche Angestellte. 

Der Rest von 3520 waren Kinder. 

In München waren theils ständig, theil vorübergehend wohn¬ 
haft 11 013, die übrigen 1273 waren zugereiste oder auf der Durch¬ 
reise begriffene Personen. 

Bei den 15 046 Kranken kamen ausser den bereits oben er¬ 
wähnten 27(50 Zahnkrankheiten noch folgende Krankheiten (nach 
dem Schema des köuigl. Gesundheitsamtes ausgeschieden) zur 
Beobachtung, wie folgt: 

223 Entwicklungskrankheiten; 1543 Infektions- und allgemeine 
Krankheiten (darunter 24 Erysipele. 143 bösartige Neubildungen. 
208 Ulcus molle, 451 Gonorrhöen, 116 mal primäre und 333 mal 
konstitutionelle Syphilis); 124 Krankheiten des Nervensystems; 
2943 Krankheiten der Ohren: 120 Krankheiten der Athinuugsorgane 
(darunter 63 mal Kropf); 565 Krankheiten der Zirkulationsorgane; 
548 Kraukheiten des Verdauungsapparates (darunter 5 einge¬ 
klemmte und 230 freie Hernien): 188 Krankheiten der Geschlechts¬ 
organe; 1982 Krankheiten der äusseren Bedeckungen; 1028 Krank¬ 
heiten der Bewegungsorgane; 2060 mechanische Verletzungen 
(darunter 159 Frakturen« und 36 Luxationen): 560 anderweitige 
Kraukheiten. wofür im genannten Schema eine Rubrik nicht vor¬ 
gesehen ist; 402 Patienten wurden an andere Krankenanstalten 
verwiesen. 

UcIkt die operative Thütigkeit au der chirurgischen Poli¬ 
klinik gibt nachstehende Zusammenstellung eine Uebersicht: 

A. Grössere operative Eingriffe mit Chloro¬ 
form-, A et her-, Bromäther narkose etc. 

Kopf: Onkotomie 8, Abseessus frigidus, Inzision 2, Trepa¬ 
nation des Schädels wegen Fraktur 3. wegen Epilepsie 1. Ventrikel¬ 
punktion wegen Hydrocephalus 2, Hirnabszesseröffnung 2, Nekro¬ 
tomie am Schädeldach wegen Lues 1, wegen Tuberkulose 1, In¬ 
zision von Hämatom am Schädel 1, Aneurysmaunterbindung am 
Schädeldach 1, Transplantation an der Stirn 1, Atheromexstir- 
pation 1, Dermoidexstirpation 1, Kavernomkauterisation 2, Ulcus 
rodens-Exstirpation an der Nase 5. an der Wange 3, am Auge 3. 
Skrophulodermaexstirpation 1. Karzinomexstirpation an den 
Lippen 15, an der Parotis 1, Lupus des Gesichtes (Exstirpation 1, 
Thermokauterisation 3), Rhinophymoperation 1, Nasenpolypexstir¬ 
pation nach Spaltung der Nase 1, Lippenplastik wegen 
Karzinom 3. Wangenplastik wegen Karzinom 1, Hasen¬ 
schartenoperation 5, Oberkiefersarkomexstirpation 2, Nekro¬ 
tomie am Unterkiefer 11, wegen Phosphornekrose 1, Abszess am 
Unterkiefer (Inzision 4). Zahnextraktionen in Narkose 72. Parulis- 
inzision 12, Epulisluzisiou 5, Zahnkystenexzision 1, Zalinflstel- 
exzision 5. Gaumennaht 3, Neuromexstirpation am Gaumen 1, 
Neurektomie von Trigeminuszweigen 3. 

Hals: Onkotomie (wegen Drüsenvereiterung) 39, Furunkel¬ 
inzision 2, Phlegmoneninzision 6, Retropharyngealabszessinzision 1, 
Drüsenexstirpation 41, Ulcera tuberculosa (Exzision) 1, Lympho¬ 
sarkomexstirpation 3, Drüsenkarzinomexstirpation 4, Melano- 


sarkomexstlrpation 1, Cornu cutaneum-Exzlsion 1, Angioma colli- 
Exzislon 2, Lupus colli-Exzision 1, -Thermokauterisation 2, Narben- 
keloidexstirpationl, Fistula colli cougenlta-Exstlrpation 2. Cystoma 
colli congenitum-Exstirpation 1, Atheroma colli-Exstirpation 1. 
Tracheotomie 3, halbseitige Laryuxexstirpatiou wegen Karzinom 1, 
halbseitige Pharynx- und Larynxexstirpation wegen Karzinom 1, 
Neurektomie am Nacken 1. 

Rumpf: Onkotomie am Thorax 12. ln der Axilla 11, ad 
nates 3, Phlegmone pectoralls-Inzislon 1, Phlegmone abdominalis- 
Inzislon 1, Excochleatio bei Carles sterni 1, costarum 3, pelvis 3, 
llesectio costae wegen Empyem 5, Punktion eines Empyems 1. 
Thorakoplastik 2, Exzision von Naevus epigastril 1, Exstirpation 
von LIpoma pectoralis 1, scapularis 2, Lumbalpunktion 1, Ent¬ 
fernung eines Corpus alienum in oesophago 1, Mastitisinzision 20. 
Amputatio mnmmae wegen Karzinom 11, Probelaparotomien 8, 
Sekundarbauchnnht 1, Itesectio ventrleull 1, Gastroenterostomie 4, 
Gastrostomie 1, Leberabszessinzision 1, Cholekystotomle 2, Chole- 
kystektomie 1. Cholekystostomie 2, Ren mobilis-Fixation 2, Darm- 
listelexstirpation 3, Enteroanastomose 5, Appendizitisoperation 4, 
Dnrmresektion 1, Enterotoinie wegen Nadel 1, Anlegung von 
Anus praeternaturalis 1, Volvulusoperation 2, Hernia inguinalis- 
Radikaloperation 28. Hernia inguinnlis incarcerata-Operation 6. 
Herida cruralis-Radlkaloperation 1, Hernia eruralis inearcerata- 
Rndiknloperation 3, Bartholinltis-Inzision 2, Dammrisssuturen 1. 
Phimosenoperntiou 23, Lösung von narbigen Verwachsungen am 
Penis 1, Fistula urethrae-Exzision 1, Urethrotomie 1, Hydrocelen- 
punktion 3. Ilydrocelenradiknloperation 12, Varikocelenradikal- 
operatiou 3, Kastration3. Untersuchung des Rektums in Narkose 1. 
Analflstel- und periproktitische Abszessoperation 9, Extraktion 
von Rektumpolypen 1, Carcinoma recti (Resektion und Am¬ 
putation) 4. Exstirpation des Os sacrum 1. Operation bei Becken¬ 
osteomyelitis 1, Exzision bei Lymphadenitis inguinalis 22. 

Obere Extremität: Lymphadenitis ingulnalis-Exkocli- 
leatlon 1, Fractura claviculae 1, Luxatio humeri-Repositlon 6. 
Fractura humeri-Repositlon 1, Nekrotomie am Humerus 6, Luxatio 
cubiti-Reposition 2, blutige Reposition 1, Resectio cubiti wegen 
Fungus 7, wegen Luxatio in veterntal, Fungus cubiti-Excochleatio 2. 
kalter Abszess am Humerus (Inzision) 3. Abseessus frigidus 
cubiti-Inzision 4, Amputatio antlbrachii 1, Furunculus antibrachii- 
Inzision 3. Phlegmone antibraehii-Inzision 9, manus 40, 
digiti 28, Spina veutosa-Exkoehleation 8. Necrotomia digitl I 1, 
Lipoma antibrachii-Exstirpation 1, Fractura rndii (blutige 
Repositiou) 1. Amputatio manus 1. Resektion im Hand¬ 
gelenk 1, Transplantation wegen Verbrennung 2, Plastik 
an den Fingern 1, Corpus aliemim ln der Hand 9. Sehnittw’unden- 
nähte 2, Sehneunähte 12, Ganglionexstirpation 2. Verrucaexzlsiori 1, 
Lupusexzision 1, Thermokauterisation 1. Hauttuberkulose-Exstir¬ 
pation 1, Chondromexstirpation 1, Sehnenscheidentuberkulose (Ex¬ 
stirpation der Sehnenscheide) 3, Tenotomien 2, Dupuytre n'sche 
Palmarfaszienkontraktur (Operation) 1, Tuberkulose der Meta- 
karpalknoeheu-Exkochlention 14, Exartikulation von Fingern 7. 
Resektion von Fingeru 8. 

Untere Extremlt ä t. Abszessiuzisioueu 28, Phlegmone 
am Femur (Inzision) 2. an der Planta pedis 4, an den Malleolen 1. 
Exartlculatio femoris (wegen Epiphysensarkom) 1. Luxation des 
Femurs (blutige Reposition) 3, Coxitis (Jodoforminjektion, Gips- 
verbaml) 2. Brisement 5. Tenotomie wegen Kontraktur 1, Resectio 
coxae 1. Amputatio femoris wegen Fungus genus 1, Sequestro- 
tomie am Femur 2, Sarcoma femoris, Exstirpation 1. Lymph- 
angioma femoris - Exstirpation 1, Hydrops genu - Punktion 1, Bur¬ 
sitis praepateilaris suppurativa - Inzision 2. Resectio genus wegen 
Tuberkulose. Osteotomie wegen Genu valgum 4. Redressement 4, 
Ankylosis genus - Brisement 1, Fractura tiblae - Repositiou 1. 
Osteotomie bei Curvaturn rhachitica 9. Ulcus varieosum-Plastik 2, 
Corpus alienum in genu - Extraktion 1. in pede 4, in calcaneo 1, 
Ganglion pedis - Exstirpation 1. Neurom pedis - Exstirpation 1. 
Hygrom am Malleolus 1. Pes varus - Redressement 1. mit Teno¬ 
tomie der Achillessehne 2, mit Sehnenplastik 3, sonstige Sehnen- 
plnstikcn am Fuss 6, Pes planus - Redressement 1, Tuberkulöse 
Karies an der Fusswurzel. Jodoforminjektion 21, Exkoehleation 16. 
Fussamputation wegen Tuberkulös.' 2, wegen Gaugraenn senilis 2. 
Resektion am Caleaneus wegen Fraktur 1. Nekrotomie am Meta¬ 
tarsus 2, am Caleaneus 1, am Hallux 1, Zehenamputation wegen 
Gangraena senilis 2, Subluxatio liallucis - Tenotomie 1. 

B. Kleinere operative Eingriffe. 

Ausserdem wurden nocli 775 kleinere Eingriffe uuter All¬ 
wendung von Lokalanästhesie mit Nirvanin, Aethylchlorid, Kokain, 
Aetherspray etc. vorgenommen und zwar: 

Exzision von Atherom 60. Anglom 3, Clavus 4, Dermoid 2. 
Encliondrom 1, Epitheliom 7, Exostose 2, Fibrom 7, Granulom 7. 
Ganglion 4, Lipom 8, Keloid 1, Mal perfor. 1, Naevus 1, Papillom 9, 
Retentionscyste 2, Rhinophyma 1, Unguis incarnatus 11, Ver¬ 
ruca 16; Kauterisation von Teleangiektasie 1; Extraktion von 
Corpus alienum 97; Tonsillotomie 6; Inzision bei Abszess 90. 
Angina phlegmonosa 1, Analflstel 1, Bursitis 1, Furunkel 77, 
Haematom 7. Lymphadeuitls 17, Mastitis 1, Panaritium 144. 
Parulis 18. Phlegmone 33 mal; Punktion von Cyste am Kopf 1. 
H.vdroeele 10, Hodentuberkulose 1, Synovitis 1; Jodoformglyzerin¬ 
injektion bei Coxitis 1. Fungus 2, Abseessus frigidus 4; Phimosen¬ 
operation 7; Reposition von Fraktur 83, Luxation 5, Sehnennaht 7 
und 6 mal anderweitige Eingriffe. 

Als Assistenzärzte fungirten im Jahre 1901 die Herren: 
Dr. August Luxenburger, Dr. Adolph Gebhart und 
Dr. Peter Lin dl; als Volontärärzte die Herren: Dr. Carl 
Schindler, Dr. Carl Egger und Dr. Franz D e 1 v e a u x. 


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4. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. m 


Die Abtheilung für Nasen- und Ohrenleidende stand, wie bis¬ 
her. unter der Leitung des Herrn Professor Dr. Haug, die Ab¬ 
theilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten unter der Leitung 
des Herrn Professor Dr. K o p p. 

Allen Herren sei hieuiit für ihre Tliütigkeit der beste Dank 
zum Ausdruck gebracht. 


Ueber orthodiagraphische Untersuchungen am Herzen. 

Erwiderung auf die Bemerkungen des Herrn Prof. Dr. Moritz 

in No. 1 dieser Wochenschrift. 

Von Dr. Karfunkel, z. Zt. in Breslau. 

Herr Professor Moritz hat in einer Fussuote seiner jüngsten 
Arbeit „über orthodiagraphische Untersuchungen um Herzen - mir 
dt-u Vorwurf gemacht, dass ich iu meiner Arucit (Zeitsehr. l. klm. 
Mediz. Bd. 43, pag. 304) das „Verhalten des Spitzeustosses zum 
linken llerzranu aiskutirt“ habe, dabei aber „nur völlig zu er¬ 
wähnen vergoss, dass die einschlägigen Verhältnisse auf dem dies¬ 
jährigen Kongress für innere Medizin in einem Vortrage von mir 
(M o r i t z) erörtert wurden, dem auch der Autor (Karfunkel) 
anwohnte”. 

Damit würde ich mich einer unverantwortlichen l'uelirliebkeit 
schuldig gemacht haben. 

Herr Moritz hielt seinen Vortrag am 19. April 1901. Ich 
trug meine völlig fertig gestellte Arbeit in der schlesischen Gesell¬ 
schaft für vaterländische Kultur zu Breslau am 23. März 1901. 
also 4 Wochen früher vor. Am 24. März loOl verfasste ich 
das Referat für die Deutsch, med. Wochenschr. Die längst vol¬ 
lendete Arbeit der Redaktion der Zeitschr. f. klin. Mediz. persön¬ 
lich zu überreichen, hatte ich am 18. April Gelegenheit, nämlich 
anlässlich des Kongresses für innere Medizin zu Berlin. 

Ja, ich hatte es mir gerade besonders angelegen sein lassen, 
angesichts der angekündigteu Tagesordnung des Kongresses, 
welche 2 Themata (Moritz und Smith) über den gleichen 
Gegenstand in Aussicht stellte, mit den Ergebnissen meiner selb 
ständigen Untersuchungen im Vortrage und Druck zuvor¬ 
zukommen, in der Erwägung, dadurch etwaigen auf dem eng¬ 
begrenzten Arbeitsgebiete leicht möglichen Wiederholungen aus 
dem Wege zu gehen. Dass ich mich mit seiner orthodiagraphischcu 
Methode beschäftigte, wusste Herr Prof. Moritz. 

ln meinem Vortrage im März 1901 habe ich von über 100 Hcrz- 
messungen ca. 36 demonstrirt, aus welchen Lagedifferenzen des 
linken Herzrandes zum sogen. Spitzenstoss ersichtlich waren. Die 
„Diskussion“ über diesen Gegenstand kann Moritz unmöglich 
als sein Monopol betrachten. Oder ist für einen Mediziner, welcher 
sich einmal längere Zeit mit nichts anderem beschäftigt, als mit 
Grenzbestimmungen des Herzens, der Gedanke an den Vergleich 
der auffälligen, orthodiagraphisehen Ergebnisse mit Perkussions¬ 
linien und Spitzenstoss wirklich ein so ungewöhnlicher und ent¬ 
legener? Drängt sich derselbe nicht schon auf, wenn man an die 
ganze Frage herantritt, wenn man die allerersten Publikationen 
von Moritz aus dem Jahre 1900 gelesen hat? 

Im Uebrigen habe ich niemals geglaubt und auch nirgends 
den Anspruch erheben können, damit etwas Neues ermittelt zu 
haben. Denn es war mir bewusst, dass auch ohne Röntgenstrahlen 
in den Arbeiten über den sogen. Spitzenstoss resp. Herzstoss auf¬ 
fällige Lageunterschiede bereits einer Erörterung unterzogen wor¬ 
den sind. Auch in der meinem Vortrage folgenden Diskussion 
wurden diese Differenzen ausdrücklich als bereits bekannt nur bei¬ 
läufig erwähnt. 

In meinem Vortrage hatte ich daher wohl ein Recht dazu, in 
der bescheidensten Form auf die Verhältnisse einzugehen, welche 
36 der von m i r hergestellten Herzsilhouetten darboten. 

Weiterhin wirft mir Moritz vor, ich war „vor ca. 1 y 4 Jahren 
von ihm persönlich ln die ganze Technik und Methodik der Ortho¬ 
diagraphie, deren Ausbildung uns natürlich nicht wenig Zeit und 
Ueberlegung gekostet hat, eingeführt worden, ohne dass freilich 
auch dieses aus seiner Arbeit hervorginge". 

Dem habe ich Folgendes entgegenzuhalten: Mit dem Röntgen- 
verfahren habe ich mich nachweislich schon seit seiner Entdeckung 
beschäftigt. 

Ueber die Orthodiagraphie hatte Moritz zur all¬ 
gemeinen Kenntnlss bereits auf dem Kongress 1900 einen 
Vortrag mit vollständigen Demonstrationen gehalten, welchem eine 
ausführliche Veröffentlichung in der Münch, med. Wochenschr. 
No. 29 mit genauesten Zeichnungen folgte. 

Dass ich mich mit diesen Arbeiten bereits vor meiner Reise 
nach München beschäftigt habe, bin ich nachzuweisen in der Lage. 

Es ist nun wahr, und wird jederzeit von mir dankbarst an¬ 
erkannt werden, dass Herr Moritz iu der liebenswürdigsten 
Weise in Je ca. 2 Stunden zweier Tage mir den Apparat praktisch 
vorgeführt und mich von seinem Werthe überzeugt hat. Ich habe 
an diesen Tagen wiederholt gedankt, so dass Herr Prof. Moritz 
selbst erklärte, er thue dies um so lieber, um alle Missverständnisse 
in etwaigen Arbeiten vorher durch persönliche Verständigung aus 
der Welt zu schaffen. Ich habe aber fernerhin für die Liebens¬ 
würdigkeit nochmals schriftlich gedankt, und ein viertes Mal 
mündlich, anlässlich des letzten Kongresses. Ich habe in meinem 
Vortrage und meiner Arbeit Moritz und seinen Apparat ausser¬ 
ordentlich oft erwähnt und habe zu wiederholten Malen nach¬ 
drücklich darauf hingewiesen, dass nur die absolut exakte Methode 
von Moritz mir diese objektiven Herzmessungen ermöglicht 
hatte. Dass ich in meiner Arbeit nicht nochmals die mir von 

So. 5. 


Moritz seiner Zeit erwiesene Freundlichkeit erwähnt habe, liegt, 
daran, dass es sich um eine bereits fast ein Jahr vorher veröffent¬ 
lichte Sache handelte, welche längst Gemeingut geworden war. 
und als das geistige Eigenthum von Moritz ja ausser jedem 
Zweifel stand. Die Anweisung zur Orthodiagraphie hatte Moritz 
der medizinischen Welt lange vorher schriftlich genauesten» ge¬ 
geben, mir zufällig ausserdem noch mündlich ertheilt. 

Die Technik der Orthodiagraphie ist, wie Moritz wörtlich 
hervorhebt, „sehr leicht zu erlernen“. Ich kann dies nur bestätigen. 
Die „Einführung" in die „sehr leicht zu erlernende Technik¬ 
machte aber ebenfalls keine Schwierigkeiten. Dazu waren Technik 
und Methodik längst publizirt. Desshalb hatte ich geglaubt, durch 
meine wiederholte, mündliche und schriftliche Anerkennung aller 
weiteren Verpflichtungen entkdigt zu sein. 

Hätte ich ahnen können, dass Moritz eine noch so kleine Ge- 
nugthuung für die viele „Zeit und Ueberlegung. welche die Aus¬ 
bildung der Orthodiagraphie gekostet hat“, in einem nochmaligen 
dankbaren Hinweise auf die mir persönlich geleistete Gefälligkeit 
erblicken würde, ich hätte dies ohne Weiteres selbst noch nachträg¬ 
lich gerne gethan. 

Aller ich halle auch den Kollegen in meiner Arbeit den ge¬ 
bührenden Dank auszusprechen unterlassen, welche mit nicht ge¬ 
ringerer Mühe so freundlich waren, meine Perkussionslinien mög¬ 
lichst in jedem Falle zu kontroliren, und so noch mancher anderen 
Hilfe ausdrücklich Erwähnung zu thun, welche in dem Rahmen 
eines solchen Arlteitsfeldes liegt. 

Auf die Arbeit von Moritz sachlich einzugehen, insbesondere 
auf die erheblichen Differenzen seiner Untersuchungsergebuis.se 
mit den mehligen muss ich mir Vorbehalten. 

Bemerkung zu obiger „Erwiderung“ des Herrn Dr. Karfunkel. 

Von Prof. Moritz. 

Herr Dr. Karfunkel wurde, wie er selbst schildert, im 
Winter 1900 von mir In die Details der Orthodiagraphie eingeführt. 
Der Werth dieser Instruktion schrumpft in seiner obigen Dar¬ 
legung freilich sehr zusammen. Immerhin glaube ich, dass Herr 
Dr. Karfunkel Manches bei mir sehen und lernen konnte, 
worauf er Werth legen durfte. Denn ich hatte damals wesentliche 
Veränderungen und Verbesserungen au dem Apparat und in der 
Methodik angebracht, die nicht publizirt waren. So machte ich 
Herrn Dr. Karfunkel auch ausdrücklich darauf aufmerksam 
bei der Fabrik den Apparat, den ich damals erst für mich allein 
konstruirt hatte, zu liestellen. damit er nicht etwa Gefahr liefe, 
das ältere, weniger zweckmässige Modell zu erhalten. 

Herr Dr. Iv arfunkel iiusserte die Absicht, die “Wirkung 
von Kohlensäurebäderu u. detgl. auf die Herzgrösse zu studiren. 
was mir, da er als Badearzt in Cudowa praktizirt, sehr plausibel 
war. Von mir wusste er. dass ich mir bisher hauptsächlich die 
Aufhellung gewisser Probleme der physikalischen Diagnostik des 
Herzens hatte angelegen sein lassen. Die bezüglichen Ergebnisse, 
über die ich dann im April 1901 auf dem Kongress für innere 
Medizin vortrug, lagen damals schon fertig vor. 

Ich muss nun gestehen, dass ich einigermuassen erstaunt war, 
aus einer im Juli 1901 in der Zeitschr. f. klin. Med. erschienenen 
Arbeit von Herrn Dr. Karfunkel zu ersehen, dass er die¬ 
selben Fragen, wie ich, in Angriff genommen hatte, und ich bin 
noch mehr überrascht., in seiner heutigen „Erwiderung“ das Zu- 
geständniss zu finden, dass er sich noch besonders beeilt bat. 
meiner Publikation zuvorzukommen. Er hat am 29. März 
in der schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur über 
seine Untersuchungen vorgetragen und alsbald ein Referat für die 
Deutsch, med. Wochensehr, verfasst, das in der Nummer vom 
2. Mai erschien. Dies sind also die Umstände, aus denen Herr 
Dr. Karfunkel die Berechtigung herleitet, meinen Vortrag im 
April 1901 auf dem Kongress iu Berlin in seiner Arbeit gänzlich 
zu ignorlren, obwohl er ihm selbst anwohnte und sogar auf meine 
Anregung hin in der Diskussion das Wort ergriff und obwohl seine 
Arbeit in der Zeitschr. f. klin. Med. erst ca. 3 Monate später heraus¬ 
kam. Wenn er auch das Manuskript schon im April eingereicht 
hatte, so wäre doch bei der Korrektur noch reichlich Zeit und 
Gelegenheit zu den nöthlgen Zusätzen gewesen. Die Bearbeitung 
der ln das Gebiet der Orthodiagraphie einschlägigen Fragen be¬ 
trachte ich selbstverständlich nicht als Monopol, aber ich darf doch 
bescheidentlich erwarten, dass von meinen Exkursionen in einem 
Gebiete, das ich selbst erschlossen habe, Notiz genommen werde. 
Und gerade von Herrn Dr. Karfunkel durfte ich diese Rück¬ 
sicht wohl voraussetzeu. 

Herr Dr. Karfunkel erwähnt in seiner Arbeit übrigens, 
dass ich eine cyrtometrisclie Thoraxkurve dem Orthodiagramm ein- 
zufügen pflege, wenn ich gewisse prinzipiell wichtige Verhältnisse 
an der seitlichen Abdachung des Thorax zur Anschauung bringen 
will (S. 313). Dieses Verfahren kann Herr Dr. Kar 
funkel nur seinerzeit von mir persönlich oder 
aus meinem Vortrage auf dem Kongress kennen 
gelernt haben. Publizirt war es bis dahin nicht. 

Es wäre also wohl auch sachlich dienlich gewesen, wenn er 
Quellenangaben gemacht hätte. Als ich Herrn Dr. Karfunkel 
seinerzeit instruirte, äusserte ich, es erscheine mir dies als keine 
Mühe, da ich nun um so sicherer annehmen könnte, dass mit dem 
Apparat richtig gearbeitet werden würde. (Dies die Aeusserung. 
auf die Herr Dr. Karfunkel oben anspielt.) Auch unter diesem 
Gesichtspunkt hätte es der Arbeit von Herrn Dr. Karfunkel 

f» 


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194 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 5. 


nichts geschadet, wenn das Verhältnis«, in dem er zu mir ge¬ 
standen hatte, zum Ausdruck gekommen wäre. 

Herr Dr. Karfunkel setzt auseinander, dass er sich pri¬ 
vatim wiederholt bei mir für die ihm erwiesene Gefälligkeit be¬ 
dankt und dass er mich in seiner Arbeit. ..ausserordentlich oft" 
zitlrt habe. Das letztere dürfte wohl sachlich liüthig gewesen 
sein und was das erstere aulangt, so habe ich Herrn l>r. Kar¬ 
funkel auch niemals Verstösse gegen die Regeln der Lebensart 
im privaten Verkehr vorgeworfen. 


Professor Dr. Carl v. Liebermeister +. 

Am 24. November 1901 starb in Tübingen Professor Dr. 
Carl v. Liebermeister, seit 1871 Vorstand der medi¬ 
zinischen Klinik daselbst. 

Er erlag einem chronischen Leiden, dessen erste Erschei¬ 
nungen im Jahr 1889 er mit unerbittlicher Bestimmtheit schon 
damals richtig gedeutet hatte '). Bei der Autopsie stellte sich 
ein melanotisches Sarkom der rechten Niere heraus, dessen 
Tumormasse auf die Nachbarschaft übergegriffen hatte. Trotz 
bedrohlicher Erkrankung seit Ende Juni 1901 war es ihm ge¬ 
lungen, das Sommersemester bis zum Schluss durchzuführen. 

Was Liebermeister der Universität Tübingen, welche 
ihm viel verdankt, hat er doch z. B. für die Errichtung der psy¬ 
chiatrischen Klinik im Vordertreffen gekämpft, was er als aka¬ 
demischer Lehrer, als vielgesuchter, ungemein beliebter Arzt und 
Consiliarius den Schülern, Aerzten und dem ganzen Land ge¬ 
wesen ist, das gelangte am Grabe durch Herrn Professor Dr. 
Doederlein als Vertreter der Universität, sowie durch 
Herrn Medizinalrath Dr. Steinbrück zu beredtem, warmem 
Ausdruck und die Tagespresse 1 ) ehrte den Verstorbenen als einen 
selten beliebten akademischen Lehrer und Arzt. 

Sein Lebensgang war in Kurzem folgender: Geboren wurde 
Liebermeister am 2. Februar 1833 zu Ronsdorf (Rhein¬ 
provinz); als seine lleimath bezeichnete er aber gerne West- 
phalen, seitdem er mit seinen Eltern 1845 nach Dortmund über- 
gesiedelt war und dort das Gymnasium besucht hatte. Die Uni¬ 
versitätsstudien begann er 1852 in Bonn, wo er 6 fröhliche 
Semester zubrachte. Der Ruf V i r c h o w’s , K ö 11 i k e r’s , 
Bamberger’s und S c a n z o n i’s zog ihn aber 1855 nach 
Würzbarg. Nach 2 Semestern kehrte er von dort zurück und 
begab sich nach Greifswald, wo er sich hauptsächlich von F. N i e- 
mtycr angezogen fühlte. Gerne erzählte Liebermeister 
aus jener Zeit, dass er schon in Greifswald Gelegenheit gehabt 
habe, die eminente Begabung und die Grosses versprechende Be¬ 
deutung II. v. Z i e in s s e n’s kennen zu lernen. Die beiden kurz 
nacheinander dahingesehiedenen Forscher standen in freund¬ 
schaftlichem Verhältniss zu einander. Die Promotion Lieber¬ 
meis t e r’s fund 1856, die Approbation 1857 statt und 1859 habi- 
litirte er sich in Greifswald, zog aber schon 1860 mit F. Nie¬ 
meyer als dessen Assistenzarzt nach Tübingen. 

Von seiner Habilitiruug 1862 in Tübingen, welche nach dem 
damals üblichen rigorosen Brauch hauptsächlich in einer öffent¬ 
lichen Disputation sich abspielte, erzählte er stets gerne, und 
Ohrenzeugen von damals bekunden seine ungewöhnliche Schlag¬ 
fertigkeit und Unerschrockenheit gegenüber den „schwierigsten“ 
Fragen, welche damals aus der gesammten akademischen Zu¬ 
hörerschaft an ihn gerichtet werden durften. 

Neben interner Medizin beschäftigte er sich eingehend mit 
pathologischer Anatomie und auf Grund seiner in den Beiträgen 
zur pathologischen Anatomie und Klinik der Leberkrankheiten’) 
niedergelegten bedeutenden Arbeit, wurde ihm 1865 der Lehr¬ 
auftrag für pathologische Anatomie zu Theil. Im selben Jahr 
jedoch wurde er nach Basel als ordentlicher Professor der inneren 
Medizin und Vorstand der medizinischen Klinik berufen. 

Dort verlebte er in jenen 6 Jahren trotz seines ersten schmerz¬ 
lichen Verlustes in der Familie in wissenschaftlicher, kollegialer 
und allgemein gesellschaftlicher Beziehung eine so glückliche Zeit, 
dass er sie nie besser zu kennzeichnen wusste als damit, dass er 
sagte: nur die Liebe zum deutschen Vaterland habe ihn 1871 
dazu bewogen, dem au ihn ergangenen Ruf nach Tübingen (als 
Nachfolger F. Niemeyer’s) Folge zu leisten. 

M Vergl. L.. Vorlesungen Band V. S. 446/47 und Grundriss d. 
hin. Med. II. Aufl. 8. 310. 

■) Staatsanzeiger für Württemberg. No. 279; Schwäbischer 
Merkur. No. 551. Vergl. auch Med. Correspoudenzbl. f. Württem¬ 
berg 1901, No. 49 u. 52 (Nachruf von II. Vierordt). 

") Tübingen 1804. 


Dass und warum diese Freundschaft zu Basel so lebendig 
in ihm fortlebtc, ist soeben ausführlich im Correspondenzblatt 
für Schweizer Aerzte 1902, 15. .lau., Beil. No. 2, aus der Feder 
seines zweiten dortigen Nachfolgern, F. Müller, mitgetheilt 
worden. 

Seinen Entschluss, nach Tübingen zurückzukehren und hier 
zu bleiben trotz mehrerer sehr ehrenvoller Berufungen (u. a. nach 
Leipzig und Bonn) hat er nie bereut. 

Hier wie in Basel führte er ein echtes deutsches Gelehrtcn- 
dusein. Neben ungeheurer Arbeitskraft und Arbeitsleistung im 
Beruf als Forscher, Lehrer, Arzt war ihm in ungewöhnlichem 
Maassc auch beschieden ein froher Sinn für all’ das, was das 
Leben in feiner Weise würzt und verschönt, und auch darin war 
er von der Natur glücklich veranlagt., dass ihm Musik und Humor 
auch zu schöpferischer Bothätigung stets zur Verfügung stand. 
An beiden Universitäten war cs ihm aber auch in reichem Maassc 
vergönnt, in vertrautem Verkehr mit hervorragenden, ihm geistes¬ 
verwandten Männern verschiedener Borufsarten sein eigenes 
Wissen und Können zu vertiefen und zu erweitern und gerade 
diesem stillen, regelmässigen Verkehr mit Gleichgesinnten ver¬ 
dankte er auch wohl mit den Ruf als Vertreter der wahren, 
tief begründeten, umfassenden deutschen Gelehrsamkeit und 
Bildung, welche ihm noch jenseits der Alpen und jenseits des 
Ozeans begeisterte Freunde hinzugewann, was um so leichter 
möglich war, als er sich in mehreren fremden Sprachen gut ver¬ 
ständlich machen konnte und desshalb die internationalen Kon¬ 
gresse wiederholt besuchte. 

Ganz besonders eigenthümlich war ihm eine hervorragende 
mathematisch - naturwissenschaftliche Begabung, welche x schon 
in seiner Doktordissertation (De fluxione collaterali 1856) ein¬ 
schliesslich der fünf Thesen sehr auffallend zu Tage tritt und 
späterhin in gedruckten und ungedruckten Vorträgen, ganz ab¬ 
gesehen von seinen Hauptarbeiten, wiederholt zum Vorschein 
kam, z. B. „Uebor Wahrscheinlichkeitsrechnung in Anwendung 
auf therapeutische Statistik“ in Volk man n’s Sammlung No. 110; 
„lieber das Gesetz der Schwerkraft“ (ungedruckt) und ganz be¬ 
sonders bedeutungsvoll aber auch im klinischen Unterricht, wo 
die Berücksichtigung der Wahrscheinlichkeit in Diagnose, Pro¬ 
gnose. und Therapie geradezu seiner Lehrmethode ein charak¬ 
teristisches Gepräge verlieh. 

Der aufgeweckte Sinn für Mathematik, Physik und Chemie 
war es ja eben, der ihn neben fast beispiellosem Fleiss und 
strengster Selbstkontrole dazu befähigte, Werke zu schaffen, wie 
das „Handbuch der Pathologie und Therapie des Fiebers 1 * 
(Leipzig, F. (.VW. Vogel, 1875), welches, recht eigentlich sein 
Hauptwerk, heute bei Allen, welche es kennen, als ein klassisches 
medizinisches Werk ersten Ranges gilt. Fieber überhaupt und 
im Besonderen jene Krankheit, bei welcher das Fieber eine so 
grosse Rolle spielt, der Abdominaltyphus, wurden von ihm wieder¬ 
holt. und mit. Vorliebe zum Gegenstand wissenschaftlicher Ar¬ 
beiten gemacht und es liegt noch eine Arbeit der letzten Zeit vor 
über „Diagnose und Prognose des Abdominaltyphus“, in welcher 
unter anderem auch die Bedeutung der Agglutinationsprobe von 
Oruber und W i d a 1 für die Diagnose gewürdigt wird. 

Wie sehr Liebermeister den sogenannten modernen 
Anschauungen über das Fieber als eine Heil- oder Wehraktion 
des Körpers gegen eingedrungene Schädlichkeiten vorausgeeilt 
war, gebt daraus hervor, dass er schon 1888 *) und 1890 5 ) daran 
erinnern konnte, dass er im ersten Kapitel des IV. Abschnittes 
8. 389 ff. jenes Handbuchs vom Jahr 1875 dieser Anschauung 
aus alter Zeit, und zwar nach eigener Ueherzcugung vollkommen 
und ausführlich Rechnung getragen habt', von deren Begründung 
hier nur 2 Sätze (ITdb. S. 390) angeführt seien: „Wenn bei einem 
organischen Wesen eine Einrichtung besteht, welche in dem 
Haushalt desselben eine hervorragende Rolle spielt, so können 
wir sicher sein, dass diese Einrichtung entweder für die Er¬ 
haltung des Individuums oder für die Erhaltung der Species 
von wesentlicher Bedeutung ist“ und ferner (S. 399): Wenn wir 
gegenwärtig (1875) Grund zu der Annahme haben, dass, wenn 
nicht alle, so doch jedenfalls die meisten Fieberanfälle zu Stande 
kommen durch die Aufnahme von besonderen, vielleicht organi- 
sirten Giften; wenn mit dem Ablauf des Fiebers auch die Schäd¬ 
lichkeit, welche dasselbe erregt hatte, verschwunden oder wenig¬ 
stens wirkungslos geworden ist: liegt es dann nicht auch jetzt 

4 ) Deutsche med. Wochenschr., No. 1 u. 2. 

°) Perl. klln. Wochenschr., No. 12. 


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1 


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Beilage zur Münchener mci/icinischen Wochenschrift. 
Verlag von J. F. LEHMANN in München. 

























4. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


195 


noch ausserordentlich nahe, die Frage aufzuwerfen, ob nicht 
vielleicht gerade durch das Fieber selbst diese Schädlichkeit zer¬ 
stört worden sei ?“ u. s. w. 

Wie er über das Wesen der organischen Gifte dachte, trug 
er in der Antrittsrede in Basel 1865 in glänzender Weise vor. 
Seit Henle’s im Jahre 1853 energisch vertretener, aber ver¬ 
einzelt gebliebener, Ueberzeugung vom Contagium vivum hatte 
erst jetzt wieder sich die Stimmung dafür geregt und bei 
Liebermeisteristsie damals schon bestimmte Ueberzeugung 
gewesen. 

Liebermeister’s energischer Charakter hätte es nicht 
ertragen, seine Lehren bloss literarisch zu vertreten; nein, das 
praktische und verantwortliche Ziel seiner Ueberzeugungen war 
ihm stets die Hauptsache bei Hypothese und Experiment. Die 
Arbeiten: „Beobachtungen und Versuche über die Anwendung 
des kalten Wassers bei fieberhaften Krankheiten (zusammen mit 
E. Hagenbach herausgegeben, Leipzig 1868) und die Be 
arbeitung des „Abdominaltyphus“ in Ziemssen’s Handb. d. 3pez. 
Pathol. u. Therapie (Bd. II. 1874 ; 3. Aufl. 1886); „Antipyret. 
Heilmethoden“ in Ziemssen’s Handb. d. allg. Therapie, Bd. I, 
1880; Eröffnungsreden und Referate im Kongress für innere 
Medizin 1882 und später auf dem internationalen medizinischen 
Kongress in Kopenhagen 1884 und andere Veröffentlichungen 
beweisen zur Genüge, wie wichtig ihm das praktische Resultat 
»einer und Anderer, namentlich v. Jü rgens e n’s, Versuche 
und Erfahrungen war und wie schwer ihm die Verantwortung 
Derjenigen erschien, welche sich gegenüber den vorgebrachten 
Erfahrungsthatsachen ungläubig verhielten. Er hat es wohl 
selbst überall auf’s Deutlichste bezeugt, dass er weder in der 
Schätzung der Gefahren des Fiebers noch in seiner Behandlungs¬ 
methode zu Uebertreibungen geneigt war. Da L. ausser der 
direkten Wärmeentziehung durch abkühlende Bäder auch der 
Verwendbarkeit der antipyretisch wirkenden Arzneimittel stets 
die grösste Aufmerksamkeit und vorsichtige Beachtung schenkte, 
so kam es, dass die jetzt fast überall übliche Behandlung des 
Abdominaltyphus vorzugsweise das Gepräge der von ihm zuerst 
erprobten und von ihm durchgesetzten Behandlungsmethode 
trägt. 

Neben dieser durch langjährige, mühevolle Forscherarbeit ge¬ 
wonnenen Methode der Fieberbehandlung besass er dank seinem 
harmonischen, aus Güte und Energie glücklich zusammenge¬ 
setzten, persönlichen Wesen noch eine Kunst der Kranken¬ 
behandlung, welche er meisterhaft verstand und wodurch er im 
ganzen Lande und wohl auch über dessen Grenzen hinaus zu 
spezieller Berühmtheit gelangt war: ich meine die Behandlung 
der unter dem Namen Hysterie zusammengefassten nervösen 
Zustände. Zwar stand die Tübinger Klinik schon seit langer 
Zeit, wie Liebermeister vor den Studirenden in seiner 
ehrlichen Bescheidenheit wiederholt einräumte, jedenfalls seit 
ihrer trefflichen Leitung durch W underlich, Griesinger 
und F. Niemeyer, in dem Rufe, dass solchen Kranken ge¬ 
holfen werde; allein das Verdienst, diese schwierigen Zustände, 
an welchen jetzt noch die Diagnostik manches Kollegen Schiff¬ 
bruch erleidet, im Allgemeinen wie im Einzelnen scharfsinnig 
erkannt und gedeutet zu haben, dürfte unbestrittenermaassen 
zu seinen schönsten Verdiensten gerechnet worden. Seiner indi¬ 
viduellen Auffassung über diese und andere Störungen aus der 
Gruppe der „niederen psychischen Funktionen“ gab er beredten, 
man darf auch hier sagen, klassischen Ausdruck im Band II 
seiner Vorlesungen S. 381 ff. und ausserdem noch in Volk- 
m a n n’s Sammlung No. 236 (über Hysterie und deren Behand¬ 
lung) und in dem Abschnitt „Suggestion und Hypnotismus ah 
Heilmittel“; Psychotherapie (Handbuch von Ponzoldt und 
Stintzing, V. Bd., Abth. VIH, 3). Die ungemein geschickte 
Behandlung der Hysterischen auch während der klinischen 
Stunde gehört bei seinen früheren Schülern mit zu jenen Er¬ 
innerungen, welche am lebendigsten haften blieben. Dazu kam, 
dass der klinische Unterricht bei der früher weit geringeren An¬ 
zahl von Zuhörern gewöhnlich in den Krankensälen selbst ab¬ 
gehalten wurde, so dass dem aufmerksamen Praktikanten, wie 
dem Anfänger die ruhige, vergleichende Beobachtung aller 
Eiranken des betreffenden Saales stets möglich war. Die nament¬ 
lich für den Unerfahrenen sehr auffallende Wirkung der von 
Liebermeister bevorzugten Waohsuggeetion war dann 
immer Gegenstand höchster Spannung und Bewunderung. 


Als Früchte der Vorlesungen und klinischen Vorträge be¬ 
arbeitete Liebermeister mit ungeheuerem Fleiss die ge- 
sammte innere Medizin, welche im Band I und II, sowie IV viel¬ 
leicht am meisten seine individuelle Auffassung enthalten 
dürften. Diese Vorlesungen erschienen zwischen 1885 und 1894 
ebenfalls bei F. C. W. Vogel und bilden sein zweites Haupt¬ 
werk. Als Extrakt hieraus, in erster Linie auf die Bedürfnisse 
seiner Praktikanten berechnet, aber auch bei den Aerzten als 
willkommenes, alles Wesentliche präzise wiedergebendes Nach- 
schlagebuch beliebt, erschien dann sein Grundriss der inneren 
Medizin, welcher nach kurzer Zeit (1901) die II. Auflage er¬ 
lebte (Verlag von F. Pietzcker, Tübingen). 

Ausserdem erschienen Beitrüge von ihm in den bekannten 
neueren Sammelwerken, so z. B. in N o t h n a g e l’s Handbuch 
der spez. Pathol. und Therap.: die Artikel Cholera asiatica und 
Cholera nostras; in Ebstein-Schwalbe’s Handbuch der 
prakt. Medizin (I. Bd., 1899) die akuten und chronischen 
Lungenentzündungen und die Tuberkulose; in Goldschei¬ 
de r - J acob, Handbuch der physikal. Therapie, im Abschnitt 
Balneotherapie das Kapitel „Thermische Wirkungen der Bäder“ 
und in der Zeitschrift für diätetische und physikalische Therapie, 
redig. von Leyden und Goldscheider, Bd. II, Heft II: 
Ueber die Bedeutung der Würmeentziehungen beim Fieber. Eine 
grosse Anzahl verschiedener Arbeiten früherer Zeit sind mit 
Anmerkungen versehen im Jahre 1889 bei F. C. W. Vogel als 
„gesammelte Abhandlungen“ erschienen. Sie beziehen sich meist 
auf seine physiologischen Untersuchungen über Wärmeproduk¬ 
tion, Wärmeregulirung, Fieber, Antipyrese und Abdominal¬ 
typhus. Doch möge auch Abschnitt IV: Ueber die Anwendung 
der Diaphorese bei chronischem Morbus Brightii, aus seiner 
ersten Tübinger Zeit 1861 (Prager Vierteljahresschr. Bd. 72) und 
Abschnitt X (Brief an Prof. Gairdner in Glasgow, 1878) 
hier erwähnt sein, letzterer wegen der Liebermeister kenn¬ 
zeichnenden Art, Polemik auszufechten. Noch andere Gegen¬ 
stände sind in ansprechender Form dort abgehandelt und, gerade 
was die Form betrifft, in einer für seine Individualität sehr be¬ 
zeichnenden Weise. 

Alles in Allem beläuft sich die Zahl von Lieber- 
meiste rs Publikationen etwa auf 90, soweit ein nachträglich 
von seinem Sohn aufgestelltes Verzeichniss reicht. Lieb er - 
meister gehört also gewiss zu den fruchtbarsten medizinischen 
Schriftstellern und es kann gesagt werden, dass sich diese 
90 Publikationen auf den ganzen Zeitraum 1859—1901 ziemlich 
gleichmässig vertheilen, indem nur wenige Jahre, in welchen 
er von harten Schicksalsschlägen heimgesucht wurde, davon aus¬ 
genommen sind. 

Die meisten Publikationen waren Ferienarbeit oder für die 
Seinigen immerkbar zwischen den übrigen Arbeitsstunden des 
Tages entstanden. Niemals hat man seiner Stimmung das Ar¬ 
beiten angemerkt: in jeder Form geschah die Arbeit wie spielend 
und ohne dass er sich in seinen übrigen Verpflichtungen beruf¬ 
licher oder ausserberuflicher Art hätte je dadurch stören lassen. 

Der Kreis seiner ärztlichen Interessen wäre endlich imvoll¬ 
ständig erwähnt, wenn man vergessen wollte, wie lebhaft sich 
Liebermeister für die Behandlung der Lungentuberkulose 
durch Höhenluftkuren interessirte. Speziell Davos zählte 
Liebermeister unter seine überzeugtesten und frühesten 
Freunde und auf dem Krankenlager noch galt sein Interesse 
der unlängst eingeweihten „deutschen Heilstätte für minder¬ 
bemittelte Lungenkranke in Davos“, für welche er, seit die erste 
Anregung dazu gegeben war, durch Wort und Schrift *) stets 
warme Theilnahme bekundet hatte. 

Warm und echt, wie jedes von ihm geäusserte Interesse, war 
auch das für den ärztlichen Stand. Allo die ihn als Lehrer, 
Examinator, Vorgesetzten und Konsilarius kennen lernten, 
wissen dies zu bezeugen. Mit freundlichem Wohlwollen, mit 
einer natürlichen Achtung begegnete er jedem, auch dem 
jüngeren Arzt. Der behandelnde Arzt ging nicht nur innerlich 
gefördert, sondern auch in seinem Ansehen gegenüber dem 
Kranken und dessen Umgebung neu gestärkt aus dem Konsilium 
hervor. Und dabei blieb Liebermeister, obwohl er wusste, 
dass nicht Alle, mit welchen er zu verkehren hatte, das Standes- 
ideal so auf fassten, wie er es nach seiner Ueberzeugung, z. B. 
bei der Eröffnung des VIEL Kongresses für innere Medizin laut 

*) Ueber Lungenschwindsucht und Höhenkurorte. Vortrag. 
Leipzig 1898 (Gartenlaube). 


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5* 

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MÜ"ENOHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


196 


bekannt!*. Er sagte damals u. A.: „Ich glaube in Ihrer Aller 
Sinne zu reden, wenn ich sage: jede Maassregel, welche im 
Interesse des ärztlichen Standes vorgesehlagen wird, sollte nicht 
begründet werden durch den Hinweis auf den ärztlichen Stand, 
sondern auf die Interessen der Gesammtbevölkerung; denn diese 
sind allein maassgebend.“ 

In ähnlichem Sinne sprach er 1896 bei einem ihm zu Ehren 
gegebenen Festkommers. Aus den goldenen Worten (welche 
J. Pagel in seiner medizinischen Deontologie, S. 25 [Berlin 
1901] noch etwas ausführlicher reproduzirt hat) sind folgende 
drei Sätze besonders deutlich in Erinnerung geblieben: 

I. Bei der Behandlung eines Kranken denke zuerst an den 
Kranken und sorge, was für ihn zu geschehen hat, und dann 
erst denke an Dich selbst. 

II. Suche immer zu individualisiren; den Kranken, nicht 
(bloss) die Krankheit behandle. 

III. Nicht auf die Heilmittel kommt es an, sondern auf 
ihre Anwendung und non medieamentis confidere sed therapiae. 

Und als eine Erfahrung, die er ebenso beherzigenswerth 
fand, bczeichnete er die: Auf Dank solle der Arzt nie rechnen; 
ihm selbst komme mehr Dank ein von Denjenigen, bei welchen 
er auf keinen Dank gerechnet habe oder wo er ihn am wenigsten 
verdient zu haben glaube. TTnd endlich: trotz allen Anforde¬ 
rungen, welche der ärztliche Beruf an den Einzelnen stelle, sei 
er doch der schönste und dankbarste. 

Es sei gestattet, mit den tiefempfundenen Worten jenes 
Nachrufes im Staatsanzeiger für Württemberg zu schliessen. 

„So war Liebermeister ein grosser Arzt, weil er 
nicht bloss ein grosser Gelehrter, sondern auch ein guter 
Mensch war, der das geistige Wesen der Welt erkannte; an 
ihm bewahrheitet sich das kühne Wort aus dem Alterthum: 
ir/rQÖc yt'tQ (ptXoooqpoe too&eof. Auf der Ehrentafel der grossen 
Aerztc wird der Name Liebermeister mit unvergäng¬ 
lichen Lettern eingegraben stehen.“ 

Dr. H. A. in Tübingen. 

Referate und Bücheranzeigen. 

Die deutsche Orthopädie im Jahre 1901. 

Von Oskar Vulpius in Heidelberg. 

Das ahgclaufene Jahr war für die deutsche Orthopädie in¬ 
sofern von Bedeutung, als ein Sammelruf laut wurde, um die 
Vertreter d<*s Faches in einer wissenschaftlichen Gesellschaft zu 
vereinigen. Die Zahl der Arbeiter und Arbeiten, welche im vor¬ 
liegenden Jahresbericht zusammengefasst sind, lässt wohl ebenso 
wie seine Vorgänger die Selbstiindigmaohung unserer Disziplin 
Wrcchtigt. erscheinen. 

Auf dem Gebiete der a 11 g e m e i nen Orthopädie ist eine 
Darstellung der mechanischen Orthopädie im Handbuch der 
physikalischen Therapie von Vulpius [1] gegeben worden. 

Feber die in der Höf tman n’sehen Klinik geleistete Arbeit 
berichtet S t r u b e [2]. 

Das schwierige Gebiet der chronischen Gelenkerkrankungen 
suchte W i n t e r b e r g [3] zu klären, Hübscher [4] dehnte 
seine perimetrischen Untersuchungen auf kranke Gelenke aus. 

M a a s s [5] begründet seine Auffassung von den mecha¬ 
nischen Störungen des Knochenwachsthums und vertheidigt sic 
[6] gegen Herz [7], der die Knoehendeformität im Sinne von 
L o r e n z auffasst. 

Stöltzner und S a 1 g e [8] glauben, dass die rachitische 
Veränderung des Knochens durch den Ausfall eines Organs, wohl 
der Nebennieren, bedingt sei. 

K i e n b ö e k [9] weist radiographisch die wohl reflektorische 
Kinx-henatrophie bei benachbarter Entzündung nach. 

Schanz [10] sucht die Entstehung statischer Belnstungs- 
defonnitüten auf einfache mechanische Vorgänge zu beziehen. 

Interessant, sind die Untersuchungen Jendrassik’s [11] 
üIk‘1' normale und pathologische Gangarten. 

Die V e r b a n d t e c h n i k hat einige Bereicherungen er¬ 
fahren. II erging [12] empfiehlt dünne Celluloidplatten, die 
in hcisscin Spiritus erweicht werden, Sender [13] Binden, in 
welche ein Holzwolleleimbrei eingericben wird, Schleich [14] 
eine erstarrende, aber wasserlösliche Peptonpaste, endlich 
Sahli [15] die sogen. Boagipssehiene, einen Trikotschlauch, der 
mit Juteeinlage und Gipspulver gefüllt ist. 


Von Langcmak [16] rührt ein einfacher Gipsfenster¬ 
sucher her. 

Einen neuen Operationstisch für den Orthopäden beschreibt 
Schultze [17]. 

Den günstigen Einfluss rythmischer Dehnungen auf ver¬ 
kürzte Muskeln, spez. durch Zanderapparate lobt Regnier [18]. 

Eulenburg [19] empfiehlt neue Apparate für Bewegungs¬ 
therapie, ein Gehdreirad und eine orthopädische Turnbank, 
letztere auch Oberst [20]. Bettmann [21] hat einen 
Universalfingerbeugeapparat konstruirt, B ä h r [22] sein Finger- 
gelenkpendel verbessert. 

Graff [23] beschreibt seine neuen Apparate zum Ilüft- 
pendeln, Graf und V o g 1 e r [24] einen Apparat für aktive 
Arm- und Beinbewegung. 

Die portativen Apparate wurden besprochen von 
Müller [25], ihre Technik dargestellt von Gocht [26]. 

Golebiewski [27] baute Schraubenapparate zur Be¬ 
handlung der Ankylosen. 

Erwähnt sei hier auch der Herzkompressionsapparat von 
Gräupner [28], eine nach Modell gemachte Druckpelotte. 

Indem wir uns zur chirurgischen Orthopädie 
wenden, sei zunächst genannt Bleche Es [29] Vorschlag, Ge¬ 
lenkversteifungen mit Stauung zu behandeln. Au ler [30] 
schildert die Bardenheue r’sche extrasynoviale Kapselplastik 
bei Schlottergelenk u. a. 

Bayer [31] hat eine subkutane plastische Achillotenotomie 
ersonnen. 

Hoffa [32] studirte die Heilungsvorgänge nach ver¬ 
schiedenartigen Sehnenplastiken. Günstig äussern sich über die* 
Sehnentransplantation Gerulanos [33] und Kunik [34]. 
Lange [35] berichtet über erfolgreiche Sehnenbildung aus 
Seide. 

Petersen [36] empfiehlt Silkworm zur Sehnennaht, 
W o 1 f f [37] seine sogen, ostale Methode der Ueberpflanzung. 

Einen an allen vier Extremitäten überpflanzten Patienten 
zeigte Vulpius [38]. 

Ohnesorge [39] prüfte die Resultate der Kieler Arthro- 
d«*senoperationen, Bickel [40] stellte die Osteotomien der 
Münchener Poliklinik zusammen. Um eine Verkürzung nach 
Osteotomie zu verhüten, konstruirte K Ufer [41] eine ein¬ 
zugipsende Schraube. 

Ein neuer Osteoklast rührt von Heusner [42] her. 

Eine kurze Febersicht über die praktisch wichtigen Miss¬ 
bildungen stammt von Torday [43]. 

Simmonds [44] betont den Werth der Röntgenstrahlen 
für die Untersuchung der Missbildungen. 

Eine Arbeit von Wunsch [45, 46] beschäftigt sich mit 
multiplen kongenitalen Kontrakturen. 

Kasuistische Beiträge zu den Missbildungen der Extremi¬ 
täten geben Pagen Stecher [47] und Joachims¬ 
thal [48]. 

Ausführliche Erörterung fand der Femurdefekt durch 
Adrian [49], Reiner [50] und Blencke [51], ins¬ 
besondere die pathologische Anatomie und die Aetiologie. 

Wir sind damit eigentlich schon in die spezielle Ortho¬ 
pädie eingetreten und beginnen mit dem Schiefhals. 
Emmerich [52] demonstrirte eine 5 Monate alte Deformität 
mit angeschwollenem Kopfnicker. 

Für die M i k ul i c z’sche Resektion des Muskels traten 
Friedberg [53], Linsor [54] und Stumme [55] ein, 
während J oachimsthal [56] die offene Tenotomie ver¬ 
theidigt. 

Schanz [57] legt das Hauptgewicht auf lange Fixation 
des Kopfes in einem extendirend wirkenden Verband. Lorenz 
[58] endlich empfiehlt gar die unblutige Dehnung resp. Zer- 
reissung des verkürzten Muskels. 

Von den Deformitäten des Thorax ist die Trichter¬ 
brust bearbeitet worden von Chlumsky [59], während 
S c h ö d e 1 [60] die einseitigen Bildungsfehler der Brustwand 
bespricht und auf verspätete Abhebung des Amnion bezieht. 

Rager [61], Kausch [62] und Kay sc r [63] mehren 
die Kasuistik des angeborenen Schulterhoehstandee, Merkel 
[64] hat ein die Skapula dislocirendes Enchondrom operirt. 

Röntgenuntersuchungen der gesunden und kranken Wir¬ 
belsäule wurden von Kienböck [65] veröffentlicht. Das 


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4. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISOHE WOCHENSCHRIFT. 


197 


Kapitel der Spina bifida stellte Bayer [66] ausführlicher dar. 
während R e incr [67] einen kasuistischen Beitrag lieferte. 

Die habituelle K y p h o s e will Schanz [68] in 
schweren Fällen mit redressirendem Gipsverband behandeln. 

Auf die Mögliclikeit der Heilung des spondylitisclien 
tlibbus durch Streckung, Verband und Stützkorset kommt 
«T o s e p h [69] wieder zurück, nachdem die von C a 1 o t erzeugte 
Krregung bereits völlig beseitigt schien. Heubner und 
.1 a c o b [70] sahen Lähmung bei eervikaler Spondylitis unter 
Kxtension ausheilen, Sick [71] heilte eine spondylitische 
Rahmung durch Laminektomie. Mit der Prognose dieser Kompli¬ 
kation beschäftigt sich auch eine Arbeit von Häring [72]. 
Den schon bekannten vereinzelten Fällen von Spondylitis 
t yphosa fügte Kühn [73] eine neue Beobachtung hinzu. 

Die sogen. Spondylitis traumatica will W e g n e r 
[74] lieber als traumatische Kyphose bezeichnen, er beschreibt 
3 neue Fälle. Der von Frankenburger [75] besprochene 
Patient hatte vielleicht keine reine traumatische, sondern eine 
tuberkulöse Affektion. 

Mit der aukylosirenden Wirbelsnulenent- 
7. ü udung Ix-sehäftigen sich mehrere Arbeiten: Lauenstciu 
[76] und Kudrjaschoff [77] verdanken wir die Kenntniss 
anatomischer Präparate. Müller [78] machte auf die aus- 
gesprochene Abdominalst hmung bei solchen Kranken auf¬ 
merksam. Bender [79] und Borchard [80] berichten über 
Fälle des Typus Bechterew, Glaser [81] über einen S t r ü m - 
p e 1 l’sehen Fall. 

Die Beziehungen des Leidens zum chronischen Gelenk- | 
rheumatismus, die recht verschieden aufgefasst werden, finden 
eine Besprechung durch K o 11 a r i t s [82]. 

Eine tabi sehe Arthropathie der Wirbelsäule mit 
Gibbus beschreibt Benedikt [83]. ein Tabeskorset aus Leder 
Bade [84]. 

Der Skoliosenbehandlung ist ein von H o f f a [85] 
stammendes Kapitel im Handbuch der physikalischen Therapie 
gewidmet. Schulthess [86] gibt einen ausführlichen Bericht 
über seine Skoliosen wälirend der letzten 5 Jahre. Bezüglich der 
Actiologie macht Riedin gor [87] in eingehender Darlegung 
auf die „Zerknickungsbeanspruchung“ der Wirbelsäule auf¬ 
merksam, während Schanz [88] die mechanischen Gesetze der 
Skoliosenbildung am elastischen Stab zu veranschaulichen sucht. 
Nach Lorenzon [89] sollen chronisclie rheumatische Muskel¬ 
affektionen die Deviation der Wirbelsäule verschulden können. 
Zu p pingor [90] dagegen erblickt die primäre Ursache der 
Dorsalskoliose im Druck der Schulbank auf die rechte vorder« 1 
Brust wand. 

Die Wichtigkeit der Frühdiagnose wird von Bum [91] er¬ 
neut betont, die frühesten Zeichen der Verkrümmung schildert 
Pfeiffer [92]. Zur Messung der Skoliose empfiehlt Grün- 
bäum [93] sein Ikonometer, T a u t z [94] den Skoliosognost, 
Deutschländer [95] die porimetriti9che Buckelmessung 
mittels Gipsabguss. 

Ueber den Werth der Heilgymnastik in der Skoliosentherapie 
äussert sich Noble-Smith [96]. Ueber die Behandlung 
'chwerer Skoliosen im Gipsverband machen Mittheilungen Bade 
[97, 98], Deutschländer [99] und Eckstein [100]. 
Lagerungsapparate für Skoliosen wurden angegeben von Man¬ 
go 1 d t [101] und K i r 8c h [102]. 

Ueber den Werth und Schaden des Korsets, diesmal aller¬ 
dings nur des gewöhnlichen Frauenkorsets, entbrannte eine Fehde | 
zwischen Witthauer [103] und Blum [104], von denen I 
Letzterer einen Ersatz „Johanna“ empfahl. 

Die hysterische Skoliose wurde von P a o 1 i [105] und 
von Muskat [106] monographisch bearbeitet. 

Halbandoff [107] fand die Ursache der Syringo- 1 
m y e 1 i e - Skoliose in einer trophischen Erkrankung des : 
Knochens. Mehrere Fälle von angeborener Skoliose wurden 
von Hoffa [108] zusammengestellt. 

Endlich unterzog Schulthess [109] die Skoliose eines 
Schweines eingehender Untersuchung. 

Die obere Extremität betreffen nur wenige Publi¬ 
kationen. Zur Heilung der habituellen Schulterluxation rieth 1 
Hildebrand [110] zur Vertiefung der Pfanne. 

Eine Radialislähmung wurde von Gönczyv. Biste [1111 
mittels Ueberpflanzung beseitigt. 


Bei einer cerebralen Kinderlähmung implantirte Kölliker 
[112] den Nerv, rudialis aufsteigend in den N. med., bei einer 
j ischämischen Ulnarislähmung Dumstrey [113] diesen Nerven 
. in den Medianus. 

Neutra [114] ist der Ansicht, dass der D u p u y t r e n’- 
! sehen Fingerkontraktur oft ein Nervenleiden zu Grunde liege. 

Mit der Behandlung von Fingerversteifungen befasst sieh 
ein Aufsatz von T h i 1 o [115]. 

Wir kommen schliesslich zur unteren Extremität: 

Wir verdanken König [116] den Hinweis auf eine gonor¬ 
rhoische Form der K o x i t i s und die Fixirung der Arthritis 
d e f o r m a n s coxac als eines spezifischen Leidens, dessen 
operative Behandlung mittels Resektion unter Umständen aus- 
i sichtsreich ist. 

Als frühdiagnostisches Merkmal des Leidens stellt Becher 
[117] die Abduktionshemmung auf. 

Bado [118] seinerseits beschreibt die Struktur des koxalen 
j Femurendes bei Arthritis deformans, Stempel [119] schildert 
eingehend die Symptomatologie des Malum coxae senile. 

St ieda [120] gibt einige Krankengeschichten von Coxa 
vara und macht auf die Steigerung der Patellarreflexe auf¬ 
merksam. Laucnstein [121 ] zeigt die Koche Fsche 
Schenkelhalsverletzung im Röntgenbild. 

R e i c h a r d\s [122] Demonstration einer Coxa v a 1 g a 
stiess auf Widerspruch. 

Für die exakte Diagnose der K o x i t i s empfahl v. Man- 
goldt [123] das Röntgenverfahren, für die Therapie des Leidens 
Ludloff [124] den Gipsverband in der Kontrakturstellung 
unter Aufschiebung des Redress«•ments. 

Traut z scher [125] beschreibt eine angeborene 
doppelseitige Hüftkontraktur, Schoemaker [126] und 
W e r t h e i in - S a 1 o m o n s o n [127] Fälle von hyste¬ 
rischer Hüftkontraktur. 

Ueber die Actiologie der angeborenen Hüftver- 
renkun g machte v. Friedländer [128] interessante 
Studien, die ihn als Ursache eine intrauterine lumbale Lordose 
annehmen lassen. 

Seine mechanische Extensionsbehandlung des Leidens be¬ 
schreibt Müller [129]. 

J oachimsthal [130] zeigte Erfolge der unblutigen Re¬ 
position, besonders die Pfannenvertiefung im Röntgenbild, auss«*r- 
dem Knochenpräparate alter Luxationen. 

G hillin i [131] und Caccia ri [132] betonen die 
i Wichtigkeit der Tunen- und Aussenrotationsstellung des un- 
j blutig reponirten Beines, je nach tler Richtung des Schenkelhalses. 

Schlesinger [133] sah anscheinend irreponible Luxa¬ 
tionen sogar spontan einsclinappen, wenn der Gipsverband in der 
erzielten Abduktionsstellung angelegt wurde. 

Dreesman n (134) berichtet über vorzügliche Resultate 
| nach unblutiger Einrenkung. 

Witzei [135] versuchte, durch Einschlagen von Gold¬ 
nägeln einen künstlichen Liinbus zu bilden, worauf Bayer [136] 
mittheilte, dass dies Verfahren von Gussenbaucr geübt und 
aufgegeben worden sei. 

C o d i v i 11 a [137] faltete in ähnlicher Absicht die G«denk- 
kapsel durch eine Naht, er ist im Ganzem kein Freund der blu¬ 
tigen Reposition. 

Die cerebralen und spinalen Kinderlähm¬ 
ungen behandelt ein Aufsatz von Hoffa [138], ein weiterer 
desselben Autors [139] die medizinisch-pädagogische Behandlung 
gelähmter Kinder. 

Die oft eigenthümlichen Knochenverkrümmungen und 
Wachsthumshemmungen bei spinaler Lähmung sucht Neu¬ 
rath [140] zu erklären. 

Sektionsbefimde veranlassen Kol ly [141], eine „ange¬ 
borene Starre ohne Lähmung“ als besondere Form aufzustelh-n, 
er möchte die Bezeichnung „L i 111 e’sche Krankheit“ lieber ganz 
aufgeben. 

Auf den eigenthümlichen Hochstand der Patella bei letzterer 
weisen Joachimsthal [142] und P e 11 e s o h n [143] 
wiederholt hin. 

Die Kontrakturen und Ankylosen des Knie¬ 
gelenkes will Vulpius [144] lieber operativ beseitigen, 
während Lorenz [145] «lern unblutigen Redressement den Vor¬ 
zug gibt. 


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198 


MTTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


Heusner [146] und Bruns [147] berichten von Be¬ 
seitigung der Kniekontraktur durch Verpflanzung der Beugc- 
muskeln auf die Streckseite. 

Die A 1 h o r t’schen Experimente über die Entstellung des 
Genu valgum fanden in G h i 11 i n i [148] einen Kritiker. 

Ho ns eil [149] berichtet über die Möglichkeit spontaner 
Heilung des kindlichen Genu valgum. Reiner [150] empfiehlt 
die Epiphyseolyse, allerdings unter heftigem Widerspruch. 

Die habituelle Luxation der Patella hat 
Ilildebraud [151] durch Operation am Knochen (Osteot. 
femoris, Verlagerung der Tuberositas tibiae) zu beseitigen ge¬ 
sucht, während Friedländer [152] die Kapselnaht anriith. 

Die Therapie der schweren rachitischen Kurva¬ 
turen des Unterschenkels behandelt Gennerioh [153]. 
Wietiug [154] untersucht das Entstehen der Säbelscheiden- 
tibia bei Lues herodit. tarda, welche von Reiner [155] als 
Ostitis deformans heredo-syphil. beschrieben wird. 

Einfache Verfahren zur Herstellung von Soldenabdrücken 
rühren von Freiberg [156] und T i m m e r [157] her. 

Perthes [158] hatte Gelegenheit, den verkrüppelten chi¬ 
nesischen Frauenfuss zu untersuchen. 

Hagenbach-Burekhardt [359] gibt einen histo¬ 
rischen Beitrag zur Klumpf ussboliandl ung, deren Er¬ 
folge. bei Erwachsenen von V u 1 p i u s [160] mitgetheilt werden. 

Beim Plattfuss machte Franke [161] die operative 
Verkürzung der Tib. post., er neigt zur Annahme [162], dass der 
angeborene Pluttfuss durch abnorme Muskelinscrtion bedingt sein 
könne. Als ein Plattfusssymptom stellte Pal [163] die Meralgia 
paraesthetiea auf. B 1 e n k c [164] beobachtete einen Fall von 
reiner Metatarsalgic durch Stiefeldruck. V ulpius [165] 
zeigte einige durch Sehnenüberpflanzung geheilte Hacken- 
f ü s s e. 

Einen Hallux varo-equinus l>eschreibt Hofmann 
[166] als Klurapzehe. 

Die Hammerzehe empfiehlt K a r c w s k i [167] mittels 
Arthrodese zu heilen. 

An den Schluss der hoffentlich nichts Wesentliches aus- 
1 assenden Zusammenstellung setzt der Referent den herzlichen 
Wunsch, dass der Zusammenschluss der Fachgenossen der 
deutschen Orthopädie gute Früchte bringen möge. 

Literatur. 

1. Goldscheider und Jaco b, Tlieil I. Bd. 2. — 2. Zeit¬ 
schrift f. orthopiid. Chir., 9. Bd., 3. H. — 3. Wiener Klinik, 12. H. 
*— 4. Deutsch. Zeitschr. f. Chir., 59. Bd.. 5./6. H. — 5. Vircliow's 
Areh.. Bd. 163, H. 2. — 6. Deutsch. Zeitschr. f. Chir.. 61. Bd.. 
3./4. H. — 7. Ibid., 60. Bd., 3./4. H. — 8. Beitr. z. Pathologie des 
Knochenwachsthums. Verlag von S. Karger- Berlin. — 9. Wien, 
ined. Wochensclir., No. 28—-34. — 10. Areh. f. klin. Chir., 64. Bd., 
4 n. — 11. Deutsch. Areh. f. klin. Med., 70. Bd., 1./2. H. — 
12. Deutsch, med. Wochensclir.. No. 1. — 13. Zeitschr. f. orthopiid. 
Chir., 8. Bd., 3./4. H. — 14. Med. Woche, No. 14. — 15. Ivorrespon- 
denzbl. f. Schweizer Aerzte, No. 6. — 16. Centralbl. f. Chir., No. 20. 

— 17. Zeitschr. f. orthopäd. Chir., 9. Bd.. 3. H. — 18. Monatsschr. 
f. Unfallhellk., No. 9. — 19. Deutsch, med. Woehensehr., No. 22. — 
20. Aerztl. Polytechnik, No. 5. — 21. Aerztl. Sachverstiimligen-Ztg., 
No 13. — 22. Deutsch, med. Wochensclir., No. 35. — 23. Zeitschr. f. 
orthopäd. Chir., 9. Bd., 2. H. — 24. Monatsschr. f. Unfallhellk., 
No. 5. — 25. Monatsschr. f. orthopäd. Cliir., No. 1. — 26. Anleitung 
zur Herstellung orthopäd. Apparate. Verlug von Enke- Stutt¬ 
gart. — 27. Monatsschr. f. Uufallheilk., No. 5. — 28. Ther. d. Gegen¬ 
wart. No. 6. — 29. Deutsch. Zeitschr. f. Chir., Bd. 60, II. 4/5. 

30. Ibid., Bd. 60. H. 5/6. — 31. Centralbl. f. Chir., No. 2. .... 
32. Münch, med. Wochensclir., No. 51. — 33. Ibid., No. 41, p. 1636. 

— 34. Ibid., No. 7. — 35. Hamburger Naturf.-Vers. — 36. Ibid. — 
37. Ibid. — 38. Münch, med. Wochenschr., No. 7. — 39. Dlss.. Kiel, 
Mai 1901. — 40. Diss., München 1901. — 41. Centralbl. f. Chir.. 
No. 1. — 42. Münch, med. Wochenschr., No. 38. — 43. Wiener Klinik, 
No. 1. — 44. Fortsclir. a. d. Geb. d. Röntgenstrahlen, Bd. 4, II. 5. 
45. Diss., Berlin 1901. — 4(5. Areh. f. Kinderheilk., 31. Bd., 3./4. H. 
-- 47. Deutsch. Zeitschr. f. Chir.. Bd. 60, 3./4. H. — 48. Fortsehr. 
a. d. Geb. d. Röntgenstrahlen, Bd. 4. — 49. Beitr. z. klin. Chir.. 
Bd. 30. II. 2. — 50. Zeitschr. f. orthopäd. Chir.. 9. Bd., 4. H. - 
51. Ibidem. — 52. Münch, med. Wochensclir., No. 47. p. 1902. — 
53. Deutsch. Zeitschr. f. Chir., Bd. 61, H. 3/4. — 54. Beitr. z. kliu. 
Chir.. Bd. 29, H. 2. - - 55. Zeitschr. f. orthopäd. Chir.. 9. Bd., 3. H. 

— 56. Deutsch, med. Wochenschr., No. 8. — 57. Münch, med. 
Wochenschr., No. 42. — 58. Hamburg. Naturf.-Vers. — 59. Zeitschr. 
f. orthopäd. Chir., Bd. 8, H. 3/4. — 60. Münch, med. Wochenschr.. 
No. 52. p. 2125. — 61. Zeitschr. f. orthopäd. Chir., 9. Bd., 1. H. — 
62. Centralbl. f. Chir., No. 22. — 63. Chirurgenkongress 1901. — 
64. Münch, med. Wochenschr., No. 24, p. 993. — 65. Wiener klin. 
Wochenschr., No. 17. — 66. Prager med. Wochenschr., No. 36—44. 

— 67. Wiener klin. Rundschau, No. 19. — 68. Münch, med. Wochen¬ 
schrift, No. 29. — 69. Berl. klin. Wochenschr., No. 36/37. — 70. Mün¬ 


chener med. Wochenschr., No. 52. p. 2124. — 71. Ibid., No. 51, 
p. 2056. — 72. Diss., Halle. August. — 73. Münch, med. Wochenschr., 
No. 23. — 74. Deutsch, militärärztl. Zeitg., H. 3. — 75. Münch, med. 
Wochenschr., p. 1115. — 76. Ibid., No. 11, p, 439. — 77. Zeitachr. f. 
orthopäd. Chir., 9. Bd.. 2. H. — 78. Münch, med. Wochenschr.. 
No. 34. p. 1365. — 79. Ibid., No. 11. — 80. Monatsschr. f. Fufall- 
heilk., No 10. — 81. Mitthell. a. d. Grenzgeb. d. Med. u. Chir., Bd. 8. 

3. II. — 82. Klin.-therap. Wochenschr., No. 3 ff. — 83. Klin.-therap. 
Wochenschr.. No. 3. — 84. Münch, med. Wochenschr.. No. 3. — 
85. (Joldschelder u. .1 a e o b, Tlieil II. Bd. 1. — 86. Zeitschr. 
f. orthopäd. Cliir., 9. Bd., 3. II. — 87. Morphologie der Skoliose. 
Verlag v. Berg in a n u - Wiesbaden. — 88. Zeitschr. f. orthopäd. 
Chir.. 9. Bd.. 2. H. — 89. Ibid., Bd. 8. II. 3/4. — 90. Beitr. z. kliu. 
Chir., Bd. 29, H. 3. — 91. Wien. med. Presse. No. 8. — 92. Zeitschr. 
f. Krankenpflege. April 1901. — 93. Zeitschr. f. orthopäd. Chir.. 
9. Bd.. H. 1. — 94. Deutsch, med. Wochenschr., No. 10. — 95. Cen- 
tralblatt f. Chir., No. 43. — 96. Zeitschr. f. diilt. u. phys. Therapie. 

4. Bd., 8. Heft. — 97. Centralbl. f. Chir., No. 10. — 98. Hamburger 
Naturforscher-Versamml. — 99. Zeitschr. f. orthopäd. Cliir.. 9. Bd., 
1. Heft. — 100. Prager med. Wochenschr., No. 18. — 101. Münch, 
med. Wochenschr., No. 30. — 102. Deutsch, med. Wochenschr.. 
No. 32. — 103. Thernp. Monatshefte. Dezember. — 104. Ibidem. 
Mai. — 105. Wien. med. Presse. No. 20. -- 106. Centralbl. f. d. 
Grenzgebiete, Bd. 4. No. 6. — 107. Deutsch. Zeitschr. f. Nerven¬ 
heilkunde, 20. Bd-, 3./4. Heft. — 108. Münch, med. Wochenschr.. 
No. 52. p. 2128. — 109. Zeitschr. f. orthopäd. Chir., 9. Bd., 1. Heft. 
— 110. Chirurgen-Kongress 1901. — 111. Centralbl. f. Chirurgie, 
No. 18. — 112. Münch, med. Wochenschr.. No. 50. p. 2023. — 
113. Deutsch. Zeitschr. f. Chir.. 62. Bd.. 1./2. Heft. — 114. Wien, 
klin. Wochenschr.. No. 39. — 115. Monatsschr. f. orthopäd. Chir., 
No. 3. — 116. Berl. klin. Wochenschr., No. 3. — 117. Ibidem. 
No. 47. — 118. Fortsclir. a. d. Geb. der Itöntgeiistrahleu. Bd. 4. 
Heft 2. — 119. Deutsch. Zeitschr. f. Cliir., 60. Bd., 3./4. Heft. - 
120. Areh. f. klin. Cliir., 63. Bd.. 3. Heft. — 121. Fortschr. a. d. 
Geb. d. Röntgenstrahlen. Bd. 4. Heft 2. — 122. Chirurgen- 
Kongress. — 123. Ibidem und Münch, med. Wochenschr., No. 2(5, 
p. 1071. — 124. Areh. f. klin. Chir.. 63. Bd„ 3. Heft. — 125. Central¬ 
blatt f. Cliir.. No. 23. — 126. Zeitschr. f. orthopäd. Chir.. 8. Bd.. 
3./4. Heft. — 127. Deutsch. Zeitschr. f. Nervenheilk., 19. Bd., 

1. ' Heft. — 128. Zeitschr. f. orthopäd. Cliir., 9. Bd.. 4. Heft. - 
12t). Monatsschr. f. orthopäd. Cliir., No. 12. — 130. Areh. f. klin. 
Cliir.. 65. Bd., 1. Heft. — 131. Münch, uied. Wochenschr., No. 14— 
132. Zeitschr. f. orthopäd. Cliir.. 9. Bd.. 2. Heft. — 133. Münch, 
med. Wochenschr., No. 12. — 134. Ibidem, No. 52. — 135. Central¬ 
blatt f. Chir., No. 40. — 136. Ibidem, No. 44. — 137. Zeitschr. f. 
orthopäd. Chir., 9. Bd., 2. Heft. — 138. Deutsche Klinik, 30. Lief. — 

139. Zeitschr. f. Klnderforschuug. Verl. v. Beyer. Langensalza.— 

140. Wien. med. Presse, No. 4. — 141. Deutsch. Zeitschr. f. Nerven¬ 
heilkunde, 20. Bd., 3./4. Heft. — 142. Berl. klin. Wochenschr., 
No. 8. — 143. Dissert. Leipzig. — 144. Münch, med. Wochenschr.. 
No. 49. — 145. Wien. klin. Rundschau, No. 40 ff. — 146. Deutsch, 
med. Wochenschr., No. 22. — 147. Centralbl. f. Chir., No. 6. — 
148. Zeitschr. f. orthopäd. Chir., 9. Bd., 2. Heft. — 149. Beitr. z. 
klin. Chir., Bd. 29, Heft 3. — 150. Hamburger Naturforscher-Ver¬ 
sammlung. — 151. Chirurgen-Kongress 1901. — 152. Areh. f. klin. 
Chir., Bd. 63. Heft 2. — 153. Dissert. Kiel. — 154. Beitr. z. klin. 
Chir.. 30. Bd.. 3. Heft. — 155. Wien. med. Presse, No. 13. — 
156. Zeitschr. f. orthopäd. Chir., 9. Bd., 4. Heft. — 157. Ibidem, 

2. lieft. — 158. Münch, med. Wochenschr., No. 50, p. 2023. — 
159. Correspondenzbl. f. Schweiz. Aerzte, No. 17. — 160. Münch, 
med. Wochenschr., No. 1. — 161. Therap. Monatsh., No. 4. — 
162. Areh. f. kliu. Chir., 64. Bd., 2. Heft. — 163. Wien. med. 
Wochenschr., No. 14. — 164. Deutsch, med. Wochenschr., No. 37— 
165. Münch, med. Wochenschr., No. 7. — 166. Zeitschr. f. orthopäd. 
Chir., 8. Bd., 3./4. Heft. — 167. Therapie der Gegenwart, No. 5. 


Arnold Lang: Lehrbuch der vergleichenden Anatomie 
der wirbellosen Thiere. TI. umgearbeitete Auflage. II. Liefe¬ 
rung : Protozoa, vollständig umgearbeitet von Arnold Lang. 
Jena 1901. Gustav Fische r. 

Auf die vor einiger Zeit an dieser Stelle, besprochene 
I. Lieferung der II. Auflage, des L a n g’schen Werkes ist jetzt 
die II. Lieferung gefolgt. Sie ist von dem Herausgeber selbst 
bearbeitet und enthält die Protozoen in einer geradezu klassischen 
Darstellung. Dass die neuesten Forschungen von Schaudinn, 
R. H e r t w i g, Lauterborn, die physiologischen Arbeiten 
von Jennings, Vcrworn u. A. ausgtxlchnte Berücksich¬ 
tigung erfahren haben, versteht sich von selbst. Ein Novum in 
der Organisation des Werkes hat uus ausserordentlich gefallen. 
Der Autor hat nämlich zwischen die systematische Uebersicht 
und den eigentlich anatomischen Tlieil, der die Beschreibung der 
einzelnen Zellbestandtheile der Protozoen enthält, eine eingehende 
monographische Darstellung einzelner Protozoen typen einge- 
schohen und dazu gewählt Ain<x?ba als Typus der Lobosa, 
Coelospathis als Typus der Kadiolarien und Paramecium als Ver- 
treter der Ciliateu. In der monographischen Beschreibung von 
Paraineciuin caudatum werden auch die physiologischen For¬ 
schungen der letzten Zeit eingehend gewürdigt. 

Im Uebrigcn ist der Plan des Werkes derselbe geblieben. 
Die einzelnen Organellen werden in folgender Reihenfolge ab- 


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4. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


gehandelt: Protektive Organ eilen (Schalen, Panzer etc.), mo¬ 
torische Organellen (Lobopodien, Wimpern, Geiseln etc.), Er- 
nährungsorganellen (Kragen, Cytopharynx etc.), respiratorische 
und exkretorische Organellen (pulsircnde Vacuolen), Empfin¬ 
dungsorganellen (Stigmata). Den Schluss bildet eine sehr ein¬ 
gehende Darstellung der Fortpflanzungsverhältnisso, die ja von 
der grössten Bedeutung sind. 

Die Ausstattung des Werkes ist vorzüglich, zählt es doch auf 
25 Druckbogen über 250 prächtige Abbildungen, neben zahl¬ 
reichen Kopien viele Originalzeichnungen des Verfassers. Diese 
II. Auflage des L a n g'schen Werkes wird, wenn sic in dieser 
Weise weitergeführt wird, einen ganz hervorragenden Platz in 
der deutschen wissenschaftlichen Literatur einnehmen. Wir 
wollen nur hoffen, dass sich die einzelnen Lieferungen in nicht 
allzu weiten Pausen folgen. Krause- Berlin. 

Dr. J. Lipowski: Leitfaden der Therapie der inneren 
Krankheiten, mit besonderer Berücksichtigung: der thera¬ 
peutischen Begründung und Technik. Ein Handbuch für prak¬ 
tische Aerzte. Berlin, Verlag von J. Springer, 1901. 

Wer das vorliegende Buch zur Hand nimmt, wird sich sehr 
bald überzeugen, dass dieser therapeutische Leitfaden weit davon 
entfernt ist, etwa nur einen kurzen Auszug aus einem oder 
mehreren der grossen Werke der Therapie darzustellen, wie sie 
jetzt die medizinische Ltieratur in vor 15 Jahren noch kaum ge¬ 
ahnter Zahl beherrschen. Wir haben hier vielmehr ein zum über¬ 
wiegenden Theil auf eigenen Erfahrungen und reherlegungen 
seines Autors fussendes Werkchen vor uns, dem, wie auch 
manchem Historiker, eine gewisse subjektive Färbung seiner 
Arbeit verdienstlicher erscheint, als die kühle Objektivität. 
L. geht von dom wohlbcrechtigten und in unserer neuesten 
Periode der Heilkunde auch verdientermaassen betonten Grund¬ 
sätze aus, dass der Arzt in erster Hinsicht- dazu berufen ist, zu 
lernen, wie man Krankheiten heilen oder wenigstens lindern 
kann. Dass dieses oberste Ziel der Heilkunde — und diese 
treiben doch wir Aerzte — in unserem Universitätsunterrichte 
nicht überall im richtigen Maasse im Vordergründe steht, oder 
sagen wir besser stand, wird vom Verf. gewiss nicht ohne Grund 
kojistatirt. "Wird doch hie und da auch vergessen, dass der 
Soldat für den Kampf ausgebildet wird. 

Die Darstellung des Stoffes, der eine Auswahl der für den 
praktischen Arzt wichtigsten Kapitel in sich sohliesst, ist be¬ 
herrscht von dem Bestreben, die Indikationen für das Eingreifen 
des Arztes auf Grundlage unserer physiologischen und anatomi¬ 
schen Kenntnisse eingehend zu erörtern und für die Erforder¬ 
nisse der Praxis zu formuliren, also das alte: Quibus auxiliisf 
curf quomodo? qtiundol Die Besprechung der für den allge¬ 
meinen Praktiker nöthigen ärztlichen Technik umfasst in dem 
I<eitfaden daher auch mit Recht Ausschnitte aus allen Spezial¬ 
fächern, deren Errungenschaften der praktische Arzt, für sich 
und seine Kranken nöthig hat. Mit Recht findet Verf. gegen¬ 
über den derzeitigen Strömungen, das therapeutische Ganze in 
unendliche therapeutische Theilchen auseinander zu ziehen, da 
und dort eine sarkastische Kritik. Das Vorgehen ist in der 
That manchmal so, als wenn man für jeden einzelnen Apparat 
eines Zander-Saales ein eigenes Institut gründen wollte. Das 
Buch von L. gehört zu jenen, welche „zum Sammeln“ rufen. 
Die Auswahl der Kapitel ist eine gute, die Durchführung, ab¬ 
gesehen von einigen Holpvigkeiten des Textes, eine zum Theil 
sehr eingehende, z. B. über Tracheotomie, über die Krankenkost 
und ihre Zubereitung, über Stoffwechselkrankheiten, über die Er¬ 
krankungen der Respirationsorgane. Das Nervensystem ist wohl 
zu kurz weggekommen, nur eine Ehrenrettung der therapeuti¬ 
schen Bedeutung der Elektrizität ist nicht vergessen. Mit Recht 
wird gegen den Nihilismus in dieser Hinsicht Front gemacht. 
Manches mehr spekulativ Gefärbte hat meinen Widerspruch er¬ 
regt, auch sonst einige Angaben, z. B. über das als „ausge¬ 
sprochenes Herzgift“ gebrandmarkte Diuretin, dann der Rath 
an die Herzkranken, aus der Pulsbeschaffenheit die Leistungs¬ 
fähigkeit ihres Herzens beurtheilen zu lernen u. a., aber das thun 
die basten Bücher. Das sehr schön auf erfreulich gutes Papier 
gedruckte Buch kann den praktischen Aerzten, für die es ge¬ 
schrieben ist, nur auf das Wärmste empfohlen werden. 

Grassmann - München. 


199 


K. Bonhöffer: Die akuten Geisteskrankheiten der 
Gewohnheitstrinker. Gustav Fische r. Jena 1901. 226 S. 

Wer die medizinische Literatur des letzten Jahrzehnts über¬ 
sieht, dem wird es nicht entgehen, einen wie grossen Raum der 
Alkohol und seine mannigfache Bedeutung einnimmt. So 
wichtig aber auch die mit dem Alkoholkonsum zusammenhängen¬ 
den und durch ihn charakterisirten Geistesstörungen sind, so 
hat uns erst die letzte Zeit hier Monographien bescheort. 

Vor Kurzem erschien Gaupp’s interessante Arbeit, in 
welcher er die K r ä p e 1 i n’sehe Auffassung, dass die Dipsomanie 
als ein Symptom der Epilepsie aufzufassen sei, an der Hand 
zahlreicher eigener und fremder Beobachtungen verficht. Jetzt 
liegt aus dem gleichen Verlage von B o n h ü f f e r eine klinische 
Studie vor, welche die akuten psychischen Veränderungen be¬ 
handelt, die sich auf dem Boden des chronischen Alkoholismus 
auf bauen. Die Zahl der für eine solche Arbeit in Betracht 
kommenden Krankheitsbilder ist naturgemäss eine beschränkte. 
Er theilt sie ein in vier Gruppen. Die erste umfasst das De¬ 
lirium tremens mit den atypischen Delirien, die zweite das 
chronische Delir oder die K o r s a k o w’sche Psychose. Die 
dritte die akute Halluzinose, den akuten halluzinatorischen 
Wahnsinn Kräpcli n’s; in der letzten Gruppe befasst er sieh 
mit kurzdauernden Bewusstseinsstörungen der chronischen 
Alkoholisten. 

Verfasser bespricht bei jeder Gruppe die Symptomatologie, 
Aetiologie, Pathogenese, Diagnose, Prognose und Therapie. 

. Da er über ein ausserordentlich grosses Material verfügt — 
stützt sieh doch z. B. seine Berechnung der Mortalitätsstatistik 
bei Delirium tremens auf 1077 Deliriumerkrankungen (p. 110) — 
und die einschlägige Literatur ausgiebig verwerthet, so gibt er 
uns ein vollständiges Bild unseres heutigen Wissens auf diesem 
Gebiete. Zudem ist die Darstellung frisch und anregend, hie 
und da gestützt durch kurze Krankheitsgeschichten. Verfasser 
liefert, um das hier hervorzuheben, eine recht eingehende Ana¬ 
lyse des Geisteszustandes der Deliranten und zweifellos wird er 
hiermit auch das Interesse des Nichtpsychiaters erwecken für die 
so eigenartige Geistesverfassung, in der sich Deliranten befinden. 
Das Gleiche gilt auch hinsichtlich des sogen, anamnestischen 
Symptomenkomplexes hei der Korsako w’schen Psychose. 

Die Arbeit kann nicht nur dem Fachmann, sondern vor 
Allem auch dem praktischen Arzte empfohlen werden, der in 
seiner Praxis sicherlich mehr als mancher Irrenarzt Gelegenheit 
haben wird, die schnell vorübergehenden, die Anstaltspflege nicht 
erfordernden Störungen zu sehen. An der Hand der Arbeit B.’s 
wird er lernen, zu sehen und zu beobachten, und das ist bei 
Weitem nicht der geringste Vortheil, den sich Referent von dem 
Buche verspricht. Ernst Schultz e. 


H a a g's Rentenfigur, Skala der Einbusse an Erwerbsfähig¬ 
keit bei Unfallsehiiden mit ergänzenden Bemerkungen, von 
Georg Haag, Abtheilungsvorstand bei der Bayerischen Bau- 
gewerks-Bcrufsgenossensehaft. V. ncubearbeiteto Auflage. Mün¬ 
chen, S c i t z & Sc h a u e r. Preis M. 1.60. 

An einer Skeletfigur sind in übersichtlicher und präziser 
Weise die Prozentsätze an Erwerbsbeschränkung in Folge trau¬ 
matischer Einwirkungen angegeben, wie sie sich im Laufe der 
Jahre sowohl durcli die Praxis, als auch durch die Entscheidungen 
des Reichsversicherungsamtes, der Landesversicherungsämter und 
der Schiedsgerichte als im Allgemeinen richtig ergeben haben. 
Es handelt sieh natürlich nur um Anhaltspunkte, die bei 
einfach gelagerten Fällen, z. B. bei glatten Verlusten von Glie¬ 
dern als zahlenmäßig richtig zu betrachten sind, bei besonderen 
Komplikationen aber den Grundstein bilden, auf welchem in 
der Beurtheilung des Falles weiter aufgebaut werden kann. 

Die Skala ist ein hervorragendes Hilfsmittel für alle Die¬ 
jenigen, denen die Begutachtung und Entschädigung von Un¬ 
fallschäden obliegt, in erster Linie also für alle Aerzte, die in 
grosser Anzahl bereits das Werkchen in ihrer Gutachterthätigkeit 
als lieben Freund kennen und schätzen gelernt haben, in nicht 
geringerem Grade aber auch für alle Berufsgenossenschaften, 
staatliche Behörden, Schiedsgerichte etc. 

Die Rentenfigur, welche in kurzer Zeit schon 4 Auflagen 
erlebt hat, wird zweifellos auch in der jetzigen neubearbeiteten, 
sich durch gefällige Ausstattung (handliches Taschenformat) 
auszeichnenden V. Anflage das erfüllen, was sie bezweckt: ein 
präzises und rasch Auskunft gebendes Hilfsmittel allen Den- 


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MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


200 


jenigen zu sein, welche an der Begutachtung und Entschädigung 
der Unfallverletzungen betheiligt sind. 

Dr. Arthur Dreyer - München. 

Heinrich v. Schnllern: Die Aerzte. Roman. Oestor¬ 
rei chische Yerlagsanstalt. 

Ein Arzt schildert uns hier in künstlerischer Form die zahl¬ 
losen Leiden unseres Standes. Der Held, ein feinfühliger, wissen¬ 
schaftlich veranlagter, von hohen Idealen erfüllter, junger Arzt 
lässt eine ihm erreichbare wissenschaftliche Laufbahn im Stich, 
um sich und seiner Braut möglichst schnell ein sicheres Nest 
bauen zu können und etablirt sich als Landarzt. Vom Tage 
seiner Bewerbung um die armselige, nicht honorirte Stelle als 
Gemeindearzt an macht er nun alle die Enttäuschungen und 
bitteren Erfahrungen durch, die jedem jüngeren Arzt nur zu 
wohl bekannt sind. 

Das Gefühl der Unsicherheit der Existenz unter den ob¬ 
waltenden sozialen Verhältnissen, den Zwang, Tag und Nacht, 
ohne jede wirkliche Erholungspause für die Bedürfnisse und oft 
genug für die Launen und egoistischen Nebenabsichten der lieben 
Mitmenschen auf dem Präsentirtellcr sitzen zu müssen und oll 
genug für die selbstloseste Aufopferung nur Gleichgiltigkeit oder 
gar krassesten Undank einzuomten; den Stumpfsinn des Publi¬ 
kums, das an der ärztlichen Wissenschaft horumkritisirt, Lob 
und Tadel gleich willkürlich vertheilt, und sich schliesslich dem 
ersten besten Kurpfuscher mit Haut und Haaren auslicfcrt; den 
Neid missgünstiger Kollegen; die von der Natur oft allzu eng 
gesteckten Grenzen unserer Therapie, trotz aller diagnostischen 
Fortschritte-all’ das hat der anno Held des Romans reich¬ 

lich durchzukosten, bis er schliesslich lungenkrank nach dem 
Süden reist und dabei die ganze Hilflosigkeit des kranken und 
unbemittelten Arztes kennen lernt. Nachdem er den Kampf mit 
seinem Beruf dann nochmals aufgenoinmcn. wird er endlich 
durch verschiedene Schicksalsschläge soweit gebracht, dass er den 
Beruf gänzlich aufgibt, um als Lundwirth zu leben. 

Es kann hier nicht unsere Aufgabi; sein, den Roman vom 
künstlerischen Gesichtspunkt aus zu betrachten; auf das Inter¬ 
esse der Aerzte kann er allein durch seine Tendenz schon An¬ 
spruch erheben. Ist es doch dringend nöthig, dass einiges Ver¬ 
ständnis für die Leiden unseres Standes auch in weiten; Kreise 
getragen werde. Freilich scheint es mir, als ob der Verfasser, 
ohne gerade falsch zu malen, doch die düsteren Farben allzusehr 
bevorzugt habe. Es bleibt eben zu bedenken, dass der Held des 
Romans eine fein empfindende, vornehme Natur ist, die nicht 
nur unter dem ärztlichen, sondern auch unter manchem anderen 
Beruf bitter leiden muss, und dass solch’ weisse Arme, wie sie 
die schöne Frau Ilona besitzt, nicht nur an ärztlichen Schicksalen 
mitzuweben pflegen. So sind eben alle ärztlichen Verhältnisse 
ein wenig durch die pessimistisch gefärbte Brille des Helden 
gesehen. Offenbar hat der Verfasser das selbst am Schluss seiner 
Arbeit empfunden und lässt daher den Sohn seines Helden auf 
die Universität ziehen, um — Medizin zu studiren, und zwar mit 
Einwilligung seines Vaters. „All’ die herrlichen, von seinem 
Sohn gesprochenen Worte hatten cs ihm angethan — die Aerzte 
der ganzen Welt vereinigen sich und sie werden siegen!“ 

Mit diesen Worten schliesst das Buch, und an dieser Hoff¬ 
nung wollen wir Aerzte denn auch festhalten. Die Lektüre 
des Romans aber sei jedem Kollegen empfohlen. Salzer. 

Neueste Journalliteratur. 

Deutsches Archiv für klinische Medicin. 1901. 71. Bd. 

«. Heft. 

30) Th. G. Janowsky und W. K. Wyssokowlcz: 
Ein Fall von Dermatomyositis. 

Es handelte sich um einen relativ chronisch verlaufenden Fall 
von Dermatomyositis, der die charakteristischen Erscheinungen 
(fest-weiche Konsistenz, pralle Starre und Schmerzhaftigkeit der 
Muskulatur spontan und auf Druck, entzündliches Oedein des 
Unterhautzellgewehes und Hyperämie der Hautdecken) an Rumpf 
und Extremitäten, zuletzt auch an den Rachenmuskeln, Sphinkter 
ani (und Zwerchfell?) zeigte, und tödtlich endete. Bei der durchaus 
unklaren Aetiologie dieses Kraukheitsblliles ist zunächst immer au 
eine Infektion zu denken, im vorliegenden Falle kommt vielleicht 
eine Autointoxikatiou in Folge Ulcus ventriculi und dadurch be¬ 
dingter Dyspepsien hinzu. Das histologische Bild ergab eine dif¬ 
fuse, interstitielle Myositis mit dem Charakter einer chronischen 
Granulationsentzündung; parenchymatöse Veränderungen, wie sie 
den akuten Formen eigenthümlich sind, fehlten. 


31) W. Müller: Experimentelle und klinische Studien 
über Pneumonie. (Aus der mediz. Klinik zu Leipzig.) 

Während einige Autoren z. B. Dürck, die Lunge von 
Menschen und Schlachttliieren reichlich bakterienhaltig fanden, 
halten andere die Luftwege und die Lunge für meist völlig keim¬ 
frei. Bei Nachprüfung dieser divergirenden Resultate kommt M. 
auf Grund seiner sehr sorgfältigen Arbeit zu einer mehr ver¬ 
mittelnden Stellung, da beide Ansichten zu extrem gefasst seien. 
Die Auffassung F. Mülle r'8 von der Keimfreiheit der Lunge 
sei dahin abzuändern, dass in der normalen Thierlunge nur selten 
gut 1 e b e n s f ii h i g e Keime vorhanden seien, die sich bei 
Anwendung nur fester Nährböden dem Nachweise wohl 
entzögen, durch Bouillonkultur aber naehgewiesen werden 
könnten, da für a b g o s c h w ä c h t e Keime der flüssige 
Nährboden ein weit besseres Wachsthmn garantire als der feste. 
Das spreche, wenn auch in stark gemilderter Form, für die Auf¬ 
fassung Dürck'«, dass durch den Athemstrom der Lunge doch 
häufiger Bakterien zugefülirt werden, von denen ein Theil dureh 
den Lymphstrom nach den Lymphdrüsen verschleppt wird, ein 
anderer Theil durch Phagocytose beseitigt wird, während der Rest, 
der durch die Gewebssäfte der Lunge selbst abgetödtet wird, zum 
Theil bakteriologisch naehgewiesen werden kann. 

32) It. Grünbaum und H. Amson: lieber die Bezieh¬ 
ungen der Muskelarbeit zur Pulsfrequenz. (Aus dem Institute 
für Meclinnotherapie des Dr. A. Bum in Wien.) (Mit 9 Kurven.) 

Nach Hinweis auf die Resultate einschlägiger Arbeiten anderer 
Autoren berichten die Verf. über ihre eigenen Ergebnisse, bei 
denen sie meist selbst als Versuchspersonen dienten. An Stelle 
des Sphygmographen verwendeten sic di«; einfache Pulszählung, 
und zwar wurden stets 15—20 Pulsschläge gezählt und dann fest 
gestellt, wie viel /eit dabei verstrich; die Versuche selbst wurden 
stets unter genau den gleichen äusseren Bedingungen ausgeführt, 
und die Zählung erst beendet, wenn die Pulsfrequenz der Aus 
gangsziffer zu Beginn des Versuches wieder entsprach. Diese 
lückenlosen Versuche sind nur möglich bei Verwendung der H erz- 
selten mcchano-thcrapeutIschen Apparate als Arbeltsmaschlnen. 
die eine genaue Dosirung und Messung der von einer synergetischen 
Muskclgruppe geleisteten Arbeit, sowie eine bequeme, sitzeude 
Stellung der Versuchsperson gestatten. Die Verfasser kommen zu 
dein Schluss, dass die Pulszahl schon in der Ruhe keine ganz 
konstante Grösse ist. und durch jede Muskelarbeit gesteigert wird. 
Die Steigerung beginnt sofort mit dem Einsetzen der Arl»eit und 
dauert während derselben an. mit dem Aufhören der Arbeit sinkt 
die Pulsfrequenz sofort rapid ab. Die Art des An- und Abstieges 
der Pulsfrequenz zeigt individuelle Verschiedenheiten, die Höhe 
der Steigerung hängt wesentlich ab von dem Tempo und dem 
Training. Uebergrosse Muskelarbeit übt durch längere Zelt einen 
.schädigenden Einfluss auf das gesunde Herz aus. 

33) A. Alexander: Zur Klinik und Histologie der Folliclis. 
(Aus der dermatolog. Abtlieilung des Allorhoiligouhospitals zu 
Breslau.) 

Mittheilung 1 Falles dieses zu den Tuberkuliden gerechneten 
Krankheitsbildes, dessen klinische Sonderstellung wohl erst noch 
der schärferen Präzisintng bedarf. Es handelte sieh um ein aus 
tuberkulöser Familie stammendes Mädchen mit suspekter linker 
Spitze, sonst gesund, das seit 2 Jahren eigenthümliche Knötchen 
an Armen und Beinen hatte, die leicht juckten, rasch zerfielen und 
langsam unter Zurücklassung von Narben ausliellten, um später 
schubweise wieder aufzutreten. Die Histologie der Folliclis- 
eftioreszenz deutet darauf hin, dass es sich primär um entzünd¬ 
liche oder thrombophlebitische (durch Tuberkelbazillen bedingte?) 
Vorgänge am Gefässapparat handelt, was der A u f r e c h t’schen 
Ansicht über „Ursache und örtlichen Beginn der Lungenschwind¬ 
sucht“ ziemlich uahekommt. Im Anhang werden kurz 4 Kranken¬ 
geschichten mitgetheilt, bei denen es sich um einen ähnlichen Be¬ 
fund bei skrophulo-tuberkulösen Kindern handelt. 

34) Reinhold: 2 Fälle von Durchbruch eines Aneurysmas 
der Aorta descendens in die Vena cava superior. (Aus dem städt. 
Krnnkeuhause I in Hannover.) (Mit 1 Abbildung.) 

It. konnte ln 2 Fällen, von denen 1 die Perforation 2 Tage, 
der andere 1 Monat überlebte, die Diagnose Intra vitam stellen, 
die durch die Autopsie bestätigt wurde. Beiden gemeinsam war 
die ganz plötzlich eiutreteude und rasch zu beträchtlicher Höhe 
sich steigernde Cyanose und Oedem im Gebiete der Cava superior 
(beide Arme und Thorax) im auffälligen Gegensätze zum völligen 
Freiblieben der unteren Körperhälfto, rasche Entwickelung kol- 
lateraler Veiten am Thorax, lautes Geräusch an der Perforations¬ 
stelle, das fast kontinuirlich war und sich mit jeder Systole ver¬ 
stärkte, während Venenpuls — ein Beweis für Aneurysma varl- 
cosum — fehlte. In 1 Falle war eine Lues lange vorangegangen, 
Im anderen nichts davon nachzuweisen; bei der völligen Aussichts¬ 
losigkeit der Fälle wurde von Gelatlneinjektionen abgesehen. 

1) W. Rosenblath: Ueber Chlorom und Leukämie. (Aus 
dem Landkrankenhause zu Kassel.) (Mit 1 Abbildung.) 

Mittheilung zweier Fälle dieser ungemein seltenen Geschwulst¬ 
form, die, von grasgrüner Farbe, ln der Hauptmasse aus runden 
Zellen bestand von der Grösse der weissen Blutkörperchen mit 
einfachen oder gelappten Kernen. Die Geschwülste werden thells 
als Lymphome, theils als Sarkome betrachtet, der grüne Farbstoff 
thells als hämatogenen Ursprungs, theils als Fettpigment gedeutet 
Was das klinische Bild der Fälle betrifft so kündigte sich das 
Leiden zunächst durch Allgemeinsymptome an (Mattigkeit Blässe, 
Herzklopfen, Apathie), bald war eine Geschwulstbildung zu er¬ 
kennen, die die Augenhöhlen befiel, wo rasch ein sehr schmerz¬ 
hafter Exophthalmus entstand, hinter welchem in der Tiefe die 
eigentliche Geschwulst tastbar wurde. Unter zunehmender Blässe 
traten Schleimhautblutungen auf, ln einem - Falle eine akut sich 


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4- Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


201 


entwickelnde Leukämie, Milz- und Lymphdrüsenschwellungen. Im 
Anhang wird noch 1 Fall von akuter medullärer Leukämie mit- 
getheilt, dessen Blutbefund dem obiger Fälle entspricht. 

2) W. R 1 s e 1: Zur Kenntniss des Chloroms. (Aus dem patho¬ 
logischen Institute zu Leipzig.) 

Die Arbeit enthält die pathologisch-anatomische Untersuchung 
obiger 2 Fälle von Chlorom, das wohl am richtigsten als Chloro- 
lymphosarkom bezeichnet würde. Es setzt sich zusammen aus 
einkernigen, meist runden Zellen vom Charakter der Lymphoeyten 
und der Grösse der Leukocyten, dazwischen Hegt lockeres, netz¬ 
förmig angeordnetes, bindegewebiges Stroma. Der Ursprung des 
grünen Farbstoffes Ist noch nicht aufgeklärt, am meisten spricht 
noch für eine hämatogene Entstehung. 

3) H. Brunner: Ueber kritische Tage und kosmische Wir¬ 
kungen auf pathologische Ereignisse. (Mit 1 Tafel.) 

Auf Grund seiner Beobachtungen glaubt B., dass die Ursache 
für den Eintritt einer Wendung bei akut entzündlichen Krank¬ 
heiten, z. B. der Pneumoniekrisis am 7. Tage, in der halbmonat¬ 
lichen Ungleichheit des Gezeitentypus zu suchen sei. Die Existenz 
solcher kritischer Tage Ist zuzugeben, deren Wirksamkeit auf 
kosmische Ursachen, vielleicht in letzter Linie auf die periodischen 
Schwankungen der Gravitation, zurückzuführen sei. Vielleicht 
sind die bewirkten Veränderungen am lebenden Organismus den 
Schwankungen der Gezeiten auch nur koordlnirt, als ähnliche 
Wirkungen einer gemeinsamen Ursache von fundamentaler Be¬ 
deutung, von deren genauerer Erkenntniss B. neue wichtige Ge¬ 
sichtspunkte für Prognose und Therapie erwartet. 

Bamberger - Ivronach. 

Centralblatt für Chirurgie. 1902. No. 3 u. 4. 

No. 3. Prof. Zoege v. Manteuffel - Dorpat: Ueber die 
Wirkung der Kälte auf einige Körpergewebe. 

Durch experimentelle Studien (Einwirkung von Aethersprny 
auf die hintere Extremität) von Meerschweinchen konnte Z. v. M. 
der Arteriosklerose entsprechende Veränderungen (Degeneration 
und Neubildung der Elastica etc.) erzielen, aber auch an dem Skelet 
konnte er der Arthritis deformans ähnliche Veränderungen (Ab¬ 
sterben des vorgebildeten normalen Gewebes, Regeneration von 
Seite des Bindegewebes. Nekroblose des Knochens mit Wucherung 
von Seite des Periostes) in Folge der Arteriosklerose beobachten, 
d. h. eine Degeneration des Knochens selbst durch die Kälte. 

J. Dollinger: Der artefizielle Pneumothorax als vor¬ 
bereitende Operation zur Exstirpation durchgreifender Brust¬ 
wand- oder Lungentumoren. 

Im Anschluss an 2 in dieser Weise operirte Fälle von Sarkom 
der Thoraxwand, bei denen sich die Methode gut bewährte, em¬ 
pfiehlt D. einen Tag vor der eigentlichen Exstirpation den künst¬ 
lichen Pneumothorax anzulegen, der Organismus gewöhnt sich 
dann daran und verträgt die Narkose besser, als wenn während 
dieser erst der Pneumothorax elntritt. Es wird damit auch eine 
Verlängerung der Operation vermieden. 

H. Marx- Lübbecke: Ueber eine bemerkenswerthe Femur¬ 
exostose. 

Unter Mlttheilung des betr. Röntgeuogramms thellt M. eine 
Exostose bei 18 jährigem Mann mit, die wahrscheinlich einem über¬ 
zähligen Diaphysenkem entsprungen, als Exost. cartllaginea sich 
darstellt, die mit einer Femurepiphyse die weitgehendste Aehu- 
llchkeit besitzt. 

No. 4. K. Schickiberger: Ueber eine neue Sterili¬ 
sationsbüchse für Jodoformgaze. 

Beschreibung einer im Erzherzogin Sophien - Spital zu Wien 
ln Benutzung befindlichen, von Si eher t-Wien zu beziehenden 
Vorrichtung, die aus würfelförmigem Blechrahmen, der oben und 
unten durch Blechdeckel zu verschliessen ist. besteht, ln die ein 
aus 4 MetaJIstäbon bestehendes, durch 2 Gitterroste (oben und 
unten) und 2 (mit entsprechenden Oeffnungen versehene) Blech¬ 
platten vervollständigtes Gerüst einpnsst. — In letztere Ist je ein 
ca. 20 cm langer Glaszylinder einznstecken. in den die zu sterili- 
»irenden Gazerollen gebracht werden und die oben und unten 
darauf mit lockerer Watte verschlossen werden. So dem strömen¬ 
den Wasserdampf ausgesetzt. wird nach 1 stiindigem Sterilisiren 
das Gerüst in die Büchse gesetzt und mit den beiden Blechdeckeln 
verschlossen. Es Ist nur 5 Proz. Jodoformverlust zu verzeichnen. 

Die in We 1 ch selbau m’s Institut vorgenommenen bak¬ 
teriologischen Versuche ergaben die Sicherheit der Sterillsntions- 
metbode. Sehr. 

Centralblatt für Gynäkologie. 1902. No. 4. 

1) G. W 1 n t e r - Königsberg: Ueber die Prinzipien der 
Karzinomstatistik. 

Für eine eingehende Karzinomstatistik bei Uteruskrebsen sind 
nach W. folgende Punkte maassgebend: 1. Berechnung der pri¬ 
mären Resultate. 2. der Dauerresultate, 3. der Operabill tätspro- 
zente. 4. der absoluten Heilungsresultate. 

ad 1 widerspricht W. der Unsitte, Todesfälle, die nicht mit 
der Operation In Verbindung stehen, ln Abzug zu bringen. Solche 
„Schönfärberei“ fälscht nur die Statistik. 

ad 2 muss die Untersuchung sich auf alle Operlrten erstrecken 
und zu einer bestimmten Zelt vorgenommen werden. Von der 
Oesnmmtznhl der Operlrten sind die an der Operation, sowie an 
anderen Krankheiten Gestorbenen und die Verschollenen ab¬ 
zuziehen. Als Dauerheilung legt W. eine 5 jährige Rezidivfreiheit 
zu Grunde. 


ad 4 berechnet W. die absoluten Hellungsresultate nur aus 
den Operabilitätsprozenten. 

2) H. Peham - Wien: Ueber Uterusrupturen ln Narben. 

P. berichtet zunächst aus der C h r o b a k’schen Klinik über 

3 Fälle von Uterusruptur bei der Entbindung, welche schon bei 
früheren Geburten Ruptur oder doch tiefe Einrisse davongetragen 
hatten. Es beweisen diese Fälle von Neuem die Bedeutung von 
Narben an den inneren Genitalien für das Entstehen von Utcrus- 
rupturen. Auch Kniserschnlttsuarben pflegen bei späteren Ge¬ 
burten ja leicht wieder zu platzen. P. räth daher, bei Laparo¬ 
tomien wegen Ruptura uterl gleich die Totalexstirpation zu 
machen, und bei graviden Frauen, die früher eine Ruptur gehabt, 
den künstlichen Abort einzuleiten. 

3) W. S t o e c k e 1 - Bonn: Ein sich selbst haltendes Bauch¬ 
spekulum. 

Die Fixation des zum Auseinanderhalten der Bauchwund¬ 
ränder bestimmten Spekulums geschieht durch ein daran mittels 
einer Schnur befestigtes Gewicht. Zu haben bei F. A. Esch- 
b a u m in Bonn. 

4) B a u m g a r t - Giessen: Blasenmole bei beiderseitigen 
Ovarialkystomen. 

B. beschreibt kur/, einen Fall von Rlasenraolenbildung, der 
mit eystiseher Degeneration beider Ovarien komplizirt war. 

Auch in allen in der Literatur aufgeführten Fällen waren 
stets l>eide Ovarien erkrankt. Den kausalen Zusammenhang beider 
Affektionen kann man auf endometritische Prozesse zurückführen, 
wie sie bei Eierstockserkrankungen als Folge von Zirkulations¬ 
störungen beobachtet werden. .T a f f 6 - Hamburg. 

Centralblatt für Bakteriologie, Farasitenknnde und In¬ 
fektionskrankheiten. Bd. 31. Heft 1, 1902. 

1) Emmerich. L ö w und Korschun: Die bakterio- 
lytische Wirkung derNukleasen undNukleasen-Immunuroteidine 
als Ursache der natürlichen und künstlichen Immunität. 

Die von Emmerich und L ö w gemachte Beobachtung, dass 
die bakteriziden Wirkungen der Pyocyanase durch ein 
hakteriolytisehes Enzym bedingt seien, wurden von 
Dietrich und K 11 m <> 1 f angezweifelt. ln vorliegender Arbeit 
wird aber von Neuem der Beweis geliefert dass in der That ein 
Enzym vorliegt, welches durch eine bisher nicht genug gekannte, 
aber ausserordentliche Aktivität und Energie ausgezeichnet ist. 
Die Beweise werden durch eine grosse Reihe chemischer und bio¬ 
logischer Merkmale erbracht, auf die hier nicht eingegangen wer¬ 
den kann. Interessant ist. dass schon kleinste, kaum wägbare 
Mengen der Pyocyanase Millionen von Diphtherie-. Cholera-. 
Typhus-. Pest-, Strentokokkenorgnnismen in wenig Sekunden ab- 
tödten können. Das Pyoeyanpusbakterlura bildet also ein hetero- 
forraes hakteriolytisehes Enzym, während die meisten anderen 
Bakterien nur ein homöoformes bilden, welches nur die es 
zu erzeugende Art zu vernichten im Stande Ist. 

Die bakterioivtlsehen Enzyme werden lm Blut unter Mit¬ 
wirkung der Alkalität des Blutes in hochmolekulare Eiweissverbin¬ 
dungen (Inimunprotcidine) übergeführt. Auf der bakteriziden Wir¬ 
kung der Enzyme beruht die künstliche Immunität. Die bak¬ 
terizide Wirkung selbst beruht oft nur auf einer chemischen Ver¬ 
änderung oder thellweisen Verflüssigung des Zellinhaltes, so dass 
die abgetödteten Bakterien keine auffallenden Veränderungen 
mikroskopisch erkennen lassen. 

2) B. Issatschenko: Untersuchungen mit ' dem für 
Ratten pathogenen Bazillus. 

Verfasser stellte mit seinem 1808 aus grauen Ratten gezüchte¬ 
ten Bazillus, den er zur Vernichtung der Ratten geeignet fand, 
weitere Versuche an. Er fand, dass dieser Organismus für Pferde, 
Ochsen, Schweine, Schafe. Hunde. Katzen, Truthühner. Hühner. 
Gänse und Enten nicht pathogen war, obwohl die Thlere 
relativ grosse Mengen zu fressen bekommen hatten. Dagegen 
stürben von 443 infizlrten Ratten 431, also nur 2.7 Proz. blieben am 
Leben. Die grösste Sterblichkeit zeigte sich innerhalb 15 Tage. 
Es gingen 84.2 Pro/,, zu Grunde. Bei den wenigen am Leben ge¬ 
bliebenen Ratten musste man eine Immunität annehmen, da sie 
auch trotz nochmaliger Infektion gesund blieben. Ihr Blut zeigte 
bakterizide Eigenschaften. 

Bouillonkulturen wurden in verschiedenen Gegenden 
Russlands zur Vernichtung der Ratten mit sehr gutem Erfolg an¬ 
gewandt. Es sollen 70,1 Troz. aller Proben entsprechend gewirkt 
haben. 

3) v. L 1 n s t o w - Göttingen: Atractis cruciata und Oxyuris 
monhystera, zwei neue Nematoden aus Metopoceros cornutus. 

R. O. Neumann - Kiel. 

Berliner klinische Wochenschrift. 1902. No. 4. 

1) J. H el b r o n - BerUn : Ueber Netzhautablösung bei 
Schwangerschaftsnephritis. (Schluss folgt.) 

2) F. Mendel- Berlin: Zur Prognose der Glaukomoperation. 

In den letzten 5 Jahren gelangten ln der Hirschbcr g’schen 

Augenheilanstalt 238 glaukomatöse Augen an 234 Patienten zur 
Beobachtung und Behandlung. Ueber die Erfolge an denselben 
gibt Verf. in der vorliegenden Zusammenstellung eine Uebersicht 
und hebt im Anschluss an die Krankengeschichte eines Falles be¬ 
sonders den Nutzen der Behandlung mit Physostigmin hervor. Die 
Glaukom-Irklektomie wurde an den Patienten 210 mal ausgeführt 
und geht aus der darüber gebrachten Statistik hervor, dass die 


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202 


No. 3. 


MüENCIIENER MEDICTNISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Iridektomie die Hauptbeliandlung bleibt, ohne die ausschliessliche 
darzustellen. 

3) M. Edel- Charlottenburg: Ueber bemerkenswerths Selbst¬ 
beschädigungsversuche. ^ 

In dein ersten der mitgetheilten Fälle machte die 38 jährige, 
an progressiver Paralyse leidende Kranke eim n Ei drosselungs¬ 
versuch mit Hilfe ihrer eigenen Haare, der beinahe geglückt wäre 
und zu Blutunterlaufungen. Abschürfungen am Halse, Blutung in 
die Nase, die Bindehäute. Chemosis und Vorquellen der Augen, Un¬ 
regelmässigkeit des Herzschlages. Aufhören der Athmung und 
völliger Benommenheit führte. Im 2. Fall machte ein 23 jähriger 
Halluzinant einen Erdrosselungsversuch, welcher ulwr durch die 
Wachsamkeit des Personals vereitelt wurde; auch hier war eine 
Strangulationsmarke vorhanden. In dem 3. beschriebenen Falle 
handelte es sich um eine 42 jährige Frau, welche ln selbstmörderi¬ 
scher Absicht 3 mg Atropin geschluckt hatte und im' Anschluss 
hieran einen sehr ausgesprochenen Tobsuchtsanfall erlitt, welcher 
die Aufnahme in die Anstalt nöthig machte. 

4 ) Welcher- Görbersdorf: Ueber Heilstätten- und Tuber¬ 
kulinbehandlung in gegenseitiger Beziehung. 

Vergleiche hiezu den Bericht der Münch, med. Woehensehr. 
11KI1, S. 17(53. 

5) F. Riegel: Zur Symptomatologie und Therapie der 
chronischen Lungenblähung (Vagusneurose). 

Verf. macht darauf aufmerksam, dass er schon seit vielen 
Jahren subkutane Atropininjektionen zur Coupirung des asthmati¬ 
schen Anfalles anwende, für dessen Zustandekommen nach den 
gemachten Thierexperimenten ein mächtiger Einfluss dos Vagus 
anzunehmen ist. Die Atropiubehandlung bewährt sich aber auch 
l>el Bradykardien, welche auf eine Vagusreizung zuriickzuführeu 
sind. z. B. in der ln*i Ikterus, beim Asthma und bei H.vperehlor- 
hydrie vorkommenden. 

flrassmann - München. 

Deutsche medicinische Wochenschrift. 1902. No 3 u. 4. 

D M. Litten: Ueber den Zusammenhang zwischen All¬ 
gemeinerkrankungen und solchen des Augenhintergrundes. 

Vortrag, gehalten im Verein für innere Medizin am 24. Juni 
11*01. (Nebst Demonstrationen mikroskopischer Präparate.) (Re¬ 
ferat siehe diese Wochensehr. No. 28. 11)01.) 

2» Heinrich R o s i n und E. Bibergeil- Berlin: Ergeonisse 
vitaler Blutfärbung. (Fortsetzung folgt.) 

3) Feiuberp- Berlin: Ueber den Erreger der krankhaften 
Auswüchse des Kohls (Plasmodiophora Brassicae. Woronin). 

Angeregt durch jahrelanges Arbeiten über die Pathologie der 
malignen Tumoren, glaubt F. aus eingehenden Studien über den 
Erreger dieser Krankheit bei den Pflanzen, besonders ül>er den im 
(Jebiet der Botanik einzig dastehenden parasitischen Myxomycet 
als Erreger der krankhaften Auswüchse des Kohls, die Frage, ob 
der Krebs beim Menschen durch einen analogen Parasiten bedingt 
wird, neben anderem besonders damit widerlegen zu können, dass 
Sporenformen bei menschlichen Geschwülsten bisher nicht be¬ 
obachtet wurden. Denn diese treten bei dem erkrankten Kohl 
so massenhaft und charakteristisch auf, dass ein Uebersehen der¬ 
selben bei so zahlreichen T'ntersuchungen der Karzinome aus¬ 
geschlossen ist. 

4) D. v. Hansemann: Ueber die' parasitäre Aetiologie 
des Karzinoms. 

Bemerkungen zu der Diskussion der Herren Alexander K a t z 
und R i b b e r t in No. 30 der Deutsch, med. Woclienschr. 

5) W. Kolle und E. Martini: Ueber Pest. (Aus dem 
Institut für Infektionskrankheiten in Berlin.) (Fortsetzung folgt.) 

6) F. H a a sl er- Halle: Ueber Folgeerkrankungen der 
Ruhr. 

Nach einem am 15. März 1001 im Verein deutscher Sanitäts¬ 
offiziere des ostasiatischen Expeditionskorps zu Tientsin gehaltenen 
Vortrag. 

Zur Ergänzung eines von Stabsarzt K ra m m gehaltenen Vor¬ 
trags über die Behandlung der Ruhr auf Grund rein klinischer 
Beobachtungen, zieht H. aus dem reichlich zur Verfügung ge¬ 
standenen Sektionsmaterial Interessante Schlüsse, die zum Theil 
für die Behandlung, speziell für etwa in Frage kommende chi¬ 
rurgische Eingriffe, theils aber auch für die Beurtheilung von 
voraussichtlichen Folgoerkmnkungen. sowie Dienst- und Tropen¬ 
dienstfähigkeit nach überstandener Ruhr nicht ohne Werth sein 
dürften. 

Aus der ärztlichen Praxis: 

R. K i re li - Krefeld: Ein Beitrag zur Kasuistik der akuten 
Strychninvergiftung. Kasuistische Mittheilung. 

Anita A u g s p u r g: Wie wollen die Damen zu Pferde sitzenP 

Entgegnung eines kürzlich in der Deutschen medizinischen 
Wochenschrift erschienenen Artikels „Wie sollen die Damen zu 
Pferde sitzen“, von der. wie es scheint, sehr kampflustigen Vor¬ 
kämpferin auf dem Gebiete der Frauenbewegung. 

No. 4. 1) R. L e p i n o - Lyon: Zur Lehre von der Glykolyse. 

Erwiderung auf B e uilfx und B ick el's „kritischen Beitrag 
zur Lehre von der Glykolyse*“ in No. 1, 1!*02 der Deutsch, med. 
Wochensehr., welche sich gegen die Auffassung der Glykolyse als 
eines enzymatischen Prozesses richtet. 

2) A. W e s t p h a 1 - Greifswald: Ueber Chorea chronica pro- 
gressiva. 


Kasuistisclie Mittheilung zweier Fälle nach einem im medi¬ 
zinischen Vereine zu Greifswald am 24. Oktober 1001 gehaltenen 
Vortrag mit Demonstrationen. 

3) M. Otto- Hamburg: Ein in unseren Breiten erworbener 
Fall von Schwarzwasserfieber bei Quartana. (Aus dem Seemanns- 
krankenhause und Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten.) 

Kasuistische Mittheilung eines Falles, welcher für die haupt¬ 
sächlich von Koch vertretene Feberzeugung spricht, dass die im 
Verlaufe der Malaria bisweilen beobachtete, meist febrile Hämo¬ 
globinurie in letzter Linie dom ('hinin ihren Ursprung verdankt. 
Dieser angeführte Fall von Hämoglobinurie zeigt neben einigen 
anderen noch bei Quartana ltekanuten, ausserdem noch, dass das 
Auftreten des Schwarzwossertieliers nach Chiningehrauch 1 h* 1 
Malaria nicht an die Infektion mit dem Tropica- und Tertia na - 
parasiten gebunden ist. sondern bei jeder Art von Malariainfektion 
Vorkommen kann. 

4) W. Kolle und R. Martini- Berlin: Ueber Pest. 

Zusammenstellung über die bei der Ausbreitung der Pest in 

den verschiedensten Punkten der Erde während der letzten Jahn* 
gesammelten Erfahrungen über die Verl>eitungsweise und Epi¬ 
demiologie dieser Krankheit sowie über die Einleitung ziel¬ 
bewusster erfolgreirher Propliylaxismaassregeln. Mittheilung über 
eine grosse Anzahl von Studien der Pesterreger nach der bio¬ 
logischen Seite und im Thierversuche, mit besonderer Berücksichti¬ 
gung der wichtigsten nett ermittelten Thatsaehen auf Grund eigener 
experimenteller Untersuchungen und Anführung zahlreicher, haupt¬ 
sächlich seit, dem Winter dem Beginne der Bombayor 

Epidemie gewonnener Daten zur Beurtheilung der Wirksamkeit 
des Pestserums und der Pestschutzimpfung. 

(Die ausführlichen, mit Tabellen und Protokollen belegten 
Mittheilungen sind zum Theil von Kolle ln der Zeitsehr. f. Ilyg. 
u. Infektionskrnnkh. publizirt, zum Theil werden sie in Kurzem 
im Klinischen Jahrbuch erscheinen.) 

3) H. Rosin und E. B 1 b e r g e i 1 - Berlin: Ergebnisse 
vitaler Blutfärbung. 

Angabe der Resultate der vorerst nur an dem Blute von Ge¬ 
sunden vorgenommenen vitalen Färbung mit folgenden Farb¬ 
stoffen: Methylenblau. Neutrnlroth, Eosin. Eosinmetliylenblaii. 
Pyronln-Methylgriin (Pappen heim) und Magentaroth-Methyl- 
griin. Die Untersuchungen liefern neben anderen interessanten 
Ergebnissen wiederum eine Bestätigung der E h r 1 i c h’scben. all¬ 
gemein anerkannten Theorie, dass lebendes Gewebe keine Farbe 
aufnimmt, dass aber absterbendes ganz besonders für die Auf¬ 
nahme derselben geeignet ist. 

<») Fried mann: Die Beurtheilung der Qualität der 
Frauenmilch nach ihrem mikroskopischen Bilde. 

Auf Grund seiner einschlägigen Beobachtungen und Er¬ 
fahrungen beim Kranken und gesunden Säugling empfiehlt F. vom 
praktischen Standpunkte aus zur Beurtheilung der Qualität der 
Frauenmilch in erster Linie das Mikroskop zu Rathe zu ziehen, 
wobei er (las Verhalten der Milchkügelchen in Bezug auf ihre 
Grösse und Zahl als eine Art Indikator für die Qualität der Milch 
ansieht. Da die Methode sich schnell handhaben lässt und dabei 
hinreichend zuverlässige Kriterien liefert, andererseits die 
chemische Untersuchung des Milchserums auf Eiweiss-, Zucker¬ 
und Salzgehalt für den Praktiker aus mancherlei Gründen nicht 
oder wenigstens nicht ln dem gewünschten Umfange möglich ist, 
so erscheint die Methode in der Praxis sehr empfehlenswert!!. 

Aus der ärztlichen Praxis: 

P. Markuse - Berlin: Ein Fall von akute* L a n d r y’scher 
Spinalparalyse bei einem Kinde von 7 Jahren. 

Kasuistische Mittheilung. M. L. 

Oesterreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 4. 1) Zu p u i k - Prag: Ueber den Angriffspunkt des 

Tetanusgiftes. 

Schon aus früheren Versuchen war Verf. zum Schlüsse ge¬ 
langt. dass das Tetanusantitoxin eine spezifische Beziehung zum 
Muskelgewebe besitzt, sowie dass das erste Hauptsymptom des 
Wundstarrkrampfes, die Muskelstarre, seine Entstehung einer spe¬ 
zifischen Bindung des Toxins von Seiten des normal innervirten 
Muskelgewebes verdanke. Weitere Versuche führten nun zu der 
Anschauung, dass die gesteigerte Reflexerregbarkeit und die Streck¬ 
krämpfe dadurch entstehen, dass von Seite des Zentralnerven¬ 
systems in allererster Linie und vielleicht sogar ausschliesslich (Ins 
Rückenmark durch das Tetanustoxin nftizirt wird und zwar die 
motorischen (Janglienzellen desselben. Sowohl das Muskelgewebe, 
wie das Rückenmark erhalten das Gift, auf dem Wege der Blut¬ 
hahn. Die Aszendonz der Muskelkontrakturen erklärt sich aus der 
Wanderung des Giftes in der Muskelsubstanz selbst; der Giftkörper 
selbst kann einheitlich sein oder 2 verschiedene Giftsubstanzen ent¬ 
halten. 

2) J. K v / y s z k o w s k i - Lemberg: Aneurysma des Stammes 
der Pulmonalarterie und multiple Aneurysmen ihrer Veräste¬ 
lungen bei Persistenz des Ductus Botalli. 

Sowohl ln dem vom Verf. liesohriebenen, als früher veröffent¬ 
lichten ähnlichen Fällen Ist nach der Auffassung des Autors die 
Persistenz des Ductus Botalli, durch welche eine Drucksteigerung 
an der Pulmonaliswand hervorgerufen wird, das einzig wichtige 
Moment für die Entstehung des Aneurysma der Pulmonalartorie. 
Die Begründung dieser Ansicht ist im Original zu ersehen. 



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4 Februar 1902. MtJENCHENER MEDICTNISCHE WOCHENSCHRIFT. 


'*> K - 1 ibich-Prag: Experimenteller Beitrag zur Theorie 
von der Einwirkung der Knochenbrüche auf den Kreislauf und 
die Temperatur. 

Die Resultate seiner an Hunden angestellten Versuche fasst 
Verf. in folgenden Sätzen zusammen: Bei Hunden ist eine Über¬ 
holte oder nicht Üeberhafte Temperatursteigerung nach subkutanen 
Knochenbrüchen eine fast konstante Erscheinung. l)iesell»e ist 
manchmal von einer Pulsbeschleunigung begleitet, zugleich findet 
eine Blutdruckerhöhung statt. Eine minder konstante Erscheinung 
ist eine Temperaturdepression, welche der Steigerung kurz voran¬ 
geht. Die Teinperaturstcigerung muss durch Vermittelung der 
Nervenbahnen erklärt werden, an eine Resorptionswirkung ist nicht 
zu denken. Die Temperatursteigerung kann auch nicht aus .Muskel¬ 
bewegungen erklärt werden. 

4) K. D i w a 1 d - Marburg: Perforirender Schädelschuss mit 
Hirnzertümmerung. (Mannlicher-Gewehr, 8 Millimeter-Kaliber. 
Heilung.) 

Der Skizze dieser kasuistischen Mittheilung ist noch beizu- 
fügen, dass der Schuss ln selbstmörderischer Absicht aus nächster 
Nahe abgegeben wurde, einen ziemlich umfangreichen Verlust der 
Hirnsubstanz verursachte, ohne dass Ausfallserscheinungen von 
Seite des Nervensystems eintraten. 

Grassmann - München. 

Englische Literatur. 

Sir Dyce Duckwortli: Der persönliche Faktor in der 
Tuberkulose. (Lancet, 9. Nov. 1901.) 

Der Enthusiasmus, der der Entdeckung des Tuberkelbazillus 
folgte, und die überaus rasche Entwicklung der Bakteriologie haben 
nach Verfassers Meinung viele Aerzte vergessen machen, dass auch 
noch andere und ganz besonders der persönliche Faktor heim Zu¬ 
standekommen der Tuberkulose eine Rolle spielen. Und doch sind 
diese Beziehungen zwischen Wirth und eindringendem Parasiten 
von der höchsten Wichtigkeit. Verfasser wendet siel» zuerst gegen 
die Autoren, welche das Bestehen einer skrophulösen Diathese 
leugnen und die Skrophulose als eine Form der Tuberkulose auf- 
fassen wollen. Dies ist nicht richtig, und muss die Skrophulose 
nach seiner Meinung als eine von der Tuberkulose ganz ver¬ 
schiedene Krankheit aufgefasst werden; die Skrophulose, die be¬ 
kanntlich ihren Träger stark für Tuberkulose disponirt. findet sich 
fast nie bei Kindern gichtischer Eltern, aucli werden Gichtkranke 
selten von Tuberkulose befallen, erkranken sie aber doch, so hat 
die Tuberkulose bei diesen Leuten eine grosse Neigung zur Heilung 
«Hier wenigstens zu sehr langsamem Fortseh reiten. Zum Schlüsse 
tadelt Verfasser noch das Wort Heilung, das in letzterer Zeit 
Immer mehr in Zusammenhang mit Tuberkulose gebracht wird; 
seiner Meinung nach kann man die Tuberkulose höchstens zum 
Stillstand bringen, heilen kann man sie dagegen nicht 

Alexander Ogstou: Die Gefrierpunktbestimmung des 
Blutes und der Sekrete als Hilfsmittel zur Stellung einer rich¬ 
tigen Prognose. (Il)id.) 

Verf., der seit längerer Zeit die Kryoskopie anwemlet, zeigt 
an der Hand von 12 näher beschriebenen Fällen, wie diese Me¬ 
thode häufig allein im Stande ist (nicht nur hei Nierenkrankheiten) 
zu entscheiden, ob ein chirurgischer Eingriff bei einem Kranken 
gemacht werden soll oder nicht; liegt der Gefrierpunkt bei sonst 
scheinbar geeigneten Fällen unter der Norm, so verweigert er die 
Ol>eration, ein Vorgehen, das sich ihm bisher stets bewährt hat. 

Charles R. Box und Cuthbert S. Wallace: Ein weiterer 
Beitrag zur Frage der akuten Magendilatation. (Ibid.) 

Die Verfasser, welche schon 1898 (Cllnical Society s Trans.) 
2 eigene Fälle beschreiben konnten, geben heute ausser einer 
Literaturübersicht über die seit dieser Zeit veröffentlichten 2 neue 
eigene Fälle. Der erste betraf einen Mann, der kurz nach einer 
in Narkose vorgeuommenen Amputation an Magendilatation er¬ 
krankte und starb; im zweiten Falle handelte es Bich um einen 
24 jährigen Mann, der wegen schwerer Pleuropneumonie mit toxi¬ 
schen Symptomen in das Spital kam und am 11. Krankheitstage 
nnter den Erscheinungen der akuten Magenerweiterung starb. Die 
Sektion ergab in beiden Fällen, dass ausser dem Magen auch das 
iMHKlenum enorm erweitert war und dies und die Anwesenheit von 
«lalle im Magen spricht durchaus gegen die von manchen Autoren 
vertretene Ansicht, dass die Erweiterung die Folge eines Spasmus 
des Pyiorus sei. Auf Grund näher beschriebener Leichen versuche 
erklären die Verfasser das Zustandekommen der Dilatation so, dass 
sie primär eine Paralyse annehmen, die zur Erweiterung des 
Magens führt; der erweiterte Magen drückt dann auf den Endtheil 
<les Duodenums und führt so zu einem Verschluss. Die enorme 
Füllung kommt zu Stande durch eingeführte Flüssigkeit, ver¬ 
schluckten Speichel, Hypersekretion des Magens und Gasbildung 
resp. Luftschlucken. Die Behandlung verspricht nur daun einen 
Krfolg, wenn die Diagnose im Beginn gestellt werden kann, dabei 
ist vor allem wichtig, dass man die Krankheit kennt und au sie 
«lenkt. Einspritzungen von Strychnin und Atropin neben Aus- 
spülen des Magens geben die meiste Aussicht; die Ernährung darf 
nur vom Rektum aus erfolgen. Dass gewisse Logen die Entleerung 
«les Magens erleichtern können, bezweifeln die Verfasser auf 
«inind ihrer Versuche. Zum Schluss käme noch die Gastro¬ 
enterostomie In Frage. 

Eugene S. Y o n g e: Die Behandlung der Ozäna durch Kupfer¬ 
elektrolyse. (Ibid.) 

Bericht über 15 so behandelte Fälle. Die Kupfenindel wurde 
in die untere oder mittlere Muschel eiugestossen, die Stahlnadel 
in das Septum. Die Stromstärke betrug durchschnittlich 10 Milli¬ 


amperes, die Dauer 10 Minuten; 5 Sitzungen war das Maximum. 
Die bei der Elektrolyse entstehenden Schmerzen wurden durch 
Kokain nicht gemildert; üble Netten- oder Nachwirkungen traten 
nicht auf. 7 Fälle wurden geheilt, 3 wesentlich gebessert, 
4 blieben unbeeinflusst. 1 Fall entzog sieh der Behandlung. Die 
Behandlung der einen Nasenhülfte wirkt günstig auf die andere 
«'in. nicht aber auf eine gleichzeitig bestehende Pharvngltis sicca. 
Zuweilen treten nach Monaten völligen Wohlbefindens Rezidive 
ein. Verfasser hält trotzdem diese Methode für die beste jetzt be¬ 
kannte. 

E. Mackey: 3 Fälle von Tetanus, die durch Antitoxin ee- 
heilt wurden. (Ibid.) 

In den Vorbemerkungen zu seinem Aufsätze fordert Verfasser 
dazu auf, jeden Fall von mit Antitoxin behandeltem Tetanus 
genau zu veröffentlichen mit Angabe der Inkubationszeit, der Her¬ 
kunft und Anwendungsweise des Serums, sowie etwaiger sonstiger 
Behandlung. Ein 15 jähriger Knabe erkrankte nach 14 tägiger 
Inkubationszeit; er erhielt aiu selben Tage 10 ccm (Brir. Inst, of 
Prevent Medic.), am folgenden Tage 12 ccm; ausserdem wurden 
Narkotika verabreicht uud die Wunde lokal behandelt. Au den 
folgenden 8 Tagen wurde eine ähnliche Menge Serum täglich ein¬ 
gespritzt und daneben Brom und Chlorul gegeben. Im zweiten 
Falle handelte es siel» um einen 49 jährigen Maurer, der nach 
ungefähr 14 tägiger Inkubation erkrankte. Er erhielt im Ganzen 
10 Einspritzungen von zusammen 131 ccm Serum (Jenneriustitut) 
und Narkotika. Ferner wurde ein 19 jähriger Maurer mit Anti¬ 
toxin behandelt, der nach einer Inkubation von 10 Tagen erkrankt 
war. Er erhielt in 13 Injektionen 105 ccm Serum (Jenneriustitut) 
neben Behandlung mit Narkotieis. Alle 3 Fälle genasen und 
glaubt Verfasser, dein Antitoxin den Haupterfolg zum Zustande¬ 
kommen «l«»r Heilung zusehreiben zu müssen. 

David Wal sh: Die Entfernung überflüssiger Haare durch 
eine Kombination von Röntgenstrahlen und Elektrolyse. (Lancet. 
2. Nov. 1901.) 

Verfasser glaubt, dass man durch eine Vereinigung der beiden 
Methoden die besten Resultate erziele. Er bestrahlt zuerst einmal 
mit den Röntgenstrahlen, nach etwa einer Woche sind die Haare 
so lose geworden, dass man sie leieht nusziehen kann uud nun 
wird jeder Haarfollikel elektrolytisch behandelt. 

G. Buckston Browne: Erfahrungen aus einer 25 jährigen 
urologischen Praxis in England. (Lancet, 1(5., 23.. 30. Nov. 1901.) 

Der interessante Rückblick des vielerfahrenen Verfassers, der 
lange Jahre mit Sir Henry' T liompso n zusam menarliei tote, wird 
von jedem Arzte, auch dem Nielitspeziallsten, mit Interesse und 
Nutzen gelesen werden. Hier sei nur Einiges aus dem reichen 
Inhalt erwähnt. Katheterfieber hält er für eine Suppressio 
urinae, bedingt durch nervösen Schock in Folge Reizung der 
Urethra. Frauen und Kinder leiden nicht daran, beim Manne 
jedoch, dessen Urethra zugleich eine sexuelle Bedeutung hat und 
besonder bei nervösen Völkerrassen und nervösen Individuen 
tritt es häufig auf, zumal wenn die iustrumentelle Behandlung 
ohne Anwendung von Anaestheticls oder Narkotieis geschah. Die 
beste Prophylaxe besteht in der üusserst schonenden Unter¬ 
suchung, dasselbe gilt für die unblutige Entfernung der Steine 
(die Litliolapaxic wird Clover, nicht Bigelow zugeschriebeu); 
auch liier soll man möglichst schonend Vorgehen und kleine Tuben 
zum Auswaschen benutzen. Bei leichten Füllen, kleineren Steinen 
im mittleren Lebensalter und bei gesunder Blase, ist die Litho- 
lapaxie die Operation der Wahl, alle anderen Fälle werden weit 
besser durch die «’ystotomia suprapubiea behandelt, der perineale 
Steinschnitt ist veraltet und sollte nicht mehr ausgeführt werden. 
Am Schlüsse dieses Kapitels wendet er sieh gegen die Ueber- 
treibungen der in Indien praktizlrenden Chirurgen, die die Litho- 
lapaxie so ziemlich auf alle Fälle von Stein ausdehnen wollen, 
.ihre guten Resultate erklärt er durch die viel grössere Toleranz, 
die die Blase und Harnröhre von Indern instrumentellen Insulten 
darbietet. Was die Entstehung der Prostatahypertrophie anlangt, 
so möchte Verfasser zu reichlichem Coitus nach 59 Jahren einen 
gewissen schädlichen Einfluss zusprechen. Die Behandlung sei 
so lange als möglich eine unblutige, mit der nötlügen Sorgfalt aus- 
gefiihrt, wird der Katheterismus unbegrenzt lange ertragen und 
ruft keineCystitis hervor; ohne dass Instrumente eiugeführt wären, 
kommt es nur sehr ausnahmsweise zur Cystitis. Verfasser rüstet 
jeden seiner Kranken aus mit einer Anzahl von Sublimattabletteu. 
einer Literflasche, um eine Lösung von 1:1(HX) herzustellen, einer 
34 cm langen Glasröhre mit Fuss und Korkverschluss, schliesslich 
einem aus Metall hergestellten Kasten, der 7 Abtheilungen ent¬ 
hält. in welchem je ein Katheter für jeden Wochentag liegt, als 
Lubricans dient reines Vaselin in Tuben. Vor dem Zubettegehen 
katheterisirt sieh der Kranke, dann trocknet er den Katheter, 
spült ihn mit Wasser und Seife ab und steckt ihn über Nacht in 
die mit Sublimat gefüllte Standröhre. Am Morgen wird er heraus 
genommen, getrocknet und in sein Fach gelegt, wo er bis zur 
nächsten Woche gebrauchsfertig liegen bleibt. Muss der Katheter 
auch am Tage benutzt werden, so bleibt er 24 Stunden ln der 
Subliinntlüsung und wird zu jedem Gebrauche aus ihr entnommen. 
Leute, die ausser dem Hause beschäftigt sind, Reisende etc., tragen 
zwei Metallbüchsen Ih*I sieh, !u der einen liegen die für jeden Tag 
nüthigen reinen Katheter, die andere dient zur Aufnahme der ge¬ 
brauchten. die Alvcnds im Schlafzimmer gereinigt und in «las 
Sublimatbad gelegt werden. Bei akuter Harnverhaltung in Folge 
der Prostatahypertropliie gelingt es stets, einen Katheter ein/u- 
führeu, am besten versucht mau es zuerst mit einem elastischen, 
an zweiter Stelle kommt ein silbernes Instrument, das unter Lel- 


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204 


MtTENCHEKER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


tung des im Rektum liegenden Fingers eingeführt wird. Die 
Entleerung der übermässig gefüllten Blase erfolge sehr langsam. 
Verfasser rüth, die völlige Entleerung erst nach mehreren Tagen 
vorzunehmen. Blutige Operationen zur Heilung der Prostata¬ 
hypertrophie sind nur dann vorzunehmen, wenn das Katheterleben 
unmöglich oder unerträglich ist oder wenn Steine resp. schwere 
Cystitlden den Fall kompllziren. Nur die Cystotomla suprapublca 
gewährt Aussicht auf Besserung oder Heilung. Handelt es sich 
um Adenome der Prostata, so kann es gelingen, dieselben sub- 
mukös zu enukleiren; fibröse Schwellungen kann man mit Messer 
und Scheere abtragen. Die in letzterer Zeit von F r e y e r als 
leicht hingestellte Entfernung (Enukleation) der ganzen Prostata 
ohne Verletzung der Harnröhre, der Samenkanäle u. 8. w. Ist eine 
anatomische Unmöglichkeit. Operationen vom Damme aus sind 
zu unterlassen; kann man von der Blase aus die Prostata nicht 
entfernen, so kann mau eine Blasenfistel anlegen und wird jeden¬ 
falls dem Kranken genutzt haben. Operationen au den Testikelu 
oder Vas. defer. sind ganz zu verwerfen. Verfasser selbst hat sie 
nie ausgeführt, hat aber ln seiner grossen Praxis sehr zahlreiche 
von anderen Chirurgen kustrirte oder vasektomlrte Patienten ge¬ 
sehen, deren Blasenfunktion sich keineswegs gebessert hatte und 
die vielfach den Verlust ihrer Mannbarkeit bitter beklagten: 
Patienten übrigens, die durch sorgfältigen und regelmässigen 
Kathetergebrauch wieder ein erträgliches Leben führten. In der 
Behandlung der Strikturen, die Instrumenten nicht genügend er¬ 
weitert werden können, oder die man auf die Dauer nicht offen 
halten kann, lässt Verfasser nur die Urethrotomia interna gelten; 
gewaltsame Dehnungen, Elektrolyse etc. perliorreszirt er und 
auch die Urethrotomia externa will er nicht gelten lassen, da mau 
dasselbe durch die innere Operation erreichen kann und ausserdem 
stets sicher ist, das zentrale Ende zu finden, auch die Bildung von 
Harnröhrenflsteln ausgeschlossen ist. Die Urethrotomia darf nur 
von hinten nach vorn ausgeführt werden; die Striktur muss also 
passirbar sein und dies ist sie auch immer. Es gibt nach Ver¬ 
fassers Meinung keine Striktur, die man mit Geduld und Geschick¬ 
lichkeit ln der Narkose nicht überwinden könnte, auch hier leistet 
der im Rektum liegende Finger gute Dienste. Als Uretlirotom 
wird das von C i v i a 1 e angegebene verwendet; der Schnitt geht 
durch die ganze Länge und Tiefe der Striktur und zwar am Boden 
der Harnröhre. Am Schlüsse der Operation wird ein dicker Dauer¬ 
katheter eingelegt, der 3 Tage liegen bleibt. Die Erweiterung der 
Harnröhre bis zur Durchlässigkeit für das Urethrotoin und die 
Spaltung erfolgen in einer Sitzung. Zur instrumentellen Erweite¬ 
rung sollten nur Stahlinstrumente verwendet werden (Lister 
sondeu). 

Arcliibnld E. Garrod: Heber Alkaptonurie. (Lancet, 
30. Nov. 1901.) 

Nach Verfassers Meinung neigen Kinder von blutsverwandten 
Eheleuten (Vetter und Base) zur Alkaptonurie. Ferner konnte er 
nachweiseu, dass bei einem Neugeborenen (dessen älterer Bruder 
auch an Alkaptonurie litt) die eigenthümliche Beschaffenheit des 
Urins erst 52 Stunden nach der Geburt auftrat. Ferner glaubt er 
auf Grund von Experimenten behaupten zu können, dass die 
grösste Menge von Alkapton nicht in den ersten 4 Stunden nach 
einer Eiweissmnhlzeit (M i 11 e 1 b a c li) sondern erst in der zweiten 
Periode von 4 Stunden ausgeschieden wird. Es ist also wohl an¬ 
zunehmen, dass die Umwandlung v6n Thyrosin in Alkapton in den 
Geweben vor sich geht nach der Resorption des Tyrosins und 
nicht etwa im Darmkanale. 

Patrick Manson: Die Aetiologie der Beri-Beri-Krankheit. 
(Lancet, 23. Nov. 1901.) 

Bei der ausserordentlichen Verbreitung der Beri-Beri in den 
englischen Kolonien (etwa 2 Proz. der Gesammtbevölkerung in 
Hinterindien erkranken daran und 32 Proz. der Erkrankten sterben) 
interessirt diese Krankheit die englischen Aerzte in hohem Maasse. 
Manson ist es gelungen, eine Expedition nach dem Stillen Ozean 
auszusenden, die diese Krankheit studiren soll. Die hier erwähnte 
Arbeit des bekannten Tropenforschers beschäftigt sich mit der 
kritischen Durchmusterung der verschiedenen Theorien, die zur 
Erklärung des Zustandekommens der Beri-Beri aufgestellt wurden. 
Die von vielen Forschern getheilte Ansicht, dass es sich um eine 
durch ausschliesslichen Reisgenuss (Mangel an Stickstoff) bedingte 
Erkrankung handele, schien eine Stütze zu gewinnen durch die 
l>ei der japanischen Marine gemachten Erfahrungen, dass nämlich 
durch Ersetzung der Reisnahrung durch mehr stickstoffhaltige Ess¬ 
mittel die Morbidität von 32,45 Proz. der Matrosen auf Null 
herunterging (bei 18 420 Mann). Trotz dieser und ähnlicher Be¬ 
obachtungen verwirft Verfasser diese Theorie zu Gunsten einer 
parasitären Natur der Erkrankung. Die Gründe, die er dafür an¬ 
gibt, müssen im Originale nachgelesen werden. 

J. F. Rlnehart: 2 Fälle von Vergiftung mit Borsäure. 
(Therapeutlc Gazette, Oktober 1901.) 

Die Seltenheit dieser Vergiftung möge das Referat entschuldi¬ 
gen. In beiden Fällen handelte es sich um Vergiftungen in Folge 
von Blasenspülungen mit Borsäure und gleichzeitiger Ver¬ 
abreichung von 4 stiiudlgen Dosen von 0,3 Acid. borlc. per os. Es 
trat ein erythematöser und vesikulärer Ausschlag auf mit grosser 
Schwäche. Sobald man das Mittel aussetzte, verschwand der Aus¬ 
schlag, sobald man es wieder gab, erschien er wieder. (Refer. ist 
ein Fall bekannt, wo ein Kind nach Spülungen eines Pleura¬ 
empyems mit Borsäure starb; auch ln diesem Falle trat ein Ery¬ 
them auf, daneben bestand Singultus und Erbrechen.) 

W. Thelwall Thomas: Nebennierenextrakt als Hämo- 
statikum. (Brit. Med. Journ., 23. Nov. 1901.) 


Verfasser berichtet Uber 2 Fälle schwerer Blutungen (in einem 
Falle war der Kranke sicherlich ein Bluter) bei welchen nach Ver¬ 
sagen aller übrigen blutstillenden Methoden die Anwendung des 
Nebeunierenextraktes prompt Stillstand der Blutung herbeiführte. 
Die Behandlung besteht in Tamponade oder Verbinden der Wunde 
mit Gaze, die mit frisch gepulverten Tabletten von Nebennieren¬ 
extrakt bestreut ist; ausserdem gibt man innerlich 4 stündlich 
0,3 des Extraktes. 

John A. Brower: Nebennierenextrakt in der Augenheil¬ 
kunde. (Brit. Med. Journ., 2. Nov. 1901.) 

Besonders bei Konjunktivitiden und bei dem lästigen Thränen- 
träufeln und der Lichtscheu in Verbindung mit Heuschnupfen 
hat sich dem Verfasser der frisch bereitete Saft der Nebennieren 
des Schweins, Schafes und der Ochsen bewährt. Er verwendet 
etwa 1.0 Drüsensubstanz auf 4.0 Wasser. 1 bis 2 Tropfen dieser 
Lösung in den Bindehautsack gebracht, bringen in wenigen 
Minuten bedeutende Erleichterung. 

W. Watson C h e y n e: Die Wundbehandlung im Kriege. 
(Brit. Med. Journ., 30. Nov. 1901.) 

Verfasser beurtheilt zuerst die Erfolge, die die moderne Wund¬ 
behandlung auf dem Schlachtfelde in Südafrika erzielt hat und 
kommt zu dem Schlüsse, (lass nicht die Errungenschaften der 
modernen Chirurgie, sondern das Mausergeschoss und das überaus 
günstige trockene Klima des Landes für die vortrefflichen Re¬ 
sultate verantwortlich zu machen sind. Die kleinen Ein- und Aus¬ 
schussöffnungen und die grosse Menge der Einzelwundeu zwangen 
die nur spärlich vorhandenen Aerzte die Wunden in Ruhe zu lassen, 
und dies war der beste Theil der Behandlung. Der verwundete 
Soldat kann unter den Verhältnissen des modernen Gefechtes nicht 
vor Abbruch des Gefechtes zum Verbandplatz geschafft werden, 
auch kann der Arzt nur selten zu ihm kommen, er ist desshalb auf 
seinen Nothverband angewiesen; dieser bestand in Südafrika zu¬ 
erst aus einem Stück antiseptischer Gaze, das auf die Wunde kam, 
darüber kam ein Stück impermeablen Stoffes. Diese Anordnung 
erwies sich bald als schlecht, der impermeable Stoff verhinderte 
die Austrocknung der Wunde und dieselbe eiterte, besser wurde 
es, als man den impermeablen Stoff fortliess und nur die Gaze 
auflegte: dass die ol't sehr günstigen Erfolge dieser Wundbehand¬ 
lung nichts mit dem Antiseptikum zu thun haben, sondern nur mit 
der Schorfbildung, geht aus dem Gesagten deutlich hervor. Ver¬ 
fasser empfiehlt desshalb in der Zukunft dem Verbandpäckchen ein 
Beutelehen mit einem antiseptischen Pulver beizulegen und die 
Soldaten anzuweisen, dies zuerst auf die Wunde zu streuen. Die 
übrigen Interessanten Beobachtungen und Bemerkungen beschäfti¬ 
gen sich mehr mit speziell afrikanischen Verhältnissen und müssen 
desshalb im Original uachgelesen werden; von Bedeutung scheint 
mir noch der Vorschlag, die Verwundeten nach der Schlacht nicht 
an die Basis zu transportiren, sondern das Feldhospital als Dauer¬ 
spital auf dem Schlachtfelde stehen zu lassen, die Sterblichkeit 
unter den Verwundeten wäre dadurch sicherlich bedeutend zu ver¬ 
mindern. 

Soltau Feilwick: Nebennierenextrakt bei Magenblutungen. 
(Ibid.) 

Seit 18 Monaten hat Verfasser in einer grösseren Anzahl von 
Fällen dieses Mittel mit dem grössten Nutzen verwendet, und er 
glaubt, in mindestens 5 Fällen den Tod dadurch abgewendet zu 
haben. Er gibt 1,3 der getrockneten Drüsensubstanz in lü Unzen 
Wasser so bald wie möglich nach der Blutung und wiederholt diese 
Dose nach 2 Stunden. Unangenehme Nebenerscheinungen traten 
nicht auf.. Das Mittel ist besonders werthvoll bei frischen Ge¬ 
schwüren, bei älteren kallösen Geschwüren scheint es weniger zu 
nützen. Auch bei Rektumkrebseu stillen Einläufe mit diesem 
Mittel mit Sicherheit die Blutungen. 

Noel D. Bardwell: Die Diät bei der Lungentuberkulose. 
(Seottlsh Medic. and Surgic. Journ., Nov. 1901.) 

Gestützt auf die Beobachtungen, die Verfasser in einem von 
ihm geleiteten Sanatorium, sowie in dem bekannten Phthise Hospi¬ 
tale in Brompton machen konnte, sowie auf eine Reihe von sorg¬ 
fältigen Stoffwechseluntersuchungen warnt Verfasser dringend vor 
der Uebereruährung der Phthisiker. Namentlich wird eiue zu 
reichliche Eiweissuahrung schlecht vertragen, das Gewicht nimmt 
zwar zu, aber das Allgemeinbefinden leidet. Er gibt jetzt seinen 
Kranken folgende Kost, die er auf 3 Mahlzeiten vertheilt: Fleisch 
7 Unzen, Speck 2 Unzen, 1 Ei, 3 Pinten Milch, 3 Unzen Butter,. 
7 Unzen Brot, 1 Unze Zucker, 5 Unzen Pudding und 6 Unzen Ge¬ 
müse. Will man noch etwas hinzufügeu, so kann man die Fett¬ 
menge erhöhen, da dies gut vertragen wird, Eiweiss sollte man 
dagegen nur in den angegebenen Mengen geben. 

John Biernacki: Die Behandlung der schweren Di¬ 
phtherie. (Edinburgh Medic. Journ., Nov. 1901.) 

Verfasser legt grosses Gewicht auf das Sinken des Blut¬ 
drucks, das ganz im Beginn der Krankheit und natürlich aucli 
später zum Tode führen kann. Neben möglichst baldiger Behand¬ 
lung mit grossen Dosen von Antitoxin und neben lokalen anti- 
septisclien Spülungen der Nase und des Rachens, gibt er prophylak¬ 
tisch Strychnin, das angeblich die Degeneration des Herzmuskels 
verhütet, ausser Strychnin kommt noch Coffein in Frage, während 
Digitalis im Beginn der Krankheit zu vermeiden ist. Bei der Herz¬ 
schwäche, die in den späteren Stadien der Krankheit auftritt, ist 
Alkohol das souveräne Mittel, bei Synkope ausserdem Aether. Bei 
schwerem Erbrechen ernähre man per rectum, ist dies wegen 
gleichzeitig bestehender Diarrhoe unmöglich, so gebe man sub¬ 
kutane Kochsalzinfusionen. 


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4. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


205 


Hardlng Freeland: Die Pathologie und Behandlung der 
Hühneraugen. (Ibid.) 

Am Schlüsse der Interessanten kleinen Monographie über 
dieses von Aerzten leider recht vernachlässigte Leiden empfiehlt 
Verf. die totale Exzision des Hühnerauges als einziges Mittel, 
um eine Dauerheilung herbeizuführen; natürlich muss später gutes 
Schuhwerk getragen werden, um Rezidive zu vermeiden. 

Charles Havelock: Die operative Behandlung der Ele¬ 
phantiasis der Geschlechtsorgane. (Indian Medical Gazette, März 
1901.) 

Verfassers Arbeit stützt sich auf eine Serie von 140 glücklich 
verlaufenen Operationen an Kranken, deren Alter zwischen 10 und 
62 Jahre betrug. Der Operation geht bei den oft sehr elenden 
Kranken eine Auffütterung voraus; am Tage vor der Operation 
werden die Theile gründlich gesäubert. Früher operirte Verfasser 
unter Blutleere, doch hat er dies wegen der heftigen Nachblutung 
aufgegeben. Der erste Schnitt verläuft vom Schambogen zum 
Orifizlum der Vorhaut und ermöglicht die Ausschälung des Penis, 
der zweite Schnitt verläuft vom Leistenving zur Mittellinie vor 
dem Anus, der dritte Schnitt ist wie der zweite, nur auf der anderen 
Seite, beide Schnitte treffen sich vor dem Anus. Nun werden die 
Hoden freigemacht, eine etwaige Hydrocele radikal operirt, schliess¬ 
lich wird der Tumor entfernt und die Haut von beiden Seiten 
unterminirt und über dem Penis und den Hoden vereinigt, wobei 
etwaige Wundflüchen, die noch übrig bleiben, nach Thiersch 
gedeckt werden. Eine Reihe von vortrefflichen Photographien 
lllustrirt die einzelnen Schritte der Operation und die späteren 
Resultate; der Penis funktionlrt ln jeder Weise gut. Bei Frauen 
Ist die Operation natürlich viel einfacher, man legt einen Schnitt 
durch die Haut und einen durch die Schleimhaut und vertieft die¬ 
selben, bis sie sich treffen und man auf diese Weise einen grossen 
Keil entfernen kann. Die durchschnittenen Blutgefässe werden 
meist nur torquirt. 

R. O. Adamson: Beobachtungen über das perforirte 
Magengeschwür. (Glasgow Medical Journ., Nov. 1901.) 

Wie wichtig es ist, eine Perforation frühzeitig zu erkennen, 
geht aus den Resultaten der Operationen hervor. Operirte man 
innerhalb der ersten 12 Stunden, so wurden von 22 Fällen 14 ge¬ 
heilt (64 Proz.). zwischen 12 und 14 Stunden wurden von 23 nur 
6 gehellt (26 Proz.); lagen zwischen Perforation und Operation 
24 Stunden, so wurden von 38 nur 5 (13 Proz.) geheilt. Was den 
so viel besprochenen Schock anlangt, so ist er ein Symptom von 
nur sehr geringer diagnostischer Bedeutung, andererseits darf man 
sich durch das Vorhandensein von Schock nicht von der Operation 
abhalten lassen. Erbrechen fehlt in den meisten Fällen, ist es 
im Beginne vorhanden, so lässt es gewöhnlich bald nach. Die 
Leberdflmpfung ist meist vermindert, selten ganz aufgehoben. 
Verf. rüth dem Hausarzte, in allen Fällen von Magenulkus, die er 
behandelt, die Leberdämpfung festzustellen,; tritt dann einmal eine 
vermuthete Perforation ein, so kunn er sich über den Zustaud 
der Leberdümpfung und über eine etwaige Verkleinerung der¬ 
selben mit Sicherheit aussprechen. Von grosser diagnostischer 
Bedeutung ist die Rigidität der Bauchwand, die schon von Beginn 
an bretthart ist; auch die Atliraung ist schon oft von Beginn an 
thorakisch. Auch der sehr heftige Schmerz ist ein wichtiges 
Symptom; zuweilen gelingt es, eine Art von Blasegeräuschen im 
Bauche zu hören. Die Perforation sitzt fast Immer in der Nähe 
des Pylorus und zwar meist an der Vorderwand des Magens. 
Kann mau bei Verdacht auf Perforation einen freien Erguss in 
der -‘auchhöhle nachweisen, so ist zwar die Operation sofort iu- 
dizlrt, aber die Hoffnung auf Erfolg äusserst gering. 

J. Pye Smith: 4 Fälle von operirtem perforirten Magen¬ 
geschwür, 1 Fall, der nicht operirt wurde sowie 2 Fälle, die 
von Andern operirt wurden und 3 Probelaparotomien wegen 
Verdachtes auf Perforation. (The Quarterly Medical Journal, 
Nov. 1901.) 

Verf. legt auf Grund der an diesen 10 Fällen, die sämmtlich 
nnter seiner Beobachtung waren, gemachten Erfahrungen grosses 
Gewicht auf die stets frühzeitig vorhandene Rigidität der Bauch¬ 
muskeln, das Fehlen der Leberdämpfung und die Anamnese, die 
meist vorhergegangene Magenstörungen ergibt. Die Operation ist 
stets iudlzlrt, in zweifelhaften Fällen mache man die Probe¬ 
laparotomie, von den 6 operlrten Perforationen wurden 3 geheilt 
(50 Proz.). Verf. empfiehlt gründliches Auswaschen der Peritoneal¬ 
höhle und ausgiebige Drainage. 

H. Briggs: Die Dauerresultate bei den vom Verf. von 1889 
bis 1809 mit vaginaler Exstirpation behandelten Fällen von 
Uteruskrebs. (Liverpool Medlco-Cblrurgical Journal, Sept. 1901.) 

Im Ganzen operirte Verf. in den 10 Jahren 84 Fälle; von 
diesen starben 4 an der Operation und 13 Fälle werden bei der 
Zusammenstellung nicht mitverwerthot, weil die verflossene Zeit 
noch zu gering ist. Von 30 Fällen, die vor 1896 operirt wurden, 
lebten 1901 noch 6 ln voller Gesundheit; von 36 Fällen während 
der Jahre von 1897 bis 1899 leben 16 in bestem Wohlsein und 
2 mit Rezidiven. Die besten Dauererfolge gab das Korpuskarzinora. 

Frank E. Mars hall: Aethylchlorid als allgemeines An- 
ästhetikum. (Ibid.) 

Verf., der das Aethylchlorid in der zahnärztlichen Praxis 
52 mal mit 50 Erfolgen anwendete, berichtet, dass der Puls oft sehr 
langsam wird: die Narkose tritt nach 1—2 Minuten ein, er selbst 
brauchte nur kurze Narkosen, er verbraucht per Minute etwa 5 ccm 
des Mittels. Sofort nach Abnehmen der Maske erwacht der 
Patient und zwar völlig klar und vernünftig; irgeudwelche üble 
Nachwirkungen wurden nie beobachtet Ein Aufregungsstadium 
fehlte vollkommen bei 49, in 1 Falle war es heftig, in 2 gering. 
Bei der zahnärztlichen Verwendung ist noch zu bemerken, dass 


das Zahnfleisch friert und desshalb sehr wenig blutet. Sehr schwer 
ist es anfänglich, zu sagen, wann und ob der Kranke völlig nar- 
kotisirt Ist. da die Narkose so rasch eintritt und der Kornealreflex 
erhalten bleibt. Ganz besonders empfehlenswert!! ist das Mittel 
zur Narkose von Kindern; noch macht Verf. darauf aufmerksam, 
dass noch inehr wie das Lachgas das Chloräthyl Frauen dazu 
treibt, deu Arzt nach der Narkose unzüchtiger Dinge zu beschul- 
digeu, ihm selbst geschah dies 2 mal, doch war beide Male der 
Mann zugegen gewesen; er empfiehlt desshalb, nie derartige Nar¬ 
kosen ohne genügende Zeugen vorzunehmen. 

llugh II. Y o u n g: Genital tuberkulöse mit besonderer Be¬ 
rücksichtigung der Tuberkulose der S&menbläschen. (Annals 
of Surgery. Nov. 1901.) 

Es sei hier nur kurz auf diese recht interessante Arbeit hin¬ 
gewiesen, aus der besonders zu erwähnen Ist, dass Verf. durch 
eine von ihm angegebene Operation (Schnitt oberhalb der Sym¬ 
physe) 2 mal die erkrankten Samenbläschen snmmt anhängeudem 
Stücke der Prostata und die Vasa deferentia und Hoden entfernen 
kouute. Das Nähere ist im Originale nachzulesen, das auch die 
von anderen Autoren angegebenen Methoden zur Entfernung der 
Samenbläschen beschreibt. J. P. z u m B u s c h - London. 


Vereins- und Congressberichte. 

Berliner medizinische Gesellschaft. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 29. Januar 1902. 


Demonstrationen: 

Herr Oppenheimer: Etwa 10jähriges Mädchen, das zur 
Zeit an Chorea leidet und etwas imbezill ist und das an einer 
Aplasie des rechten Auges und leichtem Mikrophthalmus mit 
Sehnervenatrophie des linken leidet Im linken Auge sieht mau 
einen Konjunktivalsack. aber keinen Bulbus. Thräneudrüse und 
Augenmuskeln sind aber vorhanden. 

Ursache der Missbildung vermuthllch eine Entzündung an der 
primären Augenblase. 

Herr Holländer: Lupus der Nase und kosmetische 
Operation derselben. 

Es war Vortr. aufgefallen, dass bei Lupus der Nase Immer 
nur eine Seite befallen war und gerade die Seite, nach der das 
Septum verbogen, deren Funktion also erschwert war: darin siebt 
Vortr. einen analogen Vorgang, wie ihn Freund kürzlich für 
die Lungentuberkulose angenommen hat. Auch sitzt der primäre 
Herd gewöhnlich in dem Ueborgangstheil von Septum und Flügel, 
also einem vom Luftstrom wenig betroffenen Theil der Nase. Der 
krankhafte Prozess führt in seinem Fortschreiten zur Stenose der 
Nase und häufig zur sekundären Erkrankung der Luftwege, des 
Nasenrachenraums. Pharynx u. s. w. Nimmt man nun einen ope¬ 
rativen Eingriff zur Freilegung der Nasenathmung vor. so heilt 
der sekundäre Lupus des Rachens von selbst aus; das Gleiche tritt 
ein. wenn die Nase durch den lupösen Prozess zerstört und da¬ 
durch die Atlimung frei wird. Auch in diesem Vorgang sieht Hol¬ 
länder eine Analogie zu den F r e u n d'selien Beobachtungen 
der Spontanheilung der Lungentuberkulose durch Gelenkbildung ln 
dem erstarrten ersten Rippenknori>el. 

Bel plastischen Oi>eratiouen an der durch Lupus zerstörten 
Nase soll man daher auf die Bildung eines Septums verzichten, 
um die Nasenathmung frei zu erhalten und dadurch Rezidiven im 
Rachen vorzubeugen. 

Diskussion: Herr Freund sieht in den Holländer- 
sclien Beobachtungen das schönste und durchsichtigste Paradigma 
für seine Anschauung, dass Organe, deren Funktion behindert ist. 
zu tulierkulöser Erkrankung disponiren. 

Tagesordnung: 

Herr Mendel: lieber Alexie (mit Demonstration). 

Ein 48 jähriger Schneider, der nicht hereditär mit Nerven¬ 
krankheiten belastet und nicht syphilitisch lnfizirt war. dagegen 
ziemlicher Potator ist und sklerotische Arterien aufweist, er¬ 
krankte vor einem halben Jahre unter zerebralen Symptomen: er 
hatte in seinem rechten Auge und bald darauf auch in seinem 
linken eine Störung, wie wenn eine Mücke darin wäre; seitdem 
sieht er schlecht und kann nach nicht mehr lesen. Im Anfang 
war Schwindel und Uebelkeit und leichte Sprachstörung damit ver¬ 
bunden. 

Heute ist er nur noch etwas benommen im Kopfe. Das Auge 
Ist normal. Es besteht rechtsseitige Hemianopsie: 
rotb ist gut zu erkennen, braun und grün werden öfters ver¬ 
wechselt: sämmtliche peripheren Nerven sind Intakt. Kein psychi¬ 
scher Defekt. 

Die Lesestörung, welche hier vorhanden ist, fasst Vortr. 
ln folgende Sätze zusammen: 

Pat. kann Buchstaben deutlich erkennen und be¬ 
zeichnen. wenn auch bei einzelnen etwas zögernd. 

Er kann Worte nicht lesen; eine Ausnahme machen nur 
einige wenige ganz geläufige Namen. 

Er kann diese Worte sowohl spontan als auf Diktat gut 


schreiben. 

Er kann auch Worte dann lesen, wenn er zusieht, während sie 
geschrieben werden und er den Schreibbewegungen genau folgen 


kann. 


Geschriebenes und Gedrucktes verhält sich vollkommen gleich. 



N 



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206 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


Vortragender demonstrirt nun an dem Kranken die be¬ 
sprochene Störung, welche also eine subkortikalo Alexie 
(W e r n i c k e) darstellt oder eine Wortblindheit mit Erhaltung 
von Sprechen und Schreiben; die Alexie ist eine verbale, keine 
littorale. Von den etwa 40 Fällen, die in der Literatur nieder¬ 
gelegt sind, sind nur etwa 3 reine Fälle dieser Art. Vortragender 
erörtert nun an der Iland eines Schemas die pathologische 
Anatomie dieses Falles und kommt zu dem Resultate, dass eine 
Störung vorhanden sein muss in der Leitungsbahn zwischen dem 
Zentrum der Buchstabenbilder und dem der Wortbilder unter 
Erhaltung der Bahn von letzterem Zentrum zu dem motorischen 
Sch rei bzen t rum. 

Diese Unterbrechung ist in das Marklagcr des 
Gy rus angularis sinister zu verlegen. Ihrer Natur 
nach dürfte sie wegen des klinischen Bildes als eine Throm¬ 
bose dor Arteria angularis aufzufassen sein. 

Diskussion zum Vortrage des Herrn Koss- 
mann: Indikation und Recht zur Tödtung der Frucht. 

Herr Kaminer: Unter Hinweis auf seinen im Verein für 
innere Medizin gehaltenen Vortrag über ..Abort bei Tuberkulose 
der Mutter“ tritt K. den Ausführungen Kossmaun'g mit Ent¬ 
schiedenheit entgegen. K.’s Ansicht von der Unsicherheit der ge¬ 
setzlichen Grundlage sei hinfällig; denn wenn auch nicht das Ge¬ 
setz, so haben doch die Kommentatoren lOlslianso n) sich dahin 
ausgesprochen, dass der Arzt straffrei sein müsse, wenn er einen 
nach seiner Ansicht nütliigen Abort einleite. Es sei auch noch nie¬ 
mals ein Arzt desswegen angeklagt oder gar verurtheilt worden. 
Die Verhältnisse liegen juristisch ebenso wie beim Scharfrichter, 
der auch eine Tödtung vollziehe und doch straffrei sei. 

Kr selbst habe mehrfach wegen progredienter Tuberkuhvse der 
Mutter den Abort eingeleitet bezw. einzuleiten gerathen. um die 
Tuberkulose der Mutter aufzuhalten. Aehnlieh sei es bei Herz¬ 
leiden und anderen Affektionen. 

Herr Freund: Die juristische Sicherheit sei vorhanden, doch 
empfehle es sich nur. nach Zuziehung mehrerer Kollegen und nach 
Aufnahme eines Protokoll«*« vorzugehen. Die gleiche Vorsicht em¬ 
pfehle sich auch, wenn der Arzt zu einem fiel>eruden. d. h. also 
wohl fast immer soviel wie kriminellen Abort zugezogen werde; 
er berichtet, wie sein ehemaliger 1. Assistent in einem solchen Falle 
durch Anzeige und Anklage in eine unangenehme Situation ge¬ 
bracht worden war. 

Die Statistik, welche Kossmann l>etr. der Perforation und 
des Kaiserschnitts gegeben, sei unzutreffend. Die Perforation sei 
eine so lebenssichere Operation für die Mutter, dass sie kaum ge¬ 
fährlicher sei. wie eine gewöhnliche Entbindung. Daher werde 
diese Operation auch nie aus der Praxis verschwinden. Das Ver¬ 
fahren Pinard’s, den Kaiserschnitt ohne vorherige Aufklärung 
der Mutter zu machen, hält er für strafbar. 

Herr C z e m p i n: Derselbe spricht sich ebenfalls g«*gen Herrn 
Kossmann’s Empfehlung des Kaiserschnitts und gegen dessen 
Ansicht von der Strafbarkeit aus. 

Herr Friede mann: Dersellie schildert Erlebnisse aus der 
Landpraxis, aus welchen zu ersehen, dass man mit der Prognose 
des Geburtsveriaufs doeh vorsichtig sein soll. 

Hans K o h n. 


Altonaer Aerztlicher Verein. 

(Offleielle« Protokoll.) 

Sitzung vom 27. November 1901. 

Herr Böttiger hält seinen angekündigten Vortrag über: 

Untersuchung und diagnostische Verwerthung der Haut¬ 
reflexe. 

B. legt seinen Mittheilungen die Ergebnisse der Unter¬ 
suchung von ca. 200 Patienten zu Grunde. Veranlassung zu 
dif«en eingehenden Studien gaben dem Vortr. 2 Beobachtungen, 
ein frischer Fall cerebraler Kinderlähmung mit starkem Ba- 
b i n s k i’scbem Phänomen und einer diesem ganz ent¬ 
sprechenden Dorsa1f1ex i on der Finger bei 
Streichen des Handtellers, und andererseits ein Fall 
von Hemitonia apoplectica (v. Bechtere w). 

Dieser letztere betraf eine 58 jährige Dame, die seit ihrem 
50. Lebensjahre bereits 4 verschieden schwere Attaken Ihres Lei¬ 
dens durchgemacht hatte. Aetiologic fehlte. Die Schlaganfälle 
traten theils ohne, theils mit Bewusstseinsverlust auf und er¬ 
zeugten keine Lähmungen der befallenen rechten Körperseite, son¬ 
dern Hypertonie ihrer gesammten Muskulatur. Anfangs gingen 
diese Symptome fast ganz zurück, blieben aber schliesslich dauernd. 
Vorübergehend bestand Abd uzen spn rase und Ilemianopsia dextra. 
An der Hypertonie war namentlich auch die Sprache betheiligt. 
Sekundäre Kontrakturen blieben aus, die Sehnenreflexe wurden 
nicht gesteigert. Es fehlte das Babinski’sche Phä¬ 
nomen und an der Hand bestand bei Streichen des Hand¬ 
tellers sehr energische Palmarflexion der Finger 
im Sinne der Wirkung der Lumbricales und Interossel intemi. 
An der gesunden Seite fehlten Hautreflexe. Aphasie fehlte. 


Vortr. bespricht im Anschluss an diese Beobachtungen zu¬ 
nächst die Art der Untersuchung der Hautreflexe, namentlich 
der Fusssohlen- und Handtellerreflexe, die Art der Reize, die 
reflexogenen Zonen und die Art der Zuckungen. 

Bei d«‘n Fusssohlenreflexen unterscheidet er: 1. das Fehlen 
jeglicher Zuckungen, 2. den normalen Zehenreflex, die Plantar¬ 
flexion der Zehen, zuweilen begleitet von einer Zuckung im 
Tensor fasciae latae, 3. B a b i n s k i’sches Phänomen, Dorsal¬ 
flexion der grossen Zehe, zuweilen mit ebensolcher der übrigen 
Zehen, dies als qualitative Veränderung des Zehenreflexes, und 
4. die quantitative Veränderung desselben, die Dorsalflexion des 
Fusses mit sämmtlichen Zehen und gleichzeitig Beugekontraktion 
im Knie- und Hüftgelenk, all’ dieses vom Charakter einer Flucht¬ 
bewegung. 

Der Vortr. bespricht das Vorkommen aller dieser Reflex¬ 
bewegungen bei den einzelnen Krankheiten, weist namentlich auf 
die zweifellos sichere Bedeutung des B a b i n s k i’schen Phäno¬ 
mens für Erkrankungen der Pyramidenbahnen hin und führt 
4 scheinbare Ausnahmen von dieser Regel an, die dieselbe aber 
in der That nur bestätigen. In dem Fall von Hemitonia apoplect. 
sind die Pyramidenbahnen offenbar gar nicht selbst befallen, in 
einem Falle von Himabszess war die Hemiparese nur als Nach¬ 
barschaftssymptom zu deuten, dasselbe war bei einem Hirntumor 
des Scheitelhims resp. seines Marklagers der Fall und endlich 
fehlte Babinski bei einer Hemiparese nach paralytischem. An¬ 
fall, dieselbe war mit Hemianästhesie und Hemianopsie verge¬ 
sellschaftet gewesen. 

lieber Handtellerreflexe ist fast nichts bekannt. Vortr. 
untersucht dieselben mit der Nadelspitze, entweder mit einfachem 
Stich in die Hohlhand oder mit Streichen über dieselbe. In der 
Norm tritt kein Reflex auf. Dreimal konnte B. Streckung der 
Finger, entsprechend dem B a b i n s k i’schen Phänomen nacb- 
weisen, in 2 Fällen von frischer cerebraler Kinderlähmung und 
einem älteren Fall von Porencephalie. Viel häufiger war das Auf¬ 
treten von Palmarbeugung und Adduktion entweder nur des 
Daumens oder auch sämmtlicher Finger. Unter «m. 50 Fällen 
verschiedener Neurosen fand sieh nur 5 mal leichte Adduktion 
des Daumens, bei akuten Psychosen nichts, bei 8 sekundären 
Demenzen 3 mal, unter 15 Senilen 10 mal und bei 3 Idioten jedes¬ 
mal Palmarreflex. Unter 14 Fällen von Dementia paralytica mit 
spastischen Erscheinungen bestand 5 mal Palmarreflex. In J0 
Fällen von Hemiplegie, die am gelähmten Fuss theils gar keinen 
Sohlenreflex (ältere Fälle), theils B a b i n s k i’sches Phänomen 
darboten, fand sich an der Hand nie Dorsalreflex der Finger, 
hingegen 3 mal Palmarreflex. Am stärksten war dieser Reflex 
in dem Fall von Hemitonia apoplectica. In 3 Fällen von ange¬ 
borener spastischer Gliederstarre bestand stets Palmarreflex, 
ebenso bei 2 Fällen von Rückenmarkslues, bei Tabes (11 Fälle) 
3 mal, bei Hydrocephalus (2), multipler Sklerose (5), Myelitis (1) 
je 1 mal, bei 3 Fällen von spinaler Kinderlähmung jedesmal an 
der nicht gelähmten oberen Extremität. Schliesslich war be- 
merkenswerth, dass in 12 Fällen von chirurgischer Tuberkulose 
9 mal Palmarreflex nachgewiesen werden konnte, offenbar als Aus¬ 
druck einer dyskrasischen Konstitution und dadurch bedingter 
erhöliter Erregbarkeit des Nervensystems. 

Möglicher Weise wird sich, namentlich bei einseitigem 
Auftreten von Handtellerreflexen oder bei dem Befund von 
Dorsalflexion der Finger, später hierin ein lokaldiagnostisches 
Moment entdecken lassen; doch sind dazu noch ausgedehntere 
Untersuchungen erforderlich. 

Herr Bi eck demonstrirt die Präparate von 4 geplatzten 
Tubenschwangerschaften, von denen nur eine durch den abdomi¬ 
nalen, die 3 anderen durch den vaginalen Leibschnitt, die Kolpo- 
tomia anterior, gewonnen waren. Eine für diese Fälle typische 
Krankengeschichte und Diagnose wird kurz skizzirt und dann auf 
die Indikation zur Operation näher eingegangen. Diese ist theo¬ 
retisch mehr als je gegeben, seitdem die These gewisser Autoren, 
dass die Extrauteringravidität wie eine maligne Neubildung zu 
lieliandeln sei, eine wissenschaftliche Stütze in der von Kühne, 
F ii t li e u. A. gefundenen Thatsache von der aktiven Zerstörungs¬ 
kraft der Zotten erlangt hat. Neben der Furcht also vor einer 
eventuellen tödtliclien Nachblutuug treibt zur Operation die 
Chronizität der Beschwerden (Blutungen, peritonitische Attacken). 
Die Gefahr der Verjauchung der Blutextravasate und die Gefahr 
einer Operation ln späteren Stadien, wo feste und viele Darm 
Verwachsungen sich gebildet haben. 

In der ersten Zelt hält Redner die Operation nicht für lebens¬ 
gefährlich, weil man statt des abdominalen den lebenssicheren 
vaginalen Weg zur Entfernung von Tuben und Fruchtsack ein- 
sciilagen kann. Das bezeugen die vorgelegten Präparate. Die 


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20 ? 


4. Februar 1902. 

Pat. wurden (meist nach 3 Wochen) dauernd geheilt, und ohne 
dass äussere Zeichen der stattgehabten Operation vorhanden 
waren, entlassen. Die Dauer der Operation war % bis 1 Stunde, 
also auch nicht länger als beim abdominalen Leibschnitt, der stets 
ln den Fällen akuter Verblutung, wo nur die schnellste Operation 
lebensrettend wirken kann, sowie in den ganz veralteten Fällen 
mit schweren Darmverwachsungen anzuwenden ist. 

Im Hinblick auf die Theorie der Blutung und auf die Er¬ 
fahrung M a r t i n’s und D ü h r s s e n’s, die bei je 30 Fällen keinen 
an Verblutung verloren (Dührssen nur 1 an Peritonitis nach 
der Entlassung, Martin überhaupt keinen), sowie der eigenen 
Erfahrung, wird die Furcht, es könne etwa beim vaginalen Vor¬ 
gehen die Blutung nicht beherrscht werden, als unbegründet ge¬ 
kennzeichnet 

R. schllesst mit einer allgemein gehaltenen Hervorhebung der 
Vorthelle der vaginalen vor dem abdominalen Leibschnitt und be¬ 
hält sich vor, in einem längeren Vortrage an der Iland eines 
grösseren Materials, welches sich auf alle operativ zu behandelnden 
Erkrankungen der inneren Genitalien erstreckt, die Kunst des 
vaginalen Leibschnitts in Hamburg-Altona in ein neues und 
besseres Licht zu setzen, als er es, nach privaten Aeusseruugen 
zu schliessen, hier annehmen darf. 


Greifswalder medizinischer Verein. 

(Eigener Bericht) 

Sitzung vom 7. Dezember 1901. 
Vorsitzender: Herr Grawitz. Schriftführer: Herr Busse. 

I. Herr Jung demonstrlrt: 

a) ein 24 jähriges Mädchen mit rachitisch - plattem Becken 
(Conjug. vera 7 cm), das er vor 4 Wochen durch konservativen 
Kaiserschnitt von einem 7 Pfund schweren lebenden Mädchen 
entbunden hat. Patientin hat erst im 8. Jahre gehen gelernt, ist 
bei einer starken Kyphoskoliose 132 cm gross. Heilung erfolgte 
per primam lntentionem. Die Anlegung der Bauchbinde nach 
B e e 1 y machte wegen der eigenartigen Verkrümmung der Wirbel¬ 
säule Schwierigkeiten; 

b) 4 durch abdominale Totalexstirpation gewonnene karzi- 
nomatöse Uteri, die silmmtlich schon in der Nachbarschaft vor¬ 
gedrungen waren. 

1) Portiokarzinom, das links auf die Blasenwand 
Übergriff, wesshalb ein markstückgrosses Stück derselben resezirt 
wurde. Heilung bis auf die Blasenscheidenttstel. 

2) Karzinom der Cervix, des Corpus uud der linken 
Tube. 

3) Portiokarzinom, das schon weit in das linke Pnra- 
mctrium übergegrilfen und den linken Ureter um wuchert hatte, 
von dem ein G cm langes Stück resezirt wurde. Einpflanzung des 
proximalen Endes ln die Blase. Heilung bis auf Ureterscheiden¬ 
fistel. die durch N'nchoperation demnächst beseitigt werden soll. 

4) Portiokarzinom, das links bis an das knöcherne 
Becken heranreichte und hier nicht vollständig entfernt werden 
konnte. Tod 18 Stunden post operationem. Massenhafte Drüsen 
neben der Aorta. 

Die Technik der Operation ist etwa die von v. Rostliorn 
angegebene. Vor der Laparotomie, aber in derselben Narkose wird 
das Karzinom exkochleirt und ausgebrannt, sodann in anderem 
Räume mit anderen Instrumenten und völlig nnderem Personal 
die abdominale Exstirpation vorgenommen. Operirt wird mit 
Gummihandschuhen. Blasen- und Ureterenverletzungen sind 
vielfach nicht zu vermeiden. Etwaige Urinfisteln müssen später 
geschlossen oder durch Nephrektomie geheilt werden. 

II. Herr Eohnert: Demonstration eines Falles von Myx¬ 
ödem. 

Bel der 55 jährigen Arbeiterfrau besteht seit 4 Jahren Haar¬ 
ausfall, Sausen Im Kopf, Mattigkeit, Schwäche in den Gliedern 
und schwankender Gang. Von der Schilddrüse ist rechts nichts, 
links nur ein kleiner fibröser Lappen zu fühlen. Die Haut des 
Gesichtes, Nackens, der Extremitäten zeigt starke myxödematüse 
Schwellung und abnorme Trockenheit. Schweiss und Drüsen¬ 
sekretion ist aufgehoben, Haarwuchs auf dem Kopf dünn, auf 
dem Körper fast ganz fehlend. Die Mehrzahl der sonst gesunden 
Zähne ist locker. Daneben finden sich zerebrale Störungen, 
schwankender, unsicherer Gang, Schwindelgefühl, unruhiger 
Schlaf, sehr langsame Sprache bei ausgesprochener Apathie. Die 
Temperatur ist dauernd herabgesetzt. Hämoglobingehalt des 
Blutes beträgt 75 Proz. der Norm. Der Nachweis von Mucin im 
Harn ist leider wegen bestehender Kystitis nicht zu verwerthen. 
Bei der Behandlung in der medizinischen Poliklinik reugirte die 
Patientin äusserst prompt auf Thyrojodin. 

III. Herr Schirmer: Zur Methodik der Pupillenunter¬ 
suchung. 

IV. Herr P. Grawitz demonstrlrt ein bei einer Sektion 
im Darm angetroffenes Tuch vom Umfange eines Taschentuches 
mittlerer Grösse. Das vollkommen regelrecht zusammengelegte 
Tuch war dem pathologischen Institute zugeschickt worden mit 
der Anfrage, wie es ln den Dünndarm der 42 jährigen Frau ge¬ 
langt sein möchte, ob es verschluckt sein und wie lange es im 
Darm verweilt haben könnte. Grawitz kommt unter Anführung 
der Krankengeschichte und des Sektionsbefundes von chronischer 
Peritonitis und vergleichender Heranziehung namentlich der von 
Rehn und Neugebauer mltgetheilten Fälle zu dem Ergeb¬ 
nis«, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit das Tuch gelegentlich 


einer 2 Jahre vor dem Tode bei der Frau wegen Uterusmyoius 
ausgcfiihrteu Laparotomie liegen geblieben und langsam vou der 
Bauchhöhle in den Darm perforirt sei. 


Aerztlicher Verein in Hamburg. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 21. Januar 1902. 

Vorsitzender: Herr K ii mm el 1. 

I. Demonstrationen: 

1. Herr Völckers stellt einen Kranken vor mit einem 
Initialaffekt an der Aussenseite des Oberschenkels und einem 
kleinpapulösen Syphilid. 

2. Herr Werner demonstrlrt 2 therapeutisch interessante 
Fälle von Syphilis. Beide Frauen hatten vor 6 Jahren Queck¬ 
silberinjektionen in die Nates erhalten. Die restirenden Depots 
waren jetzt der Sitz tertiärer Erkrankungsfonnen: in einem Falle 
Knotensyphiliden, im anderen ein kindsfaustgrosses Gummi, (Er¬ 
scheint in extenso iu dieser Wochenschrift.) 

3. Herr Engelmann zeigt einen Knaben, der eine Steck¬ 
nadel verschluckt hat, die dicht über dem Larynxeingang sich 
eingekeilt hat. Die Entfernung der Nadel, die ziemlich bedeutende 
Schwierigkeiten machte, wird während der Röntgendurchleuch¬ 
tung vorgenommen. Die Lage der Nadel und die Annäherung der 
sich seitlich bewegenden Zange waren auf dem Schirm gut zu 
verfolgen. 

5. Herr Lenhartz stellt einen 14Jährigen Knaben vor, 
bei dem im Anschluss an einen überaus schweren Unterleibstyphus 
beträchtliche akute Koordinationsstörungen aufgetreten sind, 
die alle 4 Extremitäten und den Rumpf betreffen, obwohl weder 
die Sensibilität und der Muskelsinn noch die rolie Kraft Abweich¬ 
ungen zeigen. Die Patellarreflexe sind erhöht. 

Der Knabe kann mit gespreizten Beinen ohne fremde oder 
anderweitige eigene Unterstützung stehen, aber zur Zeit noch 
keinen Schritt allein gehen; bei jedem Versuch dazu 
stellt sich sofort ausgiebiges Schwanken des ganzen 
Körpers ein und der Kranke droht umzufallen. Dagegen kann 
er mit Unterstützung schon grössere Strecken gehen und zeigt 
dabei deutlich den „Hahnentritt“ und ab und zu gewisses grobes 
Schwanken des Körpers. Es bestellt ausgesprochene Ataxie. 
Blase und Mastdarm fuuktioniren normal. 

Die Intelligenz ist gegen früher nur noch wenig ver¬ 
mindert. Das Kopfrechnen geht zwar noch langsam, in der Regel 
aller ordentlich von Statten. Oft überrascht der Knabe durch 
kluge Zwischenbemerkungen. 

Auffällig gestört sind noch Sprache und Schrift. 
Erstere ist unbeholfen, gedehnt, monoton und eigenartig skan- 
dlrend; beim Schreiben laufen die ungleichmässigen Buchstaben 
noch oft ineinander und es zeigen die Aufstriche noch manche 
feinen und gröberen Zacken und Bögen. 

Bei der Frage, ob es sieh hier lediglich um eine schwere funk¬ 
tionelle oder anatomisch bedingte Folgekrankbeit handelt, ist der 
Gang der Ereignisse zu berücksichtigen. Der Junge dankt sein 
Leben der musterhaften Pflege und der in ihrer Art wohl einzig 
dastehenden ärztlichen Ueberwachung. Wochenlang haben Aerzte 
Tag und Nacht bei ihm gewacht. Der Junge lag vom 7. A u g u s t 
bis Ende Oktober ununterbrochen in tiefem 
Koma (nicht etwa ln einem kataleptischen Zustand!) und musste 
vom 7. August bis 9. November stets mit der Schlundsonde ernährt 
werden. Als er aus dem Koma nach und nach erwachte, war er 
noch völlig blind und taub uud nur das Gefühl war 
der einzige Sinn, der erhalten war. Augen- und Ohrenspiegel 
ergaben dabei stets normalen Befund. Das Gehör kehrte zuerst 
zurück. 

Als der Junge Aufang November zuerst wieder sah. konnte 
er auch Bilder erkennen, Buchstaben, Worte und Sätze verstehen, 
aber noch kein Wort sprechen. Nur ganz allmählich kehrte 
das Sprach vermögen im Laufe der letzten beiden Monate zurück. 

Der Typhus selbst war, abgesehen von dem ungewöhnlich 
lange dauernden und tiefen Koma, durch zweimalige Darm¬ 
blutung (im Haupttyphus und Rezidiv!) und schwere doppel¬ 
seitige Pneumonie in beiden Unterlappen, hochgra¬ 
digste Herzschwäche und vielfachem zum Theil tiefen 
Dekubitus an Rücken, Gesüss. Trochanter und Füssen komplizirt. 
Salzwasser-lnfuslonen, Bismuthose bei den Darmblutungen, von 
L. selbst dnrgestelltes Typhusserum bei den bedrohlichen vaso¬ 
motorischen Störungen im Rezidiv haben neben der überaus sorg¬ 
fältigen Ernährung die Rettung dieses in vieler Beziehung einzig 
dastellenden Falles erzielt. 

Es liegt nahe, die schworen zerebralen Erscheinungen auf 
vielfache kleinste toxisch hervorgerufene Herdveränderungen des 
Gehirns zurückzuführen; ob wir sie mit unseren heutigen Hilfs¬ 
mitteln anatomisch nachweisen könnten, erscheint freilich zweifel¬ 
haft. Immerhin muss an den von Ebstein 1872 beschriebenen 
Fall erinnert werden, bei dem 7 Jahre nach dem schweren Typhus 
vielfache kleine Herde gefunden wurden, die denen lx?i multipler 
Sklerose vergleichbar waren. Möglicher Weise handelt es sieh aber 
auch nur um schwerste Erschöpfungszustände der Zentralorgane 
□ach einer überaus schweren akuten Infektionskrankheit bei einem 
aus nervös belasteter Familie stammenden Jungen. 

Da hier eine stetige, wenn auch langsame Besserung ein¬ 
getreten ist, möchte Vortragender die Prognose trotz der noch vor¬ 
handenen Störungen relativ günstig stellen. Methodische Teil¬ 
ungen im Sprechen und im Gebrauch der Glieder werden ndieu 
sorgfältiger Schonung fortschreitende Besserung bewirken. Herr 


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208 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Lenhartz rechnet um so mehr mit dieser Möglichkeit, da er 
einen fast photographisch gleichartigen Fall schon 
vor 1Ü Jahren als Assistent an der Leipziger Klinik beobachtet 
und beschrieben hat ‘), bei dem er sich 10 Jahre später von der 
nahezu vollständigen Heilung überzeugen konnte, ln jenem Fall 
war die akute Ataxie und Sprachstörung nach schwerer Ruhr auf¬ 
getreten. 

5. Herr Simmonds demonstrirt mit Hilfe von Projektious- 
bildern eine Reihe von Missbildungen: 

a) Mehrere Anencephalen, bei denen z. Th. nur Kranioschisis 
z. Th. neben Rachischlsis vorhanden war. Röntgenaufnahmen er¬ 
leichtern hier ausserordentlich das Studium der Knochendefekte 
und Deformitäten. 

b) Einen Fall multipler Missbildungen, verursacht durch 
mehrfache amniotische Verwachsungen zwischen Plazenta, linkem 
Schädel und Rumpfseite. Als Folge der Verwachsungen: An- 
enceplialie, Deformität der Kieferbildung, Mangel des linken Arms, 
Ofl'enbleiben der Brust- und Bauchhöhle mit Ektopie sämmtlicher 
Eingeweide. Dieser Fall ist für die Erklärung der Anenceplialie- 
bildung gut verwerthbar. 

c) Einen Epignathus amorphus. Aus dem Munde des Kindes 
hing ein 800 g schwerer, lappiger, weicher, von kleinen Knoehen- 
stüekclien durchsetzter Tumor, der an der unteren Schädelbasis 
im Rachen knöchern adhärirte. Schädelinneres intakt. Durch den 
Tumor war eine starke Abllaehuug beider Kiefer verursacht. 
Organtheile im Tumor nicht nachweisbar. In Hinblick auf das 
Vorkommen aller Uebergangsformen vom völlig ausgebildeten am 
Kiefer angewaclisenem Zwilling (Epignathus) zu den rudi¬ 
mentären Zwillingsbildungen und zu völlig amorphen Gebilden, 
sind auch die letzteren als Doppelbildungen aufzufassen und ist 
der vorgeführte Fall daher als Epignathus amorphus zu 
bezeichnen. 

d) Einen extrauterin entwickelten Fötus von 20 cm Länge, 
der nach Platzen des Tubensacks in die Bauchhöhle getreten war, 
dort, von Amnion fest umzogen, mit allen Bauchorganen ver¬ 
wachsen war. Das Röntgenbild Hess das Skelet sehr deutlich er¬ 
kennen. Die Diagnose derartiger Fälle wäre daher auch vor der 
Operation mit Hilfe jener Methode möglich. 

II. Diskussion über den Vortrag des Herrn Kümmell: 
Erfahrungen über Diagnose und' Therapie der Nierenkrank¬ 
heiten. (Fortsetzung.) 

Herr Jessen berichtet über Gefrierpunktsbestimmungen in 
mehreren interessanten Fällen von surgieal Kidney. Auch für 
die innere Medizin hält er die Kryoskopie für eine diagnostisch 
und prognostisch wichtige Untersuehungsmethode: Zum Beweis 
wird unter anderen folgende Krankengeschichte referirt: Gravida, 
starke Albuminurie, Oedem, Geräusch am Herzen; Einleitung der 
künstlichen Frühgeburt. Darauf schweres fieberhaftes Krankheits¬ 
bild mit Zunahme des Eiweissgehaltes. Trotzdem normale Ge- 
frierpunktswerthe. Prognose wird günstig gestellt. Ausgang in 
Heilung. — Interessante Untersuchungen hat J. bei cykliseher 
Albuminurie gemacht. In einem Falle war während der Ruhe 
(kein Albumeu im Urin) der Gefrierpunkt = 0,50, während der 
Kranke auf war 0,58. Das Kochsalzäquivalent schwankte während 
der Ruhe zwischen 44,1 und 42,1, während der Bewegung zwischen 
28,7 und 34,4. Während der Bewegung war also die sekretorische 
Tliätigkeit der Niere erheblich herabgesetzt. — In diagnostischer 
Beziehung konnte J. in einem Falle von Diabetes iusipidus inter¬ 
essante Aufschlüsse erhalten. — Auch bei Herzfehlern sind Blut- 
und Harn-Gefrierpunktsbestimmungen von Werth. 

Herr G r i s s o n berichtet über einen Fall von einseitiger 
Niereuerkrankung: Rechtsseitige Koliken mit Blut und Eiterkör¬ 
perchen im durch üreterenkatheterismus aufgefangenen Harn. Bel 
der Exstirpation erwies sich die Niere vollkommen gesund. 

Herr Rose hebt hervor, dass das von ilun angegebene Ver¬ 
fahren bei der Frau, den Urin beider Nieren gesondert aufzu¬ 
fangen, vor der Cystoskopie den Vorzug habe in Fällen von Blu¬ 
tung aus der Harnröhre, starker Blutung, deren Abstammung aus 
Blase oder Niere festzustellen sei; bei starker Gerinnselbildung in 
der Blase sei Cystoskopie unmöglich. Rose’s Methode ermög¬ 
liche sofort kleine gestielte Tumoren abzutragen oder die Blase 
zu tamponlren. Schliesslich sieht man bei der indirekten Cysto¬ 
skopie alles in natürlicher Grösse, die bei der Cystoskopie mög¬ 
lichen Täuschungen in dieser Beziehung sind ausgeschlossen. 

Herr Nonne gibt folgende kasuistische Mittheilungen: 

1. Fall von renaler Hämophilie: Tabiker mit Blutharn. 
Derselbe verspürt beim Versuch, sich die Stiefel nnzuziehen, einen 
intensiven Schmerz im Leibe und stirbt unter den Zeichen einer 
inneren Blutung. Sektion: Einriss im M. psoas. Daraus verblutet. 
Nieren Intakt. 

2. Fall von arteriosklerotischen Nierenbeckenblutungen: 
G2 Jähriger Kapitän mit pachymeningitlschen Blutungen. Es tritt 
eine Blutung aus dem rechten Ureter auf. Exstirpation. Es findet 
sich kein Stein, aber klaffende sklerotische Arterien im Nieren¬ 
becken, ein Befund, der ein Analogon zur Apoplexia uteri dar¬ 
stellt 

3. Fall von doppelseitigen Cystennieren, aus denen periodisch 
leichte Blutungen auf!raten, in dem gleichfalls die falsche Diagnose 
auf Neplirollthiasis gestellt war. 

Herr Rumpel glaubt, dass bezüglich der Verwerthung der 
Kryoskopie in der internen Medizin noch viel mehr Erfahrungen 
gesammelt werden müssen. Seine Resultate geben divergente Auf¬ 
schlüsse. 

Herr Grube bespricht die Keil y’sche Methode des Ure- 
terenkatheterismus und die Methode des Urinsegregrators. 


’) Berlin, klin. Wochensehr. 1883. 


No. 5. 


Herr Bertelsmann: Herr Fraenkel habe die Frage 
aufgeworfen, ob Blase und Ureter, die bei Nierentuberkulose häufig 
miterkrankt seien, nach der Niereuexstirpation auch ausheilten. 
Nachuntersuchungen, welche B. an dem Sched e’schen Material 
anstelleu konnte, haben ergeben, dass nach Exstirpation einer 
tuberkulösen Niere eine Zeitlaug noch vermehrte Epithelien und 
Leukocyteu im Urin zu finden sind. Allmählich wird die Menge 
dieser Bestandtheile aber immer geringfügiger. B. ist überzeugt, 
dass die infektiöse Ureteren- und Blasenerkrankung ausheilt, 
wenn der Nachschub infektiösen Materials durch Nierenexstir¬ 
pation verhindert wird. Herrn Rose gegenüber bemerkt B. zum 
Üreterenkatheterismus, dass gegen aufsteigende Infektion in den 
Ureteren der beständige absteigende Flüssigkeitsstrom das physio¬ 
logische Schutzmittel sei. Bedingung ist ungehinderter Uriu- 
ablluss. Durch die Nieren ausgeschiedene pathogene Bakterien 
blieben höchstens in den Nieren selbst, nie im Nierenbecken oder 
Ureter haften bei ungehindertem Abfluss. 

Herr Kümmell (Schlusswort) gibt nochmals statistische 
Daten über sein operatives Vorgehen bei Hydro- und Pyonephrose, 
sowie über die Resultate der Nierentüberkulose-Exstirpation, die 
als recht günstige zu bezeichnen sind, da sich unter dieser letzteren 
Kategorie mehrere Fälle vorfinden, die 7, 5, 4>/ 2 , 3—3>/o Jahre nach 
der Operation leben und gesund sind. Er bespricht ferner die 
renale Hämophilie und bemerkt, dass aus der grossen Kasuistik 
nur wenig Fälle einer strengen Kritik Stand halten. 

Werner. 


Biologische Abtheilung des ärztlichen Vereins Hamburg. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 17. Dezember 1901. 

Vorsitzender: Herr C. Lauenstein. 

Schrif tführer: Herr H a f f n e r. 

I. Demonstrationen: 

1. Herr Plaut: Ueber eine neue Kultur- und Anreiche¬ 
rungsmethode für Schimmelpilze. 

Die Züchtungsmethode, über die ich beute berichten will, ver¬ 
dankt folgendem Zufall ihre Entstehung: 

Ich bewahre das von Pilzerkrankungen der Haut stammende 
Material in kleinen, in heisser Luft sterilisirten, runden Pillen- 
schachteln auf. Der Boden einer solchen Schachtel, in der sich 
Haare von einem Mikrosporie-Fall befanden, war feucht und dess- 
lmlb bei Seite gestellt worden. Als die Schachtel dann später ge¬ 
öffnet wurde, zeigten sich die Haare deutlich mit einem scheu 
makroskopisch sichtbaren Mycelsaum umgeben. Als ich die Haare, 
um sie mikroskopisch zu untersuchen, herausnehmen wollte, zeigte 
es sich, dass das Myeel auch auf dem Boden der Schachtel Fuss 
gefasst hatte, vielleicht sogar von diesem ausgegangen war. Zu¬ 
nächst glaubte ich natürlich, dass es sieh um ciueu gewöhnlichen 
Schimmelpilz handele, die nähere Untersuchung auf Testnährböden 
aber ergab, dass der Aiyceiraseu Mikrosporou (Canis Bodin) zu¬ 
gehörte, derselben Pilzvarietät, die die Haare des Kindes befallen 
hatte, von dem ich das in der Schachtel aufbewahrte Material ent¬ 
nommen hatte. Es war mir nuu zwar aus Sabourau d's Ar¬ 
beiten bekant, dass dieser Pilz auf Cerealien, Brod, Holz u. s. w. 
gezüchtet werden kann, dass er aber bei Zimmertemperatur unter 
so wenig günstigen Ernähruugsverhüitnlssen ein so lebhaftes 
saprophj'tisehes Dasein führen könne, interesslrte mich lebhaft, 
besonders wegen der eigenthiimlichen geographischen Verbreitung 
dieser Pilzspecies. Es lag mir daran, festzustellen, ob es sioli 
liier um einen vereinzelten Fall gehandelt habe, oder ob dieser 
Pilz regelmässig unter so bescheidenen Bedingungen zur Entwick¬ 
lung zu bringen sei. Ich legte also eine Anzahl andere Mikrosporie- 
liaare auf sterilen Objektträgern, mit ebensolchen Deckgläsern be¬ 
deckt, in feuchten Kammern aus, die ich im Zimmer aufbewahrie 
und koustatirte regelmässig zwischen dem G. und 11. Tage deu 
Mycelsaum. Nun prüfte ich mein übriges Material in gleicher 
Weise und erhielt, wenn es sich um Schuppen oder Haare handelte, 
die vou Trichophytiekrauken überhaupt herrührten, iu denen die 
Pilze noch nicht abgestorben waren, ausnahmslos nach G—14 Tagen 
einen charakteristischen Mycelsaum. 

Demonstration: Sie sehen im 1. Mikroskop den 
Anfang der Entwicklung eines Mycels aus der Schuppe einer 
Triehophytia corporis. Die Zucht dieses Pilzes war mir mit 
anderen Methoden nicht gelungen, im Ganzen ein Ausnahme¬ 
fall; •wohl aber war der mikroskopische Nachweis des Pilzes ge¬ 
glückt. Es waren nur vereinzelte Mycelien mikroskopisch aufzu¬ 
finden gewesen und die Kultur hatte enorme Mengen von Staphylo¬ 
kokken geliefert. Ein Blick in’s Mikroskop zeigt, warum gerade 
hier die einfache Methode mehr geleistet hat, als die kompli- 
zirteren Methoden: Die kleinen Häufchen um die Mycelfäden 
herum, sind lauter Spaltpilzkolonien, die nur darum hier die übrigen 
Elemente nicht überwuchert haben, weil die Flüssigkeit fehlte, 
um sie auseinander zu schwemmen. Die feuchte Luft lässt zwar 
elue Entwickelung aller Keime, die vorhanden sind, zu, aber zuru 
Glück uur am Ort der Mutterkeime, für ein Ausschwärmen der 
Keime oder ein kräftigeres, das Emporkommen der Trichophytie¬ 
pilze gefährdendes Wachsthum, sind die Verhältnisse nicht 
günstig. 

Unter das 2. Mikroskop habe ich einige Mikrosporie- 
schuppen und Haare von einem Knaben gelegt, der noch in Be¬ 
handlung (mit Jodtinktur) ist. Wenn Sie das Präparat verschieben, 
werden Sie bemerken, dass die mit Jod braun gefärbten Stellen 
vorläufig noch keine Pilzentwicklung aufweisen. 


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4. Februar 1902. 


MTTENCHENER MEDICI NISCHE WOCHENSCHRIFT. 


209 


Im 3. Mikroskop lieftutlet sieh eiue weit fortgeschrittene 
Kultur vou «lersellien Triehopliytia corporis wie iin ersten Prä¬ 
parat. Diesellx* zeigt in ausgezeichneter Schönheit die Botr.vtis- 
fruktifikation. das Charakteristische der Trichophytie. Sänuntliche 
Präparate sind eben aus der feuchten Kammer genommen und ohne 
jeile Kinsclilussflüssigkeit. 

Merkwürdig ist es. dass die so weit in der Natur verbreiteten 
gewöhnlichen Schimmelpilze diese Luftkammern nicht stören; 
mir ist es wenigstens noch nicht vorgekommen, dass ich Peni- 
« illium. Mucor. Aspergillus mit entwickelt oder als einzige Kultur 
gefunden hätte, und doch hat nicht einmal eine oberflächliche Rei¬ 
nigung d«*s ftusgelegten Materials stattgefunden. 

Die Ivontrolversuche bestanden Im Anslegen vou Ilautschüpp- 
'•hen und Haaren von gesunder Haut und künstlich mit verschie¬ 
denen Schimmelpilzen inflzirten Hautstückehen. Die ersteren 
zeigten innerhall) der Beobaehtungsdauer (3 -4 Wochen) niemals 
MyeclentWickelung, die künstlich aufgebracht«*» Sporen keimten 
regelmässig schon nach 24 Stunden und bildeten in 4M Stunden 
einen üppigen Myeelsaum. wie Sie im Mikroskop 4 selten. 

Kine Verwechselung dieser rapid wachsenden Pilze mit den 
so überaus langsam wachsenden Krankheitserregern ist desslialb 
bei genauer Befolgung der fiir die Methode gleich zu gebenden 
Vorschriften meiner Ansicht nach ausgeschlossen. 

Ich Italic diese Anreicherungsmethode bisher nur für die ver- 
sHiiedenen Formen «1er Trichophytie in Anwendung gebracht. 
Favus aus Mangel an frischem Material noch nicht prüfen können. 
Micnisporon furfnr. «ler Pilz der Pityriasis versicolor li«*ss sieh 
mit «lieser Methode nicht züchten 1 ). 

Fragen wir uns. mit welchen bisher geübt«*» Methoden die 
Ihnen vorgeführt«* Aehnllehkeit hat. so wäre zunächst di«* von 
S i m tu o n d s und Frankel zur Anreichenmg der Typhus- 
bazillen in «l«*r Milz und der Haut nnsgcarheitetc zu erwähnen. 

Beiden M«*thoden gemeinsam ist «lic V«»rwerthung des ur¬ 
sprünglich vorhandenen Nährmat«*rials zur saprophytischen Weit«*r- 
znclit eines pnnisitisch entstandenen Pilzes mit Ausschluss j«*dt*r 
:iml. n*ti künstlich«*» Nahrung: sodann wärt* die M«*tho<le von Fnna 
zu «Twäliueii. der Haare undSchuppeu ditvkt auf sehr konzent rit ten, 
sauren Agar (4 proz.i aufl«*gt. Auch hier wlnl durch «lic tro«*k<*ii«* 
Beschaffenheit «1<*s Nährbodens, «lic Reaktion und die Temperatnr 
«•in Uelierwn<*lierti der Myeelien durch Spaltpilze hlntangehaltcn; 
in an«ler«*n Punkten aber, wie «lie <lir«»kt«» Beobachtung unter «lein 
Mikroskop, die Zucht auf <l«*m Objektträger, auch in Bezug auf 
ihr«* «liPferential-diagnostischen Aufschlüsse «len g«*wöhulieh«*n 
Schimmelpilzen gegenülier, und ihre grosse Einfachheit, kann 
nn*in«* Methode als s«*lbständlg hingestellt w«*rden. 

Damit sie jed«*smal gelingt, sind folgende Punkte zu beachten: 

1. Es Ist möglichst frisches Material zu verwemlen. 2. Man 
züchte bei Zimmertemperatur. 3. Die Kultur darf nicht beniissr 
werden. Richtige Anordnung der feuchten Kammer schützt am 
1 tosten vor diesem Fehler. 4. .Te«l«*n Morgen soll «li«* Durch- 
nmstcniug der Präparate mit schwächster Vergrüsserung erfolgen. 
IJinger als zur rntersuehung nötliig. soll man die Präparate nicht 
aus «l«*r feuchten Kammer entfernen, ö. Myeclent wieklung in «len 
ersten 2—3 Tag«*» ist unbedingt als durch gewöhnliche Schimmel¬ 
pilz»* hervorgeruf«*u zu betrachten. 

Die Methode ist. wie Sie sich wohl überzeugt haben, so ein¬ 
fach. «lass je«ler Arzt in wenigen Minuten die nöthlgen Vorbe¬ 
reitungen zu dersellu*n treff«*n kann mul hoffe ich. dass dieselbe 
«li«* Diagnose der Pilzkrankheiten «l«*r Haut in Fällen, wo sie 
Schwierigkeiten bi«*t«*n s«illt<*. sichern und vereinfachen wird "i. 

Diskussion: Herr Unna hält die B«*obnchtung tl«*s Herrn 
1* laut für sehr bedeutungsvoll. Er lernt daraus, dass wir Pilz¬ 
kulturen viel zu üppig ernährt liab«*n. so «lass sie vl«*lleieht Schwie¬ 
rigkeiten hatten, zu existiren. 

2. Herr C. Lauenstein: Demonstration von Röntg«*»- 
Mldem von Spiralfrakturen des Unter- und Oberschenkels, Ober¬ 
und Vorderarms mittels des Projektionsapparates nebst Be¬ 
merkungen zu «ler Frequenz. Entstehung, Prognose lind Nomen¬ 
klatur dieser Bruehformen. 

3. Herr Bertelsmann demonstrirt Plattenkulturen, 
welche das Eindringen von Bakterien hi die Blutliahn als eine 
Ursache des Urethralflebers erweisen. (Erscheint ausführlich in 
«lii'ser Wochenschr.) 

Herr C. Laue »stein sieht in den Unt«*rsuchungen des 
Herrn Bertelsmann den Beweis, dass es nicht in erster Linie 
«li«* Instrumente sind, die das Uretbral!i«*l>er hervorrufen. sondern 
«li«* in dem Inhalt der Blase enthaltenen Keime, die an der St«*ll«> 
der Harnröhrenläsion zur Aufnahme gelangen. L. wird dies«* Er¬ 
fahrungen Insofern von jetzt all verw«*rtlieu. als er als erst«*» th«*ra- 
|H*utischen Akt nach der Bouginmg der Striktur in solchen Fällen 
«•ine Ausspülung «l«*r Blase mit geeigneten antiseptischen Mitteln 
vornehmen werde, um so, wenn möglich, die in der Blase enthal¬ 
tenen Keime unschädlich zu macheu. 

Herr E. Fraenkel: Die prognostische Beurthellung des bnk- 
t«*ri«>logischen Blutbefundes hängt von verschiedenen Momenten ab, 
ganz besonders aber von der Art der Bakt«*rien. Bel Typhus 
linden sich ln fast allen Fällen Typhusbnzillen im Blut. Bacterium 
i-oli wird vom sonst gesunden Körp«*r ohne allzu grösst? Miilu* 
lilierwunden. 

Streptokokken gi*lien «*lne ungünstigere, aber nicht durchaus 
letale Prognose: «las Ist neuerdings vou der B e r g m a n »'sehen 
Klinik bestätigt worden. 

Alte Klappenfehler des Herzens verschlechtern die Prognose. 

') Ist inzwischen gelungen. 

’) I)Ie genaue Beschreibung «ler Methode mit Abbildungen er¬ 
folgt Im Zentral!)!, f. Bakteriol. n. Parasitcnk. 


Man ist nicht berechtigt zu sagen: K«*in Blutb«‘fuud. also keine 
Bakterien. Viele Harnröhrenbakterien sind durch Blutkultur nicht 
nachweisbar. 

Der Ausdruck „Urethrallleber" ist angebrachter als die Be¬ 
zeichnung „Kntlieterlleber“. 

Die von ihm sezirteu Fälle siml gewaltsam bougirt. 

Herr B e r t e 1 s m a n u entgegnet. dass alle elastischen 
Urethrainstrumente in Ammonium sulfuricum ausgekocht wilr«l«*u. 
Die M«*talliustrumeiite würden in Glaskolben mit Wattepfropfen 
trock«*» sterilisirt. in diesen Glaskolben würden sie bis zum Ge- 
braucli aufgehoben. Sterilisirtes ü«*I wünle in kleinen Kölbchen 
aufliewahrt, welche mit dem bekannten sich einziehenden Gummi- 
hiitclien verschlossen seien. 

Herrn Fraenkel antwortet B., er s«*i damit einverstanden, 
«lass man v«m Uivthral lieber und nicht von Katheterfteber sprach«*. 

Aucli er s«*i — cIhmiso wie die B e r g m a n n’sehe Klinik — 
G«*gncr «ler Anscliauungen Dörfler's; uueh im Allg«*meln«*ii 
Krankenhaus«* St. Georg seien ein«* Reihe von Blutbefunden «*r- 
lioben worden. w«*lelte bewies«*», «lass man bei septisch«*» Er¬ 
krankungen mit. Bakterieiibefund im Blut«* durchaus noch niclit 
die Hände in «l«*n ScIkmiss zu legen brauche. 

Man soll«*, wenn «ler Zustand des Patienten es nur irgendwie 
erlaube, in g«*«*ignet«*u Fällen an den primären Krkrankungsher«! 
herangelien o«l«*r auch das lx*t raffend«* Gli«*d abtragen. 

Di«* «*fwähnt«*u bakteriellen Biutiiefunde l««*i (>st«*omy«*lltis. 
I , hl«*gtiioin*n utid d«*rglei«*lu*n sollen demniiehst v«*r<‘»fT«*itf licht 
werden. 

4. Herr Just l«*gt «*inen Acardiacus amorphus vor. dess«*n 
weitere B«*s«*hn*ibung nach Ausfülirung <l«*r Sektion «*rf«)lgte. 

Vortrag «les Herrn Reuter: Zur Biologie des Darm¬ 
epithels. (Mit Demonstration von Präparate» und Projektio»'- 
bildern.) 

Der zweit«* Tlieil des V««rtrags wird auf «lic? nächste 
Sitz u n g v«*i s«*hol)en. 

Zu Vorsitzen«!«*» für «las nächst«* Jahr werden gewählt ll«*rr 
K. F r a <• u k e 1 und Herr X ««<• h t. 


Naturhistorisch-Medizinischer Verein Heidelberg. 

(Medizinische Sektion.) 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung v o m 3. 1) e z e m b e r 1901. 

1. Herr Leber stellt ein«*» Fall vor von sehr ausgebreiteter 
Teleangiektasie mit angiomatösen Wucherungen, windle fast 
das ganze Gesicht ergriffen hat, eine hochgradige Verunstal¬ 
tung desselben bewirkt, und sieh selbst auf «lie durch kompllzirteu 
Katarakt erblindeten Augen verbreitet. 

Es handelt sielt um einen Ö3 jährigen Landarbeiter, der in <l«*r 
Schule noch lesen gelernt, nb«?r später sein Seit vermögen allmählich 
bis auf ungenügende Lichtempfindung verloren hat. Die Verilnd«*- 
rung am Gesicht ist angeboren, hat sielt alter noch der Geburt 
noch bedeutend versclilimmert. Die flache Telenngiektasl«* ist von 
za hl reichen, zum Tlieil dicht gedrängten un«l konflulrenden. liirse- 
korn- i)is liaselmissgmssen warzigen Hervorragungeu durchsetzt, 
«lie aus bluterfülltem kavernösen Gewebe lies toben: der Blutgehalt 
<l«*r grösseren Räume schimmert vi«*lfaeh bläulich durch die Ober¬ 
fläche hindurch. Die Mehrzahl «ler Knoten ist weich. un«l ihr Blut- 
g«*h:ilt lässt sich leicht aus«lrück«*n, wob«*i die Geschwulst kollahirt; 
l)«*i and«*r«*u «leut«*t f«*st«*re Konsistenz un«l «*ine zentrale Delle 
darauf hin. «lass «*s zu Blutgerinnung im Innern gekommen ist. 
Besonders stark verändert sind in «lieser Weis«* die Stint, «lie oberen 
Li«l«*r. die Wangen und die stark knollig wriliekte Nase, am 
stärksten «lie Oberlippe, «lie zu «*lnem enorm grossen rilsselartigen 
G«*bil«le hypcrtrophlrt ist, welches iib«*r «l«*n Mund, «lie Unterlippe 
un«l das Kinn herabhängt. Die Angiombildting hat die ganze Dicke 
der Lidplatt«*, einschliesslich der Schleimhaut eigriffen: stark angio- 
nmtös verdickt ist auch das Zahnfleisch am mittleren Tlieil des 
oberki«*fers. weniger und nur partiell das de» Unterkiefers. un«l 
ein Tlieil «l«*s harten Gaumens. Eine flache Teleangiektasie nimmt 
di«* Schleimhaut der Wange, den welchen Gaumen, «lie Gauinen- 
bog«*n und die Uvula ein. 

An den Grenzen des Verbreitungsbezirkes v«*rliert sieh di«* Ge- 
fässiteubiidung ailmillilicU unt«*r «ler Form «*in«*r gewöhnlichen 
flachen T«*I«*angiektasie, so auf lK*i«l«*ti S«*it«*n «ler Stirn, am b«*- 
haarieu Tlieil «les Kopfes, hinter «lein linken Ohr und am Kinn. 
Am übrigen Körper finden sieh nur auf der Ausseuselte «les rechte» 
Fusscs flache t<*leangiektatisclie Flecke. 

Durch «li«* Conjuncfiva bulbi schimmern. lx*sonders am linken 
Auge. ausgedehnte und dichte episklerale V«*nennotze hlmlureh: 
ausserdem scheint dem iiusser«*n unteren Umfang des linken Bul¬ 
bus «*ine flache angiomatöse Wu<-hening aufgelag«*rt zu sein. Am 
rechten Auge b«*merkt man nahe dem inneren olx*ren Homhant- 
raude einige kleine bläuliche Fl«*cke. vermuthllch tlirombosirte 
v«)r<lere Ciliarvenon. Auch zeigt liier die Sklera unweit <l«*s olieren 
Hornhautrandes «*ine flache, buckelige Verdickung. Am linken 
Auge besteht ein chronisch entzündlicher Zustand, diffuse Trübung 
und Vaskularisation der Kornea und Ektasie der Ciliargegend. Die 
ophthalmoskopische Untersu«*hung ist wegen des Katarakts an 
beulen Augen nicht möglich: «lie stark herabgesetzte Liebtempfliul- 
lichkeit beweist aber das Bestellen einer schweren Komplikation 
von Selten der Retina, welche den Erfolg einer Staroperatiou aus- 
schliesst. Es ist hiernach nicht, unwahrscheinlich, dass auch di«* 


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210 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 5. 


inneren Membranen des Auges an der Gefässwucherung theil- 
genommen haben. 

2. Herr J o r d a n: Operativ geheilte kongenitale Hüftluxa- 
tion (mit Krankenvorstellung.) 

Das jetzt 5y 2 jährige Mädchen fing vom 2. Jahr ab an, stärker 
zu hinken, ermüdete rasch, wurde daher meist getragen, klagte aber 
nie über Schmerzen. Bei der Aufnahme in die Privatklinik am 
24. IX. 1900 fand sich eine Verkürzung des linken Beines um 
4y 2 cm, welche thells durch Zehengaug, theils durch Flexion des 
rechten Knies ausgeglichen wurde. Der Trochanter stand 4y 2 cm 
oberhalb der Rosor-Nßlato n’schen Linie und promlnirte 
stark nach aussen; der gut entwickelte Kopf war auf dem Os ilei 
zu fühlen und liess sich unter Krepitiron auf demselben hin- und 
hersehiebeu (s. Röntgenbild). In Chlorofominarkose liess sich durch 



manuelle Exteuslon und Koutraexteusion der Kopf bis in's Niveau 
der Pfanne herabziehen und es konnte dann durch extreme Ab¬ 
duktion die Einrenkung unter hörbarem Geräusch bewerkstelligt 
werden. Beim geringsten Ab weichen von der frontalen Stellung 
erfolgte indessen sofort Keluxation, so dass die Möglichkeit sicherer 
Retension ausgeschlossen erschien. Es wurde daher nach 4 tägiger 
Gewichtsextension zur blutigen Einrichtung übergegangen. Durch 



Fig. 2. 

einen 10 cm langen Hoff a’schen Längsschnitt vor dem Tro¬ 
chanter wurde die Gelenkkapsel freigelegt, durch einen T-Schnitt 
eröffnet. Lig. teres. fehlte. Der Kopf liess sich durch Flexion 
und Adduktion des Beines bequem zur Seite schieben. Das nun 
zu Tage liegende Acetabulum war ganz flach und durch eine dicke 
fibröse Schwarte überdeckt. Die Schwarte wurde exzidirt und 
mittels Curette eine über nussgrosse Höhle gebildet, die den 
Schenkelkopf allseitig umfasste, so dass er auch bei erheblicher 
Adduktion reponirt blieb. Die Wundhöhle wurde durch einen Jodo¬ 
formgazestreifen drainlrt und die Hautwunde durch Seidennähte 
vereinigt, das Bein wurde in Extension, Abduktion und Innen¬ 


rotation durch einen an der Wundstelle gefensterten Gipsverband 
fixirt Die Wundheilung erfolgte per primam, der Verlauf war 
ganz fleberlos und schmerzfrei; am 12. Tage verliess Pat. das Bett 
und machte Gehversuche. Nach 4 Wochen wurde der Gipsverband 
entfernt, das Kind lief von nun ab frei umher. Die in Massage, 
passiver und aktiver Gymnastik bestehende Nachbehandlung wurde 
seitdem, also während eines ganzen Jahres, abgesehen von zwei¬ 
maliger, durch äussere Umstände bewirkter Unterbrechung, täg¬ 
lich durchgeführt und brachte, wie die Demonstration ergibt, ein 
vorzügliches funktionelles Resultat: Die Verkürzung ist auf 1% cm 
reduzirt, der Gang ist sicher, kaum hinkend: Pat. vermag auf dem 
kranken Bein allein fest zu stehen: das Hüftgelenk ist aktiv in 
mittleren Grenzen frei beweglich, bis zu 50° flektirbar: die Ab¬ 
duktion gelingt bis zu einem Winkel von 15°; Rotation ist passiv 
ausführbar. Bei Bewegungsversuchen konstetirt man. dass der 
Kopf in der Pfanne steht und in derselben beweglich ist. und das 
Röntgenbild ergibt, dass die neugebildete Pfanne annähernd im 
Niveau der andersseitigen gelegen ist. Pat ist völlig beschwerde¬ 
frei und kann stundenlang ohne Ermüdung gehen. Die Nach¬ 
behandlung wird noch längere Zeit fortgesetzt werden, so dass fast 
völlig normale Gelenkverhältnisse erreicht werden dürften. 

3. Herr Völker: Kommunizlrendes Aneurysma zwischen 
Arteria carotis und Vena jugularis (mit Krankenvorstellung). 

19 jähriger Mann, der im August d. Js. bei einer Rauferei einen 
Messerstich in die linke Halsseite erhielt. Anfangs starke Blutung, 
die von selbst stand, so dass der Arzt die Wunde vernähte. Am 
2. Tage schon wurden die Symptome eines Aneurysma varicosum 
Konstatlrt: kontinuirliches, systolisch verstärktes, lautes Schwirren, 
fühlbar und hörbar. Exspektative Behandlung. Kompression ohne 
Erfolg. Zur Zeit mässlge subjektive Beschwerden, bestehend in 
Kopfschmerzen und dem Gefühl des Brummens im Kopf. Bel der 
verhältnissmässlg geringen Gefahr des Zustandes und der grossen 
Gefahr operativer Eingriffe (s. Handbuch der prakt Chirurgie), 
wurde von einer Operation, die in einer Unterbindung der Arterie 
oberhalb und unterhalb der Kommunikation zu bestehen hätte, 
abgesehen. 

Diskussion: Herren Czerny. Jordan. 

4. Herr v. Hippel: Demonstration eines ätiologisch sehr 
seltenen Falles von Narbenektropium des unteren Lides. 

Das Ektropium war im Gefolcre von spontaner, an den ver¬ 
schiedensten Stellen auf getretener Hautgangrän entstanden. Eine 
grössere plastische Operation mit Einpflanzung eines doppelt¬ 
gestielten Lappens aus der Stdrnhaut in das untere Lid hatte sehr 
befriedigenden Erfolg. 

Der Fall wird an anderer Stelle ausführlicher beschrieben 
werden. 

Herr Bettmann demonstrirt hierzu mikroskopische Prä¬ 
parate der Narbenkel olde, die dem Patienten exzidirt worden 
waren. 

Herr Czerny: Medizinische Reiseeindrücke in Nord¬ 
amerika. 


Sitzung vom 17. Dezember 1901. 

Herr Kaposi: Ein Fall von komplizirter Schädelver- 
letznng mit Aphasie. Schädelplastik. 

Vortragender stellt einen 21 jährigen jungen Mann vor, der 
vor 2 Jahren an traumatischem Hirnabszess in der linken Schläfen¬ 
gegend operirt worden war. Eine thalergrosse Lücke Im Schädel 
war nicht gedeckt worden. Im Juli d. J. neues Trauma, gerade 
an der Stelle des Defektes. Schwere Commotio. Es bleibt eine 
motorische Aphasie nebst Parese des rechten Mundfazialis und 
des rechten Arms. Müller-König’sche Plastik zur Deckung 
der Schädellücke. (Der Fall wird ausführlich pnblizirt werden.) 

Diskussion: Herr v. Hippel. 

Herr Sack: lieber das Wesen und die Fortschritte der 
F i n s e n’schen Lichtbehandlung. (Der Vortrag wird in dieser 
Wochenschrift ausführlich mitgetheilt werden.) 


Medizinisch-naturwissenschaftl. Gesellschaft zu Jena. 

(Sektion für Heilkunde.) 

Sitzung vom 5. Dezember 1901. 

1. Herr Binswanger: lieber hysterische Skoliose. 

Der Vortragende bespricht auf Grund der nachstehenden Be¬ 
obachtung die Differentialdiagnose der hysterischen Skoliose. 

21 jähriger junger Kaufmann, ln mässlgem Grade erblich be¬ 
lastet, geringe geistige Beanlagung, erlangt auf der Presse das 
Einjährigen-Zeugniss, wurde dann Kaufmann. Angeblich seit 
3 Jahren nervös. Im Oktober 1900 trat er beim Militär als Ein¬ 
jähriger ein. Im Januar 1901 stürzte er beim Exerzlren auf das 
Gesäss, konnte aber noch weiter exerzlren, wenn auch unter 
Schmerzen. Dieselben hielten ln der Folgezeit an, doch konnte 
er dabei seinen Dienst thun. Im März kam er wegen Lungen¬ 
entzündung in’s Lazareth. Im Anschluss an diese stellten sich 
Schmerzen im rechten Bein ein; er blieb wegen Ischias In weiterer 
Behandlung. Ungefähr Ostern ging er zur Erholung nach Hause. 
Dort traten die Schmerzen auch lm linken Bein auf und gingen 
dann auch auf den rechten Arm über. Er blieb nach Beendigung 
des Urlaubs noch mehrere Wochen im Lazareth. Ende Juli 1901 
wurde er als ganz invalide entlassen. Im August konsultirte eT 


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4. Februar 1902. MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


den Vortragenden zum ersten Male. Am 2. Oktober trat er ln 
die hiesige Klinik zur Behandlung ein. Es fällt bei dem Patienten 
zunächst die Haltung auf. Die rechte Schulter steht höher als 
die linke, der Rumpf ist leicht nach vorne geneigt, die rechte Hüfte 
springt stark vor. Die Lenden- und untere Brustwirbelsäule Ist 
nach links konvex verbogen. Im oberen Dorsaltheil besteht eine 
kompensatorische Verbiegung nach rechts. Der Zwischenraum 
zwischen der Crista ilei und dem unteren Rippeurand in der 
Axillarlinie gemessen beträgt links 4 cm, rechts 8 cm. Die Körper¬ 
last ruht auf dem linken Bein; das rechte ist in der Hüfte leicht 
llektirt. Beim Geben stützt sich der Kranke auf den linken Ober¬ 
schenkel. 

Diese Skoliose der Wirbelsäule konnte in Narkose völlig aus¬ 
geglichen werden. 

Von der weiteren körperlichen Untersuchung ist hervorzu¬ 
heben, dass der Patient zahlreiche Druckpunkte bietet, jedoch 
keine Sensibilitätsstörungen. Die Kniephänomene sind beider¬ 
seits gesteigert, links lässt sich Patellarklonus auslüsen. Das 
Achillessehuenphänomen ist links sehr lebhaft, rechts nicht aus¬ 
zulösen. Bel der Aufnahme war der Nervus ischiadicus an seiner 
Austrittsstelle und in der Kniekehle sehr druckempfindlich, des¬ 
gleichen wurden bei Druck auf die Wade Schmerzen empfunden. 
Die Bewegungen in dem linken Beine waren sümmtlich frei und 
schmerzlos ausführbar, am rechten Beine wurden auch in der 
Ruhe Schmerzen geklagt. Dieselben traten bei Bewegung des iin 
Knie gestreckten Beines mit besonderer Heftigkeit auf und 
wurden besonders in der rechten Hüfte lokallsirt, während bei 
gebeugtem Knie keine Schmerzen auftraten (L a s $ g u e'sches 
Symptom). 

Die Behandlung bestand in Suspension, mässiger Hydro¬ 
therapie, Galvanisation und vor Allem in psychischer Beein¬ 
flussung. Es ist bereits eine erhebliche Besserung eingetreten, 
ln der Ruhe empfindet Patient überhaupt keine Schmerzen mehr, 
auch ist er im Stande, längere Zeit zu gehen, ohne dass solche 
auftreten. Auch die Skoliose hat nicht unerheblich nachgelassen, 
er ist sogar Im Stande, sie für kürzere Zeit völlig zu korrigireu. 
Ich will nicht unerwähnt lassen, dass die Narkose durch Ihre 
lebhafte suggestive Wirkung einen nicht unerheblichen Einfluss 
auf den Fortschritt gehabt hat. 

Im vorliegenden Falle hat augenscheinlich zunächst eine 
Ischias und zwar neuritiseher Natur bestanden. Das Fehlen des 
Achillessehnenphänoinens, die Druckempfindlichkeit des Nerven 
in seinem Verlauf und das Lasegne’sche Symptom weisen mit 
Sicherheit darauf hin. Wie es bei Ischias häufiger beobachtet 
winl, stellte sich eine Skoliose; der Wirbelsäule ein. Dieselbe 
blieb nach Schwinden der Ischias bestehen, zeigte sich aber einer 
vorwiegend psychischen Behandlung zugänglich und ist sichtlich 
im Schwinden begriffen. 

Wir haben es hier mit ciucm Ineinandergreifen zweier ver¬ 
schiedener Prozesse zu thun, von denen der eine organischer, der 
andere funktioneller Natur ist. Augenscheinlich besteht bei dem 
leicht debilen Menschen eine Hysterie. Die zahlreichen, übrigens 
wechselnden Druckpunkt«; und das hier nicht näher zu erörternde 
psychische Verhalten des Patienten lassen an der Diagnose 
keinen Zweifel. Während also die erste Entstehung der Skoliose 
durch die organische Erkrankung der Ischiadikus-Neuritis be¬ 
dingt war, ist das Bestehen bleiben derselben beim Zurückgehen, 
resp. in unserem Falle Schwinden dieser Affektion, sicher durch 
das hysterische leiden des Patienten zu erklären. Die Richtig¬ 
keit dieser Annahme erhellt einmal aus dem Schwinden der 
Skoliose in Narkose und andererseits aus dem Einfluss der im 
Wesentlichen suggestiven Behandlung. 

2. Herr Berger berichtet Uber 6 Fälle von Hirntumoren, 
die differentialdiagnostische Schwierigkeiten bereiteten, und de- 
monstrirt die bei der Sektion gewonnenen Präparate. 

3. Herr Strohmayer berichtet über einen Fall von reiner 

subkortikaler sensorischer Aphasie im Sinne von Wer- 
nicke-Lichtheim. 

Es handelte sich um einen 36 Jährigen Kollegen, welcher an 
einer organischen Gehlrnerkraukung auf luetischer Basis, die als 
eine atypische Paralyse (L i s s a u e r) ungesprochen wurde, ge¬ 
litten hatte. Die genannte Sprachstörung war ein Herdsyinptoin 
der allgemeinen Zerebralerkrankung. Das Interessante an der 
Beobachtung war, dass die Sprachstörung intermittirte und 
schliesslich unter antiluetischer Behandlung verschwand. Nach 
14 tägiger Pause trat sie wieder auf und bestand bis zum Tode 
des Patienten, der im Status paralyticus erfolgte. Bei der Sektion 
fand sich der erwartete Herd im Marklager des linken Schläfen¬ 
lappens nicht, ebensowenig im rechten. Die mikroskopische 
Untersuchung ergab eine chronische diffuse Meniugoencephalitis 
der Kinde beider Schläfenlappen mit frischen Zeichen luetischer 
Entzündung an den Gefässen und weichen Hirnhäuten. Am aus¬ 
geprägtesten waren diese Veränderungen in der Rinde der ersten 
linken Schläfenwindung. Auch mikroskopische subkortikale Herde 
fanden sich nicht. 

Zum Schlüsse bespricht Vortragender die pathologisch-ana¬ 
tomische Grundlage der bisher bekannten Fälle von subkortikaler 


211 


sensorischer Aphasie und gibt an der Hand derselben eine kurze 
Kritik des W ernicke-Liehthei m’schen Schemas. 

4. Herr Sommer: Ganglienzellveränderangen bei Urämie. 

Vortragender hat in einem zur Sektion gekommenen Fall 
von schwerer Uraomic dio motorische Region der Hirnrinde 
mikroskopisch nach der N issl’sehen Methode untersucht. Er 
fand in der Mehrzahl der Betz’schen Riesenpyramidenzellen 
verschiedene, oft weit vorgeschrittene Degenerationen, die im 
Wesentlichen unter die einzelnen Stadien der Ohromatolyse ein¬ 
zureihen sind. Ein für die Urämie charakteristischer Degene¬ 
rationstypus konnte nicht konstatirt werden. 


Medizinische Gesellschaft zu Leipzig. 

(Offlcielles Protokoll.) 

Sitzung vom 7. Dezember 1901. 

Vorsitzender: Herr Curschmann. 

Schriftführer: Herr Braun. 

Zu Schriftführern der Gesellschaft für das Jahr 1902 wurden 
die Herren B r a u n und W i n d s c li e i d , zum Kasseuführer 
Herr A. Schm Id von Neuem gewählt. 

Herr Sonnen kalb demonstrirt einen 23 cm langen, konisch 
geformten, glatten, am oberen Ende 2.5 cm, am unteren 1,75 dicken 
Griff einer Koldenschaufel, den er einem Manne vom Anus aus 
ans dem Darme genommen und der so tief im Darme sass, dass 
die Spitze des untersuchenden Zeigefingers das dünne untere Ende 
des Sehaufelgriffes eiten an der Gegend des Promontoriums be¬ 
rühren konnte. 

DalH>l empfiehlt er seine 2 Methoden zur Untersuchung des 
Mastdarmes, die für den Patienten wenig unangenehm und für 
den Arzt sehr bequem sind, da sie keine Assistenz erheischen; für 
Digital Untersuchungen, die eine öftere Passage des Sphinkter 
nötliig machen, empfiehlt er, den untersuchenden Finger mit einem 
gut sitzenden Metallfinger zu bekleiden und diesen dann in der 
Afteröffnung sitzen zu lassen. Auf diese Welse könne man nicht 
nur ohne rnbequemlichkoit für den Patienten mit dem Finger 
ein- und ausgehen, sondern man könne mit einer Zange auch leicht 
kleiuere Fremdkörper entfernen, die durch ihre unebene Ober¬ 
fläche die Schleimhaut des sich zusammenziehenden Scldiess- 
muskeis verletzen würden. 

Die andere Methode betreff«; die Okularinspektion der Mast- 
darinschleiniliaut. Sowohl die Untersuchung mit sperrenden als 
auch «-Ine solche mit röhrenförmiger und vorderer oder seitlicher 
Oeff uung versehenen Instnmmnten liefere dem olineAssistenz 
timl ohne Narkose uiit«*rsueh«*nden Arzt keine guten Resultate. 
Er empfehle daher, den Patienten in Seitcnlage auf dem Unter- 
suehuugstische zu lagern, «lern Bauehe des zu Untersuchenden 
gegenüber eine starke Lichtquelle aufzustelleii und nun unter Be¬ 
leuchtung mit einem Stirnspiegel ein dickwandiges Reagensglus, 
wie es jeder Arzt ln dem E s b a c h’schen Albuminimeter besitz«», 
gut cingefettet in den Darm einzuführen. 

Diese Methode liefere vorzügliche Resultate und sei für den 
Kranken wenig lielästigeml. 

Herr Stimmei: Eine junge Dame möchte ich mir er¬ 
lauben. Ihnen vorzustellen, bei welcher eine kleine Operation in 
der Nase eine überraschende Reflexwirkung, wenn ich diesen Aus¬ 
druck gebrauchen darf, ausgeiöst hat. 

Die Patientin kam vor einigen Wochen zu mir mit beider¬ 
seitigem deutlich ausgesprochenem, wenn auch nicht ganz hoch¬ 
gradigem Exophthalmus und den Klagen über lästiges Gefühl 
von Spannung über den Augen, Kopfschmerzen lind Ohrensausen, 
welche Beschwerden sich bei jeder Näharbeit wesentlich steigerten. 

Die Untersuchung der Augen ergab hinsichtlich der Refraktion 
und Akkommodation, der Wirkung der Muscul. rect. intern! und 
des Augenspiegelbefundes normale Verhältnisse, auch bestand 
keine Konjunktivitis. 

Nunmehr untersuchte Ich die Nase und fand Hyperplasie der 
beiden unteren Muscheln mit ausgesprochener Hyperästhesie der 
letzteren, während die übrige Nasenschleimhaut ln normaler Weise 
auf Sondenberührung reaglrte. 

Da es nicht gerade selten vorkommt, dass selbst hochgradige 
astlienopiscbe Beschwerden bei völlig normalem Augenbefund aus¬ 
schliesslich durch Schwollungszustände ln der Nase bedingt und 
unterhalten werden, hoffte Ich auch im vorliegenden Fall auf 
Besserung der Asthenopie durch einen operativen Eingriff in der 
Nase und verkleinerte mit dem Galvanokauter zunächst die untere 
Muschel der rechten Nase, wobei auch nicht ein einziger Tropfen 
Blut floss. Nicht wenig erstaunt war ich aller, als nach 2 Tagen 
die Dame wieder zu mir kam, Uber das gänzlich veränderte, Ja ent¬ 
stellte Aussehen derselben, indem der rechtsseitige Exophthalmus 
völlig zurückgegangen war, der linksseitige noch unverändert fort- 
bcstaud. 

Ich bedaure, dass es mir nicht möglich war. Ihnen die Dame 
vor etwa 14 Tagen vorzustellen, wo sich zwischen dem zur Norm 
zurückgegangenen rechten Bulbus und dem linksseitig unver¬ 
ändert fortbestehenden Exophthalmus eine Differenz von 8 mm 
ergab. 

In den nächsten Tagen wurde die Differenz zwischen dom 
normal stehenden rechten Auge nnd dem linksseitigen Exophthal¬ 
mus geringer, indem der letztere spontan ganz allmählich eben¬ 
falls zurückging. 


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AO. o. 


BITTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


212 

Die Spannung über dem rechten Auge war seit der galvano- 
kaustischen Verkleinerung der rechten unteren Muschel völlig ver¬ 
schwunden und seit diese Operation auch an der linken unteren 
Nasomnuschel ausgefUhrt war, blieb die Spannung auch über dem 
linken Auge weg und der Exophthalmus der linken Seite ging 
weiter zurück, wenn auch bis heute noch nicht so vollständig als 
derjenige der rechten Seite. Sümmtliche asthenopische Beschwer¬ 
den sind völlig verschwunden. 

Hinsichtlich der Aetiologle des beiderseitigen Exophthalmus 
sei bemerkt, dass es sich wohl nicht um eine akute Form des¬ 
selben handelt, indem die Mutter der jungen Dame mir ganz von 
selbst erzählte, «lass Prof. Sae n ge r vor etwa 9 Jahren bei einer 
Konsultation sofort gefragt habe, seit wann die Augen ihrer 
Tochter so stark hervorstehend seien. 

I)a die Patientin auch öfter über Herzklopfen klagt und auch 
wiederholt 120 Pulsschläge zählte, auch ein leichtes Schwirren dev 
Karotidongegend fühlbar ist. während jede Hypertrophie der 
Thymus fehlt, dürfte es sich doch um einen unvollständigen Fall 
von Morb. Basedow handeln. Pulsation der Xetzhautartcrieii ist 
ebenfalls nicht nachweisbar, ebensowenig das Gräfe'sehe Phä¬ 
nomen. 

Was nun die Erklärung des Zurückgehens des doppelseitigen 
Exophthalmus nach Ausübung des operativen Eingriffes in die 
Xase betrifft, so wird zunächst abzuwarten sein, ob der erzielte 
Erfolg ein dauernder oder nur ein vorübergehender sein wird. 

Zunächst wird man daran «lenken müssen, dass üb«*rfiilltc 
Venen und Lymphstnuung in der Orbita durch die Nasenoperation, 
obwohl wi«> schon oben erwähnt, kein Tropfen Blut dabei floss. 
Entleerung und Abfluss gefunden haben. 

Herr Windscheid spricht, über «li<» Beziehungen der 
Arteriosklerose zu Gehirnerkrankungen. (Der Vortrag wird in 
<li«scr Wochenschrift abgedruckt.) 

Diskussion: Herr Schwarz schildert «li«* Symptom«* 
d«*r Arteriosklerose «ler Netzhautarterien und weist darauf hin. wie 
«lurch diesen Befund die Annahme einer gleichen Erkrankung der 
Ilirnarterien gestützt werden kann. Herr Bahrdt hat wieder¬ 
holt hciiu-rkt. dass von den Augenärzten die eben erwähnte Arterio¬ 
sklerose der Netzhautgefiisse gestellt wurde, ohm* «lass «lie 
Kranken sonst irgend welche Zeichen von Arteriosklerose erkennen 
Hessen. Herr Schwarz: I)i«* Erkrankung befällt in «ler Tliat 
zuweilen zuerst und allein «lie Netzhaut. Herr Schütz: Dem 
von Herrn \V i n d s c li «* i «1 geschilderten Syinptoun*ukoinpl<*x 
liegen oft anatomisch«*, sekundär durch «li«* Arteriosklerose hervor 
gerufene Veränderungen zu Grunde (kapilläre Blutung«*!!, Oblite 
ratiou «ler Arterien mit ihr«*n Folgen). 

Herr K <> «• k «• 1 liemerkt. «lass Kopfschmerzen häutig durch 
Veränderungen an «len Gehiruhäitt«*n v«*rnrsa«-ht w«*r«h*n. Bei 
älter«-» Personen, welche an Skl«*rose «1er Ilirnarterien litten und 
unter den Erscheinungen «ler Hemiplegie zu Grunde gegangen sind, 
findet man bisweilen keinerlei Blutung o«l«*r Erw«*iehuug: «Hese 
Füll«* Hessen sich «lurch Herrn W i u «1 s <• h e I «l's Annahme einer 
plötzlichen Störung der Regulirung des Hirnkreislaufs Hei Nach¬ 
lass «ler Ilerzkraft erklären. 

Herr Cursclimann weist darauf hin. wie häutig isolirte 
Arteriosklerose an einzelnen Organen beobachtet wir«l und wie 
desslialb «las Fehlen «ler Arteriosklerose z. B. an den Armarterien 
keinen Schluss auf «len Zustand «ler Ilirnarterien zulässt. Er 
theilt ferner mit. dass seine Assistenten P a «* s s 1 e r und H irs «• h 
neuerdings das Vorkommen vorzugsweise «li«* Mesenterinlarterieii 
betreffender Arteriosklerose liacligewiesen halten. Dieser Nach¬ 
weis habe eine grosse klinische Bedeutung wegen «ler Stellung, 
welche «las Mesenterialgefässsyst«*ni bei «ler Regulirung des Ge¬ 
summt kreislaufs einnimmt. 

Das von Herrn W indscheid als lwsoudcrs nützlich «*r- 
wiihnte anatomische Verhalten «ler Hirnarterien habe auch seine 
Schattenseiten. Denn es beding«*, dass nirgends im Körper Em¬ 
bolien und Thrombosen eine so iiblt* Re«l«*utung haben, wie im 
Gehirn. 


Medizinische Gesellschaft zu Magdeburg. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 5. 1) e z c m b <* r 1901. 

Vorsitzender: H«*rr Stühmer. 

Vor der Tagesordnung «lemonstrlrt 

Herr Unverricht ein höchst seltenes Präparat: 

Eine kolossale, «*a. 14 Pfund schwere Leber, die bei einer 
Sektion gewonnen wurde. Das Lebergewebe ist fast überall in 
mehr «xler minder grosse cystische Hohlräume verwandelt Die 
Anamnese ergab, dass schon vor 20 Jahren von Herrn Martin- 
Buckan eine Vergrösserung «ler Leber festg«*stellt und d«*r 
Patientin zu einer «*vent. Operation geiiitlien war. Die Patientin 
starb im Krankenhause an einem apoplektischen Insult. Die 
Diagnose schloss Echinokokkus ans: man dachte an Karzinom. 
Auch beide Nieren sind stark vergrüssert und in gleicher Weise 
eystisch entartet, wie «He lecher. Eine genaue Beschreibung er¬ 
folgt au anderer Stolle. 

Diskussion: Herr Kretscli ui n n n. 

Herr Frey tag: „lieber Tuberkulose des Kehlkopfes“. 

(Der Vortrag erscheint in extenso in dit*sor Wochenschrift.) 

Diskussion: Herr Ackermann und Herr Hager I 
empfehlen das Tuberkulin in seiner neuen Form als T.R.; auch 
Herr Sänger weist nachdrücklich darauf hin, dass die Erfolge, 


welche mit der Lokaltherapie bei Larynxtuberkulose erzielt 
wurden, sehr häufig indirekte Erfolge sind, indem jene 
Therapi«* zunächst eine Besserung «U*s Allgemeinbefindens herbei- 
fiilire: einmal durch Beseitigung etwa vorhandener Schluck- 
lH*schw«*r«l«*n. also eines Hindernisses einer intensiven Ernährung, 
das ander«* Mal durch «*irten günstigen Einfluss auf di«* Expek 
toratiou. tlieils durch II«*rvomifung kräftiger Hustenstösse. theils 
durch Erzeugung einer Hyperämie nn«l Hypersekretion des Larynx 
und der Trachea. 

Feber Orthoform und Nirvanin in äusserer und innerer An¬ 
wendung sprechen dann noch die Herren Ackermann. Fn- 
v «• r r i c* h t. S c li n a b e 1, St ü h m e r. 

S i t z u n g v o m 19. Dezember 1901. 

Vorsitzender: Herr S e n <11 e r. 

Vor der Tagesordnung «lemonstrlrt Herr Kretschmarin 
ein«* gross«» von ihm entfernte Spina septi narium und «lemonstrlrt 
ein zur leichten Entfernung derartiger Knochenvorsprünge von 
ihm erfundenes Instrument. 

Herr K 1 U g e - Wolmirstodt hält «len angekündigten V;u- 
trag: Ueber Geisteskrankheit und Geistesschwäche nach dem 
Bürgerlichen Gesetzbuch. 

Unter Hinweis auf ein Referat von Prof. T u c z e k - Mar¬ 
burg über dasselbe Thema und Prof. C r a m e Ps - Güttingen 
Ausführungen in dem Werk „Der psychiatrische Sachverständige“ 
weist Vortr. in seinen Ausführungen nach, dass die im § 0 
«les B. G.-B. betreffs der Entmündigung neu eingeführten Be¬ 
griffe Geisteskrankheit und Geistesschwache nicht im klinischen 
Sinne aufgefasst werden dürfen, sondern dass der Gesotzgel>er 
damit Zustände gcistig«*r Störungen bezw. verschiedene Grade 
giistiger Erkrankungen in ihrer Beziehung zu dem juristischen 
Begriff <l«»r Handlungs- und Gosrhäftsfnhigk«*it b«»zw. -Fnfiihig- 
k«*it hat. bezeieliiH’ii wollen. ])«*r (««‘isteskranke im Sinn«* «los 
S 6 B. G.-B. ist ges<*hiiftsunfiiltig (S 104 B. G.-B.), «ler Geiste»- 
scliwiu-lm nur beschriiukt geschäftsfähig (4} 114 B. G.-B.). 

Der psyehiatris«*hc Gutachter muss desshalb, wenn er zu «ler 
F«*berz«*ugung gekommen ist, «lass ein G«nsti*sg«*stürter, dcss«*ii 
Kiituiüudigung beantragt ist, seine Aiig«*leg«*lih«*it«*u nicht Ix;- 
sorgen kann, jedesmal im Gutachten ausfüliren, ob «ler Geistes¬ 
gestört«* als g«*ist(*skrank uiul damit als geschäftsunfähig «xler 
als g«*istess<4iwa«*h und nur besehriinkt geschäftsfähig anzusehen 
ist. — Auf di«.* Schwierigkeiten dieser Entscheidung geht Vortr. 
genauer ein. 

Am Schluss weist derselbe darauf hin, dass der entschieden 
humane Zweck der Einführung dieser Unterschiede für den zu 
Entmündigenden wohl einstweilen durch die Unkenntnis» d«?s 
Publikums über diese Begriffe noch ein illusorischer sein wird. 

Diskussion: Herr Kcf erstein. 

Aut den Pariser mediziniechen Gesellschaften. 

Acadtmie de mfcdecine. 

Sitzung vom 10. Dezember 1901. 

Die Kartoffelkur beim Diabetes mellitus und dessen Kom¬ 
plikationen. 

M o s s 0 - Tonlos«* theilt sein«» cingtdiemlen Untersuchungen 
und bezüglichen Versuche mit. sic führten ihn zu folgenden 
Schlüssen: Die Kohlehydrate sind notliwendig zur Ernährung der 
Diabt tlk«*r, ub«*r sie vermehren in höherem Grade als alle anderen 
Xnhruugsmitt»*l die Hyperglykämie; das Problem besteht also 
darin, zu finden, in welcher Nahrung und in welchen Proportionen 
«Hese Substanzen di«* beste Ausnützung ohne diese schädliche 
Nebenwirkung gewähren. Die Kartoffel erwies sich M. nicht nur 
als ein erlaubtes, sondern als ein sehr nützliciies Nahrungsmittel, 
welches mit Vortlieil an Stelle von Brod verabreicht werden kanu, 
um den Ernährungszustand im Gleichgewicht zu halten, d. h. an 
Gewiclitsimmgen sind 2'/.—3 Kartoffel auf 1 Brod zu geben. Dieser 
Ersatz wurd<* in fast allen Fällen (19 von 20), die beobachtet 
werden konnten, gut vertragen. Er war beinahe unmittelbar von 
einer raschen Verminderung dos Durstes, der Glykosurie und einer 
veränderten Ausscheidung der verschiedenen Harnsubstanzen, 
welche mit einem besseren Allgemeinbefinden Zusammenhängen, 
gefolgt. Diese günstigen Veränderungen wurden sowohl beim 
arthritiseben Diabetes leichter, mittlerer oder schwerer Art txy 
obachtet. wie bei d«*r schweren Form (pankreatischen). Die Rück¬ 
kehr zur Brodnahrung unterbrach die Besserung; manchmal waren 
dann die Glykosurie und die übrigen Störungen weniger ausgeprägt 
wie in d«*m Stadium vor der Kartoffeldiät. Die allgemeine NUtz- 
lichkeit d«*r Kartoffeln scheint mit ihrem Reichthum an Salzen, 
deren Nothwendigkeit für «lie Nahrung noch viel zu wenig ge¬ 
würdigt wird, zusammenzuhängen; der Salzgehalt der Kartoffeln 
ist zweimal. d«*rt*u Wassergehalt dreimal so gross wie jene des 
Brod«*s. Die Salze sind besonders Kalisalze, die grossentheils an 
orgauische Säuren gebunden sind. Die Ernährung mit Kartoffeln 
kann daher mit einer Alkalienkur verglichen werden, wobei das 
Alkali, welches bestimmt .ist, die zurückgehaltene glykoiytlsche 


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4. Februar 1902. MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


213 


Kraft wieder zum Vorschein zu bringen, das Kalium ist. Immer¬ 
hin darf die angegebene Diät nicht allgemein ohne Unterschied 
angewandt werden; besonders in Fällen von Nephritis und speziell 
«■tironiscber Nephritis (Albuminurie) mit geringen Anzeichen von 
Urämie muss man bedenken, dass das Kalium die Giftigkeit des 
Blutes vermehrt, was aus der ungenügenden Ilarndepuration re- 
sultlrt. 


Sitzung vom 24. D e z e m her 1901. 

Ueber die Tuberkulose der Menschen und Binder. 

Arloing kam bei seinen Untersuchungen zu Resultaten, 
welche nicht im Einklang mit den K o c h’schen Ix*hren (auf dem 
letzten Tuberkulosekongress zu London) stehen und sich den zahl¬ 
reichen bisher laut gewordenen Protesten gegen diese anschliessen. 
A. hat 5 Serien von Experimenten mit deui vom Menschen ent¬ 
nommenen und im Laboratorium rein gezüchteten Tuberkelbazillus 
ausgeführt. .‘1 dieser Serien sind nun vollendet und A. besitzt 
*23 jmsitive Fülle, in welchen Tuberkelbazillen von Menschen 
stammend, grosse Pflanzenfresser (Stier. Färse, Esel. Ziege u. s. w.) 
infizirt haben. Die beobachteten Symptome waren bei allen Thieren 
nicht die gleichen: in jeder Versuchsreihe waren e-in Theil der 
Thlere hochgradig erkrankt, ein anderer nur wenig afTizirt. Zur 
Erklärung dieser Verschiedenheiten zwischen seinen und Koch’s 
Tliierversuchen. die ja auch nicht alle negativ gewesen seien, 
kommt A. zu folgenden Schlusssätzen: 1. da die Virulenz des 
Tuberkelbazillus eine wechselnde und fähig ist. manchen Orga¬ 
nismen sich anzupassen, ist cs nicht überraschend, dass der Bazillus 
«ler menschlichen Tuberkulose bei manchen Thieren weniger Viru¬ 
lenz entfalten kann als der Bazillus der Rindertuberkulose. 2. man 
kann vom Menschen stammende Bazillen finden und in Reinkultur 
halten, welche geeignet sind. Rind, Schaf und Huml tuberkulös 
zu niacheu. 3. wenn es zuweilen vorkommt, dass diese Folge nicht 
eintritt. so beruht dies keineswegs auf einer absolut verschiedenen 
Art von Tul>erkulose. 4. es ist daher an der Einheit der mensch¬ 
lichen mal der Rinder-, «lurch den K o e h’schcn Bazillus verur¬ 
sachten. Tuberkulose festzuhalten, 5. Koch und Schütz waren 
«lurch ihr«* eigenen Experimente nicht berechtigt, so absolute 
Unterschiede, wie sie es thaten, festzustellen und eine streng«! 
Zweitheilung von Menschen- und Thiertuberkulose vorzunehmen. 
• Es ist daher nothwendig. die sanitätspolizeilichen Vorschriften 
lH*züglich des Fleisches und der Milch, welche verdäehtlg sind. 
Tuberkelhazillen zu enthalten, aufrecht zu erhalten. 

Lateran berichtet über die Assanirung von Korsika, 
wo die Malaria sehr verbreitet gewesen und deren Einschränkung 
<lur«:h den reichlichen G«*braueh von Chinin gelungen sei. L. rc- 
siimirt auch über die moderne Prophylux«* dieser Krankheit und 
die ln Italien, speziell mit der reichlichen Chiuinvertbeilung, er¬ 
zielen guten Resultate. Stern. 


Aus den englischen medizinischen Gesellschaften. 

Sonth-West London Medical Society. 

Sitzung vom 13. Novemb e r 1901. 

Röntgenstrahlen bei Karzinom. 

C. R. C. L y 8 t e r stellte folgenden Fall vor: Ein <*5 jähriger 
S«h«*erenschlelfer und K«*sselflicker wurde am ö. III. 1901 mit 
einem v) Zoll breiten und 1 Zoll langen. hart«*u. uleerirten lind 
typischen Epitludiom der Unterlippe in Behandlung gomnmueu. 
Nach »> Bestrahlungen von je 10 Minuten Dauer waren schon ge¬ 
sunde Grannlationen zu konstatiren. Mit verschiedenen, durch die 
«■utswliende Reaktion txxlingten Untersuchungen wurde die Be¬ 
handlung bis zum 10. April fortgesetzt. Seitdem hat sich Pat. 
«ler Beobachtung entzogen, doch ist zur Zeit bei der Vorstellung 
keine Andeutung eines Rezidivs zu konstatiren. 

J. Bryaut berichtet über eine 43jährige Patientin, welche 
<>r wegen rezhlivirenden Brustkarzinoms ebenfalls mit günstigem 
Erfolg mltt<*ls Röntgeustrahlen behandelt hat. nachdem seine 
operativen Mnussnahmen si«*h als unwirksam erwl«*sen liatt«*n. 
Allerdings ist von einer ..Heilung“ noch ni«*ht zu reden, aber die 
Krankheit ist offenbar in der Rückbildung begriffen und nament¬ 
lich war die nach 14 tägiger Behandlung eing«*tr«*tene Schmerz¬ 
losigkeit ein«* willkommene Erscheinung. Auch wurde die Anfangs 
mit dem Tumor fest verwachsene Haut wieder darüber frei be¬ 
weglich. Bei einem weiteren Fall, welchen B. zur Zelt noch in Be¬ 
handlung hat. sind ebenfalls unzweifelhafte Fortschritte zu er¬ 
kennen. M«'»glicherweise wäre auch beim Sarkom ein Erfolg mit 
deins«‘lben Mittel zu erzielen. Philipp!- Bad Salzschlirf. 


Auswärtige Briefe. 

Pariser Briefe. 

Da» bevorstehende Sanitätsgesetz. — Statistisches über 
ärztliches Einkommen in Frankreich. — Die tleberzahl der 
Aerzte. 

Bis jetzt besass Frankreich k«rine eigentliche um! einheit¬ 
liche «anitätspolizeiliehe Gesetzgebung. Die gegen ansteckend«* 
Krankheiten gerichteten Maassregeln blieben meistens fakultativ 
und wurden nur in Zeiten grosser Epidemien mehr oder weniger 
streng und konsequent durchgeführt. Diese für die Gesundheit 


der Gesammtbevölkerung so schädliche Anarchie wird nun bald 
ein En<le nehmen. Es vergehen noch einige Wochen, höchstens 
ein paar Monate, bis Frankreich ein neues Sanitätsgesetz in 
ondgiltiger Form und Weise erhält. 

Die Geschichte dieses neuen Gesetzes ist schon ziemlich 
alt, da der erste Entwurf davon schon im Oktober 1891 der 
Doputirtenkammer vorgelegt worden ist. Nach mehreren in 
solcher Angelegenheit üblichen Reisen zwischen Deputirten- 
kaimner und Senat (während eines ganzen Dezenniums!) haben 
endlich die Abgeordneten Anfangs Dezember vorigen Jahres den 
Entwurf bis auf einen einzigen Paragraphen angenommen. Es 
muss jetzt noch der Senat seine Einwilligung zur Streichung 
des betr«*ffenden Punktes geben, was er gewiss auch thun wird. 

Das neue Gesetz ertheilt den Gemeinden eine ziemlich 
grosse Autonomie in sanitätspolizeilichen Sachen. Sie sind be¬ 
fugt, den lokalen Verhältnissen gemäss, die Anordnungen aus¬ 
zuarbeiten, welche für die Hygiene der Bevölkerung nöthig er¬ 
scheinen. Die Desinfektion intizirter Krankenwohnungen, das 
Rcinhalten von Häusern, das Trinkwasser, die Abfälle müssen 
dabei besonders streng im Auge gehalten werden. In dringlichen 
Fällen und bei Epidemien erhalten aber die Präfekten und die 
höheren Behörden di«* Vollmacht. Wenn es sieh ereignet, dass 
in einer Kommune die gesammte Sterblichkeit während 3 auf¬ 
einanderfolgenden Jahren unter der mittleren jährlichen Mortali¬ 
tät Frankreichs zu stehen kommt, so wird vom Präfekten eine 
I"nl«‘rsuehung darüber angestellt und, je nach den Ergebnissen 
»lorseiben, werden sodann die nöthigen Maassregeln ergriffen. In 
ihrer sanitätspolizeilichen Thätigkeit stehen die Gemeinden 
unter der Kontrole der Conseils d’hygiene der Departements, 
welche ihrerseits dem Comite consultatif d’hygiene publique 
de France unterworfen sind. Die durch die Ausübung des 
Sanitätsgesetzes verursachten Kosten werden zwischen den 
Kommunen, den Departements und dem Staat vertheilt. Natür¬ 
lich wird sie in letzter Instanz der Steuerpflichtige, zahlen 
müssen. 

Das neue Sauitätsgesetz enthält auch einige allgemein giltige 
Vorschriften, von denen die wichtigste die obligatorische 
Impfung betrifft. Bis jetzt, war die Schutzpockenimpfung in 
Frankreich fakultativ. Von nun an sollen alle Kinder im ersten 
Lebensjahre geimpft werden. Auch wird eine zweimalige Re- 
vaecination — im 11. und im 21. Lebensjahre — erfordert. 
Andere Bestimmungen beziehen sich auf die Anzeige der an¬ 
steckenden Krankheiten, auf Desinfektion, auf den Schutz der 
Quellen und der Trinkwässer überhaupt und auf die gesund¬ 
heitsschädlichen Wohnungen. 

Dem freipraktizirenden Arzt legt das neue Sanitätsgesetz 
nur eine Pflicht, auf, nämlich die der amtlichen Anzeige aller 
vorkommenden Fälle ansteckender Krankheit. Diese Anzeige 
wurde schon vor einigen Jahren obligatorisch gemacht, blieb aber 
bis jetzt eine mehr den Arzt in seinen Beziehungen zu Patienten 
und deren Angehörigen störende als nutzbringende Maassnahme, 
da sie nicht eine regelrecht ausgeführte Desinfektion der an- 
gesteekten Lokale in Aussicht stellte. Das neue Gesetz ver¬ 
langt eine, solche amtlich ausgeführte Desinfektion und prägt so¬ 
mit der Anzeigepflicht ihren wahren sozial-hygienischen Charak¬ 
ter auf. lieber die Absonderung der ansteckenden Krankheits¬ 
fälle wird aber kein Wort gesagt. I)i«*s Schweigen kann man 
nur loben, wenn man bed«*nkt, wie störend und illusorisch, wenig¬ 
stens für manche Krankheiten, die Isolirung in privaten Häusern 
(nicht in Spitälern) sich oft gestaltet. Jedenfalls wäre es recht 
schwierig, wenn nicht gerade unmöglich, allgemeine Be¬ 
stimmungen in dieser Hinsicht anzuordnen und durchzuführen. 

Wie man sieht, waren die Verfasser des neuen Sanitäts- 
gesotzes bestrebt, den in Frankreich leider so belichten ultra- 
zontralistischen Tendenzen zu entgehen. Die Initiative und 
Autonomie, welche sie den Munizipalitäten gewährten, ist das 
beste Zeugniss dafür. Das ist vielleicht auch ein Mittel, die Aus¬ 
übung und die Befolgung des Gesetzes zu sichern. Ueber dies«* 
Garantien besorgt, haben die Senatoren die. Sache von einem 
anderen Standpunkte aus aufgefasst und machten zum ursprüng¬ 
lichen Gesetzentwurf ein Ad«lcnduni, welches die Anstellung von 
ärztlichen Sanitätsinspektoren (medecius inspeeteurs d’hygiene) 
bestimmte. Das war eben der von der Deputirtenkummer in 
ihrer Freiheitsbestrebung zuriickgewies«*ne Paragraph. Hatten 
die Abg«-ord uet.cn recht? Wir glauben kaum. Denn es ist d«*r 
subalterne, rohe und unwissende, nicht der höhere, wissensehaft- 



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214 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 




No. 5. 


lieh und, im speziellen Fall, medizinisch gebildete Beamte, dessen 
Eingreifen in sanitätspolizeilichen Angelegenheiten für den Ein¬ 
zelnen unangenehm und drückend empfunden werden kann. 

In unserem letzten Brief (No. 48 dieser Wochenschrift 
vorigen Jahres) hatten wir schon — über die Umwandlungen in 
der Association generale de medecins de France berichtend — 
die Frage von der ökonomischen Krise des ärztlichen Standes 
berührt. Heute wollen wir einige diese Lage illustrirendc 
Zahlen anführen. 

Was verdient eigentlich der französische Arzt? Manchmal 
sehr viel, meistens aber sehr wenig. Nach der von Herrn 
Dr. Chaillysset zusammengestellten Statistik, zählt man 
zur Zeit in Paris 2600 Aerzte. Davon verdienen 40 — 200 000 
bis 300 000 Franken, 50 — 100 000, 50 — 50 000 bis 100 000, 
200 30 00t) bis 50 000, 200 — 20 000 bis 30 000. Das mittlere 

Einkommen der üebrigen 1060 beläuft sich auf 3625 Franken. 
Und der mittlere Ertrag pro Jahr eines der 16 000 in Frankreich 
praktizirenden Aerzte kann nur auf 2759 Franken berechnet 
werden. 

Diese letzten Zahlen sind wahrhaft abschreckend, wenn man 
bedenkt, dass sie nur die baren Einnahmen, nicht aber den reinen 
Gewinn anzeigen und dabei die Kosten der Ausbildung und des 
Lebens eines Arztes, der oft Familienvater ist, in Erwägung zieht. 

Von den Ursachen solch trauriger Verhältnisse wird in erster 
Linie die Ueberzahl an Aerzten hervorgehoben. Möge man die 
Rolle dieses Faktoren manchmal auch übertreiben, das Vor¬ 
handensein .einer wirklichen Plethora des ärztlichen Personals 
darf doch nicht in Abrede gestellt werden. Man kann sich davon 
am besten durch die Vermehrung der jährlich vertheilten Doktor- 
diplomc überzeugen. So wurden in Frankreich anno 1890 nur 
600 dieser Diplome vertheilt. Im Jahre 1897 ist ihre Zahl schon 
1099 und sie erreicht 1250 im Jahre 1899. Dies rasche An¬ 
wachsen der Aerzte erscheint im Vergleich mit dem bekanntlich 
so langsamen Steigen der gesammten Bevölkerung Frankreichs 
um so bedenklicher. 

Welches sind die Gründe, die immer grösser werdende 
Studentenschaaren in die medizinischen Fakultäten treiben ? Der 
schlimmste von ihnen ist jedenfalls das Gesetz, welches den 
Militärdienst für Mediziner auf ein Jahr reduzirt und ihnen 
noch ermöglicht, unter besonders günstigen Verhältnissen, als 
Gehilfe in Militärspitälem und Lazarethen fungirend, denselben 
zu absolviren. So lange diese Anordnung bestehen bleibt — und 
gegen sie erheben sich schon gewichtige Stimmen — wird auch 
eine der Hauptursachen der Ueberfüllung der medizinischen 
Profession ihre Wirkung weiter entfalten. Dieser Umstand ist 
um so mehr zu bedauern, als er den medizinischen Schulen ein 
Kontingent junger Leute zuführt, die keine wirkliche Neigung 
und oft auch keine Befähigung zum ärztlichen Beruf besitzen. 

Dr. W. v. Holstein. 


Verschiedenes. 

Aus den Parlamenten. 

Bayerischer Landtag. 

Eine der wichtigsten sozialen Fragen bildet zweifellos die Be¬ 
schaffung von gesunden, billigen und. soweit besondere Dienst¬ 
verhältnisse ln Betracht kommen, auch zweckentsprechend ge¬ 
legenen Wohnungen. Durch eine glückliche Lösung der zunächst 
hygienischen Bestrebungen auf dem Gebiete des Wohnungswesens 
werden neben der Gesundheit auch die Enthaltsamkeit, namentlich 
von Alkohol, die Sittlichkeit, die Sparsamkeit und die Fürsorge für 
die Familie gefördert. 

An die Lösung der Wohnungsfrage kann die Staatsregierung 
auf zwei Wegen herantrercrrrdtTTniaI. durch Erlass von Vorschriften 
über Wohnungsaufsicht, über die Beschaffenheit von Wohnungen 
und über die Abstellung von Missständen, dann aber auch da¬ 
durch. dass sie grosse Geldmittel zur Verfügung stellt. 

Die bayerische Staatsregierung hat in anerkennenswerther 
Weise beide Wege beschritten. Sie hat zunächst auf Grund einer 
Ergänzung zum Polizeistrafgesetzbuche eine Reihe von Vor¬ 
schriften erlassen, die den bot heiligten Behörden und Gemeind •- 
Verwaltungen die Berechtigung verleihen, eine Wohnungsaufsiciit 
durchzuführen, durch zweckentsprechende Belehrung auf die Be¬ 
seitigung von Mlsssfänden hinzuwirken, und. soweit erforderlich, 
auch zwangsweise vorzugehen. In der Kammer der Abgeordneten 
hat der kgl. Staatsminister weiterhin den festen Willen der Staats- 
regierung bekundet, in Bezug auf die Verbesserung der Wohnungs¬ 
verhältnisse der minderbemittelten Klassen Alles zu thun. was iti 
ihren Kräften steht. 

Noch in der vorigen Session hatten die Abgeordneten F r a n k. 
I)r. Jaeger und Genossen folgende Anträge gestellt: 


„Die k. Staatsregierung sei zu ersuchen, sie möge für 
grössere Städte und Fabrikorte im Interesse des Mittel- und 
Arbeiterstandes 

I. erweiterte wohuungspolizelliche Vorschriften erlassen zur 
Wahrung der Gesundheit und Sittlichkeit, insbesondere auch zur 
Regelung des Schlafgängerwesens; 

II. eine Revision der baupolizeilichen Vorschriften eiutrcU-n 
lassen; 

III. Wohnuugsinspektoren aufstellen; 

IV. Genossenschaften, welche den Bau von Wohnungen für 
die minder bemittelten Stände bezwecken, fördern, und zu diesem 
Zwecke auch Mittel vom Landtage verlangen; 

V. den Entwurf eines Gesetzes vorlegen, durch welchen di-' 
Zwangsenteignung von Grundstücken auch für jene Unter¬ 
nehmungen zugelassen wird, welche den Bau von Wohnungen 
für die minderbemittelten Stände zum Ziele haben. 

Bel der Besprechung dieser Anträge in der Abgeordnetem 
kainuier wurden die Vorschriften der inzwischen erschienenen Ver 
ordnuug über die Wohnungsaufsicht als zu milde, dehnbar und 
unbestimmt bezeichnet, und beanstandet, dass dem Belieben der 
einzelnen Gemeinden ein zu grosser Spielraum gewährt sei. Nach 
der Ausehauuug der kgl. Staatsregierung konnten allerdings nur 
die allgemeinen Grundsätze für die Wohnungsaufsicht in der Ver¬ 
ordnung statuirt werden, um nicht durch zu einschneidende Aende- 
rungen, grosse Klagen hervorzurufen. Es sei unmöglich, mit einem 
Schlage unhaltbare Verhältnisse, die sich seit langer Zelt heraus¬ 
gebildet haben, zu beseitigen, dagegen lasse sich mit Ruhe und Ge¬ 
duld viel erringen. 

Der Referent, Dr. Hammerschmidt, gab eine Uebersicht 
über die bisherige Stellungnahme der Reichsregierung zu dieser 
Frage, und über die einschlägigen Verhältnisse in deutschen und 
ausserdeutsclieu Staaten. Nach einer ziemlich lebhaften Debatte, 
hei der allerdings auch ganz unausführbare Forderungen gestellt 
wurden, beschloss die Abgeordnetenkammer, die Ziffern I. II und 
III der obigen Anträge durch die Ergänzung und Abänderung d<* 
Polizeistrafgesetzbuches für erledigt zu erklären und nahm die 
beiden anderen Ziffern in folgender Fassung an: 

I. Die k. Staatsregierung sei zu ersuchen, sie möge für 
grössere Städte und Fabrikorte im Interesse des Mittel- und 
Arbeiterstandes Genossenschaften, welche den Bau von 
Wohnungen für die minderl>einitteltcn Stände bezwecken, in 
jeder Hinsicht fördern. 

II. Es sei an die k. Staatsregierung die Bitte zu stellen, die¬ 
selbe möge bei der in Aussicht gestellten Revision des Gesetzes 
über Zwangsabtretung auch den schwierigen Verhältnissen auf 
dem Gebiete der Wohnungsfrage durch entsprechende Bestiui 
nningen thunliehste Abhilfe angedeiheu zu lassen. 

Was den zweiten Weg der staatlichen Fürsorge für das 
Wohnungswesen anlangt, so war bereits durch Gesetz vom 
öl. Mai 1900 der k. Staatsregierung ein Beitrag von 6 000 000 M. 
zur Verfügung gestellt worden, um damit eine Verbesserung der 
Wohnungsverhältnisse der Beamten, Bediensteten und Arbeiter der 
Staatseisenbahnverwaltung durch Herstellung von Wohngebäuden 
und Gewährung von Bamlarlehen herbeizuführen. Von diesen 
Mitteln wurden 2 000 000 M. zum Bau von 224 bahneigenen 
Wohnungen, behufs Unterbringung von (meist mittleren) Beamten. 
Bediensteten und Arl>eitern. und 4 000 000 M. zu Darlehen an Bau¬ 
genossenschaften des Eisenbahnpersonals ln Augsburg. Kempten. 
München. Neu-Ulm und Rosenhelm verwendet. Mit Hilfe dieser 
Staatsdarlehen wurden 899 genossenschaftliche Wohnungen be¬ 
schafft, somit im Ganzen durch dieses Gesetz die Errichtung von 
1123 Wohnungen ermöglicht. 

Dem Wohnungsbedürfnisse des Eisenbahnpersonals ist damit 
keineswegs vollständig abgeholfen, zumal das Personal seit dem 
Jahre 1899 sich um ca. 6000 vermehrt hat Es wurden dessbalb 
weiter 4 1 /., Millionen zu dem gleichen Zwecke von der Staats¬ 
regierung postul irt, von welchen 2y 2 Millionen zur Herstellung von 
ca. 300 Wohnungen an «30 Stationsorton und der Rest zur Ge¬ 
währung an Baugenossenschaften Verwendung finden soll. Die 
Gewährung der Darlehen ist an die Erfüllung detaillirter Be¬ 
dingungen geknüpft, welche hauptsächlich die Lel>eusfähigkelt und 
Rontirliehkeit der Baugenossenschaften, die Begrenzung ihres 
Zweckes, die finanzielle Betheiligung des Staates und den Schutz 
vor spekulativen Weiterverkäufen betreffen. 

Das Postulat der Regierung wurde von den Kammern der Ab¬ 
geordneten und der Reiclisräthe genehmigt. Es wurde auch die 
volle Befriedigung über die Genosseusehaftswohnungen in der 
Nähe von München ausgesprochen, und andererseits bemängelt- 
dass einzelne Gemeindeverwaltungen nicht genügendes sozial¬ 
politisches Verständnis« der Wohnungsfrage entgegenbringen, und 
zu weit gehende Beschränkungen aufstellen. Der in der Debatte 
gestellten Anregung, auch Logirhäuser für unverheiratheio 
ArlHüter zu errichten, kann man wohl sympathisch gegeniiber- 
stehen. nicht jtnloch einer zu weit gehenden Ausdehnung des Ex- 
propriatioiiHreelitos. Wenn verlangt worden ist. dass ein Gruud 
stück im Wege der Expropriation an Gemeinden und an den Staat 
für Wohnnngszweeke unter dem ortsüblichen Preise abzutreten sei- 
so konnte, wie der k. Staatsminister sich ausdriiekte. ein solcher 
Vorschlag nur von einer Partei ausgehen, welche sich über Privat- 
reehte vollständig hinwegsetzt. 

Ausser den vorerwähnten hohen Beträgen sind noch, wie schon 
früher berichtet. 300 ono m. für Förderung der Wohnungspflege im 
Allgemeinen in den Etat eingesetzt 


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4. Februar 1902. 


MITENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


215 


Die Fürsorge des bayerischen Staates hinsichtlich der 
Wohnungsfrage bedeutet daher mehr als einen Tropfen auf einen 
heissen Stein, wie ein Abgeordneter sich ausdrückte; Bayern steht 
keinesfalls hinter anderen Lilndem zurück, was diese hoch- 
bedeutende sozialpolitische Frage anlangt. l)r. Becker. 

-> jC 

Gerichtliche Entscheidungen. 

V 11 a f e r. — Oxydonor V 1 c t o r y. 

Der bekannte „Spezialist“ für Belnleideu Dr. med. Strahl 
in Berlin hatte die Redakteure des „Berliner Tageblatt“ wegen Be¬ 
leidigung verklagt, weil diese in einem aus der „Medizinischen 
Wochenschau" übernommenen „Verschleierte Kurpfuscherei" be¬ 
titelten Artikel sich gegen die Präparate der Gesellschaft „Vitafer" 
und den au diesem Unternehmen betheiligten Dr. Strahl ge¬ 
wendet und ausgeführt hatten, dass das angeblich in den Vitafer- 
Priiparaten enthaltene heilkräftige Magnesiumsuperoxyd in den¬ 
selben thatsächlich gar nicht oder nur in ganz geringem Maassc 
enthalten sei. Die Klage kam am 11. Januar in Hamburg zur Ver¬ 
handlung, wo Dr. Strahl eine Filiale zur Behandlung von Bein¬ 
leiden unterhält. Das Gutachten der Hamburger Medizinalbehörde 
über das Unternehmen des Dr. Strahl lautete sehr ungünstig: 
trotz der marktschreierischen Reklame und der ausserordentlich 
hohen Preise seien die I^eistungen fragwürdig. Das Gericht sprach 
die Angeklagten unter Ueberbürdung der Kosten auf den Kläger 
frei, da der Wahrheitsbeweis für die in dem Artikel behaupteten 
Dinge in der Hauptsache erbracht sei; es sei Mensehenpflicht, vor 
gemeinschädlichen Unternehmungen zu warnen. 

Zwei unverschleierte Kurpfuscher, der frühere Bierbrauer 
Meier Rukin aus Russland und der frühere Baumeister Theodor 
Albrecht aus Ostpreussen hatten sich vor dem Landgericht zu 
Leipzig am 22. Januar wegen unlauteren Wettbewerbs zu verant¬ 
worten. Dieselben hatten mit ungeheurer Reklame, namentlich 
in den „Münchener Neuesten Nachrichten“ und dem „Berliner 
Tageblatt“, von Leipzig aus einen Apparat „Oxydonor Victory“ 
vertrieben, welcher „dem Körper das nöthige Lebenselement, den 
Sauerstoff der Natur, in reichlichem Maasse verschafft, wodurch 
üble Substanzen schmerzlos entfernt werden“. Da der Apparat, 
welcher ln 3 Grössen, zu 63, 168 u. 210 M. dem gläubigen Publikum 
verkauft oder auch für 5 M. pro Woche verliehen wurde, absolut 
werthlos ist, erstattete im August 1900 der ärztliche Bezirksverein 
Leipzig-Stadt gegen R. und A. Anzeige wegen Betrugs und un¬ 
lauteren Wettbewerbs. Aus juristischen Gründen wurde das Ver¬ 
fahren eingestellt, obwohl in der Untersuchung objektiv der That- 
bestand des Betrugs und des unlauteren Wettbewerbs festgestellt 
wurde. Da daraufhin R. und A. natürlich weiter inserirten, er¬ 
neuerte der Bezirksverein die Strafanzeige wegen Vergehens gegen 
§ 4 des Reichsgesetzes vom 25. Mai 1896 über den unlauteren Wett¬ 
bewerb. In der Hauptverhandlung erklärten die Angeklagten, sich 
von der Güte und Leistungsfähigkeit der Apparate, die sie aus 
Amerika von einem Dr. Herkules Sauches bezogen, überzeugt 
zu haben. Sie produzirten eine Reihe von Anerkennungsschreiben, 
sowie „Gutachten“ eines Dr. Just ln Graz und mehrerer ameri¬ 
kanischer Aerzte. Der „Oxydonor Victory“ reinige das Blut, in¬ 
dem er die schlechten Säfte schmerzlos verbrenne und helfe in 
Folge dessen bei allen akuten und chronischen Krankheiten. 

Dem gegenüber erklärten die Sachverständigen, Geheimrath 
Professor Dr. O s t w a 1 d, Geheimrath Prof. Dr. Curschmann 
und Gerichtsarzt Dr. Thümmler übereinstimmend, dass der 
Apparat gänzlich ungeeignet sei, irgend welche physikalisch-che¬ 
mischen oder physiologischen Wirkungen im menschlichen Körper 
hervorzurufen. Man könne damit weder Sauerstoff erzeugen, nocli 
denselben ln den Körper überführen, er sei lediglich Attrape. Die 
angeblich beobachteten Heilwirkungen seien auf Suggestion zu¬ 
rückzuführen. 

Der Gerichtshof verurtheilte die Angeklagten zu Je 509 M. 
Geldstrafe und verfügte die Vernichtung der Selten 3—8 der 
Roklameschrift und der zu deren Herstellung verwendeten 
Platten und Formen. Aus der Urtheilsbegründung Ist hervorzu¬ 
heben, dass die Angeklagten, wenn sie vielleicht früher auch int 
guten Glauben handelten, doch nach der ersten Untersuchung 
wussten, dass der Apparat die Eigenschaften, die sie ihm beUegten. 
Sauerstoff zu erzeugen und Krankheiten zu hellen, nicht besass. 
Das Motiv ihres Handelns war Gewinnsucht; und darin, dass sie 
bei Kranken trügerische Hoffnungen erweckten und Manchen ab¬ 
hielten, sieh rechtzeitig an den Arzt zu wenden, liegt eine gewisse 
Genieingefährlichkeit. Hierdurch und durch die bedeutende räum¬ 
liche und zeitliche Ausdehnung des unlautem Wettbewerbs recht¬ 
fertigt sich die Höhe der Strafen. R. S. 

Kalender für das Jahr 1902. 

Nachträglich sind uns noch zugegangeu: Blockkalender der 
Firma Chemische Fabrik Helfenberg A.-G., sowie Blockkalender 
der Firma Heinrich M a 11 o n 1, Giesshübl. 

Galerie hervorragender Aerzte und Naturforscher. 
Der heutigen Nummer liegt das 124. Blatt der Galerie bei: Carl 
v. Liebermelster. Nekrolog siehe Seite 194. 

Therapeutische Notizen. 

Bergsteigekuren für Nervenkranke werden von 
Keller- Uebllngen warm empfohlen (Therap. Mouatshefte X, 

' 1901). 

\ Das Bergsteigen ist wie keine andere Thätlgkelt geeignet, die 
Aufmerksamkeit der Kranken völlig in Anspruch zu nehmen. 


Der Weg muss so gewählt werden, dass er den Wanderer fort¬ 
während beschäftigt: Trümmerhaufen, Abhänge, Schluchten, Fels¬ 
blöcke. 

Die harmlose Tour muss dem Nervenkranken als etwas Gefähr¬ 
liches hingestellt werden. An schönen Aussichtspunkten darf kein 
Mangel sein. 

Das Ergebniss der Touren muss für die geistige Ausbildung 
in den verschiedensten Wissenschaften verwerthet werden: Botanik, 
Zoologie, Mineralogie, Meteorologie, Geologie, Geschichte, Sprach¬ 
forschung. In den betreffenden Gebirgs-Nervenanstalten müssen 
Sammlungen angelegt werden. 

Die günstige Wirkung der Bergsteigearbeit ist besonders darin 
zu suchen, dass sie Lustgefühl weckt und so das Ermüdungsgefühl 
zurückhält. 

Verf. schlägt vor, die von ihm niedergelegten Grundsätze in 
einein kleinen Gasthof im Hochgebirge mit 20—30 Personen zur 
Durchführung zu bringen. Kr. 

Als Mittel gegen leichtere Frostreaktionen, Peruiones, hat sich 
Lassar seit langer Zeit folgende Frostsalbe bewährt: 

Rp.: Ungt. Plumb. 

Vaselin, flav. ää 40,0 

Ol. Olivar. 20,0 

M. c. acid phenylic. 2,0 

Adde ol. Lavandul. gtt. XXX. 

F. ungt S. Frostsalbe. 

Dieselbe wird auf dicke Lappen gestrichen über Nacht als Hand¬ 
oder Fussverband aufgelegt. (Ther. d. Gegenw. 1902, 1.) R. S. 


Tagesgeschichüiche Notizen. 

München, 4. Februar 1902. 

— Herr Prof. Emst v. Bergmann ist am Geburtstage des 
Kaisers zum Wirklichen Geheimen Rath mit dem Prädikat Ex¬ 
zellenz ernannt worden. Es ist dies eine, zumal für Mediziner, so 
seltene Auszeichnung, dass mit Recht der ganze ärztliche Stand 
sie als eine Ehrung empfindet und an derselben freudigen Antheil 
nimmt. Vor v. Bergmann sind der gleichen Auszeichnung 
nur B. v. Langenbeck und Fr. v. Esmarch theilhaftig ge¬ 
worden. 

— Aelinlich wie vor Kurzem in Oberbayem, haben jetzt auch 
in Oberfranken Verhandlungen, die der Vorsitzende der Aerzte- 
kainmer, Dr. Jungengel, mit der In validitätsVer¬ 
sicherungsanstalt wegen der Honorlrung der 
ärztlichen Atteste pflog, zu einem erfreulichen Ergebniss 
geführt. Es wurde vereinbart: 1. Die Versicherungsanstalt liono- 
rirt alle zur Erwerbung von Invaliditüts- oder Altersrenten 
nöthigen Zeugnisse mit 3 Mark und vergütet die Porti. Ergän¬ 
zungen der Zeugnisse erfolgen kostenlos. 2. Die Zeugnisse sind 
von dem Arzt schriftlich durch die Ortspolizei behörde zu 
reqnirlren. Das Zeugniss wird sodann vom Arzt an die 
Distrikts polizel behörde abgeschickt. Letzterer Punkt ist 
sehr wesentlich; denn die oft recht peinlichen Indiskretionen der 
Bauerubürgermeister oder Gemeindeschreiber sind dadurch un¬ 
möglich gemacht. 

— Vom 15.—18. April wird zu Wiesbaden unter dem Vor¬ 
sitze des Herrn Geh. Med.-Rath Professor Dr. N a u u y n - Strass¬ 
burg der 20. Kongress für innere Medizin tagen. Ais 
Referate stehen auf der Tagesordnung: Diagnose und Therapie des 
Magengeschwüres (Referenten die Herren Ewald- Berlin und 
F 1 e 1 n e r - Heidelberg) und: Die Lichttherapie (Referent Herr 
B i e - Kopenhagen). 

— Vom 20. bis inklusive 23. März 1. J. veranstaltet der Zentral- 
verbaud der Balneologen Oesterreichs in den Räumen der k. k. 
Gesellschaft der Aerzte in Wien seine III. wissenschaftliche Haupt¬ 
versammlung. Referate: 1. Ueber Diabetes. Referent: Doz. Dr. 
Rud. K o 1 i s c h; Korreferent: Doz. Dr. Strasse r. 2. Der chro¬ 
nische Gelenkrheumatismus. Referent: Dr. L. W 1 c k; Korreferent: 
Dr. A. B u m. Referat 3. Ueber die bisherigen Resultate der 
durch den Ministerialerlass vom 28. März 1900 veranlassten allge¬ 
meinen ärztlichen Versammlungen. Referenten: Doz. Dr. Karl 
U 11 m a n n und Dr. Ludwig W i c k. 

— In Ergänzung unseres Berichtes über das Leichenbegäng- 
niss v. Z i e m s s e n’s in der vorigen Nummer tragen wir nach, 
dass demselben als Vertreter auswärtiger Fakultäten die Herren 
Gelieimräthe Prof. B ä u m 1 e r - Freiburg i/B., Curschmann- 
Leipzlg, v. Leube- WUrzburg, ferner der Dekan der medizini¬ 
schen Fakultät in Erlangen, Prof. Rosenthal und Hofratli 
Dr. Stlntzing, Prorektor der Universität Jena, beiwohnten. 
Als Vertreter des ärztlichen Bezirksvereins Augsburg war Hofrath 
Dr. Lindemann anwesend. 

— Pest. Bei der In Smyrna letzthin unter verdächtigen Er¬ 
scheinungen erkrankten Person hat die bakteriologische Unter¬ 
suchung das Vorhandensein von Pestbazillen ergeben. — Kapland. 
In der Woche vom 15. bis 21. Dezember v. J. wurden 2 Pestfälle, 
und zwar bei Eingeborenen, festgestellt. — Brasilien. In Rio de 
Janeiro sind vom 25. November bis 25. Dezember v. J. 40 Er¬ 
krankungen und 20 Todesfälle an der Pest festgestellt worden. 
Der Seuchenausbruch in Campos hatte gegen den Jahresschluss au 
Heftigkeit abgenommen; die aus einigen anderen Orten des Staates 
Rio de Janeiro gemeldeten Pestfälle sind vereinzelt geblieben. Zu 
Folge einer Drahtmeldung vom 19. Januar ist die Pest in Porte* 
Alegre aufgetreten. — Neu-SUd-Wales. In Sydney ist am 10. De- 


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216 MIT EN CHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 5. 


zember v. J. ein neuer Pestfall mit tödtliehein Ausgange fest¬ 
gestellt worden. 

— In der 3. Jalireswoehe, vom 12. bis 18. Januar 1902, hatten 
von deutschen Städten über 40 000 Einwohner die grösste Sterb¬ 
lichkeit Bochum mit 31,5, die geringste Linden mit 7,5 Todesfällen 
pro Jahr und 1000 Einwohner. Mehr als ein Zehntel aller Ge¬ 
storbenen starb an Masern in Bochum. Mainz, Solingen. Worms, 
an Diphtherie und Krup in Bamberg, Bromberg, Elberfeld, Heidel¬ 
berg, Liegnitz. 

— Um die Richtigkeit der Behauptung, die Mixturen des 
I)r. Hofbrückl würden von dessen früherer Buchhalterin in 
einer hiesigen Apotheke angefertigt, zu prüfen, hat die k. Polizei¬ 
direktion auf Antrag des oberbayerischen Apothekergremiums Er¬ 
hebungen gepflogen mit dem Ergebnis«, dass die Richtigkeit jener 
Behauptung nicht nachgewiesen werden konnte, dass dagegen auf 
Grund der eigenen Angaben des Apothekers Vogel, des Pachters 
der Schützenapotheke, festgestellt wurde, dass die lief reffende l'rau 
in dieser Apotheke die von Dr. Hofbrückl ordinirten und da¬ 
selbst angefertigteu Rezepte verpackte und von dort aus an die 
Besteller versandte. — Der Mann der Buchhalterin, von dem jene 
Angabe stammte, hat sich somit unrichtig ausgedrückt. Uebrigens 
hat die Schützenapotheke seit 20. Dezember v. J. die weitere An¬ 
fertigung der Mixturen eingestellt. 

(Hochschulnacbrichten.) 

Berlin. Prof. Albert Frnenkel feierte am 31. v. Mts. 
sein 25 jähriges Dozentenjubiläum. Fr., der im 54. Lebensjahr 
steht, ist seit 1889 dirigirender Arzt der inneren Abtheilung des 
städtischen Krankenhauses am Urban in Berlin. Seine be¬ 
kannteste Arbeit ist die Entdeckung des meist nach ihm be¬ 
nannten Diplococcus pneumoniae. Fr. gehört sowohl nach seiner 
wissenschaftlichen Stellung, wie nach seinem Ruf als kousultiren- 
der Arzt zu den angesehensten Vertretern der inneren Medizin 
in Berlin. 

Breslau. Die Universität feierte den Geburtstag dos 
Kaisers in üblicher Weise durch einen Festactus in der Aula 
Iyeopoldiua. Die bei dieser Gelegenheit übliche Verkündigung des 
Ausfalls der Preisbewerbungen ergab, dass die Preisaufgabe der 
medizinischen Fakultät „lieber die Saugkraft des Herzens" keinen 
Bearbeiter gefunden. Die neue Preisaufgabe lautet: „Was haben 
die Untersuchungen über das Verhalten des Gefrierpunktes (Krv- 
oskopie) von Blut und Urin für die Diagnose und Prognose von 
Krankheiten geleistet?“ Die unter Leitung des Prof. Stern 
stehende medizinische Uuiversitätspolikliuik im Gebäude der ehe¬ 
maligen Augenklinik wurde am 1. ds. eröffnet. 

Freiburg i/B. Der Privatdozent Dr. Hugo S e 11 li e i m in 
der medizinischen Fakultät der hiesigen Universität ist zum ausser¬ 
ordentlichen Professor befördert worden. 

München. Am 11. Januar habilitirte sich für das Fach der 
Ohrenheilkunde Dr. Friedrich W a n n e r mit einer Probevorlesung 
über die moderne Entwicklung der Otlatrie; die Habilitationsschrift 
führt den Titel: Ueber die Erscheinungen von Nystagmus bei 
Normalhörenden, Labyriuthlosen und Taubstummen. Ein Beitrag 
zur Lehre von der das Gleichgewicht regulirendon Funktion der 
Bogengänge. 

Amsterdam. Zum Nachfolger des nach Leiden berufenen 
Prof. Körte weg wurde der Privatdozent der Chirurgie in 
Bern, Dr. Otto L a n z. ernannt. 

Brüssel An Stelle des nach 2 Monaten Thätigkeit ver¬ 
storbenen Direktors der medizinischen Klinik im Hospital Saint 
Jean, Dr. Deströe, ist ernannt worden: Dr. P. Van der Velde. 

Florenz. Dr. G. Pieraeelno habilitirte sicli lur medi¬ 
zinische Pathologie. 

Genua. Habilitirt: Dr. C. Ganflni für Anatomie. 

Krakau. Habilitirt: Dr. Wroblewski für biologische 
Chemie. 

London. Das Royal Institute of Public Health hat zum 
Harl>en-Leeturer für das Jahr 1902 Herrn Professor Max Gruber 
in Wien gewählt. Derselbe hat die Harl>en-Vorträge am 13., 14. und 
15. Januar über das Thema „Bakteriolyse und Hämolyse“ gehalten. 

Moskau. Als Nachfolger von Professor L e w schi n. 
welcher seine Lehrthätigkeit aufgegeben hat, ist Professor D Ja¬ 
ko n o w, welcher bisher den Lehrstuhl für operative Chirurgie 
inne hatte, zum Direktor der chirurgischen Hospital-Klinik in 
Moskau ernannt worden. 

Pisa. Der a. o. Professor der geburtshilflichen Klinik. 
Dr. E. P i u z a n i, wurde zum o. Professor ernannt. 

Sydney. Der Lektor an der Universität zu Edinburgh, l)r. 
D. A. Welsh, wurde zum Professor der Pathologie ernannt 

(Todesfälle.) 

Mavroyfnl Pascha, früher Professor an der medi¬ 
zinischen Schule zu Ivonstnntinopel und Leibarzt d«*s Sultans. 

In Moskau ist der Neuropatholog Prof, eraer. A. Kosh e w- 
n i k o w iin Alter von GO Jahren verschieden. Kosh e w n i k o w 
wirkte seit 1805 nn der Moskauer Universität. 

In Neapel ist Eugenio F a z 1 o, Professor der Hygiene au der 
dortigen Universität, gestorben. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Niederlassung: Dr. Friedrich Hundhauser zu Nieder¬ 
hochstadt. Dr. Hoppe zu Habkirchen, Dr. Josef Ivlett von 
Frankfurt a. M. in Grossost hei in. 

Verzogen: Dr. Moser von Niederhoch Stadt und Dr. Lux¬ 
hofer von Walsheim. Dr. Kilian R u s s von Wülfershausen 


nach Eltmann. Dr. Franz Niemann von Kirchluuter nach Hör¬ 
stein, B.-A. Alzenau. Dr. Dorn von Zeil nach Werneck. 

Ernannt: Der prakt. Arzt Dr. Michael Harder in München 
zum Bezirksarzt I. Klasse in Bogen. 

Auszeichnung: Das Dieustauszeichnungskreuz für freiwillige 
Krankenpflege wurde dem Kreismedizinalrath Dr. Karsch zu 
Speyer und Medizinalrath I)r. Demuth zu Frankenthal ver¬ 
liehen. 

Abschied bewilligt: Dem Generaloberarzt Dr. G e r s t, Divi¬ 
sionsarzt der 1. Division, unter Verleihung des Charakters als 
Generalarzt mit der gesetzlichen Pension und mit der Erlaubniss 
zum Forttragen der Uniform mit «len für Verabschiedete vor- 
gcschriebenen Abzeichen; als dienstthuendon Sanitätsoffizier dem 
Bezirkskommando Ludwigshafen zum 1. Februar d. Js. zugetheilt: 
der Gvneraloberarzt Dr. Baumbach. Chefarzt des Garnisons- 
lazareths Neu-Ulm. unter Stellung zur Disposition mit der gesetz¬ 
lichen Pension. 

Ernannt: Zu Divisionsärzten die Oberstabsärzte Dr. S e y d e 1. 
Dozent am Operatiouskurs für Militärärzte, bei der 1. Division. 
I>r. Kotter. Regimentsarzt im 1. Feld-Art.-Reg., bei der 
G. Division, beide unter Beförderung zu Generaloberärzten: zum 
Garnisonsarzt bei der Kommandantur der Haupt- und Residenz¬ 
stadt München der Oberstabsarzt Dr. Koelseli, Regimentsarzt 
im 19. Iuf.-Reg., unter Verleihung des Charakters als General- 
olH'rarzt; zum Chefarzt des Garnisonslazarethes Neu-Ulm der 
Generaloberarzt Dr. Höhne, Regimentsarzt im 8. Iuf.-Reg.; zu 
Regimentsärzten die Stabsärzte Dr. B e d a 11, Bataillonsarzt im 
1. Pion.-Bat-, im 8. Inf.-Reg.. Dr. J u n g k u n z, Bataillonsnrzt int 
1. Fuss-Art.-Iieg.. im 19. Inf.-Iteg., Dr. Zäch bei der Leibgarde der 
Hartschiere im 1. Feld-Art.-Reg., sünuntllche unter Beförderung zu 
Oberstabsärzten; zum Dozenten am Operationskurs für Militär¬ 
ärzte der Stabsarzt Dr. S clt ö n w e r t h. Bataillonsarzt im Eisenb.- 
Bat.; zu Bataillonsärzten die Oberärzte Dr. Pfeilschifter vom 
10. Iuf.-Reg. im 10. Inf.-Iteg., Dr. Gössel vom 20. Inf.-Reg. im 
12. Inf.-Reg., Dr. Witt nt a n u vom 7. Feld-Art.-Reg. im Eiseub.- 
But., diese unter Beförderung zu Stabsärzten. Seitens des General¬ 
stabsarztes der Armee wurden die einjährig-freiwilligen Aerzte 
Dr. Paul Schmidt des 18. Inf.-Reg. und Dr. Maximilian Bickel 
des 1. Inf.-Reg. zu Unterärzten. Ersterer itn 23. Iuf.-Reg.. Letzterer 
im 8. Inf.-Iteg.. ernannt und beide mit Wahrnehmung offener 
Assistenzarzt stellen beauftragt. 

Versetzt: Der Generaloberarzt Dr. Fink, Divisionsarzt der 
G. Division, zur 2. Division; die Stabsärzte Dr. Flclschmann. 
Abtheilungsarzt im 3. Feld-Art.-Reg. zum 9. Feld-Art.-Reg.. dieser 
unter Beförderung zum Oberstabsarzt. Dr. Henk e. Bataillons«rzi 
im 12. Inf.-Reg. zum 1. Fuss-Art.-Reg.. Dr. Nagel. Bataillonsarzt 
im 10. Inf.-Reg. zum 1. Pion.-Bat.; die Oberärzte Dr. Rietzler 
vom 1. Schweren Reiter-Keg. zur Leibgarde der Hartschiere, dieser 
unter Beförderung zum Stabsarzt. Dr. Brenn fleck vom 9. Feld- 
Art.-Reg. zum 1. Schweren Reiter-Reg., Dr. Kn oll vom 13. Iuf.- 
Reg. zum 1. Fuss-Art.-Reg.; die Assistenzärzte Dr. May vom 
1. Fuss-Art.-Reg. zum 13. Inf.-Reg., Dr. Rott vom 8. Inf.-Reg. 
zum 7. Fehl-Art.-Reg.. Herzog vom 9. Inf.-Reg. zum 3. Pion.-Bat.. 
Dr. Schatz vom 23. Inf.-Reg. zu den Sanitätsoffizieren der 
Reserve. 

Befördert: Zu Generaloberärzten die Oberstabsärzte Dr, Herr¬ 
mann im Kriegsministerium, dieser überzählig. Dr. Büchner 
ft In suite des Sauitätskorps; zum Oberstabsarzt der Stabsarzt Dr. 
Rapp bei der Inspektion der Militär-Bildungs-Anstalten. 

Gestorben: Dr. Albert Ilentschel, prakt. und Bahnarzt, 
zu Werueck. Dr. Jung, fürstl. Löwenstein’scher Leibarzt und 
prakt. Arzt zu Kleinheubach. 


Morbiditätsstatistik d. Infektionskrankheiten für Mönchen 

in der 3. Jahreswoche vom 12. bis 18. Januar 1902. 

Betheiligte Aerzte 201. — Brechdurchfall 3 (9*), Diphtherie u. 
Kroup 12 21), Erysipelas 15 (11), Intermittens, '•euralgia interm 
1 (—), Kindbettfieber — (—•), Meningitis cerebrospin. — (1), 
Morbilli 54 (47), Ophthalmo-Blennorrhoea neonat — (2), Parotitis 
epidem 9 (14), Pneumonia crouposa 12 (22), Pyämie, Septikämie 
1 (—), Rheumatismus art. ac. 23 (15\ Ruhr (dvsenteria) — (—\ 
Scarlatina 5 (5), Tussis convulsiva 21 (8), Typhus abdominalis 
1 (1), Varicellen IG (11), Variola, Variolois — (—), Influenza 14 (3', 
Summa 173 (lü7). Kgl. Bezirksarzt Dr. Müller. 


Uebersicht der Sterbefälle in München 

während der 4. Jahreswoche vom 19. bis 25. Januar 1902. 

Bevölkerungszahl; 499 932. 

Todesursachen: Masern 1 (3*), Scharlach — (- ), Diphtherie 
u Kroup — (1), Rothlauf — (—), Kindbettfieber 1 (—), Blutvergiftung 
(Pyämie u. s. w.) 1 (1), Brechdurchfall 2 (1), Unterleib-Typhus 1 (—), 
Keuchhusten 3 d), Kroupöse LungenentzÜrtdung 3 (4), Tuberkulose 
a) der Lunge 30 (29), b) der übrigen Organe 8 (10), Akuter Gelenk¬ 
rheumatismus — (—), Andere übertragbare Krankheiten 7 iß), 
Unglücksfälle 1 (1). Selbstmord — (—), Tod durch fremde Hand — (—V 
Die Gesammtzahl der Sterbefälle 223 (195), Verhältnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 22,9 (20,0) für die 
über dem 1. Lebensjahre stehende Bevölkerung 14,2 (12,8). 


*) Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche. 


Verlag ron J. F. Lehmann in München. — Druck von E. Muhlthnler's Buch- uir' Uuuslüriickerel A.U., München 

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oogle 





P^ e Münch. Mc<l. XVo^licn^chr. erechol'’.t w.Vho'itf. 

Nummern von durchschnittlich i> - f. ISogen. 
iTeis in Deut «chl. u Oest.-Ungarn vlerteljahrl. t> Jt, 
ins Ausland 7.50 JK. Einzelne No. 80 


MÜNCHENER 


/ii«‘it<1'injrpn sind zu adresMrcii • f*«ir die (iedafcdofl 
<>iio«ira»«e t. — Kür Abonnement an J. K. Leh- 
nimm, Hetjstrass« 20. — Kür Inserate und Beilagen 
an Rudolf Mosse, Promenaiieplatz Kl. 


MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 


(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 


ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 


"Vfo. Bäumler, 

Freiburg i. B. 


Herausgegeben von 

0. Bollinger, H. Curschmann,|. 6. Gerhardt, 6. Merkel, 

München. Leipzig. Berlin. Nürnberg 


J. v. Michel, 

Berlin,f J 


No. 6. 11. Februar 1902. 


Redaktion: Dr. B. Spatz, Ottostrasse 1 
Verlag: J. F. Lehmann, Heustrasse 20. 


H. v. Ranke, F. v. Winckei, 

München. München. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

Beiträge zur Oiätotherapie bei Magen- und Darm¬ 
krankheiten.*) 

Von Prof. Dr. Ad. Schmidt in Bonn. 

Die lebhafte Diskussion der letzten Jahre über die Diät bei 
Hyperazidität des Magens hat gezeigt, dass die scheinbar so ein¬ 
fache Frage einer rationellen Ernährungstherapie selbst bei wohl- 
charakterisirten Symptomengruppen aus dem Gebiete der Ver¬ 
dauungsstörungen noch keineswegs als gelöst zu betrachten ist. 
Es haben sich da Gegensätze von prinzipieller Bedcutulig 
zwischen maassgebenden Autoritäten herausgestellt, und wenn 
auch die jüngsten Publikationen eine mehr nivellirende Tendenz 
zu erkennen geben, dürften Mittheilungen aus weiteren Kreisen 
zur definitiven Gewinnung eines Einverständnisses immerhin 
willkommen sein. Das gilt in noch höherem Maas.se für die 
Diätotherapie gewisser Darmleiden, speziell diarrhoischer Zu¬ 
stände, welcho sich, wie es scheint, noch viel schwerer in all¬ 
gemein giltige Regeln zwingen lässt. 

Die folgenden Mittheilungen basiren nicht auf syste¬ 
matischen Untersuchungen bestimmter Krankheitszustände. Sie 
sind zum Theil aus theoretischen Erwägungen, zum anderen 
Theil aus Beobachtungen am Krankenbette entsprungen, und 
stellen eine Summe von persönlichen Erfahrungen und Anschau¬ 
ungen dar, die sich auf theilweise weit auseinander liegende 
klinische Gebiete erstrecken. Es liegt mir fern, die gegenwärtig 
im Vordergründe der Diskussion stehenden Fragen ausführlich zu 
erörtern, und ich habe desshalb auch auf eine detaillirte Wieder¬ 
gabe der in Frage kommenden Literatur verzichtet. 

I. 

Die zur Zeit unter den Aerzten herrschenden Grundsätze der 
Magendiätetik sind auf die von v. L e u b e') und später 
von Penzoldt 2 ) durch Ermittelung der Aufenthaltsdauer der 
verschiedenen Speisen im Magen gewonnenen Tabellen aufgebaut. 
Es ist zweifellos richtig, dass der Zeitraum, innerhalb dessen der 
Magen die ihm anvertrauten Speisen vollständig in den Darm 
entleert, unter normalen Verhältnissen einen geeigneten Maass¬ 
stab seiner Leistungsfähigkeit abgibt, denn wir wissen, dass dabei 
die letzte Austreibung nicht früher statttindet, als bis auch die 
Magen Verdauung der Ingesta ihr Ende erreicht hat. Unter patho¬ 
logischen Bedingungen trifft aber diese Voraussetzung nicht 
immer zu. Motilität und Verdauung geben hier oft nicht mehr 
parallel; wir kennen Zustände, wo beschleunigte Entleerung mit 
herabgesetzter, ja völlig aufgehobener Verdauung Hand in Hand 
geht und umgekehrt verzögerte Entleerung mit gesteigertem Ver¬ 
dauungsvermögen. Für die Pathologie kann also der motorische 
Maassstab nicht allein ausschlaggebend sein, wir müssen auch 
die chemische Leistungsfähigkeit berücksichtigen, und diese 
wieder dürfen wir nicht allein nach der Menge der vorhandenen 
Säure messen, sondern nach allen möglichen in Betracht kommen¬ 
den Faktoren, als da sind: Sekretionsreiz der Speisen (P a w 1 o w, 

*) Nach einem Vortrage ln der niederrheinischen Gesellschaft 
für Natur- und Heilkunde am 28. X. 1001. 

') Zeltschr. f. klln. Medlz. VI. 

*) Deutsch. Arch. f. klln. Medlz. No. 51 u. 53. 

*) Deutsch. Arch. f. klln. Medlz. 1901, 71, S. 111. 

No. 6 


S c h ü 1 e ’), Säurebindungsvermögen (Fleischer) etc., kurz 
gesagt nach der Summe der erforderlichen Verdauungsarbeit 
(P a w 1 o w *). 

Legt man sich nun die Frage vor, worin 
denn die chemische Verdauungsarbeit des 
Magens hauptsächlich besteht, so muss, wie 
ich glaube, die An twort darauf lauten: weniger 
in der Lösung resp. der Ueberführung der Nah¬ 
rungsmittel in einen direkt resorptions¬ 
fähigen Zustan-d, als vielmehr in ihrer (chemi¬ 
schen) Zerkleinerung. 

Um diese Auffassung sicherzustellen, fehlt es allerdings 
noch an exakten quantitativen Bestimmungen dessen, was gelöst 
und was ungelöst nach Probefrühstück oder Probemahlzeit den 
Magen verlässt. Solche Messungen sind leider, wie i mm er man 
auch die Versuchsauordnung treffen möge, beim Menschen nicht 
möglicfi, da wir kein Urtheil darüber haben können, wie das, 
was z. Z. der Ausheberung den Magen bereits verlassen hatte, 
beschaffen war 5 ). Aus Hundeversuchen liegen einige Zahlen von 
I* a w 1 o w vor'), aus denen hervorgeht, dass von 100 g Fleisch 
| innerhalb 2 Stunden im Magen bestenfalls 30 Proz. gelöst werden. 
| Aber wir haben andere, indirekte Beweisgründe genug für unsere 
[ Auffassung. 

Sehen wir ab von den Fetten, die überhaupt nur in Emulsion 
! in nennenswerthem Grade gespalten werden (V o 1 h a r d 7 ), so 
wissen wir ja von der Stärke, dass ihre Umwandlung in Zucker 
von der Magensalzsäure direkt gehemmt wird. Wenn nun auch 
im Beginne der Magenverdauung (während des Stadium arnylo- 
lyticum), die durch den Speichel eingeleitete Verzuckerung noch 
eine Zeit lang fortdauert, so wird doch Niemand behaupten 
i wollen, dass jemals die gesammte oder auch nur der grössere 
i Theil der im Probefrühstück enthaltenen Amylummenge bereits 
1 bei der Passage durch den Pylorus gelöst ist*). Die Jodprobe orieu- 
tirt uns doch nur über den Grad der Saccharifizirung des bereits 
Gelösten. Ungelösten Rückstand finden wir aber regelmässig im 
Ausgeheberten, auch dann, wenn die Salzsäure vollständig fehlt. 
Dasselbe gilt für die Fleischreste nach Probemahlzeit und bei 
llyperazidität. 

Wonach wir die Güte der Verdauung schätzen, ist ja auch 
gar nicht die Menge des Gelösten, sondern der Grad der Zer¬ 
kleinerung des Ungelösten! Eine fein pureeartige Vertheilung 
der Brod- und Fleischreste gilt uns als ein Zeichen guter Magen¬ 
verdauung, und es ist nicht zuviel gesagt, dass dieses Signum 
— gleiche Versuchsanordnung und genügendes Kauen voraus¬ 
gesetzt — einen recht zuverlässigen Wegweiser für die Beurthci- 
lung der Gesammtleistung des Magens abgibt. 

Doch weiter! Wenn man den Verdauungsprozess eines 
Würfels rohen Fleisches im Magensaft mit dem in Trypsinlösung 
vergleicht, so ergeben sich, worauf ich®) wiederholt aufmerksam 


*) Die Arbeit der Verdauungsdrtisen. Deutsch von Dr. 
A. Walther. Wiesbaden 1898. 

6 ) Das gilt auch für die im Uebrigen neue Anordnung von 
S e h U 1 e (Fortschritte der Medizin 1901, 19, No. 18). 

•) L c. S. 107 ff. 

’) Zeltschr. f. klin. Mediz. 1901, 42. 

') Die Versuche Hensay's (Münch, med. Woehenschr. 1901. 
No. 30), wonach bis zu 70 Proz. der Kohlehydrate im Magen ..ge¬ 
löst" werden können, bedürfen dringend der Nachprüfung. 

•) Vergl. Deutsch, med. Woehenschr. 1899, No. 49. 


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218 


No. tl 


MUEjnCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


gemacht habe, bemerkenswerthe Unterschiede. Im Magensaft 
zerfällt der Eleiscliwiirfel nach einiger Zeit, zumal wenn man 
gelegentlich umschüttelt, in feinste Fäserchen: das Bindegewebs- 
gerüst wird schneller gelöst, als die Muskelbündel. In der Trypsin- 
lösung dagegen bleibt der Würfel ganz und kann auch durch 
Schütteln nicht zerkleinert werden. Auf der Oberfläche sieht 
mau das Bindegewebsgerüst hervorragen, während die Muskel¬ 
fasern langsam aus den Maschen hcrausverdaut werden. Der 
l’ankroassaft verdaut überhaupt kein Bindegewebe, es sei denn, 
dass es durch Kochen oder Säurewirkung vorher desorganisirt ist, 
er bedarf, um Fleisch vollkommen verdauen zu können, der zer¬ 
kleinernden Vorarbeit des Magens. Diese Vorarbeit wird, wie 
lins die Betrachtung des Ausgeheberten nach Probemahlzeit zeigt, 
keineswegs immer genügend geleistet, und cs resultiren daraus 
gar nicht selten erhebliche Verdauungsstörungen. 

Auch das Brod wird im Magensaft zerkleinert; es zerfällt 
im Verdauungsversuch, wenn man umschüttelt, bald zu feinem 
Brei. Die Unkenntniss dieser leicht zu konstatirenden That- 
sache hat zu mancherlei falschen Vorstellungen über die Ein¬ 
wirkung des Magensaftes auf das Probefrühstück Veranlassung 
gegeben. So viel ich sehe, hat allein Strauss“’) die chemische 
Zerkleinerung des Brodes durch den Magensaft („Amylorhexis' 1 , 
wie er sie nennt) klar erkannt und richtig gedeutet. Sie beruht 
auf der Lösung des aus Kleber bestehenden Maschengerüstes des 
Brodes durch die Pepsinsalzsäure. Darum sehen wir bei Hyper¬ 
azidität einen fein pureeartigen liest des Probefrühstücks trotz 
herabgesetzter Amylolyse und bei Anazidität ungelöste Brod- 
flocken trotz unbehinderter Speiehelwirkung. Die Frage liegt 
nahe, was von grösserer Bedeutung für die Gesammtverdauung 
ist, dieser Vorgang der Amylorhexis oder die Amylolyse im 
Magen? Ich glaube, man wird unbedingt eine gute Amylorhexis 
für werthvoller halten müssen, denn das Pankreassekret, dessen 
amylolytisches Vermögen gross genug ist, um die Vorarbeit durch 
den Speichel entbehren zu können, muss natürlich uuf fein ver¬ 
theilte Stärke ganz anders wirken können, als auf Brodstjiekcheii. 

Ich denke, dass durch die hier angeführten Gründe die oben 
geüusserte Auffassung über die chemische Verdauungsleistung 
des Magens genügend gestützt wird. Was ergibt sich nun 
d a r a u s für die. Diätetik? Allgemein gefasst zunächst 
der Satz, dass man, wo es auf Schonung des Magens ankommt 
— und diese Indikation ist bei fast allen Magenkrankheiten zu 
erfüllen — die Speisen bereits in einem möglichst fein ver¬ 
theilten Zustande einführen soll. Diese Forderung ist allgemein 
anerkannt und wird keinen Widerstand hervorrufen. Geht man 
aber die einzelnen Speisen auf ihre Zerkleinerungsfähigkeit 
durch, so ist dieselbe besonders gering beim Fleisch und hier 
wiederum am geringsten beim rohen resp. geräucherten Fleisch. 

R o h es Rindfleisch und geräuchertes 
Fici s c h (L a c hsschinkon, K n u e h f 1 e i s c h) wer- 
d e n bei M a genk r a n k heit e n g e r ne verord n e t, sie 
figuriren auf den Speisezetteln von Pcnzoldt und v. Leube 
bereits in der 2. resp. 3. Kostform, und haben sich im ärztlichen 
wie im Laienpublikum den Ruf besonders leicht verdaulicher 
Speisen erworben. Allerdings wird auf den genannten Speise¬ 
zetteln und in allen Lehrbüchern ausdrücklich hervorgehoben, 
dass sie fein zerkleinert, gehackt oder geschabt gegeben werden 
sollen, aber wie sieht es mit dieser Vorschrift in der Praxis aus? 
Man versuche nur einmal, wie es vorgeschrieben wird, rohes 
Rindfleisch oder sogen. Rauchfleisch mit dem stumpfen Löffel 
auszuschaben! Diese mühsame Arbeit fördert so wenig Fleiseh- 
fasern zu Tage, dass sie eine wahre Geduldsprobe darstellt, und 
es unterliegt für mich keinem Zweifel, dass sie nur von sehr 
wenigen gewissenhaften Pflegern so ausgeführt wird, wie sie 
soll, nämlich dass dadurch alles Bindegewebe entfernt wird. 
Beim Hacken, hei der maschinellen Zerkleinerung und beim Zer¬ 
schneiden in kleine Würfel wird aber das Bindegewebe nicht 
entfernt, und die Folge davon ist, dass man es bei Anazidität 
dann regelmässig in dem Stuhlgange wiederfinden kann. Eine 
sorgfältige Untersuchung des Stuhlganges lehrt uns aber weiter, 
dass in solchen Fällen leicht das unverdauliche Bindegewebs¬ 
gerüst die eingelagerten Muskelfasern und Fettzellen vor der 
Lösung durch dir Verdauungssäfte schützt. Schinkenstiicke 
z. B. gehen bei Verdauungsschwäehe, auch wenn sie ganz klein 
geschnitten waren, gewöhnlich unverändert wieder ab. Wer 

Kerl, klin. Wochenschr. 1897, No. 8. (Gesellschaft der 
Cliariteiirzte.) 


regelmässig die Faeces genau durchmustert, wird gewiss ebenso 
wie ich, erstaunt darüber sein, wie häutig nach der Verordnung 
rohen Fleisches oder geräucherten Schinkens Bindegewebs- und 
Fleischabgänge darin zu finden sind, und wird sich vielleicht mit 
mir die Frage vorlegen, ob man nicht besser thut, diese Diäi- 
verordnung ganz fallen zu lassen? 

Indessen, ehe man sieh entschliesst, eine derartige Forde¬ 
rung aufzustellen, wird man zu prüfen haben, ob die viel¬ 
gepriesenen Vortheile des rohen Fleisches für die Ernährung 
wirklich so grosse sind, dass man die Schwierigkeiten der Binde- 
gewebsentfernung lieber in Kauf nimmt. Ich sehe hier ab von 
den angeblichen Erfolgen der wissenschaftlich völlig unbegrün¬ 
deten „Zomotherapie“, der Fütterung Tuberkulöser mit grösseren 
Mengen rohen Fleisches, und beschränke mich auf die für unsere 
Betrachtung wichtigen, durch experimentelle Untersuchungen ge¬ 
stützten Eigenschaften des rohen Fleisches: die safttreibenl 
Wirkung und das erhebliche Säurebindungsvermögen “). 

Die safttreibende Wirkung rohen Fleisches, d. h. die reflek¬ 
torische Anregung der Saftsekretion von der Magenschleimhaut 
aus, ist zuerst von P a w 1 o w für den Hund nachgewiesen worden. 
Für den menschlichen Magen liegen zahlreiche Untersuchungen 
vor, wonach die gesammte Salzsäuremenge (nicht die freie Salz¬ 
säure) des Mageninhaltes nach Fleischgenuss grösser ist als nach 
Kohlehydrat kost, und diese Angaben beziehen sich besonders auch 
auf rohes Fleisch. Nach S c h ü 1 e “) übt zwar die Qualität 
unserer Nahrungsmittel keinen erheblichen Einfluss auf <lie 
reflektorische Saftsekretion aus. Andere Untersuchungen') 
sprechen aber für die Uebertragbarkeit der P a w 1 o w’schen Er 
gebnissc auf die menschliche Physiologie, so dass es vorläufig 
nicht berechtigt erscheint, die safttreibendc Wirkung des rohen 
Fleisches zu bestreiten. Diese Wirkung wird aber ebenso au>- 
geiibt von den Extraktivstoffen des Fleisches: Fleisehabkoch- 
ungen, Lösungen von L i e b i g’s Fleisehextrakt u. s. w., während 
gekochtes Fleisch immer unwirksamer wird, je länger es gekocht 
wird. 

Was das Siiurehiiidungsvcrmögen betrifft, so lwsitzen wir 
darüber nur eine direkte Messung von Fleischer' 1 ) und di«*-c 
betrifft rohen Schinken. Wir dürfen aber indirekt aus der That- 
sache, dass nach Fleisehgenu.su wohl die Gesammtazidität, nicht 
aber in gleichem Mnasse die freie Salzsäure vermehrt wird ), 
den Schluss ziehen, dass das Säurebindungsvermögen des 
Fleisches und spez. des rohen Fleisches ein hohes ist. 

Betrachten wir nun zunächst die Aufgaben der Diätotherapie 
bei subazide u oder anaziden Zuständen, so 
stimme ich mit Strnuss“) darin überein, dass hier unter Um¬ 
stünden eine Anregung der Saftsekretion erwünscht sein kann. 
Wenn mau aber berücksichtigt, dass das Verdaiiungsvertnügiii 
stark herabgesetzt ist. so wird man die Saftabsonderung gewiss 
lieber durch die Extraktivstoffe, des Fleisches, als durch d;e 
rohe Fleisch selber anstreben. Vollends verkehrt wäre es natür¬ 
lich, rohes oder geräuchertes Fleisch, welches von seinem Binde¬ 
gewebe nicht vollständig befreit ist, zu reichen. Denn diese- 
kann hier überhaupt nicht gelöst werden, behindert vielmehr die 
Verdauung und reizt unter Umständen noch die Daruischleiin- 
haut. Da nun aber, wie wir gesehen haben, die völlige Entfer¬ 
nung des Bindegewebes aus rohem Fleische nur äusserst schwer 
gelingt, so kommen wir zu dem Schlüsse: fort mit dein 
r oben und g e r ii ucherten Fleisch aus d e r 
Therapie der Subaziditiit! Wollen wir Fleisch 
geben, so dürfen wir es gekocht oder gut durehgebraten, stets 
aber nur in fein vertheiltem Zustande geben. 

Wie sollen wir es mit dem rohen Fleisch bei der Hyper¬ 
azidität halten? Die Antwort auf diese Frage wird ver¬ 
schieden uusfallen müssen, je nachdem man auf der Seite der 
Eiweiss- oder Kohlehydrattherapeuteu steht"). Um meinen 

") Die Verdauungszeit rohen Fleisches ist nach der 
P e n t z o 1 d t'sehen Tabelle keineswegs kürzer als die gekochten 
o<ler gebratenen Fleisches. 

‘) Deutsch. Arcli. f. klin. Med. 1901, 71, S. 111. 

") ef. Buch: Zeitschr. f. physikal. u. diütet. Therapie 190J. 

4. 8. 189; ferner Back mann: Esp. studier öfver den dültisk.-i 
behnndllngen etc. Akadem. Abhandlung. Helsingfors 1899. 

’*) Lehrbuch der inneren Medizin. Wiesbaden 1898. S. 932. 

'■) Vergl. Sörensen und Metzger: Münch, med. Wocben- 
selir. 1898, No. 36. 

“) Würzburger Abhandlungen aus dem Gesammtgebiet der 
praktischen Medizin, Heft 12. 


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11. TVbruar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


219 


Standpunkt- in dieser Frage von vorne herein zu präzisiren, so 
muss ich sagen, dass für mich bei allen hierhergehörigen Zu¬ 
ständen die Aufgabe, den Magen zu schonen, in erster Linie steht. 
Gegen diese Forderung erhebt sich auch, soviel ich sehe, kaum 
ein Einwand. Die Vertheidiger einer eiweissreichen Diät bei 
TTyperazidität stützen sieh vielmehr auf die subjektive Annehm¬ 
lichkeit, die dadurch für die Patienten geschaffen wird und die 
vömuithlich durch das grössere Säurebindungsvermögen gegen- 
iilx-r der kohlehyd rat reichen Kost zu erklären ist. Dieser Ge¬ 
sichtspunkt, den Jürgensen mit Recht als Indicatio sym- 
ptomatien bezeichnet., kann aber unmöglich den Vorrang ver¬ 
dienen vor der Indicatio causalis. Nur dadurch, dass wir den 
in erhöhter Reizbarkeit befindlichen Drüsenapparat so wenig wie 
möglich anregen, haben wir Aussicht, ihn in den normalen Zu¬ 
stand zurückzubringen. So machen wir es doch überall in der 
Medizin! Dann lieber, wenn trotz reizloser Kost noch zu viel 
freie Salzsäure bleibt und Schmerzen verursacht, durch Alkalien 
das Uebermaass abstumpfen! 

Ich möchte nicht missverstanden werden: ich denke natür¬ 
lich nicht daran, das Fleisch oder gar das Eiweiss aus der Diät 
der Hyperaziden ganz zu verbannen. Dazu liegt gar kein Grund 
vor. Ich möchte nur die besonders stark säure- resp. saft¬ 
treibenden Speisen vermieden wissen und dazu gehört das rohe 
und das geräucherte Fleisch, ebenso wie die Extraktstoffe des 
Fleisches. Diese Forderung gehört in eine Reihe mit dem Ver¬ 
bot aller stark gesalzenen oder gewürzten Speisen. Auch bei 
Hyperazidität, ist überdies das Bindegewebe nicht gleichgiltig. 
Wenn es auch im hyperaziden Magensaft der Lösung anheim- 
fallen kann, so geschieht das, wie mich Faecesuntersuchungen 
gelehrt haben, doch keineswegs immer. Möglich, dass in diesen 
Fällen Hypermotilität im Spiele war, möglich aber auch, dass 
die hohen Siiurewerthe die Bindegewebsverdauung verlangsamen, 
wie sie es nach Boas“) hinsichtlich der Eiweissverdauung thun. 
Jedenfalls, daran muss ich nach meinen Beobachtungen fest- 
halten. stellt die Bindegewebslösung hohe Anforderungen an die 
Sekretion des Magens. 

Ziehen wir aus diesen Ueberlegungen- die praktische Nutz¬ 
anwendung, so kann sie auch hier nur lauten: fort mit 
dem rohen und geräucherten Fleisch aus der 
Therapie der Hyperazidität! Fort damit aus 
der Diät der Magenkranken überhaupt! 

Soviel über das rohe Fleisch. Da wir uns bei der Hyper¬ 
azidität befinden, so mögen hier gleich noch einige andere, die 
Diätotherapie dieser Zustände betreffende Bemerkungen Platz 
finden! 

Soll man die Amylaceen in der Kost der Hyperaziden bevor¬ 
zugen ? Dafür spricht, dass sie die Säureabscheidung weniger 
anregen als die Eiweissstoffe: dagegen wird angeführt, dass 
die Speichelverdauung durch die vermehrte Salzsäure frühzeitiger 
unterbrochen wird, und dass in Folge dessen die Amylaceen 
leichter der bakteriellen Zersetzung anheimfallen. Die letztere 
Möglichkeit muss unbedingt zugegeben werden und es versteht 
sich wohl von selbst, dass man, so lange Gährungsprozesse im 
Magen vorhanden sind, die Amylaceenzufuhr ganz aussetzt, 
oder doch auf das Nothwendigste beschränkt. Den anderen 
Grund, dass die Stärkeverdauung bei Hyperazidität beein¬ 
trächtigt ist, kann ich nicht als Kontraindikation gegen die Dar¬ 
reichung von Kohlehydraten anerkennen. Wie oben ausgeführt 
wurde, besteht die chemische Einwirkung des Magensaftes auf 
Brod, Gebäcke etc., die hier vorwiegend in Betracht kommen, 
hauptsächlich in der Zerkleinerung (durch Auflösung des Kleber¬ 
gerüstes), viel weniger in der Saccharifizirung. Die Zerkleine¬ 
rung ist aber bei Hyperazidität nicht gehemmt, wie uns die 
pur^eartige Beschaffenheit des Ausgeheberten erkennen lässt.. 
Ob etwas mehr oder weniger Stärke vor dem Uebertritt in das 
Duodenum schon gelöst ist, scheint mir Angesichts der mäch¬ 
tigen Wirkung der Pankreasdiastase ziemlich gleichgiltig zu 
sein, und ich glaube desshalb, dass man der 
Amylaceenzufuhr bei Hy per azid ität — wenn 
nicht Zersetzungsprozesse bestehen — im All¬ 
gemeinen das Wort reden kann. 


”) VergL das interessante Sammelreferat von Jürgensen. 
Arch. f. Verdaaungskrankhelten 3, S. 225. 

“) Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten, 1. Aufl. 
Berlin 1897. S. 26. 


Zieht man in Betracht, dass die Patienten mit Hyper¬ 
azidität, wie aus den Erörterungen pro et. contra unzweideutig 
hervorgeht, sich sowohl bei vorwiegender Eiweisskost, als auch 
bei vorwiegender Amylaeeenkost subjektiv wohl befinden können, 
so muss man dahin gelangen, von vornclierein keiner einseitig 
ausgewählten Diät den Vorzug zu geben. Man wird bei der 
Komposition des Speisezettels nur darauf Acht zu geben 
haben, dass von den Eiweissstoffen die safttreibenden (vor Allem 
das rohe Fleisch) und von den Kohlehydraten eventuell die 
leichter zersetzlichen (Zucker) ausgeschlossen werden. Ausser¬ 
dem wird man die Fette, deren sekretionshemmende Wirkung 
jetzt als erwiesen betrachtet werden kann, reichlicher zumessen 
dürfen. Ausserdem muss Alles, ebenso wie bei den subaziden 
Zuständen, gut zerkleinert, gereicht werden, damit dem Magen 
dieser wichtigste Theil seiner Arbeit erspart wird. Von diesen 
Grundsätzen kann man natürlich, je nach der Lage des speziellen 
Falles, abweichen, nur soll man bei der Hyperazidi¬ 
tät und überhaupt bei keiner Magenaffektion 
eine einseitige Diät zum Prinzip erheben. 

Ein sehr wichtiger, bisher nicht genügend gewürdigter 
Punkt in der Diätotherapie der Hyperazidität ist die Ein¬ 
schaltung wenigstens einer grösseren Ruhe¬ 
pause für den Magen innerhalb 24 Stunden. 
Diese Forderung fällt, unter den beherrschenden Gesichtspunkt 
der Schonung und braucht eigentlich kaum näher begründet zu 
werden. Die entgegengesetzte Ansicht, dass man den Magen der 
Hyperaziden nie ganz leer werden lassen dürfe, die sich z. B. 
bei Boas 1 ®) findet, ist mir vom theoretischen und vom Er¬ 
fahrungsstandpunkte aus ebenso unverständlich, wie beispiels¬ 
weise die überall wiederkehrende Angabe, dass man solchen Kran¬ 
ken kohlensäurehaltige Wässer geben solle. Jeder Gesunde weiss 
doch aus eigener Erfahrung, dass kohlensäurehaltige Getränke 
den Magen erwärmen (reizen), und dass der Magen zeitweise Ruhe 
braucht! 

Die Furcht, dass man bei Einschaltung einer grösseren Pause 
innerhalb 24 Stunden die Einzelmahlzeiten zu umfangreich 
machen müsse, ist unbegründet. Ich gebe seit längerer Zeit bei 
Hyperazidität Abends 6 Uhr oder 7 Uhr die letzte, und zwar 
sehr knappe Mahlzeit (Reisbrei, Griesbrei, Schleimsuppe mit oder 
ohne Zugabe von etwas fein geschnittenem kalten Braten), lasse 
nachher auch nichts mehr trinken, sondern nur, falls Säure¬ 
schmerzen auftreten, Nachts etwas Alkali nehmen. Im Laufe 
des Vormittags, wo bekanntlich diese Kranken in der Regel wenig 
oder keine Beschwerden haben, lasse ich dann 3 nicht zu kleine 
Mahlzeiten in 2 stündigen Pausen nehmen (um 7, 9, 11 Uhr). 
Dann folgt eine 3 ständige Pause bis Mittags und die Mittag- 
mahlzcit wird schon beschnitten. Bis Abends wird dann nichts 
mehr genossen, höchstens eventuell etwas Alkali genommen. 
Dieses Regime hat sich mir so gut bewährt, dass ich nur selten 
Veranlassung finde, davon abzugehen. Es stellt für viele Kranke 
dieser Art eine Umkehrung ihrer früheren schlechten Essgewohn¬ 
heiten dar, die in der hastigen Einnahme zweier grosser Mahl¬ 
zeiten, Mittags und Abends, bestand, und die vermuthlich ein 
gutes Theil zur Entstehung ihres Leidens beigetragen hat. 

Der letzte hier zu erörternde Punkt betrifft die Verord¬ 
nung von Bettruhe bei allen schweren Fällen von Hyper¬ 
azidität, im Anfänge der Kur auch bei leichteren. Es ist höchst 
auffallend, wie schnell manche Kranke ihre Säurebeschwerden 
verlieren, wenn sie in’s Bett kommen! Mit. der sorgfältigsten 
Diät erreicht, man oft in Monaten nicht so viel, wie mit der Bett¬ 
ruhe in Wochen. Die Vermuthung liegt nahe, dass die Zerrung 
oder Dehnung der grossen Kurvatur durch die Tngesta hier eine 
Rolle spielt. Doch ich unterlasse es lieber, mich in spekulative 
Betrachtungen zu vertiefen und beschränke mich darauf, die 
Thatsache zu konstatiren. Auch wenn die Patienten wieder 
nmhergehen. empfehle ich stets noch längere Zeit eine, 2 stündige 
Ruhe nach Mittag und ein baldiges Aufsuchen des Bettes nach 
der Abendmahlzeit. (Schluss folgt.) 


“) Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten. 1. Aufi. 
II, S. 301. 


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220 


MTTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Aus «k*r medizinischen Klinik und Poliklinik zu Jena. 

Statistische Untersuchung über die Folgen der Lues. 

Von Professor Dr. M. Matth es. 

Puter Mitwirkung der Herren Dr. Martin. Dr. D <"> r f e r und 
Dr. K n a b e. 

Die Rolle, welche die Lues in der Aetiologie spielt, ist be¬ 
kanntlich Gegenstand sehr zahlreicher statistischer Unter- 
suchungn gewesen. Dieselben sind fast säinintlich in der 
Weise angestellt worden, dass nuin. fragte: ln wie viel Prozent 
einer bestimmten Erkrankung, z. B. Tabes oder Dementia pura- 

l.vtiea oder Aortenaneurysma ist Lucs in der Anamnese nachweis¬ 
bar? Bei einer solchen Fragestellung wird aber immer das Re¬ 
sultat ein unsicheres bleiben, da man gezwungen ist, sich auf. die 
Angaben der Kranken zu verlassen, und da bei dem häufigen 
Fehlen objektiv nachweisbarer Residuen der Lues dem subjek¬ 
tiven Ermessen des examinirenden Arztes ein weiter Spielraum 
gelassen ist. 

Die bekannten Gegensätze in den Ansichten zwischen 
Fournier, Erb, Gowers, Möbius einerseits und 
v. Loy d en und seiner Schule andererseits zeigen am besten, zu 
welch’ divergirenden Schlüssen man mit dieser Methode kommen 
kann. 

Wir verzichten desshalb darauf, an dieser Stelle eine aus¬ 
führliche Literaturangabe der einzelnen Statistiken zu geben. 
Er erschienen bisher in jedem Jahre noch eine ganze Reihe von 
Untersuchungen nach dieser Fragestellung. Für die letzten 
5 .1 nhre hat Dörfer dieselben in seiner Inauguraldissertation 
zusanmiengestellt und es mag genügen, auf diese Arbeit zu ver¬ 
weisen. Bemerkt soll hier allein werden, dass die letzteren grösseren 
Statistiken für die Dementia paralytica übereinstimmend auf 
die Schädlichkeit des Alkoholismus neben der Lues als ätio¬ 
logisches Moment aufmerksam gemacht haben. Es liegt auf der 
Hand, dass, wenn man wirklich die Schädigungen, welche die 
Lucs an sich zur Folge hat, statistisch präzisiren will, man die 
Fragestellung umkehren muss. Man wird dann nicht fragen, 
wie viel Prozent von Tabikern u. s. w. haben Lues gehabt, son¬ 
dern wie viel Prozent von Luetikern bekommen Tabes oder, all¬ 
gemeiner gesprochen: Was wird aus einer grösseren Anzahl von 
mit Syphilis Infizirten im Verlaufe ihres späteren Lebens, an 
welchen Krankheiten gehen sie zu Grunde, wird ihre durchschnitt¬ 
liche. Lebensdauer verkürzt, was wird aus ihren Nachkommen? 

Die Beantwortung einer solchen Fragestellung sagt natur- 
geinäss etwas ganz anderes als die bisherigen Statistiken. Sie 
entscheidet gewiss nicht die ätiologische Bedeutung der Syphilis 
für die einzelne Erkrankung, denn wenn auch unter hundert 
Luetikern nur einer an Tabes erkrankte, so könnte doch für 
diesen die Lues das ursächliche Moment der Nervenerkrankung 
gewesen sein. 

Die Beantwortung unserer Frage ergibt vielmehr eine Ueber- 
• 1 11 über die wirkliche Gefährdung der Luetischen und sie ist 
nicht nur für dieLebensversicherungen wichtig, sondern vor Allem 
auch für den psychischen Zustand des einzelnen Infizirten. Ganz 
abgesehen von neurasthenischen Syphilidophoben hat sich heute 
dadurch, dass die ätiologische Bedeutung der Lucs, insbesondere 
für die Nervenerkrankungen, so vielfach in der Fachpresse ven- 
tilirt wurde, auch in den Kreisen gebildeter Laien die Anschauung 
verbreitet, dass schwere Nervenkrankheiten eine häutige Folge der 
Lucs seidi. Wenn heute ein gebildeter Mann eine Lues acquirirt, 
so fällt er ganz gewöhnlich derartigen Befürchtungen anheim und 
bisher war man nicht in der Lage, auf die angstvollen Fragen 
solcher Patienten eine bestimmte und einwandsfreie Antwort zu 
gehen. 

Die Versuche, die Frage nach den Lebenssehicksalen der 
Syphilitischen zu entscheiden, sind ausserordentlich spärlich. 
Xaturgeniäss ist es ja schwer, Menschen durch lange Jahre zu 
kontroliren. wenigstens wenn sie nicht gerade, wie Prostifuirte 
direkt unter Polizeiaufsicht stehen. Diese letztere Kategorie ist 
aber schon wegen der relativen Seltenheit der Paralyse bei 
Krauen, dann aber auch, weil sie mannigfachen anderen Gesund- 
heitsschiidigungen ausgesetzt ist, für derartige Untersuchungen 
nicht gerade geeignet. 

Die Lebcnsversicherungsgesollschafton, die sich ja eine ge- 
wisso Erfahrung über die Aussichten der Luetiker bilden mussten, 
verfahren, wie ich z. B. durch die liebenswürdige Auskunft der 


No. 6. 

Gothaer Bank weiss, meist, so, dass luetisch gewesene Antragsteller 
individuell behandelt, werden. Liegt die Infektion mehrere Jahre 
zurück, ist der Antragsteller mehrere Jahre frei von Rezidiven 
gewesen, ist er nervös nicht belastet und auch selbst nicht nervös, 
so wird er ohne erhöhtes Risiko aufgenommeu, andernfalls ent- 
weder abgewiesen oder mit entsprechend erhöhtem Risiko auf- 
genonmien. 

Eine ausgezeichnete Zusammenstellung der speziell für die 
Lobcnsvcrsiehorungsgcsollsehaftcn wichtigem, allgemeinen Daten 
hat vor Kurzem der Brüsseler Dermatologe A. Bayet [1] gegeben. 
B a y o t erkennt offen das Fehlen einer brauchbaren Statistik 
an. Seine Rathschläge für die Versicherungsanstalten sind 
folgende: 

I. Es sind zurückzuweisen: 

1. Antragsteller mit florider. sekundärer oder tertiärer Lues, 

2. Antragsteller, deren Infektion nicht mindestens drei Jahre 
zurück! iegt. 

II. Es sind zurückzuweisen oder wenigstens vorläufig abzu¬ 
lehnen: 

1. Infizirte, die Alkoholiker sind. 

2. Infizirte, die gleichzeitig an Malaria leiden, 

3. Infizirte. die während der ersten Periode der Lues Ersehei¬ 
nungen von Seiten des Nervensystems darboten. 

Dagegen räth Bayet Antragsteller unbedenklich aufzu- 
nehmen: 

1. welche durch drei Jahre eine genügende Behandlung durch- 
genineht haben und ein viertes Jahr rezidivfrei sind, 

2. Antragsteller, die eine ungenügende Behandlung durch - 
gemacht haben, wenn sie Frauen sind, 6 Jahre, wenn sie Männer 
sind, 10 Jahre nach der Infektion, 

3. Antragsteller, die nicht behandelt sind, 15 Jahre nach der 
Infektion. 

Die differente Behandlung der Männer und Frauen begründet 
B n v e t mit dem Hinweis, dass bei Frauen weniger häufig Tabes 
und Paralyse verkäme; seine Zeitangaben werden durch eine 
statistische Ermittlung gestützt, nach der die Erkrankungen an 
Tabes zwischen ß bis 12 Jahren post infeetionem vorzugsweise aut- 
treten und zwar mit einem Maximum zwischen dem 6. bis 
9. Jahre. 

Endlich ist von R u n e b e r g [2] der Versuch gemacht wor¬ 
den, auf Grund der Akten der Versicherungsanstalt Caleva den 
Todesursachen der Luetischen nachzugehen. 

Runeberg kommt zu ausserordentlich ungünstigen Re¬ 
sultaten. Es stand ihm im Ganzen ein Material von 734 Todes¬ 
fällen (luetische und nichtluetischc) aus den Jahren 1875—97 zur 
Verfügung. Er schreibt: „Von den Personen, die selbst eine Lues 
zugegeben hatten, oder von denen ein solches anzunehmen reich¬ 
lich Grund vorlag. starlnm 84 an Krankheiten, die auf Grund 
ihrer Beschaffenheit mit grosser Wahrscheinlichkeit auf die 
frühere syphilitische Infektion zurückgeführt werden müssen, 
id est 11 Proz. aller Todesfälle. Rechnet Runeberg 75 Proz. 
von an Zirkulationskrankheiten unter dem 50. Lebensjahre Ge¬ 
storbenen als wahrscheinlich luetisch bedingt hinzu, so kommt 
er zu der erschreckenden Thatsnehe, dass 15 Proz. der Gesammt- 
sterldiehkcit direkt durch Syphilis bedingt, ist, während im 
gleichen Zeitraum die Mortalität an Phthise 21 Proz., an Pneu¬ 
monie 10 Proz. betrug. Runeberg steht demnach nicht an. 
die Lues für eine der mörderischsten Krankheiten zu erklären. 

Er stellt ferner fest, dass in demselben Zeitraum (1875—97) 
von 618 Versicherten, die Lues zugestanden haben, 78 = 12,6 Proz., 
von 10 740 angeblich nicht luetischen 656 = 6,1 Proz. gestorben 
seien und schliesst daraus auf eine um das Doppelte gesteigerte 
Mortalität nach Lues. Allerdings macht er die Einschränkung, 
dass die Luetischen meist älteren Jahrgängen angehörten. 

Durch die Runeber g’scho Arbeit weht ein ausgesprochen 
subjektiver Zug. Dies ist auch bereits in den Monatsblättern 
der Vertrauensärzte der Gothaer Bank von Dr. G o 11 m c r [4] be¬ 
tont worden. Wir wollen zur Kritik der Kunebe r g’sehen An¬ 
gaben nur Folgendes hervorheben: 78 von den Verstorbenen 
nur haben Lues zugestanden. 84 aber, oder mit Einreehnung der 
an Zirkulationskrankheiten Verstorbenen sogar 110, sind an den 
Folgen der Lues zu Grunde gegangen. Dabei ist bei 20 Personen 
von den 78, welche Lues zugestanden hatten, der Tod an Krank¬ 
heiten erfolgt, die selbst Runeberg nicht mit der Lues in 
Verbindung bringt, ln 26 Fällen von den 84 angeblich durch 
Lues bedingten Todesfällen ist also ananniestiseh Lues nicht nach¬ 
zuweisen gewesen. 

Runeberg rechnet chronische Nephritiden. Herzfehler, 
Myokarditis, Knochcnfrass, Paralyse, Tabes als unbedingt durch 
die Lue« hervorgerufen. Die Suicide werden als mindestens der 


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11. Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


221 


Lucs stark verdächtig bezeichnet. Der Umstand, dass ein Ver¬ 
sicherter paralytisch wird, genügt, denselben unter die Zahl der 
84 direkt an Lues Verstorbenen aufzunehmen. Dass die oben 
erwähnte Angabe von der um das Doppelte gesteigerten Mortali¬ 
tät der Luetischen ohne Mittheilung des im Einzelfalle er¬ 
reichten Alters völlig in der Luft schwebt, dürfte wohl ohne 
Weiteres einleuchtend sein. Das Lebensalter gibt aber Rune¬ 
berg nicht an, sondern begnügt sich mit der erwähnten Ein¬ 
schränkung. 

Wir können somit Runeberg’s Schlüsse nicht für ein¬ 
wandsfrei halten, er überschätzt die ätiologische Bedeutung der 
Lucs erheblich. Zudem ist er auf die Angaben der Antragsteller 
angewiesen und in Folge dessen gelten die Einwände, die wir 
oben derartigen Statistiken entgegenstellten, auch für die seinige. 

Als Runeberg’s Arbeit erschien, hatten wir die Sichtung 
unseres Materiales fast beendet. Aas äusseren Gründen hat sich 
unsere Publikation verzögert, wir hoffen aber, da unsere Re¬ 
sultate denn doch erheblich andere sind, dass sie auch jetzt noch 
einigen Werth besitzt. 

Will man die Frage nach dem Einfluss der Lues überhaupt 
beantworten, so muss unserer Ansicht nach vor Allem sicher 
stellen, dass die betreffenden Kranken wirklich Lues gehabt haben. 

Wir haben desswegen unseren Nachforschungen die Kran¬ 
kengeschichten der medizinischen Klinik zu Jena zu Grunde ge¬ 
legt, die wir von 1860 an gut geführt vorfanden. Es lässt sich 


auuehiueii, dass in einer kleineren Klinik der Direktor die Kran¬ 
ken sämmtlich persönlich gesehen hat, und die Namen der Direk¬ 
toren, Leu bu sc her der Aeltere, Uh de, Gerhardt, 
Leube, Nothnagel, Kossbach, Stintzing, bürgen 
wohl dafür, dass die Diagnosen sekundäre und tertiäre Lues 
richtig gestellt sind. Wir glauben also, dass diese erste Forde¬ 
rung unser Material erfüllt. Wir konnten ferner hoffen, da 
die Bevölkerung in Thüringen verhültnissmässig wenig fluktuirt, 
bei unseren Nachforschungen gute Resultate zu erhalten und 
haben uns auch darin nicht getäuscht. Dio Nachforschungen 
wurden im Jahre 1900 in der Weise angestellt, dass wir uns 
an die Gemeindevorstände mit der Bitte um Auskunft wandten, 
ebenso an die Direktionen der Irrenanstalten und Krankenhäuser, 
die in Betracht kamen. In allen zweifelhaften Fällen, besonders 
aber bei den bereits Verstorbenen haben wir durch persönliche 
Rücksprache mit den Aerzten, den Angehörigen und Behörden 
uns möglichst genaue Auskunft zu verschaffen gesucht und 
sind in ganz Thüringen herumgefahren. Es standen uns für 
diese Reisen die Mittel der hiesigen Gräfin Bose-Stiftung zur 
Verfügung, für deren Gewährung wir der medizinischen Fakultät 
unseren Dank sagen. Besonderen Dank schulden wir ferner dem 
weimarischen Ministerium des Innern, das durch Anweisung an 
die Gemeindevorstände uns unsere Arbeit in der verständniss- 
vollsten Weise erleichterte. Wir legten den Nachforschungen 
folgendes Fragenschema zu Grunde: 


Name, Stand, 
ungefähres 

Alter 

Lebt 

Betreffender 

noch? 

Wann 

verstorben ? 
(Jahr) 

In 

Irrenanstalt 

und wo? 

Sind Nerven- 
oder Rücken¬ 
marks¬ 
krankheiten 
bekannt? 

Ist die letzte 
Krankheit 

bekannt? 

Hat 

Betreffender 

Kinder? 

Sind Kinder 
gestorben und 
| in welchem 
Alter? 

Wenn Betreffender 

verzogen, 

wohin ? 

Geburts- und Todesjahr 
möglichst genau 











Wir fanden 1250 Krankengeschichten sekundärer Lues (meist 
mit Inunkt ionskur, vereinzelt auch mit Einspritzungen von 
Quecksilberpräparaten behandelt) und 300 Krankengeschichten 
tertiärer Lucs (mit Ilg und Jod behandelt). Das Prozentverhält- 
niss der Aufnahmen stellt sich also so, dass 24 Proz. der auf¬ 
genommenen Luetischen an tertiärer Syphilis erkrankt waren, 
ein Verhältniss, das sich mit einer Angabe N e u m a n n ? s, 
22 Proz. für das Wiener Material, gut deckt. Es sagt diese Zahl 
natürlich nichts über den Prozentsatz aus, in dem tertiäre Formen 
Auftreten. Wir können daher auf Grund unserer Feststellungen 
diese Frage nicht beantworten. Die darüber vorliegenden Sta¬ 
tistiken sind übrigens erst kürzlich von Lion [3] zusammen¬ 
gestellt worden. Sie schwanken zwischen 7 Proz. (L i o n) und 
20 Proz. (Lenz). Auch auf den Einfluss der intermittironden 
Behandlung auf die Häufigkeit des Tertiarismus können wir nicht 
eingehen, da wir von unseren Kranken nur wissen, dass sie ein¬ 
mal spezifisch behandelt sind. 

Von unseren insgesammt 1570 Kranken haben wir von 698 
sichere Auskunft erhalten, und zwar erfuhren wir das Schick¬ 
sal von 568 sekundären und von 130 tertiären Luetikern. 

Von den sekundären Fällen waren bis zum Schluss des 
Jahres 1900 150, von den tertiären 52 bereits verstorben. Wir 
erfuhren die Todesursache bei 114 von den Sekundären und bei 
46 von den Tertiären. 



Um einen genauen Lieber bl ick zu geben, aus welchen Jahren 
die einzelnen Kranken stammen, haben wir die beistehende Kurve 


gezeichnet, auf der zugleich die Gesammtfrequenz der Klinik ver¬ 
gleichsweise angegeben ist. 

Es geht aus dieser Kurve hervor, dass die Fälle sich ziemlich 
gleiehmässig vertheilen und keineswegs zum grösseren Theil aus 
den letzten Jahren stammen. 

Ein Rückschluss dagegen auf die Häufigkeit der Lues in 
Thüringen aus der Aufnahmeziffer für Syphilitische im Verhält¬ 
niss zur Gesammtfrequenz der Klinik scheint uns unstatthaft. 
Zwar sind in den 60 er und 70 er Jahren verhältnissmässig viel 
mehr Lueskranke aufgenommen als später, aber es lässt sich wohl 
annehmen, dass jetzt viel mehr Syphilitische ausserhalb der 
Klinik behandelt werden wie früher. Es kommt hinzu, dass in 
diesen beiden ersten Jahrzehnten in Jena noch kein Garnisons- 
lazareth bestand, so dass auch die luetisch infizirten Militär¬ 
personen damals der Klinik überwiesen wurden. 

Nach dem Gesell lochte vertheilen sich unsere Kranken ziem- - 
lieh gleiehmässig. Von den sekundären Luetikern waren 282 
Männer, 286 Frauen, von den tertiären 60 Männer, 70 Frauen. 
Was Stand und Lebensstellung der Erkrankten anbelangt, so 
finden sich beinahe alle Stände vertreten, namentlich ist die 
Zahl der Gebildeten nicht unbeträchtlich. Die Hauptmasse 
wird aber naturgemiiss 
von Patienten der unte¬ 
ren Stände geliefert. 

Wir wollen zunächst 
dio Todesfälle und zwar 
die, von denen wir die 
Diagnosen der Todes¬ 
ursachen erfahren haben, 
betrachten, weil diese ein 
abgeschlossenes Material 
darstellen. Es sind das 
insgesammt 160 sekun¬ 
däre und tertiäre Fälle, 
von denen die wichtigsten 
Todesursachen in bei¬ 
stehender Kurve darge¬ 
stellt sind. 

Man muss sich bei 
der Betrachtung dieser 

graphischen Darstellung natürlich vor Augen halten, dass diesen 
160 Todten rund 500 noch Lebende gegenüber stehen, so dass man 



No. 6. 


S 


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222 


MUENCHENER MEDICJINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


Schlüsse auf die Todesursachen der Gesammtheit nicht ziehen 
darf. Die Darstellung soll vielmehr nur einen Ueberblick ge¬ 
währen. Für die genauere Betrachtung ist es besser, die sekun¬ 
dären und tertiären Fälle gesondert zu behandeln. 

Wir fügen hier desshalb die genauen Angaben ein. 

Als Todesursachen von 114 bereits verstorbenen sekundären 
Luetikern wurde festgestellt: 

36 mal Phthisis pulni., 

20 mal Zirkulationskrankheiten, und zwar: 

10 mal Apoplexien lm Alter von 35 Jahren (bei der Infektion 31) 
52 (44), 73 (68), 35 (24), 41 (40), 48 (43), 41 (26), 46 (38), 65 (53), 
43 (29), 

1 mal Aortenaneurysma 45 (44), 

3 „ Wassersucht 49 (26), 62 (55), 62 (39), 

1 ., Herzliihmung 27 (22), gleichzeitig Potatorlum, 

5 „ Herzfehler lm Alter von 37 (31), 51 (28), 38 (20), 51 (29), 
50 (25) Jahren, 

7 mal Krebs, 

4 „ Sulcldium, 

10 „ Unfall bezw. ln den Kriegen gefallen, 

5 ,. progressive Paralyse 64 (57), 42 (28), 52 (24), 35 (21), 61 (52) 

Jahre alt, 

1 „ Tabes lm Alter von 47 (34) Jahren, 

1 „ Myelitis luetica im Alter von 27 (21) Jahren (Sektion), 

1 ., Meningitis 53 (25) Jahre, 

2 ., Psychosen (Manie und Paranoia) 26(25), 55(28) Jahre, 

1 ,. BulbÜrparalyse 55 (41) Jahre, 

3 „ Folgezustände der Lues (III. Lues), 1 mal Lues laryngis, 

2 mal ohne nähere Angabe, 

4 „ Pneumonie, 

2 „ Pleuritis, 

3 „ Typhus, 

1 „ Diphtherie, 

1 „ Kindbett fleber, 

1 „ Leisteubruch, 

1 „ Potatorlum, 

1 „ Ulcus ventriculi, 

1 „ Metritis, 

2 „ Asthma 58 (28), 70 (42), 

2 „ allgemeine Schwäche 50 (43), 50 (25), 

2 „ rheumatische Leiden, 

1 „ Leberleiden. 

1 „ Diabetes mellitus. 

In 36 Fällen konnten die Todesursachen nicht ermittelt 
werden. 

Als Todesursachen von 46 bereits verstorbenen tertiären 
Luetikern wurden festgestellt: 

7 mal Phthisis pulmonum, 

11 ., Zirkulationskrankheiten und zwar 

S Apoplexien im Alter von 51, 55, 10. 47, 52, 70, 38, 61 Jahren, 

2 Herzfehler im Alter von 57. 37 Jahren, 

1 Wassersucht lm Alter von 52 Jahren, 

3 mal bösartige Geschwülste (2 Karzinome, 1 Sarkom), das eine, 

eine diffuse Karzinose des Peritoneums, durch Sektion 
kontrollrt, 

1 mal Suicid., 

2 „ Tabes, 37 und 50 Jahre. 

2 „ progressive Paralyse, 37 und 50 Jahre, 

1 „ Bulbärparalyse, 50 Jahre. 

2 „ Lues cerebri (Sektion), 29 und 34 Jahre, 

1 „ Meningitis, 39 Jahre, 

1 „ Hirnabszess (Sektion), 44 Jahre, 

4 „ Pneumonie, 

1 „ Sepsis, 

1 „ Nervenfieber. 

2 „ chronische Nierenleiden, 

3 „ Altersschwäche, 77, 69 und 64 Jahre. 

1 „ Gallensteine, 

1 „ Magenleiden, 60 Jahre, 

1 „ Gehirnleiden. 

1 ,. Wasserleiden (es ging kein Wasser mehr; von Tabes¬ 
symptomen beim Examen der Angehörigen nichts er¬ 
wähnt), 44 Jahre alt. 

Aus den Diagnosen lässt sich meist ersehen, welche Fälle 
durch Sektion kontrolirt sind, für die wichtigsten haben wir die 
Angaben hinzugefügt. 

Von 6 Fällen ist die Todesursache nicht ermittelt worden. 
Auffallend scheint zunächst der sehr hohe Prozentsatz der an 
Phthisis pulmon. Verstorbenen bei den sekundären Fällen. 
36 Fälle, d. h. 24 Proz. aller, 31,5 Proz. der Fälle mit ermittelter 
Todesursache sind an Tuberkulose zu Grunde gegangen. Von 
diesen erfolgte in 28 Fällen der Tod zwischen dem 20. und 
40. Lebensjahre, d. h. in 38,5 Proz. unserer Todesfälle dieses 
Alters. In 8 Fällen tüdtete die Tuberkulose zwischen 40. und 
60. Lebensjahr, d. h. nur in 12 Proz. der Todesfälle dieses Alters. 

Unter den Fällen von tertiärer Lues finden sich nur 
7 Phthisiker, darunter 2, die unter 40 Jahren gestorben sind. 

Augenscheinlich hängt diese Differenz zwischen tertiären 
und sekundären Fällen mit dem Lebensalter zusammen. Das 
erreichte Durchschnittsalter der tertiären Fälle betrug nämlich 


50,2 Jahre, das der sekundären nur 41,2 Jahre. Das Durch¬ 
schnittsalter der sekundären luetischen Phthisiker beträgt sogar 
nur 37 Jahre. 

Zwischen das 30. und 50. Lebensjahr fallen aber die meisten 
Phthisen, so zeigt z. B. die Tuberkulosestatistik für Hamburg 
von Sieveking [5] ein starkes Anwachsen der Tuberkulosesterb¬ 
lichkeit für beide Geschlechter zwischen diesen Jahren. 

Die Zahl der an Tuberkulose gestorbenen sekundären Lue¬ 
tiker ist auch nur auf den ersten Blick eine erschreckend hohe, 
denn man darf natürlich nicht ausser Acht lassen, dass unsere 
Luetiker zur Zeit der Infektion bereits das 20. Lebensjahr er¬ 
reicht oder überschritten hatten. Die Todesursachenstatistik für 
das Reich von R a h t s [6] ergibt nämlich, dass die Mortalität an 
Tuberkulose zwischen dem 15. und 60. Jahre 33,35 Proz. für das 
Jahr 1897, 32 Proz. für das Jahr 1898 von der Gesammtmortalität 
betrug. Das sind also Zahlen, die von den unserigen nicht ab¬ 
weichen und wir können also keinesfalls folgern, dass eine über¬ 
standene Lues etwa eine Prädisposition für Tuberkulose abgäbe, 
lieber den Zusammenhang von Syphilis und Lungenschwindsucht 
ist übrigens verhältnissmässig wenig bekannt. Eine Zusammenstel¬ 
lung der älteren Literatur findet sich bei van Itiemsdijgk [8], 
der unter P e e l’s Leitung arbeitete. Er kommt zu dem Schluss, 
das eine recente Lues eigentlich nur auf floride Phthisen einen 
ungünstigen Einfluss habe, dass aber ein solcher der chronischen 
Formen beiderseits nicht zu konstatiren sei. 

Die neueren Meinungsäusserungen über diese Frage wider¬ 
sprechen sich auffallend. Wir wollen nur zwei derselben an¬ 
führen. v. Sokolowski [9] meint, dass die konstitutionelle 
Lues als allgemein schwächendes Moment eine hervorragende 
Rolle in der Aetiologie der Lungentuberkulose spiele. Er fand 
übrigens unter 8074 Phthisikern nur 242 Fälle von zugestandener 
Lues, d. h. 3 Proz. 

Portulacis dagegen und Montaverdi [10,11] sindgeneigt, 
der Lues einen direkt heilsamen Einfluss auf den tuberkulösen 
Prozess zuzuschreibem Portulacis fasst seine Ansicht in 
folgenden Schlusssätzen zusammen: La Syphilis greffee chez un 
phthisique arrete le marche de la phthisie und La syphilis greffee 
chez un phthisique devient une syphilis benigne. 

• Aus unseren allerdings kleinen Zahlen würde sich, wie schon 
bemerkt, ein Einfluss der Lues auf die Tuberkuloeesterblichkeit 
weder in dem einen, noch in dem anderen Sinne folgern lassen. 
Höchstens könnte erwartet werden, dass zu dem Zeitpunkt, wo 
alle unsere Fälle abgestorben sind, sich der Prozentsatz der an 
Tuberkulose Verstorbenen noch erniedrigte, da bei dem jetzigen 
Durchschnittsalter (41,2 und 50,2 Jahre) die Tuberkulose ihre 
Haupternte wohl 6clion gehalten hat. 

Aehnliche vergleichbare Zahlen, wie für die Tuberkulose, 
finden sich in der Reichsstatistik nur noch für wenige Todesarten, 
so z. B. für die krupöse Pneumonie, die in 7,3 Proz. den Exitus 
im Alter zwischen 15—60 Jahren herbeiführte. Wir finden sie 
für 160 Todesfälle 8 mal, d. h. in 5 Proz. angegeben. 

Namentlich ist zu bedauern, dass es für die Sterblichkeit 
an Zirkulationskrankheiten eine brauchbare und vergleichbare 
Statistik nicht gibt. Der Prozentsatz unserer Todten, die so zu 
Grunde gegangen sind, scheint ein ziemlich hoher, aber wir haben 
# nirgends eine Angabe gefunden, wie viel Prozent der Menschen 
normaler Weise an Erkrankungen der Zirkulationsorganc 
sterben. 

Desshalb müssen wir uns begnügen, einfach unsere Zahlen 
zu geben. Von 668 sekundär Luetischen sind bisher 20, von 130 
tertiär Syphilitischen 11 Personen an Zirkulationskrankheiten 
gestorben, d. h. 3,5 Proz. bezw. 8,4 Proz. 

Rechnet man nur auf die Todten, so lauten die Zahlen für 
sekundär Luetische 13,5 Proz. aller Todesfälle, 16 Proz. auf die 
mit ermittelter Todesursache; für tertiär Luetische 23 Proz. 
aller Todesfälle, 28 Proz. auf die mit ermittelter Todesursache. 

Für die Zirkulationskrankheiten lässt sich nun nicht hoffen, 
wie für die Tuberkulose, dass sie bei dem verhältnissmässig 
hohen Durchschnittsalter der noch Lebenden ihre Haupternte 
schon gehalten haben, die Zahlen werden sich später also noch 
ungünstiger gestalten. Wir erfahren aber aus ihnen auch nichts 
Direktes über die Rolle, welche die Lues dabei gespielt hat. Den 
einzigen Anhaltspunkt gibt uns vielleicht die Betrachtung der 
Apoplexien nach derem Lebensalter, während eine solche für die 
Herzfehler, die ja durchaus nicht durch Lues bedingt sein müssen, 


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11. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


223 


schon unerlaubt erscheint. Auch für den Fall von Aortenaneu¬ 
rysma, der bereits ein Jahr nach Infektion mit Lues starb, dürfte 
die ätiologische Bedeutung der Syphilis wohl zweifelhaft sein. 

Von den 18 angegebenen Apoplexien, die 11 Proz. der er¬ 
mittelten Todesursachen ausmachen, sind gestorben: 4 unter 
40 Jahren, 6 zwischen 40 und 50 Jahren und 8 jenseits 50 Jahren. 

Die ersten vier können wir wohl unbedenklich als durch die 
Eues hervorgerufen ansehen; nehmen wir von der zweiten Ka¬ 
tegorie zwischen 40 und 50 Jahren nur die Hälfte als luetisch 
bedingt an, so würden wir immerhin 7 luetische Apoplexien 
zählen, das heisst, wenn man so kleine Zahlen überhaupt ver¬ 
werten will, auf 100 Infizirte 1 Proz. und auf 160 Todte mit 
ermittelter Todesursache 4,4 Proz. 

Bemerkt mag noch werden, dass für die sekundären Fälle, 
und nur für diese konnten wir naturgemäss die Zeit der In¬ 
fektion präzis ermitteln, der Tod an Zirkulationskrankheiten 
durchschnittlich 11 Jahre nach der Infektion erfolgte. 

Die Aussichten der Luetischen, an Zirkulationskrankheiten, 
speziell an Apoplexien, frühzeitig zu Grunde zu gehen, sind 
daher nach unseren Zahlen keine ganz unbedenklichen, ein Be¬ 
fund, der ja auch der allgemeinen Annahme entspricht. Auf¬ 
fallend, aber wohl durch psychische Einflüsse erklärbar, ist die 
relativ hohe Prozentzahl von Suiciden, die 3,1 Proz. der Fälle 
mit ermittelter Todesursache beträgt. Die ebenfalls auffallende, 
noch höhere Zahl der Unglücksfälle wird in erster Linie durch 
die im Kriege Gefallenen bedingt. Bei 7 Fällen sekundärer 
Lues, bei 2 Fällen tertiärer Form finden wir Karzinom als Todes¬ 
ursache angegeben, davon sind nur 2 Fälle durch die Sektion 
kontrolirt, so dass immerhin Verwechslungen mit tertiären 
luetischen Prozessen möglich sind. Die Zahl ist insgesammt zu 
klein, um Schlüsse hieraus zu ziehen. Im Uebrigen sei für die 
Frage nach dem Zusammenhang zwischen Karzinom und Lues 
auf das schöne Sammelreferat Bennecke’s [12] verwiesen, das 
derselbe 1891 in den S c h m i d t’schen Jahrbüchern publizirt hat. 

(Schluss folgt.) 


Aus der kgl. Universitäts-Poliklinik Tübingen 
(Prof. Dr. v. Jürgeneen). 

Beitrag zur Kenntniss der Lungenphthise im Säug¬ 
lingsalter (mit Kasuistik). 

Von Dr. Alexander Qurin, Assistenzarzt. 

Die Diagnose der Lungentuberkulose im frühesten Kindes¬ 
alter bereitet erheblich grössere Schwierigkeiten, als im vor¬ 
gerückteren, bezw. bei Erwachsenen. Eine gewisse Altersgrenze 
ist ungefähr durch das 5.—6. Lebensjahr (H o n o c h) gegeben. 
Von diesem Zeitpunkte an nach aufwärts sind die klinischen 
Erscheinungen der Lungentuberkulose in der Hauptsache die 
gleichen. In den ersten 5 Jahren hingegen ist der Ausbruch 
der örtlichen Erkrankung ein durchaus unbestimmter. 

In der Mehrzahl der Fälle ist das prävalirende Leiden die 
Drüsentuberkulo6e und es entsteht die Lungenerkrankung erst 
sekundär in Folge Durchbruchs verkäster Bronchialdrüsen 
in einen Bronchus. Dieser Vorgang kann sich an jeder beliebigen 
Stelle der Lungen, wo Bronchialdrüsen den Luftwegen anliegen, 
abspielen: Vor Allem am Hilus, jedenfalls nicht an der Spitze. 

Eine weitere Entstehungsursache der Lungentuberkulose im 
Kindesalter bilden die so häufig im Anschluss an manche Infek¬ 
tionskrankheiten, vor Allem an Masern und Keuchhusten, auf¬ 
tretenden Bronchopneumonien. Auch diese haben ihren Sitz 
nicht in der Spitze, sondern aus mechanischen Gründen meistens 
in den Unterlappen zu beiden Seiten der Wirbelsäule. 

Aus diesen einleitenden Worten erhellt zur Genüge, wie es 
ja auch durch die Erfahrung sämmtlicher Aerzte bewiesen ist, 
dass und warum der Sitz der örtlichen tuberkulösen Lungen¬ 
erkrankung im frühen Kindesalter ein wesentlich anderer ist, 
als wie bei Erwachsenen, bei denen die Spitzenaffektion den Aus¬ 
gangspunkt bildet. 

Hinsichtlich der Verbreitung über die einzelnen Jahre ist 
das erste Lebensjahr nach allen mir zu Gebote stehenden grösseren 
Statistiken am wenigsten von der Tuberkulose') heimgesucht. 

‘) Die 3 angeführten Statistiken beziehen sich auf die tuber¬ 
kulöse Infektion im Allgemeinen. Die Lungentuberkulose als 
solche wird natürlich noch einen viel geringeren Prozentsatz ab¬ 
geben. 


So kommen z. B. nach Lannelongue von 1005 kindlichen 
tuberkulösen Leichen auf das 1. Lebensjahr nur 8,7 Proz., nach 
Biedert von 1308 nur 7 Proz. Andere Zusammenstellungen 
geben noch geringere Werthe an: Müller sah unter 150 kind¬ 
lichen tuberkulösen Leichen das erste Lebensjahr nur 3 mal ver¬ 
treten, i. e. 2 Proz. 

Nach C o r n e t kommt die Tuberkulose in den ersten 3 bis 
4 Wochen so gut wie gar nicht vor und ist auch in den ersten 
Monaten noch äusserst selten. 

Eine grosse Anzahl der kindlichen Lungentuberkulosen führt 
wie bei Erwachsenen zur Phthisis. So sehen wir z. B. nach 
D e m m e von 1932 tuberkulösen Kindern (1.—15. Jahr) 10,6 Proz. 
Lungenphthisen. 

Was aber von der Häufigkeit des Vorkommens der Lungen¬ 
tuberkulose im 1. Lebensjahr gesagt ist, gilt in besonderem Grade 
von der Phthise. „Kavernenbildung in grösserem Umfange ist 
im frühen Kindesalter nicht häufig. Während kleinere H^frl- 
räumo bei Sektionen öfters gefunden werden, kommen solche 
von grösserer Ausdehnung nur dann und wann zur Beobachtung“ 
(Denni g). Analog dem Sitz der tuberkulösen Erkrankung 
finden wir auch die Erweichungsherde, i. e. die Kavernen bei 
kleinsten Kindern meistens im Unterlappen, jedenfalls fast nie 
in der Spitze. Die Kasuistik dieser Fälle grösserer Kavernen¬ 
bildung bei Kindern unter 1 Jahr ist eine kleine. So sah 
Weber bei einigen Kindern, die noch nicht 3 Monate alt 
waren, grosse Kavernen im Unterlappen. H e n o c h beschreibt 
derartige Befunde bei Kindern von 4, 7, 8 und 10 Monaten, 
D e m m e bei einem Säugling von 11 Wochen. 

Auch hier in Tübingen sind diese Fälle von Lungenphthise 
mit grösserer Kavernenbildung im frühesten Kindesalter äusserst 
selten. Im Mai v. J. kam ein solcher bei einem 5 monatlichen 
Säugling in hiesiger Poliklinik zur Beobachtung, nachdem viele 
Jahre vergangen waren, seitdem wir bezw. das pathologische 
Institut Gelegenheit hatten, die Entwicklung einer derartigen 
Lungenerkrankung im frühesten Kindesalter zu verfolgen, bezw. 
eine solche pathologisch-anatomisch zu untersuchen. 

Die Veröffentlichung dieses Falles geschieht nicht nur, um 
die allerdings sehr kleine Kasuistik noch um einen solchen zu 
bereichern, sondern vor Allem wegen des äusserst eigenartigen 
und interessanten Verlaufes der Erkrankung: Es verlief die¬ 
selbe nämlich bei diesem Säugling, abgesehen von der Ent¬ 
stehungsursache, genau wie bei einem Erwachsenen und zeigte 
auch pathologisch-anatomisch dieselben Manifestationen, wie im 
späteren Alter. Ich lasse zunächst im Auszuge die Kranken¬ 
geschichte und das Sektionsprotokoll folgen: 

Anamnese. G. R., 5 Monate alt, aufgenommen am 1. V. 01, 
wurde als sehr kräftiges Kind geboren und entwickelte sich In 
jeder Welse gut; es war ln den ersten Monaten niemals krank. 
Beide Eltern des Kindes leben und sind durchaus gesund, ebenso 
eine 3 Jahre alte Schwester. Die Grosseltern leben z. Th. noch; 
die gestorbenen litten an Herzfehler. Hereditäre Belastung nach¬ 
weislich nicht vorhanden. 

Vor 9 Wochen erkrankte das Kind an einem kurzdauernden, 
leichten Magenkatarrh, blieb jedoch seit dieser Zeit in seinem Er¬ 
nährungszustand zurück, habe auch des Oefteren an Katarrhen 
und Husten gelitten. Eine Verschlimmerung dieses Hustens ver- 
anlasste die Mutter, das Kind aufuehmen zu lassen. 

Status. Das Kind ist In schlechtem Ernährungszustand, 
Hautfarbe anämisch, Augen von tiefen Ringen umgeben. Fett¬ 
polster geschwunden. Die Haut schlaff, besonders an den Ex¬ 
tremitäten, bleibt beim Aufheben In Falten stehen. Am Thorax 
sieht man die Zwischenrippenrüume eingesunken, an den Rippen 
selbst leichte Verdickung der Knorpelknochengrenzen. Das Ab¬ 
domen ist etwas aufgetrieben: die atrophischen Rauchwände lassen 
die einzelnen Darmschlingen durchschimmern. Am harten Gaumen 
vereinzelte Soorkolonien. 

Herz: Nichts Pathologisches. Puls frequent (150), klein, je¬ 
doch regelmässig. 

Lungen: Die Athmungsfreqenz ist sehr gesteigert (54). ober¬ 
flächlich, mit besonderer Betheiligung der linken Thoraxhälfte 
an derselben. Bei jeder Inspiration ziehen sich die 
unteren seitlichen Thoraxpartien stark ein. — 
Zwerchfellstand H. R. 7., H. L. 8. Brustwirbel, V. R. in der 
Mammillarllnle V. Interkostalraum. Die Perkussion ergibt nir¬ 
gends eine Schallabschwächung. Auskultation: TJeher der ganzen 
linken Lunge lautes pueriles Vesikulärathmen. Ueber der ganzen 
r. Lunge ist das Athmungsgeräusch abgeschwächt. Ueber beiden 
Lungen hört man mittel- und feinblasige, nicht klingende, feuchte 
Rasselgeräusche. 

Bauchorgane ohne pathologischen Befund. 

Therapie: Kalte Uebergiessungen in warmem Bade, Priess- 
n 11 z’sche Einpackungen des Körpers. Ernährung durch Kinder¬ 
mehl. Bekämpfung des Soor durch Solut natr. biborac. 

2 * 


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MDENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


2. V. Besonders in der Nacht starke, mehrere Minuten an¬ 
dauernde Hustenanfälle. Lungenbefund unverändert. Tiefe in¬ 
spiratorische Einziehungen. 

4. V. Ueber der r. Lunge ist der Perkussionsschall heute ab* 
geschwächt, ohne dass eine zirkumskripte Dämpfung nachweisbar 
wäre. Das Athmungsgcriiuscli bleibt hier auch abgeschwächt. 
In den letzten Tagen ist das Kind sichtlich abgefallen. 

0. V. Ueber dem ganzen r. Oberlappen deutliche Dämpfung, 
nach vorne bis zur IV. Rippe, nach hinten bis zum VI. Brustwirbel 
reichend. Vom VI.—VIII. Wirbel hellt sich die Dämpfung wieder 
deutlich auf. Athmungsgeräusch leicht bronchial, Rasselgeräusche 
etwas klingend. — Die Soorkolonien sind im Abnelimeu begriffen. 

8. V. Starker Verfall der Kräfte. Ueber dem r. Oberläppen 
feste Dämpfung mit lautem Bronchialathmen; laute klingende 
Rasselgeräusche. 

10. V. Die klingenden Rasselgeräusche nehmen metallischen 
Charakter an. Nach einem Hustenstoss gelingt es, mit dem Finger 
aus der Rachenhöhle schleimig-eitriges Broncliialsekret zu erhalten, 
in welchem zahlreiche Tuberkelbazillen gefunden werden. 

12. \. Die metnllisch klingenden Rasselgeräusche werden 
immer deutlicher. Ueber der 1. Spitze auch leichte Schallabschw.i- 
ehung ohne auskultatorischen Befund. 

14. V. 7 Uhr Nachmittag Exitus. 

Ueber die Temperaturen, Puls- und Athmuttgi*fi'ln}ueuz orieu- 
tiren folgende Kurven. 



♦ao 

330 

38,0 

«0 


Temperaturkurve. .Pultkurve. 


Respirationekurve. 


Sektions Protokoll (Prof. Dr. v. Bäüöigärten). 

Sehr stark abgemagerte Leiche, Haut ätrbphisch. — In der 
eronneten Bauchhöhle sieht man die Mesehterialdrüsen stark ver- 
grossert, bis linsen- und bohnehgrb*» Und in käsig aussehende 
Knoten verwandelt. — Nach LflEtUhg des Sternums ziehen sich 
die Lungen so gut wie gar hiebt zurück, namentlich die rechte 
ist in ihrer ganeen Ausdehnung mit der Thoraxwand verklebt. 
Die linke zieht sich etwas von der Brustwand zurück. Vom Herz¬ 
beutel ist nichts au sehen; die Lungenränder berühren sich. Die 
Lungen sind vergrössert. von käsigen Knoten dicht durchsetzt. 
Beide^ Pleurahöhlen frei von Flüssigkeit. 

Gehirn und Rückenmark anämisch, sonst normal. 

Magen- und Darmkanal: Im Ileum zeigen sich an 
Stelle der P e y e r’scheu Plaques ganz frische, eben ln gesellWü- 
rigem Zerfall begriffene käsige Ihttltrnte. 

Herz: Herzflelseh blass, sonst normal. 

Lungen und H u U o r g a nei Ah« dem durchschnittene^ 
linken Hauptbronchus entleert sich dickes, schleimig-eitriges 
Sekret. Die im linken Hllus gelegenen BronehialdrUsen sind 
nur wenig vergrössert Der Rand scharf, driS Gewebe, nameut- 
Ohorln l>l»'i‘. durchsetzt von Zahlreichen derben Herden 
die dicht aneinander gelegen sind ünd nur noch schmale Brücken 
normaien Gewebes zwischen sich lassen. Im Unterlappen sind 
die Knoten kleiner und spärlicher, vielfach nur miliar. Die Pleura 
ist überall glanzend, glatt und durchsichtig. 

Auf dem Durchsclmitt finden sich ln der künstlich aufge¬ 
blasen« n Lunge innerhalb des übrigens völlig lufthaltigen Gewebes 
sehr zahlreiche erbsen- und darüber grosse, nicht runde, sondern 
unregelmassig oft kleeblatt- oder traulienförmig konfigurirte 
Knotehen von durchweg gleichmässiger käsiger Beschaffenheit. 
Nirgends zeigt sich in den Herden auch nur der Beginn einer Er¬ 
weichung. Die r echte Lunge ist total mit der Thoraxwand 
vorwachsen durch dünne, grösstentheils leicht lösliche Adhäsionen, 
nur die Spitze ist stärker verwachsen. Hier findet sich auch eine 
grossere Kaverne, die einen erheblichen Theil des Überlappen« 
einnimmt; dieselbe lmt etwa das mittlere Drittel des Oberlappens 
vollständig zerstört und reicht nach unten bis zur Interlobular¬ 
spalte. Die Wand der Kaverne ist unregelmässig zerklüftet, zeigt 
aber nirgends eine eigentlich trabekuläre Beschaffenheit, auch ist 
nichts von einer schwieligen Abgrenzung zu bemerken, sondern 
sie geht unmittelbar über in käsige Zerfallsmassen, die sich auf 
dem Boden der angrenzenden käsigen Herde gebildet haben. 

Die Kaverne kommunzirt offen mit grösseren Bronchien und 
enthält einen schmierigen, nicht deutlich mit käsigen Bröckchcn 
vermengten Inhalt. m 

, l )ie t “fc** kavernös zerfallenen Theile des Oberlappeiis sind 
knotig infiltrirt. die Knoten haben etwa die Beschaffenheit wie 
links, ebenso der mittlere und der untere Lappen. 

Im l'nterlappen. der sich im Allgemeinen sehr derb, fast 
hepatisirt anfiihlt. finden sich ebenfalls käsige Herde, die aber 
kleiner sind als im Oberlappen, sie haben hier theilweise nur 
miliare Grösse. 

An dieser Lunge findet sich sehr deutlich eine grossartige 
Intumeszenz der Bronchlaldrüsen, die den Hauptbronchus um¬ 
gürten und in Verbindung stehen mit grossen käsigen Drüseu- 


gruppen längs der Bruatwirbelsäule. Die Bronchien sind beider¬ 
seits von reichlichem, schleimigen Sekret erfüllt und zplgen bis 
iu die feinstell Aeste hinein eine geröthete und geschwellte 
Schleimhaut. 

Die Tonsillen sind zerklüftet durch starke Lakuiienbilduog. 
makroskopisch ohne Tuberkel, ebensowenig Sind am Pharynx 
käsige Follikel zu sehen. Da und dort finden sich am Zungengrund 
und auch an den Gaunlenbögell kleine Soorreste. 

Die jugulnreh Lyinphdrüseh sind stellenweise in käsige, über 
bohnohgrofcse Knollen umgewandelt. ebenso findet sich in der 
i'eehteh Inguinalgegend eine über erbsengrosso, verkäste Lymph- 
drüse. 

Genitalien: Normal. 

Peritoneum, Milz: Die Milz ist etwa auf das Doppelte 
der normalen Grösse vergrössert; zeigt sowohl auf der Kapsel 
als auch im Innern stecknadelkopfgrosse käsige Knötchen in 
massiger Zahl. 

Nebennieren, Kiefen, itärüWegC: Die Niereü 
beiderseits blass. Solist liorhläi. Die Blase normal. 

Es handelt sich im vorliegenden Falle um einen hereditär 
häehweisbar nicht belasteten, durch schlechte und unzweck- 
rnässige Ernährung jedoch stark geschädigten Organismus. Bei 
der Aufnahme besteht eine Bronchitis capillaris, in deren Gefolge 
wir diffuse bronchopneumonische Herde konsatiren können. 
Diese lokalisiren sich zunächst nur in der rechten, erst im 
späteren Verlaufe auch in der linken Lunge. — Klinisch Würde 
der Verdacht auf dife tuberkulöse Dorm der lobulären Pneumonien 
Jüfiäehst ciüreh die lange Dauer (Anamnese) der katarrhalischen 
Erkrankung gelenkt, verbunden mit der kontinuirlichen Abnahme 
der Kräfte. Während der Beobachtungszeit (14 Tage) wmrde der 
Verdacht gestärkt durch das kontinuirliche, unregelmässige 
Fieber und durch die sich langsam einstellenden Kavemen- 
symptome. Absolut gesichert wurde dann die klinische Diagnose 
noch durch den Nachweis von Tuberkelbazillen. 

Die pathologiseh-aftätobdsche Diagnose bestätigt die kli- 
hlsUhfc: (irossknotige Tuberkulose der Lungen in der Form der 
käsigen Lobulärpneumonie, besonders beider Oberlappen mit Bil¬ 
dung einer grossen Kaverne in der rechten Spitze. Se¬ 
kundär: Spärliche miliare Tuberkel in Leber und Milz und ver¬ 
einzelte frische Darmgeschwüre (entstanden durch verschlucktes 
Sputum). 

Es ist. dies ein ganz ausnahmsweiser Verlauf und eine seltene 
Lokalisation der Lungenphthise im Säuglingsalter, wie er bei 
Kindern unter % Jahr in der Literatur kaum verzeichnet ist. 
Dem me beschreibt noch das Vorkommen einer pfirsichkem* 
grossen Kaverne in einer Lungenspitze bei einem 12 Tage alten 
Kinde, jedoch neben anderen noch kleineren Kavernen im Untcr- 
lappefi. In vivo wurde hier die Diagnose auf Atelektasis pul- 
inohnfti gestellt. 

Dass die Diagnose einer Lungentuberkulose bezw. Phtiusc 
in diesem frühesten Kindesalter zu Lebzeiten in den meisten 
Fällen eine sehr schwierige und oft eine kaum zu stellende ist, 
wurde eingangs dieser Mittheilung schon angedeutet. Objektiv 
ist oft nur die immer mehr fortschreitende allgemeine Kachexie 
festzustellen. Geringer Husten, der auch vollständig fehlen kann, 
über den Lungen vereinzelte Rasselgeräusche ohne Verdichtungs¬ 
erscheinungen. geringe oder gar keine Fieberbewegungen — 
machen oftmals das ganze Krankheitsbild aus. Fehlt dann auch 
noch jeder anamnestische Anhaltspunkt, ist eine exakte wissen¬ 
schaftliche Diagnose wohl kaum zu stellen, höchstens eine Ver- 
muthungsdiagnose. 

Selbst wenn auskultatorisch Höhlensymptome vorhanden 
sind, ist hinsichtlich der Diagnose einer tuberkulösen Kaverne 
noch Vorsicht geboten. Es bietet in diesem frühen Alter die zarte 
Thoraxwand solch’ gute akustische Leitungsverhältnisse, dass das 
im Kehlkopf und der Trachea entstehende Athmungsgeräusch, 
zumal wenn hier etwas Katarrh vorhanden ist, leicht Höhlen- 
athmen und metallisch klingendes Rasseln, vermeintlich ent¬ 
standen mitten im Lungenparenchym, Vortäuschen kann. Anders, 
wenn man, wie in unserem Falle, bei genauer klinischer Beobach¬ 
tung, die Ilöhlenerscheinungen langsam entstehen sieht und den 
Uebergang vom klingenden zum metallisch klingenden Rasseln 
genau verfolgen kann. 

Die absoluteSi eher Stellung der Diagnose gründet 
sich allein auf den Nachweis von Tuberkel¬ 
bazillen im Auswurf, dessen Gewinnung bei kleinsten 
Kindern bekanntlich auch wiederum keine ganz leichte ist, da 
das Sputum nicht ausgeworfen, sondern verschluckt wird. Auf 
jeden Fall soll man bestrebt sein, in allen flüi Tuberkulose ver- 


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11. Februar 1902. 


225 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


dächtigen Fällen Bronchialsekret zu erhalten. Nach Epstein 
gewinnt man dasselbe am zweckmässigsten mittels Aspiration 
durch einen in die Rachenhöhle eingeführten elastischen 
Katheter. Ich selbst pflege mich einer ein¬ 
facheren Methode zu bedienen, die sich mir immer 
sehr gut bewährt hat: Nach erfolgtem stärkeren Hustenstoss 
gehe ich, bevor das Sputum wieder verschluckt wird, was fast 
nie sofort hinterher geschieht, mit einem sterilisirten, mit Gaze 
umwickelten Wattebäusehchen, oder in Ermangelung eines 
solchen, mit meinem, mit einem reinen Leinentuche umwickelten 
Zeigefinger in die Mundhöhle bis zum Zungengrund bezw. An¬ 
satz des Oesophagus ein und wische den Auswurf aus. Fehlt 
der Husten vollständig, so löse ich erst durch Berührung des 
Zungengrundes oder des Kehlkopfes einen Hustenanfall aus und 
verfahre dann nach obiger Weise. 

Zum Schlüsse erlaube ich mir, meinem hochverehrten Chef, 
Herrn Prof. v. J iirgensen, für die Ueberlassung dos Falles 
meinen besten Dank auszusprechen. 


Aus dem städtischen Krankenhause Berlin, Gitsehinerstr. 104/5. 

(Dirigirender Arzt: Prof. Dr. M. Litten.) 

Ueber Mastzellen. 

Von Dr. L. Michaelis, Assistenzarzt. 

Unter dem Namen Mastzellen beschrieb Ehrlich zuerst 
im Jahre 1877 eine Abart der Bindegewebszellen, welche durch 
eine reichliche basophile Körnelung ihres Protoplasmaleibes aus¬ 
gezeichnet sind. Diese Granula sind besonders dadurch cliarak- 
terisirt, dass sie sich mit geeigneten basischen Anilinfarben meta- 
chromatisch, das heisst in einer anderen Nüance als das andere 
Gewebe färben. Zur Zeit, als Ehrlich die erste Untersuchung 
über die Mastzellen veröffentlichte, waren von solchen basischen 
Farbstoffen nur wenige bekannt, das Methylviolett und einige 
andere diesem chemisch sehr nahestehende Farbstoffe (Dahlia, 
Gentianaviolett etc.). Heutzutage hat sich die Zahl der zur 
Metachromasie neigenden Farbstoffe bedeutend vermehrt; zu 
ihnen gehört eine grosse Zahl der Farbstoffe aus der Klasse der 
Thiazine und Oxazine. Ich nenne zum Beispiel das ebenfalls 
von Ehrlich eingeführte Thionin, das Toluidinblau und die 
verschiedenen „Kreeylviolette“ (Farbwerke Mühlheim). Alles 
dies sind violette bis blaue Farbstoffe und die Metachromasie der 
Mastzellenkörnchen äussert sich darin, dass sie sich stets mit 
einer mehr rothen Nüance färben als z. B. die Zellkerne. Auch 
das Methylenazur, von dem ich nachgewiesen habe'), dass 
es das färbende Prinzip von Unna's polychromem Methylenblau 
ist, färbt Kerne blau, Mastzellenkörnchen roth. 

Der Name „Mastzellen“ wurde seiner Zeit von Ehrlich 
desshalb gewählt, weil er beobachtete, dass sich diese Zellen be¬ 
sonders reichlich in überernährtem Gewebe, so bei chronischen 
Entzündungsprozessen, finden. Obgleich es nicht nachgewiesen 
ist, dass das Vorhandensein der Mastzellen gerade mit dem Er¬ 
nährungszustände des Gewebes etwas zu thun hat, so hat sich 
dieser Name doch so eingebürgert, dass man ihn nicht nur auf 
die basophil granulirten Bindegewebszellen beschränkte, sondern 
ihn ohne Weiteres auch auf die basophil-granulirten Leukocyten 
übertrug. 

Das ist nämlich der erste wichtige Punkt, auf den ich hin- 
weisen wollte: Bindegewebsmastzellen und Blut¬ 
mastzellen sind nicht identisch. Die blosse mor¬ 
phologische Vergleichung beider Zellformen ergibt das ohne 
Weiteres. Die in jedem normalen Bindegewebe vorkommenden 
Mastzellen haben in der Mehrzahl einen viel mächtigeren Proto¬ 
plasmaleib, also die normalen Mastzellen des Blutes und Knochen¬ 
marks, und es hat wohl auch noch Niemand an der histiogenen 
Entstehung der Bindegewebsmastzellen gezweifelt, während Ehr¬ 
lich die histiogene Entstehung der eosinophilen Zellen des 
Bindegewebes leugnet, und diese alle für eingewanderte eosino¬ 
phile Leukocyten hält. Der Sprachgebrauch, sowohl die baso¬ 
phil-granulirten Zellen des Bindegewebes wie die des Blutes und 
der blutbildenden Organe, beide als „Mastzellen“ zu bezeichnen, 
ist so fest eingebürgert, dass man ihn nicht mehr ändern kann 
auf die Gefahr hin, dass beide Zellarten auch begrifflich durch¬ 
einander geworfen werden. Es wäre auch unzweckmässig, ver- 

') L. Michaelis: Das Methylenblau und seine Zersetzungs¬ 
produkte. Centralbl. f. Bakt etc. 1901. 

No. 6. 


schiedene Namen für beide Zellarten zu wählen, weil es bei 
Weitem nicht immer möglich ist, aus der blossen Gestaltung der 
Zelle zu erkennen, ob sie im Bindegewebe oder im Knochenmark 
entstanden ist. 

Ueber Mastzellen ist schon sehr viel gearbeitet worden, so 
dass es kaum möglich erscheint, dass eine wichtige Eigenschaft 
ihrer Körnchen noch wenig bekannt sei, ich meine ihre W asser- 
löslichkeit. Zwar ist es E h r 1 i c h schon bekannt gewesen, 
dass die Mastzellenkömchen leicht quellen und zerstört werden; 
zwar hat Unna schon beschrieben, dass bei seiner Methode mit 
polychromem Methylenblau metachromatisch gefärbte Höfe um 
die Mastzellen sichtbar werden können; ferner haben Türk 5 ), 
II i r s e h f e 1 d und Tobias'). Litten und ich *) gelegentlich 
des Disputes über die L o e w i t’schen Leukämieparasiten auf die 
Quellbarkeit der Mastzellenkörnchen hingewiesen; aber nirgends 
ist hervorgehoben worden, dass die trotz guter Fixation bestehen 
bleibende Wasserlöslichkeit der Mastzellen eine Fehlerquelle beim 
Suchen nach Mastzellen geben kann. 

Nicht alle Mastzellengranula sind in gleicher Weise wasser¬ 
löslich. Wäre dies der Fall, so hätte Ehrlich die Mastzellen 
niemals gefunden, denn er benutzte wässerige Farblösungen zum 
Färben. Nach meinen Untersuchungen liegen die Löslichkeits¬ 
verhältnisse der Mastzellengranula am klarsten bei den Mast¬ 
zellen des Blutes. Die äusserst spärlichen, im normalen Blut 
vorhandenen Mastzellen haben sehr widerstandsfähige Granula 
und man läuft keine Gefahr, sie durch Anwendung von wässerigen 
Farblösungen und Abspülen mit Wasser zu schädigen. Ganz 
anders verhalten sich die Mastzellen dos leukämischen Blutes. 
Selbst nach der bestmöglichen Fixation durch trockene Hitze 
verlieren sie ihre Wasserlöslichkeit nicht. Zum grössten Theil 
lösen sie sich schon im gewöhnlichen Wasser nach wenigen 
Minuten. Ganz besonders empfindlich sind sie aber gegen 
Alkalien. Das etwas alkalische und gleichzeitig wässerige poly¬ 
chrome Methylenblau von Unna, welches sich bei der Dar¬ 
stellung der Bindegewebsmastzellen so bewährt hat, gibt bei der 
Anwendung auf leukämisches Blut ganz trügerische Resultate. 
Kaum eine einzige Mastzelle bleibt bei Anwendung dieser Me¬ 
thode kenntlich; einige Granula pflegen verklumpt zu werden, 
bei Weitem die meisten aber werden einfach gelöst. Der zurück¬ 
bleibende Protoplasmaleib zeigt mitunter deutlich netzartige 
Struktur, als negativen Ausdruck des Granulabildes. 

Wenn man die Mastzellen des leukämischen Blutes voll¬ 
ständig darstellen will, so muss man rein wässerige Farbstoff¬ 
lösungen vollkommen vermeiden. Die Erfahrung hat mich ge¬ 
lehrt, dass die Mastzellenkörnchen schon in 50 proz. Alkohol 
vollständig unlöslich sind und gut erhalten bleiben. Bei den¬ 
jenigen Methylenblau-Eosinmischungen, welche durch Zusatz von 
Alkohol oder dergl. hergestellt werden, bleiben die Mastzellen gut 
erhalten, wenn man nur nach der Färbung recht kurz mit Wasser 
abspült. 

Um ganz sicher zu gehen, verfahre man folgendermaassen: 
Die mit Hitze oder Alkohol fixirten Präparate färbe man einige 
Minuten in einer gesättigten Lösung von Thionin*) in 50 proz. 
Alkohol, 5 Minuten oder beliebig länger, spüle kurz den Farb¬ 
stoff mit 50 proz. Alkohol ab, trockne und lege das Präparat in 
Kanadabalsam ein. Wasser wird also ganz vermieden. Die Mast¬ 
zellengranula werden rothbraun bis rothviolett, die Kerne blau. 

Der Unterschied eines auf diese Methode gefärbten und 
eines mit einer gewöhnlichen wässerigen Farblösung behandelten 
Präparates ist äusserst auffällig. Dass wirklich das Wasser der 
schädigende Faktor ist, beweist folgender kleine Versuch: 

Man färbe ein leukämisches Blutpräparat unter den ange¬ 
gebenen Kautelen, lege es in Kanadabalsam ein und überzeuge 
sich zunächst davon, dass die Mastzellenfärbung gut ausgefallen 
ist. Dann entferne man den Kanadabalsam durch wiederholtes 
Baden mit Xylol, trockne das Deckglas vollkommen und lege 
es eine halbe Minute in Wasser, lasse es wiederum trocknen und 


’) Tllrk: Ueber die Hämamöben Löwlt's im Blute 
Leukämischer. Verhandl. des Kongr. f. inn. Med. 1900, p. 251. 

*) Berl. med. Gesellsch., 9. Mai 1900. Dazu auch Bloch. 

‘) Litten und Michaelis: Ueber die Granula der Leuko¬ 
cyten etc. Med. Woche 1900. 

6 ) Manche Fabriken verkaufen unter dem Namen „Thionin“ 
einen anderen als den von den Chemikern so bezelchneten Farb¬ 
stoff. Man verlange Thionin Ehrlich-Hoyer von Dr. Grübler 
in Leipzig. Seine wässerige Lösung muss sich mit Na OH roth- 
braun färben. 


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226 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


bette es wiederum in Kanadabalsam ein. Dann wird inan kaum 
eine einzige noch wohl erhaltene Mastzelle finden. 

Die leukämischen Mastzellen sind aber auch sonst sehr em¬ 
pfindlich. Wenn man ein leukämisches Knochenmark, von dessen 
Reichthum an Mastzellen man sich in Abstrichpräparaten über¬ 
zeugt hat, in Paraffin oder Celloidin einbettet, so findet man auf 
den Schnitten keine einzige wohl erhaltene Mastzelle; man mag 
noch so vorsichtig einbetten, unter Vermeidung jedes plötz¬ 
lichen Wechsels der Temperatur oder der Flüssigkeit, so wird 
man zwar stets wohl erhaltene eosinophile Granula, niemals aber 
basophile Granula finden'). Von einer Auflösung kann hier 
nicht die Rede sein, denn ich habe mich überzeugt, dass auf Ab¬ 
strichpräparaten leukämischen Blutes die Mastzellengranula in 
keinem der bei der Paraffin- oder Celloidineinbettung gebräuch¬ 
lichen Mittel löslich sind. Es handelt sich vielmehr um eine 
eigenartige Verklumpung und Schrumpfung der Mast¬ 
zellengranula, indem gleichzeitig ihre Metaehromasie stark be¬ 
einträchtigt wird. Hin und wieder erkennt man auf Paraffin¬ 
schnitten nach Thioninfärbung eine leukämische Mastzellc an 
einer Spur von Metaehromasie des Protoplasma, niemals wird 
man aber die Granula einzeln erkennen können. Um leukämische 
Mastzellen auf Schnitten darzustellen, gibt cts nur eine Me¬ 
thode: 

Fixiren in 96 proz. Alkohol. R a s i e r m es s e r schnitte 
machen. 

Färben in der oben angegebenen Farblösung. 

Abspülen mit Alkohol, reines Wasser muss völlig vermieden 
werden, entwässern, einlogen in Canadabalsam. 

Wenn man ein eingebettetes Präparat und einen solchen 
Rasiermessersehnitt vergleicht, wird man über den Unterschied 
staunen: in jenem keine einzige wohl erhaltene Mastzelle, in 
letzterem in jedem Gesichtsfeld ein Dutzend typischer Mast¬ 
zellen. 

Wir hatten also zwei Sorten von Körnchen in Blutmast zellen 
kennen gelernt, die einigermaassen gegen Wasser resistenten des 
normalen Blutes und die leicht wasserlöslichen des leukämischen 
Blutes. Worauf mag nun dieser Unterschied beruhen? Es 
drängt sich die Antwort auf, dass die Wasserlöslichkeit ein 
Zeichen der jugendlichen, noch nicht voll entwickelten Mast¬ 
zellengranula ist, weil gerade im leukämischen Blut besonders 
jugendliche, unreife Zellen auftreten. 

Die bei der myeloiden Leukämie auftretonden Zellen haben 
alle den Stempel der Unreife an sich. Die neutrophilen und 
eosinophilen Zellen sind zum grössten Theil noch nicht multi- 
nukleär, sondern rundkernig: „Myelocyten“; die neutrophilen 
und eosinophilen Granula dieser Zellen haben noch die Eigen¬ 
schaft, in neutralen Farbgemischen eine gewisse Basophilie zu 
zeigen; Alles Zeichen der Unreife. Nur von den Mastzellen war 
bisher ein solches Zeichen der Unreife nicht bekannt. Die 
grössereWasserlöslichkeit ist offenbar dieses 
Zeichen der Unreife. 

Bisher war nur von den Mastzellen des Blutes und der 
blutbildenden Organe die Rede. Es gibt aber sicherlich auch 
unter den histiogenen Bindegewebsmastzellen wasserlösliche. 

War die leichte Zerstörbarkeit der Blutmastzellen schon 
einigen Forschem bekannt, so findet man über die etwaige 
Wasserlöslichkeit der Bindegewebsmastzellen nichts in der 
Literatur. Ja sogar einige Thatsachen, welche die Wasserlös¬ 
lichkeit ganz ausser Frage stellen, sind bisher nicht richtig ge¬ 
deutet worden. Es ist nach dem Gesagten äusserst wahrschein¬ 
lich, dass die von Unna beschriebenen Höfe um die Mastzellen 
der Anwendung des polychromen Methylenblaus ihre Entstehung 
verdanken. Dass sie nicht immer entstehen, liegt eben daran, 
dass der Grad der Wasserlöslichkeit auch der Bindegewebsmast¬ 
zellen wechselt. Auch Ramon y Cajal und Calleja’) be¬ 
schreiben solche Höfe. Ehrlich hat sie schon vor diesen 
Autoren gesehen. Er gibt sogar schon an, dass man die Höfe 
künstlich hervorrufen kann, wenn man mit Oxonin gefärbte 
Mastzellen in Glyzerin aufbewahrt. Das Glyzerin hat sich auch 
mir als ein dem Wasser analoges, nur langsamer wirkendes 
Lösungsmittel für Mastzellengranula erwiesen. Trotzdem hält 
Ehrlich die U n n a’schen Höfe nicht durchaus für Kunst¬ 
produkte; mit Recht, denn wie auf dem Objektträger die Mast- 

•) Ebensowenig gelingt es, nach den bei den Trocken 
Präparaten üblichen Methoden neutrophile Granula darzustellen. 

9 Literatur ln Ehrlich und Lazarus: Die Anämie; 1900. 


zellenkömchen allmählich ausgelaugt werden, so mag es im 
Leben auch sein; jedenfalls spricht nichts dagegen. 

Wenn cs aber so leicht zerstörbare Mastzellen auch im 
Bindegewebe gibt, so muss man alle die Vorsichtsmaassregcln 
auch hier anwenden, die man bei den Blutmastzellen nöthig 
hat. Auch die Einbettung in Celloidin oder Paraffin kann mit¬ 
unter Bindegewebsmastzellen zerstören und in ihrem Proto¬ 
plasma ein eigenartiges Spongioplasma hervortäuschen. An 
Rasiermesserschnitten sieht man auch im Bindegewebe von Kar¬ 
zinomen, in chronisch entzündetem Gewebe viel mehr Mast¬ 
zellen als nacli Einbettung, und vor Allem, die vorhandenen Mast¬ 
zellen erscheinen viel regelmässiger gekörnt als in eingebetteten 
Präparaten. An Paraffinpräparaten würde es leicht gelingen, 
alle „Sekretionsphasen“ der Mastzellen zu denionstriren, wenn 
nicht Rasiermesserschnitte lehrten, dass das alles Kunstprodukte 
sind. 

Ich glaube, dass man mit der von mir angegebenen Methodik 
zu etwas unerwarteten Resultaten über das Vorkommen von 
Mastzellen gelangen wird, besonders wenn man sie auf Sekrete 
und Exsudate anwendet. Mir selbst gelang es wiederholt, in dem 
Inhalt von Miliariabläschen und in dem Blaseninhalt eines 
Erythema exsudativum multiforme Mastzellen darzustellen, 
welche äusserst wasserempfindlich waren. Dass die Methode 
auch sonst zu recht eigenartigen Resultaten führt, zeigt der fol¬ 
gende Aufsatz von Alfred W o 1 f f. 

Ich hatte zu Anfang gesagt, dass die normalen Mastzellen 
des Blutes ziemlich wasserbeständig seien. Wenn sich nun hier 
in Miliariabläschen und nach dem Wolf f’schen Befund in 
pleuri tischen Exsudaten von blutgtesunden Leuten äussersi 
wasserlösliche Mastzellen finden, so spricht das etwas dagegen, 
dass diese. Mastzellen einfach ausgewanderte Blutmastzollon 
seien, und es drängt uns zu der Annahme, dass es entweder 
lokal entstandene, histiogene, junge, vielleicht erst durch den 
Reiz der Entzündung gebildete Mastzellen seien. 

Es übersteigt den Rahmen dieses Aufsatzes, über diesen 
Punkt in nähere Erörterungen einzugehen. In Anbetracht der 
Ergebnisse, zu denen Pappen heim bei der Vergleichung der 
Plasmazellen und der Lymphocvten gelangt ist, wird mau ge¬ 
neigt sein, den Satz auszusprechen: 

Ebenso wie der Lymphocyt zur U n n a’schen Plasmazelle, 
verhält sich die Blutmastzelle zur Bindegewebsmastzelle. 

Oder aber, es besteht auch die Möglichkeit, dass es aus 
dem Blut stammende Mastzellen sind, und man müsste dann 
annehmen, dass diese durch den Aufenthalt im Exsudat als ein 
Ausdruck der Degeneration, wieder wasserlöslich werden. 

Zu einer sicheren Entscheidung dieser Möglichkeiten 
reichen die beobachteten Thatsachen nicht aus. 

Man wird also in Zukunft, um ein sicheres 
Urtheil über das Vorkommen und die Be¬ 
schaffenheit der Mastzellen zu gewinnen, die 
beiden schädigenden Faktoren, Wasser und 
Einbettung, vermeiden müssen. 


Anmerkung bei der Korrektur. Pappenheim 
(V i r c h o w’s Archiv Bd. 106. Heft 3, p. 4G1 ff.) ist inzwischen 
ebenfalls zu dem Resultat gekommen, dass es 2 Sorten von Mast- 
zellen gibt. Die Wasserlöslichkeit berücksichtigt er noch nicht. 

Die Bedeutung des Methylenazur ist schon vor mir von 
R o s i n (Zentralbl. f. Pliysiol. 1899) erkannt worden, was ich leider 
zu spät erfahren habe. 


Aas dem städtischen Krankenhause Moabit in Berlin. 
(Abtheilung Prof. Dr. Goldscheider.) 

Ueber Mastzellen in Exsudaten. 

Ein Beitrag zur Frage der aktiven Lymphocytose. 

Von Dr. Alfred Wolff. 


Bei der Anwendung der vitalen Färbemethoden erhielt ich 
mit Methylenblau (nach N a k a n i s h i) bei einem Pleuraexsudat 
einen auffälligen Befund. Eine ziemlich beträchtliche Anzahl 
der in dem Exsudat vorhandenen Leukocyten (etwa */,„) zeigte 
nach kurzer Zeit (10—15 Minuten) eine in blauer Farbe hervor¬ 
tretende, feinkörnige Granulirung. Da Methylenblau ein ba¬ 
sischer Farbstoff ist, war es klar, dass hier eine basophile Kör¬ 
nung vorlag; zuerst musste man daran denken, dass hier die 
basophile Kömelung dargestellt war, die Hans Hirschfeld in der 
Berl. klin. Wochenschr. 1901, No. 29 als eine Jugendgranulation 


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11. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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der polynukleären neutrophilen Leukocyten beschrieben hat. Es 
ist nun zwar nicht ausgeschlossen, dass jugendliche Leukocyten 
in einem Exsudate sich finden, doch habe ich bei meinen Unter¬ 
suchungen meist nur reife, oft sogar überreife, d. h. schon in 
I )cgeneration begriffene Zellen gefunden (Berl. klin. Wochenschr. 
U*01, No. 45). 

Es zeigte sich auch bald, dass hier keine Jugendgranulation 
\ orlag, denn nach H i r s c h f e 1 d’s Angaben mit wässerigem 
Methylenblau gefärbte T rocken präparate zeigten das völlige 
Fehlen dieser Körnchen. 

Nach einiger Zeit (Vz —% Stunden) zeigten die vital ge¬ 
färbten Präparate ein verändertes Bild. Die Anfangs nur wie 
Staubtheilchen im Protoplasma liegenden Körnchen hatten be¬ 
deutend an Grösse zugenommen; das ganze Bild entsprach einer 
Mastzelle. Das Auftreten dieses Bildes bei vitaler Färbung 
widersprach dieser Annahme nicht, da Mastzellengranula sich 
vital zu färben vermögen. 

Doch Hessen, wie schon erwähnt, die mit Methylenblau ge¬ 
färbten Trockenpräparate keine Spur von Körnelung erkennen, 
rl>enso wenig eine mit dem für Mastzellen „spezifischen“ Dahlia- 
gemisch E h r 1 i c h’s angeführte Färbung. 

Die vitale Färbung ist zur Zeit noch viel zu wenig durch¬ 
forscht, um auf sie die Diagnose einer Zellart basiren zu können. 
Fs hätte nahe gelegen, die Annahme der Mastzellen fallen zu 
lassen. Da erinnerte ich mich an eine Publikation von Litten 
und Michaelis in der Mediz. Woche 1900, 2. Aug., in der 
>io angaben, dass die Mastzellengranula wasserlöslich sein können 
und zwar in quantitativ verschiedenstem Maasse. 

Ich färbte daher die Trockenpräparate mit alkoholischer 
.Methylenblaulösung. Es fanden sich wirklich eine beträchtliche 
Anzahl von deutlich basophil granulirten Zellen. Ihre Zahl be¬ 
trug 2—3 Proz., die Granulation war ziemlich grobkörnig. Da- 
ueben fanden sich noch ca. 5 Proz. Zellen, die einzelne basophile 
Granula enthielten, aber nicht so deutlich die typische Mast¬ 
zellenerscheinung darboten. 

Der Befund erinnert an einen früher von Strauss er¬ 
hobenen. In einem Aufsatz: Sarkomatose und lymphatische 
Leukämie, Chariteanualen, 23. Bd., beschreibt er den Inhalt einer 
b< i myelogener Leukämie angelegten Cantharidenblase. Es 
fanden sich 89 Proz. polynukleäre, 6 Proz. eosinophile, 5 Proz. 
mononuklekre Zellen. 

Eine ganze Reihe von Zellen, ca. 5 Proz., zeigten dabei 
•i h n 1 i c h, wie die Mastzellen, dicke blaue, etwas spärliche, nicht 
.-charf runde Granula im Protoplasma. 

Wenn es sich hier auch mit Wahrscheinlichkeit um Mast- 
zollcn gehandelt hat, ist der Beweis dafür doch nicht geliefert. 
Vor Allem muss man noch die U n n a’schcn Plasmazellen in 
Betracht ziehen. 

Beiden Zellarten gemeinsam ist eine eigenartige Struktur 
dos Protoplasmas, welche mittels spezieller Methoden nachweisbar 
ist; die Mastzellen haben eine eigentliche Granulation, wenn auch 
nach Ehrlich die basophile Granulation der Mastzellen von 
sehr unregelmässiger Grösse und ungleichmässiger Verthei- 
lung ist. während in den Plasmazellen das einzelne Korn nicht 
deutlich zu differenziren ist. 

Es wird ferner von Marsch alko den Plasmazellen eine 
bestimmte morphologische Stuktur zugeschrieben, ein Radkern, 
umgeben von einem schwächer gefärbten perinukleären Hof, in 
der Peripherie dann eine Anhäufung von Krümelplasma. Die 
Körner sollen keine Granulation sensu strictiorc, sondern eine 
Verdichtung des Protoplasmas an der bestimmten Stelle sein. 

Ein weiterer Unterschied beider Zellarten ist darin zu sehen, 
da«s nur die Mastzellenkörner sich metachromatisch färben. 

Abgesehen von dem letzten Merkmal kommen mir alle auf- 
gt -teilten Unterscheidungszeichen nicht sehr durchgreifend vor 
und so wollte ich nicht verfehlen, auf eine weitere Aehnlichkoit 
aufmerksam zu machen. Wie wir gesehen haben, sind die Mast¬ 
zellengranula unter Umständen so leicht wasserlöslich, dass schon 
das Abspülen in Wasser sie zu lösen vennag und nach Unna 
v. rinag Lymphe, Blutserum und sogar Zusatz physiologischer 
Kochsalzlösung das Granoplasma der Plamazellen auszulaugen 
und aufzulösen. 

Doch hat von sämmtlichen neueren Autoren meines Wissens 
Niemand die Mastzellen mit den Plasmazellen in Beziehung ge¬ 
setzt; es hat'sich stets nur um die Frage gehandelt: stammen 
die Plasmazellen von hämatogenen Lymphoeyten (Mar- 


1 s c h a 1 k o, Breslauer Schule) oder stammen die Plasmazellen 
von histiogenen Elementen (Unna) und können ausserdem 
Plasmazellen ihr Granoplasma verlieren und als Lymphoeyten 
in die Blutbaha übertreten. 

Pappenheim hat neuerdings *) in einem kritischen Re¬ 
ferat meisterhaft die Probleme beleuchtet und dadurch viel zur 
Klarheit beigetragen. Da er dabei wiederholt auf die aktive 
Auswanderungsfähigkeit der Lymphoeyten zu sprechen kommt, 
muss ich auf diese Fragen hier kurz eingehen. 

In einer früheren Arbeit (Virchow’s Arch. Bd. 164) zog 
Pappenheim die aktive Auswanderungsfähigkeit der 
Lymphoeyten in einem der eventuellen Bejahung der Frage wohl¬ 
wollenden Sinn in Erwägung. In der neuen Arbeit in der er die 
Abstammung der Plasmazellen vom Lymphoeyten leugnet, be¬ 
nutzt er wiederholt das „Dogma“ von der Emigrationsunfähig- 
keit der Lymphoeyten als Beweismaterial. Pappen heim be¬ 
tont, dass, wenn Lymphoeyten auswanderten und zu Plasma- 
zellen würden, man doch auf Schnitten bisweilen einen Lympho- 
cyten in der Gefässwand steckend finden müsste. Dagegen 
nimmt Pappenheim an, dass Plasmazellen in die Gefasse 
„eingeschwemmt“ werden und sich dann zu Lymphoeyten um- 
wandeln, während er doch auch hier den Vorgang der Ein¬ 
schwemmung selbst nicht hat beobachten können. 

Es Hegt mir fern, in dem speziellen Punkt Pappenheim 
zu widersprechen. Ich glaube, dass er bewiesen hat, was er be¬ 
weisen wollte: die Plasmazellen stammen nicht von Lympho- 
eyten und zwar dadurch, dass er nachwies, dass die kleinen, den 
(kleinen) Lymphoeyten ähnelnden Plasmazellen aus den grossen 
Plasmazellen entstehen; dass also die grossen Plasmazellen aus 
den grossen Lymphoeyten hervorgehen müssten und dass diese 
sich im normalen kreisenden Blute nicht finden. 

Ich wollte hier nur zeigen, dass sich dieser gelungene Be¬ 
weis nicht gegen die Möglichkeit einei* aktiven Lympliocytose 
verwerthen lässt. 

Ich halte im Folgenden also Mastzellen und Plasmazellen 
streng auseinander. 

Um die in dem Exsudat sich findenden Zellen als Mast¬ 
zellen zu identifiziren, benutzte ich die metachromatisch färben¬ 
den Farbstoffe Thionin (Ehrlich-Hoyer) und Kresylviolett 
in 50 proz. alkoholischer ziemlich konzentrirter Lösung. Die 
hitzefixirten Trockenpräparate wurden 3—5 Minuten in der til- 
trirten Farblösung belassen, dann schnell mit Fliesspapier ge¬ 
trocknet oder auch schnell in 50 proz. Alkohol abgespült. 

Es gelang die MastzeUen wunderschön metachromatisch zu 
färben; ihre Zahl war viel grösser, als es nach dem in alko¬ 
holischem Methylenblau gefärbten Präparat geschienen hatte. 
Die zu intensive Kernfärbung hatte viele Granula nicht er¬ 
kennen lassen, während die metachromatischen rothbraunen 
Körner sich gut und deutlich abhoben. Ihre Zahl betrug 10 Proz., 
ausserdem fanden sich polynukleäre 30 Proz. und Lymphoeyten 
zu 60 Proz. Die Zahl der Mastzellen blieb in den 2 Punktions¬ 
flüssigkeiten (Zwischenzeit 8 Tage) dieselbe, die Lymphoeyten 
waren beim ersten Mal spärlicher (ca. 35 Proz.). Bemerkenswerth 
ist ferner die grosse Menge der Erythrocyten, bei der ersten 
Punktion fanden sich zahlreich die schon oft von mir erwähnten, 
von L. Michaelis') gefundenen Stäbchen, bei der zweiten 
Punktion weniger und in den Leukocyten liegende Stäbchen. 

Das Blut zeigte keine Besonderheiten, es bestand eine 
leichte Leukocytose (1 Leukocyt auf 250 Erythrocyten), vor Allem 
bestand keine leukämische Veränderung; die Mastzellen machten 
in den verschiedenen Präparaten 14 —Vz Proz. aus. 

Der klinische Verlauf ist nicht weiter beincrkcnswcrth. Es 
liegt der Verdacht auf tuberkulöse Actiologio vor; nach Ab- 
lassung von 500 ccm des Exsudats trat Resorption ein, so dass 
die dritte wiederholte Punktion ohne Ergebniss blieb. 

In diagnostischer und prognostischer Beziehung bietet der 
Befund der Mastzellen bis jetzt nichts Neues. Wenn ich ihn ver¬ 
öffentlichte, geschah dies aus anderen Gründen. 

Bei Untersuchungen auf Mastzellen soll die Färbung in 
alkoholischer Lösung') stets in Anwendung gezogen werden, 

*) Virchow’s Archiv Bd. 105. Theil 1. Wie verhalten sich die 
TJ u n a'sehen Plasmazellen zu Lymphoeyten? 

Mastzellen bekannt war, zu dieser Deutung gelangen. L. Mb 

') Cf. Verein f. inn. Med. 1901. 4. November. 

Thionin (E li r 11 c h - II o y e r) erscheint liesomlers cm 
pfehlenswerth. 


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228 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


denn unser Befund zeigt, wie leicht sie übersehen werden können. 
Es ist sicher, dass Mastzellen z. B. in Exsudaten ein häufigerer 
Befund sind. So hatte ich z. B. 2 mal bei Färbung mit dem 
Michaeli s’schen Methylenblau-Eosingemisch ohne Anwen¬ 
dung besonderer Vorsichtsmaassregeln beim Abspülen vereinzelte 
Mastzellen gesehen und noch öfter in Verbindung mit 
L. Michaelis bei Färbung mit altem „rothstichigen“ 
Methylenblau nach Löffler eigenthümilche rothe metachroma¬ 
tische Körnchen bemerkt, die jedoch wenig distinkt waren. Sie 
erklären sich nach unserer jetzigen Kenntniss ungezwungen als 
halbgelöste Mastzellengranula. Ist man erst auf die Mastzellen 
aufmerksam geworden, kann man sie auch in mit wässerigem 
Methylenblau gefärbten Präparaten erkennen. Bei starker Ver- 
grösscrung ('/„ Imm. Oc. 3) findet man die Zellen, wo ausser den 
Kernen das Protoplasma leicht rosa getönt ist. In diesem Proto¬ 
plasma sieht man kreisrunde weisse Löcher (Negativbild) und ver¬ 
einzelt ein gequollenes, rothviolettes Granulationskorn. 

Andererseits habe ich eine grosse Zahl von Exsudaten jetzt 
untersucht, die sich als völlig mastzellenfrei erwiesen. 

Von anderen untersuchten Organen fanden sich in einer 
exzidirten Tonsille in jedem Präparat 2—3 Mastzellen, in der 
Milz eines 7 monatlichen Fötus 7, im normalen Blut ca. Vz Proz. 
Mastzellen. 

Die im Blute gewöhnlich vorkommenden Mastzellen werden 
mit den gebräuchlichen Methoden ebenso gut dargestellt, sie sind 
also wenig wasserlöslich. Auch wäre es falsch, anzunehmen, dass 
etwa alle Lymphoeyten eine basophile, wasserlösliche Granulation 
besässen. Die von uns bei Lymphoeyten aufgefundene Granu¬ 
lation wird weder durch Alkohol, noch durch Wasser geschädigt 
(cf. L. Michaelis und A. W o 1 f f: Ueber die Granulation 
der Lymphoeyten. Virchow’s Arch. Bd. 167.) 

Der mitgetheilte JSefund von Mastzellen in einem pleuri- 
tischen Exsudat stellt ein völliges Novum dar. 

Es sind bisher 2 Fälle von Mastzellenbefund in Exsudaten 
publizirt, von II i r s c h 1 a f f *) und Milchner 4 ). In beiden 
Fällen handelte es sich jedoch um leukämisch erkrankte In¬ 
dividuen. Da in unserem Fall die Zahl der Mastzellen 20 mal 
so gross ist, wie die Menge dieser Zellart im Blut, wird hierdurch 
die E h r 1 i c h’sche Lehre von der aktiven Emigrationsfähigkeit 
der Mastzellen absolut sicher gestellt.*) 

In einer anderen Richtung hat der Befund für mich ein 
spezielles Interesse und zwar durch das Licht, das hierdurch auf 
die Frage der aktiven Lymphocytose fällt. 

In dem vorliegenden Fall haben wir ein chemotaktisches 
Agens, das gleichzeitig Mastzellen und Lymphoeyten zur Aus¬ 
wanderung veranlasste. Von Wichtigkeit ist, dass die betreffen¬ 
den Zellen als echte, sich metachromatisch färbende Mastzellen 
festgestellt wurden und auf keine Weise mit Plasmazellen iden- 
tifizirt werden dürfen. 

Pappenheim schreibt nämlich (Virchow’s Arch. Bd. 165, 
S. 415) in einer Anmerkung: „Auf eine passive Aufschwemmung 

*) H Irsch la ff: Fall von myelogener Leukämie. Deutsch, 
med. Wochenschr. 1900. Vereinsbeil. S. 85. 

4 ) Milchner: Ueber die Emigration von Mastzellen bei 
myelogener Leukämie. Zeltschr. f. klin. Med. 37. Bd., Heft 1 u. 2. 

*) Wenigstens musste man nach Allem, was bisher über die 
Mastzellen bekannt war, zu dieser Deutung gelangen. L. M i - 
e h a e 1 i 8 kommt nun in seinem im gleichen Heft publlzirten Auf¬ 
satz zu einer anderen Auffassung, die er vorläufig nur bedingt ver¬ 
tritt, die jedoch der Beachtung werth erscheint 

Aus Gründen, die im Original nachgesehen werden müssen, 
sieht er ln der Wasserlöslichkeit der Mastzellen ein Kennzeichen 
ihrer Jugend. Da diese jugendlichen Mastzellen im Blute nicht 
Vorkommen, resp. bei den von uns ausgeführten Untersuchungen 
ausser bei Leukämie nicht beobachtet, worden sind, leitet er die 
in Exsudaten sich findenden Mastzellen von Bindegewebsmast- 
zellen her. 

Michaelis selbst zieht schon in Erwägung, dass die 
Wasserlöslichkeit nicht nur ein Kennzeichen des Jugendzustandes, 
sondern auch eine degenerative Alterserscheinung sein kann, 
ebenso wie jedes rothe Blutkörperchen die Polychromatophilie 
2 mal durchläuft, in seiner Jugend und im Alter. 

Des Weiteren wäre erst zu beweisen, dass die Binde- 
gewebsmastzellen sich durch besondere Wasserlöslichkeit 
auszeichnen, schliesslich noch ihr Vorhandensein in der 
Pleura, ein Nachweis, der z. B. in unserem Fall aus¬ 
geschlossen ist. Schliesslich wäre mau gezwungen, den Binde- 
gewebsraastzellen allein Emigrationsfähigkeit zuzusprechen, da 
eine „Einschwemmung“ der Mastzellen denselben theoretischen 
Schwierigkeiten begegnen würde, wie die Einschwemmung der 
Plasmnzeilen, die ich im Folgenden besprochen habe. 


histiogener (subpleuraler ?) lymphocytoider Plasmazellen wird 
man demnach wohl auch den „Lymphocytengehalt“ tuberkulös 
pleuritischer Ergüsse beziehen müssen; nachdem er früher darauf 
hingewiesen hat, dass die Plasmazellen ihr „Plasma“ verlieren 
und zu lymphocytoiden Gebimden werden können.“ 

Es ist dies vorläufig nur ein hingeworfener Gedanke, doch 
zeigt er den Weg, auf dem der Kampf gegen die aktive „Lyxnpho- 
cytose“ geführt werden wird. 

Es ist schwierig, sich vorzustellen, wenn die Lymphoeyten der 
Exsudate Plasmazellen sein sollen, dass alle ihr .Plasma“ so 
gleichmässig verlieren; besonders bemerkenswerth ist aber, dass 
Zellen, die sich mit labilem Plasma im Exsudate fanden, sich 
al9 echte hämatogene Mastzellen, trotz ihrer Aehnlichkeit mit 
Plasmazellen erwiesen. 

Es bietet auch Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie die 
subpleuralen Plasmazellen in’s Exsudat übertreten sollen- Es 
wird hier meist mit dem zuerst von Ehrlich eingefiihrten 
Wort „Ausschwemmung“ operirt. Diese Ausschwemmung resp. 
Durchschwemmung ist wohl für Lymphdrüsön resp. Milz, für die 
Ehrlich sie postulirte, vorhanden, doch nicht für die sub¬ 
pleuralen Plasmazellen, besonders da der Schwemmstrom vom 
Blutgefäss zu den Lymphgefässen gerichtet ist. Nach dieser Auf¬ 
fassung würden Plasmazellen der Pleura in die abführenden 
Lymphgefässe gelangen, wie Herbert und P i n k u s überein¬ 
stimmend beobachtet haben. Ein Uebergehen in das Exsudat 
könnte man nur erklären, wenn man, wie dies auch Herbert 
will, ebenfalls für die histiogenen Elemente aktive Emigration.-- 
fähigkeit annimmt (Herbert: Journal of Pathology and Bac- 
teriol. 1900, zitirt nach Pappenheim. Pinkus: Arch. f. 
Dermat. u. Syph. Bd. 50, 1899). 

Schwerer zu widerlegen ist ein anderer Einwand, der von 
G. R. E h r 1 i c h im Gespräch der aktiven Lymphocytose gemacht 
worden ist, dass eventuell die Lymphoeyten der pleuritischen 
Exsudate aus den Lymphgefässen stammen. 

So lange für die Blutlymphocyten und die Lymphoeyten des 
Lymphsystems kein morphologischer Unterschied bekannt ge¬ 
worden ist, wird sich die Frage nur schwer lösen lassen, be¬ 
sonders da der experimentellen Lösung grosse Schwierigkeiten 
entgegen stehen. 

Doch ist zu erwägen, dass ausser den Lymphoeyten sämmt- 
liche Blutelemente in den Exsudaten angetroffen werden: rothe 
Blutkörperchen, polynukleäre Zellen, eosinophile Zellen (W i d al) 
und auch Mastzellen. Es liegt also kein zwingender Grund vor, 
die Lymphoeyten aus dem Lymphsystem herzuleiten; es ist auch 
kaum verständlich, warum bei akut infektiösen Pleuritiden das 
Lymphsystem weniger alterirt sein sollte, als bei der tuberku¬ 
lösen Form. 

Es ist daher von besonderer Bedeutung, dass in diesem Ex¬ 
sudat ein gleicher chemotaktischer Reiz gleichzeitig Mastzellen 
und Lymphoeyten herbeigelockt hat. 

Es soll hier nur kurz erwähnt werden, dass die Lehre von 
der aktiven Lymphocytose durch die von II. Hirschfeld und 
mir beobachtete Beweglichkeit der Lymphoeyten auch von 
anderen Gesichtspunkten eine neue Stütze erhalten hat. 

Herrn Prof. Goldscheider gestatte ich mir für das 
Interesse, welches er dieser Arbeit entgegengebracht hat, meinen 
ergebensten Dank auszusprechen. 

Berlin, 7. November 1901. 

Zusatz bei der Korrektur. 

Die inzwischen erschienene Arbeit von Rosin’), die über 
vitale Färbung handelt, gibt uns Gelegenheit, eine Ucberein- 
stimmung unserer Befunde in prinzipiell wichtigen Fragen fest- 
zustellen; nämlich dass sich Mastzellen mit Sicherheit vital 
färben lassen und dass es gelingt, mit Hilfe der vitalen Färbung 
viele Strukturen darzustellen, die sich sonst dem Nachweis ent¬ 
zogen haben, so dass man wohl nicht irrt, wenn man annimmt, 
dass der von Ehrlich eingeführten „vitalen“ resp. prämortalen 
Färbung noch eine grosse Zukunft beschieden sein wird. 


‘> Deutsch, med. Wochenschr. 1902, No. 3 u. -t. 


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11. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


229 


Eine seltene Anomalie der Gallengänge. 

Von Prof. Hans Kehr in Halberstadt. 

Bei meiner 655. Gallensteinlaparotomie bin ich auf eine 
Anomalie der Gallengänge gestossen, wie ich sie bisher weder 
selbst beobachtet, noch auch anderweitig beschrieben gefunden 
habe. 

Die Gallenblase sasa nicht am rechten Leberlappen an ge¬ 
wöhnlicher Stelle, sondern am linken, medial vom Lig. teres., 
ca. 6 cm von diesem entfernt. Der Cysticus führte in einen engen 
linken Hepaticus, welcher auf der stark ausgedehnten Vena por- 
tarum schräg von oben nach unten verlief. Dicht vor dem Duo¬ 
denum vereinigte sich der linke Hepaticus mit dem noch einmal 
so starken, normal am unteren Rand des Lig. hepato-duodenalc 
verlaufenden rechten Hepaticus zum Choledochus. 

Ich musste bei der Pat. die mit dem Magen verwachsene, mit 
Eiter und Steinen gefüllte Gallenblase exstirpiren und konnte 
vom Cyaticusquerschnitt aus den linken Hepaticus mit feinen 
Sonden sondiren und mich so genau über die seltene Anomalie 
orientiren. 



1. Rechter Leberlappen. 

2. Linker Leberlappen. 

3. Liq. teres. 

4. Gallenblase. 

6. Linker D. hepaticus. 

6. Rechter D. hepaticus. 

7. Choledochus. 

8. Duodenum. 

9. Vena portarum. 


Vorstehende schematische Zeichnung gibt ein ungefähres 
Bild des von mir aufgenommenen Befundes; die Operations¬ 
geschichte des Falles werde ich am Ende des Jahres in meinen 
„Beiträgen zur Bauchchirurgie“ veröffentlichen. 

Chloroformnarkose ohne Maske mittelst Kehlkopf¬ 
kanüle. 

Von Dr. E. Schlechtendahl in Barmen. 

Seit Jahren beschäftige ich mich mit dem Problem, die 
Methode einer Narkose auszuarbeiten, welche eine das Gesicht 
bedeckende Chloroforramaske entbehrlich macht und bei 0Pe¬ 
titionen in der Mundhöhle die Nachtheile und Gefahren der 
bisher üblichen Methode beseitigt. 

Bei allen Operationen, die im Gesicht vorgenommen werden, 
ist es sehr hinderlich, dass die Maske zeitweilig das Gesichts¬ 
feld mehr oder weniger bedeckt; die Asepsis namentlich muss 
darunter leiden, zumal wenn ee event. nöthig wird, den Kiefer 
oder die Zunge vorzuziehen. 

Bei Operationen in der Mundhöhle sind die Uebelstände 
noch bedeutender: um mit Ruhe operiren zu können, muss man 
den Patienten zunächst tief narkotisiren; sobald nun bei tiefer 
Narkose die Operation beginnt, athmet Patient bei dem zur 
Operation weit geöffneten Mund die atmosphärische Luft in 
grossen Mengen ein, und nicht lange dauert es, bis er wieder 
aus der Narkose erwacht. Jetzt muss die Operation sistiren, bis 
die Narkose wieder tief genug, und so fort im wechselnden Spiel. 
Nun ist aber dieser fortwährende Wechsel zwischen Narkose und 
Erwachen für den Patienten sehr gefährlich, worauf in letzter 
Zeit noch Mikulicz in der „Deutschen Klinik zu Anfang 
des XX. Jahrhunderts“ hingewiesen hat. Ganz abgesehen davon 
wird durch diese Störungen die Operation wesentlich erschwert 
und beeinträchtigt. Namentlich bei plastischen Operationen in 
der Mundhöhle und im Rachen treten leicht Beschädigungen der 
schon gebildeten Lappen ein, da eine feete Kompression nöthig 
ist, um Blutungen zu vermeiden, wenn bei Erwachen aus der 
Narkose die Operation sistiren muss. 

Oft ist die Stillung der Blutung nicht vollständig, Blut 
wird verschluckt, reizt zum Erbrechen, und durch heftige Würg¬ 
bewegungen werden schon gelegte Suturen gesprengt. Oder aber 
die Hauptgefahr tritt ein, das Blut wird in die Lunge aspirirt. 

Um letzteren Uebelstand zu vermeiden hat T rendelen- 
burg seine Tamponkanüle angegeben, die ja bei einer Reihe 
No. $, 


blutiger Operationen in der Mundhöhle gute Dienste leisten 
mag, aber doch nie Normal verfahren werden kann, da sie eine 
neue Wunde setzt und unter Umständen die Chancen der Heilung 
beeinträchtigt. Als ich im Jahre 1896 als Student zum ersten 
Mal die Anwendung der Trendelenburg’schen Tampon¬ 
kanüle sah, fasste ich bereits die Idee, die Narkose von 
der Mundhöhle aus mittels Schlauch durch den Kehlkopf auszu¬ 
führen; und zwar nahm ich zuerst ein zurecht gebogenes Metall¬ 
rohr, das ich vom Munde aus in den Kehlkopf einführte, mit der 
trichterförmigen Chloroformmaske T rendelenburg’s ver¬ 
band und so die Narkose fortführte. Meine Thierversuche ge¬ 
langen ausgezeiclinet. Leider fand die Methode nie Anwendung 
beim Menschen, da mir entgegengehalten wurde, dass durch das 
Metallrohr eine Beschädigung der Stimmbänder und des Kehl¬ 
deckels einträte; hierauf werde ich an einer anderen Stelle dieser 
Arbeit zurückkommen. Als ich nun 1899 als Assistenzarzt die 
Intubation des Kehlkopfs bei Diphtherie kennen und würdigen 
lernte, fasste ich meinen Plan wieder auf, den ich Ende ver¬ 
gangenen Jahres, seitdem ich Gelegenheit hatte, eine Reihe von 
Narkosen bei Operationen in der Mundhöhle auazuführen, ver¬ 
wirklichte. 

Das Instrumentarium 1 ), das ich benutze, besteht aus einem Satz 
Metalltuben, der Form des menschlichen Kehlkopfes genau ange¬ 
passt, geradeso wie sie zur Intubation benutzt werden. Dieselben 
tragen oben eineu Fortsatz, auf den ein mit einer Spirale ver¬ 
sehener Schlauch fest auf geschraubt werden kann; ausserdem sind 
an der Seite des Fortsatzes Erhöhungen, die genau ln das Fenster 
des Intubators passen. Als Intubator dient mir Jetzt ein zangeu- 
förmiges Instrument. Es hat einen sicher ln der Hand ruhenden 
Griff, der in eine Zangenbranche ausläuft; die andere Zangen¬ 
branche ist kürzer, beginnt erst oberhalb des Griffes und artlkuiirt 
im oberen Drittel mit der längeren Branche. Durch eine Feder 
werden die Zangenblätter auseinandergehalten, können aber durch 
Creinaillöre fest gestellt werden. Ein leichter Druck auf das Ende 
des Cremaillöre öffnet die Zange sofort. Die Zangenblätter zeigen 
Oeffnungen, die, wie bereits erwähnt, genau auf die Erhöhungen 
des Tubenfortsatzes passen. Der Schlauch hat innen eine Draht- 
spirale, die ein Zusammenfällen desselben unmöglich macht; um 
das Durchbeissen des Schlauches zu verhüten, stecke Ich ihn durch 
einen einfachen Gummikeil, der in der Mitte durchbohrt ist und 
der zugleich als Mundsperre zwischen die Zahnreihen gelegt wird. 

Die Anwendung des Instruments ist nun höchst einfach: Nach¬ 
dem man die dem Alter des Patienten entsprechende Kanüle mit 
dem Schlauch verschraubt hat, befestigt man dieselbe zwischen 
die Zangenblätter. Man hat dann ein handliches Instrument, das 
sich leicht an dem Griff dirlgiren lässt 

Patient wird zunächst mit der gewöhnlichen Maske bis zur 
tiefen Narkose uarkotisirt; sobald er bei ruhiger Athmung fest 
schläft, wird durch Mundsperre der Mund weit geöffnet Der 
Zeigefinger der Unken Hand zieht die Zungenwurzel vor, wodurch 
sich meist schon der Kehldeckel abbebt; man führt dann den Finger 
weiter in die Tiefe bis zu den Aryknorpeln und schiebt nun das 
Instrument zwischen Volarseite des Fingers und KUckfläche des 
Kehldeckels ein. Ein Druck auf das Cremaillöre öffnet schnell die 
Zange, die herausgenommen wird, und zugleich wird der Tubus 
mit dem im Mund befindlichen Zeigefinger völUg ln den Kehlkopf 
hineingeschoben, bis seine obere Verdickung auf den Stimmbändern 
ruht. 

Den aus dem Mund herausrageuden Schlauch befestigt man 
im GummikeU und steUt die Verbindung mit dem Chloroform- 
npparat her. Die Athmung wird zuerst etwas unruhig, doch hält 
die Unruhe nicht lange an. 

Zur Extubation zieht man einfach an dem seitlich am Tubus 
befestigten Seidenfaden. 

Die Vortheile dieser Methode, zu narkotisiren, liegen auf 
der Hand. Keine Maske stört mehr das Gesichtsfeld. Der Kehl¬ 
deckel und die Zunge können nicht mehr den Zutritt der Luft 
verhindern und Asphyxie hervorrufen. Eine Unterbrechung der 
Narkose durch zu grossen Luftzutritt ist nicht zu befürchten; 
die Operation kann ungestört fortgeführt werden. Die unbe¬ 
queme Nothwendigkeit, unter Umständen am hängenden Kopf 
oder in Halbnarkose operiren zu müssen, fällt weg; denn selbst 
die Gefahr einer Blutaspiration erscheint beseitigt. Ich hatte, 
um letzteres zu verhindern, anfangs noch, gerade wie bei Tren- 
delenburg’s Tamponkanüle, einen Gummikondom um den 
Tubus gelegt, der zu dem Zweck, um eine Niveaudifferenz durch 
den Gummiüberzug zu vermeiden, ausgefeilt war. Der Gummi¬ 
ballon Hess sich durch einen dem Luftschlauch anHegenden 
dünnen Schlauch aufblasen, so dass ein völlig blutdichter Ab¬ 
schluss erzielt wurde. Doch ist diese Modifikation in praxi kaum 
nöthig. An die genau der Kehlkopfform entsprechenden Kanülen 
legen sich die wahren und falschen Stimmbänder so fest an, dass 

*) Zu beziehen bei F. A. Hscbbaum, Bonn. 


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230 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. fi. 


ein Danebenfliessen von Blut nicht zu befürchten ist. Man kann 
sich leicht durch Kehlkopfspiegelung während der Narkose davon 
überzeugen, wie exakt der Tubus abschliesst. Um ganz sicher 
zu gehen, kann man noch einige das Blut aufsaugende Kom¬ 
pressen in den Rachen einführen. 

Soweit meine Mittheilung über das jetzt von mir angewandte 
Instrument, wie ich es im hiesigen Aerzteverein demonstrirt habe. 
Ich bin seit Kurzem damit beschäftigt, eine wie mich nach den 
bisherigen Erfahrungen dünkt, nicht unwesentliche Modifikation 
an demselben vorzunehmen, doch sind meine Versuche darüber 
noch nicht abgeschlossen, ich hoffe jedoch bald Mittheilung da¬ 
rüber machen zu können. Aber ich sehe mich veranlasst, bereits 
jetzt über das bisher von mir angewandte Instrumentarium zu 
berichten, da ich vor wenigen Tagen in einem Referat der Münch, 
med. Wochenschr. las, dass ein Herr Dr. Fr. Kuhn ganz un¬ 
abhängig von mir denselben Gedanken verfolgt und ebenfalls 
gute Resultate mit dieser neuen Narkosenmethode erzielt hat. 
Herr Dr. Kuhn benutzt ein Metallschlauchrohr und zur Ein¬ 
führung einen Führungsstab mit Handgriff. Doch in der An¬ 
wendung eines Rohres scheint mir der Nachtheil zu liegen, der 
mich damals veranlasste, meine Versuche nicht auf Menschen 
zu übertragen. Ich benutzte zuerst ein starres Rohr, dem ich 
eine entsprechende Biegung gegeben hatte. Dann gebrauchte 
ich, um ein den wechselnden Grössen- und Form Verhältnissen der 
Rachenhöhle sich anpassendes Instrument zu haben, zu den Ver¬ 
suchen eine Art Katheter mit biegsamem Draht als Führungs¬ 
stab, und zugleich liess ich mir aus Metallschuppen ein biegsames 
Rohr anfertigen, das aber den Nachtheil hatte, nicht dicht 
zu sein 2 ). 

Wie bereits erwähnt, wurde mir, als ich meine Versuche 
auf Menschen übertragen wollte, vorgehalten, dass eine Beschä¬ 
digung der Stimmbänder zu befürchten sei. Und in der That 
sah ich bei den Sektionen der Thiere, die ich zu den Versuchen 
benutzt hatte, in vielen Fällen eine mehr oder weniger starke 
Entzündung der Stimmbänder und in einem Fall auch einen 
Einriss der aryepiglottischen Falten. Derartige Verletzungen 
können mm beim Menschen unter Umständen unangenehme 
Folgen nach sich ziehen; jedenfalls veranlassten sie mich, das 
Rohr zu verwerfen. 

Es lag auf der Hand, dass ich bei Kenntnissnahme der In¬ 
tubation die Idee weiter verfolgte, und ich glaube in dem jetzt 
vorliegenden Instrument eine Form gefunden zu haben, die ohne 
jede schädliche Einwirkung auf den Kehlkopf ist. Bei hunderten 
von Intubationen diphtheriekranker Kinder habe ich mich davon 
überzeugen können, dass der Tubus selbst Tage lang liegen kann, 
ohne irgendwie die Stimmbänder zu verletzen. Ich halte es nicht 
für ausgeschlossen, dass bei der von Herrn Dr. Kuhn empfoh¬ 
lenen peroralen Intubation mit dem Metallschlauch, eine Methode, 
die, soweit ich aus dem Referat entnehmen kann, der von mir 
bereits 1896 versuchten gleich oder wenigstens ähnlich ist, auch 
ähnliche Verletzungen Vorkommen können, wie ich sie bei meinen 
Versuchen erlebt habe. Bei dem sich der Kehlkopfform genau 
unpassenden Tubus halte ich diese Gefahr für beseitigt. 

Ein Metallschlauchrohr, das keine Rücksicht auf die Form 
des Kehlkopfinneren nimmt, wird nur zu leicht eine Reizung 
der Stimmbänder und bei der unsicheren Lage auch Zerrung 
des Kehldeckels bewirken, während der Tubus ohne jeden Druck 
im Kehlkopf liegt und der besonders daraufhin geformte Tuben¬ 
fortsatz eine Beschädigung des Kehldeckels und der aryepiglotti¬ 
schen Falten vermeidet. 

Auch ist zu befürchten, dass bei Einführung des Metall¬ 
schlauchrohrs durch einen festen Mandrin, der dann doch zeit¬ 
weilig die Luftzufuhr völlig abschliesst, bei etwas erschwerter 
Einführung bedenkliche Asphyxien hervorgerufen werden, 
während bei meinem Instrument die Passage für Luft immer 
frei bleibt, da die Zange seitlich fasst und nicht das Lumen der 
Kanüle verdeckt 

In einem Fall wird allerdings das Metallschlauchrohr den 
Vorzug verdienen, wenn nämlich, wie z. B. bei Strumen, Ver¬ 
biegungen und Abknickungen des Kehlkopfs vorhanden sind; 
wahrscheinlich wird sich dann das biegsame Rohr leichter den 
gewundenen Formen des Kehlkopfes anpassen wie die starre Ka- 

*> Wie ich dem mir von Herrn Dr. Kuhn freundlichst über¬ 
sandten Separatabdruck entnehme, benutzt derselbe eine besondere 
Art Metallschlauchsonden, die er in mehreren Arbeiten bereits 
besprochen hat 


nüle; ich habe bisher nicht Gelegenheit gehabt in dieser Hinsicht 
mein Instrument zu versuchen. 

Jedenfalls bedarf diese neue Methode der Narkose, die Herr 
Dr. Kuhn und ich unabhängig von einander bisher ausgearbeitei 
haben, noch der weiteren Beobachtung, aber bereits jetzt ver¬ 
spricht sie für manche Fälle eine erfolgreiche Verbesserung der 
Narkose zu werden. 

Eine Kontraindikation besteht allerdings jetzt schon, näm¬ 
lich bei katarrhalischen Erscheinungen der Lunge würde der 
sich ansammelade Schleim zu oft Extubation und Reinigung 
des Tubus nöthig machen. 


Ueber die Bestimmung des Herzumrisses (nach Moritz) 
und deren Bedeutung für den praktischen Arzt 

Von Dr. med. Carl II a n d w o r c k in München. 

Bei dem grossen klinischen Werth, den der Arzt a.uf di*' 
genaue Kenntnis« der Beschaffenheit des Herzens in so vielen 
Krankheitsfällen legen muss, empfinden wir den Mangel einer 
einheitlichen- Methode, Herzvergrösserungen exakt nachweisen zu 
können, selir unangenelun. Wie wenig genaue Ergebnisse die 
Herzperkussion — das bisher einzige Verfahren zur Bestimmung 
der Herzgrössc — im Allgemeinen liefert, ergibt schon die Ver¬ 
schiedenheit der Methoden, nach denen sie gelehrt und geübt 
wird. 

Moritz hat das grosse Verdienst, eine Methode au.— 
gearbeitet zu haben, „um beim Röntgen verfall ren aus dem 
Schattenbilde eines Gegenstandes dessen wahre Grösse zu er¬ 
mitteln (Orthodiagraphie) und die exakte Bestimmung der Herz¬ 
grösse nach diesem Verfahren l ) zu machen“. Mit seinem Orthi- 
diagraphen ist Autor im Stande, „thatsächlich einen, genauen 
Umriss des Organs“ zu erhalten. Unter dieser Kontrole hat sich 
Moritz nun eine Porkussionsmethode auszubilden bemüht, 
nach der es „in vielen Fällen thatsächlich gelingt, so gut wie di- 
ganze Vorderfläche des Herzens auf die Brustwand zu projiziren“. 
Er glaubt, „die Zuversicht äussern zu dürfen, dass durch die Kon- 
trole mittels des Röntgenverfahrens die noch immer vermiss«. 
Uebereinstimmung der Autoren hinsichtlich der Perkussion sieh 
erzielen lassen werde. Im Interesse eines einheitlichen Unter¬ 
richtes unserer freizügigen Modizinstudirendcn ist die6 dringend 
wünschenswerth“. 

Dass es M o r i t z mit seinem Röntgenverfahren gelungen ist. 
den Umriss des Herzens in exaktester Weise auf die vorder-.- 
Brustwand projiziren zu können, kann kaum bezweifelt werden. 
In der oben zitirten Arbeit sagt der Autor: „Es ist eine Reih.- 
klinisch wie physiologisch interessanter und wichtiger Fragen 
über die Grösse, Form und Lage des Herzens, die man mit 
meinem Verfahren exakt in Angriff nehmen kann.“ 

Der mit dem M o r i t z’schen Orthodiagraphen gezeichnete 
Herzumriss ist das Einzige, was in Bezug auf die Grösse des 
Herzens genau festzustellen ist und hieraus glaubt Moritz 
nun auch die exaktesten Schlüsse auf die Grösse, Form und Lage 
des Herzens ziehen zu können. 

Dies kann man wohl wenigstens für viele Fälle von vorn¬ 
herein als richtig anerkennen. Wer wissenschaftliche Unter¬ 
suchungen über Grösse, F'orm und Lageveränderungen des 
Herzens machen will, der wird allerdings mit Hilfe des Moritz- 
schen Orthodiagraphen seine Versuche so exakt, wie bis jetzt mit 
keiner anderen Methode möglich, anstellen können. 

Um aber für den praktischen Arzt von Vortheil zu sein, 
ist der Apparat — abgesehen von seinem Preise — zu komplizirt 
und vor Allem zu schwer transportabel. Ist mm die vou 
Moritz unter Kontrole des Orthodiagraphen auagebildete 
Perkussionsmethode im Stande, den Orthodiagraphen zu ersetzen ? 

Nach Moritz’ eigener Angabe in der Sitzung vom 15. Ja¬ 
nuar 1901 der Gesellschaft für Morphologie und Physiologie zu 
München stimmt das Perkussionsergebniss nur in 75 Proz. der 
Fälle mit dem durch Röntgenstrahlen gewonnenen überein und 
auch da nur annähernd. Wenn also ein so geübter Untersucher 
wie Moritz mit dem von ihm selbst ausgebildeten Perkussion- 
verfahren in einem Viertel der Fälle andere Resultate erhält 
wie durch die jedenfalls richtige orthodiagraphische Bestimmung, 
so dürfte wohl diese Perkussionsmethode nicht im Stande sein, 
den Orthodiagraphen zu ersetzen. 

*) Münch, med. Wochenschr. 1900, No. 29. 


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11. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Aber hat denn die Bestimmung des Herzumrisees für den. 
praktischen Arzt eine 90 grosse Bedeutung? 

Im Sommer 1900 hatte ich als Assistent des Herrn 
Aled.-Rath Prof. Dr. Groedel in Bad Nauheim Gelegenheit, 
eine relativ grosse Anzahl Patienten auf die Grösse ihres Herzens 
zu perkutiren. 

Wir bedienten uns in der Regel zur Perkussion des 
Curscbman n’schen Hammers und dessen Plessimeters, 
häufig kontrolirt durch Finger auf Finger-Perkussion. Das 
Pleeeimeter mit seiner scharfen Kante bietet einen gewissen Vor- 
theil, wenn man Dämpfungsbezirke auf die Brustwand auf- 
zeichnen will, was wir in Nauheim stets thaten. Man bemüht 
sich dabei unwillkürlich, recht genau zu sein. Die Herz- 
«iämpfungsgrenze nach links bestimmten wir, indem wir uns einer 
schwächeren, mehr palpatorischen Perkussion bedienten. Per- 
kutirt man nämlich erst in jedem Falle die linke Herzgrenze 
und palpirt dann erst gleichsam als Kontrole den Spitzensto98, 
soweit das möglich ist, so erkennt man bald, dass man bei zu 
starker Perkussion weit über das Ziel hinausschiesst. Warum, 
ist ja von Moritz mit Hinweis auf die starke Abdachung des 
Thorax in dieser Gegend genügend erklärt.*) Die rechte Grenze 
unserer Dämpfungsfigur erhielten wir durch einen mittelstarken, 
kurzen Anschlag mit dem Finger oder dem Curschmann- 
schen Hammer auf den ad maximum gestreckten, fest an den 
Thorax angedrückten Finger oder das Plessimeter, von rechts nach 
links hin und zugleich etwas schräg von oben nach unten vor¬ 
schreitend. Als Grenze wurde die Linie angesehen, bei deren 
üeberachreiten zuerst deutliche Dämpfung auftrat. Die obere 
Grenze (beim stehenden Patienten) wurde in gleicher Weise be¬ 
stimmt. Perkutirt wurde bei oberflächlicher Athmung. Es sei 
mir gestattet, ganz besonders auf das immer noch oft ausser 
Acht gelassene Faktum hinzuweisen, dass es nötliig ist, in jedem 
Falle die rechte Grenze der Herzdämpfung bis zur Lungen- 
Lebergrenze zu verfolgen, da man sonst, wenn man sich nicht 
genau daran hält, zu leicht eine Verbreiterung der Herzdämpfung 
nach rechts unter Mammillarhöhe übersieht, und es dürfte in 
dieser Unterlassung einer der häufigsten Gründe zu suchen sein, 
warum so oft die Ergebnisse mehrerer Untersucher bedeutend 
von einander abweichen. 

Was nun die Deutung unserer Dämpfungsfigur anlangt, so 
interessirt uns besonders die rechte Grenze derselben. Von der 
linken Grenze, glaube ich mich berechtigt, wie schon oben er¬ 
wähnt, annehmen zu dürfen, dass sie in den allermeisten Fällen 
mit der Projektion des Herzumrisses, allerdings nur in deren 
unterem Theil. zusammen trifft. 

Die rechte Grenze unserer Dämpfungsfigur verlief in nor¬ 
malen Fällen meistentheils folgendermaassen [cf. Fig. 1 *)] : vom 

Stemalansatz der 4. Rippe 
links beginnend zieht sie 
längs dem linken Sternalrand, 
überschreitet die Mammillar- 
verbindungslinie, wendet sich 
dann aber sofort in schwach 
gekrümmtem Bogen nach 
rechts, überschreitet die Me¬ 
diane etwas unterhalb deren 
Kreuzung mit der Mammillar- 
verbindungslinie und geht nahe 
dem rechten Sternalrand in die 
Lungenlebergrenze über*). 
Diese Linie entspricht also 
nahezu derjenigen, welche mit 
geringen Abweichungen — in 
deren unterem Verlauf — von allen Autoren als die rechte Grenze 
der absoluten Dämpfung bezeichnet wird und uns nahezu die 
Stelle angibt, bis zu der nach rechts hin das Herz der vorderen 
Brustwand anliegt. 

Mitte Juli 1900 erschien nun die oben erwähnte Arbeit von 
Moritz. Es lag nahe, nach den allerdings noch geringen An- 

*) Mönch, med. Wochenschr. 1900. No. 29. 

*) Die Figur wurde mit Hilfe eines Schemas der Lanpp’schen 
Buchhandlung hergestellt. Der Stand der Brustwarzen wechselt 
natürlich, besonders bei Franen, oft sehr. 

*) Wird aus der nach rechts hin konkaven Linie eine gerade 
oder gar konvexe, so Ist dies schon ein Zeichen einer verbreiterten 

Hflrrilmpfnng . 



Fig. 1. 


231 


gaben des Verfassers die Perkussionsmethode zu probiren. Bei 
geeigneten Patienten — mit weder subjektiv noch objektiv sich 
äussemdem Herzleiden und geringem Fettpolster — fand ich in 
vielen Fällen einen deutlichen Unterschied im Schalle rechts 
etwas einwärts von. der Mitte zwischen Mediane und rechter 
Mammillarlinie. 

Der Einfachheit wegen werde ich im Folgenden die nach 
unserer gewöhnlichen Methode gefundene rechte Dämpfungs- 
grenzo die absolute rechte Herzgrenze — wie allgemein üblich — 
nennen und im Gegensatz dazu die von Moritz perkutirte 
Projektion des Herzumrisses rechts die relative rechte Herz¬ 
grenze, wenn sie auch nicht ganz identisch mit der seither so be- 
zeichneten Linie ist. 

Perkutirte ich nun Patienten mit mehr oder weniger starker 
Vergrösscrung des Herzens, so fiel mir Folgendes auf: 1. Bei 
Patienten, deren absolute rechte Herzgrenze deutlich nach rechts 
hinausgeschoben war, fand ich die relative rechte Grenze gar 
nicht odeT kaum über die normale Lago (resp. die Lage, wo ich 
sie bei Herzgesunden gefunden hatte) nach rechts verschoben. 
2. Bei Patienten, deren rechte absolute Herzgrenze bedeutend 
nach rechts hinausgeschoben war (ca. bis zur rechten Mammillar¬ 
linie), reichte die relative Grenze nur um ein Geringes über die 
absolute weiter nach rechts. Fasse ich Beides zusammen: war 
die absolute Grenze nach rechts verschoben, so fand ich die rela¬ 
tive rechte Herzgrenze zwar meist auch nach rechts hinaus- 
geriiekt, aber in so bedeutend geringem Maasse, dass in extremen 
Fällen die absolute rechte Herzgrenze die relative fast erreichte/) 

Was mir zuerst auffallend erschien, ist nun verhältnissmässig 
einfach zu erklären. Betrachten wir einmal einen Horizontal¬ 
schnitt durch den Thorax ca. in Höhe des Sternalansatzes der 
5. Rippe. Unter normalen Verhältnissen treffen wir das Herz 
mit einem ovalen Querschnitt, die längere Achse verläuft von 
rechts nach links; hinten berührt das Oval nahezu die Wirbel¬ 
säule, vorn das Sternum, im Uebrigen ringsum von Lunge um¬ 
gehen. Nehmen wir nun an, es träte eine gleichmässigc Ver¬ 
größerung des Herzumfanges ein; nach rechts und links setzt 
ihm die elastische Lunge geringen Widerstand entgegen, hier wird 
das Herz dementsprechend seine Form bewahren; nach vorn und 
hinten jedoch kann es sich ohne Formveränderung nicht aus¬ 
dehnen, da ihm die knöcherne Begrenzung (wenigstens beim Er¬ 
wachsenen) einen unnachgiebigen Widerstand entgegensetzt. 
Seine Form muss darunter leiden: es plattet sich ab, lehnt sieh 
unter Zurückdrüngung der Lungenränder der vorderen Brust¬ 
wand mehr und mehr an. Dass dies wirklich der Fall ist, davon 
können wir uns ja bei Sektionen oft überzeugen. An seiner 
dorsalen Fläche muss sich das Herz bei seiner Vergrösserung 
auch mehr und mehr an die knöcherne Wand andrücken; dass 
dies so ist, fällt naturgemäss bei der Eröffnung der Leichen von 
vorn nicht ohne Weiteres in’s Auge. 

Vielleicht Ist mir hier eine kleine Abschweifung gestattet. 
Bei Patienten mit starker Vergrösserung besonders des linken 
Herzens hören wir häufig die Klage, sie können nichts hinunter- 
brlngeu, es istihnenalleswiezugeschnürt, wenn sie etwas schlucken, 
Es lässt sich daran denken, dass dies nicht selten auf einem Zusam¬ 
mengedrücktwerden des Oesophagus von Selten des sich an die 
Wirbelsäule andrängenden Herzens beruht, was bei deranatomischon 
Lage der Speiseröhre ln dieser Höhe, vorn etwas seitlich links 
zwischen Herz und Wirbelkörpern, leicht erklärlich ist. Dass 
es aber wirklich auf diese Weise zu Oesophagusstenosen kommen 
kann, beweist folgender Fall, den ich vor 2 Jahren im Auftrag 
des behandelnden Kollegen sezlrt habe. Es handelte sich um 
einen älteren Mann, der erst schwer krank und kaehektisch in 
Behandlung gekommen war. Es bestanden bei dom Patienten 
starke Schluckbeschwerden; beim Sondireu traf die Sonde ober¬ 
halb der Kardia auf ein Hinderniss, das nur nach einigen Ver¬ 
suchen zu überwinden war; da ausserdem im Epigastrium ein 
harter Tumor fühlbar war, stellte der Kollege mit Rücksicht auf 
die starke Kachexie die Diagnose Carcinoma ventriculi. Die be¬ 
stehende Herzschwäche wurde als sekundäre aufgefasst. Die 
Sektion ergab nun folgenden merkwürdigen Befund: Das Herz 
war mässig vergrössert, mit dem Herzbeutel an mehreren Stellen 
verwachsen. Die Wand beider Ventrikel, besonders aber die des 
linken, war von einer mehrere Millimeter dicken Kalksehale ge¬ 
bildet. Der Oesophagus zeigte keine Verengerung: kein Tumor 
ventriculi. Der ln vivo gefühlte Tumor musste das verkalkte 
Herz gewesen sein. Die Oesophagusstenose war offenbar dadurch 
vorgetäuscht, dass sich die Sonde an dem oberen Rande der Kalk¬ 
platte des linken Ventrikels fing; erst bei mehreren Versuchen 


‘) Sommer 1901 war Ich ln gleicher Eigenschaft wie 1900 in 
Bad Nauheim und Ich habe mich von der Richtigkeit all’ dieser An¬ 
gaben wieder von Neuem überzeugen können. 

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aa 


No. 6. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


konnte die Sonde zwischen Wirbelsäule und Herz den Oesophagus 
passiren. Ich halte diesen in mancher Beziehung lehrreichen Fall 
für sehr geeignet als Beweis, wie sehr das vergrösserte Herz an 
die Wirbelsäule andrängt 

Betrachten wir nun einmal nebenstehendes einfaches Schema 
(Fig. 2), Horizontalschnitt in Höhe des Stemalansatzes der 

5. Rippe: W sei die 
Wirbelsäule, BB die 
vordere Brustwand, 
MM die Mediane, 
R und L die beiden 
Herzventrikel. Bei a 
sei die absolute rechte 
rechte Herzgrenze, 
bei r die relative. 
Nehmen wir nun an, 
der Querschnitt des 
Herzens nähme rings¬ 
um gleichmässig an 
Fig. 2. Grösse zu; die punk- 

tirte äussere Linie 

soll die Herzvergrösserung darstellen; bei der Projektion 

auf die vordere Brustwand sehen wir r nach r 1 rücken, 

a nach a\ Aus dem Schema erkennen wir, wie sich 

das Herz vorn an die Brustwand andrücken muss und 
wie in Folge dessen die Strecke aa 1 wesentlich grösser ist 
als die Strecke rr\ Nimmt das Herz nun nicht gleichmässig 
an Grösse zu, sondern nur ein Ventrikel, z. B. der rechte, so wird 
sich die parietale Wand des rechten Ventrikels besonders in der 
Richtung des kleinen Pfeiles p ausdehnen, wobei naturgemäss 
die Andrängung der vorderen Herzwand an die Brustwand eine 
noch grössere sein mus9, in Folge dessen wird die Strecke a 
bis a l noch grösser, während r bis r 1 eher kleiner wird. Nimmt 
andererseits der linke Ventrikel allein an Grösse zu, so liegt die 
Sache ähnlich, nur dass die grösste Ausdehnung in entgegen¬ 
gesetzter Richtung erfolgen wird. 

Es liegt nahe, aus einem derartigen Schema noch allerlei 
Schlüsse zu ziehen und sie mit praktischen Erfahrungen in 
Einklang bringen zu wollen. Ich sehe davon ab; nur auf Eines 
möchte ich noch aufmerksam machen: die Vorderfläche des 
Herzens wird zum weitaus grössten Theil aus der parietalen 
Wand dee rechten Ventrikels gebildet (bei höher gelegenen 
Schnitten des rechten Vorhof natürlich), während der linke 
Ventrikel fast ganz nach hinten liegt; wir werden also aus dem 
Grade, mit dem sich das Herz der vorderen Brustwand anlegt, 
reep. der dadurch bedingten Hinausschiebung der rechten abso¬ 
luten Perkussionsgrenze, zunächst auf die Grösse des rechten 
Ventrikels schliessen. Den linken Ventrikel werden wir nach der 
Lage unserer linken Herzgrenze beurtheilen. Dies gibt uns aber 
kein absolut sicheres Bild der Grössenverhältnisse beider Ven¬ 
trikel: nehmen wir an, es träte eine Vergrösserung des linken 
Ventrikels allein ein, so wird dieser sich auch nach vom in der 
Richtung des Pfeiles ausdehnen, die vordere Herzfläche drängt 
sich etwas mehr an die vordere Thoraxwand an: die absolute 
rechte Herzgrenze rückt nach rechts hinaus, auch wenn es sich 
nur um eine Volumszunahme des linken Ventrikels allein handelt. 

Nach diesen Ueberlegungen ist leicht begreiflich, was im 
ersten Augenblick auffallend erschien. Tritt eine Vergrösse¬ 
rung des rechten oder linken Ventrikels oder beider zugleich ein, 
so wird in den meisten Fällen die relative rechte Herzgrenze 
zwar auch nach rechts hinausrücken, aber in bedeutend ge¬ 
ringerem Maasse als die absolute rechte Herzgrenze, und zwar in 
so bedeutend geringerem Maasse, dass in extremen Fällen die 
absolute rechte Herzgrenze die relative fast erreicht. 

Dass man Manches gegen diese meine Beweisführung an¬ 
führen kann, ist mir wohl bewusst; ich habe die Verhältnisse so 
einfach gewählt wie nur möglich; dass das Herz bei Dilatation 
und Hypertrophie sich auch um seine Längsachse drehen kann, 
habe ich mit Absicht ausser Acht gelassen: wir wissen hierüber 
zu wenig Genaue * und ausserdem dürfte diese Lageveränderung 
für meine Beweisführung ohne Belang sein, da sie die relative 
wie absolute rechte Herzgrenze in gleicher Weise beeinflusst; die 
verschiedene Konfiguration des Thorax wurde aus demselben 
Grunde nicht in Betracht gezogen, ebenso die Veränderung 
der Lungen, wie Verdichtungen oder Blähungen (Lungen¬ 
emphysem) u. a. m. 


Trotz Allem glaube ich mich auf Grund der oben erwähnten 
praktischen Erfahrungen, sowie der diese erklärenden theore¬ 
tischen Erwägungen berechtigt, diesen Satz aufzustellen: In 
der absoluten rechten Herzgrenze haben wir 
einen besseren Indikator für eine Vergrösse¬ 
rung des Herzens nach rechts als in der rela¬ 
tiven, i. e. Moritz’schen, da diese nur eine geringe Ver¬ 
schiebung zeigt, wo wir bei jener schon eine bedeutend deut¬ 
lichere Abweichung finden. 

Es liegt daher kein Grund vor, die seither geübte Methode 
der Herzperkussion zu verlassen und die von Moritz ge¬ 
fundenen Linien des Herzumrisses als Ausgangspunkte für eine 
neue Methode zu benutzen. Nur als einen Ersatz für die seit¬ 
herige sogen, relative Dämpfung dürfen wir sie ansehen; in 
dieser Beziehung wäre es allerdings freudigst zu begrüssen, 
wenn eine Einigung aller Universitätslehrer erzielt würde. Die 
neue Umgrenzung der relativen Dämpfung wird schwerlich etwas 
an der Unsicherheit derselben gegenüber der absoluten — welch’ 
letzterer ich auch eine grössere diagnostische Bedeutung, wie 
eben gezeigt wurde, beilege — zu ändern im Stande sein. Der 
hervorragende Werth der orthodiagraphisehen Untersuchung, 
namentlich für den Kliniker und Experimentator, soll damit 
nicht im geringsten geschmälert werden. 

N achtrag: Obige Arbeit wurde der Redaktion der Münch, 
med. Wochenschr. im Frühjahr 1901 überreicht, aber bis zum Er¬ 
scheinen einer in Aussicht genommenen grösseren Arbeit von 
Moritz zurückgestellt. Diese ist nunmehr (No. 1, 1902 der 
Münch, med. Wochenschr.) erschienen. Ich freue mich, daraus 
zu ersehen, dass Moritz in derselben gleichfalls die Bedeutung 
der seitherigen Perkussionsmethoden nach der Richtung hin her¬ 
vorhebt, wie ich es in meiner Arbeit gethan habe. Wenn ich es 
trotzdem für angebracht halte, meine Arbeit jetzt noch zu ver¬ 
öffentlichen, so geschieht dies, weil ich den Gegenstand für 9ehr 
wichtig erachte und ihm eine eingehendere Betrachtung mit Er¬ 
klärung der Thatsachen gewidmet habe, als dies Moritz gethan 
hat. Dass Moritz aber nicht nur die seither übliche Methode 
der Perkussion der „absoluten“ Dämpfung neben der Beinigen, 
sondern auch noch die bisher als „relativ“ bezeichnete gleich¬ 
zeitig beibehalten haben möchte, kann ich nicht billigen. Man 
bleibe bei der seitherigen absoluten Dämpfung und modifizire die 
seither als „relative“ bezeichnete auf Grundlage dee von Moritz 
Neu-Konstatirten. Hiermit dürfte allen Bedürfnissen der Praxis 
vollauf genügt sein. 


Das Isodynamiegesetz. 

Von Prof. Dr. Rubner. 

Unter der obigen Ueberschrift hat Herr Bezirksarzt 
Dr. v. H ö s s 11 n ln Bergzabern ‘) sich formell gegen Prof. 
Cremer, der mir die Auffindung des Gesetzes der isodynamen 
Vertretung der Nahrungsstoffe zuschreibt, gewandt, im Wesent¬ 
lichen in einer Art von Reklamation in Erinnerung gebracht, dass 
auch er selbst an dieser Auffindung betheiligt sei. 

In erster Linie gibt nun v. H. selbst zu, dass der Gedanke, 
es möchten bei der Ernährung die Stoffe nach ihren Brennwertlien 
sich vertreten, schon in der älteren Literatur sich findet, was gar 
nicht zu bezweifeln Ist, ja auch die L i e b i g’schen Anschauungen 
decken sich wenigstens theilweise mit einer solchen Auffassung, 
die Ja auch schliesslich als eine Konsequenz der Lavolsler- 
schen Ideen erscheinen kann. 

Von der Aeusserung einer Anschauung bis zum experimen¬ 
tellen Beweise einer solchen Ist manchmal ein sehr langer Zeit¬ 
raum verstrichen und für die Wissenschaft ist nur der Beweis 
einer solchen Vermuthung von Werth. Diesen Beweis des Be¬ 
stehens einer isodynamen Vertretung der Nahrungsstoffe im Thier¬ 
körper erbracht zu haben, nehme ich voll und ganz für mich 
ln Anspruch. 

Ich nehme aber ganz gerne Veranlassung einen kurzen histo¬ 
rischen Ueberblick über das Entstehen des experimentellen Be¬ 
weises für die Isodynamle zu g^ben, als die Darstellung v. H.’s 
völlig unrichtige Darlegungen bringt. 

Obwohl er zwar einleitend bemerkt hat. dass der Gedanke, 
es möchten sich die Nahrungsstoffe im Thierkörper nach ihren 
Verbrennungswerthen vertreten, schon Mitte der 50 er Jahre des 
vorigen Jahrhunderts aufgetaucht sei. glaubt er doch, dass seine 
Untersuchungen, auf welche ich später zu sprechen komme, mich 
erst auf den richtigen Weg geführt hätten. 

Die Beweisführung ist folgende: 

v. H. weist darauf hin, dass eine meiner Publikationen aus 
dem Sommer 1881 den Stoffverbrauch im hungernden Pflanzen- 

*) Diese Wochenschrift, 31. Dez. 1901. _ 



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11. Februar 1902. 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


233 


fresser betreffend ganz den Stempel der V o 1 t'schen Ansebau- I 
uugen über den Stoffwechsel an sich tragen, obschon es nahe I 
gelegen hätte, dabei sich über die Isodyname Vertretung zu 
iiussern. Diese Versuche sind im Sommer 18S1 erschienen. 

Er selbst habe dann, nach seiner Angabe zu Weihnachten 
1881. an Volt ein Manuskript übergeben, in welchem zuerst die ! 
Vertretung der Nahruugsstoffe nach Verbrennungswert heil er- ■ 
wiesen worden sei. Meine Versuche ..mit exakter Fragestellung" j 
seien alle erst überhaupt angestellt worden, seitdem sein ziin- | 
elender Gedanke das nöthlge Licht verbreitet habe. 

Der Entwickelungsgang aller dieser Dinge war aber tlmt- 
sächlich ein vollkommen anderer. Schon 1878 habe ich mit Ex- ! 
perimenten über die Vertretungswerthe organischer Nahruugsstoffe ! 
liegonnen, erst über die Beziehungen von Fett und Traubenzucker, j 
dann von Fett und Stärke. Meine gleichzeitig weiter geführten I 
Untersuchungen über den hungernden Pflanzenfresser gaben mir 1 
den sicheren Beweis für die Art der Vertretung von Eiweiss und 
Fett nach kalorischen Wcrthen. 

Der Zeitpunkt, der mir auf Grund ausführlicher Experimente 
die Ueberzeugung der Isodynamen Vertretung brachte, liegt also j 
ln den Jahren 1879—80, und ich hatte daher zur Zeit meines Auf- | 
enthalts im Laboratorium von Ludwig in Leipzig (1880) viel- 1 
fach Gelegenheit mit C. Ludwig über die Tragweite der Er- 1 
gcbniHse zu sprechen und bei Stohmann mich über die kalori- J 
metrische Methodik zu unterrichten. Man darf dabei nicht ver- I 
gossen, dass die Ernährungslehre damals andere Wege ging, und j 
die Methodik der experimentellen Untersuchung, wie ich sie an- i 
wandte, eine Fülle von Vorarbeiten nothwendig machte, und ana- ; 
lytische Arbeiten, um ein zuverlässiges Resultat zu liefern. Die 
Untersuchungen über die gleiehmüssigc Zersetzung im Hunger¬ 
zustand, Experimente über abundante Kost waren 1880 soweit 
erledigt, dass ich In der Abhandlung über den hungernden Pflanzen¬ 
fresser. die erst, im Frühjahr 1881 abgeschlossen wurde, zum 
ersten Mal glaubte, meine Anschauung über die isodyname Ver¬ 
tretung, speziell von Eiweiss und Fett, niedeiiegeu zu dürfen. 

Prof. Volt, welchem ich meine Arbeit zur Veröffentlichung 
unterbreitete, vermochte sich aber nicht meinen Anschauungen 
nnzuschliessen, und er hielt die Mittheilung für verfrüht, und das 
Thema der isodynamen Vertretung kam also nicht zur Publikation 
und ich musste hoffen, durch meine weiteren Arbeiten der An¬ 
schauung späterhin zum Siege zu verhelfen. Volt gab daher der 
Darstellung bezüglich der Vertretung des Eiwoisses und Fettes 
die seinen Anschauungen entsprechende Formulirung, die v. II. 
jetzt als den Beweis meiner durch seinen Gedanken noch nicht 
geklärten Auffassung darzustellen beliebt. 

Meine persönlichen Anschauungen waren also thatsächlich 
damals völlig geklärt und somit eine experimentelle Grundlage 
vorhanden, dass ich nur noeh Kontrolversuehe zur bereits er¬ 
hobenen Thatsaehe hinzuzufügen hatte. Ich hatte gefunden, dass 
sieh die Ergebnisse der Thierversuche von den berechneten Ver- 
trotungswerthen immerhin um gewisse Grössen unterschieden, 
aber gemeint, diese Unterschiede durch Wiederholungen der Ex¬ 
perimente verschwinden zu sehen, was aber sich nicht bestätigte. 

Erst einige Zeit nach Veröffentlichung meiner Ergebnisse 
kam dafür durch die kalorimetrische Untersuchung Stohman n's 
die Erklärung, dass die zur Zeit meiner Experimente ln der Lite¬ 
ratur angeführte Verbrennungswärme der Stoffe fehlerhaft war. 
und Theorie und Beobachtung weit besser übereingingen als ich 
meinte. 

Was Herr v. H. über die Reihenfolge und die zeitliche Folge 
meiner Versuche angibt, ist in den wesentlichen Punkten direkt 
unrichtig. 

Der Umstand, dass ich im V o i t’schen Laboratorium seit 
1878 mit Untersuchungen über die Vertretungswerthe beschäftigt 
war. dass die Ergebnisse für Eiweiss wie für Kohlehydrate zu 
einer Vertretung nach den Verbrennungswerthen geführt hatten, 
dass endlich nur die erwähnten äusseren Umstände nicht zu einer 
Darlegung der isodynamen Vertretung bereits ira Sommer 1881 
geführt hatten, sind v. H., der damals an dem gleichen Labora¬ 
torium über die Folgen der Elsenentziehung arbeitete, wohl be¬ 
kannt gewesen. 

Es dürfte daher immerhin als etwas Ungewöhnliches aufge¬ 
fasst werden, dass ich eines Tages unvermutliet von einer Arbeit 
v. H.’s Kenntniss erhielt, welche sich materiell in wesentlichen 
Dingen mit meinen eigenen Untersuchungen lnsoferne deckt, als 
dadurch der Satz der isodynamen Vertretung, durch die gleich¬ 
sinnige Bezeichnung, sie vertreten sich „annähernd genau" nach 
den Verbrennungswärmen vorweg genommen werden sollte. 

Die betr. Arbeit v. H.’s war. ohne dass er auch selbst nur 
ein einziges Experiment gemacht hätte, in der allerdings bequemeu 
Weise der Schreibtischthätigkeit durch Umrechnung der Versuche 
von Pettenkofer und Volt nach den von Danllewski 
angegebenen Verbrennungswärmeu entstanden; irgend eine Be¬ 
zugnahme auf meine experimentelle Bearbeitung der Frage fehlt 
in der Publikation völlig. 

Thatsächlich enthielt die Arbeit v. II.’s nicht im Geringsten 
einen Beweis für die Isodyname Vertretung, die nur dann auf eine 
Anerkennung Anspruch mnehen konnte, wenn sie exakt bewiesen 
war. Ich habe die feste Ueberzeugung, v. H. hätte sich in seinen 
Schlussfolgerungen viel vorsichtiger ausgedrückt, wenn er nicht 
schon damals auf das Bestimmteste gewusst hätte, er werde in 
kürzester Frist durch Veröffentlichung meiner Experimente eine 
sichere Rückendeckung erhalten. 

Die Beweise v. H.’s für die Vertretung nach Verbrennungs¬ 
werthen habe Ich früher wie heute für völlig ungenügend gehalten 


und die auf darwlnlstische Grundlage baslrte Ableitung der Er¬ 
nährungsgesetze für ein verfehltes Unternehmen. 

Der rechnerische Versuch, welchen v. H. angestellt hat, hatte 
weder, was die Feststellung des Stoffumsatzes anlangt, eine ge¬ 
nügende Grundlage, die kalorimetrischen Annahmen waren nicht 
zutreffend, noch auch die biologischen Voraussetzungen zur Lösung 
dieser immerhin kompllzirten Fragen geeignete. 

Wenn v. II. behauptet, ich hätte ihn bezügl. seiner Arbeit 
niemals zitirt. so möchte ich dies unter Bezug auf Zeitschr. f. 
Biol. Bd. XIX, p. 537 als unwahr zurückweisen. Im Uebrigen 
kommt es v. H. nicht zu, iu diesem Punkte allzu empfindlich zu 
sein, dn er selbst, wenigstens was mich angeht, verabsäumte, von 
seiner Kenntniss meiner Versuche Zeugniss abzulegen, noch auch 
späterhin, als er 1888 sich beinüsslgt fühlte, den Einfluss der Ober¬ 
fluchenentwicklung auf den Stoffumsatz, seiner Theorie gemäss 
zu erläutern, meine schon 1887 publizlrten experimentellen Unter¬ 
suchungen, welche seine Einwände allerdings ohne Weiteres als 
unangebracht dargetlian hätten, zu erwähnen. 

Da ich in Kürze an anderer Stelle In einer Monographie meine 
Anschauungen eingehender zu publiziren gedenke, habe ich keinen 
Grund, hier weiter in eine Besprechung einzutreten. 


Das isodynamiegesetz. 

Von Prof. Carl V o i t. 

Herr Dr. H. v. H ö s s 1 i n hat einen Passus der von Herrn 
Prof. M. Cremerzu meinem 70. Geburtstage verfassten Lebens¬ 
skizze zur Veranlassung genommen, um seinen vermeintlichen An- 
theil an der Aufstellung und dem Beweise des Isodynamiegesetzes. 
nach welchem die organischen Nahrungsstoffe sich nach ihren 
Verbrennungswerthen im Thierkörper vertreten, in Anspruch zu 
nehmen; es hätten sich ihm seit 20 Jahren viele Gelegenheiten 
geboten, seine Ansprüche geltend zu machen. Er berührt dabei 
auch meine Anschauungen über die Ursachen der Zersetzungen im 
Thierkörper und stellt ihnen die seinigen als die richtigen ent¬ 
gegen; ich hätte nichts darüber gesagt, so wenig als über die 
Aeusserungen Anderer über meine Lehren, da ich überzeugt bin, 
dass die Wahrheit sich doch schliesslich Bahn brechen wird. 
Aber v. H. hat dabei Interne Vorgänge, welche sich vor 
20 Jahren in meinem Laboratorium abspielten, unrichtig dar¬ 
gestellt, so dass ich zur Abwehr genöthigt bin. so weit dies nicht 
schon im vorausgehenden Artikel von Herrn Prof. M. Rubner 
geschehen ist. 

v. H. berichtet, seine von ihm mir zur Aufnahme in die Zeit¬ 
schrift für Biologie übergebene Arbeit hätte zu den heftigsten 
Debatten im Münchener physiologischen Institut Veranlassung 
gegeben. Was meine Person anbetrifft, so habe ich mit v. H. 
Im Wesentlichen nicht über die Vertretung der Nahrungsstoffe 
nach ihrer Verbrenn ungs wärme debattirt, sondern über die ln 
seiner Abhandlung gemachte Behauptung, dass die Nahrungs¬ 
zufuhr keinen Einfluss auf den Gesammtstoffwechsel habe: er 
hatte dies nöthlg, um seine Auffassung der „möglichsten Sparung“ 
im Organismus aufrecht zu erhalten. Er berechnete zu diesem 
Zweck aus den bei den Versuchen von Pettenkofer und mir 
am Hund und Menschen gewonnenen Zahlen der Zersetzungs¬ 
grössen die entwickelte Wärme, und er war erstaunt darüber, 
dass die letztere bei Hunger und voller Nahrungszufuhr nicht so 
viel von einander verschieden sind, als er voraussetzte: es war mir 
dies nichts Neues, denn ich habe schon bald nach unseren Unter¬ 
suchungen am Menschen (1866) solche Berechnungen nach der 
Verbrennungswärme von F r a n k 1 a n d gemacht und in einer 
Tabelle für meine Vorlesung aufgezeichnet (2,25 Millionen Wärme¬ 
einheit bei Hunger und 2,40 Millionen bei mittlerer Nahrung). 
Wenn ich von einem sehr bedeutenden Einfluss der Nahrungs¬ 
zufuhr sprach, so bezog sich dies nicht auf den Gesammtstoff¬ 
wechsel, von dem bei meinen früheren Arbeiten gar nicht die 
Rede ist. sondern vielmehr auf die grossen Schwankungen in der 
Zersetzung der einzelnen Nahrungsstoffe, je nach der Grösse ihrer 
Zufuhr, so z. B. auf die gewaltige Steigerung des Eiweisszerfalls 
bei reichlicher Eiweissaufnahme und auf die Aenderungen der 
Zersetzung unter dem Einflüsse von Fett oder Kohlehydraten. Die 
bei unseren Versuchen thatsächlich vorhandene Steigerung der 
Gesammtzersetzung unter dem Einflüsse der Nahrungsaufnahme 
wurde von ihm durch allerlei Deutungen kleiner zu machen ge¬ 
sucht. Es ist keinem Zweifel unterworfen, dass reichlich«' 
Nahrungszufuhr den Gesammtstoffwechsel und die Wärmebildung 
erhöht und dass der von mir bei unserer Unterredung bestrittene 
Hauptsatz der Abhandlung vou v. H. unrichtig ist. Es ist. dies 
durch die Versuche von Pettenkofer und mir «largethan 
worden, insbesondere aber durch die im Jahre 1885 in meinem 
Laboratorium angestellten Versuche von M. Rulin e r. der bei 
abundanter Aufnahme von Nahruugsstoffen einen solchen Ein¬ 
fluss fand, den grössten bei Eiweiss, einen geringeren bei Kohle¬ 
hydraten und den geringsten bei Fett; für das Stärkemehl thun 
dies auch die ebenfalls aus meinem Institut hervorgegangenen 
Versuche von K. B. Lehman n und Erwin Volt an Gänsen 
dar. für das Eiweiss die von Erwin Volt am Hund, sowie die 
schon 1882 ausgeführten, erst vor Kurzem veröffentlichten Versuche 
am Hunde von Max Gruher. 

lieber die Frage nach der Isodynamie habe ich mich mit v. 11. 
nicht ereifert. Aus den mir vorliegenden Versuchen von Petten¬ 
kofer und mir am Hunfle, welche nicht eigens zu dies<>m Zwecke 
angestellt worden waren, hatte ich im Jahre 1873 berechnet, dass 
100 g Fett durch etwa 175 g Kohlehydrate ersetzt werden. Es 
war damals die Aufgabe, durch den Versuch am Thier zu prüfen, 


No. 6. 


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231 


MUENOHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Nu. 0. 


ob die beiden Stoffe sich, wie L i e b i g meinte, in denjenigen 
Mengen vertreten, in denen sie Sauerstoff zur völligen Verbren¬ 
nung brauchen; es hätten sich sehr wohl die Bedingungen für die 
Zerstörung von Fett und Kohlehydraten in den Zellen so gestalten 
können, dass sie sich in anderen Mengen zersetzt hätten, auch in 
anderen, als der Isodynainie entspricht. I>a ich meine frühere 
Berechnung nicht für genau genug hielt, veranlasste ich im 
Winter 1878/79 den talentvollen cand. med. Ernst Schürmann 
aus Aachen, hierüber Versuche am Hunde anzustellen: als der¬ 
selbe leider erkrankte und starb, übernahm M. R u b u e r die 
Aufgabe. Bei ihrer Lösung hätte sich das Isodynamiegesetz er¬ 
geben. ob v. II. seine Betrachtungen gemacht hätte oder nicht. 
Es war daher gar keine Veranlassung vorhanden, mit ihm über 
seine Vorstellungen in dieser Richtung zu disputireu. weil schon 
seit Jahren Versuche darüber in meinem Laboratorium iu» 
Gange waren. Ich war allerdings nicht damit einverstanden, wenn 
v. H. aus der D a r w i n’schen Deszendenztheorie und aus Zweck¬ 
mässigkeitsgründen ableiten wollte, dass die Organisation eine 
möglichste Sparung an Kraft bezwecke und dass desshall» die 
Nahrungsstoffe sich nach Maassgalx* ihrer Verbrennungswärme 
vertreten müssten. Solche Spekulationen bringen keine Beweise 
für die verwickelten Vorgänge der Stoffzersetzung im Thierkörper, 
ja nicht einmal eine Erklärung der Erscheinungen: in der Natur- 
forschung ist das Ausdenken von Möglichkeiten gewiss erspriess- 
licli und nothwendlg. aber es ist nur ein Mittel zum Zweck, in¬ 
dem es zu neuen Fragen anregt, welche erst durch das Experiment 
gelöst werden müssen. Nur zu oft wird im Thierkörper von der 
möglichsten Sparung abgewichen und mehr Wärme durch die Zer¬ 
setzung erzeugt als nöthig ist: so z. B. bei starker Muskelarbeit, 
bei welcher der Arbeiter selbst in der W’interkälte zur Anbringung 
der überschüssigen Wärme seinen Oberrock ablegt, oder in den 
Tropen, wo man alle Kunst aufwenden muss, um die im Ueber- 
munss gebildete Wärme los zu werden. 

Obwohl v. H. wusste, dass hierüber Versuche in meinem 
Institut im Gang waren, veröffentlichte er doch seine theo¬ 
retischen Darlegungen (1882): M. Rnbner hatte schon aus seiner 
im Sommer 1881 in der Zeitschrift für Biologie erschienenen 
Untersuchung Uber den Stoffverbrauch im hungernden Pflanzen¬ 
fresser die Vertretung von Eiwolss und Fett nach kalorischen 
Werthen erschlossen, aber ich bat ihn. von der Veröffentlichung 
abzustehen, bis die im Gnnge befindlichen Versuche über die 
Aequlvalente von Fett und Kohlehydraten vollendet wären und 
das gleiche Resultat völlig einwandfrei ergeben hätten. Ich 
glaube, ich habe damals als vorsichtiger Forscher richtig ge¬ 
handelt; es erschien nicht möglich, dass ihm Jemand darin zuvor¬ 
kommen würde: allerdings konnte ich nicht voraussehen, dass ein 
Anderer aus meinem Laboratorium ihm den Gedanken streitig 
machen würde. 

v. H. stellt die Sache so hin, als ob meine Anschauungen über 
die Ursachen der Zersetzungen im Körper ganz andere seien als 
die seinigen, als ob sie unrichtig und veraltet wären, und dass 
Der. welcher diesellx*n habe, meilenweit, entfernt sei von den. 
Erfassen des Isodynamiegesetzes. 

Ich ergreife gerne die Gelegenheit, den Lesern dieser Wochen¬ 
schrift meine aus den Resultaten meiner Versuche am Thier ab¬ 
geleiteten Lehren in Kurzem darzulegen. Die noch unbekannten 
Ursachen der Zersetzung finden sich in der Organisation, in den 
Zellen. Die Masse dieser Zellen und die Fähigkeit derselben, die 
Stoffe zu zerlegen, bestimmt den Umsatz. Es ist unzweifelhaft 
nachgewiesen, dass das den Zellen zugeführte Eiweiss am 
leichtesten in seine Komponenten zerfällt, dann die Kohlehydrate, 
am schwierigsten das Fett. Die Zersetzung geht so lange in den 
Zellen fort, bis ihre Zersetzungsfiihigkeit erschöpft ist. Es können 
auf die Zellen allerlei Einflüsse einwirken, welche ihre Zer¬ 
setzungsfähigkeit ändern, sie erhöhen oder vermindern: Im ersteren 
Sinne wirkt z. B. die Muskelarbeit, die Kälte oder der Wärmo¬ 
verlust bei den homoiotliermen Tliieren. die abundante Nahrungs¬ 
zufuhr, die Erwärmung der Zellen: im letzteren Sinne die Ab¬ 
kühlung der Zellen, gewisse giftige Substanzen etc. 

Wenn ich manchmal statt ..Zersetzungsfähigkeit der Zellen“ 
den Ausdruck „Kraftaufwand der Zellen, zu zertrümmern“ oder 
„Kraft der Zellen, zu zerlegen“ gebrauchte, so meinte ich damit, 
wie aus allen meinen Darlegungen hervorgeht, nicht, dass die 
Zellen zur Zersetzung immer Kraft aufwenden müssen, sondern 
ich verstand darunter die Summe der unbekannten Ursachen der 
Zersetzungsfähigkeit der Zellen, wie man auch von Gährkraft 
oder Gährfähigkeit der Hefezellen spricht. 

Je nach der Qualität und Quantität der zugeführten Nahrungs¬ 
stoffe ändert sich die Zersetzung der einzelnen Nahrungsstoffe: 
es kann ausschliesslich Eiweiss zerfallen, oder wenig Eiweiss 
neben viel Fett oder viel Kohlehydraten. Ich habe für die ver¬ 
schiedensten Umstände die Zersetzungsgrösse der einzelnen 
Nahrungsstoffe festgestellt. Es lassen sich alle Vorgänge des 
Stoffwechsels und der Ernährung aus diesen stofflichen Vor¬ 
gängen in den Zellen ableiten. Bei einer gegebenen Beschaffen¬ 
heit der Zellen wird zuerst das zur Verfügung stehende Eiweiss 
angegriffen und es wird ausschliesslich Eiweiss zersetzt, wenn 
genügend davon den Zellen geboten wird: ist durch das zugeführte 
Eiweiss die Fähigkeit der Zellen, zu zersetzen, noch nicht er¬ 
schöpft. dann wird von dem zur Verfügung stehenden Kohle¬ 
hydrat und Fett zerstört, so lange bis die Zelle nichts mehr zer¬ 
setzen kann. 

Aus diesem stofflichen Verbrauch gehen nun die Wirkungen 
hervor: die Arbeitsleistung, die Wärmebewegung, die elektrischen 
Bewegungen etc., die wir in Wärmeeinheiten nusdrücken können. 
Dies ist dann der aus dem Stoffwechsel abgeleitete Kraft Wechsel. 


Man kann nun aber auch den umgekehrten Weg der Be¬ 
trachtung einschlagen und von den Wirkungen, also von dem 
Kraftwechsel, ausgehen und auf den Stoffwechsel schliessen. Es 
lässt sich ja wohl sagen, der Kräfteverbrauch im Körper, also das 
Bedürfniss nach Wärme und nach Kraft zur Arbeit, wirken be¬ 
stimmend auf die Grösse der Stoffzersetzung ein, insoferne bei 
Wärmeverlust und bei der Arbeitsleistung thatsiiohlich ent¬ 
sprechend mehr Stoff zerstört wird. Aber man darf nicht 
schliessen, dass die Muskelarbeit oder der Wärmeverlust die 
direkte und nächste Ursache für diesen Mehrzerfall ist; die Ur¬ 
sachen sind die eigentümlichen Bedingungen der Organisation, 
und die Muskelarbeit, sowie der Wärmeverlust sind nur Faktoren, 
welche auf jene Ursachen begünstigend einwtrken und die Fähig¬ 
keit der Zellen, zu zersetzen, erhöhen; ln Folge davon wird mehr 
zersetzt und sekundär die Kraft zur Arbeit und die Wärme ge¬ 
liefert. 

Das Bedürfniss nach Kraft kann doch unmöglich die Ursache 
der Stoffzersetzung sein, so wenig das Bedürfniss nach Geld das 
letztere ohne Weiteres in unsere Tasche schafft. Darum hat auch 
der Kraftverbrauch oder das Bedürfniss nach Kraft in seinem Ein¬ 
fluss auf den Stoffumsatz eine ganz bestimmte obere Grenze, welche 
in der Fähigkeit der Zellen, zu zersetzen, gegeben ist. Vermag die 
Zelle nicht m e h r zu zersetzen, dann hört die weitere Arbeits¬ 
leistung auf. wenn auch das grösste Bedürfniss darnach vorhanden 
wäre, und es hört auch in diesem Falle die weitere Wärmebildung 
auf. wenn wir sie noch so sehr nöthig hätten und erfrieren würden. 

Damit sind wir wieder, ausgehend von den Wirkungen, bei 
den stofflichen Vorgängen in den Zellen angelangt, aus denen die 
Wirkungen hervorgehen. 

Ich halte daher an meinem „alten Standpunkt“, dem rein stoff¬ 
lichen. zur Erklärung der Vorgänge des Stoffwechsels und der Er¬ 
nährung. fest, und ich bin überzeugt, dass er der richtige ist und 
dass sich dabei am klarsten und einheitlich die Vorgänge des Stoff¬ 
verbrauchs, die ja ausschliesslich stoffliche sind, entwickeln lassen, 
indem man untersucht, welche Stoffe im Körper unter verschie¬ 
denen Verhältnissen, also auch bei Arbeitsleistung und Wärme¬ 
abgabe. zerstört werden und wieviel man dal>ei von den Nahrungs- 
Stoffen zuführen muss, um den stofflichen Bestand des Körpers zu 
erhalten. 

Wenn ich diese Trennung der beiden Gebiete, des Stoffwechsels 
und des Kraftwechsels, vornahm, so thut dies aber doch nicht dar. 
dass ich dem letzteren, aus den Zersetzungen resultirenden. also 
die Arbeitsleistung und den Wärmeverbrauch, für gleieligiltige 
Dinge hielt; ich wollte nur einer Vermengung derselben Vorbeugen, 
welche nur Unklarheiten und Nachtheile mit sieh bringt. Denn 
die ausschliessliche Beachtung der Wirkungen und die Ausdrüekung 
derselben in Wärmeeinheiten l>ei Fragen des Stoffwechsels hat dazu 
geführt, dass so Manche glaulten. es genüge zu wissen, ob die ge¬ 
gebene Nahrung die genügende Menge von Verbrennungswärme 
liefert, und dass man auf die besondere Bedeutung des Elweisses. 
sowie des Fettes und der Kohlehydrate nicht mehr geachtet hat: 
mit. den Kalorien weiss man nicht, mit was man den Organismus 
in bestimmten Fällen am besten ernähren, d. h. auf seinem stoff¬ 
lichen Bestände erhalten kann, ganz abgesehen davon, dass dabei 
die Mineralbestandtheile und das Wasser, welche zum stofflichen 
Bestand des Körpers ebenso nothwendlg sind wie die Energie 
liefernden organischen Nahrungsstoffe. ganz aus der Betrachtung 
wegfallen. 

Dass ich den Kraftwechsel für nicht minder bedeutungsvoll 
hielt wie den Stoffwechsel, geht wohl daraus hervor, dass ich Alles 
gethnn habe, um den Einfluss der Arbeit und des Wärmeverlustes 
auf den Umsatz im Körper zu erkennen. Von mir ist die That- 
sache gefunden worden, dass die Arbeit keine direkte Erhöhung 
des Ei Weisszerfalls zur Folgt* hat. wohl aber eine gewaltige der 
Zersetzung der stickstofffreien Stoffe. Ich habe die Einwirkung 
von Kälte und Wärme auf den Umsatz beim Hund, der Katze und 
dem Menschen eingehend studlrt; frühe, schon mit. Bl sc hoff 
(1800). wurde die bei den Zersetzungen entstehende 'Wärme aus¬ 
gerechnet. sowie alle Vorbereitungen getroffen, um die Wärme¬ 
abgabe vom Körper zu messen: ich habe von London (1800) das 
Tliomso n’sche Kalorimeter zur Bestimmung der Verbrennungs- 
wärme der Stoffe, dessen sich Frankland bedient hatte, mit¬ 
gebracht und Versuche damit angestellt, nachdem wir uns über¬ 
zeugt hatten, dass mit dem Instrument von Favre und Silber¬ 
mann die im Thierkörper in Betracht kommenden Stoffe nicht 
verbrannt werden können: dann benützten Pettenkofer und 
ich den grossen Respimtionsapparnt. um ihn durch Verbrennen von 
Alkohol für kalorimetrische Zwecke zu aichen. und später, als durch 
Stohmann die Verbrennungswärme der Nahrungsstoffe etc. 
genau bekannt geworden war. ging ich mit meinen Brüdern Ernst 
und Erwin an den Ban eines besonderen grossen Kalorimeters für 
den Menschen, der noch im physiologischen Institut aufgestellt ist. 

Nach den vorstehenden Ausführungen ist es verständlich, dass 
man auf dem alten stofflichen Standpunkt stehen und doch das 
Gesetz von der Isodynainie bei Darreichung der geringsten, eben 
zur Erhaltung des stofflichen Bestandes nötliigen Menge der Nah¬ 
rungsstoffe vollständig anerkennen kann. Denn da die ungenügend»* 
Erwärmung des Körpers ein Faktor ist. welcher auf die Zerfalls¬ 
produkte und auf die Wärmebildung einwirkt und letztere regulirt 
bis der Organismus seine Eigenwärme besitzt, so muss von den 
verschiedenen organischen Nahrungsstoffen so viel zersetzt werden, 
dass die verbrennenden Mengen gleiche Mengen von Wärme liefern. 
Ebenso Ist es auch bei der Arbeit, wo auch bei eben zureichender 
Zufuhr von Nahrungsstoffen und gleichen übrigen Bedingungen. 


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11. Februar 1902. MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


235 


wie der Temperatur, der Arbeitsleistung etc. die zersetzten Stoffe 
sich vertreten müssen im Verhältnis» der Summen der lebendigen 
Kruft oder der Kalorien, welche sie bei ihrer oxydativen Spaltung 
entwickeln. Diese Anschauungen sind von mir schon längst, ins¬ 
besondere im Jahre 1883 in den Sitzungsberichten der Akademie 
ausgesprochen worden. 

Aus dem Gesagten, abgesehen von persönlichen Gründen, auf 
welche ich nicht eingehen will, wird man erkennen, warum ich 
die Abhandlung v. H.’s nicht in die Zeitschrift für Biologie auf¬ 
genommen habe. 


Nierenquetschung oder Nierenentzündung? 

Ein Beitrag zur Lehre von den subkutanen Nierenverletzungen. 

Von Professor Dr. G. Edlefsen. 

(Schluss.) 

Auch in unserem Fall ist demnach die Möglichkeit nicht 
ausgeschlossen, dass nur eine Niere verletzt wurde und die 
Oligurie zum Theil durch reflektorische Beeinflussung der anderen 
zu Stande kam. Dann müsste man freilich auch annehmen, dass 
diese einseitige Verletzung nicht ganz leichter Art gewesen sei, 
und es lässt sich auch nicht läugnen, dass doch gewisse Gründe 
für eine schwerere Form derselben zu sprechen scheinen. Vor 
Allem scheint das blasse, anämische Aussehen, welches der Ver¬ 
letzte in den ersten Tagen nach dem Unfall darbot, darauf hin- 
zudeuteu, dass er bei demselben einen grösseren Blutverlust 
erlitten hat. Denn schwerlich lässt es sich als Folge eines schon 
vor dem Unfall bestehenden Nierenleidens betrachten, da eine 
chronische Nephritis, wie der weitere Verlauf bewies, überhaupt 
auszusc-hliessen war und eine akute nicht in so kurzer Zeit bei 
einem vorher gesunden Menschen eine so in die Augen fallende 
Blässe zu erzeugen pflegt. Da nun die Hämaturie, wenn sie 
überhaupt bestand, jedenfalls nur unbedeutend und von kurzer 
Dauer war, drängt sich unwillkürlich die Vermuthung auf, dass 
es trotz des fehlenden Nachweises zu einer beträchtlichen z i r - 
ku in renalen Blutung gekommen sein dürfte. Mit dieser 
Annahme würden auch die späteren Klagen des Kranken über 
Kücken- und Brustschmerzen, die namentlich immer bei der 
Arbeit aufgetreten sein sollen, sich recht gut in Einklang bringen 
lassen. Denn dieselben könnten wohl darin begründet sein, dass 
die Heilungsvorgänge bei der Resorption des ergossenen Blutes 
zu Schwielenbildungen in dem zertrümmerten Gewebe geführt 
hätten, welche die Rumpfbeugung hemmten und schmerzhaft 
machten und vielleicht auch durch Druck auf sensible Nerven 
spontane Schmerzen verursachten. Derartige Folgen, wenigstens 
„ein dumpfer Druck in der Lendengegend, bei Anstrengungen 
wohl auch ein stärkeres Unbehagen“ bleiben nach Küster 
(1. e. S. 202) auch sonst zuweilen nach der Heilung von Nieren - 
verletzungen zurück. Die vorwiegende Lokalisation der Schmer¬ 
zen in der rechten Seite würde hier dann wohl keinen Zweifel 
darüber bestehen lassen, dass es eben die rechte Niere war, 
die von der schwereren Verletzung betroffen wurde, und es wäre 
auch wohl denkbar, dass bei der zur Abwehr des stürzenden Fasses 
ausgeführten Bewegung die Adduktion der untersten Rippien auf 
der rechten Seite energischer erfolgte, als auf der linken. 

Wenn wir aunehmen dürften, dass der Mann, als ihn der Stoss 
des Fasses traf oder als er nach erhaltenem Stoss zurticktaumelte, 
mit dem nach hinten gebeugten Rücken das Geländer berührte, 
so würde überdies ein besonderer, noch nicht erwähnter Umstand 
die alleinige oder vorwiegende Quetschung der rechten Niere 
noch haben begünstigen können. An dem freien Ende des auf 
dieser Seite des Rechtecks kaum 80 cm langen Geländers befindet 
sich nämlich ein nach oben vorspringender derber eiserner Knopf 
von etwa 4 cm Durchmesser, der in diesem Falle nach Lage der 
Dinge sehr wohl gerade die Lumbalgegend der rechten Seite treffen 
und eine passive Adduktion der untersten Rippen bewirken konnte. 

Dennoch glaube ich nicht, dass es sich hier nur um eine 
einseitige Nitrenverletzung gehandelt hat. Denn die reflek¬ 
torische Beeinflussung der Niere der anderen Seite wird wohl zu 
einer Oligurie und selbst A n u r i e führen können, aber dass 
•de auch zu einer Eiweissausschoidung von Seiten 
dieser im fiebrigen gesunden Niere Veranlassung geben sollte, 
erscheint mir im höchsten Grade zweifelhaft. Stammte aber das 
Kiweiss nur aus der einen verletzten Niere, so würde es wohl 
schwerlich zu einer so beträchtlichen Albuminurie gekommen 
sein, falls man nicht annehmen will, wofür nach meinem Urtheil 
kein Anhalt gegeben ist, dass diese einer schon bestehenden 
Nephritis ihre Entstellung verdankte. Vor Allem aber macht der 
f rühzeitige Eintritt der Oedeme es wahrscheinlich, 
dass beide Nieren durch die Wirkung des Unfalls eine 


Schädigung erfahren haben, die an sich, wie das Ausbleiben einer 
stärkeren Hämaturie beweist, nur leichter Natur, doch eine sehr 
erhebliche Störung ihrer Funktion mit sich brachte. Das würde 
sich auch mit der Annahme einer beträchtlichen zirkum- oder 
retrorenalen Blutung vollkommen gut vertragen, da bei einer 
solchen, wenn sie durch Zerreissung von Gefässen der Nieren¬ 
kapsel zu Stande kam, die sich, wie aus den Abbildungen von 
T u f f i e r und L e j a r s “) ersichtlich, durch einen besonders 
grossen Reichthum an Venen auszeichnet, die Niere oft ganz in¬ 
takt, d. h. ohne irgend welche Einrisse gefunden wird. 

So fand G U t e r b o c k (1. c. S. 231) unter 3G Fällen von sub¬ 
kutaner Nieren Verletzung 24 mal bei zirkumreualen und ver¬ 
wandten Verletzungen die Nieren intakt, 10 mal Verletzungen 
der Nierensubstanz gleichzeitig mit zirkumrenalen Verletzungen 
und 2 mal nur Verletzungen der Nierensubstanz. 

Die hier beobachteten Erscheinungen von Seiten des Harn¬ 
apparats, die anscheinend nicht erhebliche und jedenfalls bald 
wieder schwindende Hämaturie und die sehr verminderte Ab¬ 
sonderung eines ei weissreichen Urins gleichen offenbar fast ganz 
denjenigen, die nach einer vorübergehenden Unter¬ 
brechung der Zirkulation in den Nieren auf¬ 
zutreten pflegen. Da nun nicht anzunehmen ist, dass der nur so 
ganz momentan einwirkende Druck gegen die Nierengegend eine 
Kompression der zu- und abführenden Gefässe von längerer, für 
dio Auslösung so ernster Folgen genügender Dauer veranlasst 
haben sollte, liegt es nahe zu schliessen, dass er in den Nieren 
selbst Veränderungen zurückgelassen hat, die einen ähnlichen 
Effekt haben konnten. Und in der That, wenn eine nur leichte 
Quetschung beider Nieren die Folge war, erscheint die Annahme 
ganz berechtigt, dass diese, abgesehen von etwaigen kleinen Blu¬ 
tungen in das Parenchym „zwischen Mark und Rinde“, wie 
G ü t e r b o c k (1. c. S. 225) sie in derartigen Fällen gesehen hat, 
vor Allem eine nicht sofort wieder ausgeglichene Kompression 
zahlreicher kleiner Arterien und Kapillaren innerhalb der Nieren 
mit sich gebracht hat, die ganz ähnliche Störungen der Harn¬ 
sekretion zur Folge haben musste. Die Form der traumatischen 
Nierenläsion, die wir hier vor uns hätten, würde demnach wohl 
ungefähr dem ersten der 4 von Le üentu 1 “) und Gargam") 
unterschiedenen Grade der Nierenquetschung entsprechen, der 
von dem Erstgenannten als „Kapillarkompression und Ecchymo- 
sirung“, von dem Zweiten als „leichte Kontusion, wo nur die 
Kapillargefasse alterirt sind und keine Gefässzereissung eintritt“, 
charakterisirt wird. 

Es wiiro indess wolil noch zu überlegen, ob nicht auch die 
hydraulische Pressung, die in diesem Falle um so wirk¬ 
samer zur Geltung kommen mochte, weil muthmaasslich die 
Harnsekretion in Folge des voraufgegangenen reichlichen Bier¬ 
genusses eine ungewölmlieh ausgiebige war, wenn es dabei nicht, 
wie gewöhnlich, zu tief greifenden Zerreissuugen der Nieren¬ 
substanz kam, ganz ähnliche Folgen nach sich ziehen konnte, 
und diese Möglichkeit ist, wie mir scheint, durchaus nicht von 
der Hand zu weisen. Mau kann sich wohl denken, dass der 
momentan so ausserordentlich gesteigerte Gegendruck des Sekrets 
in den Harnkanälchen und Müller-Bowma n’schen Kapseln 
zu einer hochgradigen Alteration der Glomerulusepithclien ge¬ 
führt hat, die sie noch für längere Zeit ihrer Fähigkeit, die 
Wasserausscheidung zu befördern und den Eiweissdurchtritt zu 
verhindern, mehr oder weniger vollständig beraubte. Dafür 
hätten wir ein Analogon in der bekannten Thatsache des Auf¬ 
tretens von Albuminurie nach Urcterenver- 
Schluss. Al>er wenn doch auch in derartigen Fällen das 
Hauptgewicht auf die durch den Druck des gestauten Sekretes 
bewirkte Kompression der Blutgefässe und die da¬ 
durch bedingte Verlangsamung der Zirkulation zu 
legen ist (vergl. mein Lehrbuch der Diagnostik der inneren 
Krankheiten, S. 818), so dürfen wir wohl sagen, dass hier, wo 
schon die Nierenquetschung als solche eine Gefässkompressiou 
mit sich brachte, durch die Mitwirkung der hydraulischen Pres¬ 
sung noch ganz besonders günstige Bedingungen für das Zu¬ 
standekommen einer tiefgreifenden Störung geschaffen werden 
mussten. 

’ 5 ) T u f f i e r et Lejars: Les veines de la cnpsule ndipeuse 
du rein. Arch. de Physiologie 1891, p. 48. 

’*) Le Den tu: Affectlons chlmrglcales des reins et des 
uretftres, p. 50. 

”) A. Gargam: De la contusion du rein. Tb£se de Paris 
1881 (Referat in Virchow-Hirsch’s Jahresbericht f. 1881. S. 205). 

6 * 


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&tTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRtF'f. 


Wenn wir nun nur die hier berührten Verhältnisse als 
Grundlage der beobachteten Erscheinungen zu betrachten hätten, 
wenn es sich also im Wesentlichen nur um eine, freilich nicht 
sofort -wieder ausgeglichene, Ischämie der Nieren han¬ 
delte, so konnten wohl die Folgen nicht lange fortbestehen, 
wenigstens hätten, so scheint es, die direkt auf die gestörte 
Nierenfunktion zu beziehenden Symptome, die Hämaturie 
und die Albuminurie, wohl bald wieder schwinden müssen. 
Von der ersteren, falls man sie nicht überhaupt als unerwiesen 
ganz bei Seite lassen will, war nun ja thatsächlich schon am 
Abend des zweiten Tages nichts mehr zu bemerken. Wie lange 
die Albuminurie, noch bestanden hat, bleibt zweifelhaft. 
Während der ersten 5—6 Tage hat sie sich nach dem neuesten Be¬ 
richt des Vertrauensarztes auf ungefähr gleicher Höhe erhalten: 
Der Harn blieb „stark eiweisshaltig“. Dagegen war sicher am 
28. Oktober, 3 Vs Monate nach der Verletzung, ebenso wie später, 
kein Eiweiss mehr im Harn nachzuweisen und wahrscheinlich war 
es bereits am 10. Oktober, als der Verletzte die Arbeit wieder auf¬ 
nahm, ganz daraus verschwunden. Immerhin scheint die Albu¬ 
minurie wohl etwas länger gedauert zu haben, als wie es nach 
einer einfachen Ischämie zu erwarten gewesen wäre. Nun ist es 
ja aber durchaus nicht ausgemacht, dass nichts weiter Vorgelegen 
hat, und, selbst wenn wir dies annehmen wollten, könnte doch 
auch die Gefässkompression stellenweise eine so vollständige und 
dauernde gewesen sein, dass es in ihrem Bereich in Folge der 
mangelnden Blutzufuhr zur Degeneration der drüsigen Elemente, 
namentlich des besonders empfindlichen Tubularepithels (siehe 
K ü s t e r 1. c. S. 198) kam. In Wahrheit ist es indess auch nur 
wahrscheinlich, dass, wenn überhaupt eine Quetschung der Nieren 
stattfand, ausser der Ischämie noch einige ernstere Verände¬ 
rungen die 'Folge gewesen sind, kleine Blutergüsse in 
die Nierensubstanz oder Ecchymosen, wie sie nach 
Giiterbock und Le Dentu eben bei den seltener vor¬ 
kommenden leichteren Läsionen der Nieren manchmal gefunden 
werden. Die durch solche intrarenale, wahrscheinlich intertubu¬ 
läre Blutungen bewirkten herdweisen Erkrankungen (Nekrosen) 
des Parenchyms bedürfen zu ihrer Restitutio ad integrum selbst¬ 
verständlich längerer Zeit und können gewiss auch eine länger 
dauernde Albuminurie unterhalten. Ueberdies sind 
auch manche Fälle — so von B.i 11 r o t. h und Bäumler (siehe 
Maas I. c. No. 19 u. 31) — beschrieben worden, in denen sich 
an die Erscheinungen einer leichten oder mittelschweren Nieren¬ 
quetschung diejenigen einer Nephritis von bald kürzerer, bald 
längerer Dauer angeschlossen hahen. Demnach würde auch in 
unserem Falle eine etwas länger anhaltende Albuminurie nichts 
gegen eine traumatische Läsion der Nieren beweisen. 

»Ueberhaupt stehen also bis so weit alle Erscheinungen voll¬ 
kommen gut im Einklang mit der Annahme, dass das Nieren¬ 
leiden als Folge des Unfalls anzusehen sei. 

Weniger zuversichtlich glaubte ich dies Anfangs von den 
Oedemen behaupten zu dürfen, die nach der Angabe des Ver¬ 
letztem bereits am 2. Tage aufgetreten sein sollen und deren Vor¬ 
handensein an einzelnen Körperregioneu in den folgenden Tagen 
auch von dem Vertrauensarzt konstatirt wurde. Es erschien von 
vornherein wenig wahrscheinlich, dass eine traumatische 
N ierenliision von der vermutheten Art, also im Wesent¬ 
lichen doch nur eine Ischämie der Nieren, Oedeme im Gefolge 
haben sollte, und vor Allem schien es auf den ersten Blick ge¬ 
wagt, anzunehmen, dass sie so rasch dazu führen könnte. 
Auch dasErgebniss des Experiments schien nicht eben zu Gunsten 
dieser Annahme zu sprechen, da Cohnheim und Licht- 
lieim bei ihren Versuchen über die Erzeugung hydrämischer 
Plethora durch Infusion von Kochsalzlösung bei Hunden auch 
nach voraufgegangener Ligatur der Nierenarterien keine Spur 
von Anasarka auftreten sahen.”) 

In der Literatur suchte ich lange vergebens nach Beispielen 
für das hier beobachtete Verhalten. Nirgends fand ich in den 
mir zugänglichen Referaten und Originalabhandlungen Andeut¬ 
ungen. dass unter den Folgen der subkutanen Nierenverletzungen 
auch Oedeme eine Rolle gespielt hätten. Das würde nun auch 
freilich eben nicht viel zu bedeuten haben, wo es sich um Ver¬ 
letzungen nur einer Niere oder ihrer nächsten Umgebung 
handelte; denn eine reflektorische Anurie wird dabei doch wohl 
nur ausnahmsweise zur Geltung kommen; und auch bei doppel¬ 
seitigen Verletzungen, wenn sie vorwiegend nur zu zirkum- 


“) Cohn heim: Vorlesungen über allgemeine Pathologie, 
Bd. II U880), S. 436. 


No. fl. 


renalen Gefässzerreiss ungen und Blutergüssen 
führten und die Funktion der Nieren dadurch nicht wesentlich 
beeinträchtigt wurde, lag offenbar kein Grund für das Auftreten 
von Oedemen vor. Auffallender erscheint dagegen das Ausbleiben 
derselben in den Fällen von mehrtägiger, ja selbst sechs- und 
neun tägiger Anurie (Godleel. c. Gayot"). Hier 
könnte man fast glauben, dass sie in den Berichten, die vorwiegend 
die chirurgische Bedeutung der Verletzungen in's Auge fassen, nur 
als nebensächlich unerwähnt geblieben sind, falls nicht anzu- 
nelnnen ist, dass ihr Eintritt, ähnlich wie bei der hysterischen 
Anurie, durch reichliches wässeriges Erbrechen verhütet wurde, 
eine Annahme, die beispielsweise bei dem oft zitirten Fall von 
fünftägiger Anurie, der von Bartels*’) mitgetheilt 
wurde, wohl berechtigt erscheinen könnte. 

Thatsächlich liegen nun aber doch Beobachtungen vor, die 
beweisen, dass auch die traumatischen Läsionen der 
X ieren gelegentlich zur Entwicklung von Anasarka Ver¬ 
anlassung geben können. Ja selbst das frühzeitige Auftreten 
desselben in unserem Falle steht keineswegs ohne Analogie da. 
Küster (1. c. S. 205) sagt ausdrücklich: „Eine weitere Eigen- 
thümlichkcit dieser traumatischen Albuminurie ist das zuweilen 
ungewöhnlich schnelle Auftreten von ödematösen Anschwellungen 
der Ius.se, des Gesichts oder des ganzen Körpers.“ Auch in 
einigen der von Küster erwähnten Fälle von Potain") trat 
das Oedem schon sehr bald (d’abord) oder kurze Zeit nach der 
Verletzung ein und dies sogar auch, wo nur eine Niere betroffen 
zu sein schien, und, wie ich nachträglich erfahre, hat S i m - 
monds auch einen Fall von langdauernder reflek¬ 
torischer Anurie beobachtet, in dem es zur Entwicklung 
von ganz beträchtlichem Hydrops anasarka kam. 

Wenn dennoch, wie auch Potain hervorhebt, in den zahl¬ 
reichen Mittheilungen über Nierenquetschung, die sich in der 
Literatur verzeichnet finden, fast gar nicht von Anasarka 
die Rede ist, so erklärt sich das, wie vorhin bemerkt, wohl daraus, 
dass meistens die Art der Schädigung, welche die Nieren erlitten, 
nicht geeignet war, die Entstehung desselben zu begünstigen. 
Ein Fall, wie der unserige, ist, wie es scheint, nicht häufig vor- 
gekommen. Das Eigenthümliche desselben liegt ja eben darin, 
dass wahrscheinlich, wie wir mit gutem Grunde vennuthen 
dürfen, beide Nieren nur leicht und im Gegensatz zu 
den meisten doppelseitigen Verletzungen, bei denen ganz andere 
und viel schwerere Folgezustände, die oft auch das Leben nicht 
lange bestehen Hessen, das Bild beherrschten, in einer Weise affi- 
zirt waren, die gerade die Fu liktionsstiirung im vollsten 
Maasse zur Geltung kommen liess. Es kommt hier nun aber noch 
ein Moment in Betracht, dessen Bedeutung, wie ich glaube, nicht 
zu unterschätzen ist, und lies verleiht dem Falle noch ein beson 
ders eigenartige« Gepräge: Es kann als sicher gelten, dass G. 
bis zum Eintritt des Unfalls, seiner Berechtigung und seiner Ge¬ 
wohnheit gemäss, noch viel Bier getrunken hat, und wahrschein¬ 
lich wird er auch nach demselben nicht gleich ganz auf den Bier¬ 
genuss verzichtet haben. Ist nun seine Angabe, dass er seitdem 
immer nur spärliche Mengen Urin entleert habe, und unsere 
damit in Einklang stehende Annahme richtig, dass durch den 
Unfall eine hochgradige Störung der Nierenfunktion veranlasst 
sei, die sich zuerst in einer sehr bedeutenden und fast ganz plötz¬ 
lich einsetzenden Beschränkung der Wasseraus¬ 
scheidung äussern musste, so kann es wohl nicht zweifelhaft 
sein, dass bei ihm die Bedingungen für das Zustandekommeu 
einer liydrämischen Plethora, auf deren Vorhanden¬ 
sein übrigens auch die von dem Vertrauensarzt konstatirte Be¬ 
schaffenheit des Pulses hiuzuweisen scheint, in ganz ungewöhn¬ 
lichem Maasse erfüllt waren. Daraus dürfte also wohl mit Recht 
zu folgern sein, dass er weit mehr als die meisten von einem 
sonst vielleicht ganz gleichartigen Unfall Betroffenen und gewiss 
ebenso sehr, wie ein an akuter oder chronischer Nephritis 
leidender Kranker zum Auftreten von Oedemen dis- 
p o n i r t war. Ueberdies wurde hier das Oedem zuerst nur im 
Bereich der der Quetschung ausgesetzt gewesenen Brust- und 
Bauchhaut konstatirt und, wenn von Cohnheim”) als Be¬ 
dingung für die Entstehung von Anasarka bei hydrämischer Ple- 

“*) Gayot: Sur l’anurie post - traumalique. Gaz. hebdom. 
1899. No. 23. 

“) Bartel 8: Nierenkrankheiten. Ziemssen’s Handb. IX. 1. 
Seite 44. 

11 ) P o t a i n: Anasarque unilaterale, suite de contusion dn 
rein. Gazette des hopitaux 1883. pag. 154. 

rJ ) Cohn he im und Lichtheini: lieber Hydrämie und 
liydrämlsches Oedem. Virchow’s Archiv, Bd. 69. S. 139. 


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11. Februar 1902. MUENCHENEE MEDlClNlSGI F WOCHENSCHRIFT. 


tliora eine Alteration der Hautgcfässe gefordert wird, wie sie liier 
sehr wohl als Folge der Quetschung zurückgeblieben sein konnte, 
so würde die Annahme, dass das Erscheinen des Oedems an dieser 
Stelle im Zusammenhang mit der durch die Nierenläsion ver- 
snhissten Wasserretention gestanden habe, nur um so mehr be¬ 
rechtigt erscheinen.* **) ) Aber auch die Entwicklung eines zu¬ 
nächst nur massigen Oedems der Füsse im Laufe des zweiten 
Tages nach dem Unfall kann unter diesen Umständen bei einem 
Manne, «1er seine Arbeit im Stehen verrichtet, nicht überraschen. 
Das nach Angabe «los Vorletzten schon an dem gleichen Tage 
aufgetretene, von dem Vertrauensarzt erst einige Tage später 
wahrgenommene Oedem am „Geinächt“ oder wohl richtiger in 
der Schamgegend, könnte wohl darauf zurückgeführt werden, dass 
auch diese beim Heruntergleiten des Fasses am Körper noch eine 
leichte Quetschung erlitten hatte, falls es sich nicht etwa uin 
jene von der verletzten Niere aus beginnende und, dem Verlauf 
der Vasa spermatica folgend, im retroperitonealen Bindegewebe 
fortschreitende Infiltration handelte, die man zuweilen, 
allerdings in der Kegel erst längere Zeit nach der Verletzung, 
in der Gegend dt* Leistenkanals hat zum Vorschein kommen 
sehen (Dumpnil und Le Dentu, Küster 1. c. S. 200). 
Die Zunahme des Anasarka während der folgenden Tage ver¬ 
trägt. sich vollkommen gut mit der Annahme einer traumatischen 
Nierenläsion von der hier wahrscheinlich vorliegenden Art. Ein 
durchaus ähnliches Verhalten wurde auch von Potain in 
einigen seiner Fälle beobachtet. 

Somit lassen sich in Wahrheit alle nach dem Unfall zu Tage 
getretenen Krankheitserscheinungen ohne allen Zwang aus der 
Wirkung desselben erklären. Allein, man wird doch, wie dies 
schon von B i 11 r o t h a ) und Küster (1. c. S. 205) bezüglich 
aller Fälle betont, wurde, in denen sich eine länger dauernde 
Albuminurie an die ersten Folgen der Verletzung anschloss, oder 
in <l«*ncn gar, wie hier, durch das Zusammentreffen von Albu¬ 
minurie und Hydrops anasarca ein Symptomenbild geschaffen 
wurde, welch«* ganz demjenigen «*iner Nephritis zu gleichen 
schien, nur dann lien-chtigt sein, eine subkutane Nierenver- 
l«?tzung als die Ursache zu befrachten, wenn mit Sicherheit an¬ 
genommen werden kann, dass der Verletzte vorher gesund, d. h. 
nicht nierenleidend gewesen ist. Wie früher bemerkt, 
hat der Vertrauensarzt geglaubt, dies auf Grund der Aussagen 
der Frau des G. bezweifeln zu müssen. Aber, auch wenn diese 
besondere Veranlassung nicht vorläge, würden wir uns nach Lage 
der Dinge der Verpflichtung nicht entziehen können, die Frage 
zu prüfen, ob nicht doch vielleicht die grössere Wahrscheinlich¬ 
keit dafür spricht, dass G. zur Zeit, als sich der Unfall ereignete, 
scdion mit einem Nierenleiden behaftet gewesen sei, dessen cha¬ 
rakteristische Symptome nur zufällig, oder weil die Kontusion 
ein bereits vorher erkranktes Organ getroffen hatte (Küster), 
unmittelbar nach diesem Ereigniss erst manifest wurden. 

Welcher Art könnte nun aber dieses Nierenleiden gewesen 
sein? 

Die Thatoache, dass der Urin in so kurzer Zeit wieder ganz 
ei weissfrei und normal geworden und so geblieben ist, liefert, 
wie ich meine, den sicheren Beweis dafür, dass eine chro¬ 
nische Nephritis nicht Vorgelegen hat. Bekanntlich 
kommt die chronische Nierenentzündung überhaupt nur selten 
zur Heilung. Dann aber vollzieht si«di dieser Vorgang auch nur 
ganz allmählich, indem der Eiweissgehalt dee Urins im Laufe 
vieh-r Monate, wenn nicht gar Jahre, gradweise immer geringer 
wird, bis er endlich ganz verschwindet, und auch dies wird doch 
immer nur bei sorgsamster Pflege und grösster Schonung des 
Kranken erreicht. Wenn in diesem Falle am 14. Juli 1900 
„viel Eiweiss“ im Harn gefunden wurde und bereits am 28. Ok¬ 
tober, also kaum 3 Va Monate später, keine Spur mehr davon 
nachzuweisen war, ein Befund, der am 28. Februar v. J. vom 

•) Ob nicht vielleicht ln den fünf Fällen von Potain das 
unilaterale oder genauer gesagt, das dreimal allein auf der 
Seite der Quetschung (durch Fall) auftretende, zweimal auf dieser 
nur stärker als auf der anderen entwickelte Oedem, wenigstens 
soweit es kurz nach der Verletzung bemerkbar wurde, ähnlich zu 
beurtbellen war, lasse Ich dahingestellt Je<lenfalls muss wohl 
P o t a 1 n’s Versuch, dieses Verhalten aus einer Mitbetheiligung des 
Sympathikus der einen Seite an der Verletzung zu erklären, als 
nicht sehr glücklich bezeichnet werden und, wie Küster sagt, 
würde mit dieser Deutung auch nicht viel gewonnen sein. 

**) Th. Blllroth: Chirurgische Erfahrungen in Zürich 1860 
bis 1867. Archiv f. klinische Chirurgie, Bd. X. S. 522. 

No. 6. 


237 


Physikus u*id nochmals am 22. März von mir. endlich neuerdings 
wieder von zwei Aerzten, bestätigt wurde, so ist das ein so 
rascher I lei lungsverlauf, wie er nach meiner Erfahrung hei chro¬ 
nischer Nephritis, selbst bei der chronisch gewordenen 
Erkältungsnephritis, also derjenigen Form, lx*i der 
noch am häufigsten und manchmal selbst nach jahrelangem Be¬ 
stehen Heilung eintritt, niemals beobachtet wird. 

Damit erledigt sich auch die weitere Frage, ob viel 
leicht durch den Unfall nur eine bereits be¬ 
stehende chronische Nierenentzündung eine 
akute Steigerung erfahren habe. Auch in diesem 
Falle hätte wohl die durch den Unfall bewirkte Zunahme der 
Eiweissausscheidung und die Hämaturie bald wieder schwinden 
können; aber sicher wäre der Ham nicht in so kurzer Z«?it voll¬ 
ständig und dauernd eiweissfrei geworden. 

Ebenso wenig ist man berechtigt, eine interstitielle 
Nephritis anzunehmen. Eine solche könnte ja allerdings 
ohne merkliche Störung des Allgemeinbefindens und ohuo er¬ 
hebliche Beeinträchtigung der Arbeitsfähigkeit schon längere 
Zeit vor d«mi Unfall bestanden haben und bei einer Granular- 
atrophie der Nieren kann auch bekanntlich der Ham zeitweise 
eiweissfrei gefunden werden. Aber, müsste es schon als ein 
sonderbarer Zufall gelten, wenn bei dieser Krankheit 5 Aerzte 
zu weit auseinander liegenden Zeiten jedesmal eiweissfreien Harn 
zur Untersuchung erhalten hätten, so spricht andererseits die 
sonstige Beschaffen heit des Harns, vor Allem das von mir und 
kürzlich auch von einem zweiten Arzt konstatirto hohe spe¬ 
zifische Gewicht desselben, ebenso wie das Fehlen 
e i ii <5 r Hypertrophie des linken Ventrikels mit 
voller Bestimmtheit gegen das Vor liegen einer Schrumpfniere. 
Und, dass ich nach meinem Befunde, berechtigt bin, eine Herz- 
hypertr«»phio in Abrede zu stellen, kann, wie ich glaube, nicht 
bestritten werden. D«*r Kassenarzt, stützt si«;h bei d«;r Diagnose 
dersollx'ii au«;h weniger auf den Perkussionsbefund als auf die 
Be soll a f f e u h e i t «1 <». h Pulses, den er bei gesteigerter 
Herzlhätigkeit voll und hart fand, ein Befund, der sich, wie 
schon ang<Hleutet, sehr wohl aus einer hydrämischen 
Plethora erklären lässt und der Annahme einer solchen nur 
zur Stütze dienen kann. 

Es bliebe also, wenn man die nach dem Unfall beobachteten 
Erscheinungen nicht auf diesen zurückführeu will, nur noch die 
Möglichkeit übrig, dass G. kurz vor demselben eine akute 
Nephritis acquirirt hätte, die daun zufällig mit dem Tage 
des Unfalls den Grad der Entwicklung erreicht haben müsste, 
der dem Hervortreten ihrer ersten in die Augen fallenden Sym¬ 
ptome und Folgezustände entspricht. Für diese Annahme fehlen 
jedoch alle Anhaltspunkte. Sicher war keine der schweren 
Infektionskrankheiten vorauf gegangen, zu denen er- 
fahrungsgemäss besonders häutig eine Nephritis als Komplikation 
hinzutritt. Denn es steht fest, dass G. bis zu dem Tage des 
Unfalls unausgesetzt gearbeitet hat, und zwar, wie der die Auf¬ 
sicht führende Brauer bekundet, ohne irgendwie merken zu 
lassen, dass es ilim Ueherwindung kostete, in derselben raschen 
und unermüdlichen Weise, die ihn von jeher vor Anderen aus¬ 
gezeichnet hatte. Eh ist daher auch nicht einmal wahrscheinlich, 
dass er etwa eine wenig Beschwerden verursachende einfache 
oder diphtheritische Angina ambulant durchgemacht haben 
sollte, da eine solche, wenn sie zu einer Allgemeininfektion mit 
einer Nephritis als Folge führte, wohl auch unter erheblidiem 
Fieber verlaufen sein würde. Auch eine plötzliche Ab¬ 
kühlung seines Körpers nach vorhergehender 
Erhitzung war seines Wissens, wie er mir bestimmt ver¬ 
sicherte, nicht vorgekommen. Es wäre auch gewiss recht merk¬ 
würdig, wenn es sich in diesem Falle nun gerade so gefügt hätte, 
dass der Unfall genau zur rechten Zeit eintrat, um es ihm zu 
ermöglichen, dieselben zur Erlangung einer Rente auszunützen, 
woim also diu Erkältung, die zur Entstehung der Nephritis führte, 
wie man dann doch anuehmen müsste, gerade etwa 8—10 Tage 
vor dem Unfall stattgefunden hätte. Denn —- darüber werden, 
wie ich glaube, alle erfahrenen Beobachter mit mir einig sein — 
bei der Erkältungsnephritis lässt das Auftroten des 
Hydrops doch selten länger als 8—14 Tage auf sich warten. 
Uebordies nber waren die nach Aussage der Frau schon seit 
längerer Zeit tn-merkbar gewordenen Krankheitserscheinungen 

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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


2::h 


No. (>. 


der Art, dass sie wohl allenfalls eine e h r o n i s c h o Nephritis 
hätten verinuthen lassen können, nicht ulx»r eine akute. 

Genug, eine chronische parenchymatöse oder interstitielle 
Nephritis war unlx'dingt auszusehliessen. Eine akute Nephritis 
könnte nach den Symptomen und dem Verlauf wohl Vorgelegen 
haben. Es fehlt aber jede annehmbare Erklärung für ihre Ent¬ 
stehung. Auf der anderen Seite ist nicht zu bezweifeln, dass der 
Unfall, wie er auch im Einzelnen verlaufen sein mag, sehr wohl 
zu einer Schädigung der Nieren führen konnte, und die be¬ 
obachteten Erscheinungen stehen mit der Annahme einer sub¬ 
kutanen Nieren Verletzung vollkommen gut im Einklang. Die 
dagegen geltend zu machenden Bedenken, die sich aus der nicht 
abzuleugnenden Unsicherheit der Beobachtung ergeben, sind ge¬ 
wiss nicht leichter lland bei Seite zu setzen; allein sie könnten 
doch nur von entscheidender Bedeutung sein, wenn genügender 
Anhalt für die Annahme einer spontanen Entstehung 
des Nierenleidens gegeben wäre. Da diese aber, wie wir ge¬ 
sehen haben, im Gegeilt heil höchst unwahrscheinlich ist und 
da jeder Versuch, den Erscheinungen eine andere Deutung zu 
geben, fehlschlägt, so hiesse ('s doch, wie mir scheint, die Skepsis 
zu weit zu treiben, wenn man auf Grund jener Bedenken ihren 
Zusammenhang mit dem Unfall bezweifeln wollte. Vielmehr 
liegt nach meiner Meinung die volle Berechtigung vor, sie auf 
eine dureh diesen veranlasst« t raumatische Läsion der 
Nieren zurückzuführen, die nur ungewöhnlicher Weise fast 
ganz unter dem Bilde einer akuten Nephritis verlief. 

Schlussbemerkung. Kurz nach meiner Besprechung 
dieses Falles in der biologischen Abtheilung des ärztlichen Vereins 
erfuhr ich, dass derselbe neuerdings auch dem Herrn Professor 
K ö n i g in Altona noch zur Begutachtung Vorgelegen hat. Dieser 
hat. wie er mir freuudlichst mittheilte, auch eine Röntgen¬ 
untersuchung vorgenoinmen, die auf seinen Wunsch von 
Herrn Dr. A 1 be r s - S c li ö n b e r g wiederholt wurde, und mit 
seiner gütigen Erlaubniss kann ich liier noch kurz Uber den Be¬ 
fund lH*i derselben berichten. Herrn Professor König war, wie 
er mir schrieb, auf der Röntgeuphotographie ein abnormer Schatten 
in der rechten Niereugegend aufgefallen. Auch Herr Dr. Albers- 
S c h önberg hat bei seiner Aufnahme diesen Schatten gefunden, 
der, wie er sagt, da nicht hingehört, jedoch, weil zu wenig scharf 
begrenzt, nicht auf Steine bezogen werden kann. Herr König 
meint, dass es sich hier um die Residuen eines alten Blutergusses 
handeln könne, um Schwielenbilduug, welche sich auf dem Radio- 
gramm als diffuser Schatten mit nierenförmiger Anordnung prii- 
sentirt. Ist diese* Deutung, wie wohl kaum zu bezweifeln, richtig, 
so wird dadurch unsere Veriuuthung, dass der Unfall eine 
7 . i r k u m r e n a 1 e B 1 u t u n g auf der rechten Seite zur Folge ge¬ 
habt haben könne, fast zur Gewissheit erhoben. Damit würde 
dann aber auch der Beweis geliefert sein, dass derselbe überhaupt 
geeignet war. schädigend auf die Nieren einzuwirken, und dem¬ 
nach auch unsere Annahme, dass die beobachteten Erscheinungen 
in ihrer (»esammtheit durch eine subkutane Nieren Ver¬ 
letzung bedingt waren, eine willkommene Bestätigung finden. 


Hugo v. Ziemssen 

Nachruf’) von Prof. Moritz. 

M. II.! Wir stellen noch Allo unter dem frischen, schmerz¬ 
lichen Eindruck eines überaus schweren Verluste«. Herr Geheim¬ 
ruth und Obermedizinalrath Prof. Dr. Hugo v. Ziemssen 
ist am 21. Januar nach kurzer Krankheit aus dem Leben ge¬ 
schieden. 

v. Z i e m s s e n stand unseren Vereinen besonders nahe. 
Er gehörte ihnen seit seiner Berufung nach München im Jahre 
1874 als Mitglied und seit seinem 70. Gehurtstage im Jahre 1800 
als Ehrenmitglied an. Unermüdlich hat er sieh in Vorträgen 
und Diskussionen sowohl in wissenschaftlicher Hinsicht, als in 
Hinsicht auf ärztliche Standesfrngcn an der Thätigkcit 
beider Vereine betheiligt. Mit diesem seinem Interesse für das 
Vereinsleben aber wetteiferte die Beliebtheit, deren er sich bei 
Jung und Alt unter seinen Standesgenossen erfreute. Wir ge¬ 
nügen daher nicht nur einer Ehrenpflicht, wir folgen einem Zuge 
des Herzens, wenn wir es heute versuchen, das Wirken des seltenen 
Mannes an unserem geistigen Auge vorüber ziehen zu lassen. 

Die Familie Zicmssen’s stammte, wie ich einer schönen 
biographischen Skizze aus der Feder unseres Vcreinsmitgliedes 


’) Gehalten in einer gemeinsamen Gedüelitnlsssitzung des 
ärztlichen Vereins und des ärztlichen Bezirksverein« in .München 
im klinischen Hörsaale Ziemssen'«. 


llofrath S e h m i d entnehme 5 ), ursprünglich aus Schweden und 
siedelte im 18. Jahrhundert nach Pommern über. Z iomssen’s 
Grossvater war Superintendent von Pommern und Rügen, sein 
Vater hoher Justizbeamter zuerst in schwedischen und später, als 
Pommern pretissiseh geworden war, in preussisehen Diensten. 
Er starb früh, «einer Gattin, einer dureh Gaben des Verstandes 
wie des Gemüthes gleich ausgezeichneten Krau die Sorgt' für die 
Erziehung von 6 Kindern hinterlassend. 

Hugo Ziemssen, am 13. Dezember 1829 in Greifswald 
geboren, war bei dem Tode seines Vaters 14 Jahre alt. Er oblag 
den Gymnasialstudien mit dem lx-sten Erfolge, so dass er mit 
19 Jahren als primus omnium das Zeugniss der Reife erhielt. 
Obwohl er sieh von dem reichen Gehalt der klassischen Welt 
an logischen, ethischen und ästhetischen Elementen lebhaft an¬ 
gezogen fühlte, so obsiegte bei seiner Berufswahl doch eine Vor¬ 
liebe für die Naturwissenschaften. 1848 begann er in Greifswald 
das Studium der Medizin, das er im folgenden Jahre in Berlin 
und im darauffolgenden in Wiirzburg fortsetzte. Von 1852—54 
finden wir ihn wieder in Greifswald. 1854 bestand er summa 
cum laude das medizinische Schlussexamen in Berlin. 

Ziemsse lfs Lehr- und Wanderjahre fallen in jene denk¬ 
würdige Zeit in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, in der in 
Deutschland aus einer allgemeinen Gährung der Geister heraus 
sich eine neue fortschrittliche Entwicklung, wie auf politischem, 
so auch auf wissenschaftlichem und speziell auf medizinischem Ge¬ 
biete anbnhnte. Während in Frankreich, während und nach den 
Stürmen der Revolution, schon seit Jahrzehnten ein frisches 
Leben in der Medizin pulsirte, und Männer wie Corvisart 
und Laennec die strebende Jugend um sich sehaarten, 
herrschte in Deutschland noch bis in die 40 er Jahre hinein ein 
wunderliches Gemische der verschiedensten Systeme, denen nur 
das ei ne gemeinsam war, dass sie mit exakter Naturforschung 
nichts zu thün hatten. I)a dominirte in vielen Köpfen die 
S c h e 11 i n g'sche Naturphilosophie, eine missrathene Frucht 
der Philosophie des grossen K a n t. Man hoffte durch innere An¬ 
schauung aus den Gesetzen des Bewusstseins auf die Gesetze der 
Natur im Allgemeinen sch Hessen können. Andere waren An¬ 
hänger des Schotten Brown, der eine dureh ihre einfachen 
praktischen Regeln bestechende Doktrin aufgestellt hatte. Nach 
ihm bestand die. Gesundheit aus einem bestimmten Gleich¬ 
gewichtszustand zwischen der Reizbarkeit des Organismus und 
gewissen, auf denselben cinwirkenden Reizen. Wurde dieses 
Gleichgewicht gestört, so entstanden, je nachdem, athenische oder 
asthenische Zustände, die einer Behandlung mit ealmirenden oder 
aber mit reizenden Arzneimitteln bedurften. Auch der aus 
Frankreich stammende Vitalismus, der in der Annahme eines be¬ 
sonderen Lebensprinzipes gipfelte, hatte in Deutschland seine 
Gefolgschaft. Eine der sonderbarsten Erscheinungen jener Zeit 
war die ..christlich-germanische Medizin“ unseres Landsmannes 
R i n g s c i s, der die Krankheiten als Folge, der Sünde be¬ 
trachtete und mit Gebeten und Sakramentalien gegen sie zu Felde 
zog. Wieder ein Anderer, R a d e m a c h e r, versuchte es in 
seiner „verstandesrechtcn Erfahrungsheillehre“ die Areana der 
alt eil „scheidekünst igen Gehoiniärzte“, insbesondere des Paracelsus, 
auszugraben. In therapeutischer Beziehung herrschten die 
schroffsten Gegensätze. Während viele Aerzte einer höchst ein¬ 
greifenden, sogen, energischen Therapie mit Aderlässen, Pur¬ 
gantion und Brechmitteln huldigten, schworen wieder Andere zu 
dem therapeutischen Nihilismus der radikalen Wiener Schule, 
die mit einem rcsignirten „laisser-aller“ die Hände in den Schoss 
legte. 

Durch dieses Ncbclmeer von Meinungen und Systemen rang 
sich aber um die Mitte des Jahrhunderts langsam siegend die 
Erkenntnis« durch, dass das Heil der Medizin nur in exakter 
Naturforschung beruhen könne. Schon im Anfang des vorigen 
Jahrhunderts hatte der Professor der Chirurgie an der Universität 
in Landshut, Walther, den Ausspruch gethan: „Die Medizin 
kann wahre Fortschritte nur dadurch machen, dass die ganze 
Physik, Chemie und alle Naturwissenschaften auf sie angewandt 
und dass sic auf die gegenwärtig erstiegene Höhe derselben ge- 

9 8. Deutsch. Arch. f. klin. Med. Bd. 66, Festschrift anläss¬ 
lich des 70. Geburtstages v. Zlemsseu’s. Die biographische 
Darstellung von Schrnid enthält vieles in dem Nachruf nicht 
hervortretende, interessante Detail, das auf direkte Information 
durch v. Ziemssen zurückzufUhren Ist. 


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11. Frbruar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


stillt unil mit ihren glänzenden Fortschritten in Ueberein- 
stimmung gebracht werde“. Walther’s genialer Schüler 
S c h ö n 1 c i u begründete in der Folge in Deutschland die Schule 
der exakten klinischen Medizin. Hauptsächlich ist es aber der Name 
V i r c h o w’s, der selbst wieder Schüler des grossen Physiologen 
Johannes Müller war, an den sich der gewaltige Umschwung 
der Medizin in den letzten 50 Jahren anhaftet. Ziemssen 
selbst hat in einem meisterhaften Vortrag über „Die klinische 
Medizin des 19. Jahrhunderts“ diese Bedeutung Virohow’s 
treffend gekennzeichnet. Er weist vor Allem auf die epoche¬ 
machende Programmschrift V i r c h o w’s im 1. Heft von dessen 
Archiv hin, die mit folgenden Worten schliesst: 

„Die Geister sind unverkennbar durch die vielen immer 
wieder in den Winkel geworfenen und durch neue ersetzten 
Systeme erschöpft. Allein noch einige Ueberfälle vielleicht und 
diese Zeit der Unruhe wird vorübergehen, und man wird erkennen, 
dass nur die ruhige, fleissige und langsame Arbeit, das treue Werk 
der Beobachtungen oder Experimente einen dauernden Werth hat. 
Die pathologische Physiologie wird dann allmählich zur Ent¬ 
wicklung kommen, ... als die Veste der wissenschaftlichen Medi¬ 
zin, an der die pathologische Anatomie und die Klinik nur 
Aussen werke sind.“ 

Ich habe diese ewig wahren Worte hierher gesetzt, weil sie, 
wie für viele bedeutende Aerzte aus jener Zeit, so auch für 
Ziemssen zum Glaubensbekenntniss geworden sind, das ihn 
Zeit, seines Lebens geleitet hat. 

Nach Beendigung seiner propädeutischen Studien in 
Greifswald und Berlin zog es Ziemssen 1850 nach Würz¬ 
burg zu V i r c h o w. Hier legte er den Grund zu einem 
gediegenen Wirken in der mikroskopischen und makroskopi¬ 
schen pathologischen Anatomie, hier lernte er die Bedeutung 
physikalischer und chemischer Untersuchungen, sowie den 
Werth des Thierexperimentes für die Lösung pathologischer 
Fragen und für die Klinik kennen. Durch ein Jahr hindurch 
war er Privatassistent V i r c h o w’s, was den Nutzen dieser Lehr¬ 
zeit noch erhöhte. Sonstige hervorragende Lehrer Z i e m s s e n’s 
waren in Greifswald der Botaniker Münter, der Anatom 
R c h u 11 z e, in Berlin der Anatom Schlemm und der Physio¬ 
loge Joh. Müller, in Würzburg der Botaniker Schenk, der 
physiologische Chemiker Scherer, der Gynäkologe Scan- 
zoui und der Internist und Psychiater Markus. 

Nach Beendigung seiner Studien wurde Ziemssen 1854 
in Greifswald Assistent an der medizinischen Klinik und Poli¬ 
klinik, zunächst bei H a e s e r, dem späteren ausgezeichneten 
medizinischen Historiker, der damals interimistisch die Klinik 
leitete, dann 1855—1861 bei dem genialen Niemeyor, dem 
bekannten Verfasser des seinerzeit beliebtesten Lehrbuches der 
speziellen Pathologie und Therapie, und endlich von 1861—63 
bei dessen Nachfolger Rühle, dem späteren Bonner Kliniker. 

Die Führung der Greifswalder Poliklinik wurde Ziemssen 
iu einer mehr und mehr selbständig werdenden Weise übertragen. 
1856 hatte er sieh habilitirt und eine rege Lehrthätigkeit be¬ 
gonnen. Nebenbei aber entfaltete er auch eine eifrige wissen¬ 
schaftliche Thätigkeit, der bald eine Reihe reifer Früchte ent¬ 
wuchsen, die seinen Ruf begründeten. 

1857 erschien seine bedeutsame Monographie „Die Elektrizi¬ 
tät in der Medizin“, die sich auf Arbeiten stützte, auf Grund 
deren er sich habilitirt hatte. Er stellte sich, wie er selbst sagt, 
darin die Aufgabe, für die Methode der „Faradisation localisee“ 
Duchenne’s, d. h. die Methode, die einzelnen Muskeln gesondert 
auf elektrischem Wege zur Kontraktion zu bringen, „eine sichere 
nnatomisohe Basis zu schaffen und derselben durch eine praktische 
Anweisung zur Ueberwindung der technischen Schwierigkeiten 
Eingang bei den Aerzten zu verschaffen“. Er erbrachte den 
wichtigen Nachweis, dass die „points d’election“ Duchenne’s. 
die motorischen Punkte, wie wir jetzt sagen, an denen die ge¬ 
sonderte Reizung der Muskeln am leichtesten gelingt, den Ein¬ 
trittsstellen der Nerven in die Muskeln entsprechen. Das Buch 
erlebte in rascher Folge mehrere Auflagen und wurde später durch 
einen zweiten diagno6tisch-therapoutischeu Theil ergänzt. Es hat. 
zweifellos viel dazu beigetragen, die elektrischen Methoden zu 
einem Gemeingut der Aerzte zu machen. 

1862 trat Ziemssen mit einem höchst gediegenen klini¬ 
schen Werke „Ueber Pleuritis und Pneumonie im Kindesalter“ 
hervor. Es fusst auf 379 eigenen, theils in der Poliklinik, theils 
in der Privatpraxis gemachten Beobachtungen. Dieses vor 


239 


40 Jahren geschriebene Buch könnte gestern erschienen sein, si» 
durchaus modern liest es sich noch heute. Nur dass es damals 
jüngste Fortschritte gegenüber veralteten Anschauungen waren, 
was uns heute als längst gesicherter Besitz der Medizin erscheint. 
Die physikalische Diagnostik, damals in lebhaftester Entwicklung, 
erfährt genaueste Berücksichtigung und wird durch die An¬ 
wendung der bislang in Deutschland noch nicht geübten Cyrto- 
metrie bereichert. Naehdrückliehst wird in Verfolgung der bahn¬ 
brechenden Arbeiten W underlich’s für die Einführung der 
Thermometrie auch in der Kinderheilkunde plaidirt. Die Rektal¬ 
messung, als sicherste Methode der Temperaturbestimmung des 
menschlichen Körpers, wurde damals zuerst von Ziemssen 
empfohlen. Indem er die Hälfte seiner Fälle rein exspektativ 
behandelte, konnte Ziemssen den natürlichen Ablauf der 
Krankheit, sorgfältig studiren. Als therapeutischer Fortschritt 
tritt uns vor Allem die konsequente Anwendung der Kälte in 
Form häufig gewechselter nasser Rücken Umschläge entgegen. 
Der günstige Einfluss, den dieselben auf den Temperaturgang, 
auf das Verhalten von PuLs und Respiration, sowie in Hinsicht 
auf Schmerzstillung und Beruhigung der Kranken ausüben, wird 
überzeugend nachgewiesen. Es begegnet uns also hier zum ersten 
Male die warme Empfehlung hydrotherapeutischer Prozeduren, 
für welche auch späterhin nachhaltig eingetreten zu sein nicht das 
kleinste Verdienst Ziemssen’s ist. 

So gleich in einer zweiten, 1863 erschienenen Schrift, die 
sich „Klinische Beobachtungen über Masern und deren Kompli¬ 
kationen“ betitelt. Wie bei Lungenerkrankungen, so herrschte 
noch mehr bei Exanthemen in Laien- und vielfach auch in Aerzte- 
kreisen ein Vorurtheil gegen Kälteanwendung, von der man eine 
neue „Erkältung“ fürchtete. Ziemssen zeigte, dass eine 
günstige Beeinflussung hochfebriler Masern sowie ihrer respira¬ 
torischen Komplikationen durch hydropathische Umschläge eben¬ 
falls unanfechtbar sei. Auch in dieser Studie wird wieder be¬ 
sondere Sorgfalt auf den Temperaturverlauf der Krankheit ge¬ 
legt, der bei Masern überhaupt noch nicht erforscht war. 

Zeitlich vorgreifend möchte ich hier nun noch eine weitere 
grösser«* Monographie Ziemsse n’s anreihen, die sich ebenfalls 
vorzugsweise mit der Hydrotherapie einer Infektionskrankheit 
befasst. Es ist dies „Die Kaltwasserbehandlung des Typhus ab¬ 
dominalis“, welche Ziemssen 1870, als er die Professur in 
Erlangen bekleidete, im Verein mit seinem Assistenten Immer¬ 
mann herausgab. 

Der Anstoss zu dieser segensreichen Bereicherung der 
Typhustherapie, auf welche ein allerorten beobachtetes sehr 
wesentliches Zurückgehen der Typhusmortalitüt bezogen werden 
darf, ging bekanntlich von Brand aus, der 1861 eine Schrift 
„Die Hydrotherapie des Typhus“ verfasste. Neben einer Reihe 
anderer Autoren, wie Bartels, Jürgensen, Lieber¬ 
meister, Gerhardtu. A. hat sich aber Ziemssen um die 
klinische Prüfung, den Ausbau und die Einführung der neuen Me¬ 
thode in hohem Maasse verdient gemacht. Von ihm stammt, gegen¬ 
über dem von vornherein kalten,dieEmpfehlung des lauen,langsam 
abzukühlenden Bades-, wie es jetzt besonders bei schwächlichen, 
nervösen, anämischen Kranken wohl allgemein akzeptirt ist. Die 
genannte Schrift stellt eine sehr sorgfältige Studie über die Be¬ 
einflussung des Gesammttyphus und seiner Einzelsymptome unter 
der Einwirkung hauptsächlich dieses langsam abgekühlten Bades, 
aber auch anderer Anwendungsformen des Wassers dar. 

Die genannten Greifswulder Publikationen hatten die Augen 
der wissenschaftlichen Welt auf den jungen Ziemssen gelenkt. 
1863 erging an ihn ein Ruf nach Erlangen als Nachfolger Kuss¬ 
mau l’s. Er nahm ihn an und blieb Erlangen dann durch 
11 Jahre hindurch treu, obwohl die Gelegenheit nach anderen 
Universitäten überzusiedeln steh ihm häufig genug bot. Nicht 
weniger als 8 Universitäten: Greifswald, Basel, Bern, 
Dorpat, Jena, Königsberg, Giessen und Breslau 
bewarben sich in jenem Zeitraiun um ihn. Mit letzterer Universi¬ 
tät stand er gerade in Unterhandlung, als ihm 1874, nach dem 
plötzlichen Tode Lindwurm’s, auch der Münchener Lehrstuhl 
angetragen wurde. Er entschied sich für letzteren und trat damit 
in seinen letzten und grössten Wirkungskreis ein. 

Aber auch schon in der Erlanger Zeit wusste Z i emsse n 
seinem Wirken jenes Gepräge des Grossen und Weiten zu geben, 
das ihn auch späterhin immer auszeichnet, ln jene Zeit fallen 
2 hochbedeutende und umfangreiche literarische Schöpfungen, die 

6 * 


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240 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


Gründung einerseits des Deutschen Archiv«? für klinische Medi¬ 
zin und andererseits die Herausgabe des grossen, weltberühmt ge¬ 
wordenen Handbuches der speziellen Pathologie und Therapie. 
Durch das Deutsche Archiv emanzipirte Ziemssen die kli¬ 
nische Medizin als einen selbständig gewordenen Zweig der Ge- 
samintmedizin von ihren Sehwesterdisziplinen und bereitete ihr 
zum erstenmale ein eigenes vornehmes Heim. Die hochangesehene 
Zeitschrift weist unter ihren Mitarbeitern dauernd die glänzend¬ 
sten Namen der deutschen Klinik auf. Bis jetzt in einer Reihe 
von 72 Bänden vorliegend, gibt sie ein Bild fast alles dessen, 
was an grossen Fragen die klinische Medizin in den letzten 
3T> Jahren bewegt hat. 

Das grosse Z iemssen’sohe Handbuch ist überhaupt, das 
erste derartige, völlig zur Durchführung gelangte Unternehmen. 
Vi reho w hatte allerdings schon 20 Jahre vorher einen solchen 
„Codex des beglaubigten Wissens“, wie er »'s nannte, geplant, 
doch war das Werk nicht zum Abschluss gekommen. Dem re¬ 
daktionellen Genie Ziemssen’s, seiner meisterlichen Verbin¬ 
dung von Energie und verbindlichem Entgegenkommen gelang 
die ausserordentlich schwierige Aufgabe, die grosse Zahl der er¬ 
forderlichen, geeignet erscheinenden Mitarbeiter auszusuchen, zu- 
sammenzuhalten, und es zu bewirken, dass das ganze Werk in 
relativ kurzer Zeit vollendet wurde, wenn es sich allerdings auch 
noch in die Münchener Zeit Ziemssen’s hinüberzog. Das 
Z i e m ssc n’sche Handbuch hat nicht nur den Namen seines 
Herausgebers, sondern auch den Ruhm der deutschen Medizin in 
fremde Länder, ja über die Meere getragen. Sein Verdienst um 
das Prestige der deutschen Wissenschaft kann nicht hoch genug 
angeschlagen werden. 

Alsbald nach Abschluss des Handbuches der speziellen Patho¬ 
logie und Therapie ging Z i e m s s e n, es war das schon in Mün¬ 
chen, an die Herausgabe eines zweiten grossen Sammelwerkes, 
des Handbuches der allgemeinen Therapie. Der äussere Erfolg 
dieses Werkes war, wie es bei allgemeinen, über den Einzelerschei¬ 
nungen stehenden Darstellungen in der Regel — und man muss 
sagen, leider — der Fall zu sein pflegt, kein so durchschlagender 
wie der des erstgenannten. Doch verdient der vorausschauende 
Blick Ziemssen’s Bewunderung. Was er mit diesem Hand- 
huchc der allgemeinen Therapie in’s Auge fasste, eine Darstellung 
der diätetischen, hydrotherapeutischen, elektrischen, mecha¬ 
nischen Heilmethoden und eine besondere Betonung der Therapie 
überhaupt, das ist von der neuesten Zeit bekanntlich mit grösstem 
Eifer aufgegriffen worden. Aber noch an einem dritten grossen 
Sammelwerke hat sieh Ziemssen wenigstens betheiligt, an 
dem im Verein mit Pettenkofer herausgegebenen „Hand¬ 
buch «1er Hygiene“. Von 1878 an hat er endlich, um die Aera 
seiner grossen redaktionellen Leistungen hier gleich abschliessend 
zu schildern, noch „Annalen der städtischen allgemeinen Kran¬ 
kenhäuser Münchens“ erscheinen lassen. Sie bringen, jährlich in 
einem Bande erscheinend, nicht nur statistische Nachweise über 
den Betrieb und die Krankenbewegung in diesen Anstalten, son¬ 
dern auch werthvolle wissenschaftliche Aufsätze aus der Feder 
der Oberärzte, des Oberapothekers und der Assistenten und tragen 
durch diese Anregung zu wissenschaftlicher Bethätigung un¬ 
streitig auch ihr Theil zur Belebung wissenschaftlichen Geistes 
in den Anstalten bei. 

Würde allein schon die Begründung und Leitung einer 
Milchen Reihe umfangreicher literarischer Unternehmungen eine 
ungewöhnliche Arbeitslust und Arbeitskraft bedeuten, so ist dies 
«loch nur ein kleiner Theil der erstaunlichen Thätigkeit 
Z i e m s s e n’s gewesen. Ein rascher Ueberblick über die lange 
Reihe seiner noch nicht zur Erwähnung gekommenen wissen¬ 
schaftlichen Arbeiten wird dies zeigen. 

Das Interesse für die Infektionskrankheiten, das schon in 
seinen ersten Greifswalder Arbeiten hervortrat — nachzutragen 
ist noch eine Arbeit über eine Pockenepidemie in Greifswald 
3801 hat ihn auch später nicht verlassen. Davon zeugen 
Veröffentlichungen, die die Cholera, den Scharlach und besonders 
mehrere, die d«-n seinerzeit für München so aktuellen Typhus zum 
Gegenstand haben. 

Auch die Vorliebe für neurologische Fragen, die in seinen 
ersten elektrischen Studien zu Tage trat, hat er sich dauernd ge¬ 
wahrt. So Anden wir in seinem Handbuche von ihm eine ausführ¬ 
liche Bearbeitung der Chorea. An verschiedenen anderen Orten 
veröffentlichte er Arbeiten über Meningitis cerebrospinalis, über 


Neuritis und Neuralgien bei Diabetes, über die Entartungs¬ 
reaktion, an deren Erforschung er wesentlichen An theil hat, über 
basale Hirnnervenlähmungen, über Syphilis des Nervensystems, 
über diphtheritische Lähmungen. Neurasthenie, Schonung und 
Uebung des Nervensystems u. a. m. 

Auch die Erkrankungen des Verdauungstraktus haben ihn 
beschäftigt. Eine grundlegende Darstellung der Oesophagus- 
erkrankungen in seinem Handbuche stammt in ihrem klinischen 
Theile aus seiner Feder. Kleinere Arbeiten handeln von der 
Lokalbehandlung und physikalischen Behandlung des Magens. 

Ein weiteres umfangreiches Kapitel seines Handbuches, das 
er sich reservirte, sind die Erkrankungen des Kehlkopfes. Eine 
Einzelarbeit im Deutschen Archiv handelte über Stimmband- 
liihni ungen. 

Eine Zeit lang, in seiner Münchener Periode, waren es haupt¬ 
sächlich Fragen «1er Physiologie und Pathologie des Herzens und 
dos Gefässsystems, die sein Interesse fesselten. Hierher gehören 
die bekannten Studien über die Bewegungsphänomene am frei¬ 
liegenden menschlichen Herzen, die an Personen mit Rippen - 
dofokten (Katharina Serafin und August Wittmann) angestellt 
waren, ferner Arbeiten über das zeitliche Verhalten der einzelnen 
Phasen der Herzrevolution, über Pulsus differens, über gestielte 
und Kugelthromben im Herzen u. a. m. Auch den Blutdruek- 
messungen am lebenden Menschen, wie sie durch das Basch’- 
sohe Instrument möglich geworden waren, wendete er seine volle 
Aufmerksamkeit zu. Einschlägige Fragen hat er theils selbst be- 
nrlx-itet, theils durch seine Schüler bearbeiten lassen. 

Uel>er diaphoretische und mechanische Behandlung hydro- 
pischer Ergüsse liegen Publikationen aus seiner Erlanger Zeit vor. 

Eine der ihn am meisten beschäftigenden Fragen war ferner 
die künstliche Blutzufuhr bei Kranken. Mit grosser Beharrlich- 
k«‘it suchte er das wichtige Problem theils auf hypodermatischem 
Wege, theils durch direkte Transfusion von Vene zu Vene zu 
lösen, ohne dass freilich die endgiltigen Resultate völlig be¬ 
friedigend gewesen wären. 

Ein Zurückkehren zu frühesten Neigungen erkennen wir in 
einer späteren Serie von Arbeiten über Pleuritis, die theils aus 
seiner eigenen Feder flössen, theils von seinen Schülern — ich 
nenne hier die schöne Arbeit Sr. kgl. Hoheit des Prinzen Lud¬ 
wig Ferdinand — stammen. 

Eine Gruppt* weiterer Arbeiten befasste sich mit der Tuber¬ 
kulose, theils in statistischer Form, das langsame Zurückgehen 
dieser verderblichsten aller Seuchen für München nachweisend, 
theils in Form klinischer Darstellungen, die speziell auf die neu 
entdeckte bazilläre Natur der Erkrankung Bezug nahmen. Sein 
höchstes Interesse erregten seinerzeit die ja allerorten frappiren- 
den Mittheilungen Koch’s über das Tuberkulin. Ziemssen 
brachte der neuen Methode begeisterte Hoffnungen entgegen und 
zog erst nach einer sehr umfassenden Prüfung bedauernd den 
Schluss, dass mit dem Tuberkulin zwar eine bedeutsame wissen¬ 
schaftliche Entdeckung gemacht, aber doch kein Heilmittel ge¬ 
funden war. 

Eifrigste Mitarbeit hat Ziemssen auch bei der jüngsten 
Phase der Tuberkulosetherapie, bei der Heilstättenbewegung ge¬ 
leistet. Dieser Zeit entsprang ein Aufsatz über Freiluftbehand¬ 
lung der Tuberkulose. Ein Referat über Sanatorien für Lungen¬ 
kranke, um das er von dem Deutschen Verein für öffentliche Ge¬ 
sundheitspflege angegangen war, durfte ich in seinem Auftrag 
erstatten. 

Eine letzte Gruppe zusammengehöriger Arbeiten von 
Ziemssen beziehen sich endlich auf Themata der Geschichte 
der Medizin. In äusserst anregend geschriebenen Essays hat er 
uns die Heilkunde des Allerthums, die klinische Medizin des 
19. Jahrhunderts, und das Ergehen von Wissenschaft und Praxis 
in den letzten 50 Jahren beleuchtet. 

Erwähnen wir nun noch einige Arbeiten über die Pathologie 
und Therapie der Nephritis, seine Pharmakopoea clinica, die in 
den späteren Auflagen mit Rieder zusammen herausgegeben 
ist und endlich seine jüngsten Arbeiten auf dem Gebiete der 
Röntgenograph io, welchen ein ebenfalls mit Rieder zusammen 
herausgegebener Atlas der Röntgenographic entsprungen ist, so 
haben wir eine Uebersicht über eine literarische Arbeitsleistung 
gewonnen, die in ihrem Umfang und in ihrer Vielseitigkeit wohl 
Jedem Staunen abnÖthigt. 


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11. Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 241 


Doch wenden wir uns zu anderen Seiten von Z iemssen’s 
Wirken und gehen wir auf jene Zeit zurück, in das Jahr 1874, 
wo seine Berufung nach München erfolgte. Mit dem Eintritt 
in die weit grösseren Verhältnisse der Hauptstadt des König¬ 
reichs, erhielt das schon einmal hervorgehobene Bedürfnis* 
Z i e m s s e n’s, mit seinem Wirken in’s Grosse zu gehen, neue 
Nahrung. Die Münchener Thätigkeit Ziemsäen’s ist charak- 
terisirt durch eine nimmer rastende und in ihren Erfolgen er¬ 
staunliche Agitation für die Ausgestaltung, Vergrösserung und 
Hebung einerseits der Einrichtungen für den Unterricht und 
andererseits der Krankenanstalten. 

Den Unterricht zu vervollkommnen und ihn aus alten Nor¬ 
men heraus in neue zu heben, hat sich Ziema'seu vom Beginn 
seiner klinischen Thätigkeit an angelegen sein lassen. So be- 
lumdelte schon 1868 die Rede, die er bei dem Eintritt in den 
akademischen Senat in Erlangen hielt, das Thema „Klinische 
Lehranstalten, ihre Entwicklung und ihre Aufgaben“. In der 
Folge hat er noch mehrere Male, zuletzt noch vor einigen Jahren, 
anlässlich der Reform der Prüfungsordnung auf dem Kongress 
für innere Medizin, zu dem gleichen Gegenstand das Wort er¬ 
griffen. 

Eine nicht unwichtige Neuerung, die Ziemssen in seiner 
Erlanger Klinik einführte, war das Institut der Koassistenten, 
gewissermaassen Assistenten der Assistenten, die am ganzen 
Krankenhausbetriebe theilnahmen und sich aus vorgerückteren 
Studirendeu rekrutirten. Die Einrichtung, deren Bedeutung für 
die Studenten auf der Hand liegt, hat allgemeine Nachahmung 
gefunden. 

In München fand Ziemssen gänzlich unzulängliche Ein¬ 
richtungen für den klinischen Unterricht vor. Es standen für 
denselben nur 2 Säle zu Gebote, deren einer zugleich Operations¬ 
saal war. Alle cliemischen und physikalischen Untersuchungen 
mussten in den Krankensälen vorgenoinmen werden. Alsbald, 
im Jahr 1874, entwarf Ziemssen daher den Plan zu dem Neu¬ 
bau eines selbständigen ^ber mit dem Krankeuhause in orguni- 
f'ohexn Zusammenhang stehenden klinischen Instituts. Das treff¬ 
liche Projekt ging nach gewandter Beseitigung mancher äusseren 
Schwierigkeit bald seiner Realisirung entgegen. Das neue In¬ 
stitut, das erste in seiner Art und für alle ähnlichen vor¬ 
bildlich, wurde 1878 mit der Devise „Förderung der Patho¬ 
logie aus der Physiologie heraus, Förderung der Diagnostik mit 
allen Hilfsmitteln der Chemie und Physik, Förderung der 
Therapie durch Benutzung der pathologisch-diagnostischen Er¬ 
rungenschaften des Experimentes und einer kritischen Anwendung 
der empirischen Heilmittel“ eröffnet. Die Anerkennung, welche 
eine einsichtige Regierung durch die Gewährung eines so stolzen, 
gegen die früheren primitiven Einrichtungen einen enormen Fort¬ 
schritt bedeutenden Institutes der Stellung der klinischen For¬ 
schung gezollt hat, ist indirekt wohl der deutschen Klinik insge- 
sammt zu Gute gekommen. 

Das Institut, Anfangs scheinbar überreichlich bedacht und 
übergross bemessen, hat sich trotzdem nach 2 Jahrzehnten den 
rapid anwachsenden Bedürfnissen nicht mehr entsprechend 
gezeigt. Es wurde, wie wir wissen, jüngst nach neuen Plänen 
Z i e m s s e n’s umgebaut und vergrössert und erregt jetzt in 
noch vollkommenerer und glänzenderer Gestalt die Bewunderung 
jedes Besuchers. 

Ebenso dem Unterricht, wie dem Interesse der Kranken, 
dient eine jüngste hervorragende Schöpfung Z iemssen’s: das 
neue Zentralbad im Krankenhause 1. d. I. ln einer bisher eben¬ 
falls einzig dastehenden Vollständigkeit und Zweckmässigkeit, 
vereinigt es alle physikalischen Heilmethoden von der einfachsten 
bis zu der nur durch die moderne Technik ermöglichten Form, 
Bäder jeder Art, Einrichtungen für Heilgymnastik, Röntgen- 
Lichtbehandlung u. a. m. Therapeutische Methoden, die bislang 
nur in Spezialanstalten zu finden waren, sind damit dem allge¬ 
meinen Unterricht zugänglich geworden. 

Ebenso wie die für den Unterricht dienenden, so fand 
Ziemssen auch sonstige Einrichtungen des allgemeinen 
Krankenhauses verbesserungsbedürftig vor. Auch hier suchte er 
alsbald die bessernde Hand anzulegcn. 

Schon 1875, ein Jahr nach seiner Uebersiedelung, finden wir 
in der Gemeindezeitung seine „Vorschläge zur Erweiterung der 
städtischen Krankenhäuser“. Wenn zunächst auch die weit- 
tragendem Pläne des neuen Direktors, hauptsächlich aus Mangel 


an finanziellen Mitteln, nicht realisirbar waren, so haben doch die 
stets ruhigen, sachlichen und überzeugenden Darlegungen 
Z iemssen’s und sein kluges taktvolles Verhalten im Verkehr 
mit den zuständigen Behörden schliesslich zum Ziele geführt. 
Durch umfangreiche Neubauten, Anbauten und Umbauten ist 
aus dem ehemaligen nach Raum und Einrichtungen antiquirten 
Spitale eine grossartige moderne Anstalt geworden. 

Auch die wichtige moderne Fortentwicklung desKrankenhaus- 
weseus auf dem Gebiete von Rekonvaleszentenhäusern und länd¬ 
lichen Sanatorien ist durch Ziemssen’s unermüdliche Bemüh¬ 
ungen für München thatkräftigst gefördert worden. Ein kleines 
Rekonvaleszentenheim, diedankenswerthe Schöpf ungeinesprivaton 
Vereins, das Ziemssen vorfand, ist unter seiner Beihilfe zu 
einer stattlichen, jüngst erst wieder vergrösserten Anstalt heran¬ 
gewachsen, die nun einer grossen Zahl Genesender, aber noch 
nicht voll arbeitsfähiger Personen eine Heimstätte nach der Ent¬ 
lassung aus dem Krankenhaus gewährt. 

Nicht minder thatkräftig hat Ziemssen in die Volks- 
heilstättenbcwegung eingegriffen. Dass die schöne Volksheil¬ 
stätte Planegg, die 100—120 Kranken Aufnahme gewähren kann, 
so rasch hat vollendet werden können, ist nicht zum Wenigsten 
sein Werk. 

Unter etwas anderen Gesichtspunkten als denen einer Re¬ 
konvaleszenten- und Tuberkulösen-Heilanstalt ist schliesslich in 
letzter Zeit noch nahe bei München, in Harlaching, eine Filiale 
des Krankenhauses in Form eines ländlichen Sanatoriums ent¬ 
standen. Es bietet nach den Intentionen Z iemssen’s die Möglich¬ 
keit, leichte und chronische Kranke von den akut und schwer 
Kranken des in der Stadt befindlichen Mutterkrankenhauses zu 
trennen und ihnen in ländlicher, waldiger Umgebung bessere Be¬ 
dingungen zu rascher Genesung zu geben. 

M. H.! Es ist wahrlich ein vollgerütteltes Maass objektiver 
Leistungen, das uns Ziemssen hinterlassen hat. Aber Sic 
erwarten von mir, dass ich noch ein Anderes Ihnen vorführe an 
diesem Tage des Gedächtnisses, ein zusammenfassendes Bild der 
Persönlichkeit des Entschlafenen selbst. Die Persönlichkeit ist 
ja das Werthvollste, »las Ganze und Gebende, von dem die Leist¬ 
ungen bloss ein Theil, ein Ausfluss sind. Wenn ich es versuche, 
auch dieser Aufgabe nachzukommen, so erbitte ich mir dazu in 
gewissem Sinne Ihre Hilfe. In Ihrer Aller geistigem Auge steht 
das Bild des Entschlafenen in voller Deutlichkeit da. Sie Alle 
haben ihn gekannt und so mögen Sie stillschweigend hinzufügen, 
ändern und bessern, was an meiner Zeichnung vielleicht fehlt oder 
unvollkommen ausfällt. 

Ziemsse n’s wissenschaftliche Persönlichkeit basirte, wie 
wir schon dargethan haben, ganz auf jener sicheren naturwissen¬ 
schaftlichen Denkart, die uns die Mitte des vergangenen Jahr¬ 
hunderts geschenkt hat. Er war der Modernsten Einer schon in 
seinen ersten Publikationen und ist es geblieben bis an das Ende 
seines Lebens. Fortschrittlichkeit im besten Sinne hat ihn ge¬ 
kennzeichnet. Allem Neuen hat er jederzeit willig seinen Geist, 
hat er willig die Hallen seines Institutes geöffnet. Schauen Sie 
um in diesem prächtigen Hörsaal, in diesem ihodemsten klini¬ 
schen Institut, das uns zu diesem Gedenktag seine Räume er¬ 
schlossen hat und bedenken Sie, dass cs ein hochbetagter Kliniker 
war, der ein Erbe hinterliess, an dem es nichts zu reformiren, 
nichts zu bessern gibt, das vielmehr ein Muster ist für alle ähn¬ 
lichen wissenschaftlichen Anstalten. 

Als Forscher und Schriftsteller ist Ziemssen vor Allem 
durch seine erstaunliche Vielseitigkeit charakterisirt. Es war 
weniger seine. Art. einen Gegenstand, ständig in die Tiefe arbei¬ 
tend, völlig auszubeuten, obzwar wir gesehen haben, dass ganze 
Reihen seiner Arbeiten gruppenweise in einem gemeinsamen Ge¬ 
dankenkreise vereinigt sind. Im Ganzen liebte sein beweg¬ 
licher Geist den Wechsel der Probleme, deren jedes er originell 
und geistreich anzufassen wusste. Ziemssen war alles eher 
als ein trockener Schriftsteller. Er war vielmehr ein Meister der 
Darstellung. Flüssig, formgewandt, in schönen treffenden Bil¬ 
dern glitt seine Diktion dahin. Diese Vorzüge sind besonders 
in seinen bekannten „Klinischen Vorträgen“ hervorgetreton, 
jenem originellen Unternehmen, in dem er das ganze Gebiet 
der klinischen Medizin in Form einzelner, vor Studirenden ge¬ 
haltener Vorträge darzustellen gedachte. Die Sammlung ist bis 
auf 29 Nummern gekommen, 4 Vorträge haben noch die letzten 
2 Jahre gebracht. Erst der Tod hat die Reihe unterbrochen. 


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242 MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 6. 


Als Lehrer war Zicmssen dank seiner Universalität und 
seinen geistreichen Gedankengängen ungemein anregend. Seine 
Untersuchungsmethode war eine durchaus gründliche, auf alle 
Hilfsmittel der Naturwissenschaften und der modernen Technik 
sich stützende. Doch hielt Ziemssen nicht immer die in ge¬ 
wissem Sinne schablonemnässige und pedantische Klinik, wie sie 
der Anfänger sich wünscht und wie sie für diesen ja auch nöthig 
ist. Es konnten gelegentlich einmal auch nur einzelne scheinbar 
manchmal unbedeutende Züge im Krankheitsbild sein Interesse 
erregen und für eine klinische Stunde fesseln. Solche Gelegen¬ 
heiten, wo er an kleine Einzelheiten dann nicht selten allge¬ 
meinere Ausblicke anknüpfte, waren für die vorgerückteren 
Hörer und für sie war seine Klinik bestimmt, oft besonders 
genussreich. In manchen Semestern liebte es Ziemssen 
gelegentlich, etwa je in einer Stunde in der Woche zusammen¬ 
hängende Darstellungen, wechselnd aus den verschiedensten Ge¬ 
bieten der Klinik, zu geben. Das sind jene Stunden, die das 
Vorbild seiner oben genannten klinischen Vorträge wurden. 
Neben modernsten Problemen kamen dabei auch geschichtliche 
Rückblicke und vor Allem Hinweise auf Standesfragen, auf das 
Verhalten des Arztes zum Publikum und zu den Kollegen, auf 
die Nothwendigkeit des Zusammenhaltens in den ärztlichen Ver¬ 
einen zu ihrem Recht. 

Ata Chef seiner Assistenten war Ziemssen von grösster 
Güte und Freundlichkeit. Ich erinnere mich kaum je ein hartes 
Wort von ihm gehört zu haben. Und doch wusste er den Mecha¬ 
nismus des Krankenliausbetriebes in straffer Zucht zu halten. 
Selbst unablässig thätig, eiferte er schon durch sein Beispiel die 
Anderen an. Dabei hatte er für alle Anliegen, auch solche pri¬ 
vater Natur, ein freundliches Ohr und war gelegentlich gern 
einem heiteren Gespräch und einem Scherz zugänglich. 

Dem Kranken wusste Ziemssen durch eine in seltenem 
Maasso gewinnende Art Vertrauen und Muth einzuflössen. In 
therapeutischer Hinsicht war er gerne Optimist. In Resignation 
die Hände in den Schoss« zu legen, widerstrebte seinem hilf¬ 
reichen Sinn. 

Seine Standesgenossen schätzten an ihm nicht nur den er¬ 
fahrenen Kliniker, sondern vor Allem auch den liebenswürdigen 
Kollegen, der, wo es nöthig war, jederzeit gen» auch mit seiner 
Autorität für ihre Standesinteressen eintrat. Wiederholt hat 
er sich auch persönlich an den Arbeiten des Deutschen Aerzte- 
tages betheiligt, so 1890 in München und 1891 in Weimar, ata 
die Reform der Prüfungsordnung und des ärztlichen Unterrichtes 
auf der Tagesordnung stand. 

Die hervorragendste Begabung Z i e m s s e n’s war vielleicht 
die organisatorische. Angesichts seiner grossen literarischen und 
baulichen Schöpfungen brauche ich das kaum näher auezuführen. 
Es ging ein eigener Zauber von seiner Persönlichkeit aus, und 
wenn er, unterstützt noch von einer grossen Menschenkenutniss, 
diesen in den Dienst einer guten Sache stellte, so gelang es ihm 
fast immer, Schwierigkeiten zu besiegen, die mit polternder 
Energie nicht so leicht wären bewältigt worden. Speziell um die 
Wohlfahrt Münchens hat er sich, auch abgesehen von den 
Krankenanstalten, grosse Verdienste erworben. Hand in Hand 
mit Pottenkof er und den Bürgermeistern E r h a r d t und 
W i d e nmeyer hat er sich erfolgreich der Assanirung Mün¬ 
chens angenommen. Allein, dass er seine überall geachtete 
Stimme wiederholt in der Presse zu Gunsten der Thatsache erhob, 
dass München eine gesunde Stadt geworden, hat München viel 
genützt. 

Im Ganzen ata Arbeiter verdient Ziemssen die höchste 
Bewunderung. Nach des Tages Mühen in Klinik, Spital und 
Praxis sah ihn die Nacht mit literarischen Obliegenheiten, oder 
aber mit Gutachten. Entwürfen und Referaten beschäftigt, wie 
sie seine umfangreiche Thütigkeit. in sanitären Körperschaften 
und Vereinen von ihm forderte. Gehörte er doch dem bayerischen 
Obermedizinalaussehusse, dem Gesundheitsrathe von München, 
dem kaiserlichen Gesundheitsamte, der Kommission für Bearbei¬ 
tung des Deutschen Arzneibuches, dem Deutschen Zentralkomite 
für Volksheilstätten und vielen anderen der allgemeinen Wohl¬ 
fahrt dienenden Vereinigungen an. 

Und doch fand Ziemssen bei aller Arbeitslast noch Zeit 
zu Geselligkeit und edler Erholung. Wie er in seiner Wissen¬ 
schaft nicht einseitig war, so war er es auch nicht in einem aus¬ 
schliesslichen Aufgehen seiner Interessen in seinem Berufe. Er 
war universell hochgebildet, ein Freund schöner Literatur, der 


Kunst und vor Allem, wie nicht selten gerade bei Aerzten, der 
Musik. Der feine, scharf geschnittene Kopf, die straffe, elegante 
Haltung, die vollendete Beherrschung der Formen sicherten ihm 
schon von vornherein bei Jedem den Eindruck von Vornehmheit 
und geistiger Bedeutung. 

Der Ehren sind viele auf sein Haupt gehäuft worden. Aber 
auch Leid ist ihm nicht erspart geblieben. Eine Tochter und 
einen erwachsenen Rohn hat er in ein frühes Grab gesenkt, eine 
zweite Tochter musste er unheilbar erkranken sehen und sein- 
Gattin ist vor ihm dahingegangen. Doch konnte er sich des un¬ 
getrübten Glückes der zwei jüngsten Töchter erfreuen. 

Ich habe es versucht, m. H., das Bild Ziemssens Ihnen 
zu zeichnen, wie es in meinem Geiste und wohl auch in dem 
Ihren steht. Was aber werden die, die nach uns kommen, von 
ihm sagen ? Die persönlichen Züge, die uns jetzt noch frisch in der 
Erinnerung sind, werden verblassen und mit uns vergehen, die 
Wissenschaft wird unaufhaltsam weiter rollen, seine literarischen 
Schöpfungen werden veralten, überholt, durch andere ersetzt 
werden. Was ist das Bleibende? 

Nun, wissenschaftlichen Ruhm, einen ehrenvollen Platz in 
der Geschichte der Medizin hat sich Ziemssen für alle Zeiten 
gesichert. Was ich aber noch höher stelle: Man wird immer von 
ihm sagen müssen, er war ein Mann, der auf seinem Platze weit 
über das Gewöhnliche hinaus zum Nutzen der Allgemeinheit boi¬ 
getragen hat. Wohl Jedem, dem man dies nachrufen kann! 
Elm* seinem Andenken! 


Axel Key t. 

Während eines seiner letzten Tage hat das Jahr 1901 neben 
einen grossen Namen der nordischen Medizin das schwarze Kreuz 
gezeichnet. Nach langwierigem, schwerem Leiden verschied in 
Stockholm am 27. Dezember Medicinae Doetor Ernst Axel 
Henrik Key, vormaliger Professor der pathologischen Ana¬ 
tomie am (‘arolinischen medico-chirurgischen Institut. 

K ey stammte aus einem alten schottischen „Hochlandsclan“, 
von welchem ein Repräsentant zur Zeit Gustav Adolph IT. 
nach Schweden hinüberzog. Axel Key war am 25. Oktober 
1832 auf einem Landgut (Johannisberg, Jönköpings Guverne- 
ment) geboren. Sein Vater war Oberstleutnant. • Er ging nicht 
in die Schule, sondern genoss Privatunterricht und führte sonst 
ein frisches Freiluftleben. 16 Jahre alt, fing er seine Universi¬ 
tätsstudien in Lund an. Nach beendigten medizinischen Examina 
zog er (1860) nach dem Auslande, um zuerst unter Max 
Schnitze in Bonn normale Histologie, dann ata Schüler 
V i rchow’s in Berlin pathologische Anatomie und Physiologie 
zu treiben. Im folgenden Jahr erlangte er in Lund die medizinische 
Doktorwürde (Abhandlung über die Endigungsweise der Gc- 
schmaeksnerven in der Froschzunge). 1862 wurde er als Pro¬ 
fessor der pathologischen Anatomie an das Carolinische Institut 
in Stockholm berufen und blieb nachher 35 Jahre — bis 
1897 — auf diesem Platz. Während der letzten 11 Jahre 
war er auch Rektor des Instituts. 

Diese 'lange Zeit umfasst in sich eine Thätigkeit. die als 
ungewöhnlich umfassend zu bezeichnen ist. Seiner Aufgabe als 
Lehrer war K e y mit der ganzen Seele hingegeben. Glänzende 
Vorlesungen, gilt auf klärende und sehr genaue Sektionen, ein 
scharfer Blick für die praktischen Bedürfnisse der Studenten, 
für ihre Begabung und Tüchtigkeit zeichneten seinen Unterricht 
aus. Die Vorgerückteren verdankten ihm eine eben so geist¬ 
volle ata freundliche Leitung in ihrer Forscherarbeit, Er 
liebte die Jugend und wurde seinerseits von ihr auf den Händen 
getragen. 

Mit Ko.v’s Thätigkeit als Lehrer hängt sein Wirken als 
wissenschaftlicher Forscher eng zusammen. Von 
seinen Sektionen vor den Studenten stammten meistens seine 
sehr zahlreichen kasuistischen Mittheilungen. Hand in Hand 
mit «len pathologischen Untersuchungen gingen solche, die der 
normalen Histologie gewidmet waren. Der Bau der Milz, die 
Zirkulation und die Pathologie der Nieren, der Entzündung*- 
prozess in der Cornea, die Rückwirkung der Aortaaneurysmeu 
auf das Herz, die Entstehung des eorrosiven Magengeschwüres etc. 
wurden von ihm behandelt. Am wichtigsten unter seinen theo- 
retisch-inedizinischen Arbeiten war aber die im Herbst 1869 be¬ 
gonnene, zusammen mit Gustav Retzius ausgeführte, grosse 
Untersuchung: „Studien in der Anatomie des Nervensystems 


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GALERIE HERVORRAGENDER ÄRZTE UND NATURFORSCHER. 


-^ 







Beilage zur Münchener medicinisehen Wochenschrift. 
Verlag von J. F. LEIIMANN in München. 

















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11. Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 243 


und des Bindegewebes“ (Bd. I und II, Stockholm 1876—76; 
Folio), worin der Zusammenhang der Saftbahnen der Gehirn- und 
Riiekeiunarkshäute sowie der Nervenscheiden in seinen wesent¬ 
lichen Zügen zuerst klar gelegt wurde. Der Inhalt und die Be¬ 
deutung dieses Werkes ist übrigens allbekannt. Die Namen der 
beiden Verfasser gingen mit demselben über die ganze wissen¬ 
schaftliche Welt, ln anderen Arbeiten, z. B. in einer Abhandlung 
über die (lesehwulstmetastasen innerhalb der serösen Häute dos 
Zentralnervensystems, wies Key die Bedeutung seiner und 
llrtzius’ Resultate für die Pathologie nach. 

Auch auf einem anderen Forschungsgebiete hat sich Key 
ein „Monumentum aere perennius“ errichtet. Als Mitglied einer 
Kommission für die Reformirung des Schulunterrichts erhielt er 
den Auftrag, die hygienische Abtheilung der Kommissions¬ 
arbeiten zu leiten. Durch K ey’s organisatorische» Talent wurde 
diese Arbeit (1885) eine sehr werthvolle. Die sprungweise ver¬ 
laufende Entwicklung der Schuljugend, ihre Empfindliclikeit 
während gewisser Perioden sowie die Existenz einer UÜber¬ 
anstrengung wenigstens einzelner Gruppen der Kinder gingen 
daraus klar hervor. Die Arbeit wurde später von Dr. L. Burger¬ 
stein in’s Deutsche übersetzt und hat grosse Anerkennung ge¬ 
funden. Auf dem internationalen medizinischen Kongress in 
Berlin 1890 hielt Key einen Vortrag über seine schulhygienischen 
Untersuchungen. K e y’s grosses Interesse für dieses Thema hatte 
gewiss seinen tiefsten Grund in seiner Humanität, in seinem 
lebhaften Mitleid für die oft blassen, überanstrengten Schul¬ 
kinder; seine Arbeit hat — in Schweden wenigstens — kräftig 
dazu beigetragen, der Uoberanstrengung in den Schulen eine 
Grenze zu setzen. Unterrichtsfragen, medizinisch-geschichtliche 
Aufgaben und Biographien hervorragender schwedischer Aerzte 
sind auch von ihm Iteliandolt worden. 

Die wissenschaftliche Thätigkeit Ke y’s zeigt uns einen 
Forscher, «1er mit genialem Blick, reicher Phantasie und wahrem 
Enthusiasmus die Fragen angreift, der hoch zielt und mit ge¬ 
waltiger Energie auch Vieles durchführt. Doch hat ihn offen¬ 
bar das Eindringen auf neue Gebiete mehr gelockt, als die müh¬ 
same, zeitraubende Detailarbeit, der er sich sozusagen mehr stoss- 
weise hingab. Kr wollte nicht selten Vieles auf einmal leisten 
— daher sind gewisse seiner Arbeiten unvollendet geblieben. 
Neue Sachen anzuregen, Ideen und Pläne aufzuwerfen ist aber 
auch eine grosse und wichtige Aufgabe. 

Nach Pinnen von K e y wurde die pathologisch-anatomische 
Anstalt des Carolinischen Instituts gebaut und 1865 eröffnet — 
damals ein Muster solcher Institutionen. Key war überhaupt 
ein Organisator ersten Ranges. Für die Entwicklung des Caro¬ 
linischen Instituts zu einer selbständigen (von den Universitäts¬ 
fakultäten in Upsala und Lund völlig freien) Lehranstalt kämpfte 
er mit Kraft und Geschick und hat zur glücklichen Lösung dieser 
Frage (1874) wesentlich beigetragen. In der Schwedischen Gesell¬ 
schaft der Aer/.te entwickelte er Jahrzehnte hindurch eine um¬ 
fassende Thätigkeit. Uebrigens war er Mitglied der schwedischen 
Akademie der Wissenschaften sowie zahlreicher anderer gelehrter 
Gesellschaften und Akademien sowohl in Schweden als im Aus¬ 
lande. 

Von den Skandinavischen Naturforscher- 
Versammlungen war Key von 1860 bis 1898 eines der 
wirksamsten Mitglieder. Anziehend, spirituell, voll neuer Ge¬ 
danken, glänzender Redner, freundlich gegen Alle, war er „der 
sammelnde Geist“ dieser Kongresse. Sein lebhaftes Interesse für 
dieselben hatte darin seinen Grund, dass er ein treuer Anhänger 
des „praktischen Skandinavismus“ war und verblieb. Sein un¬ 
ermüdlicher Geist fand aber noch eine Art, gleichzeitig die 
Wissenschaft und den Skandinavismus zu fördern. Die von 
Lehrern des Carolinischen Instituts gegründete Zeitschrift „Medi- 
cinskt Arkiv“ stand im Begriff aufzuhören, da Key (1869) das¬ 
selbe zum „N ordisktmedicinsktArkiv“ umbildete, in¬ 
dem er mit Redakteuren in den anderen nordischen Ländern in 
Verbindung trat, Originalartikel auch aus diesen Ländern auf- 
nahm und die medizinische Literatur des ganzen Nordens über¬ 
sichtlich referirte. Am Ende des Jahres 1900 hatte er 32 Bände 
seines Archive» herausgegeben und darin einen grossen Theil der 
besten medizinischen Arbeiten der nordischen Länder zum Drucke 
befördert. Das Archiv, nach K e y’s Plan seit 1901 in eine medi¬ 
zinische und eine chirurgische Abtheilung gesondert, mit 
Originalartikeln und Referaten in eine der Kultursprachen über¬ 


setzt, wird hoffentlich noch lange als ein Denkmal seines Stifters 
und ersten Redakteurs dastehen. 

Der Skandinavismus K ey’s war nur eine Erweiterung seines 
tiefen Patriotismus. Er schwärmte für das „Altnordische“ in 
Sage und Gesang, in Kunst und Kunstgewerbe, so auch für die 
Reinheit der Sprache und ihrer Orthographie. Diese Richtung 
seiner Interessen führte ihn in luihe Berührung mit dem be¬ 
kannten Patrioten Artur Ilazolius, Gründer des „Nor¬ 
dischen M u s o u m s“ in Stockholm (Sammlungen zur Be¬ 
leuchtung der Geschichte und der Entwicklung des schwedischen 
Volkes). Seit 1894 war K ey Vorsitzender der Direktion des 
Museums. Auch von der Direktion der Hochschule in 
Stockholm (der noch nur partiell entwickelten Universität 
dieser Stadt) war er in vielen Jahren ein interessirtes Mitglied. 

ln den »grossen Fragen“, in Politik, Literatur u. dergl. war 
Key ausgesprochen liberal. Im Reichstag, wo er während der 
Jahre 1882—87 einen Platz einnahm, beschäftigte er sich am 
meisten mit Gesuudheits-, Unterrichts- und humanitären Fragen. 
Bei einzelnen Gelegenheiten, z. B. im Kampfe gegen die Anti¬ 
vivisektionsgesetze, übten seine energischen, hinreissenden Reden 
auf den Ausgang einen entscheidenden Einfluss aus. Für die 
Popularisirung der Wissenschaften war er durch Vorträge und 
Publikationen tliätig. 

Trotz aller dieser Arbeiten fand Key doch oft Zeit zum ge¬ 
selligen Verkehr. Ja, er gehörte sogar zu deu Stiftern einer be¬ 
sonderen Gesellschaft, „tdun“ genannt, um den Repräsentanten 
verschiedener höherer Kulturgebiete zu einem angenehmen und 
anregenden Zusammenleben Gelegenheit zu bereiten. Hier, sowie 
bei feierlichen Gelagen floss reichlich die Quelle seiner geistvollen, 
schönen, oft witzig scherzenden Rede. 

AlsKey seinenPlatz als Professor 35 Jahre hindurch bekleidet 
hatte, wurde ihm (am 28. März 1897) eine grossartige Huldigung 
gebracht. Unter Anderem wurde ilun eine Festschrift, 2 dicke 
Bände (887 Seiten), die 38 medizinische Abhandlungen nor¬ 
discher Forscher enthielten, überreicht. 

Zu dieser Zeit war Key schon (vom Jahre 1894 au) von dem 
schweren Leiden (Cancer recti) ergriffen, dem er jetzt erlegen 
ist. Durch operative Behandlung wurde er mehrere Jahre hin¬ 
durch aufrecht erhalten. Während der letzten 3 Jahre wurde er 
aber mehr und mehr Invalid. Langsam aber sicher zog ihn das 
Leiden unter schweren Schmerzen in’s Grab hinab. Deu 
klaren Gedanken, das Interesse für Alles behielt er bis kurz vor 
dem Tode. 

Mit Axel Key ist einer der bedeutendsten Repräsentanten 
der jetzigen nordischen Medizin, ein gewaltiger Kämpfer der 
modernen Kultur hingeschieden. Unter den Medizinern des 
Nordens ragte er in mehreren Richtungen über Alle empor. Trotz 
der grossen Mannigfaltigkeit seines Wirkens trat er überall als 
eine einheitliche Persönlichkeit hervor. Hoch- 
zielend, freisinnig und ideal angelegt, vereinigte er damit ein 
gesundes, praktisches Urtheil. Impulsiv und unerschöpflich Aus¬ 
wege zu finden, wusste er mit eisernem Willen meistens sein 
Ziel zu erreichen. Mit einem scharfen Blick für deu inneren 
Werth der Menschen paarte er freundliche Gesinnung und 
Ilerzensgüte. Er hinterlässt nicht nur ein geehrtes, sondern, 
was mehr ist, ein geliebtes Andenken! 

S t o c k h o 1 m, im Januar 1902. 

C. G. Santessou. 

Anmerkung. I)as Bild von Professor Key ist noch 
einem vortrefflichen üelgemälde von Emil Oestermanu 
reproduzirt Das Original wurde vor etwa 2 Jahren ausgeführt, 
stellt aber mit genialer künstlerischer Freiheit Professor Key 
Jünger, stärker und gesünder dar, als er damals war. 


Referate und Bücheranzeigen. 

Hans Schmaaa; Grundriss der pathologischen Ana¬ 
tomie. 6. umgearbeitete Auflage mit 320 theilweise farbigen 
Abbildungen. Wiesbaden, Verlag von J. F. Bergmann, 1901. 

Die 6. Auflage des Grundrisses hat abermals eine nicht un¬ 
wesentliche Erweiterung erfahren und wichtige Kapitel, wie über 
Hydrops, Regeneration und Entzündung, im speziellen Theil die¬ 
jenigen über Erkrankungen der Milz und Lymphdriisen, üix-r 
Lungentuberkulose, über Erkrankungen dos Nervensystems, dor 
männlichen Genitalien und der Haut wurden einer Umarbeitung 

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244 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


unterworfen und zum Theil mit neuen Abbildungen versehen. 
Namentlich wurde auch das Kapitel über Erkrankungen durch 
Ausfall von Drüsenfunktionen unter dem Titel „Allgemein¬ 
veränderungen des Körpers durch gestörte Organfunktionen“ 
wesentlich erweitert und ergänzt. 

Die grosse Sorgfalt, mit welcher der Verfasser es sich an¬ 
gelegen sein lässt, seinen Grundriss mehr und mehr zu vervoll¬ 
kommnen und stets auf einer einem so wuchtigen Lehrbuch ent¬ 
sprechenden Höho zu erhalten, verdient ebenso dankbare An¬ 
erkennung, als das Werk selbst den Studirenden nur bestens em¬ 
pfohlen werden kann. 

Ein Wunsch des Referenten wäre es, wenn die wesentlichen 
Formen der Lungentuberkulose durch instruktive Durchschnitte 
durch einen ganzen Lungenflügel illustrirt werden könnten und 
wenn für die Darstellung der typhösen und tuberkulösen Darm¬ 
geschwüre noch prägnantere Fälle gewählt würden. Hauser. 

C. A. Ewald: Klinik der Verdauungskrankheiten. 

III. die Krankheiten des Dann« und des Bauchfells. Mit 75 Ab¬ 
bildungen. Berlin, Hirschwald, 1902. 

Die E w a 1 d’sclien Vorlesungen ragten in Deutschland unter 
den ersten Darstellungen hervor, welche nach dem neuen Auf¬ 
schwung der Magenph.vsiologie und -Pathologie auf chemischen 
und operativen Grundlagen eine Zusammenfassung des dcrmaligen 
Wissens mit zweifellosem Erfolg durchgeführt haben. „Ein deut¬ 
liches Bild des gegenwärtigen Standes unsere« Wissens und Nicht¬ 
wissens in dem Gebiete der Magenkrankheiten gezeichnet zu 
haben, ist nicht das geringste Verdienst des Ewald’schen 
Buches“, so schrieb Rez. 1888 in No. 40 dieser Wochenschrift 
und die mehrfachen Auflagen, welche das Werk trotz seines Um¬ 
fanges erlebt, hat., haben die günstige Beurthoilung von damals 
gerechtfertigt. Viele, sehr viele ähnliche Bücher über die Magen¬ 
krankheiten sind seitdem erschienen und andere Autoren haben 
auch bald sich an den Darm herangewagt — nur E w a 1 d hat 
damit lang»* gezögert und 14 Jahre seine Klinik der Verdauungs¬ 
krankheiten unvollendet gelassen. Die Gründe, die er dafür an¬ 
führt, können wir nur billigen. Der alte Bestand, in dem das 
junge IIolz nur spärlich wäclist und n«>ue Ausblicke selten sind, 
wie er vergleichsweise die Pathologie des Darmes nennt, hat ihn 
weniger verlockt, als die frische, grüne Saat, welche auf dem 
Jungboden der Magenpathologie sprosste. Aber auch die Motive, 
aus denen er seine bisherige Zurückhaltung aufgegeben hat, 
müssen wir anerkennen. „Wir sind hier mehr auf die Hilfe 
unserer persönlichen Erfahrungen angewiesn.“ Diese sind aber 
bei einem Forscher, der seine Arbeit stets mit Vorliebe diesem 
Gebiete zugewandt hat, natürlich mit den Jahren so reichhaltig 
geworden, dass sie viele Mängel unserer Methodik der Darm¬ 
untersuchung zudecken können. 

Die Einteilung des Stoffes ist die übliche. Zuerst kommen 
die Untersuchungsmethoden, von denen die der Stuhlentleerungen 
den breitesten Raum einnehmen. Dann folgen Betrachtungen 
über die diätetische, chemische und physikalische Behandlung. 
Den eigentlichen Krankheitsbildern werden die Symptomenbilder 
der Obstipation, Diarrhoe und Flatulenz vorausgeschickt. Die 
Hauptkapitel sind: Entzündung, Geschwüre mit Appendizitis und 
Perityphlitis, Neubildungen, Verengerungen und Ileus, Mast¬ 
darmerkrankungen, nervöse Darmerkrankungen, Parasiten (die 
Zoologie der Dannschmarotzer stammt aus der Feder v.Hanse- 
mann’s), Bauchfellerkrankungen (Peritonitis, Tuberkulose, Ge¬ 
schwülste und Hernien der Linea alba). 

Der g»?sammten Darstellung ist die Signatur der Kritik auf 
Grund der literarischen Studien und besonders auf Grund der 
persönlichen Erfahrung aufgedrückt. So wird der Werth der 
neueren, scheinbar exakten Untersuchungsmethoden, welche 
Nachbildungen der chemischen Magensaftuntersuchungen für den 
Darm darstellen, mit Recht auf ein sehr bescheidenes Maass 
zurückgesetzt. Die Hauptbedeutung für die Erkennung der mit 
Veränderungen des Darminhalts einhergehenden Störungen 
scheint der Autor in der mikroskopischen Stuhluntersuchung zu 
sehen. Dies dürfte auch schon darin seinen Ausdruck finden, 
dass er den mühevollen Arbeiten, insbesondere von v.Ledden- 
Hulsebosch, volle Gerechtigkeit widerfahren lässt, indem er 
einige der zahlreichen Abbildungen aus jenem Werk auf- 
genommen hat. Wie in dem allgemeinen Theil, so findet man 
auch in dem speziellen auf Schritt und Tritt das Bestreben 


kritischer Sichtung des thatsächlichen Materials. Wenn Rez. 
hie und da nicht der gleichen Meinung mit dem Autor sein kann, 
so ist das bei den grossen Schwierigkeiten, denen die Forschung 
in diesen dunkelsten Regionen des Körpers begegnet, gewiss nicht 
zu verwundern. Alles in Allem stellt das E w a 1 d’sche Buch 
eine wesentliche Bereicherung der Literatur der Verdauungs¬ 
pathologie dar und der Praktiker wird Belehrung genug in dem¬ 
selben finden. Ab»*r auch der Forscher wird aus einer solchen 
Arbeit, welche nicht nur unser Wissen klar zeichnet, sondern 
auch auf das, was wir nicht wissen, mit Schärfe hinweist, immer 
Vortheil ziehen. Penzoldt. 


Dr. A. Wittgenstein - Kassel: Physikalisch - diäte¬ 
tische Behandlung der Magenkrankheiten in der Praxis. Mit 
Anhang: Kochrezepte. Leipzig, Druck und Verlag von C. G. 
N a u in a n n. 

Das Werkehen, welches dem ärztlichen Praktiker eine be¬ 
queme und billige Handhabe bieten will, sich über die Technik 
und Anzeigen der unter häuslichen Verhältnissen anwendbaren, 
nicht medikamentösem Hilfsmittel bei Magenkrankheiten zu 
unterrichten, erscheint innerhalb der bekannten Sammlung: 
„Medizinische Bibliothek“ als Bändchen 162—165. Von einer 
Darstellung der Minoralwasserkuren ist Abstand genommen, da¬ 
gegen hat der Verf. die Indikationen für etwaiges chirurgisches 
Eingreifen in Kürze berücksichtigt. Die Absicht des Verf., nicht 
jenen Strömungen zu dienen, welche auf eine Beseitigung der 
arzneilichen Behandlung in einseitiger Weise lossteuem, tritt 
in seinem offenbar auf Grund einer reichen persönlichen Er¬ 
fahrung g»>ischriebenen Werkehen hinreichend deutlich hervor. 
Im allgemeinen Theil sind die einzelnen Proze»luren der hydria- 
trischen Behandlung recht eingeheml besehrielxm, ferner die An¬ 
wendung der Elektrotherapie bei den Magenkrankheiten, die 
Massage und Heilgymnastik behandelt. Dann folgt ein Abschnitt 
üIkt die Sehlauchbehandlung der chron Ischen Mag»maffektionen 
und eine rocht hübsche Zusammenfassung des über die I)iiit 
Magenkranker hauptsächlich Wissenswerthen. Der spezielle Theil 
behandelt die Anwendung der einzelnen diätetisch-physikalischen 
Hoilfuktoren bei den einzelnen Formen der Magenkrankheiten. 
Die schliesslich angefügten Kochrezepte sind praktisch ausge- 
wählt. Das Werkchon kann dem praktischen Arzte bestens em¬ 
pfohlen werden. Grassmann - München. 

II h t h 0 f f: Ophthalmologie. Stereoskopisch-medizinischer 
Atlas. Leipzig 1901. Inh. Ambrosius Barth. 

Die 3. Folge dieser Theilausgabe des N e i s s e Eschen Atlas 
bringt auf 12 Tafeln sehr gelungene Reproduktionen äusaerlich 
sichtbarer Erkrankungen des Auges und seiner Umgebung, dann 
noch eine vorzügliche Darstellung rachitischer Zähne bei Schicht¬ 
star. Diese Folge stereoskopischer Bilder wurde in der Greifs- 
walder Universitäts-Augenklinik hergestellt und stammt neb6t be¬ 
gleitendem Text von Prof. ö. Schirmer. Der niedere Preis 
(5 M. pro Lieferung) gestattet Jedem die Anschaffung und bilden 
diese Illustrationen, da sie mit einem guten Stereoskop sich voll¬ 
kommen plastisch und naturgetreu darstellen, ein vortreffliches 
Mittel zum Anschauung«- und Selbstunterricht. Seggel. 


F. Mra$ek: Handbuch der Hautkrankheiten. 2. und 

3. Abtheilung. Wien 1901, Alfred Holder. (Preis jeder Ab¬ 
theilung 5 M.) 

In der 2. Abtheilung wird das umfangreiche Kapitel der 
Physiologie des Hautorganes (bearbeitet von Prof. 
A. K r e i d 1) zu Ende geführt. Bei dem grossen Umfang der 
Darstellung ist es hier nicht angängig auf Details einzugehen; 
es genüge daher die Versicherung, dass bis jetzt keine Publikation 
existirt, in welcher alles Wissenswerthe auf diesem Gebiete mit 
gleicher Sorgfalt und Ausführlichkeit zusammengetragen wäre. 
Die kurz gehaltenen Abschnitte über allgemeine Aetio- 
1 o g i e und allgemeine Therapie der Hautkrank¬ 
heiten (bearbeitet von Dr. E. S p i e g 1 e r und Dr. S. G r o s z) 
stellen eine weitere, für das Verständniss der speziellen Abschnitte 
nicht unwichtige Einleitung dar. Die Serie der den einzelnen 
Gruppen der Hautkrankheiten gewidmeten Abschnitte eröffnet 
Prof. Dr. Ehrmann mit dem Kapitel „Hyperämie, 
Anämie der Haut, D e r m a t i t i d es“. Unter Dermatitis 
werden hier nur jene Formen behandelt, welche durch äussere 


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11. I’ebrmir l902._ teÜENCßEttEft MfiDICltflSCfiE WOCHENSCHRIFT. 


245 


einfache, chemische, thermische, mechanische und physikalische 
Entzündungserreger überhaupt erzeugt werden; daran schliessen 
siel» die neuritischen Entzündungen. 

In der 3. Abtheilung finden wir eine sehr schöne und er¬ 
schöpfende Arbeit über die Erkrankungen der 
Sch weissdrüsen (bearbeitet von Dr. T ö r ö k). Schon die 
Kapitelüberschriften beweisen, mit welcher Sorgfalt der Verfasser 
das hier behandelt© Thema erörtert: „Hyperidrosis, Anidrosis, 
Chromidrosis, Osmidrosis im Gegensatz zur Broraidrosis), 
llridrosia, Haemat idrasis, Miliaria crystallina, Hidroeystom, 
Miliaria rubra, Pompholyx seu dysidrosis, Hydroadenitis phleg¬ 
monosa, Dermatitis nodularis necrotica (Tuberculide acneique, 
neerotique), Schweißdrüsenadenom, Syringom und Schweiss- 
drüsenkrebs.“ Der Abschnitt über „Funktionsanomalien und Er¬ 
krankungen der Talgdrüsen und ihrer Umgebung“ ist von Ehr- 
m a n n bearbeitet. Gleich anderen Autoren spricht sich auch 
E. gegen eine pathogene Bedeutung der Sabourau d’schen 
Bazillencocons aus. Die prophylaktische Behandlung der Akne 
vulgaris juvenilis scheint uns nicht genügend berücksichtigt. 
Skarifikationen und Stichelungen gaben ihm bei Akne rosaeea 
nur wenig nachhaltige Erfolge. Im Uebrigen enthält auch dieser 
Abschnitt eine sehr gründliche, wenn auch vielleicht im Verhält¬ 
nis« zu dem vorangehenden etwas kürzer gefasste Darstellung 
alles Wissenswerthen. 

Dem weiteren Fortschreiten des gross angelegten Werkes 
werden alle Fachmänner mit grossem Interesse entgegensehen; 
die bisher vorliegenden Abtheilungen entsprechen gewiss allen be¬ 
rechtigten Erwartungen; die beigegebenen Originalabbildungen 
und die zahlreichen Literaturangaben werden allen denen, die auf 
einem speziellen Gebiete der Dermatologie zu arbeiten beabsich¬ 
tigen, von hohem Nutzen sein. K o p p. 

Neueste Jouxnalliteratur. 

Zeitschrift für klinische Medicin. 1901. 44. Bd. Heft 

5 und 6. 

18) v. S t e j 8 k a 1: Kritisch-experimentelle Untersuchungen 
über den Herztod in Folge von Diphtherietoxin. (Aus dem Lab. 
f. exper. Pathologie, Prof. v. Basch, Wien.) 

Die Arbeit beschäftigt sich mit der Nachprüfung, zum Theil 
Widerlegung der von Romberg und seinen Mitarbeitern aus¬ 
geführten Untersuchungen über das Zustandekommen der Zir¬ 
kulationsstörungen bei akuten Infektionskrankheiten. Die von 
Romberg gewählten Methoden sind nicht genügend, um bei 
pathologischen Herzen eine veränderte Herzarbelt, eine Schädi¬ 
gung des Herzens nachweisen zu lassen. Mit genaueren Methoden 
lässt sich an mit Diphtherietoxin vergifteten Thieren eine deut¬ 
liche Schädigung des Herzens konstatiren. Der Schädigung geht 
eine kurzdauernde Begünstigung vorher. Parallel und gleichzeitig 
geht damit einher eine Schädigung des Vasomotorensystems. Die 
Herzschwäche ist aber nicht, wie Romberg schliesst, eine sekun¬ 
däre durch Vasomotorenlähmung, sondern eine primäre. 

19) Ercklentz: Beiträge zur Frage der traumatischen 
Herzerkrankungen. (Aus der med. Klinik Breslau.) 

Zusammenstellung der Literatur über traumatische Herz¬ 
dehnungen, Muskelläsionen, Klappenzerreissungen, akute und 
chronische Endokarditiden, Perlkarditiden, Gefässrupturen und 
Aneurysmen mit Bericht über 3 eigene Fälle traumatischer Endo¬ 
karditis. 

20) Kaufmann und Mahr: Beiträge zur Diätetik der 
Nierenkrankheiten. I. Mittheilung: Ueber die Anwendung der 
verschiedenen Fleischsorten bei Nierenkranken. (Aus der med. 
Abth. d. städt, Krankenhauses Frankfurt a/M., Prof. v. Noorden.) 

Zur Klarstellung der immer noch strittigen Frage, ob man 
Nierenkranken den Genuss des „braunen Fleisches“ gestatten 
dürfe, oder nur den Genuss „welssen Fleisches“, wurde bei einer 
Reihe von Nierenkranken der Einfluss der Ernährung auf N-Aus- 
scheldung, Eiweissausscheidung und Krankheitsverlauf geprüft. 
Die Versuche betrafen 2 Patienten mit chronisch parenchymatöser 
Nephritis, 3 mit Schrumpfnieren. Ausserdem sind 2 ältere von 
Prof. v. Noorden selbst ausgeführte Versuchsreihen eingefügt. 
Das Resultat der Untersuchungen war, dass ein Zusammenhang 
zwischen Ernährungsweise und den Ausscheidungsverhältnissen 
sich nicht nachweisen lässt. Aus theoretischen Gründen hat es 
also keinen Zweck, Nierenkranken dus braune Fleisch zu ver¬ 
bieten. Praktische Erfahrungen lassen vielmehr seine Verwen¬ 
dung sogar als empfehlenswerth erscheinen, da eine abwechslungs¬ 
reiche Diät vortheilhaft auf die Ernährung wirkt. 

21) B a c k m a n - Jakobsstad (Finland): Ein Beitrag zur 
Kenntniss der Darmfäulniss bei verschiedenen Diätformen unter 
physiologischen Verhältnissen. 

Der Grad der Elwelssfäulniss im Darm bei verschiedenen 
Diätformen wurde ermittelt durch Bestimmung der Aether- 
schwefelsfluremenge im Harn. Kohlehydrate schienen keine 
wesentliche Einwirkung auf die Darmfäulniss zu haben, wohl aber 
Fett. Zwischen vegetabilischem und animalischem Eiweiss konnte 
kein Unterschied festgestellt werden. Bei ausschliesslicher oder 


überwiegender Milchdiät ist die Elwelssfäulniss eine relativ ge¬ 
ringe. Sie hängt im Wesentlichen von der Grösse der Eiweiss¬ 
zufuhr ab, ohne dass sich aber bestimmte proportionale Verhält¬ 
nisse nachweisen lassen. 

Eine Diätform, die die Aufgabe erfüllen sollte, die Darm¬ 
fäulniss zu beschränken, wäre also Milchdiät oder eine Diät mit 
geringer Eiweiss- und Fettmeuge und zum Kalorienbedarf aus¬ 
reichendem Kohlehydratgehalt. 

22) Bornstein: Zur Saccharinfrage. Entgegnung auf den 
Aufsatz des Dr. med. et phil. R. O. Neumann (Kiel, früher 
Würzburg): „Die Wirkung des Saccharin auf den Stickstoff¬ 
umsatz des Menschen“. (Druck von A. W o h 1 f e 1 d, Magdeburg. 
Autoreferat in der Müncb. med. Woclienschr., 22. Juni 1901.) 

B. hatte durch Stoff Wechsel versuche, zum Theil an sich selbst 
angestellt, gefunden, dass das Saccharin die Ausnutzung der 
Nahrung beeinträchtigt, die Verdauung und Resorption ver¬ 
langsamt und zum Theil hintanhält. Einmal konnte er das Auf¬ 
treten von Diarrhöen und subjektiv unangenehmen Empfindungen 
konstatiren. Eine leichte Vermehrung der Harnmenge liess ihn 
die Vemiuthung aussprechen, das Saccharin könne vielleicht diu- 
retisch wirken. N e u m a n n, der Kontrolversuche anstellte, er¬ 
hielt zum Theil andere Resultate, zum Theil deutet er diese anders 
wie Bornstein, und glaubt diese mangelnde Uebereinstim- 
mung in einer geringeren Exaktheit der B o r n 8 t e 1 n’schen Ver¬ 
suche und in Ungeeignetheit der Versuchspersonen, zu grosse 
Empfindlichkeit des Organismus, zu begründen. B. weist im Ein¬ 
zelnen die Unrichtigkeit dieser Einwände zurück, legt die Exakt¬ 
heit seiner Versuche dar und führt aus. dass er durch eine grosse 
Reihe früherer Selbstversuche bewiesen habe, dass sein Organis¬ 
mus durchaus zur Anstellung von Stoffwechsel versuchen geeignet 
sei und er die nöthlge Uebung hiezu besitze. Eine Reihe von Be¬ 
hauptungen, die Nenmaun ihm als unbegründet vorwirft, habe 
er gar nicht in dein ihnen untergelegten Sinne ausgesprochen. 

23) Lubarsch: Die Diagnose der hypemephroiden Nieren- 
geschwülste. Bemerkungen zu Herrn v. Hanseman n’s Auf¬ 
satz: „Ueber Nierengeschwülste“. 

Eine Reihe theils sachlicher, theils persönlicher Einwände 
polemischer Natur, die im Originale nachgesehen werden müssen. 

Kerschensteine r. 

Centralblatt für innere Medicin. 1902. No. l u. 2. 

R. Knapp: Beiträge zur Färbung des Harnsedimentes mit 
alizarinsulfonsaurem Natron. (Aus dem Laboratorium des k. k. 
Krankenhauses „Rudolfstiftuug“ in Wien; Leiter: Dr. E. Freund.) 

Verfasser knüpft an die Arbeit von Grosz aus dem gleichen 
Institut über dieselbe Materie an; es sollte besonders geprüft wer¬ 
den, ob die tinktoriellen Verschiedenheiten der Sedimente dia¬ 
gnostisch verwerthbar seien für einzelne Krankheiten des Uro- 
genitaltraktu8. Verfasser untersuchte eine grosse Zahl von ver¬ 
schiedenartigen Fällen; sichere, ganz charakteristische Befunde 
sind nicht zu erheben. Folgende Thatsachen sind Jedoch von 
Interesse: Die schleimigen Substanzen des normalen Harns zeigen 
bei saurer Reaktion des Harns fast durchgehende rothe Färbung; 
nur ein verschwindender Bruchtheil der untersuchten Fälle zeigt 
oraugerothen oder ungefärbten Schleim (bei gesunden oberen Haru- 
wegen). In diesen Fällen waren Blasenspülungen mit Zinc. sozo- 
jodolic. oder mit Borsäure gemacht worden, welche den abweichen¬ 
den Befund erklärlich machen. Die Struktur des Schleimes der 
Blase erscheint exquisit plattenförmig homogen, stellenweise ge¬ 
faltet, hier und da in einer zweiten, scheinbar verschiedenen Form, 
und zwar in Form mehr oder minder gekörnter Massen. Beide 
Formen finden sich auch nebeneinander vor. Im Schleimsediment 
bei Erkrankungen der Niere und des Nierenbeckens zeigten sich 
dem gegenüber ganz verschiedene Bilder. Die schleimige Sub¬ 
stanz in diesen Sedimenten färbt sich mit Alizarin (lproz. wässerige 
Lösung) entweder gar nicht oder nur blassgelb; ihre Struktur ist 
dabei flaumig, moosartig, feinstreifig. Rothfärbung des Schleimes 
ist bei unzersetztem Harn der oberen Harnwege nicht auffindbar 
oder findet sich nur bei bakterieller Zersetzung, wenn diese auch 
noch nicht bis zur Alkalislrung des Harns gediehen ist. Der direkt 
aus einer Ureterfistel entnommene Harn zeigte bei mehrfach 
wiederholter Untersuchung konstant Schleim von oben bezeicline- 
ter Form und gelber Farbe, während sich rother Schleim nicht auf¬ 
finden liess. Der durch Uretersondirung aus der Blase gewonnene 
Harn zeigt im Allgemeinen oben beschriebenen gelbgefärbten, 
charakteristischen flaumigen Schleim, daneben hier uud da kleine 
Flocken rothen Schleims.der wahrscheinlich von der Blase ln den 
Ureter hinauf verschleppt war. Bei stark erweitertem Ureter, 
ferner bei Hydronephrose, erscheint auch roth gefärbter Schleim 
lm Ureterharn. Die granullrten Zylinder färben sich gelb, hynline 
und fein granulirte Zylinder auch schwach violett. Die Lcuko- 
cyten, besonders die Kerne in pyelltischen Eiterpfropfen färben 
sich gelb. 

No. 2. a) A. E. G a r r o d - London: Ein Beitrag zur Kennt¬ 
niss der kongenitalen Alkaptonurie. 

Verfasser theilt Beobachtungen über das familiäre Vor¬ 
kommen der Alkaptonurie mit. Danach tritt dieselbe öfter bei Kin¬ 
dern auf, deren Eltern mit einander blutsverwandt sind. Die 
Fälle beziehen sich auf 4 Familien, welchen nicht weniger wie 
11 mit Alkaptonurie behaftete Mitglieder angehören. Besonders 
oft sind die Eltern Geschwisterkinder. Wahrscheinlich ist die 
Alkaptonurie eine chemische Abweichung von - der Norm. Bei 
einem neugeborenen Kinde konnte G. genaue Beobachtungen über 
die Zeit des Eintritts der Alkaptonurie machen, sie zeigte sieh erst 
53 Stunden nach der Geburt. Der Beginn der Alkaptonurie war 



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Nu. 5. 


2U; MtTENCHENER MEDlCtNlSCHE WOCHENSCHRIFT. 


(U*mnach abhängig von dem Eintritt der Nahrung ln den Ver¬ 
dauungskanal. Dieses Verhalten stützt die Annahme, dass das 
bei der Verdauung aus dem Ehveiss der Nahrung entstehende 
Tyrosin die Muttersubstanz der Homogentisinsäure ist, der Säure, 
welche dein Alkaptouhnrn seine Eigenthiimlichkeit verleiht. 

b) B. Bardach: Ueber Stukowenko w’s Methode der 
quantitativen Quecksilberbestimmung im Ham. 

Das Verfahren beruht auf der Fällung des Quecksilbers durch 
Ehveiss. Die Methode Stukowenko w’s kann in der von 
Malkes angegebenen Beschreibung höchstens zu einer ganz 
groben, wenig verlässlichen Schätzung, Jedoch keineswegs zu einer 
quantitativen Bestimmung des Quecksilbers ira Harn dienen. 

W. Zinn-Berlin. 

Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 62. Bd., 1. u. 2. Heft. 
Leipzig, V o g e 1, 1901. 

1) Wiesinger: Ueber Dauerresultate bei Darmausschal¬ 
tung. (Allgem. Krankenhaus Hamburg - St. Georg.) 

W. berichtet über 2 Fälle, bei denen die Darmaussehalluug 
nunmehr seit 6 Jahren ein immer gleich gutes Befinden herbei¬ 
geführt hat. In dem ersten Falle handelte es sich um einen 
tuberkulösen Coekaltumor, in dem zweiten um chronisch-entzünd¬ 
liche Prozesse im Colon trausversum und desceudens. Der letz¬ 
tere Fall ist dadurch ausgezeichnet, dass die Anfangs zurück- 
gelassene Oeffnung au der einen Seite des ausgeschalteten Darm¬ 
stückes nach 6 Wochen völlig verschlossen wurde. W. weist nach, 
dass dieser Fall der einzige in der Literatur ist, in dem der völlige 
Verschluss mit Erfolg ausgeführt wurde. Ein solcher völliger 
Verschluss ist nur möglich bei geringer Sekretion in dem Schalt¬ 
stück, also bei Karzinom und Tuberkulose unbedingt ausge¬ 
schlossen. 

2) O r 1 o w - Charkow: Ueber die spqradische Elephantiasis. 

Ein Fall betraf das Skrotum, ein weiterer Skrotum und Penis, 

ein dritter den Penis. Bei allen hatte der operative Eingriff einen 
recht guten Erfolg, zur Bekleidung des Penis mit normaler Haut 
mussten plastische Operationen vorgenommen werden. 

In einem vierten Falle handelte es sich um eine ganz enorme 
Elephantiasis der Bauchhaut; der Bauch hing bis über die Knie 
herab, der exstirplrte Tumor wog 22 kg. 

Die Erkrankung hatte sich in allen 4 Fällen im Anschluss 
an erysipelartlge Entzündungen entwickelt. 

3) Dumstrey - Rathenow: Ueber Nervenpfropf ung. 

Bei der Freilegung einer im Anschluss an eine Humerus- 
frnktur gelähmten Ulnaris fand D. in dem Nerven eine etwa 
4 cm lange Delle, die es wahrscheinlich machte, dass hier die 
nervösen Elemente verloren gegangen waren. Verf. nähte darum 
den Ulnaris in einen Schlitz des Medianus ein. Nach einem Viertel¬ 
jahr Hess sich zweifellos Besserung feststellen, die leider in Folge 
Wegzuges der Familie des Patienten nicht weiter verfolgt werden 
konnte. 

Auch andere klinische Erfahrungen sprechen dafür, dass sich 
durch eine solche Nervenpfropfuug eine Wiederherstellung der 
Nervenleitung erreichen lässt. Unter 6 in derselben Weise an- 
gestellten Thierexperimenten konnte in 2 Fällen ein Anwachsen 
der Nervenfasern ln die Narbe und durch die Narbe beobachtet 
werden. 

Eine Heilung auf derartigem Wege ist natürlich erst nach 
Monaten zu erwarten. 

4) de Quervain - Chaux-de-Fonds: Ueber subkutane intra¬ 
peritoneale Nieren Verletzung. 

Die am 3. Tage nach der Verletzung vorgenommene Lapa¬ 
rotomie mit Tamponade der blutenden Stelle nahm einen günstigen 
Verlauf. 

Verf. verbreitet sich ausführlich über Diagnose, Prognose 
und Therapie der seltenen Verletzung. Die Diagnose ist oft nur 
eine Wahrscheinlichkeitsdiagnose, da die durch Einfliessen von 
Harn und Blut bervorgerufenen peritonitisehen Erscheinungen 
auch eine andere Deutung zulasseu. Man hat zu unterscheiden 
zwischen leichteren und schwereren Fällen; die ersteren bieten 
die Möglichkeit einer spontanen Heilung, analog den auch vom 
Verf. ausgeführten Thierexperimenten. Bel schwereren Verletz¬ 
ungen soll man mit der Operation nicht zögern: entweder Lumbal¬ 
schnitt oder mediane Laparotomie. 

5) Enderlen und J u s t i : Beiträge zur Kenntniss der 
U n n a’schen Plasmazellen. (Patholog. Institut und Chirurg. 
Klinik Marburg.) 

Die sehr sorgfältigen Untersuchungen der Verfasser könueu 
hier leider genauer nicht wiedergegeben werden. 

In dem Streit um die Deutung der Plasmnzelleu stellen sich 
die Verfasser auf die Seite Derjenigen, die in den Plasmazellen 
die Abkömmlinge von Leukocyten sehen, im Gegensatz zu U u n a, 
der sie für einseitig hypertroph!rte Bindegewebszellen erklärt. 
In Betreff ihrer Vermehrung ist die indirekte Kerntheilung an¬ 
zunehmen. An der Regeneration des Bindegewebes können sie als 
Leukocyten nicht theilnehmen. Auch mit den Granulationszellen 
des Tuberkels haben sie nichts zu thun. ebensowenig wie sie sich 
in Sarkomzellen umwandeln können. Bei den Karzinomen wurden 
sie an den Rändern bald mehr bald weniger zahlreich angetroffen. 

6) v. 111 y e s: Ureterenkatheterismus und Radiographie. 
(Chirurg. Klinik Ofen-Pest.) 

In neuerer Zeit ist eine neue Methode der Nierendiagnostik ein¬ 
geführt. die darin besteht, dass man in den Ureter einen mit einem 
Bleidroht armirten Katheter einführt und darnach ein Röntgeu- 
blld anfertigt. J. hat dieses Verfahren in 4 Fällen erprobt. Im 
ersten Fall gelang es festzustellen, dass ein im Hypogastrium ge¬ 


legener Tumor nicht der Niere angehörte. Bei dem zweiten wurde 
man durch das Bild auf einen im Ureter festsitzenden Stein auf¬ 
merksam. Ein drittes Bild zeigte die Verkrümmung des Ureters 
bei Wanderniere. Im vierten Falle Hess das Verfahren eine grosse 
Geschwulst als eine Nierengeschwulst erkennen. 

7 ) Ito und Omi: Klinische und experimentelle Beitrage 
zur chirurgischen Behandlung des Aszites. (Chirurg. Klinik 
Kyoto [Japan].) 

Verfasser haben in 5 Füllen von Aszites das Abdomen er¬ 
öffnet und das Netz nach Drummond und Talma an die 
vordere Bauchwand tixirt. Die Erfolge waren mit Ausnahme 
eines einzigen Falles, wo der Aszites noch gar nicht von aussen 
nachweisbar war, ganz ungünstig. 

Um nachzuweisen, welche Bedeutung die Omentofixation im 
Falle des gestörten Pfortaderkreislaufes in Bezug auf die Her¬ 
stellung der neuen Kollateralbahnen habe, haben die Verfasser 
eine Reihe von Experimenten an Thieren unternommen. Die¬ 
selben ergaben Folgendes: Nach der Pfortaderunterbindung gehen 
die Thiere in kurzer Zeit unter Verblutungserscheinungen zu 
Grunde, einerlei, ob man oberhalb oder unterhalb der Ein- 
müudungsstelle der V. gastro - llenalis ligirt. Bei einer mehr¬ 
zeitigen, allmählich zentmlwärts vorschreitenden Unterbindung 
können die Thiere dieselbe überleben, so lange die Ligatur unter¬ 
halb der Mündung der V. gastro - llenalis bleibt; bei der Ligatur 
oberhalb dieser Einmündungsstelle gehen die Thiere aber eben¬ 
falls zu Grunde, jedoch nicht so stürmisch. 

Bel einer vorhergehenden lntraperitonealen Omentofixation 
vertragen die Thiere die Unterbindung das eine Mal, das andere 
Mal nicht; ebenso geht es bei der extraperitonealen Omentofixation. 
Die Omentofixation spielt bei diesem Verfahren nur eine bedingte 
Rolle, die Hauptsache ist die breite Verwachsung der Bauchein¬ 
geweide unter einander und mit der Bauchwand und die dadurch 
bedingte Entwicklung neuer Seitenbahnen der Pfortader sammt 
der Dilatation der normalen Anastomoseu. Die Thiere, welche 
die Unterbindung der Pfortader auf die oben erwähnte Weise 
vertragen haben, können mehrere Monate darnach gesund bleiben 
und nehmen sogar an Gewicht zu. 

Verfasser empfehlen auf Grund ihrer Erfahrungen bei der 
chirurgischen Behandlung des Aszites, alle Taschen und W'inkel 
der Bauchhöhle für 24 Stunden mittels eines sehr langen sterilen 
Gazestreifeus zu tamponiren. 

8) D o h r n: Das Röntgenbild als diagnostisches Hilfsmittel 
zum Nachweis von Blasensteinen. (Chirurg. Klinik Königsberg.) 

Die Wichtigkeit der Röntgenuntersuchung ergibt sich be¬ 
sonders bei Divertikelsteinen und in solchen Fällen, in denen 
wegen Stenosen der Urethra die Untersuchung mit Sonde oder 
Cystoskop unmöglich ist. Maassgebend ist natürUch nur der 
positive Befund. 

9) Romm: Ein Fall von Elephantiasis xnanus. (Hospital 
St. Jakob in Wilna.) 

10) B ä h r - Hannover: Ein weiterer Fall von äusserem 
Schenkelbruch. (Hesselbach-Bähr.) 

Der Tumor lag nach aussen von den grossen Gefiissen und 
zeigte deutliches Darmgurren. K r e c k e. 

Beiträge zur klinischen Chirurgie. Red. von P. v. Bruns! 

Tübingen, Lau pp. 32. Bd. 1. Heft. 

Den 32. Band der Mittheilungen eröffnet eine Arbeit aus der 
Züricher Klinik von M. O. W y s s: Zwei Dezennien Nieren- 
Chirurgie. 

W. gibt darin eine ausführliche DarsteUung des in der K r ö n- 
1 e i n’schen Klinik von 1881—1901 beobachteten Materiales betr. 
N ierenehirurgie, das von verschiedenen Gesichtspunkten aus (Aetio- 
logie, Symptomatologie, Diagnostik etc.) betrachtet wird und 
speziell zu einer Darstellung der verschiedenen Operations- 
metlioden, wie sie in der K r ö n 1 e i u’schen Klinik geübt werdeu, 
Anlass gibt. V’on den 113 Fällen treffen 18 uuf Wanderniere, 
15 betreffen maligne Tumoren, 2 Cystentumoren, 1 Echinokokkus, 
10 Hydronephrosen, 35 Nierentuberkulosen, 7 Pyonephroseu, 8 Stein¬ 
nieren, 14 Nierentraumen. W. weist Traumen auch eine grosse 
Bedeutung betreffs Entstehung der Wanderniere zu, da das peri¬ 
renale Hämatom leicht die Bindegewebsmassen lockert; zur Ent¬ 
stehung der Hydronephrose bedarf es hauptsächlich einer Ver¬ 
änderung der Niereubeckenwandung durch verminderte Ernährung, 
verminderte Blutzufuhr oder durch Druck der eingeschlosseuen 
Flüssigkeit oder durch entzündliche Veränderungen, die die Fähig¬ 
keit der Nlerenbeckenmuskulutur, einen Gegendruck gegen den 
Sekretionsdruck zu leisten, herabsetzeu und so zu successiver Er¬ 
weiterung führen. — Von den 35 Fällen von Nieren tuberkulöse 
zeigte sich bei 18 hereditäre Belastung. 21 Fülle ^wurden uepfirekto- 
mirt, 1 Fall zeigte eine typische deszeudireude Nierentuberkulose, 
nur zweimal fand sich doppelseitige Nierentuberkulose. — Wegen 
seiner Seltenheit ist u. a. auch ein Fall von Ureterverschluss (durch 
coxit. Beckenabszess bedingt), der operatives Vorgehen veranlasste. 
hervorzuheben. 

Von den diagnostischen Momenten wird u. a. die blasse Haut¬ 
farbe auch bei relativ gutem Ernährungszustand bei Nierentuber¬ 
kulose betont, ein Tumor als erstes Symptom fand sich in allen 
Fällen von Wanderniere und malignen Tumoren, in 79 Proz. bei 
Tuberkulose, in 85 Proz. der Fälle bei Pyouephrose und in 28 Proz. 
der Steinnieren, bei malignen Tumoren wurde In 81 Proz. der Fälle 
Hämaturie und zwar bei 40 als erstes Symptom konstatirt und 
betont W. speziell die eminente Wichtigkeit der oft wiederholten 
mikroskopischen Untersuchung des Urins. Probepunktionen werden 


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11. Februar 1002. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


247 


verworfen, dagegen wird die retroperitoneulc Probeinzision 
(Schede) fiir ebenso wichtig erklärt, wie die Probelaparotomie. 
Auch die Röntgenographie ist ein wichtiges, wenn auch nicht ab¬ 
solut sicheres diagnostisches Hilfsmittel. — Der Ansicht Gold- 
berg’s. dass bei Urogenitaltuberkulose weniger operativ behandelt 
worden solle, kann W. nach seinen Erfahrungen nicht beitreten, 
wenn er auch allgemeine und innere Therapie nicht ausser Acht 
zu lassen empfiehlt. Bei den Nieren Verletzungen empfiehlt W. 
möglichst konservatives Verfahren (Ruhe etc.); wo sich später ein 
Hämatom zum Abszess entwickelt, ist Inzision, nie Nephrektomie, 
angezeigt. — Die Schädigung des Nierenepithels durch Chloroform 
Ist eine erwiesene Thntsache und bezeichnet W. den Aether als 
das bei Nierenoperationen, speziell Nephrektomien, gegebene Nar¬ 
kotikum. seit Anwendung des Aethers zu Narkosen (189:)) starb 
von 28 nephrektomirten Pnt. nur 1 Pat.. die schon vor der Ope¬ 
ration dem Tod nahe war und 1 an Miliartuberkulose. Die Asepsis 
und Vorbereitung der Hände etc. geschieht ln Kriinloln's Klinik 
1m Wesentlichen nach IT a e g 1 e r. als Naht- und Ligaturmaterial 
wird ausschliesslich sterile Seide benutzt, mit wenig Ausnahmen 
wird jede Nierenoperation mit dem Flankenschnitt 15 —20 cm lang 
entlang dem unteren Rand der 12. Rippe von der hinteren Axillar¬ 
linie in leicht konvexem Bogen zur vorderen oder eventuell bis zum 
äusseren Rand des Muse, rectus begonnen. Alle Nierenoperationen 
geschahen, mit 1 Ausnahme, retroperltoneal, eiulgemale wurde Kom¬ 
plikation mit Eröffnung des Peritoneums konstatirt. Die Nephro¬ 
pexie bei Wanderniere wird als subperiostale Anniihung des 
ol>eren Theils der entblössten Niere an die 12. Rippe mit 3 starken 
sterilen Seidenfäden ausgeffihrt. Bel malignen Tumoren ist die 
Indikation zur Nephrektomie eine absolute, der am längsten be¬ 
obachtete Radikalerfolg betrifft einen Fall, der 15 Jahre nach der 
Operation rezidivfrei ist: lin Allgemeinen berechnet W. 22.2 Proz. 
Pauerhellungen. — Fiir die Nephrektomien wegen Tuberkulose 
ergaben sich 70 Proz. Dauerheilungen, von den 21 wegen Nieren¬ 
tuberkulose Nephrektomirten starben 9.5 Proz. im ersten Monat 
nach der Operation: bei den Pyonophrosen möchte W. die Nephro- 
stomie als das legale Verfahren ansehen (da auf der anderen Seite 
Stein etc. vorliegen kann), von 3 Nephrostomlen wurden 2 dauernd 
geheilt. Unter den In die Darstellung elngestreuten Kranken¬ 
geschichten werden besonders der Fall von Nephrektomie wegen 
Cystenadenoms und der eines NIerenteratolds das Interesse er¬ 
regen. sowie ein nach dem Röntgenogramm für einen Binsenstein 
gehaltener, den Ureter verstopfender Stein, der nach entsprechender 
Erweiterung der Inzision (wie zur Unterbindung der Tllaca) ln die 
mit Seet alta eröffnete Blase nach Dilatation der Ureterenmfln- 
dung hineingepresst wurde. 19 vorzügliche Dreifarbendrucktafeln 
erläutern treffend die pathologisch-anatomischen Befunde der ex- 
stlrplrten etc. Nieren, an deren Hand W. speziell das Entstehen und 
Fortschreiten der Nierentuberkulose schildert. Die Möglichkeit der 
Spontanausheilung einer Nierentuberkulose (in seltenen Fällen) gibt 
W. zu. erachtet aber dabei die Gefahr einer Infektion der anderen 
Niere für so gross, dass es nie gerechtfertigt sei. nur aus diesem 
Grund die Nephrektomie zu unterlassen, die Exstirpation der 
tuberkulös erkrankten Niere ist eine der erfolgreichsten Opera¬ 
tionen. Am Schluss thellt W. die sämmtllchen nicht schon ln seiner 
Arbeit eingestreuten Krankengeschichten und eine tabellarische 
Uebersicht des Gesammtmaterials mit. 

Aus der Tübinger chirurgischen Klinik berichtet Professor 
K fi 11 n e r über eine durch Naht geheilte Stichverletzung des 
Pankreas. Ein 24 jähriger Mann war mit einem Dolchmesscr 
schwer verwundet und sofort in die Klinik gebracht worden, wo¬ 
selbst er mit einein grossen, mit Speiseresten verunreinigten Ein¬ 
geweidevorfall und erheblicher Blutung zuging. Der cn. 9 cm 
lange Schlitz in der vorderen Magenwnnd wurde zunächst, mit 
D o y e n’scher Klammer provisorisch vorschlossen, die Eingeweide 
mit steriler Kochsalzlösung abeespült. die Darmschlingen reponirt 
und nun nach dem Grund der Blutung gesucht, selbe erfolgte nicht 
aus der vorhandenen Einkerbung des Leherrandes. sondern aus 
einem 2 cm langem Schlitz im Lle. hepatogastr.: das Instrument 
war durch das kleine Netz In die Bursa omcntalls gedrungen und 
links von der Wirbelsäule in die Tiefe gegangen und nach Erweite¬ 
rung des Schlitzes Im kleinen Netz zeigte sich das Pankreas links 
vom sogen. Tuber omentale bis auf eine 1 cm breite obere Brücke 
dnrehtrennt. 2 tiefgreifende und 1 oberflächliche Katgutnaht 
stillten die Blutung aus dem Pankreas: eine noch aus grösserer 
Tiefe kommende venöse Blutung wurde durch einen Jodoformgaze- 
strelfen gestillt, die Bursa oment. mit einem M 1 k it 11 c z’schen 
Tampon gefüllt, dann die 9 cm lange Magenwunde 2 rolhlg genäht. 
Trotz anfänglich schweren Kollapses erholte sich Patient, auch ein 
nach 12 Tagen sich bildender subphrenischer Abszess erhielt durch 
Bauchlage guten Abfluss, so dass bald vollständige Erholung cin- 
trat. Im Anschluss bespricht K. kurz die bisherigen Methoden 
der Behandlung von Pankreasverletzungen und erwähnt einige 
betr. Fälle der Literatur. 

B. Hon sei 1 berichtet über Alkoholinjektionen bei inoperablen 
Angiomen im Anschluss an eine bei 21 jiihr. Mädchen mit aus¬ 
gedehntem. progredientem Blutschwamm der linken Halsseite er¬ 
zielte fast vollständige Heilung (durch im Ganzen 150 Injek¬ 
tionen: (50 mit 70 proz. Alkohol). Die Technik anlangend, soll die 
Injektion nicht zu oberflächlich (um keine Hautnekrose zu ver¬ 
anlassen) ansgeführt und zuerst in Abständen von */, ein von der 
Tumorgrenze mit einer Reihe von Injektionen begonnen werden, 
die zweite Reihe, parallel mit der ersten. In das schon lnflltrirtc 
Tuinorgowebe: um nicht ln grössere Gofüsse zu injlzlreu, em¬ 


pfiehlt es sieh, zunächst bloss die Nadel der Spritze einzuführen 
(S c li w a 1 b e) uml zu prüfen, ob kein Blut ausfllesst. Bel sach- 
gemüsser Anwendung der Alkoliollujektion braucht man keine 
schädlichen Nebenwirkungen zu fürchten, bedarf auch keiner Nar¬ 
kose (wie bei der Elektrolyse), da die Injektionen nur einen 
mässigen. rasch vorübergehenden Selnuerz veranlassen. 

Des Weiteren berichtet B. IT o n s e 1 i über einen Fall von 
Fibromyoangiom des Muskels, d. li. einen bei 21 jiihr. Mädchen 
an der hinteren Oberseheukelfliiche aufgetretenen Weiehtheiltumov. 
der wegen heftiger Sehmerzen für ein Neurom des Isehiad.KUs ge¬ 
nommen. operativ frei gelegt und partiell exstlrplrt wurde. Unter 
24 von ihm zusaimnongestellten Fällen war die ausgesprochene 
Schmerzhaftigkeit 12 mal angegeben. H. bespricht u. a. speziell 
den anatomischen Befund und die histologischen Details. Für die 
Therapie der Muskelangiome kann bloss die operative Entfernung 
des Tumors ln Frage kommen, und da diese meist diffus im Muskel 
vorkoramt. wird sie zumeist in einer Exstirpation des ganzen be¬ 
troffenen Muskels, resp. Muskelabschnittes. zu bestehen Italien. • 

M. Rheinwald theilt schliesslich aus der Stuttgarter Dln- 
konissenanstalt einen bei 48 jiihr. Mann beobachteten Fall von 
symmetrischem Sarkom beider Oberarmknochen mit. S <• li r. 

Centralblatt für Gynäkologie. 1902. No. 5. 

1) Agnes Bl uh m - Berlin: Ein weiterer Beitrag zur Kennt- 
niss der polypösen Schleimdrüsenkystome des LaMum minus. 

R. unterscheidet 2 Grupiien von Zvsten des kleinen Lnbltim: 
1 d i o t o p e. welche von normalen Bestandteilen des Lnbium 
abstammen. und heterotope. welche aus abnormer Weise im 
kleinen Lablum vorkommenden Gebilden sich bilden. Letztere 
können wiederum durch Drüsenheterochthonie oder 
Driisenlietoropln.sie entstehen. Klinisch zeichnen sich 
diese Kystome durch langsames Wachsthum aus; sie können ein- 
oder mehrkammerig sein. B. beschreibt dann einen Fall der 
2. Gruppe aus der Land« n’schen Klinik. Er betraf eine 
45 Jährige Multipara, die an der rechten kleinen Lnbie 2 Zysten 
hntte. welche abgetragen wurden: Heilung. Es folgt die makro¬ 
skopische und mikroskopsche Beschreibung. 

2) H. L o e w e n s t e i n - Frankfurt a/O.: Drei Fälle von 
Kaiserschnitt bei Eklampsie. 

In allen 3 Fällen trat hei den Müttern der Exitus ein. Von 
den Kindern blieben 2 am Leben. 1 wurde to<lt geboren. Einzel¬ 
heiten siehe im Original. 

3) D. J u r o w s k i - Warschau: Beiträge zur Kasuistik des 
Kaiserschnittes nach Fritsch. 

3 Fälle von Sectio caesarea mit querem Fundalsehnitt mit 
stets glücklichem Ausgang für Mutter und Kind. .T. sieht mit allen 
Autoren, die nach Fritsch zu operiren Gelegenheit hatten, 
dessen Methode als einen wesentlichen Fortschritt an und be¬ 
stätigt die von Fritsch aufgestellte Ueberlegenheit des Quer¬ 
schnitts gegenüber dem Längsschnitt. J a f f 0 - Hamburg. 

Archiv für Kinderheilkunde. 33. Bd., 1. u. 2. Heft. 

Arbeiten aus dem Kaiser- und Kaiserin- 
Frledrlch-Krankenhause. 

1) A. Baginsky und P. Sommerfeld: Bakteriologische 
Untersuchungen bei Skarlatlna. (Ein konstanter Bakterion- 
befund bei Scharlach.) 

Umfangreiche bakteriologische Arbeit: Untersuchung auf Bak¬ 
terien bei Scharlach, sowohl der lebenden Kinder, als auch der 
versehledensten Organtheilen und Körpersäfte der Leichen. In 
allen Fällen wurde eine Streptokokkenart in Reinkultur gefunden, 
die übrigens tlnktoriell und ln ihrem morphologischen und bio 
logischen Verhalten sieh als sehr variabel erwies. In Bezug auf 
die vielen Details, sowie auf die grosse, 82 Fälle umfassende 
Kasuistik muss auf das Original verwiesen werden. 

2) A. Baginsky: Ueber Scharlachnierenentzündung. 

Vortrag, gehalten in der pädiatrischen Sektion der Versamm¬ 
lung deutscher Naturforscher und Aerzte in Hamburg. — Referirt 
diese Wochenschrift 1901, No. 43. pag. 1725. 

3) G. Alsberg und S. Helmann: Ueber die Indikations¬ 
stellung der operativen Behandlung der diphtherischen Larynx- 
stenose. 

Die Verf. verarbeiten das Diphtheriematerial des Spitals in 
Bezug auf Intubation und Tracheotomie und berichten kritisch 
über die vielfach gesammelten Erfahrungen. Auch sie betonen, 
dass nicht die eine Methode die andere ersetzen oder Ubertreffen 
soll, sondern, dass jede für sich zu Recht besteht: von ihrer Indi¬ 
kationsstellung sei hervorgehohen. dass die primäre Intubation 
indizlrt ist bei den stärkeren Larynxstenosen. wo sich ein blutiger 
Eingriff vermeiden lässt: dieser, die primäre Tracheotomie. 
Ist angezeigt bei Asphyxie und Kollaps. Pneumonie. Herz¬ 
erkrankung. Lähmung des Gaumensegels und Zwerchfells, hoch¬ 
gradiger Schwellung oder Nekrose des Pharynx. Bei Säuglingen 
ist von der Intubation möglichst abzusehen, wegen der Enge der 
anatomischen Verhältnisse und besonders wegen der erschwerten 
und hier besonders wichtigen Nahrungsaufnahme. 

4) G. Alsberg: Ueber Porencephalie. 

Verf. beschreibt zunächst 4 Im Spital beobachtete einschlägige 
Fälle mit Sektlonsbefund und behandelt dann ausführlich «lle 
Fragen des Zustandekommens der Poreucephalie. der hiebei ge¬ 
fundenen anatomischen Verhältnisse und klinischen Erscheinungen. 

5) II. Boeder: Die Histogenese des arteriellen Ganges. 

Entwiekelungsmcehanlsehe Betrr.ehtunir«*» über di«' Ent¬ 
stehung und Funktionsweise des Ductus artoriosus; «lesseu Ver- 


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248 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


Schluss kommt, wie schon Strassmnun betont und Scharfe 
lx»strltten hat, zu Stande durch eine klappenartige Lamelle, welche 
durch den erhöhten Druck in der Aorta das Lumen der Duktus- 
nüiudung verlegt; mit diesem klapi>enurtigen Apparat ist aus 
mechanischen und statischen Gründen notliwendig verknüpft 
eine spitzwinkelige Vereinigung von Duktus und Aorta; bei Neu¬ 
geborenen beträgt dieser Winkel ca. 38 °. 

fi) P. Sommerfeld und W. C a r o: Zur Kenntniss der 
Ausnützung von Phosphor und Stickstoff bei reiner Milch¬ 
ernährung älterer Kinder. 

Drei Stoffwechseluntersuchungen, aus denen die gute Aus¬ 
nützung des Stickstoffs hervorgeht. 

Referate. Lichtenstein - München. 

Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und In¬ 
fektionskrankheiten. Bd. 31. Heft 2, 1902. 

1) R. O. Neumann-Kiel: Virulente Diphtheriebazillen 
bei einfacher Rhinitis. 

Die Nasenaffektionen, bei denen virulente Diphtheriebazillen 
gefunden werden, theilte man bisher ein in eine sogen, primäre 
oder latente Nasendiphtherie ohne Membran- 
bildung und in eine mit Membranbildung einhergehende sogen. 
Rhinitis fibrinös a. welch’ letztere häufiger vorzukommen 
scheint als die ..primäre“ Nasendiphtherie. Besonders von der 
..primären“ Nnsendiphtherie sind nur wenige Kaie beschrieben 
und es wird behauptet, sie sei sehr selten. Dies scheint, jedoch 
nicht ganz zutreffend zu sein, da sie. wie 5 Fälle des Verf. zeigen, 
wahrscheinlich recht oft unter dem Bilde eines einfachen 
Schnupfens, ohne besondere Störung des Allgemeinbefindens 
verlaufen kann, und es Ist dies jedenfalls auch der Grund, wess- 
hnlb diese Erkrankung so wenig zu Gesicht des Arztes kommt. 
Die Symptome, welche für die eine und die andere Erkrankung 
als typisch bezeichnet, werden, wechseln augenscheinlich häufig 
und sind nicht immer spezifisch, besonders scheint die Schwere 
des Krankheitsbildes, wie es der „primären“ Nnsen¬ 
diphtherie nachgerühmt wird, selten vorhanden zu sein. Ein 'Fort¬ 
schreiten der Affektion von der Nase auf Rachen und Tonsillen, 
wie es bei der „primären“ Nnsendiphtherie stattfinden soll, konnte 
nur in einem Falle — und bei diesem war es noch zweifelhaft — 
l»eobachtet werden. Wegen der Unsicherheit in der Erscheinung 
der Symptome glaubt Verf.. es sei richtiger, die dlphtherltischen 
Nasenaffektionen nur elnzutheilen ln solche „m i t“ und ..o h n e“ 
Membranbildung, da dies das einzige sichere Unterschei¬ 
dungsmerkmal sei. 

Den bei den Affektionen immer gefundenen Pseudo- 
diphtheriebazillen ist keine Bedeutung beizumessen. 

Da die Nasendiphtherie an der Verbreitung der Diph¬ 
therie erheblichen Antheil haben kann, so sollte jeder zweifelhaft«* 
Fall von Schnupfen bakteriologisch untersucht werden. Leider ist 
dies aber in der Praxis nicht immer durchführbar. 

2) Andrea Z i n n o - Neapel: Beitrag zum Studium der Ent¬ 
stehung der Toxine, mit besonderer Berücksichtigung neuer 
Kulturboden. 

An einer Reihe von sehr interessanten Experimenten zeigt 
Z i n n o. dass die Herstellung besonders wirksamer Toxine ab¬ 
hängig ist von besonderen Kulturmet.hoden. In dieser Hinsicht 
verdient besonders digerirtes Gehirn als Nährboden hervor¬ 
gehoben zu werden. Auf Fleischbrühe. Fleischbrühe 
mit Extrakt. Pferdefleisch. Sarcolin. Somatos* 
und Albumose erzeugte Toxine sind von bedeutend geringerer 
Wirksamkeit. Z i n n o nimmt an. dass vor Allem das Dinhtherie- 
toxin aus albuminoiden Molekülen entsteht, die schon 
vorher in den Kulturmedien vorhanden sind und dass es im All¬ 
gemeinen kein echtes Produkt der Synthese darstellt. 

8) L a i t i n e n - Helsingfors: Erwiderung auf den Artikel 
von Herrn S. J. G o 1 d b e r g in No. 18 und 19, Bd. XXX. 

41 Th. O d h n e r - Upsala: Mittheilungen zur Kenntniss der 
DiBtomen. I. 

öl A. W o 1 f f - Berlin: Die Ergebnisse der Neutralroth- 
methode zur Unterscheidung von Bact. coli und Bact. typhi. 

Verf. konnte In vielen Versuchen die von Rothberger an¬ 
gegebene Methode. Typhus und K o 1 i von einander mitt«*ls 
N e n t r a 1 r o t h - N ä h r b ö d e n zu unterscheiden, bestätigen. 
Es werden Agarrfihrchen mit Neutralrothlösung beschickt und in 
dieselben Typhus und Koli vorimpft. Bei Koll tritt alsdann eine 
Reduktion des Farbstoffes ein. die bei Typhus ausbleibt. Nach des 
Verf. Angaben versagt diese Methode nie und er hat aus Faeces 
leicht Typhus damit isoliren können. Jedenfalls übertrifft seine 
einfache Methode die viel komplizirtere Piorkowsk i’sche. Die 
M«*thode hat aber einem Nachtheil: man kann auf den Platten 
nicht direkt die Differentialdingnos«* stellen, auch haben die dahin 
ziehmden Versuche noch zu keinem ganz positiven Resultat geführt. 

R. O. Neumann - Kiel. 



Berliner klinische Wochenschrift. 1902 No 5 
1) S. T a 1 m a - Utrecht: Zur Kenntniss der Tympanitis. 
Auf Grund einer neuen Beobachtung tritt Verfasser neuer¬ 
dings dafür ein, dass t*s eine allgemeine und partielle Tympanitis 
gibt, von denen erstere durch die Erschlaffung aller Bauchmuskeln 
bei kontrnhlrtem Zwerchfell, die letztere durch Zusammenzleliung 
«*inzelner Bauchmusk**ln zu Stande kommt. In dem mitgetheilten 
Falle hnndelt es sich um ein 15 Jähriges Müddnm mit hysterischen 
Anzeichen, bei welcher eine tumorartige Auftreibung oberhalb des 


Nabels bestand, welche zuerst wohl einen Tumor vortäuscheu 
konnte. Bel der eingeleiteten Narkose verschwand der scheinbare 
Tumor vollständig. Die Abgrenzung der Auftreibung nach ab¬ 
wärts war offenbar durch partielle Transversuskontraktion neben 
der Zusammenziehung des Zwerchfells entstanden. 

2) Meyerhof -Breslau: Zur Geschichte der Lidschluss¬ 
reaktion der Pupille. 

Verfasser führt den Nachweis, dass das an dieser Stelle schon 
wiederholt besprochene sog. Westphal-Pilt z’sche Pupillen- 
phäuomen in allen seinen Einzelheiten bereits von A. v. Graefe 
gekannt und ganz genau beschrieben worden ist und hiemit alle 
Priorität8Streitigkeitcn anderer Autoren hinfällig werden. 

3) S. S p i e g e 1 - Wien: Ein künstlicher Oesophagus. 

Das traurige Schicksal der an Oesophagusstrlktur Leidenden, 
von denen mindestens ein Drittel an den Folgen der Striktur 
direkt zu Grunde geht, während die Ueberlebenden ein qualvolles 
Dasein fristen, veranlasste den Verfasser, eine Vorrichtung zu kön¬ 
nt ruiren, welche es ermöglicht, nicht nur durch eine angelegte 
Magenflstel Nahrung zuzuführen, sondern auch den Kau- und 
Schluckakt vorzunehmen, was bisher ausgeschlossen war. Der 
Kauakt ist, wie bekannt, für die Funktionen des Magens höchst 
nothwendig, der Schluckakt ganz besonders ln psychischer Hin¬ 
sicht Das Prinzip des Apparates, dessen Abbildung im Original 
einzusehen ist. besteht darin, dass der Oesophagus dicht oberhalb 
der Ulavicula. nach gemachter Oesophagostomie, mittels eines 
über die Brust laufenden Schlauches mit der Magenflstel in Ver¬ 
bindung gesetzt wird; der Schlauch selbst besitzt eine kleine, den 
Vorgang der Peristaltik nachahmende Walze, mittels welcher d«*r 
von dem Kranken vorher gekaute und nach dem Schmecken ge¬ 
schluckte Speisebrei in den Magen hinabgedrückt wird. Anwen¬ 
dung dürfte der Apparat in den Fällen finden, ln welchen eine Er¬ 
nährung durch die Magenflstel für lange Dauer oder vielleicht für 
L«*benszeit nöthig Ist und Bedürfniss besteht, den Kau- und 
Schluckakt nicht auszuschalten. 

4) A. O p p e n h e 1 m - Berlin: Lungenembolien nach chi¬ 
rurgischen Eingriffen, mit besonderer Berücksichtigung der 
nach Operationen am Processus vermiformis beobachteten. 

Verfasser gibt zunächst (5 Krankengeschichten von Fällen, in 
denen — fast immer nach Eingriffen am Processus vermif. — 
das Eintreten einer Lungeneral>olie, 1 mal mit tödtlichem Ausgang, 
zur Beobachtung gelangte. An dem Operationsmaterial von 
Sonnenburg kamen derartige Beobachtungen an einer 
grösseren Zahl von Fällen vor. Verfasser ist der Ansicht dass 
die beim perltyphlitischen Abszess häufiger als bei anderen Krank¬ 
heiten zu beobachtenden Thrombosen ihre Ursache in der Krank¬ 
heit selbst haben und stellt fest, dass der autochthone Sitz dieser 
Thromben in den in der Umgebung des Entzündungsherdes be¬ 
findlichen Venen zu suchen ist. Die entstehende Lungenembolie, 
resp. der sich bildende Infarkt, findet sich fast immer im rechten 
Untorlappen. Für die Behandlung ist zu bemerken, dass Digitalis 
nicht lndizirt erscheint, dass dagegen das Morphium mit Vortheil 
angewendet werden kann; mit die Hauptsache aber ist, dem 
Operlrten alle irgend anstrengende oder nur ungewöhnliche 
Körperbewegung möglichst zu ersparen, wozu vor Allem ein mög¬ 
lichst schonender Transport gehört. Verfasser hat für letzteren 
eine eigene Tragvorrichtung angegeben. 

5) J. Petruschky - Danzig: Heilstätten und Tuberkulin- ■ 

behandlung in gegenseitiger Ergänzung. (/' 

Vergl. das Referat S. 1703 der Münch, med. Woclienschr. 1901. 

0» J. H e 1 b ro n - Berlin: Ueber die Netzhautablösung bei 
Schwangerschaftsnephritis. 

Im Ganzen liegen 21 mehr oder minder ausführliche Publi¬ 
kationen über diese Affektion vor. auf welche Verfasser im ersten 
Theile seiner Arbeit eingeht. In der 2. Hälfte gibt er die Kranken¬ 
geschichte eines von ihm selbst beobachteten Falles. In welchem 
bei einer 23 jähr. Erstgeschwängerten im 8. Monat beiderseits eine 
ausgesprochene Neuroretinltis albuminurica mit medial gelegener 
Netzhautablösung eintrat, welche nach schleuniger Einleitung der 
künstlichen Frühgeburt innerhalb 14 Tagen zurückging und auch 
keine nennenswertlie Schädigung des Sehvermögens hlnterlless. 

In allen zur Beobachtung gelangten Fällen erfolgte sehr rasch die 
Heilung der Ablatio retinae, in einem Falle sogar ohne Unter¬ 
brechung der Schwangerschaft. Die Herstellung der voll¬ 
kommenen Sehschärfe tritt aber durchaus nicht «immer ent¬ 
sprechend der vollkommenen Heilung der Netzhautablösung ein. 
was die sonst gute Prognose der Erkrankung also in gewissem 
Grade trübt- Für die Behandlung kommt hauptsächlich die mög¬ 
lichst rasche Unterbrechung der Schwangerschaft in Betracht. 

Grassmann - München. 




Deutsche medicinische Wochenschrift. 1902. No. 5. 

1) L. M o h r - Frankfurt a/M.: Ueber Blutveränderungen bei 
Vergiftungen mit Benzolkörpern. 

Mittheilung klinischer Beobachtungen an einer Reihe Vergif¬ 
tungen bei mit der Darstellung oder praktischen Verwendung des 
Benzols und seiner Derivate beschäftigten Arbeitern, sowie hiebei 
erfolgreich angewandten Maassuahmon. 

2» E. Aronsohn - Berlin: Das Wesen des Fiebers. 

Weitere Beiträge zu den bereits früher publizirten experi¬ 
mentellen Untersuchungen, deren Gesammtergebniss sich dahin 
zusammenfassen lässt: Das W«*seu des Fiebers besteht in einer 
kvankhaft gesteigerten Reizung der l>ekannten Wärmecentra, wo¬ 
durch der motorisch-trophische Apparat der Körpermuskeln und 
der Gefässmuskeln zu erhöhter Wärmeproduktion, gesteigertem 
Stoff verbrauch und Veränderung in d«*r Wärmeabgabe angeregt 
wird. 1 


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11. Februar 1902. 


1CUENOHENER MEDIOTNISOHE WOCHENSCHRIFT. 


Die Fiebertypen werden dnrch die Retearten, die namentlich 
bei den Infektionskrankheiten sehr mannigfaltig sind und auch 
andere Gehirnzentren und Organe gleichzeitig mitbeeinflussen, be¬ 
stimmt. Der Grundtypus Ist die durch direkte mechanische elek¬ 
trische oder chemische Reizung des Wärmezentrums, mit Aus¬ 
schluss Jeder anderen Erkrankung des Körpers auftretende Er¬ 
höhung der Körpertemperatur. 

3) Brandenburg - Berlin: lieber Alkaleszenz und 
Alkallspannung des Blutes in Krankheiten. 

Nach einem im Verein für innere Medizin am 26. November 
1901 gehaltenen Vortrag. (Ref. siehe diese Wochenschrift 1901, 
No. 60.) 

4) Westphal-Greifswald: Heber einen Fall von poly- 
neurittecher „K o r s a k o w’scher“ Psychose mit eigentüm¬ 
lichem Verhalten der „Sehnenreflexe“. 

Veranlassung zu der Mittheilung dieses Falles gab das auf¬ 
fallende Moment, dass die Patellarreflexe beiderseits, auch mit 
Jendrasslk, völlig fehlten und dass bei Perkussion der Patellar- 
sehnen regelmässig ln dem entgegengesetzten Adduktorengebiet 
eine lebhafte, ausgiebige Zuckung auftrat, eine Erscheinung, 
welche wohl ln einem Fall bei Tabes von Sternberg gefunden, 
nach den ausführlichen Zusammenstellungen Remak's aber bis¬ 
her bei Neuritis noch nie beobachtet wurde. 

6) R. Suchter -Freiburg: Ein Fall von partieller Radialis- 
pareoe. 

Kasuistische Mittheilung. 

6) Wiesinger - Hamburg: Ein Fall von Magenperforation 
mit allgemeiner Peritonitis, welcher erst nach Verlauf von 
4 Tagen zur Operation kam und, wenn auch erst nach Ueber- 
stehung mehrfacher gefährlicher Komplikationen, zur völligen 
Ausheilung gelangte. 

Aus der ärztlichen Praxis. 

6) Lehmann - Charlottenburg: Zur Tenazltät des Masern- 
giftee. M. L. 

Correspondenzbiatt für Schweizer Aerzte. 32.Jahrg. No. 3. 

W. Lindt-Bern: Ein Fall von Papilloma laryngis im 
Kindesalter. 

Die Unmöglichkeit laryngoskoplscher Untersuchung zwang 
(nach Tracheotomie) zur Laryngoflssur, wobei die papillomatösen 
Wucherungen vollständig entfernt wurden. Wegen neuerlicher 
Stenose Intubation, die bei stärkeren Tuben üble Nachwirkungen 
batte und zu einer zweiten Tracheotomie führte. Nun vortheil- 
hafte Behandlung mit L ö r l’schen Kathetern. Wegen narbiger 
Konstriktion nochmalige Laryngoflssur (die unter dritten Be¬ 
dingungen unberechtigt wäre) mit dauernder Einlegung einer 
Glaskanflle (Abbildung) und Nachbehandlung mit L ö r i’schen 
Kathetern. Nach 2 Jährigem Spitalaufenthalt Heilung. Allgemeine 
Schlussfolgerungen. 

Max Walthard- Bern: Zur Prophylaxe und Naht des 
Bektum-Damm-V aginalrisses (Dammriss HI. Grades, kom- 
pleter Dammriss) und der Rekto-Vaginalflstel. (Schluss.) 

Nach eingehender Besprechung des Geburtsmechanismus und 
der hieraus erwachsenden Möglichkeiten des Dammrisses (5 Ab¬ 
bildungen) mit kurzer Zusammenfassung der Gesichtspunkte der 
Prophylaxe beschreibt Verfasser die von ihm geübte Methode der 
Naht des frischen kompleten Dammrisses (Entfaltung der Wund- 
fläche nach Fritsch, Vermeidung starker Antiseptlca und des 
Abtupfens der Wunde, dann zunächst fortlaufende, submuköse, 
feine (Seide- oder Katgut-) Naht des Rektumrisses, hierauf Ver¬ 
einigung des Sphinkters durch zwei Knopfnähte, des übrigen 
Bisses durch durch fortlaufende Katgutnaht, von der Vagina aus¬ 
gehend (2 Abbildungen); 5 Tage Darmrohr). Beim vernarbten 
kompleten Dammriss (Kritik der verschiedenen Methoden) kom- 
binlrt Verfasser die Spaltungsmethode von Fritsch mit der 
Auslösung des Narbeugewebes nach KQstner und W a 1 c h e r. 
Fisteln werden ausgeschnitten bezw. gespalten und dann die 
Wundfläche wie ein frischer Dammriss behandelt. 

Dr. O. Pischinger. 

Oesterreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 6. 1) L Prochnlk: Karzinom und Malaria. 

Bekanntlich hat Löffler die Hypothese aufgestellt, das 
Karzinom könne durch Einimpfung von Malaria zur Heilung ge¬ 
bracht werden. Verfasser, der sich lange Jahre in den Tropen, und 
zwar in den niederländisch-ostindischen Kolonien aufgehalten hat, 
bespricht nun seine persönlichen Erfahrungen hinsichtlich des Vor¬ 
kommens beider Krankheiten ln der Bevölkerung der genannten 
Kolonien und kommt zunächst zu dem Schlüsse, dass das Karzinom 
unter der dortigen Bevölkerung und zwar bei den Europäern wie 
Eingeborenen nicht selten vorkommt und dass Malaria und Karzi¬ 
nom zugleich beinahe so häufig Vorkommen als Karzinomfälle 
überhaupt beobachtet werden. Von einer Spontanheilung des 
Krebses hat Verfasser aber nie etwas gehört Hinsichtlich der 
Verbreitung der Malariainfektion ist P. zur Ueberzeugung gelangt, 
dass dieselbe nicht ausschliesslich durch Vermittlung der Mos- 
qulto’s erfolgt, Die Malaria ist in Jenen Ländern so häufig, dass 
anzunehmen ist, dass Jeder Karzinomkranke auch schon Malaria 
durchgemacht hat Eher besteht in umgekehrter Hinsicht ein 
Zusammenhang des Karzinoms mit der Malaria, indem auf Grund 
der letzteren sich nicht selten Leberhypertrophie ausbildet und auf 
dem Boden derselben sich später ein Karzinom entwickelt 


349 


2) R. Kraus-Wien: Heber Bakterloh&moagglutinlne und 
Antihämoagglutinine. 

Die Schlüsse des Verfassers lauten folgendermaassen: Ver¬ 
schiedene Mikroorganismen produzlren neben Haemolysinen noch 
Bakteriohämoagglutinine; die Hämoagglutinine sind ebenso labil 
wie die Hämolysine; normales Serum von Thieren ist zumeist 
nicht Im Stande, die Hämagglutination zu paralyslren, wohl aber 
die Hämolyse. Die Hämagglutinine werden durch spezifische 
Immunsera ebenso paralysirt wie die Hämolysine; beide Prozesse 
sind selbständig und treten unabhängig von einander in die Er¬ 
scheinung; die Hämolyse steht mit der Hämagglutination in 
keinem Zusammenhang. 

3) F. M o r o und F. Hamburger - Graz: Heber eine neue 
Reaktion der Menschenmilch. 

Dieselbe besteht darin, dass bei Zusatz eines Tropfens 
Menschenmilch zur Hydrocelenflüssigkelt entweder momentan oder 
nach einigen Minuten eine Gerinnung der letzteren Flüssigkeit 
auftritt, während diese Reaktion bei Zusatz von Kuhmilch nicht 
erfolgt. Es ist in der Menschenmilch ein Fibrinferment vor¬ 
handen, das mit der flbrlnogenen Substanz der Hydrocelenflüssig- 
keit die Gerinnung hervorruft. Hinsichtlich der übrigen Details 
muss auf das Original verwiesen werden. 

4) S. Grosz- Wien: Heber Keratosis nigricans (Acanthosis 
nigricans, Dystrophie papillaire et pigmentaire). 

Den 26 bekannten Fällen dieser seltenen Affektion, für deren 
klinische Selbständigkeit Verfasser eintritt, fügt er einen neuen 
hinzu, der an einer 58 jährigen, an Uteruskarzinom leidenden 
Kindsfrau zur Beobachtung gelangte. Sektions- und histologischer 
Befund sind beigegeben. 

5) J. W I c z k o w 8 k 1 - Lemberg: Aneurysma des Stammes 
der Pulmonalarterie und multiple Aneurysmen ihrer Veräste¬ 
lungen bei Persistenz des Duktus Botalli. 

In diesem klinischen TheUe seiner Arbeit gibt Verfasser die 
eingehende Krankheitsgeschichte des von ihm beobachteten Falles 
der sehr seltenen Affektion, die nur höchst selten während des 
Lebens diagnostizirt wird. Die Sektion bestätigte im vorliegenden 
Falle die Annahme des Verfassers, dass der Krankheitsursprung 
im Gebiete der Pulmonalarterie zu suchen sei. Für die Ursache 
der Aneurysmenbildung bei seiner Kranken, einem 17 jährigen 
Mädchen, erklärt W. das Offenbleiben des Ductus Botalli. 

Grassman n-München. 

Wiener medicinische Wochenschrift. 

No. 4. E. Weinstein -Priboj: Ueber Psoriasis nach 

Impfung. 

Bei einem 22 jährigen Soldaten traten nach Abheilung zweier 
Impfpusteln typische Psoriasiseffloreszenzen auf, einen* Monat 
später ebensolche an verschiedenen anderen Körperstellen. Ver¬ 
fasser hält eine etwaige direkte Ueberlmpfung für ausgeschlossen, 
sieht vielmehr in der Impfung nur den mechanischen Reiz, der die 
latente Psoriasis gerade an dieser Stelle zum Ausbruch brachte. 

No. 5. v. N 1 e s 8 e n - Wiesbaden: Ein Protest gegen 

Koch’s Tuberkulosirung. 

v. N. erachtet es für dringend nothwendig, von einer aus¬ 
gedehnteren klinischen Verwendung des neuen Tuberkulins Ab¬ 
stand zu nehmen, so lange nicht eine längere Beobachtung der 
bisherigen Versuche dessen Unschädlichkeit erwiesen hat. Er 
hat je eine Originaldosis des Tuberkelbazillenpulvers und der 
Glyzerinemulsion, wie sie abgegeben werden, mikroskopischen 
und bakteriologischen Untersuchungen unterworfen. In dem 
Pulver fanden sich ausser nicht weiter differenzirbaren Partikel¬ 
chen auch lebhaft flottirende Stäbchen von halber Bazillengrösse 
und auch Tuberkelbazillen gewöhulicher Grösse, von denen unent¬ 
schieden blieb, ob sie abgestorben oder lebensfähig waren. Im 
gefärbten Präparate fielen spezifisch gefärbte mlkrophytäre 
Plasmamoleküle auf, wie sie auch im Sputum Tuberkulöser nach¬ 
weisbar sind und deren Bedeutung für die Pathogenese der 
Tuberkulose (event. hereditäre Disposition und Dyskrasie) noch 
nicht genügend feststeht. In dem Sediment einer Mischung von 
Nährflüssigkeit und Bazillenemulsion waren nach 48 Stunden 
Stäbchen in Reinkultur, ebenso nach weiteren 24 Stunden auch 
in einer Auflösung des Bazillenpulvers. Die Weiterkultur ergab 
durchwegs BazUlen, die, von belanglosen kulturellen Abweichungen 
abgesehen, morphologisch und tinktoriell bezüglich Säurefestig¬ 
keit den Charakteristicls des Tuberkelbazillus entsprechen. Dem¬ 
nach ist bei dem neuen Tuberkulin sicher die Gefahr einer Tu¬ 
berkelinfektion gegeben, so dass sich zunächst weitere Versuche 
am Menschen verbieten. 

N. Feuerstein - Bo Jan: Ein Fall von schwerer Intoxi¬ 
kation mit Tinctura opii Simplex bei einem 7 Wochen alten 
Kinde. 

Schwerste Vergiftungserscheinung nach einem Kaffeelöffel 
der Tinktur. Durch wiederholte Anwendung der Magenpumpe 
nach 3 Stunden wird das Kind innerhalb eines Tages hergestellt. 
Bel allen ähnlichen Fällen ist ohne Verzug zur Magenpumpe zu 
greifen. 

Wiener klinische Rundschau. 

No. 4. M. Hajek-Wien: Heber die Radikaloperationen 
und ihre Indikation bei chronischem Empyem der Kieferhöhle. 

H. hat bei hartnäckigem chronischem Empyem bis vor 
Kurzem die Radikaloperation in Gestalt der breiten Eröffnung von 
der Fossa canina aus mit nachfolgender Abtragung der erkrankten 
Schleimhautpartien ausgeführt Die Resultate waren keine guten. 
Von 37 Operirten wurde nur bei 20 eine Heilung erreicht und von 


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250 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. n. 


diesen haben noch 14 eine nach dem Mund hin offene Fistel. Die 
unvermeidliche, sich lang hinziehende Prothesenbehandlung ist mit 
einer Reihe objektiver und subjektiver Uebelstilnde verknüpft In 
neuerer Zeit ist H. zu der von Luc-Caldwell zuerst angegebenen 
Methode übergegangen, wobei noch von der eröffneten Kieferhöhle 
aus eine Oeffnung nach der Nase hin angelegt wird, welche mit der 
Zeit zu einer Fistel wird und keine Belustigung mit sich bringt. 
In 9 Fällen war der Erfolg ein befriedigender. 

No. 5. Th. H e 11 e r - Wien-Grinzing: "Heber die geistige 
Entwicklung eines mit Thyreoidin behandelten kretinösen 
Kindes. 

Verfasser, Direktor einer Erziehungsanstalt für schwach be¬ 
fähigte Kinder, gibt die Geschichte eines Kindes, welches, ur¬ 
sprünglich anscheinend normal, sich in den ersten Lebensjahren 
völlig zum Kretin entwickelte. Eine etwa im 5. Lebensjahre ein¬ 
geleitete Thyreoidinbehandlung besserte zunächst In auffälliger 
Weise den körperlichen Zustand, aus dein bildungsunfähigen 
Individuum wurde ein der pädagogischen Einwirkung zugängliches 
und bei entsprechender Anstaltsbehandlung haben sich auch seine 
geistigen Fähigkeiten langsam gehoben. 

Wiener medioinisolie Presse. 

No. 4. B. R o s s i - Mailand: Experimenteller Beitrag zur 
Frage der Behandlung der Knochenfrakturen. 

Ueber Frakturheilung unter verschiedenen Bedingungen hat 
Verfasser an 30 Kaninchen Versuche angestellt, von denen er eine 
Serie der Naturheilung überliess, eine zweite mit immobilisirenden 
Verbänden, den Rest mit Massage und frühzeitiger Mobilisirung 
behandelte. Letzteres Verfahren, welches von Championniöre 
für die Klinik empfohlen wurde, hat sich nach des Verfassers 
mikroskopischen Untersuchungen als das geeignetste gezeigt, um 
eine möglichst rasche, knöcherne Callusblldung zu erzielen. Es 
empfiehlt sich ln erster Linie für die Mehrzahl der artikulären 
und paraartikulären Knochenbrüche. Sobald bei anderen Brüchen 
die Gefahr einer erneuten Dislokation der Bruchenden vorüber ist, 
soll baldigst mit Massage begonnen werden, zumal bei alten 
Leuten, wo die Callusblldung eine verzögerte ist. 

No. 5. F. W i e 1 8 c h - Wien: Erfahrungen über Aspirin. 

In der Neusse r’schen Klinik hat das Aspirin das salizyl- 
sauere Natron so gut wie ganz aus der Behandlung des Gelenk¬ 
rheumatismus verdrängt. Bel gleichwertiger Wirkung kommt ihm 
der angenehme Geschmack zu gute, der auch eine unbegrenzte 
Anwendung bei chronischen Formen zulässt. Von allen den be¬ 
kannten Nebenwirkungen des Salizylsäuren Natrons kam nur 
vorübergehendes Ohrensausen elnigemale zur Beobachtung. Ueber 
die Wirkung des Aspirins bei nicht rheumatischen Affektionen be¬ 
sitzt Verfasser keine eigenen Erfahrungen. 

Bergeat - München. 

Italienische Literatur. 

U 1 r i c o und A n g e 1 o beschreiben einen Fall von OBtitis 
deformana Paget, welchen sie im städtischen Krankenhause zu 
Mailand beobachteten. (11 Morgagni. Novemb. 1901). 

Die Italiener nennen diese Krankheit malattia del Paget, weil 
der Engländer James Paget der Erste war. welcher sie im 
Jahre 1876 beschrieb. In England scheint diese Krankheit häufiger 
vorzukommen, denn von allen in der Literatur verzeichneten 
Fällen, etwa 60 im Ganzen, sind 40 von englischen Autoren an¬ 
gegeben, und 23 allein von Paget. In Deutschland soll nur 
1 Fall nach den obigen Autoren veröffentlicht sein und in Italien 
soll der vorliegende der erste sein. 

Es handelte sich um eine Kranke von 05 Jahren, deren Ana¬ 
mnese nichts weiter bemerkenswerthes ergab, als dass sie vor 
6 Jahren dreimal bald nacheinander ein Gesichtserysipel durch¬ 
machte und vor 5 Jahren einen apoplektischen Insult mit Ver¬ 
lust des Bewusstseins, aber ohne alle Lähmungserscheinungen und 
ohne Störung der Sprache. Seit Jener Zeit litt sie an Kopf¬ 
schmerzen mässiger Art, welche anfallsweise sich einstellten, an 
Gefühl von Schwere im Kopf, an leichter Ermüdung und allge¬ 
meiner Schwäche, Neigung zu Schwindel und erschwertem Gehen. 
Niemals hatte sie Schmerzen in den Extremitäten, am Becken, 
an Wirbelsäule oder Thorax. 

Die allgemeine Schwäche und besonders die der unteren Ex¬ 
tremitäten wurde langsam schlimmer, das Gehen immer schwie¬ 
riger, so dass sie jetzt kaum mehr sich bewegen und sich ohne 
Hilfe nicht aufrichten kann. Seit fünf Jahren bemerkte sie lang¬ 
sam symmetrisch fortschreitende Veränderungen an den Knochen 
des Schädels, der Extremitäten, dos Thorax bis zum jetzigen Be¬ 
fund, welche ohne lokale oder allgemeine Symptome, ausser den 
angegebenen sich einstellten. Zuerst stellten sich dieselben an den 
unteren Extremitäten ein; die Knochen zeigten Verkrümmung, 
wurden zusehends dick und aufgotrieben, das Schädelvolumen 
wurde auffallend, während das Gesicht normal blieb. Jetzt scheint 
der Zustand an den Extremitäten stationär zu bleiben, während 
am Schädel die Volumszunahme noch fortdauert. Auch die oberen 
Extremitäten betheiligen sich an der Volumszunahme der Knochen. 
Hand- und Fusswurzel, Knochen wie Phalangen bleiben uube- 
theiligt. Auch die Clavicula, die Rippen und die Wirbel sind hyper¬ 
trophisch. 

Der Totaleindruck der Patientin ist ein eigentümlicher, an 
Idiotismus erinnernder: der Schädel ist enorm gross, das Gesicht 
hat Jede Spur von weiblichem Ausdruck verloren und nähert sich 
'dem virilen Typus. 


Ausser den Rippenknorpeln, welche verknöchert und ver- 
grössert erscheinen, sind alle übrigen Knorpel unverändert, sowohl 
die der Nase als die Ohr- und Kehlkopfknorpel. 

Die Autoren erörtern die Diflfereutlaldiagnose zwischen diesem 
seltsamen Krankheitsbilde und ähnlichen Zuständen, namentlich 
der Akromegalie, der Leontlasis, der Osteoarthropathla pneu- 
mica, der chronischen Osteomyelitis und der Osteomalacie. 

Die Ursache der Krankheit ist dunkel; sie entsteht sehr lang¬ 
sam und unbemerkt. Paget und B u 11 i n hatten den Eindruck, 
dass der Beginn der Krankheit chronisch entzündlicher Natur sei 
und dass darauf eine Phase chronischer Induration folge, auf 
welche sich auch mauchei-lei neuralgische Schmerzen der Kranken 
beziehen mögen. Ein gewiser Zusammenhang der Krankheit 
mit Läsionen des Nervensystems ist nicht unwahrscheinlich. 
Schiff hat experimentell nachgewiesen, dass nach Durchschnei¬ 
dung des Cruralis und Ischladicus bei Thieren Hypertrophie der 
Knochen der Extremität erfolgen kann. Aehnliche Beobachtungen 
von Knochenhypertrophie nach Nervenläsionen existiren von 
lt oinbcrg und W e i r - M 11 c h e 11. 

B i a g i: Ueber die chirurgische Behandlung der Trigeminus¬ 
neuralgie. (II Policlinico, Novemb. 1901.) 

B., aus der chirurgischen Klinik Roms, plädirt dafür, a n - 
statt der Exstirpation des Gasse r’schen Ganglions 
die Nervenextraktion auszuüben resp. die Ex¬ 
traktion eines Nervenstücks und die Dehnung 
des zentralen Stumpfes durch Zug. 

Er schildert die Gefahren der Exstirpation des Ganglions; 
meist würde ein Theil desselben bei der Operation in situ gelassen, 
so dass nur der zweite und dritte Ast vollständig unschädlich ge¬ 
macht seien. Auch die von ihrem Schmerz geheilten Patienten 
hätten oft eine Reihe anderer Erscheinungen eingetauscht, wie 
Strabismus, I'tosis, Aphasien, Verlust des Auges, Lichtscheu. 
Schwierigkeit beim Oeffneu des Mundes, welche den neuralgischen 
Beschwerden fast gleichkommen. 

B. schildert drei schwere Fälle von Trigeminus-Neuralgie, 
welche in der römischen Klinik mit Nervenextraktion behandelt 
wurden und mit günstigem Erfolg. 

Jedenfalls sei diese leicht ausführbare Operation immer vor¬ 
her auszuführen, ehe man zu einer Operation schreiten solle, die 
nicht ohne Gefahr für das Leben, dabei unsicher in ihrer Wirkung 
und schwer wogen ihres funktionellen Resultates sei. 

G r i x o n i berichtet aus dem Militärhospital zu Bologna über 
einen Fall von T h o m s e n’scher Krankheit. (II Morgagni, Nor. 
1901.) 

Er hat, wie er angibt, zum ersten Mal den Defekt 
in den Muskelkontraktionen durch graphische 
Tafeln dargestellt, welche er durch den Mosso- 
sclien Ergographen aufgenommen hat. 

Diese Tafeln sind wohl geeignet, die Störungen durch den 
myotonischen Zustand zu illustriren. Während beim normalen 
Menschen sich von vornherein die Kurven glelchmässig gestalten 
und in gleicher Höhe bleiben, bis die Ermüdung elntritt, ist bei 
derartigen Kranken gleich die erste oder es sind die beiden ersten 
Kontraktionen mangelhaft, dann werden die folgenden ganz ge¬ 
ring und steigen langsam zur Norm an, um sich lange und gleicb- 
•uässig auf einer normalen Höhe zu halten und dann langsam ab¬ 
zufallen. Dieser Charakter bleibt der gleiche auch bei den 
mancherlei Modifikationen, welche die ergographlsche Kurve 
T h o m 8 e n’scher Kranker durch Ermüdung, Kälte, Hitze, reich¬ 
liche Mahlzeit und Weingenuss erleidet. 

Merkwürdig ist, dass nach des Autors Angaben an den über 
100 Fällen Thomse n’scher Krankheit, welche bis jetzt bekannt 
geworden sind, die überwiegende Mehrzahl der deutschen medi¬ 
zinischen Literatur angehört. In Italien sei der G r 1 x o n l’sche 
der 6. Fall, welcher veröffentlicht wurde. 

Jemma empfiehlt für schwere Fälle von Chorea Sydenham 
die Lumbalpunktion und Entziehung von 20—25 ccm Liquor 
cerebrospinalis. (Gazzetta degli osped. 1901. No. 144.) 

In zwei Fällen war der Erfolg ein augenblicklich sichtbarer. 
Indessen stellten sich leichte Choreaerscheinungen allmählich 
wieder ein, die bei gleichzeitiger Arsenbehandlung innerhalb vier 
Wochen abliefen. 

Vielleicht Ist die Herabsetzung des intrakrahiellen Druckes 
die Ursache der Wirkung dieses therapeutischen Eingriffs. 

Forteleoni berichtet über eine Lähmung sämmtlicher 
4 Extremitäten bei einer 22 jährigen Kranken in einem Anfall 
von Malariarezidiv. (Gazzetta degli osped. 1901, No. 147.) 

Es handelt sich um eine Kranke, welche schon vorher wieder¬ 
holt über leichte Ermüdung geklagt hatte. Die Sensibilität blieb 
vollständig intakt: die Lähmung perslstirt bereits ein Jahr lang. 

F. ist geneigt, den Fall durch eine stark irrltative Wirkung 
von Malariatoxinen auf die Vorderhörner der Medulla zu erklären, 
vielleicht auch durch eine Ablagerung von Pigment von zerstörten 
Blutkörperchen in die graue Substanz. 

EmlHdie wie Ilämorrliagle glaubt er ausschliessen zu können. 

Ugolotti: Ueber die Pyramidenbahnen beim Menschen. 
(Rivista sporiment. dl Frenlatria. Fase. I. 1901.) 

Es ist bekannt, dass bei motorischen Läsionen einer Körper- 
seito. man ausser den gekreuzten Pyramidenbündeln auch die 
zur gleichnamigen Seite gehenden ln einem t heil¬ 
weisen und geringen Zustande von Degeneration 
finden kann. Unter 20 Fällen von Hemiplegie konnte U. eine 
Degeneration in beiden pyramidalen Seitensträngen 18 mal fest¬ 
stellen. 

Diese Degeneration rührt daher, dass ein Faserbündel, oft 
i klein, oft nicht ganz unbeträchtlich, von der lBdlrtan motorischen 


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11. Februar 1902. MTTFNOHFNER MFDIOINISCHE WOCHENSCHRIFT. 25J 


Zone direkt zur gesunden Seite hinabzieht, von einem Punkte 
oberhalb der Pedunculi und vielleicht durch die iutrahenii- 
»phärischen Kommissuren. Diese homoluteraleu Pynimideufasern 
werden immer geringer au Zahl von dem Cervikaitheil herunter 
und nur wenige gehen bis zur Sakraimedulla. Der Degene¬ 
rationsprozess dieser homolateralen Fasern, 
welcher weniger intensiv ist, und einen weniger 
sicheren, abgrenzbareu Umfang hat, ist ge¬ 
eignet, manche Bewegungsstörungen in den ge¬ 
sunden Extremitäten Ilemiple gische r zu er¬ 
klären. 

Der obige Befund führt zu neuen Beobachtungen über die 
iutrahemisphüiischeu Kommissuren, welche noch mangelhaft be¬ 
kannt sind. Durch diese homolateralen Pyramidenfasern hat eine 
Jede Gehiruhemisphäre eine direkte Beziehung zur gleichnamigen 
Körperhälfte. 

lieber Tetanustoxin (Gazzetta degll osped. 1902, No. 138) ver¬ 
öffentlichen aus dem pathologischen Institut der Universität Bo¬ 
logna Tizzonl und Collina eine Reihe von Experi¬ 
menten, aus welchen hervorgeht, dass Tizzonl 
und Behring mit verschiedenen Tetanusgiften 
n r b e i t e n. Die Autoren nehmen für das ihrige den Vorzug 
grösserer Reinheit ln Anspruch; in dem B e h r i u g*sehen seien 
accessorische Gifte. 

Ueberhaupt sei das Tetanustoxin kein einheitlich wirkendes 
Toxin, wie mau am besten durch verschiedene Arten der Ein¬ 
verleibung desselben in den Thierkörper beweisen könne. Bei der 
subkutanen Injektion käme mehr ein Konvulsionen erzeugendes 
Toxin zur Wirkung, bei der Intravenösen ein solches, welches 
Muskelstarre bewirke. 

D’Ancona: Zur Heilung des Tetanus durch Heilserum. 
(Gazzetta degli ospCdali 1902, No. 141.) 

Der Autor empfiehlt zur Einverleibung die 
Einspritzung in den Cervicalkanal, weil das Gift 
im Zentralnervensystem flxirt sei. Er injizirte in 2 schweren Fällen 
20 und 40 ccm ln Dosen von 10 ccm. ln beiden Fällen kam Heilung 
zn Stande. 

Lulgi F e r r i o und Alfouso Bormaus, Assistenten an» 
Hospital zu Turin, liefern in der November-Nummer vou 11 Mor¬ 
gagni einen Beitrag zum primären Endothelial-Cancer der Pleura. 

Richtiger, so betonen sie, würde die Bezeichnung E n d o - 
thelialsarkom sein. Diese Neublldungsform, welche den 
Charakter einer infektiösen, proliferirendeu Lymphangltis trägt, 
ist nach den Autoren zuerst im Jahre 1870 von E. Wagner als 
noduläres oder miliares Lymphoadenom erwähnt. Die Autoren 
geben eine Ueberslcbt über die bis jetzt veröffentlichten Fälle, 
fügen denselben einen neuen durch Autopsie und mikroskopische 
Abbildung illustrirten hinzu und erörtern In erschöpfender Weise 
die differentlaldlagnoetischen Momente, welche geeignet sind, vor 
einer Verwechslung mit Pleurahämatom und Miliartuberkulose zu 
schützen. 

Heber Tuber knlos eheilsenun M aragliano berichtet, der 
Autor (Gazzetta - aeglFospedali 1901, Ko. 14 i), du.»s die Dar¬ 
stellung nunmehr in dem unter seiner Leitung 
stehenden Institut zum Studium und zur Be¬ 
handlung der Tuberkulose uud anderer Infek¬ 
tionskrankheiten in Genuaerfolgt, nicht, wie vordem, 
in einem gewerblichen Privatinstitut. 

Neben absoluter Garantie für die Reinheit und Sicherheit der 
Darstellung bietet dieser Umstand für Aerzte aller Länder den 
Vorzug, dass sie das Serum zu jeder Bedingung, zu Versuchs¬ 
zwecken auch gratis beziehen können. 

Weiter erwähnt M. die Wirksamkeit des Serums, die zu¬ 
nehmende Anerkennung, deren es sich in allen Ländern erfreut, 
welche ln diesen Blättern wiederholt erwähnt ist 

Nur, so fügt der Autor hinzu, möge man sich hüten etwas 
anderes von dem Mittel zu verlangen als das, was es seiner Natur 
nach nur leisten kann, etwas anderes als eine spezifische Wirkung 
auf die Toxine des Tuberkelbazillus. Gegen Mischinfektion und 
ihre Produkte, welche ln vorgerückten Fällen von Lungenschwind¬ 
sucht den eigenthUmllcheu, oft an septlkämlsche Erkrankungen 
erinnernden Verlauf bedingen und der Krankheit den Stempel be¬ 
sonderer Schwere aufprägen, ist das Mittel wirkungslos. 

Hager- Magdeburg-N. 

Physiologie. 

Referat über Arbeiten ans Pflüge Fs Archiv von 
April bis Dezember 1901. 

Durch E. Steinach-Prag ist auf Grund zahlreicher Ver¬ 
suche ermittelt worden, dass die Irls enukleirter Fisch- und 
Amphibienaugen auf einen Lichtreiz mit einer Kontraktion 
(Puplllenverengerung) antwortet; dass es sich hierbei nicht um 
einen Reflex von der Retina aus handelt, ging daraus hervor, dass 
auch die Isollrte Irls dasselbe Verhalten zeigte. 

E. Steinach nahm daher, gestützt auch auf die Be¬ 
obachtung, dass, nach Ausschaltung nervöser Elemente durch 
Atropin, dennoch die Lichtreaktion zu Stande kommt, eine 
direkte Lichterregbarkeit der plgmentirten glatten Muskelzellen 
der Irls an. Dieser Anschauung gegenüber behauptete R. Mag¬ 
nus- Heidelberg, dass die Iriskontraktion doch das Resultat re¬ 
flektorischer, indirekter Reizung sei. Als Beitrag zu dieser Frage 
bat B. Guth-Prag eine Arbeit: Untersuchungen über die direkte 
motorische Wirkung des Lichte« auf den Sphlnoter pupillae 


des Aal- und Froschauges veröffentlicht (Bd. 86, S. 119), die eine 
Entscheidung iiu Sinne S t e i u a c h’s herbeizuführen sucht. Von 
den mannigfachen Beweisgründen, die angeführt werden, seien 
nur 2, besondere einleuchtende, hervorgehoben: Erstens zeigten 
auch kleinste isollrte Muskelzellengruppen im Zupfpräparate die 
Lielitreaktlon; zweitens Hessen sieh nervöse Elemente, etwa eiu 
Kranz von Ganglienzellen, die für den Reflexvorgang nothwendig 
vorhanden sein müssten, uach Entplgmentirung der Iris durch 
Chromsäure im Pupillartheile nicht uachweiseu, wesshalb also 
offenbar die Annahme zu Recht besteht, dass die plgmentirten 
Muskelzellen der Iris durch Licht direkt ln Erregung versetzt wer¬ 
den können. 

Der quantitativen Bestimmung des Glykogens wird lm 
Pflüge r’sclien Laboratorium in Bonn immer noch grosse Auf¬ 
merksamkeit geschenkt. So hat J. Nerking neuerdings dort 
wieder festgestellt, dass durch Extraktion mit siedendem Wasser, 
auch wenn diese lunge fortgesetzt wird, bei Weitem ulebt alles 
Glykogen aus den Organen erhalten werden kann: Quantitative 
Bestimmungen des mit siedendem Wasser extr&hirbaren Glyko¬ 
gens zum Ges&mmtglykogen der Organe (Bd. 85, S. 313). Auf¬ 
schliessung des Orgnnrückstamles mit Kalilauge ergab nämlich 
immer noch beträchtliche Mengen von Glykogen. So konnte z. P.. 
aus Kalbfleisch 0,3900 Proz. Glykogen gewonnen werden, wovon 
auf Wasserextraktiou 0,2054 Proz.. auf Behandlung mit Kalilauge 
0,1312 Proz. fielen. 

Weiterhiu hat J. Nerking über die elementare Zusammen¬ 
setzung und das InvertirungBvermögen des Glykogens Versuche 
augestellt (Bd. 85. S. 320), mit dem Resultate, dass, was die 
chemische Konstitution betrifft, dem sorgfältig gereinigten Glykogen 
die Formel (C«H 10 O t ) u zukommt, entgegen den Beobachtungen 
anderer Autoren, die Konstitutionswasser im Glykogenmolekül an- 
nehmen nacli der Formel 0 (C«H, 0 O»). H,0 oder 10 (CtH^Oi). H,0. 
In Bezug auf das Invertirungsvermögen, d. h. die Fähigkeit, durch 
Kochen mit Säuren Zucker zu bilden, haben die Versuche ergeben, 
dass die günstigsten Bedingungen dafür bei Verwendung einer 
2—2,2 proz. Salzsäure und bei einer Kochzelt von 3—5 Stunden 
vorliegen. Bei Gebrauch anderer Säuren und bei längerer Koch¬ 
dauer treten offenbar Zersetzungen des gebildeten Zuckere ein. 
Zur Umrechnung des Zuckere auf Glykogen ist unter den ange¬ 
gebenen Bedingungen die Multiplikation der gewonnenen Zucker¬ 
menge mit 0,927 erforderlich. 

In einer weiteren Arbeit: Ueber Fetteiweissverbindungen 
(Bd. 85, S. 330) weist J. Nerking auf die Möglichkeit des Vor¬ 
handenseins von Fetteiweissverbindungen hin, da er aus Blwelssen, 
denen lm Soxhletapparute durch Aether alles Fett entzogen war, 
nach ihrer Verdauung mit Pepsin uud 3prom. Salzsäure wieder 
reichlich Aetherextrakt erhielt. Ob dieser Umstand nicht auf eine 
Bildung von Fett aus Eiwelss, die von der Pflüge Fschen Schule 
so sehr geleugnet wird, hinweist?! 

Aerztliehe8 Interesse verdient auch eine Untersuchung vou 
M. Bleibtreu ln Pflüge Fs Laboratorium über Fettmast 
und respiratorischer Quotient (Bd. 85, S. 345). Auf Grund theo¬ 
retischer Erwägungen wird die Venuuthuug ausgesprochen, dass 
Fettansatz nach reichlicher Zufuhr von Kohlehydraten mit einer 
Bildung von Kohlensäure verknüpft sein müsse, welches Plus an 
CO, den respiratorischen Quotienten, also das Verhältniss der aus- 
geathmeten CO, zum eingeathmeten Sauerstoff wachsen lasse, da 
der zur Bildung von CO, uöthige O nicht aus der atmosphärischen 
Luft, sondern aus dem lm Kohlehydrat vorhandenen O-Vorrath 

geschöpft werde; demnach wird angenommen, dass ^~ 2 die Ein¬ 
heit erheblich übersteigt 

Sorgfältige Untersuchungen an Gänsen führten nun in der 
That zu dem Ergebnisse, dass durch Mästen mit kohlehydrat- 
reichem Futter die CO,-Ausscheidung gesteigert wird, ohne dass 
die O-Aufnahme eine wesentliche Veränderung erleidet: das heisst 
aber nichts anderes, als dass der respiratorische Quotient zunimmt, 
er kann dauernd über die Einheit hinaus getrieben werden, eine 
Thatsache, die ln therapeutischer Beziehung von Bedeutung sein 
dürfte. 

So klein die Nebenniere Ist so gross ist doch die Literatur, 
die sich mit Ihrer gehelmnlssvollen Funktion befasst. Beiträge 
zur Physiologie der Nebennieren haben neuerdings H. S t r e b 1 
und O. W eTamsmgem* KHllfifeilTBd. 86, S. 107). Auf Grund 
von Nebennierenexstirpation wird zunächst in Uebereinstlmmung 
mit den zuerst von Brown-Söquard 1868 angestellten Ver¬ 
suchen auf die Lebenswichtigkeit dieser Organe hingewiesen, die 
als unentbehrlich für den Fortbestand des Lebens angesehen 
werden. Entgegengesetzte Resultate erklären sich aus dem Vor¬ 
handensein unbeachteter accessorlscher Nebennieren. Pathologisch¬ 
anatomische Anhaltspunkte bezüglich der Ursache des Todes er¬ 
gaben sich, abgesehen von einer häufig beobachteten Hyperämie der 
Lungen, nicht. Exstirpation einer Nebenniere führte zu einer 
vlkariireuden Hypertrophie der anderen. Die lm Anschluss an 
eine Ausschaltung der Nebennieren sich geltend machenden Sym¬ 
ptome bestanden ln einer auffallenden Muskelschwäche und 
Apathie verbunden mit Blutdrucksenkung bis zum Tode des 
Thieres. 

Exstlrpirte Nebennieren einzuheilen in ähnlicher Welse, wie 
es bei der Schilddrüse möglich Ist, gelang nicht Was die normale 
Funktion des Organes betrifft, so wird Ihm die Produktion elnev 
Substanz zugeschrieben, die für die Erhaltung des normalen Blut¬ 
druckes von wesentlicher Bedeutung sein soll. Einführung d v le8e J 
Substanz nach Exstirpation der Nebennieren reyte vorübergehend 


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282 


MÜENCJHENEE 1H5DICINI8CHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


bei dem schon moribunden Thiere die Athmung wieder an, steigerte 
den gesunkenen Blutdruck, auch Muskelbewegungen werden wieder 
ausgeführt, schliesslich ging aber das Thier doch zu Grunde. Be¬ 
merkt sei, dass die Verfasser ln sämmtllchen anderen Organen eine 
blutdrucksteigernde Substanz nicht linden konnten. Die Versuche 
beseitigen in vieler Hinsicht diejenigen von Langlois und 
Boruttau. 

Trotz vielfältiger Anfechtungen, die die Funktionstheorie der 
Bogengänge und Otolithenapparnte erfahren hat, häufen sich doch 
neuerdings wieder die Beweise für die Ansichten von Goltz, 
Mach und Breuer, welche die Bogengänge als ein Perzeptions¬ 
organ für Rotationsbewegungen, die Otolithenapparate als Sinnes¬ 
organ zur Orientlrung über Rage und Progressivbewegung an¬ 
sprechen. Ewald hat diesen Annahmen noch die interessante 
Beobachtung hinzugefügt, dass von diesen Sinnesapparaten aus 
uuch der Tonus der Körpermuskulatur regulirt wird. Unter 
Leitung E w a 1 d’s und mit Benutzung seiner bis ln feinste Details 
ausgearbeiteten Versuchsmethodik hat in letzter Zeit N. Ach- 
Strassburg kontrolirende Nachuntersuchungen angestellt: Ueber 
die Otolithenfunktion und den Labyrinthtonus (Bd. 86, S. 122». 
Exstirpation der Otolithenapparate des Frosches unter Beobachtung 
des Stirnrellexes (der zu einem eigenartigen Emprosthotonus führt), 
ferner des Schrei- und Lidreüexes lieferten das Material für die 
Behauptung, dass die Otolithenapparate des Frosches vorzugsweise 
zur Reizübermlttelung von Progressivbeweguugen in geringerem 
Grade von Rotationsbewegungen dienen, und dass das Auftreten 
des Stirn -und Schreireüexes mit der Beziehung der Otolitheu- 
apparate zum Muskelsystem zusammenhängt und zwar hauptsäch¬ 
lich zur Rückenmuskulatur. 

Zu beachtenswerthen Ex-gebnissen über die nervöse Beein- 
fiussung der Pankreassekretiou und zwar von Selten eines peri¬ 
pheren reflektorischen Nervenzentrums ist L. P o p i e 1 s k i - 
Moskau gelangt: Ueber das peripherische reflektorische Nerven- 
zentrum des Pankreas (Bd. 8b, S. 215). Die Wichtigkeit des 
Gegenstandes Hesse eine Nachuntersuchung sehr wünschenswerth 
erscheinen. Der Verfasser ging sehr methodisch zu Werke. Zu¬ 
nächst wurde ein Mittel ausfindig gemacht, das die Pankreasdrüse 
zu energischer Thätigkeit anregte. Als solches Mittel erwies sich, 
in UebereJustiinmuug mit anderen Autoren, eine Eingiessung von 
10—20 ccm 0,4—0,5 proz. Salzsäurelösung ln das Duodenum sehr 
brauchbar, eine sofort einsetzende, sich über eine halbe Stunde er¬ 
streckende Sekretion von Pankreassaft war das Resultat der Säure¬ 
wirkung. 

Mehrmalige Eingiessungeu in zeitlichen Abständen veran- 
lassten stets wieder eine beträchtliche Steigerung der Sekretion. 
Nach Konstatlrung dieser Thatsache wurde die Frage aufgeworfen: 
wirken die eiugeführten Stoffe nach Aufnahme ln’s Blut unmittel¬ 
bar auf die peripheren Nerv en- oder Drüsenelemente oder Ist die 
gesteigerte Sekretion das Resultat eines Reflexes von der Schleim¬ 
haut aus, wobei zunächst der Reiz eine zentripetale Bahn eiu¬ 
schlägt, etwa zu einem Sekretionszentrum, um von dort auf peri¬ 
pherer Bahn zur Drüse übergeführt zu werden? Verfasser ent¬ 
scheidet sich für den reflektorischen Vorgang, einmal, well die 
Absonderung sofort nach der Eingiessung in’s Duodenum beginne, 
noch bevor grössere Mengen resorblrt sein können, dann aber 
auch, well Einführung in’s Rektum trotz dabei stattflndender Re¬ 
sorption von einer Steigerung der Pankreassekretion nicht gefolgt 
sei; ja sogar Injektion lu's Blut, wobei Gerinnung verhindert wurde, 
blieb ohne Erfolg. 

Freilich wäre bei diesen Versuchen eine Neutralisation der 
Säure durch das alkalische Blut in Rechnung zu ziehen. Weitere 
Versuche sollten nun zu der Entscheidung führen, von welchem 
Theile der Schleimhaut aus die reflektorische Anregung der Se¬ 
kretion erfolge. Eis stellte sich heraus, dass sie vom Magen aus 
ihren Anfang nicht nimmt; dies erscheint plausibel, denn sonst 
müsste Ja stets vom Magen aus, seines sauren Inhalts wegen, der 
An8toss zur Pankreassekretion gegeben werden, was aber nicht der 
Fall ist, vielmehr scheinen nach den Versuchen des Verfassers 
Magensaft- und Pankreassaft-Sekretion bis zu einem gewissen 
Grade unabhängig von einander zu verlaufen. Wohl aber ist die 
Säure lm Stande, insbesondere vom Duodenum, aber auch von 
tieferen Abschnitten des Dünndarms aus zur Sekretion anzuregen. 

Nach Feststellung dieser Thatsachen war nun nach der Lage 
des Reflexzentrums zu fahnden. Im Gehirn und Rückenmark 
konnte es nicht liegen, denn Durchschneidung der beiden Nervi 
vagi, der Sympathicl am Halse, ja Entfernung des ganzen Rücken¬ 
marks änderte an der Thatsache nichts, dass Säureerguss in's 
Duodenum reichUche Pankreassekretion herbeiführte, die auch 
nicht zum Stillstände kam, als das Cerebrum abdominale, der 
Plexus coeliacus, und andere Bauchganglien exstirplrt worden 
waren. 

Successlve Durchschneidungen vom Magen abwärts nach dem 
Duodenum zu führten nun zu der Beobachtung, dass nach Läsion 
des Duodenums und des benachbarten Pankreas am oberen Rande 
des Ligamentum hepato-gastro-duodenale eine Sekretionsstockung 
sich geltend macht. 

Dort Hessen sich auch 2—4 Nervengangl len nachweisen, von 
denen jedes 25—30 Nervenzellen ln sich vereinigte. Solche Zellen 
wurden auch noch in anderen Theilen der Drüse gefunden. Ver¬ 
fasser glaubt nun, dass die Pankreassekretion von diesen Ganglien 
aus regulirt werde, die eine gewisse Unabhängigkeit vom Zentral¬ 
nervensystem garantlren. 

Einen Beitrag zur Beurtheilung des Wertbes von Nährklystieren 
hat W. Beaeh-Wlan geliefert mit einer Arbeit: Ein Beitrag zur ver¬ 


gleichenden Untersuchung der Dick- und Diinndarmreaorption. 
(Bd. 86, S. 247.) Verfasser untersuchte die Resorptionsfähigkeit in 
einer Dick- und Dünndarmschlinge von Hunden und zwar ln Be¬ 
zug auf Gelatinelösung (ca. 23 Proz.) und ein Albumosengemisch 
(Pepton L 1 e b 1 g). Die Versuche ergaben, dass wenn lm Dünn¬ 
darm in 5 Stunden 63,1 Proz. Gelatinelösung und 55,84 Proz. Albu¬ 
mosengemisch resorblrt wurde, lm Dickdarm nur 10,53 resp. 
38,7 Proz. zur Resorption gelangten. Im Dünndarm wird also 
mehr Gelatine aufgenommen als Albumosen, lm Dickdarm um¬ 
gekehrt. Zusatz von Kochsalz zu Albumosengemisch setzte die 
Resorption herab, Zusatz von Kochsalz zu Gelatine steigerte sie 
im Dickdarm, bUeb aber lm Dünndarm ohne Einfluss. Verfasser 
empfiehlt schliessUch Gelatinelösung mit Zusatz von Kochsalz zu 
Nährklystieren. 

Untersuchungen über Aenderung des Blutbildes nach Unter¬ 
brechung des Lymphzufluasea haben A. B 1 ed 1 und A. v. De- 
castello -Wien (Bd. 86, S. 259) angestellt, die das Ergebnlss 
lieferten, dass sowohl nach Unterbindung des Ductus thoracicus, 
uls auch nach Ableitung seines Inhaltes nach aussen, die kleinen 
mononukleären Leukocyten, die Lymphocyten, 8—24 Stunden lang 
nach der Operation um 18—79 Proz. vermindert, die eosinophilen 
Zellen oft ganz verschwunden waren, während die polynukleären 
Leukocyten eine Vermehrung um fast 100 Proz. aufwiesen. Nach 
48 Stunden war der Ausfall in Bezug auf die Lymphocyten wieder 
gedeckt, ja die Normalzahl konnte sogar überschritten sein, die 
polynukleären Leukocyten bUeben dauernd vermehrt, die eosino¬ 
philen Zellen meist dauernd vermindert Der Ausfall der Lympho¬ 
cyten lm 1. Stadium ist erklärUch, weil ihnen eben der gewöhn¬ 
lich betretene Weg zum Blute, der Ductus thoracicus, abgeschnitten 
ist; wenn späterhin wieder eine Vermehrung dieser Ellemente im 
Blut sich bemerkbar macht so spricht dies für einen direkten 
Uebertritt der Lymphocyten aus ihren Produktionsstätten in’s Blut 
mit Umgehung des gewöhnUchen Ly mph weges. Die Leukocytose, 
die Vermehrung der mehrkernigen welasen Blutkörperchen, wird 
auf den operativen Eingriff zurückgeführt der reflektorisch das 
Knochenmark zu erhöhter Thätigkeit antreiben soU, welche Vor¬ 
stellung auch durch das Auftreten kernhaltiger rother Blut¬ 
körperchen gestützt wurde. E'ür das Verhalten der eosinophilen 
Zellen wird eine ausreichende Erklärung nicht gegeben. Nor¬ 
maler Weise fanden die Verfasser im Kubikcentimeter Hundeblut 
12 000 weisse Blutkörperchen, davon sind 9000 = 75 Proz. poly¬ 
morphkernige, 700 = 5,8 Proz. Uebergangsformen, 1900 = 15,8 Proz. 
mononukleäre, 400 =; 3,4 Proz. eosinophile Zellen. 

Interesse verdient auch eine Arbeit von K. Glässner- 
Strassburg: Beitrag zur Kenntnlss der Magenbewegungen, Bd. 86, 

S. 291. Untersucht wurde bei Fröschen zunächst der Reizerfolg 
von der Mukosa- und Serosafläche aus, alsdann auf Umwegen vom 
Rachen und Darm aus. Chemische Reizung des Mag ens von der 
Schleimhaut aus mit 5 ccm destillirtem Wasser, 5 ccm konzentrirter 
Kochsalzlösung, 1 ccm 1 proz. Chloralhydratlösung, 1 ccm salz¬ 
saurer Morphiumlösung von 1 Proz. führte eine Erschlaffung der 
Magenmuskulatur herbei, die besonders bei Morphium stark aus¬ 
geprägt war. Starke tetonische Kontraktion bewirkte 1 ccm 
80 proz. Alkohol, unwirksam war 1 ccm 2 proz. HCl, 1 ccm 2 proz. 
Milchsäure, 1 ccm wasserfreien Glyzerins, 1 ccm konzentrirtc 
Tmubenzuckerlösung, 1 ccm 1 proz. Lösung von Atropinum sul- 
furicum, 1 ccm 1 proz. Nikotin- und 1 proz. Physostigminlösung. 
Von der Serosafläche aus waren wirkungslos destllUrtes Wasser, 
Traubenzucker, Chloralhydrat, Morphin 0,1 Proz., eine Kontrak¬ 
tion bedingten 20 proz. Kochsalzlösung, 0,3 proz. Salzsäure, 0,3 proz. 
Milchsäure, 15 proz. Alkohol, Glyzerin, Atropin 0,1 und 1 proz. 
vorübergehend, Nikotin 0,1 und 1 proz. und Physostigmin 1 proz. 
stark; es bestehen also beträchtliche, zum Thell sehr verständUche 
Unterschiede bei Reizung von der inneren und äusseren Magen¬ 
wand aus. Thermische Reize, sowohl Abkühlungen als Erwär¬ 
mungen, lösten stets Magenbewegungen aus. Applikation von 
Säuren und Alkohol auf die Mundschleimhaut veranlasste Be¬ 
wegungen, insbesondere der Kardia. Elektrische Darmreizung, 
wobei der Darm vom Magen abgetrennt war, also Indirekte Rei¬ 
zung vorlag, fühlte zu dem beachtenswerthen Resultate, dass der 
Serosareiz wirksam, der Mukosareiz aber unwirksam war. Allem 
Anscheine nach wird der Reflexbogen dabei hergestellt durch die 
Mesenterialnerven, Rückenmark, Vagus- oder Spinalnerven, Magen, 
denn der Reflex bleibt erhalten nach Zerstörung des Gehirns und 
der MeduUa oblongata, er bleibt aber aus nach Ausschaltung des 
Rückenmarks aus dem Reflexbogen. Dass insbesondere dann. _ 
wenn die Serosa durch pathologische Prozesse lnsultlrt wird, re¬ 
flektorisch Erbrechen elntritt, ist dem Praktiker eine geläufige 
Thatsache, deckt sich also mit einigen Erfahrungen des Experi¬ 
ments. 

In einer sehr ausführlichen Arbeit behandelt R. Rosemann- 
Greifswald den Einfluss des Alkohols auf den Eiweissstoffwechsel 
(Bd. 86, S. 307), ein sehr zeltgemässes Thema, aus dem hervorgeht, 
dass der Alkohol auch gute Wirkungen zu entfalten vermag. Die 
Arbeit verdient besonderes Interesse des praktischen Arztes. Elle 
grosser Theil der Abhandlung Ist einer kritischen Besprechung 
diesbezüglicher Untersuchungen anderer Autoren gewidmet, hier 
sollen nur die Versuche des Verfassers Berücksichtigung finden. 
Das Programm für die Untersuchungen war folgendes: Zunächst 
sollte in einer Vorperiode das Verhalten der Stickstoffausscheidung 
bei bestimmter Kost geprüft werden, darauf in der Alkoholperlode 
eine gewisse Menge Kohlehydrate und Fette durch eine kalori¬ 
metrisch äquivalente Menge Alkohol ersetzt werden, ln einer Nach- 


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U : Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 253 


Periode dann die Kost der Vorperiode entsprechen, und schliesslich 
während einer Kontrolperlode die Nahrung gleich sein wie in der 
Alkoholperiode, Jedoch ohne Ersatz des Kohlehydrat- und Fett¬ 
defizits durch Alkohol. Der Kalorienwerth der sorgfältig zu- 
l>ereiteten und analysirten Nahrung betrug in der Vorperiode 
.'1316 Kal., in der Alkohoiperiode 3340. in der Nachperiode wieder 
•1316, in der Kontrolperlode nur 2416 Kal. Die Analysen ergaben 
nun. dass in den 9 Tagen der Vorperlode durchschnittlich 1,137 g 
Stickstoff (N) pro die angesetzt wurden, entsprechend 1,137 
X 6.25 = 7,11 g Eiweiss bei einem Körpergewicht der Versuchs¬ 
person (Verfasser) von ca. 80 kg. Die Alkoholperiode dauerte 
14 Tage. In den 4 ersten Tagen derselben war der N-Ansatz 
wesentlich geringer als in der Vorperiode, nämlich nur 0.34 g pro 
die, in den folgenden 10 Tagen ging der N-Ansatz in die Höhe: 
0.9843 g pro die. Während also ln den ersten 4 Tagen der Alkohol 
nicht im Stande war, die äquivalente Menge Kohlehydrat und Fett 
zu vertreten, zeigte er sich in den nächsten 10 Tagen dazu ge¬ 
eignet, er wirkte ei weisssparend. In der Nachperiode schwankte 
die Eiweissbilanz um -f-1,0487 N pro die, unterschied sich also nicht 
wesentlich von der der Vorperiode und der in den letzten 10 Tagen 
der Alkoholperiode beobachteten. In der Kontrolperlode mit dem 
Nahrungsdeflzit wird auch die N-Bilanz negativ, der tägliche N- 
Verlust betrug 1,4613 g. Eine zweite Versuchsreihe wurde bei 
einer Nahrung, die einen geringeren Kalorienwerth repräsentirte. 
angestellt, und führte ln der Hauptsache zu ähnlichen Resultaten. 
Man wird sich also in passenden Fällen sehr wohl des Alkohols 
als Ersatzmittel bedienen dürfen. 

Im Anschluss an eine von P & 1 veröffentlichte vorläufige Mit¬ 
theilung, welche das Physostigmin als Antidot des Curare be- 
zeichnete, untersuchte J. C. R o t li b e r g e r - Wien: Die gegen¬ 
seitigen Beziehungen zwischen Curare und Physostigmin. 
«Bd. 87, S. 117.) Die Resultate sind auch nicht ohne therapeutisches 
Interesse. Nach einer ausführlichen Besprechung der Curare- und 
Physostigminwirkung für sich und einer Reihe interessanter sich 
anschliessender Versuche, wird über Beobachtungen nach kom- 
hinirter Curare-Physostlgmininjektion berichtet. Bei Fröschen, die 
durch Curare motorisch gelähmt waren, trat die Wiederherstellung 
der Muskelerregbarkeit vom Nerven aus nach Physostigmin¬ 
injektion früher ein als ohne diese. Deutlicher äusserte sich die 
antagonistische Wirkung des Physostigmin bei Warmblütern, be¬ 
sonders Katzen, bei welchen auch nach tiefer Curarisining die 
IJihmungserscheinungen durch Physostigmin rasch gehoben 
worden. Dabei soll der Angriffspunkt beider Gifte derselbe sein, 
also die motorische Endplatte, die Wirkung aber eine ausgleichende. 
Als wesentlich für die rasche Rückkehr spontaner Athem 
bewegungen bei durch Curare gelähmten Warmblütern wird die 
Reizung des Atbemzentrums angegeben, welche Physostigmin be¬ 
wirkt, ferner auch noch der Umstand, dass dieses Alkaloid dort 
am frühesten angreift, wo Curare am spätesten einwirkt, nämlich 
am Zwerchfell. Auch in Bezug auf das Herz besteht ein Antago¬ 
nismus zwischen Curare und Physostigmin: während Curare die 
hemmenden Fasern des Vagus lähmt, hebt Physostigmin diese 
Lähmung wieder auf. In Bezug auf andere Wirkungen dieser 
Gifte besteht ein reiner Antagonismus nicht. Merkwürdig ist. dass 
bei Injektion einer Mischung von Curare und Physostigmin zu¬ 
nächst immer ungeschwächte Curarewirkung sich geltend macht, 
die erst allmählich durch das Physostigmin wirksam verdrängt 
wird. Auf Grund dieser Versuche wird das Physostigmin als 
Antidot bei Curare Vergiftung des Menschen in erster Linie em¬ 
pfohlen. 

Heber die Bedingungen, der Bildung und Ausscheidung von 
Chymosin (Labferment) handelt eine Arbeit von A. W Ino- 
g r a d o w - Dorpat (Bd. 87, S. 170). Nach einleitenden Bemer¬ 
kungen über das Ferment, wobei auch der Danilewsk y’schen 
Behauptung, dass Labferment Peptone In anhydrides Eiweiss 
zurück zu verwandeln vermag, gedacht wird, beschreibt Verfasser 
zunächst die Methodik seiner Versuche. Bei Studien über Milch¬ 
gerinnung nach Labzusatz bereitete bisher Schwierigkeiten, den 
Moment der Gerinnung genau zu markiren. Diese Schwierigkeit 
will Verfasser durch Benutzung der S a w j a 1 o w'schen Methode 
beseitigt haben, die kurz darin besteht, dass die mit Lab versetzte 
Milch aus einem weiten Glasbehälter durch ein Kapillarrohr ab 
fllesst, der Abfluss wird im Momente der Gerinnung gehemmt, 
daher gut markirt Von den Resultaten der Arbeit sei hervor¬ 
gehoben, dass die Menge des Labferments zum zeitlichen Eintritt 
der Milchgerinnung Im umgekehrten Verhältniss steht, dass im 
Anschluss an die Nahrungsaufnahme im Gehalt der Magenschleim¬ 
haut an Labferment zwei Maxlma nachweisbar sind und zwar von 
der 2.—5. und 9.—11. Stunde. Ganz analog verhält sich der Pepsin¬ 
gehalt. Mit dieser diskontinnirlichen Fermentbildung geht Hand 
in Hand ein dementsprechender Verdaungsprozess, so dass also 
auch die Menge der Verdauungsprodukte zwei zeitlich mit dom Fer¬ 
mentgehalt der Schleimhaut zusammenfallende Maxinta aufweist. 

Ueberraschend schöne Resultate liefert eine Methode 
E. H e r 1 n g's - Leipzig, stereoskopische Bilder als solche einem 
grösseren Zuschauerkreise mittels des Projektionsapparates sicht¬ 
bar zu machen: lieber die Herstellung stereoskopischer Wand¬ 
bilder mittels Projektionsapparates (Bd. 87, S. 229). Die Metbode 
gründet sich auf eine Beobachtung It o 11 m a n n's. Bekanntlich 
sind die Bilder, die das rechte und linke Auge von einem Gegen¬ 
stände erhalten, verschieden, weil jedes Auge wegen der Augen¬ 
distanz den Gegenstand von einer anderen Seite betrachtet. Färbt 
man nun das dem rechten Auge zugehörige Bild rotli. das dem 
linken Auge zugehörige blau, druckt beide in einem schlichen Ab¬ 


stande von wenigen Millimetern nebeneinander und betrachtet nun 
die Bilder durch eine Brille aus einem rechten blauen und einem 
linken rothen Brillenglase, so erhält mau ein wunderschönes stereo¬ 
skopisches Bild. Es beruht dies darauf, dass das roth gefärbte 
Bild für das rechte Auge nur durch das blaue Brillenglas und nicht 
durch das rothe sichtbar ist und umgekehrt, und dass eben durch 
diesen Umstand dem rechten Auge, wie nothwendig, das ihm zu¬ 
gehörige rechte Bild, dem linken das linke angeboten wird. Da 
nun beide Bilder sehr nahe beieinander liegen, so ist nur eine 
geringe Kouvergenzanstrengung erforderlich, um sie zur Vereini¬ 
gung zu bringen, also um körperlich zu sehen. Würde man beide 
Bilder so miteinander vertauschen, dass dem rechten Auge das 
linke Bild, dem linken Auge aber das rechte Bild angeboten wird, 
dann müsste pseudoskopisches Sehen zu Stande kommen, d. h. was 
vorher vertieft war, müsste erhöht erscheinen und umgekehrt. 
L. Hering projizirt nun mittels zweier Projektionsapparate die 
entsprechend gefärbten Bilder an die Wand, vertheilt im Audi¬ 
torium Kneifer mit den zugehörigen Gläsern und macht so einem 
grösseren Zuschauerkreise zugleich das stereoskopische Sehen mög¬ 
lich. Die Arbeit enthält noch interessante Details zu den be¬ 
schriebenen Versuchen. 

Sehr ausführliche Untersuchungen über die Stellung der 
Purinkörper, Insbesondere der Harnsäure, des Xanthins, Hypo¬ 
xanthins, Guanins und Adenins im menschlichen Stoffwechsel 
theilen R. B u r i a n - Leipzig und H. Sc hur-Wien mit (Bd. 87, 
S. 239). Auf Grund einer kritischen Umschau in der bisherigen 
Literatur, und auf Grund eigener Untersuchungen wird zunächst 
in einer geschichtlichen Einleitung als sehr wahrscheinlich aus¬ 
gesprochen, dass in den Körper von Karnivoren eingeführte Purin¬ 
stoffe, abgesehen von freien Amlnopurlnen, zunächst ln Harnsäure 
übergeführt werden, diö dann weiter zersetzt wird, wobei Allantoin 
entstehen soll. Als Ort dieser chemischen Umsetzung wird haupt¬ 
sächlich die Leber angesprochen. Bei den Herbivoren entsteht zu¬ 
nächst Harnsäure, aus der aber hier insbesondere iu Nieren und 
Muskeln Glykokoll gebildet wird. Es lässt sich also das Gesotz 
aufstellen, dass zunächst aus den Purinkomplexen der höchst- 
oxydlrte Körper, die Harnsäure, zu Stande kommt, die dann weitere 
Umwandlungen erfährt. Allein nicht alle Harnsäure wird ali- 
gebaut, eiu Theil wird als solche ausgeschieden. Dieser Tlieil, beim 
Hunde z. B. für 24 Stunden ziemlich konstant, beträgt etwa 
4,5 Proz. Man kann nun die ganze im Blut vorhanden gewesene 
Harnsäuremenge berechnen, wenn man die Ira Harne erscheinende 
Menge mit 100/4,5 = 22, das ist dem Integrativfaktor, multiplizirt. 
Der nusgeschiedene Harnsäurebruchtheil Ist nun bei ein- und dem¬ 
selben Individuum und bei Individuen derselben Art konstant, bei 
verschiedenen Silugethierspezies sehr verschieden, er beträgt z. B. 
bei Karnivoren l /w bis '/ M , bei Kaninchen '/«• beim Menschen sogar 
'/, der Gesammtmenge. Die Menge der ausgeschiedenen Harn¬ 
säure soll nun Abhängen von dem Verhältniss der Blutzufuhr zur 
Niere und den harnsiiurezerstörendeu Organen. Da wo also relativ 
viel Blut zur Niere strömt, soll viel, wo überwiegend mehr zu den 
Zersetzungsorten hinfliesst, wenig ausgeschiedeu werden. Beim 
Menschen müsste eine, im obigen Sinne gleiche Blutvertheilung 
stattfinden, da die Hälfte zersetzt, die Hälfte ausgeschieden wird. 

Wie das Auge, um einen Punkt deutlich zu sehen, auf dleseu 
eingestellt sein muss, so hat auch neuerdings N. H e n s e n - Kiel 
eine derartige Akkommodation für das Ohr wahrscheinlich gemacht: 
Ueber die Akkommodationsbewegung im menschlichen Ohr (Bd.S7, 
S. 355), und zwar erfolgt die Anpassung durch entsprechende 
Aktion der Muskeln des Cavum tympanl. Ein Versuch soll diese 
Akkommodation deutlich machen. Lässt man auf einem Resonanz¬ 
kasten eine Stimmgabel von 200—500 Schwingungen in der Sekunde 
ertönen und zu gleicher Zeit ein Metronom 40—60 Schläge In der 
Minute ausführen, so hört man jedesmal nach dem Metronomschlag 
den Stimmgabelton au-, dann wieder abschwellen. Das beruht 
offenbar darauf, dass nach dem Anhören des Metronomschlages 
auf den Stimmgabelton wieder eingestellt werden muss, wobei 
dann dieser stärker hervortritt. Auch durch unbewusste Mit¬ 
bewegung der Muskeln des Cavum tympuni bei Innervation der 
Gesichtsmuskulatur durch den Facialis, also z. B. durch Schliessen 
der Nasenflügel etc. oder auch bei Aktion der Kaumuskulatur ver¬ 
stärkt sich der Stimmgabelton. Die Analogie mit dem Auge ist 
also offenbar. 

Die Methoden der modernen physikalischen Chemie leisten 
schon jetzt der Physiologie wesentliche Dienste. Das gellt 
wiederum aus einer Arbeit von J. L o e b - Chicago hervor: Heber 
den Einfluss der Werthigkeit und möglicher Weise der elek¬ 
trischen Ladung von Ionen auf ihre antitoxische Wirkung 
(Bd. 88, S. 68). Durch frühere Versuche Ist festgestellt worden, 
dass Lösungen von Kochsalz unter Umständen giftig wirken, z. R. 
auf die Herzthätigkeit. dass diese Giftigkeit aber aufgehoben wird, 
wenn eine ganz geringe Menge lösliches Kalksalz zugesetzt wird. 
lHustrirt wird diese Thntsaehe durch Beobachtungen an Eiern von 
Fundulus, einem marinen Knochenfisch. Diese Eier entwickeln 
sich z. B.. wenn sie befruchtet sind, recht gut in Seewasser, auch 
in destillirtem Wasser, die Entwicklung hört aber auf. sowie mau 
die Eier in eine reine Kochsalzlösung bringt von derselben Kon¬ 
zentration. wie sie im Seewasser enthalten ist. Die Entwicklung 
schreitet aber weiter, wenn man zu den Eiern in der Kochsalz¬ 
lösung nur Spuren eines löslichen Kalksalzes zusetzt. Als ami- 
toxisch ln Bezug auf die offenbar schädigenden Na-Iouen erwiesen 
sich Mg. Sr, Ba. Fe. Co. Zn und Pb. darunter also das Blei, das 
sieh doch sonst als intensives Zellgift dokumentirt. Während 
also die angeführten Ionen, z. B. das Na als elnwerihiges. das Co 


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254 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


als zwelwertliiges Kation diese angeführte Wirkung und Gegen¬ 
wirkung entfalten, erwiesen sich die weiteren Bestandtheile der 
Salze, die Auionen. als ziemlich indifferent. Die giftigen Wirkungen 
eines einwerthigeu Kation kann nun durch ein anderes einwerthlgos 
Kation nicht aufgehoben werden, wohl aber, wie erwähnt, durch 
ein zwelwertliiges. Auf Grund dieser und anderer Beobachtungen 
wird darauf hingewiesen, dass wenn in einem Organ oder Körper 
sich das Verhältnis« der ein- und zwelwerthigen Kationen ändert, 
daraus mehr oder weniger schwere Verglftungserschelnuugen re- 
sultiren können. 

O. W e i s s - Königsberg macht in einer Arbeit: Das Ver¬ 
halten der Akkommodation beim stereoskopischen Sehen (Bd. 88, 
S. 70) darauf aufmerksam, dass beim Betrachten stereoskopischer 
Bilder, sei es, dass mau sie mit oder ohne besondere optische Hilfs¬ 
mittel zur Vereinigung gebracht hat, im Auge das Gefühl einer 
Akkommodation entsteht, wenn man von weiter entfernt liegenden 
Punkten des körperlichen Bildes zu näherliegenden iiliergeht. Mir 
dieser Akkommodationsbewegung ist auch eine Pupillen verengerung 
verbunden. Trotz der nun in der That objektiv nachgewiesenen 
stärkeren Wölbung der vorderen Linsenfläche bei dem Vorgänge 
sieht man aber doch das stereoskopische Bild scharf. Das wäre 
an sich merkwürdig, wenn sich nicht herausgestellt hätte, dass 
die Akkommodationsbewegung gleich wieder nachlässt, aber lang¬ 
samer als sie eingesetzt hat. Die ganze Erscheinung ist also auf 
einen durch die Vortäuschung des Körperlichen ausgelösten Impuls 
zur Akkommodation zurückzuführen. 

Der Leber, und zwar mit Rücksicht auf ihre ammonkik- 
entgiftemle Funktion widmeten A. B i e d 1 und H. W i n t er b e r g - 
Wien eine ausführliche Untersuchung: Beiträge zur Lehre von 
der ammoniakentgiftenden Funktion der Leber (Bd. 88. S. 140). 
Von Pawlow und seinen Schülern war seiner Zeit behauptet 
worden, dass nach Ausschaltung der Leber mittels der Eck¬ 
sdien Fistel (Verheilung der Pfortader mit der Vena cava 
inferior), inslwsondere wenn der Stickstoffumsatz gesteigert werde, 
ein Symptomenkomplex auftrete, der au urämische Anfälle erinnere 
und demjenigen gleichkomme, der sich nach Carbamlnsäureinjek- 
tion entwickle, nämlich Exzitation mit klonischen und tonischen 
Krämpfen. Ataxie, Erblindung, Aufhebung der Schmer/.empündung, 
komatöse Zustände, Respirationslähmung. 

Während der Ammoniakgehalt von 100 ccm arteriellen Blutes 
normaler Weise 1.4 mg betrage, bei stickstoffreicher Nahrung auf 
das Doppelte steige, könne er nach Anlegung einer E c k’schen 
Fistel im Vergiftungsstadium 5,4 mg betragen. In diesem Falle 
könne eben die lieber Ihre normale Funktion, das Ammoniak in 
Harnstoff überzuführen, nicht erfüllen, das vielmehr als solches 
in den Kreislauf gelange und jene Schädigungen hervorrufe. Ge¬ 
stützt werde diese Anschauung auch schon dadurch, dass normaler 
Weise das Pfortaderblut 3—4 mal mehr Ammoniak enthalte als 
das arterielle Blut. Während diese Versuche im vollsten Einklang.,* 
standen mit denen M i n k o w s k i’s an entleberten Gänsen, wurden 
doch gegen sie neuerdings Zweifel geäussert. Um letztere gegen 
die Thesen der Petersburger Schule abzuwägen, wurden von den 
Verfassern entsprechende Versuche angestellt. Zunächst wurden 
gesunden Hunden Ammonsalze intravenös eingeführt und im Ver¬ 
giftungsstadium das arterielle Blut auf seinen Ammoniakgehalt 
untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass in der That bei einem 
Gehalte des Blutes an 2 mg kohleusaurem Ammon in 100 Theilen 
leichte Steigerung der Reflexe eiutritt, dass bei einem Gehalte von 
2—3 mg Zuckungen, Unruhe. Erbrechen, Koth- und Harnentleerung 
das Bild kompliziren und dass bei 4 mg Gehalt schwere Intoxi¬ 
kationserscheinungen auf eliyi beträchtliche Schädigung des Thieres 
schliessen lassen. Es steht dann die Intensität der Vergiftung, an¬ 
gesehen von individuellen Schwankungen, in einem geraden 
Verhältnisse* zum Ammoninkgehalt des Blutes, wobei von verschie¬ 
denen Ammonsalzen am giftigsten wirkt das schwefelsaure Ammon, 
weniger das Ammonium causticum und lacticum, noch weniger 
Ammoniumkarbonat. Es fragt sich nun. in welcher Form das 
Ammoniak im Blute enthalten ist: sicher nicht in.freiem Zustande, 
denn dann müsste es iu die Exspirationsluft übergehen, was aber 
nicht der Fall ist. Wenn das Ammoniak alx*r gebunden ist. so 
kommt, meinen die Verfasser, auch dem Salzreste eine Bedeutung 
zu in Bezug auf die Intensität der Vergiftung, das würde das ver¬ 
schiedene Verhalten der Ammonsalze erklären. Weiterhin prüften 
die Verfasser in Parallelversuchen den Ammouiakgehalt des arte¬ 
riellen Blutes bei ein und demselben Thiere. einmal nach Injektion 
von Ammonsalzen in eine periphere Vene, dann nach Injektion in 
die Pfortader; ein wesentlicher Unterschied im Gehalte des arte¬ 
riellen Blutes au Ammoniak konnte bei dieser verschiedenen Appli¬ 
kation nicht nachgewiesen werden. Vergleichende Versuche bezüg¬ 
lich des Ammoniakgehaltes des arteriellen Blutes nach Injektion 
von Ammonsalzen bei normalen Thleren und solchen mit Eck’scher 
Fistel ergalxm einen beträchtlich höheren Ammoniakgehalt bei 
letzteren. Wurde eine E c k'sche Fistel mit einer Unterbindung 
der Arteria hepatiea kombinlrt oder die Leber durch Unterbindung 
der zuführenden Gefiisse ausgeschaltet, so konnte in beiden Fällen 
nach Injektion von Ammonsalzen eine beträchtliche Steigerung des 
Ammoniakgehaltes im Blut konstatirt werden. 

Die Vergiftungserscheinungen, die im Anschlüsse an eine In¬ 
jektion von Normal-Schwefelsäure in den Ductus choledochus 
zur Verödung der lieber sich bemerkbar machen, werden, weder 
was den Beginn noch das Ende des hervorgerufeuen Krankheits¬ 
bildes lH-trifft, mit Ammoniak in Zusammenhang gebracht. In 
einen direkten Gegensatz zur Pa w 1 o w*sehen Schule stellten sich 
die Verfasser mit der Beobachtung, dass nicht nur der Ammoniak¬ 


gehalt des arteriellen Blutes an sich und des Pfortaderblutes au 
sich absolut geringer ist, sondern dass auch bezüglich des arteriell» u 
und Pl'ortaderblutcs bei ein und demselben Thiere nicht solche 
Unterschiede zu Guusteu des letzteren zu beobachten sind, wie 
die russischen Autoren es angeben. 

Die Verfasser schliessen mit dem Resumö. dass wenn auch 
die lieber sich an der Beseitigung des Ammoniaks betheiligt, da¬ 
nach Leberausschaltung zu konstatireuden Intoxikationserselioin- 
ungeu nicht allein dem Ammoniak vorzuwerfen sind. 

Dass die Galle nicht nur ciuen Auswurfstoff darstellt, son¬ 
dern für die Resorption insbesondere der Fette von wesentlicher 
Bedeutung ist. war längst bekannt, nicht bekannt ist, dass sic 
eine so mächtig lösende Wirkung auf Fettsäuren ausiibt. wenn 
letztere mit einer äquivalenten Menge Natriumkarbonat versetzt 
sind, wie von E. Pflüger-Bonn neuerdings festgestellt werden 
konnte: Ueber die Bedeutung der Seifen für die Resorption der 
Fette (Bd. 88, S. 431). So können z. B. 1(M) Theile Galle 15) Theik- 
Oelsäuro zur Lösung bringen. Sobald mm diese Säure dadurch, 
dass sie sich mit Alkali zu Seifen verbindet, und also wasser¬ 
löslich wird, zur Resorption gelangt ist. wird die Galle von Neuem 
befähigt, Fettsäuren zu lösen und für die Resorption vorzubereiten. 
So können geringe Mengen Galle grossen Mengen Fett den Weg 
zur Resorption weisen. 

Inaugural-Dissertationen. 

Universität Breslau. Januar 15X>2. 

1. Cimbal Walter: Beiträge zur Lehre von den Geschwülsten 
im 4. Ventrikel. 

2. Kobrak Franz: Ueber kindeszerstückelnde Operationen, 
au der Hand von 83 Fällen der geburtshilflichen Universitäts¬ 
poliklinik zu Breslau. 

3. Schuf f er Erich: Beitrag zur chirurgischen Behandlung der 
Trigeminusneuralgie. 

4. Thomas Iluns: Die Iudikationsstelluug und Technik des 
Kaiserschnittes. (11 Fälle aus der Breslauer Frauenklinik.) 

5. Kramer Franz: RUckenniarksveränderuugeu bei Poly¬ 
neuritis. 

Universität Freiburg i. B. Monat Januar 1902. 

1. Schwab Theodor: Ein U: 11 von D a r 1 e r’scher Krankheit. 
(Ein Beitrag zur Stellung dieser Dermatose.) 

2. Harter Leo: Die Entwicklungsstörungeu am weiblichen 
Körper bei Doppelndssblldung des Genitaltraktus. 

3. Möhlmann Karl: Beitrag zur Kenntnis« des peripapillären 
Chorioidealsarkoms. sowie des Melanosarcoma Iridis. 

4. Böhler Erich: Ichtliyosls congenita. 

Universität Halle a. S. Januar 1902. 

1. Kuelsz Walther: Ueber Appendizitis. 

2. Matzuschlua Teisl: Untersuchungen über die Mikro¬ 
organismen des menschlichen Kotlies. 

3. Müller Friedrich: Zur Statistik der Steisslagcn. 495 Fülle 
aus der geburtshilflichen Klinik und Poliklinik zu Halle a. S. 

Universität Jena. Januar 1902. 

1. Delormc Ernst: Ueber primäres Lungcnkarzinom. 

2. M öl» ring Curt: Gelenkneurosen und Gelenkneuralgien. 

Universität München. Januar 1902. 

1. Schafft Otto: Ein Fall von kongenitaler Atresle des Oeso¬ 
phagus. 

2. Falk Frklo: l’eber den Werth von Nltroproplol-Tabletton zum 
Nachweis von Zucker. 

3. Haller Eduard: Ueber eine Art Spontanluxatlon des Penis. 

4. v. Hösslin Karl: Ueber einen Fall von traumatischer Späi- 
apoplexie. 

5. Pauli Fritz: Ein Beitrag zur pathologischen Anatomie und 
Aetiologie der Lungengangrän. 

(5. Krau ss Hans: Ein Fall von innerlicher Phenol- und C'ldoro- 
formvergiftung. 

7. Kiermaior Element: Zur Kasuistik der Tuberkulose »1er 
Harn- und Geschlechtsorgane. 

8. Horttschcller Hermann: Pcnisknrzinom. 

9. Freymauu Georg: Statistik der auf der I. medizin. Ab- 
tlieiluug des Krankenhauses 1. d. I. zu Münch»*!! vom .lalire 
1 sou—1900 vorgekommenou Fälle v»»n Erysipel. 

io. Adelt Max: Ueber einen Fall von Verrücktheit auf schwach¬ 
sinniger Basis (Imbezillität mit episodischer Wahubildtmgi 
aus der Provinzial-lrrenaustalt zu B. 

Universität Strassburg. Januar 1902. 

1. Gleiss Maria WUlielndne: liäiuledcslnfcktion und Woeluni- 
hetlscrkrankungeii. 

2. Woringer Karl Ernst: Ueber eine neue Methode die Lage 
»1»'S zweiten llerztons auf dein Kardiogramm zu b«*stimmeu. 

3. Koeppcn Albert: I.Vber «las Nonodilacton. 

4. Winter Eduard: Ueber sekundäre Degeneration nebst Be¬ 
merkungen über »las Verhalten der Patellarreflexe bei hoher 
Ouerscludttläsion des Rückenmarks. 

Universität Tübingen. Januar 15)02. 

1. Funk Franz Xaver: Ueber das gleichzeitige Vorkomimm von 
Krebs der Gebärmutter und des Eierstocks. 

2. Rosen borg Ernst: Die Augonverletzüngelt iu »ler Tübinger 
Klinik in den Jahren 1890- 1899. 


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11. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


256 


3. Teufel Max: Uel>er eiuen Fall vou Sarkom des kleiueu 
Netzes mit Perforation der Aorta abdominalis. 

4. Winkler Johannes: Ein Beitrag zur Physiologie der glatten 
Muskeln. 

Universität Würzburg. Januar 1902. 

1. Pfister Hans: Heber die primären Geschwülste der Milz 
mit besonderer Berücksichtigung eines Falles vou diffuser 
und knotiger Hyperplasie der Milz. 

-■ Schild Otto: Die Entstehung freier Gelenkkörper im Eil 
bogengeleuk. 

3. Schwickeratli Theodor: Myositis ossiöcans progressiva. 

4. Stein Ludwig: Beitrag zu den Kenntnissen der Zündhütchen¬ 
verletzungen des menschlichen Auges. 

Thienger Karl: Die myelitisehen Affektionen des Rücken¬ 
marks. speziell bei Infektionskrankheiten, nebst Anführung 
eines Falles von disseminirter Myelitis nach Influenza. 

<5. Thornet Peter: Entsprechen die in Würzburg auf den Markt 
gebrachten Geschirre den strengen Anforderungen des deutsch. 
Reichsgesetzes über die Bleiabgabe von Glasuren? 

*. Ti 11 mann Joseph: Die Bedeutung des Bindegewebes für 
die Zähigkeit des Schlachtfleisches. 


Vereins- und Congressberichte. 

(Berliner medicinische Gesellschaft siehe S. 260.) 

Verein für innere Medicin in Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 3. Februar 1902. 

Demonstrationen: 

Herr Oestreich: Ein Präparat eines Oesophaguskarzinoms, 
das sich anscheinend aus einem chronischen Ulcus slmplcx ent¬ 
wickelt hat Der Rand des Geschwürs ist krebsig inflltrirt und 
an den oberen Rand desselben sclillesst sich das Karzinom an. 
Langjährige Magenbeschwerdeu und Stenosirung der Kardia 
lass«*n das Ulkus als Ursache der früheren Beschwerden anuehmeu. 

Herr Jürgens: 1. Ein Schädeldach von ganz unge¬ 
wöhnlichen Dimensionen, insbesondere von enormer Dicke (bis zu 
4,5 cm); dasselbe wurde dem Vortr. von auswärts zugesehickt. 
Das Periost und die Dura mater sind keineswegs verdickt; im 
Innern des Knochens grosse Markräume; die Lamina externa zum 
Theil verdünnt. Der Prozess soll sich iin Anschluss an ein 
„Pestgeschwür“, wohl Furunkulose, entwickelt haben. 

2. Einen Darm mit zahlreichen Geschwüren und einzelnen 
Strikturen. Im Darminhalt Amöben. Obwohl auf dem ganzen 
Peritoneum ausgedehnte Tuberkulose vorhanden ist, nimmt J. 
doch an, dass die Geschwüre zwar ehemals tuberkulöser Natur 
gewesen seien, dass jetzt aber nur noch von den Amöben der ge- 
sehwürige Prozess unterhalten werde (!?). Auch die Strikturen 
seien, wenn wir J. richtig verstanden, aus den Amöbengeschwüren 
hervorgegangen. 

Herr Saalfeld: Syphilitischer Primäraffekt am Arm 

eines Schmiedes, hervorgegangen aus einer leichten Verletzung, 
die mit Zunder verbunden worden war; vermuthliche Infektion 
von einem der syphilitischen Mitarbeiter. 

^ Tagesordnung: 

— Herr M o e 11 e r (auf Einladung): Ueber säurefeste Bak- 
/ terien. 

Die Unterscheidung der säurefesten, d. h. gleich dem 
Tuborkelbazillus die Farbe auch bei Säureeinwirkung festhalten¬ 
den Bakterien von dem echten Tuberkelbazillus ist jetzt nicht 
mehr allein für den Bakteriologen, sondern auch für den Kliniker 
von Interesse. Denn wie A. Fraenkel u. A. nachgewiesen, 
finden sich diese Pseudotuberkelbazillen unter besonderen Um¬ 
ständen, z. B. bei einem Fall von Lungengangrän, auch in den 
I.uf twegen, in Fällen, wo die Sektion nichts von Tuberkulose auf- 
tinden lässt. Da R. Koch mm noch neuerdings festgestellt, 
dass die Pseudotuberkelbazillen auch durch das Serum von 
Tuberkulösen agglutinirt werden können, und umgekehrt, so ist 
die Frage der Unterscheidung um so dringender geworden. 

Der erste säurefeste Verwandte des T. B., welcher bekannt, 
wurde, war der von Armauer Hansen entdeckte Lepra- 
b a z i 11 u 8, der sich noch leichter färbt wie der T. B., die Farben 
aber ebenso bei Säureeinwirkung festhält; seine Kultur ist noch 
nicht gelungen. Dann folgt der Smegmabazillus, der 
zufällig von T a v e 1 und Alvarezbei Nachprüfung der Lust- 
garte n’schen Entdeckung des „Syphilisbazillus“ gefunden 
wurde und als wahrscheinlich identisch mit dem vermeint¬ 
lichen Erreger der Syphilis anzunehmen ist. 

Die Züchtung eines Bazillus aus dem Smegma ist späterhin 
mehreren Autoren (Glaser, Czaplewsky, Matter¬ 
stock) gelungen; Vortragender konnte nun kürzlich durch eine 
zufällige Beobachtung eine leichte Züchtungsmethode für den 
Smegmabazillus, den in der Haut und insbesondere in der Nähe 


der Genitalien leicht nachweisbaren und zu Verwechslungen mit 
T. B. Anlass gebenden Hautsehniarotzer, auffinden: Züchtung in 
menschlichem Serum und von da Uebertragung auf 
Glycerinagar. In jungen Kulturen gleicht der Smegmabazillus 
völlig dem T. B. und gleich diesem ändert er seine Gestalt etwa* 
je nach dem Nährboden. Er ist ebenfalls absolut säure- und 
alkoholfest; lässt sieh auch in der Kälte färben; Methylenblau 
nimmt er schwer an. Er bleibt, entgegen anderen Pseudotuberkel 
bazillen, dauernd, d. h. auch in den ältesten Kulturen säurefest. 

Die Unterscheidung der echten T. B. von den Smegma- 
bazillen (und anderen Pseudotuberkclbazillen) ist also klinisch 
von grosser Wichtigkeit. Vortragender pflegt dies in folgender 
Weise zu thun. Er bringt das fragliche Sekret mit etwas Nähr¬ 
bouillon vermischt bei niedriger Temperatur in den Brutschrank. 
Wenn schon nach mehreren Tagen eine Vermehrung eintritt. 
dann handelt es sich um Smegmabazillen, denn die T. B. wachsen 
erst bei 37 0 und sehr langsam. Ausnahmsweise kommt es vor, 
dass sich T. B. im Sputum bei 39" schon sehr bald vermehren, 
doch hört das WaclLsthum schon nach 36—48 Stunden wieder auf, 
wahrscheinlich weil die im Sputum vorhandenen Nährstoffe auf¬ 
gebraucht sind. 

Das Vorkommen von Pseudotuberkelbazillen in den 
Athmungswegen hat er an sich selbst vor 3 Jahren beobachtet 
und gegenwärtig wieder in einem Falle. Man sei noch 
immer viel zu leicht geneigt, alle säurefesten 
Bazillen für T. B. zu halten! 

Uebergehend zu den bei Thieren vorkommenden Pseudo¬ 
tuberkelbazillen bespricht Vortragender zunächst den von 
Rabinowitsch und Petry isolirten Butterbazillu «. 
Dieser ist dem T. B. tinktoriell gleich, morphologisch ähnlich, 
unterscheidet sich aber durch das schnelle Wachsthum und zwar 
auch bei Zimmertemperatur. 

Er selbst isolirtc einen ähnlichen Bazillus aus der Milch, 
ferner schon früher aus M i s t, und einen auf dem Thimotcc- 
g r a s wachsenden. 

Auch aus perlsuchtkranken Thieren konnte er einen Pseudo- 
bazillus isoliren, der sich von dem echten Erreger der Perlsucht 
durch schnelleres Wachsthum und Wachsthum bei niederer Tem¬ 
peratur unterscheidet. 

Dieselben Differenzen gelten auch für obengenannte Mist- 
und Grasbazillen (Grasbazillus II Moeller). 

Alle diese Pseudotuberkelbazillen, mit 
Ausnahme des Smegmabazillus, erzeugen bei 
Thieren eine Knötchenkrankheit, aber nur 
unter besonderen Umständen, nämlich dann, 
wenn man sie zusammen mit Butter injizirt. 

Ohne dieses, die Bakterien mit einer Fetthülle umgebende 
und sio vor der Einwirkung des Serums schützende Menstruum 
kommt nur ausnahmsweise eine Erkrankung zu Stande. 

Die durch die Pseudotuberkelbazillen ge¬ 
setzten Veränderungen bestehen in Knötchen und 
im Peritoneum in Schwartenbildung; die Knötchen 
tragen mehr einen exsudativen Charakter, als 
einen proliferirenden, und neigen weniger zur Verkäsung. D i e 
Krankheit ist nicht progredient; die Thierc 
sind nur eine Zeit lang krank, kommen aber 
dann zur Genesung. Für das Rind verhalten 
sich die T. B. hominis wie andere Pseudo- 
tuberkelbazillen. 

Es wurden je einem Kalb T. B. hominis, Pseudoperlsucht- 
und Grasbazillus II m i t Butter und ebenso je einem ohne 
Butter injizirt. Die letzteren blieben gesund, die anderen er¬ 
krankten und zeigten nach der Tödtung perlsuchtähnliche Ver¬ 
änderungen. Das mit T. B. hominis (ohne Butter) behandelte 
Kalb frass ausserdem noch 3 Monate lang Sputum von Tuberku¬ 
lösen, was ihm sehr gut bekam. Der echte Tuberkelbazillus ver¬ 
mehrt sich im Thierkörper, während der Pseudotuberkel dies 
nicht thut und daher nur als Fremdkörper wirkt, was obige 
anatomische und klinische Differenzen erklärt. 

Ob die Pseudotuberkelbazillen für den Menschen pathogen 
sind, ist nicht sicher, doch ist es Vortragenden! nicht wahr¬ 
scheinlich. 

Die Erreger der Thier- und Menschentuberkulose sind ge¬ 
trennte, wenn auch verwandte Arten. Am nächsten steht dein 
menschlichen T. B. der T. B. bovis. Die bei Kaltblütern (Blind¬ 
schleiche) vorkommenden T. B. sind Thermomodifikationen. Die 


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256 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


einzelnen Arten in einander überzuführen ist unmöglich, sie 
bleiben dauernd getrennt. 

Diskussion: Herr A. Fraenke 1: Er betont die Wichtig¬ 
keit des Versuches von Modler, mit Tuberkelbncillus hominis 
plus Butter ein Kalb intizirt zu haben. Fragt aber, oh es daraufhin 
gelungen sei. von diesem Kalbe aus andere Kälber zu infizlrcn? 

Kr weist ferner auf die Befunde Bienstock'« hin. Bak¬ 
terien durch Züchtung auf fetthaltigen Nährböden säurefest zu 
machen. 

Herr v. L e y d e n wünscht ebenfalls über die Weiterüber- 
tragung Auskunft. 

Her Moelier: Die Pseudotuberkelbazillen kann man nicht 
von Thier auf Thier übertragen. Den von F r a e n k e 1 geforderten 
Versuch konnte er wegen Mangels weiterer Thiere nicht aus- 
fiihren, doch ist er überzeugt, dass er negati v Ausfallen wird. 

Die Versuche von Bien stock konnte er nur t heilweise be¬ 
stätigen. insofern als sich die hierdurch erworbene Säurefestig¬ 
keit nach einigen Tagen wieder verliert. 

Herr P. Jakob geht auf die Mittheilungen It. Koch’« ein 
und die entgegengesetzten von A r 1 o i u g. welcher Thiere mit 
Tuberkelbacillus hominis intizirt habe. 

Herr Moelier: So viel er sich erinnere, habe Arloing 
mit Meerschweinchen gearbeitet, was nichts erweise, da diese 
ganz ausserordentlich empfänglich für menschliche Tuberkulose 
seien, K. Koch sei übrigens nicht so weit gegangen, als Jakob 
anuehine. Hans K o h n. 


Gesellschaft der Charite-Aerzte in Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 30. Januar 1902. 

1. Herr Menzer: Demonstration mikroskopischer Präparate 
von Bakterienbefunden bei akutem Gelenkrheumatismus. 

a) Peritonsilläres Gewebe von einer Kranken ohne Ilals- 
beschwerden. In den Gefässeu und ausserhalb derselben Strepto¬ 
kokken und Diplokokken. 

b) Punktirte Gelenkflüssigkeit mit Diplokokken. 

2. Herr Kaiser: Vorstellung eines Falles von Hautkrebs 
an Bauch uud Oberschenkeln. 

Es hatte sich bei der Kranken zunächst eine maligue Neu¬ 
bildung an der Beckenschaufel und später ein Uteruskrebs ent¬ 
wickelt. Zur Zelt das kleine Beckeu mit Krebsmassen ausgefüllt, 
so dass die Anlegung eines Anus praeternaturalis nothweudig 
wurde. Sei 5 Wochen hat sich die Erkrankung der Haut als kleine 
Knoten und breite Infiltrate entwickelt 

Diskussion: Herr Lesser weist auf die charakteristische 
Bezeichnung der Erkrankung als Carcinoma lentleulare 
hin und auf die Eutstehungsart, die ähnlich wie bei dem Erysipel 
per contiguitatem erfolgt, was die U u n a'sche Bezeichnung 
Ly mphbahninfarkt ausdrückt. 

3. Herr Pfuhl: lieber die Aufenthaltsdauer der Ruhr¬ 
bazillen im Darm und die geographische Verbreitung der 
Bazillenrahr. 

Vortragender hat im hiesigen Garnisonslazareth die Ent¬ 
leerungen von Chiuakriegem mit chronischer Ruhr untersucht. 
Von 9 Kranken, die siimmtlich ausser Bett waren, hatten 3 im 
Stuhl Ruhrbazillen, also 1 Jahr nach der ersten akuten Erkran¬ 
kung in China. Die gefundenen Bazillen stimmten überein mit 
den Bazillen der Döberitzer Epidemie und wurden von dem Blute 
dieser Kranken ebenso wie von dem der Chinakrieger agglutinirt. 
Daraus ergibt sich die Verbreitung der Bazillenruhr in China. 
Die Ruhrepidemie in Russland war von J a e g e r in Zu¬ 
sammenhang gebracht worden mit der Königsberger Epidemie, 
bei der er Amoeben gefunden hatte. Pfuhl fand dagegen bei 
Ruhrkranken in Alexandrowo ebenfalls die Ruhrbazillen, die er 
durch die Vergleichung mit echten Bazillen und die Aggluti¬ 
nation durch Rekonvaleszentenserum identifizirte. 

4. Herr Huber: Demonstration von Rückenmarkaachnitten 
nach Amputation des Unterschenkels. An den Vorderhörnern der 
betroffenen Seite Zerfa'lserscheinungen an den Nisslkörperchen 
der Ganglienzellen. 

5. Herr Lazarus: Demonstration eines Beinschienen- 
geatella für alte Lähmungen nach Hemiplegie. Bei dem Apparat 
wird die gelähmte Muakelfunktiou durch Zugkräfte elastischer 
Bänder ersetzt. 

Ö. Herr L e 8 s e r: Demonstration einiger Fälle von TJlcua 
rodens. Für leichtere Fülle wird die Behandlung mit dem Argen¬ 
tumstift empfohlen. 

Diskussion: Herr M a r t e n 6 tritt für die chirurgische 
Behandlung ein. 

7. Herr Neubeck: Demonstration: 

a) Zweier Fälle von ausgebreiteter Dermatitis herpetiformis. 

b) Eines Kranken mit ausgedehnten tertiärsyphilitischen 
Ulcerationen auf dem Kopfe, die bereits */ 2 Jahr nach den ersten 
sekundären Erscheinungen aufgetreten waren. 

c) Eines Kranken, bei dem sich nach einem Gummi der 
linken Ohrspeicheldrüse eine Speichelflstel gebildet hatte. 

8. Herr Brüh ns: Demonstration 


a) Eines 12 Jährigen Knaben mit Sklerodermie; die Säbelhieb 
artige narbige strichförmige Veränderung der Haut der Stirn bis 
zum linken Mundwinkel bestellt seit 1 Jahr und wird mit Thiosiu- 
ainin behandelt. 

b) Eines Falles von Thierskabies bei einem Manne mit Bläs¬ 

chen und Kratzeffekten an der Hand. Die Erreger sind nicht 
gefunden. Die Diagnose wurde gestellt aus dem gleichzeitigen 
Befallensein von 4 Familienmitgliedern im Anschluss an die Er¬ 
krankung eines Frettchens, bei dem Sarcoptes minor nachge¬ 
wiesen war. Iv. Brandenburg - Berlin. 


Medicinische Gesellschaft in Chemnitz. 

(Bericht des Vereins.) 

Sitzung vom 15. Januar 1902. 

1. Herr Höhl: Ueber Verkalkung von Himkapillaren. 

Vortr. bitrichtet über 3 Fälle von V. v. H., die neben massiger 

Verkalkung der Media der kleinen Arterien und Venen im Klein¬ 
hirn übereinstimmend eine starke Betlielligung der Kapillaren, so¬ 
wohl des Markes wie der Kinde aufwiesen; namentlich ausge¬ 
sprochen in zwei symmetrisch gelegenen, etwa höhnen grossen 
Herden zwischen Corpus dentatum und Rinde. 

Die kugeligen Kalkkonkremente waren durchweg der intakten 
Kaplilarwand augelagert; das Gewebe in deren Nähe und auch 
im weiteren Umkreise zeigte keinerlei pathologische Veränderung. 

Als organische Grundlage der Kalkkörner wurde ln Ueber* 
einstimmung mit Mallory Kolloid angenommen. 

2. Herr Präger: Ueber Retention des Eies in der Uterus- 
hohle nach dem Fruchttode. 

Vortragender berichtet Uber 3 Fälle von Missed abortion und 
einen Fall von Missed labour. 

a) 2(> jährige Frau. 2 normale Geburten, 1 Fehlgeburt Re¬ 
tention des 3 monatlichen Eies noch 2 Monate nach dem Frucht¬ 
tode. Abort spontan. Fötus erhalten. Zungenförmiger Fortsatz 
der Plazenta nach unten. 

b) 30 jährige Frau. Fast 9 Jahre kinderlos verheirathet Ver¬ 
schiedene operative Eingriffe wegen der Sterilität. Dann 3 Ge¬ 
burten. Ausstossung eines 2 monatlichen Eies 6 Monate nach dom 
Fruchttode. Eisack geschlossen, Fruchtwasser und Frucht resor- 
birt. Plazenta hart, fest. 

c) 28jühr. Frau mit Retroflexio Uteri. Regel erst im 25. Jahn: 
eingetreteu. Spontane Ausstossung eines Eies von 2 Monaten 
3Vs Monate nach dem Fruchttode. Plazenta grau, zäh. Kein 
Fötus, kein Fruchtwasser im geschlossenen Eisack. 

d) 32 jährige Frau. 4 Geburten. Letzte Regel 1. Okt. 1900. 
Ende Februar erste Kindesbewegungen, die seit Anfang August 
1901 zessirten. Nach nochmaliger Untersuchung Diagnose auf 
Missed labour Anfangs Oktober gestellt. Vom 10. Oktober ab 
Wehen und Fieber. Am 14. Oktober Muttermund vollständig, am 
15. Okt Temperatur 39,5, Puls 120. Entbindung durch Dr. Hell- 
r 1 e g e 1 - El>ersdorf (Wendung uud Extraktion). Völlig ausg<’- 
tragene inacerirte Frucht. Plazenta normal gross, stark stinkend. 
Fast kein Fruchtwasser. Wochenbettsverlauf fieberhaft Stark 
stinkende Lochien; linksseitiges parametritlsches Exsudat, später 
Pneumonie 1. h. u. Seit Mitte Dezember ausser Bett 

An der Hand von 120 Fällen von Missed labour und abortion, 
die Vortragender (seine eigenen eingeschlossen) ln der neueren 
Literatur finden konnte (davon 70 Fälle von M. Graefe zusammen- 
gestellt), bespricht er die klinischen Erscheinungen der Retention 
des Eies nach dem Fruchttode, sowie die pathologisch-anatomischen 
Befunde bei dieser Erkrankung. 

Ausführlicher wird auf die einzelnen Fälle von Missed labour 
eingegangeu, von denen sich ln der neueren Literatur (Fall 4 ein 
geschlossen) 11 finden. In 5 Fällen war die Fruchtblase bis zur 
Ausstossung des Eies erhalten. 

Bezüglich der Behandlung nimmt Vortragender einen wesent¬ 
lich abwartenden Standpunkt ein. Er empfiehlt ein aktives Vor¬ 
gehen jedoch bei gröberen Störungen des Allgemeinbefindens, bei 
Blutungen, gesprungener Fruchtblase, Verjauchung des Eies, Ab¬ 
gang von Knochentheilen. 

3. Herr Staffel: Ueber das neuropathische Papillom 
(„ N ervennävua* ‘). 

Vortr. berichtet über 2 von Ihm beobachtete Fälle. Der eine 
Fall betrifft einen 3 jährigen Knaben von gesunden Eltern, welcher 
vorgestellt wird. Der Nävus hat sich in strichförmiger Anordnung 
gegen das Ende des 1. Lebensjahres in der rechten unteren Baucb- 
gegend bis zur Mittellinie, an der Beuge- und Streckseite der 
rechten unteren Extremität und in der rechten Gesässgegend ent¬ 
wickelt. Ausserdem findet sich eine strichförmige Nävusbildung 
von Fingerlänge in der rechten Achselhöhle. 

Die Haut ist in der Ausdehnung des Nävus bräunlich bis 
schwarz pigmentirt und zeigt eine ausgeprägte Hyperkeratoee. 
Stellenweise finden sich kleine fingerförmige Paplllae, namentlich 
am Nabel. 

Im 2. Fall handelt es sich um eine strichförmige Warzenbll- 
duug auf der Streckseite vom 1. Metacarpus bei einem sonst ge¬ 
sunden 18 jährigen Menschen. Die Warzenbildung hatte sich seit 
10 Jahren entwickelt und war nach bereits einmal vorgenommener 
Exzision rezidivirt. 

Vortragender macht auf das meist einseitige Auftreten dieser 
seltenen Nävosformen (Naevus unlus lateris) aufmerksam und 
weist nach, dass lm vorgestellten Falle die Ausbreitung des Nävus 
mit den Hautnervenverästelungsgebleten genau zusammenfällt 


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11. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


257 


In beiden Fällen konnte Vortragender bei der mikroskopischen 
Untersuchung Veränderungen feststelleu, welche sich lm Wesent¬ 
lichen mit den von S o 1 d a u (Langenbeck’s Arch. B(l. 59) be¬ 
schriebenen decken. 

Im 1. Fall fanden sich neben einer erheblichen Hypertrophie 
des Papillarkörpers und der Epidermis neurltlsehe Veränderungen 
an den Nervenstämmen der Subkutis. Dieselben zeigen an den 
zahlreich sichtbaren Querschnitten ein normales Perineurium, aber 
eine Wucherung des Endoneuriums. Dadurch sind die Nerven- 
tibrillen auf den Querschnitten auseinander resp. an die Seite ge¬ 
drängt. An den Nerven des Coriuras, welches durchweg nur von 
straffem, kernarmem Bindegewebe gebildet wird, sind Verände¬ 
rungen nicht mehr nachweisbar. 

Im 2. Fall finden sich an den grösseren Nervenstämmen der 
Subkutis keine Veränderungen, dagegen sind lm Corium auf¬ 
fallend zahlreiche Nervenfasern sichtbar. Sie sind durchweg von 
einem auffallend kernreichen Bindegewebe begleitet und verlieren 
sich zuni Theil ln den ln der Umgebung der Schweissdrüsen sicht¬ 
baren Nävuszellhaufen. 

St. schliesst aus seinen Befunden, dass auch der lineäre 
Nävus, ebenso wie der weiche Nävus und das Pigmentmal nur eine 
besondere Form der Neurofibromatose darstellt. Die strichförmige 
Entwickelung der Neurofibromatose entspricht dem Verlauf der 
grösseren Hautnervenstämme. 


Verein deutscher Aerzte in Prag. 

(Eigener Bericht) 

Sitzung vom 8. November 1901. • 

Herr Hneppe: Neueres über Tuberkulose, i c 

f Mit der“CntTfSokung des Tuberkelbazillus durch Koch 1 
schien die Frage daf'Tuberkulose sowohl nach der ätiologischen 
als nach der prophylaktischen und therapeutischen Seite gelüst, 
w Man sagte: Der Bazillus ist der alleinige Erreger, seine Ver- 
'■ nicbtting extra corpus ist die Prophylaxe, seine Vernichtung 
intra corpus die Therapie der Tuberkulose. Trotzdem hält 
Hueppo seit Jahren an der Ansicht fest, dass nur jene Be¬ 
handlungsmethoden Aussicht auf Erfolg haben, welche die „ Dis- „ 
Position“ bekämpfen, eine Ansicht, die sich immer mehr Bahn 
Fricht, und neuerdings durch die experimentellen Unter¬ 
suchungen von Baumgarten bestätigt wird. Bezüglich der 
in allerletzter Zeit von Koch aufgeworfenen Frage nach der 
ätiologischen Identität der Rinder- und Menschentuberkulose 
verweist H u ep p e auf die Arbeiten, die er seinerzeit gemeinsam 
mit F i 8 c h 1 über die Morphologie der Tuberkclbazillen und 
ihre Variabilität gemacht hat, und aus denen hervorging, dass 
die Mikroorganismen sich bis zu einem gewissen Grade ihrem 
Wirthe anpassen; er spricht sich für die Einheit der beiden aus, 
und stützt seine Anschauung noeh durch verschiedene, in letz¬ 
terer Zeit bekannt gewordene direkte Uebertragungen. Endlich 
macht H. darauf aufmerksam, dass es Fälle von diffusen Krank¬ 
heitsherden gibt, wo der K o c h’sche Bazillus gefunden wird, 
und andererseits Erkrankungen mit Knütehen(Tuberkel-)bildung, 
wo andere, dem K o e h’sclien Bazillus allerdings nahestehende 
Arten von Mikroorganismen in Betracht kommen. 


Sitzung vom 15. November 1901. 

Herr Smoler bespricht die Technik der Operation bei Per¬ 
forationsperitonitis an der Hand von 3 geheilten Fällen. Er be¬ 
tont die Wichtigkeit, möglichst bald einzugreifen, da die Prognose 
um so schlechter wird, je mehr Zelt seit dem Eintritt der Darui- 
perforation verstrichen ist. 

Herr Chiari spricht über einen besonderen Fall von Pro¬ 
cessus puerperalis. Eiue Frau, die 14 Tage p. p. einen Spazier¬ 
gang machte, erkrankte unmittelbar nach demselben unter Schüttel¬ 
frost nnd hohem Fieber, zu dem sich in den nächsten Tagen 
Diarrhöen und Schmerzen lm linken Schultergelenk gesellten. 
Weiters trat eine linksseitige Pleuritis und eine akute Nephritis 
auf. Nach 12 Tagen Exitus. Bed der Sektion fand sich der Genital¬ 
apparat nicht besonders verändert, so dass dieser als Quelle der 
Infektion ausgeschlossen werden konnte. Hingegen zeigte die Vena 
iliaca communis eine 2 cm lange zirkuläre parietale Thrombose, 
in deren Bereiche die Innenfläche des Venenrohres leicht rauh und 
geröthet erschien. Die Thrombusinassen enthielten Streptokokken 
•Str. pyogenes), die sich auch lm omarthritischen und pleuritischeu 
Eiter fanden. Die unmittelbare Veranlassung zur Verallgemeine¬ 
rung der Infektion hatte sicherlich der erste Ausgang der Patientin 
abgegeben, durch den sich Partikelchen der septischen Throniben- 
massen in der Vena iliaca communis abgelöst hatten. O. W. 


Aus den englischen medicinischen Gesellschaften. 

Pathological Society of London. 

Sitzung vom 17. Dezember 1901. 

C. S. Sherrington und A. S. F. Grünbaum be¬ 
richteten über ihre Untersuchungen betreffs Lokalisation im 
„motorischen“ Theil der Gehirnrinde. 

Bekanntlich sind die wichtigsten Mitthellungen auf diesem 
Gebiete von Hitzig, Ferrier, Beevor und H o r s 1 e y ge¬ 
liefert worden. Das geeignetste Material zum Experimeutiren 
bieten die anthropoiden Affen, von denen allerdings der Gorilla 
dom Menschen am nächsten kommt, während Schimpansen 
(Troglodytes niger und ealvus), sowie der Orang-Utang (Simla 
satyrus) darauf die nächsten in der Reihenfolge sind. Die vom 
Vortragenden gemachten Untersuchungen bezogen sich auf 
19 Hirne aller drei Arten, namentlich aber der Schimpansen, und 
ergaben, dass das motorische Zentrum die ganze Länge des Gyrus 
praeccntrnlis und Im Allgemeinen dessen ganze Breite einnimmt; 
dat»ei greift dasselbe ln die Fissura Orlandl hinein bis auf den 
Boden derselben an einigen Stellen, aber niemals auf den freien 
Rand des Gyrus post centralis. Am oberen medialen Rand der 
Grosshimlienilsphäre sind auch noch motorische Gebiete zu finden, 
nicht aber an der Fissura callosomarginnlis. Nach vorne sind die 
Grenzen verschieden und richten sich meist nicht nach irgend 
einer Furche. Gewöhnlich reicht das Gebiet bis über die Fissura 
praeeentraiis superior an dessen oberen Theil und nach unten oft 
über die Fissura praeeentraiis inf. hinaus. Auch Schacfer 
hat gefunden, dass die Furchen, welche ja überhaupt, selbst in 
derselben Gattung, ausserordentlich variabel sind, als Grenzen 
für physiologische Funktionsgebiete durchaus unzuverlässig sind, 
was Verfasser vollauf bestätigen. Das betreffende Gebiet muss 
vielmehr durch farndlsche Reizung der Gehirnsubstanz und Fest¬ 
stellung der erfolgenden Wirkung geprüft werden. Von wirk¬ 
lichem Werthe als Anhaltspunkte sind die Knlee des Sulcus 
Rolamli. Was die elektrische Erregbarkeit betrifft, welche angeb¬ 
lich l»ei den menschenähnlichen Affen stärkere Ströme erfordern 
soll als l>ei denjenigen niederer Stufe, so haben S. und G. bei ge¬ 
nauer Untersuchung dies nicht bestätigt gefunden. Dagegen haben 
sie in manchen, aber nicht in allen Fällen mit grosser Leichtig¬ 
keit Rindenepilepsie l>ei elektrischer Erregung erzeugt. Die Ver¬ 
keilung der motorischen Zentren ist bei den anthropoiden wie bei 
den niederen Affen mit ziemlicher Regelmässigkeit (von unten her 
anfangend) die folgende: Zunge. Mund. Nase, Ohr. Augenlid. Hals, 
Hand, Handgelenk. Ellbogen. Schulter. Brust. Abdomen. Hüfte. 
Knie, Fussgelenk, Zehen, Muskeln des Damms, Anus, Vagina. Die 
Augenmuskeln haben ihr motorisches Zentrum, wie beim Ornng 
(Horsle y) auch l>cim Schimpanse an einer Stelle In den mittleren 
und unteren Frontalwindungen. Weitere Bestätigung ihrer Be¬ 
obachtungen fanden Verfasser durch Exstirpation einzelner Thelle. 
z. B. des Handgebietes. Die Parese betraf vor Allem die Finger 
und das Handgelenk, sowie in geringerem Grade die Schulter. 
Nach 0 Wochen hatte al>er das Thier die volle Gebrauchsfähigkeit 
wieder erlangt. Ein ganz analoges Resultat, wurde durch Abtragen 
des Beinzentruins erzielt. Entgegen den Beobachtungen anderer 
Forscher konnten Verfasser trotz sehr scharf lokalislrender Appa¬ 
rate keine sogen, unerregbaren Gebiete zwischen den Hauptzentren 
bei den Anthropoiden nach weisen; dagegen gelang es ihnen mit 
grosser Präzision. Bewegungen einzelner Finger, des Ohrläppchens 
und der Zungenspitze, jedes für sich auszulösen. 

F. W. Mott berichtet iil>cr einen Fall von Monoplegie, l*ei 
welchem die Autopsie nur eine Läsion des Gyrus frontal, ascend. 
zeigte. Mit Schaefer zusammen hat er positive Ergebnisse 
erzielt durch gleichzeitige Reizung des Frontalgebiets und der 
Regio calcarina. 

C. E. Beevor hat bol «‘inen Untersuchungen mit H o r s - 
ley sich zweier dicht zusammengestellter Elektroden bedient; er 
hält aller die empfohlene unipolare Reizungsweise für eine ent¬ 
schiedene Verliesserung. 

Purves Stewart: Keine Elnzelbeweguug liesltzt einen ent¬ 
sprechenden Einzelpunkt in der Hirnrinde, sondern es gibt mehrere 
motorische Zentren von verschiedenem Werthe. welche dazu mit- 
wirken. Bewegungen nuszulösen. Die verhnltnissinäsKlg schnell'* 
Wiederherstellung der Beweglichkeit nach der Exzision erklärt sich 
am einfachsten dureh eine Steigerung der Thütlgkeit der sonst 
weniger entwickelten Gebiete. 


Clinical Society of London. 


Sitzung vom 13. I) e z e m her 1901. 

Kombination von Wanderniere der rechten Seite mit Symptomen 
von Leberleiden. 


Habers hon: Nach Statistiken von G 16 n a r <1. L andn u. 
M a t h 1 e u u. A. findet sich lud 20—28 Proz. aller dyspeptischen 
Frauen eine Wanderniere. NaturgeniUss erzeugt die Senkung der 
linken Niere in erster Linie Magenbeschwerden, während eine 
Wanderniere der rechten Seite eher Erscheinungen seitens der 
Leber liervorruft. Diese können in 3 Gruppen eingekeilt werden: 
1. Allgemeine Symptome schwerer Verdauungsstörungen. 2. Kolik¬ 
anfälle. welche mit Gallensteinkolik grosse Aehnliehkeit haben. 
3. Attacken von Gelbsucht. Zur Erklärung dieser Erscheinungen 
kann man folgende Möglichkeiten annehmen: Druck auf das Duo- 


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■V 



268 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


denum oder den Ductus choledochus, Zugwirkung axn Duodenum 
und reflektorische Reizung des N. vagus. Verdacht auf eine renale 
Ursache muss rege werden, wenn hartnäckige Lebersymptome der 
gewöhnlichen Behandlung durchaus nicht weichen wollen, und 
ferner, wenn jede Bewegung, namentlich Rütteln, eine Ver¬ 
schlimmerung der Symptome bervorruft. An 8 Füllen schildert H. 
schliesslich die genannten Verhältnisse. 

R. C. Lucas berichtet über einen Gymnastiker, bei dem die 
gleichen Beschwerden erst nach Nephropexie der (rechten) Wander¬ 
niere verschwanden. 

Mac lag an: Senkung der linken Niere besteht oft ganz 
symptomlos. Als Gegenstück berichtet er über 3 Fälle, bei denen 
nach vergeblicher Eröffnung der Gallenblase Wanderniere entdeckt 
wurde, und alsbald nach Befestigung derselben alle Beschwerden 
verschwanden. Oft hat längere Bettruhe, namentlich bei sehr 
mageren Frauen, durch Ansetzen von Fett eine günstige Wirkung. 

Edinburgh Medico-Chirurgical Society. 

Sitzung vom 4. Dezember 1901. 

L a w s o n sprach über die Temperatur bei Phthise. 

Dieselbe zeichne sich 1. durch Mangel an Elastizität und 
2. durch Mangel an Stabilität aus. Mit dem erstereu dieser beiden 
Begriffe bezeichnet L. die Unfähigkeit der Temperatur nach einer 
irgendwie verursachten Steigerung schnell zur Norm zurück¬ 
zukehren, und die zweite Bezeichnung bedeutet eine grosse Em¬ 
pfänglichkeit für den Einfluss auch geringfügiger Momente, 
welche bei Gesunden oder bei sonstigen Krankheiten keine Fieber¬ 
bewegung hervorzubringen im Stande wären. Zur Bestimmung 
der Temperatur zieht Redner die rektale Messung jeder anderen 
vor. Die Vorzüge dieser Methode zeigen sich darin, dass auch 
geringfügige Störungen, welche keine Steigerung der axillaren 
Temperatur bewirken, damit erkannt werden, und dass oftmals 
ein Rezidiv viel frühzeitiger, bis zu 12 Stunden schneller als mit 
der anderen Messweise, erkannt werden kann. Namentlich ln Be¬ 
zug auf Regulirung der körperlichen Uebungeu ist die Temperatur¬ 
bestimmung wichtig; nachweislich hat Körperbewegung bald einen 
steigernden, bald einen herabsetzenden Einfluss auf die Tempera¬ 
tur, und bei einer Morgentemperatur unter 37 0 im Rektum sollte 
der Patient sich ruhig verhalten. Immerhin ist auf ein einziges 
Symptom allein nicht allzuviel Gewicht zu legen; auch das Ver¬ 
halten des Pulses ist an sich allein niemals zuverlässig, ebenso¬ 
wenig wie das Verhalten des Körpergewichts und andere Er¬ 
scheinungen. 

D. Wallace hielt einen Vortrag über Prostatektomie durch 
Sectio alta vesicae. 

Diese Operation, welche er bei 40 Fällen angewendet hat, ist 
nicht für jeden einzelnen Patienten geeignet. Regelmässiges 
Katheterisiren genügt in den Anfangsstadien ohne Atonie der 
Blase. Der Kastration gesteht er eine gewisse Berechtigung zu, 
falls das Katheterisiren schwierig wird oder stärkeres Bluten im 
Gefolge habe. Eventuell könnte die Vasektomie ausgeführt wer¬ 
den. Von seinen eigenen 40 Fällen, bei denen er wegen Blasen¬ 
stein, Tuberkel, Tumoren oder zur Ausführung der Prostatektomie 
nach M c G i 1 l'scher Vorschrift den hohen Blasensehnitt geübt 
hat. verlor er 5 (12>/ z Proz.). ln Anbetracht dessen, dass diese 
Patienten zum Theil unter ungünstigen Verhältnissen (septischer 
Urin) operirt wurden, sei diese Zahl nicht hoch zu nennen. Fistel¬ 
bildung trete dabei nicht ein, wenn das Hinderniss der Urin¬ 
entleerung beseitigt werde. Von den 3 Arten der Prostatahyper¬ 
trophie, vaskuläre, fibröse und libroadenomatöse, gibt letztere das 
geeignetste Material für die Prostatektomie ab. Allerdings ist die 
genaue Diagnose nicht immer leicht. 

Die Pathologie der Gicht von C. Watson. 

Redner hat bei 8 Hühnern Fütterungsversuche gemacht, in¬ 
dem er dieselben bis zu 15 Monate lang bloss mit rohem Fleisch 
und Wasser ernährte. Nach 9 Monaten waren die Resultate 
folgende: 2 Thlere waren binnen 4 Monaten krepirt (oder man war 
gezwungen gewesen, sie zu tödten). Dieselben hatten ln akuter 
Weise Ataxie, Paraplegie und Koma dargeboteu. Bei 5 anderen 
waren keine so schweren Störungen zu bemerken gewesen, 
während das letzte Versuchsthier 2 ähnliche, aber nicht ganz so 
schwere Attacken durchmachte und schliesslich beim Herannahen 
einer dritten Attacke getödtet wurde. Dabei zeigte W. ein Photo¬ 
gramm von den Füssen eines Huhns, das angeblich an echter Gicht 
erkrankt war, indessen wurde nachgewiesen, dass dabei eine 
lokale Infektion vorlag. Philipp!- Bad Salzschlirf. 


Auswärtige Briefe. 

Berliner Briefe. 

(Eigener Bericht) 

Berlin, den 6. Februar 1902. 

Die „metaphysische Heilmethode“ vor den Parlamenten. 
— Die Berliner Krankenhäuser. — Die Zustände im Kranken¬ 
hause zu Lichterfelde. 

Die neueste und haarsträubendste Form spekulationswüthiger 
Kurpfuscherei, welche unter dem Namen „metaphysische Heil¬ 
methode“ schon seit geraumer Zeit hier ihr Wesen treibt, ist 
nunmehr auch in der Berliner Stadtverordnetenversammlung und 


bald darauf auch im Reichstage zur Sprache gekommen. Alle 
Redner waren darin einig, dass gegen solchen Unfug auf das 
Energischste eingeschritten werden müsse, und gaben ihrer Ent¬ 
rüstung darüber Ausdruck, dass der Direktor einer städtischen 
höheren Lehranstalt die Aula zur Abhaltung der Gebetheilungen 
hergeben konnte. Besonders war es der Stadtverordneten¬ 
vorsteher Dr. Langerhans, der mit erregten Worten gegen 
die Vorgänge protestirte, die seinem innersten Gefühle nach die 
Stadt kompromittiren. Selbstverständlich ist die Aula für die 
Zwecke, des Eddyismus sofort nach Einreichung der diesbezüg¬ 
lichen Interpellation untersagt worden; es ist aber bezeichnend, 
dass selbst hochgebildete Männer den Humbug als solchen nicht 
sofort erkennen und ihn bewusst oder unbewusst fördern. Durch 
die öffentliche Besprechung der Angelegenheit ist die allgemeine 
Aufmerksamkeit auf sie gerichtet worden; man erfuhr, dass die 
Vorsteherin des Instituts zusammen mit einigen anderen Damen, 
also mit einem Stab von Assistenten, zwei grossartig ausgestattete 
Wohnungen, also Privatkliniken, zur Verfügung habe, dort mit 
einem luxuriösen Apparat von Empfangssalons und galonirten 
Dienern ihre „Praxis“ betreibe und ihre „Patienten“, die zum 
grösseren Theile den besten Ständen angehören, gesund bete oder 
beten lasse. Man sieht also, dass das Geschäft sich in recht 
lukrativer Weise entwickelt hat; wahrscheinlich aber hat es seinen 
Zenith bereits überschritten; denn sobald die Öffentlichkeit mit 
profaner Hand den Schleier des geheimnissvollen Wunders ge¬ 
lüftet hat, pflegt die Zahl derer, die nicht alle werden, sich zu 
vermindern, und auch die Scheu vor dem Ausgelachtwerden 
dürfte den Zudrang verringern. Die Beurtheilung, welche die 
Sache im Reichstage fand, unterschied sich natürlich in nichts 
von der in der Berliner Stadtverordnetenversammlung; auf das 
Verlangen, dem verderblichen Treiben zu steuern, konnte aber 
der Staatssekretär nur antworten, dass es nur dann gesetzliche 
Handhaben gebe, um gegen die Kurpfuscherei einzuschreiten, 
wenn sie mit betrügerischen Mitteln betrieben würde. Da bei 
der „metaphysischen Heilmethode“ trotz der allgemeinen Ent¬ 
rüstung ein Betrug im gesetzlichen Sinne schwerlich nachzu¬ 
weisen, ein Paragraph des Strafgesetzbuches also nicht dagegen 
anzuwenden sein wird, so könnte der ganze Vorgang als ein 
weiterer Beweis für die Nothwendigkeit eines Kurpfuscherei¬ 
verbotes gelten. 

In derselben Rcichstagssitzung kamen auch noch andere 
Dinge zur Sprache, die für den ärztlichen Stand von Interesse 
sind; es wurde die unzureichende Besoldung der Wärter und der 
daraus entspringende Mangel an Zuverlässigkeit gerügt; es wurde 
getadelt, dass 16—17 jährige Mädchen mit der Pflege Syphili¬ 
tischer betraut werden, und es wurde die Schwestemfrage im All¬ 
gemeinen erörtert. Schwere Anklagen wurden besonders gegen 
die Berliner Krankenhäuser erhoben, und als Beispiel ein Fall 
erwähnt, in dem durch einen Schwamm, mit dem ein gonorrhoe- 
krankes Kind gewaschen war, die Krankheit auf andere Kinder 
übertragen wurde. Es konnte für die Mehrzahl der erhobenen 
Vorwürfe sofort die Antwort ertheilt werden, dass sie sich als 
unbegründet erwiesen haben. Ueber den speziellen Fall ist eine 
Untersuchung eingeleitet, deren Ergebniss noch nicht vorliegt. 
Sollte er sich bestätigen, so würde er die allerschärfste Verurtei¬ 
lung verdienen .aber er würde doch immer nur als ein ganz ver¬ 
einzelter Ausnahmefall dastehen, der das hohe Ansehen, in wel¬ 
chem gerade die Berliner Krankenhäuser stehen, in keiner Weise 
beeinträchtigen könnte. Unsere Krankenhäuser sind fast sämmt- 
lich Musteranstalten, von denen die fremden Aerzte, welche sie 
besuchen, nur mit dem Ausdruck uneingeschränkter Anerkennung 
und Bewunderung sprechen. Die Stadt Berlin stattet ihre Ho¬ 
spitäler in geradezu glänzender Weise aus; es ist ein neues 
Krankenhaus im Bau begriffen, welches eine Musteranstalt aller¬ 
ersten Ranges wird; und die Aerzte, welche an den Kranken¬ 
häusern wirken, stehen, wie von allen Seiten betont wurde, durch¬ 
aus auf der Höhe ihrer Wissenschaft und ihrer Berufspflicht. 
Wenn allgemeine Anschuldigungen erhoben werden, so sind sie, 
auch wenn sie noch so unbegründet sind, nach dem Grund¬ 
satz „semper aliquid haeret“ nicht immer gänzlich aus der Welt 
zu schaffen; es ist darum vielleicht nicht überflüssig, auch an 
dieser Stelle an das Ansehen zu erinnern, welches unser Kranken¬ 
hauswesen im In- und Ausland mit Recht genieast. 

Doch soll auch die Ausnahme, welche die Regel bestätigt, 
nicht unerwähnt bleiben. In Lichterfelde, einem ansehnlichen 


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11. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


259 


Vorort Berlins, ist vor nicht langer Zeit ein neues Krankenhaus 
erbaut worden, in dem recht eigenthümliche Zustände herrschen. 
Eines Tages wurde bekannt, dass die Schwestern einfach gestreikt 
hatten; als Ursache stellte sich heraus, dass sie nicht gewillt 
waren, den Anordnungen der Aerzte Folge zu leisten, sondern 
selbst das Regiment zu führen beanspruchten. Die Kranken¬ 
pflege wurde anderweitig geregelt, und man konnte darüber zur. 
Tagesordnung übergehen. Es verging einige Zeit, und man er¬ 
fuhr, dass der dirigirende Arzt der chirurgischen Abtheilung, 
Prof. Schleich, sein Amt niedergelegt habe. Für den Ein¬ 
geweihten war diese Nachricht nicht sonderlich überraschend, 
denn man erinnerte sich daran, dass der Leiter der inneren Ab¬ 
theilung Prof. Scbweninger war, ein Arzt, der sich als 
Leibarzt des Fürsten Bismarck Verdienste erworben hatte, im 
Uebrigen aber die Auffassung seiner Standesgenossen von wissen¬ 
schaftlicher Heilkunde und ärztlichen Standesrücksichten nicht 
theilt. Zwischen ihm und Schleich war es zu Kompetenz¬ 
streitigkeiten gekommen, denn er beanspruchte nicht weniger 
und nicht mehr, als das Recht eines Obergutachtens über 
die chirurgischen Patienten. Ohne seine Einwilligung sollte kein 
Patient operirt werden. Dass ein dirigirender Arzt, auch wenn 
er nicht die Bedeutung Schleie li’s hat, sich solchem Ansinnen 
nicht fügen würde, war klar, und so ist denn die Stelle eines 
Chirurgen am Liehterfelder Krankenhause unbesetzt. Jetzt 
fingen aber auch die Aerzte des Ortes und der Umgegend, welche 
aus lokalen Gründen in die Lage kommen, ihre Kranken diesem 
Krankenhause zu überweisen, an, sich mit den dort herrschenden 
Zuständen zu beschäftigen, und dabei erfuhr man, dass im 
Lichterfelder Krankenhause die Diphtherie-Mortalität, die ebenso 
überraschende wie erschreckende Höhe von beinahe 60 Proz. er¬ 
reicht hatte zu einer Zeit, w r o sie in den anderen Krankenhäusern 
in und um Berlin 12—17 Proz. betrug. Der Leiter der Anstalt 
ist neben seinen sonstigen Eigenschaften auch ein strenger Gegner 
der Serumtherapie. Das ist ja sein gutes Recht, und das hat 
er ausschliesslich vor sich und seiner Vorgesetzten Behörde zu 
verantworten; aber ebenso ist das gute Recht der anderen Aerzte, 
ihre Kranken von einem Krankenhause fernzuhalten, in dem 
Grundsätze herrschen, welche zu den ihrigen und zu den allge¬ 
meinen medizinischen im Gegensatz stehen, zum wenigsten aber 
solche Kranke nicht hinzuschicken, von denen sie die Ueber- 
zeugung haben, dass sie dort schlecht aufgehoben sind; das sind 
die Diphtheriekranken, denen der Segen der Serumbchandlung 
dort nicht zu Theil wird, und die chirurgischen Patienten, welche, 
soweit Herr Schweninger es für gut befindet, von einem 
ganz jungen, in der Chirurgie spezialistisch nicht genügend aus¬ 
gebildeten und erfahrenen Kollegen operirt und behandelt werden. 
Dem Landrath des Kreises ist die mangelhafte Besetzung des 
Krankenhauses, zu einer Zeit, wo alle anderen überfüllt sind, 
sehr unbequem, und er hat dafür die Aerzte der Gegend verant¬ 
wortlich gemacht, denen er persönliche Animosität gegen Herrn 
Schweninger als Beweggrund ihres Handelns unterschob. 
Um sich von diesem Vorwurf zu reinigen, wählten sie die Flucht 
in die Oeffentlichkeit, und dieser Weg war erfolgreich. Die öffent¬ 
liche Beleuchtung der Zustände wird aber hoffentlich auch bald 
zu ihrer Aenderung führen. M. K. 


Wiener Briefe. 

(Eigener Bericht) 

Wien, 8. Jänner 1902. 

Ein Promemoria der philosophischen Fakultät. — Er¬ 
klärungen des Unterrichtsministers. — Ein Arzt wegen Kur¬ 
pfuscherei verurtheilt. — Die Lumbalpunktion zur Differen- 
zirung von Hirnabszess und eiteriger Hirnhautentzündung. 

Die philosophische Fakultät der Wiener Universität 
hat jüngst ein Promemoria ausarbeiten und der Regierung über¬ 
reichen lassen, in welchem der successive Niedergang dieser Fa¬ 
kultät ausführlich dargelegt wird. In dieser Denkschrift wird 
auch der mangelhafte Zustand fast aller Institute und Labora¬ 
torien dieser Fakultät beschrieben und darauf verwiesen, dass 
einzelne Institute, so das für systematische Botanik, für experi¬ 
mentelle Psychologie, fürbiologischeDisziplinen etc. an derWiener 
Hochschule überhaupt gar nicht existiren. Die Regierungen der 
letzten Jahrzehnte haben eine schwere Schuld auf sich genommen, 
dass sie der Wissenschaft in allen maassgebenden Kreisen die ihr 
gebührende Achtung nicht zu verschaffen vermocht haben; erst 


wo diese Achtung fehlt, fehlen auch die Mittel. Kann oder 
will der Staat den geschilderten Uebelständen nicht abhelfen, 
dann.müsse man darauf verzichten, eineüniversität ersten Ranges 
zu besitzen und kann sich die Mühe von Berufungen erster Kräfte 
ersparen. 

Im Budgetausschusso unseres Abgeordnetenhauses nahm der 
Unterrichtsminister Dr. v. H a r t e 1 dieses Promemoria zum An¬ 
lass, um über unsere Hochschulen im Allgemeinen zu sprechen. 
Er bemühte sich hiebei, manche Klagen als übertrieben, manchen 
Vorwurf als unverdient hinzustellen, musste aber zugeben, dass 
eine der wesentlichsten Klagen des Promemorias, die schlechte 
Unterbringung, sowie der Mangel an entsprechend eingerichteten 
Laboratorien, vollkommen berechtigt sei. Früher sei es viel ärger 
gewesen — eine nette Entschuldigung —; das biologische Institut 
werde gebaut werden, wann — wisse er freilich nicht etc. 

Wann die krassen Uebelstände, welche hinsichtlich der 
Institute und Laboratorien der Wiener medizinischen 
Fakultät existiren, endlich beseitigt werden, das hat der Minister 
bei diesem Anlasse unerörtert gelassen. In No. 4 dieser Wochen¬ 
schrift meldeten wir, dass das Unterrichtsministerium angeordnet 
habe, den Neubau eines hygienischen Institutes samrnt bakterio¬ 
logischem Laboratorium in beschleunigter Weise auszuführen und 
dass die Arbeiten hiezu bereits in Angriff genommen wurden. 
Leider bestätigt sich diese Mittheiluug nicht. Es ist gar nicht 
abzusehen, wann mit dem längst versprochenen Neubau dieses 
Instituteswirklich begonnen werden wird. Der Unterrichtsminister 
sollte aber wissen, dass das jetzige hygienische Institut der 
Wiener Universität geradezu ein Hohn auf die Hygiene ist, dass 
es weder den Bedürfnissen des Unterrichtes, noch denen der For¬ 
schung entspricht. Aehnliches könnte man auch von anderen 
Instituten unserer Fakultät sagen, doch ist dies schon so oft ge¬ 
sagt worden, dass inan es für absolut zwecklos hält, es im Ein¬ 
zelnen nochmals zu wiederholen. 

ln No. 3 dieser Wochenschrift haben wir die Geschichte er¬ 
zählt, wie ein Arzt in Verbindung mit einem „Wunderdoktor“ — 
Kurpfuscherei trieb und sieh gegenüber der niederöster¬ 
reichischen Acrztekammer damit rechtfertigte, dass er lediglich 
Suggestivbehandlung betreibe. Jüngst war dieser Arzt, Dr. 
Zaraara aus Wollinannsberg, mit seinen zwei Handlangern, 
Josef und Theresia II i 1 d w e i n, vor dem Bezirksgerichte in 
Stockerau wegen Kurpfuscherei angeklagt. Nach Einvernahme 
von 24 Belastungszeugen aus allen Theilen Niederösterreichs 
ging der Richter mit einem Schuldspruche vor und verurtheiltc 
Josef H i 1 d w c i n zu 5, Theresia Hildwein zu 3 Monaten, 
den Dr. Z. zu 14 Tagen Arrest. Der gelehrte Richter liees sich 
offenbar vom Kollegen Dr. Z. nicht suggeriren, dass die Ver¬ 
bindung eines „Wunderdoktors“ mit einem approbirten Arzte 
eine nothwendige oder auch nur erspriesslicho Sache sei, ja er 
verurtheiltc sogar diese Kompagniearbeit als eine schädliche und 
ungesetzliche. Und dies mit Rocht! 

In unserer Gesellschaft der Aerzte gab es letzthin eine recht 
anregende Debatte über die Differenzirung von Himabszess und 
Meningitis purulenta resp. über den Werth der Lumbalpunktion 
als Behelf für die Differentialdiagnose. Wir wollen diese Dis¬ 
kussion in grossen Umrissen wiedergeben. Der Assistent der 
Ohrenklinik, Dr. Hugo Frei, stellte zwei Männer vor, die durch 
chirurgische Eingriffe von einem Schläfelappenabszesse resp. 
Extraduralabszeese der mittleren Schädelgrube befreit wurden. 
Der Redner wies hiebei auf die grossen Schwierigkeiten der 
exakten Diagrnose hin. In beiden Fällen war der chirurgische 
Eingriff, die Eröffnung und die Exploration des Gehirnes, als 
ein lebensrettender Akt zu bezeichnen. Im ersten Falle wurde 
nach Freilegung der Mittelohrräume und Aufmeisselung des 
Tegmen tympani und antri, sowie nach Entfernung eines Theiles 
der Schläfebeinschuppe die vorliegende Dura gespalten, sodann 
der Schläfelappen des Gehirnes punktirt, wobei ein grosser Ab¬ 
szess entleert wurde. Im zweiten Falle wurde, da man den Eiter 
im Gehirne nicht sofort entdeckte, das Gross- und Kleinhirn 
7 mal inzidirt, bis endlich der Eiter aus der mittleren Schädcl- 
grube, zwischen Dura und Knochen, zum Vorschein kam. Beide 
Kranke sind inzwischen geheilt. Die zwei Fälle zeigen, dass die 
Indikation für diese schweren Eingriffe bestehe, wenn man auch 
nur vermutliet, dass eine solche Komplikation vorliegc und dass 
der vortheilhafteste Weg zur Aufsuchung otitischer Abszesse 
nicht der von aussen (von den seitlichen Wandungen des Schä¬ 
dels) sei, sondern derjenige, bei welchem man von den frei gelegten 


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260 


MtTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 6. 


Mittclohrräumcii hu« vordringt. um (Isis Gehirn von der Basis her 
zu erreielien. 

Nun wies Dozent Dr. A. Schiff darauf hin, dass die Er¬ 
folge der chirurgischen Eingriffe bei otitischen Hirnabszessen 
grösser sein würden, wenn eben die Differentialdiagnose gewisser 
Prozesse (Meningitis purulenta, Ilimabszess, Sinusthrombose, , 
sog. Meningitis serosa) exakt gemacht werden könnte. Es kommt 
aber leider nicht selten vor, dass Patienten mit einem operablen 
Ilirnabszess nicht zur Operation und damit auch nicht zur 
Heilung gelangen, weil eben bei ihnen die Diagnose irrthümlieh 
auf Meningitis gestellt wurde. Die Lumbalpunktion ist 
ein sicheres Mittel, welches uns zur Differenzirung von eiteriger 
Meningitis einerseits und Himabszess resp. Thrombose anderer¬ 
seits verhilft. Schiff hat. während der letzten zwei Jahre in 
zweifelhaften Fällen dieser Art theils an der III. medizinischen 
Klinik, theils an der Ohrenklinik des Ilofrath Politzer recht 
häufig die Lumbalpunktion vorgenommen und kein einziges Mal 
eine Enttäuschung erlebt. Sehr oft wurde auf Grund der 
Lumbalpunktion die Differentialdiagnose zwischen Hirnabszess 
und Meningitis gestellt, sogar gegen die Ansicht erfahrener 
Neurologen, und der bei Hirnabszessen vorgenommene operative 
Eingriff ergab die Richtigkeit der von ihm auf Grund des Punk- 
tionsergebnisses gestellten Diagnose. Wenn auch von Mac- 
e w e n u. A. mehrere Fälle mitgetheilt wurden, bei welchen Him- 
abszesse trotz bereits bestehender Meninigitis mit Erfolg operativ 
angegangen wurden, so würde dies allenfalls zur Erweiterung 
der Indikationen zur Operation führen, so dass man bei Hirn¬ 
abszessen auch dann noch operiren würde, wenn auch nachweis¬ 
lich schon eine Meningitis bestehe. Vorderhand handle es sich 
aber darum, dass Hirnabszesse nicht unoperirt bleiben, nur weil 
man fälschlich die Diagnose auf Meningitis gestellt habe. 

Die folgenden Redner sprachen theils für, theils gegen 
die Lumbalpunktion. Dozent Dr. Victor Hammerschlag 
(Ohrenarzt) spricht der Punktion natürlich nicht den rein wissen¬ 
schaftlichen Werth ab, weist aber darauf hin, dass auch die 
universelle, eiterige, otogene Meningitis operativ heilbar sei, wie 
Prof. Graden igo in Turin naehgewiesen habe. — Professor 
Redlich führte Fälle'von tuberkulöser Meningitis und Ence¬ 
phalitis an, welche die Diagnose erschwerten, da sie. bei Individuen 
auftraten, welche an eiterigen Ohrenentzündungen litten. Die 
Lumbalpunktion ist überdies kein so harmloser Eingriff, es kann 
Exitus danach eintrefen. In einem Falle stellte Redlich, da 
Fieber nicht vorhanden war, die Diagnose auf Abszess, da be¬ 
kanntlich die sonstigen, hier in Betracht kommenden cerebralen 
Prozesse mit Fieber einhergehen. — Dr. Robert Breuer hebt 
die Komplikation von Meningitis tubereulosa und cerebralen 
Komplikationen der Otitis schärfer hervor, plädirt für die 
Lumbalpunktion, um eben auch die (derzeit unheilbare) tuber¬ 
kulöse Meningitis mit Sicherheit, ausschliessen zu können und 
hielt die Lumbalpunktion schliesslich nach den bisherigen Publi¬ 
kationen für ungefährlich, wenn man eben vorsichtig vorgehe. 
Zum Schlüsse ergriff noch Hofrath Gussenbaucr das Wort, 
um darauf hinzuweisen, dass in der Behandlung der Meningitiden 
die Zukunft der chirurgischen Therapie gehöre. Hinsicht¬ 
lich der eiterigen Meningitis liegen bereits günstige Erfahrungen 
vor, aber auch bezüglich der tuberkulösen Form solle man nicht 
alle Hoffnung aufgeben, man wisse noch nicht, was da die Zu- 
sunft bringen werde. Hat man eine Otitis mit schweren Cerebral¬ 
erscheinungen nachgewiesener oder wahrscheinlicher Menin¬ 
gitis oder ohne eine solche vor sich — für alle Fälle solle man 
chirurgisch eingreifen, um den Kranken möglicher Weise zu 
retten. 


Berliner medicinische Gesellschaft 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 5. Februar 1902. 

Demonstrationen: 

Herr Xoenig: 2 Fälle von Plastik nach Trachealdefekten 
bei Kindern im Anschlüsse an Diphtherie. 2 Fälle von Hypo¬ 
spadie, operirt nach Beck’s Vorgang. — Geheilter Fall von enger 
Striktur. 

Herr M. Sothmann: Zwei Pälle von Hemiatrophia 
facialis; einer angeboren, einer erworben. Hinweis auf Mendel'» 
Befunde von Neuritis des Trigeminus und Tumoren an diesem 
Nerven bezw. des Sympathikus. 


Diskussion: Herr J. Israel hat die H. f. einmal nach 
einer Otitis media mit Facialisparese entstellen sehen; die Facialis- 
parese ging zurück, die Atrophie der Gesichtshälfte schritt fort: 
Ursache vielleicht in den den Facialis begleitenden Sympathikus- 
fasern zu suchen. 

Tagesordnung: 

Herr G. Kroenig: Zur Lumbalpunktionsbehandinng 
eitriger meningealer Exsudate. (Demonstration.) / 

Demonstration eines jungen Mannes, der vor einigen Wochen 
mit Erscheinungen der S p i u a 1 m e n i n g i t i s von Kr. behandelt 
worden war. Lumbalpunktion batte eiterige Flüssigkeit mit 
500 mm Druck uud Weichsel baum-JUgo r’sche Meningo¬ 
kokken ergeben. 

Vorübergehende Besserung nach der Punktion; nach 2 Tagen 
Wiederholung nöthlg: es kamen diesmal nur einige Tropfen dick¬ 
lichen Eiters. Zu dessen Verdünnung werden nun ca. 1 ccm 
steriler Kochsalzlösung i n s t i 11 i r t, worauf der Eiter im Strahle 
abfloss; Wiederholung dieser Instillation bis im Ganzen ca. G ccm 
Instillirt waren. Befinden besser. Nach 2 Tagen Wiederholung 
der Punktion. Flüssigkeit klarer, nach weiteren 4 Tagen diesellx* 
makroskopisch und mikroskopisch normal aussehend. 

Vortragender stellt 3 Sätze im Anschluss an diesen Fall auf: 

1. War die Instillation nüthig? Er glaubt, dass die Resorp¬ 
tion des dicken Eiters ohne die durch die Instillation geübte Ver¬ 
dünnung nicht möglich gewesen wäre und dass es zur Entwicke¬ 
lung von Schwarten, also zu chronischer Meningitis gekommen 
wäre. 

2. Diese Instillationen sind ungefährlich. 

3. Sie wirken bei der spinalen Form, nicht aber bei 
der zerebralen Form der cp. Meningitis. 

Diskussion: Herr P. Jako l>: Derselbe vermisst die Er¬ 
wähnung seiner eigenen mul der Leyden"sehen Mittheiluugeu 
über die lumbale Einverleibung von Medikamenten. Kr glaubt 
ferner, dass nicht bloss bei der spinalen, sondern auch bei der 
zerebralen Form diese Injektion nützlich sein kann, da nach seinen 
Versuchen die Flüssigkeit sehr wohl in's Gehirn kommen kaun. 
Er halle bis zu 20 ccm Kochsalzlösung und eine sehr dünne 
Karhollüsuug injizirt. In 2 von 8 Fällen von eiteriger Meningitis 
wurden damit gute Erfolge erzielt. 

Man soll aber den Eiter nicht bloss verdünnen wollen, sondern 
den ganzen Arachnoldalsack a u s w a s e li e n. Gefahr ist. dabei 
nicht vorhanden. Die Frage nach der Notliwendigkeit dieser In¬ 
stillation glaubt auch er bejahen zu können. 

Herr A. Fraenkel: Eine Auswaschung halte er in 
solchen Fällen für undenkbar; man solle sieh nur die anatomischen 
Verhältnisse vorstellen, wie der Eiter in alle feinen Buchten uud 
Falten eindringt. Wirksam sei ln*i der Lumbalpunktion nur die 
I) r u c k e n 11 a s t u n g. die sieli besonders l»ei der serösen Me¬ 
ningitis (Q u 1 u c k e) nützlich erweise. Die epidemische 
Meningitis purulenta heile gar nicht so selten ohne 
jeden Eingriff, so seien im Krankenhaus am Urban ln der letzten 
Zeit 4 Fälle zur Heilung gelangt, ohne Instillation und 
ohne Auswaschung. In einem dieser geheilten Fälle waren die 
Erscheinungen von Seiten des Gehirns ausserordentlich schwer 
und der Druck zeigte sich bei der Lumbalpunktion 1000 mm hoch! 
. Herr S e n a t o r: Er glaubt ebenfalls nicht, dass eine Ver¬ 
änderung des Eiters im K r ö n i g'sehen Falle .stattfand, sondern, 
wie aus der Beschreibung des Vorganges ersichtlich, war mir 
eine Verstopfung der Kanüle durch die Wassereinträufelung 
beseitigt worden. Symptomatisch Ist die Lumbalpunktion 
sehr werthvoll, vielleicht auch noch zur Einführung von Arznei¬ 
mitteln. worüber ilnn Jedoch eigene Erfahrungen mangeln. 

Herr Fürbringer: Die epidemische Meningitis heilt mit 
und ohne Lumbalpunktion. 

Herr Kroenig: Er habe in seinem Falle mit der Instillation 
die eiterige Flüssigkeit nur mobil niaeheu wollen. 

Diskussion zum Vortrage des Herrn Eosi 

mann: lieber Tödtung des Fötus. 

Herr Bruno Wolff: In der geburtshilflichen Poliklinik der 
Charitö wurden in den letzten Jahren 47 Ivraniotomlen gemacht, 
mit 3 Todesfällen; von diesen starben 2 durch spontane Uterus¬ 
ruptur uud 1 an schon vor dem Eingriff eingetretener Sepsis. 
Die Prognose sei also sehr günstig und man könne damit den 
Kaiserschnitt gar nicht vergleichen. 

Herr DUhrssen: Die juristischen Gründe seien von den 
Diskussionsrednern zu leicht genommen worden. So seien K a - 
miner's Indikationen (Tuberkulose) von Ahlfeld bekämpft 
worden. Herr Ko ss mann habe den vaginalen Kaiserschnitt 
nicht genügend gewürdigt, der öfters in Frage komme. 

Iledner geht dann auf die juristische Seite nochmals ein und 
will einen speziellen Fall in die Debatte ziehen, worauf ihm der 
Vorsitzende v. Bergmann das Wort entzieht. 

Fortsetzung der Diskussion vertagt. Hans Ko ho. 


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11. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


261 


Verschiedenes. 

Aus den Parlamenten. 

Deutscher Reichstag. 

Die Verhandlungen des Reichstages in der letzten Zeit bc- 
sehiiftigten sich vielfach auch mit ärztlichen Fragen. Unter den¬ 
selben kam — höflich bleiben die Männer doch immer — die Frage 
des Frauenstudiums zuerst zur Besprechung. Der Abgeordnete 
M U 11 e r - Meiningen wünschte eine einheitliche Regelung für das 
ganze Reich und bezeiehuete es mit Recht als unhaltbar, wenn 
jede einzelne Universität. Jede Fakultät oder jeder Professor das 
Recht habe über die Zukunft jeder studirendon Dame eigenmächtig 
zu entscheiden. Der Abgeordnete Prinz Sch ö u a i e li-C a r o 1 a t h 
weist in erster Linie die Frau allerdings in’s Haus; doch möge 
eine Frau, die die Fähigkeit zum Lernen und Lehren habe, 
darüber hinausgehen; vor der Gründung einer Frauen-Uulversität 
möchte er warnen, da sie leicht der Lächerlichkeit anheimfallen 
könne, und die Studentinnen als Hörerinnen zweiter Klasse be¬ 
handelt werden könnten. Doch sollte den Damen, so lange sie 
nicht zur Immatrikulation zugelassen werden, wenigstens der Zu¬ 
tritt zur Universität nicht erschwert werden. Der Staatssekretär. 
Graf Posadowsky, machte zunächst geltend, dass den Damen 
die Möglichkeit, Medizin zu studiren, wesentlich erleichtert worden 
sei. und dass sie sogar, auf Grund einer Vorbildung im Auslande, 
die medizinische Prüfung in Deutschland ablogen könnten, dass 
dagegen die Regelung des Universitätsstudiums Sache der Landes¬ 
regierungen sei. Die Anschauungen über das Universitätsstudium 
der Frauen seien noch sehr getheilt; während einzelne Universi¬ 
täten und Professoren ohne Weiteres die Damen zu ihren Kollegien 
zulassen, verhielten sich andere absolut ablehnend und zwar aus 
wissenschaftlichen und ethischen Gründen. Mit einer verständigen, 
ruhigen Aufklärung werde sich mehr erreichen lassen als im Wege 
der Gesetzgebung. 

Was den ärztlichen Beruf betrifft, so haben ja auch wir 
Aerzte, die die schweren Pflichten und Sorgen dieser Thätlgkeit 
am besten kennen, sehr verschiedene Ansichten. Keinesfalls ist 
es die Besorgniss vor der Konkurrenz, welche die ablehnende 
Stellung des Aerztetages veranlasste. Frauen, die diesen Beruf 
wirklich ausftillen können, werden immer nur wenige sein, jeden¬ 
falls bleibt es verwunderlich, dass man, abgesehen von der phar¬ 
mazeutischen, gerade die ausserordentlich verantwortungsvolle 
ärztliche Laufbahn den Frauen eröffnet hat, die anderen Berufe 
aber noch ängstlich ihnen verschliesst. 

Auch auf einem anderen Gebiete, bei der Erweiterung des 
Univeraitätsstudiums für die Abiturienten der Realgymnasien, hat 
man es für richtig gehalten, gerade bei der Medizin anzufangen. 
Die Befürchtung, dass hiedurch ein noch grösserer Zudrang zum 
medizinischen Studium stattflnde. und die Ueberfüllung des ärzt¬ 
lichen Standes noch zunehme, wird dadurch etwas geringer, dass 
nach der Erklärung des Grafen Posadowsky das preussische 
Staatsministerium beschlossen hat, die Abiturienten der Real¬ 
gymnasien und Oberrealscbulen zum juristischen Studium zu¬ 
zulassen. Hoffentlich folgen die anderen deutschen Bundes¬ 
regierungen bald nach, am besten in der Art, dass sie ihnen alle 
Studienfächer freigeben. 

Dass auch für das thierärztliche und pharmazeutische Studium 
künftig der Nachweis der Gymnasialreife gefordert werden soll. 
Ist wohl weniger aus sachlichen mit dem Berufe zusammen¬ 
hängenden Gründen veranlasst als durch das Streben nach einer 
Gleichstellung mit den übrigen Hoehschulfilchern. 

Der Abg. Lenzmann brachte wiederum den Antrag ein: 
..I>ie verbündeten Regierungen zu ersuchen, baldigst einen Gesetz¬ 
entwurf vorzulegen, welcher die Grundsätze feststellt, wodurch 
die Aufenthaltsverhältnissc uud die Aufnahme von Geisteskranken 
in Irrenanstalten, sowie die Entlassung aus denselben rciclisge- 
setzlich geregelt werden“, und begründete ilin mit der Wichtigkeit 
der Materie, und mit dem Hinweis auf einzelne Vorkommnisse, 
in denen Personen zu Unrecht in der Anstalt zurückgehalten 
wurden, oder das Vorhandensein der Geistesstörung zweifelhaft 
war. Der Staatssekretär Graf Posadowsky konnte feststellen, 
dass ln den früher von Le uzmann erwähnten Fällen die That- 
sachen sieh wesentlich anders verhielten, als Lenzmann sie 
dargestellt hatte und warnte davor, alle Mordgeschichteu, die 
man über die Irrenanstalten erzähle, zu glauben; die preussisehen 
Regierung habe sich bisher gegen eine reichsgesetzliche Regelung 
ausgesprochen, da die bestehenden Vorschriften über das Ent¬ 
mündigungsverfahren u. s. w. ausreichende Kamelen gegen eine 
widerrechtliche Interuirung Geisteskranker gewähren. Sollte der 
Reichstag diesen Antrag abermals annehmcu, so werde er sich 
wiederum mit der preussisehen Regierung, zugleich auch mit den 
anderen Bundesregierungen Uber diese Frage in Verbindung setzen. 

Wie früher, brachte auch diesmal wieder der Abg. A n t r i c k 
eine Reihe von Beschwerden über Krankenhäuser vor; es bestände 
ein grosser Mangel an solchen, namentlich in den kleinen Mittel¬ 
städten und auf dem platten Lande: manche seien sehr schlecht 
ausgestattet; die Stellung der Wärter lasse, in Folge der mise¬ 
rablen Bezahlung, Ihrer langen Arbeitszeit und schlechten Behand¬ 
lung, viel zu wünschen übrig; die Schwesternpflege sei zu re- 
formlren, die meisten Krankenhausärzte seien zu sehr auf die 
Privatpraxis angewiesen und sehr schlimm stehe es mit den 
Krankenhäusern, wo die Olwriunen, nicht die Aerzte, das ent¬ 
scheidende Wort führen. Eine Reihe von detallirten Angaben 
sollten diese Ausführung belegen. Der Staatssekretär. Graf 
Posadowsky, hatte auf die Im vorigen Jahre vorgebrnchten 
Beschwerden eingehende Revisionen veranlasst, und erklärte auf 


Grund derselben die gegen die Berliner Charite und die Klinik in 
der Ziegelstrasse erhobenen Beschwerden als völlig unbegründet. 

' erkannte dagegen die Beschwerden bezüglich anderer Stadt»* uud 
Anstalten zum Theil als begründet an. Dass bezüglich des Wärter- 
personales noch grosse Mängel vorhanden sind und noch viel zu 
leisten ist, gab er zu und nahm die »leutsclien Aerzte, »li«* in Folge 
ihrer wissenschaftlichen Durchbildung und wegen ihrer Gewisscn- 
| liaftigkcit vorbildlich seien, in Schutz. 

Auch der, in der Tagespresse b«*reits ausführlich besprochen«*. 

' Unfug des Gesumlb»*t»*ns kam int Reichstage zur Sprache. Der 
: Staatssekretär vrkläite in Bezug hierauf, dass er für die sogen, 
i christliche Wissenschaft des Gesund bet ons keim* Sympathie ha Im*. 

! staatliche Maassnalnnen jedoch die Irrthiinier nur vertiefen 
könnten: gegen Kurpfuscherei mit betrügerischen Mittein biete «las 
Strafgesetzbuch geeignete Handhaben. 

Gegenüber «len Klagen über das Gchciimuittcl- und Kur¬ 
pfuscherwesen glaubte der Staatssekretär, es der Intelligenz des 
Publikums überlassen zu miiss«*n. selbst die Auswahl zu traffen 
uud sich vor schwindelhaften Unternehmungen zu schiitz«*n; auf 
allen Gebieten könne «1er Staat nicht die Stelle der Kinderfrau 
spielen; vor solchen schwindelhaften Unternehmungen sei so oft 
gewarnt worden, dass es sich schliesslich Jeder selbst zuselireiben 
müsse, wenn er noch darauf hineinfalle. 

Wenn es sich hier lediglich um die Abwendung pekuniärer 
Nuchtheilo handeln würde, könnte mau diese Auffassung theilen 
und es jedem einzelnen Staatsbürger getrost überlassen, durch 
Schilden klug zu werden. Aber bei dem Treiben der Kurpfuscherei 
handelt es sich auch um erhebliche, «>ft nicht wieder gut zu 
machende. Schädigungen für L«*ben und Gesundheit. Wenn die 
Reiohsragierung es für erforderlich erachtet hat. die Erthoiluug 
von Tanz-, Turn- und Schwimmunterricht, sowie den B«*triel> von 
Badenustalten, ferner «len Trödelhan«!«*!, «len Kleinhandel mit Garn¬ 
oder sonstigen Abfällen, den IInud«*l mit Loosen, die gewerbs¬ 
mässige Besorgung fremder Rochtsaiigelegenheiten oder Aus- 
kunftsertheilung, den Handel mit Vieh und mit ländlichen Grund- , 
stücken, die Geschäfte «l«*r Vermittelungsagenteu u. s. w. u. s. w. | 
zu untersagen, wenn <lie Unzuvi*rliissigkeit des Gewerbetreibenden 
in Bezug auf diesen Gewerbebet rieb dargetlmu ist (§ 35 der Reichs- j 
gewerheordnung), so wäre cs noch in viel höherem Maasse eine 
Pflicht der Reichsregierung, da einzuschreiten, wo bei dem Mangel i 
jeglicher Vorbildung, bei «1er so oft erwiesenen betrügerischen 
Ausbeutung und der unverantwortlichen Gewissenlosigk«*it durch 
den Gewerbebetrieb der Kurpfuscher Leben und Gesundheit von 
Menschen im höchsten Grade gefährdet wird. 

Zur Förderung der Erforschung und Bekämpfung der Tuber¬ 
kulose bewilligte «1er Reichstag einen Betrag von 150 000 M.. in 
«len nächsten Etats sollen bei besserer Finanzlage grössere Mittel 
bereitgestellt werden, damit auch hinsichtlich der Unterbringung 
der Unheilbaren und der in den Heilanstalten gebesserten Schwin«!- 
suchtskrankcn die Aufgaben gelöst werden können. 

Um die Herstellung geeigneter kleiner Wohnungen für Ar¬ 
beiter und gering besoldete Beamte in den Reichsbetrieben fördern 
zu können, genehmigte der Reichstag 4 Millionen. Mehrere Ab- 
geordnete sprachen sicli hiebei für eine weitere M^^yyjgsfürsor^e 
i des Reiches aus und befürworteten ein Reic 1 i swo1 1 nungsg«• s«*tz und 
eine Reichswohnungsinspektion: jedoeli ist das Reichsamt des 
Innern auch heute noch der Ansicht, dass die Wohnungsfrage 
besser von d«*n Emzolstnaten g«*löst wird. I>r. Becker. 

Zur Gesun dheitsgesetzgebu ng. ' 

Nach den Bestimmungen der Gewerbeor«lnung ist der Bundes-\ 
rath befugt, für solche Gewerbe, in welchen durch übermässig« 4 \ 
Dauer- der täglichen Arbeitszeit die Gesundheit «1er Arbeiter g«>- 
fälmlet wird. Dauer. Beginn und Ende der zulässigen täglichen 
Arbeitszeit und der zu gewährenden Pausen vorzuschreiben uud 
die zur Durchführung dieser Vorschriften erforderlichen Anord¬ 
nungen zu erlassen. Nachdem bereits für eine Reihe anderer Ge¬ 
werbebetriebe hygienische Vorschriften erlassen wurden. Rat der 
Ruudcsrath nunmehr auch bezüglich der Beschäftigung von 
Gehilfen und Lehrlingen iu Gast- und Schankwlrthsclinfteii 
Bestimmungen getroffen, die geeignet sind, einen grossen Theil der 
Schädlichkeiten dieses Berufes hintauzuhalten: all«* zu beseitigen, 
ist schlechterdings unmöglich, da ausser der überlangen Arbeits¬ 
dauer, dem Fehleu der nöthigen Erholung, insbesondere der Nacht¬ 
ruhe. auch der Aufenthalt in rauchigen, schlecht vontHirten 
Räumen, die Art der Arbeitsverrichtung, die Gelegenheit zu 
Alkoholgenuss u. s. w. ungünstig auf di«* Gesundheit, namentlich 
beim weiblichen Geschlecht e. ein wirken können. 

Der Bundesrath schreibt nun zunächst vor. dass in Gast- 
und Schankwirthscliaften Jedem Gehilfen und Lehrling, d. h. jeder 
Person männlichen und weiblichen Geschlechts, welche in diesen 
Betrieben als Oberkellner. Kellner. Kellnerlehrling, als Koch 
oder Kochlehrling, am Büffet oder mit dem Fertigmachen kalter 
Speisen beschäftigt werden, für die Woche si«*b«*nmal eine un¬ 
unterbrochene Ruhezeit von mindestens 8 Stunden und. wenn 
die betreffende Person noch nicht 1(5 Jahre alt ist. von mindestens 
1) Stunden, zu gewähren ist. lu Bade- und anderen Kurorten darf 
die Verwaltungsbehörde für erwachsene, d. h. über 16 Jahre alte. 
Gehilfen und Lehrlinge die Ruhezeit auf 7 Stunden herabsetzen, 
jedoch nicht über eine Dauer von 3 Monaten: auch müssen neben 
dieser Ruhezeit täglich, abgesehen von den Mahlzeiten. 2 ständige 
| Ruhepausen gewährt werden. Der Zeitraum zwischen zwei Ruhe¬ 
zeiten. welcher auch die Arbeitsbereitschaft und «lic Ruhepausen 
! umfasst, darf bei erwachsenen Gehilfen etc. höchstens 36. bei 
| jugendlichen höchstens 15 Stunden, und bei der Herabsetzung der 
Ruhezeiten In Badeorten höchstens 17 Stunden betragen. 


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202 - 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. f>. 


Elue Verlängerung dieser Zeiträume ist 00 mal im Jahre zu¬ 
lässig, dabei kommt jeder Fall in Anrechnung, wo auch nur für 
einen Gehilfen oder Lehrling diese Verlängerung stattgefunden 
hat. Auch in diesen Fällen muss für die Woche eine Unter¬ 
brechung durch sieben Ruhezeiten von der vorgescbriebenen Dauer 
stattünden. 

Mindestens in jeder 3. Woche ist einmal eine ununterbrochene 
Ruhezeit von mindestens 24 Stunden zu gewähren und in Ge¬ 
meinden mit über 20 (HX) Einwohnern mindestens in jeder zweiten 
Woche. In denjenigen Wochen, in welchen hiernach eine 
24 ständige Ruhezeit nicht gewährt zu werden braucht, ist ausser 
der sonst vorgeschriebenen einmal eine weitere ununterbrochene 
Ruhezeit von mindestens 0 Stunden zu gewähren, welche in der 
Zeit zwischen 8 Uhr Morgens und 10 Uhr Abends liegen muss. 

Behufs Kontrole sind die Arbeitgeber zur Führung vou be¬ 
sonderen Verzeichnissen verpflichtet. 

Gehilfen und Lehrlinge unter 10 Jahren dürfen von 10 Uhr 
Abends bis 0 Uhr Morgens nicht beschäftigt werden, ausserdem 
dürfen weibliche Personen zwischen 10 und IS Jahren, die nicht 
zur Familie des Arbeitgebers gehören, während dieser Zeit nicht 
zur Bedienung der Gäste verwendet werden. 

Da die neuen Bestimmungen am 1. April 1002 in Kraft 
treten, macht sich vielleicht schon für das laufende Jahr eine Ab- 
minderung bezüglich der Häufigkeit und Dauer der Erkrankungen 
bei den in Gast- und Schnnkwirthschnften beschäftigten Personen 
geltend. Dr. Beck e r. 


Gerichtliche Entscheidungen. 

M a ssage b e li a n d 1 u ng »ler T u b e n s eh w a n gers »• h a f t. 

Die Naturheilkundige Minna Ivube in Charlottenburg hatte 
ein»* junge Frau, bei welcher die Menstruation seit längerer Zeit 
ausgeblieben war, und bei welcher sie eine apfelgrosse Geschwulst 
nel)«*u der Gebärmutter konstatirt hattt*. einer Massagebehaudlung 
untt'rzogen. in deren Verlauf es zu wiederholten inneren und 
äusseren Blutungen kam. die die Patientin endlich veranlassten. 
einen Arzt. Herrn Dr. Siefart. zu kousultiren. Dieser stellte 
sofort die durch die folgende Laparotomie bestätigte Diagnose auf 
Tubenschwangerschaft und führte die Patientin, trotz ihrer hoch¬ 
gradigen. durch die wiederholten Blutungen veranlassten An¬ 
ämie. durch die vorgenommene Operation zur Gen sang. Die 
Kurpfusclierin aber hatte sich am 2t). Januar wegen fuhriüssig»*r 
Körperverletzung zu verantworten. Als Sachverständige waren 
erschienen die Herren Dr. S i e f a r t, Prof. Dr. Dührssen und 
Geheimrath Prof. Dr. Schweninger. Die beiden erstgenannten 
Herren betonten, dass die Ruptur der Tube und die inneren Blu¬ 
tungen offenbar durch die Massagebehandlung erzeugt sei. Die 
Iv u b e hätte nach dem von ihr selbst festgestellteu Befund und 
der Anamnese an die Möglichkeit einer Tubenschwangerschaft 
»lenken und die Patientin an einen Arzt weisen oder sie doch 
wenigstens mit Massage und Bädern verschonen müssen. Darin, 
dass sie dies nicht gethan. sei die Fahrlässigkeit zu erblicken. — 
Anderer Meinung war Herr Geheimrath Dr. Schweninger, 
Er sei zwar der grösste Feind der Kurpfuscherei. ab»*r in diesem 
Falle müsse er für die Angeklagte Partei nehmen gegen die beiden 
Gutachter, denen es an Gewissenhaftigkeit mangele. Es sei über¬ 
haupt gar nicht erwiesen, dass die Patientin schwanger war. 
Ovarialschwangerschaften, um die es sich meistens handle, er¬ 
reichten gewöhnlich das normale Ende, und die Wand des Frucht- 
sackes sei immer so dick, dass sie nur mit der äussersten Rohheit 
zum Zerreissen gebracht werden könnte. Er erzählte, dass 1875 
Nussbaum und Hecker in Folg»» »ler irrthümlicheu Diagnose 
auf Tubnrgraviditiit einen schwangeren Uterus aufgeschnitten oder 
entfernt hätten und verdammte die Operationslust der Gynäko¬ 
logen. die zur Verstümmelung und Nervosität der Patientinnen 
führe. Da Herr Dr. Siefart sich währen»! dieser Rede des 
Lachens nicht enthalten konnte, erbat sich der Herr Geheimrath 
zum Schluss mit Emphase den Schutz d«»s Gerichtes. In der Re¬ 
plik rief zunächst Herr Prof. Dührssen ebenfalls den Schutz 
des G»*richtes gegen die ihm und Herrn Dr. S i e f a r t zugefügten 
Beleidigungen an. Zur gebührenden Kritik derartiger Aeusse- 
rungeu fehle ihm der parlamentarische Ausdruck. Herr Geheim¬ 
rath Schweninger habe durch sein»» Ausführungen bewiesen, 
dass er trotz seiner von ihm hervorgehobeneu pathologisch-ana¬ 
tomischen und klinischen Erfahrungen von den in R«*<le stehenden 
Dingen nichts verstehe. Das Vorhandensein einer Tuben¬ 
schwangerschaft sei durch den von Herrn Dr. S i e f a r t er¬ 
hobenen Befund absolut, sicher gestellt; Ovarialschwangerschaften 
kämen so gut wie nie vor, und die Wand der schwangeren Tube 
sei so dünn, dass si»> oft schon bei leichter Berührung durch die 
operirende Hand platze. Die Operation der Tubenschwaugerschaft 
sei jedenfalls nicht geeignet, um daran abfällige Kritiken über 
die Operationslust der Gynäkologen zu knüpfen, denen vielmehr 
der Dank der Menschheit dafür gebühre, dass sie die anatomische 
Basis der Erkrankung klargestellt und vielen Frauen durch ihre 
Operationen das Leben ger»»ttet haben. Lächerlich sei es. gegen¬ 
über einem lebensrettenden Eingriff bei einer lebensgefährlichen 
Erkrankung mit Schlagwörtem wie Nervosität und Verstümme¬ 
lung zu kommen. Ausserdem habe bekanntlich die Frau zwei 
Eileiter und könne also auch nach der Entfernung des einen später 
noch eine normale Schwangerschaft durchmachen. 

Dar Gericht verurtheilte die Kube zu 900 M. Geldstrafe und 
betonte in dem Urtheil ausdrücklich, dass es das Gutachten des 
Herrn Schweninger nicht berücksichtigt, sondern sich l«*dig- 
lich an die Gutachten der beiden anderen Sachverständigen ge¬ 


halten habe. Nur die Rücksicht auf die Thatsache. dass die 
Patientin durch die Operation des Herrn Dr. Siefart vor 
dauerndem Schaden bewahrt gebli»»ln*n sei, habe das Geri«*ht ver¬ 
anlasst, von der vom Staatsanwalt beantragten 3 monatlichen Ge- 
fäugnissstrafe abzusehen und auf die höchste zulässige Geldstrafe 
zu erkennen. R. S. 

Der internationale Gesundheitsrath in Alexandrien 

(Conseil sanitair»*, maritim«* «*t »inarantenaire d'Egypt«*) 
hat am 30. Januar er. die Stellen von 3 Aerzten in Suez. K»»ss»*ir 
mul Suakim und die einer Aerztin in Suez ausgeschrieben. Indem 
ich mich auf eine kurze Mittheilung über diesen Gesuutlheitsraih 
(in der D. med. W. vom 9. August 1900. p. 51 Si bezieh»*. niöclit»* 
ich junge deutsch»» Kollegen, die eventuell gewillt sind, sich um 
dies»* Stellen zu bewerlieu. durch diese Zeilen dahin aufklär«»», 
dass die Arztstell«» in Su»*z für einen Deutschen absolut ni»*ht in 
Frage kommt, da die Stell»* sicher einem Italiener verliehen werden 
wird. Anders ist es mit der A«»rztinstell«» in Suez und «len Arzt- 
st»»ll*»n in Kosseir und Suakitn (beide an der Westküste des rotiu-u 
Meeres). Da in Suez seit über einem Jahre ein deutscher Medecin 
sanitaire (Dr. V a y) angestellt ist. so würde eine Kollegin dort 
um so eher sich wohl fühlen, als sie an einem Landsmanne und 
Kollegen einen Rückhalt hat. 

Ueber die Vorzüge resp. Nachtheile von Kosseir und Suakim 
habe ich in dem oben erwähnten Artikel geschrieben. W«*r Lust hat 
die Welt zu sehen, wer v«>r Allem — der Dienst wird ihm wohl g»*- 
niigend Zeit lassen — zoologische Studien li«»bt. der wird auch dort 
für eine Zeitlang aushalten können. 

Die Bewerbungen sind bis zum 30. März an <l«»n Präsidenten 
d«’s Gesumlheitsrathes zu ri»*ht»»u, die Bedingungen durch »las aus¬ 
wärtige Amt in B«*rlin zu erfahren. 

Alexandrien, «len 30. Januar 1902. 

Dr. Go«* b»*I. 

Zur Ivonscrvir ü n g v o u L e i tr h e n verweudet 
S c h i e f f e r »1 e c k e r - Bonn Chinosol (oxychinolinsulfosauros 
Kalium). 50,0 Chinosol werden in 3 Liter Wasser gelöst und mittels 
des Irrigators injizirt, sodann noch Liter Wasser nachgespritzt, 
um das Chinosol aus den grossen Gefässen zu verdrängen un»l 
besser im Körper zu vertheilen. Die Farlw» der Organe sowie des 
Blutes und der Muskeln wird nicht verändert, auch Dann und Haut 
werden hinrei»*ln*nd desinflzirt und konservlrt. Zur Desinf«»kti*»n 
der Hände und etwaiger Wunden wird eine Lösung v»m 1:500 
verwendet. Der Gentch schon länger liegender Leichen wird durch 
Abwaschen mit Chinosollösung b»*»leut«»nd gemildert. Die Ivon- 
servirung der I,eichen mit Chinosol wird in Bonn speziell für die¬ 
jenigen Leichen angewendet, welche auf dem Präparirsaal als 
frische Muskelleichen od»»r im chirurgischen Operationskurs zur 
Verwendung kommen. (Sitzungsbor. d. Niederrhein. Gesellsch. f. 
Natur- n. Heilkunde zu Bonn. 12. Juni 1901.) R. S. 

Galerie hervorragender Aerzte und Naturforscher. 
D«»r heutigen Nummer liegt das 125. Blatt der Galerie bei: 
Axel Ke y. Nekrolog siehe Seite 242. — Ein Rildniss des Herrn 
G«*heimrnth v. Ziemssen brachte unsere Galerie bereits im 
Jahre 1895 (40. Blatt). Wir stell«»n di«»ses wohlgtdungeno Bild 
allen unseren Lesern, die dasselbe noch nicht besitzen, auf Wunsch 
zur Verfügung. 


Therapeutische Notizen. 


Als Spezifikum gegen s <*Vy » of <> n • empfiehlt 
L e p a - Bajohren auf Grund eigener zwoijahrTfcrr—Erfahrung 
warm das Amyloform. Dasselbe ist. als Schnupfpulver mit 
Amylum oryznc n:i siündlich oder noch öfters angewendet, ganz 
reizlos und zeigte sich als vorzüglich wirkendes Mittel, welches 
den Schnupfen in 3—4 Tagen zum Verschwinden bringt und auch 
bei Person»*n. mit sehr empfindlichen und auf jeden Reiz mit 
Schnupfen reagirender Nasens»-hleimlmut einen schnellten und 
milden Verlauf erzielt. (Allg. med. Zentralztg. 1902, No. 4.) 


a 


/ u r B c h :i n d 1 u u g der Masturbation empfiehlt 
11 i r s c li k ron - Wien angelegentlichst regelmässige Leibes¬ 
übungen (Thor. Monatsh. X. 01). Ein 40 jähriger Patient, der der 
Onanie seit 30 Jahren frülinte. wurde durch regelmässigen Besuch 
einer Turnschule völlig gehellt. Die Gymnastik befördert den 
Stoffwechsel, macht den Schlaf tiefer und entlastet so das Nerven¬ 
system. Ivr. 


Tagesgeschichtliche Notizen. 

München, 11. Februar 1902. 

— Am 1. Februar ist in Hamburg die vom 2S. und 
29. Deutschen Aerztetage beschlossene Auskunftsstelle 
des Deutschen Aerztevereinsbuudes für die Be¬ 
setzung ärztlicher Stellen im Auslande und 
auf deutschen Schiffen in’s Leben getreten. 

Der Aerztetag hatte beschlossen, an den Reichskanzler das 
Ersuchen zu richten, den Konsuln aufzugehen, über solche Orte 
im Ausland«*, an denen ein deutscher Arzt sich mit Aussicht auf 
Erfolg niederlassen könnte, Mittheilung an eine zu errichtende 


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11. Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Zentralstelle Relaugen zu lasseu, sowie ferner, dass mit dieser 
Zentralstelle die Vermittlung der Seliiffsarztstellon für deutsche 
Rhedereien verbunden werde. Die Einrichtung dieser Stelle hat 
auf Ersuchen des Geschäftsausschusses die llamburgische Aerzte- 
kaimner übernommen und die Leitung derselben folgenden Herren 
übertragen: DDr. C. Oberg, 1. Vorsitzender, Physikus B. Nocht, 

2. Vorsitzender. M. P i z a, 1. Schriftführer, Ed. Mülle r. 

2. Schriftführer, K. J a f f 6, Kassenführer, siiinmtlicli ln Hamburg. 

Die ausführliche Geschäftsordnung der Auskunftsstelle ist 
lwreits in No. 4(53 (Dezember, II, 1901) des Aerztl. Vereiusbl.. 
1 *. 580, abgedruckt. Wir heben aus derselben, als von allgemeinem 
Interesse, die folgenden Punkte besonders hervor. 

Als Aufgabe der Auskunftsstelle wird bezeichnet, die Be¬ 
setzung ärztlicher Vakanzen im Auslande und auf deutschen 
Schiffen zu vermitteln und den Aerzten alles Wissenswerthe über 
die einschlägigen Verhältnisse mitzutheilen. Die Errichtung der 
Auskunftsstelle wird ausser den deutschen Konsuln auch den 
Hamburger, Bremer. Oldenburger, preussischen und Mecklen¬ 
burger Ithederu, sowie den Universitäten des Deutschen Reiches 
zur Kenntnis» gebracht. Die der Stelle mitgetheilten Vakanzen 
werden im Aerztl. Vereinsbl. und bei Bedarf auch in anderen 
medizinischen Zeitschriften veröffentlicht, nachdem die Auskunfts¬ 
stelle sich über Rentabilität, Bedingungen. Reisekosten. Klima 
möglichst informirt hat. Die Namen der Bewerber werden nach 
dem Datum ihrer Zuschrift in einer Liste zusammengestellt. Jeder 
Bewerber zahlt zunächst eine Einschreibegebühr von 5 M. Für 
jede nach dem Auslande vermittelte Niederlassung sind von dem 
angenommenen Arzte dann noch weitere 20 M. zu zahlen. (Die¬ 
selbe Summe zahlt auch der Auftraggeber.) 

Die Bewerbungen der Aerzte, die unter Einsendung der Ein- 
Hclireibegebühr. des Geburtsscheines, der ärztlichen Approbation, 
eines Lebenslaufs und event. Zeugnisse zu geschehen hat, gehen 
an den Vorsitzenden, Herrn Dr. C. Oberg. Hamburg 21, Goethe- 
strasse 28, der das Weitere veranlassen wird. Ebendahin sind 
auch alle Anfragen zu richten. 

Die Auskunftsstelle ist übrigens verpflichtet, über jeden Be¬ 
werber an amtlicher Stelle Auskünfte einzuziehen. 

— In Preussen sind die Abiturienten der It e a 1 g y m - 
li a s i e u und der preussischen Oberrealschulen nunmehr auch zum 
Studium der Rechte zugelassen worden. Es wäre jedoch verfrüht, 
wenn man sich darüber freuen wollte, dass Aerzte und Juristen 
in ihrer Vorbildung hiermit, in Preussen wenigstens, wieder gleich¬ 
gestellt seien. Denn die betreffende ministerielle Bekanntmachung 
enthält die Mahnung: „Die geeignetste Anstalt zur Vorbildung 
für den juristischen Beruf ist das humanistische Gymnasium". 
Hiernach ist nicht ausgeschlossen, dass bei der späteren Beförde¬ 
rung die aus der geeigneteren Anstalt Hervorgegangenen bevor¬ 
zugt werden. Ausserdem sind bei der ersten juristischen Prüfung 
die für ein gründliches Verständnis» der Quellen des römischen 
Rechtes erforderlich! u sprachlichen und sachlichen Vorkenntnisse 
nachzuweisen. I'nt« r diesen Umständen ist den Abiturienten der 
Realschulen das Studium »kr Rechte nicht eben verlockend ge¬ 
macht. 

— Der jüngste F o r t b 11 d ti n g s k u r s f ii r d i e M e d i - 
z i u a 1 1> e a m t e u d e s G ross h e r z o g t h u m s Hesse n hat 
in den Tagen vom 5. bis 1(5. Oktober in Form einer Studienreise 
nach Hamburg stattgefumh-n. Unter Leitung des Prof. Gaff ky 
in Giessen und des Obennedizinalrathes Neidhardt wurden 
die Einrichtungen zur Wasserversorgung, zur Beseitigung der Ab¬ 
fallstoffe. des Leieheuwesens. die Anstalten zur Bekämpfung der 
Infektionskrankheiten (Desinfektionsanstalt, ltnpfai.stniti. die Ein¬ 
richtungen für Schiffshygiene und Auswandererwesen. Kranken¬ 
häuser. Heilstätten. Gern sungsheime, die Einrichtungen für den 
Krankentransport, die Sanirungsarbeiten zur Beseitigung un¬ 
gesunder Wolimingsvcrhältnisse tt. a. tu. besichtigt. 

— Gelegentlich von Verhandlungen zwischen der Stadt und 
der Universität Leipzig, wegen Ueberlassung eines Bauplatzes für 
ein neues Gebäude des p a t h o 1 o g i s e h - a n a t o m i s c h e n 
I n s t i t u t s. ist es zu einer Vereinbarung gekommen, wonach den 
praktischen Aerzten die Berechtigung eingeriluint wird, patho¬ 
logische Präparate irgend welcher Art im Institut untersuchen 
zu lassen. Es soll hierbei für die Untersuchungen eine gewisse 
Gebühr erhoben werden, die jedoch bei unbemittelten Kranken In 
Wegfall kommt. Ausser der Gebühr wird zur Deckung der Kosten 
von der Stadt ein Beitrag zu leisten sein. 

— Ueber das Befinden Geheimrath V i r e h o w’s veröffent¬ 
licht die Berl. klin. Wochenschr. folgenden Bericht: „In dem Be¬ 
finden des Herrn Geheimraths Virciiow ist in der letzten Woche 
ein Fortschreiten zur Besserung zu verzeichnen gewesen. Der Ex- 
tensionsverbaud ist am 2. Februar endgiltig entfernt. Die Stel¬ 
lung des verletzten Gliedes ist eine gute, an der Bruchstelle ist 
ein reichlicher Kallus zu fühlen. Die Bewegung des Hüftgelenkes 
ist frei und fast schmerzlos, so dass leichte Widerstands- 
l**wegungen ausgeführt werden können. Der Patient hat seit dem 

3. Februar täglich einige Stunden im Stuhl sitzend verbracht, 
und hat sich dabei wohl gefühlt. Das Interesse an den äusseren 
Vorgängen beginnt sich wieder zu zeigen, jedoch muss noch jede 
Aufregung und Anstrengung auf geistigem Gebiete sorgsam ver¬ 
mieden werden.“ 

— In Dr. Unna’s Dermatologicum (Hamburg. Heuss- 
weg 13) beginnt am Montag den 3. Mürz der sechswoclieutliche 
Frühjahrskursus über Hautkrankheiten. 

— Pest. Russland. Am 21. Januar ist in Batum ein pest¬ 
verdächtig Erkrankter ermlttet worden. — Türkei. In Bagdad 
gelangten vom 22. Dezember v. J. bis 20. Januar d. J. 8 Erkran¬ 
kungen und 4 Todesfälle an der Pest zur amtlichen Kenntnlss, 


2G3 


nachdem wahrscheinlich schon vorher Pestfälle daselbst vor¬ 
gekommen, von der Bevölkerung jedoch verheimlicht waren. — 
Aegypten. In deT Zeit vom 10. bis 24. Januar wurden in Tantali 
30 Pesterkrankungen (und 25 Todesfälle) gemeldet, in Ziftah 1 (li, 
ln Mit Gamr 3 (3). — Britisch-Ostindien. In der Präsidentschaft 
Bombay kamen während der 3 Wochen vom 14. Dezember v. .1. 
bis 3. Januar 7078, 0329 und 5740 Pesterkraukungen mit 5209, 4571) 
und 4338 Todesfällen zur Anzeige. In der Stadt Bombay wurden 
in den 3 W t oc1h*ii vom 15. Dezember bis 4. Januar 245, 230 und 
250 Erkrankungen, 173, 1(W und 213 erwiesene Pesttodesfälle, 
ausserdem 140, 140 und 137 pestverdächtige Todesfälle gezählt; die 
Gesammtznhl der Sterbefülle daselbst betrug 807, 832 und 900. 
Der Schutzimpfung gegen Post hatten sich in Bombay vom 
1. Oktober 1S97 bis 1. Januar 1902 insgesainmt 201934 Personen 
unterzogen. — Kaplaud. In der Zeit vom 22. Dezember v. J. bis 

4. Januar d. J. wurden 3 Erkrankungen (und 3 Todesfälle» an 
der Test angezeigt, davon je 1 in Mosselbay und auf der Kap- 
halbinsel, 1 (2) in Port Elizabeth, — (1) in einem anderen Orte. — 
Vereinigte Staaten von Amerika. In San Franzisko wurde am 
12. Dezember v. J. eine Neuerkrankung festgestellt. — Hawaii. 
In Honolulu sind vom 4. bis 23. Dezember v. J. 7 Erkrankungen 
und 0 Todesfälle an der Pest zur Anzeige gekommen; am Jahres¬ 
schlüsse befanden sich noch 2 pestverdächtige Kranke in Behand¬ 
lung. (V. d. K. G.-A.) 

— In der 4. Jahreswoche, vom 19.—25. Januar 1902, hatten 
von deutschen Städten über 40 000 Einwohner die grösste Sterb¬ 
lichkeit Heidelberg mit 33.7. die geringste Schöneberg mit 
4.4 Todesfällen pro Jahr und 1000 Einwohner. Mehr als ein 
Zehntel aller Gestorbenen starb an Scharlach in Köuigshütte; an 
Masern In Bochum. Borbeck, Gera, Harburg, Worms; an Diph¬ 
therie und Croup ln Brotnberg, Elberfeld. 

(Hocbschulnacbricbten.) 

Berlin. Habilitlrt: Dr. Erich Opitz, Assistenzarzt in der 
O 1 s h a u s e n'seht l» Klinik für Frauenkrankheiten, Dr. Karl 
Kn i s e r 1 i n g. Assistent Rudolf V i r e lt o w’s im pathologischen 
Institut, I>r. Richard Henne b e r g. Assistenzarzt in J o 11 y's 
Klinik für psychische und Nervenkrankheiten, und Dr. Martin 
Ficker. Kustos am llygieuemusemn der hiesigen Universität. 
In den Antrittsreden sprachen Dr. Opitz über Aetiologie der 
Tubargmvfdität, Dr. Kaiserling über Gicht, Dr. Henne- 
berg über die B r o w n - S e q ii a r d’sche Lähmung und 
Dr. Ficker über biologisch-hygienische Bedeutung der Wachs- 
ihumsenergie von Bakterien: 

Heidelberg. Der Assistent am hiesigen physiologischen 
Institut l»r. llcnnnn Stendel hat sich liier als Privatdozent 
der Medizin niedergelassen. Seine Habilitationsschrift behandelt 
„Eine neue Methode zum Nachweis von Glukosamin mul ihre An 
Wendung auf die Spaltungsprodukte der Müzine". 

Königsberg i/Pr. Der Assistenzarzt der chirurgischen 
Klinik. Dr. O. Ehrhardt, hat sich für Chirurgie habilitlrt. 

Leipzig. Habilitlrt: Der Assistent an der hiesigen Nerven- 
klinik Dr. med. Döllken. Habilitationsschrift: „Die Sym¬ 
ptomatik der toxischen Psychosen mit besonderer Berücksichti¬ 
gung der Schwefelkohlenstoff Vergiftungen“. 

(T o d e s f ii 1 I e.) 

In Dresden starb der Direktor des statistischen Bureaus des 
Königreichs Sachsen, Dr. Arthur G e i s s 1 e r. 70 Jahre alt. G. war 
früher Arzt in Meerane, dann siedelte er nach Dresden über und 
ward Hilfsarbeiter im k. statistischen Bureau, zu dessen Direktor 
er 1894 ernannt wurde. Man verdankt G. viele wertlirolle modi- 
zinalstatistische Arbeiten. 


Generalrapport über die Kranken der k. bayer. Armee 

für den Monat Dezember 1901. 


Iststärke des Heeres: 

63 186 Mann, — Invaliden, 200 Kadetten, 143 Unteroff.-Vorachüler 







Unter- 



Mann 

Invali¬ 

den 

Kadetten 

Offlzier- 

vor- 

scbüler 

1. Bestand waren am 

30. November 1901: 

1777 

— 

9 

8 


im Lazareth: 

1191 

— 

1 

1 

2. Zugang: 

im Revier: 

3043 

— 

24 

— 

in Summa: 

4231 

— 

25 

1 

Im Ganzer 

sind behandelt: 

6011 

— 

34 

4 

°/oo der Iststärke: 

90,8 

— 

170,0 

27,9 


dienstfähig: 

4502 

— 

34 

3 


°/oo der Erkrankten: 

749,0 

— 

1000,0 

750,0 


gestorben: 

6 

— 

— 

— 

3. Abgang: 

°/oo der Erkrankten: 
invalide: 

1,0 

18 

— 

— 

— 

*) Darunte r 28 

dienstunbrauchbar: 

90*) 

— 

— 

— 

□ach d. Ein- 

anderweitig: 

219 

— 

— 

— 

Stellung 

in Summa: 

4835 


34 

3 

4. Bestand 
bleiben am 
31. Dez. 1901: 

in Summa: 

°/oo der Iststärke: 
davon im Lazareth: 
davon im Revier: 

1176 

17,8 

858 

318 

— 


1 

7,0 

1 


Von den in Ziffer 3 aufgeführten Gestorbenen haben ge¬ 
litten an: 


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264 


MtJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Ko. 6. 


Akuter Lungenentzündung; 1. Brustfellentzündung (kompllzirt 
mit Fettherz) 1, eiteriger Bauchfellentzündung 3 (davon 2 nach 
Blinddarmentzündung, 1 nach Darmzenvissung (in Folge von 
Pferdschlag), Nierenentzündung 1. 

Ausserdem endete noch 1 Mann durch Selbstmord (durch 
Erhängen). 

Der Gesamintverlust der Armee durch Tod betrug demnach 
im Monat Dezember 7 Mann. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Niederlassung: Dr. Felix Fraenkel, approbirt 18SM», 
Sekundärarzt am städt. Krankonhause in Nürnberg, übt als 
Spezialist für Chirurgie Privatpraxis aus. 


Morbiditätsstatistik dJnfektionskrankheitenfür München 

in der 4. Jahreswoche vom 19. bis 25. Januar 1902. 
Betheiligte Aerzte 213 — Brechdurchfall 7 (3*), Diphtherie u 
Kroup 10 v 12 , Erysipelas 13 (15), Intermittens, Neuralgia interm. 
1 (1\ Kimlbettfieber 2 (—), Meningitis cerebrospin. — ( —), 

Morbilli 48 (54), Ophthalmo-Blennorrhoea neonat. — (—), Parotitis 


epidem. 15 (9), Pneumonia crouposa 14 (12\ Pyftmie, Septikämie 

— (1), Rheumatismus art. ac. 24 (23), Ruhr (dysenteria) — , 

Scarlatina 8 (5), Tussis convulsiva 31 (21), Typhus abdominalis 

— (1), Var'cellen 12 (16), Variola, Variolois — (—), Influenza 11 (14 , 

Summa 185 (173). Kgl. Bezirksarzt Dr. Müller. 


Uebersicht der Sterbefälle in München 

während der 5. Jahreswoche vom 26. Januar bis 1. Februar 1902. 

Bevölkerungszahl: 499 932. 

Todesursachen: Masern 1 (1*), Scharlach — (-), Diphtherie 
u Kroup 4 (—), Rothlauf 2(—), Kindbettfieber— (1), Blutvergiftung 
(Pyäraie u. s. w.) 1 (1), Brechdurchfall 1 (2), Unterleib-Typhus — (1), 
Keuchhusten 4 (3), Kroupöse Lungenentzündung 5 (3), Tuberkulose 
a) der Lunge 27 (30), b) der übrigen Organe 8 (8;, Akuter Gelenk¬ 
rheumatismus — (—), Andere übertragbare Krankheiten 6 u), 
Unglücksfälle 1 (1). Selbstmord — (—), Tod durch fremde Hand — (— . 

Die Gesammtzahl der Sterbefälle 204 (223), Verhältnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 21,0 (22,9) für die 
über dem 1. Lebensjahre stehende Bevölkerung 11,9 (14,2). 


*) Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche. 


Morbiditätsstatistik der Infektionskrankheiten in Bayern: November 1 ) und Dezember 1901. 


Regierungs¬ 
bezirk c* 
bezw. 
Städ;o rrii' 
über 30,000 
Ein¬ 
wohnern 

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41 

101 

105 

5 

6 

25 

46 

_ 

195 

112 

Mittelfrank. 

77 

43 

123 

76 61 

26 

55! 

53 

6! 3 

9 

6 

— 


748 

206 

4 


i 

112 

23 

253 

153 

1| 

3 

90 68 

— 


95 

38 

87 

13 

15 

10 

69 

15 

— 


8.»9 

77 

Unterfrank. 

S. 2 ) i 

24 

741 

93 18 

31 

29 

58 

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3 

4 

1 

1 

107 

249 

— 


2 

8 

10 

17 

143 

3 

3 

34 36 

— 


16 

28 

28 

18 

25 

16 

31 

40 

— 

—1 

322 

6« 

Schwaben 

102, 

82 

1211 

9l| 521 

52 

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192 

7 3 

5 

11 

5 

1 

246 

120 

4 


6 

23 

15 

207 

223 

7| 

. 

831 83 

— 


22 

7 

821 

83 

14 

3 

44 

65 

— 


291: 

2R 

Summe 

625 

-159 

807 

768.3491392 

4851 

776 

52 46, 53 

65 

n 

8 

2043 

1596 

35 


10 2061170 1261 

1 1 1 

1345 

25 

1 

31, 

575 611 

3 

1 

311 

228 

652 

600 120 
| 

7913591376 

1 1 

— 

ZiH 

1082 

*) 

Augsburg 5 ) 

12 

9 

lßl 

11 7 

9 


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1 

11 

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30 

15 


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Bamberg 

4[ 

10 

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261 2 

3 

9 

28 

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1 

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1 

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7 

3 

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12 6 

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1 

1 

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1 

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3 

1 

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1 

1 

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1 


2 

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3 

2 

15 

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5 

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Kurse rsluut. 



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1 

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1 1 

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11 

5 

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— 

2 

12 

25 

1 


1 

4 

4 

19 

26 

ii 

— 

111 17 

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6 

i 

131 

30 

2 

i 

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5 

— 

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27 

2: 

München*) 

42' 

20 

59 

22 35 

14 

4 

13 

1 -- 

8 

0 

t 

— 

131 

192 

5 


9 

23 

36 

56 

61 

i 

i 

73' 60 

2 

1 

54 

31 

71 

62 

17 

10 

93 

76 

— 

-- 

572 

200 

Nürnberg 

35, 


64' 

■ 36, 


16i 


4 . 

2 


— 


627 


2 



87 


43 


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— 


79 


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7 


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3 

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1 

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— 

— 1 5 

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15 

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14 

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1 

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8 

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— 

138 

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4 


1 

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— 

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7 

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14 

22 

5 

19 

15 

— 

—1 


2i 


Be Völkern ngsz 1 f f e rn*): Oberbayern 1‘323,888, Niederbayern 678,192. 
Pfalz 831,678. Oberpfalz 7)53,841. Oberfranken 608,116, Mittelfrankeu 815.895, Unter- 
1 ran keil 050,766, Schwaben 713,681. — Augsburg 89,170, Bamberg 41,823, Hof 32,781, 
Kaiserslautern 48,310', Ludwigshafen 61,914, München 199,932, Nürnberg 261,081, 
Pirmasens 30,195. Regensburg 45,429, Würzburfc 75,499. 

Einsendungen fehlen ans der Stadt Nürnberg und den Aemtern Bogen, 
Wegscheid, Eichstätt, Fürth, Neustadt a/A., Hofheim, Königshofen, Lohr, Würz¬ 
burg, Günzburg, Knufbeuren und Oberdorf. 

Epidemien bezw. höhere Erkraukungszahlen (ausser von obigen Städten) 
werden gemeldet aus folgenden Aemtern bezw. Orten: 

Diphtherie, Croup: Epidemisches Auftreten in der Stadt und im Amts¬ 
gericht Pirmasens — 43 und 22 beh. Fälle; auch im Stadt- und Landhezlrke 
Schwcinfnrt 24 und 16 beh. Fälle, besonders häufig in Gochsheim aber auch in 
Essleben noch Erkrankungen. Stadt- und Landbezirke Bayreuth 38, Rothenburg 
a.T 16, Aernter Gun/.enbauseu 23, Wunsiedel 18, Staffelstein 17, Neustadt n/H 16, 
ferner in Herxheim (Landau i.Pf.) 7, von einem Arzte im Bezirke Mellrichstadt 
12 beh. Fälle 

Influenza: In 5 grossen Städten 112 beh. Fälle, davon 51 ln Augsburg, 
ferner iu 91 Stadt- und Landbezirken 664 beh. Fälle, darunter in den Stadt- und 
Landbezuken Donauwörth 30, l’assau 26, Ansbach 20, iu den Aemtern Sonthofen 
49, Zweibrüekcn 23, Alehach 20, in den Amtsgerichten Schwandorf (Burglengen¬ 
feld) 28. Neuölting (Altöttlng) 27, Schöllkrippcn (Alzenau) 18. Häulig (meist ohne 
Behandlung) in Nordlingen und iln leichtereu nervösen Formen) in Stadtsieiriacli. 

Morbilli: Fortsetzung der Epidemien in den Bezirken Rottenburg (in 
Pfcffeubausen 67, ln Holzhauseu 14 beh. Fälle. Schulschluss in Pfeffeuhausen), 
Viechtach (in Patersdorf ca. 40 Kranke, in den übrigen Orten erloschen), Neu¬ 
stadt a/H. (ln Mussbach, Gimmeldingen und Weidenthal — 61 beh. Fälle), Lan¬ 
dau i;Pf (in Arzheim und Herxheim), Hof . im Stadt- und Land bezirke — 83 und 
8 beh Fälle), Rothenburg a/T. (Epidemie in Insingen, Abnahme in der Stadt) 
und Nordlingen (in Oettiugeu und Umgebung); Abnahme der Epidemien iu den 
Bezirken Alcbach (im ärztl. Bezirke Altomünster) und 8peyer (43 beh. Fälle). 
Epidemisches Auftreten ferner ln den Bezirken Laufen (iu der Umgebung von 
Laufen), I.udwlgsbafen (im südlichsten Studtlheile mit Mundenhelm, lm Land¬ 
bezirke iu Neuhofen und RbeiDgönheim, Stadt 19. Land 42 beh. Fälle), Münch¬ 
berg titi Münchberg, 31 beb. Fälle), Weissenburg (in Güudctsbach), Obernburg 
(in Eisenbach unter Personen von 1-22 Jahren, 135 Schulkinder und ea. 120 Er¬ 
wachsene krank, nur 15 behandelt) und Füssen (ln Füssen, 34 beh. Fälle). Stadt- 
und Landbezirke Erlangen 92, Neu-Ulm 27, Straubing 26, Ansbach 20, Aernter 
Feuchtwangen 53. Germervheim 37, Hersbruck und Mainburg je 21, ärztl. Bezirke 
Prien (Rosenheitn) 18 und Hutthurm (Passau) 17 beh. Fälle, Hausepidemie von 
15 Fällen im katholischen Waisenhause in Landstuhl (Hornburg). 

Rubeo.lae: Epidemisch im ärztl Bezirke Steinach (Kissingen). 

Opbthalmo-Bleunorrh. neon,: 2 Fälle, ein ueugebornes Kind und, 
von diesem die Wärterin infizirt, in Ruhpoldiug (Traunstein). 

Parotitis epidemica: Fortsetzung der Epidemien iu den Bezirken 
Schwabach (in der Stadt Roth) und Neuburg a/D. (in Hagenheim); epidemisches 
Auftreten ferner ln den Aemtern Ingolstadt (im Schulbezirke Hepberg, 17 beh. 
Fälle), Uffenhelm (ln Windsheim unter 3- bis 5jährigen Kindern, keine ärztliche 


l IHlfe begehrt), Weissenburg (in Hiegenstall) und Krumbach (ln Krambach und 
Hiirben). 

Pneumonia crouposa: Stadt- und Landbezirke Nordlingen 42. 
Schweinfurt 29, Aernter Wunsiedel 30. Obernburg und Augsburg je 29, ärztliche 
Bezirke Weyarn (Mtesbach) 7, Btirkardroth iKissingen) 19 beh Fälle. 

Scarlatina: Schulschluss wexen schwerer Scharlacherkrankungen (mit 
Diphtherie) in Windshausen (Neustadt a-S ), bisher 6 Fälle (1 Todesfall) in 2 Häusern. 

Tussis convulsiva: Fortsetzung der Epidemie im Stadt- und Land- 
bezirke Donauwftrth , 44 beh. Fälle; Abnahme in Garmisch und Umgebung, 2t 
beh. Fälle. Erlöschen im Amte Zusniarshausen. Epidemisches Auftreten ln den 
Bezirken Eschenbach (ln Prossnth und Umgebung, 19 beh. Fälle) und Hlertissen 
(unter Kindern in Illereiehen und 3 weiteren Gemeinden). Aerztlicher Bezirk 
Seefeld (München II) 25, Bez.-Amt Altötting 24 beh Fälle. 

Typhus abdominalis- Hausi-pidemfe von 7 Fällen (1 Todesfall) in der 
Schwarzenmiihle (Rothenburg a/T i; Stadt Kitzingcn 4, Aernter Zweibrücken 8 u. 
Brückenau 4 beh. Fälle. 

Varicellen: Epidemisches Auftreten in den Bezirken Beiingries (unter 
Kindern in Kicdenhiirg), Douauwörtb (in der Stadt neben Tussis und in Harburg 
22 beh. Fälle) und Krumbach (in Krumharh und Hiirben neben Parotitis). Bez - 
Amt Southofeu 19, ärztl. Bezirk Weiden (Neustadt a/WN.) 15 beh. Fälle. 

Variola, Variolois: Der im Vormonate verzeiehnete Fall in Altomünster 
(Aiehach) ist auf irrthümlicheu Eintrag statt Varicellen ln der Zählkarte zurück- 
zufübren. 

Ikterus wurde Innerhalb kurzer Zeit im ärztl. Bezirke Kolbermoor (Aib¬ 
ling) Id 4 Fällen bei 3 Kindern von 3 bis 5 und einem von 13 Jahren beobachtet 
(ohne vorausgegangeneu Diätfehler) 

Um nachträgliche Anmeldung (bis längstens 20. Februar) bisher 
nicht zur Anzeige gelangter Fälle von Infektionskrankheiten 
aus früheren Monaten (nusgeschieden nach Monaten) wird dringend 
ersucht. 

lm Interesse möglichster Vollständigkeit vorliegender Statistik wird um 
regelmässige und rechtzeitige (bis längstens 20. des auf den Berichts- 
moDHt folgenden Monats) Einsendung der Anzeigen bezw. von Feh lanzeigen 
ersucht, wobei anmerkungsweise Mittlieilungen über Epidemien erwünscht sind. 
Zur Vermeidung von Doppelzählungen erscheint es wünschenswerth, dass Fälle 
aus der sog. Greuz praxis entweder dem Amtsärzte des einschlägigen Grenz- 
nrntes oder dem K Statistischen Bureau unter Ausscheidung nach Aemtern an¬ 
gezeigt werden. 

Meldekarten nebst zugehörigen Umschlägen zu portofreier Einsen¬ 
dung an das K. Statistische Bureau sind durch die zuständigen k. Bezirksärzte 
zu erhalten. Diese Zählkarten dienen ebenso zu sog. Sammelkarten als zu 
Einzelneinsendungen der Amts- und praktischen Aerzte, welche in letz¬ 
terem Kalle die im betreffenden Monate behandelten Fälle zusammengestellt auf 
je 1 Karte pro Monat nebst allenfallsigen Bemerkungen über Epidemien etc. zur 
Anzeige bringen wollen. Dagegen wird ersucht, von Einsendung sog. Zähl¬ 
blättchen oder Sammelbogen abzusehen. Allenfalls in Händen befind¬ 
liche sog. Postkarten wollen aufgebraucht, jedoch durch Angabe der Zahl 
der behandelten 1 nflue nzafälle ergänzt und unter Umschlag eingesandtwerdeu. 


•) Definitives Ergebniss der Zählung vom 1. Dezember 1900. — J ) Einschliesslich einiger seit der letzten Veröffentlichung (No. 2) elngelauiener 

Nachträge. — *) lm Monat November einschliesslich der Nachträge 1254. — *) 46. mit 48. bezw. 49. mit 52. Jahreswoche. — ‘) 45. mH 48. bezw. 49. mit 51. Jahreswocbe. 


Verlag von J. K. Lehmann lu München. — Druck von E. Mühlthaler’s Buch- un-* Kunstdnickcrel A.G.. München. 

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f>fe Mfinrfi. Mod. Woctienschr. erscheint wflchcntl. TI TT T'\T/*lTTTiT'VT’T'iVT"} 7ii<endungcn sind r.n nr1re«Iren : Für dio f-erfaklfotl 

In Nummern von durchschnittlich ö-6 Bogen. VI I \1 . I—I |1. \ H. I > Oltostrassc 1. — Kur Abonnement an J. F. Leh- 

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ms Ausland 7.50 jH. Eiuzclnc No. 8) -f. an Rudolf Moase, Promcua<lcplatz IC. 



(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 


ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 

Ilcranssogebon von 

Ch. Btamler, 0. Botlinger, H. Carschaaan, 8. Gerhardt, 6. Merkel, J. v. Michel, H. v. Ranke," F. v. Wiockel, 

Freiburg i. B. .München. Leipzig. Berlin. Nürnberg. Berlin. München. München. 


No. 7. 18. Februar 1902. 


Redaktion: Dr. B. Spatz, Ottostrasse 1 
Verlag: J. P. Lehmann, Heustrasse 20. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

lieber bypophrenisehe Schmerzen und Neurose des 
Plexus coeliacus.*) 

Von Prof. F. A. Hoffmann. 

M. H.! Die hypophrenischen Schmerzen kommen uns so 
häufig in der Praxis vor, dass eine kurze Betrachtung an einer 
Stelle, welche besonders der Praxis dient, hier in der Poliklinik, 
mir besonders angemessen erschien. Ich nenne die Schmerzen 
hypophrenisch, welche von den zunächst unter dem Zwerchfell 
liegenden Organen und Qebilden ausgehen. Ich kann mich nicht 
zur Annahme des jetzt so verbreiteten Wortes subphrenisch eut- 
schliessen. Bekanntlich hat es Senator mit kühnem Griff im 
Sattel erhalten, aber ich vermag nichts gegen mein altes Gym¬ 
nasialgewissen. Ich fühle ähnlich wie N othnagol, der sieh 
sogar von demselben getrieben fühlte das Wort Skolikoiditis zu 
bilden. 

Dio hier in Betracht kommenden Schmerzen zeichnen sich 
durch ihre Mannigfaltigkeit, sowie Schwierigkeit der Deutung 
bei grosser praktischer Wichtigkeit aus. Einige allgemeine Ge¬ 
sichtspunkte,, zu denen ihre Betrachtung Anlass gibt, werden wohl 
willkommen sein. 

Man kann sie zunächst in Druckschmerzen und spontane 
Schmerzen eintheileu. Erstere nehmen insofeme eine besondere 
Stellung ein, als sie im Allgemeinen höher geschätzt werden und 
eine grössere Zuverlässigkeit wie die spontanen zu besitzen, 
scheinen. Aber gerade diese hypophrenischen Druckschmerzen 
fuhren besonders leicht irre, da man selten nur ein bestimmtes 
Organ durch den Druck treffen kann und bei den häufigen Ver¬ 
schiedenheiten in der Lage der Organe, zumal bei pathologischen 
Zuständen, gar nicht weiss, was man drückt. So sind nur einige 
bestimmte Druckpunkte (gerade unter dem Proc. xiphoides, 
hinten auf und neben der Wirbelsäule, Gallenblase, Niere, Ileo- 
eoekalpunkt) zu allgemeiner Anerkennung gekommen und auch 
sie kommen ganz gewöhnlich mit spontanem Schmerz ver¬ 
bunden vor. 

Hier wird auch Manchem die durch die Studien von II e a d 
bekannt gewordene Empfindlichkeit gewisser Hautbezirke in den 
Sinn kommen, wenn er Krankheiten der in Rede stehenden Or¬ 
gane zu lokalisiren sucht. Ich habe bis jetzt aber keinen Fall ge¬ 
sehen, in dem mir dieses Zeichen für die hier in Frage kommen¬ 
den Krankheitazustände genützt hätte und muss darüber weitere 
Studien abwarten. 

Die grösste praktische Bedeutung kommt hier den spoutanen 
Schmerzen zu. Mau kann dieselben eintheileu in umschriebene, 
kolikartige und ausstrahlende; nicht selten findet man mehrere 
zusammen. Die ausetrahleuden finden sich nach den vorhandenen 
Krankengeschichten bei den hypophrenischen Organen am sel¬ 
tensten bei der Milz, dann folgt Magen, Pankreas und am häu¬ 
figsten sind sie bei der Leber. 

Im Allgemeinen wird man die Regel passend finden, dass Er¬ 
krankungen, welche die Schleimhäute allem reizen oder im Innern 
der Parenchyme sitzen, zu gar keinen Schmerzen führen; wird die 
Muskularis der Hohlgebilde betroffen, so werden kolikartige 
Schmerzen ausgelöst, wird das Peritoneum gereizt, so entstehen 

') Nach einem in der medizinischen Gesellschaft zu Leipzig 
am- 14. Januar 1002 gehaltenen Vortrage. 

No. 7. 


die lokalen Schmerzen, wird aber auch das retroperitoneale Ge¬ 
webe mitbetroffen, so kommt es zu ausstrahlenden Schmerzen. 

Es ist selbstverständlich, dass eine solche Regel nicht ohne 
Weiteres bei den schweren Neurosen, besonders Hysterie und 
Hypochondrie, auch Auwendung finden darf, bei denen die Re¬ 
aktionsfähigkeit des Nervensystems ganz besonders gesteigert ist 
und das Verhältnis» zwischen Reiz und Empfindlichkeit so un¬ 
günstig verschoben, dass schon ganz geringe Störungen die weit¬ 
gehendsten Irradiationen zur Folge haben. Diese unterscheiden 
sich auch von den übrigen Krankheiten dadurch, dass die Ir¬ 
radiationen eine oft scheinbar ganz gesetzlose Verbreitung an¬ 
nehmen. Die Irradiation findet von einem Neuron auf das andere 
im Allgemeinen so statt, dass die benachbarten einander zunächst 
erregen, so muss man es sich doch denken. Bei diesen Patienten 
aber ist die Disposition gewisser Neuronkomplexe so gesteigert, 
dass dieselben, auch wenn sie fern liegen, doch leichter gereizt 
werden als näher liegende. Die sprungweise Irradiation ist ja 
auch wirklich lx*i den schweren Neurosen ganz auffällig, z. B. bei 
Uterusleiden Hysterischer die Irradiation auf den Vagus, der so 
oft bei ihnen in ganz überaus auffallender Weise reizbar ist. Die?*e 
Fälle müssen offenbar ausgeschaltet werden, wenn wir <lie gesetz- 
massigen Ausstrahlungen bei den subdiaphragmatischen Organen 
studiren wollen. 

Man findet dann, dass Leber-, Magen-, Milz- und Pankreas¬ 
erkrankungen durch entschiedene Neigung zu Ausstrahlungen 
nach oben eharnkterisirt sind, während die der Aorta der Neben¬ 
nieren und des Ganglion solare nach unten sich erst rocken. Diese 
Grenze ist auf der Vorderseite ganz gesetzmässig, auf dem Rücken 
dagegen können auch dio zuerst angeführten Organe zu Aus¬ 
strahlungen von Schmerz in die Wirbelsäule der Sakralgegend 
und in die Glutäalgegend gehen. Ihre regelmässigen und charak¬ 
teristischen Schmerzen gehen aber auch hier nach oben, die der 
Leber in’s rechte Schulterblatt und die rechte Schulter, die des 
Magens in die Wirbelsäule unterhalb und zwischen den Schulter¬ 
blättern, die des Pankreas in das linke Schulterblatt und die der 
Milz ebendahin und in die linke Schulter. In der Zusammen¬ 
stellung von Edler findet sich übrigens ein Fall, der dafür 
spricht, dass auch vom linken Lcberlappen dieser Schmerz aus¬ 
strahlen kann. 

Ein nicht geringes Interesse wird sich an die hypophrenischen 
Abszesse knüpfen und man wird sofort fragen, wie es denn hier 
mit den ausstrahlenden Schmerzen bestellt sei. Mit Hilfe von 
M a y d l’s ausgezeichneter Zusammenstellung ist es leicht, festzu¬ 
stellen, dass Ausstrahlungen in die rechte und linke Schulter bei 
dieseu Abszessen nicht selten sind, wenn sie vom Magen, der Leber 
oder der Milz ausgehen, während wir keinen Fall mit derartigen 
Schmerzen vom Darm aus oder von der Niere aus verzeichnet 
finden. Im Grossen und Ganzen beherrschen aber die lokalen 
und die wohl meist durch begleitende Pleuritis bedingten Sei teil - 
schmerzen dio Situation. Das Wichtige dabei ist, dass der Abszess, 
der zwischen Zwerchfell und Leber liegt, offenbar an sich keinen 
Schulterschmerz bereitet, sondern nur, wenn er von der Leber 
ausgeht. Geht er z. B. vom Processus vermiformis aus, so ist 
eine solche Irradiation nicht beobachtet. Sitzt aber der Abszess 
verborgen in der Leber, so dass er nirgends die Oberfläche er¬ 
reicht, so macht er wieder keinen Schmerz und elienso verhalten 
sieh Krebsknoten im Lebergewebe oder Eehinokokkussüeke. 

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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


266 


Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass die hypophreni- 
sehen Abszesse an und für sich gar keine ausstrahlonden Schmer¬ 
zen machen, sondern nur lokale, sowie, dass zum Zustandekommen 
der ausstrahlenden Schmerzen ganz besondere Bedingungen er¬ 
forderlich sind, welche sich bei unseren jetzigen Kenntnissen 
noch nicht bestimmen lassen. Vorher waren wir zu der Regel 
gekommen, welche dem retroperitonealen Gewebe eine Bedeutung 
Ixdmisst, hier sehen wir, dass das retroperitoneale Gewebe allein 
auch nicht genügt. Das Organ muss krank sein und das retro¬ 
peritoneale Gewebe auch in Mitleidenschaft gezogen. 

Ausserordentlich häufig kommen uns in der Sprechstunde 
Kranke mit hypophreuischen Schmerzen vor, deren Beurtheilung 
die allergrösste Schwierigkeit macht. Bei der Betrachtung solcher 
Fälle wird man nun ganz natürlich auf die Frage geführt, ob 
denn der Plexus solaris keine charakteristischen Symptome mache. 
Die Massenhaftigkeit seiner Verbindungen lässt allerdings voraus¬ 
setzen, dass er zu den verwiekelsten Irradiationen Veranlassung 
geben muss. 

Wenn wir uns in der Literatur umsehen, so finden wir, dass 
in den Hand- und Lehrbüchern von einer Neurose dieses Plexus 
nur selten die Rede ist. 

Romborg suchte sie zu beschreiben, aber er hat keinen 
Nachfolger gefunden. Ebenso ist die Arbeit von Eulen bürg 
und Guttmann hier nur zu zitiren. Die Fälle von Scha- 
piro stehen als isolirte und zweifelhafte Beobachtungen da 
(Zeitschr. f. klin. Med. VIII.). Die neueste mir gegenwärtige 
Arbeit auf diesem Gebiet ist die von Talma (D. Arch. f. klin. 
Med. Bd. 45). Er hat solche Fälle gesammelt, wie sie auch mich 
zu der Analyse dieser Schmerzen geführt haben, ein Theil sind 
hysterischer Nat ur, aber einige bleiben, welche darauf hindrängen, 
eine Neurose des Magens, Darms, der Niere als wohlcharakterisirte 
Krankheit anzuerkennen und auch der Annahme einer Leber- ^ 
neuralgie kann man sich kaum entziehen. Man vergleiche die 
Zusammenstellung von Quincke in Nothnagel’« Sammelwerk. 
Das wären doch also nervöse Erscheinungen im Gebiete des Plexus 
coeliacus, Theilneuroson desselben oder der von ihm abhängigen 
Geflechte. Dem Skeptizismus ist jedenfalls noch ein grosses Thor 
offen. 

Ich bin nun durch allerlei Betrachtungen und ein Paar j 
Kranke auf ein Syndrom geführt worden, welches mir besonders , 
charakteristisch scheint. 

Die Anatomie und Physiologie dieses Plexus ist vielfach 
durchforscht, aber bei den grossen Verwickelungen bestehen so 
viel Widersprüche, dass alle möglichen Zweifel bestehen bleiben. 
Jedenfalls haben wir es mit einem Geflecht zu tliun, das sehr zahl- | 
reiche sympathische Fasern enthält und dessen Neurose zugleich 1 
sensible, motorische und auch vasomotorische Störungen darbieten 
muss, kurz man muss offenbar an ein Analogon der Migräne 
denken. 

Die Störungen müssen sich nach den vorhandenen Fasern 
theils auf die Darmthätigkeit, theils auf die Nicrenthätigkeit er¬ 
strecken und hierdurch wurde ich dazu geführt, unter meinen 
Fällen mit dunklen hypophreuischen Schmerzen nach solchen 
zu suchen, bei denen Darm- und Nicrenthätigkeit zusammen 
geschädigt sind. 

In der Literatur finden sieh verschiedene Fälle von Polyurie 
bei Erkrankung des Plexus coeliacus, gleichzeitige Störung der 
Darmthätigkeit berichtet von diesen, soviel ich augenblicklich 
übersehen kann, nur Schapiro. 

Wenn wir die Literatur des Diabetes insipidus durchsehen, 
so finden wir sowohl Verstopfung wie Durchfälle erwähnt.. 

S t r a u s s hat einen Fall, in welchem die Polyurie mit Ver¬ 
stopfung einhergeht und mit dem Eintritt von Durchfall die 
Heilung sich einleitet. Auch Fälle mit neuralgi formen Schmerzen 
sind berichtet. Aber der Haupttheil der Beobachtungen zeigt doch 
weder Schmerz noch Darmkomplikationen. Ein grösserer Theil 
ist auch desshalb nicht zu verwerthen, weil sich Hysterie ganz 
evident findet oder doch vermuthet werden muss. 

Ein nicht geringes Interesse hat ferner hier die Literatur 
des Morbus Addisonii, über welche wir uns leicht mit Hilfe von 
Averbeck und Löwin eine Uebersicht verschaffen. Da ist 
ja das häufige Vorkommen der Darmstörungen sehr auffallend, 
oft Obstipation, noch öfter Diarrhoe. Aber vermehrte Ilarn- 
absonderung ist «Wh so selten, dass man sie für eine zufällige 
Komplikation halten muss. 

Der mir im Original vorliegende Fall von Gerhardt ist 
aber ausgezeichnet und auffallend dadurch, dass Anfälle von 


Diarrhoe, Schmerz und Polyurie vorhanden sind. Ferner ist 
aus dem Studium dieser Kasuistik zu notiren, dass nach oben 
ausstrahlende Schmerzen nie verzeichnet sind, vielmehr sind epi- 
gastrische in die Lendengeg«md irradiirende charakteristisch. 

Derartige Beobachtungen und Betrachtungen veranlassteu 
mich, in einigen Fällen von dunkelen hypophrenischen Schmerzen, 
bei denen Darm- und Urinstörungen auftreten, während ein Ver¬ 
dacht auf Hysterie nicht aufkam, an Neurose des Plexus coeliacus 
zu denken. 

Einer bezieht sich auf einen älteren Mann (71 Jahre), welcher 
seit Monaten durch heftige Schmerzanfälle im Bauche gequält 
wird. Der Stuhl ist angehalteu. Er entleert nur durch energische 
Abführmittel den Koth, welcher uns unter dem Namen Schafkoth 
bekannt ist (kleine, runde Knollen), oder durch hohe Einlauf«* 
flüssigen Stuhl mit Schafkoth gemischt. Dabei hat er während der 
Schmerzanfälie einen reichlichen Urin (in 3—8 Stunden 1500 bis 
2000 cm) und zwar ist derselbe von ziemlich niedrigem spezifischen 
Gewicht (1008—1012), aber nicht ganz niedrig, wie bei ächten» 
Diabetes insipidus. Eiweiss oder Zucker waren in demselben nie 
gefunden. Auch Polydipsie hat er nicht. Diese Anfälle 
machten so sehr tl«*n Eindruck von Neuralgien, dass 
ich zuerst an tabiselie Krisen dachte, aber es besteht 
sonst nichts, was für Tabes spricht. Die Anfälle sind häufig und 
quälend und haben seit 8 Monaten aller Therapie getrotzt, d. b. 
sie konnten nur durch warme Bäder und vorsichtige Lebensweise 
etwas gelindert werden. Medikamente nutzten Anfangs etwas, 
wurden aber schliesslich alle vom Patienten verworfen, da er 
glaubte, sie schadeten mehr als sie nützten. 

Ein anderer, ein 45 jähriger Kaufmann, hat seit einigen 
Monaten, nachdem er sich durch Trinken von kaltem Bier, wie 
er glaubt, erkältete, die bis dahin exemplarische Regelmässigkeit 
seines Stuhles verloren. Er entleert nur noch mit Hilfe von Aloe 
und Rhabarber den Stuhl, welcher auch hier Schafkoth ähnlich Ist. 
Die Schmerzhaftigkeit bei Druck in der Oberbuuchgegend ist auf- 
fallend, spontan ist sie namentlich nach gewissen Anstrengungen 
(hastiges Gehen, Schreiben am Stehpulte, langes Sitzen bei Diners) 
bedeutend, dann werden die Schmerzen stark und strahlen über 
den ganzen Bauch sowie nach hinten in die Gegend des Os sacruui 
und der Glutaei aus. Sie werden durch bequemes ruhiges Spa¬ 
zieren gebessert. Nach seinem Urin befragt gab er an, dass «*r 
Nachts öfter aufstehen müsse, um zu uriniren, und veranlasst, 
Messungen vorzunehmen, fand er, dass seine Urinmenge im 
Durchschnitt 2500 ccm war. Er hatte nicht bemerkt, dass er 
besonders durstig sei uiul meinte zu trinken wie früher. Der Urin 
war frei von Eiweiss und Zucker. 

Dio Feststellung der Urinvermehrung ist die grosso 
Schwierigkeit für die Sammlung der Krankengeschichten in der 
Privatpraxis. Da ich es nur mit ambulanten Patienten zu thun 
hübe un«l über dio Lebensweise kaum eine Kontrole üben kann, 
so ist dio Feststellung einer massigen Polyurie eine oft heikele 
Sache. Am meisten glaubte ich mich noch darauf verlassen zu 
dürfen, dass etwas Derartiges vorläge, wenn mir gesagt wurde, 
dass der Patient des Nachts trinke und Urin lasse. Einige intel- 
ligeute Patienten konnte ich aber auch zu regelmässigen Urin¬ 
messungen bestimmen. Eigentlich befriedigende Zahlen brachten 
mir mehrere, aber evidente Vermehrung der Urinmenge hatte nur 
«ler oben erwähnt«* Kaufmann. 

Jedenfalls glaube ich nach demMitgetheilteu dieVennuthung 
aussprechen zu müssen, dass es unter den subdiaphragmatischen 
Schmerzen auch solche gebe, welche einer Neurose des Plexus 
coeliacus angehören. Sie charakterisiren sich dadurch, dass sie 
im Oberbauch sitzen, von da in den Unterbauch ausstrahlen, aber 
in der Regel nicht in die Geschlechtstheile und in die Beine. 
Nach hinten strahlen sie in die Sacralgegend und in die Glutäen 
aus, nach oben strahlen sie nicht aus. Diese Schmerzen, mit 
Schafkoth und Polyurie vereinigt, möchte ich als ein Syndrom 
hinstellen, welches zur Diagnose einer Neurose des Plexus 
coeliacus berechtigt. Die Beachtung dieses Syndroms lege ich 
den Herren Kollegen mit Privatpraxis bei intelligenteren Patien¬ 
ten an’s Herz, da sie allein im Stande sein dürften, zur Samm¬ 
lung eines befriedigenden Materiales weiter zu helfen. 


Aus der Unterrichtsanstalt für Staatsarzneikundc zu Berlin 
(Prof. Dr. Strassmann). 

Eine neue Lungenprobe. 

Von Dr. P 1 a c z e k. 


Seitdem im denkwürdigen Jahre 1683 der einfache Zeitzer 
Stadtphysikus Dr. Johann Sehre y er [5] in einem Falle von 
Kindesmord die hydrostatische Lungenprobe in die 
forensische Praxis einführte und von ihrem Ergebniss sein 
Schlussurtheil entscheidend beeinflussen liess, ist sie nicht mehr 
von der Tagesordnung verschwunden. Sie ist allmählich zum un¬ 
entbehrlichen technischen Hilfsapparat eines je*den Gerichtsarztes 


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18. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


267 


geworden, ja schliesslich gesetzliches Erforderniss zur vollgiltigen 
Beweisführung, ob ein Kind in oder nach der Geburt geathmet 
hat. Und doch sind im Laufe der Jahrhunderte die Bedenken 
und Angriffe nicht verstummt, die sich gegen sie bei ihrem Erst¬ 
erscheinen richteten. Sie sind geblieben und immer wieder auf- 
gctauclit, obwohl sie inhaltlich — merkwürdig genug — sich nicht 
wesentlich veränderten. 

Schreyer war anfänglich so zaghaft, dass er das Resultat 
der Lungenschwimmprobe seinem Berichte nicht einzuverleiben 
wagte. Als Beweggrund nannte er seinem Vertheidiger T hö¬ 
rn a s i u s, dass dies „eine neue Meinung wäre, die bei Wenigen 
einen applausum fände“, und weil er nicht glaubte, dass sein 
damaliger Kollege, der Stadtphysikus zu Pegau, „die Sache 
würde approbiret, noch den Bericht mit unterschrieben haben“. 
Immerhin ist er doch von dem entscheidenden Werthe schon so 
überzeugt, dass er sich erbötig erklärt, „nicht alleine veritatem 
facti zu bezeugen, sondern auch seine Meinung von dem Nutzen 
dieser Probe aufrichtig zu entdecken“. 

Dieser Glaube an die Infallibilität der Methode hat von An¬ 
fang an den Streit der Geister entfacht und ihn bis heute nicht 
zur Ruhe kommen lassen. Kein geringerer Fürsprecher als die 
verehrliehe medizinische Fakultät zu Frankfurt a/O. stellte sich 
«ranz auf Schroyer’s Seite. 

„Wenn gefraget wird: an indicium certum aut valde probabile 
slt. partum ante exltum ex utero materno fulsse extinctum, si 
pulinones submergantur ln aqua?, antworten wir affirmative, 
also dass wir sagen: Est valde lmo maxime probabile indicium 
u. s. w.“, erklärte diese autoritative Instanz am 4. I. 1084. Doch 
sehon am 30. August 1684 erschütterte ein gleich autoritatives 
Gutachten der Fakultät Wittenberg das Vertrauen auf den 
entscheidenden Werth der Lungenprobe bedenklich. 

..Wir halten auch nicht dafür, dass propter putredinem eine 
Lunge, so einmal Lufft geschöpffet, also disponiret werden könne, 
dass sie müsste unterelnken, weil unmöglich alle vesiculae so gar 
eorrumpiret werden können, dass alle Luft herausgehe, es geschehe 
denn eine totalis resolutio mixtl, dahero die angeführte experlmenta 
wir leicht glaulien können. Wir können aber nicht dafür achten, 
dass dieses ein indubitatuin und universale argumentum sey, 
wodurch sogar gewiss bewiesen werden könne, es müsse ante 
partum im Mutterlelbe das Kind gestorben se.vn.“ 

„Wann eine Lunge im Wasser sincket. so hat dieselbe noch 
keine Luft in der Welt geschöpffet, aber es folgt nicht alsobald. 
dass es müsse im Mutterleibe gestorben seyn. sintemal sowohl 
in als nach der Geburt ein lebendiges Kind ertötet werden, ehe 
es Atem holet.“ 

Bis zum heutigen Tage ist trotz der Einbürgerung der Probe 
die Ansicht in Geltung geblieben, dass die Probe, für sich be¬ 
trachtet, kein Argumentum lnduhitatum und universale wäre. 
Bis zum heutigen Tage haben demzufolge die Bemühungen der 
Forscher nicht geruht, den Werth der Lungenprobe festzustellen. 
Und das Ergebniss ist. dass der ursprünglich aus ihr gefolgerte 
einfache Leitsatz: „LufthaltigeLungen schwimmen, luftleere gehen 
Im Wasser unter“, als allgemein giltig zu existiren aufgehört hat. 
well er In beiden Hälften nicht ausnahmslos zutrifft. Nunmehr 
wissen wir, dass das Schwimmen der Lunge nur für das Vor¬ 
handensein eines gasförmigen Inhaltes spricht, seine Identität mit 
der atmosphärischen Luft erst erwiesen werden muss. Mit 
dem Untersinken der Lunge ist aber die Annahme nicht widerlegt, 
dass vielleicht Luft vorhanden gewesen, doch aufgesogen oder 
diffundirt ist. 

Allerdings würde die Lungenprobe wesentlich an Beweiskraft 
gewinnen, wenn sich T a m a s s i a’s Angabe bestätigte, dass 
Lungen, die faul sind, nie schwimmfähig würden. Ein positives 
Ergebniss würde also die sonst nothwendige Unterscheidung, ob 
Luft oder Fäulnissgas die Schwimmfähigkeit bewirke, überflüssig 
machen. T a m a s s i a’s Angabe erschien auf den ersten Blick 
so befremdlich, dass sie jahrelang kaum kommentirt wurde. Nun 
kamen aber 1895 Bordas und Descoust [10] und erklärten 
auf Grund experimenteller Untersuchungen bestimmt, dass bei 
Neugeborenen, welche nicht geathmet haben. Fäulniss das spe¬ 
zifische Gewicht der Lungen nicht veränderte, folglich das Resultat 
der Lungenschwimmprobe nicht beeinflusste. Diese Angabe 
kritisirte S t r a s s m a n n [13] äusserst. streng mit folgenden 
Worten: 

„Lungen, ln die keine Luft durch Athmung cingedrungen ist. 
faulen aus verständlichen Gründen erst spät und faule Lungen 
bei sonst noch frischer Leiche geben immer eine gewisse Wahr¬ 
scheinlichkeit für stattgehabte Athmung. Es ist keine Seltenheit. 
l>ei schon ziemlich gefaulten Leichen Neugeborener, deren Leber 
beispielsweise durch Fäulniss bereits schwimmfähig geworden ist 
oder bei denen schon Fettwachsbildung eingetreten ist, Lungen 
anzutreffen, die alle Erscheinungen der fötalen deutlich erkennen 
lassen. Dass aber fötale Lungen durch Fäulniss überhaupt nicht 
flcbwimmfähig werden, wie Bordas und Descoust kürzlich 
behaupteten, ist durchaus falsch.“ 

Dieser strengen Zurückweisung steht aber gegenüber, dass 
im folgenden Jahre L e b r u n [11] die Angaben von Bordas und 
Descoust nicht nur bestätigte, sondern weiter erklärte, dass 
Fäulnlssblaaen auf der Oberfläche der Lunge sich nur dann vor¬ 
fänden, wenn die Lungen geathmet hätten. 


Diese Leitsätze prüfte Ungar in einer vortrefflichen Arbeit 
und kommt zu dem wichtigen Ergebniss, dass 

1. auch bei Lungen, die nicht geathmet haben, sich Fäulniss- 
gase entwickeln, aber nach aussen diffundiren können, 

2. die Lehre von Bordas und Descoust, die Fäulniss 
verändere nicht das spezifische Gewicht der Lunge, keinen An¬ 
spruch auf Allgemeingiltigkeit habe, dass jedenfalls Ausnahmen 
von der Regel möglich seien. 

3. Wir dürfen nicht in dem Umstände, dass die Lungen, 
welche sich schwlmmfäbig erwiesen, nach Anstechen der Fäulniss- 
blasen untersinken, mit Bestimmtheit einen Beweis gegen Ge- 
athmethaben erblicken. 

Hiermit wird das strenge Urthell Strassmann’s über die 
Behauptungen von Bordas und Descoust wohl nur theil- 
weise bestätigt, seine Berechtigung bleibt aber trotzdem zweifellos, 
da es sich hier ja nicht nur um wissenschaftliche Lehren handelt 
sondern um Lehren, die praktisch angewandt und für oder wider 
die Schuld eines Menschen bestimmend mitwirken sollen. Für 
diesen gerichtsärztlichen Zweck muss aber jeder Zweifel an der 
Allgemeingiltigkeit eines Leitsatzes wohl beachtet werden, denn 
noch heute gilt vollinhaltlich der folgende Satz aus dem Gutachten 
der Fakultät Wittenberg: 

„Diese opinlo ist nicht eoimnunl eruditorum consensu cou- 
flrmata et recepta, dahero In Sachen, so Leib und Leben antreffen, 
so blosser Dinge auf solche problemata sich nicht zu gründen.“ 

Wichtiger als der Einwand, dass Fäulniss die Lungen bald 
schwimmfähig mache, bald nicht, ist die Erfahrungstatsache, 
dass Schultz e’sche Schwingungen atelektatische Lungen luft¬ 
haltig machen und so stattgehabte Athmung Vortäuschen können. 
Wird auch diese Provenienz der Lungenluft zumeist bekannt sein, 
so ist doch die vereinzelte Täuschungsmöglichkeit nicht ganz von 
der Hand zu weisen, z. B. in dem Falle, wo ein Arzt oder eine 
Hebamme die stattgefundene Athmung vorzutäuschen Anlass hat. 
Hier natürliche oder künstliche Athmung festzustellen, dürfte 
kaum möglich sein, da alle sogenannten Erkennungsmerkmale, 
wie bedeutende Brustwölbung, gleichmässlge Anfüllung, schaumige 
Flüssigkeit, Austreten von Luftbläschen beim Zerschneiden unter 
Wasser etc., mehr als zweifelhaft sind. 

Am meisten hat den Allgemeinwerth der Lungenprobe die 
Beobachtung geschmälert, dass Lungen, die geathmet haben, aus¬ 
nahmsweise im Wasser untersinken. Das lehrten die Fülle von 
Bernt, Zeller, Orfila, Taylor u. A., besonders aber der 
Fall W i n t e Fs, wo die Lungen eines Kindes, das G Stunden 
nach der Geburt gelebt und geschrieen hatte, zusammeugefallen, 
roth gefärbt aussahen und im Wasser versanken, mit Ausnahme 
kleiner Stückchen, welche aus den peripherischen Lungentheilen 
entnommen waren und eine hellere Farbe zeigten. 

Alle diese Einwände lehren, dass die hydrostatische Lungen¬ 
probe keineswegs die wichtige Bedeutung hat, welche ihr die 
Mehrzahl der Gerichtsärzte zuweist, dass ihr Ergebniss durchaus 
nicht eine jeden Zweifel ausschliesscnde Zuverlässigkeit besitzt. 

Diese Unzulänglichkeit musste aber gleichzeitig anreizen, auf 
Methoden zu sinnen, welche die Lungenschwimmprobe ergänzen 
konnten. Leider haben die meisten nur ein ephemeres Dasein ge¬ 
führt. Der Harnsäureinfarkt der Nieren, die 
Lungenblutprobe, die Lungen-Eisenprobe, die 
Lungen-Leber-Blutprobe, die Paukenhöhlen¬ 
probe, sie haben allo die Hoffnungen nicht erfüllt, die ihre Ent¬ 
decker auf sie setzten, und sind, wie Blumenstok [5] sagt, 
recht bald in die historische Rumpelkammer gewandert, mit 
alleiniger Ausnahme der B r e s 1 a u’schen Magen-Darmprobe 
[3, 4], die wenigstens bei positivem Ausfall die Lungenprobe 
korrigiren kann. 

Wenn ich trotz der wenig tröstlichen Ergebnisse, welche die 
bisherigen Bemühungen der Forscher hatten, es doch wage, eine 
weitere Methode vorzuschlagen, so bestimmt mich hierbei die 
Hoffnung auf ein eventuell besseres Schicksal, weil die Methode 
auf physiologisch feststehende Lehren sich stützt und bisher, so 
oft ich sie auch an wandte, gute Resultate lieferte. 

Uobereinstimmend lehren die Physiologen, dass Luft, ein¬ 
mal in die Lungenalveolen eingedrungen, niemals wieder voll¬ 
ständig entweicht, auch nicht an der Leiche, so lange der Brust¬ 
korb unversehrt ist. Selbst nach tiefster Ausathmung bleiben 
die. Lungen über ihr natürliches Volumen ausgedehnt. Da die 
Lungen der Brustwand dicht anliegen, die Pleurahöhle nur durch 
eine kapillare Flüssigkeitsschicht repräsentirt ist, so bleibt auch 
der Brustkorb über sein Anfangsvolumen ausgedehnt. Zu vollen- 
Retraktion der Lungen reicht ihre Elastizität nicht aus, da diese 
den auf der Innenwand der Alveolen lastenden Atmosphären¬ 
druck nicht überwinden kann. Wie Hermann [14] angibt,werden 
eher die Bronchien zusammengedrückt, als dass die Luft aus den 
Alveolen entweicht. Immerhin besteht dieses Retraktions- 
bestreben, dieses Bestreben, sich von der Rippenwand zu ent¬ 
fernen, und erzeugt natürlich im Brustkorb einen negativen 
Druck, der messbar ist, sobald man, wie es Donders [1] thnt, 

1 * 


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268 


MUENCHENER MEDIOINTSCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


ein Manometer luftdicht durch den Interkostalraum in den Brust- 
raum entführt. Das Quecksilber stieg um 2—3 nun. Dieser 
Werth entspricht dem Drucke, unter welchem 
d i e I. u ii g c n a c h d e r 1 e t z t e n, tiefen Exspiratio n 
im Tod exakt noch ausgedehnt war und welchem 
ihre Elastizität das Gleichgewicht hielt. 

Im leitenden Körper sind es wahrscheinlich höhere Wcrtlie, 
6—7,5 nun Hg = ’/ 100 Atmosphärendruck, ja, eine Steigerung 
bis zu 30 nun Hg ist möglich, wenn die Lunge vor der Messung 
stark aufgeblasen war. 

Legt man beim lebenden Thiere eine penetrirende Brust¬ 
wunde an, so dass die Aussenluft Zwischen Rippen- und Lungen¬ 
pleura dringt, so retrahiren sich die Lungen nach ihren Wurzeln 
hin gegen die Wirbelsäule, kollabiren, werden luftleer, atelekta- 
tiseh, wie beim Fötus, der noch nicht geatlunet hat, und stossen 
die in ihnen noch enthaltene, rückständige Luft aus. An der 
Leiche reicht die Eröffnung der Brust nicht aus, um eine der 
fötalen gleiche Atelektase zu bewirken. „Es scheint das darauf 
zu beruhen, dass die durch die sich retraliirendcn elastischen 
Elemente der Lunge repräsentirte Kraft zur vollständigen Aus¬ 
treibung der rückständigen Luft aus den Lungen nicht genügt, 
('s vielmehr dazu noch einer bei dem lebenden Thiere in Wirkung 
tretenden Hilfskraft, der Kontraktion der im interlobulären 
Bindegewebe verlaufenden glatten Muskelfasern bedarf“ 
(J. M unk [12]). 

Diese wichtigen Thatsachen aus der Lehre von dem Mecha¬ 
nismus der Athembewegungen waren bisher von der gerichtlichen 
Medizin nicht berücksichtigt worden. Und doch zwingt die That- 
saehe, dass in einem Brustraume, der lufthaltige Lungen ent¬ 
hält, ein negativer Druck herrscht, mit Notlnvendigkeit zu dem 
einfachen weiteren Schlüsse, dass in dieser Körperhöhle der 
Druck gleich 0 sein müsse, wenn die Lungen fötal sind, dass 
also nur der Nachweis des im Brustraum vor¬ 
handenen Manometerdruckes von Nöthen ist, 
um über stattgehabte oder nicht stattgehabte 
Athmung zu entscheiden. 

Mit diesem theoretischen Raisonnement war gleichzeitig der 
Weg zur Ausführung gegeben. Es war eben nur nöthig, ein 
Manometer luftdicht in einen Interkostal raum einzufüliren oder 
so mit einem rnterkostalraume zu verbinden, dass die Aussenluft 
nicht gleichzeitig eindringen konnte. Diese Anforderung erfüllt 
ein Troikart mit leicht gekrümmter Spitze, dessen Kanüle an 
ihrer Aussemvand einen Abschlusshahn trägt. So wird es mög¬ 
lich, beim Zurückziehen des Troikarts die im Interkostal raum 
steckende Kanüle von der Aussenluft abzuschliessen und sie durch 
einen Schlauch mit einem Manometer zu verbinden, ehe man den 
Absehlu^shahn öffnet. 



Kanüle Troikart 


Die Technik, die ich mit diesem Instrumentarium befolge 
und zugleich empfehle, war folgende: 

Ich machte zunächst den vorgeschriebenen Längsschnitt 
durch die Haut, doch nur vom Kinn bis zum Schwertfortsatz. 
Wenn ich ihn nicht gleich bis zur Sehamfuge verlängere, wie cs 
das Regulativ verlangt, so geschieht es aus Vorsicht, um zu ver¬ 
hindern, dass der bei Eröffnung der Bauchhöhle auf den Bauch- 
eingeweiden lastende Aussendruck den Zwerchfellstand verändere 
und so vielleicht Luft aus den Lungen treibe. Nun unter¬ 
binde ich zunächst vorschriftsmässig die 
Luftröhre und präparire die Brusthaut beiderseits bis zur 
Achsellinie zurück, wobei ich noch vorsichtiger vorgehe, als es 
sonst üblich ist, um nicht durch Anschneiden der zarten Rippen 
vorzeitig Luft in den Pleuraraum zu bringen. Jetzt steche ich 
meinen Troikart in einen Interkostalraum ein, etwa 1— IVs cm, 
so tief, dass man deutlich das Durchdringen der Kanüle durch die 
Interkostalmuskeln spürt. Ich wählte zumeist den 3. bis 
5. rechten Interkostalraum und zwar die Mitte zwischen Achsel¬ 


und Brustwarzenlinie. Nun ziehe ich den Troikart vorsichtig bis 
zu einer Marke zurück, die anzeigt, dass die Troikartspitze den 
Abschlusshahn des Kanülenrohres passirt, schliesse den Hahn 
sorgfältig und entferne dann den Troikart ganz. Man überzeuge 
sich nunmehr, ob die Kanüle auch nicht zu tief eindrang, korri- 
gire jetzt eventuell die Stellung. Das freie Ende der Kanüle 
verbinde ich durch einen Schlauch (Durchmesser 10 mm) mit 
dem einen Schenkel eines Quecksilbermanometers. Oeffne ich 
nun den Hahn und steigt das Quecksilber im zuge wandten 
S c h e n k e 1, so ist die Lunge überdehnt und hat gcathmet. Der 
dann im Brustrauni vorhandene negative Druck wirkt aspirirend. 
Bleibt das Quecksilber unbeweglich, so besitzt die Lunge ihr 
fötales Volumen und hat nicht geathmet. 

Wünschenswerth ist es, die Bruststichprobe in jedem Falle 
beiderseitig auszuführen. 

Der Güte meines hochverehrten Lelirers, Herrn Professor 
Dr. Strass mann, habe ich es zu danken, dass ich die Methode 
an dem Leichenmaterial der Unterrichtsanstalt für Staatsarznei- 
kunde erproben und ihr stets gleiches Ergebniss demonstriren 
konnte. Zu ganz besonderem Danke fühle ich mich auch Herrn 
Geheimrath Prof. Dr. Olshauscn für die gütigst gewährte 
Erlaubniss verpflichtet, dass ich die Methode an einer grossen 
Zahl von Todtgeburten stammender Kindesleiehen prüfen konnte. 
In diesen Fällen wurde das Ergebniss stets durch die Luugen- 
schwimmprobe und die Sektion der Lungen kontrolirt. ITeber- 
einstimmend stieg das Quecksilber in dem zugewandten Mano- 
nieterschenkel, und zwar um 2—30 mm, wenn die Lungen luft¬ 
haltig waren, und blieb unberührt, wenn die Lungen fötal waren. 

Die Vorzüge dieser Methode sind leicht zu erkennen. Erstens 
ist sie mit einem einfachen, transportablen Instrumentarium zu 
jeder Zeit und an jedem Ort. in wenigen Minuten ausführbar, 
zweitens ist sie technisch leicht anstellbar und drittens zer¬ 
stört sie nicht die Vorbedingungen für die 
Schwimm probe und Sektion der Lungen. Be¬ 
sonders auf den letzteren Vorzug lege ich einen Hauptwerth, da 
in der Lungenschwimmprobe, die ihren entscheidenden Werth hat 
und auch behalten soll, eine vortreffliche Kontrole gregeben ist 

Fragt man, ob diese Methode nicht auch falsche Resultate 
liefeni kann, so kann ich nur antworten, dass meino zahlreichen 
Vorversuche eindeutig ausfielen. Hiermit soll natürlich keines¬ 
wegs behauptet werden, dass auch in Zukunft das Ergebniss 
gleiclnnässig sein müsse oder werde, obwohl diese Erfahrungen 
und dio physiologisch richtigen Prinzipien der Probe zu so weit¬ 
gehender Prognose verleiten könnten. Mir erscheint es ge¬ 
rat heuer, die Nachprüfung der Fachgcnossen abzuwarten. 

Indem ich noch ausdrücklich erkläre, dass die Methode nur 
über stattgehabte oder nicht stattgehabte 
Athmung Aufschluss gibt, keineswegs aber 
über dio Luftmenge, über komplete oder par¬ 
tielle Athmung, quantitative Unterschiede, welche die 
Schwimmprobe und das Auge erkennen lassen, wird meiner An¬ 
sicht dio Aufmerksamkeit sich speziell darauf richten müssen, ob 
auch bei spärlichem Luftgehalt das Manometer feinempfindlich 
genug ist. Meine persönlichen Erfahrungen lauten bisher zu¬ 
friedenstellend. 

Weiter wird in Frage kommen, ob die Methode bei einer 
Flüssigkeitsansammlung im Pleuraraum, wenn dio Lungen weit¬ 
gehend komprimirt sind, gut funktionirt. Endlich wird zu 
prüfen sein, ob nicht weitgehende Fäulniss der Lunge den Brust¬ 
raum derart verändern könne, dass meine Probe ein falsches Re¬ 
sultat ergebe, ln praxi dürfte letztere Streitfrage allerdings 
kaum auftauehen, denn wie weit vorgeschrittene Fäul¬ 
niss das Urthcil über den Luftgehalt einer Lunge auch sonst er¬ 
schwert, ja unmöglich macht, so wäre es nicht verwunderlich, 
wenn die Fäulniss einen gleichen Einfluss auf das Ergebniss 
meiner Stichprobe übte. 

Eine hochwillkommene Pflicht ist es mir, Herrn Professor 
Dr. J. Munk für die werthvolle Unterstützung bestens zu 
danken. 

Literatur. 

1. Donders: Beitrag zur Mechanik der Respiration. Zeit- 
schr. f. rat Med., N. F., Bd. 3. — 2. L i c h th e i m: Arch. f. exper. 
Pathologie u. Pharmakologie., Bd. 10, H. ( l u. 2. — 3. Breslau: 
Vorläufige Mittheilung über den D.armgasgehnIt Neugeborcuer. 


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18. Februar 1902. MüENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


269 


Monatssehr. f. Geburtsli., Bd. 25. — 4. Derselbe: Ueber Ent¬ 
stehung und Bedeutung der Daringase beim neugeborenen Kinde. 
Monatssehr. f. Geburt sh., Bd. 28. — 5. B linnen stok: Zum 
200 jährigen Jubiläum der Lungenprobe. Vierteljahrssehr. f. ge- 
riehtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen 1883, XXXVlll u. XXXIX. 
— 6. U n g a r: Können die Lungen Neugeborener, die geuthuiet 
haben, wieder vollständig atelektatiseli werden? Vierteljahrssclir. 
f. geriehtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen 1883, XXXIX, N. F. — 
7. I) e r s e 1 b e: Weiterer Beitrag zur Lehre von der Magen-Darm- 
probe. Vierteljahrssehr. f. geriehtl. Med. u. öffentl. Sanitätsweseu 
.1888, XLVIII, N. F., 234—251. — 8. Obolensky: Die Lungou- 
probe. Vierteljahrssehr. f. geriehtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen 
1888, XLVIII., N. F., 3(50—374. — 9. N i k i t i n: Die zweite Lebens¬ 
probe. Vierteljahrssehr. f. geriehtl. Med. u. öffentl. Sanitätswesen 
1SKS. XLIX., N. F., 282—303. — 10. Bordas et Deseoust: 
Aun. d'liyg. publ. 1895. — 11. L e b r u n: Un signe de la respiration 
des nouveau-nös. Soe. de mGd. leg. de Belglque. 23. VI. 90. — 
12. Munk I.: Lehrbueh der Physiologie des Mensehen und der 
Säuget liiere. 2. Auflage. S. 20. — 13. Strassmann: Lehrbueh 
der geriehtl. Medizin. Enke, 1895. .— 14. Hermann: Pfliiger's 
Areh., Bd. 30, II. 5/0. 


Ueber einen Fall von akuter Wirbel-Osteomyelitis. 

Von Dr. Alfred Schönwerth, k. Stabsarzt und Privat¬ 
dozent für Chirurgie. 

Akute Osteomyelitis der Wirbel ist eine seltene Erkrankung. 
Hahn ’) konnte mit Benützung der in- und ausländischen Litera¬ 
tur nicht mehr als 41 Fülle zusammenstcllen, von denen 5 auf 
Erkrankungen des Kreuzbeins entfallen. Aus diesem Grunde 
dürfte die Veröffentlichung des folgenden Falles, den ich im 
hiesigen Garnisonslazarethe zu beobachten Gelegenheit hatte, be¬ 
rechtigt erscheinen. 

Krankengeschichte: 

27 jühr. Mann, bürgerlicher Beruf Schreiner, seit 7 Jahren 
bei Infanterie dienend. Aufnahme im hiesigen Garuisonshizareth 

3. IX. 1901 Nachmittags. 

Anamnese: Patient war früher niemals ernstlich krank; 
in der Nacht von 2. auf 3. September traten ohne jede bekannte 
Ursache und ohne vorausgehenden Schüttelfrost leichte Schmerzen 
in der Kreuzbeingegend auf; dieselben nahmen Im Laufe des fol¬ 
genden Tages dermaassen zu, dass Pat. jetzt (am Abend des 3. IX.i 
nicht mehr allein zu gehen vermag und Vorwärtsbeugung des 
ltumpfes nur unter den grössten Schmerzen möglich ist; diese letz¬ 
teren haben ihren Hauptsitz in der Kreuzbeingegend, strahlen 
jedoch von hier nach beiden Lenden hin aus und erreichen etwas 
nach links von der Wirbelsäule ihre grösste Intensität. Durch 
Nahrungsaufnahme oder tiefe Atheinziige werden sie nicht beein¬ 
flusst — Ein Furunkel oberhalb des rechten Handgelenkes, der 
seit einigen Tagen besteht, verursacht so gut wie keine Be¬ 
schwerden. — Erbliche Belastung fehlt, geschlechtliche Infektion 
wird in Abrede gestellt. 

1. Krankheitstag: Status praesens: Kräftig gebauter, 
blasser, etwas abgemagorter Mann; oberhalb des rechten Hand¬ 
gelenkes ein kleiner, in Heilung begriffener, nicht mehr eiternder 
Furunkel. Brustorgane normal, Leib etwas eingezogen, nirgends 
druckempfindlich; Milz nicht vergrössert; Urin wird spontan ent¬ 
leert. ohne pathologische Beimengungen. — Brustwirbelsäule in 
miissigem Grade nach links skoliotisch. Die beiden letzten Brust- 
sowie der erste und zweite Lendenwirbel in gleicher Weise druck¬ 
empfindlich; Leudengegend links sehr stark, rechts mässig druck¬ 
empfindlich; Vorwärtsbeugen des Rumpfes ist, wenn auch unter 
heftigen Schmerzen, möglich; hiebei, sowie beim Wiederaufrichten 
stützt Tat. sieh mit beiden Händen auf die leicht gebeugten Kuiee. 
Nach dem WIedernufrichten leichtes Schwanken des Oberkörpers, 
besonders nach rückwärts. — Temperatur 38.9, Fuls 90. 

4. IX. (2. Krankheitstag): Pat. macht den Eindruck eines 
schwer leidenden Menschen. — Anhaltendes Fieber (zwischen 
38.7—39.9); Schmerzen wie gestern, andauernd. Tat. nimmt meist 
die Rückenlage mit leicht angezogenen Knieen ein. Aufrichten 
von der liegenden in die sitzende Stellung, Vor- und Riickwärts- 
lieugen der Lenden Wirbelsäule wegen heftiger, bei dem Versuche 
hiezu sofort auftretender Schmerzen unmöglich. Dornfortsatz 
des 12. Bnist-, sowie des 1. Lendenwirbels äusserst druckempfind¬ 
lich; bei Druck auf die vorderen Enden der untersten Rippen 
linkerseits sofort heftige Schmerzen, die von vorne bis rückwärts 
in die Kreuzgegend sich erstrecken; bedeutende Druckeinpflnd- 
liehkeit der linken Lumbalgegend, ohne dass hier irgend welche 
Veränderung nachweisbar Ist. — Zunge leicht belegt, Abdomen 
gespannt, etwas eingezogen, zwischen Nabel und Spina ant. sup. 
linkerseits auffallende Druckempflndliehkeit. Resistenz in der 
Tiefe oder Dämpfung fehlen. — Pupillenreaktion und Reflexe 
normal; Puls 96, regelmässig. 

5. IX. (3. Kraukheitstag): Die Nacht wurde wegen intensiver 
Kreuzschinerzen schlaflos verbracht; anhaltendes Fieber (39,7 bis 
40,8). Pat. nimmt noch immer hauptsächlich die Rückenlage ein; 
dabei hält er sich leicht nach links gewendet, Kuiee sind etwas 
hochgezogeu, linkes Bein in seiner ganzen Ausdehnung auf der 
Bettunterlage aufliegend. Linke Lumbalgegend hochgradig druck¬ 
empfindlich, der Schmerz daselbst wird als sehr heftig und klopfend 


l ) Hahn: Ueber die akute infektiöse Osteomyelitis der Wirbel. 
(Beitr. z. klin. Chir., 25. Bd., 1. H.) 

No. 7. 


wie der Puls geschildert. — Dagegen Ist die • Druckempflndlich- 
keit der Wirbel bedeutend geringer als gestern; verhältnissmüssig 
am meisten Schmerzen löst Druck auf den 12. Brustwirbel aus. 
Pat kann sich heute mit Hilfe eines Wärters aufsetzeu und ln 
sitzender Stellung verbleiben, ohne duss er dabei klagt. Druck auf 
die vorderen unteren Rippen linkerseits wird nicht mehr schmerz¬ 
haft empfunden; Druckempfiudlichkeit der linken Bauehgegend 
andauernd, aber nicht mehr so stark wie gestern. — Lungenbefund 
normal, Urin nicht eiweisslialtig. Die an ihn gerichteten Fragen 
beantwortet Pat. sofort in richtiger Weise. 

Abends 5 Uhr. Unter der Annahme eines paranepliritischen 
Abszesses (Temperatur 40,8) in Chloroformuarkose Freilegung der 
linken Nierenkapsel mittels S i m o n’schen Lendeuschnittes; die 
Wirbel, welche von der Wuudhöhle aus gut abtastbar sind, zeigen 
keine erkennbare Veränderung. Tamponade der Wunde, Verband. 

— Während der Narkose fiel auf, dass bis kurz vor Eintritt des 
Toleranzstadiums die linke Lumbalgegend sehr druckempfindlich 
blieb, so dass schon bei massigem Drucke Pat. sichtlich zusammeu- 
zuekte. 

6. IX. (4. Krankheitstag): Allgemeineindruck ein besserer; 
Temperatur Morgens 38.2, Abends 38,9. Auffallende Euphorie. 
Die Schmerzen im Rücken sollen gänzlich geschwunden sein. 
Auf richten ohne Beschwerden möglich; Druckempflndliehkeit iui 
Leibe nicht mehr vorhanden. Die einzigen Klagen beziehen sich 
auf Druck im Abdomen (seit 2. IX. kein Stuhl). — Zunge belegt, 
feucht, Sklera etwas gelblich. Ueber den hinteren unteren Lungen- 
partieen Itonchl. — Verbandwechsel, Wunde reaktionslos, kein 
Eiter. — Furunkel am rechten Handgelenke abgeheilt. 

7. IX. (5. Kraukheitstag): Euphorie andauernd; keine Klagen. 
Temperatur Morgens 38,0, Abends 38.8. Pat. befindet sich meist 
ln Rückenlage, beide Oberschenkel sind augezogen; Rhonchi in 
Zunahme begriffen, Meteorismus ebenfalls, trotzdem noch gestern 
Abend auf Einlauf reichliche Stuhlentleeruug erfolgte. Puls 108. 

— l'rin ei weisshaltig. Gegen Abend ausgesprochene Delirien, 
welche ndt Pausen die ganze Nacht andauern. Pat. will das Bett 
verlassen und zeigt grosse motorische Unruhe. 

8. IX. (6. Krankheitstag): Temperatur 38,5. Hochgradige Er¬ 
schöpfung, Sensorium meistens benommen. Unter zunehmendem 
Kräfteverfall und terminalem Lungenödem erfolgt Abends 7 Uhr 
20 Min. im Koma der Tod. — Bemerkt sei noch, dass um 2 Uhr 
Nachmittags im Bereiche beider Vorderarme ein Exanthem ln Ge¬ 
stalt von bald vereinzelt, bald gruppenweise stehenden, gerötheteu 
Papeln auftrat, das in 2 Stunden sich wieder völlig zurückgebildet 
hatte. Dieses Urtikaria-artige Exanthem wurde ein zweites Mal, 
diesmal auch im Gesichte, kurz vor 7 Uhr beobachtet, war aber 
schon in einigen Minuten wieder verschwunden. 

Klinische Diagnose: Allgemeine Sepsis, wahrschein¬ 
lich ausgehend von einem Furunkel am rechten Handgelenk. 

Aus dem Obduktionsprotokolle sei zunächst fettige De¬ 
generation des Herzmuskels, alte Adhäsivpleuritis linkerseits und 
Hypostasen in beiden Lungen hervorgehoben. Die Milz war ver¬ 
grössert, die beiden Psoasmuskeln verhielten sich normal. Da¬ 
gegen entleerte sich bei Aufmeisselung der Wirbelsäule aus der 
(»egend des ersten Lendenwirbels eine geringe Menge dicken, 
gelben Eiters (etwa 1 ccm). Nach Priiparation des genannten 
Wirbels wurde folgender Befund gestellt: 

An der rechten Seitenfläche des Process. spinös., in der Nähe 
seines Ursprungs vom Wirbelbogen, ungefähr in der Mitte, aber 
mehr gegen den oberen als gegen den unteren Rand zu gelagert, 
ist ein oberflächlicher, spaltförmiger, mit der Längsachse des Doms 
parallel verlaufender Defekt sichtbar, welcher kaum die Grösse 
einer halben Erbse besitzt und in dessen unmittelbarer Nähe das 
Periost fehlt. Nach Durchsägung des Domes zeigt sich deutlich, 
dass der beschriebenen Stelle entsprechend die Kortikulis voll¬ 
kommen fehlt und dass sich der Substanzverlust noch etwas in 
das Markgewebe hinein fortsetzt. Unmittelbar im Anschlüsse 
daran hebt sich von der Siigefläclie deutlich eine etwa erbsengrosse, 
annähernd rundliche Partie ab, die sich durch ihre dunklere, offen¬ 
bar von Hämorrlmgien herrühreude Färbung charakterisirt und 
die Medianlinie des Doms nur wenig nach links zu überschreitet. 
Im übrigen Wirbel findet sich keine Veränderung; vor Allem sei 
betont, dass eine Verbindung mit dem Wirbelkanal nicht bestaud, 
sowie dass die Medulla sich normal erwies. — Die durch Herrn 
Stabsarzt Dr. Deiclistötter vorgeuommeue Untersuchung des 
ausgestrichenen Eiterpräparates (Färbung nach Gram) ergab die 
Anwesenheit zahlreicher Kokken, daneben vereinzelter Kugeln und 
Doppelkugeln, die sich nach Gram färbten. Die zelligen Ele¬ 
mente waren spärlich, es fanden sich nur wenige Eiterzelleu und 
auch diese waren meistens in Zerfall begriffen. Auf Agar wuchs 
nur der Staphylococc. pyogen, aureus in Reinkultur. — Das Aus- 
striehpräparat des Blutes (bei der Sektion der Schenkelvene unter 
den üblichen Kauteleu entnommen) Hess keine Infektion mit 
Mikroorganismen erkennen. Auf Agar ausgesät, zeigte sich das 
Blut jedoch ebenfalls mit Staphylococc. pyogen, aureus reichlich 
infizirt. 


Leichendiagnose: Akute Osteomyelitis des 1. Lenden¬ 
wirbels und allgemeine Sepsis. 

Iin vorliegenden Falle waren schon vom Tage der Aufnahme 
des Pat. an eine ganze Anzahl von Symptomen vorhanden, deren 
Zusammenhang mit Wirbelerkrankung uns von dem Bilde der 
tuberkulösen Spondylitis her wohlbekannt ist; so das charakte¬ 
ristische Verhalten dos Pat. beim Bücken, die Druckemptindlieh- 
keit der Wirbelsäule und der Lumbalgegend, die Unbeweglich¬ 
keit der Wirbelsäule, die Art und Weise, wie Pat. mit an- 


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No. 7. 


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gezogenen Beinen im Bette lag. Eine tuberkulöse Natur des 
Leidens war bei dem plötzlichen Beginn und dem rapiden Ver¬ 
laufe desselben allerdings so gut wie ausgeschlossen, man musste 
vielmehr an einen akut entzündlichen Prozess im Knochen denken. 
Das Verhalten des Abdomens (Druckempfindlichkeit, später 
Meteorismus) konnte unter der Annahme einer Wirbelerkrankung 
nichts Auffallendes haben. Nach Judson sind Bauch¬ 
schmerzen bei tuberkulöser Spondylitis ein ebenso werthvolles 
Frühsymptom, wie Knieschmerzen bei Koxitis. Hahn erwähnt 
Meteorismus und starke Leibschmerzen, spontan und auf Druck, 
als Begleiterscheinung der akuten Wirbelosteomyelitis. Die Kon¬ 
traktur des Hüftgelenkes wird bei Erkrankungen der Lenden¬ 
wirbel häufig beobachtet; sie ist bedingt durch Abszesse im Psoas, 
kann aber auch, wie in unserem Falle, reflektorischer Natur sein, 
indem der an den Lendenwirbeln inserirende Psoas durch Kon¬ 
traktur der Hüftbeuger entspannt wird. 

Ein anderes Symptom dagegen, das allerdings nur vorüber¬ 
gehend am 2. Krankheitstage beobachtet wurde, hätte vielleicht 
mehr Berücksichtigung verdient, nämlich die Schmerzen, die 
linkerseits bei Druck auf die vorderen Enden der untersten 
Rippen auftraten. Dieselben zogen sich, diesen letzteren entlang, 
bis in die Kreuzgegend hin und waren wohl durch Uebertragung 
des Druckes auf die Wirbel bedingt. Dass der erste Lenden¬ 
wirbel, der den Sitz der Eiterung bildete, überhaupt nicht mit 
einer Rippe artikulirt, spricht nicht gegen den obigen Erklärungs¬ 
versuch. Der auf den letzten Brustwirbel ausgeübte Druck pflanzt 
sich eben auch auf den Lendentheil der Wirbelsäule fort, was bei 
der festen Verbindung der Wirbel untereinander nicht auf fallen 
kann. Ganz analog klagte Pat. ja auch über Schmerzen in den 
untersten Brustwirbeln, die bei der Obduktion sich als völlig 
intakt erwiesen. Die diagnostische Verwendbarkeit dieses Sym¬ 
ptoms wäre durch Nachprüfung festzustellen. 

Was die Druckempfindlichkeit der Wirbel anbelangt, so war 
dieselbe im vorliegenden Falle wohl vorhanden, aber nicht auf 
einen bestimmten Wirbel lokalisirbar. Hahn fand 3 mal das 
Betasten der Wirbel ergebnisslos. Nach Riese') wird der 
Druckschmerz nur durch lokale Kompression, nicht aber durch 
Kompression der Wirbelsäule in vertikaler Richtung ausgelöst. 
Im Gegensatz zu dieser Beobachtung steht, das Verhalten des 
tuberkulös erkrankten Wirbels; ein leichter, auf Kopf und Schul¬ 
tern ausgeübter Druck genügt liier meist zur Auslösung eines 
umschriebenen Schmerzes. Dieses letztere Experiment wurde in 
unserem Falle unterlassen. 

Die Diagnose einer Wirbelentzündung lag unter den erwähn¬ 
ten Umständen sehr nahe. Dieselbe wurde auch schon bei der 
Aufnahme des Pat. in Erwägung gezogen, doch verlor sie wieder 
an Wahrscheinlichkeit, als das Krankheitsbild sich am 3. Tage 
wesentlich geändert hatte. In erster Linie war die Druckempfind¬ 
lichkeit der Wirbel eine bedeutend geringere geworden; es ist 
dies ein Verhalten, das für gewöhnlich bei der akuten Osteo¬ 
myelitis nicht Vorkommen dürfte. Im Gegentheil, die Druck¬ 
empfindlichkeit nimmt ständig zu und grenzt sich immer mehr 
ab, bis es schliesslich zur Abszessbildung kommt. In zweiter 
Linie war auch die Wirbelsäule viel mobiler geworden, so dass 
Pat. sich ohne jede Klage mit Hilfe eines Wärters aufsetzen 
konnte. Während also einerseits gerade die auf die Wirbel zu 
beziehenden Erscheinungen in den Hintergrund traten, blieben 
Schmerz und Druckempfindlichkeit in der Lumbalgegend be¬ 
stehen, nahmen sogar an Intensität zu. Um so berechtigter er¬ 
schien es, den Sitz des Leidens in diese Region zu verlegen und 
einen paranephritischen Abszess anzunehmen. Dass es sich um 
einen eitrigen Prozess handelte, konnte in Anbetracht des hohen 
Fiebers, der heftigen Schmerzen, sowie der auffallenden Druck¬ 
empfindlichkeit wohl als sehr wahrscheinlich bezeichnet werden. 
Für die Betheiligung des pararenalen Gewebes sprach zunächst 
die Lokalisation von Schmerz und Druckempfindlichkeit in der 
Lumbalgegend, weiterhin das Ausstrahlen der Schmerzen unter 
die falschen Rippen und in die Tiefe des Hypochondriums. Obsti¬ 
pation und Beugekontraktur des Hüftgelenkes werden bei Para¬ 
nephritis ebenfalls beobachtet, während ein ei weissfreier Urin 
eine derartige Diagnose nicht ausschliesst. Immerhin auffallend 
blieb dagegen unter dieser Annahme die schon vom 1. Beobach¬ 
tungstage ab bestehende Druckempfindlichkeit der Domfortsätze, 

’) Deutsch, med. Wochenschr. 1898, No. 47, S. 250. (Vortrag 
in der Sitzung der freien Vereinigung der Chirurgen Berlins.) 


wenn man dieselbe nicht auf Ausstrahlung von der Lendengegend 
her beziehen will. 

So wurde denn mit der Diagnose eines paranephritischen 
Abszesses der operative Eingriff vorgenommen. Das Resultat war 
ein negatives; erst die Sektion wies nach, dass die Eiterung vom 
ersten Lendenwirbel ausging. Dieser letztere Befund musste sehr 
überraschen, wenn man bedenkt, dass gerade die durch die Wirbel¬ 
entzündung bedingten Erscheinungen am 3. Krankheitstage ent¬ 
schieden zurückgegangen waren. Möglicher Weise, dass mit 
diesem Zeitpunkte der Durchbruch des Eiters durch die Kortikalis 
zusammenfiel und dadurch Erleichterung geschaffen wurde. Dass 
jedoch dieser Vorgang von einer so wesentlichen Besserung ge¬ 
folgt sein konnte, wie dies hier der Fall war, ist doch unwahr¬ 
scheinlich, umsomehr als der Eiter noch von einer ganzen Anzahl 
von Gewebsschichten eingeschlossen war und die Entspannung 
aus diesem Grunde durchaus keine vollständige genannt werden 
durfte; auch am Tage nach der Operation klagte Pat. über keiner¬ 
lei Schmerzen, richtete sich ohne jede Klage auf, wurde also 
weder in seinem Woldbefinden, noch in seinen Bewegungen durch 
die immerhin nicht unbedeutende Wunde beeinflusst. Auch 
das muss befremden. Ich möchte desshalb annehmen, dass in 
Folge der Sepsis schon am 3. Krankheitstage das Sensorium des 
Pat. ein getrübtes war, dass desshalb seine Angaben über Schmer¬ 
zen, Druekempfindlichkeit etc. nicht mehr zuverlässig waren und 
dadurch bei dem Mangel objektiver Symptome eine irrige Dia¬ 
gnose begünstigen mussten. 

Verwechslungen mit Peritonitis, mit Typhus, wie sie bei 
akuter Wirbelosteomyelitis tliatsächlich vorgekommen, waren im 
vorliegenden Falle wohl zu vermeiden. Das schwere Krankheits¬ 
bild, das hohe, andauernde Fieber, das Fehlen von Erscheinungen, 
die auf das Ergriffensein eines bestimmten Organes hindeuteten, 
liess ja die Möglichkeit eines Abdominaltyphus nicht ausge¬ 
schlossen erscheinen. Doch sprach gegen diese Diagnose das 
Fehlen der Roseolen, einer grösseren Milzschwellung, sowie das 
Verhalten des Stuhles. — Die Druekempfindlichkeit des Ab¬ 
domens, die Schmerzen daselbst, später der zunehmende Meteoris¬ 
mus konnten nicht ala peritonitische Symptome aufgefasst 
werden, nachdem Dämpfung und Resistenz in der Bauchgegend, 
sowie alle jene Erscheinungen von Seiten des Magendarmkanals 
fehlten, welche wir sonst bei dieser Krankheit nicht vermissen. 

Eine präzise Diagnose war im vorliegenden Falle wohl aus¬ 
geschlossen, und zwar desshalb, weil die Sepsis akut verlief und 
zum Tode führte, bevor noch Symptome sich ausbilden könnten, 
die mit Sicherheit auf die Erkrankung von Wirbeln hinwiesen. 
Dazu kommt noch die frühzeitige Beeinflussung des Sensoriums, 
wodurch die Angaben des Pat., die gerade hier bei dem Fehlen 
eines objektiven Befundes von grosser Wichtigkeit gewesen wären, 
an Werth verloren. Betrachten wir die von Hahn zusammeu- 
gestellten Fälle, so sehen wir, dass operative Eingriffe ausschliess¬ 
lich auf Grund von Abszessbildung vorgenommen wurden. Wir 
finden Oedeme oder Fluktuation über dem befallenen Wirbel an¬ 
gegeben; dieser Befund war entweder schon bei der Aufnahme 
des Pat. in’s Krankenhaus vorhanden oder die Infektion war eine 
mehr gutartige; man konnte in diesen Fällen zuwarten, bis der 
Eiter in der Haut in näher gelegene Schichten durchgebrochen 
war und sich deutlich als Abszess dokumentirte. Die verhältniss- 
mässig spät vorgenommenen Operationen illustriren am besten 
die Schwierigkeit event. Unmöglichkeit einer Diagnose. — Was 
den bei der Sektion erhobenen Lokalbefund an belangt, so be¬ 
rechtigte derselbe ohne die Bösartigkeit der stattgehabten In¬ 
fektion zu einer günstigen Prognose, sowohl in Anbetracht des 
weiteren Verlaufes der Krankheit., als auch mit Berücksichtigung 
eines event. operativen Eingriffes. Bei Sitz der Eiterung im 
Wirbelkörper wird ein Durchbruch in die Körperhöhlen im All¬ 
gemeinen eher zu erwarten sein, als wenn die übrigen Theile dos 
Wirbels affizirt sind; nach Hahn ist die Mortalität in den erst- 
bezeichneten Fällen auch eine grössere. Obwohl in einem von 
Morian 1 ) beschriebenen Falle eine eitrige Pleuritis durch 
Perforation vom Wirbelbogen her zu Stande kam, so werden im 
Allgemeinen Eiterungen, die vom Dornfortsatz oder dessen 
nächster Umgebung ausgehen, doch eine grössere Tendenz be¬ 
sitzen, sich nach aussen zu fortzusetzen. In unserem Falle hatte 
sich der Eiter bereits nach dieser Richtung hin einen Ausweg 

*) Deutsch, med. Wochenschr. 1893, S. 1258. 


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18. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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geschafft; voraussichtlich wäre schon in wenigen Tagen über den 
kranken Wirbelpartien Oedem und Fluktuation aufgetreten, wo¬ 
durch ein operativer Eingriff erzwungen worden wäre. War die 
Diagnose vorher noch nicht gestellt, so musste der in der Tiefe 
der Eiterhöhle fühlbare, rauhe Knochen dieselbe sichern. Die 
operative Freilegung des Dornfortsatzes hätte keinerlei Schwierig¬ 
keiten geboten, wie solche bei Operationen am Wirbelkörper oft 
nicht zu umgehen sind. Selbst die Abtragung des ganzen er¬ 
krankten Proc. spinös, wäre leicht ausführbar gewesen. Dass der 
Knochen nur in so geringer Ausdehnung affizirt war, kann bei 
dem kurzen Verlaufe des Leidens nicht auffallen. Wäre der Tod 
nicht so rasch eingetreten, so hätten sich noch weitere Verände¬ 
rungen ausgebildet, wahrscheinlich wäre es zur Sequesterbildung 
gekommen, wie ja auf der Sägefläche des Knochens sich bereits 
ein bestimmter Bezirk gegen seine Umgebung abgegrenzt hatte. 
Dass die Nekrosen auch weiter um sich greifen können, zeigt die 
Zusammenstellung Hahn’s. In Fall 4 (von Bruns) war der 
Proc. spin. eines Lendenwirbels ganz, die Proc. transversi gleich¬ 
zeitig theilweise vom Periost entblösst. In Fall 8 (M o r i a n) 
hatte sich die Spitze des Domfortsatzes vom 12. Brustwirbel im 
Zusammenhang mit dem Lig. apicum in unregelmässiger 
Knochenfläche abgelöst. Der Stumpf sammt dem hinteren Bogen¬ 
umfange war seines Periostes beraubt, die aufgemeisselte Wirbel¬ 
spongiosa enthielt linsengrosse Abszesse. 

Weniger günstig für die Prognose war der bakteriologische 
Befund; Hahn konstatirte, dass in allen Fällen, wo der Staphylo- 
cocc. pyogen, aureus gefunden wurde, der Verlauf des Leidens ein 
recht akuter war; doch lässt die geringe Anzahl der bis jetzt 
veröffentlichten Fälle ein definitives Urtheil in dieser Beziehung 
noch nicht zu. 

Als Ausgangspunkt der Infektion muss auch auf Grund der 
stattgehabten Obduktion der erwähnte Furunkel am Handgelenk 
angenommen werden. Auch Hahn erwähnt einen Fall, in dem 
eine Paronychie am Finger als Infektionspforte angesprocheu 
werden konnte; eine Abhängigkeit der Wirbelosteomyelitis von 
vorausgegangenen Traumen konnte derselbe nicht feststellen. 
Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass die über¬ 
wiegende Mehrzahl der bis jetzt erwähnten bekannten Fälle von 
akuter Wirbelosteomyelitis auf das 1.—20. Lebensjahr trifft und 
dass nach dem 2. Dezennium eine anhaltende Frequenzabnahme 
nachweisbar ist, während unser Pat. dem Ende des 3. Dezenniums 
sich näherte. 

Auf Grund des vorliegenden Falles, sowie nach Durchsicht 
der einschlägigen Literatur glaube ich zu dem Schlüsse berechtigt 
zu sein, dass die akute Osteomyelitis der Wirbel, wenn auch eine 
seltene Erkrankung, doch häufiger vorkommt, als man bis jetzt 
anzunehmen geneigt ist. Die eigentliche Natur des Leidens wird 
eben nicht in allen Fällen erkannt; es ist dies auch sehr wohl 
begreiflich. Man denke an die ungünstigen, äusseren Verhält¬ 
nisse wie sie die Praxis oft mit sich bringt und welche eingehende, 
wiederholte Untersuchungen oft ungemein erschweren können. 
In manchen mit akuter Sepsis einhergehenden Fällen wird die 
Diagnose überhaupt erst auf dem Sektionstische gestellt werden. 
Ganz abgesehen davon, dass von den Angehörigen durchaus nicht 
immer die Vornahme der Obduktion gestattet wird, entschliesst 
man sich relativ selten dazu, den Wirbelkanal aufzumeisseln, 
wenn nicht schon bei Lebzeiten des Pat. deutliche Erscheinungen 
auf Erkrankungen des Markee und seiner Hüllen hingewiesen 
haben. So lange wir daher nicht im Stande sind, eine Früh¬ 
diagnose zu stellen, müssen wir immer damit rechnen, dass der 
eine oder andere nicht sezirte Fall als Typhus, Peritonitis u. s. w. 
geführt werden wird. Vielleicht dass die Röntgenstrahlen auch 
hier Wandel schaffen und uns ermöglichen, aus Veränderungen 
des Knochens schon auf den Beginn der Nekrose zu schliessen 
und darnach unser therapeutisches Handeln einzurichten. 


Aus der chirurgischen Abtheilung des Friedrich Wilhelm- 
Hospitals in Bonn (Leiter: Prof. W i t z e 1). 

Zur Behandlung der Phimose. 

Von Dr. F. Wenzel, Assistenzarzt. 
Schilling 1 ) hat mit Recht darauf hingewiesen, dass die 
Phimose kleiner Knaben sich in weitaus mehr Fällen ohne blutige 

’) Schilling: Ueber methodische, unblutige Erweiterung 
der Phlmosis kleiner Knaben. Münch, med. Wochenschr. 1800. 
No. 11 . 


Operation beseitigen lasse, als man im Allgemeinen anzunehmen 
geneigt sei. Sch.’s Verfahren, das nicht den Anspruch der Neu¬ 
heit macht, besteht darin, dass er, nach genügender Erweiterung 
der Vorhautöffnung mittels feiner Sonden, die Vorhaut metho¬ 
disch und wiederholt über die Eichel zurückzieht, die Eichel so 
als Keil benutzend. Wir bedienen uns der ebenso einfachen und 
auch bekannten Dilatation durch Einführung einer Pinzette: 
nach Erweiterung des Orific. praeput. und Lösung der Ver¬ 
wachsungen durch die Knopfsonde wird eine anatomische Pin¬ 
zette geschlossen in den Vorhautsack eingeführt, hier geöffnet 
und dann der Vorhautsack nach verschiedenen Richtungen hin 
gedehnt. Schon nach 1—2 Dilatationen lässt sich die Vorhaut 
gut über die Eichel zurückstreifen; in Zwischenräumen von 
8—10 Tagen wird das Verfahren wiederholt. Doch bedarf man 
meist nur 2—4 weiterer Dilatationen, um eine ausreichende 
Weite zu erzielen. Sobald die Dilatation soweit gelungen ist, 
dass die Vorhaut sich über die Eichel zurückziehen lässt, werden 
Eichel und Vorhaut, um neue Verwachsungen oder Verklebungen 
zu verhüten, mit Byrolin eingefettet; dasselbe geschieht bei den 
Wiederholungen der Dilatation. Bei der Dehnung der Vorhaut 
kommt es bisweilen zu kleinen Einrissen; oder man ist genöthigt, 
um die Einführung der Pinzette zu ermöglichen, einen kleinen 
Einschnitt an der Vorhautöffnung ?u machen. Unter Bleiwasser¬ 
umschlägen und regelmässigen Abwaschungen, resp. Vollbädern, 
besonders nach jedem Uriniren, heilen diese kleinen Verletzungen 
ohne jegliche Störung schnell ab. Ist dann nach mehreren Dila¬ 
tationen eine ausreichende Erweiterung erzielt, so genügt zur 
Aufrechterhaltung derselben ein methodisches Zurückziehen der 
Vorhaut über die Eichel. Diese Nachbehandlung kann man, 
falls man es mit intelligenten Eltern zu thun hat, denselben über¬ 
lassen; doch lässt man sich die Kinder regelmässig in Zwischen¬ 
räumen von 4—6 Monaten vorstellen. 

Bei richtiger Auswahl haben wir in einer ganzen Reihe von 
Fällen ein gutes Dauerresultat erzielt, besonders sind es die Phi¬ 
mosen der Neugeborenen und der Knaben im 1.—3. oder 4. Le¬ 
bensjahre, welche sich für dieses einfache Verfahren eignen. In 
anderen Fällen reicht es nicht aus, besonders nicht, wenn die 
Knaben etwas älter sind, ebensowenig natürlich bei Erwachsenen. 
Oft auch wird diese Art der Behandlung den Eltern zu lang¬ 
weilig, sie bleiben aus und stellen die Kinder erst nach 1 bis 
2 Jahren wieder vor; dann ist es meist für das Dilatations¬ 
verfahren zu spät. Ebenfalls nicht angebracht ist die Methode 
in den Fällen, wo es bereits zur Entzündung der Vorhaut und 
Eichel gekommen ist. Für alle diese Fälle kommt nur die Opera¬ 
tion in Betracht. 

Die beiden ältesten Operationsmethoden, welche zugleich die 
gebräuchlichsten sind, die Zirkumzision und Dorsalinzision nach 
Roser, leiden beide an dem Fehler, dass sie kosmetisch kein 
gutes Endresultat geben. Zahlreiche Modifikationen haben diesen 
Nachtheil zu verbessern gesucht. Habs*) und neuerdings 
Schloffer*) haben dann komplizirtere Verfahren veröffent¬ 
licht, deren Resultat funktionell und kosmetisch ein sehr gün¬ 
stiges sein solL 

W i t z e 1 benutzt bereits seit einer Reihe von Jahren einen 
sogen. Ovalärschnitt. Nach Lösung etwaiger Verwachsungen 
wird das Präputium mittels zweier chirurgischer Pinzetten ge¬ 
fasst, und zwar liegt der Angriffspunkt der einen Pinzette am 
Frenulum, die andere fasst die beiden Vorhautlamellen gegenüber 
am Penisrücken. Die Vorhaut wird mittels beider Pinzetten 
gespannt, wobei besonders das innere Präputialblatt gespannt 
werden muss, damit möglichst viel desselben durch den Schnitt 
resezirt wird, während die Penishaut nach der Peniswurzel hin 
gezogen wird. Dann wird mit der C o o p e rischen Scheere der 
Ovalärschnitt in der Weise ausgeführt, dass entweder mit einem 
Schlage der oberhalb der unteren Pinzette mit den Spitzen nach 
hinten angelegten Scheere oder rechts und links in einiger Ent¬ 
fernung vom Frenulum mit 2 Schnitten beginnend ein dorsales, 
dreieckiges Stück dee Präputiums abgetragen wird. Das ab¬ 
getragene Stück bildet die Spitze des Ovales, während der 
runde Theil des Ovales von den nicht angefrischten Theilen der 
Vorhaut neben dem Frenulum gebildet wird. Es liegt alsdann 
die Hamröhrenöffnung und deren Umgebung, sowie die dorsale 

’) Habs: Operation der Phimose nach Dr. Hagedorn. 
Centralbl. f. Chlr. 1893. No. 40. 

*) Schloffer: Zur Technik der Phimosenoperation. Central¬ 
blatt f. Chlr. 1901. No. 26. 

2 * 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


272 


Eicheloberfläche vollkommen frei, während der Sulcus retro- 
glandularis bis zur Corona glandis durch den Vorhautrest noch 
gut gedeckt ist. Beide Schnittflächen werden dann geglättet, 
vom inneren Vorhautblatt eventuell noch ein Theil abgetragen 
und dann äusseres und inneres Präputialblatt vernäht. Als 
Nahtmaterial benutzen wir Katgut, um das lästige, die Kinder 
sehr aufregende Entfernen der Nähte zu vermeiden. Bei Er¬ 
wachsenen führen wir die Operation unter Kokaininfiltration 
aus, bei Kindern im 1. Lebensjahr bedarf es keiner Anästhesie; 
ein Ruhighalten dieser kleinsten Kinder erreiche ich dadurch, 
dass ich unter leichter Hochlagerung des Kopfes Rumpf, Beine 
und Arme auf dem flachen Operationstische mittels einer storili- 
sirten, breiten, dreifachen Roll- oder einfachen Flanellbinde fest- 
wickele. Diese Binde, in Achtertouren um die Peniswurzel 
herumgeführt, sehliesst gleichzeitig das Operationsfeld voll¬ 
ständig aseptisch gegen die Umgebung ab. Bei Knaben jenseits 
des 1. bis etwa zum 13. oder 14. Lebensjahre lässt sich die kleine 
Operation leicht und schnell im ersten Aetherrausch ausführen. 
Bleiwasserkompressen und regelmässige Abspülungen mit ge¬ 
kochtem Wasser oder Vollbäder, Morgens und Abends, sowie 
nach jeder Harnentleerung, bilden die Nachbehandlung. 

Die Methode führt nicht zu den schürzenförmigen Vorhaut¬ 
lappen, die das Endresultat der Dorsalinzision bilden. Sie ver¬ 
meidet auch die Verstümmelung, wie sic durch die Zirkumzision 
geschaffen wird; sie stellt insbesondere auch sicher vor den Re¬ 
zidiven, welche durch eine ringförmige Narbenbildung nach 
dieser Operation in den Fällen entstehen, wenn die Abtragung 
nicht ergiebig genug gemacht wurde. Es bleibt eben die untere 
Hälfte der ovalären Präputialöffnung intakt, frei von Narbe und 
behält daher unter allen Umständen ihre natürliche Dehnbarkeit. 
Von den Verfahren von Habs und Schl off er hat sie die 
grosse Einfachheit voraus. Als ein weiterer Vorzug kann es be¬ 
trachtet werden, dass ein grosser Theil der Eichel, besonders der 
Sulcus, bedeckt bleibt, während sie andererseits eine Behandlung 
etw T aiger Komplikationen, Geschwürsbildungen etc. in aus¬ 
reichendstem Maasse ermöglicht. 


Aus dem hygienischen Institut der Universität Graz. 

Vergleichende Studien über die Gerinnung des Ca¬ 
seins durch Lab und Laktoserum. 

(Vorläufige Mittheilung.) 

Von Dr. Paul Theodor Müller, Assistent am Institut. 

Die vorliegenden Untersuchungen, welche zum Theile in der 
Absicht unternommen wurden, um zu ermitteln, ob der 
Fällung des Caseins durch das Bordet’sche 
Laktoserum ein fermentativer Charakter zu¬ 
zusprechen sei, und welche an anderer Stelle ausführlich 
mitgetheilt werden sollen, haben zu den folgenden thatsächlichen 
Ergebnissen geführt. 

1. Die Wirksamkeit des Laktoserums ist an die Gegenwart 
von Kalksalzen gebunden; die letzteren können auch durch 
Baryümsalze vertreten werden; Magnesiumsulfat und alle unter¬ 
suchten Salze der Alkalien sind hiezu nicht befähigt. 

2. Laktoserum fällt auch gekochte Milch, eventuell erst nach 
Kalkzusatz. 

3. Bei der Fällung des Caseins mit Laktoserum ist die Ab¬ 
spaltung eines albumosenartigen Körpers von den Eigenschaften 
des Molkeneiweisses, wie dieselbe bei der Labkoagulation statt¬ 
findet, nicht nachzuweisen. 

4. Die durch Kochen mit physiologischer NaCl-Lösung her¬ 
gestellte Lösung des Laktopräzipitates wird sowohl durch neues 
zugesetztes Laktoserum, wie durch Labferment wieder gefällt. 

5. Bei der Labkoagulation des gelösten Laktopräzipitates 
entsteht Molkeneiweiss. 

6. Die Fällungsgrenzen des gelösten Präzipitates mit Am¬ 
monsulfat sind dieselben, wie die des frischen Caseins. 

7. Aus 4., 5. und 6. darf man schliessen, dass das Casein 
aus dem Präzipitat durch Kochen mit physiologischer Kochsalz¬ 
lösung regenerirt wird. 

8. Durch starke Essigsäure lässt sich aus der Laktoserum¬ 
fällung das Präzipitin in wirksamer Form extrahiren. Das Prä¬ 
zipitat stellt sich somit als eine Verbindung des (unveränderten) 
Caseins mit dem Präzipitin dar. 


9. Die Verbindung des Caseins mit dem Präzipitin geht 
auch ohne die Anwesenheit von Kalksalzen vor sich. 

10. Kalkfreies Paracasein (durch Einwirkung von Labfer¬ 
ment auf kalkfreies Casein dargestcllt) besitzt nicht mehr die 
Fähigkeit, Präzipitin zu binden. 

11. Wie aus einer eingehenden Diskussion dieser Versuehs- 
ergebnisso, deren Wiedergabe hier zu weit führen würde, hervor¬ 
geht, wird man sich mit einer gewissen Berechtigung gegen die 
Fermentnatur des Laktopräzipitins aussprechen dürfen. 

12. Durch längeres Erwärmen über 70 0 wird das Lakto¬ 
serum inaktivirt. 

13. Es gewinnt hiebei die Fähigkeit, die fällende Wirkung 
frischen Laktoserums aufzuheben. 

14. Laktoserum, dessen Präzipitin durch Caseinzusatz ent¬ 
fernt wurde, besitzt keine hemmenden Eigenschaften; ein Be¬ 
weis, dass die hemmenden Substanzen nicht in dem frischen 
Serum vorgebildet sind, sondern erst beim Erhitzen entstehen. 

15. Ebensowenig hemmt inaktivirtes normales Kaninchen¬ 
serum. 

16. Diese Hemmungswirkung wird durch Kalkzusatz nicht 
aufgehoben, ist also nicht durch Kalkentziehung von Seite der 
hemmenden Substanzen bedingt. 

17. Die hemmenden Substanzen können aus dem iuaktivirteu 
Serum durch verdünnte Essigsäure ausgefällt werden. Das neu- 
tralisirte Filtrat besitzt dann keine hemmende Wirkung mehr. 

18. Eine Bindung des Präzipitins an die hemmenden Sub¬ 
stanzen findet bei essigsaurer Reaktion nicht statt. 

19. Hingegen wird, trotz eingetretener Hemmung das Prä¬ 
zipitin bei essigsaurer Reaktion an das Casein gebunden und 
scheidet sich mit diesem ab. 

20. Das inaktivirte Laktoserum besitzt die Fähigkeit, bereits 
gefälltes Laktoserumpriizipitat nach mehrstündigem Kontakt zu 
lösen. 

21. Normales, inaktivirtes Kaninehenserum besitzt diese 
Fähigkeit nicht. 

22. Laktoserum, das durch Milchzusatz seines Präzipitins 
beraubt wurde, gewinnt auch durch die Erhitzung auf 75° keine 
hemmenden Eigenschaften. Die hemmenden Substanzen scheinen 
somit Derivate des Präzipitins zu sein, und durch Erhitzung aus 
demselben zu entstehen. 

23. Normales inaktivirtes Kaninchenserum besitzt keine 
nntilabende Wirkung. 

24. Hingegen hemmt inaktivirtes Laktoserum die Koagula¬ 
tion durch Labferment in gleicher Weise wie die durch frisches 
Laktoserum. 

25. Diese Hemmung der Labkoagulation kann nicht durch 
eine Bindung des Fermentes verursacht sein, da bei Zusatz 
überschüssigen Caseins die früher gehemmte Koagulation wieder 
eintritt. 

26. In einfacher und mit den beobachteten Thatsachen 
bestens überstimmender Weise lässt sich die Hemmung sowohl 
der Lab- wie der Laktoserumfiillung dadurch erklären, dass die 
hemmenden Substanzen die Fähigkeit besitzen, Casein zu binden 
und dadurch vor der Einwirkung der koagulirenden Agentien 
zu schützen. Da, wie wir schon erwähnten, die hemmenden Sub¬ 
stanzen Derivate der Präzipitine sein dürften, so wären die¬ 
selben hienach mit den kürzlich von Eisenberg und Volk 
beschriebenen „Agglutinoiden“ als „Präzipitoide“ in Parallele zu 
stellen, und im Sinne der E h r 1 i c h’schen Theorie als Rezep¬ 
toren aufzufassen, deren „zyinophore“ Gruppen durch die Hitze 
zerstört, deren „haptophore“ Gruppen jedoch erhalten ge¬ 
blieben sind. 

Graz, 22. Januar 1902. 


Ein Fall von primärem Lungenkarzinom. 


Von Dr. P. B ö 11 g e r, Sanitätsrath in Dessau. 


Der Arbeiter G., (‘»8 Jalire alt, hatte schon im Sommer 1899 
über Beklemmungen in der rechten Seite geklagt, als er im Januar 
1900 mit Husten und Brustschmerzen flel>erhaft erkrankte. Die 
Temperatur überschritt nur wenige Tage 38°. R. H. TT. spärliche 
Ronclii und Abschwächung des vesikulären Athemgerüusches. 

Der Verlauf in den nächsten Monaten war ungemein langsam. 
Es wurde ein pneumonischer Herd für wahrscheinlich gehalten, 
wie während der herrschenden Influenza bei älteren Leuten es 
häufiger vorkam, ohne dass man seinen Sitz genau bestimmen 
konnte. Im Juni war eine ausgesprochene Dämpfung da, welche 
herauf bis zum Schulterblattwinkel reichte und in der Axillarlinie 
in den vollen Ton überging. Die Stelle war um ein Weniges vor- 


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18. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


273 


getrieben, ihre respiratorische Exkursion geringer, Fektoralfremitus 
vermindert. Die Luugeuspitzeu erwiesen sich frei. Drüsen wurden 
nicht gefunden. 

Gleichwohl mussten der fortwährende spärliche, schleimige 
Allswurf, der mitunter blutig-gallertig aussah, die Schmerzen, di«* 
zunehmende Abmagerung auch an eine tuberkulöse Infektion 
denken lassen. - Bazillen wurden niemals gefunden, aber bereits 
im Juni 1900 elastische Fasern und heterogene, grosse plattenartige, 
viereckige und vielgestaltige Zellen, sowie ein deutlicli konzentrisch 
geschichteter Zapfen. Es musste sich demnach um eineu karziuo- 
nmtüsen Zerfall handeln. 

l'eber die weitere Entwicklung ist nur zu sagen, dass der 
Auswurf spärlich blieb, himbeergeleeartig wurde, der Kräfte ver¬ 
fall zunahm und kachektisches Aussehen sich einstellte. Appetit 
und Allgemeinbefinden blieben befriedigend. Die Dämpfungsflgur 
entsprach dem rechten Unterlappen. Massige Dyspnoe. Der ge¬ 
duldige Patient musste noch den ganzen Winter seine Schmerzen 
ertragen. Exitus nach kurzem Krankenlager unter zunehmendem 
Marasmus im Juli 1901. 

Die Obduktion war nur unvollkommen möglich. Linke Lunge 
«ilierall lufthaltig. Der rechte Unterlappeu fühlte sich derb an. 
die Pleuren Intakt, nirgends adhärent. Bronohialdriisen nicht in- 
tiltrirt. Auf dem Durchschnitt der rechte Ober- und Mittellappen 
frei von Veränderungen, der Unterlappen von einem über faust- 
grossen Tumor erfüllt, welcher von einem etwa fingerbreiten Saum 
Ltiugengewebes unigelien war. Die Grenze gegen dies dunkelrothe. 
iufiltilrte Lungengewebe ist nur stellenweise scharf, meist ganz 
undeutlich übergebend. Die Färbung des Tumors welsslich. in ver¬ 
schiedenen Nuancen in grau sieh verwandelnd, am Itandc grau- 
röthlich. Seine Konsistenz tlieils fest, theils welcher sich au- 
f füllend. 

Mikroskopisch (Unterauchung im pathologischen Institut zu 
Halle) ergab sich, dass es sich um einen Zylinderzellenkrebs 
handelte, der von den Bronehioli respiratorii oder von den Alveolär- 
gangen, event. auch von der Schleimhaut der feinen Bronchien aus¬ 
geht. Der Bau des Tumors ist eiu alveolärer. Ueberall im Zentrum 
und oft auch schon in den jüngeren peripheren Partien sieht man 
zahlreiche Kernthellungsfiguren und grosse, protoplasmareiche, viel- 
kernige Rieeenzellen. innerhalb der nekrotischen Massen trifft man 
zahlreiche Schichtungskugeln verschiedener Grösse au, die zum 
Theil auch nekrotisch sind. Die Form der Geschwulstzellen ist in 
den noch gut erhaltenen Theilen eine glelchmässig zylindrische, 
stellenweise Jedoch auch eine deutlich kubische. 

In seiner Bearbeitung der Mediastinalgeschwülste in der 
Eulenburg’schen Encyklopädie stellt Schwalbe den Ver¬ 
lauf der Lungenkarzinome ähnlich vor. Abweichend ist hier der 
sehr lange, schleichende Verlauf; denn wahrscheinlich kann man 
schon mit der im Sommer 1899 beginnenden Abmagerung und 
dem Schmerz in der rechten Seite den Anfang der Erkrankung 
setzen, während die kurz dauernde fieberhafte Zeit im Januar 
1900 einer interkurrenten Influenza zuzurechnen ist. Ungewöhn¬ 
lich war ferner die Erscheinung, dass so frühzeitig Produkte des 
Zerfalles im Sputum ein deutliches Krankheitsbild zusammen¬ 
fügten. Elastische Fasern und auch zellige Elemente obigen 
Charakters fanden sich später fast in jedem Präparat. 

Die primären Lungenkarzinome treten zumeist in kleinen 
disseminirten Herden auf, kleinen Knoten auf der Schnittfläche. 
Hier nahm ein über faustgrosser Tumor fast den ganzen rechten 
Unterlappen ein, nur ein schmaler Saum normalen und infiltrir- 
ten Lungengewebes hielt den Durchbruch in den Pleuraraum zu¬ 
rück. Das Fehlen jeglicher Metastasen und Drüsenaffektionen 
pflegt die Regel zu sein. 

Bei der Unkenntniss über die Aetiologie der Lungen - 
karzinome ist es noch von Interesse zu bemerken, dass in der 
sonst gesunden Familie eine Schwester vor 6 Jahren an Mamma¬ 
karzinom operirt wurde und gesund geblieben ist. 


Eine Feilenzwinge über den Penis geschoben. 

Originalmitthcilung von Sanitätsrath Dr. Karl S u d h o f f 
in Hochdahl. 

Im I^aufe des letzten Sommers kam eines Nachmittags zu 
mir ein Hüttenarbeiter von etwas über 50 Jahren mit sehr ver¬ 
störtem Gesichte. „Herr Doktor, ich habe eine Dummheit gemacht; 
helfen Sie mir!“ Das war nun leichter gesagt, als gethan. Ich 
lies» den Mann Rieh auf den Untersuchungstisch legen und fand 
die Peniswurzel fest umschlossen durch einen glatten, eisernen 
Bing von 20 mm Breite und der nämlichen lichten Weite. Der 
Bing bestand aus 1,5 mm starkem Eisenblech; die Löthungsstelle 
war nicht zu finden. Es war offenbar die Zwinge eines Feilen- 
lieftcs. welches sich der M. vor einigen Stunden gewaltsam Uber 
das Glied geschoben hatte aus nicht zu ermittelnden Gründen. 
Der finstere Gesichtsausdruck, der sich sofort zeigte, wenn man in 
den Mann drang, um die Beweggründe zu diesem seltsamen Thun 
zu erfahren, liess fast mehr eine fanatische Kastelungsabsicht, 
als ein erotisch-onanlstisches Motiv vermuthen. Präputium. Eichel 
und die vordere Penishälfte waren sehr stark ödematös und blau- 

No.*7. 


löthlich augelaufen, doch liess sich das Oedein an der Eiu- 
schuürimgsstelle noch leicht durah Kneten beseitigen, so dass ich 
einen dünnen hölzernen Zungenspatel ln ganzer Länge unter der 
Zwinge durchführen konnte. Der Versuch, den Ring mittelst 
einer Knocheuzange zu durchschnelden, misslang. Auch der Ge¬ 
danke, mittelst einer I^aubsage, deren Sägeblatt mit der Säge¬ 
schneide nach dem Bogeninnern eingeführt und eingespannt 
worden war. die Zwinge zu durchsägen, Hess sich nicht realisire»; 
das Metall war zu hart. Es blieb also nichts weiter übrig, als den 
Ring zu durchfeilen, woran ich mich auch sofort machte. Frei¬ 
lich standen mir nur Feilen der Werkzeugkästen meiner Söhne 
zu Gebote, doch hatte ich. in schneller Voraussicht der möglichen 
Schwierigkeiten, sofort zu dem sehr intelligenten und geschickten 
Werkmeister E. unserer hiesigen Eisenhütte gesendet und dessen 
sofortige Hierherkunft dringend erbeten. Das Feilen dieses ge¬ 
übten Mannes ging denn auch ganz anders vom Fleck als meine 
Stümperarbeit auf ungeübtem Gebiet Ich assistirte. hielt dl«» 
schützende Holzplatte unter der Zwinge und flxirte dadurch zu¬ 
gleich die Zwinge; Herr E. feilte, dass ihm der Schweiss tropfte. 
Endlich war die Zwinge durchschnitten, aber der Penis war auch 
schon eiskalt grünlich verfärbt und dem Absterben nabe. Das 
Entfernen der durcheilten Zwinge war auch noch keine leicht.«* 
Arbeit und gelang uns erst, als wir mit zwei Belsszangen di«* 
beiden Schnittenden des Ringes fassten und mit grösster Vorsicht, 
aber voller Kraft auseinander bogen. Der Penis wurde mit nasser 
Sublimatgaze eingehüllt und aufgebunden, und M. mit der Weisung 
«■ntlassen, am anderen Morgen sich wieder einzuflnden. Doch 
..Ross und Reiter sah man niemals wieder!“ M. hatte am anderen 
Tage wieder gearbeitet und erklärte mir. als ich den schamhaft 
Ausweichenden nach einiger Zelt erwischte. es sei Alles am 
nächsten Tag schon wieder in Ordnung gewesen: er habe keinerlei 
weitere Beschwerden gefühlt. 


Beiträge zur Diätotherapie bei Magen- und Darm- 
krankheiten.* 

Von Prof. Dr. Ad. Schmidt in Bonn. 

(Schluss.) 

n. 

Mit den wissenschaftlichen Grundlagen der Diäto¬ 
therapie der Darmkrankheiten ist es noch er¬ 
heblich schlechter bestellt als bei den Magenleiden. Der einzige 
feste Boden, welchen wir unter den Füssen haben, sind die Aus- 
nutzungsversuche der Münchener physiologischen Schule, und 
von diesen muss leider gesagt werden, dass — so werthvoll ihre 
Ergebnisse für die Physiologie der Verdauung sind — ihre An¬ 
wendung auf die Pathologie nur eine ausserordentlich beschränkte 
ist. Dazu sind sie meistens viel zu einseitig und roh angestellt. 
Wenn beispielsweise in R u b n e r’s Versuchen Maccaroni, Weiss- 
brod, Reis, Fleisch etc., überhaupt die sogen, schlackenfreien 
Nahrungsmittel in Mengen bis zu 700 und selbst 1000 g pro die 
noch vortrefflich ausgenutzt wurden, so wird doch Niemand 
daraus die Konsequenz ableiten können, dass man nun diese 
Speisen Darmleidenden in unbeschränkter Menge gestatten darf. 
Oder, wenn die Ausnutzungsversuche ergeben haben, dass reine 
Milchkost von Erwachsenen schlechter ausgenutzt wird als von 
Säuglingen, soll man darum die Milchdiät bei Darmkranken ver¬ 
werfen ? 

Es fehlt uns hier an Versuchen über die Reizwirkung, welche 
verschiedene — selbstverständlich schlackenfreie — Nahrungs¬ 
mittel auf empfindliche Därme ausüben und über die gegenseitige 
Beeinflussung dieser Mittel bei geeigneter Kombination von 
Speisen. Solche Versuche brauchen nicht nothwendig in der her¬ 
gebrachten Form der Ausnutzungsversuche angestellt zu werden; 
ebensogut, und häufig sogar zweckmässiger, ist eine sorgfältige 
Untersuchung derFaeces mittels makroskopischer.mikroskopischer 
und einfacher chemischer Methoden, wobei die von mir ange¬ 
gebenen Proben auf Gährung und Nachverdauung und auf mikro¬ 
skopische Gallrnfarbstoffreste ") mancherlei Aufklärung schaffen 
dürften. Jedenfalls, darüber kann kein Zweifel sein, ist nur von 
regelmässigen und systematischen Faeeesuntersuchungen ein 
Fortschritt auf diesem Gebiete zu erwarten, aber gerade daran 
mangelt es in der ärztlichen Praxis noch bedenklich. 

Das erste, was Einem bei längerer Beschäftigung mit patho¬ 
logischen Stuhlgängen in die Augen fällt, ist die Thatsache, dass 
die mechanische Arbeitsleistung empfindlicher Därme (ich spreche 
hier hauptsächlich von chronisch-diarrhoischen Zuständen) eine 
ausserordentlich geringe ist. Nicht allein, dass Reste von Ge- 


”1 Vergl. Schmidt und Strasburger: Die Faeces 
des Menschen. Berlin 1901 nnd Schmidt: B«*rl. klin. Woehen- 
schr. 1900, No. 51. 


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274 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


müsen, Obst und anderen schwer verdaulichen Substanzen regel¬ 
mässig wiedererscheinen, selbst bei Darreichung von Kartoffel¬ 
brei findet man ganz gewöhnlich noch die kleinen, hanfkorn¬ 
grossen, völlig weichen Partikelchen, welche das grobe Sieb passirt 
haben, unverändert wieder vor. Derartige Erfahrungen legen 
die Frage nahe, wie sich denn der gesunde Darm in diesem 
Punkte verhält, und ich bin, nachdem ich mein Augenmerk auf 
alle makroskopisch noch erkennbaren Reste gesunder Faeces ge¬ 
richtet habe, zu der Ueberzeugung gekommen, dass auch normaler 
Weise der Darm für die mechanische Zerkleinerung der Speisen 
nur sehr wenig — ja so gut wie gar nichts — zu leisten vermag. 
Das beste Prüfungsobjekt bilden hier ebenfalls die Kartoffeln, 
die nicht, wie Brod und Fleisch, im Magen chemisch zerkleinert 
werden, und die man desshalb fast in jedem Stuhlgange von 
gemischter Kost in grösseren und kleineren, meist, ganz weichen 
Stücken antreffen kann. Dürfen wir schon dem Magen in 
mechanischer Hinsicht nicht allzuviel Zutrauen (man denke an 
den Inhalt des mit verstärkter Peristaltik arbeitenden dilatirten 
Magens bei Pylorusstenose), so darf man für den Darin wohl 
behaupten, dass alle chemisch nicht weiter lösbaren Nahrungs¬ 
reste in annähernd derselben äusseren Form, wie sie den Pylorus 
passiren, auch in den Faeces wiedererscheinen, selbst wenn sie 
so weich sind, wie gekochte Kartoffeln. 

Für den empfindlichen Darm ist es nun aber offenbar nicht 
gleichgiltig, ob sein Inhalt sich in feinster oder weniger feiner 
Vertheilung befindet. Nicht, dass man den weichen Resten aus 
dem Kartoffelbrei eine nennenswert he Reizwirkung beizumessen 
brauchte. Aber man kann doch häufig die Beobachtung machen, 
dass ganz kleine Cellulosebestandtheile, wie Spelzenbruehstüokc 
aus Weissbrod und Gerstenschleim, die mit blossem Auge kaum 
erkennbar sind, schon zur Unterhaltung oder Vermehrung be¬ 
stehenden Durchfalles beitragen können. Das Gleich«* gilt von 
staubförmig zerkleinerten, aber harten und eckigen Pulvern, wie 
z. B. vom Carmin oder der Holzkohle, die man zur Koth- 
abgrenzung reicht, wie ferner von dem vielgerühmten Bismuthum 
subnitricum und anderen unlöslichen medikamentösen Sub¬ 
stanzen. 

Es ergibt sich daraus für die Diiitotherapie 
bei Reizzuständen des Darmes als oberster 
Grundsatz: alle Nahrungsmittel in feinster 
Vertheilung zu reichen. Auf die chemische Zerklei¬ 
nerungskraft des Magens ist dabei in der Regel kein Verlass. 

Man soll ferner mit unlöslichen Arzneimitteln nicht kritik¬ 
los umgehen. Ganz besonders die jetzt beliebten schwer löslichen 
Tanninpräparate (Tannalbin, Tannigen) sind mir auf liciz- 
wirkung manchmal verdächtig gewesen, und ich gebe desslmlb, 
wenn ich überhaupt Tannin verordn«*!! will, dieses am liebsten 
in der Form der reizlosen und sehr milde wirkenden, gleichzeitig 
nahrhaften Milchsomatose (Somatose aus Milcheiwciss mit 5 Proz. 
chemisch gebundenem Tannin, ein Präparat, von «lern ich auch 
bei sehr empfindlichen Därmen nur Nutzen gesehen habe 

Von dem erwähnten Grundsätze gibt es unter der grossen 
Zahl von Darmkrankheiten eigentlich nur bei einer Gruppe eine 
Ausnahme, nämlich bei «len chronischen Obstipation«.*!!, speziell 
bei der chronischen funktionellen, sogen, habituellen Obstipation. 
Bei diesem Leiden wird seit Alters her und von allen Autoren 
eine schlackenreiche, viel Kotli bildende und reizende Diät em¬ 
pfohlen, und es soll nicht bestritten worden, dass man damit in 
einer grossen Anzahl von Fällen einen vollen Erfolg erzielt. 
Dennoch wage ich es, gestützt, auf persönliche Erfahrungen, die 
Sehematisirung dieser Regel für falsch zu erklären. Es gibt 
zweifellos Fälle von habitueller Verstopfung, wo umgekehrt eine 
möglichst reizlose und schlackenfreie Kost, verbunden mit Bett¬ 
ruhe — also gerade das Gegentheil des meist schon bis zum 
Ueberdrusse Versuchten — zum Ziele führt. 

Besonders zweckmässig bat sich mir dabei reichliche Fett¬ 
zugabe zur Kost erwiesen, ein Punkt, auf den ich später noch 
zurückkomine. S«>lcho Vorkommnisse erwecken «len Eindruck, 
dass hier, wie so leicht beim Gebrauch von Abführmitteln, eine 
Gewöhnung des Darmes an die von der Kost ausgehenden Reize 
stattgefunden hat: Die übermüdeten Därme vorlaug«*n gewisser- 
maassen Schonung. Das Prinzip der Schonung muss auch beim 
erkrankten Darme stets ini Vordergründe stehen, und desshalb 
kann ich auch der von v.Nourden") vorgeschlagenen Therapie 

'■") Vergl. Schmidt: Münch, med. Wochenschr. 1897. No. 43. 

”» Zeitsehr. f. prakt. Aerzte 1898. No. 1. 


der Enteritis membranacea (mittels rücksichtsloser, schlacken¬ 
reicher Diät) nicht unbedingt zustimmen. Sie mag in manchen 
Fällen nützen, aber sie darf nicht zur Regel g«.*stempelt werden! 

Als zweiten Hauptgrundsatz der Diätotherapie bei Reiz- 
zustiinden des Darmes möchte ich im Hinblick auf die Erörterung 
Anfangs des I. Abschnittes die Forderung aufstellen, dass von 
den fein vertheilten und reizlosen Nahrungsmitteln diejenigen 
zu bevorzugen sind, welche bei genügendem Nähr 
werth die Verhältnis«massig geringste ehe¬ 
rn i s cli e V e r d a u u n g s a r beit b e anspru eh i* n. Gehen 
wir unter diesem Gesichtspunkte zunächst die in Frage kommen¬ 
den natürlichen Speisen a ) durch, so werden wir immer wieder 
auf die Milch hingewieseu. dasjenige Nahrungsmittel, welche- 
alle 3 Gruppen von Nährstoffen in leichtest assimilirbarer Form 
enthält, welches schon von dem so ausserordentlich empfindlichem 
Säuglingsdarm ohne Reaktion vertragen wird. Leider — und 
dieser bedauernde Zusatz zieht sich wie ein rother Faden durch 
alle Erörterungen hindurch — wird sie von einer Anzahl Darm- 
und auch Magenkranker nicht, vertragen, d. h. die betr. Patienten 
bekommen danach sofort Durchfälle oder auch Verstopfung. 
Diese, jedem Arzte bekannte Erfahrung wird dadurch noch auf¬ 
fallender, dass oft ein geringer Zusatz zur Milch (von Kognak. 
Kakao, Reis, Gerstensehleim, Stärke etc.) oder auch nur eine 
andere Form der Darreichung (gekocht statt roh, schluckweise 
statt tassenweise etc.) genügt, um jede Reizwirkung zu beseitigen. 
In den meisten Fällen schwindet übrigens die anfängliche Diar¬ 
rhoe oder Verstopfung schon nach wenigen Tagen von selbst, 
ja man darf wohl behaupten, dass es bei sorgfältigem Tasten 
eigentlich stet.« gelingt, die Milchkost vertragbar zu gestalten, 
und der Vortheil, der damit für die meisten Kranken verbunden 
ist, ist so gross, «lass es sieh schon «ler aufgewendeten Müh*.* 
lohnt. 

Die Frage, wie die eigenthümliclu* Reizwirkung «ler Milch 
bei manchen Magen-Darm-Kranken, übrigens auch bei vielen 
gesunden Erwachsenen zu erklären ist, ist noch offen. In der 
Milch seihst, dem mildesten und reizlosesten aller Nahruug»- 
mittel, kann höchstens indir«*kt die Ursache gelegen sein, insofern 
sie sieh bei den betr. Personen leichter als normaler Weise zer¬ 
setzt und durch die vermehrten Zersetzungsprodukte den Dann 
reizt. Oder der an sich gereizte Darm ist gegen die in normaler 
Menge gebildeten Zersetzungsprodukte empfindlicher als der ge¬ 
sunde. So oder so, immer kommt man auf die Zersetzuugs- 
produkte der Milch als die schuldigen Substanzen hinaus, nicht 
auf die in der reinen Milch vorgebildeten Stoffe. 

Von dieser Oedankenrichtung beherrscht, habe ich s«*it 
längerer Z«*it den Versuch gemacht, bei den in Frage stehenden 
Patienten die Zersetzlichkeit der Milch dadurch herabzudrückeu, 
dass ich sie mit geringen Mengen reiner Salizylsäure gekocht 
darreiehte. So geringe Mengen Salizylsäure, wie hierzu nöthig 
sind (0,25—0.5 g auf die Tagesportion von IV 2 —2 Litern) können 
von den allermeisten Patienten ohne jede Gefahr einige Tage 
und selbst längere Zeit hindurch genommen werden. Die Milch 
selbst verliert dadurch nichts an ihrem Charakter und Ge¬ 
schmack. 

Für die Technik ist es wichtig, zu wissen, «lass mau die ab¬ 
gewogene Salizylsäurenienge. die man in Pulvern verschreiben 
kann, zuerst mit etwas kalter Mileli gründlich verrühren lass«***, 
muss, damit sie nicht zu Klumpen zusaminenballt. Man giesst 
dann die Probe in das vorher abgemessene Tagesquantum, rührt 
gut tun und kocht einmal auf. Gerinnung der Milch tritt erst ln*i 
einem Gehalt von ii!»er 0.25 g auf einen Liter ein. 

Ich habe mit diesen Versuchen so gute Er¬ 
folge gehabt, dass ich die S a 1 i z y 1 s ii u r c m i 1 <■ h 
in der Diätotherapie <1 e r M a g e n - u n «1 T) a r in - 
kranken n i <: li t m ehr misse n in ö e h t e. In der 
Regel g«*be ich sie nur im Anfänge der Kur, um sie durch ge¬ 
wöhnliche Milch zu ersetzen, sobald Gewöhnung eingetroten ist. 
Oder ich lasse sie zeitweise einige Tage hindurch nehmen, zu¬ 
mal bei jeder neu auf tretenden Reizung. Auch in der Säug¬ 
lingspraxis habe ich sic, selbstverständlich in geringerer Kon¬ 
zentration (e. 0,1 auf 1 Liter) häufig bewährt gefunden. Will 
man zu diagnostischen Zwecken die von Strasburger und 
mir ' 4 ) angegebene Probediät reichen, so ist es oft zweckmässig, 

'-*) Auf die künstlichen Nährpräparate soll hier nicht näher 
eingegangen werden, obwohl ihr Werth meines Erachtens bei 
Darmleiden viel grösser ist als bei Magenleiden. 

a4 l Vergl. Berl. klin. Wochenschr. 1900. No. 51. 


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18. Februar 1902. 


MtJENCHENER MEDICINISCÜE WOCHENSCHRIFT. 


von vorneherein der Milch Salicylsäure hinzuzusetzen. Die 
meisten Patienten, welchen Milch Reizung macht, wissen dies 
ja selbst und geben es uns auf Befragen sofort an. Kurz, icli 
darf wohl dieses einfache diätotherapeutische Verfahren der 
Nachprüfung empfehlen. 

Wir sind damit bei der Frage angqlangt, ob, resp. 
wann es sich empfiehlt, die Nahrung unserer 
Darmkranken zu desinfiziren? Diese Frage ist 
nicht identisch mit der Keimfreimachung der Speisen, einer 
Forderung, welche nach den Ergebnissen der Suckstorff- 
schen Versuche“) eigentlich selbstverständlich sein sollte, 
welche aber auch dadurch, dass wir den darmkranken Patienten 
doch meistens nur kurz vorher gekochte Speisen zu reichen 
pflegen, praktisch als erfüllt betrachtet werden darf. Die Des¬ 
infektion verlangt mehr, sie will die Speisen durch Zumischung 
von antiseptischen Stoffen unangreifbar machen für die zer¬ 
setzenden Mikroben und dadurch diesen letzteren gewisser- 
maassen den Nährboden entziehen. Dieser Plan ist jedenfalls 
einleuchtender, als die Darreichung desinfizirender Mittel 
neben der Nahrung, deren Erfolge bekanntlich — abgesehen 
allenfalls vom Kalomel — bisher gleich Null gewesen sind. 
Zweifellos braucht man viel weniger von den desinfizirenden 
Substanzen, wenn man sie in geeigneter Bindung mit den 
Nahrungsstoffen gibt, um seinen Zweck zu erreichen, als wenn 
man sie nebenher gibt, und ich glaube, dass meine Erfahrungen 
mit der Salizylsäuremilch zu weiteren Versuchen in dieser Rich¬ 
tung ermuthigen können. 

Es gibt doch immerhin Zustände, bei denen eine antisep¬ 
tische Diät sehr wünschenswerth erscheint. Ganz besonders gilt 
das für die Achylia gastrica, die so häufig zu sekundären Darm¬ 
reizungen führt. Intelligente Patienten wissen dein Arzte genau 
anzugeben, welcher Diätfehler die Schuld an der plötzlich hin¬ 
zugekommenen Diarrhoe hatte, und forscht man diesen Schul¬ 
digen nach, so sind es häufig nicht ganz frische Eier, Fleisch¬ 
speisen mit haut goüt und andere infizirte Dinge, die von einem 
genügend Salzsäure produzirenden Magen anstandslos vertragen 
werden, bei Salzsäuremangel aber leicht den Darm schädigen. 
Nim wird man zwar in solchen Fällen meist mit der Verordnung 
von Salzsäure auskommen, wobei man gleichzeitig den Vortheil 
einer Anregung der Pankreassekretion hat (P a w 1 o w); dennoch 
habe ich gerade bei diesen Zuständen manchmal mit der Salizyl¬ 
säuremilch die Darmreizungen für längere Zeit fernhalten 
können, als es mit Salzsäure allein möglich war. 

Zum Schlüsse möchte ich noch 2 Punkte besprechen, die 
mehr allgemeinere Fragen betreffen. Der eine ist die Dar¬ 
reichung von Fett bei Darmkrankheiten. Nicht 
nur im Publikum, sondern auch unter den Aerzten ist die Mei¬ 
nung, dass die Fettverdauung bei Krankheitszuständen des 
Darmes immer zuerst und am meisten Noth leide, fest ein¬ 
gewurzelt. Dieser Glaube ist offenbar auf die ersten klinischen 
Ausniiizungsversuche Fr. Mülle r’s an Ikteruskrankeu, viel¬ 
leicht auch auf die Beobachtungen Qrassman n’s '“) an Patien¬ 
ten mit chronischen Zirkulationsstörungen oder auf die Unter¬ 
suchungen der Kinderärzte über die ..Fettdiarrhoe der Säuglinge“ 
zurückzuführeu. Kr ist jedenfalls in dieser allgemeinen Fassung 
unberechtigt, denn jeder unbefangene Beobachter kann sich leicht 
davon überzeugen, dass gutes Butterfett nicht nur bei vielen 
Magenleiden, sondern auch bei einer ganzen Reihe von Dann¬ 
krankheiten, sofern sie nicht mit Störungen der Galle- oder Pan¬ 
kreassekretion oder mit schwerer Beeinträchtigung des Re- 
sorptionsverinögens einhergehen, oft überraschend gut vertragen 
wird. Kennen wir doch auch jetzt Darmstörungen, bei denen nur 
die viel leichter assimilirbaren Kohlehydrate schlecht ausgeniitzt 
werden — ohne gleichzeitige Störung der Fettverdauung (in¬ 
testinale Gährungsdyspepsie i: ). 

Das Fett hat aber noch eine angenehme Nebenwirkung, 
e> wirkt manchmal stuhlgangerzeugend, wo andere Mittel ver- 
stiiren. Bei Säuglingen ist. schon vor längerer Zeit Butter uls 
mildes Laxans empfohlen worden, und man kann diese Em¬ 
pfehlung für die Erwachsenen wiederholen. Natürlich handelt es 
sieh hier nur um eine beschränkte Anzahl von geeigneten Fällen, 
zu denen aber auch gewisse Formen der chronischen habituellen 
Obstipation gehören. Man muss diese Patienten auf ziemlich 

“) Arch. f. Hygiene 4. S. 355. 

*•) Zeltachr. f. klln. Med. 15, 1888. S. 183. 

") Deutsch. Arch. f. kUn. Med. (59, 1001, 8. 570. 


275 


hohe Dosen bringen, wenn man Erfolg haben will; derselbe wird 
oft erst deutlich, wenn die Assimilationsgrenze, die ja individuell 
sehr verschieden hoch liegt, erreicht wird. 

Um sich eine Erklärung dieser Wirkung zu suchen, kann 
man auf die Sluhlgung.sverhältnisse bei Ikterisehen zurück¬ 
greifen. Die in allen Lehrbüchern wiederkehrende Angabe, dass 
die Ikterisehen au Verstopfung leiden, ist nicht- zutreffend, wenig¬ 
stens nicht für alle Fälle. Meine Erfahrung, welche sich auf 
sorgfältige Beobachtung der Defäkation einer nicht geringen 
Anzahl Ikterischer gründet, hat mich gelehrt, dass bei uukompli- 
zirten, d. h. ohne gleichzeitige Erkrankungszustände der Darm- 
schleinihaut verlaufenden Fällen von Galleabsehluss die Stuhl¬ 
entleerung ohne Verzögerung, ja wegen der Menge der Faeces 
und dem reichen Säuregehalt derselben (in Folge der Anwesenheit 
der höheren Fettsäuren) sogar umgekehrt auffallend „schlank“ 
und häutig von Statten geht. Ich liefiude mich mit dieser Ansicht 
in Uebereiustimmung mit Boas''), welcher ebenfalls durch 
eigene Beobachtungen zu Zweifeln an der hergebrachten Lehre 
veranlasst worden ist. Dabei ist von abnormer Zersetzung durch¬ 
aus keine Rede; die Faeces riechen nicht, auffällig, sie gehen 
Ihmiu Stehen nicht leicht in Fäulniss über; es ist also ausser deu 
Fettsäuren kein Grund zur Reizung der Darmschleimhaut aus 
dem Faeeesbefund ersichtlich. Mir scheint, dass die mildreizende 
Wirkung der nicht resorbirten Fettsäuren in der That die Ur¬ 
sache des abführenden Erfolges ist. 

Der zweite Punkt soll nur einen Wink für die 
Praxis geben. Es gibt Fälle chronischer Darmreizung, wo 
man nach erfolgloser Kombination aller möglichen Diätzettel 
schliesslich nicht mehr weiss, was man noch versuchen soll. Ich 
meine hier speziell die Fälle funktioneller Erkrankung, in denen 
anatomische Läsionen der Schleimhaut mit Wahrscheinlichkeit 
ausgeschlossen werden können, also die nicht seltenen Fälle der 
nervösen Diarrhoe oder Dyspepsie etc. Hier hilft manchmal eine 
genaue Beachtung der Richtung, in welcher die Zersetzungsvor- 
gänge an den Faeces ablaufcn, über die Schwierigkeit hinweg. 
Ist die Zcrsetzuugsriehtung nicht schon an den frisch entleerten 
Faeces deutlich erkennbar, so thut man gut, den Stuhl für kurze 
Zeit (12—24 Stunden) im Brütsehrank zu halten, wodurch der 
Ablauf resp. die Entwicklung der Zersetzungsprozesse be¬ 
schleunigt wird. Handelt cs sich nun um ausgesprochene Gäh- 
rung (Gasbildung. Säuerung des Inhaltes, Geruch nach Butter¬ 
säure), so empfiehlt es sieh, die Kohlehydrate plötzlich für einige 
Zeit ganz aus der Nahrung fortzulassen. Das umgekehrte Re¬ 
gime wäre bei deutlicher Fäulniss (alkalische Reaktion, stinkender 
Geruch, Schwefelwasserstoffreaktion) einzuschlagen. 

Die wissenschaftliche Grundlage dieses Vorgehens wird durch 
die Tlmtsaehe gegeben, dass die Flora des Danninhaltes bei plötz¬ 
lichem Diiitweehsel längere Zeit, braucht, bis sie sich dem neuen 
Nährboden angepasst hat (L ein b k e“). Während dieser Pause 
fallen die Reize der Zersctzuugsprodukte fort und das ist von 
grossem Vortheil. Jedenfalls sieht man in der Praxis, speziell in 
der Kinderpraxis, oft überraschende Erfolge von diesem ein¬ 
fachen diätotherapeutisclien Kunstgriffe. 


Aus der medizinischen Klinik und Poliklinik zu Jena. 

Statistische Untersuchung über die Folgen der Lues. 

Von Professor Dr. M. M a 11 h e s. 

Unter Mitwirkung der Herrn Dr. Martin, Dr. Dörfer und 
Dr. Knabe. 

(Schluss.) 

Bei Weitem das meiste Interesse haben die Erkrankungen 
des Nervensystems. Von diesen sind die Apoplexien bereits 
unter Zirkulationskrankheiten besprochen worden. Auf die 
Tabes und die Dementia paralytica. deren Zusammenhang mit 
Syphilis durch die früheren Statistiken so wahrscheinlich ge¬ 
macht ist, wollen wir nunmehr genauer eingehen. Wir glauben, 
dass uns von den Paralytikern wohl keiner in unseren Fest¬ 
stellungen entgangen ist, da diese Kranken doch wohl sämmtlieh, 
wenigstens zeitweise, in Irrenanstalten oder -Kliniken Aufnahme 
gefunden haben werden. Aber auch von den Tabikern lässt sieh 
annehmen, dass sie grösstentheils einmal in Krankenhausbehaml- 
lung gestanden haben. Wir dürfen, da die Kranken zum Theil 

**) Diagnostik und Therapie der Dnrmkrankheiten. Leipzig 
1898. S. 35. 

”) Arch. f. Hygiene Bd. 26, Heft 4. 

3* 


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276 


MtfENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


noch leben, für diese Frage uns nicht auf die Todten beschränken. 
Unter 568 Fällen sekundärer Lues finden sieh 1900 drei Tabiker 
notirt, deren Infektion mit Syphilis 1862, 1865 und 1886 statt¬ 
fand. Der erstere ist bereits 1875 im Alter von 47 Jahren ge- i 
storben, die beiden letzteren leben noch und stehen im Alter 
von 63 und 44 Jahren. Bei dem 63 Jährigen soll die Tabes seit 
6 Jahren, bei dem 44 Jährigen seit 5 Jahren bestehen. Sännnt- 
liche Kranke sind Männer. Wir finden also einen auffallend 
geringen Prozentsatz an Tabes, nämlich nur 0,52 Proz. oder 
etwas über 1 Proz., wenn man nur auf die Männer rechnet. 
Etwas ungünstiger stellen sich die Zahlen für die tertiären Fälle. 
Unter diesen finden sich vier Tabesfälle. Zwei davon, die im 
Jahre 1887 und 1894 wegen tertiärer Syphilis behandelt wurden, 
leben noch. Bei dem ersteren, der jetzt 51 Jahre zählt, besieht 
die Tabes „seit langen Jahren“, bei dem zweiten wurde bereits 
1894, während der Behandlung der tertiären Lues in der Klinik, 
Tabes konstatirt. Die beiden gestorbenen Tabiker wurden 1870 
bezw. 1874 an tertiärer Lues behandelt und sind 1882 im Alter 
von 55 Jahren bezw. 1886 im Alter von 56 Jahren verstorben. 
Es würde sich also ein Prozentsatz von 3 Proz. auf 130 Kranke 
ergeben. Bezieht man die Zahlen nur auf die Todten mit er¬ 
mittelter Todesursache, so würden auf 114 bereits verstorbene 
sekundäre Luetiker ein Fall i. e. 0,88 Proz., auf 46 bereits ver¬ 
storbene tertiäre Luetiker zwei Fälle i. e. 4 Proz. kommen oder 
auf 160 Todte überhaupt 3 i. e. 1,8 Proz. 

Die für Tabes erhaltenen Zahlen sind aber im Ganzen 
so klein, dass Zufälligkeiten nicht ausgeschlossen sind, und 
namentlich kann das Vorwiegen der tertiären Fälle ein zufälliges 
sein. Wir möchten wenigstens den Satz, dass einmal entwickelte 
tertiäre Lues ungünstigere Chancen für die Aussicht an Tabes 
zu erkranken darböte als die sekundäre Lues nur mit Vorsicht 
zur Diskussion stellen. 

Etwas treffender schon erscheinen die Zahlen, wenn man 
die Gesammtheit des Materiales in Betracht zieht. 

Von 698 an sicherer Lues Erkrankten haben bisher 7 Tabes 
bekommen, i. e. rund 1 Proz. 

Man wird nun freilich gegen diese Berechnung den Ein¬ 
wand erheben können, dass ja noch beliebig viele der lebenden 
Luetiker an Tabes erkranken könnten. Wir können diesem Ein¬ 
wand nur die früher erwähnte Angabe Baye t’s entgegcnhalten, 
dass die Hauptzahl der Erkrankungen an Tabes 6 bis 12 Jahre 
nach der Infektion erfolgt. 

Stellen wir also unser Material nach der Infektionszeit zu¬ 
sammen ; wir erhalten dann folgende Zahlen: 

Infizirte bis 1897 698 mit 7 Todesfällen = 1 Proz. 

„ „ 1890 513 . 6 „ = 0,91 „ 

„ 1885 425 „ 4 „ = 1 „ 

„ „ 1880 286 „ 4 „ = 1,4 „ 

„ 1875 223 „ 4 „ =[1,8 „ 

Für Kranke, deren Infektion 15 Jahre, mindestens zurück- 
liegt, würden wir gleichfalls 1 Proz., für solche, deren Infektion 
mindestens 25 Jahre zurückliegt. 1.8 Proz. erhalten. Es ist 
wohl nicht anzunehmen, dass von dieser letzteren Kategorie noch 
viele Kranke der Tabes anheimfallen. Wir würden also als un¬ 
günstigste Chance für Syphilitische, an Tabes zu erkranken, rund 
2 Proz. oder, wenn wir es nur auf die Männer beziehen, 3,5 Proz. 
fest stellen. 

Stellt man eine ähnliche Berechnung für die Paralyse an, 
so ergibt sich Folgendes: 

Unter 418 noch lebenden, ehemals sekundär Luetischen ist 
nur ein Paralytiker. Derselbe ist 1881 an Lues behandelt und 
seit 1898, also 17 Jahre nach der Infektion, erkrankt. Unter 
den 114 Todesfällen mit kontrolirter Todesursache ehemals 
sekundär Luetischer sind 5 Paralysefälle gemeldet worden. 



infizirt 

gestorben 

im Alter von 

also post Infekt. 

1. 

1892 

1899 

64 Jahren 

9 Jahren 

2. 

1869 

1883 

42 . 

14 „ 

3. 

1866 

1894 

52 „ 

28 „ 

4. 

1866 

1880 

35 „ 

24 „ 

5. 

1872 

1880 

61 „ 

8 „ 


Bei dem 4. Fall bestand gleichzeitig eine Lungenphthisc. 
Alle 5 Fälle waren Männer. 

Für die 150 bereits verstorbenen sekundär Luetischen würde 
also die Zahl von 3,3 Proz., für die 114 mit bekannter Todes¬ 
ursache 4,4 Proz. erhalten werden, oder die doppelten Zahlen, 
wenn man nur auf die Männer rechnet. 


Unter den noch lebenden, ehemals tertiären Luetischen be¬ 
findet sich kein Fall von Paralyse. 

Unter den 52 Gestorbenen (bez. 46 mit bekannter Todes¬ 
ursache), die früher tertiär luetisch waren, sind 2 Fälle zu ver¬ 
zeichnen. Der erste betraf ein Weib, das 1897 in der Klinik 
an tertiärer Lues behandelt wurde und 1899 im Alter von 
37 Jahren in der hiesigen Irrenanstalt starb. Der zweite Fall, 
ein Mann, wurde 1878 spezifisch behandelt und starb 1886, 
50 Jahre alt, im Siechenhaus zu Blankenhain. Für die Fälle mit 
ermittelter Todesursache würden also bei den tertiär Luetischen 
ebenfalls 4.4 Proz. Mortalität an Paralyse sich ergeben. 

Die Zahlen erscheinen natürlich desswegen ungünstiger wie 
bei der Tabes, weil die Paralyse gemeinhin rascher verläuft als 
die Tabes, und die Paralytiker mit. einer Ausnahme bereits 
sämmtlich unter die Todten fallen. 

Dass in Wirklichkeit die Chancen für Luetiker, an Paralyse 
zu erkranken etwa dieselben sind, wie die, eine Tabes zu be¬ 
kommen, wird klar, wenn wir, wie oben, die Berechnung nach 
der Infektionszeit aufstellen. 

Infizirte bis 1897 898 mit 8 Paralysen = 1,1 Proz. 

„ 1890 513 „6 „ = 0,91 „ 

„ t 18&5 425 „ 4 „ = 1 

„ „ 1880 286 „ 4 „ = 1,4 „ 

„ „ T1876 223 „4 „ = 1,8 „ 

Von den Fällen, deren Infektion länger als 15 Jahre 
mindestens zuriiekliegt, ist also 1 Proz.. von jenen, deren In¬ 
fektion länger als 25 Jahre zurückliegt, 1,8 Proz. an Paralyse er¬ 
krankt. Es würden also ungünstigsten Falles auf die Erkran¬ 
kungen an Tabes und Paralyse zusammen 3,6 Proz. oder, wenn 
man die Zahlen nur wieder auf das männliche Geschlecht be¬ 
zieht, 7 Proz. sich ergeben. 

Rechnen wir nun zu der Gesammtsumme der Tabes und 
Paralyse noch die sonstigen luetischen Nervenerkrankungen 
unserer Statistik, so ergeben sich 7 Fälle von Tabes, 8 Fälle 
von Paralyse, 1 Fall von Myelitis luetica, 2 Fälle von Lues 
eerebri, insgesammt 18 Fälle auf 698 Patienten, das heisst also 
2,6 Proz., die bisher an Nervenkrankheiten, die mit der Lues 
in Beziehung stehen, erkrankt sind. 

Es beweisen jedenfalls diese Zahlen, wenn sie auch klein 
sind, Eines bestimmt, dass die Aussichten der mit Lucs In- 
fizirten an sogen, postsyphilitischen Nervenleiden zu erkranken 
bei Weitem nicht so gross sind, als inan sich gemeinhin vor¬ 
stellt, wenigstens nicht für Kranke, die, wie die unsrigen, einmal 
eine ordnungsmässige spezifische Behandlung durehgemaeht 
haben. 

Von anderweitigen Nervenerkrankungen finden wir notirt: 

2 Psychosen (Manie und Paranoia), 2 Bulbürparalyson, 2 Menin¬ 
gitisfälle. Von diesen dürften die Psychosen in keinem Zu¬ 
sammenhang mit der überstandenen Lues stehen. Für die Bulbär- 
paralyse ist zwar noch von keiner Seite die Lues ätiologisch ver¬ 
antwortlich gemacht. Immerhin ist es auffallend, dass sich unter 
unserem doch kleinen Material 2 Fälle dieser in Thüringen 
seltenen Erkrankung finden. Die beiden Fälle von Meningitis 
scheinen Cerebrospinalmeningitiden akuter Art gewesen zu sein. 
Genügend genaue Angaben haben wir über dieselben nicht er¬ 
halten. 

Für den Fall von Hirnabszess bleibt ein Zusammenhang 
mit Lues zweifelhaft. 

Um noch auf die Beziehungen der Lues zu anderen Krank¬ 
heiten einzugehen, erscheint unser Material zu klein, wir wenden 
uns desshalb zu den für die Lebensversicherungsgesellschafterl 
so wichtigen Frage nach der durchschnittlichen Lebensdauer der 
Syphilitischen. 

Dass die Lebensdauer der Luetischen um etwas durchschnitt¬ 
lich verkürzt sein muss ist a priori sicher, da ja eine Anzahl 
Kranker direkt an den Folgen der Lues stirbt. Für unser 
Material würden das, wenn wir Tabes und Paralyse als durch 
Lues bedingt gelten lassen, 10 Fälle von Tabes und Paralyse, 

3 Fälle sonstiger luetischer Nervenerkrankungen, 7 Fälle von 
Frühapoplexien, 3 Fälle, die an tertiärer Lues starben, ins¬ 
gesammt 23 Fälle sein. 

Um zunächst einen Ueberblick zu geben, mag unser ge- 
sammtes Material tabellarisch geordnet folgen und zwar zu¬ 
nächst das der sekundären Fälle, denn bei diesen wird man zu¬ 
treffend nnnehnicMi können, dass das Jahr der Behandlung auch 
das der Infektion war. Bei den tertiären Luetikern war es da- 


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18. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


277 


gegen nur in 63 Fällen möglich, das Infektionsjahr zu bestimmen 
und in diesen schwankte es zwischen 1 und 38 Jahren vor Ein¬ 
tritt in die Klinik. 

Sekundäre Lues nach dem Lebensalter der Infektion ge¬ 
ordnet : 


Lebensjahr 
bis zum 20. 
zwischen 21—30 
zwischen 31—40 
zwischen 41—60 

zwischen 51—60 
zwischen 61 — 70 


Personen 

150 

286 

76 

39 

14 

2 


im mittl. Alter post 
von Jahren Infekt. 


davon 

(starben 

26 

33,3 

14,4 

(leben 

124 

32,7 

14,3 

14,2 

davon 

1 starben 

73 

39 

(leben 

213 

41,5 

17,3 

davon 

(starben 

21 

46 

11 

(leben 

55 

49,5 

15,7 

davon 

(starben 

19 

54,3 

10,3 

(leben 

20 

60 

14,7 

davon 

f starben 
(leben 

8 

6 

61,3 

60 

9,9 

9,7 

davon 

starben 

2 

73,5 

7 


Nach dem Jahr der Aufnahme geordnet: 



Infizirte 

davon starben 

sind 

am Leben 

1861—65 

46 

25 



21 

1866—70 

90 

48 



42 

1870-75 

50 

22 



28 

1875-80 

47 

15 



32 

1881—85 

121 

20 



101 

1886—' 0 

71 

8 



63 

1891-95 

100 

9 



91 

1896-97 

43 

3 



40 


568 

150 



418 

Todesalter 

der verstorbnen sekundär 

Luetischen 


Es 

starben bis zu 

20 Jahren 

1 

Person 



zwischen 20—30 

27 





31-40 

46 





41-50 

31 





51-60 

29 





61—70 

11 




n 

71—80 

4 

11 


Beziehung zwischen Lebensalter, Tod und Zeit der Infektion: 


Es starben 
nach der In¬ 
fektion 

Infek- t 
tions- 
alterbi* 
20 Jahr 

21- 

-30 31- 

-40,41— 

5<' 51- 

-60 61- 

-7oj 

Saldo 

Saldo 

1—5 Jahrei 

4 

20 

13 

27 

8 

13 

5 

2 

1 

3 

1 

o 1 

32 

65 

6—10 „ 

6 

27 

19 

48 

3 

9' 

6 

3 

4 

1 

1 

0 

39 

83 

11-15 „ 1 

3 

23 

13 

34 

4 

2 

4 

5 

1 

0 i 

0 

0 

25 

64 

16-20 „ 

8 

2H 

7 

45 

2 

14 

1 

7 

2 

1 

0 

0 

20 

95 

21-25 „ 

1 3 

2 

11 

8 

3 

71 

2 

2 

0 

1 

0 

0 

19 

20 

26—30 „ 

0 

16 

6 

18 

1 0 

41 

1 

0 

0 

0 

0 

0 

7 

38 

31—35 „ 

1 

4 

4 

24 

l 1 

5 

0 

1 

0 

0 

0 

0 

6 

34 

36—40 „ 

l 

4 

0 

14 

0 

1 

0 

0 

o 

0 

0 

0 

1 

19 


26 

124 73 213|21 

5 >1 

19 

20 

8 

6 

2 

o ! 

149 

418 


Von einem der Gestorbenen wissen wir das Todesjahr nicht, 
daher können wir nur 149 Todte hier rechnen. 

Das Durchschnittsalter der Todten beträgt 42,6 Jahr, der 
Lebenden 41,2 Jahr. Der Tod erfolgte bei den sekundär Lue¬ 
tischen durchschnittlich 12,9 Jahre post infectionem. Die noch 
Ueberlebenden erlitten ihre Infektion vor durchschnittlich 
15,9 Jahren. 

Wenn wir nun diese Zahlen in Beziehung zu den allgemeinen 
Sterblichkeitstabellen setzen wollen, so sind 2 Wege möglich. 
Einmal kann man in der Weise rechnen, dass man für die ein¬ 
zelnen Lebensalter das Durchschnittsalter der Infektion als Aus¬ 
gangspunkt nimmt, und das zur Zeit erreichte Alter als Schluss 
der Periode. Man braucht dann nur mit den Zahlen der Sterb¬ 
lichkeitstabellen zu vergleichen, um zu sehen, ob verhältniss- 
mässig mehr Personen in einem solchen Zeitraum ab¬ 
gestorben sind. 

Wir haben als Vergleich die allgemeine Sterblichkeitstafel 
aus den Erfahrungen von 23 Lebensversicherungsgesellschafton 
für das normale Leben mit vollständiger ärztlicher Untersuchung 
gewählt. 

Da sich unter unseren Patienten annähernd gleich viel 
Männer und Weiber befinden, so erweist sich die Trennung in 
Geschlechter ala unnöthig. 

Mo. 7. 


8terbllchkeltstafel 


_ Durchschnittsalter 

Durchschnitt vonPers im Alter 

leben noch im 

rersonen 

der Iufektton 

jetz. Lebensalter 

von 17,2 Jahren 

Alter von 32.25J. 

150 

17,2 

32,25 

102 570 

89 741 

286 

25,1 

40,88 

95 509 

81 980 

76 

34,1 

48,64 

89 272 

73 561 

39 

44,7 

57,26 

78 022 

60 833 

14 

54,6 

64,36 

65 279 

46 736 

2 

66,5 

73,50 

40 012 

25 178 

Es müssten also von: 



Personen 

leben 

gestorben 

sein sind aber gestorben 

150 

131 

19 


26 

286 

246 

40 


73 

76 

63 

13 


21 

39 

30 

9 


19 

14 

10 

4 


8 

2 

1 

1 


2 



86 


149 


Es müssten also nur 86 gestorben sein, sind aber 149 ge¬ 
storben, also 63 zu viel; d. h. auf die Gesammtsumme berechnet 
statt 15 Proz., 26 Proz. Es würde sich also eine beträchtlich er¬ 
höhte Mortalität bisher ergeben. 

Es wird dieser Prozentsatz auch nicht anders, wenn man 
nicht die Durchschnittsalter pro Jahrzehnt, sondern insgesammt 
zu Grunde legt. Wir erhalten dann folgende Zahlen: 

Es infizirten sich die 567 Patienten in einem Durchschnitts¬ 
alter von 26 Jahren und stehen jetzt in einem Durchschnittsalter 
von 41,8 Jahren. Es müssten nach den Sterblichkeitstabellen in 
dieser Zeit normaler Weise 485 Personen noch am Leben sein, 
mithin 87 gestorben sein, es sind aber 149 gestorben. 

Führt man dieselbe Rechnung auch für die tertiären Fülle 
durch, so kann man natürlich nur die Zeit des Eintritts in’s 
Krankenhaus, nicht die Infektionszeit als Ausgangspunkt 
nehmen. 

Man erhält dann folgende Zahlen: 130 Personen sind irn 
Durchschnittsalter von 37 Jahren wegen tertiärer Lues behandelt 
und stehen jetzt im Durchschnittsalter von 50 Jahren. 

Nach der Sterblichkeitstafel entsprechen diesem Alter die 
Zahlen 85 662 und 71 831. Es müssten also noch am Leben sein 
109 Personen, mithin 21 todt. Es sind aber 52 in Wirklichkeit 
gestorben; d. h. statt 16,5 Proz. 40 Proz. Es liegt nun auf der 
Hand, dass bei einer solchen Rechnung wegen der Kleinheit der 
Zahlen wohl beträchtliche Fehler unterlaufen können, und wir 
können jedenfalls nicht den Schluss ziehen, dass eine Erhöhung 
der Mortalität nach Lues dadurch sicher erwiesen wäre, wenn 
sie auch bis zu einem gewissen Grade sehr wahrscheinlich ist. 

Wir haben aus diesem Grunde auf Vorschlag von 
Dr. P e t r e n z, dem nationalökonomischen Mitarbeiter der 
Firma Z e i s s, und Prof. Auerbach noch einen anderen sta¬ 
tistischen Ansatz versucht, um für die zu vermuthende Ver¬ 
längerung des Lebensalters der Luetischen einen Anhalt zu ge¬ 
winnen. Man kann natürlich den thatsüchlichen Einfluss der 
Lues erst feststellen, wenn alle unsere Patienten abgestorben 
sind; dagegen kann man eine Wahrscheinlichkeitsberochnung in 
folgender Weise durchführen. 

Man bestimmt die Gesammtzahl der von den noch Lebenden 
und bereits Verstorbenen durchlebten Jahre und rechnet zu 
dieser Zahl die Anzahl Jahre hinzu, welche nach der Sterblich¬ 
keitstafel die noch Lebenden voraussichtlich noch verleben 
werden. 

Man vergleicht dann diese Summe mit der Summe der Jahre, 
welche nach der Sterblichkeitstafel den Luetischen, vom Zeit¬ 
punkt ihrer Infektion an gerechnet, zukämen. Ergibt sich dabei 
eine bemerkenswerthe Differenz, so würde das für eine Ver¬ 
kürzung der Lebensdauer durch die Luee sprechen. 

Nach Jahrzehnten geordnet: 


Per¬ 

sonen¬ 

zahl 

Durch- 

schnitts- 

Infekt.- 

Alter 

Durch¬ 
schnitts- 
Ist-Alter 

Summa 
der Jahre 

Lebens¬ 

erwartung 

Durch¬ 
schnitts- 
Soli-Alter 

Summa 
der Jahre 

150 

17,2 

32,25 

4 838 

42,8 

60 

9 000 

286 

25,1 

40.88 

11 694 

36,66 

61,76 

17 664 

76 

31,1 

48,64 

3 697 

30,08 

64,18 

4*77 

39 

44.7 

57,26 

2 233 

22,62 

67,72 

2 625 

14 

54,6 

64,36 

901 

15,92 

70,52 

986 

2 

66,5 

73,50 

147 

9,11 

75,61 

151 

567 



24 510 



3j 3U3 


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278 


totfENCHENER MEDtCINlSCÖE WOCHENSCHRIFT. 


Ko. 1 . 


Der Unterschied zwischen dem Ist-Alter und dem Soll-Alter 
ist demnach 11,793. 

Es sind nun noch am Leben: 


Personen¬ 

zahl 

im Durch¬ 
schnittsalter 

Lebens¬ 

erwartung 

Soll-Alter 

müssten also 
noch leben 

7 

17,5 

42 55 

60,05 

298 

87 

26,2 

35,38 

61,58 

2980 

142 

35,7 

28,9 

64,6 

4104 

71 

44,7 

22,6 

67,3 

1606 

78 

55,1 

15,6 

70,7 

1217 

30 

65,1 

9,8 

74,9 

294 

2 

75,5 

5,36 

80,86 

11 

1 

82 

4 

84 

4 


418 10 014 Jh 


Angenommen also die noch lebenden Luetiker würden das 
durchschnittliche Lebensalter erreichen, so würden todte und 
lebende Luetiker zusammen 34 024 Jahre verlebt haben, sie hätten 
aber 35 302 verleben sollen, mithin haben die 567 Personen 
1289 zu wenig verlebt, es würde sich also eine durchschnittliche 
Verkürzung der Lebensdauer um 2 Jahre ergeben. Die An¬ 
nahme, dass die noch überlebenden 418 Luetiker wirklich das 
Durchschnittsalter erreichen, ist ja zwar eine willkürliche, sie 
wird aber ziemlich wahrscheinlich, wenn wir bedenken, dass die¬ 
selben jetzt bereits in einem Durchschnittsalter von 41,2 Jahren 
stehen und dass ihre Infektion durchschnittlich bereits schon 
15,9 Jahre zurückliegt, während der Tod der bisher Verstorbenen 
durchschnittlich 12,9 Jahre nach der Infektion erfolgte. 

Natürlich bedingen unsere verhältnissmüssig kleinen Zahlen 
bei einer solchen Rechnung Fehler. Herr Prof. Auerbach 
hatte die Güte, uns den wahrscheinlichen Fehler für unsere 
Zahlen auf 0,9 Jahre zu berechnen. 

Man kann für die tertiären Fälle eine ähnliche Berechnung 
natürlich nur unter der Voraussetzung anstellen, dass nicht das 
ja vielfach unbekannte Jahr der Infektion, sondern das Jahr der 
Behandlung zum Ausgangspunkt genommen wird. Wir wollen 
aber doch der Vollständigkeit wegen die Rechnung durchführen. 
Es ergibt sich dann 

Lebende und todte tertiäre Luetiker 


Zahl 

durchschn. 

Eintritts¬ 

alter 

jetz. Durch¬ 
schnitts¬ 
alter 

Ist-Jahre 

Lebens¬ 

erwartung 

Soll-Jahre 

8 

15,4 

18 

223 

44,36 

478 

32 

25,7 

42,1 

1349 

36,14 

1979 

43 

35,2 

47,4 

2037 

29,3 

2774 

80 

44,5 

52,8 

1638 

22,7 

2116 

9 

53 

61,3 

55t 

16,95 

630 

8 

64 

71,6 

573 

10,38 

595 

130 



6871 


8472 


Am Leben sind von diesen noch 


Personen 

im Durschnittsalter 
von Jahren 

mit Lebenserwartung 

also nach 
Jahren 

5 

26,1 

35,9 

179,5 

17 

36,2 

28,6 

486 

23 

45,7 

22 

506 

22 

55,7 

15,2 

341 

6 

63,1 

10,9 

65 

4 

78 

4,54 

18 

1 

81 

3,8 

3,8 

78 



1599,3 

Es stehen also 6371 + 1600 

= 7971: 8472 gegenüber, mithin 

ergibt sich 

ein Minus von 501 

Jahren, das sich auf 

130 Fälle 

vertheilt. 

Es würde das eine durchschnittliche Verkürzung der 

Lebenszeit 

um 4,5 Jahre bedeuten. 


Der wahrscheinliche Fehler ist bei einer so kleinen Zahl wie 


130 naturgemäss ein ziemlich erheblicher, weit erheblicher als bei 
den Zahlen für die sekundäre Lues. 

Wir werden jedenfalls aus den gewonnenen Zahlen nur 
folgern dürfen, dass für unsere luetisch Infizirten, und zwar in 
geringerem Maasse für die sekundär, in höherem für die tertiär 
Syphilitischen, eine Verkürzung der durchschnittlichen Lebens¬ 
dauer nachweisbar ist. Allerdings scheint diese nach unserem 
Material vorwiegend nicht durch spezifisch luetische Erkrank¬ 
ungen, sondern durch Tuberkulose etc. bedingt zu sein, da wir 
nur in 23 Todesfällen Lues als die direkte Ursache annehmen 


dürfen und diese Personen gar nicht einmal in auffallend frühem 
Alter, wie die Tuberkulösen, gestorben sind. 

Andererseits ergibt sich aus unseren Zahlen zur Evidenz, 
dass in einer grossen Reihe von Fällen Luetiker ein hohes Lebens¬ 
alter erreichen können und dass man von einer wahrscheinlichen 
Verkürzung der Lebenszeit für den Einzelnen kaum sprechen 
kann. 

Auf einen Punkt möchten wir ferner noch hinweisen. Man 
hält gemeinhin Infektionen mit Lues in höherem Lebensalter für 
besonders gefährlich, nach unseren Zahlen würde das nicht der 
Fall sein, es haben eine ganze Reihe jenseits der vierziger Jahre 
Infizirter ein hohes Alter erreicht. 

Ueber die Resultate der Ermittelungen, welche die Nach¬ 
kommen der Luetiker betreffen, in wie viel Prozent lebensfähige 
Kinder gezeugt worden sind, was aus diesen und den mit kon¬ 
genitaler Lues in der Klinik behandelten im Lauf ihres späteren 
Lebens geworden ist, darüber wird in Kürze Herr Dr. Martin, 
früher Assistent der Poliklinik, berichten. Für die sekundär 
Luetischen haben die Feststellungen bisher ergeben, dass unge¬ 
fähr 75 Proz. lebende Kinder haben, dass aber in 35,6 Proz. der 
Geburten diese Fehlgeburten oder Todesfälle von Kindern unter 
einem Jahre vorangingen. 

Wenn nun auch durch unsere kleine Statistik alle die Folgen 
der Lues betreffenden Fragen keineswegs entschieden sind, so 
glaubten wir doch, dass dieser Versuch einiges Interesse bean¬ 
spruchen kann. Unsere Listen sollen später von fünf zu fünf 
Jahren kontrolirt und weitergeführt werden. 

Literatur: 

1. Bayet: De l'Admissibilitg des Syphilitiques nux Assurances. 
Rapport prösentG au premier Congrfts international des mödeclns 
de corupagnies d'assurances Bruxelles 1899. — 2. Raneberg: 
Ueber den Einfluss der Lues auf die Sterblichkeit der Versicherten. 
Deutsch, med. Wochenschr. 1900, H. 18, 19, 20. — 3. Lion: Zur 
Statistik der tertiären Syphilis. Festschrift für J. Neumann. 
Franz D e u 11 c k e, 1900. — 4. G o 11 m e r: Monatsblätter für die 
Herren Vertrauensärzte der Lebens versicherungsbank zu Gotha, 
1901, März und April. — 5. Sievekiug: Tuberkulosestatistik 
Hamburgs. Medizinalstatistische Mittheilungen aus dem Kalserl. 
Gesundsheitsamt 1901. — 6. Rahts: Ergebnisse der Todes¬ 
ursachenstatistik. Ebenda. — 6. G e I s s 1 e r: Die Fruchtbarkelts- 
und Sterblichkeitsverhältnisse in sämmtliclien Städten Sachsens 
während des Jahrfünfts 1886—1890. Zeitschr. des k. Sächsischen 
statistischen Bureaus. — 8. C. A. van Riemsdijk: Syphilis 
aquisitu en Longtuberculoso. Dissertation, Amsterdam 1899. — 

9. A. v. S o k ol o w s k i: Statistisches zur Lungentuberkulose. 
Zeitschr. f. Tuberkulose u. Heilstättenweseu 1901., p. 217. — 

10. Portulaei8: Syphilis und Tuberkulose. Ebenda 1900. — 

11. Monta verdi: Los effets curatifs exercGs par la syphilis 
ft l’ögard de la tuberculose. Semalne medlcale 1899, 16 ooüt. — 

12. Benecke: Neuere Arbeiten zur Lehre vom Karzinom (1880 
bis 1891). Schmi d’s Jahrbücher 189]^ 


Ueber die Mitwirkung der Aerzte bei Bethätigung 
der sozialen Rechtspflege. , 

Von Dr. MaximilianMiller, ' 

Vertrauensarzt am Schiedsgerichte für Arbeiterversicherung in 
Oberfranken zu Bayreuth. 

Durch die soziale Gesetzgebung, die in den Un- 
fallversicherungsgesetzen vom 6. Juli 1884 und 
30. Juni bezw. 5. Juli 1900, sowie in den Invalidenver¬ 
sicherungsgesetzen vom 22. Juni 1889 und 13. Juli 1899 
niedergelegt ist, wird heute das regste Interesse weitester Kreise 
unterhalten. Kommen doch jährlich im Deutschen Reiche Jetzt 
rund 600 000 Unfälle gegen 80 000 forense Fälle vor. Nicht 
In letzter Linie besteht für die Aerztewelt Veranlassung, den 
Fortschritten dieser Neuerungen auf dem Gebiete des sozialen 
Lebens mit aller Aufmerksamkeit zu folgen; ist doch durch diese 
das Arbeitsfeld der Aerzte in hohem Maasse erweitert worden und 
wurde durch sie Hunderten von Kollegen eine neue Erwerbs¬ 
quelle erschlossen, in der Mancher Ersatz dafür finden kann, was 
ihm durch die nicht unbedenklich ansteigende leidige Konkurrenz 
verloren gegangen ist. Wer weiss, ob sie nicht noch neue Wege 
öffnen werden, auf denen das allseits angestrebte Ziel befriedigen¬ 
der Sicherung der Stellung des Arztes im Staate eher erreicht 
wird, als durch die Bestrebungen, die gegenwärtig die Gemüther 
in so hohem Grade erregen. Vorläufig mag man sich Jedoch noch 
nicht in süssen Zukunftsträumen wiegen, sondern einzig und allein 
mit dem rechnen, was gegeben ist. 

Ueber die Inanspruchnahme der ärztlichen Mitwirkung bei 
deu Verhandlungen der 3 Instanzen, der Berufsgenoesenschaften, 
der Schiedsgerichte, der Landesversicherungsämter und des Reichs¬ 
versicherungsamts, finden sich schon in den früheren Ge- 


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18. Februar 1902. 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


279 


setzen Bestimmungen, die die Zuziehung von Aerzten zu 
den Unfalluutersuchungen und Schiedsgerichten, die Berufung 
von Aerztekollegien imd ärztlichen Autoritäten zur Gutachtens- 
abgabe u. a. m. regelten. 

In den jetzt zu Recht bestehenden Verord¬ 
nungen der Unfallversicherungsgesetze vom 30. Juni 1900 hat 
der Gesetzgeber den Rentenbewerbern bezw. den Berufungs¬ 
klägern bezüglich der Beiziebung von ärztlichen Sachverständigen 
zu den Unfalluntersuchungen, Genossenschafts- und Schieils¬ 
gerichtsverhandlungen die weitgehendsten Zugeständnisse ge¬ 
macht, in denen jedoch bei genauer Betrachtung und eingehender 
Erwägung nichts weniger als ein Zuviel, wie es Freunde der 
Emanzlpirung der Berufsgenossenschaften und Berufungsgerichte 
von der ärztlichen Begutachtung und Berathung meinen, gefunden 
werden kann. In jeder Instanz steht der Arzt auf 
seinem Posten, nirgends ist er zu entbehren. 

In den §§ 60, 75, 74 der Abschnitte II, III, V der Unfall- 
versicherungsgesetze vom 30. Juni 1900, in denen der Arzt, der 
die Behandlung eines Verletzen durchgeführt hat und der Ver¬ 
trauensarzt der Berufsgenossenschaft eine Erwähnung findet, be¬ 
sitzen wir eine Neuerung, die für die ärztliche Begutachtung und 
damit für die Rechtsprechung von fundamentaler Bedeutung ist. 
Nach dieser gesetzlichen Bestimmung ist immer der b e - 
handelnde Arzt — vorausgesetzt, dass er nicht zu einer 
Genossenschaft im Vertragsverhältnisse steht, also Vertrauensarzt 
ist — zu hören, wenn auf Grund eines ärztlichen Gutachtens die 
Bewilligung einer Entschädigung abgelehnt oder nur eine Theil- 
rente festgestellt werden soll. Wie wichtig der Befund der ersten 
Untersuchung für die spätere Beurtheilung einer Verletzung und 
für die Entscheidung, ob im Einzelfalle eine Betriebsverletzung 
oder eine andersartige vorliegt, ist, bedarf keiner näheren Be¬ 
leuchtung. 

Nun könnte man meinen, mit dem einen Gutachten, das der 
Arzt, der einen Verletzten behandelt hat, erstellt, könnte die Ge¬ 
nossenschaft für eine Rentenfestsetzung ausreichen und es be¬ 
stände kein Bedürfniss, noch besondere Aerzte. Vertrauens¬ 
ärzte, jeweils um ihre Meinung anzugehen. Hier darf man nicht 
vergessen, dass bis zur Stunde eine schulgemässe Erziehung von 
Versicherungsärzten nicht vorgesehen ist, und dass ein Jeder sich 
durch die Praxis allmählich in das Spezialgebiet der sozialrecht¬ 
lichen Medizin einarbeiten muss. So mag es nicht jedem, zumal 
nicht dem jüngeren Arzte immer gelingen, allen Schwierigkeiten 
mit vollem Erfolg zu begegnen und es erübrigt darum vor einer 
Verbescheidung durch die Genossenschaft nicht zu selten, Unklar¬ 
heiten aufzuschliessen, Irrthümliches richtig zu stellen, allzu grosse 
Liberalität auf das richtige Maass zurückzuführen, Härten ab- 
zumildera, gegebenen Falls auch zweckmässige Vorschläge zu 
unterbreiten. Dass bei den schriftlich durchgeführten Verhand¬ 
lungen im Interesse einer prompten und auch 
gleichmässigen Geschäftserledigung — das will 
der Gesetzgeber, das beanspruchen auch Rentenbewerber wie Be- 
rufsgenossenschaften — ein gewandter und erfahrener Berather 
einem Genossenschaftsvorstande zur Seite stehen muss, liegt auf 
flacher Hand. Nur wer von dem gewaltigen Einlauf einer Ver¬ 
sicherungskanzlei keine Ahnung hat, kann zu dem Glauben kommen, 
ein Genossenschaftsvorstand könnte mit der Verarbeitung einer 
ihm zum Theil fremden Materie auch ohne die Mitwirkung eines 
Vertrauensarztes fertig werden. 

Was nun die Berufung von Aerzten zum Schiedsgericht, 
die nach § 8 *) des Hauptgesetzes des Unfallversicherungsgesetzes 
von 30. Juni 1900 geregelt Ist, betrifft, so ist eine solche schon durch 
die Mündlichkeit des Verfahrens zur absoluten Auflage gemacht. 
Jeder Berufungskläger hat das unbestrittene 
Recht, zur Schiedsgerichtsverhandlung per¬ 
sönlich zu erscheinen und Einwände gegen das Unter¬ 
suchungsmaterial vorzubringen; die meisten davon richten sich 
naturgemäss gegen die Gutachten der Aerzte und es bleibt so 
nichts anderes übrig, als auf Grund eingehender Untersuchung 
alle Klagen auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Doch von dem ab¬ 
gesehen ist nicht ausser Acht zu lassen, dass das Schieds¬ 
gericht als Berufungsgericht nicht etwa die Auf¬ 
gabe hat, die von den Genossenschaften durchgeführten Unfalls- 
verbandlungen und ihre Verbescheidungen einfach nachzuprüfen 
oder einer Revision zu unterziehen, sondern dass es ihm als einem 
Berufungsgerichte nach allgemeiner Rechtspflege obliegt, die 
Streitsache „noch einmal“ oder „auch“ zu prüfen und, wie aus 
Abschnitt I, § 59 des Unfallversicherungsgesetzes vom 30. Juni 
1900 ..Augenscheineinnahme“ und aus Abschnitt II, § 78, bezw. 
Abschnitt III, § 84 und Abschnitt I, § 82 „Rentenfestsetzung“ zur 
Evidenz hervorgeht, sich selbständig mit der er¬ 
schöpfenden Behandlung der Rechtsfrage wie 
der Thatbestandsfrage zu befassen. Da aber die 
Thatbestandsermittelung, wenn auch nicht ausschliesslich, so doch 
der Hauptsache nach und im Wichtigsten dem Arzte zufällt, so 


*) § 8. Jedes Schiedsgericht hat bei Beginn eines Jeden Ge¬ 
schäftsjahres ln seiner ersten Spruchsitzung, In der Regel nach An¬ 
hörung der für den betreffenden Bezirk oder Bundesstaat zuständi¬ 
gen Aerztevertretung. aus der Zahl der am Sitze des Schieds¬ 
gerichts wohnenden approbirten Aerzte diejenigen auszuwählen, 
welche als Sachverständige bei den Verhandlungen vor dem 
Schiedsgerichte in der Regel nach Bedarf zuzuziehen sind. Den 
zugezogenen Sachverständigen ist zur Abgabe ihres Gutachtens 
Elnatcbt In die Akten des Schiedsgerichts und der Berufsgenossen¬ 
schaft zu gewähren. Die Namen der Aerzte sind öffentlich bekannt 
za machen. 


ist dessen Mitwirkung bei den Verhandlungen in 2. Instanz eben¬ 
so unentbehrlich, wie bei denen der ersten. Die Inanspruchnahme 
ärztlicher Berathung und Begutachtung zu und bei den Schieds¬ 
gerichtssitzungen ist eine weit ausgedehnte; Aktenstudien, Vor¬ 
arbeiten, Voruntersuchungen erwachsen in reicher Fülle, so dass 
es schwer hält, neben der schiedsgerichtsärztlichen Funktion noch 
eine einigermaassen ausgedehnte und einträgliche Praxis zu kul- 
tiviren. Eine staatliche Regelung wird darum mit der Zeit sich 
kaum umgehen lassen, will man einen unliebsamen und störenden 
Wechsel in der Expertise vermeiden. 

Landes- und Reichsversicherungsamt sind 
Revisiousgerichte; sie prüfen und verbescheiden fast ausschliess¬ 
lich nach dem gegebenen Akteumaterial und auf Grund der ein¬ 
geholten Gutachten der früheren Instanzen. 

In den Vorverhandlungen über das Abänderungsgesetz kam 
die Erwartung zum Ausdrucke, dass der § 8 allegirten Haupt¬ 
gesetzes, der sich auf die Heranziehung eigener Vertrauensärzte 
zu den Schiedsgerichtsverhandlungen bezieht, voraussichtlich die 
Folge haben werde, dass sich fernerhin noch mehr 
wie bis zur Zeit ein Stamm von in der sozialen 
Heilkunde besonders erfahrenen Aerzten bilden 
werde, was bei der wachsenden Bedeutung 
dieses neuen Zweiges der ärztlichen Wissen¬ 
schaft gewiss freudig zu begrüssen wäre. 

Und wie ist bis zur Stunde diesen Erwartungen von ärzt¬ 
licher Seite entsprochen worden? In reichlichstem Maasse und — 
man kann es, ohne dem Vorwurfe der Selbstüberhebung sich aus¬ 
zusetzen, sagen — In ganz hervorragender Welse: In den Städten 
wie auf dem flachen Lande, unter den Klinikern, Amtsärzten und 
praktischen Aerzten, unter jungen wie im Alter vorgeschrittenen 
zählen wir heute bereits eine stattliche Zahl gediegener Männer, 
die sich der Ausübung der sozialrechtlichen Me¬ 
dizin mit vollster Hingabe widmen, sorgfältig ausgearbeitete 
Handbücher (Thlem, Becker, Golebiewski, Mag¬ 
nus) sind in gedrängter Aufeinanderfolge erschienen, in Zeit¬ 
schriften finden Unfalls-Statistik und Unfalls-Kasuistik die 
ausgedehnteste Behandlung, in den chirurgischen Kliniken 
wird mit regstem Eifer heute darauf hingearbeitet, bei allen Ver¬ 
letzungen nicht nur beste Heilung, sondern auch möglichste Wieder¬ 
herstellung der Erwerbsfähigkeit zu erreichen, in mit herrlichen Ap¬ 
paraten ausgestatteten mediko-mechanischen, elektro- 
therapeutischen und orthopädischen Instituten 
bestrebt mau sich, eine Besserung veralteter und ungünstig ge¬ 
heilter Fälle zu erzielen, wohleingerichtete Sanatorien in aus¬ 
gesuchten Lagen stehen für die Aufnahme von Rekonvaleszenten 
da und dort bereit — überall, allüberall bienenemsiges Streben, 
an der Lösung der durch die soziale Gesetzgebung gestellten hohen 
Aufgaben thatkräftigst sich zu betheiligen. Wer vermag es an¬ 
gesichts solcher Leistungen und Errungenschaften, dem Aerzte- 
stande die wohlverdiente Anerkennung zu versagen? 

Von der berufensten Seite ward sie ihm bereits vor 
Kurzem in reichlichstem Maasse zu Theil; denn kein Geringerer 
als der Herr Präsident des Reichsversicherungsamts brachte 
auf dem XV. ordentlichen Berufsgenossenschaftstage zu Breslau 
am 28. Juni unter allgemeinem Beifall der Versammlung über 
seine Erfahrungen bezüglich der Mitwirkung der Aerzte bei Be¬ 
theiligung der sozialen Rechtspflege zur Ausführung: 

„Wir betrachten das ärztliche Gutachten als eine werthvolle 
Unterlage der Beurtheilung über den Grad der Erwerbsunfähig¬ 
keit, weil die Aerzte nach unseren Erfahrungen allmählich 
eine gewisse Uebung erlangt haben in dem Erkennen des Um¬ 
standes, ob der Verletzte auf diesem oder jenem Gebiete und 
wieweit er noch arbeiten kann. Zweifellos hat sich unter den 
Aerzten, namentlich in grösseren Städten, eine grosse Sach¬ 
kenntnis auf dem Gebiete der Unfallfolgen heraus gebildet und 
ich muss gegenüber manchen Aeusserungen, die man hier und da 
gegen die Aerzte hört, doch hervorheben, dass ich in meiner 
langjährigen Praxis bei der Mehrzahl der Aerzte nicht allein 
eine von Jahr zu Jahr ansteigende Sachkenntniss, sondern auch 
eine sich stets gleich bleibende Unparteilichkeit in der Abgabe 
ihrer Gutachten wahrgenommen habe.'*' 

Diese rückhaltslose Anerkennung dringt wie ein erquickender 
Sonnenstrahl in die gegenwärtig wolkengetrübteu Tage, sie mag 
die Aerzte mit Stolz und Freude erfüllen, sie mag diese ent¬ 
schädigen für viele Stunden mühevoller, ernster Arbeit, sie mag 
die Berufsgenossenschafte»' wie alle mit der Bethä- 
tigung der sozialen Rechtspflege betrauten Kreise überze u ge nd be - 
wegen, den Aerzten stets vollstes Vertrauen entgegenzubringen, 
sie mag endlich Jedem, der in die Lage kommen sollte, eine Ver¬ 
bescheidung und Rechtsprechung der Ausführungsbehörden an- 
geheu zu müssen, eine ernste Mahnung sein, nicht mit Miss¬ 
trauen, Hass und Undank die gewissenhafte Arbeit Derer zu lohnen, 
die sich als erste Devise für ihr Wirken gesetzt: „Strengste 
Objektivität, Recht und Gerechtigkeit, Keinem 
zu Liebe, Keinem zu Leide!“ 

Aufgaben der ärztlichen Begutachtung. 

Bei der Begutachtung für die Unfallversicherung handelt es 
sich im Wesentlichen: 

I. um genaue Ermittelung aller Gesundheits¬ 
störungen, speziell der durch eine Gewalteinwirkung ver¬ 
ursachten, durch eine exakte Untersuchung; 

II. um Beurtheilung der Leistungsfähigkeit 
und deren Beeinträchtigung durch gegebene Störungen und Ver¬ 
änderungen; 

4* 


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280 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


III. um Einschätzung der Erwerbsfähigkeit 
unter Bezug, a) auf angeborene Fehler und Gebrechen, ver¬ 
altete TJebelstünde, Krankheiten wie deren Rückstände (Bestim¬ 
mung der modiflzirten Erwerbsfähigkelt, b) auf durch Gewalt¬ 
einwirkung hervorgerufene Veränderungen (Bestimmung der Er- 
werbsbesehrünktlieit durch Unfallsfolgen). 

Die Mannigfaltigkeit, mit der Störungen im Organismus, 
gleichviel auf welchem Wege entstanden, auftreten, stellen an 
den untersuchenden Arzt und Begutachter grosse Anforderungen, 
sie setzen bei ihm neben einem gediegenen Wissen reiche Er¬ 
fahrung in Medizin. Chirurgie, Psychiatrie, Neuro¬ 
logie (!!). Ophthalmologie, sowie eine vollendete Gewandt¬ 
heit bei Vornahme der verschiedenen Untersuchungsmethoden 
voraus. Ohne eingehende Information durch physikalisch-physio¬ 
logisch-pathologische Untersuchungen ist eine Einschätzung von 
Leistungsfähigkeit und Erwerbsfähigkeit Utopie, eine Emanzi- 
pirung der Versicherungsbehörden von der ärztlichen Berathung, 
der unglaublicher Weise schon das Wort geredet worden ist. 
könnte statt zu einer vom Gesetzgeber intendirten gleich massigen 
und gerechten Rentenvertheilung nur zu einem mehr weniger plan¬ 
losen Wirtschaften führen. Doch können wir in dieser Beziehung 
ruhig und gleichen Muthes sein; denn weder der unnachgiebige 
Bauer noch der zielbewusste Arbeiter würden sich je mit einer 
ausschliesslichen Laieneinschätzung zufrieden geben. 

Die Hauptfragen, die bei Anlage eines Unfall-Gut¬ 
achtens beantwortet werden müssen, sind: 

1. Handelt es sich im gegebenen Falle mit grosser Wahr¬ 
scheinlichkeit um eine Kürperschädigung durch un¬ 
mittelbare oder mittelbare Folgen eines Be¬ 
triebsunfalls? 

2. Verlauf des Heilverfahrens, Zeitpunkt der Be¬ 
endigung. Endresultat, Diagnose. 

3. Stand der allgemeinen körperlichen Rüstig¬ 
keit, insbesondere bezüglich der Gebrnuehsfähigkeit von Armen, 
Händen, Beineu. 

4. Minderung dieser durch angeborene oder veraltete Fehler 
und Gebrechen, durch Krankheiten und Krankheitsrückstände; 
Einfluss derselben auf die Erwerbsfähigkeit (Bestimmung der 
modiflzirten E r w e r b s f ä h i g k e i t). 

5. Minderung durch unmittelbare und mittelbare Unfalls- 
folgeu (Bestimmung der Erwerbsfähigkeit). 

6. Besserungsfähigkeit der Unfallsfolgeu. 

7. Verbesserungsfähigkeit durch Wiederaufnahme 
des Heilverfahrens. 

8. Zulässigkeit späterer R e n t e n r e d u k t i o n. 

1). Vornahme von Kontrol-Uutersuchungen. 

Erläuterungen und Ergänzungen: 

ad 1. Die Unfallsaunah me muss gesetzlich die grosse 
Wahrscheinlichkeit für sieh haben, die blosse Möglichkeit genügt 
nicht für einen Anspruch auf Unfallsentschädigung. — Strenge 
DifTerenzirung zwischen Unfall und Betriebsunfall. — Die Ent- 
scliüdigungsptlicht erwächst sowohl bei Uufallsschädigung des voll- 
riistigeu Arbeiters wie des nicht völlig gesunden; In letzterem 
Falle dann, wenn ein vor dem Unfall vorhanden gewesenes Leiden 
durch diesen nachweislich verschlimmert oder im Verlaufe be¬ 
schleunigt worden ist. — Begriffsbestimmung von Unfall nach 
Sachs und Freund ..Die Erkrankungen des Nervensystems 
nach Unfällen“ pag. 259: I. Unfall durch Einwirkung äusserer 
Gewalten und Einflüsse (mechanisch, chemisch, thermisch). II. Ge¬ 
sundheitsstörungen durch forcirte und expansive Muskelaktiou 
(Zerreissungen von Bändern, Muskeln, Knochen). 

ad 2 u. 7. Mit dem Beginne der 14. Woche nach Eintritt des 
Unfalls werden nach § 9 Ziff. 1 des Unfailversicheruugsgesetzes 
vom 30. Juni gewährt: Freie ärztliche Behandlung, 
Arznei und sonstige Heilmittel, sowie die zur Sicherung des Er¬ 
folges des Heilverfahrens und zur Erleichterung der Folgen der 
Verletzung erforderlichen Hilfsmittel (Krücken, Stützapparate 
und dergl.). 

Nach § 76 c des Krankenversicherungsgesetzes ist ln Er- 
kraukungsfällen, welche durch Unfall herbeigeführt werden, die 
Berufsgenossenschaft berechtigt, aber nicht verpflichtet, das 
Heilverfahren auf ihre Kosten zu übernehmen. 

Nach § 23II und § 24 III des Unfallversicherungsgesetzes 
vom 30. Juni 1900 kann die Berufsgenossenschaft jederzeit, wenn 
begründete Annahme vorhanden, dass der Empfänger einer Un¬ 
fallrente bei Durchführung eines Heilverfahrens eine Erhöhung 
seiner Erwerbsfähigkeit erlangen werde, zu diesem Zwecke ein 
neues Heilverfahren eintreten lassen. Bei renitentem Verhalten 
Unfallverletzter kann nach den gleichen Paragraphen der Schaden¬ 
ersatz auf Zeit ganz oder theihvoise versagt werden, sofern uach- 
gewiesen wird, dass durch ein unzweckmässiges Verhalten die 
Erwerbsfähigkeit ungünstig beeinflusst wird. 

Im Allgemeinen kann nach § 22 II des Unfallversicherungs¬ 
gesetzes au Stelle der in den §§ 9 und 12 vorgeschriebenen Leist¬ 
ungen von der Berufgcuosseiischaft freie Kur und Verpflegung 
in einer Heilanstalt gewährt werden und zwar: 1. für Verletzte, 
welche verlieirathet sind oder eine eigene Haushaltung haben oder 
Mitglieder der Haushaltung ihrer Familie sind, mit ihrer Zu¬ 
stimmung. Der Zustimmung bedarf cs nicht, wenn die Art der 
Verletzung Anforderungen an die Behandlung oder Verpflegung 
stellt, denen in der Familie nicht genügt werden kann, oder wenn 
der für den Aufenthaltsort des Verletzten amtlich bestellte Arzt 
bezeugt, dass Zustand oder Verhalten des Verletzten eine fort¬ 
gesetzte Beobachtung erfordert; 2. für sonstige Verletzte in allen 
Fällen. 


Nach § 24II kann der Vorstand der Berufsgenossenschaft 
einem Rentenempfänger auf seinen Antrag an Stelle der Rente 
Aufnahme in ein Invalidenhaus oder in ähnliche von Dritten unter¬ 
haltenen Anstalten auf Kosten der Berufsgenossenschaft ge¬ 
währen. 

Nach C. Gräf „Die Unfallsversicherungsgesetze des deutschen 
Reiches“ pag. 81, schliesst die Pflicht zur Gewährung von Heil- 
und Hilfsmitteln die Pflicht der Instandhaltung und Erneuerung 
in sich, vorausgesetzt, dass nicht eine schuldhafte (muthwillige 
oder fahrlässige) Zerstörung oder Beschädigung vorliegt. 

ad 4. Häufige Gebrechen, die eine Minderung 
der allgemeinen Rüstigkeit zur Folge haben: Schwere 
Refraktionsfehler am Auge und Schwachsichtigkeit, Schwerhörig¬ 
keit und Taubheit, Herzfehler, Emphysem und Lungentuberkulose, 
Arteriosklerose. Sexualleiden und Unterlelbsbrüche, Funktions¬ 
störungen au Armen, Händen und Beinen, Fingerverkrümmungen. 
-Defekte, Spitz-, Haken-, Klumpfuss, Krampfadern und Unter¬ 
schenkelgeschwüre, veraltete Luxationen und Gelenkversteifungen, 
schlecht geheilte Knochenbrüche, Wirbelsäuleverkrümmungen. 
Rachitis, Schwachsinn und Idiotie. Eine Berücksichtigung dieser 
Fehler für eine primäre Beeinträchtigung der Erwerbsfähigkeit 
(modifizirte Erwerbsfähigkeit) kann nach Gräf „Die Unfallver- 
sicherungsgesetze“ pag. 79 nur daun angehen, wenn bei Renten¬ 
festsetzung ein Durchschnittssatz zu Grunde gelegt 
wird, nicht aber bei Annahme eines Individuallohnes, in 
dem eine etwa geminderte Erwerbsfähigkeit schon zum Ausdruck 
gebracht, also in Rechnung schon einbezogen ist. 

ad 5. Bestimmung von Leistungsfähigkeit. 
Erwerbsfähigkeit, Erwerbsbeschränktheit ln 
dem von Mitgliedern des Reichsversicherungsamtes heraus¬ 
gegebenen Handbuch der Unfallversicherung heisst es zu diesem 
Punkte auf Seite 166: „Die Beurtheiluug der unmittelbaren und 
mittelbaren Einwirkung der als Folgen des Unfalls verbleibenden 
pathologischen Veränderungen auf die Erwerbsfähigkeit ist von 
den Unfallversicherungsinstanzen unter Berücksichtigung der Ge- 
sammtsachlage selbständig zu bewirken. Die ärztlichen Gutachten 
geben hiezu einen bedeutsamen Anhalt, aber nicht ohne weiteres 
den Ausschlag.“ Nun, die Bestimmung von Erwerbsfähigkeit und 
Erwerbsbeschränktheit in Zahlen, in Prozenten ist eine einfache 
und bequeme Taxiruug der Leistungsfähigkeit, die zu jedem Un¬ 
fallgutachten den Schlussstein ebenso bilden muss, wie, um ein 
naheliegendes Analogon zu wählen, die Bestimmung der Zu¬ 
rechnungsfähigkeit einer Person vor dem Straf- und Zivilgerichte. 
Uebrigens war es bisher den Berufsgenossenschaften fast aus¬ 
nahmslos schon im Hinblicke auf die enorme Geschäftsüber¬ 
lastung stets nur angenehm, wenn von denAerzten eine numerische 
Einschätzung der Leistungs- und Erwerbsfähigkeit im Gutachten 
gleich vorgenomraen wurde. Die Rentenfestsetzung 
hatten und haben sie ja dann immer noch für sich. 

Die numerische Erwerbsbeschränktheitsbestimmung ist heute 
wesentlich erleichtert durch Tabellen (Becker, Bode. 
Haag. Magnus, Zehendcr), die einer gleichmässigen und 
einheitlichen Rentenfestsetzung ungemein förderlich sind und ins 
besonders jüngeren Aerzten ein willkommenes Hilfsmittel bei Be¬ 
gutachtung von I'nfullpatienteu sein dürften. 

Sehr wünschenswerth und vorthellhaft wäre nach allge¬ 
meinem Dafürhalten eine Vereinfachung der Renten¬ 
vertheilung durch Festsetzung bestimmter 
Quoten, etwa ln dreifacher Grupplrung, und in 
Sätzen von 30, 50 und 100 Proz. beispielsweise; 
denn eine Erwerbsbeschränktheit von 10 und 20 Proz. kann man 
bezüglich einer Entschädigung übersehen, eine Erwerbsbeschränkt¬ 
heit von 70 und 80 Proz. kommt einer totalen ziemlich gleich. 

Bisher werden ausgesetzt nach §91, §8III und 
§ 9 V des Unfallversicherungsgesetzes vom 
30. Juni 1900: 

1. Voll reu teil = 66,6 Proz. des Jahresarbeits¬ 
verdienstes bei (völliger) Erwerbsunfähigkeit. 

2. Theilrenten bei partieller Erwerbsun¬ 
fähigkeit, also Erwerbsbeschränktheit. 

3. Vollrenten = 100 Proz. des Jahresarbeits¬ 
verdienstes bei voller Hilflosigkeit und der Notb- 
wendigkelt der Inanspruchnahme fremder 
Wartung und Pflege. 

4. Wird ein schon gänzlich Erwerbsunfähi¬ 
ger von einem Unfall betroffen, so hat er nur 
Anspruch auf freie Behandlung; wird er aber 
durch diesen Unfall völlig hilflos und fremder 
Wartung und Pflege bedürftig, so erhält er für 
die Dauer der Hilflosigkeit die Rente bis zu 
100 Proz. des Jahresarbeitsverdienstes erhöht 

ad 7 cf. Ziff. 2. Bei Wiederaufnahme oder Fort¬ 
führung des Heilverfahrens sind oft Vorschläge Uber 
ambulante, klinische oder anderweitige Behandlung zu machen. 

ad 8. Bei Ren teure duktiou ist immer der strikte 
Nachweis thatsächlich elngetreteuer Besserung zu erbringen. Vor¬ 
sicht ist nötliig bei Verletzten mit schwereren Veränderungen, 
da solche leicht eine Wiederaufnahme des Heilverfahrens er¬ 
reichen und damit die Gewährung von Vollrentenwerthen und 
mehr durchsetzen können. 

Zur erschöpfenden Behandlung des Themas erübrigt noch, 
auf § 9 IV Abschnitt I der Unfallgesetzgebung zurückzukommen, 
nachdem die Mittheilung ärztlicher Zeugnisse bei 
Schiedsgerichtsverhandlungen dem Ermessen des Schiedsgerichts- 
Vorsitzenden anheim gegeben ist Rücksichten gegen Berufskläger 
wie Aerzte können hier zur Reserve zwingen. Nicht ausser Acht 


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GALERIE HERVORRAGENDER ÄRZTE UND NATURFORSCHER. 

-- 








Beilage zur Münchener tnedicinischen Wochenschrift. 
Verlag von J. F. I.EIIMANN in München. 


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USSMAUL 



























18. "Februar 1902. 


MÜENCfiEttEfc MEDtClNlSCÖE WOCHMSCfiRlFT. 


28 i 


zu lassen ist, dass man auch hier wie bei anderen Gerichten, be 
sonders Strafgerichten, an das „Schule machen“ denken muss und 
dass man bei wissbegierigen Berufungsklägern eine Publikation 
ärztlicher Zeugnisse nur mit Vorsicht eintreten lassen kann. 

Endlich noch ein Wort über Personen, die zu Ueber- 
treibung neigen. Solche behandle man mit grösster Kühe, 
denn es erfreut sich keiner lange des ungetheilten Genusses einer 
ihm nicht gebührenden Rente. Die Umgebung hat, zumal auf 
dem Lande, ein wachsames und prüfendes Auge für jeden Rentner 
und ist nur gar zu sehr darauf bedacht, Ungehörigkeiteu zur Kennt- 
niss der Versicherungsbehörden zu bringen. 

Eine gesonderte Behandlung erfordern für die Begutachtung 
Unterlelbsbrüche, die man heute allgemein in der Mehr¬ 
zahl der Fälle als Berufskrankheit auffasst, zumal bei Arbeitern, 
die die Eigenart der Berufsthätigkeit zu ständiger oder häufiger 
vermehrter Anwendung der Bauchpresse veranlasst. Nach stän¬ 
diger Rechtssprechung knüpft das Reielisversicherungsamt an eine 
Anerkennung der Berechtigung von Ansprüchen auf Unfallsent¬ 
schädigung bei Unterleibsbruchbildung ganz bestimmte Voraus¬ 
setzungen, nach denen eine plötzliche und nicht spontane Ent¬ 
stehung sicher gestellt ist; sie sind: 

1. Der Unfall muss zur Brucherzeugung geeignet erscheinen; 

2. es muss ein Kraftaufwand dabei im Spiel gewesen sein, der 
über das mittlere Maass der betriebsüblicheu Leistung hinausging; 

3. kommen dann ln Betracht das Einstellen der Arbeit nach dem 
j.ruchaustritt, 4. die alsbaldige Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe, 
womöglich noch am Unfallstage; 5. die Bruchgrösse; 6. Weite der 
Bruchpforte; 7. einfacher oder doppelter Bruchaustritt; 8. Aus¬ 
trittserscheinungen; 9. Einklemmungssymptome; 10. Repositions¬ 
erfolge. Auf eine Behandlung der Details kann hier nicht näher 
eingegangen werden; der oinigermaassen geübte Praktiker hat 
auch eine nähere Erklärung wohl kaum nöthig; eine eingehende 
Behandlung des Themas findet sich in No. 3 des heurigen Jahr¬ 
ganges der Monatsschrift für Unfallheilkunde und Invaliden wesen 
von Prof. T h i e m. 

Fassung des Gutachtens. 

Für eine erspriessliche Begutachtung möge man folgende Ge¬ 
sichtspunkte Im Auge behalten: Kurze und gedrängte Fassung. 
Dabei übersichtliche Darstellung, Vermeidung von dem Laien un¬ 
verständlichen technischen Ausdrücken, sorgfältige Ausarbeitung 
(Schrift leserlich), genaue Angabe der Personalien, Generalien, 
exakte Wiedergabe der Unfalldaten, Notirung der wichtigsten 
Messnngsresultate, Präzislrung der Diagnose, genaue Trennung 
von Rechts und Links. Vortheilhaft erweist sich, besonders für 
weniger Geübte und auch für Vielbeschäftigte, die Benützung von 
Formularen; nicht weniger gilt das für die Skizzirung von Be¬ 
funden. Auf Pauseleinwand kann auch der des Zeichnens Un¬ 
kundige nach guten Bildern eine brauchbare Befundskizze fertig 
bringen, die allein oft mehr Klarheit bringt, wie 4 Selten Ge¬ 
schriebenes; gewandte Zeichner sind hier im Vortheil. Wer sich’s 
was kosten lassen kann, mag die Photographie zu Hilfe nehmen, 
eventuell noch den Röntgenapparat in Bewegung setzen. 

Zum Schlüsse noch eine Aufzählung der bis heute Uber sozial- 
rechtliche Medizin e.-schienenen \> erke, die ein vielgesuchter Be¬ 
gutachter kaum entlvehren kann. 

1. Handbuch der Unfallheilkunde von Prof. Dr. C. T h 1 e m 
in Cottbus, ausführlichstes Werk. 

2. Lehrbuch der ärztlichen Sachverständigenthätlgkeit für die 
L T nfall- und Invaliditäts - Versicherungs - Gesetzgebung von Dr. 
L. Becker, mit guten Rententabellen. 

3. Leitfaden für Unfallgutachten von Bezirksarzt Dr. W a I b e 1 
in Kempten; neu, sehr verwendbar. 

4. Die Erkrankungen des Nervensystems nach Unfällen von 
Dr. H. Sachs und C. J. Freund, ein ungemein fleissig aus¬ 
gearbeitetes Werk. 

5. Leitfaden für Begutachtung und Berechnung von Uufall- 
beschädigungen der Augen von Prof. Dr. H. Magnus, nur für 
Augenärzte. 

6. Atlas und Grundriss der Unfallheilkunde von Dr. Gole- 
b i e w s k i, in der Sammlung der Lehman n’sclien Atlanten. 

7. Skala bei Einbusse an Erwerbsfähigkeit bei Unfallschäden 
von G. Haag; neu herausgegeben, sehr zu empfehlen. 

8. Textausgabe der Invalldenversicherungsgesetze. 

9. Die Unfalls Versicherungsgesetze des Deutschen Reiches 
(kommentirt) von C. Gräf. 

10. Handbuch der Unfallversicherung, herausgegeben von Mit¬ 
gliedern des Reichsversicherungsamts. 

11. Zeitschriften: Monatschrift für Unfallheilkunde und In¬ 
validenwesen, herausgegeben von Prof. T h i e m - Cottbus; Aerzt- 
liche Sachverständigenzeitung, herausgegeben von Dr. A. Lepp- 
mann; Jahresbericht der Unfallheilkunde, gerichtlichen Medizin 
und öffentlichen Gesundheitspflege. Dr. P1 a c z e k - Berlin. 

In vorstehender Arbeit beabsichtigte der Verfasser eine kurze 
Behandlung der Entwickelung und des gegenwärtigen Standes der 
sozialrechtlichen Medizin; dabei war ihm daran gelegen, dem einen 
und anderen Kollegen, der sich eingehender mit der sozialrecht¬ 
lichen Praxis beschäftigt, nicht unwillkommene Fingerzeige bei 
Begutachtung von Unfallsverletzungen zu geben, in dem jüngeren, 
in die Praxis eintretenden Fachgeuossen aber ein Interesse für 
den jüngsten Zweig der medizinischen Wissenschaft wachzurufen. 


Invalidenversicherungsgesetz und Arzt 

Bemerkungen zu dem Artikel von Prof. Friedrich M a r t i u s 
in No. 4 d. W. von Dr. Grass 1, Bezirksarzt. 

Der Herr Verfasser schreibt: „Aber anderseits dürfen wir 
nicht vergessen, dass die soziale Gesetzgebung ein Werk des 
Friedens und des Ausgleiches der sozialen Gegensätze sein soll, 
dass wir Aerzte desshalb — immer vorausgesetzt, dass wir uns 
nicht betrügen lassen — der natürliche Anwalt der kranken 
und elenden Versicherten (vom Herrn Verfasser unter¬ 
strichen), nicht der Versicherungsanstalt sind“. Gegen diesen Satz 
glaube ich im Interesse der praktlzirenden Aerzte protestiren zu 
sollen. Der behandelnde Arzt, ja wohl, der ist der Anwalt 
des Kranken, der begutachtende Arzt nicht mehr, Dieser 
ist Richter-Gehilfe. Er muss und soll völlig unabhängig sein und 
darf nicht der Anwalt des Versicherten sein. Darin beruht 
ja eben die schiefe Stellung vieler Kollegen, dass sie Anwälte ihrer 
Patienten sind auch in der Begutachtung und darum suchen sich 
die Versicherungsanstalten unabhängige Richter-Gehilfen. Dem 
Einwurf, den etwa Herr M a r 11 u s machen wird, dass er ja im 
Klammersatz angedeutet hat, dass sich der Arzt nicht betrügen 
lassen darf, begegne ich damit, dass ich sage, zwischen Betrug 
und allzustarker Betonung der Arbeitsbehinderung ist ein grosser 
Unterschied. 

Bei der relativen Neuheit des Gesetzes kann Ich mir wohl 
gleiche Erfahrung viudiziren. Der Begriff „Invalidität“ hat sich 
seit Emanation des Gesetzes zu Gunsten des Arbeiters beträchtlich 
verschoben. Immer weniger Arbeiter erreichen die von dem Ge¬ 
setze als normale Grenze für Gesunde festgesetzte Altersgrenze 
von 70 Jahren — nicht weil das Arbeitermaterlai körperlich zurück¬ 
geht, sondern weil der Begriff „Arbeitsunfähigkeit“ ein milderer 
wurde. Wer kann es einem Arbeiter verdenken, dass er mit 
(35 Jahren eine Rente anstrebt, und noch dazu eine höhere, als die 
er mit 70 Jahren bekommt? So ist es auch bei der Invalidität, 
die durch Krankheit herbeigeführt ist; auch sie ist minder strenge 
geworden. I%h freue mich dessen; aber ich kann mich 
in die Lage der Versicherungsanstalten hineindenkeu, die ein allzu 
rasches Anwachsen der Invaliden mit Besorgnlss erfüllt. 

In dem Widerstreit der Interessen zwischen Versicherungs¬ 
anstalt und Arbeiter halte ich es für den ärztlichen Stand für ganz 
ausserordentlich gefährlich, sich als Anwalt einer Partei zu 
geriren. 

Ein solcher Arzt verlässt übrigens dadurch den Boden des Ge¬ 
setzes. Es ist eine Eigenthümlichkeit mancher technischer Be¬ 
gutachter, dass sie in einer Sache mit Gesetzesbestimmung und 
-Geltung Gutachten de lege ferenda abgeben. Wenn ich der 
Ueberzeugung bin, dass der Arbeiter zu 65 Proz. arbeits¬ 
beschränkt ist, so darf ich nicht den Arbeiter zur Invalldislrung 
begutachten, so hart es mir auch ankommt. Wenn ich schwanke, 
ob 05 oder 70 Proz., so sagt die ratio legis, begutachte nur mit 
gutem Gewissen die Invalidität. Das Gesetz muss und darf allein 
maassgebend sein, und desswegen dürfen wir nicht Anwälte der 
Kranken sein. 

Ich bin aber, ebenso wie Herr M a r t i u s, Anhänger der 
freien Arztwahl, wie aus meinem Aufsatz in der Münch, med. 
Wochensclir. 1898: lieber die Ursachen der vielen Unfälle mit 
Versicherungspflicht in Land- und Forstwirtschaft, deutlich 
hervorgeht. Ich bin mit Herrn Martlus einverstanden, dass die 
freie Arztwahl als Korrelat strengste Selbstzucht des Begut¬ 
achtenden voraussetzt. Ich bin aber nicht einverstanden, wenn 
er gegen die „Oberbegutachter“ — in Bayern die Kreismedlzinal- 
räthe — indigulrt ist. Gerade die freie Arztwahl hat die Ober¬ 
begutachter zur Voraussetzung. Wo in aller Welt ist eine Kasse, 
die auf Gutachten eines völlig unbekannten Arztes solche Ver¬ 
pflichtungen auf sich nimmt, wie es den Versicherungsanstalten 
zugemutliet wird. Cf. auch Berliner Brief (Münch, med. Wochen¬ 
schrift, No. 4, 1902). 

Weil ich mich nie zum Anwalt des Klienten mache, weil ich 
den Oberbegutachter als selbstverständlich ansehe, so habe ich es 
noch nie so schmerzlich empfunden, wie Herr M a r t i u s, wenn 
in der ärztlichen Oberinstanz mein Gutachten abgelehnt wurde. 
Es mag ja für eine Zelebritilt empfindlicher sein — aber es wird 
nicht zu ändern sein. Ich empfinde das auch gar nicht persönlich, 
wenn Juristen, Industrielle über die Abweichung in ärztlichen Gut¬ 
achten den Kopf schütteln. Gerade den Juristen gegenüber nicht. 

Die ganze soziale Gesetzgebung ist erst im Werden begriffen. 
Der ärztliche Stand ist leider für uns und zum Schaden der Sache, 
bei der Einführung und Durchführung übergangen worden; allein 
wir können nur immer wieder auf die Schäden hinweisen; korri- 
girend eiugreifen dürfen wir nicht. 


Zum 80. Geburtstag Adolf Kussmaul’s. 

Von L. E dinge r in Frankfurt a/M. 

Nicht über einen grossen Arzt, sondern von ihm will ich 
schreiben. Die feinsinnige Bescheidenheit des edlen Mannes, der 
unter uns lebt und noch mit Wort und Feder unter uns wirkt, 
möchte leicht verletzt werden, wenn ihm hier zum achtzigsten 
Geburtstage wirklich die Huldigung voll dargebracht würde, 
welche er verdient. 

All ’ meine Studienzeit hindurch war mir nie der Gedanke 
gekommen, dass ich dereinst praktische Medizin treiben sollte. 

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Vo. 7. 



MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


282 


Die vergleichende Anatomie und die biologischen Wissenschaften 
hatten so sehr mein Interesse in Anspruch genommen, dass ich 
nur auf einem dieser Gebiete das Glück befriedigender Thätigkeit 
glaubte finden zu können. Aber nach Abschluss der Studien fand 
ich nicht die Assistentenstelle, welche mir die nothwendige Fort¬ 
bildung ermöglichen sollte. Hart und schwer erschien dieser 
Aufenthalt so nahe am Ziele. Auch die Elastizität der 
Jugend half nicht über die deprimirten Tage jener Zeit hinweg, 
und nur als ein geringer Trost erschien cs damals, dass der neue 
Kliniker der Strassburger Fakultät, Adolf Kussmaul, mich 
unter die Zahl seiner Assistenten auf nehmen wollte. Was damals 
nur als vorübergehende Beschäftigung, nur als eine arbeitend ver¬ 
brachte Wartezeit erschien, die Beschäftigung mit kranken 
Menschen, der Beruf des Arztes, das hat bis heute gewährt. 

Gewiss ist es Vielen so gegangen wie mir, als sie in den 
Bannkreis des grossen Mannes treten durften, der damals schon 
einer der ersten Kliniker Deutschlands war. Das Hehre des ärzt¬ 
lichen Berufes, das Humane im weitesten Sinn, die menschlichen 
Beziehungen, welche sich zwischen Arzt und Krankem spinnen, 
sie sind mir da erst klar geworden. Mit einer wahren Begeiste¬ 
rung habe ich am Beispiel des Meisters gelernt, was es heisst, 
Arzt zu sein, ln den engen Räumen der alten Strassburger 
Klinik haben wir Schüler erfahren, wie die Humanität, die Kunst 
und das Wissen sich harmonisch verbinden können, wie diese 
drei gemeinsam den wahren Arzt erst schaffen. Mit welcher Sorg¬ 
falt wurde da der Einzelne überwacht, wie ernst wurde oft ab¬ 
gewogen, was im Interesse der wissenschaftlichen Untersuchung 
zu geschehen habe, und was davon im Interesse des Kranken zu¬ 
nächst zu unterlassen sei. Gleich in den ersten TSgen erlebte ich, 
dass der Lehrer einen sonst von i hm geschätzten Kandidaten 
durch das Examen fallen lassen wollte, weil er bei einem typhös 
Fiebernden allzu genau auf eine exakte Anamnese drängte. Die 
Strassburger Klinik war damals eine der wenigen, wo die Aerzte 
auf die Zubereitung der Speisen hingewiesen wurden, wo man 
lernte, wie ein Bett zu machen ist, und wo jeder Assistent selbst 
die hydropathisehen Wickel etc. musste geben können. „Ich 
wünsche Ihnen Allen, meine Herren“, sagte Kussmaul einst 
beim klinischen Vortrage, „dass Sie eine ordentliche Eirankheit 
einmal glücklich durchmachen. Nur dann lernen sie schnell und 
gut, wie man mit einem Kranken umzugehen hat.“ Es war kein 
ganz leichter Dienst, den wir Assistenten da hatten. Die Ver¬ 
antwortlichkeit wurde sehr ernst genommen, so ernst, dass ich 
heute noch in unbehaglicher Erinnerung mancher Verfehlungen 
und ihrer Folgen denke. Nicht nur die Patienten, auch die 
jungen Aerzte, Alle hatten eine wahre und tiefe Verehrung für 
den Meister der Klinik. Es erkannte eben ein Jeder bald, wie viel 
er der eifrigen persönlichen Unterweisung, wie viel er dem täglich 
gegebenen Beispiele zu verdanken habe. 

Kussmaul war un9 ein höchst anregender Lehrer. Mit 
scharfem Blick hat er die Begabung jedes Einzelnen erkannt und 
dessen Arbeit in die für ihn passende Richtung zu lenken gewusst. 
An dieser Klinik, wo der Kranke so viel galt, wurde, das ist 
bekannt, das wissenschaftliche Studium der Krankheitserschei¬ 
nungen nicht vernachlässigt. Zahlreiche Arbeiten legen ja davon 
Zeugniss ab. Während meiner Assistentenzeit entstanden z. B. 
die Studien van den Velden’s über den Nachweis der freien 
Salzsäure im Magensaft, die bekanntlich für die Untersuchung 
dieses Sekretes eine ganz neue Aera eingeleitet haben, entstanden 
Pönsgens Arbeiten über die Bewegungen des Magens, erschien 
u. a. Homburger’s Arbeit, welche den Nachweis erbrachte, 
dass es eine wandernde Form der Pneumonie gibt, und entstanden 
u. a. die Arbeiten H o f m a n n’s über das stereognostische Fühlen. 
Mich selbst wiee der Meister auf die Krankheiten des Nerven- 
systemes hin. Seine Studien über den Lebensgang Benedict 
S t i 11 i n g’s und über dessen anatomische Arbeiten sind auch 
für mich in mancher Beziehung zur Anregung geworden, der ich 
mich damals gerade mit dem normalen Bau des Nervensystemes 
zu beschäftigen begann. Ende der siebziger Jahre dos vorigen 
Jahrhunderts war es trotz der Arbeiten von S t i 11 i n g und 
M e y n e r t gerade kein sehr hoffnungsvolles Unternehmen, wenn 
Einer versuchte, über die vorhandene, bereits grosse Summe von 
schwierig zu verstehendem Detail eine klare Uebersicht zu ge¬ 
winnen. Aber das Beispiel, das Kussmaul selbst gab, der in 
reiferen Jahren noch eine treffliche Kenntniss des Wichtigsten 
aus diesem Gebiete sich erworben hatte, liess den Jüngeren die 


Schwierigkeiten nicht allzu hoch einschätzen. Zunächst wurde 
als Aufgabe gestellt, die Rückenmarke der an Spinalleiden auf der 
Klinik Verstorbenen gründlich zu untersuchen. Die Präparate 
wurden dem Meister vorgelegt und von diesem sehr gründlich ge¬ 
würdigt. Frontalwärts von der Oblongata wagte man sich damals 
kaum bei pathologischen Untersuchungen. Bis dorthin aber war 
in den Arbeiten Westphal’s und besonders in den auf der 
Strassburger Klinik entstandenen Werken Leyden’s ein treff¬ 
licher Führer gegeben. Die Untersuchungsteehnik war für diose 
Dinge noch ganz unzureichend, und sie ist ja auch heute noch 
kaum für pathologische Dinge eine voll befriedigende. Auch das 
hat die Schwierigkeiten des Erkennens erhöht. Aber Kuss¬ 
maul wusste den Lernenden auch dann an der Arbeit fest¬ 
zuhalten, wenn dieser, am Erfolg zweifelnd, sie aufgeben wollte. 
Immer hat so das Auge des Lehrers über den Fortgang unserer 
Studien gewacht. Kaum etwas entstand, das ihm nicht Anregung 
und Förderung verdankte. Noch bewundere ich die grosse und 
uns Jungen gegenüber so wichtige Toleranz, mit der er unsere 
Ansichten und Pläne anhörte, kritisirte, selten nur entmuthigte, 
meist aber in richtige Bahnen lenkte. Hier wird leider so oft 
der arbeitswilligen Jugend gegenüber gefehlt. Die Eiskälte der 
überlegenen Kritik, welche nur verneinend die Fehler zeigt, aber 
nicht voran hilft, haben wir von K u s s m a u 1 nie kennen ge¬ 
lernt. Auch um die Art, wie die literarische Darstellung des 
wissenschaftlich Erlangten gegeben wurde, kümmerte sich unser 
Lehrer sehr. Er war der Meinung, dass die deutschen Autoren 
zumeist ihren Stil vernachlässigten. Mit seltener Aufopferungs¬ 
fähigkeit hat er viele Stunden der Durchsich tund Korrektur 
unserer Arbeiten gewidmet. Immer wieder erhielt ich gelegent¬ 
lich eine solche Mittheilung zur Umarbeitung zurück, gar manche 
Seite war dann in meinem Manuskript gestrichen und 
von der Hand des Lehrers neu geschrieben. Ganz ohne Aufregung 
und Beschämung ging wohl für keinen von uns solch eine Druck¬ 
legung vor sich. Aber wir lernten besser schreiben und den Werth 
guten Stiles bei Anderen schätzen. Ich habe selbst später viele 
Schülerarbeiten durchzusehen gehabt, immer schwebte mir die 
Gewissenhaftigkeit als Muster vor, die ich damals kennen gelernt, 
nie kam mir das Zeitopfer zu gross vor, nachdem ich dereinst 
erfahren, wie viele Stunden der Umarbeitung meiner Arbeit, nur 
zum Zwecke meiner Belehrung, gewidmet worden waren. 

Der Vortrag war immer ungemein präzis, wohl selten 
unvorbereitet. Gerade von der Gewissenhaftigkeit, mit der ein¬ 
zelne dieser klinischen Vorstellungen vorbereitet wurden, weiss 
ich manche Zeugnisse. Einen eigentlich glänzenden Vortrag, in 
dem Sinne etwa der französischen Kliniker, bot der Lehrer nur 
selten. Nicht das Wort, der Kranke und was um ihn geschah, 
sollte lehren. Unerschöpflich war Kussmaul in seinen dia¬ 
gnostischen Lehren, die er alle durch kurze Krankengeschichten, 
die meisterhaft erzählt wurden, zu illustriren wusste. Er be¬ 
herrschte alle diagnostischen Methoden völlig, aber er hat nie¬ 
mals, die eine oder dio andere übertrieben anwendend, eine 
Hyper- oder besser Pseudoexaktheit geliebt. Wo Lücken in 
unserem diagnostischen Können waren, da liess es ihm keine 
Ruhe, da gab es keine Arbeit, die zu mühsam, keineBeobachtungs- 
roihe, die zu lang gewesen wäre. Er hat gerade von dieser Seite 
seiner Thätigkeit wenig durch den Druck publizirt, aber seine 
späteren Schüler wissen, dass z. B. das Allermeiste, was später 
über die Anomalien der Magensaftsekretion publizirt worden ist, 
an der Kussmau l’schen Klinik bekanntes Gut war. Gewissen¬ 
hafte, ruhige, bi9 an die Grenze des Erreichbaren gehende Be¬ 
obachtung, immer erneutes Naehprüfen, wenn einmal ein Schluss 
gezogen war, und eine ungemein grosse Vorsicht in diesem 
Schlussziehen selbst, charakterisirten unseren Lehrer. Hypothesen 
war er im Ganzen abhold, so sehr, dass er nicht einmal einfache 
Schemata liebte, wie sie sonst wohl beim Unterricht gerade der 
Nervenkrankheiten viel gebraucht werden. In der That wird die 
Gefahr schematischer Bilder gewöhnlich unterschätzt, weil sie so 
Treffliches da leisten, wo einmal das Erreichte übersichtlich zu¬ 
sammengefasst werden soll. Ein Schema ist wie ein Haus, unter 
dessen Dach man ausreichend Vielerlei unterbringen kann. Man 
bemüht sich dann instinktiv auch etwa neu Auftauchendes da 
unterzubringen und entsehliesst sich nicht gern zu einem Neu¬ 
bau, so lange der alte noch ungefähr umfassen kann, was etwa 
vorkommt. Aber dadurch tritt leicht ein gewisses Einschläfern 
in der Stellung neuer Fragen ein, und gar manches Schema hat 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


283 


18. Februar 1902. 


in der That den Fortschritt aufgehalten. Zu Schematen in diesem 
Sinne rechne ich allerdings auch die Theorien von den Krank¬ 
heiten und ihrer Art, welche grosse, weite Gebiete umfassend, oft 
genug Jahrhunderte den Fortschritt gehemmt haben. Für den 
einzelnen Arzt kann es sogar gefährlich werden, wenn er zu fest 
an der einmal gefassten Gesammtmeinung über ein Krankheits¬ 
bild haftet, wenn er versucht, nur unter einem Gesichtspunkte 
Alles zu verstehen. Die Neigung zu solchem deduktivem Er¬ 
klären des am Krankenbette Beobachteten war bei uns jungen 
Aerzten sehr gross. Die in der That gründliche Vorbildung in 
allgemeiner und Spezieller Pathologie, welche uns ein so auf¬ 
opferungsvoller Lehrer wie v. Recklinghausen hatte zu 
Theil werden lassen, war vielleicht die eine der Ursachen, viel¬ 
leicht liegt derlei auch mehr im Sinne der Jugend. Gegen dies 
Schnellfertigsein mit der Diagnose, welches zweifellos der 
weiteren Beobachtung und Vertiefung schadet, hat sich Kuss - 
maul mehrfach gewendet. „Man soll nicht allzu zufrieden mit 
seinen Diagnosen sein“, meinte er einmal, und immer liebte er es 
auf das Unsichere von klinischen Beobachtungen hinzuweisen, die 
zu kurz gewährt hatten. Schon seine Antrittsvorlesung in Strass¬ 
burg hatte davon ein Beispiel gegeben. Mit welcher Erwartung 
hatten wir Studenten diesem Vortrage des berühmten, eben aus 
Freiburg gekommenen Klinikers entgegengesehen. Er führte uns 
einen Kranken vor, der ziemlich alle Erscheinungen des damals 
in Strassburg häufigen Nervenfiebers bot und schloss auch, dass 
der Kranke ein solches habe, aber er erinnerte, dass die tuber¬ 
kulöse Hirnhautentzündung der Erwachsenen zuweilen ganz ähn¬ 
liche Symptome machen könne, und dass eben diese Krankheit 
sich hier nicht sicher ausschliessen lasse — heute haben wir dazu 
die diagnostischen Mittel. Am nächsten Tage führte der Lehrer 
uns abermals an das gleiche Krankenbett, um zu erläutern, dass 
die etwas veränderten Symptome zur festeren Annahme einer 
Meningitis zwängen, und am dritten Tage sahen die zu Autori¬ 
tätsglauben mehr oder weniger geneigten Studirenden denselben 
Kranken abermals, weil der berühmte Kliniker uns eingestehen 
wollte, dass er zur Annahme eines Typhus zurückgekehrt sei. Die 
Sektion hat später die letzte Ansicht auch bestätigt. Hier lernten 
wir alle gleich, welche Schwierigkeiten sich dem Arzte draussen 
in der Praxis bieten können, und war die dreimalige Vor¬ 
stellung des gleichen Kranken auch für uns Jüngere keineswegs 
so interessant, wie etwa ein Vorstellen neuer Kranker es gewesen 
wäre, wir haben damals eine Lehre bekommen, die sich unver¬ 
gesslich einprägte und haben gleichzeitig gelernt, dass es in der 
Wissenschaft keinen festen Autoritätsglauben geben darf. Eine 
Autorität ersten Ranges war bescheiden genug, uns das zu lehren. 

Das war der grosse Arzt und berühmte Lehrer, unter dem ich 
arbeiten durfte, der Mann, dem mit mir viele Andere es ver¬ 
danken, dass ihnen die idealste Seite des Berufes aufgegangen 
ist. Nachdem er sich im Jahre 1888 von dem klinischen Unter¬ 
richt zurückgezogen hatte und in Heidelberg zum Segen vieler 
Kranker und auch weiter die Aerzte belehrend, welche das Glück 
hatten, ihm nahezustehen, lebte, hat er die Müsse des Alters be¬ 
nutzt, um uns in prächtiger Darstellungsweise zu erzählen, wie 
er geworden ist. Die rasch in 3 Auflagen erschienenen „Lebens¬ 
erinnerungen“ enthalten viel mehr als ihr Titel verspricht. Sie 
bringen auch eine Art Entwicklungsgang der modernen Medizin, 
und sie enthalten gar manche feine, dem praktischen Arzt wich¬ 
tige Beobachtung oder Lehre. Der am 22. Februar 1822 in Graben 
Geborene ist der Sohn eines Arztes und hat schon sehr früh die 
Neigung zu seinem späteren Berufe gefasst. Schon in der ersten 
Studienzeit zu Heidelberg hatte er das Glück, so nüchterne und 
so treffliche Lehrer wie Tiedemann, den Anatomen, und 
G m e 1 i n, den Chemiker zu haben, ein Umstand, der in diesen 
Zeiten der ausgehenden Naturphilosophie gar nicht hoch genug 
veranschlagt werden kann. Auch der Kliniker P u c h e 11, bei 
dem später der junge Student hörte, war, wenn auch vielfach noch 
im Banne alter Lehre und Vortragsart, doch ein trefflicher Be¬ 
obachter und ein Mann umfassenden Wissens. Er hat zuerst die 
Perityphlitis als eigene Krankheit von Aehnlichem abscheiden 
gelehrt. Freilich konnte er sich später nicht mehr das Interesse 
seiner jugendlichen Hörer erhalten, als der geistreiche, frischere 
und ganz auf dem Boden der aufgehenden neuen Medizin stehende 
Pfeuffer neben ihm nach Heidelberg berufen wurde. Zu 
Pfeuffer, den Kussmaul offenbar als {«einen eigentlichen 
klinischen Lehrer betrachtet, von dem er nur in den Worten 


grösster Verehrung spricht, durfte der junge Student später auch 
in das Assistentenverhältniss treten. Es war eine grosse Zeit 
damals in der Medizin. Die Naturwissenschaft mit ihrer ganzen 
Methodik begann ihren Einzug zu halten, und gerade in Heidel¬ 
berg wirkten einzelne der Männer, welche die Fahne der Neue¬ 
rung vorantrugen. Vor Allen, neben Pfeuffer, Henle, der 
grosse, ideenreiche Schüler Johannes Mülle ris. Mit Begeiste¬ 
rung hörte ihn die Jugend, las man seine Schriften, vor Allem 
seine auch heute noch anregende Allgemeine Pathologie, das 
Buch, welches diesen Wissenszweig eigentlich erst begründet hat. 


Der Perkussionshammer, das Mikroskop, das Reagensglas 
hielten eben in der Zeit, wo Kussmaul bei Puchelt hörte, 
ihren Einzug in die medizinische Klinik. Von den anderen 
Heidelberger Lehrern scheint namentlich der Geburtshelfer 
N ä g e 1 i, den Kussmaul als Menschen und Arzt gleich hoch 
verehrt, grossen Einfluss auf den jungen Studenten gehabt zu 
haben. Bei N ä g e 1 i war er auch eine Zeit lang Assistent. 
Diesem Unterrichte und auch der späteren praktischen Thätigkeit 
auf dem Lande, ist es wohl zuzuschreiben, dass auf Kuss¬ 
mau Vs Klinik nicht die Einseitigkeit herrschte, welche zu jeder, 
auch der kleinsten chirurgischen oder gynäkologischen Verrich¬ 
tung den Fachmann herbeizuziehen liebt. Für die Studenten war 
durch den Umstand, dass recht viel Verrichtungen namentlich der 
kleinen Chirurgie ihnen und den Assistenten zufielen, in mancher 
Beziehung eine gute Lehre gegeben. Die meisten lernten auf der 
inneren Klinik, wie sich die Gesammtverrichtungen des Arztes 
draussen in der Praxis gestehen. Auch unter Kussmaul’s 
späteren Arbeiten fanden sich nicht wenige, die zeigen, dass der 
hochbegabte Arzt den anderen Zweigen der praktischen Medizin 
immer mit dem allergrössten Interesse empfangend und auch 
gebend gefolgt ist. So hat er eine heute noch viel zitirte Mono¬ 
graphie: „Vom Mangel, der Verkümmerung und der Verdoppe¬ 
lung der Gebärmutter“ geschrieben, er hat auch die Empfängniss- 
fragen und die Lehre von der Ueberwanderung des Eies in den 
Kreis seiner Betrachtungen gezogen. Dann hat er sich viel mit 
der Technik und den Indikationen der Punktionen befasst, hat, 
wio ich glaube zuerst, einen Leberechinokokkus durch die Punk¬ 
tion zu fast völliger Heilung — es blieb nur eine Fistel zurück — 
gebracht, und hat namentlich die Lehre von der Thorakozenteso 
bei Pleuritis, Empyem und Pyopneumothorax durch eine wichtige 
Arbeit gefördert. Auch die Ausspülung des Pleuraraumes, und 
die Ausheberung desselben hat er als einer der Ersten gewagt 
und ihre Technik ausgebildet. Wahrscheinlich ist es auch der 
Neigung zu mechanischen Eingriffen bei inneren Krankheiten zu 
verdanken, dass gerade Kussmaul die bereits früher an¬ 
gewendete Magenpumpe faktisch erst in die ärztliche Behand¬ 
lungsweise einführte. Das hohe Verdienst, welches er hier be¬ 
kanntlich erworben hat, ist aber wesentlich dadurch begründet, 
dass er sofort die Indikationen der Magenausheberung und das, 
was sie therapeutisch zu leisten vermag, richtig erkannte und dar¬ 
legte. Es ist das zuerst auf der Naturforscherversammlung zu 
Frankfurt a/M. 18R7 geschehen. Erst seit dieser Zeit können 
die Aerzte die grossen Beschwerden, welche die Erweiterung des 
Magens macht, erleichtern und in vielen Fällen dieses Leiden 
selbst ganzbeseitigen. Auch die Spülungen desMagensmitMineral- 
wasser oder Arzneien wurden bald danach von Kussmaul ein¬ 
geführt. Gar manche der kleinen Verrichtungen, die anderwärts 
kaum noch praktizirt wurden, konnte man auf Kussmaul’s 
Klinik lernen. Dort habe ich u. a. auch meine ersten Aderlässe 
gemaoht, Manche Handgriffe, die heute Gemeingut der Aerzte 
sind, das Füttern der schnupfenbehafteten Säuglinge durch den 
Schlundkathcter z. B., verdanken wir Kussmaul. Gewiss sind, 
ehe er dieses einfache Verfahren erfunden hatte, viele der armen 
Würmer, welche mit verschlossener Nase nicht saugen können, 
elend verhungert. Der Schnupfen der Säuglinge ist jetzt keine 
lebensgefährliche Erkrankung mehr. 


Die Vertrautheit mit den anderen Zweigen der praktischen 
Medizin hat übrigens auf unserer Klinik niemals zu einer Unter¬ 
schätzung der speziellen Fachvertreter geführt. Im Gegentheil 
wurde uns Schülern oft genug das in der Praxis später zu ver¬ 
folgende Beispiel der Konsultation mit dem Chirurgen, dem 
Gynäkologen, dem Augenärzte gegeben. Diese Konsultationen 
waren immer besonders lehrreich. An der Bescheidenheit des 
Meisters lernten auch wir Jüngere bei solchen Gelegenheiten 

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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


immer noch etwas Besonderes, das uns später im Leben gewiss 
oft von Nutzen war. 

Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten Kussmaul’s fallen 
bereits in die Heidelberger Studienzeit. 

Auf die Anregung des Chirurgen C h el i u s hin machte sich 
der junge Kussmaul 1843 an die Lösung der von Jenem ge¬ 
stellten Preisaufgabe der Fakultät. Sie behandelte die Frage 
nach den Farben, welche im Hintergrund des Auges erseheinen 
können. Gewünscht war eigentlich eine Art literarisch-kritischer 
Darstellung der Theorien etc. vom Glaukom, bei dem bekanntlich 
die normaliter schwarze Pupille grünlich erscheint. Aber Kuss¬ 
maul fasste sofort die Sache von anderem Gesichtspunkte aus 
an. Er legte sich zunächst die Frage vor, warum ist dio Pupille 
normaliter schwarz? Er fand auch bald heraus, dass nur Licht¬ 
brechungserscheinungen dem Phänomen zu Grunde liegen, und 
im Bestreben diese durch einen Apparat auszuschalten, kam er 
auf ein Instrument, das wohl als der erste Augenspiegel bezeichnet 
werden muss. Leider war es noch so unvollkommen, dass erst 
9 Jahre später Hel m-h o 11 z, der besser physikalisch vorgebildet 
war, als der junge Heidelberger Student, das Problem völlig zu 
lösen vermochte. Heute, wo man das 50 jährige Jubiläum des 
Helmholtz’schen Spiegels feiert, darf wohl darauf hin¬ 
gewiesen werden, dass er in Kuasmaul’s Instrument seinen 
Vorläufer hatte, und dass der Erfinder dieses unzureichenden 
Apparates auch schon erkannt hat, welchen Nutzen man aus 
einem Augenspiegel würde ziehen können. Nach vollendeter 
Studienzeit wurde, wie damals vielfach und mit Recht üblich war. 
Wien auf gesucht, wo Rokitansky, Skoda und der treff¬ 
liche Semmelweis lehrten. Der Einfluss dieser exakt 
arbeitenden und naturwissenschaftlich denkenden Männer auf 
den Reisenden war bald so gross, dass er daran dachte, das Stu¬ 
dium der Medizin aufzugeben und sich ganz der pathologischen 
Anatomie zuzuwenden, wo er, der Schüler von Bischoff und 
He nie, dann das Mikroskop, das jdie Wiener noch wenig be¬ 
nutzten, voll auszuwerthen gedachte. Ein weites, ungeheures 
Arbeitsfeld musste sich damals einem Manne erschliessen, der mit 
dieser Absicht sich dem anatomischen Studium der Erkrankungen 
zuwendete. Mächtig ergriff ihn aber gegen Ende dieser Periode 
die scharfe Kritik, welche Virchow an Rokitansky’s da¬ 
mals als noch überaus hoch gewerthetem Buche und Lehrsystem 
übte, mächtiger noch der Aufsatz, mit dem, 1847, Virchow 
und Reinhard den ersten Band ihres neuen Archive© er- 
öffneten. Die Heilkunde, meinte Virchow damals, sei keine 
Wissenschaft, die man einzig um ihrer selbst willen pflegen dürfe. 
Für sie gelte das Wort: Scientia est potentia. Sie dürfe nicht 
auf den Wolken thronen, sondern müsse auf festen Beinen unter 
dem Volke wandeln und sorgen, ihm Leben und Gesundheit zu 
schirmen. Der Ausbau geschehe nicht durch Hypothesenbildung, 
sondern nur durch geduldige Arbeit am Sezir- und Mikroskopir- 
tische, in chemischen und physiologischen Werkstätten. Das 
klingt heute, wo wir über ein halbes Jahrhundert dem Ausbau 
der Medizin in dieser Richtung und dem mächtigen Antheil, den 
Kussmaul selbst daran genommen hat, verfolgen können, 
wie ein Programm für Kussmau Ts eigene Arbeit. Vorerst 
aber war an so rein wissenschaftliche Arbeit nicht zu denken. 
Die Wirren des Jahres 1848. die unsichere Weltlage veranlassten 
den sorgsamen Vater, dem Sohne von der Niederlassung als Arzt 
abzurathen. Er liess ihn als Militärarzt in das badische Heer 
eintreten. Die herrliche Lebensbeschreibung, mit der uns Kuss¬ 
maul beschenkt hat, schildert in anschaulichster und unterhal¬ 
tendster, aber auch in lehrreicher Weise jene Zeit, wo ein Feldzug 
den jungen Arzt nach Schleswig-Holstein und der Zeiten Lauf 
dann in die Feste Rastatt führte, die eben dem meuternden 
badischen Militär abgenommen worden war. In den Kasematten 
lagen, vielfach mit dem Tode bedroht, zahlreiche Anhänger der 
unterlegenen Bewegung, so mancher Studiengenosse und Freund 
darunter. Auch hier bewährte sich die angeborene Humanitas 
im besten Sinne. Die Lebenserinnerungen schliessen mit der 
Schilderung der Zeit, dieKussmaulin Kandern, einem Dorf 
des Hochschwarzwaldes, verbrachte. Dort hat der ehemalige 
Militärarzt alle Freuden und Leiden des Landarztes kennen ge¬ 
lernt. Die Jahre in der lieblichen Landschaft vergingen dem 
jungen Manne, der nun auch die Geliebte heimgeführt hatte, 
rasch. Er fühlte sich glücklich in seinem Berufe, seiner Häus¬ 
lichkeit und seiner Freiheit. Gute Freunde wohnten in der Um¬ 


gebung, die Lektüre fesselte, die Praxis erfreute den hoch¬ 
gebildeten, denkenden Arzt. 

Ausder Kanderer Zeit stammen auch zahlreiche lustige Gedichte, 
von denen manche heute durch das Kommersbuch Allgemeingut, 
der studirenden Jugend geworden sind. Kussmaul hat einige der 
formvollendeten kleinen Werke später unter dem Pseudonym 
Dr. Oribasius drucken lassen und seinen Freunden zugänglich 
gemacht. Dort auch wurde die jetzt klassisch gewordene Gestalt 
des Dichters Biedermeier erfunden, dort wurden viele der Bieder¬ 
meiergedichte erdacht, und von dort wurde in Korrespondenz mit 
dem Freunde Eichrodt der Biedermeier ausgearbeitet, der 
weiland Schartenmeier dazu erfunden. Die Biedermeiergedichte 
entstanden zum Theil in Anlehnung oder in wortgetreuer Ent¬ 
lehnung aus den Gedichten eines altväterlichen, absolut nüch¬ 
ternen Dorf Schulmeisters — Sauter in Flehingen — dessen ganz 
ernsthaft gemeinte Poesie ungemein komisch wirkte. 

Aber die schwere Landpraxis brachte nicht nur Freuden und 
Befriedigung. Auf einem Krankenbesuch mitten im Winter fiel 
der Arzt in tiefen Schnee. Die Pflicht gestattete ihm längere Zeit 
nicht die nöthige Erholung und Durchwärmung. Er erkrankte 
schwer an einem Rückenmarkleiden mit den Zeichen vollkom¬ 
mener Quertrennung des Markes. Nur die aufopfernde Thätig- 
keit eines befreundeten Kollegen, des Dr. Th. Schneider in 
Basel rettete das Leben. Kussmaul genas langsam, aber zur 
Landpraxis war er nun nicht mehr widerstandsfähig genug. Es 
folgen Instruktionsreisen nach Frankreich, ein Studienaufenthalt 
in Würzburg, wo bei Virchow, Kölliker, Scherer und 
Heinrich Müller fleissig gearbeitet wurde, und auch ein mehr¬ 
monatlicher Aufenthalt in der trefflichen badischen Irrenanstalt 
Illenau zur Vervollständigung der psychiatrischen Kenntnisse. 
Das Streben nach weiterer Erkenntniss und die klare Empfindung 
der vorhandenen Lücken, welche Kussmaul immer ausge¬ 
zeichnet haben, leuchten auch aus diesen Entschlüssen hervor. 

Es wird nicht Viele geben, die im gleichen Alter mit nur 
sehr massigen Mitteln ausgerüstet, so intensiv weiter an ihrer 
Vervollkommnung arbeiteten. 

Im Jahre 1855 endlich habilitirte sich Kuss maul in 
Heidelberg. Dort beschäftigten ihn ganz vorwiegend Arbeiten 
zur allgemeinen Pathologie. 

Die oben erwähnte Arbeit über den Uterus hatte in Studien 
über die Ueberwanderung des Eies und die Entstehung der Tuben¬ 
schwangerschaft einen Vorläufer, aber ganz besonders sind es 
Studien über die Starre der Muskeln (Kussmaul konnte ex¬ 
perimentell durch Chloroforminjektion am lebenden Thiere etwas 
Aehnliches erzeugen), dann Untersuchungen über die Zirkulation 
am und im Kopfe, die damals reiften. Als letzte und wohl be¬ 
kannteste Frucht dieser Heidelberger Zeit stehen die Untersuch¬ 
ungen über die Epilepsie und ihr verwandte Zustände da. Ich 
habe sie eben wieder gelesen und möchte die wirklich klassisch 
gedachte und geschriebene Arbeit Allen empfehlen, welche Freude 
an klarem, folgerechtem Denken, an einfachen eindeutigen Ver¬ 
suchen und an einer präzisen Darstellungsweise haben, welche 
niemals auch nur um Haaresbreite über das hinausgeht, was sich 
mit Sicherheit aussagen lässt. Bekanntlich haben diese von 
Kussmaul in Gemeinschaft mit T e n n e r angestellten Ver¬ 
suche bewiesen, dass Blutschwankungen in der Schädelhöhle zu 
epileptischen Krämpfen ebenso Veranlassung werden können, wie 
grosse Blutverluste, und sie haben gezeigt, dass der Ausgangs¬ 
punkt dieser Krämpfe nur in bestimmten Theilen des Nerven- 
svstemes liegen kann. Auch die Angabe findet sich bereits in 
jener 1857 erschienenen Arbeit, dass kleine Herde im Grosshärn 
zu solchen Krämpfen disponiren können. Ich hebe das hervor, 
weil es Kussmaul 1876 zuerst vergönnt war, am lebenden 
Menschen einen solchen Herd nach Lage und Art völlig genau 
zu diagnostiziren. Es handelte sich um einen Tuberkel 
oben in den Zentralwindungen, der sich durch partielle 
Epilepsie und passagere motorische, sowie sensorische Störungen 
geäussert hatte. Heute, wo die Sicherheit derartiger Diagnosen 
längst den Chirurgen zu entsprechenden Eingriffen berechtigt, 
wo auch der weniger Erfahrene leicht in den meisten Fällen 
analog sitzende Krankheitsprozesse erkennen kann, ermisst man 
kaum noch, welche That jene erste im Jahre 1876 gestellte Dia¬ 
gnose war. 

In Heidelberg enstand auch K u s s m a u 1’» erste Arbeit auf 
pharmakologischem. Gebiete, eine Studie, die er mit Born¬ 
träger über die Bestandteile dee Fliegenschwammes und 


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18. Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


dessen Wirkung anstellte. Er hat später der Pharmakotherapie 
immer ein besonderes Interesse bewahrt und noch vor Kurzem, 
im 78. Lebensjahre, eine überaus lehrreiche Studie über Dauer¬ 
darreichung der Digitalis veröffentlicht, welche, mit manchem alt¬ 
hergebrachten Vorurtheil brechend, zweifellos vielen Kranken 
zum Heile gereichen wird. 

Vielleicht ist es auch wenig bekannt, dass wir K u s s m a u 1 
die Erkenntniss verdanken, dass Bismuthum subnitricum ein vor¬ 
treffliches Heilmittel für den Intestinaltraktus nur dann ist, wenn 
es in ganz grossen Dosen gebraucht wird. Die Empirie der in 
den Tropen wohnenden Aerzte hatte das längst gefunden, aber 
bei uns wagte man nur minimale Dosen, weil einmal Justinus 
Kerner eine Vergiftung des zu seiner Zeit wohl mit Arsen 
verunreinigten Präparats beschrieben hatte. 

1859 berief die Erlanger Fakultät Kussmaul. Der alte 
G e r 1 a c h, der berühmte Histologe, hat mir einst als eine seiner 
wichtigsten Thaten erzählt, dass er es gewesen sei, welcher, ent¬ 
zückt von den weittragenden Arbeiten des jungen Heidelberger 
Lehrers, diesen seiner Fakultät zugeführt habe. Gleich die An¬ 
trittsvorlesung rechtfertigte Gerlaeh’s Auffassung. Brachte 
sie doch jene heute noch immer wieder neu aufgelegten „Unter¬ 
suchungen über das Seelenleben des Neugeborenen“, ein inhalts¬ 
reiches, dünnes Heftchen, in dem zum erstenmal der Versuch 
am Neugeborenen angewendet wurde, um Auskunft über dessen 
Sinnesempfindungen zu geben. Die kleine Schrift muss immer 
erwähnt werden, wenn man die Geschichte der modernen natur¬ 
wissenschaftlichen Psychologie schreiben wird. Die Anregungen, 
welche sie brachte, sind später vielfach benutzt und weiter aus¬ 
gebaut worden. Doch ist man, soweit Prinzipielles in Betracht 
kommt, nicht allzuweit über das 1859 Bekannte hinausgekommen. 

In Erlangen hatte Kussmaul vielfach Gelegenheit Queck¬ 
silbervergiftungen bei den Arbeitern der benachbarten Spiegel¬ 
fabriken zu sehen. Die Beobachtungen, die er hier machen 
konnte, hat er zu einer monographischen Bearbeitung des Mer¬ 
kurialismus benutzt, welche nicht nur das Verdienst hat, bis 
heute die vollständigste und beste zu sein, sondern auch nach 
anderer und vom Autor gerade gewollter Seite sich als ausser¬ 
ordentlich wichtig und nützlich erwiesen hat. Bekanntlich wird 
schon seit langen Jahren immer wieder einmal behauptet, es gäbe 
gar keine Spätsyphilis. Alles, was als solche imponire, sei nur 
Resultat des kurativ angewendeten Quecksilbers. Gerade diese 
Bedenken hat nun Kussmaul ganz speziell in den Kreis seiner 
Betrachtungen gezogen und, obgleich ja oft genug Syphilis bei 
nicht mit Quecksilber Behandelten beobachtet worden ist, hat er 
sich doch die Mühe nicht verdriessen lassen, in ausserordentlich 
eingehender Weise den Merkurialismus mit der Spätlues, Sym¬ 
ptom für Symptom, zu vergleichen. Das Resultat war so schlagend, 
dass bis auf den heutigen Tag kein wissenschaftlich Gebildeter 
mehr es gewagt hat, die alte Hypothese wieder aufzugreifen. 

Aus der Erlanger Zeit und aus den nächsten Jahren — 
Kussmaul hat schon 1863 die Freiburger Klinik über¬ 
nommen — stammen eine grosse Reihe kasuistischer Arbeiten. 
Sie alle halten jene Probe aus, welche Kussmaul uns einmal 
für die Entscheidung der Frage gab, ob ein Fall etwa zu ver¬ 
öffentlichen wäre. „So ein Fall“, sagte er, „muss so wichtig 
sein, dass Niemand, der später über das gleiche Gebiet schreibt, 
ihn übersehen darf.“ Namentlich darf wohl an die Arbeiten zur 
Diagnostik der Blasenkrankheiten, insbesondere auch der Tuber¬ 
kulose der Harnwege, dann an die Arbeit über den Verschluss der 
Mesaraica, ebenso an eine solche über damals unbekannte Absce- 
dirungsarten in der Leber erinnert werden. Auch die vorhin er-' 
wähnten Studien über die Pleurapunktionen, die Arbeiten über 
die Magenspülung fallen in die Zeit des Freiburger Aufenthaltes. 
Dort gelang ihm auch der Nachweis, dass es eine bis dahin kaum 
bekannte, schwere Erkrankung der kleinsten Arterien gibt, die 
zum Tode führt. Er hat diese „Periarteriitis nodosa“ zusammen 
mit dem pathologischen Anatomen Maier in mehreren Auf¬ 
sätzen so genau geschildert, dass die spätere Beobachtung weiterer 
Fälle dem zuerst Erkannten kaum etwas zuzufügen hatte. Andere 
Arbeiten aus jener Zeit betreffen den Tetanus und dann die Te¬ 
tanie. Namentlich die letztere Krankheit war zur Zeit, als 
Kussmaul sich mit ihr beschäftigte, kaum bekannt. Man 
wusste nicht, wie weit Störungen im Magen und Darme hier 
ätiologisch mitspielen. Noch später, in der Strassburger Zeit, 
hat Kussmaul die Frage nach verwandten Krämpfen, welche 


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bei Magenerweiterung beobachtet werden, lebhaft intereesirt. Er 
kam zu der Ansicht, dass sie eine Folge der mangelnden Wasser¬ 
resorption sein müssten. Auch die im Verlaufe des Diabetes 
manchmal auf tretenden Krampf affektionen, welche bekanntlich 
meist mit tiefem Koma einhergehen und offenbar auf einer Blut¬ 
vergiftung beruhen, namentlich die schwere dabei auftretende 
und prognostisch, sowie diagnostisch wichtige Athemnoth hat 
Kussmaul bearbeitet. 

Ueberhaupt haben dte Affektionen des Nervensystemes 
Kussmaul immer sehr interessirt. Ausser manchen Arbeiten, 
die durch die damals noch so mangelhafte Untersuchungstechnik 
heute nicht mehr so wichtiges Material gebracht haben, reifte als 
schönste Frucht der Freiburger Beobachtungen jener bekannte 
klinische Vortrag über die Beziehungen der progressiven Muskel¬ 
atrophie zur Bulbärparalyse. 

Wir deutschen Aerzte stehen augenblicklich in schwerem 
Kampfe gegen die volksverführenden Kurpfuscher und nur lang¬ 
sam bricht die Ueberzeugung durch, dass hier durch eine ge¬ 
diegene volksthümlich gehaltene Belehrungsliteratur etwas ge¬ 
nützt werden kann. Zweifellos sind manche der vielbeklagten 
Schäden dadurch entstanden, dass wir dem Bedürfniss de6 Volkes 
— im weitesten Sinne — nach klarer Belehrung nicht genügend 
entgegengekommen sind. Uns fehlen von autoritativer Seite ge¬ 
schriebene, wohl lesbare Bücher, die populär werden können. Auch 
hier ist der Arzt Kussmaul mit gutem Beispiel vorange¬ 
gangen. Als sich in den 60 er Jahren die Agitation der Impf¬ 
gegner immer lebhafter geltend machte, als die Gefahr näher trat, 
dass eine der segensreichsten Entdeckungen durch die Agitation 
von Männern, welche nicht in der Lage waren oder sein wollten, 
die Sachlage zu übersehen, wirkungslos gemacht werde, da trat 
der Freiburger Kliniker nicht etwa mit einer der sonst beliebten, 
kurzen Erklärungen hervor, sondern er nahm sich mit vollstem 
Rechte die Mühe, in 20 Aufsätzen der Freiburger Zeitung, welche 
objektiv das ganze Material auch dem Laien vorlegen, dielmpfung 
und ihre Grundlagen ausführlich zu behandeln. Nur die medi¬ 
zinischen Anhaltspunkte für die Entscheidung der Frage, ob der 
Impfzwang erhalten oder aufgehoben werden soll, wollte Kuss- 
m a u 1 geben, sie sind natürlich zwingende und haben durch die 
Erfahrungen der inzwischen vergangenen 30 Jahre ja nun allent¬ 
halben Stütze gefunden. Aber, sich präzis an die ihm bekannte 
Domäne haltend, lehnt er die Beantwortung der staatsrechtlichen 
Fragestellung — ob man nämlich den Einzelnen im Interesse 
der Gesammtheit zwingen dürfe, sich impfen zu lassen — ab, 
sie der Gesetzgebung überlassend, welche sie bekanntlich bejaht 
hat. Die gemeinverständliche Darstellung der Impffrage, welche 
jene später separat erschienenen „20 Briefe über Menschen- und 
Kuhpockenimpfung“ bringen, verdiente wohl einen erweiterten 
Neudruck zu fortgesetzter Abwehr der nicht ruhenden Agitation. 

Wer die Summe von Arbeit und Belehrung überblickt, welche 
durch all’ diese Studien geschaffen worden war. wer zudem er¬ 
wägt, dass gerade während der Freiburger Zeit Kussmaul’s 
Ruf als konsultirender Arzt fest begründet wurde, ein Ruf, der 
ihn bekanntlich weithin über die Grenzen unseres Vaterlandes 
geführt und zum Berather von Menschen aus allen Ge¬ 
sellschaftskreisen gemacht hat, der wird die Wahl eine 
ungemein glückliche nennen müssen, welche die Strass¬ 
burger Fakultät traf, als sie 1876 nach dem Weggange 
des um den Unterricht und die Entwicklung der Fakultät 
so hochverdienten Leyden diesem einen Nachfolger zu geben 
hatte. Man wird gewiss später, wenn man die Geschichte der 
Versöhnung des Eisass mit den neuen Verhältnissen schreibt, 
auch des stammverwandt allemannischen Arztes gedenken, der 
hier rasch das Vertrauen und die ungeschminkte Hochachtung 
der eingesessenen und der eingewanderten Bevölkerung im glei¬ 
chen Maasse erworben hat. Als Berather, als Lehrer und auch 
als stets bereiter Mitarbeiter an den zahlreichen Aufgaben, welche 
der öffentlichen Sanitätsverwaltung im Eisass gestellt waren, 
war Kussmaul schnell am Orte seines neuen Wirkungskreises 
geschätzt. In mannigfachen Gutachten, z. B. in dem über den 
höheren Mädchenunterricht, erkennt man seine Feder. Tn dieser 
Zeit, wo die Mittheilung der Einzelbeobachtungen und die Aus¬ 
arbeitung mancher Idee den Schülern überlassen wurde, welche 
der Meister in grosser Zahl um sich gesammelt hat, reifte das 
breit angelegte, philosophisch durchdachte, herrliche Werk über 
die Sprache und ihre Störungen. Es lockt ungemein, an der Ge- 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


N<». 7. 


sainmteintheilung und an der breiten Basis, welche Kussmaul 
seinen Ausführungen gegeben hat, einmal von Neuem den Meister 
und seine Arbeitsweise zu zeichnen, aber hierzu ist hier nicht der 
Raum. Steht ja auch K u s 9 m a u l’s Buch über die Sprache 
noch heute voll geschätzt als grundlegendes Werk für diesen Theil 
der Physiologie, Psychologie und Pathologie da. Wir haben 
durch Beobachtung mannigfacher Ausfälle im Sprachgebiete und 
durch sorgfältige Hirnsektionen nach dem Tode der betreffenden 
Kranken ja zahlreiche Fortschritte seij 1877 gemacht, aber diese 
konnten oft an jene sicher klassische Darstellung angeknüpft 
werden, die auch heute im Wesentlichen noch zu Recht besteht. 
Für alle Zweige der medizinischen Erforschung der Sprache und 
ihrer Krankheiten sind in K u s s m a u l’s Buch durch scharf¬ 
sinnige Verwerthung des bereits Bekannten und durch zahlreiche 
neue Beobachtungen und Deduktionen Grundlagen geschaffen 
worden. Das was die Philosophen und das, was besonders auch 
die Philologen schon geschaffen, trat hier zum ersten Male mit 
dem eigentlich Medizinischen zu einem Gesammtbilde vereint den 
Aerzten vor die Augen. So weit hatte noch kein Mediziner die 
Aufgabe erfasst, welche ein Buch über die Sprache und ihre Stö¬ 
rungen stellt. 

Aus der Strassburger Klinik stammt auch jener inhaltsreiche 
Vortrag über die peristaltische Unruhe des Magens, der in die 
durch K u s s m a u l’s und Anderer Arbeiten eben neu belebte 
Klinik der Magenkrankheiten so viel Neues und Anregendes 
hineinbrachte. Auf der Naturforscherversammlung in Baden 
1879 hat dann Kussmaul dem grossen Kasseler Arzte Benedict 
S t i 11 i n g in einem herrlichen Vortrage ein Denkmal gesetzt, 
das gleich rühmlich für den eben damals Verstorbenen wie für 
das fein menschliche Fühlen des Redners ist. Hier wurde viel¬ 
leicht zum ersten Male S t i 11 i n g’s in zahlreichen umfang¬ 
reichen Werken niedergelegte Lebensarbeit einem grösseren 
Kreise von Aerzten erst recht bekannt, weil Kussmaul sich 
nicht die Mühe hatte verdriessen lassen, die einzelnen Schriften 
ihrem wesentlichen Inhalte* nach gemeinverständlich wiederzu¬ 
geben oder doch durch seine Fakultätsgenossen würdigen zu 
lassen. Auch des verstorbenen Freundes Friedreich hat er 
später in liebenden Worten öffentlich gedacht. Im Jahre 1888 
hat sieh dann Kussmaul vom klinischen Unterrichte zurück¬ 
gezogen. Er hat in Heidelberg, nahe den lieben Angehörigen, 
sich ein behagliches Heim geschaffen. Seine Schüler haben da¬ 
mals die Gelegenheit benutzt, ihm ihren Dank auszusprechen, und 
der unterelsässische Aerzteverein hat ihn einstimmig zu seinem 
Ehrenmitgliede gewählt. Schwerlich hat es damals und vorher 
dem grossen Arzte an den äusseren Zeichen der Anerkennung 
gefehlt, die der Staat und die gelehrten Gesellschaften zu ver¬ 
leihen haben, aber es scheint mir charakteristisch für Kuss- 
mflul's Wesen, dass es mir nicht gelingen wollte, irgendwo ein 
Verzeichniss dieser Ehrungen zu finden. Bekannt geworden ist 
nur, dass die Gnade seines Landesherrn dem auch um das gross¬ 
herzogliche Haus wohlverdienten Mann den Titel eines wirklichen 
Gehe im rat hes mit dem Prädikate Exzellenz verliehen hat. 

Auch in Heidelberg hat Kuss maul die Lebensarbeit fort¬ 
gesetzt.. Er hat wissenschaftlich weiter gearbeitet, hat zahlreiche 
Kranke berathen und ist seinen alten Schülern ein Lehrer und 
manch’ Einem ein väterlicher Freund geblieben. 

Hier hat Einer geschrieben, der es als ein besonderes Glück 
empfindet, dass er dem alten hochverehrten Manne öffentlich aus¬ 
sprechen darf, wie sehr ihn Alle lieben, die ihm nahe treten 
durften, wie hoch ihn Alle schätzen, welche 9eine Arbeit kennen 
gelernt haben. 


Referate und Bücheranzeigen. 

E. Schmorl: Die pathologisch-histologischen Unter- 
suchungsmethoden. 2. neu bearbeitete Auflage. Leipzig, Ver¬ 
lag von F. C. W. Vogel, 1901. 

Die Schmor l’schen Untersuchungsinethoden, welche zu¬ 
erst. als ein Anhang des bekannten Birch -Hirse hfeld- 
schen Lehrbuches erschienen waren, stellen nunmehr ein selbst¬ 
ständiges Werkchen dar, welches sich nicht nur in seinem hand¬ 
licheren Format von der 1. Auflage unterscheidet, sondern 
namentlich auch durch völlige Umarbeitung fast des ganzen In¬ 
halts und dessen Vermehrung um mehrere Druckbogen. Die neue 
Auflage, welche sich ebenfalls streng nur an die für patho¬ 
logisch-histologische Untersuchungen als 


brauchbar, zuverlässig und sicher erwiesenen Me¬ 
thoden hält, steht vollkommen auf der Höhe der Zeit und wird 
von allen Freunden de« Werkchens dankbar begrüsst werden. 

Hauser. 

Dr. W. Brügelmann: Das Asthma, sein Wesen und 
seine Behandlung. Wiesbaden, Verlag von J. F. Bergmann, 
1901. 4. vermehrte Auflage. 

Nach 22 jährigen Beobachtungen kommt B. zu folgenden 
Anschauungen über das Asthma: Es lassen sich drei Haupt¬ 
gruppen unterscheiden: 

1. das traumatische, 2. das reflektorische, 3. das Intoxikations- 
Asthma. 

Allen drei Formen ist als wesentliches Merkmal eine Reizung 
des Zentralorganes für die Athmung gemeinsam. Jedes Asthma 
ist desshalb nervös, der Unterschied zwischen nervösem «ttd 
bronchialem Asthma ist nicht statthaft. 

Im speziellen Theil wird dann weiter ausgeführt: Beim 
traumatischen Asthma erfolgt die Reizung des Zentralorganee 
durch ein somatisches oder psychisches Gehimtrauma. Das 
reflektorische Asthma entsteht dadurch, dass durch die in den 
oberen Luftwegen, den Bronchien, dem Verdauungskanal, den 
Genitalien sitzenden asthmogenen Punkte das Zentralorgan er¬ 
regt wird. Eine Sonderstellung nimmt das neurasthenische 
Asthma ein, das B. als einen Brustkrampf definirt, der durch 
perverse, von beliebigen Stellen des geschwächten Gesammtnerven- 
systems ausgelöste Reizung der gleichfalls geschwächten Ath- 
mungszentren veranlast werden kann. 

Das Intoxikationsasthma hat seine Ursache in einer Dys- 
krasie oder C0 2 -Ueberfüllung des Blutes bei Herz- und Nieren¬ 
erkrankungen. 

Therapeutisch kommen vor Allem in Betracht: Hautpflege, 
liydropathische Maassnahmen, Diät, Inhalations- und pneu¬ 
matische Therapie, Klima. Eingehend ist die Wichtigkeit der 
Suggestionstherapie, namentlich bei neurasthenischem Asthma, 
erörtert. 

Wenn man vielleicht auch nicht in allen Punkten mit dem 
Verfasser einverstanden ist (so z. B. mit den Ausführungen über 
das Asthma cardiale), so machen doch das reichhaltige Material, 
die zahlreichen guten Beobachtungen und die mannigfachen, der 
praktischen Erfahrung entsprossenen praktischen Rathschläge 
schon allein das Buch zu einer für dieses Gebiet wichtigen Mono¬ 
graphie. Jedem Arzte, der viele Asthmakranke zu behandeln hat. 
sei e« zu genauerem Studium angelegentlich empfohlen. 

Dr. Schroth - Bad Reichenhall. 

M. Oberst: Archiv und Atlas der normalen und patho¬ 
logischen Anatomie in typischen Röntgenbildern. Die Frak¬ 
turen und Luxationen. Erster Theil. Mit 22 Tafeln. Hamburg, 
Lukas Gräfe & Sillem, 1901. Preis 20 M. 

Die Entdeckung Röntge n’s, welche bei Verletzungen der 
Knochen und Gelenke zum ersten Mal mit absoluter Sicherheit 
die. Richtung der Bruchlinien und die Stellung der Fragmente 
erkennen liess, hat. eine neue Bearbeitung der Lehre von den 
Frakturen und Luxationen nothwendig gemacht. 

Wie vielfach unsere bisherigen Anschauungen auf Grund 
der neuen Untersuchungen geändert werden müssen, zeigt in über¬ 
zeugender Weise das Work von Oberst, welches die Frakturen 
und Luxationen der Finger und des Karpus, die Frakturen des 
Metakarpus und der Vorderarmknochen behandelt. 

So sind z. B. die Metakarpal- und die Karpalbrüche, sowie 
die Fissuren in früheren Zeiten überhaupt nicht der sicheren 
Diagnose zugänglich gewesen. — Ueber die Richtung der Bruch¬ 
linien bei den Frakturen am unteren Radiusende hat ebenfalls 
erst das Röntgenbild volle Aufklärung gebracht. Auch die Er- 
kenntniss, dass mit den Radiusbrüchen sehr häufig Brüche des 
Proc. styl, ulnae verbunden sind (nach den Erfahrungen von 
Oberst, bei mindestens 80 Proz. der Fälle), verdanken wir aus¬ 
schliesslich dem Röntgenbilde. 

Sehr werthvoll sind auch die Lehren, welche Oberst in 
seiner Arbeit für die Deutung der Röntgenbilder gibt. Die Dia¬ 
gnose der Frakturen scheint — dank der Röntgenaufnahmen — 
ungemein einfach zu sein; das trifft aber nur für grobe Ver¬ 
änderungen zu. Die Diagnose von Absprengung einzelner Stücke 
erfordert trotz des Röntgenbildes auch heute noch Vorsicht und 


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18. Februar 1902. 


MtJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


287 


Erfahrung. So kommen manchmal doppelte Sesambeine an der 
vorderen Wand der Kapsel des Daumengrundgelenkes und ein¬ 
fache Sesambeine an dem Grundgelenk der übrigen Finger und 
am Endgelenk des Daumens vor, welche leicht ein abgerissenes 
Knochenstück Vortäuschen können. Auch am Olekranon kann 
leicht die Fehldiagnose „Bruch“ gestellt werden, weil die Ver¬ 
knöcherung des Olekranon erst mit dem 16.—18. Lebensjahr be¬ 
endet ist. 

Aus den wenigen Beispielen dürfte zur Genüge hervorgehen, 
dass die Arbeit von Oberst von grundlegender Bedeutung und 
von bleibendem Wertho ist. Dass die Röntgenbilder in klassischer 
Vollendung wiedergegeben sind und dass sich das Werk auch in 
dieser Beziehung den bisher im gleichen Verlage erschienenen 
Röntgenatlanten würdig anreiht, soll nur der Vollständigkeit 
halber erwähnt werden. F. Lange- München. 

Wilhelm Wey gandt, Dr. phil. et med., Privatdozent der 
Psychiatrie an der Universität Würzburg: Atlas und Grundriss 
der Psychiatrie. Mit 24 farbigen Tafeln, 276 Textbildern und 
einer Anstaltskarte. 663 Seiten. München, J. F. Lehmann’s 
Verlag; Lehmann’s med. Handatlanten, Band XXVII. 
Preis 16 M. 

Das Werk versucht nicht das Unmögliche, eine Psychiatrie 
in Bildern zu geben, sondern es ist ein knappes Lehrbuch der 
Psychiatrie, das besonders reich illustrirt ist. Die wenigen Photo- 
typien, die manchen Lehrbüchern beigegeben sind, können natür¬ 
lich nur einige hervorgehobene Typen darstellen und thun auch 
dies nicht immer in genügender Weise. Wenn aber die Illu¬ 
strationen so zahlreich und so gut gewählt sind wie hier, werden 
sie wirklich nützlich, indem sie einen sehr wichtigen Theil der 
optischen klinischen Wahrnehmung in einer gewissen Vollständig¬ 
keit wiedergeben können. Von der Vielgestaltigkeit der Dementia 
praecox z. B. geben die Bilder allein schon einen recht guten Be¬ 
griff. Unter den vielen Figuren sind nur ganz wenige, die man 
ohne Schaden missen könnte. Die Ausführung derselben ist eine 
recht gute, in vielen Fällen eine vorzügliche — auch wenn man 
ganz absieht von dem merkwürdig billigen Preis des Buches. 

Neben den Bildern beleuchten 143 kurze, aber sehr instruktive 
Krankengeschichten die theoretischen Erörterungen. 

Der Text lehnt sich eng anKräpelin an mit wenigen un¬ 
bedeutenden Modifikationen. So ist der präsenile Beointräch- 
tigungswahn bei der Paranoia abgehandelt, von der er sich aber 
doch in wesentlichen Dingen unterscheidet. 

Der Stil ist bei aller Knappheit sehr klar; es steht enorm viel 
in dem Buche, sogar ein Verzeichniss der hier in Frage kom¬ 
menden staatlichen und privaten Anstalten des deutschen Sprach¬ 
gebietes, das Manchem sehr willkommen sein dürfte, hat Platz 
gefunden. Immerhin verlangt die Kürze des Stils, dass das Buch 
mit Aufmerksamkeit gelesen werde, wenn man das Wesentliche 
von weniger Wesentlichem scheiden soll. Demjenigen, der eine 
psychiatrische Klin ik gehört hat, wird das aber keine Schwierig¬ 
keiten machen. Einige weniger wesentliche Krankheitsbilder, wie 
der pathologische Rausch und das Kollapsdelirium, sind wohl 
etwas zu kurz gerathen. Die Diskussion des moralischen Schwach¬ 
sinns dürfte etwas eingehender sein. In einer späteren Auflage 
liesse sich der Platz dafür vielleicht durch Weglassung einiger 
weniger nöthigen Bilder gewinnen. 

Man kann indessen über diese Dinge verschiedener Ansicht 
sein. Der Atlas und Grundriss ist ein vorzügliches Buch, das 
namentlich Demjenigen gute Dienste leisten wird, der neben dem 
klinischen Unterricht eine systematische Uebersicht über die 
Psychiatrie gewinnen will. Bleuler- Burghölzli. 

Dr. Albert Moll- Berlin: Aerztliche Ethik. Die Pflichten 
des Arztes in allen Beziehungen seiner Thätigkeit. Stuttgart, 
Verlag von F. Enke, 1902. XIV und 650 S. Preis 16 M. 

Es muse mit unserer Moral weit gekommen sein, dass es 
überhaupt möglich war, ein Buch von 650 (!) Seiten, wie das vor¬ 
liegende, nur über ärztliche Ethik zu schreiben. 

Gibt es überhaupt eine besondere „ärztliche“ Moral oder hat 
Scholz Recht, wenn er von den in Standesordnungen abge¬ 
druckten Vorschriften sagt, dass die meisten derselben dem 
Gentleman nichts Neues bringen, den Nicht-Gentleman vielleicht 
etwas vorsichtiger machen werden, sein ethisches Niveau aber 
nicht heben? Man pflegt diejenigen Krankheiten als besonders 


unheilbar zu betrachten, gegen welche die meisten und ver¬ 
schiedenartigsten Mittel empfohlen werden. 

Hiernach müsste die ärztliche Moral neuerdings wohl als 
recht krank angesehen werden, denn zu keiner Zeit sind so viele 
therapeutische Vorschläge „zur Hebung des ärztlichen Standes“ 
gemacht worden, als in den letzten Jahren. Vom Nutzen der¬ 
selben wird allerdings trotz Abhaltung internationaler Kongresse, 
Gründung von Standesvereinen, Aerztekammern, wirtschaft¬ 
lichen Verbänden etc. etc. noch nicht viel berichtet. 

Mit diesen einleitenden Bemerkungen soll dem Autor des 
vorliegenden Werkes kein Vorwurf gemacht werden. Im Gegen¬ 
teil! Sein Buch ist ein treues Spiegelbild der zeitgenössischen 
Anschauungen über ärztliche Ethik und wir können es M. nur 
Dank wissen, dass er dieselben mit einem geradezu staunens¬ 
werten Fleisse zu sammeln und wiederzugeben verstanden hat. 
Welche Begriffsverwirrung heutzutage in der Beurteilung der 
Standespflichten herrscht, davon gibt M. in der Einleitung zu 
seinem Buche köstliche Beispiele, von denen ich es mir nicht ver¬ 
sagen kann, zwei hier anzuführen. „Wenn Jemand einem Hotel¬ 
portier drei Mark gibt, damit er ihm Patienten aus dem Hotel 
zuweist, so ist das Bestechung; wenn aber Hebammen von 
königlichen Instituten und auch von dem Inhaber einer Privat¬ 
klinik für Zuweisung jeder Geburt drei Mark erhalten, so nennt 
man dies eine Prämie und keine Bestechung“. „Wenn sich 
Aerzte, die sich um eine Krankenkassenstelle bewerben, zu den 
Mitgliedern des Kassenvorstandes begeben, so ist das unethisch. 
Wenn aber eine Professur an einer Universität oder der Posten 
eines beamteten Arztes frei wird, Armenärzte oder Schulärzte 
angestellt werden, so worden diese Stellen wahrscheinlich mit 
Kandidaten besetzt, von deren Existenz die maassgebenden Per¬ 
sonen keine Ahnung haben, und die nie einen Bewerbungsbesuch 
gemacht haben“. 

M.’s Buch versucht nun, Klarheit in die verschiedenartigen 
Auffassungen und Begriffe der Standespflichten zu bringen. Er 
betrachtet den Arzt in seinem Verhältnis zum Klienten, bespricht 
die verschiedenen Kategorien von Aerzten (Haus-, Spezial-, 
Kassen- etc. Aerzte), verweilt ziemlich ausführlich bei den sogen, 
bedenklichen ärztlichen Maassnahmen und gelangt nach Be¬ 
sprechung der wirtschaftlichen ärztlichen Verhältnisse zu den 
Standesfragen. Auch die Sachverständigenthätigkeit und die 
medizinische Wissenschaft wird eingehend in ihrem VerbaltniSs 
zur Ethik erörtert und am Ende ein kurzes Kapitel über die 
Vorbildung des Arztes hinzugefügt. Ein ausführliches Sach¬ 
register schliesst das inhaltsreiche Werk. 

M. nimmt, soweit dies überhaupt bei einem so subjektiven 
Gegenstand, wie die ärztliche Ethik ist, möglich erscheint, einen 
unparteiischen, durch sachliche Gründe motivirten Standpunkt 
ein. Seine Ansichten in der Krankenkassenfrage, seine Stellung 
zur Homöopathie, zu den Naturärzten u. ä. zeigen, dass er auch 
mitten im Kampf der Tagesmeinungen sich ein imparteiisches 
Urtheil zu wahren gewusst hat. 

Wir wünschen und hoffen, dass M.’s Buch einen recht aus¬ 
gedehnten Leserkreis finden möge. Der angehende Arzt wird 
darin einen zuverlässigen Führer auf dem dornenvollen Wege der 
Praxis finden, der ihn über die mannigfachen Abwege und Ge¬ 
fahren desselben aufklären und ihm auch die Mittel zeigen wird, 
letztere zu vermeiden. Aber auch der gereifte Arzt wird den stets 
fesselnden und ansprechenden Ausführungen M.’s gerne folgen 
und sich über Fragen belehren lassen, die ihm bisher vielleicht 
fern gelegen, denen er aber sich auf die Dauer nicht mehr ent¬ 
ziehen kann. 

Einen bedauerlichen Mangel hat M.’a Werk, das ist das 
Fehlen jeglicher genauer Literaturangaben. Das Buch hätte 
durch ein ausführliches Literaturverzeiehniss sehr gewonnen und 
wir wollen hoffen, dass M. in einer neuen Auflage diesem Mangel 
noch wird abhelfen können. J a f f e - Hamburg. 

Dr. König- Halle a. S.: Welche Aussichten hat heute 
der junge Arzt? Eine Schilderung der gegenwärtigen Lage des 
praktischen, Militär- und Kreisarztes, des Spezialisten und 
Dozenten. Verlag von C. M a r h o 1 d 1901. 

Das Sehriftchen trägt das Motto: Die Medizin ist der er¬ 
habenste Beruf, aber das erbärmlichstellandwerk(Sondercgger). 
Wer den ersteren sich wählt, soll aber bei Zeiten von letzterem 
wissen 1 Dazu bietet auch dieso Schrift, wie so manche andere 


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288 


MtflSNCHENER MEDtcmiSCÖE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


aus den letzten Jahren, dem Jünger der medizinischen Wissen¬ 
schaft Gelegenheit. Wenn der Verf. hofft, durch seine Aus¬ 
führungen Elemente, die aus irgend einem Grunde als ungeeignet 
bezeichnet werden müssen, vom Beschreiten der ärztlichen Lauf¬ 
bahn rechtzeitig abzuhalten, so wünschen wir ihm hierin vollen 
Erfolg, ohne ihn freilich in irgend erheblichem Maasse selbst zu 
erwarten. Die angeführten Daten über die Zunahme der Aerzte 
in Deutschland und die damit, sowie mit der Durchführung der 
Krankengesetzgebung eingetretenen Missstände in unserem Be¬ 
rufe wären an sich freilich wohl geeignet, abschreckend auf Jene 
zu wirken, welche in diesen Stand einzutreten wünschen. Am 
düstersten ist das Bild, das \ orf. von dem praktischen Arzte, 
dem geplagtesten und am wenigsten geachteten unter seinen 
Standesgenossen, entwirft, am anderen Ende der Reihe steht für 
den Verf. die Laufbahn des Militärarztes, welche zu ergreifen 
Verf. jedem jungen Arzte rathen kann. Die über die Honorirung 
mit Honor hat dieselbe freilich vielfach nicht mehr das ge¬ 
ringste zu thun — mitgetheilten Zahlen wirken auch aus diesem 
Buche heraus wieder höchst beschämend, nicht nur für die Em¬ 
pfänger I Wir wünschen dem Schriftchen die weiteste Verbreitung 
in den Krebsen, an die es sich richtet. 

Grassmann - München. 

Neueste Journalliteratur. 

Centralblatt für innere Medicin. 1902. No. 5. 

R. Polacco und E. Gemelli: Neuere Untersuchungen 
über frühzeitige Typhusdiagnose. (Aus dem Ospedale Maggiore 
zu Mailand.) 

Die Verfasser fanden in den Roseolen von 50 Typhuskrankeu 
regelmässig die Typhusbazillen. Bei der SpürliehKeit derselben 
in der einzelnen Roseola ist es nothwendig, von mindestens zwei 
Efüoreszenzen abzuimpfen in Boulilonrührcheu, in welchen die 
Vermehrung in 12—14 Stunden reichlich erfolgt. Die Methode ist 
für die frühzeitige Diagnose oft besser verwerthbar als die Unter¬ 
suchung der »Stühle bezw. die W i d a l’sehe Reaktion im Serum. 

W. Zinn- Berlin. 

Centralblatt für Chirurgie. 1902. No. 5 u. 6. 

No. 5. Kattenbracker- Spaudau: Fortschritte auf dem 
Gebiete der F i n s e n sehen Lupus uehanaiung. 

Die Thatsache, dass in den cnemischen Lichtstrahlen ein Heil¬ 
mittel gegen den Lupus gefunden und dass den ultravioletten 
Lichtstrahlen eine bakterizide Wirkung zukommt, hat zu der Be¬ 
gründung sogen. Finseninstitute gerührt; die von Ingenieur 
K j e 1 d s e n gemachte Entdeckung, nass gerade das Spektrum des 
Eisens ausserordentlich reich an chemischen Lichtstrahlen und arm 
an Würmestrahleu ist, führte zur Konstruktion einer Lampe, mit 
der mau äusserst intensives Licht und wesentlich höheren thera¬ 
peutischen Effekt erzielt, als mit den früheren Einrichtungen und 
berichtet K. über entsprechende Versuche an Bakterienkulturen, 
die er im Aufrech t'sehen Institut (Berlin) ausfuhrte. Die neue 
Lampe, die unter dem Namen Dermo von der EieKtrizitatsgeseli- 
schait Sanitas zu Berlin in sehr handlicher Weise in den Handel 
gebracht wird, braucht nur 5 Ainpöre, um die gleiche Wirkung ln 
3 Minuten zu erzielen, wie die alte Einrichtung in 1 Stunde uud 
kostet nur ca ‘/io derselben. Nach K. ist dadurch Jeder praktische 
Arzt in die Lage versetzt, die Finsenbehandlung in seiner Sprech¬ 
stunde auszuübeu; statt des früheren Druckglases wird eine die 
Lichtaustrittsoffuung verschliessende Bergkrystallscheibe benutzt, 
die direkt der betreffenden Hautpartie aufgelegt wird. Eine 
W ärmeempfindung tritt dabei nicht auf. Die stark irritireude 
Wirkung der chemischen Lichtstrahlen zeigt sich als ein rasch ent¬ 
stehendes, monatelang bestehendes Erythem; durch Auflegen 
dunkler Buchstaben auf die Haut können einzelne Stellen der Haut 
geschützt werden und zeigen sich dann als helle Buchstaben in der 
gerütheten Hautpartie. Bezüglich der übrigen, der Finsenbehand¬ 
lung zugänglichen Hautkrankheiten verweist lv. auf die Lesser 
scheu Mitthellungen in der Zeitschrift für diätetisch-physikalische 
Therapie. 

No. 6. Prof. P. K r a s k e - Freiburg: Ueb«r suprapubische 
Oy stoskopie. 

Nachdem Kr. Gelegenheit hatte, mehrmals durch Fisteln (nach 
Exstirpation eines Blasentumors oder suprapub. Punktion wegen 
Prostatatumors die suprapubische Gystoskopie auszuführen und 
durch die Klarheit und Uebersichtlichkeit des Bildes in hohem 
Maasse befriedigt war, entstund bei ihm der Wunsch, diese super- 
pub. Gystoskopie zu einer besonderen Methode auszubilden, die in 
verschiedener Weise grosse Vorzüge vor der gewöhnlichen Cysto- 
skople besonders da haben muss, wo man ein Bild über die wirk¬ 
lichen Verhältnisse der Prostata und Blasenmündung haben 
möchte, und die nicht allein diagnostischen Zwecken dienen soll, 
sondern eventuell die B o 11 i n i’sehe Operation etc. mit dem Auge 
kontrolliren lassen soll. Wenn auch die Leistungsfähigkeit der¬ 
artiger Instrumente über ein gewisses, ziemlich bescheidenes Maass 
nicht hinausgehen wird, so lässt Bich die Idee nach Kr. doch ln 
verschiedener Weise verwirklichen. Man macht entweder die ge¬ 
wöhnliche superpub. Punktion, lässt die Kanüle einige Tage liegen 


uud erweitert dann die Fistel mit Laminaria so weit, mau 
ein gewöhnliches Gystoskop einbringen kann, oder man wählt zur 
Punktion einen geraden Trolkart von solcher Dicke, dass man 
durch seine Kanüle nach Zurüekziehen des Stilets ein gerades 
Gystoskop einführen kann, oder drittens man versieht ein Gysto¬ 
skop mit einer Troikartspitze, so dass man das Instrument direkt 
in die Blase stechen kann; nimmt man ein Instrument mit heraus¬ 
ziehbarem optischem Apparat, so kann man selbes gleichzeitig zur 
Spülung benützen. Kr. versichert, dass ein solches, von ihm mit 
seinem Assistenten M e 1 8 e 1 koustruirtes Instrument seinem 
Zweck in ausgezeichneter Weise entsprach (s. Abbild, im Original). 

E. G ü ekel-Med wedowska: Noch ein Fall von Rezidiv 
nach der Winkelman n’schen Radikaloperation der Hydro- 
cele. 

Mittheilung eines (unter 68 Fällen) bei 5 jährigem Knaben, 
schon 2 Monate nach der W.'sehen Operation einer hühnerei- 
grossen Hydrocele aufgetretenen und operirten Rezidivs. 

Zeitschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie. 46. Band, 

3. Heft. 19dl. 

1) R. S a m t e r - Berlin: Drillingsgeburten. — Eineiige 
Drillinge. 

S. gibt eine Zusammenstellung der an der Berliner Frauen¬ 
klinik beobachteten Drillingsgeburten (30 Fälle), hat hierzu die in 
der Literatur beschriebenen Fälle gefügt und daraus eine sehr 
tieissige, meist statistische Arbeit gemacht. Aus seinen Ergeb¬ 
nissen sei Folgendes hervorgehobeu: Als Durchschnitts-verhältniss 
der einfachen zu den Drilliugsgeburten fand Mirabeau 1:6558. 
Als mittleres Lebensalter der Mütter fand sich 31,06 Jahre. Die 
meisten Frauen waren naturgemäss Multiparae. Bei derselben 
Mutter steigerte sich die Tendenz zu Meürgeburten qualitativ. 
Heredität ist bei Drillingen ebenso nachweisbar, wie bei Zwillingen 
Die Mehrzahl der Drillinge wurde nicht ausgetragen; meist kam es 
in der 2. Hälfte des b. Mondsmonats zur Geburt. Die Dauer der 
letzteren wich im Mittel von der Norm nicht ab (12 y 2 Stunden». 
Nur die Hälfte aller Drillinge wurde in Schädellage geboren. Starke 
Blutung nach der Geburt war hiiuüg, besonders auch in der Nacn- 
geburtsperiode durch Atonia Uteri. Die Mortalität der Mütter blieb 
trotzdem im Ganzen günstig, wenn nicht Eklampsie hinzutrut, was 
in 7,02 Proz. vorkam. Von den 72 Kindern S.’s kamen 62 lebend 
zur Welt; doch wurden nur 41 als lebensfähig entlassen, lin 
Ganzen kommt nur etwa % aller Drillinge über die ersten Lebens¬ 
jahre hiuweg. Eineiige Drillinge waren am seltensten, dann drel- 
eiige. am häufigsten jedoch zweieiige. Zum Schluss beschreibt S. 
noch eine eigene Beobachtung eines dreieiigen Drillings, von denen 
er nur 7 in der Literatur auf linden konnte. Eineiige Vierlinge oder 
Fünflinge sind bisher nicht beobachtet; Sechslinge kommen über 
liaupt nicht vor. 

2) Fr. H e i n s i u s - Breslau: Beiträge zur Lehre von der 
Tubargravidität, Insbesondere zur Lehre von der Einbettung des 
Eies ln der Tube. 

Veranlasst wurde diese gross angelegte Arbeit durch einen Fall 
von Tubargravidität, die bei derselben Patientin zum 2. Male auf¬ 
trat. 11. versucht besonders die Beantwortung folgender Fragen: 

1. Wie verhalten sich die foetalen Elemente innerhalb der Tube 
und wie kommt die Einbettung des Eichens zu Stande? 

2. Welche Veränderungen werden ln der Tube durch die 
Schwangerschaft hervorgerufen V 

3. Welches ist das Schicksal der Tuhargraviditäten in den 
ersten Monaten? 

Der eigene Fall betraf eine 30 jährige Frau, die zuerst links, 
dann % Jahr später rechts an Tubargravidität erkrankte und durch 
Laparotomie beide Male geheilt wurde. H. beschreibt danu beide 
Präparate ausführlich makroskopisch und mikroskopisch und ge¬ 
langt, ähnlich wie F ü t h, zu dem Schluss, dass das Ei sich selbst 
seinen Weg in die Tiefe bahnt, sich gleichsam in die Wand der 
Tube, und zwar speziell ln die Muskulatur „eingefressen“ hat. 
Zwei weitere Beobachtungen, die uun folgen, haben H. ln seiner 
Ansicht uur bestärkt. 11. schliesst ferner aus seinen Beobach¬ 
tungen, dass eine deciduale Reaktion der Tube vorhanden ist, die 
in Hypertrophie bezw. Hyperplasie aller die Tube zusammeo- 
setzenden Elemente besteht. Dieselbe ist zwar nur gering und ent¬ 
wickelt sich uur allmählich, doch besitzt andererseits das Eichen 
eine gewaltige vitale Kraft und Ist selbständig für sein „Fort¬ 
kommen“ bemüht. Wegen aller näheren Einzelheiten sei auf das 
Original verwiesen. 

3) R. Emanuel -Gharlottenburg: Ueber gleichzeitiges Vor¬ 
kommen von Drüsenkrebs und Homkrebs im Uteruskörper, 
zugleich ein Beitrag zur Histo genese der primären Homkrebse. 

E. beschreibt zunächst das Präparat, das durch TotaJexstir- 
pation vou einer 61 jährigen Frau gewonnen war. Es zeigten sieb 
im Uteruskörper 2 verschiedene Karzinomformen, ein DrÜBen- und 
ein Plattenepithelkrebs. Die Herkunft kann aus verschiedenen 
Elementen des Uterus abgeleitet werden, nämlich aus dem 
Zyliuderepithel der Drüsen und den in Plattenepithel umgewandel¬ 
ten zylindrischen Deckzellen. E. hält aber beide Karzinomformen 
hinsichtlich ihrer Genese nicht für verschieden, sondern leitet beide 
aus dem zylindrischen Epithel der Drüsen ab. Die Beweise findet 
er in dem histologischen Befund. Er geht darauf die einschlägige 
Literatur durch, nach der nirgends bisher der Beweis erbracht sei, 
dass bei gleichzeitigem Vorkommen von Drüsen- und Platten¬ 
epithelkrebsen jede Neubildung einen besonderen Mutterboden ge¬ 
habt hätte. Vielmehr sei die Drüsenwucherung stets das Primäre, 


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18. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


289 


deren zeitige Elemente sich durch Metaplasie ln Plattenepithel 
umwandeln. 

4) K rö n i g-Leipzig: Bemerkungen zu dem Aufsatz von 
Sticker: „Händesterilisation und Wochenbettsmorbidität“. 
Ein Beitrag zur Aetiologie der Puerperalinfektion. 

K. wendet sich hauptsächlich gegen einige Schlussfolgerungen 
St icke Fs über dessen Arbeit ln dieser Wochenschrift ausführ¬ 
lich berichtet worden ist (1901, No. 34, p. 1357). Zu kurzem Re¬ 
ferat sind K.’s Einwendungen nicht geeignet. 

J a f f 6 - Hamburg. 

Centralblatt für Gynäkologie. 1902. No. 6. 

1) Th. v. Liebem- Klagenfurt: Zwei Fälle von Foetus 
papyraceus. 

Es handelte sich beide Male um Zwillingsgeburten, v. L. hat 
das Röntgen verfahren benutzt, um das Alter der Früchte festzu¬ 
stellen, da die Photographie die Schatten der bereits ossilizirteu 
und der in Ossifikation begriffenen Skelettheile bringt, während 
die noch nicht ossiflzirten Theile ira Bilde fehlen, v. L. schliesst 
aus den von Ihn« gewonnenen Bildern, dass seine Föten ln das Ende 
des 4. Monats eingetreten sind, den 6. aber noch nicht erreicht 
haben. 

2) L. Reidhaar - Basel: Ein Fall von Vagitus uterinus. 

Ii. beobachtete die Erscheinung bei einer 21 jährigen Frau, die 

im 8. Monat schwanger war und bei der er wegen schwerem Typhus 
mit Endokarditis die künstliche Frühgeburt einleitete. Belm Ein¬ 
fuhren des Metreurynters erfolgten 7 mal deutliche Schreie des im 
Uterus befindlichen Kindes. Uebrigens blieben Mutter und Kind 
am Leben. Als Ursache des Phänomens kann nach R. nur eine 
Störung im Plazentarkreislauf angenommen werden. 

3) J. W e r n 11 z - Odessa: Zur Behandlung der Sepsis. 

W. empfiehlt bei akuter Sepsis Hegar’sche Einläufe mit 
y s —1 proz. Kochsalzlösung. Man lässt das Wasser langsam ein- 
laufen und senkt den Irrigator, sobald Drang eintritt. Hierdurch 
wird zuerst der Darm ausgespült, später die Flüssigkeit resorblrt. 
Die Prozedur muss lange fortgesetzt werden, mindestens zur Zeit 
eine Stunde lang. Dann tritt reichliche Diurese und starke 
Schwelsssekretion mit Temperaturabfall ein, das subjektive Be¬ 
finden bessert sich, die Benommenheit verringert sich und die 
Kranken können wieder genesen. W. hat bis Jetzt 5 Fülle erfolg¬ 
reich behandelt, darunter 3 septische Aborte, 1 akute Sepsis nach 
normaler Geburt und 1 akute Peritonitis in Folge eines alten 
salpingitlschen Prozesses. 

Das Verfahren erfordert Geduld (in den ersten 24 Stunden 
braucht man oft 10 Stunden lang Eingiessungen), verdient aber 
wegen seiner Einfachheit eine Nachprüfung. 

J a f f 6 - Hamburg. 

Archiv für Verdanungskrankheiten mit Einschluss der 
Stoffwechselpathologie und der Diätetik. Herausgegeben von 
Dr. J. Boas- Berlin, Band VH. Heft 6. 

27) Henschen - Upsala: Zur Frage über die patho¬ 
genetische Bedeutung des Balantidium coli. 

In vorliegender Arbeit, die zunächst eine Richtigstellung von 
Dr. S 1 e v e Fs Aufsatz im Band V, png. 445 ff. dieser Zeitschrift 
enthält, woselbst irrthümlleher Welse Prof. Henschen mit 
Prof. Waldenström zusammen als Gegner des Zusammen¬ 
hangs der Balantidien mit der Colitis angesprochen wird, berichtet 
dann Prof. Henschen zwei neue derartige Fälle und kommt er 
zu nachstehenden Folgerungen. Auch in diesen beiden Fällen 
dürfte es völlig berechtigt sein, die Balantidien als Ursache der 
Diarrhoe und als Hauptindikation deren Entfernung zu betrachten. 
Das vom Verfasser und dem verstorbenen Prof. Waldenström 
gefundene Mittel, grosse, Essig (75 g) und Gerbsäure (7,5 g) 
enthaltende Wasserklystlere (2,5 Liter), hat sich auch hier ebenso 
wie in den früheren Fällen als zweckmässiges und kräftiges Mittel 
zur Abtreibung der Balantidien erwiesen. 

28) Z a b e 1 - Rostock: Megastoma intestinale und andere 
Parasiten in den Zotten eines Magenkrebses. (Universitätspoli¬ 
klinik Prof. Marti us.) 

In dem Mageninhalt eines in der medizinischen Poliklinik zur 
Beobachtung gelangten und späterhin auch operirten Falles von 
Magenkrebs fand Verfasser thatsächlich eine Welt im Kleinen, 
eine Fauna der mannigfachsten Lebewesen niederer Art. Sein 
Hauptinteresse wandte Zabel dem Megastoma intestinale zu, 
das zuerst von L a m b 1 1859 als Cercoma intestinale beschrieben 
und später, 1892, von Moritz und H ö 1 z 1 in dieser Wochen¬ 
schrift No. 47 als Megastoma entericura bereits ausführlich ge¬ 
schildert wurde und dem nun nach all’ den Namensänderungen, die 
es von seinen verschiedenen Beobachtern erfuhr, hoffentlich ein¬ 
mal die dauernde Bezeichnung Megastoma intestinale belassen 
wird. Zabel’8 eingehende Untersuchungen mit genauester Be¬ 
rücksichtigung aller bisherigen Beobachtungen kommen zu folgen¬ 
dem Resultate. Die verschiedenen Formen der Megastomen ver- 
tlieilen sich über den Verdauungskanal dergestalt, dass im Magen 
nur die frei lebenden Thiere sich aufhalten, die beim Uebertritt in 
den Dünndarm in den ruhenden Zustand übergehen. Ein Tlieil 
davon geht zu Grunde, während andere der Encystirung unter¬ 
liegen. Die letztere findet während der Wanderung durch den 
Darm statt und erreicht im Dickdarm ihre Vollendung. Eine pa¬ 
thogene Wirkung dieser Parasiten ist zu verneinen, wie auch im 
vorliegenden Falle die krankhafte Veränderung des Organes das 
Primäre und die Ansiedelung der Schmarotzer das Sekundäre war. 
Immerhin kann unter Umständen ihr Nachweis In klinisch¬ 


diagnostischer Hinsicht von Wichtigkeit werden, da Schlüsse auf 
den Sitz einer Affektion gezogen werden können. Hier war die 
Infektion wohl durch Pumpenwasser erfolgt, da alle anderen Mög¬ 
lichkeiten sicher ausgeschlossen werden konnten. Zabel gibt 
daun noch eine kurze Schilderung der übrigen im Mageninhalt zur 
Beobachtung gelangten Lebewesen, wobei nicht unerwähnt bleibeu 
soll, dass alle diese, ebenso wie das Megastoma intestinale, nach 
der Operation, d. h. Exstirpation des Tumors gänzlich ver¬ 
schwanden. 

29) B u c h - Wilmanstrand (Finland): lieber das Wesen und 
den anatomischen Sitz der Gastralgie. 

Von B u c h’s vorliegender Arbeit erlaube ich mir, soweit es 
in dem begrenzten Rahmen eines Referates möglich ist, kurz das 
Wichtigste des Inhaltes zu skizziren und verweise im Uebrigen 
auf die äusserst interessante Arbeit selbst, die zu eingehenderem 
Studium angelegentlichst empfohlen werden kann. Zunächst stellt 
sich Buch die Frage, welcher Nerv Träger der Gastralgie ist, zur 
Beanwortung. Auf Grund der Aehnlichkeit der Symptomenkom- 
plexe bei Gastralgie, Enteralgie und Angina pectoris kommt er zu 
dem Schluss, dass der Sympathikus Träger der Neuralgie Ist. In 
einem weiteren Abschnitt behandelt dann Verfasser die Geschichte 
der Beziehungen des Sympathikus zum nervösen Leibweh und 
führt uns die verschiedenen Ansichten, die zu verschiedenen Zeiten 
die herrschenden, vor; so schreibt Schönlein 1835 alle 
Schmerzen der Bauchhöhle dem Sympathikus zu, während hin¬ 
wieder Fleischer 1890 die Gastralgie stets als eine Neurose des 
Vagus bezeichnet. Ein dritter Abschnitt handelt von der Druck- 
erapflndlichkeit oder Hyperästhesie des Sympathikus. Das Wich¬ 
tigste von B u c h’s Ergebnissen in dieser Richtung lautet wie 
folgt: „Der Sympathikus ist unter normalen Verhältnissen un¬ 
empfindlich gegen Druck, kann aber unter pathologischen einen 
hohen Grad von Druckempfindlichkeit ei-langen, sei es in seiner 
ganzen Ausdehnung, sei es in einzelnen Geflechten, einseitig oder 
beiderseits. Diese Hyperästhesie, die der Ausdruck eines patho¬ 
logischen Reizzustandes, kann lange bestehen, ohne sich dem Kran¬ 
ken deutlich als Schmerz fühlbar zu machen. Wenn Jedoch eine 
gewisse Reizschwelle überschritten wird, so entstehen spontan 
Schmerzen, alle Uebergiinge zeigend von den leisesten Mahnungen 
bis zu den schwersten Gastralgien. Der Schmerz des Sympathikus 
ist ausgezeichnet durch eine ganz bedeutende Neigung zu Irradia¬ 
tionen und Reflexen. Den anatomischen Sitz der Gastralgie an¬ 
langend, so spricht sich Buch in folgender Weise aus. „Da der 
sogen, gastralgische Symptomenkomplex seinen Sitz nicht im 
Magen, sondern im epigastrischen Thell des Lendensympathikus 
hat, so ist die Bezeichnung „Gastralgie“ im bisherigen Sinne nicht 
mehr anwendbar, dagegen wäre, so lange man nicht mit Bestimmt¬ 
heit das affizirte Geflecht angeben kann, die topographische Be¬ 
zeichnung „Epiga8tralgie“ am Platz.“ 

30) Tischer und Beddies: Versuche mit Honthin als 
Antidiarrhoelcum. 

Auch nach den wenigen angeführten Befunden ist nicht 
daran zu zweifeln, dass Honthin auf die sich als Diar¬ 
rhöen äussernden anomalen Vorgänge im Verdauungstraktus spe¬ 
zifischen Einfluss ausübt Jedenfalls aber sind noch weitere Ver¬ 
suche in dieser Richtung hin nöthig, um auch über die Art und 
Weise der spezifischen Wirkung Bestimmtes zu erfahren. Die 
Ordination pro die ist nach beiden Verfassern für Erwachsene 
10-20 g, für Kinder 2—5 g. Dr. A. Jordan. 

Archiv für Hygiene. 41. Bd. 3 Heft. 1902. 

1) W. T a 11 q v I s t - Helsingfors: Zur Frage des Einflusses 
von Fett und Kohlehydrat auf den Eiweissumsatz des Men¬ 
schen. 

Ein von Kayser gemachter Versuch zeigte, dass im mensch¬ 
lichen Organismus neben Darreichung von genügenden Eiweiss¬ 
mengen das Fett weniger im Stande sei, den Körper auf seinem 
Eiweissstande zu erhalten, als Kohlehydrate. Er hatte 
dabei ln seiner Hauptperiode sämmtllche Kohlehydrate 
gegen eine lsodyname Menge Fett ausgetauscht Verfasser stellte 
an sich einen ähnlichen Versuch an, ahmte aber die natürlichen 
Verhältnisse insofern mehr nach, als er neben den Kohlehydraten 
auch Fett in der Nahrung bestehen Hess. Sein Versuch erstreckte 
sich auf eine 4 tägige Vor- und eine 4 tägige Hauptperiode. E r 
fand, dass die Kohlehydrate in der That mehr 
als Eiweisssparer aufzufassen sind als das 
Fett, und dass die Schwankungen des Fettes und der Kohle¬ 
hydrate der Kost einem verschiedenen Bedarf an Eiweiss ent¬ 
sprechen. Während einer so kurz dauernden Periode, wie sie im 
Versuch gegeben war, ist aber die Gesammtwirkung auf den 
N-Bestand des Körpers von keinem besonderen Einfluss. 

2) K. B. Lehmann und G a s t - Würzburg: Wie viel Am¬ 
moniak nimmt ein Hund in einer Ammoniakatmosphäre auf und 
auf welchem WegeP 

Bel früheren Versuchen mit Chlor hatte K. B. Lehmann 
gefunden, dass ein Hund in einer Chloratmosphäre reichliche 
Mengen des Gases verschwinden lässt, dieselben aber zum aller- 
grössten Tlieil (*/»—%) von Haut und Haaren gebunden wurden. 
Bei neuerlichen Untersuchungen mit Ammoniak, bei denen die¬ 
selbe Methodik verfolgt wurde, konnten die Verfasser im Wesent¬ 
lichen dasselbe bestätigen. Als Objekt dienten verschiedene 
Hunde, als Kontrolthler ein todter Hund. Dabei zeigte sich, dass 
die Ammoniakabsorption durch den Hund bei längerer Dauer z u - 
nahm, eine Thntsnche. welche später bei einem Kontrolversuoh 
mit W olle darin ihre Erklärung fand, dass dieselbe Im f e u c h - 
tenZustande mehr Gas zu binden vermochte als im trockenen. 


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290 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Pro Stunde wurden von einem ca. 8 kg schweren Hund aus einem 
Ammoniakstrom von ca. 1.7 mg pro Liter 1400 mg Ammoniak ab- 
sorbirt und zwar %—% von Haut und Haaren des Thieres. 

3) C. Kisskalt - Würzburg: Heber die Absorption von 
Gasen durch Kleidungsstoffe. 

Verf. stellte auf Veranlassung von K. B. Lehmann Versuche 
über die Absorption von Gasen mit Wolletrikot, Baum 
wolltrikot. Strickwolle, Strickbaumwolle und 
Watte an und zwar benutzte er Ammoniak. Salzsäure¬ 
gas und Schwefelwasserstoff. Berücksichtigt wurden 
niedere und höhere Temperaturen, trockener und feuchter Zustand 
der Proben, gewöhnlicher und entfetteter Stoff. Es lässt sich sagen, 
dass stets die Wolle bei weitem grössere Mengen von Gasen 
absorbirt als Baumwolle, und zwar ist bei Ammoniak uml 
Schwefelwasserstoff die Aufsaugung in kürzerer Zeit 
(1 Stunde) vollzogen. Salzsäuregas wurde jedoch um so mehr 
auf genommen, je länger der Versuch dauerte. Die gefundenen 
Resultate stimmen im Allgemeinen mit den bei festen Körpern 
bekannten überein. 

4) Papasotirlu - Würzburg: Untersuchringen über das 
Vorkommen des Bact. coli in Teig, Mehl und Getreide, nebst 
einigen Bemerkungen über die Bedeutung des Bacterium coli als 
Indikator für Verunreinigung von Wasser mit Fäkalien. 

Die Fortsetzung der Untersuchungen über Mehl. Teig und 
Getreide, welche bereits W o 1 f f i n, Frankel uud Flörs¬ 
heim begonnen hatten, ergab bei weiterer Ausdehnung und Ver¬ 
tiefung, dass das Bakterium aus der Coligruppe. welches immer ge¬ 
funden wurde und den vorläufigen Namen Bach levans er¬ 
halten hatte, auch Indol bildet und Milch v e r g il li r t, 
also vom Bact. coli nicht verschieden ist. 

Wegen der ausserordentlichen Häufigkeit uud Ubiquitiit des 
Vorkommens dieses Organismus glaubt Verf. auch als zweifellos 
hinstellen zu müssen, dass dem vereinzelten Auftreten im Trink¬ 
wasser gar keine diagnostische Bedeutung beizulegen sei. Ent¬ 
gegen den Angaben von C li i c k. welcher in reinem Wasser 
keinen Coli gefunden haben wollte, folgt nur, dass eben keine 
grösseren Mengen vorhanden sind, aber kleine Mengen werden 
sich mittels der „Vorkultur“ immer finden lassen. 

5) Teisi M a t z u s c h 11 a - Giessen: Untersuchungen über 
die Mikroorganismen des menschlichen Kothes. 

Es wuttfen zur Beobachtung des besten Wachsthums und 
zur Züchtung der Bakterien aus Koth die allerverschiedensten 
Nährböden verwendet: Gewöhnlicher. Glyzerin-, Traubenzucker-, 
Darmschleimhaut-. Leber-, Pankreas-, Milz-, Gehirn-, Galle-, Ham-, 
Bierwürze-, Fäzes-, Reis-, Erbsenagar, Stroh-, Ilam-, gewöhnliche-, 
Bierwürzegelatine und die genannten Nährsubstrate mit allerlei 
Zusätzen. Als bester Nährboden, d. h. derjenige, auf welchem 
die meisten Bakterien aufgingen, wurde der Lebernähragar 
gefunden. Immerhin Ist die Menge der gewachsenen Kolonien 
klein im Vergleich zu den Organismen, die man im Ausstricli- 
präparat sehen kann. 

In 48 Kothproben fand Verf. 44 verschiedene Arten. Unter 
Wasserstoffabschluss wachsen mehr Bakterien als bei Luftzutritt, 
ebenso beinflusst die Körpertemperatur das Wachsthum günstig. 
Die höchste Zahl der gefundenen Organismen auf den Platten 
l>etrug 700—1000 Millionen. Widerstandsfähige Sporen sind nur 
In verhältnissmässlg geringer Zahl vorhanden. Im aufbewahrten 
Koth findet zunächst eine Abnahme der Zahl der Bakterien statt, 
alsdann steigt die Menge wieder, allerdins bedingt durch eine klei¬ 
nere Anzahl verschiedener Organismen. 

6) Axel Holst- Christiania: Studien über „Schulkopfweh“. 
Die in der Kathedralschule zu Christiania gemachten Beob¬ 
achtungen über das Schulkopfweh lassen sich dahin zusammen¬ 
fassen, dass der Schulgang resp. die Schularbeit nur als sehr sel¬ 
tene Ausnahme häufiges Kopfweh bei Schülern aus gesunder 
Familie hervorruft. Die eigentliche Ursache der Häufigkeit dieses 
Leidens ist wohl vielmehr darin zu suchen, dass viele Schüler 
unter anämischen und erblichen Zuständen zu leiden haben, dass 
sie mehr für das Kopfweh disponirt sind. Auf die lesenswerthe 
Arbeit kann hier nicht näher eingegangen werden. 

R. O. Neumann - Kiel. 

Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten. 1902. 
Bd. 39. 2. Heft. 

1) A. R o d e 11 a - Zürich: Ueber anaerobe Bakterien im nor¬ 
malen Säuglingsstuhl. 

Gegenüber den von einigen Autoreit gemachten Behauptungen, 
dass im Säuglingsstuhl keine anaeroben Bak¬ 
terien vorhanden seien, stellt Verfasser fest, dass dies wahr¬ 
scheinlich im Gegentheil fast immer der Fall ist. Es wurden 
0 Säuglingsstühle wenige Tage alter Kinder untersucht und 6 mal 
anaörobe, sporentragende Bazillen gefunden und zwar sowohl bei 
Flaschenkindern, als auch bei Brustkindern. 

2) V. Babes - Bukarest: Dis Bekämpfung der Botzkrank¬ 
heit der Pferde. 

Die Beobachtungen und Erfahrungen, die Babes in einer 
kritischen und sehr lesenswerthen Arbeit mittheilt, stützen sich 
\ \ j auf 7000 Fälle, in denen Pferde einer Malleinisirung unter¬ 
zogen wurden. Neben einer ausführlichen Besprechung über das 
Mallein, die Malleinreaktion, die pathologischen 
Veränderungen im Organismus (Rotzknötchen) ist besonders 
interessant der Bericht über die Einwirkung des Malleins auf g e - 
sunde, verdächtig kranke und manifest rot«- 



No. 7. 


kranke Thiere und auf solche, welche an einer anderen Krank¬ 
heit litten. 

Mit den aus Rotzkultureu hergestellten Toxinen gelang es. 
l>ei manifest kranken Pferden in ÖOProz., hei solchen mitrotzkr&nken 
Pferden in Berührung gewesenen Thieren in 30 Proz. und bei 
nicht inflzlrten Pferdebeständen Immer in 1—2 Proz., eine Reaktion 
hervorzubringen. Man findet dann bei Thieren, welche typisch 
reagiren. entweder manifesten Rotz oder versteckten Rotz der 
oberen Luftwege oder bloss Knötchen in der Lunge, oft auch in 
Lel>er und Milz. Die Knötchen kommen nach Ansicht des Verf. 
in erster Linie durch Eindringen der Bakterien in die Luftwege 
zu Stande, erst, in zweiter Linie durch Infektion vom Intestinal- 
traktus aus. Auch die bereits verkalkten Knötchen ohne Bazillen¬ 
befund sind doch auf Kotziufektion zurückzuführen. 

Zum Zweck der Bekämpfung wird die Vernichtung der mani¬ 
fest rotzkranken Thiere gefordert, alsdann zweimalige Mallelni- 
sirung in Zwischenräumen von 1—2 Wochen, Separirung der ver¬ 
dächtigen Pferde und Desinfektion der Ställe und Trinkgeräthe 
und Utensilien für diese Pferde. Eine noch mehrmalige Behand¬ 
lung mit Mallein kann in manchen Fällen angezeigt sein. 

3) V. D r i g a 1 s k i und C o u r a d i - Berlin: Ueb«r ein Ver¬ 
fahren zum Nachweis der Typhusbazillen. 

Das Prinzip dieses neuen Verfahrens gründet sich darauf, 
dass Milchzucker bei Anwesenheit von Eiwelss ln den Nähr¬ 
böden von Coli angegriffen wird, von Typhus nicht Typhus 
greift dafür Eiweiss zuerst an. Die Zersetzung des Milchzuckers 
resp. die Süurebiidung wird daun dem Auge kenntlich gemacht 
durch einen Farbenumschlag. den man bei Zusatz von Lakmus- 
tinkiur erhält. Die Colikolonien sehen dann auf den Platten 
leuchtend roth, die Typhuskolonien blau aus. 
Ausserdem wird dem Nährboden, um einen Thell der störenden 
Begleitbakterien auszuschalten, eine geringe Menge Krystall- 
violett zugesetzt und zum besseren Wachsthum des Typhus 
1 Proz. Nutrose. 

Die Verf. haben ihr Verfahren ln 50 Typhusfällen angewendet 
und sind von dem Erfolg mehr befriedigt, wie von jedem bisher 
angegebenen. Man kann nach ihren Angaben ln 18, spätestens nach 
24 Stunden die Typhusbazilien aufflnden und sofort die Agglu¬ 
tinationsprobe zur weiteren Sicherung anschliessen. Erforderlich 
ist, dass ihre Vorschriften genau befolgt werden. 

4) Voges: Die Bubonenpest am La Plata. 

In einem in Buenos Aires vom Verf. gehaltenen Vorträge 
schildert er die kleine, in Asuncion (Paraguay) ausgebrochene 
Epidemie, welche von den dortigen Aerzten verkannt, sich aber 
doch als Pest herausstellte. Unerklärlich blieb die Uebertragung 
auf das Gebiet, wo bisher nie Pest aufgetreten oder wenigstens 
nie bekannt war. In dortigen Kreisen versuchte man die Krank¬ 
heit zu ideutifiziren mit einer bei Pferden auftretenden 
Seuche oder mit der Paleta-Rurü, einer Krankheit der 
Kühe. 

Wie zu erwarten war, griff die Pest auch nach Argen¬ 
tinien über; ebenso wurden einige Fälle bekannt in Buenos Aires, 
Rosario. San Nicola, Belle Ville u. s. w. Im Ganzen kamen 
372 Fälle zur Anzeige. Mit den von der Regierung ergriffenen 
Maassnahmen gelang es, der Pest Herr zu werden. Von der 
Schutzimpfung mit Pestserum weiss Voges wenig Günstiges zu 
berichten. Wegen der sonst noch interessanten Einzelheiten muss 
auf das Original verwiesen werden. R. O. Neumann - Kiel. 


Berliner klinische Wochenschrift. 1902. No. 6. ' 

1) E. H o f f m a n n - Berlin: Ueber Nephritis syphilitica 
acuta praecox mit enormer Albuminurie. (Fortsetzung folgt) 

2) A. W o 1 f f - Berlin: Untersuchungen über Pleuraergüsse. 

Verf. schliesst aus seinen Untersuchungen, dass die morpho¬ 
logischen Eigenschaften der Ergüsse einen Schluss ln ätiologischer 
Hinsicht erlauben; enthält das Exsudat bis zur Hälfte und mehr 
Lymphocyten, so spricht dies für einen tuberkulösen Charakter des 
Exsudates. Auch die tuberkulösen Exsudate zeigen zuerst poly¬ 
nukleären Charakter, sie enthalten manchmal eigenartige Stäbchen, 
welche nicht in Kultur zu züchten sind. Den tuberkulösen Er¬ 
güssen gegenül*er sind die akut entstandenen durch einen anderen 
morphologischen Charakter unterschieden. Hinsichtlich der Me¬ 
thoden, welche für die Diagnose „Lymphocyt“ in Betracht kommen, 
sowie betreff der Veränderungen der Epithelien Im Exsudat wird 
auf die Originnlmittheilung verwiesen. 


3) B. B a g i n s k y - Berlin: Ueber gewisse Eigenartigkeiten 
der Ohrerkrankungen der Kinder. 

Verf. bespricht zunächst gewisse anatomische Eigenschaften 
des kindlichen Felsenbeins und der Tuba Eustachii. sowie die 
Bedeutung des sogen, lymphatischen Ringes und des adenoiden 
Gewelies im Nasenrachenraum und hebt hinsichtlich der Diagnose 
der akuten Mittelohrentzündungen besonders das Auftreten der von 
Reite des Gehirnes ansgelösten Reflexerscheinungen hervor, die 
auch in Krampfzuständen der Nackeumuskulatur. Nackenstarre 
und Opisthotonus liestehen können. Besonders bedeutsam ist die 
Kenntniss der unter meuingitischen Symptomen einsetzenden 
Mittelohrentzündungen, die ganz speziell dem kindlichen Alter 
eigenthümlioh sind. Selten, aber dem Kinde in besonderer Weise 
elgenthüinlich, ist die akute genuine Labyrinthentzündung, von 
der nicht selten eine doppelseitige Ertaubung zurückbleibt mit noch 
nachweisbaren Störungen des Gleichgewichtes. Die Ursache dafür, 
dass bei Kindern cerebrale Erscheinungen so häufig die Ohr 
erkrankungen begleiten, ist noch nicht einheitlich aufgeklärt 


t 


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18. Februar 1808. 


MÜENCfiEtfEtt MEDlcmSCHE WOCHENSCHRIFT. 


281 


4) C. Wenzel- Buenos Aires: Der Zirkulärschnitt am Ober¬ 
schenkel bei der operativen Behandlung: der Varizen und des 
Ulcus cruris. 

Verf. hat durch die Trendelenburg’sche Unterbindung 
der Vena saphena magna nicht regelmässig dauernde Heilung er¬ 
zielen können und kam nun auf die Methode, einen Zirkulärschnitt 
um den Oberschenkel anzulegen, um die Venen möglichst alle zu 
unterbinden. Auf diese Weise hat er 22—2t> Fälle behandelt, bei 
denen kein Rezidiv, weder der Varizeu, noch der Ulcera eintrat. 
Verf. gibt eine genaue Anweisung über die Technik der Operation, 
die nicht schwierig ist und den Patienten schon nach 12—14 Tagen 
erlaubt, das Bett zu verlassen. Wichtig ist natürlich das absolut 
aseptische Operireu. Gerade bei grossen Ulcera mit bedeutender 
Veränderung, z. B. Elephantiasis der Haut, ist der Zirkulärschnitt 
mit grösstem Vortheil anzuweuden. Die Bedeutung des Zirkulür- 
schnittes besteht vor Allem darin, dass die anormale Bewegung 
des Blut- und Lymphstromes in der Haut unterbrochen und der¬ 
selbe gezwungen wird, durch die tiefereu Gefässe seinen Weg zu 
nehmen. 

5) A. Ott- Oderberg i. H.: Ist die bei Tuberkulösen nach 
leichten Körperanstrengungen auftretende Temperatursteige¬ 
rung als Fieber anzusehen P 

Cfr. Referat Seite 1703 der Münch, med. Wocheuschr. 1901. 

Grassmann - München. 

Deutsche medicinische Wochenschrift. 1902. No’ 0. ~ 

1) H. Kionka- Jena: Die Oiftwirkungen des als „Präserve- 
salz“ zur Fleischkonservirung verwandten schwefligsauren 
Natrons. 

Aus den Beobachtungen an Tlderen geht hervor, dass das 
schwefligsaure Natron in den als Konservirungsmittel üblichen 
dem Fleische zugesetzten Mengen bei länger fortgesetztem Genüsse 
schwere Blutgiftwirkungen hervorruft, intravitale Gefässverleg- 
ungen, Blutungen und entzündliche oder degenerative Prozesse. Da 
sich der Mensch dem Salze gegenüber ebenso verhält, wie der 
Hund, ist die Anwendung als Prüservesalz unstatthaft, umsomehr, 
als ihm eiue kelmtödtende oder entwicklungshemmende Eigen¬ 
schaft gar nicht zukommt. 

2) Hans Hirschfeld und Ernst T o b i a s - Berlin: Zur 
Xenntniss der myelogenen Leukämie. 

Klinische und pathologisch-anatomische Beobachtung zweier 
Fälle von Leukämie. Einer davon zeigt die seltene Kombination 
mit Tuberkulose. 

3) Levinger - München: Beitrag zur Diagnose der tertiären 
Syphilis des Pharynx. 

Kasuistische Mittheilungen: lsolirte Syphilis des Nasenraumes 
und syphilitischer Tumor der Tonsille. 

4) F. Ritter- Oldenburg: Zur ätiologischen Bedeutung des 
Trauma. 

R. pflichtet der von Dirska und Becker vertretenen An¬ 
schauung bei, dass die Grenzen, ln welchen das Trauma als ätio¬ 
logisches Moment anerkannt werden muss, entschieden enger zu 
ziehen sind, als derzeit der Fall ist. Vergl. übrigens No. 41 und 52, 
1900, der Deutsch, med. Wochenschr. 

5) Adolf Web e r - Alsfeld: Die Atropinbehandlung des Ileus. 

Kasuistische Mittheilung aus der ärztlichen Praxis. 

6) Bosse- Cranz: ' Statistisches zur Behandlung der Di¬ 
phtherie. 

7) W. Caspari - Berlin: Eine Expedition zur Erforschung 
der physiologischen Wirkungen des Hochgebirges. 

Fortsetzung zu dem in No. 50 des vorigen Jahrganges von 
L o e w y erschienenen Aufsatz. 

Oeffentliches Sanitätswesen. 

8) Hermann Cohn- Breslau: Ueber die neue W i n g e n’sche 
Methode, das Tageslicht in Schulen zu prüfen. (Schuss aus No. 5.) 

Die ebenso einfache als empfindliche Methode besteht in der 
Verwendung von Aristopapier, welches eine bestimmte Zeit auf 
jedem Platz aufgelegt wird. Die je nach der Lichtstärke ver¬ 
schieden gedunkelten Papiere werden mit einem Normalblatt 
(50 Meterkerzen im Roth) verglichen. 

9) W. Le ube- WUrzburg: Hugo v. Ziemssen. 

Warm empfundener Nachruf. M. L. 

Oesterreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 6. 1) Gussenbauer: Erfahrungen über die osteo¬ 

plastische Schädeltrepanation wegen Hirngeschwülsten. (Fort 
Setzung folgt) 

2) J. 8 ü s s w e i n- Wien: Das Schicksal der Diphtherie¬ 
bazillen im Verdauungskanal und die dasselbe bestimmenden 
Faktoren. 

Diphtherische Erkrankung der Magenschleimhaut wird im 
allgemeinen recht selten beobachtet Untersuchung an 8 Diph¬ 
therieleichen hatte das Resultat dass sich in der Hälfte derselben 
im Mageninhalt Diphtheriebazillen nachweisen Hessen, welche bei 
2 dieser Fälle in Kultur gebracht werden konnten. Die Unter¬ 
suchung des Stuhles diphtheriekranker Kinder ergab, dass sich In 
den Entleerungen niemals Diphtheriebazillen finden lassen. Für die 
Vernichtung der Diphtheriebazillen im Magen ist vor Allem die 
Anwesenheit des hinreichenden Gehaltes an Salzsäure nöthig. Ver¬ 
fasser konnte den Nachweis führen, dass auch die gebundene Salz¬ 
säure ausielcht, um die Diphtheriebazillen zu tödten. Durch Aus¬ 


heberung von Magensaft oder Untersuchung von Erbrochenem 
konnte S. feststellen, dass der Magensaft der Dlphtheriekrankeu 
meist einen hinreichenden Gehalt an Säure besitzt, um antibakteriell 
zu wirken. Freie Salzsäure konnte S. in keinem der untersuchten 
5 Fülle auffinden. Uebrigens können die Diphtheriebazillen auch 
dem deletären Einfluss des Bact. coli nicht widerstehen und ist es 
also erklärlich, dass sich im Stuhle Infektionsfähige Diphtheric- 
bazillen nicht mehr vorflnden. 

3) A. Krokiewicz - Krakau: Beitrag zur Lehre von der 
LyBsa humana. 

Iv. beobachtete eine Lyssaerkrankung bei einer im 8. Monat 
schwangeren Frau, welche dann trotz Injektion einer Emulsion 
von Kaninchenhirn zu Grunde ging. Dem Rückenmark der Mutter, 
sowie der Frucht wurden nun Stückchen der Rückenmarkssubstanz 
entnommen und damit je ein Kaninchen infizlrt. Das mit dem 
mütterlichen Rückenmark inflzirte Thier ging in der bei Lyssa ge¬ 
bräuchlichen Zeit ein, während das andere gesund blieb. Ver¬ 
fasser schliesst hieraus, dass das Wuthgift nicht die Neigung hat, 
durch die Plazenta von Mutter auf Kind überzutreten. 

4) J. Fuchs-Wien: Zur Kasuistik der Hydrocele bilo- 
cularis (Hydrocele en bissac der Franzosen). 

Die mitgetheilte Beobachtung wurde an einem 54 jährigen 
Manne gemacht. Bei der Operation wurde der skrotale Antheil der 
Hydrocele zum Einschnitt gewählt. Der Sack wurde mit Mühe 
ausgeschält; Heilung. Grassmann - München. 

Französische Literatur. 

II. de Brun: Studie über den tympanitischen Schall bei 
der akuten Pneumonie. (Revue de m£decine, November 1901.) 

Statt der Dämpfung, welche für gewöhnlich dem Sitz der 
Lungenentzündung entspricht, ist unter gewissen Umständen ein 
abnormer sonorer Schall von wechselndem Klang und wechselnder 
Intensität vorhanden. Nach den Untersuchungen von d e B. kann 
man uundreierlei Arten dieses tympanitischen Schalles unterscheiden. 
Die erste Art ist die prämonitorische am Beginn der Krank¬ 
heit, welche anzeigt, dass die kranke Lunge von der Oberfläche 
durch eine Schichte gesunden Gewebes noch getrennt ist. Die 
zweite Art ist gewissermassen kompensatorischer Natur, 
ausserordentlich häufig, befindet sich mit Vorliebe an der Spitze 
und speziell in der Fossa subclavicularis und wird im Allgemeinen 
in der Nähe des Hepatisationsherdes, seltener in gewisser Ent¬ 
fernung von demselben, also stets zur Zeit der vollentwickelten 
Krankheit, beobachtet. Bei diesen zwei Varietäten verursache die 
Lunge selbst die sonoren Vibrationen; die Pathogenese der zweiten 
Art ist wahrscheinlich komplizirter als es der Name (komplementär- 
tympanitischer Schall) zu sagen scheint. Bei der dritten Art, der 
p 1 e s s i m e t r i 8 c li e n, ist die Lunge nur das Uebertragungs- 
mittel des tympanitischen Schalles. Ist die Lunge vollständig 
hepatisirt, so kann man zwei Herde des plessimetrisclien Tym- 
panlsmus konstatiren; der obere Herd nimmt die Regio subclavi¬ 
cularis und seltener die obere Gegend der Regio paravertebralis ein, 
sein Schall ist der de« gesprungenen Topfes, kommt von der 
Trachea und den ersten Luftröhrenverzweigungen und wird um so 
intensiver, je mehr man dem Brustbein sich nähert. Der untere 
Herd sitzt an der Basis des Thorax, kann sich vorne, hinten oder 
nn den Seiten lokalisiren und hat wahrscheinlich seinen Ursprung 
in den Hohlorganen des Bauches oder in der Lunge der entgegen¬ 
gesetzten Seite; das gleichzeitige Vorhandensein dieser beiden 
Herde plessimetrisclien Schalles ist von sehr schlimmer pro¬ 
gnostischer Bedeutung. Der obere Herd kann allein vorhanden 
sein, es müssen dann die oberen Lungenpartien in ihrer ganzen 
Ausdehnung hepatisirt sein; aus diesem Grunde ist dieser tym- 
panitische Herd unten durch eine breite Dämpfungszone begrenzt 
und fällt immer mit einer sehr ausgedehnten Dämpfung der hin¬ 
teren und oberen Brustwand zusammen. 

Jendrassik- Ofen-Pest: Soll man das Fieber behandeln 
und wieP (Ibid.) 

Bei dem Widerstreit der Meinungen, welcher noch immer über 
dieses Thema herrscht, hält sich J. der bekannte Kliniker, für be¬ 
rechtigt, dasselbe eingehend zu besprechen und er kommt zu dem 
Schlüsse, dass die Antipyrese geboten ist, obwohl weder die Mor¬ 
talität, noch die Dauer der Krankheit durch sie erwiesenennaassen 
beeinflusst werden, vielmehr die Wirkung der antipyretischen Medi¬ 
kamente sowohl wie der Bäder nur eine vorübergehende ist Aber 
bei der Betrachtung der Krankheit darf man den Kranken selbst 
nicht vergessen! Das Fieber erzeugt Unbehagen, die Neuralgie des 
vegetativen Nervensystems, wie sich J. ausdrückt, ein Schmerz 
begleitet die Krankheit Ebenso wie wir die Schmerzstellen bei 
der Pleuritis zu lindern, den Husten zu unterdrücken, gegen dl»? 
lauzinireuden Schmerzen der Tabes zu wirken suchen, ebenso 
müssen wir uns der Antipyrese beim Fieber bedienen. Was nun 
die Wahl der verschiedenen, dazu geeigneten Mittel betrifft so gibt 
J. der medikamentösen Antipyrese bei Weitem den Vorzug vor den 
Bädern, wiewohl diese eine wichtige, in manchen Fällen Indizirte, 
tonische Behandlungsart bilden. Von ersteren hält er gegenwärtig 
das Antipyrln, Phenacetin und unter gewissen Bedingungen das 
Aspirin für die besten; das letztere ist besonders bei Fieber mitt¬ 
leren Grad»'s anwendbar, es hat in diesen Fällen eine sehr ange¬ 
nehme, sedative Wirkung und ruft ausgiebige Transpiration hervor. 
Bei hochgradigerem Fieber gibt J., besonders für das Kiudesalter. 
dem Phenacetin den Vorzug. Dessen Wirksamkeit erschöpft sich 
aber ziemlich oft nach einigen Tagen und dann muss man es durch 
Antipyrln oder Aspirin ersetzen; beim Antipyrln wählt J. mit \or- 


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292 


MtJENCHENER MEEICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


liebe die Einverleibung per rectum. Die Dosen, welche gewöhnlich 
gegeben werden, sind durchaus ungenügend, um eine wirkliche 
Linderung des Fiebers herbeizuführen; man muss 1—1,5 g Phe¬ 
nacetin per os oder 3—5 g Antipyrin per rectum auf einmal geben. 
Das genügt ungefähr für 6 Stunden; sowie alle Fiebererschei¬ 
nungen wieder auftreten, muss man die obige Dosis wiederholen, 
also etwa 4 mal pro Tag. Man muss daher oft bis zu 20 g Anti¬ 
pyrin pro Tag geben, eine Dosis, welche in einem mit Schwanger¬ 
schaft komplizirten Falle von Typhus 14 Tage hindurch sehr gut 
vertragen wurde. Die Antipyrese hat ihre Indikationen wie jede 
therapeutische Prozedur, man wendet sie dann an, wenn das Fieber 
den Allgemeinzustand des Patienten verschlimmert, also bei der 
Mehrzahl der fiebernden Kranken. 

Hauser und Lortat-Jacob: Beitrag zum Studium 
der psychischen Lähmungen. (Ibid.) 

Von den 4 hier beschriebenen Fällen handelt es sich bei einem 
um eine Monoplegie hysterischen Charakters, während bei den 
3 übrigen Fällen keinerlei Anzeichen von Hysterie vorhanden 
waren und die plötzlich entstandenen, partiellen Lähmungen an 
den Muskeln der Oberextremitäten (Streckung und Beugung der 
Finger) nach relativ kurzer Zeit (in einem Falle schon nach 
5 Tagen) wieder verschwunden waren. Verfasser glauben, dass 
es sich hier um Vorstellungs- (kortikale) Lähmungen handelt: in 
Folge eines Traumas (Falles) oder einer professionellen Haltung 
der Finger (Telegraphisten) entwickelt sich der feste Gedanke 
einer Impotenz und daraus resultirt dann die vorübergehende Läh¬ 
mung. 

V. G a 1 i p p e: Studie über die Heredität der Kiefer- und 
Zahnanomalien. (Ibid., Oktober—Dezember 1901.) 

Diese ausführliche Arbeit bringt hier ganz neue Ideen über die 
Vererbung der Zahn- und Kieferanomalien, welche Verfasser, 
mögen sie die Milch- oder die zweiten Zähne betreffen, stets als 
Vorläufer anderweitiger psychischer Abnormitäten ansieht. Ein¬ 
gehend ist auch die Hutchlnso n’sehe Theorie der syphilitischen 
Zähne erörtert und G. kommt nach langer Beweisführung zu dem 
Schlüsse, dass diese Zahnanomalien keineswegs der Ileredosyphilis 
allein eigenthümlich sind und dieselben auch bei anderen, hereditär 
belasteten Individuen Vorkommen, dass sie aber jedenfalls den Ver¬ 
dacht auf Syphilis erwecken können, ohne für sich allein denselben 
hinreichend zu begründen. Die mit zahlreichen (22) erläuternden 
Abbildungen versehene Arbeit bildet jedenfalls einen sehr lesens- 
werthen Beitrag zu der Frage der gleichen und veränderten (disso- 
ziirten) Vererblichkeit von Anomalien und G. hofft, dass ihm auf 
diesem, noch wenig betretenen Gebiete noch mehr Forscher nach- 
folgen werden. 

Bernard: Kritische Untersuchungen über die Strepto¬ 
kokkenepidemien. (Ibid., September, Oktober u. Dezember 1901.) 

Diese Arbeit hat den Zweck, zu zeigen, dass der Streptokokkus 
für sich allein im Stande ist, die Gesammterscheinungen zu be¬ 
wirken, für die man ihn erst verantwortlich macht, wenn er unter 
dem Deckmantel einer der hauptsächlichsten spezifischen Infek¬ 
tionen wirkt; mit anderen Worten, der Streptokokkus hat seine 
Spezifität, welche jedoch nicht immer deutlich ist. Zu denjenigen 
Affektionen, welche sekundär mit Vorliebe vom Streptokokkus be¬ 
fallen werden, gehören besonders die katarrhalischen (Erkältungs-) 
Krankheiten. B. glaubt, dass die Streptokokkenepidemien, unter 
verschiedenen Namen verborgen, die Geissei vieler Städte und das 
Rüthsei ihrer Aerzte gewesen ist und schon Hippokrates da¬ 
von gesprochen hat. Der Streptokokkus ist einer unserer 
schlimmsten Feinde, seine für unschädlich gehaltene Anwesenheit 
beunruhigt uns erst dann, wenn er, komplizirt mit unseren anderen 
Feinden und durch seine eigene Wirksamkeit, sich plötzlich de- 
masklrt. Die Streptokokkenepidemien seien in mancher Beziehung 
mit den Typhusepidemien zu vergleichen, welche seit Jahrhunderten 
die dicht beisammen wohnenden, schmutzigen oder übermüdeten 
Menschenmassen heimsuchen. Die einzelnen Beweismittel aus 
dieser, mit reichem literarischen Material versehenen Arbeit 
können hier nicht weiter verfolgt werden; B. ist schliesslich über¬ 
zeugt, dass die Streptokokkenerkrankung — Streptose nach I’ e - 
truschky — uns von nun ab weit mehr beschäftigen werde. 

Andrö Moubsohs - Bordeaux: Die Chorea der Degene- 
rirten. (Revue mensuelle des maladies de l’enfance, Nov. 1901.) 

Diese unter dem Namen „variable Chorea der Degenerirten“ 
von B r i s s a u d aufgestellte Form der Chorea verdient neben 
jener bekannten von S y d e n h a m, neben der hysterischen aryth- 
mischen und der hereditären chronischen Chorea (nach H u n - 
11 n g t o n) auch nach Moussous einen speziellen Platz in der 
Pathologie. Diese Chorea tritt sehr oft ganz plötzlich auf, Ein¬ 
flüsse auf das Nervensystem, wie Trauma, lebhafte Eindrücke, 
Schrecken gehen hier voraus (die gewöhnliche Chorea beginnt ganz 
allmählich). Die Zitterbewegungen sind allgemein, völlig unko- 
ordlnirt, unvorhergesehen, ohne Rythmus oder Systematisirung; in 
den verschiedenen Haltungen des Körpers, beim Stehen, Sitzen, 
Liegen, bleibt der Kranke niemals ruhig, wechselt fortwährend 
seine Lage. Durch den behinderten Einfluss des Willens können 
diese Bewegungen am Anfang und in den leichten Fällen modifl- 
zirt werden, wodurch die Ausführung der willkürlichen Beweg¬ 
ungen nur wenig gestört ist und die Sprache ihre Klarheit behält. 
Was die begleitenden psychischen Erscheinungen betrifTt, so 
bleiben sie wie vor dem Auftreten der Chorea oder verschärfen 
sich höchstens, ohne ihre Natur zu ändern. Absoluten Mangel an 
Aufmerksamkeit, Veränderlichkeit des Charakters, Reizbarkeit be¬ 
obachtet man gewöhnlich, aber die psychische Entartung kann 
noch viel ausgeprägter sein und zu diesen geistigen Fehlern ge¬ 
sellen »ich gewöhnlich noch die psychischen Zeichen der Degene¬ 


ration. Besonders in der Schule machen solche Kinder den Lehrern 
viel zu schaffen, wie ein von B. angeführtes Beispiel lehrt Trotz 
der grossen Neigung zum chronischen Verlauf, oft bis in das späte 
Alter hinein, hält er die Prognose dieser Chorea für keine un¬ 
günstige, die mehr oder weniger schlechte Beschaffenheit der neuro- 
pathisclien Anlage ist hier ebenso entscheidend, wie bei der ganz 
analogen Affektion, dem Tic convulsif der Degenerirten. Die thera¬ 
peutischen Mittel müssen vor Allem dahin zielen, das Terrain, die 
Disposition zu modiflziren. 

L6on d’A stros: Die Osteomyelitis bei Kindern unter 
3 Monaten und ihre Folgen. (Ibid.) 

d’A s t r o 8 hatte in den letzten Jahren Gelegenheit 11 solcher 
Fälle zu beobachten, und faud übereinstimmend mit anderen 
Autoren den Femur mit Vorliebe ergriffen. Was die ätiologischen 
Bedingungen betrifft, so werden die schwächlichen Kinder vor 
.Allem befallen, der Infektionsweg ist oft schwer festzustellen, die 
intrauterine Infektion kann sicher Vorkommen. Von der Haut den 
Verdauungsorganen (bei Magendarmkatarrh), von den Schleim¬ 
häuten der Atiiemwege aus ist die Infektion möglich, dazu kommt 
die Osteomyelitis bei Syphilis, oft verwechselt mit Pseudoparalyse. 
Nach d’A st ros kann man zwei Kategorien von Fällen unter¬ 
scheiden: bei der einen ist die lokale Infektion des Knochen¬ 
systems das Vorherrschende, in den perakuten und akuten Fällen 
kann hohes Fieber vorhanden sein, aber die Gebrechlichkeit des 
Gliedes, gemeinsam mit der Volumzunahme, der Aufgedunsenheit, 
der Knochenschwellung, dem Schmerz, lenkt fast ausschliesslich 
die Aufmerksamkeit auf das kranke Glied. In einer zweiten Kate¬ 
gorie von Fällen sind die Symptome der Osteomyelitis nur eine 
Tlieilerseheinung allgemeiner Septikämie. Was die Entwicklung 
der Osteomyelitis selbst betrifft, so kann man neben den schweren, 
progressiv verlaufenden Formen leichte beobachten, wo die Krank¬ 
heit lokalislrt bleibt und Tendenz zu spontaner Rückbildung hat; 
d’A st ros erlebte 4 solche Fälle, ohne dass es zu Eiterung ge¬ 
kommen ist. Von den 11 Fällen haben im Ganzen 6 mit Tod ge¬ 
endigt, es sind das meist schwere Formen, bei welchen im frühen 
Alter, besonders unter 3 Monaten, der Tod elntritt und die Aflfek- 
tion schon einen sehr vorgeschrittenen Charakter trügt. Die chro¬ 
nischen, prolongirteu Formen der Osteomyelitis sind seltener als 
die akuten; bei solchen Kindern entwickelt sich, wie dies bei jeder 
lange währenden, besonders vom Darmkanal ausgehenden Infek¬ 
tion oder Intoxikation gerne der Fall ist, häufig Rachitis und auch 
Spasmus glottidis, wofür zwei der von d’A stros beobachteten 
Fälle je ein Beleg sind. 

Louis Laure - Hy&res: Akute Koryza bei einem Neu¬ 
geborenen. (Annales de mSdecine et Chirurgie infantiles 1901. 
No. 21.) 

Dieser seltene Fall betraf ein Kind im Alter von 12—13 Tagen, 
welches in äusserst schlechtem Zustand sich befand und schon ein 
panr Tage lang keine Milch mehr genommen hatte. Behandlung 
der Nasenaffektion mit Heisswasserdouchen und einer Blsmuth- 
Kokninsalbe führte vollständige Heilung herbei, so dass die Ath- 
mung wieder normal, die Saugfähigkeit wieder hergestellt wurde 
und das Kind wieder gerne die Brust nahm. 

Georges Mahn: Heredosyphilis bei Neugeborenen; Gumma 
des weichen Gaumens bei einem Säugling von 2 Monaten. (Ibid.) 
No. 22.) 

Dieser Fall schllesst sich enge an den vorbeschriebenen an; 
hier war ausser der in diesem Alter seltenen, gummösen Affektion 
eine Koryza spezifischer Natur, welche dem Kinde das Saugen sehr 
erschwerte, vorhanden. Die spezifische Behandlung (innerlich mit 
Liquor van Swieten) und die lokale der Nasenaffektion brachten 
nach 3 Wochen völlige Heilung. 

Marfan und Armand D e 1111 e: Kongenitale rechtsseitige 
Facialislähmung. (Ibid.) 

Während gewöhnlich die Fazialislähmung beim Neugeborenen 
die Folge einer Geburtsverletzung (Zange) ist, gibt es eine seltenere 
Art der Fazialislähmung, welche intrauterin entsteht, und zwar 
werden diese Falle meist auf einen kongenitalen Entwicklungs¬ 
fehler des Nervensystems zurückgeführt. Diese Lähmungen sind 
entweder ein- oder doppelseitig und gewöhnlich unheilbar. Der vor¬ 
liegende Fall hingegen, welcher mit Agenesie des Ohres kolnzidirte, 
schien einen peripheren Ursprung (Entwicklungsfehler des Felsen¬ 
beins) zu haben. Die Autopsie des Falles lehrte, dass Missbildung 
des Labyrinths und des Gehörgangs rechterselts vorhanden und 
der periphere Fazialisstamm bei seinem Durchgang durch das 
Felsenbein völlig atrophisch war; in Folge dessen völlige Fazlalis- 
paralyse auf der betreffenden (rechten) Seite. Die Verfasser heben 
hervor, dass sie in der ganzen Literatur keinen solchen Fall von 
Missbildung des Gehörapparates mit kongenitaler Lähmung ge¬ 
funden haben. (2 Abbildungen.) 

H. Roger und Emil Weil: Die gutartige Gangrän der 
Augenlider. (Presse mödicale 1901, No. 70.) 

Der Fall, welchen die Verfasser hier beschreiben, ist analog 
der gangränösen Entzündung der Brustdrüsen und der foudroyanten 
Gangrän der üussereu Geschlechtstheile, welche beide meist in 
Heilung übergehen, und endigte ebenfalls mit dieser. Die Krank¬ 
heit begann bei dem 33 jährigen sonst gesunden Patienten mit 
eluera entzündlichen Oedem an den Lidern, es gesellte sich Fieber 
hinzu und es traten sowohl am Ober- wie Unterlid einzelne gan¬ 
gränöse Herde (siehe Abbildung) auf; nach Verlauf von 19 resp. 
21 Tagen war Abstossung derselben erfolgt und nach 1 Monat 
völlige Heilung. Die bakteriologische Untersuchung dieses Falles, 
welchen die Verfasser für eine wirkliche Spontangangrän (?) ge¬ 
halten hatten, ergab die konstante Anwesenheit eines afiroblschen, 


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18. Februar 1902. 


MtTENCilENEÄ MfiDlClNlSCÖE WOCHEUSOßHIF'f. 


für manche Thiere (Kaninchen. Meerschweinchen) pathogenen, für 
andere (Mäuse. Hatten) unschädlichen Mikroorganismus. In einem 
anderen von den Verfassern erwähnten Falle von gangränöser 
Maimnitis war ein dem beschriebenen ganz ähnlicher Mikroorganis¬ 
mus isolirt worden. Kitt, Lucet u. A. haben bei der gan¬ 
gränösen Brustdrüseneutzimdung der Milchkühe Mikroorganismen 
analoger Art gefunden. Diese Zusammenstellung sei um so inter¬ 
essanter, als alle diese pathogenen Stoffe zu den Aerobieu gehören 
und inan gegenwärtig allzu sehr geneigt sei. die Gangrän in ex¬ 
klusiver Weise den strikten Anaörobien zuzschreiben. 

II. Roger: Die Blattern in Paris im ersten Halbjahre 1901. 
(Ibid. No. 79.) 

Die Blatternepidemie, welche schon im Jahre 1909 in Paris auf- 
getreten war, setzte sich mit grösserer Heftigkeit auf das Jahr 
1001 fort. In der ersten Hälfte desselben betrug die Anzahl der 
Krankheitsfälle 1090. die der Todesfälle 274. davon treffen auf das 
von R. geleitete Krankenhaus (Aubervilliers) 811 Fälle mit 24 Proz. 
Mortalität. Die verschiedenen Kurventabellen und die Karte von 
Paris zeigen die Vertheilung der Fälle je nach den verschiedenen 
Stadttheilen (Arrondissements), ferner die Wechselbeziehungen 
zwischen Morbidität. Mortalität und Bevölkerungsdichtigkeit; de" 
Prozentsatz der Todesfälle wechselt nur wenig von einem Monat 
zutn anderen. It. hält die Blattemepidemle in Paris für noch nicht 
l>eendigt und glaubt, dass die Krankheit immer wlinier stossweise 
auftrltt. I)a die Uebertragung nicht durch die Luft, sondern 
durch direkte Berührung stattfindet, so ist natürlich für strenge 
Isolirung der Patienten Sorge zu tragen. Schliesslich hebt R. die 
absolute Nothwendigkeit der Wiederimpfung hervor; aus zahl¬ 
reichen, während der Epidemie gesammelten, Erfahrungen erhellte 
auch, da*s die Blatternlramunitiit eine viel kürzer währende ist, 
als gewöhnlich angenommen wird, und alle Leute, bei welchen 
die Impfung mehr als 3 Jahre zurückdatirt, der Wiederimpfung 
zu unterziehen sind (bei herrschender Blatternepidemie). 

H. Claude und A. Zaky: Das Lecithin bei der Tuber¬ 
kulose. (Ibid. No. 78.) 

Vorliegende Arl>elt zerfällt in 2 Theile, einen experimentellen 
und einen klinischen; ersterer lehrte den günstigen Einfluss des 
Lecithins bei künstlich erzeugter Tuberkulose auf Ernährung, 
Stoffwechsel, Körpergewicht. Letzterer bringt 20 Fälle verschie¬ 
dener Arten von Tuberkulose, bei welchen dieser Einfluss el>enfalls 
ein offenkundiger war. Ebenso wie Danilewskl, Sorona. 
Desgrez kommen Verfasser daher zu dem Schlüsse, dass das 
Lecithin ein sehr wirksames Hilfsmittel bei der Behandlung der 
Tuberkulose sei, das bedeutende Zunahme des Appetits, des Körper¬ 
gewichts und auffallende Besserung des Allgemeinbefindens be¬ 
wirke. — Der primäre Vorgang bei der Darreichung von Lecithin 
sei bekanntlich unmittelbar eintretende Verminderung der Phos¬ 
phorausscheidung und sekundäre Anregung des gesammten Stoff¬ 
wechsels. 

Weichardt: Untersuchungen über das Antispermotoxin. 
(Anuales de l’institut Pasteur, Nov. 1901.) 

Im Anschluss an die verschiedenen Untersuchungen über Zell¬ 
gifte wurden von W. Thiere mit Spermotoxin. d. h. mit dem Serum 
eines Thienes (Meerschweinchen), welches für die Spermatozoeu 
eines anderen (Kaninchen) giftig ist, immunisirt und es fand sich, 
dass sich bei diesem eine Gegensubetanz (antiflxatrice), ein sog. 
Antispermotoxin, bildete. In allen Präparaten Hess sich zugleich 
ein Parallelismus zwischen dieser Substanz und den Autiagglu- 
f t ininen konstatlren. 

Cahanesku: Zur bakteriellen Selbstreinigung der Vagina 
bei Thieren. (Ibid.) 

Im Anschluss an die Interessanten Untersuchungen von 
V. Menge und K r ö n i g. sowie D ö d e r 1 e i u Uber die Selbst¬ 
reinigung der Vagina beim Weibe stellte C. im Laboratorium von 
Metschnikoff Experimente darüber an. wie sich diese Dinge 
Ihm ui Thiere verhielten, und es ergab sich nicht völlige Ueberein- 
stimmung mit den von obigen Forschern gefundenen Thatsachon. 
Die bakterielle Selbstreinigung ist demnach bei Thieren eine relativ 
schwache, ist verschieden bei den verschiedenen Thieren. ebenso bei 
den einzelnen Mikroorganismen. Die Selbstreinigung kommt einer- 
seits durch den Abfluss des Sekretes gegen den Eingang der 
Scheide und eine kontlnulrliche Epitheldesquamation, andererseits 
Iwsonders durch die phagozytäre Thätigkeit der Leukozyten zu 
Stande. Auf die Einführung von Mikroorganismen ln die Vagina 
reagirt dieselbe Immer mit einer mehr oder minder hochgradigen 
Lmkozytose. In den ersten Stunden oder Tagen nach diesem 
Experimente nimmt die Zahl der Bakterien beträchtlich ab. die¬ 
selben können sogar vöUlg verschwinden. Zuweilen ist die Ab¬ 
nahme aber eine nur scheinbare und man findet nach 8—10 Tagen 
diese Bakterien wieder, welche nun ständige Parasiten der Vagina 
bleiben. Von allen künstlich eingeführten Bakterien verschwindet 
der Prodiglosus am raschesten, nuf dessen Lebensfähigkeit der 
frische Vaginalschleim einen gewissen Einfluss zu haben scheint. 
Bel den Thieren, sowie beim Menschen ist die Menge der Mikro¬ 
organismen und deren Arten am Introitus vaglnae weit grösser 
wie in der Tiefe; niemals wurde jetloch die Schleimhaut in der 
letzteren steril gefunden. Im Reagensglase konnte kein Antagonis 
„ms zwischen den aus der Vagina isollrten Bakterien und den 
experimentell elngeftihrten konstatirt werden. Der Vaginaischlelm 
der Stute zeigte sich als solcher nicht bakterizid. Die Reaktion des 
Vaginalschleimes bei den Versuchsthieren war immer alkalisch 
(bei der Frau sauer). Was die Mikroorganismen betrifft, welche die 
Vagina der Thiere normaler Weise enthält, so sind dieselben ziem¬ 
lich zahlreich; so wurden bei einer Hündin gefunden ein grosser 


29*3 


Diplokokkus, der S(rcptocoi cus pyogenes, der Stnphylococius pyo¬ 
genes albus (immer und in grosser Menge), der Citreus und Roseus. 
der Bacillus subtilis. der Bacillus coli communis. Auaerobirn, beim 
Meerschweinchen der Bacillus subtilis, der Bae. coli communis 
(sehr häufig) u. s. w. All’ diese natürlich vorhandenen Bakterien 
hnlMMi die Entwicklung der künstlich eingeführten nicht zu hindern 
vermocht. 

Leopold Uriarte: Die Bubonenpest in Asuncion (Para¬ 
guay) und Rosario (Argentinien). (Ibid.) 

Beschreibung über Beginn und Verlauf der Pestepidemie, 
welche im September 1899 in diesen südamerikanischen Städten 
aufgetreten war und bis in den Beginn des Jahres 1900 sich hin¬ 
gezogen hatte. Auffallend war, dass die Epidemie, welche jeden¬ 
falls durch den La Plata und Parnnft hiuanffahrende Getreide¬ 
schiffe eingeseldcppt. wurde, zuerst an der obersten Stadt, in 
Asuncion, auftrat und dann flussabwärts verschiedene Städte be¬ 
fiel. Asuncion hatte von September bis Dezember 1899 im Ganzen 
109 Krankheitsfälle. Rosario von September bis Dezember nur ver¬ 
einzelte, von Januar bis März 94 Fälle; in Buenos Ayres, wo die 
Epidemie von Ende Januar (gleichzeitig ausserordentlich hohe 
Sterblichkeit der Ratten) bis Mal sieh hinzog. gab es nach der 
offiziellen Statistik 118 Fälle. Trotz eingehender Untersuchungen 
gelang es Jedoch nicht, den genauen Ursprung und Weg der Ein¬ 
schleppung in den verschiedenen Städten festzustellen. 

A. Fournier: Die Aetiologie der Tabes nach einer An¬ 
zahl von 1000 Beobachtungen. (Bulletin mMlcal 1901. No. 93.) 

Diese Beobachtungen stammen aus dem Riesenmaterial des 
Spitals St. Louis zu Paris und lehren, dass von 1001) Tabetikern 
923 sichere Anzeichen früherer Syphilis hatten; d. h. 92—93 Proz. 
aller Tabesfälle v.areu auf Syphilis gefolgt. l>ei 7—8 Proz. war dies 
nicht erwiesen. Weiters lehrten die statistischen Zusammenstel¬ 
lungen. dass die Tabes keineswegs auf schwere, sondern vielmehr 
auf ursprünglich leichte Fälle von Syphilis folgte und als prä- 
disponiivnde l'rsaiehen vor Allem folgende 3 anzunehmen sind: 
hereditär neuropatliisclie Disposition, nervöse Ueberaustrengung 
und ungenügende Behandlung der Syphilis in 
d e n ersten J a h r e n. Die Tabes ist — so lautet einer der 
Schlusssätze F o u r n 1 e r s — ein Endstadium der Syphilis ohne 
Aussicht nuf Heilung, ohne irgend welche Hoffnung auf Besserung. 
Die einzige Möglichkeit, die Menschheit von einer so schlimmen 
Krankheit wie die Tabes zu laefreien, l»esteht ganz allein in der 
Prophylaxe der Svphilis. in der richtigen und genügenden Behand¬ 
lung derselben. Stern- München. 


Amerikanische Literatur. 


1) Carlos F. M a c D o n a 1 d und Edward Anthony S p 11 z k a: 
The trial, execution, autopsy and mental status of Leon 
F. Czolgosz, alias Fred Nieraan, tho assasslu of President 
McKinley. (Medical Record, 4. Januar 1902.) 

Aus diesem soeben erschienenen offiziellen Bericht über (len 
unglückseligen Präsidentenmörder ist zu entnehmen, dass derselbe 
zur Zeit seiner folgenschweren That völlig geistesgesund war und 
dcsshalb als durchaus verantwortlich angesehen werden musste. 

C„ ein anarchistischer Zelot, erklärte wiederholt, dass er gegen 
den Präsidenten keinerlei persönliche Empfindungen «ei»«« 1 hal> ‘‘- 
Er sei ein Feind der armen Arbeiterklassen gewesen und hätte des¬ 
halb zu Grunde gehen müssen. Man kann diese Ansicht eine poli¬ 
tische Delusion Donnen, also einen falschen Glauben, der sich auf 
Unwissenheit, mangelhafte Erziehung und dadurch beeinflusste 


thörichte Raisonnements gründet. 

C. glaubte ln Gemeinschaft mit seinen unzufriedenen Ge¬ 
nossen. dass jegliche Regierungsform falsch und unnotldg sei, 
wesshalb sie zur Vernichtung derselben auffordern. Die Beweise 
dieses Gesinnungsstandpunktes ergeben sieh einmal aus den schon 
oben erwähnten eigenen Angaben von Czolgosz gleich nach seiner 
Festnahme, speziell seinem Ausspruch, dass „alle Herrscher 
Tyrannen wären und dcsshalb mit Gewalt entfernt werden 
müssten“, ferner aus seinem Geständniss. dass er Mitglied an¬ 
archistischer Vereine etc. sei und dieselben oft besucht hätte. Er 
habe sieb ferner durch die aufreizenden Reden der berüchtigten 
Anarchistin Emma Goldman, welche er hoch verehre. l>eeinHussen 
lassen Es ist ausserdem zu bemerken, dass man mehrere Broschüren 
aufhetzenden Inhalts bei ihm vorfand und dass ihm während seiner 
Gefangenschaft eine grosse Zahl von Sympal hiebezeugungeii seitens 
seiner anarchistischen Genossen zuging. 

Im Einklang damit steht die kühle und furchtlose Art. mit 
welcher er in den Tod ging. _ ., . 

Die Autopsie ergab nichts Abnormes. Das Gehirn wog nach 
Entfernung der Membranen und nachdem es mehrere Stunden in 
einer Salzlösung gelegen batte, 1.415 g. Es übersteigt also das 
Durchschnittsgewicht um etwas. Die Fissuren und Gyri zeigen 
morphologisch nichts Besonderes. Es sind weder Zeichen von Ent¬ 
wicklungshemmung noch von plthekoldalen Anomalien nachzu¬ 
weisen. Man kann im Allgemeinen sagen, dass das Gehirn keiner- 
lei besondere Assymetrie in der Lappenstruktur der Gehirnhälften 
aufweist, wie sie bei hochentwickelten Personen besonders cha¬ 
rakteristisch auftrltt. Der Schädel selbst zeigt keine ganz voll¬ 
kommene Symmetrie. Summa summarum bietet also die Autopsie 
keinerlei Substrata für die Degenerationstheoretiker, welche alle 
Verbrechen der BCte huumine aus einer accldentellen Persistenz 
einer niedrigen Organstruktur erklären wollen. Das Studium des 
sehr ausführlichen, durch Zeichnungen veranschaulichten Be¬ 
richtes ist besonders den Neurologen warm empfohlen. 


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M ÄfUENCHENER MEDlCINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 7. 


2) Edward S 1 u 1> b e r t: The early diagnosis of pulmonary 
tuberculosis with exhibition of ray pictures of diseased lungs. 
(New York County Medical Association. Statcd Meeting, US. De¬ 
zember 11)01.) 

Der rühmliehst bekannte Direktor des Sanatoriums für 
Schwindsüchtige. welches 100 englische Meilen von der Stadt 
New York entfernt in Sullivau County an «len Abhängen des 
malerischen Catskillgebirges gelegen ist. ist ein begeisterter An¬ 
hänger der Röntgenstrahlen geworden. Er glaubt, mittels der¬ 
selben häutig die Frühdiagnose der Tuberkulose stellen zu können. 
Er nennt das Frühstadium das präbazilläre. (Dies ist jedoch eine 
Contradictio in adjeeto. Kef.) Hier sind die physikalischen Zeichen 
kaum so weit ausgesprochen, dass man sie zur Crundlage einer 
Diagnose machen könnte. So halt S. eine Anzahl von Fällen be- 
obnehtet. bei denen sich wiederholt Hämorrhagica gezeigt hatten 
und doch waren erst wochenlang später Anzeichen vorhanden, 
welche mittels der herkömmlichen physikalischen Methoden nach¬ 
gewiesen werden konnten. Unter den frühen physikalischen An¬ 
haltspunkten erscheinen S. die Abdachung der Schlüsselbeine, die 
Expansionsbesehränkuug der aftizirten Seite, besonders hinten, und 
die Abschwächung der Zwerchfellexkursionen, ebenfalls an der 
kranken Seite, besonders wichtig. 

Der Abwesenheit von Tuberkelbazillen legt S. mit Recht kein 
besonderes Gewicht bei. Bei der Untersuchung mit Röntgen¬ 
strahlen verlässt sieh S. auf das Fluoroskop. Den Schirm erklärt 
er in Verruf. 

3) Fourth Report of the Committee of inspection of the Post¬ 
graduate Medical School in regard to the treatment of pulmo¬ 
nary tuberculosis at the Postgraduate Hospital, New York. 
(The Postgraduute. Dezember 1001.) 

Unter der Aeghle des Ivoinitö’s dieses grossen Lehrinstitutes 
behandelt Dr. John F. Rüssel alle tuberkulösen Kranken, 
welche überhaupt im Stande sind, täglich die Anstalt aufzusuchen. 
Im Allgemeinen kommen die Patienten 2 mal täglich in die Klinik, 
und zwar des Morgens zwischen y s 8 und 0 Uhr und Abends zwi¬ 
schen 7 und 8 Uhr. Dort erhalten sie die Russe l’sehe Emulsion, 
welche aus gemischten Fetten besteht, werden befragt und be- 
rathen. Wöchentlich 1 mal werden sie gewogen. Sie werden vor 
Allem angewiesen, bei weit offenem Fenster zu schlafen, ferner 
so viel als möglich zu essen, besonders aber viel Milch und Eier 
zu gemessen. Sie werden ferner vor zu warmer Kleidung gewarnt 
und auf die Notliwendigkeit warmer Fiisse aufmerksam gemacht. 
Sie sollen wenigstens 9 Stunden schlafen, Vergnügungsplätze ver¬ 
meiden und Spirituosen, Thee, Kaffee und alle unnüthige Be¬ 
wegung vermeiden. 

Da die meisten Patienten an leichter Obstipation leiden, so 
erhalten sie Purgantien. Das meist begünstigte Mittel ist das 
Oleum Ricini, welches abwechselnd mit Rheum verabreicht wird. 

Die Klinikstunden sind derart arrauglrt, dass die Patienten 
eventuell ihrer Arbeit nachgehen können. 

Die Resultate, welche bei dieser zwar einfachen, hygienischen, 
aber strikt durchgeführten Methode erzielt werden, sind auf¬ 
fallend gut. Die Anregung dazu ist unserem um die Phthisio- 
therapie hochverdienten deutschen Kollegen Leonard Weber, 
Professor der Medizin an dem genannten Institut, zu danken. 

4) William Osler: Congenital absence of the abdominal 
muscles, with distended and hypertrophied urinary bladder. 
(Bulletin of the Johns Hopkins Hospital, Baltimore. Nov. 1901.) 

Bei diesem bemerkenswerthen Fall fehlten sämmtliche Bauch¬ 
muskeln. so dass die Bewegungen der Därme direkt unter der 
Bnucliwand beobachtet werden konnten. Ja, da dieselbe ihre 
Resistenz völlig verloren hatte., so konnte man die Eingeweide 
direkt durchpalpiren. Gleichzeitig bestand Difformltiit des Thorax 
und Kryptorchismus. Im Fülluugszustand dehnte sich die Blase 
bis auf das Hypogastrium und die Nabelgegend aus. Embryo¬ 
logisch sucht O. den Defekt folgendermaasseti zu erklären: 

Unter normalen Verhältnissen geht der Membrana reunieus. 
der ursprünglichen Decke dos Bauches, die Bildung eines Gefiiss- 
netzes voraus, welches von oben her durch die Mammaria interna, 
von unten her durch die Epigastrica versorgt wird. Irgend eine 
Störung im Arrangement der embryonalen Blutgefässe ist geeignet, 
die Bildung diesesNetzes zu verhindern, wodurch die Entwickelung 
der Bauchmuskulatur gehemmt wird. Dieselben Störungen der 
Zirkulation erklären auch die abnormen Zustände in der Blase und 
den U retereu. 

5) William Osler: The family form of recurring epistaxis. 
(Ibidem.) 

Osler berichtet über eine besondere Form rekurrireuden 
Nasenblutens, bei welcher eine Anzahl kleiner Angiome au ver¬ 
schiedenen Stellen der Haut zweier Brüder beobachtet wurde. 

Der Vater und 2 Schwestern waren ebenfalls Nasenbluter. 
Das Kind des einen Bruders, ferner eine Grossnichte und eine 
Enkelin der älteren Schwester desselben Patienten litten eben¬ 
falls an häutigem Nasenbluten. 

O. beobachtete ausserdem einen dritten, mit multiplen Angio¬ 
men vergesellschafteten Fall von rekurrirendem Nasenbluten, bei 
welchem die Familiengeschichte keinerlei Abnormitäten ergab. 

»>) Reginald H. Fit z: Some surgical tendencies from a me¬ 
dical point of view. (Boston Medical and Surgical Journal, 
2»>. Dezember 1901.) 

In einem vor der New-Yorker Academy of Mediciue gehal¬ 
tenen Vortrag verbreitet sich F i t z über einige moderne chirur¬ 
gische Eingriffe, wie sie sich aus der. internen Perspektive aus- 
nehmen. Da ergibt sieh, dass im Ausführen von Probelaparo¬ 
tomien eine grosse Hyperaktivität herrscht. Häufig erschlossen 
dieselben Zustände, die man mittels anderweitiger diagnostischer 
Hilfsmittel gerade so gut hätte entdecken können. Ferner ist eine 


Probelaparotomie durchaus kein ungefährlicher Eingriff. Nicht 
kompetente Diagnostiker tragen die Schuld an diesen chirurgischen 
Fehltritten. 

Jeder Fall sollte vom Mediziner sowohl als vom Chirurgen 
sorgfältig durchdacht werden und im Allgemeinen sollte man sich 
immer daran erinnern, dass eine Operation nur zu dem Zweck 
unternommen werden sollte, eine Krankheit entweder zu beheben 
oder einen Leidenszustand zu bessern. Während der letzten zehn 
Jahre stieg die Zahl der im Massachusetts General Hospital zu 
Boston vorgenommenen Probelaparotomien von 10 auf 30. 

F. hat bei seiner Kapuzinerpredigt namentlich die bösartigen 
Geschwülste des Verdauuugstraktus, die Neubildungen der Niereu, 
der Schilddrüse und die malignen Lymphome ira Auge. Die Sta¬ 
tistik, welche F. sammelte, zeigt, dass derartige Operationen nur 
selten ihren Zweck erfüllten und weder das Leben verlängerten 
noch das Leiden verringerten. Die Tendenz der Zukunft sollte 
dahingehen, diese unnützen und schädlichen Eingriffe zu be¬ 
schränken. 

(Es liegt manches Körnchen Wahrheit in der Jeremiade von 
F i t z, wo aber kämen die modernen Chirurgen hin, wenn derart 
allgemein zum Rückzug geblasen würde? Wenn F. fast stets 
mittels der gebräuchlichen diagnostischen Hilfsmittel eine Ab- 
dominaldiagnosc stellen kann, die auch richtig ist, dann kann mau 
ihm dazu wirklich gratuliren! Ref.) 

7) G. M. Edebols: Surgical treatment of chronic ne- 
phritis. (New York Medical Record. 21. Dezember 1901.) 

Der um die Nierenchirurgie hochverdiente Autor berichtet 
über 18 Fälle von chronischer Nephritis, in welchen er die Nephro¬ 
pexie ausführte. Bei den ersten fünf Operationsfällen hatte er 
dieselbe trotz der bestehenden Nephritis wegen Nephroptose ans¬ 
geführt und die Möglichkeit einer Beeinflussung des Nierenparen¬ 
chyms keineswegs im Auge gehabt. Die ausserordentliche Besse¬ 
rung der Nierensymptomc, welche nach diesen Eingriffen eintrat, 
veranlassfe ihn dann zu weiteren Untersuchungen. 

E d e ho h 1 s legt die Niere durch einen S i m o n’schen Schnitt 
frei, und entblösst die hintere Fläche derselben von ihrer Kapsel. 
Wenn diese freigewordeue Flüche nun mit ihrem Befestigungs- 
punkt verwächst, so bilden sich nach und nach Anastomosen, 
zwischen den Gefüssen der Niere und denen der umgebenden 
Gewebe, wodurch die Vaskularität des erkrankten Organs erhöbt 
wird. Diese Beobachtung veranlasst? E., die Nephropexie bei den 
13 übrigen Fällen von vornherein in zielbewusster Weise zur Kur 
der Entzündung auszuführen. Die Resultate waren überraschend 
gut. Bei einigen ist bereits völlige Heilung eingetreten. 

S) Carl Beck: On a new principle in nephropexy. (New- 
York Medical Journal, 7. Dezember 1901.) 

Die neue Methode der Nephropexie besteht darin, dass die 
Niere einfach an einem Muskelstreifen aufgehängt wird, nach¬ 
dem sie sozusagen mit einem Knopfloch versehen wurde. Bei 
einem an rechtsseitiger Nephroptose leidenden 24jährigen Mäd¬ 
chen wurde folgende Operationsmethode eingeschlagen: Schnitt 
nach S 1 m o n, Freilegung der Niere, vorsichtiges Herausziehen 
am unteren Pol soweit, dass ein Troiear von massiger Grösse 
durch denselben gestochen werden konnte. Die Blutung war bei 
diesem Vorgehen unbedeutend. Nun wurde der Rand des Mus- 
culus spinalls dorsi eingeschnitten und ein Muskelbündel der Länge 
nach heruntergetrennt, so dass es unten am Muskel herunterhing. 
Dieser ganz aus Muskelgewebe bestehende Streifen wurde nun 
mittels einer P f> n n’selien Zange durch das mittels des Troicars 
geschaffene Loch durchgezogen und dann wieder am Rande des 
Muskels, wo er entnommen war, mit einigen Jodoformseideunähten 
befestigt. Auf diese Weise gelang es, die Niere an einem lel>eii- 
digen Aufhiingebnnd in situ zu erhalten. Eine Reaktion trat nicht 
ein, Patient konnte nach zwei Wochen aus dem Hospital entlassen 
werden und scheint die Operation durchaus erfolgreich zu sein. 

Wenn die Schaffung neuer Blutzufuhrbahnen wünschenswert h 
erscheint, so kann einer solchen Indikation durch die Einverleibung 
gesunden Muskelgewebes auf diese Weise besonders gründlich ge¬ 
dient werdeu. Carl B e c k - New-York. 

Dermatologie und Syphilis. 

Ueber die Beziehungen des Lupus erythematodes zur Tuber¬ 
kulose. Auf Gruud der Betrachtung eines ungemein zahlreichen 
eigenen und aus der Literatur gesammelten Materials kommt 
Roth zu dem Schlüsse, dass die Tuberkulosenatur des Lupus 
erythematosus kaum mehr zweifelhaft sein dürfte. Nach der 
Meinung des Verfassers handelt es sich dabei um das Zusammen¬ 
wirken einer allgemeinen Prädisposition (den im Blute vorhandenen 
Tuberkulosetoxineu) und um eine lokale Prädisposition, bedingt 
durch lokale Zirkulationsstörungen verschiedener Provenienz. 
Autor fasst somit den Lupus erythematodes als ein sogen. Tuber¬ 
kulid auf. eine Ansicht, welche jedenfalls noch weiterer Beweise 
bedarf, und sich trotz des scharfsinnigen Raisonnements des Ver¬ 
fassers zur Zeit nicht über das Niveau einer brauchbaren Hypo¬ 
these erhebt. Für jene Fälle jahrelang bestehenden Lupus ery¬ 
thematosus, bei denen post mortem nicht die Spur einer internen 
Tuberkulose nachweisbar war, stimmt die Roth'sehe Erklärung 
jedenfalls nicht. (Arch. f. Denn. Bd. öl.) 

In einer sehr ansprechenden Arbeit über Embolie und Meta¬ 
stase in der Haut, in welcher die Resultate einer grösseren An¬ 
zahl früherer Arbeiten zusammengestellt sind, wendet sieb 
Philippson gegen die von mancher Seite beliebte Auffassung 
der Erytheme als Angioneurosen und vertritt den Standpunkt, dass 
die erj-1 hem at öseti Ilautveränderungeu interner Provenienz eine 
besondere Art von Entzündung vorsteilen, welche durch Reize her- 


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1*. F*bnur 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


295 


vorgerufen wird, die auf dem Blutwege in die Haut gelangen. Der I 
klinische Verlauf der erythematösen Hautveränderungen stellt den 
Typus der auf dem Blutwege entstandenen Metastase vor. Den 
hämatogenen Metastasen in der Haut kommt eine gewisse Topo- i 
grnphie zu, und mit besonderer Vorliebe lokalisirt sich die häma¬ 
togene Entzündung an den Venen. Die Urticaria beruht nach j 
I’h. auf einer Gefässvvandalteratlon und die aus inneren Ursachen i 
entstandene Urticaria ist ein erabolischer Prozess. Die daraus j 
resultirenden entzündlichen Erscheinungen werden als flüchtiges j 
Reizödem bezeichnet. (Ibid. Bd. 51.) 

Fabry berichtet ül>er das häuüge Vorkommen von Tuber¬ 
culosis verrucosa cutis bei Arbeitern in Kohlenbergwerken, er¬ 
klärt die Aetiologie durch die bei der Bergwerksarbeit häutigen 
Verletzungen des Handrückens einerseits, andererseits durch das 
häufige Vorkommniss von Lungenphthise bei den Kohleuarbeitcrn 
und die noch immer wenig befriedigenden Wolinuugsverhältnlsse i 
andererseits. Zur Behandlung empfiehlt er in erster Linie die | 
Lupusradikaloperation in Narkose, in zweiter Linie die Abtragung . 
der verrukösen Exkreszenzen mit flachem Schnitt unter lokaler | 
Anästhesie, Blutstillung durch kalte Umschläge, Airolgazeverbaud I 
und nach einigen Tagen Anwendung 10 proz. P.vrogallolsalben. 
Aotzungrn mit Argent. nitr. oder Clilorziuk, ln neuester Z<‘it kon- 
zonlrirte. flüssig«* Karbolsäure. (Il»id. Bd. 51.) 

YV ä 1 s c h l>e richtet über einen Fall von Lymphangioma 
cysticum circumscriptum cutis und bespricht im Anschluss daran ! 
die Entstehung dieser Neubildungen im Allgemeinen, wie auch in i 
dem speziell von ihm untersuchten Falle. Der letztere zeichnete | 
sich durch das YVachsthmn der angeborenen Neubildung aus, ühn- j 
lieh wie ein solches in dom früher von Freudweiler beobachte- ! 
teu Falle konstatlrt. werden konnte. Das Primäre bei der Ent¬ 
stehung dieser Geschwülste ist jedenfalls eine Wucherung der i 
Lymphgefiissendothelien. Für das spätere Wnchstbum kommen , 
alx*r auch heteroplastische Vorgänge ln Betracht, wie auch Stau¬ 
ung* Vorgänge. nicht, nur hinsichtlich des Rückflusses der Lymphe, 
sondern auch der venösen Bahnen. Einer Entstehung durch „seröse 
Transformation** ursprünglicher Hämangiome tritt YV ii 1 s c li auf 
Grund des histologischen und klinischen Befundes entgegen. , 
(Ilüd. Bd. 51.) 

Doutrelcpout berichtet über 2 Fälle von Pityriasis 
rubra (Hebra) welche beide geheilt wurden. Im zweiten Falle 
Rezidiv, über dessen Y'erlauf später berichtet werden soll. Die Be¬ 
handlung bestand In äusserer Anwendung von Salizylsalbeu und 
-Pudern uud innerer Verabreichung relativ hoher Dosen von Kar¬ 
bolsäure in Pillcuform nach dem \ r organge von Kaposi. Der 
histologische Befund entsprach demjenigen, den Jadassohn ln 
seiner Arbeit über P. r. festgestellt hatte. Eine Beziehung der 
P. r. zu Tuberkulose konnte D. in seinen Fällen nicht feststellen. 
(Ibid. Bd. 51.) 

Heber das Verhalten der Milz bei erworbener Syphilis hat 
ColoDibin i, der schon früher für die Regelmässigkeit des Vor¬ 
kommens einer Milzschwellung in der sekundären Periode der 
Syphilis eingetreten war. neue Untersuchungen angestellt, auf . 
deren Grund er zu dem Schlüsse gelangt, dass mau bei acqui- i 
rirtor Syphilis eine MUzvergrösserang ganz regelmässig findet, und 
zwar nur während der sogen, aktiven Periode der sekundären Er¬ 
scheinungen. Sie fehlt, so lauge nur der Primäraffekt allein 1 m*- 
steht. und tritt auf kurze Zeit vor Ausbruch der Allgemeinerschei- 
nungen, nimmt mit Zunahme der letzteren zu, um in den späteren 
Phasen der sekundären und in der tertiären Periode wieder zu 
schwinden. Milztumor und Lymphdrüsensehwelluogen siud bei der 
Syphilis durch die gleichen Ursachen erzeugt und haben die gleiche 
Bedeutung. Der Milztumor hält sich aber verhältnissmässig immer 
in engen Grenzen und geht unter der Behandlung gleicbmiissig 
mit den übrigen Erscheinungen zurück. (Ibid. Bd. 51.) 

Bett man u bringt eine Mittheilung über Hautaffektionen 
nach innerlichem Arsenikgebrauch, der durch das Zusammen¬ 
treffen verschiedener klinischer Symptome auf der Haut, welche 
säinmtlieh auf Arsen Wirkung zu beziehen sind. Interessirt. Es 
fand sieh bei einer wegen maligner Lymphome innerlich und sub¬ 
kutan mit Arsen behandelten Patientin ein wohlehnrakterisirter 
Herpes zoster ophthalmlcus dexter gangrnenosus. eine nicht 
gnippirte. an Variola erinnernde, über Rumpf und Extremitäten 
zerstreute Bläscheneruption, endlich eine ausgesprochen«* Ilyper- 
keratose der Handteller und Fusssohlcu. Man wird dem Y'erfnsser 
gerne beipflichten, wenn er in Vergleichung analoger Fälle von 
Rasch und ßazln zu dem Schlüsse kommt, «lass die Arsen- 
medikation als Ursache der verschiedenen hier in Szene getretenen 
Hautaffektionen anzusehen sein dürfte. Von diesen Verände¬ 
rungen ist Jedenfalls der generallsirte vesico-pustulöse Ausschlag 
als eine verhältnissmässig sehr seltene Form des Arsenexanthems 
zu betrachten. (Ibid. Bd. 51.) 

Aus der Strassburger Klinik für Hautkrankheiten bringen 
H ii g e 1 und Holzhäuser weitere Mittheilungen über 
Syphilisimpfungen am Thiere, als deren Resultat sieh ergibt, dass 
es gelang, bei einem weiblichen Schwein, welchem subkutan Blut 
ein*** Sekundär-Syphilitischen injizirt war. nach 14 Tagen Auf¬ 
treten indolenter Inguinaldrüsen. nach einem Monat vieileicnt 
Roseola, nach fi Wochen sicher ein grosses papulo-maculöses Syphi¬ 
lid zu erzeugen. F«*m«*r wurde bemerkt. «lass das Schwein im 
Wachsthnm zurürkblieb. Bei einem Elier. dem eine Sklerose ein- 
gen.'iht war. hnhon sie keine Erscheinungen Auftreten sehen. Das 
Schwein scheint sich somit, entgegen den bisherigen Anschauungen, 
gegen Syphilis nicht als refraktär zu erweisen. (Ibid. Bd. 51.i 


C. H o 11 m a u n studlrte die Histopathologie der Pityriasis 
rosea in verschiedenen Stadien der Erkrankung und gewann die 
UelKTzeugung, dass der Krankheitsprozess in «ler Kutis s«*ln«*u 
Anfang nimmt, und dass er erst später am die verschiedenen 
Schichten des Epithels ülwrgrelft. Seine Befunde stimmen tlieil- 
weis«* überein mit jeneu von Tandler uud L ö w e n b u e h. 
Details sind im Original einzusehen. Praktisch nicht unwichtig 
erscheint es mir. dass die bisher von Vielen bevorzugte Annahme, 
dass die Pityriasis rosea eine wesentlich epitheliale, oberflächlich«*, 
mykotische Afloktiou dann olle, nicht länger haltbar erscheint. 
(Ibid. Bd. 51.) 

Aus einem kurzen Beitrag Hügel'.*: Einiges über Bartho¬ 
linitis, entnehmen wir als praktisch b«*deutungsv<>ll (hei chroniseh- 
rezidivirender Bartholinitis führt nur die operative Entfernung der 
Drüse zur Heilung) die an der W o 1 f f'schen Klinik in Strassburg 
gebräuchliche Operationsmethode: Durch einen 1 -ö ein langen 
Schnitt in der Hautfalt«* zwischen grosser und kleiner Labic wird 
die Drüse freigelegt und mit einer starken gekrümmten Nadel (am 
Nadelhalter senkrecht) angespiesst. In dieser Weise angespiesst 
und vom Assistenten f«*stgehalteu. lässt siel« die Drüse nun leicht 
herausschälen. Anlegen von 2 —3 Nähten. Bei nicht sehr empfind¬ 
lichen Patientinnen genügt lokale Anästhesie. Auch das kos¬ 
metische Resultat, für die hier in Frage kommenden Patientinnen 
keineswegs unwichtig, ist dabei befriedigend. Bei varik«ös«»n und 
kongestiven Zuständen dürfte der zu befürchtenden Blutung halber 
di«* ältere Methode den Vorzug verdienen. (Ibid. Bd. 51.) 

Dem Aufsatz«* von S e h ii t z: Klinisches über Akne und den 
seborrhoischen Zustand, entn«*lunen wir. und man wird dem gern«* 
beistimmen, dass für die Entstehung der verschiedene*» Akne- 
formen nicht nur Parasitismus, sondern auch ein wohlvorbeiviteter 
Buden «*in«* wesentliche Roll«* spielt. In dieser Richtung legt Seit, 
den Hauptnachdnick auf eine ungenügende Ilerztliätigkeit und 
daraus ivsultir«*nd«*r schlechter Zirkulation innerhall) dt*s Haut 
Organes. Seine Ausführungen hinsiehtlieh dies«*s Punktes und 
seiner Bedeutung für di«* Aetiologie verschiedener Aknefonneii 
sind unseres Erachtens sehr hemerkenswerth. und setzen die un- 
gtmiigende Wirksamkeit r«*in lokal-therapeutischer Bemühungen 
hei der Akne in entsprechende Beleuchtung. Im ersten Th«*il d«*r 
Arbeit werden die früheren Anschauungen d«*s Autors über den 
..Status sehorrhoieus** und dess«*n Bedeutung für die Entstehung 
d«*r von ihm aufgestellten Aknetypen. Akne (juvenilis) descondens. 
Akne (rosaeen) centralis. Akne mulierum aseendens. r«*kapitullrt. 
(Ibid. Bd. 51.) 

Kreihich lH*sehreil>t eiuen Fall von Lupus erythema¬ 
todes mit multipler Karzinombildung. Eine Kombination dles«*r 
beiden Erkrankungen ist j«*denfalls höchst selten. Dicselb«* wir«! 
für «len vorliegenden Fall von Iv. keineswegs als eine rein zufällige 
betrachtet. Die Kar/.inomhildung war vielmehr auf chemlsch- 
entzündlieher Basis entstanden, insofern die Entzündung durch 
Oedem und Lockerung des Bindegew«*b« s die atypische Wucherung 
des Epitliels ermöglichte. (Ibid. Bd. 51.) 

Jordan l>erichtet über günstige Ergebnisse der Syphilis¬ 
behandlung mit dem Mercuriol genannten Quecksilberprii parat. 
«*im*r feinpulverigen, reinlichen Substanz." welche in Form der 
YV «* 1 a n <1 e r'schen Saekch«*nb«»handlung zur Anwendung kam. 
Die YY’irkung ist. wie auch hei der Mercoliutschurzheliandhiiig 
jedenfalls keine sehr intensive. Ihre Anwendung ist auf jene Fälle 
zu h«*sehr. : iuken. wo man einer milden Queoksilberbehandlung zu 
bedürfen glaubt. (Ibid. Bd. 51.) 

Auf Grand neuer experimenteller histologischer uud klinischer 
Untersuchungen über das Achorion Schönleini kommt Bakorskv 
zu dem Schlüsse, dass aus einem vorhergehenden, tliatsächlicheii 
erythematösen Stadium sich entweder ein Scutulum entwickelt, 
falls es auf der Haut zu keiner Reaktion gekommen, oder dass 
«*ine reaktive exsudative Entzündung zu Stand«* kommt, welche den 
Pilz eliminirt. Diese abweichenden Krankheitsbilder werden in¬ 
des.* keineswegs durch verschiedene Pilze hervorgerufen. Ein«* 
Umwandlung des herpetischen Stadiums iu das scutuläre erscheint 
nicht möglich, anderseits aber ist cs nie ausgeschlossen, dass an 
einer zunächst benachbarten Stelle, an der es zu keiner Entzün¬ 
dung gekommen ist, ein Seutulum entsteht. Bei intravenöser In¬ 
jektion des Pilzes entsteht bei Versuchsthiereu in den Lungen da* 
makroskopische Bild einer mykotischen Pseudotuberkulose, l-iir 
«len thierischeu Organismus ist das Aclioriou nicht toxisch, wirkt 
aber durch sein«* «piantltative Entwickelung, wodurch eine heftige 
Reaktion in wichtigen Organen erzielt wird. (Ibid. Bd. 51.) 

Zur Behandlung mittels Quecksilbersäckchen (Welander) 
und Mercolint äussert sich S c h u s t e r - Aachen in der YVeise, 
dass er dieser Beliandlungsweise, deren Vorzüge, was Bequeinllch- 
k«*it und Sauberkeit betriftt. in die Augen fallen, einen gewissen 
Ileilwerth keineswegs ahsprieht; «lie Hauptfrage aber, oh dies«* 
Behandlung ein«*» ausreichenden Ersatz liii die bis jetzt üblich«* 
Eiureihuugskur darstellt, glaubt er verneinen zu müssen. Auf 
Grund eines au sich selbst angt*st«*llten Versuches ist Sch. meines 
Erachtens sehr mit Recht in der Uelierzeugung. dass bei der YY'ir- 
kung der Einreihungskur. die Resorption durch die Haut von 
wesentlicher Bedeutung ist. bestärkt worden. Zur milden (Nach-* 
Behandlung aber, oder zur Unterstützung einer merkuriellen 
Friktionskur glaubt auch Sch. die Mercolintbehandluug zu weiteren 
Versuchen «*mpfehl«*n zu dürfen. Er verwendet speziell «li«* 
A a <• h «* n «* r F o r in des M(*rcolintschurz«*s ivmi B e 1 e r s - 
d o r f & (' «*., Hamburg), hei welch«*!* nicht nur ein Lappen auf der 
Brust, sond«*rn gleichzeitig ein zweit«*! - auf «lern Rücken ge(rag' -- i 


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MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


wird. Den Hauptwerth legt er dabei auf das Tragen des Schurzes 
bei Nacht in der Bettwünue. (Ibid. Bd. 51.) 

Gustav Paul berichtet iu einer interessanten Studie über 
die Aetiologie und Pathogenese der sogenannten generalisirten 
Vaccine über eine Keilie einschlägiger Beobachtungen, und spricht 
sich entschieden für eine strengere Scheidung der bisher unter dieser 
Kumulativbezeichnung zusammengefassten offenbar verschieden¬ 
artigen Impfkoiuplikatiom-n aus. Eine echte genernllsirte Vaccine 
ist etwas ganz anderes als die polymorphen erythematüsen Impf- 
exantheme. welche vielmehr den Arzneiexanthemen analoge Vor¬ 
gänge darstellen, und wieder etwas anderes sind die mit anderen 
Dermatosen, namentlich mit Ekzem kombiuirten und in letzterem 
Falle diffus wuchernden Vaceineformen. die eine rein lokale Haut- 
atfektion darstellen. Speziell benelitenswerth erscheint mir di<* 
praktisch wichtige Forderung, dass mit Ekzem Itehaftote Kinder, 
namentlich, wenn dassell>e iiiH*r grössere Hautflächen ausgebreitet 
ist, von der Impfung so lange ausgeschlossen werden sollen, bis 
das Ekzem völlig geheilt ist. (Ibid. Bd. 52.) 

S o m m e r f e 1 d berichtet aus der Prager Klinik (Prof. P i c ki 
über therapeutische Versuche mit einem neuen Jodeiweisspräparat 
„Jodoien“, das sich bei äusserer Anwendung als ein gutes, reizloses 
Antiseptikum bewährte. Dagegen ist es bei innerer Anwendung 
nicht das Mittel, die Jodulkaiicn von ihrer herrschenden Stellung 
in der Therapie der Syphilis zu verdrängen. Bei guter resorptiver 
Fähigkeit mangelt ihm die sichere und prompte Wirkung jener. 
Es ruft gleich jenen Erscheinungen von Intoxikation und Jodismus 
hervor. (Ibid. Bd. 52.) 

A. Lanz bestreitet auf Grund persönlicher Untersuchungen 
die Richtigkeit der von Po d res und Drohn v geäusserten Be¬ 
hauptung über einen prognostischen und therapeutischen Werth 
des Nachweises der Lagerung der Gonokokken im Trippersekret. 
Die extra- oder intracelluläre Anordnung der Gonokokken im Sekret 
hängt hauptsächlich von der Art der Gerinnung ab. Wird das 
Sekret durch stärkeres Ausdrücken gewonnen, so erhält man stets 
extracelluläre Gruppen. In dieser Lagerung kann daher in kener 
Weise eine Kontraindikation für eine lokale Behandlung d^s 
Trippers erblickt werden. (Ibid. Bd. 52.) 

In einer kurzen Arbeit: Beitrag zur Therapie und Aetiologie 
des Lichen chronicus circumscriptus hypertrophicus (Lichen 
ruber verrucosus, Lichen corneus), spricht Schütz seine 
Zweifel darüber aus. dass alle unter dieser Bezeichnung laufenden 
Fälle dem Lichen ruber planus zuzurechnen seien und meint, dass 
in seltenen Fällen eine aus lokalem Pruritus hervorgegangene 
Neurodermitis circumscripta (V i d a 1. Brocq. To u ton) zu 
ähnlichen verrukösen Infiltraten Veranlassung geben könne. Wie 
aber auch immer diese Frage entschieden werde, sicher sei diese 
Form des Lichen eine der hartnäckigsten, oft einer Behandlung so 
wenig zugänglich, dass manche Autoren (Joseph) direkt zur chi¬ 
rurgischen Behandlung. Exzision, gerathen haben. Schütz hat 
nun in 4 Fällen mit gutem Erfolge die Aetzwirkung des Queek- 
silberarson-Pflastermulls No. IS ln solchen Fällen erprobt. Die In¬ 
filtrate gangränesziren. die Defekte*, wie mit einem Locheisen aus 
gestanzt, heilen unter Blei- oder Borpflastermull. Diese Behand¬ 
lung nimmt immer 5—<> Wochen In Anspruch. (Ibid. Bd. 52.) 

In einer wesentlich histologischen Arbeit Iluber’s. welche 
sich mit einem Falle beschäftigt, in welchem gleichzeitig die Ver¬ 
änderungen der Atrophia cutis idiopathica diffusa progTessiva 
und diejenigen der senilen Hautatrophie studirt werden konnten. 
ergal>en sich sehr wesentliche Differenzen in dem mikro¬ 
skopischen Bilde iM'ider Formen von Hautatrophle. Von grossem 
Interesse sind dagegen die auffallenden Aehnlichkeiten in den 
Präparaten von idiopathischer Hautatrophie einerseits, und jener, 
die von atrophischen Hautstellen nach Epidennolysis horeditarla 
bullosa stammten. (Ibid. Bd. 52.) 

P i n 1 tlieilt einen Fall von Bromoderma fungoides nodosum 
mit. Die Entstehung dieser heftigen Angiodermitis. welche histo¬ 
logisch als akutes Granulom nufzufassen ist. erklärt sich nach der 
Ansicht des Verfassers als bedingt durch einen angioplilogistischen 
Reiz, welcher durch das Bromsalz selbst in den Hautgefiissen ver¬ 
ursacht wird. Sofort nach dem Aussetzen des Mittels bildet siel« 
die Hantaffektion zurück. Eine Vermittlung des Nervensystems 
erscheint für die Entstellung d»*s Broinexanthems nicht nötliig. 
Auch wurden diese knotigen Formen des Bromausschlags als frei 
von Mikroorganismen befunden. (Ibid. Bd. 52.) 

Auf Grund einschlägiger Beobachtungen kommt A. Alexan¬ 
der zu dem Schlüsse, dass die Krätze der Hausthiere (und auch 
der wilden Thiere. wenn solche ln Berührung mit Menschen 
kommen) soweit sie durch eine Sarkoptesart hervorgebracht wird, 
auch auf den Menschen übertragbar ist. Die Erkran¬ 
kung hat eiuen leichten Verlauf, dauert meist nicht über 6 bis 
S Wochen, erlischt spontan und ist durch antiparasitiire Mittel 
schnell zu beeinflussen. Bestimmte Lieblingssitze lassen sich 
nicht nennen, die Prädilektionsstellen der menschlichen Skabies 
bleiben oft verschont, typische Gänge fehlen meist und der Nach¬ 
weis von Milben auf der Haut ist nicht leicht zu erbringen. (Ibid. 
Bd. 52.) 

L. G 1 ii <• k. dem die Lepraforschung schon manche neue That- 
sachen verdankt, hat sich neuerdings mit der Klinik der Lepra 
des männlichen Geschlechtsapparates befasst. Nach seiner Er¬ 
fahrung verursacht die Lepra tuberosa und tnbero-anaesthetien 
nahezu regelmässig i!»5 l’roz.) Veränderungen der Sexualorgane: 
Infnntillsmus des Genilalnpparates. wenn die Lepra vor oder ln der 
Pubertät aufgetreten ist: bei geseblcchtsreifen Männern Atrophie 
des Ilodons und Impotenz. Am filiede wie am Skrotum lokalisirt 


No. 7. 


sich die Lepra in Form von Knoten und Infiltraten, zur UlcenUJou 
kommt es selten. Auch in den Testikeln kommen charakteristische 
Kuotenbildungeu vor. Die häutigste Veränderung aber ist die 
Epididymitis leprosa (07 Proz. aller Beobachtungen). Meist doppel 
seitig tritt sie als chronische Erkrankung nicht selten schon im 
ersten Krankheitsjahre auf. Deferentitis leprosa dagegen ist 
selten. (Ibid. Bd. 52.) 

Portes berichtet über eiuen neuen Fall von Dermatitis 
papillaris mit histologischer Untersuchung. Speziell das Ergebnis 
der letzteren lässt es ihm als zweifelhaft erscheinen, ob diese Er 
krunkung die ihr von Kaposi zugewiesene Sonderstellung ver 
dient, oder ob nicht überhaupt jede chronische Entzündung, speziell 
am Kopf und seinen Haargrenzen, in letzter Linie zu papillären 
Wucherungen Anlass gel>en kann. Vielleicht könnte man an 
nehmen, dass auch ätiologisch verschiedene Prozesse in Abhängig 
keit von dein speziellen anatomisch-physiologischen Ban der Haui 
stelle, an der sie sich lokalisiren. den gleichen Endausgang nehmen 
Dabei bleibt allerdings wieder das Wesen dieser anatomiseh-pby«l<> 
logisrhen Eigentümlichkeiten durchaus dunkel. (Ibid. Bd. 52.» 

"Heber den Ausfall der regionären Lymphdrüsenschwellung 
nach Exzision des syphilitischen Primäraffektes hat Matzen 
a u e r auf Grund klinischer Erfahrungen theoretische Erwägung?!: 
angestellt, deren Resumf* wir folgende Sätze entnehmen: Die vor 
Ausbruch des Exanthems bei bereits manifestem Primäraffekt b- 
stellende Immunität des Körpers gegen eine neue Infektion beruh! 
auf derWirkung der Syphilistoxine. Es besteht daher vor Ansbruch 
des Exanthems wohl eine Allgemeinintoxikation (durch Toxine) 
nicht aber eine Allgemeininfektion (durch die Syphiliserreger). Er 
hält daher an der Möglichkeit fest, durch radikale Exstirpation 
der bereits inlizirten Lymphbezirke die Allgemelninfektlon zu ver¬ 
hindern. Jedenfalls bleibt die sonst fast pathognomonische regio 
niiro Lyniphdrtisonsehwellung aus, wenn man den Primfiraffekt ex 
zidirt, bevor jene sich entwickelt hat. (Ibid. Bd. 52.) 

Nachdem W ä 1 s c li vor Kurzem über Bakterienbefunde bei 
Pemphigus vegetans berichtet hatte, kommt er in einer zweiteu 
Arbeit neuerdings auf diesen Gegenstand zu sprechen. In einem 
zweiten Falle ergab die bakteriologische Untersuchung bezüglich 
des Blascninhnltcs. sowie bezüglich des aus der Armvene aspirirten 
Blutes den gleichen Befund: einen zur Gruppe der Pseudodiphtherie 
bazillen gehörigen Mikroorganismus. Dieser Befund ist gewiss 
weiterer Nachprüfung werth. um so mehr, als wir dadurch doch 
vielleicht zu einer ätiologischen Therapie gelangen werden gegen 
über einer Erkrankung, der wir bisher so gut wie machtlos gegen¬ 
über standen. (Ibid. Bd. 52.) 

W. P. Juratscheff erzielte gute Erfolge bei der Behand¬ 
lung der Gonorrhoe durch Ausspülungen vermittels eines neuen 
rückläufigen Katheters init seitlichen Rinnen (angefertigt von ln 
struraentenmacher S c h a p 1 i g I n, St. Petersburg, Erbsenstr. 4!". 
Es kamen die üblichen Lösungen von übermangansaurem Kali. 
Argent. nitr.. Sublimat zur Verwendung. Ara besten eignen sich 
zur Spülbehandlung schwache Lösungen von Kalipermangauai 
1:40(10. 4(i“ <*.). (Ibid. Bd. 52.» 

Aus den von F i s c li e 1 mitgetheilten klinischen Beobach¬ 
tungen über den Heilwerth des Jodipin lässt sich entnehmen. das> 
in solchen Fällen, wo das Jodkali unzuverlässig genommen wird 
oder eine Jodkaliaufnahme aus irgend einem Grunde per os nicht 
möglich ist. die subkutane Anwendung des Jodipins empfehleos- 
werth erscheint. Auch für die Behandlung der Arteriosklerose. 
1m*1 der nur protraliirte J-Na-Darrelchung von Nutzen ist. könnten 
grosse subkutane Dosen von Jodipin herangezogen werden. Des» 
gleichen Hesse sich die Thatsache des Uebergangs von Jodipin in 
die Milch für die Therapie der hereditären Lues verwenden. (Ibid. 
Band 53.) 

Th. Marschalk 6 berichtet über neue, mit den inifere- 
technischen und Tinktlonsmethoden ApÄthy’s vorgenommenc 
histologische Untersuchungen eines Falles von Bhinoaklerom 
Den Schlussfolgerungen sei entnommen, dass ausser den bekannten 
Rhinosklerombakterien auch die M i k u 1 i c z’schen Zellen spezi¬ 
fische Elemente des Rhinoskleroms sind. Dieselben sind Binde¬ 
gewebszellen. welche in Folge der Einwirkung der Bakterien de< 
•Rhinoskleroms eine eigene Degeneration eingehen. die sehr gross? 
Aehnlichkeit mit der einer Leprazelle aufweist. In Jeder Miku- 
1 i c z’schen Zelle lassen sich wenigstens im Anfangsstadium der 
Degeneration charakteristische Bazillen gruppenweise in einer 
Gloea eingebettet, nachweisen. Eine einzige M I k u 11 c z’sche Zelle 
enthält oft 5—0 und noch mehr solche Gloeas, wobei der Zellleib 
mehr und mehr aufgebläht wird. Schliesslich springt die Zell- 
.mombrnn und die Bazillen ergiessen sich frei in’s Gewebe. Doch 
ist anzunehmen, dass ein Theil der Bazillen schon ursprünglich 
in den Lyniphgefässen sich etablirt hatte, so dass beim Rhino- 
skleroin die Lymphgefässerkmnkung das Primäre ist. (Ibid. Bd. 53.' 

Die Sarkome der Haut und die sarkoiden Geschwülste sind 
ein Gebiet der Hautpathologie, welches weiterer Erforschung und 
Aufklärung noch sehr bedürftig Ist. Aus diesem Grunde sind dl 1 * 
histologisch genau untersuchten Fälle, welche Fendt und in einer 
zweiten Arbeit Iwanoff mittheilen, sehr instruktiv. In beiden 
liier mitgetheilten Beobachtungen sprach Manches für eine infek¬ 
tiöse Natur des Prozess<*s. wenn es auch keinem der beiden Verf. 
gelungen ist, den positiven Nachweis in dieser Richtung zu bringen. 
Soviel dürfte aber schon jetzt mit positiver Sicherheit angenommen 
werden, dass die verschiedenen Gruppen, welche noch heute unter 
deniGosamintbegrifr ..Hautsarkomatose“ zusammengefaaet werden, 
keine einheitliche Erkrankung darstellen. Speziell ist der nur bei 


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18. Februar 1902. 


MTJENOHENEIt MEDIOINI8CHE WOCHENSCHRIFT. 


297 


den „sarkoiden Geschwülsten“ so günstige Einfluss der Arsen- 
lR‘handlung beaohtenswerth. (Ibid. Bd. 53.) 

Ueber das Wesen der sogen. „Angioneurosen“ der Haut 
iiuBsert Török Anschauungen, in welchen er seine völlige Ueber- 
einstimmig mit Phillipson und Jadassohn dokumentirt: 
Alle jene Merkmale, auf Grund derer man bestimmte Hautver¬ 
änderungen (Erythema multiforme, nodosum. Urticaria) als augio- 
neurotische von den entzündlichen unterschied, können einer ein¬ 
gehenden Kritik nicht Stand halten. Eine genaue Untersuchung 
der Hautveränderungen der Urticaria, des Erythema multiforme 
und Erythema nodosum führt dazu, dieselben als einfache Ent¬ 
zündungen aufzufassen. (Ibid. Bd. 53.) 

In einer sehr exakt durchgeführten Arbeit über das Haem- 
angioendothelioma tuberosum multiplex gibt Wolters die 
Krankengeschichte und histologische Beschreibung eines ein¬ 
schlägigen Falles und bekämpft u. E. mit Erfolg die von Kaposi, 
Jacqnet und Darier u. A. gegebenen Deutungen des histo¬ 
logischen Befundes. Seiner Meinung nach handelt es sich bei 
diesen benignen eruptiven Neubildungen um wahre Endotheliome, 
ausgehend von den Endothelien der Blut- und Lymphgefässe oder 
der Lymphbahnen. Im Gegensätze dazu konnte er in einem zweiten 
Kalle den Ausgangspunkt ähnlich aussehender Neubildungen mul¬ 
tipler Art von der Adventitia der Gefässe naehweisen und 
l>ezeiehnet diese als Ilämangiosarkom (resp. Lymphangio- 
snrkomt. (Ibid. Bd. 53.) 

In einer Abhandlung: Zur Anatomie der Skabies nebst Bei¬ 
trag zur Histologie der Hornschicht, bestätigt Schlscha die 
schon von Török 1889 festgestellte Thatsache. dass der Milben¬ 
gang nur in der Hornschicht der Epidermis liegt, und keineswegs, 
wie bisher angenommen, bis ln das saftreiche Bete Malpighii vor¬ 
dringt. An solchen Stellen, wo nur eine dünne Hornschicht vor¬ 
handen. dringt die Milbe wohl bis in das Rete vor. Doch folgt 
diesem Vordringen sofort die Verhornung der nächstliegenden Rete¬ 
zellen auf dem Fusse. Die Bildung der entzündlichen Knoten an 
Stellen mit dünnerer Hornschicht (Penis, kindliche Haut) scheint 
die Folge des Eindringens der Milbe in das Rete und der dadurch 
hervorgerufenen intensiven Reizung des Rete und der Papillar- 
schicht zu sein. Osmiumsäure färbt auch die mittlere Hornschicht, 
wenn Verhältnisse gegeben sind, welche das Eindringen der 
Osmiumsäure in die tieferen Lagen begünstigen. (Ibid. Bd. 53.) 

J. Neumann theilt die kurzen Krankengeschichten und aus¬ 
führlich die genauen histologischen Detailbefunde von zwei von 
ihm beobachteten Fällen von Syringokystom mit. Aus seinen Be¬ 
funden würde sich nach Ansicht des Autors mit voller Bestimmt¬ 
heit ergeben, dass das Wesen dieser höchst seltenen Hauterkrankung 
auf einer Affektion der Schweissdrüsenausfiihningsgiinge theils 
ohne theils mit Betheiligung der Drüsenknäuel und anderer Gebilde 
bezw. Texturelemente der Haut beruht. Wenn auch noch manche 
Tunkte hinsichtlich der Entstehung des Leidens der Aufklärung 
bedürfen, so sei doch wenigstens ein typisches Krankheitsbild ge¬ 
geben und fortan dem Fachmann aus den klinischen Erscheinungen 
allein per exclnsionem die Stellung einer Diagnose ermöglicht. 
(Dem Referenten erscheint trotzdem die Sache noch nicht völlig 
geklärt und auch auf Grund der heigegebenen Tafeln die Annahme 
einer Ilaeraangioendothelioma tuberos. multiplex (Wolters» 
nicht auszuschllessen.) (Ibid. Bd. 54.) 

(Schluss folgt.) 

Inaugural-Dissertationen. 

Universität Leipzig. Wintersemester 1900/1901. 

1. A1 i c k e Philipp: Sarkoma uteri. 

2. Atenstädt Rudolf: Ueber Thrombose der Veua cava in¬ 
ferior. 

3. G e o r g i Curt: Ueber den Einfluss der Reaktion auf die Augen¬ 
stellung. 

4. Kaufmann Heinrich: Beiträge zur Kasuistik der Gelenk¬ 
affektionen bei Typhus abdominalis. 

5. Michaelis Wilhelm: Ueber kongenitale Pulmonalstcuose. 
0. Winkler Otto: Beitrag zur Lehre der Klumphand. 

7. Huwald Georg: Ein Fall von Chorea chronica nach zerebraler 
Kinderlähmung. 

8. Kerber Richard: Ueber die Dauererfolge der Laparotomie 
bei Peritonitis tubereulosa. 

9. K 1 a r e Ernst: Ueber Sehnenplastik und Sehnentransplantation. 

10. I, o e 1 e Walter: Versuche über den Einfluss des Alkohol auf 
Fremdkörperentzündungen. 

11. Lorenz Martin: Scabies Norwegica. 

12. Wild Walther: Ueber Melaena neonatorum. 

13. Kahnert Paul: Ueber den Befund von virulenten Diphtherie¬ 
bazillen bei Fällen von chronischer Rbino-Pharyngitis. 

14. Kamprad Hugo: Ein Fall von multipler Sklerose mit ganz 
besonderem Hervortwlen der Bulbärsymptonie. 

15. Korn Edgar: Ueber sekundäre septische Infektionen bei 
Typhus abdominalis. 

10. Meyer Nathan: Karzinom und eitrige Thrombose des Ductus 
thoracicus als Beitrag zur Frage des „retrograden Transportes“. 

17. Schauer Arthur: Beitrag zum Kapitel der Extrauterin¬ 
schwangerschaft auf Grund des in der Leipziger Univorsitüts- 
Franenklinik gefundenen 13y 2 jährigen Materials (vom 1. April 
1887 bis 1. Oktober 1900). 

18. Z u p i t z a Maximilinn: Die Ergebnisse der Pestexpedition 
nach Ivisiba am Westufer des Viktorinsees 1897—1898. 

19. Fleischer Fritz: Ueber Beckenfrakturen. 


20. Iv i w i Rudolf: Entwicklung der Indikationen und Operations¬ 
verfahren 1x4 Retroversioflexio uteri (1884—1898). 

21. K1 e m m Alfred: Ueber die verschiedenen Methoden der 
Händedeslnfektion. 

22. Luther Georg: Ueber melnnotisclie Geschwülste (mit Aus¬ 
schluss der Geschwülste der Orbita). 

23. R ö b e 1 Carl: Beitrag zur traumatischen Genese des „schnellen¬ 
den Fingers“. 

24. Schulze Friedrich: Ein Fall von Spontanfraktur bei Tabes 
dorsalis. 

25. Breitung Carl: Ueber Blasenmole und malignes Dcclduom. 

20. Ha herb auf fe Fritz: Ueber Bartholinitis, mit besonderer 

Berücksichtigung zweier Fälle von Lungenembolie nach Ex¬ 
stirpation der Drüse. 

27. Hergens Hugo: Ein Beitrag zur Frage der Spondylitis trau¬ 
matica. 

28. Hevse Hermann: Anomalien der Choanen und des Cavum 
pharyngo-nasale. 

29. J u f t Johannes: Ueber die operative Behandlung der tuberku¬ 
lösen Spondylit is. 

30. Meiner tz Joseph: Beiträge zur Kasuistik symptomlos ver¬ 
laufener Gehimerkrankungen. 

31. Fleischer Richard: Ein Fall von plötzlichem Exitus nach 
Applikation einer Sall>e auf die ganze Körperoberflüche. 

32. Jacob Leopold: Das Melanosarkom der Nase. 

33. Magdeburg Wilhelm: Dlplegia infantills cerebralis cum 
athetosi dupl. Ein Beitrag zur Kasuistik der L 1111 e'schen 
Krankheit. 

34. Sehroed er Friedrich: Zwei Fälle von Cystenniere. 

35. Styczynski Vincent: Die Buuchfelltul>erkulose und ihre 
absolute Heilbarkeit, nebst Beiträgen. 

30. Wolter Hermann: Uel>er den Krebs der Nasenhöhle. 

37. Braun Erich: Die Versorgung der Säuglinge mit Milch in 
Kiuderkrankenliä usern. 

38. Panko w Otto: Ueber den angeborenen, insbesondere beider¬ 
seitigen Hochsland der Skapula. 

i 39. S c h i n d o w s k 1 Hans Otto: Ein Beitrag zur Frage über die 
Enteisenung eisenhaltigen Grundwassers. 

40. Heinrich Viktor: Beitrag zur Begutachtung von Unfall¬ 
verletzten, mit liegenderer Berücksichtigung von Fuss- 
verletzungen. 

41. Hem pol Carl: Ein Beitrag zur Pathologie der Glandula 
pinea lis. 

42. Kohlfeld Arwed: Uelier das Myomn uteri und seine sar¬ 
koma böse Degeneration. 

43. König Franz: Ueber Jejunostomie. 

44. Michael Otto: Zur Frage der Betheiligung des Blutgefäss- 
Systems am Aufbau interstitieller Nervengeschwülste (diffuses 
Karzinom des Nerv, suralis). 

45. Thiess Friedrich: Beiträge zur Perkussion des Warzenfort¬ 
satzes. * 

40. Ciesielski Franz: Klinische Untersuchungen über Eugu- 
form. 

47. F leger Paul: Beitrag zur Kasuistik der Syringomyelie, und 
über die 1x4 dieser Krankheit vorkommenden Hautstörungen. 

48. F rö 11 e h Wilhelm: Ueber allgemeine progressive Paralyse der 
Irren vor Abschluss der körperlichen Entwicklung. 

49. Noeggerath Carl Immermnnn: Das Verhalten unmittelbar 
der Luft entstammender Keimformen in frischen Thierwunden 
(Beitrag zur chirurgischen Bedeutung der Luftinfektion). 

50. Schlesinger Hugo: Zur Lehre von der Paranephritis. 
Drei Fälle von Paranephritis nach Gonorrhoe. 

51. Schreiber Wilhelm: Ein operativ entferntes Lithopädion. 

52. Bauer Curt: Ueber die Todesursache nach ausgedehnten Ver¬ 
brennungen. 

53. Heller Carl: lieber einen Fall reiner Gonokokkencystitis. 
komplizirt durch heftige Blasenbildungen. 

54. Hübner Hans: Uelier Hautemphysem bei Phthise. 

55. Sternb erg Leopold: Beiträge zur Kasuistik der Bleilähmung 
im Gebiete des N. radialis. 

50. Block Adalbert: Beiträge zur Geschichte und Literatur der 
Augenheilkunde im Mittelalter, unter besonderer Berücksichti¬ 
gung der Augenheilkunde des Alkoatim (11591. 

57. F uchs Hubert: Behandlung der Nabelbrüche bei Kindern und 
Erwachsenen. 

58. Konieezny Sigismund: Nephrotomie. Ein Beitrag zur 
Kasuistik der chirurgischen Behandlung der Nierensteine. 

59. Lenezner Salomon: Uelier den Einfluss von Herzkrank¬ 
heiten auf den Ausgang der croupösen Pneumonie. 

00. Nicolai Georg: Ueber die Fortpflanzungsgeschwindigkeit dos 
Nervonprinzips. Untersuchungen an mark losen Riechnerven 
des Hechts. 

01. Tausch Hans: Die Einwirkungen des Höhenklimas auf das 
Blut: eine Betrachtung der von den Autoren angegebenen Be¬ 
funde und darauf aufgebauten Theorien. 

<52. Thonisohko Johannes: Extrauterinschwangerschaft mit 
Steinkindbildung. 

03. Glas e r Adolf: Uelx>r Kolpoperineorrhaphie. Eine historische 
Studie und Beschreibung einer neuen Modifikation und Aus¬ 
führung derselben. 

04. G roh mann Adolf: Ein Fall von Hirntumor. 

05. II o f f in a n n William: Beitrag zur Lehre von den Urellual- 
divertikeln beim Weibe. 



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298 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


66. v. Rutkowski Walter: Zwei Fälle von Poliomyelitis 
chronica anterior bei Erwachsenen. 

67. Viereck Heinrich: Die Unterbindung der Vena jugularis bei 
der operativen Behandlung der Thrombose des Sinus trans¬ 
versa». 

68. Zulauf Carl: Die Ilöhlenbildung im Symphysenknorpel. 

69. Oberkirch Alfred: Ueber einen Fall von arteriomesen- 
terialem Darmverschlus». 

70. Bockner Benno: Zur Behandlung der akuten Mittelolireitc- 
rung. 

71. Boethke Erich: Ueber das Auftreten von Gumma Im 
Rückenmark. 

72. Helm städt Emil: Die Behandlung der Epilepsie nach 
Toulouse und R i c h e t. 

73. Jahn Rudolf: Ueber Fremdkörper in den tiefsten Partien des 
Oesophagus. 

74. Lob eck Julius: Beitrag zur Kenntnis» der diffusen Sarkome 
der Pia mater. 

75. Sieger t Felix: Haematometra im verschlossenen Nebenhorn 
des Uterus. 

76. W i 1 d e i s Curt: Ueber Corpus luteum-Abszesse. 

77. M orse William: Ein Fall von Hydronephrose durch sekundäre 
Nephrektomie geheilt. 

Vereins- und Congressberichte. 

Berliner medicinische Gesellschaft 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 12. Februar 1902. 

Tagesordnung: 

Schluss der Diskussion zum Vorträge des Herrn 

Kossmann: Ueber Indikation und Recht zur Tödtung des 
Fötus. 

Herr Kossmann (Schlusswort): Der Ihm gemachte Vor¬ 
wurf, dass die Statistik des John Hopkins-Hospitals auf die Ver¬ 
hältnisse der Privatpraxis nicht anwendbar sei. treffe ihn nicht, 
da er diese Statistik nur beiläufig erwähnt, seine Ansicht aber 
auf die Statistik Zweifel’.» gegründet habe, der auch poli¬ 
klinisches Material verwerthet habe. Diese letztere ergab 
denn auch dieselben Zahlen, wie diejenige dos Herrn B. W o 1 f f 
aus der Charite-Poliklinik, nämlich ca. 6 Proz. Mortalität bei der 
Krnniotomie. Die Symphyseotoruie, auf welche Herr Freund 
hingewiesen, verlange noch mehr als der Kaiserschnitt geschulte 
Assistenz und gute Verhältnisse. Die Fälle des Herrn Bruno 
W o 1 f f sprächen im Uebrigen mehr für seine eigene Auffassung: 
denn in 2 Fällen mit schon eingetretener Uterasruptur sei eben die 
Kraniotomie kaum am Platze gewesen, sondern gerade der Kaiser¬ 
schnitt bezw. die Porr o'sche Oi>eration. Es würde sich schwer¬ 
lich ein Gutachter finden, der In diesen Fällen die Kraniotomie 
als den einzig möglichen Weg zur Rettung der Mütter (die ja beide 
starben» bezeichnen würde. Die Folge, die daraus für den be¬ 
treffenden Arzt eventuell entstehen könnte, wäre Verurtheilung 
wegen Mordes (?!). Dieser Umstand beleuchte aber ganz grell die 
Unsicherheit der Rechtslage. Es sei in der That eine 
Lücke im Gesetz vorhanden, die von den Kommentatoren zwar 
einigermaassen ausgefüllt würde; doch seien deren Ansichten nicht 
übereinstimmend. Noch weniger stimmten die ärztlichen Autori¬ 
täten (Hierein: Maragliano z. B. halte den Abort für erlaubt 
bei jeder tuberkulösen Mutter, nicht nur zur Rettung der Mutter, 
sondern auch um die Geburt eines tuberkulösen Individuums zu 
verhindern; J o 11 y halte den gleichen Eingriff für statthaft, wenn 
Gefahr bestehe, dass die melancholisch-erkrankte Mutter wegen 
ungenügender Bewachung Selbstmord begehe. Auf der entgegen¬ 
gesetzten Seite stehe P i n a r d. der unter keinen Um¬ 
ständen die Tödtung eines Fötus für erlaubt halte, und es für 
statthaft ansehe, die Mutter sogar gegen Ihren Willen durch 
Kaiserschnitt zu entbinden. Zwischen diesen Extremen liegen die 
vielen anderen Auffassungen und eine ganz subjektive eigene habe 
er Vorbringen wollen. 

Herr Schaffer: Ueber Alkoholdesinfektion der Hände. 

Auf Grund nochmaliger eingehender Versuche mit dem 
Kulturverfahren kommt Sch. zum Resultate, dass die 
Heisswasser-Alkoholdesinfektion noch immer 
die besten Resultate gebe. (Also überheissos Wasser und Schmier¬ 
seife für 5 Minuten; Alkohol, möglichst hoch konzentrirt, 3 bis 
5 Minuten.) 

Diskussion: Herr B 1 u in b e r g: Meine mit Herrn 
K r ö n i g gemeinsam unternommenen Versuche, welche nicht d i e 
Zahl der auf der Hand gebliebenen Keime, sondern ihre Viru¬ 
lenz (Uebertragung von Tetragenus auf Mäuse) als Prüfstein 
nahmen, haben ergeben, dass die beste Desinfektion 
diejenige mit Sublamin, dem Q-uecksilber- 
üthyleudlamin, sei. 

Herr Fürbringer: Trotz aller Anfechtungen habe sich die 
von ihm vor 15 Jahren angegebene Alkoholdesinfektion, mit nach¬ 
folgendem Desinfiziens, noch immer am besten bewährt. 

Herr Schaffer: Die Prüfung der Virulenz im Sinne 
Krön! g’s, Paul und Sarwey’s sei unzweckmässig, denn 
es handle sich nicht um Tetragenus und Maus, sondern um 


Staphylokokken bezw. Streptokokken und Mensch. Ein Mittel zur 
Prüfung dieser Virulenz gebe es nicht, darum sei die Prüfung der 
Zahl der Keime vorläufig das beste Verfahren, um einen an¬ 
nähernden Schluss zu gestatten. Hans K o hn. 


Aerztlicher Bezirksverein zu Erlangen. 

(Bericht des Vereins.) 

Sitzung vom 28. Januar 1902. 

1. Neuwahl des Vorstands. 

II. Vortrag des Herrn v. Kryger mit Demonstrationen. 

Vortragender berichtet 1. Uber einen Fall von Dannverschluss 

durch ein M e c k e l’sclies Divertikel bedingt. Ein 5 jähriger 
Knnbe erkrankte unmittelbar im Anschluss an einen Fall auf den 
Unterleib mit heftigen Schmerzen in der Nabelgegend, Erbrechen, 
zunehmendem Meteorismus. 40 Stunden nach der Verletzung 
Laparotomie. Reichlicher Erguss stark blutig-seröser Flüssigkeit 
In der rechten Bauchseite lag eine klein-faustgrosse, walzenförmige, 
schwarze Geschwulst, prall gespannt, mit der Umgebung ver- 
lötliet, die sich nach dem Auseinanderlegen der Theile als ein 
Divertikel des oberen Ileum dnrstellte. Von der freien Kuppe 
spannte sich ein federkieldicker Strang über eine von links nach 
rechts gedrehte Dünndarmschlinge, die übrigens nicht viel ver¬ 
ändert. war, hin zum Mesenterium der Abgangsstelle am Ileum. 
Der Stiel des Divertikels war zusammengedreht, grau-gelblich ge¬ 
färbt. straff gespannt über die unteren Ileumschlingen. Diese 
waren kupfrig gefärbt, die Serosa sammetartig, durch Fibrin ver¬ 
klebt vom Coekum bis zum Abgang des Divertikels, etwa 40 cm 
oberhalb des Coekums. Hier war offenbar der Darm verschlossen. 
Das Divertikel wurde mit dem entsprechenden üeumsttick re- 
sezirt. Tod nach 5 Tagen an Erschöpfung. 

2. Demonstration eines Gehirnabszesses im rechten Stirn¬ 
lappen. Nach einer Schussverletzung (Juni 1901) hatte sich eine 
Eiterung entwickelt, die durch Trepanation des Stirnbeins im 
August beseitigt wurde, ohne dass das Projektil entfernt werden 
konnte. Im Januar 1902 Verschlechterung des Zustandes (Kopf¬ 
schmerz, Schwindel), plötzlich eintretende Bewusstlosigkeit führte 
schnell zum Tode. Ein taubeneigrosser Abszess, in dessen Wan¬ 
dung nach vorn hin noch das Geschoss steckte, war in die Ven¬ 
trikel durchgebrochen. Ausserdem lag an der Basis, ln der 
Brückengegend, noch ein dickes eitriges Exsudat. 

3. Bericht über einen otitischen Gehirnabszess. Ein Junger 
Mann, der seit Jahren Eiterungen aus dem rechten Ohr hat, er¬ 
krankte plötzlich mit sehr hohem Fieber, Schmerzen im Hinter¬ 
kopf, aber nur bei Bewegungen, nie beim Beklopfen. Am dritten 
Tage motorische Lähmung des linken Beins. Parese des linken 
Arms. Das Sensorium war stets frei. Bei der Operation. Frei¬ 
legung dos Felsenbeins nach Bergmann, wurde etwa ein Ess¬ 
löffel stinkenden Eiters entleert, der zwischen Dura und dem 
Knochen hervorquoll. Der Knochen war rauh, das Tegmen tym- 
pani durchlöchert. Elienso war Eiter im knöchernen Gehörgang 
und im Proc. mastoideus. Punktion der Gehirnsubstanz ergab 
nirgends sonst einen Eiterherd. Nach vorübergehender Besserung 
erfolgte der Tod am 3. Tage nach der Operation. 

Die Sektion ergab sehr reichlich eitrigen Belag der rechten 
Konvexität, im rechten Schläfenlappen eine kastaniengrosse leere 
Ilöhle mit unbelegter, dicker Wandung, die durch ein etwa erbsen¬ 
grosses Loch in der Dura, genau entsprechend dem Defekt im 
Tegmen tympani, ln unmittelbarer Verbindung mit der Ohreite¬ 
rung stand. Hinweis auf die Schwierigkeit der Diagnose und den 
Vortheil des B e r g m a n n’schen Verfahrens, um derartige Eiter¬ 
herde zu erreichen. 

III. Herr Bischoff spricht über die verschiedenen ärzt¬ 
lichen und privaten Versicherungskassen. 


Aerztlicher Verein in Hamburg. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 4. Februar 1902. 

Vorsitzender: Herr Kümmell. 

I. Demonstrationen: 

1. Herr Trömner: Ein 55jähriger Lademeister fällt auf 
den Hinterkopf, ist gleich nachher leicht benommen, etwas konfus, 
kann aber allein nach Hause geben. Dann treten starke Kopf¬ 
schmerzen, abwechselnd Apathie und leichte Bewusstseinstrübung, 
am 3. Tage nach dem Trauma ein epileptiformer Anfall mit vor¬ 
übergehender Aphasie, 8 Tage später anhaltender Singultus, zeit¬ 
weise Sinnestäuschungen auf. Nach 12 Tagen konstatirte T. 
doppelseitige Stauungspapille, sektorenförmigen Gesichtsfelddefekt, 
Klopfempfindlichkeit über dem r. Scheitelbein, Abducensparese 
rechts, Faoialisparese links, Ilemiparesis und Hyperalgesla dextra. 
Etwa nach 6 Wochen Abnahme aller Krankheitssymptome, so 
dass der Mann jetzt gesund Ist. Vortragender nimmt an, dass 
es sich um eine epidurale Meningealblutung gehandelt hat und 
erörtert die Differentialdiagnose gegen Gehirnerschütterung, Al¬ 
koholdelirium und Pachymeningitls haemorrhagica Interna. 

2. Herr Leiser demonstrirt eine Patientin mit einem ln 
den äusseren Gehörgang durchgebrochenen Cholesteatom des 
Wa rzen f ortsatzes. 

Sodann stellt L. einen Herrn vor, bei dem er aus kosmetischen 
Gründen eine traumatische Sattelnase (Fall im 2. Lebensjahre, 
Bruch des Nasenbeines) durch Paraffin-Injektionen beseitigt hat. 
Das kosmetische Resultat, das in 3 Sitzungen, in denen jedesmal 


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18. Februar 1902. 


MUENOHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


299 


2 Injektionen y 2 —% g — Im Ganzen 4/ u g Paraffin — gemacht 
wurden, ist ein ganz vorzügliches. Bei der 0. Injektion hatte L. 
das Unglück, offenbar die Vena nasalis superlor zu treffen. Un¬ 
mittelbar nach der Injektion kollnbirte Patient, erbrach und 
konnte nur durch Excitautlen wieder hochgebracht werden. Es 
trat sofort Amaurose auf einem Auge auf. Am nächsten Tage 
war die vordere Kammer getrübt und die Conjunctlva bulbi et 
palpebrarum stark injizirt, das Auge also stark gereizt und quoad 
Visum wohl verloren. Durch eine Anastomose der Naseuvene 
mit der Vena orbltalls Ist es also zu einer Thrombose der 
letzteren gekommen. Derartige Paraffininjektlonen sind also 
keineswegs absolut gefahrlos. Es sind auch schon Todesfälle da¬ 
nach beschrieben. 

3. Herr Zippel demonstrlrt den Sektionsbefund eines 
während der Mahlzeit erstickten Individuums. Es fand sich ein 
grosser Speisebrocken lm rechten Bronchus, unmittelbar hinter 
der Bifurkation. 

4. Herr Pfeifer demonstrlrt die Präparate zweier Fälle 
von Aortenaneurysma, welche mit Gelatineinjektionen behandelt 
worden waren. 

Bel dem einen Fall, der 2>/ 2 Jahre lang lm Eppendorf er 
Krankenhaus behandelt wurde, waren lm Ganzen 5 Injektionen 
von 1 proz. Gelntlnelösung gemacht worden. Nach den Injek¬ 
tionen war ein vollständiges Verschwinden eines handtellergrossen 
pulsirenden Tumors am sternalen Ende der 3. linken Rippe zu 
beobachten gewesen. Durch Perkussiou und im Röutgenbilde 
war aber keine Verkleinerung des Aneurysmas zu konstatiren. 

Bel der Sektion fand sich ein über kindskopfgrosses Aneu¬ 
rysma, ln welchem sich aber nicht mehr Gerinnsel gebildet hatten, 
als bei anderen Aneurysmen, deren Träger nicht mit Gelatine- 
Injektionen behandelt worden waren. 

Bel dem anderen Fall, der G Gelatineinjektionen erhalten 
hatte, war sogar ein abnormer Mangel an Gerinnseln lm Aneu¬ 
rysma zu konstatiren. 

5; Herr Philippi stellt einen Fall von sackförmiger Er¬ 
weiterung des Oesophagus, bedingt durch spastische Kontraktur 
des unteren Abschnittes vor. 

27Jährige8 Mädchen mit objektiven Symptomen von Hysterie. 
Seit 7 Jahren mit längeren Unterbrechungen Sehluckbeschwerden. 
Erbrechen und Anfälle von Kurzluftigkeit. In der letzten Zeit 
täglich voluminöses Erbrechen nach dem Essen. Patientin hat 
das Gefühl, als ob das Genossene im Halse stecken bleibe, den 
Eingang zum Magen nicht passiren könne. 

Belm Versuch, den Magen auszuhebern, wird die Sonde 
hinter dem Ringknorpel auffallend beweglich, stösst bei 40 cm 
auf federnden Widerstand. 350 ccm Wasser lassen sich bei dieser 
Soudentiefe eingiessen und gänzlich wieder ausliebern, wobei noch 
eine Masse unverdauter Speisen entleert wird. Die Flüssigkeit 
gibt deutlich Zuckerreaktion; Salzsäure nicht nachweisbar. Mit 
einiger Mühe dringt man durch das Hinderniss. kann dann die 
Sonde leicht bis GO cm einführen. Spülflüssigkeit fliesst rasch und 
leicht ein, kommt fast klar zurück. Oberhalb des Magens also 
ein Raum, der für einen Vormagen nach Luschka oder ein 
Antrum cardiaeum ein zu grosses Fassungsvermögen hat und zu 
hoch beginnt. 

Doppelsondenversuch. Durch die 38cm weit eingeführte Neben¬ 
sonde cingegos8enes Wasser — ca. 400 ccm — lässt sich völlig 
zurückhebern, ist nicht von einer mit der Hauptsonde In den 
Magen gebrachten rothen Flüssigkeit gefärbt 

Der von Dr. Rumpel (1807) angegebene Versuch mit ge¬ 
fensterter Hauptsonde gelingt sofort Das durch die Nebensonde 
eingegossene Wasser kommt nicht zurück, womit das Vorhanden¬ 
sein eines Divertikels ausgeschlossen erscheint. Die Diagnose 
„glelchmässige Erweiterung" des Oesophagus wird durch die 
Oesophagoskople und durch die Röntgenaufnahmen bestätigt; ein¬ 
fache radiographische Aufnahme, dann eine solche nach Ein- 
giessung von 10 proz. Bismuth. subnitr.-Lösung und eine nach Ein¬ 
führung einer Sonde und Aufblähung des ausgespülten Oesophagus 
mit Luft Die Sonde liegt abnorm weit nach rechts. Bei Durch¬ 
leuchtung sieht man ihre Beweglichkeit. 

Alter, der gute Kräfte- und Ernährungszustand der Patientin, 
die Dauer der Erkrankung schllessen eine Stenose durch maligne 
Tumoren aus. Für narbige Prozesse fehlt jeder anatomische An¬ 
halt Eine starre Wandung kann sich auch der Sonde nicht so 
dicht anschliessen. Es handelt sich um eine hysterische Person, 
bei welcher sich der Spasmus suggestiv beeinflussen Hess und 
nicht das einzige Symptom ihrer Neurose war; denn als solches 
muss auch das nervöse Asthma aufgefasst werden. 

II. Vortrag des Horm Sa deck: Heber die akute 
trophoneurotische Knochenatrophie nach Entzündungen und 
Verletzungen der Extremitäten und ihre klinische Bedeutung. 

5. zeigt an einer Reihe von projizirten Röntgenbildern, dass 
nach Entzündungen, in erster Linie der Gelenke, dann aber auch 
«ler Weichtheile, sowie nach Verletzungen (Knochenbrüchen, Dis¬ 
torsionen, Quetschungen der Gelenke) erhebliche Grade von 
Knochenatrophie nicht nur in den direkt betheiligton Knochen, 
sondern auch in den entfernteren Knochen der betroffenen Ex¬ 
tremitäten, auftreten können. Dieso Knochenatrophie zeichnet 
sich durch ihre besondere Form (ungleichmässig speckige 
Knochenaufhellung), besonders der spongiösen Substanz, sowie 
durch die Rapidität des Auftretens und ihre Hochgradigkeit aus. 
S. stellt diese Knochenatrophie auf eine Stufe mit der aus den¬ 


selben Ursachen gelegentlich auftretenden, akut einsetzenden 
arthrogenen Muskelatrophie und anderen trophisehen Störungen 
(Cyanose, Oedem der Ilaut, Hypertrichosis u. s. w.); er glaubt, 
alle diese Erscheinungen als reflektorische Trophoneurose ansehen 
zu können und misst ihnen eine grosse klinische Wichtigkeit bei. 
An den Händen beobaehtet man als Folge der Knochenatrophie 
Steifigkeit der Finger und »Schmerzhaftigkeit, an den Füssen 
Fixationen und hochgradige Schmerzhaftigkeit bei der geringsten 
Belastung. Die Knoehenatrophie (ebenso wie die Muskelatrophie) 
pflegt sehr hartnäckig zu sein und kann sich über Jahre er¬ 
strecken. Der Zustand wurde nach S.’s Beobachtungen meistens 
verkannt und theils als Uebertreibung oder Simulation, theils als 
Knochentuberkulose (sehr häufig) oder als entzündlicher Platt- 
fuss angesehen. S. glaubt, dass auch ein Theil der als Gelenk- 
neuro.se aufgefassten Zustände hierher gehört. Die Therapie be¬ 
steht in orthopädischer Behandlung, Massage, heissen Bädern, 
H e 1 f e r i ch’schen Stauungen. Der Fuss soll nicht immobili- 
sirt, aber entlastet werden (Geh-Schiene). 

Der geschilderte Zustand tritt nicht nur nach schweren Ver¬ 
letzungen ein, sondern oft auch nach leichten Traumen, wie z. B. * 
Distorsion der Hand oder des Fusses. Die Knochenatrophie ist 
zwar ziemlich oft, aber doch nur als Ausnahme bei diesen Ver¬ 
letzungen zu beobachten; wenn sie auftritt, gewinnt sie aber den 
Charakter eines selbständigen Krankheitsbildes, da die geschilder¬ 
ten, sehr hartnäckigen Symptome mit der ursprünglichen Ver¬ 
letzung direkt nichts mehr zu thun haben. W erner. 


Nürnberger medizinische Gesellschaft und Poliklinik. 

(Offlciellea Protokoll.) 

Sitzung vom 2. Januar 1902. 

Herr F 1 a t a u gibt praktische Mittheilungen zur Behand¬ 
lung des Aborts und der Endometritis. 

Grosse Plazentar- oder Molenreste sollen immer mit dem 
Finger entfernt werden; die Curelte oder der scharfe Löffel gleitet 
meistens über fester anhaftende Massen hinweg, ohne sie mit- 
zuuehmen. Besonders, wenn der Praktiker, wie die Erfahrung 
lehrt, meist ohne genügende Dilatation und desswegen mit schmalen 
Instrumenten arbeitet. Kleinere Plazentar- oder Molenreste (nuss¬ 
grosse bis ptiauuiengrosse) entfernt man am besten und sichersten 
mit der W i n t e r'sehen Abortzange, deren richtiger Gebrauch die 
Möglichkeit einer Perforation des Uterus ausschliesst. Deziduale 
Fetzen endlich oder ganz kleine, oft in den Tubenecken festsitzende 
Reste lassen sich am sichersten nach starker Dilatation des 
Kollum mit ganz breiter Curette beseitigen. Schmale Curetten 
oder die spitze Ivoruzauge sind Instrumente, die für die Behand¬ 
lung der Abortreste untauglich und daher zu verbieten sind. 

Die Endometritis catarrhalis und deren lästigstes Sym¬ 
ptom, den Fluor, behandelt der Vortragende schon seit Jahren mit 
Fonnalin. Notlnveudig ist zur erfolgreichen Behandlung ein gutes, 
selbst haltendes Spekulum — das N e u g e b a u e r’sche oder das 
von Trelat-Cusco, wenn die Löffel desselben um l»/ 2 —2 cm 
kürzer sind, als die käuflichen —, eine kräftig und sicher fassende 
Hakenzange. Als Aetzmittelträger ist die Meng e'sche Hart- 
gunnnisonde unübertroffen, wie überhaupt dessen Instrumentarium 
die stete Asepsis der Behandlung garuntirt. Flat au ätzt mit 
25—00 proz. Fonnalinlösung und wiederholt dieselbe alle 6 Tage. 
Die Resultate sind überraschend günstig. 

Herr Heinlein gibt einen geschichtlichen Ueberblick über 
alle einer Beschleunigung der Ausheilung von grossen, nach 
Nekrotomien zurückbleibenden Knochenhöhlen dienenden opera¬ 
tiven und anderen Maassregeln. Dabei wird zunächst das Be¬ 
streben erwähnt, durch Unterminirung, Einstülpung ln die 
Kuochenhöhle und Nagelbefestigung der die Höhlenumrandung be¬ 
grenzenden Hautwuudriinder den erwähnten Zweck zu erreichen. 
Einen wesentlichen Fortschritt schien die für das gleiche Ziel nutz¬ 
bar gemachte, von Schede lm Jahre 188G inaugurirte Blutschorf¬ 
heilung zu bedeuten, doch ist von einer erfolgreichen Verallgemei¬ 
nerung dieses ingeniösen, von seinem Urheber vielfach mit Glück 
geübten Verfahrens nichts bekannt geworden. Annähernd in die 
gleiche Zeit fallen die Mittheiliingeu von Senn, KUmmell und 
1 e D e n t u über die Füllung der Knochenhöhleu mit decaleinlrtem 
Knochen, sowie von Schmitt und Barth über die gleiche 
Maassregel mit Anwendung von frisch nbgelösten Knoehenstüekeu. 
Vielfache Anerkennung und Nachahmung erfuhr dos im Jahr 1892 
von Dreesmann -Trendelenburg mitgetbeilte Verfahren 
der Ausfüllung der Knochenhöhlen mit Gipsbrei, wobei das Gips¬ 
pulver mit 5 proz. Karbolsäurelösung angerührt war; der Gips- 
brelfUllung ist eine Ausfüllung der Knochenhöhle mit Olivenöl 
vorhergeschickt, welches durch Einsenken des glühenden Thermo¬ 
kauters zum Sieden erhitzt war, um eine Keimfreiheit der den Gips¬ 
brei nufnehmenden Knoclienflächeu zu erzielen. Ein Jahr später 
wurde die Frage der Ausfüllung der Knoehonhöhlen mit Knochen- 
plorabirungen experimentell geprüft durch Martin, Mayer und 
Sonneuburg, und dabei nicht nur die Verhinderung der Bak¬ 
terienentwicklung in der Umgebung derselben, sondern auch deren 
gänzliche Abtödtung nachgewiesen; es gelangte dabei vorwiegend 


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300 


MtTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. ?. 


Kupferamalgam, das Richter'sehe sogen. Harrardzemont. zur An¬ 
wendung, und es erwiesen sieh dieKnochcnplouiben derart aseptisch 
zuverlässig, dass u. a. ein aus Versehen zurückgelassenerGazetupfer 
im Zentrum einer solchen Ktiochenploiube gut eingeheilt war, wie 
ein Präparat nachwies. Dann wurde im letzten Jahrzehnt die 
kritische Frage in völlig neue Bahnen gelenkt durch die Bestre¬ 
bungen, auf osteoplastischem Wege eine raschere Verkleinerung 
der Knochenhöhlen zu erzielen, durch die sogen, osteoplastische 
Nekrotomie; die einzelnen Methoden derselben, welchen Lücke, 
O 111 e r, o f Schulten und Bier ihre Namen liehen, werden 
an scheinstischen^Skizzen besprochen. H. selbst hatte bis jetzt in 
7 Fällen, theils in Nürnberg, theils auf dem Lande, Gelegenheit, 
das osteoplastische Verfahren — in den ersten 2 Fällen nach 
Ol Iler, in allen folgenden nach Bier — lj mal an der Tibia, je 
2 mal an Radius und Ulna zu üben, stets mit befriedigendem Er¬ 
folg und wesentlicher Abkürzung der lleilungsdauer. Es stellte 
sich dabei die Anwendbarkeit des B i e r'scheu Verfahrens auch an 
Knochenabschnitten mit muskulöser Bedeckung heraus, wie an 
Radius und Ulna, iusoferne als die der Mobilisirung des knöchernen 
Lappentheiles dienende quere Durchtrennung, sowie eventuell 
benüthigte theilweise Ablösung der Muskeln von dem Periost das 
Endresultat in Bezug auf die Funktion des betroffenen Gliedes 
niemals im geringsten schädigte. Als Paradigma der beobachteten 
Fälle wurde das Heilresultat einer Nekrotomie der Ulna eines 
27 jährigen Gaswerkarbeiters, welche sich fast auf den ganzen 
Schaft erstreckte, vorgestellt. Die Arm- und Fingcrfunküon er¬ 
weist sich völlig normal, die Narbenverhältnisse durchaus günstig, 
die äussere Form des als sehr fest lmponireuden Knochens ist — 
von einer sehr schmalen, nicht sehr tiefen Rinne abgesehen — mit 
derjenigen einer normalen Ulna fast völlig konform, nur erscheint 
derselbe etwas dicker. Die Ulnanekrose war in diesem Fall in 
Folge einer Osteomyelitis entstanden, welche sich im Anschluss an 
einen Betriebsunfall entwickelt hatte. Die hohe Bedeutung des 
osteoplastischen Verfahrens für ätiologisch gleich gelagerte Fälle 
ist ohne Weiteres klar. 

Herr Heinlein demonstrirt weiter zwei Schädelpräparate: 

1. Das Schädeldach eines 32 jährigen, einer multiplen 
Knochentuberkulose erlegenen Steinhauers, welches an dem linken 
Stirnbein ein gut eingekeiltes, bis zur Tabula vitrea vor¬ 
gedrungenes Stück einer abgebrochenen Messerklinge 
zeigt. Stirnhaut und Schädeldeeken waten von einer Menge 
glatter, mehr oder weniger regelmässiger Narben durchestzt. Der 
Träger war in seinen gesunden Tagen ein gefürchteter lleld der 
Winkelkneipe und der Landstrasse. 

2. Das Schädeldach einer 72 jährigen, an Polyarthritis defnr 
maus leidenden und an arteriosklerotischer Schrmnpfniere ver¬ 
storbenen Frau. Das Schädeldach erscheint völlig kompakt, 
ausserordentlich dick, im Stirntheil l,. r > cm zu messen. Während 
die Ausscntiücho des Schädels völlig glatt sich darstellt, zerfällt die 
Innenfläche ln eine Reihe flacher Protuberanzen, welche durch die 
ausserordentlich vertieften Einsenkungen der Duragefüssrinnen be 
grenzt werden. Das Bild an der Schädelbasis ist nicht viel ver¬ 
ändert, Itnpressiones digitatae und Juga cerebralia sind vielleicht 
etwas ansehnlicher entwickelt, namentlich die letzteren etwas 
breiter, als gewöhnlich. Die scharf kontrastirende Beschaffenheit 
«ler Aussen- und Innenfläche des Schädeldaches lässt annehinen. 
dass die ossiftzlrenden Vorgänge sich wesentlich an der Tabula 
vitrea abspielten und vielleicht mit der Duragefässsklerose in ur¬ 
sächlichem Zusammenhang stehen. 


Unterelsässischer Aerzteverein. 

(Eigener Bericht) 

Sitzung v o ni 25. J a u u a r 1902. 

Demonstrationen: 

Herr W e i 11 bespricht im Anschluss an die Vorstellung eines 
Falles von „Verrostung des Auges“ die Technik .und das In¬ 
strumentarium der Magnetextraktion, und zeigt ver¬ 
schiedene Radiogramme, welche die genaueste Lokalisation 
von Metallsplittern ermöglichten. Ein angeblich extrabulbär ge¬ 
lagerter Eisensplitter wurde nur auf Grund des Röntgeiibildcs 
als intrabulhür liegend erkannt. 

Sodann stellt er einen Kranken vor, bei dem durch alleinige 
Pyoktaninbehandlung eines Kankroids des Gesichtes die seit 
2b Jahren bestehende Ulzeratiou, welche allen bisher angegebenen 
lokalen Heilmitteln getrotzt hatte, anscheinend radikal geheilt 
wurde. Herr Weil 1 erklärt auf Befragen, dass ihm Fälle von 
jahrelanger Heilung ohne Rezidiv bekannt sind. 

Herr Riff demonstrirt das bei der Autopsie eines 82 jährigen 
Mannes gewonnene Präparat der Blase mit Bildung eines grossen 
Divertikels, das von Steinen ausgefüllt war. Seit 10 Jahren 
waren zystische Beschwerden vorhanden gewesen, seit 2 Jahren 
nmmoniukalisclie Harnzersetzung, seit G Wochen Blut und Eiter. 
Blasenkapazität vor 2 Jahren noch 100 g, seit 0 Wochen höchstens 
50 g. Das Präparat zeigt ausser geringer Hypertrophie des mitt¬ 
leren Prostatalappens eine diffus diphtheritische Blaseiieutzümlung 
und iil)«*r dem rechten Ureter ein grosses Divertikel, das aus¬ 
gefüllt war von 8—0 grösseren Blasensteinen. Wegen der so ge¬ 
ringen Blasenkapazität war eine Zystoskopie nicht möglich, die 
Diagnose wurde demnach erst durch die Autopsie gestellt. 

Herr Fehling demonstrirt zunächst eine ganze Reihe von 
Präparaten aus seiner Strassburger Tliätigkeit. Besonderes Inter¬ 
esse erregt ein wenig vergrüsserter Uterus, der im Fundus ein 


kaum kirschgrosses, aber ulzerirtes Karzinom aufweist; fernerem 
Zylinderzellcnkarzinom des Uterus einer 57 jährigen Frau, «la> 
sieh nach vielfachen Ausschabungen auf dem Boden eines Fibro- 
myoms gebildet hat. Die Menses hatten nicht aufgehört; ein 
billardkugelgrosses, kugelrundes Uterusmyom, welches aus <].-r 
Wand des Uterus in die Höhle ausgestossen wurde; ein maligues 
Declduom einer 30 jährigen Frau, die mehrfach abortirt, zuletzt 
eine Binsenmole gehabt hatte. Ein retinirtes Ei, welches zu 
dauernden Blutungen geführt, eine Binsenmole im ersten Beginn; 
ein Myom, welches wogeu gleichzeitiger alter tuberkulöser Peri¬ 
tonitis mit fühlbaren Knötchen an den breiten MutterbUiulfin 
zunächst für ein Karzinom gehalten, erst bei der vaginalen 
Enukleation die exakte Diagnose ermöglichte; und eine H>*ih>> 
anderer Präparate fanden kurze Besprechung. Als ganz 1* 
sonders selten mag das Präparat einer vor dem 5 monatlichen, ab¬ 
gestorbenen Kinde geborenen Plazenta gelten, welche unten in <Vr 
Cervix Inserirt, als fötale Flüche nichts zeigt, als die Stelle «l.-r 
Nabclschnurinserthm an der Plazenta. Hier dürfte ein Unikum 
vorliogeu. 

V o r t r ä g e: Herr Fehling: Zur Behandlung der 
Scheiden- und Gebärmuttervorfälle. (Erscheint als Auto¬ 
referat ausführlich im „Archiv für öffentliche Gesundheit- 
pflege in Elsass-Lotbringen“. 

Herr Siegert: Das moderne Säuglingsspital und seine 
Bedeutung für die Aerzte. 

Im Anschluss an eine Mittheilung über die Eröffnung «k-r 
„Siiugliugsheilstättc zu Strasshurg“ erörtert der leitende Arzt der¬ 
selben die nach seiner Anschauung für jed<>s Säuglingsspital un¬ 
erlässlichen Yurlxsliuguugcn und fordert deren Ausführung in 
jeder neu zu gründenden, zur Behandlung kranker Säuglinge 
bestimmten Anstalt. Der Vortrag erscheint in einer der näoh-tvn 
Nummern dieser Wochenschrift. 


Physikalisch-medicinische Gesellschaft zu Würzburg. 

(Eigener Bericht) 

Sitzung v o m 9. Januar 1902. 

1. Herr Römer: Ueber einige Beziehungen des Auges zur 
Immunität. 

Vortragender denmnsirirt eine Reihe von Versuchen als IM- 
trag zur E h r 11 e h'seh«*n Theorie: Physiologisch neutrale Je- 
«lUiritoUAbriio-Aiitiabrinmischungen in den Bindehautsaok ein 
g«*träufelt, lassen am Auge keine Eiitzündungserselieimiugen am 
kommen; denn das Toxin wird bereits im Reagensglas vom Anti¬ 
toxin zu einer indifferenten Verbindung zusammengekettet. 

Ferner wird entgegen der G r u 1» e r'schon Behauptung, das« 
ein« 1 Inkubationszeit für Toxine nur bei subkutaner und intra¬ 
okularer Applikation zu beobachten sei, ad oculos demonstrirt. 
dass auch bei rein lokaler Anwendung eine Inkubationszeit vor¬ 
handen ist. Auch bei intraokularer Appiikatiou lies Diphtherie 
\irus kann man die Inkubationszeit mit Sicherheit beobachte». 

Endlich wird demonstrirt. dass die Antikörper auch iu das 
gefässlose llornhnutgewebo diffundiron. 

2. Herr Hess: Demonstrationen. 


S i t z u u g vom 23. J a n u a r 1902. 

1. Herr Johannes Müller: Demonstration eines Kranken 
mit Schrumpfmagen (chronische sklerosirende Gastritis). 

Der betreffende Kranke, ein 39 jähriger Bäekermeistt'r, sonst 
stets gesund, hatte sielt im Jahre 18X2 mit Gonorrhoe und Lue-; 
infizirt und wurde sofort mit Sclunierkur und Jodkali behandelt. 
18X0 traten Geschwüre an der Zunge auf, desshalb abermals ami- 
syphilitische Kur In Aachen. 1895 wurde in der medizinischen Poli¬ 
klinik zu Jena wegen Sehstörung«*n (Doppelbilder» ernon»' 
Sclunierkur verordnet, alter nicht ausgeführt, da die Doppelbilder 
von selbst verseil wanden. Dann gesund, speziell nie Verdauung- 
stürungen. Frühjahr IX!>9 erste Symptome von Magenerkrankmm. 
Der Patient konnte bei gänzlich normalem Appetit nicht na-lir 
so viel essen als früher; durfte stets nur wenig auf einmal 2 <- 
niessen, da der Magen auf jeile stärkere Füllung mit Druckgefüld 
und Erbrechen reagirte. Schliesslich war der Patient wegen seit»' 
vortrefflichen Appetits gezwungen, fast den ganzen Tag über 
mit Essen zu beschäftigen. Trotzdem nahm er au Körpergewicht, 
sowie an Kräften ab und musste seine Bäckerei aufgeben. 

Bei «ler ersten Untersuchung durch den Vortragenden im 
Sommer 1900 zeigten sich bei «ier Sondining Krämpfe des Oeso¬ 
phagus in der Nähe der Ivardia und es schien zunächst, als <‘b 
lediglich Oesophagusspasmen «lein Krankheitsbilde zu Grund*’ 
lägen. Im weiteren Verlauf der Beobachtung verschwanden al«r 
die Speiseröhrenkrümpfe und als Ursache der Beschwerden wurde 
eine bedeutende Verkleinerung des Magens festgestellt. Letzterer 
fasste bol Wasserfüllung stets nur y 4 bis höchstens % Liter- 
Wurde versucht, mehr hinein zu lassen, so trat plötzlich heftig’^ 
Druckgefühl auf und der gesammte Mageninhalt wurde u» ! 
enormer Gewalt erbrochen. Aehnlich ging es bei der Ltiftuui- 
blähung, mittels welcher nur eine ganz unbedeutende Vonviilbiin- 
unter dem linken Rippenbogen erzielt werden konnte. l>ur«-h 
<lastrodiaphanie und Röntgendurchleuchtung konnte festgcstdlt 
werden, «lass das Schlauchende auch wirklich im Magen sieb be¬ 
fand. Die sekretorische Funktion der Magenschleimhaut war 
vollkommen erloschen. Des Weiteren bespricht der Vortragende 
die differentialdiagnostisch in Betracht kommenden Zustände des 


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18. Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 301 


Sanduhrmagens und des Scirrhus carcinonmtosus. letzteren kann 
man schon wegen der in den letzten 1 Jahren beobachteten 
wesentlichen Hesserung ausschllessen. Müller fasst »len Fall 
als chronische sklerosironde Gastritis mit Atrophie der Schleimhaut 
und Verkleinerung des Magenvolums auf. die wie bei dem kürzlich 
von Hemmeter und Stokes publizirteu. durchaus gleichen 
Falle sich auf dem Boden der Lues entwickelt hat. Die Behand¬ 
lung bestand in erneuter Schmier- und Jodkur, sowie methodischen 
Dehnungen des Magens mittels Wasserfiillung. Hierdurch wurde 
eine entschiedene Besserung erzielt, so dass der Patient jetzt 
wieder versuchsweise sein altes Gewerbe aufnehmen will. Fine 
ausführliche Publikation erfolgt an anderem Ort. 

2. Herr Friedrich Dessauer - Aschaffenburg, als (last: 
Aus der Technik der B-öntgenapparate. Zu kurzem Referat nicht, 
geeignet. 


Aus den englischen medicinischen Gesellschaften. 

Society of Medical Officers of Health. 

Sitzung'vom 10. Januar 1902. 

D. S. Davies: Abwehr und Kontrole der Fest. 

Redner greift auf die Ausführungen von Koch beim Tuber¬ 
kulosekongress zurück, der die Notlnvendlgkeit verschiedenartiger 
Maassregeln bei den verschiedenen Seuchen betonte. Die sonst 
üblichen Mittel (Quarantäne, Desinfektion und allgemeine sanitäre 
Vorkehrungen) versagen in diesem Falle. Ausser bei der mit 
Iamgenkomplikationen einhergehenden Form liudet die Feber, 
iragung nicht vom einen Individuum auf das andere, sondern nach- 
gewiesenermaassen durch Ratten statt. Bei der neulichen Epidemie 
in Sydney waren die 289 Fülle auf 270 Häuser vertheilt, was b ä 
individueller Kontagiositiit kaum möglich gewesen wäre. Sehr zu 
empfehlen sei die Einrichtung, wie sie in Australien besteht, wo 
kein Schiff einen Hafen anlaufen darf ohne eine Bescheinigung 
vom Abgangshafen, dass es nach Löschen der Ladung, also in 
leerem Zustand, vollständig von Ratten befreit worden sei. Wenn 
Pestfälle schon nufgetreten sind, ist neben der Sorge für die 
Kranken und deren Isolirung eine Quarantäne der mit ihnen in 
Berührung gekommenen Personen, prophylaktische Impfung. Ver¬ 
nichtung aller Batten u. dgl. am Platze. 

A. Thompson- Sydney betont die Notliwondigkeit eines 
internationalen Vorgehens zum Zwecke der Vernichtung der Ratte.i 
auf allen Schiffen, welche aus iniizirten Iläfen kommen. Diese 
Auffassung der australischen Regierung sei durch die erzielten 
Resultate vollauf bestätigt worden, während die Bemühungen der 
Verwaltung in Indien mit vorwiegender Berücksichtigung der In¬ 
fi zirten Menschen erfolglos gewesen sind. 

Farrar: Der Hinduarbeiter ist reinlicher als der englische, 
infizirt sich aber leichter, weil er baarfuss geht und Ringe an den 
Zehen trägt. Todte Ratten sollten stets in starke Sublimat- oder 
Karbollösungeu getaucht werden, um die Flöhe zu vernichten. 

II. Williams bezeichnet das Verbrennen von Schwefel als 
ein unzuverlässiges Mittel: unter Anwendung des C 1 a y t o n’schen 
Fächerapparates und mit kompiimirter SO. erzielt man bessere, 
aber auch nicht absolut sichere Resultate. 

Royal Academy of Medicine in Ireland. 

Sitzung vom 13. Dezember 1901. 

D a w s o n sprach über die Beziehungen zwischen Glykosurie 
und Irrsinn. 

Es sind zwei Gruppen zu unterscheiden: solche, bei denen die 
Ziickerau8scheidung das sekundäre ist, und solche, bei denen die 
Geistesstörung das sekundäre ist; letztere sind die selteneren Fälle. 
Indessen hat er eine Patientin beobachtet, welche viele Jahre an 
Polyurie gelitten hatte und im weiteren Verlauf wegen rekur- 
rirender Melancholie l»elinndelt wurde. Bei antidialietisehor Diät 
verschwanden gleichzeitig die psychischen Erscheinungen und der 
Anfangs deutlich nachweisbare Zucker, so dass Patientin nach 
2 Monaten als gehellt entlassen werden konnte. Seit einein Jahr 
ist sie Jetzt bei geeigneter Diät gesund geblieben. Von der ersten 
Gnippe hat D. mehrere Fälle beobachtet: unter diesen waren 
2 Fülle von Melancholie, von denen der eine im Anschluss an In 
fluenza, der andere nach einem Schlag auf den Kopf sich einge¬ 
stellt hatte; ferner beobachtete er 4 Fülle mit gelegentlicher Glyko¬ 
surie, bei denen die psychischen Erscheinungen sich als Paranoia, 
subakute und akute Manie und akute Verwirrtheit üusserten. i 
Meistens war ein psychisches Unbehagen ein hervortretendes j 
Symptom bei hohem Blutdruck. Bei echter diabetischer Geistes- j 
Störung liegt eine Beeinträchtigung der Gehirnernährung zu J 
Grunde, aber an sich ist die Glykosurie nicht unbedingt eine pro¬ 
gnostisch bedrohliche Erscheinung. 

W. 8 m i t h hat auch den Eindruck bekommen, dass Glyko¬ 
surie eher mit melancholischen als mit Exzitationszuständen ver¬ 
bunden Ist. Sa vage hat das Symptom nur bei 3 Proz. seiner 
Patienten angetroffen, während Wiener Aorzte 12 Proz. angeben. 

Lceper hat auch das Verhältnis zu 3 Proz. bestimmt. Er 
erwähnt, dass Diabetes bei den Hindus ausserordentlich verbreitet 
ist, bei den Chinesen sehr selten. 

Philipp!-Bad Salzschlirf. 


31. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. 

Der 31. Kongress der deutschen Gesellschaft für Chirurgie 
limlct vom 2. bis 5. April 1902 in Berlin im Laugenbeckhause 
statt. 

Die Bogrüssuug der zum Kongress sich versammelnden Mit¬ 
glieder geschieht am Dienstag, den 1. April. Abends von 8 Uhr ab 
in einem vorlielinlteneu Zimmer des „S p a t e n b r ä u*\ Friedlich¬ 
st wisse 172. Dasselbe Zimmer wird auch für die alieutllichen Zu¬ 
sammenkünfte der Mitglieder während der Sitzungstage zur Ver¬ 
fügung stellen. 

Die Eröffnung des Kongresses findet Mittwoch, 
den 2. April. Vormittags lo Uhr. im Laugenbeckhause statt. 
Während der Dauer des Kongresses werden daselbst Morgen- 
sitzungeii von 9 bis l2'/ 3 Uhr und Xaelimittagssitzuugen von 2 bis 
4 Uhr abgehoben. 

Die Vormittagssitzung am Mittwoch, den 2. April, und die 
Naehmittagssitzung am Freilag. den 4. April, sind zugleich Sitz¬ 
ungen der Gen e ralv e r s a in m 1 u n g. 

A n k ii n d i g u n g e n von V o r t r ü g e n und D e m p n - 
s t r n t i o n e n sind zeitig an Prof. Dr. Koch e r - Bern (Schweiz) 
zu richten, da nach dein 1<». März einlaufende Anmeldungen nicht 
mit Sicherheit auf Berücksichtigung rechnen können. Gleichzeitig 
ist ausdrücklich anziigcbcn. ob cs sich um D e m o n st.rati o n e n 
oder t li e orct i s e h e V o r trüg e. resp. solche mit 1 »emoiist ra¬ 
tionell handelt. Es ist dein Ausschüsse der bestimmte Wunsch 
ausgesprochen worden, dass die Zeit der Vorträge genau nach den 
regletneutarisclien Vorschriften (20 Minuten) bemessen werde. 

Vorträge, welche ihrem wesentlichen Inhalt nach schon 
anderswo gehalten oder in einer Zeitschrift erschienen sind, werden 
bloss in Form kurzer Demonstrationen zugelassen. 

Von auswärts kommende Kranke können im Kgl. Klinikum 
(Berlin N.. Ziegelstrasse 5—7) Aufnahme finden. Präparate, Ban¬ 
dagen. Instrumente etc. sind an Herrn M e I z e r. Nachfolger des 
Herrn Anders, im Langen heck hause (Zicgelst wisse 10—11) mit 
AiigalH- ihrer Bestimmung zu senden. 

Die Herren 1 M\ I m m e 1 m unn - Berlin W.. Lützowstrasse 72 
und Dr. .1 o a c h i m s t li a 1 - Berlin W.. Magdeburgerstrasse 30 
sind beauftragt, eine systematisch geordnete Ausstellung von 
It ö n tgeu Photographien Im Bibliothekziinnier des Langen* 

! beckhauses zu veranstalten. Die Aussteller werden ersucht, bloss 
solche Bilder an die genannten Herren bis längstens 10. März d. J. 
j cinzusenden. bei welchen die Röntgenaufnahme mnassgebende 
Aufschlüsse für Diagnose und Therapie ergeben hat. Ungeeignetes 
: wird nicht ausgestellt werden. 

Ein Demonstratio ns abend von Projektions. 

I bildern wird veranstaltet werden, wenn genügend interessante 
Diapositive im Format. 8'/» X 1° vor dein 10. März oingesandt 
werden. 

Eine Ausstellung von chirurgischen Instrumenten und Ap¬ 
paraten, sowie Gegenständen der Krankenpflege ist in Ansicht ge¬ 
nommen. 

Es sind folgende Vorträge angemeldet: 

a) Zur Wundbehandlung: 1. Herr v. Bruns: Der 
erste Verband auf dem Sehlachtfelde, als Einleitung zu einer Dis- 
| kussion über dieses Thema. — 2. Herr Honsell: Ueber aseptischen 
i und autiseptisclien Salben- und Pastenverband. 3. Herr Bor¬ 
ehardt: Dainpfsteriüsation der Verbandstoffe. — 4. Herr 
Tavel: l T el>er die Wirkung des Antistreptokokkenserum. — 
5. Herr K ii 11 n e r: Diagnostische Blntuntersueliung bei chirur¬ 
gischer Eiterung. - 0. Herr V ö 1 k e r: Behandlung der Frakturen 
mit primärer Knochennaht. — 7. Herr Sultan: Ueber die Ein¬ 
pflanzung von todten Knochen in indifferente Weichtheile allein 
oder in Berührung mit lebendem Periost. 

I>) Zur Krebs frage: 8. Herr Gussenbauer: Ilistio- 
genese der Krebse. — 9. Herr P e t e r s e n: Ueber Karzinomrezidiv 
und Karzinomheilung. — 10. Herr v. Mikulicz: Behandlung 
der Dftrmkar/Jnome. 

<•) Zur Pathogenese und Behandlung der Perityphlitis 
und Peritonitis: 11. Herr Körte: Bericht üIhm- 58 Opera¬ 
tionen subphrenischer Abszesse. - 12. Herr Reh ii: Behandlung 
infektiös eiteriger Herde im Peritonealraum. — 13. Herr Sprengel: 
Neue Erfahrungen über Appendicitis und Behandlung der Peri¬ 
tonitis. — 14. Herr Roux: Zur Perityphlitisfrage. — 15. Herr 
Sonn e n b u r g: Ueber Lungenkouiplikationcu is-i Appendicitis. 

dt Z u r l T n t e r 1 e i b s <• li i r n r g I c: 10. Herr B u n g e: I)i«* 
T a 1 m a’sclie O|ieration. — 17. Herr Ehrhardt: Ueber Leber- 
wundeu. — 18. Herr Sprenge*!: Ueber 'riirombosen im Gebiet 
der Arteria mesenteriea. — 19. Herr v. Kiselsberg: Die Kolo* 
pexie. — 20. Herr Payr: Ueber erworbene Danndivertikel. — 

21. Derselbe: Mechanik der Stieldrehung bei inneren Organen. — 

22. Herr Graser: Ueber Brüeheeinklemiming des Wurmfort¬ 
satzes. - - 23. Derselbe: Anomalien dos Mesenterium. — 24. Herr 
Tavel: Behandlung der Neuralgie der Gesehlochtsthcile. ■ 
25. Herr de Quervain: Bedeutung des Ulkus für die Magen- 
krebsentwieklung. 

e> Varia: 20. Herr K ö n i g - Berlin: Chirurgie und Ortho¬ 
pädie. — 27. Herr Kausch: Der Diabetes In der Chirurgie. -- 
28. Herr Lex er: Ungewöhnliche Cysten am Halse. — 29. Herr 
de Quervain :Die akute nicht eiterige Strumitis. — 30. Herr 
K ü 11 n e r: I)ie geographische Verbreitung der Blasensteinkrank¬ 
heit spez. in Württemberg. 31. Herr IIiMtssner: Dauererfolge 
bei Streckung der Kniegelenkskontraktur mit Sohnenühcrpfhinzung. 


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302 


MTTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 7. 


Auswärtige Briefe. 
Wiener Briefe. 

(Eigener Bericht.) 




Wien, 15. Februar 1902. 

Eine Wohlfahrtsaktion der österreichischen Aerzte. — 
Aerztekammer nnd Krankenkasse. — Warnm rezidiviren 
Nasenpolypen? — Der Einfluss des blauen Lichtes auf Tu¬ 
berkelbazillen. — Tuberkulininjektionen an 400 Soldaten zu 
diagnostischen Zwecken. 

Anfangs dieser Woche fand in Wien eine im Namen des 
„Oesterreichischen Aerztevereinsverbandes“ einl>crufene Aerzte- 
versammlung statt, welche über die Inszenirung einer grossen 
Wohlfahrtsaktion und über die Wahl der hiezu geeigneten Per¬ 
sönlichkeiten berathon sollte. Der „Oesterr. Aerzte vereinsver¬ 
band“ hatte vor mehreren Jahren ein Wittwen- und Waisen- 
Unterstützungsinstitut in’s Leben gerufen, welchem aber, trotz 
der äusserst geringen Beitrüge, bloss einige Hundert Aerzte als 
Mitglieder beitraten, so dass die Leistungen des Institutes nur 
verhaltnissmüssig bescheidene sein konnten. Dieses W o h 1 - 
thätigkeitsinstitut soll nun — das wird angestrebt — 
durch geeignete Veranstaltungen (Aerzte-Lotterie etc.) auf eine 
der Aerztesehaft und ihrer Nothlage entsprechende, leistungs¬ 
fähige Höhe gebracht werden, so dass alle jene Aerzte, welche 
die Versicherungsprämien bei einem anderen Institut nicht be¬ 
zahlen können, hier einen kleinen Rückhalt bekommen, dass für 
ihre Wittwen und Waisen gesorgt werden würde. 


Der Einberufer der Versammlung, Obersanitätsrath Dr. 
M u c h a, wurde auch bald zum Präsidenten der grossen Kom¬ 
mission berufen, welche sich an die Spitze der geplanten Wohl¬ 
fahrtsaktion stellt. Weiters wurde auch sofort ein Exekutiv- 
komite und als Präsident desselben Dr. Anton L ö w gewählt, 
ein überaus verdienstvoller, die Interessen der Aerzte jederzeit 
warm vertretender Kollege. Der vom Sekretär Dr. Heinrich 
Adler eingebrachte Antrag wurde, einstimmig angenommen: 
„Das Aktionskomite wird beauftragt und erhält unbeschränkte 
Vollmacht, alle Schritte zu unternehmen und Veranstaltungen 
zu treffen, um den Wittwen- und Waisen-Unterstützungsfonds 
des Oesterr. Aerztevereinsverbandes zu kräftigen; zu diesem Be- 
hufe insbesondere, unter Beobachtung der gesetzlichen und be¬ 
hördlichen Vorschriften, Sammlungen, Wohlthiitigkeitsfeste und 
Publikationen zu veranstalten, eine Lotterie, zu unternehmen oder 
an den Erträgnissen von Lotterien Partizipationen zu erwirken, 
für die Verwendung, Anlage und Verwaltung «ler erzielten Ein¬ 
nahmen bis zu ihrer Abführung an den Fonds Sorge zu tragen 
und überhaupt nach seinem besten Ermessen Alles zu unter¬ 
nehmen und vorzukehren, was das Konnte zur Verwirklichung 
d«‘s angestrebten Zweckes für nothwendig «xler nützlich er¬ 
achten wird. Das Akionskomitc wird nach Bedarf die grosse 
Kommission «unberufen und derselben über den Fortgang der 
Aktion und über die Verwendung und Anlage der zu Gunsten 
des Fonds erzielten Einnahmen Bericht zu erstatten haben“. 


In der Versammlung sprachen auch Sektionschef Ritter 
v. Iv usv, «ler in Vertretung des Ministeriums d«*s Innern er- 
schieiu'ii war, und der Landes-Sanitätsreferent Dr. Netolitzky, 
im Namen des Statthalters von Niederösterreich, indem Beide 
die geplante Aktion guthiessen und das edle Unternehmen zu 
unterstützen versprachen. Die Gesammtheit der Aerztesehaft 
Oesterreichs repräsentirt. unserer Ansicht nach, eine so kolossale 
Macht, dass es ihrem intellektuellen und moralischen Einflus-«’ 
b«“i einigem guten Willen des Einzelnen leicht gelingen müsste, 
dass Schicksal von Frau und Kindem verarmter Aerzte auch 
nach dem Ableben des Ernährers materiell zu sichern. Hoffent¬ 
lich wird eine grosse Majorität der Aerzte diese Aktion der 
Selbsthilfe werkthätig unterstützen. 

Dass die Selbsthilfe zu günstigen Resultaten führt, dafür 
gibt das von uns bereits geschilderte Eingreifen der Wiener 
Aerztekammer gegen «lie in Gründung begriffene Kasse der 
Wiener "Bankbeamten ein lehrreiches Beispiel. Die 16 in Aus¬ 
sicht genommenen Vertrauensärzte dieser Kasse haben der 
Kammer die Erklärung abgegeben, insolange die Kassenarzt¬ 
stelle nicht anzunehmen, bis die Kammer in dieser Angelegenheit 
ihr endgiltiges Votum abgegeben haben würde. Die Kranken¬ 
kasse der Wiener Banklxiamten hat nun der Kammer gegenüber 
die Geneigtheit zu Verhandlungen ausgesprochen und die 


Kummer hat erwidert, di«« könne nur auf der Basis gtischehen, 
dass die Kasse ihre Mitglieder bloss auf Krankengeld und nicht 
auf Gewährung unentgeltlicher Behandlung versichere. Darauf 
antwortete wieder die Kassenleituug, dass sie selbst auf diesem 
Standpunkte stehe, dass aber die Behörden auf Grund des 
Krankenkassengesetzes auf die Beistellung unentgeltlicher ärzt¬ 
licher Hilfe für jene Mitglieder der Kasse, welche versicherungs¬ 
pflichtig sind, bestehen. Aerztekammer und Krankenkasse 
werden nun vereint bei der Regierung einen Modus vivendi an¬ 
zustreben sich bemühen, damit einerseits die Inszenirung di«ser 
Kasse ermöglicht, andererseits aber der ärztliche Stand nicht 
neuerdings intensiv geschädigt werde. Und das ist immerhin 
schon ein hübscher Erfolg, den wir «ler Thätigkeit unserer Aerzte¬ 
kammer, nicht minder aber jenen in Aussicht genommen Kassen¬ 
ärzten verdanken, welche über Wunsch der Kammer ihre schon 
begonnene Thätigkeit wieder einstellten. 

Warum rezidiviren Nasenpolypen? Diese Frage beantwortete 
Dozent Dr. M. Hajek in einem im Doktoren-Kollegium ab- 
gehaltenen Vortrage dahin, dass er vorerst, ausführte, dass die 
Nasenpolypen chronische Entzündungsprodukte seien, welche 
zum Theil einem entzündlichen, zum Theil einem Stauungs- 
exsudate ihre weiche. Konsist«*nz und ihr gallertiges Aussehen 
verdanken. Die Polypen rezidiviren, weil es nicht immer gelingt, 
alle Polypen des Naseninnern zu entfernen. Zweitens rezidi¬ 
viren sic, weil in Folge Bestandes eines Empyems der Kiefer¬ 
höhle oder der Siebbeinzellen ein chronischer Reizzustand der 
Nase erhalten wird; <*rst nach Ausschaltung d<« Grundleidens 
ist öfters eine dauernde Heilung zu erzielen. Es gibt endlich 
Fälle, in welchen man erst zum Ziele gelangt, wenn man nicht 
bloss die Polypen mitsammt. ihren Stielen, sondern auch den 
Knochenansatz entfernt. In solchen inveterirten Fällen ist eben 
ein tieferer Prozess, eine Entzündung der Spongiosa vorhanden, 
welche die stetigen Rezidive verursacht; wird die Spongiosa mit¬ 
entfernt, so hört die weitere Polypenbildung auf. 

In der Gesellschaft der Aerzte machte Dr. Gustav Kaiser 
eine vorläufige Mittheilung über seine Versuche mit reinblauem 
Lichte und dessen Einwirkung auf Bakterien. Seine Ergebnisse 
sind in Kürze folgende: Die von blauem Lichte bestrahlten Rein¬ 
kulturen von Tuberkelbazillen (Entfernung 5 m, Zeitdauer 
30 Minuten) waren sümmtlieh abgetödtet, während die dem ge¬ 
wöhnlichen Bogenlichte ausgesetzten Reinkulturen weiter 
wuchsen. Von allen Kulturen wurden Ueberimpfungen ge¬ 
macht. Es wurden Reinkulturen einem Patienten am Rücken 
befestigt und in der Entfernung von 5 m durch 6 Tage zu je 
30 Minuten der Patient von vorne mit reinblauem Lichte be¬ 
strahlt. Resultat: Abtödtung der Bazillen durch den Patienten 
hindurch. Kontrole und Ueberimpfung. Stxlann wurde das 
Licht durch eine Hohllinse applizirt, welche eine blaue Lösung 
enthielt, wobei «las Licht gi*wiss als kalt«« bezeichnet werden 
konnte, resp. das Licht wurde zerlegt und man liess «36 roth, blau 
und ultraviolett auf eine Tuberkelreinkultur einwirken. Das 
blaue Licht tödtete stets die Bazillen, in Roth und Gelb fand 
Wachsthum statt, in Violett und Ultraviolett Abtödtung. 

Direkte Versuche am Patienten: Zwei hochgradige Phthi¬ 
siker wurden in dieser Weise 6 Wochen lang behandelt- Bis¬ 
heriger Erfolg: Aufhören des Nachtschweissos, Seltenerwerden 
des Hustenreizes, Verminderung der Bazillen. Heilung mehrerer 
tuberkulöser Geschwüre bei einer Patientin nach 4 wöchentlicher 
Bestrahlung, während die früher monatelange Behandlung 
fruchtlos war. Heilung eines durch 6 Monato bestehenden 
nässenden Ekzems bei einem Kinde tuberkulösen Charakters in 
5 Wochen. All’ dies vcranlasste Vortragenden zu folgenden 
Schlüssen: 1. Blaues bis ultraviolettes Licht — mittels Hohl¬ 
lins«' applizirt — wirkt auf die Bazillen tödtend. 2. Der Ein¬ 
fluss «1er Wärinestrahlen ist tlabci ausgeschlossen. 3. Die Wir¬ 
kung d«‘s Lichtes ist abhängig von der Entfernung und der 
Int«‘nsität der Lichtquelle. 4. Ist <’ r Nachweis erbracht, dass 
das Licht, stark genug d«?n Körper durchdringen kann, und zwar 
sind es hier nur die chemischen Strahlen. 5. Ein blaues Licht 
wirkt enorm resorbirentl, sodann schmerzstillend, wenn die 
Strahlen konzentrirt wurden, sogar anästhesirend. 

Weiters macht Stabsarzt Dr. K. Franz eine vorläufige 
Mittheilung über Tuberkulininjektionen, die zu diagnostischen 
Zwecken an 400 Soldaten des bosnisch-herzegowinischen Infant.- 
Regiments No. 1 durchgeführt wurden. Nur solche Soldaten 
wurden injizirt, bei welchen objektiv kein Befund erhoben wurde 


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18. Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 302 


und bei welchen eine dreimal wiederholte Messung keine 
höhero Körpertemperatur naehweisen liess. Vorerst wurde 
0,001 g Tuberkulin, mit sterilisirtem Wasser verdünnt, ei »ge¬ 
spritzt, zum zweiten Male (bei den nach 0,001 g nicht Ro- 
agirenden) 3 mg, bei zweifelhafter Reaktion nur 2 mg. Nur bei 
Einigen erfolgte zum dritten Male eine Injektion und zwar mit 
0,005 g Tuberkulin. Auf diese Weise erhielten im Ganzen 
400 Soldaten 775 Tuberkulininjektionen. Das Resultat war, dass 
245 (61 Proz.) positiv reagirten, 10 (2,5 Proz.) blieben zweifelhaft 
und 145 (36,5 Proz.) zeigten nach der Dosis von 0,003 g (bei 
Einzelnen 0,005 g) keine Reaktion. Bei den positiven Fällen trat 
zumeist das Reaktionsfieber auf 38—38,9° ein, doch ging dieses 
sowie andere Erscheinungen (Frösteln, allgemeine Mattig¬ 
keit etc.) bald vorüber, so dass die grössere Anzahl der Tuber- 
kulinisirten schon nach 36—48 Stunden, nahezu alle am 4. Tage, 
ihren Dienst wieder versehen konnten. Eine nachtheilige Kom¬ 
plikation wurde nicht beobachtet, so dass die Unschädlichkeit der 
zum diagnostischen Zwecke in genannter Dosis vorgenommenen 
Tuberkulininjektionen auch in seinen Fällen konstatirt werden 
konnte. 

Aus der grossen Zahl der positiv Reagirenden schliesst der 
Vortragende, dass die bosnisch-herzegowinische Mannschaft die 
Tuberkulose in erster Reihe nicht durch den militärischen Dienst 
aequirirt, sondern dass dieselbe in überwiegender Mehrzahl den 
Krankheitskeim mit sich bringt. Unter der Bevölkerung Bos¬ 
niens muss also die Tuberkulose stark verbreitet sein, wenn die 
kräftigsten jungen Männer zu 61 Proz. tuberkulös veranlagt sind. 
Selbstverständlich werden die Ergebnisse der Injektionen auch 
praktisch verwerthet. Den positiv reagirenden Soldaten wird er¬ 
höhte Aufmerksamkeit zugewendet ; sobald sich die ersten wahr¬ 
nehmbaren Symptome einer tuberkulösen Erkrankung einstellen, 
werden sie sofort der entsprechenden Behandlung zugeführt. Die 
Beobachtung derselben wird sich nicht bloss auf die 3 jährige 
Dienstzeit, sondern auf weitere 10 Jahre (Reservisten) erstrecken. 
Erst durch die systematische langjährige Beobachtung der 
Tuberkulininjizirten wird dann ein definitives Urtheil über den 
Werth der Tuberkulininjektionen gebildet werden können. 


Verschiedenes. 

Galerie hervorragender Aerzte und Naturforscher. 
Per heutigen Nummer liegt das 126. Blatt der Galerie bei: Adolf 
Kussmaul. Vergleiche den Begriissungsartikel zu seinem 
SO. Geburtstag auf S. 281. 

Therapeutische Notizen. 

i Die Magerkeit als einen kosmetischen Fehler 
'behandelt Dr. II. Strebei, wenn keine objektiven Belege für 
eine Organerkrankung vorhanden sind, folgendermaassou: 

1. Diiit: Gemischte Kost, und zwar Fleisch massig, Fett und 
Kohlehydrate reichlich. Bevorzugt sind abwechselnd Macearonl 
«Hier Bandnudeln mit sehr viel Parmesankäse, Erbsenmus uud 
nachher Käse, Butterbrod. Morgens statt Kaffee oder Theo eine 
Schleimsuppe mit Ei. Als Getränke Milch in jeder Form, ferner 
Bier, das mit einem der sehr malzreichen sogen, alkoholfreien Biere 
zur Hälfte gemischt ist. Ein ausgezeichnetes Mittel, dem Körper 
Eiweiss in einer Form zuzuführen, welche selbst einem ganz 
appetitlosen Menschen konveulrt, ist folgendes: Man lässt eines 
der bekannten Kniggebeingläser (statt mit Likör) mit Bier oder 
mit Fruehtsaft oder mit selbstgemachtem Fleischsaft füllen und 
gibt darauf das unzerstörte Eigelb. Auch das Ausschnullen der 
mit kleinen Oeffnuugen versehenen Eier eignet sich ganz gut, weil 
man von dem Ei selbst bei kleiner Säugöffnung gar nichts spürt. 
Ferner empfiehlt es sich, fein geschabtes Fleisch halbstündlich 
oder alle Stunde einen Esslöffel voll, mit Fruchtgelee, einnehmen 
zu lassen. Unter Umständen lässt Verfasser, wenn Abneigung 
gegen Milch nicht besteht, eine Kumys- oder Keflrkur von Anfang 
an in den Vordergrund treten. Den Gemüsen soll direkt Leim¬ 
substanz zugesetzt werden. 

2. Der Ueber8chuss an Eiweiss wird nöthigen Falls durch die 
N'ährklystlere erzielt. 

3. Eventuell kann man sofort zur Oelinfusion greifen, be¬ 
sonders wenn eine Abneigung gegen fette Speisen besteht. Man 
muss recht langsam mit der Operation Vorgehen, dann macht sie 
auch wenig Schmerzen. Dem Oel kann etwas Kampher zugesetzt 
werden. Durch die kombinirte Mastdarmernährung mit Fett¬ 
infusion kann mit Leichtigkeit dem Körper 1500 bis 2000 Kalorien 
znführen, und diese Ueberernähmng ist in ihren Erfolgen sehr 
zufriedenstellend. 

4. Von Medikamenten erhält der Patient vom ersten Tage ab 
Arsenik, anzufangen mit 0,001—0,005 täglich innerlich oder sub¬ 
kutan. Ausserdem verordnet Verfasser täglich oder alle zwei 


Tage ein warmes Bad von ea. 28- 29" C., wopol in dein Bade selbst 
eine Bouillon aus Huhn oder Rindfleisch heiss zu trinken ist. Nach 
dem Bade eine Stunde Ruhe im Troekemviekel. Zu Mittag fällt 
dann die Suppe fort, wodurch die Aufnahmemöglichkeit der festen 
Speisen erhöht wird. Naeh dem Essen Ruhe. 

5. Mehrere Stunden des Tages Licht-Luftbad in der Summ 
(im Nothfalle im Zimmer) mit massiger Bew’egunir - .Ynsgewählte 
Gymnastik ist nöthig zur Ausbildung bestimmter Muskclgruppcn: 
sie soll aber nicht bis zu Ermüdung und Schwcissbihhing getrieben 
werden. 

6. Die Kleidung soll warm sein, ebenso die Temperatur des 

Aufenthaltsortes, doch nicht so, dass Si-hweiss erzeugt wird. 
(Deutsch. Mediziualztg. 1901, No. 59—«Mi.) P. H. 

J o d !*p i n. Prof. Rille- Innsbruck liat das Jodipiu ausser 
bei tertiärer Syphilis mit gutem Erfolge auch bei Psoriasis 
vulgaris angewendet. Er erzielte bei exquisit ehronlscheu 
Fällen, mit einer Krank heit sdnuer bis zu 27 Jahren, zweifellose 
Besserung, in mehr akuten Fällen vollständige Heilung. Ein 
Patient erhielt innerhalb «> Wochen 900 cem 25 proz. Jodlpin In- 
jizirt, ein anderer in 5 Wochen 680 cem, ohne dass unangenehme 
Nelienwirkungen auftraten. (Sitzungsber. d. Wissenschaft!. Aerzte- 
gcsellscli. in Innsbruck 1901.) — L u c i b e 111 - Neapel stellte Ver¬ 
suche über die Verwendung des Jodipin zur Prüfung der Magen- 
motilitüt an und fand, das dasselbe ein sicheres Mittel zur Be- 
urtheilung der Magemnotilität ist, da es nur im Darm gespalten 
wird. Bei normalem Yerdauungsapparnt tritt die Jodreaktion 
du rehschnitt lieh 1 Stunde und 10 Minuten nach Verabreichung des 
Jodipin auf und verschwand durchschnittlich nach 40 Stunden. 
iKlin.-tliorap. WoHienschr. 1901, No. 46.) R. S. 


Tagesgeschichtliche Notizen. 

München, 18. Februar 1902. 

— Eine erfreuliche, ihre Wirkung wohl nicht verfehlende 
Kundgebung gegen den iu Berlin neuerdings überhand nehmen¬ 
den Obskurantismus verdankt man unserem Kaiser. Der¬ 
selbe hat das Gesundbeten etc. als einen unserer Zeit wie der 
Keiehshnuptstadt unwürdigen Unfug bezeichnet und erklärt, dass 
Personen, die sieh an dem Treiben der Spiritisten. Gesundbeter 
und verwandten Richtungen betheiligen, vom Zutritt zum Hole 
ausgeschlossen werden sollen. — Die Stadtverordnetenversamm¬ 
lung von Sehüneberg hat beschlossen, die an den Kreis Teltow 
für die Unterhaltung des Iv r e i s k r a n k e n h a u s e s in 
Gross-Llchterfelde zu entrichtenden Jahresbeiträge von 
53 000 M. so lange zurück zu halten, bis die dort herrschenden, 
in unserer vorigen Nummer geschilderten Uebelstände beseitigt 
sein werden. Auch diese Maassregel ist probat und wird hoffent¬ 
lich dazu führen, dass Herr Sehweuinger die längste Zeit 
Leiter eines öffentlichen Krankenhauses gewesen Ist. 

— Dem bekannten im Jahre 1900 ergangenen Warmmgsiuf 
deutscher Hochschullehrer der Hygiene gegen den illegitimen Ge¬ 
schlechtsverkehr der Studirewlen ist jetzt ein Auf) n f, zunächst - 
der "Professoren der Breslauer Universität, gege n den A 1 k o - 
h o 1 m i s s b r auch gefolgt. Derselbe empfiehlt nicht die totale 
Abstinenz.‘serndonrer warnt nur vor der Unmässigkeit iu geistigen 
Getränken, vor Allein wendet er sieh gegen den Trinkzwaug und 
gegen den Frühschoppen. Von berufener Seite ist versichert wor¬ 
den, dass der erwähnte Appell zur sexuellen Abstinenz vom besten, 
durch die verminderte Frequenz der ärztlichen Sprechstunde 
seitens Studirender erwiesenen Erfolge begleitet, gewesen sei; 
diesen Erfolg wünschen wir auch dein Aufrufe gegen den Alkohol¬ 
missbrauch. Denn es ist kein Zweifel, dass, wenn in Deutsch¬ 
land eine Hernbmindernng des übermässigen Alkoholkonsums er¬ 
reicht werden soll, die studlrende .lugend, deren Trinksitten den 
Grund zu dem Uebcl in den gebildeten Kreisen logen, den An¬ 
fang machen muss. Aus diesem Grunde begrüssen wir auch den. 
übrigens in der Schweiz schon seit längerer Zeit verwirklichten. 
Gedanken eines Münchener Kollegen, der schon die Schüler der 
Mittelschulen durch Gründung eines Schüler-Abstinenzverefns für 
die Mässigkcitssaehe zu iuteressiren sucht. Dem am hiesigen 
Theresiengymnnsiuni unter der verstiindnlssvollen Förderung des 
Rektors vor Kurzem gegründeten Verein sind sofort etwa 
70 Schüler aus allen Klassen beigetreten, die für die Dauer ihrer 
Zugehörigkeit zum Verein — der Austritt steht jederzeit frei — 
sich zur völligen Alkoholabstinenz verpflichtet haben; durch regel¬ 
mässige Vorträge sollen die Mitglieder über die Gründe und Ziele 
der Mässigkeitsbewegung. über die Schäden des Alkoholmiss¬ 
brauchs etc. unterrichtet werden. Wenn es gelingt, das Interesse 
der Schüler au dem Vereine dauernd zu erhalten und wenn weitere 
Gymnasien dem gegebenen Beispiele folgen, so wird das nicht 
nur für unsere Mittelschulen, die selbst schon unter dem Alkohol¬ 
missbrauch (Schülerverbindungen. Betrunkenheit auf Maif^sten 
etc.) zu leiden haben, von wohlthätlgem- Einfluss sein, sondern man 
darf hoffen, dass die Mitglieder dieser Vereine später ein kräftiges 
Bollwerk bilden werden gegen die verheerenden Trinksitten 
unserer Universitäten. 

— Der ILehrkörper der medizinischen Fakultät der Universität 
Greifswald wird auch in diesem Jahre und zwar Im Oktober 
wieder Fortbildungskurse für praktische Aerzte 
veranstalten. Mit Rücksicht auf die Neubesetzung der Stelle des 


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304 


MtJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


inneren Klinikers ist der Termin, noeli nicht genauer festgelegt, 
(loch wird dies im Beginn des Soinwersemesters geschehen. 

— Am Sonntag, den 9. Februar, hat sieh in Stettin eine 
..I’ o m in er’sche Gesell» e h a f t f (i r G e b u r t s h i 1 f e 
n n d G y n ii k o 1 o g i e" gebildet. Aus der Zahl der Interessenten 
waren 22 anwesend. In den Vorstand wurden Professor M a r t i n - 
Greifswald und Sanitätsrath B a u e r - Stettin gewählt. Die Ge¬ 
sellschaft soll viermal im Jahre tagen, zweimal in Greifswald und 
zweimal ln Stettin. 

— Mit dem 20. Kongresse für innere Medizin, 
welcher, wie schon mitgetheilt wurde, vom 15. bis 18. April d. .1. 
zu "Wiesbaden statt findet, isi eine Ausstellung von pharma¬ 
zeutischen, chemischen u. s. w. Präparaten und voll Instrumenten 
und Apparaten, soweit sie für die innere Medizin Interesse haben, 
verbunden. Anmeldungen zu dieser Ausstellung nimmt der stän¬ 
dige Sekretär des Kongresses, Herr Geheimrath Pr. Emil 
P f e i f f e r, Wiesbaden, Parkst fasse 12, entgegen. 

— Mit Rücksicht darauf, dass der Internationale Medizinische 
Kongress im Jahre 1902 in Madrid tagen wird, ist der ursprünglich 
für dasselbe Jahr in Aussicht genommene Internationale 
üermatologls c h e K o n g ress in Berlin auf das Jahr 190t 
verlegt worden und zwar wird derselbe im September jenes Jahres 
unter dem Präsidium des Prof. E. Besser stattlinden. General¬ 
sekretär des Kongresses ist l»r. O. Rosen thal in Berlin. 

— Pest. Türkei, ln Bagdad wurden am 27. Januar 2 Neu¬ 
erkrank nngmi festgestellt. — Aegypten. Vom 24. bis 20. Januar 
wurden in Tautali 17 Erkrankungen tund 17 Todesfälle) gemeldet, 
in Ziftah 1 tl), in Abussir 2 (Ol. in Kafrenan 1 (li. — Britiscli- 
Ostindieu. ln der Präsidentschaft Bombay kamen vom 4. bis 
10. Januar 0098 Erkrankungen und 4018 Pesttodesfülle zur Anzeige. 
In der Stadt Bombay wurden während der am 11. Januar endenden 
Woche 221 Erkrankungen und 222 erwiesene Pesttodesfülle, ausser¬ 
dem 104 pestverdächtige Sterbefälle gezählt; die Gosammtzahl der 
Todesfälle daselbst ltelief sich auf 870 gegen 900 in der Vorwoche. 
-- Philippinen. In Manila wurden vom 1. Dezember v. J. bis gegen 
Ende Januar d. J. 22 Erkrankungen und 4 Todesfälle an der Pest 
festgestellt. — Kapland. In der Woche vom 5. bis 11. Januar kamen 
2 Neuerkrankungen zur Anzeige, davon 1 in Port Elizabeth und 
2 in Mosselbay. — Hawaii. Während der letzten Monate des vorigen 
Jahres sind in Honolulu mehrfach Pesterkrankungen, besonders 
unter der chinesischen und japanischen Bevölkerung zur Wahr¬ 
nehmung gekommen. Pie Erkrankungen waren angeblich säuinit- 
licli auf l'ebertraguug durch intizirte Ratten znrückzuführeii. — 
Queensland, ln Brisbane ist einer Mittheilung vom 2. Februar zu¬ 
folge »‘in neuer Pest fall testgcstellt worden. 

— In der f». Jahivswoelie, vom 20. Januar bis 1. Februar 1902, 
hatten von deutschen Städten über 40 000 Einwohner tlie grösst«; 
Sterblichkeit Fürth mit 22,9, die geringste Schöneberg mit 0,4 Todes¬ 
fällen pro Jahr und 1ÖOO Einwohner. Mehr als ein Zehntel aller 
Gestorbenen starb an Masern in Solingen. Würzburg, an Scharlach 
in Königshütte, an Diphtherie uml Kroup in Bromberg. Remscheid, 
an Fnterleibstyphus in Mülheim a. d. lt. 

— Pr. Max Heim aus Bonn, früher Assistent der Professoren 
Finkler und Witzei in Bonn etc., hat neuerdings die ärzt¬ 
liche Leitung »l«‘s Sanatoriums Inselbad b. Paderborn übernommen. 

— Pie bekannte elektrotechnische Firma Reiniger, 
G «> b b«‘ r t & Schal 1, Erlangen, welche bereits Filialen in Berlin, 
München, Wien und Ofen-Pest unterhält, hat am 1. Februar c. auch 
in Hamburg. Biisclistr. 12. eine Filiale mit Reparaturwerkstätte, 
Musterlager »1er gebräuchlichsten Apparate, sowie Akkumulatoren- 
Ladestation »‘rriclitet. 

(Hochschulnachrichten.) 

Berlin. Am 10. ds. feiert»' Geheimrath Franz König 
seinen 70. Geburtstag. Dieselbe Feier begeht am 20. ds. der 
Generalstabsarzt der Armee Prof. Pr. v. L e u t h «1 d. 

Rostock. Prof. W olters in B«»nn hat einen Ruf für das 
neue Extraonlinariat für Haut- und Geschlechtskrankheiten in 
Rostock erhalten und angenommen. 

S t r a s s b u r g. Privatdozent 1 >r. E g g e 11 n g gebt in glei¬ 
cher Eigenschaft als Prosektor an das anatomische Institut in Jena. 
Privat»lozent Pr. W e i »1 e n re i e h, lxuirlaubt als Assistent am 
Institut für Krebsforschung in Frankfurt, kehrt nach Strassburg 
zurück mul üb«*rnimint die Stelle als I. Assistent des anatomischen 
Institutes. -- Am Sonntag. »l«*n 9..Februar fatal «lie feierliche Er¬ 
öffnung der neu erlmuten medizinischen Klinik statt. Per Ein¬ 
ladung «l«‘s Direktors. Geheimer Medizinalrath Prof. Pr. N nu¬ 
ll y n, waren «lie Spitzeu der Behörden, zahlreiche Mitglieder «1er 
Universität, «lie angesehensten Aerzte des Landes und von weil 
mal breit die früheren Schüler N a u n y n’s gefolgt. Im grossen 
Hörsaal der Klinik, der mit allen Vorzügen der modernen Technik 
und Hygiene eine ausgezeichnete Akustik vereint, begrüsste 
N ii ii n y u seine Gäste mit einer ENiffnungsrede, in <ler«'ii Ein¬ 
hütung er kurz die Geschichte der Entstehung seiner neuen Klinik 
berührte. Insbesondere gedachte er «ler warmen Unterstützung 
«les früheren Staatsminist«*rs. Exzellenz v. l’iittka m e r, mal des 
zu früh verstorbenen Kurators. Unt«'rstaatss«*kretiir Hosen«. 
Des Weiteren entwickelte Vortragemlcr «li«* Gründe, welche aus 
«len alten Kliniken ohne Komfort mal mit primitivsten Einrich¬ 
tungen «lie heutigen mit Beobachtung aller, weitgeheinlsten Fordc- 
rltugen der Hygiene und «les Wohlbetiiahms der Kranken «‘rsounem n 
und durchgeführten Stätten der Krankenlaülung uml Krankheits- 
forscliung gemacht haben. Nur di«; bei Weitem erhöhten Anforde¬ 
rungen der Kranken an Pflege. Heilmittel und Komfort habe diese 
allerdings sehr kostspielig«*, aber höchst erfreuliche Aenderung be¬ 
wirkt. Ohm; Lalxiratorium, ohne liörsälc, ohne Ambulanz keine 


No. 1. 


Klinik, ohne elektrisches, mechanisches und hydrotherapeutisches 
Institut kein vollständiges, allen billigen Forderungen genügendes 
Krankenhaus für Interne Krankheiten. Aber neben diesen 
modernen Prunkstücken «les klinischen Hausratlies tlndet der 
Kenner «len unschätzbaren, angestammten, den höchsten Werth 
<l«*r Ausstattung bild«‘ud«*u Theil: die wichtigsten UntCrsuchungs- 
uml lleill'aktorcn, dort Auskultation, Perkussion, Methodik; hier 
die Grundpfeiler des therapeutischen Baues: Quecksilber, Jodkali. 
Opium. Digitalis. Sic wenleu im neuen Bau so unentbehrlich 
bleiben wie im alt«*n. unentbehrlicher als alle neuen, nur zu sehr 
geschätzten Bereicherung«;!! auf dem Gebiete der Untersuchung 
und Therapie, zu denen technisches Können und wissenschaftliche 
Forschung in gleicher Weis«; lieitragen. Der bei F ischer in 
Jena erscheinende Vortrag wird eines grossen Leserkreises nicht 
enmuigeln. 

Bern. Zu Professoren ernannt: Per Privatdozent für patho¬ 
logische Anatomie Pr. Max llowald und der I’rivnt«lozent für 
Physiologie Pr. Leon As her (von Leipzig). 

W i e n. Pie von Joseph II y r 11 seiner Zeit angelegte Samm¬ 
lung von Bildnissen namhafter A«*rzt<* und Naturforscher, die im 
Lauf«* «ler Zeit von «lern Freund«* «les Gelehrten Pr. A. Fried- 
lowsk.v so stark v«*rm«üirt wurde, «lass sie heute etwa HbKm 
Blätter zählt, ist für «las Kupferstichkabinet der Wiener Hof¬ 
bibliothek erworben w«mlcii. 

(T o «1 e s f ä 11 e.) 

1 >r. (’ b «• «I «• v e r g n e, Prof«‘ssor der klinischen Medizin an der 
iii('«liziniselieii Schule zu Poitiers. 

1 >r. E. F a z i o, Privatdozent für Hygiene au «ler medizinischen 
Fakultät zu Neapel. 

Pr. A. M a. s i. a.o. Professor der operativen Medizin an der 
mc<liziuisch«>ii Fakultät zu Buenos-Aires. 

ln Moskau starb am 8. «1s. der bekannte Kinderarzt Professor 
Nil F Hat o w im Alter von 55 Jahren. Er war seit 1891 Professor 
der Kinderheilkunde an der Universität Moskau. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Niederlassung: Pr. E. Haller iu Straubing. 


Correspondenz. 

A uf ruf! 

Pas ProfessorenkoUeginm der Wiener medizinischen Fakultät 
hat «len Beschluss gefasst, anlässlich der bevorstehenden Zen- 
tcniiarfeier des Geburtstages Josef Skoda’» eine Gesammtaus- 
gnb«* <l«*r Schriften des Meisters zu veranstalten. 

Pas mit dieser Aufgaln* betraute, unterfertigte Komitee 
wendet sich an diejenigen Herren Kollegen, welche Schüler 
Skoda’s waren und im Besitze von Kollegienheften, Aufzeich¬ 
nungen von Vorlesungen od«;r Vorträgen desselben sind, mit der 
Bitte, diese Beiträge an «len Herrn Dekan «Hier Herrn Hofratli 
Nothnagel zur Benützung resp. Bearbeitung einsenden zu 
wollen. 

Selbstverständlich wird «las Komittee die Einsendungen nach 
Einsichtnahme unversehrt, zurück stellen. 

Wien, im Februar 1992. 

N o t h n a g e 1. S <• li r ö t t «' r. Benedikt. v. T ö p I y. 

N c u b u r g «* r. 


Morbiditätsstatistik d. InfektionskrankheitenfUr München 

in der 5. Jahreswoche vom 22. Januar bis 1. Februar 1902. 
Betheiligte Aerzte 214. — Brechdurchfall 10(7*), Diphtherie u. 
Kroup 22 (10\ Erysipelas 10 (12), Iniermittens, Neoralgia interm 
l (1), Kindbettfieber 2 (2), Meningitis cerebrospin. — (-),. 
Morbilli 56 (48), Ophthalmo-Blennorrhoea neonat. — (—), Parotitis 
epidem. 16 (15), Pneumonia crouposa 27 (14), Pyftmie, Septikämie 
— (—), Rheumatismus art. ac. 25 (24), Ruhr (dysenteria) — (—', 
Scarlatina 5 (8), Tussis convulsiva 21 (81), Typhus abdominalis 
>2 (—), Varicellen 12 (12), Variola, Variolois — (—), Influenza 12 (11), 
Summa 209 (185) KgL Bezirksarzt Dr. Müller. 


Uebersicht der Sterbefälle in Manchen 

während der f>. Jahreswoche vom 2. bis 8. Februar 1902. 

Bevölkerungszahl: 499 932. 

Todesursachen: Masern 2 (1*), Scharlach — (—), Diphtherie 
u Kroup 1 (4), Rothlauf 2 (2), Kindbettfieber 1 (—), Blutvergiftung 
(Pyäinie u. s. w.) 4 (1), Brechdurchfall 1 (1), Unterleib-Typhus — (—), 
Keuchhusten 1 (4), Kroupöae Lungenentzündung 5 (5), Tuberkulose 
a) der Lunge 33 (27), h) der übrigen Organe 6 (8), Akuter Gelenk¬ 
rheumatismus — (—), Andere übertragbare Krankheiten 2 (6), 
Unglücksfälle— (1). Selbstmord 2 (—), Tod durch fremde Hand 1 (—). 

Die Gesammtzahl der Sterbefälle 223 (204), Verhältniasxahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 22,9 (21,0) für die 
über dem 1. Lebensjahre stellende Bevölkerung 15*9 (11,9).\ 

*) Die eingekl&mmerten Zahlen bedeuten-die Fälle dei: Vorwoche. 


V-rl.r; müi I. I\ I. «• li m n n n in Mniicln-n. — Druck von K. Miihltlmlcr s lliu h- uml KunsMruekerei A.U., München. 

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nen. 

oogle 






Die Münch. Med. Wochenschr. erscheint wAchentl. H TT TlVT/~^TTTj1XTTjlT^ Zusendungen sind *n adressiren: Für die Redaktion 

ln Nummern von durchschnittlich 6-6 Bogen. I\ 1 I |\ I . |-J H. \ H. K Ottostrasse 1. — Für Abonnement an J. F. Leh- 

Preis ln Deutschi, n Oest.-Üngam vlerteljihrl. 6 JC, s AJA!/ mann, Heustrasse 20. — Für Insernte und Beilagen 

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MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 


(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 

ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 


Herausgegeben von 

Ck.-Bäinler, 0. Bolllnger, H. Curschnann, 6. Gerhardt, 6. Merkel, JJ». Michel, H. v. Ranke,* 

Freibarg 1. B. München. Leipzig. Berlin. Nürnberg. Berlin. München. 


No. 8 . 25. Februar 1902. 


Redaktion: Dr. B. Spatz, Ottostrasse 1 
Verlag: J. F. Lehmann, Henstrasse 20. 


1 F. v. Wlnckel, 

München. 


49. Jahrgang. 


Originalen. 

Vermeidbare Appendicitiskompükationen. 

Von Dr. A. J. Ochsn er, Professor der Chirurgie an der 
Illinois State University, Chicago. 

Während der letzten 5 Jahre hat sich dem Chirurgen so oft 
Gelegenheit geboten, die Appendicitis mit ihren Komplikationen 
zu beobachten, dass es angezeigt erscheint, der Frage nahe zu 
treten, inwiefern es möglich ist, die verschiedenen Komplikationen 
zu vermeiden. 

So lange die Entzündung auf den Wurmfortsatz beschränkt 
bleibt, ist die Krankheit selbstverständlich nicht mit grosser Ge¬ 
fahr verbunden, sobald jedoch die Entzündung auf andere Theile 
übergreift, ändern sich die Verhältnisse plötzlich. 

Ich werde mich in dieser Arbeit nur mit Komplikationen be¬ 
fassen, welche direkt durch Infektion, die vom entzündeten 
Wurmfortsatz ausgeht, zu Stande kommen; solche Kompli¬ 
kationen sind die folgenden: 

1. Diffuse Peritonitis. 

2. Umschriebene Peritonitis. 

3. Infektion der Tuben und Ovarien. 

4. Infektion der Gallenblase, Gallensteine, Leberabszesse. 

5. Empyem. 

6. Die seltene Infektion der anderen serösen Flächen, des 
Endokardiums, der Gelenke und der Meningen. 

7. Metastatische Abszesse in den verschiedenen Körper¬ 
teilen, von denen Leber und Parotis wohl am häufigsten befallen 
werden. 

Zu den genannten Komplikationen kommen noch die Peri¬ 
tonealverwachsungen mit ihren Verdauungsstörungen, welche 
nach schweren Anfällen mit Spontanheilung kaum je ausbleiben. 

Zuweilen kommt sogar Ileus vor, herbeigeführt durch Ein¬ 
klemmung des Dünndarms durch strangförmige Verwachsungen. 

In Fällen, welche durch Operation geheilt wurden, nachdem 
bereits die Infektion den Wurmfortsatz überschritten hatte, 
kommen nicht selten auch Verwachsungen zu Stande, welche 
später dieselben unangenehmen Folgen, wie die oben erwähnten, 
mit sich bringen. In einer grossen Anzahl von Fällen, in denen 
drainirt wurde, kommen auch noch Ventralhernien und zuweilen 
Darmfisteln zur Beobachtung. 

Wir finden also unangenehme Komplikationen sowohl in 
Fällen, die chirurgisch behandelt werden, wie auch in denjenigen, 
welche spontan heilen. 

Es ist nun klar, dass es in jedem Appendicitisfalle eine Zeit 
geben muss, da noch kein Theil der Infektion den Wurmfortsatz 
überschritten hatte, eine Zeit, zu der die Entfernung des letzteren 
nicht nur die Appendicitis, sondern zugleich auch alle möglichen 
Komplikationen beseitigt hätte; diese Zeit beschränkt sich, der 
Erfahrung der meisten Autoren nach, etwa auf die ersten 
36 Stunden nach Beginn des Anfalls. 

Seit Jahren haben viele der amerikanischen Chirurgen, 
Murphy, Deaver, McBurney, Morris, Mynter, 
Fowler und viele Andere die Frühoperation empfohlen, und in 
jüngster Zeit sind besonders Sprengel, Riese und Riedel 
in Deutschland ganz energisch für die Frühoperation, und zwar 
während der ersten 48 Stunden, eingetreten. 

Ko 8 


Würde dieser Plan regelmässig ausgeführt, so wären selbst¬ 
verständlich nicht nur alle unangenehmen Komplikationen sofort 
beseitigt, sondern sogar den postoperativen Komplikationen 
würde dadurch vorgebeugt werden, denn so lange die Infektion 
auf den Wurmfortsatz beschränkt ist, fehlt die Indikation für 
Drainage, und ohne Drainage sind weder Hernien noch Ver¬ 
wachsungen zu erwarten; auch kann sich keine Darmfistel bilden. 

Leider fordert dieser Plan jedoch zwei Bedingungen, welche 
in der Praxis, wenigstens jetzt, noch kaum zu erfüllen sind. 

Erstens muss die Diagnose viel früher gestellt werden, als 
es gewöhnlich geschieht, und zweitens muss ein Chirurg zur 
Hand sein, welcher die nöthige Operation gefahrlos ausführen 
kann. 

In den grösseren Städten dürfte beides zu erzielen sein, ob¬ 
wohl auch dort sehr oft überhaupt kein Arzt gerufen wird, bis 
die Infektion bereits den Wurmfortsatz überschritten hat. 

Bevor ich auf die Betrachtung der Fälle eingehe, welche den 
günstigen Zeitpunkt überschritten haben, möchte ich nochmals 
darauf bestehen, dass die Entfernung des erkrankten Wurm¬ 
fortsatzes vor dieser Zeit imbedingt indizirt ist, falls ein er¬ 
fahrener Chirurg zur Hand ist. 

Ganz aus denselben Gründen ist die Entfernung des Wurm¬ 
fortsatzes im Intervall indizirt. Die Operation ist leicht aus¬ 
zuführen, gefahrlos — Kümmell, Sonnenburg u. A. — 
und von keinen Komplikationen gefolgt. 

Wie steht es nun mit denjenigen Fällen, welche zu spät zur 
Frühoperation und zu früh zur Operation im Intervall in die 
Behandlung kommen? Wie sind in diesen Fällen die Kompli¬ 
kationen zu vermeiden? 

Im Jahre 1892, also vor 9 Jahren, beobachtete ich zuerst, 
dass die Entzündung in fast allen Fällen eng umschrieben bleibt, 
wenn bei der akiitpn App>r^diVitiq vom Anfang Tfrflnkb<‘i< 3!l_ 
absolut keine~~NaKrung per os verabreicht wird. 

Das Netz legt sich sofort um den entzündeten Wurmfortsatz 
herum und die Dünndarmschlingen legen sich an das Netz an. 
Die Ileocoekalklappe schliesst sich und verlegt den Weg, so dass 
weder Gase noch anderer Dünndarminhalt in’s Coekum befördert 
werden können und die Ruheverhältnisse, welche auf diese Weise 
zu Stande kommen, werden noch ferner dadurch befördert, dass 
sich die Bauchmuskeln über dem erkrankten Wurmfortsätze zu¬ 
sammenziehen. So lange keine Nahrung per os verabreicht wird, 
verändert sich dieses gute Verhältniss nur dann, wenn die Ent¬ 
zündung so weit geschwunden ist, dass die physiologische Bo- 
schützung des kranken Theiles nicht mehr nothwendig ist. Das 
Omentum ist so gut mit Blut und Lymphgefässen versehen, das-, 
auch, wenn der Wurmfortsatz gangränös ist oder wenn eine 
Perforation desselben droht, doch keine Gefahr einer diffusen 
Peritonitis existirt, so lange nicht die peristaltischen Bewegungen 
des Dünndarms störend einwirken. 


Wird jedoch Nahrung per os verabreicht, so ändern sich die 
Verhältnisse. Der Dünndarm beginnt sofort, sich zu bewegen, 
wodurch nicht nur die Ruhe des entzündeten Theiles gestört wird, 
sondern es können auch Infektionserreger in andere Theile der 
Bauchhöhle verschleppt werden. Es kann also einmal die Ent¬ 
zündung verschlimmert werden und nebenbei kann durch Ver¬ 
schleppung von infektiösem Material aus einer umschriebenen 
eine diffuse Peritonitis werden. 


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306 


MUEnCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


Andere sind, seit meine Beobachtungen gemacht wurden, auf 
denselben Gedanken gekommen, so empfiehlt z. B. Sonnen- 
b u r g in der letzten Auflage seines Werkes, S. 319, in den ersten 
24 Stunden die Enthaltung von jeder Nahrung, und findet, dass 
in vielen Fällen, welche auf diese Weise behandelt wurden, nach 
24 Stunden sich bereits der Prozess lokalisirt hat. Obwohl hier 
die Enthaltung von jeder Nahrung nicht die Lokalisation des 
Prozesses bezwecken sollte, so finden wir doch, dass Sonnen • 
b u r g’s Beobachtungen mit meinen übereinstimmen. 

Man konnte nun behaupten, dass die Nahruugsenthaltung 
wohl in leichten Füllen den Entzündungsprozess lokalisiren 
könne, dass es aber in schweren Fällen a priori als unmöglich 
erscheint. 

Dass es aber auch in den schwersten Fällen von gangränöser 
oder peri'orativer Appendicitis gelingt, auf diese Weise den Ent¬ 
zündungsprozess zu lokalisiren, habe ich in einer grossen Anzahl 
von Fällen dadurch bewiesen, dass ich später, nachdem der akute 
Anfall vorüber war, die Operation ausführte und dann den per- 
forirten Wurmfortsatz Vorland oder den theils zerstörten, resor- 
birten Wurmfortsatz aus seinen Adhäsionen herausschälte. Wer 
oft im Intervall operirt, kommt ja fortwährend auf solche Ver¬ 
hältnisse. 

Anfangs wendete ich diese Methode nur in ausgewählten 
F'älleu an, aber während der letzten 3 Jahre habe ich sie regel¬ 
mässig in allen Fallen geübt, in denen nicht zu erwarten war, 
dass die Infektion auf den entzündeten Wurmfortsatz beschrankt 
sei, und habe damit die Erfahrung gemacht, dass auf diese Weise 
die erwähnten Komplikationen, welche von dem entzündeten 
Wurmfortsatz ausgehen, in fast allen Fällen vermieden werden 
können. 

Es ist mir jedoch daran gelegen, dieses nicht nur klinisch, 
sondern auch anatomisch festzustellen. 

Viele der F'älle kommen natürlich nie zur Operation, und 
in diesen können die pathologischen Veränderungen nicht positiv 
festgestellt werden. 

Um diese Verhältnisse zu beleuchten, werde ich die Kranken¬ 
geschichten aller derjenigen Fälle folgen lassen, welche während 
der letzten 4 Monate vom 1. Januar 1901 zum 1. Mai 1901 im 
Augustana-Hospital aufgenommen wurden, die während des 
akuten Anfalls nach dieser Methode behandelt wurden und die 
ich nach diesem Anfalle operirt habe. 

Die Methode besteht in der absoluten Enthaltung jeder 
Nahrung per os und ferner werden regelmässig Magenaus¬ 
spülungen gemacht, wenn Brechreiz vorhanden ist. Kleine 
Quantitäten heissen Wassers werden in kurzen Intervallen ge¬ 
reicht und Nährklysmen von etwa 4 Unzen werden 4 stündlich 
gegeben. Abführungsmittel und grosse Klysmen werden nie 
angewandt. 

Fall I. No. 8573. Harold B., ein Knabe, 7 Jahre alt, kam 
am 9. Januar 19U1 in’s Krankenhaus. 

Anamnese. Mit Ausnahme von Keuchhusten, drei Wochen 
nach seiner Geburt, hat er niemals eine grössere Krankheit über¬ 
standen bis vor 15 Monaten, als er plötzlich über Kopfweh, Uebel- 
keit und Fieber bis auf 100 “ F. klagte. Er hatte Schmerz, welcher 
über den ganzen Unterleib verbreitet war, aber nur die Gegend 
in der Nähe von M c B u r n e y’s Punkt war besonders schmerz¬ 
haft auf Druck. Der Anfall dauerte bloss eine Woche laug und 
Patient war vollkommen wohl bis vor sechs Wochen, als er plötz¬ 
lich einen zweiten und viel schwereren Anfall hatte. Alle Sym¬ 
ptome waren verstärkt und der Leib war stark gebläht, die Bauch¬ 
muskeln waren üusserst gespannt und das Kind hatte das Aus¬ 
sehen, wie man es bei einem schweren Appendieitisl'alle Üudet. 

Zu dieser Zeit sah ich den kleinen Kranken in Konsultation 
und verorduete ausschliessliche ltektalernähruug. Nur lieisses 
. Wasser in kleinen, oft wiederholten Gaben wurde gestattet per os 
zu geben. Die Kopfschmerzen und der Brechreiz verschwanden 
nach 24 Stunden. Der Schmerz und die Blähung waren in 48 
Stunden fast vollkommen beseitigt. Nur auf Druck in der Gegend 
der Appendix blieb Patient empfindlich bis zur Zeit der Aufnahme 
in's Krankenhaus. Auch stieg die Temperatur Jeden Abend etwa 
auf 100° F. 

Status praesens. Ein ziemlich gut ernährter Knabe, 
etwas anämisch, Temperatur 99.4" F.. Puls 90. regelmässig und 
kräftig. Appetit gut, Stuhl verstopft. Herz, Lungen und Nieren 
normal. Der Unterleib ist leicht gebläht. Die Gegend der Appendix 
ist auf Druck empündlich. 

Operation. Eröffnung des Abdomen nach McBtirne y, 
der Wurmfortsatz ist 35 cm lang, zusammengerollt wie eine 
Schnecke, verwachsen mit der hinteren Fläche des Coekums. I)as 
distale Ende ist kolbenförmig vergrössert. enthält mehrere Kon¬ 
kremente. An einer Stelle ist eine TTlceration dem Durchbruche 
nahe. Das coekale Ende des Wurmfortsatzes ist beinahe voll¬ 
kommen obliterirt. so dass es wahrscheinlich erscheint, dass 


während des letzten Anfalls dasselbe durch das vorhandene Oedem 
vollkommen geschlossen war. 

Der Wurmfortsatz wurde entfernt und die Wunde geschlossen. 
Patient erholte sich normal und wurde am 5. Februar 1901 geheilt 
entlassen. 

Fall II. No. 8582. Jerome R., 8 Jahre alter Knabe, kam 
am 9. Januar 1901 in’s Krankenhaus. 

Anamnese. Patient hat die gewöhnlichen Kinderkrank¬ 
heiten Überstauden. Im Alter von l‘/ 2 Jahren war er 3 Wochen 
laug schwer krank au Peritonitis. Am 1. Januar fühlte sich Pat 
unwohl, was er dem Umstande zuschrieb, dass er am Tage 
zuvor sehr viel Nüsse gegessen hatte. Am 2. Januar hatte er 
grosse Schmerzen im Unterleibe und litt an Diarrhöe und Er¬ 
brechen. Er hatte den ganzen Tag lang Krampfanfälle, welche 
den ganzen Unterleib einuahmen und sich am folgenden Tage auf 
die rechte Inguiualgegeud konzentrirten. Nach dem ersten Tage 
vollkommene Verhaltung von Gas und Faeces. Das Erbrechen 
dauerte fünf Tage laug, bis der Patient absolut Jede Nahrung 
verweigerte. 

Status praesens. Patient hat ein überaus schlechtes 
Aussehen. Der Unterleib ist Üusserst gebläht und sehr gespannt. 
Temperatur 102 0 F., Puls 120, Respiration kostal, etwa 40—50 
per Minute. Es besteht ohne Zweifel eine diffuse Peritonitis. Ex¬ 
klusive Rcktaleruährung wird sofort angeweudet, was bis zum 
28. Januar fortgeführt wurde. Temperatur, Puls und Respiration 
besserten sich sofort und waren nach einer Woche annähernd 
normal. In der rechten Inguinalgegend blieb eine Induration be¬ 
stehen und dieser Theil blieb auf Druck empfindlich. Herz, Lungen 
und Nieren waren normal. 

Operation. Am 28. Januar, vier Wochen nach Beginn des 
Anfalls, Inzision nach McBurney 6 cm lang, das Peritoneum 
ist verdickt und gerüthet. Der Dünndarm ist leer. Auf der 
vorderen Seite des M. iliacus waren Coekum, Netz und Wurm¬ 
fortsatz verwachsen und umschlossen einen kleinen Abszess, der 
neben dem perforirten Wurmfortsätze mehrere Kothsteine enthielt. 
Die Bauchhöhle enthielt eine ziemliche Quantität serös-blutiger 
Flüssigkeit. Der Wurmfortsatz wurde entfernt und die Abszess¬ 
höhle mit Glasdrain und Jodoformgaze drainirt Patient verliess 
am 2. April geheilt das Krankenhaus. 

Fall III. No. 8589. Anton N., Feuerwehrmann, 23 Jahre 
alt, wurde am 10. Januar 1901 auf genommen. 

Anamnese. Pat. hat die gewöhnlichen Kinderkrankheiten 
durchgemacht, sonst war er immer gesund bis Mal 1900, als er 
einen leichten Anfall von Appendicitis durchmachte. Er war nur 
5 Tage laug krank. Nachdem war er wohl bis vor 18 Tagen, als 
er plötzlich schwer erkrankte. Er hatte heftige Schmerzen, erst 
im Epigastrium und später in der rechten Inguinalgegend. Am 
ersten Tage klagte er auch über Diarrhoen und Erbrechen. Er hatte 
das Aussehen eines plötzlich schwer erkrankten, äusserst kräftigen 
Manues. 

Unter exklusiver Rektalernährung verschwanden die starken 
Schmerzen, während der ersten 24 Stunden und nach fünf Tagen 
waren keine mehr vorhanden. Nur auf Druck blieb die Gegend 
der Appendix zwei Wochen lang schmerzhaft Patient erhielt zwei 
Wochen lang keine Nahrung per os, und seit Jener Zeit hat er 
flüssige Nahrung in mässiger Weise genossen. 

Status praesens. Patient ist kräftig gebaut, die Zunge 
ist rein, Appetit gut, der Kranke leidet an Konstipation. Herz, 
Lungen und Nieren sind normal. Temperatur 98,0" F., Puls 80, 
regelnnissig und kräftig. In der Gegend von McBurne y's 
Punkt ist auf Druck noch etwas Schmerz vorhanden. 

Operation am 11. Januar 1901. M c B u r n e y’s Schnitt 
5 cm lang. Der Wurmfortsatz ist zusammengerollt und in seiner 
' ganzen Ausdehnung zwischen der vorderen Fläche des M. iliacus 
1 und der hinteren Fläche des Coekums 2 cm verwachsen. Am Ende 
| des Wurmfortsatzes besteht eine Perforation in’s Coekum; die Oeflf- 
nung in letzterem ist bereits vernarbt. Alle Adhäsionen sind 
frisch und stammen jedenfalls von dem eben Uberstandenen An¬ 
falle. Der Wurmfortsatz tvar äusserst brüchig, ödematös und 
entzündet und das coekale Ende ist beinahe vollkommen obliterirt. 
Die Schleimhaut ist durch Gangrän zerstört. Der Wurmfortsatz 
wurde entfernt und die Bauchwunde ohne Drainage geschlossen. 
Patient genas und konnte am 12. Februar 1901 geheilt das Spital 
verlassen. 

Fall IV. No. 8630. Frau David B., 46 Jahre alt, kam am 
19. Januar 1901 in’s Krankenhaus. 

Auamnese. Patientin leidet an Taubheit und es ist daher 
schwer, die Anamnese aufzunehmen. Patientin ist seit 22 Jahren 
verhelrathet, hat sieben normale Schwangerschaften und zwei 
Frühgeburten durchgemacht, die letzte vor zehn Jahren. Seit 
mehreren Monaten leidet sie an theilweiser Darmobstruktion mit 
Brechreiz und Aufstossen von Gas und diffusem Schmerz im Unter¬ 
leibe. Vor zwei Wochen verschlimmerte sich der Zustand be- 
i deutend. Sie erbrach, sobald sie versuchte, irgend welche Nah¬ 
rung zu sich zu nehmen, die Schmerzen sind intensiver geworden 
und der Unterleib wurde gebläht. Seit Anfang der schweren 
Symptome bestand die Behandlung in exklusiver Rektalernährung. 
Nur Wasser wurde per os gegeben. 

Statu 8 praesens. Patientin ist in der vergangenen 
I Nacht per Eisenbahn in einem Schlafwagen vierhundert Meilen 
gereist, sieht höchst verfallen aus und klagt Uber Schmerz über 
dem ganzen Unterleibe, aber besonders in der Gegend von 
McBurne y's Punkt und in der entsprechenden Gegend auf der 
linken Seite. Die Bauchmuskeln sind gespannt, der Unterleib ist 
massig gebläht, Puls unregelmässig und schwach. Temperatur 
100° F., Herz, Lungen und Nieren normal. Die Behandlung mit 
i exklusiver Rektalernährung wurde forlgeführt und Patientin er- 


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26. Februar 1902. 


MUENCHENEB MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


307 


holte sich so weit, dass 4 Tage später die Operation vorgenommen 
werden konnte. 

Operation. Da der Schmerz und die Empfindlichkeit auf 
Druck auf beiden Seiten gleich waren, vermuthetc Ich eine Kom¬ 
plikation auf der linken Seite und machte daher den Schnitt ln 
der Mittellinie 12 cm lang. 

Ein wenig rechts von der Mittellinie fand sich ein beinahe 
faustgrosser Knäuel von Netz, welches den Wurmfortsatz umfasst 
hatte, beinahe wie man den Finger der einen Hand mit der andern 
Hand umfasst. Der Wurmfortsatz war am distalen Ende per- 
forirt und hier befand sich ein Abszess, welcher etwa 5 ccm Eiter 
und einen bohnengrossen Kothstein enthielt. Der Wurmfortsatz 
und das adhärente Netz wurden entfernt und die Wunde ge¬ 
schlossen. Patientin bekam am vierten Tage eine Pneumonie, von 
welcher sie sich jedoch erholte. Sie verliess am 9. März geheilt 
das Krankenhaus. 

Fall V. No. 8699. Frl. Frida W., 20 Jahre alt, aufge- 
nommeu am 2. Februar 1901. 

Anamnese. Patientin hat alle Kinderkrankheiten ül>er- 
standen. Vor elf Jahren verletzte sie das linke Knie und ging 
beinahe an Sepsis zu Grunde. Das Gelenk ist vollkommen steif. 
Die Kranke menstrulrt seit dem 13. Jahre, die ersten zwei Jahre 
schmerzlos, seit dieser Zeit klagt sie anfangs der Periode immer 
über Schmerz, besonders in der rechten Seite, zuweilen nur einige 
Stunden lang und zuweilen ein bis zwei Tage lang. 

Seit vier Jahren ist Patientin anämisch, nervös und schwäch¬ 
lich und seit sieben Monaten klagt sie zeitweise über Schmerz 
in der Gegend von M c B u r n e y’s Punkt, etwa alle vierzehn Tage 
einmal, aber immer am meisten zur Zeit der Menstruation. 

Der Appetit hat sich verringert und sie klagt besonders über 
Blähungen. Die Verdauung ist schlecht und das Allgemeinbefinden 
hat sieh verschlechtert. Seit drei Monaten ist die Patientin nie frei 
von Schmerz und leidet fortwährend an Brechreiz und Blähungen. 

Vor sechs Wochen hatte die Patientin einen iiusserst schweren 
Anfall von Appendicitls, charakterisirt durch Schüttelfrost. Er¬ 
brechen und fast unausstehlichen Schmerz. Der Puls stieg inner¬ 
halb zwei Stunden von 70 auf 130, die Temperatur auf lt)0 u F. 

Patientin bekam absolut keine Nahrung per os vom Anfänge 
des Anfalls bis zum elften Tage. Am ersten Tage bekam sie eine 
subkutane Einspritzung von % Gran Morphium und es wurde eine 
Mngenausspülung gemacht, nach welcher Patientin nicht mehr 
erbrach. 

Nach 24 Stunden waren die Schmerzen verschwunden, aber 
Patientin sah schlecht aus, was sich leicht durch den ansserge- 
wöhnllch schweren Anfall erklären Hess. 

Die Gegend von M c B u r n e y’s Punkt war 2 Wochen lang 
sehr empündllch und blieb druckempfindlich bis zur Zeit der 
Operation. 

10 Tage nach Beginn des Anfalls bekam Patientin Beeftea 
per os 4 Tage lang, dann flüssige Nahrung 2 Wochen laug und seit 
dieser Zeit leichte Speisen jeder Art. 

Status praesens. Patientin ist miissig genährt, anämisch, 
Appetit mässlg, Stuhl regelmässig, Aufstossen von Gas nach dem 
Essen. Herz, Bungen, Nieren normal. Leichte Schmerzen in der 
Gegend von M c B u r n e y’s Punkt auf Druck. 

Operation. M c B u r n e y’s Schnitt ca. 0 cm laug. Der 
Wurmfortsatz ist kegelförmig, intensiv geröthet und im ganzen 
Umfange mit dem Coekum und Ileum verwachsen. Das coekale 
Ende ist beinahe geschlossen. Die Mukosa zeigt an mehreren 
Stellen Ulcerationen, welche 4 Kothsteine enthalten. Die Ver¬ 
wachsungen sind alle frisch und stammen von dem eben Uberstan- 
denen Anfall. 

Der Wurmfortsatz wurde entfernt und die Wunde geschlossen. 
Patieutin verliess das Krankenhaus geheilt am 23. Februar 1901. 

Fall VI. No. 8757. Hermanu M., 5 Jahre alt. Aufnahme 
am 10. Februar 1901. 

Anamnese. Im 3. Lebensjahre hatte Patient Masern und 
Scharlach. Vor 6 Monaten hatte er hohes Fieber und klagte über 
Schmerz ln der Nabelgegend. Er war mehrere Wochen lang krank, 
aber die Eltern können keine Auskunft über die Natur des Leidens 
geben. Vor 2 Wochen hatte Patient einen leichten Anfall von 
Diphtherie, von welchem er sich schnell erholte, da gleich im An¬ 
fang Antitoxin angewendet wurde. 

Vor 2 Tagen sah das Kind müde und angegriffen aus und 
erbrach sich in der folgenden Nacht. Es bekam eine Dosis Mag¬ 
nesia, wonach es sehr über Schmerz in der Magengegeud klagte. 
Der Leib Ist aufgetrieben, die Bauchmuskeln sind gespannt und 
es besteht überall Schmerz auf Druck. Die Temperatur schwankt 
von 100 F. auf 104 F., der Puls von 100 auf 140. Patient sieht 
schwerkrank aus. 

Status praesens. Ziemlich abgemngertes Kind. Zunge 
belegt, Temperatur 102 F., Puls 130. Herz, Lungen und Nieren 
normal. Milz nicht vergrössert, sieht schwerkrank aus. 

Behandlung. Exklusive Itektalernährung 3 Wochen 
lang. Das Kind erhält nur Wasser per os. und zwar in kleinen, 
oft wiederholten Gaben. Der Zustand verbessert sich in jeder 
Beziehung fortwährend, aber ganz langsam. Endo der 3. Woche 
ist Patient annähernd normal. 

Operation am 1. März 1901. M c B u r n e y’s Schnitt. I >er 
Wurmfortsatz ist intensiv geröthet und durch zwei breite Ad¬ 
häsionen in Form eines Fragezeichens gebogen (?). Das coekale 
Ende ist verschlossen und das Lumen enthält etwa 5 ccm dunkle, 
blutige Flüssigkeit Mukosa theilweise gangränös. 

Der Wurmfortsatz wurde entfernt und die Wunde geschlossen. 
Patient verliess das Krankenhaus am 28. März 1901 geheilt. 

Fall VIL No. 8767. Andrew B.. Tagelöhner. 36 Jahre alt, 
aufgeuommen am 19. Februar 1001. 


Anamnese. Im 13. Lebensjahre hatte Patient Diphtherie. 
Im Uebrigen war er mit Ausnahme eines chronischen Magenleidens 
immer gesund. Vor 2 Monaten musste Patient wegen Kückenweh 
einige Tage lang die Arbeit vermelden, welches er als Rheumatis¬ 
mus betrachtete. 

Vor 1 Monat wurde Patient plötzlich schwerkrank, bekam 
einen Schüttelfrost, musste sich erbrechen und sein Unterteil) 
wurde plötzlich stark gebläht. 5 Tage laug war der Schmerz 
diffus über den ganzen Unterleib verbreitet, aber am 5. Tage 
lokalisirte sich der Schmerz ln der rechten Inguinalgegend und 
am folgenden Tage zeigte sich hohes Feberi. Der Kranke musste 
2 Wochen lang das Bett hüten und der Schmerz in der rechten 
Inguinalgegend ist nie völlig verschwunden. 

Status praesens. Mässig genährter Mann, etwa 
30 Pfund unter seinem gewöhnlichen Gewicht. Die Zunge ist 
belegt, der Appetit ist gut, aber sobald Patient Nahrung zu sich 
nimmt, vermehrt sich der Schmerz und die Blähungen und Brech¬ 
reiz stellt sich ein. Obwohl Patient seit einigen Tagen das Bett 
verlassen hat, so sieht er dennoch schwerkrank aus. Herz, Lungen 
und Nieren sind normal. Die Banchwand ist sehr dick und ge¬ 
spannt. besonders in der Gegend von M c B u r n e y's Punkt, wel¬ 
cher auf Druck empfindlich ist, und der Unterleib ist stark gebläht. 
Um die Blähung zu beseitigen, wird Patient 3 Tage lang mit ex¬ 
klusiver Rektalernährung behandelt. Das Allgemeinbefinden besserte 
sich schon nach den ersten 24 Stunden bedeutend und die Auf¬ 
blähung verschwand bis Ende des 3. Tages vollkommen, worauf 
sich die Induration in der Gegend des Wurmfortsatzes viel leichter 
erkennen lless. 

Operation am 22. Februar 1901. McBnrney's Schnitt, 
welcher später durch Verlängerung am äusseren Rande des M. rect. 
abd. entlang vergössert werden musste. 

Der Wurmfortsatz war. zwischen Coekum, Omentum und 
l Ilinkus vollkommen in Verwachsungen eingebettet und 3 cm vom 
| coekalen Ende war derselbe perforirt. Der Wurmfortsatz wurde 
entfernt und die Wunde geschlossen, nachdem ein Glasdrain durch 
eine zweite Oeffnung gegenüber der Spina ant.sup. eingelegt wurde. 

Patient verliess am 8. April 1901 geheilt das Kraukenhnus. 

Fall VIII. No. 8836. Karl A., Lokomotivenführer, 33 Jahre 
alt, Aufnahme am 5. März 1901. 

Anamnese. Patient war seit den Kinderkrankheiten immer 
gesund. Vor 12 Tagen empfand der Kranke plötzlich diffusen 
Schmerz Im Unterleib, jedoch nicht genug, um das Bett hüten zu 
müssen. Kr empfand leichten Brechreiz und konnte nur wenig 
essen. 2 Tage später bekam Patient plötzlich schwere Ivolik- 
anfülle, hatte schweren Brechreiz, musste sich aber nicht über¬ 
geben. Am folgenden Tage kouzentrirte sich der Schmerz auf 
i die Gegend des Wurmfortsatzes. Es wurde ihm jede Nahrung 
| per os vorenthalten und er bekam alle 4 Stunden ein Nährklysma, 
j worauf alle Symptome bis auf den Schmerz auf Druck ver¬ 
schwanden. Vor 2 Tagen nahm er ein wenig Nahrung und bekam 
' sogleich wieder Schmerzen. Die Behandlung mit exklusiver 
I Rektalernährung wurde wieder begonnen und in 24 Stunden waren 
die Schmerzen wieder verschwunden. Patient war während des 
! ganzen Anfalls nie schwerkrank. 

Status p r a e s e n 8. Wohlgenährter, kräftiger Mann. 

I Zunge stark belegt. Temperatur und Puls normal. Herz. Lungen 
und Nieren normal. Die Muskeln in der Gegend von McBurn e y’s 
: Punkt sind gespannt und Patient ist auf Druck sehr empfindlich, 

1 doch sieht er nicht krank aus. 

Operation am 8. März 1901. Der Wurmfortsatz ist mit 
| dem unteren Ende des Coekums und der vorderen Fläche des 
| M. iliacus und dem Netz verwachsen. Die Verwachsungen sind 
, frisch, aber doch ziemlich fest, nur die Adhäsionen zwischen Netz 
und Wurmfortsatz lassen sich ganz leicht lösen. 

Der Wurmfortsatz hat die Form eines Fragezeichens, ist am 
distalen Ende, woselbst er eine kleine Perforation hat und wo sich 
ein kleiner Abszess geformt hat. der nur etwa 5 ccm Elter ent¬ 
hält, kolbenförmig vergrössert. Der Wurmfortsatz wurde ent¬ 
fernt. ein kleines Glasdrain, mit einer Lage von Jodoformgaze 
umhüllt, wurde eingelegt und die Wunde bis auf's Drain ge¬ 
schlossen. 

Patient erholte sich gut und wurde am 12. April 1901 geheilt 
entlassen. 

Fall IX. No. 8872. Maurice R.. 13 Jahre alt. Aufnahme 
am 13. März 190L 

Anamnese. Der Vater des Patienten litt vor etlichen 
Jahren an einer Appemlicitis. Eine ältere Schwester litt an re- 
zidivirender Appemlicitis und wurde operirt. Ein älterer Bruder 
hatte eine schwere Appendicitls mit Perforation und diffuser Peri¬ 
tonitis und wurde ebenfalls operirt. 

Patient hat vor 2 Jahren einen leichten Typhus durchgemacht. 
Vor 1 Jahre hatte er einen leichten Appendicitisanfall mit etwas 
Fieber und Schmerz in der Gegend des Wurmfortsatzes, welcher 
in 2 Tagen wieder vollständig verschwand, nur blieb seit dieser 
Zeit ein unbehagliches Gefühl in der Appendixgegend. 

Vor 24 Stunden bekam Patient plötzlich heftigen Schmer/, in 
der rechten Hälfte des Unterleibs, welcher sich mehr und mehr 
in «ler Gegend des Wurmfortsatzes kouzentrirte. Die ältere 
Schwester, welche mehrere Anfälle selbst erlebt hatte, pflegte «len 
Knaben seit Anfang dieses Anfalls und verweigerte ihm jede 
Nahrung per os. 

Status praesens. Wohlgenährter Knabe. Zunge b« , h , gt. 
Herz, Lungen und Nieren normal. Selmerz in der Gegend vmi 
McBurney’» Punkt. Unterleib leicht gebläht. Bauehwaml auf 
der rechten Seite gespannt. Der rechte Schenkel ein wenig flektirt. 
I Der Knabe sieht nicht krank aus. 

1 * 


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308 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


Operation sofort nach Aufnahme. M c B u r n e y’a Schnitt. 
Der Wurmfortsatz hat die Form eines Fragezeichen (?), Ist ge- 
röthet und ödematös, die Oberfläche Ist mit Exsudat bedeckt. Das 
coekale Ende ist sehr verkleinert und durch das Oedem vollkommen 
geschlossen. Das distale Ende enthält einen Kothsteln und ein 
wenig Eiter. Die Schleimhaut gegenüber dem Kothsteln ist ul- 
cerirt und dem Durchbruch nahe. Das Omentum hat sich um 
den Wurmfortsatz herum gelegt und ist mit seiner ganzen Ober¬ 
fläche durch ein plastisches Exsudat leicht verklebt. 

Der Wurmfortsatz wurde entfernt und die Bauchhöhle ge¬ 
schlossen. Patient erholte sich gut und verliess am 2. April 1901 
geheilt das Krankenhaus. 

Fall X. No. 8879. Haunah J., 26 Jahre alt, Dienstmädchen. 
Aufnahme am 14. März 1901. 

Anamnese. Vater und 2 Brüder haben Magenleiden, die 
andern 12 Geschwister sind gesund. 

Patientin hatte die gewöhnlichen Kinderkrankheiten, ausser¬ 
dem war sie immer gesund bis vor 3 Jahren, als sie anflng, 3 bis 
4 mal jährlich an akuten Anfällen zu leiden, während denen sie 
über Schmerz im Eplgastrium, etwas Fieber und Erbrechen klagte. 
Diese Anfälle dauerten nie länger als 3 Tage und Hessen nur eine 
leichte Empfindlichkeit im Eplgastrium zurück. Vor 1 Jahre hatte 
Patientin einen schwereren Anfall derselben Art und die Em¬ 
pfindlichkeit konzentrlrte sich nach dem Anfall in der Gegend 
von McBurney’s Punkt. Der Anfall dauerte nur 3 Tage, 
wiederholte sich Jedoch vor 5 Monaten, aber nicht ganz so Intensiv. 
Auch vor 8 Wochen kam wieder ein neuer Anfall, dann konnte 
Patientin eine Woche lang auf sein, erholte sich aber nicht völlig. 

Vor 6 Wochen hatte sie einen schweren Anfall mit hohem 
Fieber und wiederholtem Erbrechen, der Unterleib war stark ge¬ 
bläht und in der Gegend von McBurney’s Punkt zeigte sich 
eine harte Geschwulst Patientin hat zu dieser Zelt anscheinend 
eine schwere perforative Appendicitis durchgemacht. Sie wohnte 
zur Zeit auf dem Lande. Der Arzt, welcher erst gerufen wurde, 
als sie bereits schwer krank war, verbot Jede Nahrung und er¬ 
laubte nur Wasser in kleinen, oft wiederholten Gaben während 
10 Tagen. Patientin erholte sich schnell, aber der Schmerz auf 
Druck in der Appendixgegend hat sich nie ganz verloren. Sie 
hat seit dieser Zelt nur leichte Speisen genossen. 

Status praesens. Wohlernährtes Mädchen, Hautfarbe 
getrübt, Zunge belegt. Appetit gut, Stuhl regelmässig, Tem¬ 
peratur 99 F., Puls 62, regelmässig und stark. Herz, Lungen 
und Nieren normal. Unterleib normal, nur etwas Resistenz und 
Empfindlichkeit auf Druck In der Appendixgegend. 

Operation am 15. März 1901. Schnitt durch den 
Rand des rechten Rektusmuskels, 19 cm lang. Appendix 
zusammengerollt und ädhärent zwischen Coekum, Iliakusmuskel 
und Omentum. 2 cm vom distalen Ende Ist eine Perforation 
iu’s Coekum. Der Wurmfortsatz wurde entfernt, der Defekt lm 
Coekum mit feiner Seide vernäht und die Bauchwunde geschlossen. 

Patientin erholte sich gut und verliess das Hospital gehellt am 
9. April 1901. 

Fall XI. No. 8896. Oskar L., Fabrikarbeiter, 21 Jahre alt. 
Aufnahme am 18. März 1901. 

Anamnese. Patient hatte die Masern als Kind und lm 
Alter von 12 Jahren musste er wegen Erkrankung der linken 
Hüfte 13 Wochen lang das Bett hüten. 

Vor 9 Tagen hatte Patient einen leichten diffusen Schmerz 
im Unterleibe, welcher 2 Stunden lang anhielt, dann war er 4 Tage 
laug gesund. Vor 5 Tagen schmeckte ihm dns Abendessen nicht 
Um 10 Uhr Abends bekam er leichte Leibschmerzen, dann musste 
er sich wiederholt brechen, die Schmerzen wurden viel Intensiver 
und bis am folgenden Morgen war der Schmerz ln der rechten 
Iuguiualgegend konzentrirt. Er erbrach sich wiederholt während 
der ganzen ersten Nacht und am folgenden Morgen, nachdem er 
Kaffee getrunken. Seit dieser Zeit hat er keine Nahrung zu sich 
genommen und hat nur 3 mal erbrochen, leidet aber fortwährend 
an Uebelkelt. 

Status praesens. Wohlgenährter Arbeiter, Hautfarbe 
äusserst schlecht. Zunge schwer belegt, Temperatur 103 F., Puls 110, 
Herz, Lungen und Nieren normal, Unterleib stark gebläht, schmerz¬ 
haft auf Druck, besonders in der linken Inguinalgegend. Nirgends 
dumpfer Schall bei Perkussion. Patient scheint in einem fast 
hoffnungslosen Zustande zu sein. 

Verordnung. Magenausspülung. Exklusive Rektaler¬ 
nährung, heisse feuchte Umschläge, kleine Gaben heissen Wassers, 
oft wiederholt. 

Patient erholte sich überraschend schnell. Nach dem 2. Tage 
waren Brechreiz. Blähung und Schmerz beinahe vollkommen ver¬ 
schwunden. 

Ende des 4. Tages nach seiner Aufnahme hatte sich der 
Patient so weit erholt, dass ich glaubte, mich in der Diagnose 
perforativer Appendizitis getäuscht zu haben. Es war nur noch 
wenig Schmerz und eine kaum bemerkbare Induration ln der 
Gegend von McBurne y’s Punkt. Es schien mir, als ob es sich 
um einen nicht ganz perforirten Wurmfortsatz handle, wie in 
Kall IX, wesshalb ich mich zur Operation entschloss. 

Operation am 22. März 1901. McBurne y’s Schnitt. 
Das Peritoneum sieht stark gereizt aus, das nicht betheiligte Peri¬ 
toneum wurde durch feuchte Gaze wegtamponirt. Nun fand ich 
den gangränösen perforirten Wurmfortsatz, welcher einen grossen 
Kothsteln enthielt, hinter dem Coekum von einem Abszess um¬ 
geben. Der Eiter wurde sorgfältig weggewischt. der Wurmfort¬ 
satz entfernt, die Abszesshöhle mit Glasdrain und Jodoformgaze¬ 
streifen dralnlrt und ein feuchter antiseptischer Verband an¬ 
gelegt. 


Der Patient starb am 5. Tage nach der Operation an diffuser 
Peritonitis. 

Fall XII. No. 8963. Alexander S., 16 Jahre alt. Aufnahme 
am 1. April 1901. 

Anamnese. Patient hat die gewöhnlichen Kinderkrank¬ 
heiten überstanden. Im 5. Lebensjahre hatt er Typhus. Im fol¬ 
genden Jahre hatte er eine Pneumonie, dann Pleuritis, dann ein 
Empyem, wegen dessen er vor 6 und vor 2 Jahren 2 mal operlrt 
wurde. Es besteht noch eine kleine Fistel ln der rechten Seite. 

Vor 6 Tagen hatte Patient nach einem schweren Abendessen 
ziemlich heftigen Schmerz im Eplgastrium und musste sich wieder¬ 
holt erbrechen, hatte sich jedoch nach 12 Stunden wieder erholt 
Vor 2 Tagen ass Patient wieder zu viel Abendbrod und hatte einen 
äusserst schweren Schmerzanfall ln der unteren Hälfte des Ab¬ 
domens. Der Kranke musste sich wiederholt erbrechen. Der 
Unterleib wurde plötzlich geblüht und der Patient verfiel in 
einen Zustand von schwerem Schock. Es bestand vollständige 
Obstruktion und es wurden Magenausspülungen und Rektal¬ 
ernährung verordnet, worauf sich Patient schnell erholte. Nach 
36 Stunden war der Schmerz nur noch gering. 

Status praesens. Schwächlicher Knabe, Zunge belegt, 
Temperatur 99 F., Puls 104. Völlige Verstopfung. Patient klagt 
Uber Hunger. Schmerz auf Druck etwa 5 cm unterhalb des Nabels. 
Der Unterleib Ist mässlg gebläht. 

Behandlung. Exklusive Rektalernährung bis zum 17.April 
1901. Unterdessen verschwanden Brechreiz, Stuhlverstopfung, 
Blähung und es konnte eine Induration ln der Gegend von 
M c B u r n e y’s Punkt und ebenfalls freie Flüssigkeit in der Peri¬ 
tonealhöhle konstatirt werden. 

Operation am 17. April 1901. Schnitt durch den rechten 
RektU8inuskel 8 cm lang, gegenüber McBurney'« Punkt Das 
Peritoneum ist mit grünweisen Knötchen verdickt und fühlte sich 
rauh au. Appendix und Coekum sind vollkommen in eine Masse 
von Exsudat und Tuberkeln eingebettet Die Flüssigkeit In der 
Peritonealhöhle wurde sorgfältig aufgetupft und die Bauchhöhle 
geschlossen, ohne dass der tuberkulöse Wurmfortsatz entfernt 
wurde. Patient erholte sich schnell, fing schon in den nächsten 
Wochen an, an Gewicht zuzunehmen und hat nun nach 4 Monaten 
über 20 Pfund zugenommen. Er verliess das Krankenhaus am 
17. Mai 1901. 

Fall XIII. No. 8984. Andrew G., 36 Jahre alt, Taglöhner. 
Aufnahme am 7. April 1901. 

Anamnese. Patient war als Kind gesund. Im Alter von 
18 Jahren hatte er Diphtherie, lm 28. und wieder lm 31. Rheu¬ 
matismus, das erste Mal 3, das zweite Mal 1 Monat lang. Vor 
1 y, Jahren hatte er eine Operation für Varikocele. 

Vor 9 Tagen hatte Patient einen dlffuen Schmerz Im Unter¬ 
leibe, welcher Nachts gering war, besonders wenn er auf der 
rechten Seite lag. Der Schmerz veränderte sich nur wenig während 
6 Tagen, konzentrlrte sich Jedoch auf die Gegend von McBurney’s 
Punkt 

Vor 2 Tagen nahm Patient ein Abführungsmittel und er¬ 
krankte darauf plötzlich allem Anschein nach an einer akuten 
Perforatlvappendicltis. Es wurde sogleich alle Nahrung per os 
untersagt und Patient erholte sich schnell. 

Status praesens. Wohlgenährter Arbeitsmann. Zunge 
belegt Patient klagt Uber Hunger. Es gehen Winde ab. Tem¬ 
peratur, Puls, Herz. Lungen und Nieren normal. Der Unterleib 
Ist leicht gebläht In der Gegend von M c B u r n e y’s Punkt ist 
eine feste, schmerzhafte Geschwulst von der Grösse eines Hühner¬ 
eies zu fühlen. Während der nächsten 11 Tage wurde Patient 
mit exklusiver Rektalernährung behandelt. Die Geschwulst hat 
sich bis zur Grösse einer Walnuss verkleinert und ist nicht mehr 
auf Druck empfindlich. 

Operation am 18. April 1901. Schnitt 12 cm lang, durch 
den äusseren Rand des ltect. abd. Coekum und Ileum sind mit 
dem Netz verwachsen. Der Wurmfortsatz liegt hinter dem 
Coekum, Ist mit diesem verwachsen, hat am Ende eine Perforation 
und Ist von einem kleinen Abszess umgeben. Letzterer enthält 
ungefähr 5 ccm Eiter. 

Entfernung des Wurmfortsatzes. Die Abszesshöhle wird ge¬ 
reinigt und dralnlrt durch eine kleine Oeffnung 5 cm oberhalb 
der Sp. ant. sup. Die Bauchwunde wird geschlossen. 

Der Patient erholte sich gut und verliess am 19. Mal gehellt 
das Krankenhaus. 

Fall XIV. No. 9000. L. C. H., Fuhrmann, 19 Jahre alt 
Aufnahme am 9. April 1901. 

Anamnese. Patient war nie krank bis vor 2 Tagen, als 
er erst über Kopfweh und dann über ein diffuses Leibweh klagte. 

Nachdem er Arznei eingenommen hatte, musste er sich wieder¬ 
holt brechen. Er musste Alles, was er zu sich nahm, sofort wieder 
erbrechen. Patient leidet an vollständiger Obstruktion. Seit 
gestern hat das Erbrechen aufgehört, seit er nichts gegessen hat 

Status praesens. Patient sieht schwerkrank aus und 
sein Gesicht hat den Ausdruck grosser Angst Er Ist wohlgenährt 
Zunge stark belegt, klagt über Hunger und besonders über Durst 
Herz, Lungen und Nieren normal. Abdominalmuskeln auf der 
rechten Seite gespannt Schmerz über M c B u r n e y’s Punkt, 
Abdomen stark gebläht, Temperatur 101 F., Puls 90, 

Patient bekam exklusive Rektalernährung, Magenausspülung, 
kleine Gaben von heissem Wasser, oft wiederholt Der Zustand 
besserte sich sofort nach 3 Tagen hatte er eine spontane Stuhl¬ 
entleerung und die bedenklichen Symptome waren alle vermindert 

Operation am 15. April. Schnitt durch den Rand des 
rechten Reet abd.-Muskels 10 cm lang. Der Wurmfortsatz war 
ln seiner ganzen Länge stark geröthet und mit der hinteren Seite 


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25. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


509 


»les Coekums fest verwachsen, wodurch das verengte coekale Ende 
scharf geknickt war. Das distale Ende war kegelförmig und 
mit der hinteren Seite der Gallenblase verwachsen. Die Mucosa 
war an mehreren Stellen ulcerirt und enthielt Eiter und Itoth- 
tuassen. Der Wurmfprtsatz wurde entfernt und die Abdominal- 
wunde geschlossen. Der Kranke erholte sich gut und verlless 
am 13. Mal geheilt das Spital. 

Fall XV. No. 9002. Simon Q., Elsenarbeiter, 40 Jahre alt. 
Aufnahme am 10. April 1901. 

Anamnese. Ein Bruder starb an einen» Magenleiden. 
die Mutter an Asthma, 12 weitere Geschwister und der Vater sind 
gesund. 

Im Alter von 4—0 Jahren litt der Kranke an vergrösserten 
Halsdrüsen; von 14 bis 19 litt er an Dyspesia. Vor 4 Wochen 
hatte Patient einen Anfall von akuter Appendicitls, Schmerz, Er¬ 
brechen, Schüttelfrost und vor 2 Wochen lokalisirte sich der 
Schmerz in der rechten Inguinalgegend. Seit dieser Zeit haben 
Erbrechen und Schmerz nicht aufgehört. Patient hat seit Jahren 
an Hämorrhoiden gelitten. 

Status praesens. Patient ist etwas abgemagert, Zunge 
stark belegt, Zähne schlecht, Appetit schlecht, Stuhl verstopft, 
Herz, Lungen und Nieren normal. Unterleib aufgetrieben, aber 
weich. Temperatur 99 F., Puls 62. Hat vor diesem Anfall nie¬ 
mals an Gelbsucht oder Erbrechen, aber seit Jahren an Kon¬ 
stipation gelitten. 

Behandlung. Magenausspülungen, exklusive Rektal¬ 
ernährung. 

Nach 5 Tagen sind Uebelkelt und Erbrechen sowohl, wie die 
Blähung des Unterleibs vollkommen verschwunden. Der Unterleib 
Ist eingefallen. Etwas Schmerz im linken Hypochondrium, wo 
man eine Geschwulst, wahrscheinlich ein Karzinom, palpiren 
kann. Schmerz in der Appendixgogend. 

Operation am 15. April 1901. Schnitt durch den Rand 
des rechten Itect abd.-Muskels. Der Wurmfortsatz ist stark ge- 
rüthet, ist am coekalen Ende verengt und am distalen Ende kegel¬ 
förmig; er enthält Gas, Faeces und Schleim. Im Colon transvers. 
befindet sich ein Karzinom, welches das Lumen bedeutend verengt. 

Nachdem der Wurmfortsatz entfernt war, wurde eine Anasto- 
mose zwischen Colon transvers. oberhalb des Karzinoms und dem 
S romanum gemacht 

Der Patient erholte sich schnell, nahm schon im Krankenhaus 
an Gewicht zu und verlless dasselbe am 15. Mai 1901 in bedeutend 
gebessertem Zustande. 

Fall XVI. No. 9059. George B., 23 Jahre alt, Maschinist, 
kam am 23. April in’s Krankenhaus. 

Anamnese. Patient hat die gewöhnlichen Kinderkrank¬ 
heiten durchgemacht, sonst war er nie schwer krank. Vor etwa 
1 Jahre hatte er einen leichten Anfall von Appendicitls, der jedoch 
so leicht war, dass er nach 1 Woche wieder vollkommen her¬ 
gestellt war. Vor 6 Monaten wurde er zwischen einem Eisen¬ 
bahnwagen und einer Lokomotive gequetscht und zwar so schwer, 
dass der linke Oberschenkel, welcher zwischen einen Pfosten im 
Wagen und das eiserne Gestell der Lokomotive zu liegen kam, 
vollständig zermalmt wurde. Der Knocheubruch heilte nicht, 
weshalb er in’s Krankenhaus kam. 

Am folgenden Tage wurden die Knochenden angefrischt, mit 
Katgut vernäht, ein Streckapparat angelegt und die Heilung ging 
normal vor sich. 

Patient bekam plötzlich grosse Leibschmerzen und Brechreiz. 
Der Puls stieg von 70 auf 110, sein Leib wurde in einigen Stunden 
gebläht, die Bauchwand stramm gespannt und Patient, der vor¬ 
dem gut ausgesehen hatte, bekam das Aussehen eines schwer 
kranken Menschen, der an Appendicitls leidet. Der Kranke ver¬ 
weigerte sofortige Operation, welche wir dringend anriethen, bis 
sein Vater, der in einem benachbarten Staate wohnte, zu ihm ge¬ 
rufen werden konnte. 

Unterdessen bekam Patient nichts per os. Alle 4 Stunden 
bekam er ein Nährklysma von 125 ccm. 

Als der Vater am folgenden Tage erschien, hatte sich Patient 
so weit erholt, dass man leicht an der Diagnose zweifeln konnte. 
Schmerzen und Brechreiz waren vollkommen verschwunden, die 
Blähung war bedeutend vermindert, der Puls war auf SO gefallen 
und obwohl man sehen konnte, dass Patient im Vergleich zu 
seinem Zustande in der vorigen Woche leidend aussah, hatte er 
doch das Aussehen eines schwer Kranken vollkommen verloren. 

Die Operation wurde nun noch 2 Tage lang verschoben, bis 
sich Patient unter derselben Behandlung vollkommen erholt hatte. 
Es war nur noch Schmerz auf Druck vorhanden. 

Operation. McBurney’s Schnitt Der Wurmfortsatz 
war 15 cm lang, das distale Ende kolbenförmig vergrössert, die 
kleinen Blutgefässe waren alle gefüllt und die Serosa sah dunkel- 
roth aus. Das Netz hatte sich um den Wurmfortsatz herumgelegt, 
war aber nicht verwachsen, obwohl eine ganz leichte Verklebung 
konstatlrt wurde. 

Das Aussehen des Wurmfortsatzes schien nicht der Schwere 
des Anfalles zu entsprechen. Erst als der Wurmfortsatz 
entfernt und dessen gangränöse Schleimhaut freigelegt wurde, 
erklärte sich die Schwere des Anfalls. Die ganze Schleimhaut war 
dunkel verfärbt und nekrotisch und konnte ganz leicht abgerieben 
werden. 

Patient erholte sich gut von der Operation. 

Fall XVII. No. 9084. Frau Jul. S., Hausfrau, 20 Jahre alt, 
wurde am 30. April aufgenommen. 

Anamnese. Patientin war immer gesund. Ist seit 2 Jahren 
verheirathet. Hat eine normale Schwangerschaft durchgemacht. 
Entbindung normal vor 6 Wochen. Vor 10 Tagen erkrankte 
Patientin plötzlich an Appendicitls. Behandlung mit Abführungs- 

No. 8. 


mltteln und flüssiger Nahrung ln mässigen Gaben. Kleine Gaben 
von Morphin. 

Schmerz, Uebelkelt, Erbrechen und Blähung verschlimmerten 
sich langsam. Am G. Tage der Krankheit sah ich Patientin zum 
ersten Mal in Konsultation. Die Kranke ist schwer krank mit 
diffuser Peritonitis. Schmerz über dem ganzen Unterleibe, stärker 
in der Gegend des Wurmfortsatzes, besonders auf Druck. Dieser 
Theil des Unterleibs ist stärker aufgetrieben, aber durch Per¬ 
kussion kann keine Ansammlung von Flüssigkeit konstatlrt 
werden. Patientin mag keine Nahrung zu sch nehmen, leidet aber 
an Durst. Erbrechen konstant, Temperatur 100 bis 103 F., Puls 
120 bis 140. Patientin ist schwer krank. 

V e r o r d n u n g. Magenausspülung, absolute Rektalernäh¬ 
rung, heisse Umschläge, kleine Gaben ganz heissen Wassers per os. 
nach Wunsch der Patientin. 

Während der nächsten 48 Stunden verschwanden Schmerz 
und Brechreiz. Die Temperatur fiel auf 100 F. und schwankte 
während der nächsten 10 Tage zwischen 99 und 101 F., der Puls 
zwischen 90 und 120. Die Blähung ging nur langsam zurück und 
die rechte Inguinalgegend blieb immer hoch. Am 10. Tage nach 
Beginn der Behandlung glaubten wir Fluktuation durch die ziem¬ 
lich dicke Bauchwand konstatiren zu können. Während der 
nächsten 2 Tage wurde dieselbe deutlicher. 

Operation. Schnitt parallel zu Poupart’s Band, halb¬ 
wegs zwischen M c B u r n e y’s Punkt und Sp. ant. sup., 4 cm lang. 
Entleerung von 500 ccm übelriechenden Eiters und ein Kothsteiu. 
Der Wurmfortsatz konnte mit dem Finger nicht gefunden werden. 
Es wurden zwei grosse Gummidrains eingelegt und die Wunde 
mit einem feuchten Verbände bedeckt. Am nächsten Tage war 
die Temperatur zum ersten Male normal und der Puls 90 und am 
zweiten Tage 70. Von dieser Zeit an verlief der Fall normal und 
wurde am 18. Juni, 5 Wochen nach der Operation, gehellt entlassen. 

Die exklusive Rektalernährung wurde 3 Wochen lang an¬ 
gewendet, dann wurde 1 Woche lang Beeftea per os gegeben und 
später leichtverdauliche flüssige Nahrung. 

Die Zahl dieser Krankengeschichten könnte ich freilich um 
viele vermehren, aber es scheint mir, als könne man aus dieser 
Zahl den Einfluss ersehen, welchen die erwähnte Behandlungs¬ 
methode auf den Verlauf der Krankheit hat und besonders, dass 
durch dieselbe die verschiedenen Komplikationen vermieden 
werden können, welche durch den Fortschritt des septischen 
Prozesses zu Stande kommen. 


Ich habe die Krankengeschichten aller Appendicitisfälle, 
welche ich während der letzten 3 Ya Jahre, vom 1. Januar 1898 
bis zum 1. Juli 1901, im Augustana-Hospital operirt habe, durch¬ 
sehen lassen, aber die kurze Zeit, welche mir zur Verfügung 
steht, gestattet es nicht, dieselben in dieser Arbeit ausführlich 
zusammenzustellen. 

Um einen Ueberblick über das Material, auf welchem meine 
Beobachtungen beruhen, zu geben, will ich nur kurz die folgenden 
Zahlen angeben. 

Während der 3 Ya Jahre operirte ich in diesem Hospital 
620 Fälle. Die Diagnose bei der Aufnahme lautete in 21 dieser 
Fälle: Appendicitis, komplizirt mit diffuser Peritonitis. Alle 
diese Fälle wurden erst mit der oben beschriebenen Methode be* 
handelt und 17 davon später operirt. 4 kamen moribund in’s 
Krankenhaus und starben ohne Operation. Es starben neben 
diesen noch 8 der Operirten, also 12 im Ganzen oder 57 Proz. 
Obwohl 4 dieser Patienten nicht operirt wurden, müssen sie hier 
gezählt werden, weil sonst 4 der gestorbenen Fälle nicht mit¬ 
gerechnet würden. 

192 litten an perforativer oder gangränöser Appendicitis 
mit umschriebener oder beginnend diffuser Peritonitis nach 
M y n t o r’s Klassifikation. Diese Fälle wurden auf kürzere oder 
längere Zeit nach obiger Methode behandelt, bis der vortheil- 
hafteste Zeitpunkt zur Operation erreicht war, dann wurden sie 
alle operirt. Es starben davon 9 Fälle, oder etwa 5 Proz. 

407 Fälle wurden im Intervall oder ganz im Anfänge, 
während der ersten 36 Stunden des Anfalls aufgenommen. Diese 
wurden alle operirt und es starb von diesen einer, oder etwa 
Y* Proz. 

Während dieser Zeit behandelte ich eine grosse Zahl akuter 
Appendicitisfälle mit derselben Methode, bei denen die Diagnose 
ebenso klar war, die aber später die Operation verweigerten, so 
dass sie nicht für die Statistik verwerthet werden können, aber 
ich glaube, dass mein Material gross genug ist, um Schlüsse zu 
rechtfertigen. 


Wenn man nun diese Krankengeschichten kritisch be¬ 
trachtet, sieht man durchweg, dass der septische Prozess nicht 
weiter fortschreitet, sobald durch Entziehung jeder Nahrung per 
os und durch Afappnnnsepii]nn g'"Hlft PrsAehe derTe.ristnltik des 


Dünndarms beseitigt wurde und dadurch erstens Ruhe für die 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


SlÖ 


entzündeten Theile geschaffen und zweitens die Verschleppung 
des septischen Materials auf mechanischem Wege verhütet wurde. 

Unsere Fälle scheinen zu beweisen, dass wenn von Anfang 
an günstige Verhältnisse geschaffen werden, der septische Prozess 
auch in den schwersten Fällen umschrieben bleibt, dass also 
alle Komplikationen, welche von der Verbreitung der Infektion 
abhängen, vermeidbar sind. 

Was nun die verschiedenen Fälle anbelangt, so hat jeder von 
ihnen, einzeln betrachtet, gewisse Eigenschaften, welche praktisch 
interessant sind. 

Fälle I, V, VI, IX, XIV und XVI zeigen, dass in überaus 
stürmischen schweren Anfällen akuter Appendieitis, in denen 
eine Perforation unter anderen Bedingungen unbedingt zu er¬ 
warten wäre, der Entzündungsprozess mit unserer Behandlungs¬ 
methode auf den Wurmfortsatz beschränkt bleiben kann und 
dass auf diese Weise in diesen Fällen alle Komplikationen ver¬ 
hütet werden können. 

Fälle II und XVII zeigen, dass auch in den schwersten 
Fällen von Appendieitis mit diffuser Peritonitis durch diese Me¬ 
thode die Entzündung so weit beseitigt werden kann, dass die 
Operation erfolgreich ausgeführt werden kann; dass also auch 
in diesen Fällen die Komplikationen, welche sonst zu erwarteu 
sind, vermieden werden können. 

Fälle III, IV, VII, VIII, X, XI, XIII zeigen, dass auch bei 
perforativer oder gangränöser Appendieitis mit umschriebener 
oder beginnend diffuser Peritonitis der Prozess auf einen um¬ 
schriebenen Theil der Peritonealhöhle beschränkt werden kann, 
wodurch mit Ausnahme von unbedeutenden Adhäsionen alle 
Komplikationen vermieden werden. 

Fall XI ging durch einen Fehler zu Grunde. Wäre er gar 
nicht oder später operirt worden, so hätte er sich ohne Zweifel 
von diesem Anfall erholt, denn auch im Falle eines Durch¬ 
bruches des Abszesses hätte sich der Eiter in’s Coekum entleert. 

Was durch die Behandlung vor der Operation gewonnen 
war, wurde durch eine zu frühe Operation oder vielleicht durch 
einen Fehler in der Technik verloren. 

Die Fälle XII und XV sind durch ihre Komplikationen 
interessant, aber es würde zu weit führen, auf dieselben näher 
einzugehen. 

Zum Schlüsse glaube ich zu der Ansicht berechtigt zu sein, 
dass in den meisten Appendicitisfällen alle direkt von dem 
entzündeten Wurmfortsatz ausgehenden Komplikationen durch 
passende Behandlung vermeidbar sind. 


Aus dem pathologischen Institut in München. 

Ein experimenteller Beitrag zur Aetiologie der 
Sinusthromb08e. 

Von A. Dörr, appr. Arzt 

Die Veranlassung zu vorliegendem Versuche gaben 2 Fälle 
von Sinusthrombose in der Münchener chirurgischen Klinik, die 
beide auf traumatischer Grundlage entstanden waren und bald 
zum Tode führten. 

Der eine von den beiden Kranken, der 23 jährige Zimrner- 
mauu H. D., war ln angetrunkenem Zustande eine Treppe hinab¬ 
gestürzt und bewusstlos in die Klinik geschafft worden. In der 
über ihn geführten Krankengeschichte wird erwähnt, dass Pat. 
vollkommen bewusstlos war und auf Fragen keine Antworten 
gab. Aus dem rechten Ohre quoll ziemlich stark Blut hervor. 
Bei dem Versuch, den Kopf zu erheben, äusserte er durch Ab¬ 
wehrbewegungen mit beiden Armen Schmerzen. Seine Beine 
konnten bewegt werden. Die Pupillen erschienen mässig weit, 
reagirten auf Lichteinfall sehr träge. Der Puls war kräftig, nicht 
verlangsamt, machte 74 Schläge in der Minute. Am Kopfe waren 
äusserlieh keine Verletzungen zu koustatiren. Wenige Stunden 
nach der Aufnahme trat starkes Erbrechen blutiger Massen auf, 
das sich noch einige Male wiederholte. Der Patient wurde hori¬ 
zontal gelagert und erhielt eine Eisblase auf den Kopf. Am 
rechten Ohr wurde ein feuchter Verband angelegt, der wegen 
blutiger Sekretdurchtränkuug häufig gewechselt werden musste. 
Patient sprach später noch einige Worte, gab aber auf Fragen 
keine Antworten. Am folgenden Tage stellte sich noch mehrmals 
blutiges Erbrechen ein; der Exitus erfolgte dann bald, ohne dass 
das Bewusstsein wieder erlangt war. Die Diagnose wurde auf 
Fractura basis cranii gestellt. 

In dem zweiten Fall handelt es sich um den 38 jährigen Arzt 
M. U. Derselbe war ca. 12 Tage vor Beginn seiner eigentlichen 
Erkrankung mit einem Fahrrade gestürzt bezw. umgefallen, ohne 
sich eine Verletzung zuzuziehen. Er klagte am Abend dieses 
Tages über Kopfschmerzen und Uebelkeit und Hess eine Lieblings- 
speise unberührt stehen. An den folgenden Tagen wiederholten 


sich dieselben Klagen; Patient konnte aber, wenn auch unter 
einigen Beschwerden, seinem Berufe nachgeheu. Als er ln die 
Klinik gebracht wurde, war er bewusstlos. Die ihn begleitenden 
Aerzte gaben an, dass sie in der Nacht zu dem Patienten gerufen 
wurden und diesen somnoleut, zeitweise auch stark erregt, ge¬ 
funden hatten. Gegen Mitternacht sei eine äusserst heftige Kon¬ 
vulsion des ganzen Körpers bei bestehender tiefer Bewusstlosig¬ 
keit eingetreten. Einer der Aerzte hatte geglaubt, bei der Unter¬ 
suchung der Nase hoch oben Eiter bemerkt zu haben. 

Man kam daher zu der Annahme, dass es sich hier vielleicht 
um ein Empyem der rechten Stirnhöhle handeln könnte, das mög¬ 
licher Weise durch die hintere Stirnhöhleuwandung in die Schädel- 
höhle durchgebrochen sei. In Folge dessen wurde an dem be¬ 
wusstlosen Kranken, der einen Puls von 140 Schlägen in der 
Minute und stertoröses Athmen zeigte, die Eröffnung der rechten 
Hi-nhühle durch Aufmeisselung vorgenommen; es zeigte sich aber 
die Stirnhöhle leer und die Schleimhaut ohne jede Entzündungs¬ 
erscheinung. Am nächsten Tage blieb der Zustand unverändert, 
nur trat eine deutliche Pulsverlangsamuug ein. Zeitweise traten 
auch wieder heftige klonische Krämpfe auf, die sich hauptsäch¬ 
lich au den oberen Extremitäten und im Gesicht lokalisirten. Die 
Urinuntersuchung ergab Spuren von Elweiss und einzelne granu- 
lirte Zylinder, so dass an Urämie gedacht wurde. Gegen Abend 
wurde ein Aderlass gemacht und dabei 300 ccm Blut entnommen; 
ferner wurde 40 ccm Jodipin subkutan injizirt und eine Infusion 
von 800 ccm physiologischer Kochsalzlösung unter die Haut vor¬ 
genommen. irgend eine Besserung wurde durch diese Maass¬ 
nahmen nicht erzielt. Im weiteren Verlauf nahmen die Konvul¬ 
sionen au Häufigkeit, Dauer und Stärke zu; die Bewusstlosigkeit 
blieb dauernd bestehen. Am Nachmittag des folgenden (3.) Tages 
trat der Tod ein. Eine Diagnose wurde nicht gestellt, nur der 
Verdacht auf Urämie oder Meningitis ausgesprochen. 

Bei beiden Fällen wurde die Sektion ausgeführt. In dem 
ersten Fall ’) ergab dieselbe mit Ausnahme des Kopfes einen fast 
völlig normaleu Befund sämmtllcher Organe; nur in den Unter¬ 
lappen beider Lungen waren leichte Oedeme und au der Herz¬ 
spitze kleine Blutaustritte unter dem Perikard nachweisbar. Bei 
Herausnahme des Gehirns fand sich sowohl im subduralen wie 
im subarachnoidalen Kaum eine blutig gefärbte Flüssigkeit Das 
ganze Gehirn war an der Basis und Konvexität von einem Blut- 
mautel umhüllt, ln der hinteren Schädelgrube hinter dem Fora- 
men magmun war ein System von die Basisknochen durchsetzenden 
Fissuren vorhanden. Eine klaffende Fissur ging vom Forameu 
maguum in sagittaler Richtung, durchsetzte den Confluens slnuum 
und stieg die Squama occipitalis aufwärts. Aus den Basaltheileu 
des Hinterhauptbeines waren mehrere kleine Fragmente ausge¬ 
brochen und in ihrer Lage verschoben. Eine zweite Fissurlinie 
lag im rechten Winkel zur vorigen, durchsetzte horizontal den 
Basaltheil des Hinterhauptbeines und setzte sich beiderseits in 
die Schläfenbeine fort. Im rechten wie im linken Sinus sigmoideus, 
besonders aber im letzteren, waren im peripheren Abschnitt grau- 
rothe thrombotische Massen eingelagert In der mittleren und 
vorderen Schädelgrube bestanden keinerlei Spuren einer Ver¬ 
letzung. Die Dura mater und die Tabula vitrea des dünnwandigen 
Schädeldachs waren fest miteinander verbunden. An der Basis 
des linken Stirnlappens und am Schläfenlappen fanden sich blutig 
imbibirte, theilweise mit cruorgefüllteu Höhlen durchsetzte Ge¬ 
hirntrümmermassen. 

Bei der Obduktion des zweiten Falles fand sich an der kräftig 
gebauten Leiche eine geringe Dilatatio cordis, kleine subpleurale 
Ekchymosen und eine leichte parenchymatöse Degeneration beider 
N ieren. 

Die Sektion des Schädels hatte folgendes Resultat: Beim Ab¬ 
ziehen der häutigen Schädeldecke fand man ungefähr zwei finger¬ 
breit oberhalb der Protuberantia occipitalis externa sowohl im 
subkutanen wie im subperiostalen Gewebe mehrere ziemlich dicke 
Blutinfiltrationen. Das Schädeldach war symmetrisch, mit sehr 
dicker, theilweise sklerosirter Diploe. Die Dura mater war an 
der äusseren Fläche Im Ganzen glatt und gespannt. An einigen 
Stellen schimmerten etwas prominlrende dunkle Massen unter 
ihr durch. Die Venen der Pia mater waren leicht durchscheinend. 
Beim Eröffnen des blauschwarz durchschimmernden Längsblut¬ 
leiters zeigte sich derselbe von einem thells lockeren schwarzen 
Gerinnsel, theils weissliclien, brüchigen Massen erfüllt, letzteres 
namentlich dem vorderen Ende zu. Die Innenfläche der Dura 
war ziemlich feucht glänzend, ohne besonderen Befund. Die vom 
Sinus ausgehenden Venen waren von schwarzem, derbem Gerinnsel 
erfüllt; sämmtliche Venen, auch die der Windungen, wiesen eine 
starke Blutfüllung auf. Die Windungen zeigten sich abgeplattet, 
die Sulci verstrichen. Zwischen den weichen Häuten waren nur 
stellenweise geringe Spuren einer Flüssigkeit. Linkerseits fand 
sich am vorderen Ende des Schläfenlappens bis zur Abgangsstelle 
der Arter. foss. Sylvii eine vollkommen thrombosirte Vene. Die 
Hirnsubstanz zeigte beim Einschneiden die graugelbe Rinde von 
gewöhnlicher Breite und deutlicher Schichtung. Links entsprach 
der thrombotischen Vene in der Gegend der Zentral Windung etwa 
i/ 2 cm in der Rinde eine Gruppe von kleinen abgegrenzten Apo¬ 
plexien; die Umgebung derselben war im Zustand des zitronen- 
farbigen Oedems. 2 cm oberhalb dieser Blutung fand sich ein 
mit Cruormassen gefüllter Herd, welcher bis zur Oberfläche reichte. 
Die Venen der Tela chorloidea und die Vena magna Galeni waren 
in ähnlicher Weise wie die oben erwähnten mit Blutgerinnsel er¬ 
füllt. Im Sinus transversus befanden sich linkerseits theils rothe, 


») Sekt.-Joum. d. patholog. Instit. No. 830. 1900. 
*) Sekt.-Journ. d. patholog. Instit. No. 850. 1900. 


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25. Februar 1902. 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


311 


.theils graue, derbe und brüchige Gerinnsel. Die Scliildelbasls. das 
Kleinhirn, die Himschenkel, die Brücke und das verlängerte Mark 
zeigten keine Spuren einer pathologischen Veränderung. 

Soweit der Sektionsbefund. Es handelt sich also bei beiden 
Fällen um eine Hirnsinusthrombose, die nach einer Gewalt¬ 
einwirkung a\if den Schädel entstanden ist. Bei dem ersten 
Fall lag eine Verletzung der Schädelknochen vor, doch waren die 
thrombosirten Sinus völlig unversehrt. Beim zweiten Fall war 
auch nicht die geringste Spur einer Knochenverletzung nachweis¬ 
bar. Wichtig ist ferner die Thatsache, dass bei beiden Fällen 
keine Weichtheilverletzung am Kopfe vorhanden, dass alle throm¬ 
botischen Herde frei von jeder Eiterung waren, so dass es aus¬ 
geschlossen ist, dass es ich hier um einen fortgeleiteten, einer 
Thrombophlebitis analogen Prozess handelt. Auch die Annahme, 
dass beim zweiten Fall vielleicht eine marantische Thrombose 
vorliegt, ist höchst unwahrscheinlich, wenigstens spricht gar 
nichts dafür. Demnach können die vorliegenden Thrombosen 
nur dadurch entstanden sein, dass die Gewalteinwirkungen Ver¬ 
letzungen des Sinusendothels verursacht haben, und dass diese 
Anlass zur Blutgerinnung gaben. Bei dem ersten Fall erscheint 
dies ja sehr erklärlich; ob aber auch bei dem zweiten Fall eine 
direkte Endothelverlctzung mit sekundärer Thrombose vorliegt, 
darf bei dem Fehlen jeder sichtbaren Verletzung ohne Weiteres 
nicht als sicher hingestcllt werden. 

Fm die Frage entscheiden zu können, ob auf die oben er¬ 
wähnte Art eine Sinusthrombose zu Stande kommen kann, wur¬ 
den folgende Thierversuche gemacht. 

Sechs Hunden von mittlerer Grösse wurden mit einem Holz¬ 
hammer einige wuchtige Schläge auf’s Hinterhaupt gegeben. Um 
eine Verletzung der Weichthelle zu vermeiden, die bei eintretender 
Eiterung das Resultat des Versuches illusorisch machen konnte, 
wurde der Kopf durch eine ca. ß mm dicke Lederplatte geschützt. 
Von diesen sechs Hunden gingen zwei unmittelbar nach der Ge- 
walteinwirkung zu Grunde, vermutlilich in Folge der Gehirn¬ 
erschütterung, zum Theil auch wegen ausgedehnter Schädelfraktur. 
Irgend welche Spuren einer Thrombose wiesen sie nicht auf. Von 
den übrig bleibenden vier Hunden zeigte eiiier trotz mehrfach 
wiederholten Versuchen keine besonderen Erscheinungen. Er war 
jedesmal eine Zeit lang betäubt, erholte sieh alter schnell und 
machte dann einen völlig gesunden Eindruck. Bei der Tüdtung 
fanden sich bei ihm ausser einigen Sugillationen unter der Kopf¬ 
haut keine krankhaften Veränderungen. Zu erwähnen ist noch, 
«lass «las betreff«*nde Thier einen sehr dicken Schädel hesass. 

Di«* nun noch bleibenden drei Hunde äusserteu na«-h den vorg<>- 
iioiniiKMien Versuch«*» m«*lir oder weniger stark«* Ivrankhcits- 
«•i'scheiuungeli. besonders der erste von diesen. Dieser lag lange 
Zeit bewusstlos, athmete kaum noch, so dass künstlich«* Athem- 
lM>wegnngen bei ihm gemacht werilen mussten. Nach einigen 
Stunden kam er wi«*«ler zu Bewusstsein, lag dann mehrere Tage 
schwer krank darnieder und nahm so gut wie keine Nahrung zu 
sich. Zeitweise traten Kriimpfe, besonders in der Kaumuskulatur 
auf. Wenn man ihn auf richtete, sank er sofort wi«*der in sieh 
zusammen: zum Gehen gebracht, taumelte «*r stark und zeigte 
T-ähiniiiigwrsclmimmgen am linken Vorderbein. Nach 8 Tagen 
wurde er getüdtet, leider in Folge eines Versehens vermittels eines 
Ilaiumersehlages. Hierdurch trat, eine ausgedehnte Frakturirung 
<!«*r linken Hinterhauptseite ein, was dann «len baldigen Tod zur 
Folge hatte. Bei «1er nun folgenden S«*ktiou des Schädels fand 
sieh der rechte Sinus trnnsversus mit fest der Wandung auhaf- 
tenden grauröthlichen brüchigen Massen ang«*fiillt; die Venen der 
Nachbarschaft zeigten eine starke Blutfüllung, der Sinus und die 
iiiiiliegiMideti Theil«* des Schädels waren vollkommen unverletzt; 
nur «lie liuke Seite des Hinterhauptbeines hatte zahlreiche Frak¬ 
turen aufzuweisen, aus deren Spalten reichlich frische Cruor- 
masseii h«*rvor<lrungen. Irgend welche Verwa«*hsungcn der Dura 
Hinter mit diesen Stellen des Schädeldaches bestanden nicht, ein 
Zeichen dafür, dass die Knochenverletzung«*» noch ganz frisch 
waren. Dass nun die Thrombose des Sinus transversus durch die 
Gewnltelnwirkung beim Versuch und nicht durch die Ilammer- 
sehläge bei der Tüdtung entstanden sein muss, ergab das mikro¬ 
skopische Bild: Der Sinus Ist mit zelligen Massen ausgestopft. 
Zentral gelegen sieht man ziemlich viel rothe Blutkörper- 
«*hen. daneben reichliche Leukoeyten und besonders zahl¬ 
reiche Lymphoeyten. Ausserdem sinrl aber noch eine grosse 
Anzahl Zellen mit grossem, bläschenförmigen Kern — epi- 
tlieliolde Zellen — und lange spindelförmige Zellen vorhanden. 
Von der Wandung des Sinus sieht man stellenweise junge Gofäss- 
sprossen in «len Thrombus eindringen. Bel der Bindegewebsfärbung 
nach Hansen werden an verschiedenen Stellen feine Züge jungen 
Bindegewebes sichtbar; kurz, der ganze Thrombus befindet sich 
hn Zustand beginnender Organisation, also ein Zeichen, dass der- 
sellie schon einige Tage alt sein muss. 

Bei dem zweiten Versuchstiere waren die Krankheitserschei¬ 
nungen bedeutend geringer; nach einer ca. Vs* stündlgen Bewusst¬ 
losigkeit erholte es sich wieder einlgermaassen, litt aber in den 
nächsten Tagen an Appetitlosigkeit und legte ein verstörtes Wesen 
un d n Tau- Boi ihm fand sich nach erfolgloser Tüdtung nach 
acht Tagen ( Deeapitatio) eine leichte Fissur des rechten Scheitel- 
he/ns. Die Dura mater war mit dem Schädeldach nirgends ver¬ 
wachsen, die Sinus völlig unverletzt. Im Längsblutleiter fand 


sich ln einer Ausdehnung von ca. 1 cm eine «ler einen Sinuswand 
fest anhaftende grauröt bliche Masse. Das Lumen des Sinus war 
nicht völlig ausgefüllt, vielmehr noch ein beträchtlicher Raum 
vorhanden, der dem Blut freien Durchtritt gewährte. Irgend 
welche Stauungserscheinuugen, wie stark gefüllte Venen, waren 
nicht vorhanden. Mikroskopisch bot das Bild wenig Bemerkens- 
werthes. Die Ablagerungen au der Sinuswandung bestanden aus 
Fibrinniederschlügen, aus rotlien Blutkörperchen und Rundzellen: 
aucli einzelne Fibroblasten waren vorhanden. 

Der dritte Hund bot nach dem Versuch nur geringe Ivrank- 
lieitserscheinungen, da die Gewalteinwirkung nur eine geringe war: 
die Erscheinungen schwanden recht bald wieder völlig. Es wurde 
desslialb nach 8 Tagen der Versuch erneuert, diesmal etwas 
energischer. Das Thier äusserte dann ziemlich dieselben Erschei¬ 
nungen, wie das vorige. Nach seiner Tüdtung. die nach weiteren 
8 Tagen erfolgte, fand sich elue unbedeutende Fissur des linken 
Scheitelbeins. Die Dura mater war an dieser Stelle leicht mit 
dem Knochen verwachsen; eine Verletzung irgend eines Sinus war 
nicht nachweisbar. Aehnlich, wie beim vorigen Fall fand sich 
im Sinus longitudlnalis ln einer Ausdehnung von 2 <*m eine der 
Sinuswandung fest anhaftende rüthliche Masse, die ebenfalls das 
Lumen des Sinus nicht völlig verlegte. Mikroskopisch zeigte sich 
eiu ähnliches Bild, wie beim vorigen Fall. 

Das Resultat dieser Versuche war kurz zusammengefasst 
folgendes: Bei allen 3 Fällen trat gleich nach der Gewalteinwir¬ 
kung einige Zeit schweren Krankseins auf, wahrscheinlich in 
Folge der Gehirnerschütterung; dann besserte sich der Zustand 
wieder, nur beim ersten Fall blieben die Krankheitserscheinungen 
stark ausgeprägt. Bei ihm fand sich bei der Sektion ein typisches 
Bild einer ausgebildeten Sinusthrombose, der Thrombus bereits 
im Zustand beginnender Organisation. Bei den anderen Fällen 
bestand nur eine geringe Erkrankung und bei der Sektion be¬ 
ginnende Thrombose der Längssinus, die dem Blut noch freien 
Durchtritt gewährte. Wären diese Thierc einige Zeit noch am 
Lehen gelassen worden, so wäre ohne Zweifel noch eine völlige 
Thronibosirung d<*s Sinus eingetreten. Bei allen 3 Fällen sind 
nur unbedeutende Knochenverletzungen vorgekommen; dass die 
stärkeren Frakturen beim ersten Fall ohne Bedeutung waren, 
wurde oben näher auseinandergesetzt. Es ist demnach gelungen, 
hei völlig gesunden Thieren vermittels einfacher Gewaltcinwir- 
kuug auf das Schädeldach ohne Verletzung der Weichtheile und 
ohne nennenswerthe Fraktur des Schädels, ohne sichtbare Sinus¬ 
verletzung und ohne jede Spur einer vorhandenen Eiterung in 
einem Fall eine ausgeprägte und in 2 Fällen eine beginnende 
Sinusthrombose zu erzeugen. 

Wenn es auch trotz zahlreich ungelegter und durchsuchter 
Schnitte nicht gelungen ist, eine Verletzung des Sinusendothels 
aufzufinden, so ist doch au dem Vorhandensein einer solchen 
kaum zu zweifeln. Hiermit kann wohl als erwiesen angesehen 
werden, dass Sinusthrombose durch einfache heftige Erschütte¬ 
rung des Schädels ohne sichtbare Verletzung eintreten kann, und 
bei dem oben aufgeführten zweiten Fall eingetreten ist; denn dass 
bei diesen der betreffende Kranke eine Erschütterung des Kopfes 
erlitten hat, worüber im Krankenblatt nichts vermerkt war, geht 
aus dem Vorhandensein der subkutanen und subperiostalen Blut- 
infiltratc am Hinterhaupt hervor. Ob diese Fälle sehr selten sind 
— in «ler Literatur wurde trotz eifrigen Suehens keiner erwähnt 
gefunden — erscheint immerhin zweifelhaft, da doch nur ein 
geringer Bruch theil der Leichen zur Sektion kommt. Erst kürz¬ 
lich hörte ich von einem Fall, lx*i welchem in ähnlicher Weise 
ein Mensch gestürzt war und nach ca. 14 tägigem anscheinenden 
Gesundsein ziemlich schnell unter für den behandelnden Arzt 
rüthselhaften Erscheinungen zu Grunde ging. Eine Sektion 
wurde leider nicht vorgenommen; auch war es mir nicht möglich. 
Näheres über diesen Fall in Erfahrung zu bringen. Hiernach 
dürfte es sieh empfehlen, bei ähnlichen Unglücksfallen stets an 
die Möglichkeit einer Sinusthromboso, zu denken. 


Histogenetisches und Vergleichendes über Ge¬ 
schwülste.*) 

Von Prof. Dr. Disscl borst. 

Das Studium der Entstehungsgeschichte und Aetiologie der 
Geschwülste, insbesondere der bösartigen Tumoren ist in neuerer 
Zeit wieder mehr in den Vordergrund des Interesses getreten, 
wenn auch die Forschung auf diesem Gebiete niemals ganz ge¬ 
ruht hat; soweit man statistischen Angaben Beileutung bei¬ 
messen will, scheint es, dass wir uns mit der Thatsache ab- 


*) Vortrag, gehalten im Verein der Aerzte zu Halle a/S. am 
6. November 1901. 


y* 


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312 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


finden müssen, die Zahl der bösartigen Tumoren, insbesondere 
des Krebses habe unter den Menschen in den letzten 20 Jahren 
zugenommen. Wie wenig wir aber trotz aller Bemühungen in 
der wirklichen Erkenntniss, insbesondere inBezug auf die Entsteh¬ 
ungsursache der Krebse, fortgeschritten sind, darüber gibt das 
Schlusswort Czernys auf dem letzten Chirurgenkongress uns 
traurige Gewissheit. Czerny äusserte sich dort mit folgenden 
Worten: „Leider hat die genaueste anatomische Erforschung 
der Tumoren, insbesondere der Krebse, uns über ihre Ursachen 
bisher im Ungewissen gelassen. Es ist desshalb wünschenswerth, 
neue Wege der Forschung einzuschlagen. Wenn sicher nach¬ 
zuweisen wäre, dass die Krebse in einzelnen Ländern zu- und 
abnehmen, dass es ganze Orte und Häuser gibt, in denen der 
Krebs endemisch herrscht, dass zusammenlebende Menschen, 
auch wenn sie nicht blutsverwandt sind, häufiger und bald nach¬ 
einander an Krebs erkranken; dass es andererseits ganze Länder 
gibt, in denen der Krebs eine noch unbekannte Krankheit ist — 
so reichen die in Deutschland mit Vorliebe gemachten Versuche, 
die Entstehung des Krebses auf endogene anatomische Ursachen 
zurückzuführen, zur Erklärung dieser Thatsachen nicht aus. 
Wenn es gelingt, die letzteren durch eine über die ganze Erde 
auBZudehnende Forschung sicherzustellen, dann muss eine äussere 
Ursache des Krebses existiren, und diese schreckliche Krankheit 
würde in die Reihe der vermeidbaren Krankheiten einzureihen 
sein, deren Ausrottung möglich wäre. Das aber sind noch ferne 
Zukunftsträume.“ 

Nach diesem schien es mir keine ganz undankbare Aufgabe, 
den Standpunkt zu präzisiren, bis zu welchem die Forschungen 
der Entstehungsgeschichte der Geschwülste in unserer Zeit vor¬ 
geschritten sind, und zu versuchen, ob sich nicht vielleicht an der 
Hand der Vergleichung ein Einblick gewinnen liesse in die 
Gründe der anscheinend sicher gestellten Thatsache, dass ins¬ 
besondere der Krebs unter den Menschen häufiger geworden. Bei 
den Betrachtungen über Entstehung und Histogenese treten 
naturgeinäss die bösartigen Geschwülste in den Vordergrund des 
Interesses. 

Die Bösartigkeit einer Geschwulst äussert sich bekanntlich 
in dem schrankenlosen Wachsthum, in den Rezidiven, in der 
Generalisation und in der Aeusserung eines schädigenden Ein¬ 
flusses auf den Träger der Geschwulst. Diese Eigenschaften be¬ 
sitzen die normalen Zellen des Körpers nicht, sondern nur die 
Zellen der bösartigen Geschwülste. Auch müssen sich diese 
Eigenschaften in irgend einer Weise an den Zellen derselben 
äussern. Ob aber diese. morphologischen Eigenschaften bezw. 
Veränderungen immer für uns wahrnehmbar sind, oder nicht, 
diese Frage hat in der neuesten Zeit eine starke Anregung für 
das Studium der bösartigen Geschwülste abgegeben. Die Er¬ 
gebnisse dieser Studien mögen nach kurzer Berücksichtigung 
der historischen Entwicklung hier folgen: 

Der Erste, welcher eine wirklich brauchbare Theorie über 
den Entstehungsmodus des Krebses gegeben hat, war 
Thiersch; indem er die von V i r c h o w vertretene Ansicht, 
das Bindegewebe sei der Entstchungsort a 11 e r in den bösartigen 
Geschwülsten vorkommenden Zellen, beseitigte, wies er als Erster 
nach, dass die Epithelien der Krebse nicht vom Bindegewebe ab¬ 
zuleiten sind. Er erwies, dass in jedem Krebse gefässlose epi¬ 
theliale Massen von gefässhaltigem bindegewebigen Stroma zu 
unterscheiden seien; aber im Krebse sei das statische Gleich¬ 
gewicht, in welchem seit Ablauf der Entwicklung die ana¬ 
tomischen Gegensätze des Epithels und Stromas verharrten, ge¬ 
stört. Und diese Störung thue sich kund durch epitheliale 
Wucherung, welcher das Stroma Platz mache. Die Initiative zu 
dieser Wucherung könne aber im Epithel allein nicht gesucht 
werden, sondern eine Veränderung des Stroma müsse 
dieser übermässigen Epithelproduktion den Weg bahnen. Die 
Abnahme des Widerstandes des bindegewebigen Stroma, wie sie 
im vorgeschrittenen Lebensalter eintritt, sei es eben, die mithin 
die wirkliche Ursache des Krebses darstelle. 

Diese Anschauung steht in Uebereinstimmung mit den An¬ 
sichten über die von Franz B o 11 begründete Lehre vom Kampfe 
der Gewebe im Organismus; die Axiome dieser Lehre lassen sich 
im Allgemeinen dahin zusaminenfassen, dass das einzelne Ge¬ 
webe für sich unfähig ist, auch nur den kleinsten Fort¬ 
schritt im Wachsthum zu machen, sondern dass es seine Bil¬ 
dungskraft nur im Zusammenhang mit einem 
anderen Gewebe bethätigen kann. Das, was wir Wachs- 


thura nennen, sei ein Zusammenwirken stets mehrerer Ge-, 
webe, das der drüsigen Organe beispielsweise nichts anderes, als 
ein fortgesetzter Grenzkrieg zwischen Epithel und Bindegewebe. 

B o 11 konstruirte desshalb seine Theorie über den Krebs 
abweichend von Thiersch so, dass der Krebs nicht etwa zu 
Stande komme „aus einer Grenzverschiebung dee Epithels gegen 
das Bindegewebe“; der Krebs sei vielmehr „der im Alter wieder 
ausgebrochene Grenzkrieg zwischen Bindegewebe und 
Epithel. In der eigentlichen Entwicklungsperiode führe dieser 
Krieg zur Bildung von Drüsen, in der Involutionsperiode aber 
zur Bildung von Krebsen“. Der Kampf zwischen Gefäss-Keim- 
gewebe und Epithel habe im Embryo die Entstehung der Organe 
zur Folge, habe dann geschlummert, sei aber in der Involutions¬ 
periode zum zweiten Male angefacht worden, da in ihr die Ge¬ 
webe noch einmal Wachsthumsvorgänge einleiten, welche mit 
denen der Entwicklungsperiode übereinstimmen. Die Gewebe 
reagiren in dieser Periode auf einen Reiz mit erneuter, formativer 
Thätigkeit, weil die strenge Scheidung zwischen Blutgefässen 
und Bindegewebe in der Involution aufhört, und beide zusammen 
nun, wie im Embryo, auf die histologische Einheit des Gefäss- 
Keimgewebes zurückkehrt. An den Stellen aber, wo es mit dem 
Epithel zusammenstösst, entsteht auf Reizung ein Krebs. 

Die Anschauung von B o 11 lässt sich mit der von Roux 
konstruirten „über den Kampf der Theile im Organismus“ in 
Einklang bringen; immerhin erklärt sie viele Vorkommnisse 
der Geschwulstlehre gar nicht oder unvollkommen. Sie löst unter 
anderem nicht die Frage, warum der Krebs nur bei einer verhält- 
nissmässig geringen Anzahl von Individuen vorkommt, und 
warum auch jugendliche daran leiden, bei denen or sich bekannt¬ 
lich schneller ausbildet, und mehr und umfangreichere Meta¬ 
stasen hervorruft, als bei alten Leuten, und diese ungewöhnlich 
schnell. 

Sehr bald wurden die von Thiersch und B o 11 aufge- 
stellten Theorien -über die Geschwulstbildung zurückgedräugt 
durch Cohnheim. Bei ihm ist die angeborene Anlage das 
Entscheidende. Hiernach sind in einem früheren Stadium der 
embryonalen Entwicklung mehr Zellen gebildet, als zum Aufbau 
des Organes nothwendig; daher bleibt eine bestimmte Zahl von 
Zellen übrig, welche wegen ihrer embryonalen Natur eine grosse 
Vermehrungsfähigkeit besitzen. Bleiben sie an einer Stelle mehr 
oder weniger abgeschlossen liegen, so kommt es später zur Gc- 
schwulstbildung. 

Dass Neubildungen aus einer embryonalen Anlage hervor¬ 
gehen können, hatte schon Virchow für die Teratome nach¬ 
gewiesen; aber Niemand hatte bisher den Satz zu verallgemeinern 
gewagt, dass jedes pathologische Gewächs aus einer solchen 
Anlage hervorgehen müsse. Dass dies nicht immer der Fall, 
dafür sprechen schon die Beobachtungen, wonach bösartige Ge¬ 
schwülste in Folge mechanischer Einwirkungen (Stoss, Fall, 
Schlag) in den verschiedensten Organen eich bilden können. Man 
kann sich aber nicht vorstellen, dass in allen eine embryonale 
Anlage bestanden hat, in denen dann durch mechanische Reizung 
eine Neubildung sich entwickelte! 

Auch die Beobachtungen von Roux, welcher bei Frosch¬ 
larven im inneren und mittleren Keimblatt abgesprengte Fur¬ 
chungskugeln zerstreut zwischen den übrigen Zellen nächwies, 
vermögen die C o h n h e i m’sche Theorie nicht ausgiebig zu 
stützen, da man nicht weiss, was aus diesen Furchungskugeln 
bei fernerer Entwicklung geworden wäre, und ob sich wirklich 
Geschwülste aus ihnen gebildet hätten! 

Hierher gehören auch die Versuche B a r f u r t h’s, nach 
denen in die Gastrulahöhle hineingestossene Ektodermzellen 
weiterwuchsen, und sich zu dermoidartigen Bildungen entwickel¬ 
ten ; auch diese Versuche können die 0 o h n h e i m’sche Theorie 
nicht über den Zweifel erheben, da wir nicht wissen, wie der¬ 
artig künstlich erzeugte Bildungen bei völliger Entwicklung der 
Embryonen sich verhalten haben würden. 

Der schwächste Punkt der C o h n h e i m’schen Aus¬ 
führungen liegt aber jedenfalls darin, dass mit ihnen die That¬ 
sache unerklärt bleibt, aus welchem Grunde jene embryonalen 
Zellen (ihr Vorhandensein immer vorausgesetzt) mit einem Male 
zu wuchern beginnen! Das fühlte Cohnheim sehr wohl; er 
nahm desshalb später an, dass nicht die Grösse, Struktur und 
Vermehrungsfähigkeit der liegengebliebenen Keime, sondern 
einzig und allein das Verhalten der umgeben¬ 
den Gewebe über das Wachsthum einer Geschwulst em- 


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25. Februar 1Ö02. 


MÜENCHENEß MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


SIS 


scheide. Diese „Schwäche“ der umgebenden Gewebe könne an¬ 
geboren oder erworben sein, bilde sich erst in späteren Lebens¬ 
jahren aus, und desshalb könnten bei vielen Individuen Ge¬ 
schwulstkeime vorhanden sein, ohne dass auch nur das geringste 
Wachsthum an den letzteren beobachtet werde. 

Damit war Cohnheim glücklich wieder beim Thiersch’- 
schen Standpunkt angekommen; es ist aber weder ihm noch 
Anderen gelungen, für diese Widerstandsabnahme der Nachbar¬ 
schaft eine anatomische Grundlage zu finden. 

Man kam daher bald wieder auf die oft gemachte Beobach¬ 
tung einer gesteigerten Wachsthumsenergie der Zellen als 
Ursache des Wachsens der Geschwülste zurück. 

Hierauf fussend hat in neuerer Zeit II ansemann eine 
geistvolle Theorie für die Entstehung der Geschwülste aufge¬ 
stellt. Er vertritt, im Gegensatz zu B o 11, die Anschauung, dass 
eine strenge Differenzirung (Spezifität) der Gewebselemente 
schon im embryonalen Lehen vorhanden sei. Es bestehen nun 
nach der Ansicht von Weissmann in den Zellen neben den 
Hauptplasmen noch Nebenplasmen; nach ihm kommt die von 
II ansemann in Anspruch genommene Spezifität der Zellen 
durch eine, auf qualitativ ungleicher Theilung beruhende 
Ueberzahl der Hauptplasmen zu Stande. Die aus der inäqualen 
Theilung hervorgegangenen Schwesterzellen fasst Hanse¬ 
mann als Antagonisten der ursprünglichen auf; die Be¬ 
ziehungen zwischen beiden Arten von Zellen, welche er mit dem 
Ausdruck „Altruismus“ bezeichnet, sollen sich vorzugsweise 
darin äussern, dass der Vermehrung der einen Zellart die Ver¬ 
mehrung ihrer Antagonisten folgen müsse, und dass der Aus¬ 
fall einer Zellart genüge, den Tod des Individuums herbei¬ 
zuführen, weil die Antagonisten diesen Ausfall nicht ertragen. 
(Tod nach Ausfall einer Nebenniere.) 

Nun ist es eine bekannte Thatsache, dass das Parenchym der 
Geschwülste dem des Organes, aus dem sie hervorgegangen, zwar 
nicht selten überraschend ähnlich ist; zuweilen aber geht der 
Charakter des Organparenchyms in dem des Geschwulst¬ 
parenchyms auch ganz verloren, und auch das der Meta¬ 
stasen stimmt nicht immer mit dem der Primärgesehwülste 
überein; endlich wird nach entstandener Abweichung der Charak¬ 
ter des Geschwulst ge wehes dem des Muttergewebes niemals wieder 
genähert. Und ob nun die Zellen der bösartigen Geschwülste 
in die Gewebsspalton eingewandert, oder ob sie durch Blut und 
Lymphe verschleppt sind, Eines steht fest: sie vermehren sich in 
anderen Organen des Körpers, und können dort ein neues Ge¬ 
webe bilden. 

Dadurch aber stehen sie in geradem Gegensatz zu allen 
transplantirten Geweben, die, auf fremden Boden verpflanzt, 
regelmässig nach kurzer Wachsthumszeit resorbirt werden. 
(Periost in Lunge, Haut auf Haut nicht gleichartiger Thiere.) 

Hierdurch ist der selbständige und durchaus eigenartige 
Charakter der Geschwulstzellen genügend charakterisirt; 
Hansemann erklärt dieses eigenthümliche Verhalten der 
letzteren dadurch, dass ihr Altruismus, d. h. ihre Ab¬ 
hängigkeit von der spezifischen Umgebung 
geringer geworden sei. Die Geschwulstzellen haben an 
Differenzirung abgenommen, sie sind den ursprünglichen Keim¬ 
zellen wieder ähnlicher geworden. Diesen Vorgang der Ent- 
differenzirung hat Hanse mann Anaplasie genannt. 

Für die Anaplasie gelang es ihm nun, eine morphologische 
Unterlage beizubringen; sie drückt sich nämlich nicht nur in 
dem schon geschilderten allgemeinen Verhalten der Geschwulst¬ 
zellen aus, sondern die letzteren lassen auch noch prinzipielle 
Unterschiede von den Zellen des Muttergewebes in der Mitose 
erkennen. Da man diese Unterschiede der Zelltheilung aber an 
den Zellen der Regeneration, Hyperplasie und entzündlichen 
Wucherung nicht finde, so sei der Schluss berechtigt, „dass 
die veränderte Form der Mitose die Ursache 
der Anaplasie sei“! 

Auf diese Weise entstehe in den bösartigen Geschwülsten 
ein neues Gewebe, wie bei der Entwicklung des Embryo, 
und diese Aehnlichkeit sei so gross, dass sogar die Wachsthums¬ 
richtung bei Krebsen und Sarkomen sich ändere; dieser Umstand 
sei es, der Thierseh, Boll und Cohnheim veranlasst 
habe, eine Widerstandsherabsetzung der Nachbargewebe anzu¬ 
nehmen. 

In den gutartigen Geschwülsten dagegen finde sich keine 
erhebliche Abweichung in der Mitose von der normaler Körper- 
Hö. 8. 


gewebe, und daher lässt sich die Hansemann’sche Theorie 
bisher nicht verallgemeinern, sondern nur auf bösartige Ge¬ 
schwülste anwenden. 

Auch dieser Theorie ist in R i b b e r t ein Gegner erwachsen. 
Er lässt alle Geschwülste aus Zellen hervorgehen, welche sich 
aus dem physiologischen Zusammenhang gelöst, also i s o 1 i r t 
haben; ob die Ablösung in der embryonalen Entwicklung oder 
nach der Gehurt stattgefunden hat, ist gleichgiltig. Die Ur¬ 
sache der Zellisolation, und damit die Möglichkeit des 
Wachsens in die Umgebung sucht er in einer Veränderung, einer 
chronischen Entzündung der bindegewebigen 
Umgebung, oder in einem Trauma. 

Die R i b b e r t’sche Theorie ist schon jetzt als widerlegt 
anzusehen, indem mit Recht hervorgehoben wird, dass in vielen 
Krebsen alle entzündlichen Veränderungen fehlen; wäre die 
R i b b e r t’sche Anschauung richtig, so müssten die Geschwulst¬ 
zellen mit denen, welche sich bei der Regeneration, Hyperplasie 
und Entzündung bilden, übereinstimmen. Das sei, wie 
Hansemann betont, nicht der Fall. Auch finde eine Ab¬ 
schnürung von Zellen im Körper häufig statt, ohne dass es zur 
Krehsbildung komme, und bei einer grossen Anzahl von Krebsen 
könne man die Anaplasie, d. h. die krebsige Entartung der Zellen 
bereits nach weisen, ehe Ablösung erfolge. Es sei ganz ausge¬ 
schlossen, dass durch Abtrennung einer normalen Zelle ein Krebs 
entstehe; was den Anstoss zur krebsigen Entartung gebe, wisse 
man nicht; es sei nicht unmöglich, dass dieser imbekannte Faktor 
im Bindegewebe sitze. — 

Damit hätte ich die bis heute bestehenden Theorien über 
die Entstehung der Geschwülste besprochen; bei genauer Be¬ 
trachtung beschäftigen sich auch die eingehendsten und geist¬ 
vollsten von ihnen nur mit dem histogenetisehen Geschehen, und 
lassen uns über die eigentliche Entstehungsursache, durch deren 
Feststellung allein eine wirksame therapeutische Bekämpfung 
zu erhoffen wäre, im Dunkeln. Die von Czerny Eingangs 
erwähnten Hinweise beherrschen desshalb auch heute durchaus 
den Modus der Forschung. — 

Es liegt ja nahe, an eine infektiöse Ursache zu denken, um 
so mehr, seitdem es gelungen war, die Erreger der sog. Infektions¬ 
geschwülste, der Tuberkel, Aktinomykome, Botryomykome etc. 
nachzuweisen. 

Alles Suchen aber nach den entsprechenden Erregern bei den 
echten Neubildungen ist meines Wissens bisher vergeblich ge¬ 
wesen, so dass bis zu dieser Stunde ein zwingender Beweis für 
die infektiöse Natur der Geschwülste nicht erbracht ist. 

Da ich die nun zu besprechenden Fragen als für den 
Menschen bekannt bei Ihnen voraussetzen kann, so möchte ich 
noch einiges Vergleichende aus der Säugethierreihe beibringen, 
welches für die Beurtheilung mancher Punkte nicht ohne 
Interesse ist. Die wesentlichsten Angaben sind der verdienst¬ 
vollen Schrift von Caspar*) entnommen. 

Zunächst die Frage der Vererbung von Geschwülsten bei 
Thieren. Es ist darüber nicht viel bekannt, doch wissen wir, 
dass die Neigung zu Papillombildung sich vererben kann. Auch 
für Melanome wird die Möglichkeit der Vererbung angenommen; 
so behauptet Dicckerhoff, dass ihre Entstehung nach zahl¬ 
reichen einwandsfreien Beobachtungen sehr oft auf einer ver¬ 
erbten Anlage beruhe. 

Der Einfluss des Alters dagegen macht sich ganz entschieden 
auch bei Thieren geltend. Wie das Karzinom beim Menschen 
in ca. 70 Proz. der Fälle eine Krankheit des hohen Lebensalters 
ist, so hat F r ö h n e r in 262 Fällen feststellen können, dass 
nur ältere Hunde von Krebs befallen werden, während er bei 
Hunden unter 2 Jahren niemals Krebs beobachtete. 87 Proz. 
der krebsig erkrankten Thiere waren über 5 Jahre, 54 Proz. über 
7 Jahre alt. 

Das Karzinom steht auch hier im Gegensatz zum Sarkom, 
welches häufig bei ganz jungen Hunden vorkommt; damit steht 
im Einklang die Thatsache, dass bei Rindern und Schweinen, 
welche ja früh abgeschlachtet werden, das Karzinom viel seltener 
zur Beobachtung kommt, als das Sarkom. 

Was die Bedeutung des Geschlechts anbelangt, so ist hervov- 
zuheben, dass der beim Menschen so häufig befallene weibliche 
Geschlcchtsapparat bei Thieren verhältnissmässig selten an Ge¬ 
schwülsten erkrankt. Geschwülste der Mammae sind bei Hunden 


*) Caspar: Geschwülste bei den Hausthleren. 


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314 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


nicht selten, sehr selten dagegen bei Kühen. Utcruskarzinomc 
bei Thieren sind nach Caspar in der ganzen Literatur nur 
4 aufzufinden, cystische Entartung der Ovarien kommt bei Kühen 
etwas häufiger zur Beobachtung. Ob männliches oder weibliches 
Geschlecht zu Geschwülsten mehr disponirt ist, lässt sich zur Zeit 
kaum entscheiden. 

Nicht ganz ohne Bedeutung ist die Hautfarbe; so treten 
Melanosarkome am meisten bei Thieren mit pigmentloser Haut 
auf. (Schimmel.) 

Was die Bedeutung der Thierart für die Verbreitung der 
einzelnen Geschwulstarten anlangt, so fehlt es bisher darüber 
un statistischen Angaben. 

Caspar fand, dass bei Hunden verhältnissmüssig häufig 
Karzinome, bei Rindern und Schweinen dagegen häutiger Sar¬ 
kome beobachtet werden. Das erklärt sich aber vielleicht zum 
Tlieil daraus, dass letztere kein hohes Alter erreichen. Chole¬ 
steatome kommen nur bei Pferden vor, ebenso Melanosarkome 
am häufigsten bei diesen. Es muss jedoch betont werden, dass, 
entgegen den Angaben der meisten medizinischen Lehrbücher, 
auch die Pflanzenfresser, ganz besonders das Pferd, nicht selten 
von Krebs befallen werden, ja, dass dieser beim Pferdegeselilecht 
zu den häufigeren Neubildungen gehört. 

Statistik der Geschwülste bei Thieren. 

Die hier gegebene Statistik stützt sich auf die Jahresberichte 
der Berliner, Münchener und Dresdener thierärztlichen Hoch¬ 
schulen und auf die Zusammenstellungen John e’s und Früh- 
u e r's, auch auf das, was sich etwa noch sonst in der Literatur 
findet. Sie kann aus verschiedenen Gründen auf Vollständigkeit 
keinen Anspruch machen. 

Eine Zusammenstellung der in den genannten 3 Instituten 
während eines Zeitraumes von 12 Jahren behandelten Pferde er¬ 
gibt eine Summe von 86113 Stück; davon waren 1131, also 
ca. l,3Proz. mit Neubildungen behaftet. Dabei ergibt sich die eigen¬ 
tümliche, bemerkenswerte Thatsache, dass die in der Berliner 
Anstalt beobachtete Erkrnnkuugsziffer mit ca. 0,9 Proz. wesent¬ 
lich geringer ist, als die in München mit 2,1 Proz. und in Dresden 
mit 2,0 Proz. Es scheint demnach, dass die Ixjkalität auch hier 
nicht ganz ohne Einfluss ist. 

Für Hunde stellten sich folgende Zahlen heraus: Es wurden 
behandelt 85 537; davon waren 4020 = ca. 4,7 Proz. mit Neu¬ 
bildungen behaftet In Berlin hatten 4,7 Proz., in München 
4,4 Proz., in Dresden 4,7 Proz. der Thiere Tumoren. 

Von 4972 behandelten Rindern waren 102, also 2 Proz. mit 
Tumoren behaftet. 


Absolute Häufigkeit. 

Nach der obigen Aufstellung kommen Neubildungen demnach 
am häufigsten vor bei Hunden (4,7 Proz. aller Erkrankungen), 
etwas seltener bei R i n d e r n (2 Proz.), noch seltener bei Pferden 
(1,3 Proz.) aller Krankheitsfälle. 


Häufigkeit des Vorkommens der einzelnen 
Geschwulst arten. 


Hierüber besitzen wir bisher nur eine umfangreichere Spezial¬ 
statistik, welche Fröhner au einem grossen Hunde material 
gewonnen hat: 

Es befanden sich unter 643 im Laufe von 8 Jahren operirten 
Geschwülsten: 


262 = 40 Proz. Karzinome 44 — 7 Proz. Sarkome 

97 = 13 „ Fibrome 39 = 6 „ Lipome 

05 = 10 „ Papillome 2 = 0,3 „ Angiome 

Wenn diese Zusammenstellung auch nur die chirurgisch in 
Betracht kommenden Tumoren berücksichtigt, so geht doch schon 
hieraus hervor, dass die Karzinome bei Hunden ungewöhnlich 
häufig sind. 

Auch bei Pferden hat Fröhner an einem kleinen klinischen 
Material eine Zusammenstellung gemacht. Danach waren unter 
47 im Laufe eines Jahres operirten Tumoren: 


10 = 21 Proz. Sarkome 

17 = 30 „ Papillome 

6 = 13 . Fibrome 


3 = 0 Proz. Karzinome 
1 = 2 . Lipome 

1 = 2 „ Osteome 


Demnach gehören bei Pferden die Sarkome klinisch zu 
den häufigsten Neubildungen, und kommen bei Weitem öfter 
vor als die Karzinome. 


Unter den bei Rindern in Berlin beobachteten 75 Tumoren 
waren 20—27 Proz. Sarkome und 2—2,7 Proz. Karzinome. 

Demnach sind auch bei Rindern die Sarkome weitaus 
häufiger als die Karzinome. 

Zur Vergleichung möge folgende Tabelle dienen: 


Pferde Hunde Rinder 
Proz. Pro*. Proz. 


Es bilden 1. die Sarkome 21 
2. die Karzinome 6 


7 

40 


27 

2,7 


| aller Tumoren. 


Wesentlich anders als die klinische gestaltet sich die 
Statistik des pathologischen Anatomen, da letzterer auch die Ge¬ 
schwülste der inneren Organe berücksichtigt, wenn auch manche 


kleine Neubildungen der äusseren Haut bei den Sektionen unbe¬ 
rücksichtigt bleiben mögen. Johne konstatirte bei 


Sarkome 

Proz. 


Karzinome 

Proz. 


Pferden: 47 22 (Ueberwiegen der Sarkome ) 

Hunden: 2|8 52 ( „ „ Karzinome 

Rindern: 35 8 ( „ „ Sarkome i 

Es ergibt sich aus dieser Zusammenstellung folgendes Bild: 




Pferde 

Hunde 

Rinder 





Pro*. 

Prox. 

Pro*. 


1. 

Sarkome: 

Iklin. 

\anat. 

21 

47 

7 

28 

27 

37 

| aller Tumoren. 

2. 

K a r z i n o m e: 

j klin. 
(anat. 

6 

22 

40 

52 

2,7 

8 

1 

j" n n 


Wenn hiernach freilich die Karzinome bei Hunden ungleich 
häufiger Vorkommen, als bei Pferden und Rindern, so lehrt anderer¬ 
seits die Taltelle, dass die Karzinome bei den Pflanzenfressern 
nicht so selten Vorkommen, wie es in vielen Lehrbüchern immer 
wieder dargestellt wird. 


Aus der medizinischen Klinik in Jena (Prof. Dr. Stiutziug). 

Eine Fehldiagnose auf Grund der Gruber-Widai - 
sehen Reaktion (bei Puerperalfieber). ) 

Von Dr. Felix Lommel, I. Assistenten der Klinik. 

Die bei der Serodiagnose des Typhus abdominalis seinerzeit 
von W i d a 1 vertretene Ansicht, dass eine bei einer Verdünnung 
von 1:10 eintretende agglutinirende Wirkung des Serums die 
Diagnose Typhus sicher stelle, hat mit der Ausdehnung der kli¬ 
nischen Beobachtungen mehr und mehr Einschränkungen er¬ 
fahren müssen) in dem Sinne, dass auch bei erheblich 
schwächeren Konzentrationen ein Serum noch agglutinircud 
auf Typhusbazillen wirken kann, ohne dass ein Typhus 
vorliegt. Aus zahlreichen, sich mit den Grenzwert hon der 
G ruber -Wida P sehen beschäftigenden Arbeiten [1] scheint 
sich zu ergeben, dass in nicht seltenen Fällen das Blut¬ 
serum von nicht an Typhus Erkrankten in Verdünnungen 
von 1 : 10 bis 1 :20 agglutinirend wirkt, dass in ganz 
vereinzelten Fällen sogar bei Verdünnungen von 1:40, äusserst 
selten sogar 1: 50 diese Wirkung eintritt, ohne dass Typhus vor¬ 
liegt oder vorhergegangen ist. Dagegen kann „für die Diagnose 
des Unterleibstyphus die Entscheidung an dem positiven Nach¬ 
weis der G r u b e r - W i d a Pschen Reaktion mit unbe¬ 
dingter Sicherheit bei einer Verdünnung der 
Typhuskultur mit dem Serum von über 1:50 ge¬ 
knüpft werden“. (Köhler 1. c.) 

Dass auch diese gegenüber W i d a l’s anfänglichen Mit¬ 
theilungen bedeutend höhere Festsetzung der diagnostisch ent¬ 
scheidenden Grenzwerthe unter Umständen nicht vor Irr- 
thümern schützt, soll folgender Fall beweisen, den ich in der 
hiesigen Klinik zu beobachten Gelegenheit hatte. 

Eine in Wenigeujena wohnhafte 32 jährige Frau kam am 
10. XI. 1901 wegen einer fieberhaften Erkrankung in ärztliche Be¬ 
handlung. Es war am 7. XI. eine binnen 4 Stunden normal ver¬ 
laufende Entbindung vomusgegangen, nachdem schon am 5. XI. 
die Blase gesprungen und ein Theil des Fruchtwassers abgegangen 
war. Vor der Entbindung war Patient gesund gewesen, nur soll 
sie etwa 14 Tage vorher einen einmaligen spurlos vorübir- 
gegnngeuen kurzdauernden Schüttelfrost gehabt haben. Ein eben¬ 
solcher Frost war unmittelbar nach der Geburt, nach nur ein¬ 
maliger innerlicher Untersuchung seitens einer als zuverlässig be¬ 
kannten Hebamme eingetreten. Nach mehrmaligem leichteu 
Frösteln wurde am 2. Tage nach der Entbindung von den An¬ 
gehörigen Fieber wahrgeuommen und der Arzt zu Rathe gezogen, 
welcher schon hohes Fieber und Albuminurie vorfaud, jedoch für 
die Diagnose einer puerperalen Infektion, die natürlich nahe lae. 
nicht hinreichende Anhaltspunkte fand. Das Fieber nahm, soweit 
zuverlässige Messungen erlangt werden konnten, den Charakter 
einer Febris contiuua an und stieg unter stärksten Delirien bis zn 
sehr holien Graden. Nach anfänglicher Obstipation traten am 
19. XI. Durchfälle ein: ferner wurde die Milz vergrößert gefunden. 
Roseolen und Hautblutungen fehlten. Die noch immer zu „Sepsis" 
neigende Diagnose wurde am 20. XI. durch den stark positiven 
Ausfall der Gruber-Widal'sehen Reaktion zu Gunsten eines 
Typhus abdominalis entschieden. Das mit allen Kautelen ent¬ 
nommene, von Herrn Dr. Hartmann der Klinik zur Unter¬ 
suchung übersandte Blutserum zeigte bei einer Verdünnung von 
1:80 eine ausserordentlich rasche, nach ca. 5 Minuten beginnende, 
nach 10 Minuten schon sehr starke Agglutination der reichlich ent¬ 
wickelten und lebhaft beweglichen Typhusbazillen. 

Die am 22. XI. 1901 aufgenommene Patientin zeigte ü» 
Wesentlichen folgenden Befund: 

Temperatur 39,9. Verfallenes Aussehen. An Bauch- und 
Rückenhaut 3 deutliche Roseolen. Lippen und Zunge fuliglnös 


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25. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


315 


belegt. Ausgedehnte Bronchitis, r. h. u. Schallverkürzung und ab- 
geschwüchtesAthmungsgeräusch. Athmungsfrequenz 56—60! Herz¬ 
grenzen normal, Töne rein; Puls 144, regelmässig, sehr klein und 
welch. Abdomen stark aufgetrieben, nicht schmerzhaft, tympa¬ 
nitisch schallend, Erguss nirgends, auch nicht ln den abhängigen 
Fartien nachweisbar. Blase ad maximum gefüllt, wird mit 
Katheter entleert, lm Urin wenig Eiweiss. Leberdämpfung klein. 
Milz stark vergrössert, überragt 3 cm den Rippenbogen, von harter 
Konsistenz. Seusorium leicht getrübt; Euphorie. 

In der folgenden Nacht trat der Tod ein. 

Sektionsbefund: In beiden Unterlappen der Lungen 
umschriebene dunkelbraune, zum Theil graugelbe Verdichtungen: 
beide Pleuren fibrinös-eitrig belegt. Im unteren Theil des Pharynx 
ausgedehnte schmutzig-graue membranöse Beläge. Schleimhaut 
über beiden Aryknorpeln und hintere Hälfte beider Stimmbänder 
mit flachen grauweiss belegten Geschwüren versehen. Herzbefund 
normal. Die Milz zeigt als Maasse 160 und 100 nun; ist demnach 
stark vergrössert; auf dem Durchschnitt hellbraunroth, nicht er¬ 
weicht eher etwas zäh. Die Leber zeigt normale Verhältnisse. 
Die Schleimhaut des Magens, des Duodenums und des ganzen 
Dünndarms zeigt sich normal, die Schleimhaut ist bleich, die 
F eye Fachen Plaques und Lyniphfolllkel sind flach: die Mesen¬ 
terialdrüsen von normaler Grösse. Völlig dasselbe gilt vom Dick¬ 
darm. Die Nieren zeigen keinen wesentlichen Befund. Der Uterus 
ist 80 mm breit, 125 mm lang, 58 mm dick. Die Serosa desselben 
ist am Scheitel hellrotli injizlrt. stellenweise scheinen die Lymph- 
gvfässe, von graugelbem Inhalt erweitert, durch dieselbe hindurch. 
Der Muttermund ist gewulstet, blaurotli; die Innenwand des Uterus 
ist In Hals und Körper rothbraun bis schwarzgrau, das obere 
Drittel der vorderen Wand höckerig uneben, mit übelriechendem 
grauen Eiter bedeckt Die 27 mm dicke Muskelwand ist auf dem 
Querschnitt stellenweise röthlieh-gelb, stellenweise schiefergrau, 
die Venen derselben entleeren thellweise graugell>en übelriechen¬ 
den Eiter und braune jauchige Flüssigkeit. In den Venen der 
Ligam. tuboovarica beiderseits eitrige Massen; Ligam. lata fibrinös- 
oltrig belegt Die Tuben enthalten grauwelssen Schleim. 

Die Diagnose Typhus war also falsch gewesen; es lag ein 
Fall von puerperaler Sepsis vor. Demnach hat in einem Fall, 
in dem sämmtliche übrigen klinischen Erscheinungen bei der 
Durchführung einer Differentialdiagnose zwischen Typhus und 
Sepsis trügerisch waren, und der Ausfall der Serumreaktion zur 
Entscheidung berufen zu sein schien, der sehr stark positive 
Ausfall der Reaktion zur fälschlichen Annahme eines Typhus 
veranlasst. Die Reaktion erfolgte bei einer Verdünnung von 
1: 80 so prompt, dass die Annahme berechtigt ist, dass auch in 
noch stärkeren Verdünnungen die Agglutination eingetreten sein 
würde, wenn solche hergestellt worden wären. Leider geschah 
dies nicht, da, nachdem mittels derselben Bouillonkultur kurz 
vorher die Serumreaktion bei zwei echten Typhen angestellt 
worden war, für die dritte Reaktion nur noch eine geringe Menge 
Kultur übrig geblieben war. Wir begnügten uns daher mit dem 
erzielten Resultat und liessen uns von demselben um so eher 
leiten, als ja das übrige Krankheitbild ebenso sehr für Typhus 
als für Sepsis sprach; auch hatten wir, im Gegensatz zu Grie- 
singer’s und Rokitansky’s bekannter Erfahrung, kurz 
vorher 3 sichere, 2 mal auch anatomisch bestätigte Fälle von 
Typhus beobachtet, die theils in den ersten, theils in den späteren 
Tagen des Puerperiums begonnen und in zwei Fällen Anfangs 
dem Bilde einer puerperalen Infektion entsprochen hatten. 

Woher kam nun diese starke Agglutinationswirkung? Dass 
Typhus vorausgegangen sei, konnte mit grosser Bestimmtheit 
ausgeschlossen werden. Die Anamnese, die sich ausser auf 
Typhus namentlich auch auf Magen- und Darmkatarrhe, auf 
„Nervenfieber“, „Influenza“ u. ähnl. erstreckte und ein völlig 
negatives Resultat ergab, schien für die letzten 10 Jahre ausser¬ 
ordentlich zuverlässig, für die frühere Zeit immerhin sehr glaub¬ 
würdig zu sein. Zu bemerken ist dabei, dass nach den vor¬ 
liegenden Untersuchungen nur ein sehr geringer Theil von 
Typhuskranken noch nach Ablauf eines Jahres die Gruber- 
W i d a l’sche Reaktion zeigt, und auch in diesen Fällen ist sie 
meistens nicht sehr stark [2, 3]. 

Von den verschiedenen chemischen Substanzen, deren agglu- 
tinirende Wirkung gegenüber Typhuskulturen untersucht wurde, 
kommen für unseren Fall nur die verschiedenen Gallenbestand- 
theile in Betracht, da die anderen in dieser Richtung untersuchten 
Substanzen dem Körper fremde Stoffe darstellen. Schon früher 
war es Grünbaum [4] aufgefallen, dass unter Nichttyphösen, 
deren Serum eine agglutinirende Wirkung auf Typhusbazillen 
entfaltete, sich eine relativ grosse Anzahl von ikterischen 
Kranken befand. Von ähnlichen Beobachtungen geleitet, unter¬ 
zog Köhler [5] die Wirkungsweise der Galle auf das Zustande¬ 
kommen des Agglutinationsphänomens einer genaueren klinischen 
und experimentellen Prüfung. Dabei fanden sich bei ikterischen 


nicht an Typhus erkrankten Menschen wiederholt relativ hohe 
Agglutinationswerthe (bis 1:40); auch im Blute von Hunden, an 
denen durch Choledochusunterbindung Ikterus erzeugt worden 
war, fanden sich auffallend starke Agglutinationswirkungen. Die 
Agglutination war auch dann eine kräftige, wenn Hunden Tauro- 
cholsäure in den Kreislauf gebracht wurde. Jedoch waren diese 
Ergebnisse durchaus nicht konstant. Es ist bekannt, dass bei 
septischen Erkrankungen nicht selten Ikterus auftritt und zwar 
als Ausdruck der Aufnahme von in der Leber erzeugter Galle in 
das Blut In unserem Fall wurde weder zu Lebzeiten Ikterus be¬ 
obachtet, noch ergab die Sektion irgendwelche, noch so geringe 
ikterische Färbung; vielmehr erwiesen sich auch die Körpertheile, 
die am frühesten und deutlichsten von Galle herrührende Verfärb¬ 
ungen aufzuweisen pflegen, z. B. die Knorpel, die Arterienintima, 
als rein weiss. Es kann also, zumal auch die stärksten Grade von 
agglutinirender Wirkung, die bei Ikterus zu Stande kommen, 
weit hinter dem in unserem Falle beobachteten Zurückbleiben, 
von einer Betheiligung der Galle an dem positiven Ausfall der 
Reaktion abgesehen werden. 

Dagegen könnten die hier mitgetheilton und etwaige ähnliche 
Beobachtungen vielleicht mit dem Vorgang in Beziehung ge¬ 
bracht werden, der von Pfaundler [6] als „Gruppenagglu¬ 
tination“ bezeichnet wurde. Es hat sich namentlich durch die 
Untersuchungen von Durham, Gruber, Gilbert und 
Fournier, Rodet, Biberstein, Pfaundler, Köh¬ 
ler u. A. die Thatsache ergeben, dass das Serum des infizirten 
Individuums häufig nicht nur auf den infizirenden Mikroorganis¬ 
mus selbst agglutinirend einwirkt, sondern dass derselben Wirkung 
auch, wenngleich in geringerem Grade, nahe Verwandte des In¬ 
fektionserregers unterliegen. Wenn also das Agglutinations¬ 
phänomen schon keine absolut spezifische Reaktion ist, so würde 
sich daraus dennoch eine gewisse relative Spezifität ergeben, 
darin bestehend, dass die agglutinirende Wirkung auf die eigene 
Art meistens am stärksten zu Tage tritt, auf andere Spezies tim 
so stärker, je näher sie der letzteren stehen, um so schwächer, je 
weiter sie von derselben entfernt sind. Eine Gruppe in diesem 
Sinne bilden der Vibrio cholerae mit V. berolinensis, mit dem 
Leuchtvibrio Rumpels, dem V. Seine - Versailles, dem V. 
Ivänoff [7]. Zur Gruppe des Typhusbazillus gehören als nahe 
Verwandte die verschiedenen Arten des Colibazillus, auch das 
Bacterium lactis aörogenes [6]. Besonders mit der Agglutinations¬ 
wirkung des Serums von Typhuskranken auf Colibazillen hat sich 
eine grosse Zahl von Arbeiten beschäftigt, deren Ergebnisse zum 
grösseren Theil positiv für das Vorhandensein einer solchen Re¬ 
aktion ausfielen. Weit geringeres Interesse hat bis jetzt die Frage 
erregt, ob auch das Serum von Kranken mit Coliinfektionen 
seinerseits auf Typhusbazillen agglutinirend einwirkt. Zwar hat 
Rodet eine gewisse reziproke Wirkung von Typhus- bezw. Coli- 
immunserum auf Coli- bezw. Typhusbazillen gefunden, im 
Ucbrigen aber ist bei dem Fehlen methodische* Untersuchungen 
hierüber die Wirkung des Coliaerums auf Typhusbazillen weniger 
gesichert und auch anscheinend weniger regelmässig wie die um¬ 
gekehrte Beziehung. Bei der äusserst nahen Verwandtschaft 
mancher Coliarten mit dem Typhuserreger darf aber gewiss, 
wenigstens für einen Theil der Coliinfektionen, eine solche Wir¬ 
kung erwartet werden. Offenbar besteht eine weitgehende Aehn- 
liehkeit zwischen der Bildung von Agglutininen und dem Immuni- 
sirungsvorgang.und es ist dosshalb bemerkenswerth, dass auch dieser 
letztere sich nicht nur auf die Art, sondern auch auf die Gattung 
erstreckt, also auch eine Gruppenreaktion ist. Es verleiht z. B. 
das Blut von Thieren, die gegen Typhus immunisirt sind, eine 
erhöhte Resistenz gegen Coliinfektion, und umgekehrt bringt 
die Coliinfektion eine höhere Widerstandsfähigkeit gegen Typhus 
zu Stande, so dass sogar schon Coliiinmunserum zu Heilzwecken 
gegen Typhus empfohlen wurde [9]. 

Nach alledem ist es denkbar, dass unter Umständen Coli¬ 
infektionen, rein oder durch Symbiose mit anderen Mikroorga¬ 
nismen komplizirt, Gelegenheit zur Bildung von Agglutininen 
geben können, die nicht nur Colibazillen agglutiniren, sondern 
auch gegenüber Typhuskulturen sich wirksam erweisen, sei es in 
dem geringen Maasse, das wir nicht selten bei Nichttyphösen be¬ 
obachten, sei es in höherem Grade, so dass unter günstigen Be¬ 
dingungen sogar die bisher normirten diagnostischen Grenzwerthe 
überschritten werden. Coliinfektionen liegen vor in manchem 
Fall von katarrhalischem Ikterus (!), von Perityphlitis, Darm- 

3* 


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316 


MTTENCHENER MEDICINISOHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


katarrh, Sepsis, bei der Colicystitis der Kinder u. s. w. Ob in 
unserem Fall von puerperaler Sepsis der Krankheitserreger ein 
Colibazillus war, konnte leider nicht untersucht werden, da eine 
einwandfreie Gewinnung des Infektionsgiftes nicht thunlich war. 
Jedenfalls ist es durchaus möglich, dass es sich um eine reine 
oder auch durch andere Mikroorganismen komplizirto Coli- 
infektion gehandelt hat; dass solche im Bereich des weiblichen 
Genitalkanals nicht selten sind, ist erwiesen; sowohl bei den 
leichteren fieberhaften Erkrankungen der Kreissenden und Wöch¬ 
nerinnen, als bei Puerperalfieber wurde das Bakterium coli allein 
oder in Symbiose mit anderen Mikroorganismen häufig nach¬ 
gewiesen [10]. 

Es ist also denkbar, dass in unserem Fall eine ausserordent¬ 
lich starke Infektion mit Bakterium coli den Organismus zur 
Bildung von Agglutininen angeregt hat, die vermöge der 
Gruppenagglutination den nahe verwandten Typhusbazillus auch 
noch in starken Verdünnungen zu agglutiniren vermochten. 

Bei voller Anerkennung des rein hypothetischen Charakters 
der vorstehenden Erörterungen glauben wir auf die Möglichkeit 
hinweisen zu sollen, dass durch Infektionen mit Bakterium coli, 
vielleicht auch mit anderen Mikroorganismen irrthümliehe 
•G r ube r - W i d a l’selio Typhusreaktionen zu Stande kommen. 
Aber auch wenn die Ursache solcher Fehlresultate an anderer 
Stello liegen sollte, darf der hier mitgetheilte Fall das klinische 
Interesse in Anspruch nehmen und muss zur Vorsicht mahnen, 
auch jenseits der Grenzwerthe, die bisher bei der Gruber- 
W i d a l’schen Reaktion als entscheidend anerkannt waren. 

Literatur. 

1. Fr. Köhler: Das Agglutinationsphänomen, klinische und 
experimentelle Studien. Kllu. Jahrbuch VIII, UHU. Hier weitere 
Literaturnachweise. — 2. Courmont: Serodlagnostic de la 
flövre typholde. Semaine mödicale 1897. — 3. Köhler: 1. c. 
S. 59 Cf. — 4. Grilnbauin: lieber den Gebrauch der agglutiniren- 
den Wirkung von menschlichem Serum fllr die Diagnose des 
Abdominaltyphus. Miincli. med. Wochenschr. 1897, No. 13. — 
5. Köhler: 1. c. S. 111 ff. — 6. Pfaundler: lieber „Gruppen¬ 
agglutination“ und über das Verhalten des Bakterium coli bei 
Typhus. Münch, med. Wochenschr. 1899, No. 15. — 7. G ruber 
und Durham: Eine neue Methode zur raschen Erkennung des 
Choleravibrio und des Typhusbazillus. Münch, med. Wochenschr. 
1896, No. 13. — 9. Löffler und Abel; Demel und Orlandi; 
clt. nach Pfaundler, 1. c. — 10. Menge und K r ö n 1 g: Bak¬ 
teriologie des weiblichen Genitalkanals. Leipzig 1897, II, S. 101 ff. 
u. 224 ff. 


Aus der Heidelberger chirurgischen Klinik. 

Ein Fall von komplizirter Schädelverletzung mit 
Aphasie. Deckung des Defektes durch Knochen¬ 
plastik.*) 

Von Dr. Hermann Kaposi, Assistent der Klinik. 

M. H.! Der Fall, den ich mir erlaube, Ihnen heute vor¬ 
zuführen, wurde vor 2 Jahren von Herrn Prof. Jordan im ärzt¬ 
lichen Verein als geheilter Fall von Hirnabszess vor¬ 
gestellt. Aus der damaligen Krankengeschichte wiederhole ich in 
Kürze die wichtigsten Daten. Der damals 19jiihrige Patient er¬ 
hielt zu Ostern 1899 einen Stockhieb auf die linke Kopfseite, er 
blutete stark, er war aber nicht bewusstlos, konnte allein nach 
Hause gehen. Er ignorirte die Wunde, verklebte sie nur mit Heft¬ 
pflaster. 14 Tage später, während welcher Zeit er seiner Arbeit 
nachgegangen war, suchte er wegen Kopfschmerzen, Schwindel¬ 
gefühl, Schmerzen in der Wunde die Klinik auf. An der Ver¬ 
letzungsstelle sass ein kleiner Abszess, der inzidirt wurde. Da 
sich seine Kopfschmerzen besserten, und auch sonst keine be¬ 
drohlichen Symptome auftraten, wurde er nach 8 Tagen wieder 
entlassen. 

Den Sommer über fühlte er sich ziemlich wohl, hatte nur hie 
und da Kopfschmerz. Schwindel, ab und zu Frieren und Hitze. 
Er lebte-al>er wie gewöhnlich, arbeitete auch auf den» Felde uud 
in seinem Beruf als Metzger. Die Kopfwunde eiterte immer noch. 
Ende August. 4 Monate nach der Verletzung, stürzte er eines 
Tages bewusstlos zusammen, erbrach und wurde sofort in die 
Klinik gebracht. In der Klinik erlangte er das Bewusstsein wieder, 
man konstatlrte eine Lähmung des rechten Arms und des rechten 
Fazialis. Abends wiederholte sich der Anfall von Bewusstlosigkeit, 
es traten Zuckungen in beiden Armen auf. Aus der Fistelöffuung 
am Schädel entleerte sich Elter. Mit der Sonde gelangte man 
durch rauhen Knochen in die Schädelhöhle. Nach der Soudirung 
entleerte sich Eiter ln dicken Tropfen. Es wurde die Diagnose auf 
penetrirende Schädelverletzung mit konsekutivem Himabszess ge- 


*) Vortrag, gehalten am 17. Dezember 1901 lm ärztl. Verein 
Heidelberg. 


stellt und am nächsten Morgen durch Herrn Prof. Jordan die 
Trepanntion ausgeführt. 

Nach Eröffuung des Schädels an der Verletzungsstelle fand 
sich die Dura stark gespannt und schwartig verändert. Di-* 
Schwarte wurde inzidirt und in derselben steckte ein 1 cm langer. 
y s cm breiter Vitreasplltter. Beim Vordringen in die Tiefe ent¬ 
leerte sich aus einem hühnereigrossen Abszess Eiter. Die Wunde 
wurde tamponirt, offen behandelt. In den nächsten Tagen kam es 
zu starkem Hirnprolaps. Grosse Mengen Gehirns fielen vor, wurden 
nekrotisch und stiesseu sich ab. Durch elastische Bindenwicklung 
gelang es schliesslich, den Prolaps einzudämmen, es kam zu guter 
Granulationsbildung und nach 10 Wochen war die Wunde ge¬ 
schlossen. 

Es resultirte aber ein knöcherner Defekt lm Schädel von circa 
Thalergrösse, über dem nur Galen und Haut lag. Von einer vor 
geschlagenen plastischen Deckung, wollte Patient damals nichts 
wissen. Eine Nachuntersuchung. 4 Monate nach der Abszess- 
enöffuung, konstatlrte. dass die Wunde geheilt sei, und dass mit 
Ausnahme einer geringen Schwäche des rechten Fazialis keine 
motorischen Störungen beständen; hingegen gab er selbst an. dass 
Schreiben, Rechnen und Lesen nicht mehr so gut gehe wie früher, 
dass ferner auch das Denkvermögen etwas abgenommeu halt*. 
Aphasie bestand keine. Dies war vor 2 Jahren. 

Im Juli des heurigen Jahres erhielt Patient nun wieder bei 
einer Rauferei mehrere Hiebe mit einem schweren Stock gegen 
den Schädel. Er stürzte bewusstlos zusammen und wurde sofort 
in's Krankenhaus gebracht. Auf dem Wege dorthin erbrach er 
einmal, und liess Kotli und Urin unter sich gehen. In der Klinik 
wurde festgestellt, dass eine schwere Commotio cerebrl vorliege. 
Er war vollkommen bewusstlos, reagirte auf gar nichts. Puls ver¬ 
langsamt, rechtes Bein und rechter Arm hängen schlaff herab, 
der rechte Mundwinkel steht schief, lieber dem linken Ohr sitzt 
eine ca. 10 cm lange, klaffende, lebhaft blutende Rissquetsdi- 
wuiule; an dieser Stelle fühlt man deutlich eine über fünfmark- 
stückgrosse Depression im Schädel, in der Haut sitzt eine mehren* 
Centiineter lange alte Narbe (wie später bekannt wurde, die alte 
Operationsnarbe). 

Patient wurde sofort in den Operationssaal gebracht, die 
Wunde gereinigt und die Umgebung desinfizirt. dann die Wund»* 
erweitert und die Depression freigelegt. Es zeigte sich, dass man 
es zum Tlieil mit einem schon bestehenden Defekt im Schädel zu 
thun habe, dessen unterer knöcherner Rnnd mehrfach gesplittert 
war. der obere Rand aber war halbkreisförmig, hatte abgerundete, 
glalte Ränder. Die deprimirten Knochenstückchen wurden z. Th. 
gehoben, z. T1». entfernt. Das Gehirn war an der Verletzungs- 
Stelle weithin zertrümmert, die Dura zerrissen, es blutete heftig. 
Nach der Blutstillung und Auswischen der Hlmtrümmer wurde 
Patient mit aseptischem Verband In’s Bett gebracht. 

Schon am nächsten Morgen war eine bedeutende Besserung zu 
konstatiren, die Lähmung des r. Armes und Beines war zurück- 
gegangen, der r. Mundfnzialis aber noch gelähmt, Patient war 
noch etwas desorientii-t. aber er reagirte auf Anrufen, nannte 
seinen Namen, nahm Nahrung, wusste, wo er war, lag aber, wenn 
man ihn nicht störte, den ganzen Tag apathisch im Bett. Am 
4. Tag nach der Verletzung wurde er etwas klarer und nun kam 
deutlich eine Aphasie zu Tage, die sich seither bedeutend gebessert 
hat, aber noch jetzt zum Thell vorhanden ist. 

Der weitere Wundverlauf gestaltete sich reaktionslos; unter 
geringer eitriger Sekretion stiessen sich noch einige nekrotische 
Hirntrümmer ab. endlich heilte die Wunde per granulntionem zu. 
Bel seiner Entlassung, 7 Wochen nach dem Trauma, bestand an 
der Vcrletzungsstelle eine ungefähr 1 cm tiefe, fünfmarkstück¬ 
grosse Grube, in welcher die Haut eingezogen war und in deren 
Tiefe man das Gehirn pulsiren fühlte und sah. Zur weiteren 
Beobachtung wurde Patient auf einige Wochen nach Hause ent¬ 
lassen und ihm auch diesmal dringend geratlien, sich den Defekt 
lm Schädel zumachen zu lassen. Bis zu dieser Operation erhielt 
er eine enganliegende Kappe mit harter Pelotte an der Stelle des 
Schädeldefektes. Diesmal war Patient sogleich bereit, sich ope- 
riren zu lassen, und diese Plastik wurde auch Anfangs November 
von Herrn Geheimrath Czerny ausgeführt Es war eine sogen. 
Autoplastik nach Müller-Kiinig, d. h. ein Hautperiost- 
knoeheulappen der Umgebung wurde nach zungenförmiger Um* 
sehneidung und Ablösung der Haut über dem Defekte mit diesem 
nusgewechselt (Zeichnung, nähere Erläuterung und Demon¬ 
stration am Kranken). Die Heilung war eine ideale, nach 6 Tag» n 
konnten die Nähte entfernt werden, die Wunde war geheilt; An¬ 
fangs fühlte man noch etwas Federn des eiugepflanzten Knochens, 
Jetzt ist auch der Knochen fest eingeheilt. 

Wenn wir uns nun nach den noch vorhandenen Folgen der 
zweimaligen schweren Schädelverletzungen fragen, so besteht 
jetzt ausser der gleich zu erörternden psychischen Störung nur 
eine Parese des rechten Mundfnzialis; die übrigen Hirnnerven 
sind intakt. Ferner können wir eine bedeutende Schwäche des 
rechten Arms nachweisen; die Bewegungen im Arm sind alle 
normal ausführbar, dag»*gen besteht eine bedeutende Herab¬ 
setzung der groben Kraft, dynamometrisch '/* der linken Seite. 
Die Ober- und Unterarmmuskulatur ist rechts um je 2 cm magerer 
als links. DloSensibilität ist nicht gestört, aber derstereognostische 
Sinn hat wesentlich gelitten. Patient kann bei geschlossenen Augen 
keinen ln der rechten Hand gehaltenen Gegenstand (Schlüssel, 
Geldmünze) erkennen, während dies links ohne Anstand gelingt 

Die interessanteste Störung ist aber die Aphasie. Dieselbe 
war von Anbeginn an, als sie erkannt wurde, also von dem 4. Tage 
nach der Verletzung ab, eine rein motorische und ist es auch, werm 
auch bedeutend gebessert, bis heute geblieben. 


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25. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


317 


Patient verstaud also und versteht Alles, was man Ihm sagt, 
er kennt genau die Gegenstände seiner Umgebung und deren Ge¬ 
brauch, er konnte aber, ln der ersten Zelt wenigstens, keinen be¬ 
nennen. Nannte man mehrmals falsche Namen, so verneinte er 
Immer, bis er beim richtigen Wort Ja sagte. Zusammenhängende 
Wortfolgen, wie die Jahreszeiten, Wochentage, Monate, konnte 
er nicht aufsagen. Belm spontanen Sprechen fehlten Ihm viele 
Worte und fast stets nur die Substantlva. Nachsprechen konnte 
er Alles. Noch schlimmer als das Sprechen war das Schreiben 
und das Lesen gestört und die beiden Funktionen haben sich auch 
bis jetzt am wenigsten gebessert Schreiben konnte er Anfangs 
gar nicht jetzt geht es mühsam und mit Auslassung von einzelnen 
Buchstaben: auch beim Lesen muss er Buchstabe für Buchstabe 
aneinanderfilgen, bis er das Wort herausbringt. 

Das Lesen von Zahlen, selbst von mehrstelligen, ging von 
Anfang an immer gut. Diese Beobachtung wurde wiederholt ge 
macht bei Leuten, die sich viel mit Rechnen beschäftigen müssen 
und die eine motorische Aphasie bekamen, wie z. B. bei Kauf¬ 
leuten. Sie ist aber auch bei anderen Aphaslschen gemacht und 
l>eruht darauf, dass zum Verständnis einer Zahl das optische Er¬ 
innerungsbild allein genügt, zum Verständnis eines Wortes aber 
die Erinnerungsbilder der einzelnen Buchstaben aneinander ge¬ 
reiht werden müssen, um das Wort zu bilden und zu verstehen. 

Was für das Lesen von Zahlen gilt, gilt auch für das Schreiben 
— auch die Zahlen schreibt er fehlerlos, während er selbst bei ein¬ 
fachen Worten Fehler macht. Kopfrechnen geht ebenfalls ziem¬ 
lich gut, ebenso schriftliches Rechnen mit einfachen Zahlen (De¬ 
monstration der Aphasie). 

Setzen wir nun für die eben demonstrirten psychischen 
Störungen die wissenschaftlichen Termini tochniei ein, so kon- 
statirten wir bei unserem Patienten eine motorische Aphasie mit 
Alexie und Agraphie. 


Unter Aphasie versteht man bekanntlich die Schädigung des 
Spraehbildungsvorgangcs im Gehirn und spricht von einer m o - 
torischen A p h a s i e, wenn das Sprachvermögen beein¬ 
trächtigt ist bei erhaltenem Spraehverständniss und von einer 
sensorischen Aphasie, wenn das Spraehverständniss ge¬ 
stört ist, wobei aber das spontane Sprechen und das Nachsprechen 
erhalten sind. Eine ausführliche Erörterung der Lehre von der 
Aphasie ist hier nicht am Platze. Ich will nur einige Thatsachon 
rekapituliren, soweit sie zum Verständniss unseres Falles nüthig 
sind. Durch Schemata suchte man dem Verständniss des Sprach- 
bildungsvorganges näher zu kommen. Das bekannteste und 
am leichtesten verständliche ist das W e r n i c k e’sclie Sprach- 
sehema. 

Das normale Sprechen geht auf folgende Weise vor sich: 

Das gesprochene Wort wird auf der optischen Bahn a A 
zum Wortklangbildzentrum A geführt, von dort muss cs, um uns 

zum Bewusstsein zu kom¬ 
men, zum Begriffszentrum 
B geleitet werden; hier 
verbindet sich das aku¬ 
stische Erinnerungsbild 
des Wortes mit den Er¬ 
innerungsbildern desselben 
Wortes, die von den 
anderen Sinnesorganen 
dem Bewusstsein zugo- 
tragen worden sind — 
wir verstehen das Wort. Soll es nun mit Verständniss 
ausgesprochen werden, so muss vom Bewusstsein B aus die Er¬ 
regung ausgehen zum motorischen Sprachzentrum C, das wieder 
die Erinnerungsbilder für die Sprachbewegungen (Zungen- 
bewegurigen, Innervation des Kehlkopfes etc.) enthält, und von 
wo aus der Sprachapparat in Bewegung gesetzt wird. Da wir 
aber auch ohne Verständniss nachsprechen können, z. B. ein Wort 
einer fremden Sprache, so ist die Leitungsbahn A—C ebenfalls 
ein Postulat. 



Ein Beispiel wird das leicht verständlich machen. Wemi ich 
das Wort Zucker mit Verständniss nachsprechen will, so muss 
die Bahn aABCc intakt sein. Ich höre das Wort Zucker 
mit dem Wortbildzentrum A; fortgeleitet zum Begriffszentrum B 
verbindet es sieh hier mit dem Erinnerungsbild, das dem Bewusst¬ 
sein zugeführt wurde durch die Geschmacksnerven — der Begriff 
s ii s s wird mir klur; es verbindet sich auch mit dem Erinnerungs¬ 
bild vom Opticus her — ich kenne seine weisse Farbe, das 
körnige üefüge u. s. w. dann muss die Erregung zum Aus- 
sprcchen des Wortes Zucker dem motorischen Zentrum C zu¬ 
gehen,das die Spraehwerkzeuge innervirt. 

Besteht nun eine Störung in der zentripetalen Bahn 
a—A—B, oder im Zentrum A selbst, so beobachten wir eine 
Mo. 8. 


Störung des Sprachverständnisses bei erhaltenem Sprachver¬ 
mögen, d. h. mit anderen Worten eine sensorische 
Aphasie; ist die zentrifugale Bahn B—C—c oder das Zentrum 
C lädirt, dann ist das spontane Sprechen oder das Nachsprechen 
oder beides gestört, aber das Verständnis« des Gesprochenen er¬ 
halten — wir sprechen von einer motorischen Aphasie. 
Nach dem Schema sind die einzelnen Formen leicht zu kon- 
struiren. 

Komplizirter wird das Bild, wenn wir das Lesen und Schrei¬ 
ben mit in den Kreis unserer Betrachtung ziehen. 

Lesen lernen wir erst nach dem Sprechen; auch hier 
müssen wir ein Zentrum für die Schrifterinnerungsbilder an¬ 
nehmen (L e), jeder Buchstabe hat sein eigenes Erinnerungsbild. 
Durch Aneinanderreihen derselben, lernen wir zuerst buchstabiren, 
dann lesen. Damit wir aber lesen, und zwar laut lesen, muss eine 
Leitungsbahn bestehen zwischen dem motorischen Sprachzen¬ 
trum (e) einerseits, andererseits aber auch mit dem Klangbild¬ 
zentrum (a), weil sich mit jedem gelesenen Wort auch ein Erinner¬ 
ungsbild des gehörten Wortes verbindet. Zum verständuissvollen 
Lesen muss ferner auch die Bahn A—B intakt »ein, die das ge¬ 
lesene Wort zum Bewusstsein bringt, und dann den Impuls zum 
lautlesen oder ausspreclien zum motorischen Zentrum C schickt. 

Es ist ohne Weiteres klar, dass bei motorischer Aphasie die 
z. B. auf Leitungsunterbrechung zwischen B—C beruht, weil es ja 
dieselbe Bahn ist, auch eine Alexie bestehen muss. 

Noch komplizirter, aber ebenfalls in’s selbe Schema einreih- 
bar ist der Vorgang beim Schreiben. Da müssen wir ein Schreib- 
bewegungszentrum, z. B. in Sehr annehmen, das muss aber ver¬ 
bunden «-in mit dom motorischen Zentrum C (denn wir können 
laut das Geschrielxme aussprechen); es muss auch verbunden sein 
mit dom Sehriftbildzentrum L (w’ir können Gelesenes nach¬ 
sohreiben), es muss schliesslich in Verbindung stehen mit dem 
Begriffszentrum B, denn sonst hätten wir nicht das Verständnis« 
d<-s Geschriebenen. Auch hier muss bei einer motorischen 
Aphasie naturgemäss, wenn die Bahn B —C gestört ist, gleich¬ 
zeitig Agraphie zur Beobachtung kommen. Und so ist es auch in 
unserem Fall. 

Wir müssen hier eine Leitungsunterbrechung zwischen den 
supponirten Zentren B und C annehmen, also zwischen dem Be¬ 
griffszentrum und dem motorischen Sprachzentrum; denn das 
Spraehverständniss und das Verständniss gelesener Worte ist 
intakt geblieben, während er spontan nicht Alles sprechen kann 
und auch Fehler beim lauten Lesen sowie beim Schreiben macht. 

Dieser theoretischen Voraussetzung entspricht auch die Lage 
der Verletzung in Bezug auf den Sitz der uns bekannten Zentren. 
Das Begriffszentrum ist wohl in der Hirnrinde, speziell im Stim- 
hirn zu suchen, das Wortklangbildzentrum in der 1. Temporal¬ 
windung und das motorische Sprachzentrum in der linken 
3. Frontalwindung. Die Verletzung liegt auch links und ent¬ 
spricht der Lage nach dem B r o c a’sehen Zentrum. 

Was nun die Bedeutung solcher traumatischer Schädel- 
defekte anbelangt, wie ihn unser Patient 2 Jahre lang bcsass, 
so müssen wir als Gefahren und Nachtheile derselben ansehen: 

1. Das Gehirn ist leichter Traumen ausgesetzt. 

2. Man beobachtete Schmerzen aller Art, die auf den Mangel 
de« knöchernen Schutzes zurückgeführt wurden, wie Kopfschmer¬ 
zen, Angst- und Schwindelgefühle, Uebligkeiton u. dergl., Stö¬ 
rungen, die in vielen Fällen nach der knöchernen Deckung des 
Defektes verschwunden sein sollen. 

3. wurde Epilepsie beobachtet, und zwar leichtere Anfälle, 
aber auch schwere Epilepsie mit hochgradiger Störung der geisti¬ 
gen Funktionen. Auch Heilung solcher Fälle nach Schädelplastik 
wurde beschrieben, und besonders berühmt geworden ist ein Fall 
von K ö n i g, wo ein Epileptiker mit hocligradigem Stupor nach 
der Plastik vollkommen geheilt wurde und auch der Stupor ver¬ 
schwand. 

Tn dem kürzlich erschienenen Lohrbuch von Kocher über 
Hirnersehütterung und Himdruek') spricht derselbe seine Mei¬ 
nung dahin aus, dass die Bedeutung der Schädeldefekte vielfach 
überschätzt wurde. Sein Schüler Berosowsky hat 17 Fälle 
aus der Berner Klinik gesammelt, bei denen nach Trauma ein 
Schädeldefekt zurückgeblieben war, und von denen kein einziger 


') „Hirnersehütterung, Hirndruck und chirurgische Eingriffe 
bei Hirnerkrankungen“ von Prof. Th. Kocher. Spez. Pathol. 
u. Ther. v. Nothnagel, IX. Bd., III. Th., II. Abth., png. 434. 


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318 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


irgend welche schwerere Symptome darbot. Horsley selbst soll 
nach K o <• h e r die durch Operationen gesetzten Defekte niemals 
decken, weil er nie einen Nachtheil davon gesehen hat. 

Kocher meint zu den oben zitirten 3 Punkten: Eine trau¬ 
matische Läsion des Gehirns bei Defekt im Schädel gehöre sicher 
zu den grössten Seltenheiten, und was die Heilung der angeführ¬ 
ten Störungen sowie der Epilepsie durch die Plastik betrifft, so 
sei dieselbe nicht der Plastik zu danken, sondern nur der Exzision 
von Narben, die mit dem Gehirn verwachsen waren; besonders 
sei dies bei dem berühmten Koni g sehen Fall so gewesen. 

Die Frage, was geschieht nun mit den Defekten, wenn man 
sie nicht deckt, beantwortet uns K o c h e r folgendcrmaassen: Das 
hängt davon ab, ob bei der Verletzung die Dura intakt blieb oder 
nicht. Ist dieselbe unverletzt geblieben, so ist Aussicht vorhanden, 
dass im Laufe der Zeit, der Defekt sich knöchern verschlugst, 
denn der Dura kommt als innerem Periost eine eminent knochen- 
bildende, Fähigkeit zu. Es sind eine Reihe von grossen, durch 
Operation gesetzten Defekten bekannt geworden, die sich im 
Laufe der Jahre ganz verschlossen haben, und zwar knöchern 
(K ü s t e r 8:10 ein, Bruns 6:9 cm '). Ist aber die Dura mit¬ 
verletzt worden, dann bildet sich bei kleinen Defekten eine 
..stramme“ Narbe 1 , die den Knochen vollkommen ersetzen kann. 
K o c h e r spricht am Schlüsse des genannten Abschnit tes seine 
Meinung dahin aus, dass man „nur selten in die Lage kommen 
werde, auf Grund unbestreitbarer Indikationen Sohädeldefekte 
zu decken“. 

Wenn wir nun auch ohne Weiteres zugeben müssen, dass 
die Epilepsie und die anderen Störungen nur durch Narben¬ 
exzision geheilt wurden, so ist doch unser Fall ein lebendiges Bei¬ 
spiel dafür, dass eine Lücke im Schädel ihre Gefahren hat, und 
dass der Kranke gut daran gethan hätte, sich schon vor 2 Jahren 
operiren zu lassen. Die Fälle von Küster und Bruns be¬ 
weisen zwar, dass selbst grosse Defekte sich knöchern verschliessen 
können, aber es sind doch sichere Ausnahmsfälle und eben als 
solche bekannt geworden. Die Ansicht der meisten Autoren, auch 
von v. Bergmann, geht dahin, dass Defekte über einen ge¬ 
wissem Umfang sich nicht, mehr knöchern verschliessen. Ausser¬ 
dem dauert es selbst im besten Falle, d. h. wenn es zum knöchernen 
Verschluss kommt, Jahre (bei Bruns 10 Jahre), und während 
dieser Zeit setzt sich das Individuum einer grossen Zahl von 
Traumen aus. Ferner sind wir nicht im Stande, zu verhüten, 
dass die „stramme“ Narl>e nicht mit dem Gehirn verwächst 
und so zu Störungen, beginnend mit Kopfschmerzen und 
sehliessend mit Epilepsie und Blödsinn Veranlassung gibt. 

Ich glaube daher, dass wir nicht in jedem Falle von Schädel¬ 
defekt eine plastische Operation a limine abweisen dürfen, son¬ 
dern sowohl uns, als auch dem Kranken die Gefahren eines 
Defekten klar machen müssen. 

Von plastischen Operationen stehen uns, wie bekannt, 
mehrere Methoden zur Verfügung. Wir unterscheiden die Auto- 
plastik, d. h. ein Hautperiost-Knochenlappen der Nachbar¬ 
schaft wird zur Deckung benutzt (Methode von Müller — 
Koni g. die auch bei unserem Patienten zur Anwendung kam), 
ferner die Homoplastik, ein homologes Gewebe, also 
Knochen, wird zur Deckung benützt, der entweder dem In¬ 
dividuum selbst entnommen wird (Tibia—Femur) oder anderen 
Individuen und dann vorher entkalkt oder ausgeglüht werden 
kann. Endlich kennen wir die Heteroplastik, eine fremde 
Substanz wird in den Defekt eingesetzt. Man hat bisher dazu 
verwendet: Aluminiumplattcn. Silberplatten und am häufigsten 
Celluloid. In vielen Fällen heilte der Fremdkörper ein, in anderen 
kam ca zur Ausstossung des eingepflanzten Stückes. 

Dass auch die Methode der Schädelplastik, wie die Trepa¬ 
nation selbst, eine alte Operation ist, und schon frühe geübt 
wurde, dafür enthält das Handbuch der praktischen Chirurgie’) 
Beispiele, daselbst wird zitirt, dass Me See einen Inkaschädel 
beschrieb, in dem eine Silberplattc eingeheilt war, und aus dem 
Jahre 1670 erfahren wir von Job a Meekden, dass einem 
Russen ein ITundeschädelknochen in einen Defekt eingepflanzt 
wurde, der dann aber später wieder entfernt werden musste, weil 
die Kirche gegen eine solche Ketzerei Einspruch erhob und mit 
der Exkommunikation drohte. 


*> Zitirt nach Koch er 1. c. 

3 ) Handbuch der prakt. Chirurgie, Bd. I, pag. 3UO. 


Zum Schlüsse noch einige Worte über die forensische Be¬ 
deutung unseres Falles. Es handelt sich bei unserem Patienten 
um eine schwere Körperverletzung, die nach dem deutschen Straf¬ 
gesetze an dem Thäter mit Gefängnis» von 2 Monaten bis zu 
3 Jahren Iwstraft wird. Ist aber die Verletzung eine solche ge¬ 
wesen, dass ganz bestimmte, vom Gesetz aufgezählte Folgen 
daraus resultiren, so ist auf Zuchthaus bis zu 5 Jahren inler Ge¬ 
fängnis* nicht unter 1 Jahr zu erkennen. Solche Folgen sind 
u. a. Verlust des Sehvermögens, des Gehörs, der Sprache, der 
Zeugungsfähigkeit u. s. w. Unser Kranker hat durch die Ver¬ 
letzung zwar die Sprache nicht ganz verloren, wurde aber an 
dersellx-n wesentlich geschädigt und hat auch sonst an seinem 
Intellekt Schaden genommen, die. Verletzung fällt daher für den 
Thäter unter das höhere Strafausmaass. 

Für uns, als begutachtende Aerzte, ist. nun die Frage auf¬ 
zuwerfen: Inwieweit hat die schon vor dem Trauma bestellende 
Schädellücke zu dem schweren Ausgang der Verletzung beige¬ 
tragen? Wäre die Verletzung auch so schwer ausgefallen, wenn 
Patient einen gesunden Schädel gehabt hätte, oder wäre vielleicht 
eine leichtere Kopfverletzung zu erwarten gewesen, wie wir sic 
nach Schlägereien allwöchentlich in der Klinik zu sehen be¬ 
kommen, und die ohne, Störung in wenigen Tagen ausheilen? 

Demgegenüber ist gleich zu liemerken, dass das deutsche 
Strafgesetz eine solche „eigenthümliche Iaübesbcacliaffenheit“. 
wie der technische Ausdruck lautet, nicht kennt, und dass nach 
einer Entscheidung des Reichsgerichtes anlässlich eines ähnlichen 
Falles die Verurtheilung nach dem höheren Strafsatz auch dann 
zu erfolgen hat, wenn „Krankheitsanlagen dos Verletzten ein¬ 
wirkten“. 

Trotzdem musste in unserem Gutachten auf diese „Krank¬ 
heitsanlage“ der gebührende Nachdruck gelegt und ausgesprochen 
werden, dass die Verletzung des Gehirns durch den schon be¬ 
stehenden Schädeldefekt leichter erfolgen musste, und ein locus 
minoris resistent iae bei unserem Verletzten schon vor der Ver¬ 
letzung bestand. 

Tn der österreichischen Strafprozessordnung wird von dein 
Sachverständigengutachten verlangt, dass es diesen Punkt der 
eigonthümliehen, schon vor der Verletzung bestehenden Leibes- 
beseli affen heit berücksichtigt. Im Lehrbuch der gerichtlichen 
Medizin von v. II o f m a n n werden als solche Beispiele genannt: 
ein Mann erhält einen Faustschlag auf den Kopf, stürzt todt zu¬ 
sammen, die Sektion stellt ein Sarkom der Dura fest, das den 
Knochen usurirt hatte, oder ein Stoss gegen die Brust bringt 
ein Aneurysma zum Bersten, oder ein Darmgeschwür rupturirt 
durch einen Stoss gegen den Unterleib, und der Tod erfolgt durch 
Perforationsperitonitis. Am eklatantesten ist jener Fall, wo Je¬ 
mand einen unbedeutenden Stich orliält und verblutet, weil er ein 
Hämophilc ist. Solche Beispiele lassen sich unschwer finden 
und legen sicher dem begutachtenden Arzt die Pflicht auf, trotz¬ 
dem dieser Punkt im Gesetz nicht vorgesehen ist, denselben in 
seinem Gutachten hervorzuheben. Die Beurtheilung und Ent¬ 
scheidung ist selbstverständlich Sache des Gerichts. 


Ein Beitrag zur Kasuistik des akuten umschriebenen 

Oedems. 

(Epileptische Insulte im Verlaufe des Hydrops hypostrophos ) 

Von Dr. Carl v. Rad, Nervenarzt in Nürnberg. 

Diese Erkrankungsform, deren klinisches Bild zuerst 
Quincke in zusammenfassender Form beschrieben hat, ist 
charakterisirt durch das Auftreten von Schwellungen, die an¬ 
fallsweise auftreten, nach einigen Stunden wieder verschwinden, 
häufig rezidiviren und bald mit, bald ohne Schmerzen verlaufen. 
Diese Schwellungen erstrecken sich auf die Haut, nicht so selten 
auch auf die Schleimhäute der Lippen, der Zunge, der Nase, des 
Pharynx und Larynx, der Bronchien, wie auch des Magens und 
Darms. Diese zu der Gruppe der Angiotrophoneurosen gehörigen 
Oedeme können in ihrer Ausdehnung sehr verschieden sein und 
sind in der überwiegenden Mehrzahl aller Fälle von keinen Er¬ 
krankungen des Herzens, der Gefässe und der Nieren begleitet. 
Die Affektion entsteht auf nervöser Basis und kann durch die 
verschiedenartigsten Momente ausgelöst werden. In sehr vielen 
Fällen spielt psychische Erregung eine ursächliche Rolle. 
Neurasthenische und hysterische Individuen sind relativ be- 


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2T>. l'Vliruar VM. MtTENCHENER MEDlClNlSCIlE WOCHENSCHRIFT. 


älf» 


sonders häufig davon betroffen, auch die B a s e d o w’sche Krank¬ 
heit prädisponirt dazu. 

Als weitere ursächliche Momente werden angeschuldigt 
Traumen, organische Nervenläsiouen, harnsaure Diathese, chro¬ 
nische Obstipation, Rheumatismus, Lues, Alkoholismus chroni¬ 
cus, sowie Temperatureinwirkungen. Beim weiblichen Ge- 
schlechte besteht ein nicht zu verkennender Zusammenhang 
mit. der Menstruation und dem Klimakterium. 

Die Literatur der letzten 10 Jahre ist reich an Publikationen, 
die sich mit dieser Krankheit befassen. Da dieselben von 
Joseph [1] und zuletzt von Schlesinger [2] in seinem 
Sammelreferate zusammengestellt sind, kann wohl eine Auf¬ 
zählung der einzelnen Arbeiten unterlassen und auf die zitirten 
Autoren verwiesen werden. Eine äusserst ausführliche Schil¬ 
derung des Krankheitsbildes hat vor Kurzem noch (.' a s - 
sirer [3] in seiner Monographie über die. vasomotorisch- 
trophischen Neurosen gegeben. 

Der nachstehende, von mir beobachtete Fall erscheint mir 
einer kurzen Veröffentlichung werth zu sein in Anbetracht der 
Lokalisation der Anschwellungen, wie insbesondere wegen der 
gleichzeitig mit den Oedemen bei dem Patienten in Erscheinung 
getretenen Epilepsie. Der Fall ist kurz folgender: 

K., 47 Jahre alt, verheiratheter Maler von hier, trat Ende 
November 1899 ln meine Behandlung. Derselbe stammt aus einer 
mit Nervenkrankheiten nicht belasteten Familie, war nie luetisch, 
will nur in den letzten 3 Jahren öfters au Rheumatismus erkrankt 
gewesen sein. An Bleivergiftung habe er nie gelitten. Massiger 
Potus wird zugestanden. Aus der Ehe stammen neun gesunde 
Kinder. Während er nach seiner bestimmten Angabe früher nie 
Schwindel- und Krampfanfälle gehabt habe, bekam er zum ersten 
Male im August 1899 einen epileptischen Anfall auf der Strasse, 
wobei er zu Boden stürzte und sich im Gesicht verletzte. Zwei 
weitere Krampfanfälle seien dann noch im Oktober erfolgt. 
Ohne besondere Aura sei der Anfall aufgetreten, der nach Be¬ 
schreibung seiner Frau mit weisslicher Verfärbung des Ge¬ 
sichtes und kurzen Zuckungen einhergegangen sei. Die Dauer 
desselben habe nur wenige Minuten betragen. Einmal sei Zungen- 
biss, nie Enuresis erfolgt. Nach dein Anfalle sei er sehr müde 
und leicht benommen gewesen. 

Seit dem Auftreten dieser Anfälle leide er häufig an 
Schwindel. Es werde ihm plötzlich schlecht, ein lieisses Gefühl 
steige von der Magengegend herauf, daun trübe sich für ganz kurze 
Zeit sein Bewusstsein. Doch verliere er dasselbe nie völlig und 
finde stets noch Zeit sich zu setzen oder irgendwo anzuhalten. 
Diese Schwindelanfälle sollen meist Vormittags und sehr oft 3 bis 
4 mal im Laufe desselben erfolgen. Nach denselben habe er hinter¬ 
her längere Zeit über sehr stark eingenommenen Kopf zu klagen. 

Seit Mitte November 1899 kam es regelmässig Tag für Tag. 
meist in den frühen Morgenstunden, zu starker ödematöser Schwel¬ 
lung des Kopfes, die sich langsam entwickelte, 3—4 Stunden an¬ 
hielt, um dann allmählich wieder zu verschwinden. Bei wieder¬ 
holten Untersuchungen fand sich die ganze Gesichtshaut stark 
geschwollen, der Kopf war stark gedunsen, die Haut leicht ge- 
röthet und sehr schmerzhaft. Fingereindrücke hiuterliessen deut¬ 
liche Dellen. Die Kopfschwarte war nicht besonders betheiligt 
an der Schwellung, dieselbe erstreckte sieh Jedoch noch auf den 
Hals. Ein besonders auffallendes Oedem der Lider war nicht 
nachweisbar. Neben den Schmerzen in der stark gespannten Haut 
bestanden Klagen Uber Elugenommensein des Kopfes und all¬ 
gemeine Uebelkeit, sowie sehr starke Herzbeklemmungen. In der 
Regel war dabei die Stimme vollständig heiser und klanglos und 
das Sprechen sehr erschwert. Abgesehen von diesen Schwellungen 
und den gleichzeitig mit ihnen auftretenden Beschwerden fühlte 
sich Patient den übrigen Theil des Tages leidlich wohl. 

Die Untersuchung des intelligenten, kräftig gebauten Mannes 
ergab bezüglich der Gehirnnerven, der Motilität und Sensibilität 
der Extremitäten normale Verhältnisse. Die Sehnenreflexe, ins¬ 
besondere die Kniephänomene waren gesteigert. Die inneren 
Organe waren ohne Befund, der Puls unregelmässig, meist sehr 
verlangsamt, 46—50 Schläge ln der Minute. Bei wiederholten 
Untersuchungen erwies sieh der Urin stets frei von Eiweiss und 
Zucker, Sediment war nie vorhanden. Auf Verordnung von Brom- 
Kaizen Hessen die Schwindelanfälle liedeutend nach, die regel¬ 
mässig, jeden Morgen gegen 6 Uhr auftretenden Schwellungen des 
Gesichtes spotteten Jeder Medikation. Coffein. Digitalis, Diuretin, 
Chinin wnren ohne Jeden Erfolg. Gegen Ende Dezember ver¬ 
schwanden die Oedeme im Gesicht allmählich, dagegen klagte der 
Patient seit dieser Zeit über wiederholt am Tage auftretende 
Schmerzen in der Magengegend, die mit einem ausgesprochenen 
Gefühl des Geschwollenseins vom Magen bis zum Schlund herauf 
verbunden wnren. Jegliches Schlucken war in solchen Zuständen 
unmöglich. Gleichzeitig bestand völlige Appetitlosigkeit und sehr 
starkes Uebelsein mit heftigem Brechreiz. Die Magengegend war 
in solchen Zuständen auf Druck sehr empfindlich. Von Seiten 
des Darmes bestanden keine Erscheinungen. 

Die Magenuntersnchung ergab keinen Befund, der aus¬ 
geheberte Mageninhalt zeigte das Vorhandensein freier Salzsäure. 
Eine beabsichtigte Prüfung der Motilität des Magens musste unter¬ 
lassen werden, da Patient ein erneutes Einführen der Sonde ent¬ 
schieden verweigerte. Von Seiten des Dnrmkanals bestanden da¬ 


mals und auch später nie irgendwelche Erscheinungen, es kam nie 
zu Diarrhöeu, der Stuhl war stets regelmässig. Die Herzthätig- 
keit war stets unregelmässig, bald sehr beschleunigt, bald sehr 
verlangsamt. Am Herzen war nie ein krankhafter Befund nach- 
zuweisen. 

Patient entzog sich dann längere Zeit der Beobachtung und 
kam erst wieder im Oktober 1900 in meine Sprechstunde. Er gab 
damals an. dass die geschilderten Magenbeschwerden zwar etwas 
weniger intensiv geworden seien, jedoch niemals ganz versehwun¬ 
den wären. Doeh sei sein Zustand so leidlich gewesen, dass er 
wieder seinem Berufe hätte uacligehen können. 

Die Untersuchung ergab damals keinen Befund, eine Armie¬ 
rung gegen früher war nur insofern eiugetreten, als die früher 
sein - unregelmässige Herzthätigkoit eine ganz regelmässige ge¬ 
worden war. Es wurde dann ein Versuch mit der Hydrotherapie 
und Galvanisation und Massage der Magengegend gemacht, doch 
entzog sich Patient schon nach wenigen Tagen der Behandlung. 

Er kam dann erst wieder am 25. IV. 1901 ln meine Sprech¬ 
stunde mit der Angabe, dass seit 14 Tagen beide Beine bis zum 
Knie herauf geschwollen seien. Ich konstatirte damals ein aus¬ 
gedehntes Ordern beider Unterschenkel. Die pralle, nicht schmerz¬ 
hafte Spannung der Haut erstreckte sich an den Knöcheln bis zu 
den Knien. Die sofort angesteilte Urinuntersuchung ergab völlig 
negativen Befund. 

Nach wenigen Tagen ging die Schwellung wieder zurück. Seit¬ 
dem hat sich der Patient nicht mehr sehen lassen und vermag Ich 
über den ferneren Verlauf keine weiteren Angaben mehr zu 
machen. 

Als wesentliche Krankheitserscheinungen haben wir im vor¬ 
stehend geschilderten Falle die anfallsweise auftretenden, manch¬ 
mal in regelmässigem Typus sich einstellenden, akuten, nicht 
schmerzhaften Schwellungen der Gesichtshaut, vorübergehend des 
Larynx, später der Magenschleimhaut und zuletzt der Haut beider 
Unterschenkel zu betrachten. 

Die Erscheinungsform dieser rezidivirenden Schwellungen 
der äusseren Ilaut und Schleimhäute, sowie das Fehlen aller 
krankhaften Veränderungen von Seiten des Zirkulationsapparates 
und der Nieren sprechen dafür, dass wir den geschilderten Fall 
zu dem Krankheitshilde des akuten angioneurotisehen Oedems 
(oder Hydrops hypostrophos nach Schlesinger) zu rechnen 
halten. 

Der ganze intermittirende Verlauf spricht zu Gunsten dieser 
Diagnose. Die Lokalisation der Oedeme am Gesicht ist eine häufig 
wiederkehrende. Im Gegensätze zu den meisten beschriebenen 
Beobachtungen waren in unserem Falle die Anschwellungen 
mit ausserordentlich heftigen Schmerzen verbunden. Die 
Oedeme an den Unterschenkeln verliefen dagegen völlig schmerz¬ 
los. Die nur kurze Zeit beobachtete Heiserkeit der Stimme lässt 
sieh wohl im Anschlüsse an die Erfahrungen S t r ü b i n g’s auf 
ein Oedem des Kehlkopfes zurückführen. Die ausserordentlich 
hartnäckigen und lästigen Erscheinungen von Seiten des Magens 
lassen wohl im Hinblick auf die anderweitigen Oedeme keine 
andere Deutung, als die vorhin angenommene zu. Die bei diesen 
Attaken bestehende Unfähigkeit, zu schlucken, lässt eine Mit- 
betheiligung der Schleimhäute des Pharynx und Oesophagus 
sehr wahrscheinlich erscheinen. Als Folgeerscheinungen dieses 
Oedems der Magenschleimhaut haben wir die heftigem Schmerzen, 
die Druckempfindlichkoit in der Mngengegend. den Brechreiz 
und die Appetitlosigkeit auzusehen. Solche Beobachtungen mit 
Betheiligung des Intestinaltraktus sind in der Literatur in 
grosser Anzahl niedergelegt. Schlesinger betont, dass 
gastrointestinale Störungen besonders häufig bei der familiären 
Form des akuten Oedems eine bedeutsame Rolle spielen. Davon 
ist bei unserem Patienten nun keine Rede. Er stellt das Vor¬ 
kommen dieser Erkrankung bei anderen Mitgliedern seiner Fa¬ 
milie bestimmt in Abrede. Ein in den verseiliedenen Beobach¬ 
tungen häufig verzeiehnetes Vorkommnis«, dass die Oedeme in 
ihrer Lokalisation sich ahlösen, können wir auch in unserem Falle 
konstatiren. Erst mit dem Nachlassen der Gesiehtsschwellungen 
setzen die Mngcnerschcinungen ein und diesen folgen dann die 
Oedeme der Beine. Von sonstigen Erscheinungen wäre zunächst 
noch die ganz auffallende Pulsverlangsamung und Irregularität 
des Pulses, die allerdings nur Anfangs bestund, zu erwähnen. 
Eine bestimmte Erklärung für das Zustandekommen derselben 
vermag ich nicht, zu gelten. In der mir zugänglichen Literatur 
fand ich keine ähnlichen Beobachtungen verzeichnet; wie ja 
überhaupt auch von Seiten des Herzens sehr selten Erschei¬ 
nungen in solchen Fällen nachweisbar und beschrieben sind. 

Beachtenswerth in vorstehendem Falle ist nun das Auftreten 
derOodeme Ihm einem Patienten, bei dem sieh ca. 3 VI- Monate vorher 
zum ersten Male epileptische Insulte eingestellt haben. An der 


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:>2Ö 


MTTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


epileptischen Natur der Schwindel- und Krampfanfälle kann ( 
nach ihrem ganzen Verlaufe wohl kein Zweifel sein. 

Dieses Auftreten der Oedeme in Verbindung mit Epilepsie 
scheint ein ausserordentlich seltenes zu sein. Wenn auch eine 
Reihe von Autoren über das Vorkommen der geschilderten Haut¬ 
affektion auf dem Boden eines allgemein neuropathischen Zu¬ 
standes (besonders Hysterie und Neurasthenie) und im Gefolge 
von zerebralen und spinalen Reizzuständen berichten, so findet 
sich doch in der grossen Literatur über das angioneurotische 
Oedem nur eine Beobachtung, in der das gleichzeitige Vor¬ 
kommen epileptischer Anfälle erwähnt wird. U 11 in a n n [4] 
beschreibt den Fall eines Schiffsheizers, bei dem gleichzeitig 
neben ausgedehnten Schwellungen der Haut und des Larynx 
epileptische Anfälle in gehäuftem Maasse (Status epilepticus) 
auftraten. Der Autor glaubt, diese Anfälle durch meningeale 
Schwellungen, die denen an der Haut und den Schleimhäuten 
analog seien, erklären zu können. Es würde sich dann um ein 
der Meningitis serosa sehr ähnliches, nur durch viel flüchtigere 
Ergüsse ausgezeichnetes Krankheitsbild handeln. Zur weiteren 
Klärung dieser Frage dürften während der Anfälle und in der 
Zwischenzeit vorgenommene Lumbalpunktionen vielleicht Auf¬ 
schluss geben. Binswanger erwähnt in seiner Monographie 
über die Epilepsie diese kurz dauernden Anfälle von ödematösen 
Schwellungen und rechnet dieselben zu der Gruppe der epilep¬ 
toiden Zustände, mit der Einschränkung jedoch, dass sie nur 
dann als epileptische angesprochen werden dürfen, wenn sie neben 
wirklichen epileptischen Insulten Vorkommen. Die Oedeme 
wären dann in Analogie mit den von E in in i n g h a u s ge¬ 
schilderten plötzlichen Schweissausbrüchen bei Epileptikern zu 
setzen. 

In meinem Falle nun möchte ich in dem Auftreten dieser 
Oedeme nicht bloss eine andere Erscheinungsform einer epilep¬ 
tischen Disposition sehen, sondern ihnen eine andere klinische 
Bedeutung zusprechen. In Anbetracht des Umstandes, dass bei 
unserem Patienten die Krampfanfälle nur ganz vorübergehend 
aufgetreten sind und im Laufe der nächsten 2 Jahre keine 
Wiederholung erfahren haben, dürfen wir doch nicht von dem 
Vorhandensein eines epileptischen Grundleidens sprechen, auf 
dessen Boden dann die einzelnen Erscheinungen sich entwickelt- 
haben. Die Krampf- und Schwindelanfälle traten auch gegen¬ 
über den Oedemen, welche in ihrer wechselnden Lokalisation 
das Krankheitsbild viel länger und intensiver beherrschen, an 
Bedeutung für den klinischen Verlauf entschieden zurück. Es 
müssen demnach meines Erachtens die epileptischen Insulte als 
den Oedemen der Haut und Schleimhäute gleichwerthige Er¬ 
scheinungsformen einer vasomotoriseh-trophischen Neurose, die 
in unserem Falle unter dem Bilde des akuten Oedoms in Er¬ 
scheinung tritt, aufgefasst werden. Der Erfolg der eingeleiteten 
Bromtherapie würde nicht gegen diese Annahme sprechen, denn 
mitunter sehen wir ja auch bei organisch, z. B. durch Tumoren 
bedingten Konvulsionen eine günstige Beeinflussung derselben 
nach Bromdarreichung. 

Bezüglich der Frage nach dem eventuellen Vorhandensein 
von krankhaften Störungen, welche die Entstehung der akuten 
Oedeme hätten begünstigen können, wäre zu erwähnen, dass 
hier nur die wiederholt von dem Patienten durchgemachten 
rheumatischen Affektionen möglicher Weise als veranlassendes 
Moment anzusprechen wären. Eine derartige ursächliche Be¬ 
deutung der rheumatischen Affektionen ist auch von anderer 
Seite schon beschrieben worden. 

Auf die Pathogenese der ödematischen Erscheinungen möchte 
ich hier nicht eingehen. Diese Erörterungen würden den Rahmen 
dieser Arbeit, welche nur einen kasuistischen Beitrag bieten soll, 
übersteigen. Auch lässt sich auf Grund nur eines Falles dieser 
so schwierigen und viel umstrittenen Frage nicht näher treten. 

Literatur. 

1. Joseph: Berl. klin. Woclienschr. 1890, No. 4 u. ii. — 

2. Schlesinger: Zentrnlbl. f. <1. Grenzgeb. d. Med. u. Chir. 
1898, I. Bd., 5. Heft. Münch, mod. Wochensehr. 1899. No. 3. r ». — 

3. Cassirer: Die vasoinotorisch-trophIschen Neurosen. Berlin 
1901, P. Karger. — 4. üllmann: Archiv f. Schiffs- u. Tropen¬ 
hygiene 1889. III. — 5. B i n s w a n g e r: Die Epilepsie. Wien 
181*9. Alfred Holder. 

Nachtrag beider Korrektur: Der Patient fand, 
wie mir Herr Medizinalrath Dr. Merkel freundlichst mit¬ 
theilte, vor Kurzem im hiesigen Krankonhause Aufnahme. Bei 


No. 3. 

der Untersuchung ergab sich das Bestehen eines Mediastinal¬ 
tumors. 


Beitrag zur ambulanten Behandlung der tuberkulösen 
Gelenkerkrankungen der unteren Extremitäten. 

Von Dr. Wagner, Bad Kreuznach, Spezialarzt für Orthopädie. 

Strenge Ruh i gst eil u ng, Entlastung und Dis- 
traktion des kranken Gelenkes sind die drei Faktoren, 
welchen die 1 <■ k a 1 e Behandlung genügen um-:.-.. 

Die strengste Durchführung dieser Trias allein befriedigt 
jedoch bei der Behandlung tuberkulöser Gelenkerkrankungcn 
keineswegs; nicht nur bei der Tuberkulose der Lungen, auch bei 
der der Gelenke ist- eine weitgehende Durchführung allge¬ 
mein hygienischer Maassnahmen (Erhaltung des Appe¬ 
tits, Bewegung, Licht-, Luft-, Bäderbehandlung u. s. w.) für das 
Schicksal des Patienten von hoher Bedeutung. 

Dollinger - Ofen-Pest erlebte bei seinen exakten, lang¬ 
jährigen Beobachtungen die Ucberrasehung. dass die Patienten 
seiner besser situirten Klientel, la?i welchen die Forderungen der 
lokalen Behandlung bei Bett ruhe mit Extensionsbehandlung 
in der konsequentesten Weise durchgeführt werden konnten, be¬ 
züglich der Genesung schlechter daran waren, als die Patienten 
seiner Poliklinik, bei welchen er „schweren Herzens“ uuf Bett- 
bchandluug verzichten und an ihre Stelle ambulante Be¬ 
handlung mit Fixirung des Gelenkes durch Gipsverband setzen 
musste. Die Vortheile, welche diese Verbandmethode dadurch 
brachte, dass sio den Kranken die Möglichkeit der Bewegung, 
des Aufenthaltes in frischer Luft u. s. w. verschafften, waren 
grösser als die Nachtheile einer weniger strengen Durchführung 
der lokalen Anforderungen. In Amerika, wo die ambulante Be¬ 
handlung schon seit 40 Jahren geübt wird, waren die Hei Resultate 
derart bessere als in der alten Welt, dass man vorübergehend an 
einen weniger bösartigen Charakter der Gelenktuberkulose dachte. 
Die Unterschiede im Erfolg waren in der verschiedenartigen Be¬ 
handlung begründet. 

In den letzten 10 Jahren wurde die ambulante Behandlung 
so ziemlich allgemein aoeeptirt; eine lange dauernde Behandlung 
der (’oxitis, z. B. mit Bettruhe, gilt heute mit Recht als Kunst- 
fehler. Nur für ein ganz akutes Stadium oder für Kompli¬ 
kationen (Abszessbildung) haben manche Kliniker die Gewichts¬ 
extension mit Bettruhe beibehalten, aber überall herrscht das Be¬ 
streben, die Patienten möglichst habt auf die Beine und aus der 
Krankenstube zu bringen. 

Die ambulante Behandlung wird nun im grossen Ganzen 
auf zwei Arten durchgeführt. Die Einen suchen Ruhigstellung. 
Entlastung und Distraktion durch erhärtende Verbände zu 
erreichen, deren Repräsentant der Gipsverband ist, mit oder ohne 
die Fusssohle frei umgreifenden, eingegipsten Eisenbügel, 
während Andere die Behandlung durch Apparate aus Leder 
und Stahl vorziehen. Von den Apparaten der vollkommenste ist 
der H e s s i n g’sehe; er ist allen anderen Vorrichtungen, auch 
den sehr zahlreichen amerikanischen, überlegen. 

Vergleichen wir nun Verbände und Apparate auf ihre 
Brauchbarkeit, so besteht bezüglich der Entlastung ein 
wesentlicher Unterschied nicht. Sowohl bei guten Verbänden, 
wie bei guten Apparaten — auch bei nicht Hessin g’schen — 
lässt sich eine volle Entlastung erzielen; an Distraktions¬ 
fähigkeit ist der Apparat dem Verbände insofern überlegen, 
als hei Apparatbehandlung mit milder Distraktion begonnen und 
in sehonendster Weise dieselbe verstärkt werden kann; die. Dis- 
traktionskrnft ist am Hessin g’schen Apparat leicht und sicher 
regul i rba r. 

Anders ist cs mit der R u h i g s t e 11 u n g, dom Hauptfaktor 
der lokalen Maassnahmen. 

An Sicherheit der Ruhigstellung des Ge¬ 
lenkes ist hei gleich guter Anfertigung der 
o r hart e n d e Verb a n d jedem A p p a r n t, a u c h <1 e m 
b e s t g e f e r t i g t o n II e s s i n g’s c h e n, überleg e n. Da¬ 
rüber darf kein Zweifel bestehen. Wenn II o f f a in seiner 
Monographie über (’oxitis und in seinem Lehrbuch behauptet, 
dass die FI e s s i n g’sohen Apparate jede« Gelenk der unteren 
Extremität absolut sicher fixiren, so ist das nicht richtig. II o f f a 
hat bei diesem überaus wichtigen Punkte Hessing nicht 
richtig erkannt. Hessing fixirt nämlich die Gelenke viel voll- 


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25. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


321 


kommener als H o f f a beschreibt: Hessing fixirt dadurch, 
dass er unter den fixirenden Apparat noch 
einen fixirenden Verband legt. Dieser Verband 
plus guter H e s s i n g’scher Appart fixirt allerdings in idealer 
Weise; eine bessere Gelenkfixirung erscheint mir überhaupt nicht 
denkbar. Erst nach Ablauf des akuten Stadiums kann der Ver¬ 
band wegbleiben und die Fixirung dem Apparat überlassen 
bleiben. Dieser von Hessing eingeführte Verband, der sogen. 
Leimverband, übertrifft nach dem Erstarren an Sicherheit der 
Fixirung jeden anderen erstarrenden Verband. Bei seiner 
Plastizität schmiegt sich der Verband, der stets ohne jede 
Polsterung direkt auf die Haut gelegt wird, jeder Vertiefung, 
jedem Knochenvorsprung, jeder vorspringenden Sehne auf das 
exakteste an. 

Bei Erkrankungen des F usses stellt der Leimverband 
nöthigenfalls jede einzelne Zehe vollständig ruhig, Mittelfuss- 
und Fussgelenk werden ideal schön fixirt; bei Erkrankungen des 
Kniees werden die Patella, sowie die vorspringenden Sehnen 
geradezu unbeweglich eingeleimt und am Hüftgelenk wird da¬ 
durch, dass der Verband direkt der ungepolsterten Spina ant. 
sup. aufliegt, der Ruhigstellung besser Rechnung getragen als bei 
anderen Verbänden. 

Dabei kann dieser Verband, der übrigens als Adjuvans auch 
bei manch’ anderen nicht Hessin g’schen Apparaten benutzt 
werden kann, gleichzeitig auch noch anderen Zwecken dienen: 
er kann z. B. bei Gelenkergüssen zur Fixirung und gleichzeitig 
als Kompressionsverband angelegt werden. 

Die Technik des einfachen, aber sehr sorgfältig anzulegenden 
Verbandes kann in dem kleinen, aber werthvollen Schriftehen 
von Kuby „Der Schienenhülsenverband“, sowie in der Arbeit 
Ilessing’s „Der Kriegsapparat“ (Selbstverlag) nachgesehen 
werden. 

Aber auch für die Allgemeinbehandlung kommt dem Leim¬ 
verband eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu. Bei tuber¬ 
kulösen Erkrankungen in allen ihren Formen, bei Haut- und 
Sohleimhauterkrankungen, Drüsensehwellungen und -Eiterungen, 
bei Erkrankungen von Auge und Ohr, bei Knochen- und nament¬ 
lich Gelenkerkrankungen geniessen Bäder und speziell Sool- und 
Seebäder seit Alters her wohlverdienten Ruf. Der Gebrauch der 
Soole, eventuell mit Zusatz von Mutterlauge, gilt in Verbindung 
mit den in den bekannteren Soolbädern meist klimatisch bevor¬ 
zugten Verhältnissen unter den allgemein hygienischen Mitteln 
geradezu als Spezifikum. 

Während nun bei den verschiedensten Formen der Tuber¬ 
kulose die Soolbäderbehandlung in jedem Stadium in Anwendung 
gezogen zu werden pflegt, ist es bei den tuberkulösen Erkran¬ 
kungen der unteren Extremität anders. Hier ist man gewöhnt, 
entweder nur im Anfangsstadium oder, wie es eigentlich Regel 
ist, nur zur Nachkur die Patienten Bäder gebrauchen zu lassen, 
während man das akute Stadium oder überhaupt schwer auf¬ 
tretende Formen vorläufig von der Badebehandlung aussehliesst. 
Der Grund dafür ist einleuchtend: Das erste Erforderniss bei 
noch bestehenden entzündlichen Erscheinungen ist absolut streng» 
Fixirung; nun ist es l>ei der gewöhnlichen Verband- oder Apparat- 
behandlung gar nicht möglich, die Badekur durchzuführen, ohne 
gegen dies«« oberste Postulat zu versto«sson. Bei der Verband- 
methode (Gips, Wasserglas, Celluloid etc.) müsste der Verband 
nach dem Bad nothwendiger Weise gewechs«lt werden; bei der 
Apparatbehandlung müsste der Apparat während der Dauer des 
Ba«les abgelegt und die Beweglichkeit freigegeben werden. Die 
Schädigungen dieser Prozeduren wären im akuten Stadium 
grösser als der allgenleine Nutzen des Soolbades. 

Anders beim Apparatleimverband. Beim Ablegen des Ap¬ 
parates fixirt der Leimverband das Gelenk absolut sicher, so dass 
das Ausziehen des Apparates und der Transport des Patienten 
in’s Bail ohne jede Schädigung erfolgen kann. Im Bade sebst 
leidet die Festigkeit des Leimverbandes schnell und es ist nüthig. 
den Verband vor raschem Erweichen zu schützen. Man kann 
dic-s auf verschiedene Art erreichen. Am einfachsten ist es, den 
Verband durch eine leichte Gummibinde gegen das Eindringen 
des Wassers zu schützen. Man kann auch den Leim gegen Wasser 
ziemlich widerstandsfähig machen, indem man beim Anlegen des 
Lei in verbandes wenige Tropfen Formal in auf die Binden auf ¬ 
träufelt. 

No. Ö 


Ein solcher Verband, mit oder ohne Schutz einer Gummi¬ 
binde, behält für die Dauer des Bades die Fähigkeit, das Gelenk 
ruhig zu stellen. Eine Erneuerung de« Verband«« und Wieder¬ 
anlegen des Apparat«« nimmt nur kurze Zeit in Anspruch. 

Die Apparat.leimverbandbehandlung setzt uns in den Stand, 
nicht allein leichtere oder theilweise abgelaufene Erkrankungen 
einer Badekur zu unterziehen, sondern sie ermöglicht es auch, 
bei schwer auftretenden Formen eines der mächtigsten hygie¬ 
nischen Mittel, das Soolbad, in jedem Stadium in Anwendung zu 
bringen. Diese schweren Formen sind es aber gerade, bei denen 
neben exaktester lokaler Behandlung die allgemeinen Ileil- 
faktoren am wenigsten entbehrt werden können. 

Dabei entspricht der Apparatlei in verband in idealer Weise • 
den Anforderungen der Lokalbehandlung und wird derselbe in 
seiner Wirkung von keiner anderen Methode übertroffen. Dass 
der Apparatleimverband auch mit nicht II c s s i n g’schen Ap¬ 
paraten ausgeführt werden kann, ist oben schon erwähnt. 

Sterilisationsapparat ftir Verbandmaterialien von 
Dr. R. Klien. 

Von Dr. med. J. Weigl in München. 

Obwohl der gegenwärtige Apparat von seinem Erfinder, 
Frauenarzt Dr. R. Klien in Dresden, in No. 24 des Jahrgangs 
1897 dieser Wochenschrift bereits ausführlich beschrieben wurde, 
scheint er doch die Würdigung nicht gefunden zu haben, welche 
er nach seinen Vorzüg«»n verdient. Im Aufträge tlt*s Herrn Prof. 
Büchner habe ich nun im hiesigen hygienischen Institute den 
Apparat neuerdings geprüft und theile im Folgenden die Re¬ 
sultate kurz mit. 

Der Apparat ist sehr einfach und handlich konstruirt. Er 
besteht aus einem zylindrischen Wasserbehälter, dessen Decke 
einen runden Ausschnitt hat, und aus einem Alantei von der Form 
zweier, auf den entgegengesetzten Seiten geschlossener, in 
einander greifender Zylinder. In den runden Ausschnitt kann 
eine grosse Schimmelbuschbüchse «xler ein deckelartiger Einsatz, 
welcher drei kleine Schimmelbuschbüchsen trügt, eingefügt 
werden. Der Apparat dient nach der Intention des Erfinders 
einem zweifachen Zwecke: einmal «1er Sterilisation der in den 
Schimmelbuschbüchsen eingelegten Verbandmaterialien durch 
strömenden Dampf, zweitens der Austrocknung der feucht ge¬ 
wordenen Materialien, wodurch der Nachtheil, feuchte Verband¬ 
stoffe verwenden zu müssen, aufgehoben wird. 

Zur Prüfung der Sterilisationskraft des Apparates habe ich 
folgende Versuche angestellt. 

I. Es wurden verschiedene Verbandstoffe, welche weiter im- 
prilgnirt noch sterllislrt waren, in die Sehinnnelbuschbücloeu eit - 
getegt: Watte, Kompressenstoff. Holzwollwntte, Mooswatte, Bind n, 
Gaze. Dann wurde der Apparat augeheizt und % Stunden, ge 
ivehnet vom Beginn des Ausströmens des Dampfes aus dem Mantel 
ab. das eingebrachte Material dem Wasserdampfe ausges.dzt. 
Die Temperatur des Wasser-dumpfes war in diesen : ‘i Stunden 
konstant 98.0". Nach Ablauf der % Stunden wurden die Schimmel- 
buschbücliRen abgesetzt; Materialproben daraus wurden in Bouillon 
und Gelatine eingelegt. Sie blieben säiumtliche vollkommen steri 1 , 
während Proben der gleichen Verbandstoff« 1 , die nicht im Appa¬ 
rate gewesen waren, die Entwicklung einer üppigen Bakterien¬ 
flora zeigten. 

II. Es wurden Verbandstoffe — Abfälle aus der k. chirurgi¬ 
schen Klinik —. au welche Blut. Eiter und andere Substanz«!! 
augetrocknet waren, ebenfalls in dem Apparat sterilisirt. Auch sic 
erwiesen sich nach : y, ständiger Durehströmung vollkomm« n 
steril, während die Kontrolproben reichlich«« Wachsthum de.- 
verschiedensten Keime zeigten. 

III. Eine dritte Versuchsreihe wurde mit Milzhrandseideu- 
filden gemacht. Ich habe 2 cm lang«* Fäden von Rohseide mit 
Milzbraudsporen hnprügnirt. — Dass die Imprägnirung gelungen 
war. bewiesen jene Kontrolfüden, welche ich in Bouillon, Gelatine 
und Peptonagar einlegte und die eine reichliche Entwicklung von 
Milzbrandkcimtm zeigten. — Die präparirten Si'idenfihlen nun un - 
wickelte ich mit dichten Lagen von Watte. Tupfern, Mullbinden 
Flanellbinden. Dieses Material wurde In die Scbimmelbnsch 
büchsen gefüllt, nach % Stunden, gerechnet wie oben vom Au - 
strömen «les Dampf«« aus dem Mantel, wimlen die Büchsen ge¬ 
öffnet; die Seidenfäden, sowie Verbandmaterialproben legte ich 
in Bouillon. Gelatine. Peptonagar un«l Glyzerinagar. Dies«* sümnr- 
liehen Proben un«l Seidenfiiden erwiesen sich als absolut steril. 
Auch die entsprechenden Thierv«*rsuche ergaben das gleiche Re 
sultat. Keines der mit den sterilisirten Fäden geimpften Thier«* 
erkrankte auch nur im Geringsten. 

Was die Trocknung der sterilisirten Materialien betrifft, so 
genügt für die kleinen S«*hinun(*lbuschbüclison. srdbst- bei sehr 
dichter Füllung, «lie Zeit von 35—49 Minuten, um tr«n*kciu« 

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322 


MUENCHENER MEDICINISCIlE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


Material zu erhalten; die grosse Schimmelbuschbüchse bean¬ 
sprucht bei sehr dichter Füllung die Zeit von ca. 80 Minuten. 
Dann sind selbst die in der Zylindermitte befindlichen Watte¬ 
bäusche fast ganz trocken; Binden, Gazestreifen und die den 
Zylinderwandungen nahen Wattelagen sind vollständig trocken; 
je lockerer aber die grosse Büchse eingefüllt ist, desto kürzer ist 
die Zeit, welche zur Trocknung nöthig ist. Bei meinen Ver¬ 
suchen sank die Ziffer bis zu 50 Minuten. 

Aus diesen Versuchen dürfte sich aber zur Genüge ergeben, 
dass der Apparat thatsächlich seinen zweifachen Zweck erfüllt. 
Dazu kommt, dass der Apparat auf jedem Ofen aufgestellt und 
durch dessen Feuer in Gang gesetzt werden kann. Eine grosse 
Bequemlichkeit für die praktische Benützung. Vom Anheizen 
bis zum Beginn des ausströmenden Dampfes aus der Mantelöff- 
nuug dauert es je nach Wärmequelle und Füllung des Wasser¬ 
behälters 10—25 Minuten. 

Ein weiterer Vortheil des Apparates besteht in dem billigen 
Preise. Der Apparat wird in 2 Grössen und 3 Arten von Material 
(Zinkblech, Neusilber, Kupfer) ausgeführt. Die in Kupfer aus¬ 
geführte Grösse II möchte ich besonders für kleinere Kranken¬ 
häuser, die mit einem bescheidenen Etat rechnen müssen, em¬ 
pfehlen. Diese Ausführung ist sehr gefällig und kommt komplet 
auf nur ca. 40 Mark. 

Die Bedienung des Apparates ist vollkommen gefahrlos, da 
alle Formen und Grössen von der Firma Otto Reinig, Schiller¬ 
strasse 21 a, München, bis in’s Detail sorgfältigst ausgeführt sind, 
so dass in keiner Weise Mängel bestehen. Der Apparat kann in 
jeder Weise bestens empfohlen werden. 

München, Juni 1901. 


Aus der chirurgischen Abtheilung des städtischen Krankenhauses 
in Stralsund. 

Zur Lagerung des Patienten bei Operationen an den 
Gadengängen. 

Von Dr. Fritz Bernd t, leitendem Arzt. 

Die Mittheilung von Rühl in No. 5 d. Wochenschr. ver¬ 
anlasst mich, ein kleines Hilfsmittel zu erwähnen, dessen ich 
mich seit etwa 2 Jahren bei Operationen an den Gallengängen 
bedient habe. Dasselbe mag auch von anderen Chirurgen schon 
angewandt sein, doch entsinne ich mich nicht, darüber etwas 
gelesen zu haben. 

Es besteht darin, dass man dem horizontal 
liegenden Patienten eine feste Rolle von 12 
bis 15 cm Durchmesser unter den Rücken 
schiebt (in der Gegend des letzten Brust- und 
ersten Lendenwirbels). 

Der Bauch muss durch einen Schnitt eröffnet werden, der 
viel Raum gibt, also entweder den von Rühl benützten, den ich 
auch mehrfach angewandt habe, oder einen Schnitt parallel dem 
Rippenbogen mit einem senkrecht darauf stehenden Schnitt nach 
unten und medianwarts. Schiebt man nun den Pylorus nebst 
Duodenum nach unten und innen und lässt sich gleichzeitig 
durch einen Assistenten die Leber nach oben ziehen, so spannt 
sich der Choledochus, fast im Niveau der Bauch¬ 
wunde liegend, deutlich an. Man ist erstaunt, wie leicht 
sich nun Alles übersehen und alle Manipulationen ausführen 
lassen. Zunäclist habe ich diese Lagerung nur bei Choledocho- 
tomien (4) angewandt, mache sie aber jetzt bei allen Operationen 
an den Gallenwegen, besonders auch bei Gallenblasenexstirpatiou. 
Das Operationsfeld gewinnt dadurch ganz erheblich an Ueber- 
sichtlichkeit. Nebenbei und als Kuriosum möchte ich noch er¬ 
wähnen, dass ich bei der letzten Choledochotomie nicht den er¬ 
warteten Stein fand, sondern einen faustgrossen vereiterten 
Echinokokkus, der hoch in den Hepatikus hinaufreichte und 
diesen enorm ausgedehnt hatte. 


Referate und Bücheranzeigen. 

v. Mering: Lehrbuch der inneren Medizin. Mit 207 Ab¬ 
bildungen im Text. Jena, Gustav Fischer, 1901. 1092 Seiten. 
Preis broch. 12, geb. 14 M. 

Ein ausserordentlich glücklicher Gedanke liegt der Ent¬ 
stehung dieses neuesten Lehrbuchs der inneren Medizin zu 
Grunde. Es soll „die Vorzüge der grossen Sammelwerke, in 


welchen jede Krankheitsgruppe von den durch eigene Forschung 
berufensten Autoren bearbeitet wird, mit derjenigen Kürze, wie 
sie der Student und der vielbeschäftigte Arzt fordern müssen, 
vereinigen“. Es unterliegt keinem Zweifel, dass wir in Deutsch¬ 
land neben den grossen Handbüchern auch grössere Lehr¬ 
bücher der inneren Medizin besitzen, welche ihren Zweck, den 
Studirenden in das weite Gebiet einzuführeu und dem Arzt bei 
seiner Thätigkeit ein Wegweiser zu sein, in vortrefflicher Weist 
erfüllen. Es lässt sich aber nicht in Abrede stellen, dass der Um¬ 
fang dieser grösseren Werke, insbesondere für das systematische 
Studium des angehenden Mediziners, etwas zu gross und — was 
damit zusammenhängt — dass auch der Preis für viele Studirende 
ein zu hoher ist. Es ist weiter bei der ungemeinen Ausdehnung 
des Gebietes der inneren Medizin natürlich unvermeidlich, dass 
in den von einem Autor bearbeiteten grossen Lehrbüchern nicht 
alle Kapitel mit der gleichen Sachkenntniss und Gründlichkeit 
dargestellt sein können, wie es der in schwierigen Fällen Be¬ 
lehrung suchende Praktiker verlangen kann. Darin liegt kein 
Vorwurf; denn kein Kliniker ist heutzutage im Stande, in allen 
Theilen seiner Disziplin in gleicher Weise als Forscher thätig zu 
sein. „Nur der Forscher“ — so sagt der Herausgeber im Vorwort 
mit Recht — „ist im Stande, das bis in’s Unendliche ange¬ 
wachsene Detail derart kritisch zu sichten, dass dem Studenten 
und vielbeschäftigten Praktiker in knapper Form das Beste ge¬ 
boten wird“. Bei den kleineren Lehrbüchern, soweit sie von 
klinischen Forschern geschrieben sind, macht sich die unvermeid¬ 
liche Ungleichmässigkeit jedenfalls nicht weniger bemerkbar. Die 
Kompendien aber, rein kompilatorischen Ursprungs, welche wegen 
ihrer Billigkeit und Bequemlichkeit vielfach benutzt werden, 
sollten am besten ganz aus den Händen der Studenten ver¬ 
schwinden. 

Aus diesen Gründen muss sich Rec. von vornherein mit der 
Idee, auf der das neue Lehrbuch aufgebaut ist, voll und ganz ein¬ 
verstanden erklären. Wie hat nun der Herausgeber dieselbe ver¬ 
wirklicht? Wenn es ihm auch nicht durchweg gelungen ist, 
für jede Krankheitsgruppe den auf dem betreffenden Gebiete 
durch seine Forschungen hervorragendsten Fachgenossen zu ge¬ 
winnen, so sind seine Mitarbeiter doch sämmtlich jüngere Kli¬ 
niker und Polikliniker ersten Ranges, deren Namen für die Güte 
ihrer Arbeiten bürgen. Die Magen- und Stoffwechselkrankheiten 
hat sich der auf diesen Gebieten als bahnbrechender Forscher 
hochgeschätzte Herausgeber ausgewählt. Die akuten Infektions¬ 
krankheiten stammen aus der Feder des Marburger Polikliniker* 
R o m b e r g, die Krankheiten der Athmungsorgane aus der des 
Basler Klinikers Friedrich Müller, die der Kreislaufsorgane 
aus der des um die Erforschung der Herzstörungen hochver¬ 
dienten K reh 1 in Tübingen. D. Gerhardt in Strassburg 
hat die Erkrankungen der oberen Speisewege, M a 11 h e s, der 
Jenaer Polikliniker, die des Darms und Peritoneums, sowie Trichi¬ 
nose, M i n k o w s k i in Köln die der Leber, Gallenwege und 
Bauchspeicheldrüse bearbeitet, während Stern in Breslau die 
der Harnorgane und Nebennieren zugefallen sind. Die ausführ¬ 
lichen Darstellungen der Nervenkrankheiten rühren von Moritz 
in München und Kraus, dem Grazer Kliniker, her. Die Krank¬ 
heiten der Bewegungsorgane, sowie die Skrophuloee hat V ier- 
o r d t, der Heidelberger Polikliniker, die Blut- und Milzkrank¬ 
heiten G. Klemperer in Berlin, die Wichtigsten Vergiftungen 
W. H i s d. J., Oberarzt in Dresden, beschrieben. Als sehr prak¬ 
tischer Anhang ist schliesslich eine therapeutische Teck- 
n i k, ein Auszug aus dem in dieser Wochenschrift rühmend her¬ 
vorgehobenen Buche „die Technik in der speziellen Therapie“, 
von Gumprecht in Weimar angefügt. 

Es ist unmöglich, auf alle diese Arbeiten näher einzugehen 
und mit ausreichender Gründlichkeit auf ihre einzelnen Vorzüge 
sowohl, als auf die Punkte, in denen man abweichender Ansicht 
sein kann, aufmerksam zu machen. Wollte man nicht eine um¬ 
fangreiche Abhandlung schreiben, -so würde man Gefahr laufen, 
den einen Autor im Verhältniss zu den Anderen zu kurz kommen 
zu lassen oder gar ungerecht zu beurtheilen. Rec. möchte daher 
nur im Allgemeinen seine Ansicht dahin zusammenfassen, dass 
jeder Beitrag, der kleinere wie der grössere, in 
seiner Art eine vorzügliche Monographie des 
betreffenden Gebietes darstellt. Die Hauptfrage ist nun: 
Fügen sich diese guten Einzelleistungen so zusammen, dass sie 
ein gleichmässig ausgearbeitetes Lehrbuch bilden ? Es kann 


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26. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


323 


nicht zweifelhaft sein, dass man diese Frage bejahen und den 
Grundgedanken des Buches als in glänzender 
W eise verwirklicht bezeichnen muss. Dies schlieest aller¬ 
dings nicht aus, dass noch Einiges geschehen kann, um die Har¬ 
monie des Ganzen noch mehr zu vervollkommnen. In rein äusser- 
licher Beziehung sei darauf aufmerksam gemacht, dass in dem 
Abschnitt der Krankheiten der Athmungsorgane die einzelnen 
Krankheitsformen nicht, wie in den übrigen Beiträgen, durch 
Kapitelüberschriften deutlich genug hervorgehoben sind, was die 
Uebersichtlichkeit entschieden beeinträchtigt. In sachlicher Hin¬ 
sicht sei darauf hingewieeen, dass der Umfang der Nervenkrank¬ 
heiten entschieden zu gross ist im Verhältniss zu den übrigen 
inneren Krankheiten. Man kann die praktische, wie die wissen¬ 
schaftliche Bedeutung der modernen Neuropathologie voll aner¬ 
kennen; wenn aber fast ein Dritttheil des ganzen Lehrbuches von 
den Erkrankungen des Nervensystems eingenommen wird, so ist 
dies, von den Bedürfnissen desStudirenden und praktischen Arztes 
aus betrachtet, etwas zu viel Platz. Es würde dem Werke nach 
Meinung des Rec. nur zum Vortheil gereichen, wenn in der vor¬ 
aussichtlich bald nöthig werdenden neuen Auflage dieser Ab¬ 
schnitt, vielleicht auch durch Weglassen einiger nicht unbedingt 
nöthigen Abbildungen, etwas gekürzt würde. Der dadurch ge¬ 
wonnene Raum sollte vor allen Dingen den Athmungserkran- 
kungen, sowie den entschieden, namentlich in Bezug auf die Be¬ 
handlung, etwas zu kurz gerathenen Vergiftungen zu Gute 
kommen. 

Diese Wünsche glaubte Rec. nicht unterdrücken zu sollen, 
um zu zeigen, wie viel ihm an einer möglichsten Vervollkomm¬ 
nung des vorzüglichen Buches liegt. Dass sich dasselbe rasch 
einen grossen Leserkreis erobern wird, dafür bürgen seine hervor¬ 
gehobenen Vorzüge, zu denen noch eine durchweg vortreffliche, 
der berühmten Verlagsbuchandlung auf’s Neue Ehre machende 
Ausstattung kommt. Was aber den Erfolg ausserdem sichert, 
das ist der im Verhältniss zu dem reichen Inhalt aussergewöhn- 
lich niedrige Preis. Penzoldt. 

Praktische Hydrotherapie. Freie autorisirte deutsche Be¬ 
arbeitung von Dr. E. Du Tal: La pratique de l’hydrotherapie, 
ouvrage eouronne par l’institut de France (Academie des Sciences) 
von Dr. Weiner, dirigirender Arzt der Kur- und Wasserheil¬ 
anstalt Siekingen-Landstuhl i/Pfalz, und Dr. M a 11, k. b. Stabs¬ 
arzt, Landau i/Pfalz. Mit 15 Abbildungen im Text. Frank¬ 
furt a/M. Verlag von J. Alt. Preis 5 M. 

Es handelt sich bei dem vorliegenden Werke nicht so fast um 
eine Uebersetzung eines von dem erfahrenen französischen Prak¬ 
tiker Duval verfassten hydrotherapeutischen Werkes, als um 
eine ausgiebige Umarbeitung des gesammten Stoffes, mit Ver- 
werthung der unterdessen hauptsächlich durch die W intcr- 
n i t z’schen Untersuchungen neugewonnenen Forschungsresultate 
auf diesem Gebiete. Es war D u v a 1 bei Abfassung seines Werkes 
durchaus nicht in erster Linie um eine wissenschaftliche Be¬ 
gründung der Leistungen der Hydrotherapie zu thun, sondern um 
die Schilderung praktischer Erfahrungen und die Darstellung der 
Methode, durch welche er orsterc zu erreichen vermochte. In 
5 grossen Kapiteln führen die beiden Verfasser ihren Stoff dem 
Leser vor: 1. Geschichte der Hydrotherapie; 2. die praktische An¬ 
wendung in der Hydrotherapie; 3. die Klinik der Hydrotherapie; 
4. die aus den klinischen Thatsachen sich ergebenden Erwägungen 
und Folgerungen; 5. die in der Kur- und Wasserheilanstalt 
Sickingen speziell betonten Bäderformen. Das eben erwähnte 
letzte Kapitel bespricht speziell noch das über die Moorbäder, über 
die Fangokur und über das hydroelektrische Bad hauptsächlich 
Wissenswerthe. Von den übrigen Theilen des Buches hat dem Re¬ 
ferenten das 3. Kapitel, nämlich die Klinik der Hydrotherapie in 
einzelnen Abschnitten, den relativ am wenigsten befriedigenden 
Eindruck gemacht, da einerseits die bei den verschiedenen Krank¬ 
heitsformen indizirten hydrotherapeutischen Prozeduren viel¬ 
fach zu aphoristisch besprochen sind, dann aber auch die Zitate 
aus den Werken einer Anzahl französischer Autoren eine zum 
Theil recht wenig wissenschaftliche Form aufweisen. Aber im 
Allgemeinen haben sich die beiden Herausgeber durch die Be- 
s«rbeitung des Werkes, in dem eine grosse Summe praktischer 
Erfahrung niedergelegt ist, ein entschiedenes Verdienst erworben, 
dem auch der äussere Erfolg nicht mangeln wird. 

Grass mann - München. 


Dr. L. R. R6gnier: Radiotherapie et Phototh6rapie. 

Avec 10 figures dans le texte. J. B. Bailliöre et Fils, 
Paris, 1902. 

Nach einer kurzen Besprechung der physiologischen Eigen¬ 
schaften des Lichtes und der Röntgenstrahlen behandelt R. die 
Behandlung mit Sonnenlicht und die elektrische Lichtbehand¬ 
lung, beschreibt die verschiedenen hierfür angegebenen Apparate 
und geht auf ihre physiologischen Wirkungen ein. Hieran 
schliessen sich die therapeutischen Indikationen der Licht- und 
Röntgenbehandlung. R. zeigt die Erfolge der strahlenden 
Wärme bei verschiedenen Erkrankungen der Ernährung, der Re- 
spirationsorgane, Genitalorgane und bei chirurgischen Affek- 
tionen. Er bespricht die Wirkung des kalten Lichtes, des farbigen 
Lichtes und der Röntgenstrahlen bei Nervenkrankheiten, Pocken 
und Lupus, und schliesst seine Studie mit einem kurzen Abriss 
der Radiotherapie, speziell bei Hautkrankheiten. 

Die kleine Schrift, die durch ihren geringen Preis (1.50 Fr.) 
Jedermann zugänglich ist, gibt einen guten Ueberblick über den 
jetzigen Stand dieser modernsten Behandlungsart. 

' J a f f 6 - Hamburg. 

! 

i->r. Maximilian Weinberger: Atlas der Radiographie 
der Brnstorgane. Wien und Leipzig, Verlag der k. u. k. Hof- 
Verlagsbuchhandlung Emil M. Engel. Preis 25 M. 

Erst wenige Wochen sind verflossen, seitdem das vorzügliche 
Werk von Holzknecht erschienen ist, das wir in No. 52 v. J. 
dieser Wochenschrift besprochen haben, und wiederum liegt ein 
ähnlicher Atlas aus der Feder W.’s vor uns, der denselben Gegen¬ 
stand behandelt, sicher ein erfreuliches Zeichen dafür, dass auf 
ein wachsendes Interesse an der Radioskopie gerechnet wird. 
Beide Werke verfolgen denselben Zweck, durch eine Verbindung 
ausgewählter Bilder mit einem sorgfältig bearbeiteten Text zum 
ernsten Studium und zur Nachprüfung anzuregen. Während 
Holzknccht die Photogramme selbst wiedergibt, hat W. ein 
einfacheres Reproduktionsverfahren gewählt, indem er von den 
Kopien Autotypien herstellen liess. In dieser Beziehung steht 
das W.’sche Werk allerdings hinter dem von Holzknecht zu¬ 
rück, soweit der künstlerische Standpunkt in Frage kommt. In 
wissenschaftlicher Beziehung verdient aber auch der W.’sche 
Atlas uneingeschränktes Lob. An eine ausführliche Einleitung 
über die Technik und bisherigen Erfahrungen der Radioskopie 
der Brustorgane folgt eine Literaturübersicht der wichtigsten 
Arbeiten von Werken über die Röntgenstrahlen, denen sich die 
Tafeln nebst zugehörigem Text anschliessen. Bei der Auswahl 
der Tafeln ist Sorge getroffen, dass der Lernende möglichst Alles 
finde, was ihm zum Studium der Untersuchung der Brustorgane 
mit Röntgenstrahlen nöthig ist. Um stets sicher beglaubigte Be¬ 
funde zu bieten, sind die ersten 35 Tafeln nur von solchen Fällen 
genommen, wo der Obduktionsbefund die klinische Diagnose kon- 
troliren liess; nur die letzten 14 Tafeln sind rein klinische Be¬ 
obachtungen von besonderem Interesse. W. bringt zuerst Radio¬ 
gramme von gesunden Personen, dann 2 Fälle von Situs viseeruin 
perversus. hierauf einen von Fremdkörper in der Lunge. Nun 
folgen die eigentlichen Erkrankungen der Brustorgane, die nach 
Lungen, Herz und grossen Gefässen, und Mediastinum geordnet 
sind. Neben jeder Tafel finden wir die Anamnese, den klinischen 
Befund und eine Beschreibung des Radiogramms, die durch eine 
schematische Konturskizze erleichtert wird. Zum Schlüsse 
kommt der Obduktionsbefund und die Epikrise. 

Wenn wir unser Urtheil über den W.’schen Atlas zusammen- 
fassen, so möchten wir denselben besonders den Studirenden und 
solchen Aerzten empfehlen, die sich mit der Radioskopie der 
Brustorgane zu beschäftigen gedenken. Sie werden in dem Werke 
genug Anregung und Belehrung finden, um dann später selb¬ 
ständig weiter forschen zu können. Der W.’sche Atlas ist im 
weitesten und besten Sinne des Worts ein Leitfaden für den von 
ihm behandelten Gegenstand. J affe- Hamburg. 

I 

Dr. Th. K o c h e r und Dr. de Quervain: Encyklopädie 
der gesammten Chirurgie. Mit zahlreichen Abbildungen. Leip¬ 
zig 1901. F. C. W. Vogel. 14. Lieferung. 

Die Encyklopädie. die jetzt in 14. Lieferung bis Hiiftgclcnk- 
resektion gediehen ist. entspricht den an sie gestellten Erwar¬ 
tungen und ist nicht bloss für den praktischen Arzt, sondern auch 
für den Chirurgen als Nnchschlngebuoh bestens zu empfehlen. 

Privntdozent Dr. Ziegler. 


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324 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


Havelock Ellis: Geschlechtstrieb und Schamgefühl. 

Autorisirte Uebersctzung von Julia E. Kötscher unter Re¬ 
daktion von L)r. med. Max Kötscher. II. AuH. Würzburg, 
A. Stube r’s Verla«- (0. Kabitzsc h), 1901. Oktav. XIV 
und 3C4 Seiten mit XIII Tafeln. 5 M. 

Die medizinische und psychologische Literatur über die 
Sexualverhältnisse ist in den letzten Jahren so in’s Kraut ge¬ 
schossen, dass man jeder neuen Erscheinung auf diesem Gebiet 
mit einem gewissen Misstrauen begegnen muss, da allzu häufig 
statt wissenschaftlicher Ziele vielmehr buehliändlerisehe Speku¬ 
lation auf die Sensationslust und Lüsternheit dt« niehtmedi- 
zinistdien Publikums die Triebfeder zum Entstehen dieser Bücher 
gebildet hat. Das nunmehr in 2. Auflage unter neuem Verlag 
vorliegende Werk von Havelock Ellis darf nicht in jene 
Kategorie gerechnet werden. Es bringt vielmehr eine durchaus 
ernst zu nehmende Analvsirung der Verhältnisse des Sexualtriebs 
und Schamgefühls unter Verwcrthung von rein wissenschaft¬ 
lichem Material aus lTunlizinischein Gebiet, ebenso wie. aus der 
Kulturgeschichte und Ethnologie. 

Bei der sorgfältigen rntersuchung über die Entwicklung des 
Schamgefühls kommt II a v clock Ellis zu dem Schluss, dass 
dasselbe zum grossen Tlieil konventioneller Herkunft ist; der 
sozialökonomische Faktor des Schamgefühls gehört auf eine 
Stufe der menschlichen Entwicklung, die einer vorgeschrittenen 
Zivilisation vollständig fern liegt. Mit dem Wachsthum der 
Zivilisation wird es wohl ausgedehnter,aber keineswegs intensiver. 

In hohem Maass instruktiv sind die Ausführungen über das 
Phänomen der sexualen Periodizität, das wegen der über eine 
blosse Analogie hinausgehenden Beziehungen zu den periodischen 
psychischen Störungen gerade für Mediziner von grosser Bedeu¬ 
tung ist, umsomehr, als neuerdings das Problem der Periodizität 
in den Naturerscheinungen überhaupt durch den schwedischen 
Physiker Arrhenius von weitschauendem Standpunkt aus be¬ 
leuchtet worden ist. Vor Allem die Frage eines geschlechtlichen 
Zyklus beim Manne wird durch eine unter den Appendices des 
Buches erschiene Studie von F. II. Perry-Coste einer Be¬ 
antwortung näher geführt. Der 2. Tlieil des Buches behandelt 
den sogen. Autoerotismus, die unwillkürlichen Aeusserungen des 
Geschlechtstriebs in eindringender Weise. 

Wer auf einem thatsächlich wichtigen Gebiet ernsten Auf¬ 
schluss sucht, dem ist das inhaltreiche Buch durchaus zu em¬ 
pfehlen. W eygandt - Würzburg. 

R. K o b e r t: Beiträge zur Kenntniss der Giftspinnen. 

Stuttgart 1901. 191 Seiten gr. 8°, mit 14 Figuren im Text. 

Staatsrath Robert, der in einflussreicher Stellung als Pro¬ 
fessor zu Dorpat Gelegenheit hatte, Material zu eigenen For¬ 
schungen zu erlangen, bietet uns hier eine vortreffliche Arbeit, 
die eine wirkliche Lücke in der Literatur ausfüllt. An zoologische 
Vorbemerkungen schliesst sich das Kapitel „Historisch-Litera¬ 
risches aus älterer Zeit über Spinnenvergiftung“. Hier ist der 
wichtigste Autor Nikander von Kolophon, dessen „Rhox“ 
mit Wahrscheinlichkeit auf Lathrodectes zu deuten ist. Sein 
„Asterion“ dürfte eine Varietät darstellen. Im 3. Kapitel wird 
die italienische Tarantel besprochen, deren Biss in menschliche 
Extremitäten keine schweren Erscheinungen nach sich zieht (Ex- > 
perimente von Leon Dufour u. A.). Der nächste Abschnitt 
bringt Historisch-Literarisches über Lathrodectes aus den letzten 
2 Jahrhunderten. Als „Malmignatto“ wird schon 1697 eine auf 
Korsika häufige Giftspinne von P. Boccone erwähnt. Sie 
kommt auch in Griechenland und Südrussland vor, wo sic als 
„Karakurt“ (schwarzer Wolf) gefürchtet ist. Im Jahre 1790 
wurde von Rossi (Fauna etrusen) die Spinne als Aranea tre- 
deeimguttata beschrieben; Koeppen nennt sie Lathrodectes 
trnlceimguttatus. Der wichtigste Autor ist hier Luigi T o t i, 
1794. Er erzählt 3 Fälle von tödtliehem Ausgang nach dem Bisse 
des Thieres. Von Bedeutung sind ferner die Arbeiten R a i - 
kem's (Annales d. sei. natur. 1839). welcher auch an Thieren 
experimentirte. Es folgen noch Mittheilungen russischer Aerztc 
und ein Bericht von G. B ra u n, der sich in Dalmatien von der 
Giftigkeit überzeugte. Zum Genus Lathrodectes gehören auch die 
gefürchtete Menaodyspinne von Madagaskar, die Orangespinne 
von Curacao und der L. formidabilis von Chile, den P u g a 
Borne monographisch schildert, 1892. Im 5. Kapitel wird eine 
Walzcii9pimie: Galeodes araneoides (Fig. 2) besprochen. Ihr 


Biss ist selten oder nie tödtlioh. Die südamerikanischen Vogel¬ 
spinnen sind dem Menschen nicht gefährlich. Sehr genau be¬ 
handelt Verfasser die russische Tarantel (Trochosa singoriensis) 
(Fig. 13), die besonders am Don nicht selten ist; ihr Biss setzt 
nur lokale Störungen. Im S. Abschnitt werden „eigene Berichte“ 
über Lathrodectes gegeben, welche durch Fragebogen (im russi¬ 
stdien Reiche) gewonnen wurden. Ausserdem sind 22 Kranken¬ 
geschichten beigefügt. Die Erscheinungen nach dem Bisse sind: 
rasende Schmerzen (bei fehlender Schwellung) besonders in den 
Gelenken der unteren Extremitäten, meist Unfähigkeit zu gehen; 
nach 3 Tagen Besserung; Therapie: warme Bäder, Narkotika. 
Die asiatischen Berichte melden noch schlimmere Symptome 
(Asthma. Herzschwäche, Konvulsionen, Delirien etc.) 

Auch aus Australien besitzt man Nachrichten über die Ge¬ 
fahr desKatipobisses. Katipo heisst nämlich die dort vorkommendc 
Species dt« Lathrodectes. Letaler Verlauf soll nicht selten sein. 

Den Schluss des Werkes bilden „Eigene Versuche (67) mit 
Auszügen von tau rischen Karakurten“, die an Katzen, Hunden, 
Kaninchen angestellt wurden, ferner Versuche mit dem Gift der 
Epeira. I)a* Lathrodectesgift wirkt besonders auf das Herz und 
das Zentralnervensystem. 

Das 10. Kapitel handelt von einheimischen Spinnen. Hier 
ist das in Westdeutschland gefundene Chiracanthium 
nutrix Waleken, als unsere einzige heissende Giftspinne inter¬ 
essant (Fig. 14). Prof. Bert kau schildert den Biss als sehr 
schmerzhaft und mit Schüttelfrost verbunden. Die Art soll mit 
Drassus inaxillaris identisch sein, welche im Odenwald gefunden 
wurde; B e r t k a u fand sie auf dem Rochusberge bei Bingen. 

Das inhaltreiche Buch Kobert’s wird von Aerzten und 
Naturforschern mit höchstem Interesse gelesen werden. 

J. Ch. Huber- Memmingen. 


CI. v. W a 11 m e n i C h, Oberin der Schwestern vom Rothen 
Kreuz des bayerischen Frauen Vereins München: Die weibliche 
Berufspflege. Die Krankenpflege von Männern durch Frauen. 
Die Stellung der Oberin im modernen Krankenhaus. München 
1902, J. F. I, e h m a n n’s Verlag. Preis 1 M. Der Ertrag hilft 
ein Erholungshaus für die Schwestern bauen. 

Es gibt wohl keine Seite weiblicher Berufsthätigkeit, in der 
der Frau so allgemein die Ueberlegeuheit dem Manne gegenüber 
zuerkannt wird, als die Krankenpflege, und die edlen 
Priesterinnen dieses Berufes, die ihr Leben dem schweren, ent¬ 
sagungsvollen Dienste weihen, haben vollen Anspruch auf den 
Dank ihrer Mitmenschen. Die Einrichtung der weiblichen 
Krankenpflege ist ja, wie alle menschlichen Dinge, keine voll¬ 
kommene und wie in allen Berufen gibt es auch hier einzelne 
Glieder, die den hohen Anforderungen, die an sie, namentlich 
in sittlicher Beziehung, gestellt werden, nicht entsprechen; solche 
Fälle sind jedoch so ausserordentlich selten, dass sie im Vergleich 
zu dem Segen, der von der Sehwestempflege ausgeht, durchaus 
nicht in Betracht kommen und Jeder, der in einem gut geleiteten 
Krankenhause thiitig gewesen ist, wird die Sehwestempflege als 
eine Nothwendigkeit und als eine Wohlthat preisen. Man hätte 
es daher nicht für möglich halten sollen, dass die weibliche 
Krankenpflege, soweit sie die Pflege von Männern betrifft, zum 
Gegenstand unfliithiger Angriffe werden konnte, wie dies in 
jüngster Zeit durch einige Sensationsbroschüren, in denen unter 
Verallgemeinerung einzelner Vorkommnisse, mit den Hilfs¬ 
mitteln der Entstellung und Uebertreibung, die Männerpflege 
durch Schwestern überhaupt verurtheilt wird, geschehen ist. 
Es gibt eben nichts Hohes und Edles, an das nicht eine feile 
Feder sich heranwagte, wenn dabei ein Geschäft zu machen ist. 
Gegenüber solchen empörenden Angriffen, die aber doch auf die 
urtheilslose Menge ihres Eindrucks nicht verfehlen, kommt die 
vorliegende Schrift gerade zur rechten Zeit. Die berufene Wort¬ 
führerin ihrer Mitschwestem, die Oberin des Krankenhauses 
vom rothen Kreuz in München, erhebt hier ihre Stimme zur 
Ehrenrettung der Schwesternsache, und sie thut es in der ein¬ 
dringlichen und überzeugenden Weise, die wir aus den früheren 
Schriften dieser gebildeten und energischen Dame schon kennen. 
Die weibliche Männerpflege ist nothwendig und sie ist sittlich 
möglich, aber nur die innerhalb einer festen Organisation stehende 
Frau wird auf die Dauer den Gefahren gewachsen sein, die der 
Beruf mit sich bringt, das ist der Grundgedanke, den die Ver¬ 
fasserin vertritt. Wenn sie dabei den Werth der von freien 




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25. Februar 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


325 


Krankenpflegerinnen geübten Thätigkeit wohl allzu gering an¬ 
schlägt — es gibt auch unter diesen tüchtige und berufstreue 
Kräfte — so ist ihr doch darin beizustimmen, dass die strenge 
Zucht und der gute Geist, die in einer wohl organisirten Ge¬ 
nossenschaft herrschen, den Mitgliedern einen festen Halt ge¬ 
währen, der auch den weniger starken Naturen die Kraft gibt, 
sittlichen Gefahren zu widerstehen, denen sie sonst nur zu bald 
erliegen müssten. Neben den kirchlichen Verbänden sind es auch 
unter staatlicher Oberaufsicht stehende Organisationen, wie wir 
sie im rothen Kreuz finden, die diesen Anforderungen genügen. 
Für dieOberinnen solcher Organisationen verlangt die Verfasserin 
sorgfältige systematische Ausbildung, die mit einer staatlich be¬ 
aufsichtigten Prüfung und Diplomirung abschliessen soll. Den 
2. Theil der Schrift bildet ein schon früher in der „Kranken¬ 
pflege“ erschienener Vortrag über „die Stellung der 
Oberin im modernen Krankenhause“. Es ist be¬ 
greiflich, dass eine Frau von den Fähigkeiten, der Sachkenntnis 
und der Erfahrung der Verf. eine sehr einflussrei che und ver¬ 
antwortungsvolle Stellung für die ObefnTverlangt. Die Bedenken 
zu erörtern, die der allgemeinen Zuweisung einer solchen Stellung 
an weibliche Kräfte entgegenstehen, gehört nicht zur Aufgabe 
dieser Anzeige. Jedenfalls bespricht die kleine Schrift eine Reihe 
aktueller Fragen in höchst anziehender und anregender Weise 
und verdient darum vom jedem Arzte gelesen zu werden. 


Neueste Journalliteratur. 

Centralblatt für innere Medicin. 1902. No. 0 u. 7. 

M. F ranke: Leukolytisches Serum, erhalten in einem Falle 
von lymphatischer Leukämie. (Aus der medizinischen Klinik in 
Ixunberg.) 

Bei «lern schweren Falle von Lymphlimie wollte Verfasser 
im Sinne der Theorie der Lysine ein Serum erhalten, das weisse 
Blutkörperchen desselben Falles löse, also leukolytisehe Eigen¬ 
schaften l>osässe. Ein bei strenger Asepsis entferntes Packet von 
axillaren Lymphdrfisen wurde zerkleinert, mit Oprom. Kochsalz¬ 
lösung verdünnt, durchgeseiht und steril aufgehol»en. Die Emul¬ 
sion wurde Kaninchen in die Bauchhöhle (jeden 3. Tag 5 ccm. 
1k*zw. 8 c<*m. bezw. 10 ccm, dann noch 2 mal 10 ccm) injizlrt. 
ö Tage nach der letzen Injektion wurden die Thiere durch Ver¬ 
bluten getödtet und durch Zentrifugireu das Serum gewonnen. 
Dasselbe zeigte leukolytisehe Eigenschaften. Die weissen Blut- 
kü»n>erchen des Leukämischen, mit dem Serum im hängenden 
Tropfen zusammengebracht, wurden aufgelöst, die kleinen Leuko- 
cyton in 0—8, die grossen in 12 Stunden. Der Verfasser verfolgt 
den Gedanken, ob bei subkutaner Einverleibung dieses Serums ein 
Eiutluss auf die Drlisentumoren leukämischer Kranker sich ein¬ 
steilen könnte. In ähnlichem Sinne will er von frisch operirten 
Sarkomen ein Serum herstellen und ev. Sarkomkrauken einver¬ 
leiben. Bisher fehlte die Gelegenheit zu weiteren Untersuchungen. 

No. 7. E. Walger: Therapie mit spezifischem mensch¬ 
lichem Rekonvaleszentenblutserum bei akuten Infektionskrank¬ 
heiten. 

Verfasser gibt eine Zusammenfassung seiner Studien über 
di«- spezifische Behandlung der akuten Infektionskrankheiten. Die 
l»ei diesen Erkrankungen vergehenden lokalen Veränderungen 
(Exauthem u. s. w.) sind nicht das Wesen der Krankheit, sondern 
Aussohehlungsbestrebuugen des Organismus, wodurch- mehr oder 
weniger grosse Mengen von Toxinen und Toxinbildneru aus dem 
Körper lierausgescbafft werden. Die Toxine werden durch che¬ 
mische V«*ränderungen im Organismus unschädlich gemacht und 
durch alle Se- und Exkrete. auch durch den Sehweiss, ausge- 
schieden. Die Toxine werden im Körper in Folge eines Anreizes 
der Mikroorganismen selbst durch weitere chemische Vorgänge 
«ungebildet. Sobald die Umbildung der Toxine gelungen ist, hört 
die Thätigkeit der Mikroorganismen auf: es kann kein weiteres 
Toxin gebildet werden, es erfolgt die Heilung. Das Blutserum 
kann min zu Heilzwecken dienen. Nicht jeder Fall liefert g<*- 
elgnetes Serum, insbesondere auch nicht die selbst mit Serum be¬ 
handelten Fälle. Wiederholung der Serumiujektkm ist nicht be¬ 
gründet. Verfasser stellt «Ile genauere Mittlieilung seiner Arbeit 
in nahe Aussicht. W. Zinn- Berlin. 

Archiv für klinische Chirurgie. 65. Bd., 3. Heft. Berlin 
Hirsohwald, 1902. 

27) K a s u m o w s k y: Eine neue konservative Operation am 
Hoden. »(Chirurg. Fakultätskliuik der Universität Kasan.) 

R. hat zwei neue Operntionsmetlioden ausgeurbeitet. die den 
Zweck verfolgen, nach partiellen oder totalen Resektionen des 
Nebenhodens die Kontinuität der Samenkanälchen mit dom Vas 
deferens wieder herzustellen und so die Funktion d«*s Hodens zu 
erhalten. Die eine Methode — bei totaler Entfernung der Epi¬ 
didymis — besteht darin, dass das Vas deferens 1 cm weit g« 1 - 
»palteu und das erweiterte Ende desselben mit feinen Katgut- 
nü hten auf die Schnittfläche des Hodens auf genäht wird; sodann 
wird das Ende des Vas deferens in die Hodensubstanz versenkt, 
indem eine Falte der Albuginea testis darüber zusauimengenälit 
wird, nach Art der Mageuwand bei der Witz e 1'scbeu Mageutistel. 


Die zweite Methode lt.’s soll nach partieller Resektion des Neben- 
hodenendes Verwendung linden. Ein spitzes Messer wird 1 cn 
weit von der Schnittfläche aus in den steheugebliebonen Neben 
hodentheil eingestoehen und so ein Kanal gebildet; in diesen Kanal 
wird der Stumpf des Vas deferens mittels eines mit zwei Nadeln 
armirten Fadens hiticingezogeu und dort festgelegt. It. bat noch 
Jeder Methode zwei Patienten operirt, di«* geheilt sind. Feber di« 1 
Erfolge «pioad funktionell) geben die Fälle keinen Anhalt. 

28) Al heck: Experimentelle und klinische Untersuch¬ 
ungen über die Todesursache bei Dünndarmstrangulation. (Uni 
versitätslaboratorium für medizinische Bakteriologie in Kopen¬ 
hagen.) 

Aus seinen klinischen Untersuchung« 1 )) (öl Fälle) und seinen 
Experimenten folgert A., dass der To<l bei Dümidunustrnnguln- 
tionen nicht s«*lten eintritt. ohne dass Peritonitis vorhanden ist. 
ausschliesslich durch eine Vergiftung aus den» Dünne. A. baml 
bei Kaninchen und Katzen eine Diinndannsclilinge ab und repo- 
nirte dieselbe wi«*der; «lie Thiere starben nach 1—2 Tagen. Nun 
wurden zwar in allen Fällen Bakterien im Peritoneum bei der 
Sektion gefunden, doch erwiesen si«*li sowohl diese Bakterien, als 
die PeritouealflUssigkeit selbst als avirulent. 

Die Bildu))gsst«‘lle der Gifte ist nach A. nicht die zuführeude 
Darmsehliuge, sondern in erster Linie «li« 1 strangulirte Schlinge, 
weil in <lies«*r «lie B«*dingungen für Bildung mul Resorption der 
Gifte viel günstiger sind. Ob die Resorption durch die Gefiisse 
«ler strangullrten Schlinge oder von der Peritonealhöhle aus nach 
Durchtritt durch die Wand der Schlinge stattflmlet. kann A. nicht 
entscheiden. Das Gift ist in Wasser autlösbar. widersteht dein 
Kochen und kann das Chamberlamrsehe Filter passiren, seliliessl 
sich somit den sogenannten putriden Giften an. 

2ü) Stic k e r: Ueber den Krebs der Thiere, insbesondere 
über die Empfänglichkeit der verschiedenen Hausthieraxten urd 
über die Unterschiede des Thier- und Menschenkrebses. (Kgl. In¬ 
stitut für experimentelle Therapie in Frankfurt a. M.) (Schluss 
folgtv) 

30) B o «• k «* n h e i m c r: Zur Kenntniss der Spina bifida. 
(Chirurg. Universitätsklinik von B «* r g in a n n - Berlin.) 

Im ersten Tlieile seiner Arbeit b«*sprieht B. kurz «li« 1 patho- 
logisch-anntomischen Verhältnisse, eingehend die klinisch«*)! Er¬ 
scheinungen und die DifFerentialdiagnos«* der verschieden«*)! 
Formen der Spina bifida. Dal>ei unterscheidet er vom klinischen 
Standpunkte aus nur 3 Arten : Myeloeele, Myelocystocele und 
Meningoeele. Die Diagnose ist nicht immer mit Sicherheit zu 
stellen, «1a die Oberfläche oft sekundäre Veränderungen aufweist. 
Wichtig sind folgende Punkte: Ausgedehnte Lähmung«*)) bei «l«*n 
Extremitäten und doppelseitige I’e«l«*s vnri spivchen für My«*loc« , le. 
während bei der Meningoeele Lähmungen meist ganz fehlen. D« r 
Knochenspalt ist bei der Myeloeele meist lang und breit, oft zwei 
Wirbel betreffend, symmetrisch auf hehle Seiten vertheilt und deut¬ 
lich fühlbar. Der kleine Spalt der Meningoeele ist nicht fühlbar, 
und der etwas grössere der Myelocystocele bisweilen zu fühlen und 
dann gewöhnlich auf eine Seite beschränkt. Während «lie My«*h> 
eystoecle sich fast vollständig in den Wirbelkanal r«*ponir«*n lässt, 
isi bei der Meningoeele eine Verkleinerung uur ln gering« 1 !») Grade, 
bei der My«*loeele überhaupt nicht möglich. Am schwieligsten sind 
My«*locystocele und Meningoeele zu trennen. Der ausschliessliche 
Sitz «ler letzt«*ren in der Sakralgegend ist zu verwerthen. und dann 
nanmntlicli der Umstand, «lass sie immer ohne andere Missbild¬ 
ungen und ohne beträchtliche Lähmungen auf tritt. Die Röntgen 
Photographie gab keine Resultate. 

Auf die vielen interessanten Einzelheiten kann hier nicht ein- 
gegangeu werden. Eine Reihe selicumtisolier Zeichuungen illu 
striren die Ausführungen B's vortrefflich. 

v. B e r g m a u n operirt alle 3 Arten d«*r Spina bifida, seliliessl 
aber alle Fälle aus. die mit hochgradigen Missbildungen, mitllydro- 
ceplmlus und mit schweren Lähmungen kombinirt sind. Audi 
Bronchitis, Enteritis und nusgebreitete Ekzeme bilden eine Gegen- 
indikation. Bei der Meningoeele und Myelocystocele lässt sich die 
1 sollrung und Reposition «ler nervösen Elemente meist leicht 1k*- 
werksteiligen: vor Wegnahme der degeuerirteu Küokenmarks- 
partien braucht man sich nicht zu scheuen. Der Stiel der Oyst«- 
wir«l durch Tubaksbeutelnalit g«*solilosseii. Auch bei «ler Myelo¬ 
eele ist eine Verkleinerung «les Sackes meist möglich, doch gelingt 
die Reposition nicht immer; ein Verschluss des Sackstmnpfes ist 
bei der Myelo«*ele natürlich ausg«*scliloss«*n. l>«*r Vers<*hluss des 
Knochendefektes erfolgt durch Veiniihung der angrenzenden Mus¬ 
kulatur oder durch 2 seitliche Muskelfascienlappeii; nur bei ganz 
grossen Spalten wird «»in gestielt«»r Periost knoehenlappen vom 
Os ilei oder ein Periostknoclieiistiiek von der Tibia verwendet. 

31) II11 d e b r n mit: Beobachtungen über die Wirkungen 
des kleinkalibrigen Geschosses aus dem Burenkriege 1899—1900. 

II. berichtet in vorlieg«*n«ler Arbeit über die Erfahrungen, di«* 
er als Mitglied der ersten Expedition «les Rothen Kreuzes in Süd¬ 
afrika sammeln konnte. In kurzem Referate ist «*s nicht möglich. 
Einz«*lu«*s herauszugreifen aus «ler Fülle der mitgetlicilten Tliat- 
suchen und Beobaclitnngen, «leren Hauptergebnisse ja übrigens 
durch zahlreiche Publikationen der letzten Z«*it hinreichend be¬ 
kannt geworden sind. II. spricht in «len einzelnen Abschnitten 
seiner Arlieit über die aiig<*weinl<*t«>n Kl«*inkalib«*rg«*sehosse: «las 
St«*ck«*nbl«*il*«*n der Geschosse und di«* Deformation d«*rs(*lb«*n; llant- 
eiu- und Ausschuss: «li«* Wemhtlmilverletzung: «las V«*rlialt«*n d«*r 
Blutg«*fäss<‘. der Nerven: Brustscliilss«*: die Verletzungen «los ln 
testinaltraktiis; «lie Schuss Verletzungen «l«*s Urogenitalsystems; «lie 
Scliiissv«*rletzungen des Sehä«lels, «l«>s Rückenmarks; Schussver- 
letziingcn des Knochens, der Gclenk«*: die kriegsehirurgische Wür¬ 
digung des neuen Geschosses; «lie erste Hilfeleistung nach Ge- 


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326 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


fechten; den ersten Verband; über die Operationsthätigkeit auf 
dem Schlachtfelde; Therapie der Schussverletzungen. 

H e 1 n e k e - Leipzig. 

Centralblatt für Gynäkologie. 19o2. No. 7. 

1) R. Schölten u. .T. Veit: Weitere Untersuchungen über 
Zottendeportation und ihre Folgen. 

Der wichtigste Befund war ein deutlicher Eiweissgehalt Im 
Urin von Kaninchen, die mit menschlicher Plazenta oder mit Pla¬ 
zenta von Kaninchen vorbehandelt waren. Gleiches erwarten die 
Verf. auch bei der Zottendeportation und fordern zu Untersuch¬ 
ungen bei Albuminurie in der Schwangerschaft auf. ob letzteres 
der Fall ist. Sie hoffen hiervon auch eine Förderung der Aetiologie 
der Eklampsie. 

2 ) Fr. N e ti g e b a u e r: Ein interessanter Fall von zweifel¬ 
haftem Geschlecht eines erwachsenen, als Frau verheiratheten 
Scheinzwitters. 

Beschreibung einer lOjillir. Braut, die N. fiir einen männ¬ 
lichen Scheinzwitter mit Hypospudiasis peniscrotalis bei gleich¬ 
zeitigem Kryptorchismus hält. Pat. heirathete bald darauf und 
lebte zunächst mit ihrem Mann in glücklichster Ehe. 

3) F. S t ä h 1 e r - Siegen: Vorderer Uterus-Scheidenschnitt 
nach Bühl bei einer Geburtskomplikation, bedingt durch tiefe 
Vaginifixur mit Fibromyomenukleation und Cervixplastik. 

Bei der Pat. waren vor ca. 2 Jahren 2 Fibrome der vorderen 
Uteruswand entfernt, ferner der fixirte, retroflektirte Uterus mo- 
hilisirt, eine ausgiebige Cervixplastik gemacht und der Uterus 
durch tiefe Fixur vaginifixirt worden (Kühl). Bei der nun am 
Ende der Schwangerschaft erfolgenden Geburt blieb trotz kräftiger 
Wehen und Metreuryse der Muttermund eng. so dass St. die von 
lt ti h 1 empfohlene Operation ausführte. Dieselbe besteht in dop¬ 
pelter Umstechung in der Mitte der vorderen Muttermundsaumes. 
Durchtrennung des zwischen den Fäden liegenden Gewebes mit 
der Scheere und schnittweiser Durchtrennung der vorderen Uterus- 
Scheidenwand bis zum Ansatzpunkt der Blase. Nun gelang das 
Herabholen eines Fusses und Extraktion bis zum Kopf, der jedoch 
nicht durch den Muttermund ging, so dass Perforation des Hinter¬ 
hauptes und Ausspülen des Gehirns noch erforderlich war. Der 
weitere Verlauf war ungestört. 

St. glaubt nicht, dass der vorliegende Fall als Beweis dafür 
gelten kann, dass die tiefen Vaginitixationen an sich bei späteren 
Geburten Gefahren bringen. Er hält die Ausdehnung und Festig¬ 
keit der Narbe für Folgen der Cervixplastik, der Fibroin¬ 
enukleation und der Vaginitixurnarbe zusammeu. Den K ü h Fsckcn 
vorderen Uterus-Scheidenschnitt möchte er auch dringend für Ge 
hurten bei Fixation des Uterus empfehlen und sie der Sectio 
caesarea bei Weitem vorziehen. J a f f 0 . - Hamburg. 

Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde. 21. Bd. 1. u. 

2. Heft. 

J. Hoffmann - Heidelberg: Die multiple Sklerose des 
Zentralnervensystems. 

Eingehendes Referat über den Stand unseres Wissens dieser 
Krankheit. Besonders ausführlich wird die Aetiologie be¬ 
sprochen; H. weist dabei nach, dass keine der mannigfach vor 
mutheten Ursachen (Infektionen, Metallgifte, Erkältungen, neuro- 
pathlsche Belastung u. a. m.) sicher als der Grund des Leidens 
angesehen werden kann. 

Die vielseitige Symptomatologie der Sklerosis multiplex 
ist zwar kurz, aber erschöpfend behandelt. 

Aus den therapeutischen Vorschlägen ist zu ersehen, 
wie hilflos wir dieser Krankheit gegenüberstehen. 

Bei der Besprechung der anatomischen Veränder¬ 
ungen referirt H. objektiv über die einzelnen Hypothesen (Ge 
füsserkrankung, Gliawucherung, primäre Erkrankung der Mark¬ 
scheiden), ohne sich einer derselben anzuschliessen, ja er gestellt 
zu: „Das Dunkel, welches über der Krankheit schwebt, ist noch 
nicht gelichtet. Das Wesentliche, die Läsion Bestimmende kann 
nicht einmal annähernd vermuthet werden“. 

H. H ä n e 1 : Zur pathologischen Anatomie der Hemia- 
thetose. (Aus dem Stadtkrankenhaus Dresden-Friedrichstadt.» 

Der hier beschriebene Fall ist eine Stütze dafür, dass di.- 
Ursache der Athetosebewegungen in einer Störung der Verbindui g 
zwischen Kleinhirn und Regio subthalamica zu suchen ist. D« r 
Autor kann ferner nackweisen, dass es bei frühzeitigen Zerstö¬ 
rungen in einem Ilirnschenkelfuss (zerebrale Kinderlähmung), die 
zum völligen Schwunde der einseitigen Pyramidenbahn g.-1'ülirt 
haben, zur Neubildung von Fasern kommen kann, die vicari- 
irend für die unterbrochenen Bahnen elntreten. 

v. Voss- Petersburg: 5 Fälle von Kleinhirntumor. 

Seitdem die Möglichkeit, bewiesen ist, Kleinhirntumoren mit 
günstigem Ausgang operativ zu entfernen, wird die Aufgab -, di se 
Geschwülste genau zu lokalisiren, immer wichtiger. Aus der voi- 
liegenden Arbeit ist aber zu ersehen, wie schwierig eine richtig« 1 
Diagnose ist. Der cerebellarc Symptomenkomplex ist ja unv. r- 
keunbar, aber es ist oft schwer zu entscheiden, ob dieser nur 
durch Druck von aussen auf das Kleinhirn (wie bei Tumoren i n 
4. Ventrikel und der Brücke) oder durch Entwicklung von Ge¬ 
schwülsten im Kleinhirn selbst ausgelöst wird. Sehr sehwi *rig i t 
auch oft der Entscheid, welche Hemisphäre des Kleinhirns e - 
krankt ist, da das langsame Wachst hum von Geschwülsten den 
direkt betroffenen Theilen eher ein Ausweichen ermöglicht, wii.i- 
rend die gegenüberliegenden dem Druck gegen die knöcherne Wen¬ 
dung ausgesetzt siud und so ist es für die Unzulänglichkeit der 
diagnostischen Hilfsmittel charakteristisch, dass die beiden zur 


No. 8. 


Sektion gekommenen Fälle sich nicht als Kleinhirngeschwülste e> 
wlesen, als welche sie klinisch diagnostlzlrt waren. Der Tumor 
war ln dem einen Fall von IV. Ventrikel, lm anderen vom IV n- 
torium ausgegaugen. 

B i k e 1 e s - Lemberg: Zur Kenntniss des Symptomenkom- 
plexes bei disseminirter Hinterseitenstrangerkrankung. 

Vom Halsmark bis in das Lumbalmark konnten neben einer 
Randdegeneration, die auf Leptomeningitis zurückzuführen war. 
im Seitenstrang und im Hinterstrang zahlreiche dicht bei einandtr 
bcßndlicho Horde von perivaskulärer Sklerose gefunden werden. 

In Folge dieser Herde kam es zu auf- und absteigenden Degene 
rationell. Klinisch war das Krankheitsbild iiurcli Paraparese in 
den Beinen bei schlaffer Muskulatur, nur geringe Sensibllitäis- 
stönmgen. aber hochgradige Blasenstörungen charakterisirt. D e 
Patellarsehnenreflexe waren erhalten geblieben. Ein Vergleich m t 
anderen ähnlichen Fällen aus der Literatur zeigt, dass man es hl r 
mit einem ganz bestimmten Krankheitsbild zu thun hat. 

L. R. Müller- Erlang.- u. 

L. R. M ü 11 e r : Klinische und experimentelle Studien üb r 
die Innervation der Blase, des Mastdairos und des Geschlechts¬ 
apparates. (Aus der mediz. Klinik und dem physiologische i 
Institut in Erlangen.) 

In der vorliegenden Arbeit sucht Verf. das noch wenig be¬ 
arbeitete Gebiet der Innervation der Blase, des Mastdarms, sowie 
des Genitalappnrates zu fördern, zumal die bisherigen Anschau 
ungen über die Lage dieser nervösen Zentren recht wenig befrie¬ 
digen und „anfänglich aufgostelle Vermuthungen jetzt a's That- 
sachen gelehrt werden“. Auf Grund instruktiver Beobachtung« n 
am Krankenbette bei einer Reihe von RUckenmarkskranken (Kom- 
prcssionsmyclomalaeie in verschiedener Höhe der Wirbel¬ 
säule, multiple Sklerose, Tabes, spastische Spinalparalyse), die 
trotz der Verschiedenheit des Sitzes und der Natur der Erkrankung 
die gleichen Störungen bei Entleerung des Harnes und <lcs 
Stuhles (nach anfänglicher Reteutio urlnae et faccium auto¬ 
matische Aussstossung). sowie des Geschlechtsapparates boten, 
kommt M. zu dem Schluss, dass die bisher geltende Lehre v. n 
der spinalen Lokalisation der Zentren dieser Funktionen unhaltb: r 
sei. Zu dem gleichen Resultate führten sehr exakte und wohl ein¬ 
wandfrei gedeutete experimentelle Studien an Hunden, bei denen 
die Folgeerscheinungen nach Herausnahme dos untersten Theile< 
des Rückenmarkes beobachtet wurden. Diese gut übereins'im- 
meiidcn klinischen und experimentellen Ergebnisse uöthigen zi 
dem Schluss, dass die Ausstossung des Urins. Stuhles und Samci s 
im Wesentlichen durch Reflex Vorgänge in den sympathischen 
Ganglien bedingt wird. Diesen 3 Funktionen stellen aber auch 
quergestreifte, vom Rückenmark innervirte Muskelgruppen vor 
(Conqm-ssor urethrae, Sphinkter ani ext„ Ischio-bulbo-cavernosus, 
die sowohl willkürlich erregt werden können, als bei der Ent¬ 
leerung der Exkremente und des Samens reflektorisch thütlg sim'. 

Bei der Entschiedenheit, mit der Verf. gegen eine Reihe vo:i 
Autoren Stellung nimmt, dürfte wohl mancher Widerspruch nicht 
ausblciben. Voraussichtlich dürfte jedoch die verdienstvolle Arb? t 
den Anstoss zu einer Revision der vorliegenden Frage geben, b 
sonders in den Lehrbüchern der Physiologie, wo fast ausnahmsh s 
vom ('entrinn ano-spinale, Vesico-spinnle etc. die Rede ist. 

Bambcrger - Kronach. 

Besprechungen. 

Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch¬ 
gerichtliche Medicin. 53. Bd. 5. Heft. 1 

1) P e i p e r s - Bonn: Konsanguinität in der Ehe und dis \ 
Folgen für die Deszendenz. Beiträge. 

Die Arbeit wird eingeleitet von einer kulturhistorischen S. lii - 
derung. die davon nusgeht, dass nicht die uns geläufigen physio¬ 
logischen Behauptungen zum Verwandteneheverbot geführt hab-r. 
ln verschiedener Weise waren auch nicht-blutsverwandte Familien- 
glieder von einer gegenseitigen Ehe abgehalten; so war bei (1 n 
Völkern mit Matriarchat jede Ehe mit Verwandten mütterlicher¬ 
seits untersagt, bei den Cliiuesen hingegen die Ehe mit gleich¬ 
namigen Personen auf Grund des Patriarchats. Den literarischin 
Angaben über die Gefahren der Konsanguinität stehen gegen 
theiligc Behauptungen gegenüber. P. versuchte Aufschluss zu ge¬ 
winnen auf dem Weg einer Enquete, die sorgfältig vorbereitet wai, 
aber nur wenig Entgegenkommen von Seiten des Publikums fand. 
Seine Ergebnisse sprechen immerhin dafür, dass eine degenerative 
Eigenschaft der Konsanguinität in der Elle bisher nicht ei 
wiesen ist. 

2i K e 11 n e r - Eppendorf. Ueber transitorische postepilep¬ 
tische Geistesstörungen. 

Kürzere kasuistische Beiträge. 

3) Moravesik - Ofen-Pest. Ueber die Frühsymptome dir 
progressiven Paralyse. 

Verdacht auf Paralyse ist angebracht bei Männern über 
30 Jahren mit neurastheniseliem Habitus, die rasch abmagern 
sich im Charakter ändern, schlaflos sind, dauernd Kopfschmerzei) 
haben, einzelne Gediichtnissdefekte aufweisen, isolirte Hall - 
zinatione». dann Eifersuchtsideen äussern, Pupillenveriinderuug. 
Gesiclitszuckungcn. nächtliche unmotivirte Temperatursteigerui g ’J 
mit Salivation und Akne erkennen lassen, über wandernde Schul¬ 
zen in den Gliedern klagen. Unsicherheit der intendirteu Bewe.- 
ungen. schwerfällige Sprache oder Steigerung bezw. Absobwäcbung 
der Kniereflexe darbieten. 

4) M o u g e r i - Konstnntinopel : Nervenerkrankungen und 
Schwangerschaft. 


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25. Februar 1902. 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


327 


Eine spezifische Nervenerkrankung in Folge von Schwanger 
schaft existirt nicht, immerhin kommen bei Schwangeren Clia 
rakterschwankungen bis in’s Pathologische vor. Schwangerschatt 
begünstigt das Auftreten von Hysterie, sowie von Chorea, letztste 
besonders bei leberkranken Frauen, ferner prädisponirt sh* fü ■ 
Eklampsie, während ihre Beziehungen zur Epilepsie noch uich 
bestimmt gelöst sind. Schwangerschaft veranlasst eine Aut<- 
lntoxikatlon und prüdisponirt dadurch die Frau für geis.ige Er¬ 
krankung; bei einer geisteskranken Frau mit schwerer Belastung 
verschlimmert die Schwangerschaft die Psychose und macht si 
chronisch; andererseits kann Schwangerschaft eine Geisteskrank¬ 
heit, wenn diese akzidentell war, zur Heilung bringen. Eir¬ 
und Schwangerschaft darf man Frauen gestatten, die nur leichi 
nervös und nicht schwer belastet sind. Abrathen muss man 
Frauen, die geisteskrank sind oder waren. 

5) Sauer beck - Basel: TJeber die Verkürzung der Hirn- 
höhlenhömer, ihr Vorkommen und ihre Entstehung. 

Die Verkürzung kann primär, hypoplastisch sein, ferner kann 
sie beruhen auf sekundärer Verklebung eines vorher normal -n 
Hirnhöhlenhorns ln Folge diffuser interstitieller Encephalitis und 
Ependymitis, weiterhin in Folge stärkerer Ausbildung der um¬ 
gebenden nervösen Bestandteile. Funktionelle Bedeutung ist 
nicht ersichtlich. 

6) Kaiser-Alt-Scherbitz: Beiträge zur Differentialdia- 
gnose der Hysterie und Katatonie. 

Der einleitende Artikel bespricht die zu den wichtigsten diffe¬ 
rentialdiagnostischen Aufgaben der Psychiatrie gehörende Unter¬ 
scheidung zwischen Katatonie und Psychiatrie. 

W e y g a u d t - Würzburg. 

Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und In¬ 
fektionskrankheiten. Bd. 31. Heft 3, 1902. 

1) F. Schlagenhaufer - Wien: Osteomyelitis und Phleg¬ 
mone, erzeugt durch den Bacillus pneumoniae (Fried- 
1 ä n d e r). 

Verfasser veröffentlicht einen Fall von Osteomyelitis 
und Phlegmone, welche durch einen dem Friedläuder'- 
scheu Bakterium Identischen Organismus hervorgebracht 
wurde. Merkwürdig dabei ist, dass auch makroskopisch schon 
sich der Prozess durch Gaaansammlung verrieth. Durch diesen 
Befund wird die Aetiologie der Osteomyelitis, die schon den 
Streptokokkus, Staphylokokkus, Pneumonie Früukel, Typhus- und 
Kolibakterium und Gonokokken umfasst, wiederum erweitert. 

2) E. K 1 e i n - London: TJeber eine neue Spezies, zu der 
Gruppe der Bazillen der hämorrhagischen Septikämie gehörig, 
Bact. phasianicida. 

Bei einer Seuche, die unter den F asuueu einer Wildfurm 
ausbrach, konnte Verfasser einen Organismus isollren, der gewisse 
Aehnlichkeit mit der bekannten Geflügelcholera hatte. 
Auch das pathologische Bild bei der Sektion der Thiere sprach 
dafür. Hervortretend war die stark geschwollene, auf das Drei¬ 
fache vergrösserte Milz und die starke Injektion im Darm, im 
Blut waren nur wenig Stäbchen zu finden, dagegen massenhafte in 
der Milz. Der Organismus bildet stark Alkali. Hübner, Meer¬ 
schweinchen, können nicht durch dies Bakterium iufizirt werden, 
dagegen Tauben sehr leicht. Auch Mäuse und Kaninchen gehen 
ein. Klein nennt seinen Organismus Bact. phasianicida, 
zum Unterschied von dem von ihm gefundenen Bacillus p h a 
siani, welcher Milch kongulirte, Säure, Indol und Gas bildete, 
aber ebenfalls Fasanen tödtete. 

3) H e rz o g - Würzburg: Zur Tuberkulose im Kaltblüter- 
Organismus. 

Verschiedene, sich noch widersprechende Angaben über den 
Aufenthalt und die pathologischen Veränderungen der Tuberkel¬ 
bazillen im KaltblüterorganIsmus, suchte Verfasser durch Experi¬ 
mente lm Froschkörper aufzuklären. Die Versuche wurden in der 
Weise angestellt, dass eine Agarkultur im Mörser zerrieben, mit 
10 ccm Kochsalzlösung aufgeschwemmt uud davon 2—3 ccm iu den 
Lymphsack des Frosches injizirt wurde. Im Gegensatz zu Sion 
und zum Theil Lubarsch wurde gefunden, dass der Tuberkel¬ 
bazillus im Frosch makroskopische und mikroskopische Ver¬ 
änderungen hervorruft, welche im Prinzip denen der Fischtuber¬ 
kulose gleich sind. Mit Lubarsch findet aber Verf., dass der 
T.B. alsbald lm ganzen Körper nachweisbar wird und nicht auf die 
Impfstelle beschränkt bleibt. Die Virulenz des T.B. nimmt bei Auf¬ 
enthalt im Kaltblüter ab; dafür spricht folgendes Experiment. 
Ein Frosch und ein Meerschweinchen werden zugleich 
mit Leberemulsion eines Frosches, der 00 Tage T.B. in seinem 
Organismus beherbergt hatte, inüzirt Der Frosch ging nach 
22 Tagen zu Grunde, das Meerschweinchen wurde nach 8 Wochen 
noch gesund befunden. Die Dauer dieser Anpassuugszeit varlirt 
nach der Verschiedenheit des T.B. und vielleicht auch des Thleres. 

4) Stefansky - Odessa: Ueber ein neues, Eiterung hervor¬ 
rufendes, verzweigtes Bakterium. 

Das Stäbchen wurde aus einem Abszess am Bein isolirt. Es 
ist stark beweglich und zeigt sich unter guten Ernährungsbeding- 
ungen, besonders auf Kchsalzagar, ausserordentlich poly¬ 
morph. Es soll ln Stäbchen-, Kokken-, Spindel-, 
Fadenform auftreten und auch Verzweigungen nufweisen. 
In alten Kulturen kann man diese Mannigfaltigkeit der Formen 
nicht mehr beobachten. An sich besteht die Kultur aus dicken, 
kurzen Stäbchen. Durch subkutane Injektion können bei Hunden. 
Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen sich Abszesse bilden. Das 
Bakterium ist in seinen Ansprüchen recht bescheiden, da es im 


gewöhnlichen Leitungswasser sehr gut gedeiht. Verf. gibt ihm 
den Namen Bacterium pyogenes ramosum. 

5) G a u s s - Göttingen: Babes-Erns t'sche Körperchen 
und Virulenz bei Bakterien. 

Die von Marx und W o i t h e gemachte Behauptung, dass 
das Vorhandensein der Babes-Erns t’schen Körpereben mit der 
Virulenz der betreffenden Organismen Zusammenhänge, ist nach 
den ausführlichen Versuchen von G a u s s, die derselbe au Bac t. 
pyocyaneum anstellte, als widerlegt zu betrachten. Selbst bei 
sich steigernder Virulenz, die durch mehrfaches Hindurchschicken 
durch den Thierkörper erreicht wurde, konnten keine Körnchen be¬ 
obachtet werden. Diese Ergebnisse decken sich auch mit K rom - 
b e c h e r’s Anschauungen über die Marx und W o 1 1 h e* scheu 
Angaben. 

0) Marx: Einige Bemerkungen zu K r o m b e c h e r’s 
Arbeit über metachromatische Körnchen und Babes-Erns t’- 
sche Körperchen in No. 10 und 11 dieses Blattes. 

Polemik. 

7) Friedberger - Königsberg: Ueber die Wirkungsweise 
anorganischer Salze und organischer Krystalloide auf die 
Agglutination der Bakterien. 

Kritische Bemerkungen zu der in Bd. XXX, No. 23, erschie¬ 
nenen Erwiderung von I)r. A. J o o s. 

8) R o d e 11 a - Zürich: Einige Bemerkungen zu dem Auf¬ 
satz von Dr. C a h n: „Ueber die nach Gram färbbaren Bazillen 
des Säuglingstuhles“. 

R. O. Neumann - Kiel. 

- r- »>* t 

Berliner klinische Wochenschrift. 1902. No. 7 

1) F. K o e n i g - Altona: Zur Deckung von Defekten der 
Nasenflügel. 

Die von Verf. angegebene Methode besteht darin, dass aus 
der Ohrmuschel und zwar aus ihrer ganzen Dicke ein nach Bedarf 
grosses Stück ausgeschnitten und in den Defekt der Nase eiuge- 
näiht wird. Diese Art der Verpflanzung erscheint schon aus dem 
Grunde sehr vorthcilhnft, weil Knorpel mittransplantirt wird, 
welcher sehr gut einheilt, und ferner desshalb, weil das gebildete 
Nasenloch die 3 physiologischen Hautschichten erhält. 

2) H. Scheuer- Berlin: Kasuistisches zur Chirurgie der 
Gallenwege. 

Aus seinen früheren Veröffentlichungen hat Verf. den Schluss 
gezogen, dass die (’holelithiasis ohne cliirurgischeu Eingriff lm 
Allgemeinen heilbar ist, doch die Heilung einen sehr langen Zelt- 
laum, oft Jahr«- erfordert. Nun tbeilt Verf. mehrere Fälle mit. 
wo eine Cholangitis das Krankheitsbild beherrschte. Bei der 
ersten f>9jiihr. Kranken traten im Verlaufe zahlreiche Schüttel¬ 
fröste auf. Die erste Operation schien Erfolg zu haben, doch 
heilte die Gallcnblasenfistel nicht zu. Die Sektion zeigte, dass es 
sich um einen der seltenen Fälle von Karzinom an der Valvula 
Vaterl gehandelt hatte, das übrigens einer Operation nicht zugängig 
gewesen wäre. Die Symptome der letzteren Erkrankung sind die 
des chronischen ClioledochusVerschlusses, die Affektion ist im 
Ucbrigcn nicht zu diagnostiziren. Im 2. Falle, einen 17 jähr. 
Schlächter betreffend, wurde die Diagnose auf Cholangitis mit 
Verschluss vieler kleiner Gallengänge gestellt. Bei der Operation 
wurde mit dem Pacquelin eine tieft* Inzision in das Lebergewebe 
hinein gemacht und war der Erfolg ein so guter, dass Patient 
völlig hergestellt wurde. In ähnlichen Fällen kann vielleicht 
dieses Operationsverfahren auch mit Erfolg verwendet werden. 

3) R e i c li a r d - Magdeburg: Funktionsherstellung durch 
Sehnen Verpflanzung. 

Verf. bringt zunächst ein kurzes Referat über die Arten und 
Indikationen der Sehnenverpflanzung, die jetzt bekanntlich mit 
grossem Erfolg in vielen Fällen von Muskellähmungen angewendet 
wird. Verf. berichtet in Kürze über 43 derartige Sebnenver- 
pflanzungen und bespricht noch eingehender die Anwendung der 
Methode bei einem 18 jiihr. Mann, bei dem es gelang, eine sehr 
störende Funktionsanomalie des Daumens mittels dieser Methode 
zu beseitigen. 

4) B a u m g a e r t n e r - Baden-Baden: Die chirurgische Ent¬ 
fernung des Nagels. 

Die blutige Entfernung des Nagels, wie sie Dupuytren 
angegeben hat, besitzt manche Nachtheile, welche der von B. ge¬ 
übten Methode durchaus nicht anhaften. Mittels eines vom Verf. 
angegebenen eigenen kleinen Instmniontchens, das im Original 
abgebildet ist. gelingt es. jeden Nagel, auch den gesunden, ohne 
Blutung zu entfernen. Der „Nagellöser“ wird zwischen den 
Nagel selbst und das Stratum untcosum des Nagelbettes einge¬ 
schoben. Die Lösung wird unter Lokalanästhesie gemacht. Schon 
nach einer Woche ist die Regeneration so weit fortgeschritten, 
dass die Hand oder der Fass wieder gebraucht werden knnn. 
Diese Operation ist besonders bei der Behandlung des einge¬ 
wachsenen Nagels die weitaus beste und zu raschester Heilung 
führende Methode. 

5) G. B 1 n d er - Jena: Mittheilung über die Gallenstein¬ 
krankheit aus der ärztlichen Praxis. 

Die Mittheilungen des Verf. welche sich auf {Hl FüUe von 
Gnllensteinkrankhoit beziehen, sind besonders dadurch wertlivoll. 
dass es sich um Beobachtungen handelt, welche sich über viele 
Jahre erstrecken. So sind 52 der Fälle mindestens 10 Jahre in 
Beobachtung gestanden. 11 der Kranken, welche überwiegend 
dem weiblichen Geschlechte angehörten, sind gestorben. In den 
mit interessanten Krankengeschichten belegten Ausführungen des 
Verf. macht derselbe besonders darauf aufmerksam. In welch' 
mancherlei Gestalten die Gallensteinkrankhcit in die Erscheinung 


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828 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


treten kann. Hinsichtlich der Einzelheiten muss auf «las Original 
verwiesen werden. Im Allgemeinen spricht sielt Verf. für die | 
frühzeitige Operation aus. welelu» aber in der Praxis auf manch • 
unerwartete Schwierigkeit stösst. 

(5) M i 1 h r a d t - Keniau: Eine Oberarmfraktur durch Musk?l- I 

zug. 

M. tlieilt einen Fall mit, in welchem ein 24 jähr.. kräftig ge ! 
bauter Förster sich gelegentlich einer Kraftprobe eine Fraktur i 
des rechten Oberarmes zuzog. Bei der Kraftprobe war der rechte 
Vorderarm in krampfhaft eingehaltener Flexionsstellung, während 
die rechten I>aumeu der beiden Itinger in einander verhakt waren. 
Hie Fraktur heilt«» in der gewöhnlichen Zeit. Von einer abnormen 
Kno«»henbrüchigkeit konnte bei dem Kranken keine Hede sein. 

G r a s s m a n n - München. 


Oesterreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 7. li J. v. K r a i t e n b e r g - Innsbruck: Beitrag zur 
Kasuistik der Eklampsie. 

Verf. gibt eine statistische Zusammenstellung über «li«» an 
der Innsbrucker Klinik bei K40.X Geburten vorgekommen *n 
4U Eklampsicfiilie. 40 d**rs«»Ib«»n betraf«»n Erstgeschwängerte: b«»i 
15 Fällen bestand Bf«-kcn<‘tigc. Fast in allen Fällen war Albu¬ 
minurie vorhanden. Im Ganzen waren 4 Todesfälle zu v«»r- 
zcichncll. Im Allgemeinen zeigte sielt bei späterem Eintritt «los 
erst«*n Anfalles eine Abnahme der Zahl der Anfälle. Hinsichtlich 
der Prophylaxe wird warm empfohlen, die Thätigkeit der Xieivn 
und des Darmes in der Schwangerschaft nuiglichst zu üb«‘rwachen. 
In dem mit Eklampsie v«»rlaufeiid«*n Puerperium trat öfter Fieb«»r 
auf. Verf. glaubt, dass die Eklampsie kein einheitliclies Krank¬ 
heitsbild darstellt, sondern durch vers«-hieden«» Si-hädlichkeiten er¬ 
zeugt werden kann. In einem «1er «‘ingetretenen Todesfälle schien 
ursächlich auch eine Karbolintoxikation bet heiligt zu sein. A«*hu- 
liche Fälle sind übrigens schon mehrere beschrieben. I)ie Therapie: 
,.nuiglichst rasch«» und möglichst schnncmlc Entbindung" ist na¬ 
türlich in den Füllen verg«»bens. wo Hirtdiämorrhagieu die 
Eklampsie begleiten. 

2) M. V. E. ('. Ernst F u «• h s - Frag: Zur Wirkung des Uro¬ 
tropins bei Typhusbakteriurie. 

Hei 14 der untersuchten 41 Typhuskrankcn wurden Bakterien 
durch «len Harn ausg« schie«leu. «li«» in 4 derselben eine nur gering¬ 
gradige war: \vahrs«»heinlich handelt«» «»s sich bei diesen Fällen 
auch nicht um Typhusbazillen. Hei •> anderen Fälhm war eine 
massenhafte Bakteriuri«» vorhatulen. doch waren die B:tkt«»rii n 
sicher k«*ine Typhusbazillen, sondern Folibazillen und Kokken. 
Nur in 4 Fällen kam es zur Mnsseuausschelduug von unzweifel¬ 
haften Typhusbakterien, «li«» fast immer erst zur Zeit der Ent¬ 
fieberung oder später cintrat. In «lern «-inen der Füll«* konnten 
noch t» Wochen nach der Euttieberung reichliclte Typhusbakterien 
im Harne nachgcwh'scn w«*rdeu. Eingetnmummes Frotinpin 
setzte den tiehalt an Typhusbakterien unzweifelhaft ln»runter. 
während «»s auf «li«* übrigen ausgesehiedenen Bakterien k«»inen Ein¬ 
fluss hatte. Die Darreichung von Frotropin an Typhusr«»k«mvale.s- 
zenten ist also für «li«» Dauer der Bakt«»riurie zu empfehlen. 

;tl F. F r b a n t s «• h i t s c h - Wien: Fakultät3gutachten. Ver¬ 
letzung des Ohres; leichte oder schwere Verletzung? 

Zu kurzem Auszuge nicht geeignet. 

4i (iussenba u er: Erfahrungen über die osteoplastische 
Schädeltrepanation wegen Hirngeschwülsten. (Schluss folgt.) 

(i rass m a n n - .München. 

Wiener medicinische Wochenschrift. 

No. U. A. Iv r <> II f e 1 d - Wien: Zur Therapie des venerischen 
Katarrhs. 

K. ist ein entschied«»n«*r Anhänger «l«»r Irrigation s l>i‘- 
handlung «lerG<nmrrh«ie und hat sich hierfür einen eigenen Apparat 
konstrnirt. Nur im Stadium der ersten lebhaften entzündlichen 
Ersclu'inungen ist die Irrigation contraindizirt. Er nimmt die Aus¬ 
spülung j«*«len zweiten Tag mit 2- :j Eiter einer V.—proz. Ichthyol¬ 
lösung vor und l«*gt Werth darauf, di«* Temp«»ratur «lor Lösung bn!«l 
auf 40—45" r. zu steigern. In einem Fall, wo eine mehrstündige 
Irrigation «iurchgeführt wur«h». li«‘ss sieb die Heiluug ln 14 Tageti 
erzielen. Durch «»ine Daucrirrigtition Hesse sich nach der Feber- 
zeugung des V«»rfassers vi«»lh»i«-ht eine wirkliche Abortivbehand¬ 
lung der GoiioitIhm» erziiden. an die er bisher nii-ht geglaubt hat. 

No. 7. A. B r«» s «• h - Wien: Ein neues Leichenkonservir- 
ungsverfahren. 

B. hat eine biegsame Ilohlmnlcl von 120 cm Länge kon- 
struirt. die er ohne j«»de äussere Verletzung der Leiche durch «li«* 
Frethra einführt und durch «li«* Bhtsenwaml weiterschi«»bt. um in 
die Körperhöhlen, von wo die Fäulnis» auszugehen pflegt, be¬ 
liebige Mengen einer stark «lesinliziremlen Lösung einzuspritzen. 
Nach seinen Erfahrungen könn«»n derartig kons«»rvirte Leichen 
Monate lang in freier Luft auf bewahrt wenlen, in «licht v«»rscldos- 
s«»neti Särgen s«»i die Erhaltb.ark«‘it unbegrenzt. 

H. T r z e b i e k y - Krakau : Zur Kasuistik der Tracheal- 
kanülenbrüche. 

Für die in No. 51. 1!MH. «1er Wi«»n**r med. Woclu»nschr. von 
Galat ti g«»g«»bem» Zusammenstellung bringt T. ö w«»it«»iv 
Fälle bei. 

K rüg- Kassel: Die perorale Tubage nach Kuhn. 

An 22 Fällen wird die Durchführbark«»it des K u h tfscheu 
Verfalnvns illnstriet, wobei allcnliugs die speziellen Indikationen 
für die ji’desmalige Ausführung nicht angegeben sind. (Ein¬ 


führung eines 15—25 cm langen Spiralrohres mit einem Querschnitt 
von 7 mm durch den Kehlkopf in die Trachea. Das in tiefer Nar- 
kose «*ing<»fülute Hohr bleibt bis zur Beendigung «1er Narkose 
ltcg«»n.) 

No. 5 7. L. K e «1 z i o r - Krakau: Zur chronischen anky- 
losirenden Wirbelentzündung. 

Für «lie noch nicht sehr zahlreichen Beobachtungen dieser 
Art sind zwei Typ«»n. der nach F. Marie-Strümpell un«l 
der na«‘h B «* e lt t «» r«» w. aufgestellt worden. K. gibt die Kranken- 
g«»schi«‘hten von S Fällen, wovon 4 auf <-lirouIschen Gelenkrheu- 
matismus, 1 auf ein Trauma. 2 auf «leforinireude Geleukent- 
zündung sich zurii«-k führen liessen. während sich in einem wei- 
t«»r«»n Fall die Wirbelcntzündung an «»ine Entzündung tler ltilckeu- 
marksliiiut«» ans«-hl«>ss. Einer exakteren Fnterscheltluug der Krank- 
licitsbilder stellt vorerst der Mangel an anatomischeu Futersuch- 
uIlgen im Wege. 

Wiener klinisohe Rnndgehan. 

A. O s t r <• i 1 - -Frag: Einige interessante geburtshilfliche 
Fälle. 

I. Geburt bei augcltorenem beiderseitigen HUftgeleuksluxa- 
tiotisltccken. I>«»r Kopf trat in d«»n Beckeueiug&ng schwer ein. 
w»»il dieser in allen Durclunessern verengt war. Zangengeburt. 
<>. betont gegenüber Sa ss mann die häutige und starke Ge- 
fährdung von Mutter uml Kind l>ei «lieser Beckenanomalie. 

II. Carcinoma portion. vaginal. Thermocauterectomia colli 
Uteri: normal«»r S«-Iiwang«*rschaftsverlauf. 

III. Fomlroynnt«» < Vrebrospiunlineningitis (Fneuiuocoecus) in 
der Schwangerschaft. 1H Stunden von «len ersten klinischen Ivrank- 
heitszeh'hen Dis zum T«*de. All der Itewusstlosen Kranken war 
«li«» Diagnose auf Eklampsie g«»st«»llt. 

No. ö. (i. S p u 11«» r - Wien: Ein Beitrag zur Acetopyrin- 
medikation bei Gelenkrheumatismus. 

In Einzeldosen von 1 g (U—12 g pro «lie) erwies sich 1**1 zahl- 
rcichcn Versuchen auf der O r t n e r’wheti Abtheilung das Aceto- 
pyrin «len anderen Salieylpräparaten glelelnverthlg und zeigte nur 
ganz ausualnnsweis«» störend«» N<»benerschelmmgeu. 

Wiener medicinische Presse. 

No. 7. K. v. M o s e 11 g - M «i orhof: Spontanperforation 
der Gallenblase. 

Bei dem 4N jährigen Manne, «ler 1 leuserschelnnng«*n zeigte, war 
«»in«» Appendizitis und Perfora tioiisitcritnuitis angenommen wor«li»n: 
l)«*i der Laparotomie zeigte sich alter «lie chronisch entzündete 
Gallenblase in Folge eines «lurch einen Gallenstein verursacliten 
D«»kul*itusg«>schwürs geborsten. Die Gallenblase wurde nach 
dopp«*lt«»r Fnterbimlung <l«»s Dnetus cystlcus abgetragen, die Bauch¬ 
höhle von «lern gall«»gemis<»ht«»ii Exsudat sorgsam gereinigt, 
schliesslich «1er Stumpf «l«»s Ductus «».vsticus mit «lern Ende eines 
Tamp«>ns uuterpolstert. um einen neuerlichen Erguss von Hall«» 
in die Bauchhöhle zu v«»rliüt«»n. Glatte Heilung. 

Prager medicinische Wochenschrift. 

No. 5. A. T s c h u s e h n «* r - Llebwer«la: Eine Sarkoptes- 
invasion. 

Die «»ine Hand der s«»it Hl Jahren an einer langsam pro 
gr«»di«‘ntcn Hautalf«»kti«>n l«»i<leml«»n Kranken l>ot ein Bild, das deut¬ 
lich an «li«» rot he Hände «ler Hunde erinnert«». Thatsüchlich batte 
sic st»iii«»r Zeit mit einem räudigen Hunde viel gespielt. Der 
Nachweis der Milbe gelang nicht. Therapie: Schälpaste aus Kal. 
kaustio., Amyl. ää, «laiin Einreibung«»» mit Feruhalsam. Styrax- 
.md Naphtltolsalbeu. Heilung. 

J. Kisch- Frag: Ueber einen Fall von Cholecystitis tuber- 

culosa chronica. . 

Die Wand «l«»r Gallenblase. w«»1«»1k» ausser Eiter eine Anzahf 
Gallensteine enthielt, zeigte sielt an Ihrer Iun«>nfläche durchwegs 
in käsige Massen unigewaiulelt. auch in den angrenzenden Leber- 
partien fanden sielt käsig«» H«»r«b». Der Eiter enthielt keiue 
Tuberk«»lbazill«»n. dagegen waren dieselben ln dem charakteristisch 
tuberkulös veränderten Gewebe der Blasenwandung reichlich naclt- 
zuwels«»n. 

Die Tuberkulös«» der Gallenblase ist bisher nur in ganz ver¬ 
einzelten Fällen beobachtet worden. B e r g e a t - München. 

Dermatologie and Syphilis. 

(Schluss.) 

I >ie Fntersuchung«»» Iv o p y t o w s k i’s: Zur pathologischen 
Anatomie des Herpes zoster, haben zum wesentlichen Gegenstände 
die Entstehung und Entwicklung der Herpesblüschen. Die ge¬ 
fundenen Verämlerungen sind siimmtlich auf W e i g e r t’s Ivoagu- 
lationsnekrose zu lteziehen. Zur Pathogenese der Erkrankung 
halten, wie Verf. selbst ltetont. seine Fntersuclmngoen wenig bei- 
getragen. Wenn er trotzdem thells aus klinischen Gründen, theils 
w«»gen der rasch auf tretenden Veränderungen in den Zellen der 
Bläschen einen inf«»ktiös-toxiselieii l’rsprung der Zelldegeneratiou 
annclimcn zu müssen glaubt, so will uns dieser Gedaukengang doch 
k«»in«»sw<»gs überzeugend erscheinen. Speziell «lie wohlkonstatirten 
Fälle von traumatischem Zoster würden dabei ziemlich unberück¬ 
sichtigt blcilten. (Ibid. Bd. 54.) 

Auf Grund weiterer Erfahrungen über «iie Injektionsbahand- 
lung der Bubonen mit physiologischer Kochsalzlösung empfiehlt 
L. W it 1 s <• lt «li«» von ihm schon früher als brauchbar empfohlen«» 
Methode, welch«» in allen jenen Fällen eines Versm-lies wertli ist. 
in welchen überhaupt noch zu dieser M«»tlio«V» g«»grUT«'n werden 


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27>. Fetauar 19Ö2. MtJENCttENEft MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


320 


kaun. Misslingt der Versuch, so wird selbstverständlich zu einem 
operativen Eingriff zu schreiten sein. Auch in den später zur 
Operation kommenden Fällen ist die Wirkung der Injektionen keine 
uachthoiUge; da wirken sie präpara torisch, indem sie den Zerfall 
der dem Uewebstode geweiliteu Drüsen beschleunigen. (Ibid. 
Bd. W.) 

Zur Frage von der Behandlung mit Quecksilbersäckchen 
nimmt W ela u der neuerdings das Wort, um sein Verfahren, so 
wie die demselben nachgebildeteu Methoden der Merkuriol- und 
Merkolintschurz-Au Wendung gegenüber einer Reihe von Ein- 
wiindeu. welche in jüngster Zeit gegen die Wirksamkeit dieser 
Methoden erhol hui wurden, zu vertheidigen. Er stützt sich dabei 
auf die von ihm u. A. erhaltenen therapeutisch-klinischen Erfahr¬ 
ungen, theils auf eine ganze Anzahl exakt durchgeführter experi¬ 
menteller Untersuchungen, aus denen sich ergibt, dass das bei 
seiner Methode vorwiegend durch Einathmung aufgenomineue Hg 
längere Zelt lm Körper remanirt, und dass die Resorption aus¬ 
schliesslich durch Aufnahme des verdunstenden Hg zu Stande 
kommt. Es erscheint W. heute auch plausibel, dass durch die Haut 
selbst eine Aufnahme des Hg In Dampfform zu Stande kommt. 
(Ibid. Bd. 50.) 

Favus wird bei Neugeborenen nur selten beobachtet. 
F. Schleissner theilt zwei hlehergehörige Fälle mit- Von 
klinischem Interesse Ist die hohe Disposition der kindlichen Haut 
für die Erkrankung, die rasche Ausbreitung über grössere Ilaut- 
lH^zirke, die Schnelligkeit, mit der die Infektion zu Staude kam. Die 
Inkubation indrug in den beiden Fällen <» resp. 8 Tage. (Ibid. 
Bd. 54.) 

Fabry theilt einen Fall von Dermographismus, Urticaria 
chronica, facticia, h&emorrhagica mit, der in der Literatur ziem¬ 
lich einzig-artig dasteheu dürfte: Kolossales Oedem der Zunge, 
hämorrhagische, willkürlich durch Hautreize hervorzurufende 
Quaddeln, erhebliches Ergriffensein des Allgemeinbefindens. Exitus 
letalis. Sektion nicht gestattet. Verfasser neigt zu der Annahme, 
dass in diesem Falle die Urticaria als Symptom einer schweren 
Allgemeinerkrankung aufzufassen war. (Ibid. Bd. 54.) 

Schonheid behandelt in einer ausführlichen Arbeit die 
Histopathologie des Lupus erythematodes; er war In der Lage, 
exzldirtes Gewebe von 12 Fällen in den verschiedensten Stadien 
der Erkrankung zu studiren. Er konnte bestätigen, was seit 
Geber auch von anderen Autoren nachgewiesen ist, dass der 
Krank hei tsprozess im Anfänge entzündliche Erscheinungen im 
Stratum reticulare cutis zeigt. Die perivasikuliire Infiltration be¬ 
ginnt zuerst an den subpapillareu Gefiissen, um später zu den 
papillären und tieferen Gefässeu der Cutis und Subcutis fon¬ 
zuschreiten. Bald findet sich auch, wo solche vorhanden sind, 
eine Mltl>etheUigung der Talg- und Schweissdrüsen. doch liegt dies 
nicht im Wesen des Prozesses, der rasch auf die Schleimhaut über¬ 
greift. Später kommt es zu reaktiver Wucherung des Binde¬ 
gewebes und typischer Degeneration der elastischen Fasern. Die 
vorliegenden Veränderungen deuten auf eine chronische Infektions- 
geschwulst — Granulom. Die Annahme einer tuberkulösen Natur 
der Erkrankung ist zum mindesten verfrüht. (Ibid. Bd. 54.) 

I’ e z z o 1 i hat 2 Falle von sogen. Adenoma sebaceum beob¬ 
achtet und gibt deren histologische Befunde. Diese Krankheits¬ 
bilder werden in einfachster Welse als Naevi aufgefasst. P. accep- 
tirt dalK»i die Auffassung Hallopenu’s, nach welcher alle 
benignen Neubildungen der Haut von kongenitaler Anlage zur 
Gruppe der Naevi zu rechnen sind. (Ibid. Bd. 54.) 

Zwei kasuistische Mittheiluugeu von It. Bernhardt: 

1. Fall von Lupus vulgaris, bei welchem unter dem Ein¬ 
fluss einer Pockenerkrankung die lupösen Infiltrate 
so gut wie völlig resorbirt schienen. Dieser heilende Einfluss der 
Pockeninfektion war indess nur von vorübergehender Wirkung. 
Nach verhältnissmässig kurzer Zeit stand der Lupus in alter 
Blüthe an all' den Stellen, wo er schon vorher gewesen war. 

2. Beobachtung eines Falles von Tuberkulose der Glans penis 
^ und der Vorhautreste bei einem 14jährigen jüdischen 

Knaben. Die Erkrankung besteht seit der Beschneidung und 
hat zu inguinalen Drüsenvereiterungen und anderweitigen Drüsen- 
Hisionen geführt. Bemerkenswert^ ist der so ausserordentlich 
günstige allgemeine Emährungs- und Gesundheitszustand des 
Knaben bei der so langen Dauer der auf die rituelle Beschueidung 
zurückzuführenden Inokulationstuberkulose. (Ibid. Bd. 54.) 

Weitere Untersuchungen Th. Marse halkö’s über die 
Histologie des Bhinoskleromgewebes hnben zu dem Ergeluiiss ge¬ 
führt. dass die unter dem Namen „hyaline“ oder „colloide“ Zellen 
l>eschriebeneu Formelemente des Rhlnoskleroms nichts anderes 
sind, als Plasmazellen, die eine eigentümliche, bei unseren 
heutigen Kenntnissen als hyaline Degeneration zu bezeichnende 
Veränderung ihres Protoplasmas eingehen. Sie sind keineswegs 
als spezifische Elemente des Rhinoskleroins aufzufassen. Die als 
Russel'.sche oder F ti c h s I n k ö r p e r liesehriebene» Form- 
elomente sind freigewordeue hyaline Kugeln, Zelldegenerntions¬ 
produkte, und keinesfalls Parasiten. (Ibid. Bd. 54.) 

Die Methode L. Lev i’s zur Abortivbehandlung des Syphi- 
loms im Initialstadium besteht in häufig wiederholten galvano¬ 
kaustischen Aetzungen desselben. Er macht sehr viele solche 
Aetzungeu (in manchen Fällen bis zu 500 und selbst 1000) bis zur 
Erzeugung einer akuten, intensiven, lokalen, entzündlichen Re¬ 
aktion. Bei Anwendung dieser Methode soll die Allgemeininfek- 
tion nusbleiben. (Wir können nicht umhin, die Geduld der 
wackeren Patienten, die sich ihr Syphilom 1000 mal mit dem 
Galvanokauter brennen lassen, auf’s Höchste zu bewundern, 
müssen alH*r trotzdem bezüglich des konstanten Erfolges dieser 


..neuen“ Heilmethode uns bescheidene Zweifel erlauben. Dass bei 
sehr frühzeitigem Zerstören des lTimüraffektes die Allgemein¬ 
infektion verhütet werden kann, ist andererseits schon von' Vielen 
behauptet worden und auch theoretisch wahrscheinlich, wenn auch 
schwer zu beweisen.) (Ibid. Bd. 54.) 

R lecke gibt in einer ausführlichen Arbeit die histologische 
1 ntersueliting der Haut von 2 Poeten mit Ichthyosis congenita, 
bespricht die Ansichten früherer Autoren, deren Fälle tabellarisch 
aufgefiihrt werden, und betont speziell, dass hei dieser llyper- 
kemtose Rildungsanomalieii der Lbderliaut keine Rolle spielen. 
Charakteristisch für Ichthyosis coug. ist die enorm starke Verhor¬ 
nung in deu Haartrichteru, weiche zusammen mit dem embryo¬ 
nalen Haardurchbruch die auffallende Struktur der Hornschilder 
bedingt. (Ibid. Bd. 54.) 

A 11 g e y e r studirtc die Veränderungen im menschlichen 
Muskel nach Xalomelinjektionen. Aus seinen Beobachtungen 
ergibt sich, dass intramuskuläre Kaloiuelinjektiouen, wenn sie 
richtig fallen — freilich stellt das nicht ganz in unserer Gewalt — 
doch nicht so starke Erscheinungen entzündlicher Reaktion und 
Nekrose zur Folge haben müssen, wie man dies allgemein anzu¬ 
nehmen bisher geneigt war Die Umsetzung des Kalomels erfolgt 
dabei in relativ kurzer Zeit. (Ibid. Bd. 55.) 

Tschlenoff berichtet über einen seltenen Fall von Ent¬ 
wicklung eines primären tuberkulösen Hautgeschwürs am Penis, 
das sicher in Folge einer Infektion von aussen her entstanden sein 
musste. Feber die in diesem Falle eingeschlngeno Therapie wird 
nichts ntitgetheilt. (Ibid. Bd. 55.) 

Die Entscheidung der Frage, wann eine Gonorrhoe als ge¬ 
heilt angesehen werden kann, ist zweifellos eine solche von 
höchster praktischer Wichtigkeit (Ehekonsens:i. Leven vertritt 
die Ansicht, dass das Vorhandensein von Lcukoeyten im Urethral- 
sekret. resp. den Tripperfäden, beweisend für das Vorhandensein 
von Gonokokken sei. Diese Anschauung wird von Schölt z 
energisch bekämpft. Nach seinen Erfahrungen sind höchstens 
10 Proz. dieser chronischen Urethritiden mit epithel- und leuko- 
eytenhaltigen Urintilamenten auf Gonokokken zurückzuführen. 
Der Schwerpunkt bei der Feststellung eines brauchbaren Kri¬ 
teriums hinsichtlieh der Heilung des Trippers als infektiöser Er¬ 
krankung beruhe in den Mitteln mechanischer und chemischer 
künstlicher Provokation: dazu käme dann noch das Kulturver¬ 
fahren und die daltei festzustellende biologische Charakteristik 
der Gonokokkenkultur. Zur Verifizirung der Gonokokkeiikultur 
sei die G rauf sehe Methode heute entbehrlich, während sie bei 
der Untersuchung von Sekretpriiparaten brauchbare und zuver¬ 
lässige Resultate ergebe. Die Differenz der hier ausgesprochenen 
Meinungen der beiden betheiligten Autoren kamt nur durch weitere 
einschlägige Untersuchungen behoben werden. (Nach Ansicht des 
lief, dürfte die von Scholtz ausgesprochene Meinung hinsicht¬ 
lich der relativen Unbedenklichkeit der postgonorrhoischen Urethri¬ 
tiden etwas zu optimistisch sein, andererseits kann aber auch die 
Annahme, dass der Loukocytengehalt der Filamente ein iiiaass- 
gebendes Kriterium für die infektiöse Natur der restirenden Pro¬ 
zesse darstelle, keineswegs ohne Weiteres als richtig anerkannt 
werden.) (Ibid. Bd. 55.) 

Die histologische Untersuchung eines Falles von Sklero- 
dermia circumscripta ergab Zn ruh in einen Befund, der am 
meisten übereiustimmt mit der von Unna gegebenen Schilderung 
seiner „kartenblnttähnlichen Form“ der Sklerodermie. Hinsicht¬ 
lich der Details ist auf das Original zu verweisen. (Ibid. Bd. 55.) 

Matzenauer bringt eine umfangreiche und interessante 
Studie zur Aetiologie des Hospitalbrandes. Diese Erkrankung 
ist keineswegs, wie Manche glauben, seit der autiseptisclien Aera 
ausgestorben, sondern kommt auch heute sporadisch vor, allerdings 
in Folge der allgemein geübten Antisepsis in meist nur leichteren 
Erscheinungsformen (am häufigsten in der Genital- und Anal¬ 
region). Die sogen, diphtheritischeu und phlyktänisclien Ge¬ 
schwüre, welche beide schlechthin auch wohl als gangränöse Ge¬ 
schwüre bezeichnet werden, gehören zur Nosokomialgangrän und 
stellen deren sogen, pulpöse und ulceröse Form dar. Histologisch 
charakterisirt sich die Erkrankung als ein Entzüiulungsprozess. 
der frühzeitig zur Koagulationsnekrose des Gewebes führt. Der 
Hospitalbrand ist wahrscheinlich durch einen amierobeu Bazillus 
bedingt, dessen Reinkultur bis jetzt nicht einwandfrei gelungen 
ist, der jedoch konstant und meist in reichlichen Mengen in den 
Gewebsschnitten progredienter Geschwüre nachweisbar ist. Für 
die Behandlung haben siel» besonders Jodoform, Jodtinktur Karbol¬ 
säureinjektionen in das angrenzende Gewebe bewährt. (Ibid. 
Bd. 55.) 

Ein von Pospelow niitgetlieilter Fall: Syphilis der 
Enkelin, beweist klar, dass die Syphilis der 2. Generation mög¬ 
lich ist. unbehandelte Syphilis beim Grossvater sieh auf Enkel 
und selbst Urenkel vererben kann. Diese Syphilis des Enkels 
kann sielt nielit nur in verschiedenen Dystrophien, sondern auch 
in gummösen Formen ütisscrn. Von grosser Bedeutung für die 
Diagnose der hereditären Syphilis sind die II u t e li i n s o n'sclien 
Zähne. (Ibid. Bd. 55.) 

Als praktisch wichtigste Folgerung fortgesetzter Beobacht¬ 
ungen über Lungenembolie bei Injektion von unlöslichen Queck¬ 
silberpräparaten hat sich M ö 11er die Thatsnche ergeben, dass 
dieser Unglficksfall einer Lungenembolie sich vermeiden lässt, 
wenn man genau darauf Acht gibt, dass keine Blutung durch die 
Kanüle, noch auch Verwölbung des Kaniileuiulialtes statttindet. 
Man wird also auch weiterhin bei entsprechender Vorsicht diese 
Methode, welche wegen ihrer Bequemlichkeit. Reinlichkeit und 
therapeutischen Wirkung für die ambulante und poliklinische 



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MÜENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. s. 


Praxis kaum zu entbehr«*» isl, anzuw«‘ii(l«-n «lurehaus b«*r«*cbtigt 
sein. 1 1l>i«l. B«l. 55.» 

11 ii tr «• 1 und Holzhäuser liahon ihre Y<*rsn«-lie mit 
Syphilisimpfungen am Thiere (Schwein) 1'ortgcsHzt und berichten 
über die bisherigen Ergebnisse. Von 4 Versuchst liieren zeigten 
drei nach längerer Inkubation papulöse Eftloreszenzen, welche 
von. den Verfassern als syphilitische Symptome aufgefasst werden, 
einmal auch indurirte Lymphdriisen. Es soll nun weiterhin der 
Versuch gemacht werden, von den in dieser Weise intizirten 
Thieren Nachkommenschaft zu erreichen, tlbid. Kd. 55.» 

Han 7 . berichtet über einige Fälle von gonorrhoischer In¬ 
fektion präputialer Gänge und theilt den Befund der mikro¬ 
skopischen rntersuchnng mit. Von besonderem Interesse er- 
seheint uns «ler dritte und letzte Fall, welcher den Beweis der 
spontanen Ausheilung eines gonorrhoisch intizirten Hanges er¬ 
brachte. Vielleicht findet «li« i s«> Heilung ihre Erklärung durch di«* 
therapeutische Anwendung heisser l.okalbäder. (Ibid. Bd. 55.» 

ln einem von 1* li i 1 i ppsp u niitgetheilten Fall»* von Darier- 
sehem Tuber kn-Ud- tVentgSTens entsprach der Fall vollkommen 
«ler unter «lies« in Namen besclirh'benen llautläsioni ist «*s dem Ver¬ 
fasser gelungen, di«* Pathogenes«* der lluul.Veränderungen genauer, 
als bisher, lest zustellen. Für den vorliegenden Fall war j«*d«*n- 
falls als Ausgangspunkt der Knotenbihlung eine P h l e b i t i s 
nodularis neerotisans anzuspreehi*n. Ob «lies«* Patho¬ 
genese für alle älmlieln-n Fälle von Tuberkulid giltig ist, ist ja 
damit noch keineswegs erwiesen, wahrscheinlich dürfte ein solcher 
Zusammenhang immerhin sein. Für den sicheren Nachweis der 
Tuberkulosenatur der sogen. Tuberkulide ist die histologisch«* 
Fntersuchung oft nicht ausreichend. Zu diesem Zwecke empliehlt 
Ph. daher dringend, das Thierexperiment heranzuziehen. (Ibid. 
Bd. 55.) 

In einer umfangreichen, auf zahlreiche Beobachtungen an der 
Bonner Klinik sich stützenden Arbeit bespricht (Ironveti «len 
Pemphigus chronicus in seinen verschiedenen Varietäten als 
Pemph. vulgaris, foliaceus, und vegetans, sowie die Dermatitis 
herpetiformis (D a h r i u g). Die Arbeit eignet sich wenig zu einem 
Keferat. Von Interesse war mir «ler Umstand, dass der mikro¬ 
skopische Befund eines mitgetheilten Falles von Dermatitis 
herpetiformis mit den dem Pemphigus vulgaris zukommeuden 
histologischen Veränderungen sich dermaass«*n deckt, dass jeden¬ 
falls keiu prinzipieller Unterschied gegeben erscheint, welcher uns 
zwingen würde, die Dermatitis herpetiformis aus dem Unionen 
«les Pemphigus zu entfernen. Auch sonst bietet die Arbeit sowohl 
in den zahlreichen detaillirten Kraukenbeobaehtungeu, als auch 
in deren epikritischen Erörterungen viel Interessantes. (Ibid. 
Bd. 55.) 

Neuerdings wurde von Ii o n a und Anderen darauf liiugc- 
wieseu, dass wir mit mehreren Formen der Epidermolysis bullosa 
liereditaria zu rechnen haben, deren engere Zusammengehörigkeit 
nicht über jeden Fall erhaben ist. Auch Bettmann, der 
über einen Fall der dystrophischen Form der Epidermolysis 
bullosa hereditaria berichtet, und denselben nach der klinischen 
und histologischen Seite hin eing«*liend stmlirt hat. glaubt in dieser 
Frage vorläufig einen abwartenden Standpunkt einuebmeu zu 
müssen. Die dystropliiselie Form üussert sich bekanntlich durch 
llinzutreten von llaututrophien. llorneysteubildungen und Nägel- 
Verkümmerung. Interessant ist der beobachtet«* Fall in ätio- 
logiseher Beziehung. Streng genommen war die Epidermolysis 
nicht hereditär zu nennen, insoferne die befallenen Individuen die 
erst«* Generation repräsentireti. Wohl aber hatte die Mutter (mit 
einem blutsverwandten Manne verheirathet) mit einem atrophi- 
sir«*ml«*n Hautprozesse zu tliun, der sich in seinen wesentlichen 
Erscheinungen bei der Erkrankung der Kinder wiederholt. (Ibid. 
Bd. 55.) 

Hunzett beschreibt einen neuen Fall von Impetigo herpe¬ 
tiformis (Hebra) beim Manne, und den Fall einer Frau, die be- 
l-cits zweimal im Anschluss an Graviditäten Impetigo herpetiformis 
«lnrchgemacht hatte. Nachdem bis heute 8 Fälle beim Manne, 
1 bei einem nicht schwangeren Weibe beobachtet sind, und die 
Charakteristik der Symptome an der IUchtigkeit der Diagnose in 
diesen Fällen keinen Zweifel gestattet, ist man wohl nicht mehr 
berechtigt, die Impetigo herpetiformis als eine Schwangerschaft»* 
«•rkrankung anznseli«*n, wohl aber mag die Gravidität als ein be¬ 
günstigendes Moment anzusehen sein. Zum Schlüsse gibt G. eine 
ausführliche Besprechung der differentiellen Diagnose. (Ibid. 
Bd. 55.1 

II a 1 p e r n spricht sich für eine allerdings nicht schematisch 
zu übend«* chronisch-lntermittirende Behandlung der Syphilis im 
Sinn«* von Fournler, Neisser u. A. aus. Er glaubt einige 
Indikationen zur Erneuerung der antisyphilitischen Behandlung 
angeben zu können, weist auf gewisse niehtsyphilitische patho¬ 
gen«* Erscheinungen in der Latenzperiode hin. welche die Schutz- 
täliigkeit des Organismus herabzusetzen im Stande sind und plä- 
«liit für die Berücksichtigung derartiger Erscheinungen. Feste 
Itegeln in di«*ser Hinsicht aufzustellen ist aber Verfasser keines¬ 
wegs in der Lage, so dass auch wir nicht im Stande sind, aus den 
sehr allgemein gehaltenen und auch keineswegs gesichterten Er¬ 
wägungen desselben einen wesentlichen praktischen Nutzen zu 
ziehen. (Ibid. Bd. 55.) 

Seilei hatte die Gelegenheit, einen Fall von Pityriasis 
rubra Hebra zu beobachten und histologisch zu untersuchen. 
Auf Grund seiner Befunde defintrt er die Pityriasis rubra als 
«■inen progressiven mit wesentlicher Degeneration der Cutis ver¬ 
bundenen Krankheitsprozess, der in seinem histologischen Ver¬ 
halten (Elacin, Collacin) viel Aehnllchkeit mit den beim Pruritus 
senilis bezw. bei der senilen Cutis auftretenden Degenerations¬ 


prozess«'» zeigt. Bezüglich eines eventuellen Zusammenhangs «ler 
Pityriasis rubra mit Tuberkulose fehlten in dein mitgetheilten 
Falle alle positiven Daten. (Ibid. Bd. 55.» 

Don Beiträgen Boegehold’s: Zur Pathologie der Luee, 
«Mitnehme ich als wichtigste Schlussfolgerung, dass in einer aller¬ 
dings b«*s<hränkt«*n Anzahl von Fällen nach einer Infektion mit 
Produkten d«*r sekundären Syphilis innerhalb weniger Tage post 
c«»itum ein weiches Ulcus auf tritt, welches welch bleibt, nach etwa 
14 Tagen unter geeigneter Behandlung heilt, und doch von allge- 
meiner Lucs gefolgt ist. Dagegen tritt das 3—4 Wochen post in- 
fectionem sich zeigende Ulcus immer als Sklerose auf und ist 
immer von aUgeni«‘incr Lucs gefolgt. In anderen Fällen iiidurirt 
<*in ursprünglich weiches G«*schwür erst nach 3—4 Wochen, un. 
dann von allg«*meiner Syphilis gefolgt zu sein. (In «len vom 
Autor erwähnt«*!! Fällen ist wohl das weiche und weich bk*ilK*nde, 
wie au«*h das weiche und später ludurirende Geschwür nie ein 
weicher Schanker mit dem spezifischen bazillären Befunde 
Ducrey's gi-wcscn.i (Ibid. Bd. 55.) Kopp. 


Vereins- und Congressberichte. 

Verein für innere Medicin in Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 17. Februar 1902. 

Herr A. Fraenkel widmet als Vorsitzender d«?m vor 
Kurzem verstorbenen Ehremnitgliede des Vereins, Herrn 
v. Z i e m s s e n in München, warmempfundene Worte dee Nach¬ 
rufs. Er feiert in ihm den stets auf das Praktische gerichteten 
Sinn, der auf diesem Wege in der Medizin und öffentlichen Ge* 
sundli« itspflcge so Hervorragendes geleistet. 

Herr Zinn demonstrirt eine Patientin, bei welcher er 
Karzinom der Flexura sigmoidea dlagnostizirte und mit Glück 
hatte op«*riren lassen. 

Diskussion zum Vortrage des Herrn Kaminer: 
Ueber die jodophile Substanz in Lenkocyten. 

H«*rr Paul Lazarus hat auf der Leyde n* sehen Klinik <lie 
Affinität des Blutes zum Jod näher untersucht, und kommt zu dem 
Resultate, dass «las Auftreten von jodopbilen Körnchen in den 
Lenkocyten eine häufige Begleiterscheinung von Infektiouskrank- 
heiten darstellt. 

Herr L. Michaelis: Derselbe hält diese Körnchen für 
Glykogen, wenn der Beweis auch noch nicht sicher erbracht sei. 

Im Uebrlgen ist er der M«*inung Kamine r’s. 

Diskussion zum Vorträge des Herrn Munter: lieber 
Hydrotherapie der Tabes. 

Herr K a n n - Oeynhausen, Herr Munter. 

Herr Mosse: Zur Kenntniss der experimentellen Blei¬ 
kolik. 

Nach Harnaek äussert sich die Bleikolik bei Thieren in 
bestimmten Darmerseheinungen, bestehend in Durchfällen und 
Darmkontraktion. M. hat nach dem Vorgänge von Harnaek 
bei Kaninchen durch subkutane Einspritzung von essigsaurem 
Bleitriäth.vl Bleikolik horvorgerufen und in 10 Fällen eine ge¬ 
naue anatomische Untersuchung des Ganglion cooliacum ge¬ 
macht — mit dem Ergebniss, dass konstant Veränderungen in 
den Zellen des Ganglion coeliacum beobachtet wurden. Währen«! 
in der Norm ein „Ringzellen“-Typus zu konstatiren ist und ein 
deutlicher Unterschied zwischen den gröberen Schollen in der 
Peripherie und den zentralen Partien der Zellen zu machen ist, 
zeigt sich bei den Thieren mit Bleikolik Seitenstellung der chro¬ 
matischen Substanz; in vielen Zellen geht Peripherie und Zen¬ 
trum unmerklich in einander über. 

Eine Untersuchung des Ganglion coeliacum wurde vor¬ 
genommen, einmal, weil einige Beobachtungen am Menschen auf 
dieses Ganglion hinwiesen, und weil Quetschung oder Exstirpa¬ 
tion des Ganglion gewisse Folgeerscheinungen mit sich bringt, 
die mit der experimentellen Bleikolik einige Aehnlichkeit haben, 
nämlich Zunahme der Peristaltik und starke Durchfälle. Aehn- 
liche, wenn auch nicht so hochgradige Veränderungen, wie hei der 
Bleikolik traten nach subkutaner Anwendung von Ber¬ 
ber i n u m sulfuricum auf, das ähnlich wie das Blei 
Durchfälle und Darmkontraktion hervorruft. 

Weiterhin gelang der chemische Nachweis von Blei bei der 
gemeinsamen Untersuchung d«?s Ganglion von drei Thieren, ein 
Ergehniss, das in Rücksicht auf die Versuche von Hans Meyer 
cs möglich erscheinen lässt, dass da9 Blei auch auf dem Woge der 
sympathis«*hen Nerven zum Zentralnervensystem gelangt. 

Hans Eohn. 


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25. Februar 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 331 


Gesellschaft der Charite-Aerzte In Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 13. Februar 1902. 
Festsitzung zur Vorfeier des Geburtstages 
des Gehei in rath Pro f. K ü n i g. 

1. Herr Schaper begrüsst Herrn König und liebt dessen 
Verdienste um die Entwicklung der chirurgischen Klinik in der 
Charite hervor. 

Herr König dankt und betont die Unterstützung, die er 
ln*i der Neueinrichtung der Klinik von der leitenden Stelle, ins¬ 
besondere von Herrn A 11 li o f f erfahren habe. 

2. Herr Martens: Ueber Knochen- und Gelenkverändc- 
rungen bei Tabes. 

Das Rüutgenverfahren ist ein ausgezeichnetes Mittel, um 
schon am Lebenden die Veränderungen am Knochenapparate bei 
Tabes, die Verschiebungen, Zertrümmerungen und Wucherungen 
d«*r Theile, zu erkennen. Die grosse Knochenbrüchigkeit bei 
Tabeskranken führt zu den sogen. Spontanfrakturen, bei denen 
vielfach nach einem geringfügigen Trauma der Knochen aus¬ 
gedehnt zerbrochen gefunden wird, wie wenn eine schwere Ge¬ 
walt eingewirkt hätte. Besonders häufig sind die Knöehelbrüehc. 
Vorstellung einer 43 jährigen Frau, bei der doppelseitige Knöehel- 
brüehe als Frühsymptome der Tabes auftraten. Die veränderten 
Gelenke werden mit Stützapparaten behandelt und gaben nur in 
einem Falle von Tabes incipiens und Kniegelenksveränderungen 
Anlass zur Resektion mit dem Erfolge einer Konsolidation der 
Knoohentheile. Demonstration von Röntgenbildern mit dem 
Epidiaskop. 

3. Herr Pels-Leusden: Vorstellung zweier Fälle von 
Knochengeschwülsten. 

a» Eines 33 jährigen Mannes, der sieh heim Aufstellen aus 
dem Bett den Obersehenkellials gehrochen liattte. Da die Fraktur 
ideht heilte und im Röntgenhild ein Schwund des Schenkelhalses 
und -Kopfes festgestellt wurde, wurde operirt und ein in y e I o 
g e n e s R I e s e n z e 11 e u k a r z i n o in gefunden. Exartikulation 
und Heilung, b) Eines Falles von Augios a r k o in des 4. Meta- 
karpus mit Verbreitung in der Selmenselieide. 

4. Herr Wegner: Demonstration a) eines Falles von 
Quetschung des Thorax mit venöser Stauung. 

Durch Einklemmung unter einen Strasseiibalinwagen waren 
entstanden: Basisfruktur. perikarditisches Exsudat. Bruch der 
r>. Rippe und eine ausserordentlich starke eyanotische Verfärbung 
und Gedunsenheit an lvopf und Hals, die sieh mit einem ziemlich 
scharfen Rande an den Schultern absetzte und wahrscheinlich ver¬ 
ursacht war durch eine Stauung des Blutes in die Venen des 
Kopfes und Halses, wobei die Kleidungsstücke einen Gegendruck 
ausiibten. 

Diskussion: Herr Stalir tlieilt mit. dass 1N73 hei einem 
grossen Meiisehengedriinge eine ganze Anzahl verunglückter Per¬ 
sonen in die chirurgische Klinik eingeliefert wurden, die in ähn¬ 
licher Weise durch ausgedehnte Blutaustritte und Blutstauungen 
das Aussehen von Negern erhalten hatten. 

hi eines Falles von paralytischem Spitzfuss, hei dem durch 
keilförmige Ausmeisselung am Fussriicken eine gute Funktion 
erhalten wurde. 

.1. Herr Dobbertin: Bericht über einen Fall von inter- 
mittirender Pyonephrose hei einem 37 Jährigen Mann. Vor 
io .1 nliren Cystitls, seit 2 Jahren kolikartige Schmerzanfälle mit 
friilHUii I rin, die ln letzter Zeit in Zwischenräumen von 4 lös 
Tagen auftraten und 12 Stunden dauerten. In der Zwischenzeit 
war «ler Urin klar. Pystoskoplseh wurde die Blase frei gefunden: 
der linke Ureter erweitert, im oberen Theil für die Sonde umlurcli- 
giingig. lieferte keinen Urin, der rechte klaren Urin. Der trübe 
Drlu enthält mir Eiterzcllen. keine Tuherkelhazillen, Steine nie ge¬ 
funden. Die Diagnose ..Pyonephrose mit Abkniekmig des Ureter“ 
durch <li«‘ Operation bestätigt: Demonstration der exstirpirteu 
Ni, re. 

<i. Herr Graf: Vorstellung zweier Fälle von ausgedehnten 
Phlegmonen, «lie «lureli ausgiebig«* Inzisionen geheilt wurden. 

K. Brau «1 e n b u r g - Berlin. 

Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 26. Oktober 1901. 

Vor Eintritt In die Tagesordnung demonstrirt Herr Friedrich 
Haenel eine 10 kg schwere multilokulare Ovarialzyste, welch«* 
«*r lief einem 5 jährigen Mädchen operativ entfernt hat. Heilung. 

Tagesordnung: 

Herr Cahnheim: Lepra auf der Insel Creta. 

Sitzung vom 2. N o v e in b e r 1901. 

Vor der Tagesordnung stellt Herr Plettner zwei Patienten 
vor. 


Im ersten Falle iinnd«*lt es sich um einen Kuala*», welcher an 
linksseitigem Leistenhoden.litt, der ziemlich lebhafte Beschwerden 
verursachte. Gleiehzeitig h«*stan<! scheinbar eine Ilydrocele t«*stis 
«*t. funieuli sp«*nnati«*i. Es gelang in Folge dessen nicht, filier die 
Beschaffenheit des Hodens in’s Klar«* zu kointnen. Um so mehr 
wurde zur Op«*rati«in gerathen. Hierbei zeigte si«*li nun. dass «lii* 
vermeintlich«* Hydiwele eine angeborene Leistenhernie war. Im 
Bru«-hsa«-k lag der am Saineiistrang nach «dien hinaufgcs<*hlag«*iic. 
nicht weseutlieh verkleinerte Hod«*n und « in Siiick niiverwaehseims 
Netz. Es war »lässig viel Bruehwasser vorhanden. Der Sanien- 
strang war im Wesentlichen geschlossen und nur einige kleiner«* 
Gefnsse verliefen in der «»bereu hinteren Bruchsaekwand. Nach 
R«‘pnsili<iu des Netzes wurde ein mit der Basis am äusseren, mit 
seiner Spitze am inneren Leistenring g«*lcg«*in*r Keil aus der vor- 
<l«*reii Wand des Bruchsaekes herausgesehnitteii und «ler übrig 
bleibende Theil des Bruchsackes über dem stark herahgezngeuen 
Samenstrang vom inneren Leistenring angefangen f«*st vernäht. 
IIi«*rdurcli gelang es. «len Hoden Dis vor die äussere Is*ist«‘niiffiiuug 
zu treiben. Alsdann wurde die m«*nihranöse Verbindung des. wie 
gesagt. na«*li oben geschlagenen Hodens mit dem Saineiistrang 
durch das M«*ss«*r g«*tr«*iiiit und dadurch «»ine so wesentliche Ver¬ 
längerung des Sa menst langes herli«*ig«*führt. «lass «ler Hoden ohne 
Zerrung am Grunde «les Ho«l«‘iisackt*s mit einer Seidennaht bo- 
festigt werd«*n konnte. I.«*tzter«s geschah in bekannter Weise durch 
Umstülpung des Hod«*nsa«kes nach Verlängerung «les Haut¬ 
schnittes. Alsdann wurde der L«*isti*nkanal und die Haut durch 
Etageniiälite (Seid«*!) ohne Drainage geschhissen. Sämmtliche 
Nähte wurth'ii fortlaufend angelegt. Die s«*it ein paar Woeh«*n 
lM*stehen«le Heilung zeigt «l«*n Hoden zwar nicht nu*hr der unteren 
Wand «l«*s Skrotums anliegend. doch alter «*twa 2 Finger breit 
unterhalb des iiusseren Leistenringes. 

Im zweiten Falle handelt es sich um ein«* Pseudarthrose ht*i 
einem 2S jährigen Herrn. Die Verletzung lag Jahr zurück, als 
der Patient zur Beobachtung und Behandlung kam. Es bestand 
massige Dislocatio ad longiludii.« in und ad axiu neben ziemlich 
stark«*r I\no«*h«*iiverdiekuiig und «*ntspr«*cln*iuler. übrigens sehmerz- 
loser Beweglichkeit an der Bruchstelle, die in d«*r Mitte «les linken 
Oherarms gelegen war. Als eine in«*hrwöchige Behandlung der frag¬ 
los stationär g»*word«*in*ti Pseudarthros«* mit tixiremlen Verbändeti. 
mit Friktion der Briu-heiiden. Einspritzung von Karhnlsäure. Stau¬ 
ung u. dergl. keinerlei Resultat gezeitigt hatte, wurde v«*rsuchsweis,. 
ein«* Injektion von 1 ccm einer löpmz. Jodiiform-til.vz«*riii-Eniulsi« n 
in das wei«*he Zwis«-ln*ng« wein» der Frakturen«h*n gemacht. Es 
stellten sieli lebhafte, innerhalb zweier Tag«* allmählich abklingeinle 
S«-hmerz«Mi ein. Nach «*in«*r Woelie wtmlcti an melirer«*» Stellen 
in die Zwiscln*usuhstanz im Ganzen 2 ccm der gleichen Lösung 
injizirt. Schon 14 Tage nach der ersten Injektion Hess sieh 
deutlich eine wesentliche Abnahme d«*r Beweglichkeit an der Bruch¬ 
stelle nacliweiseii. Eine dritte Injektion von 2 ccm war die letzt«*, 
da nn«*h Verlauf voll 3>/, Wochen, von der ersten Injektion an ge¬ 
rechnet. di«* Frakturstelle kaum noch federte. 2 Monate nach 
Ih'ginn der Jo«loform-(?l.vzerin-lnj«*kt.ionen war vollkommene Kon¬ 
solidation mit Sicherheit iiaehzuw«*is«*n. Währeml d«*r Behandlung 
war «ler Arm übrigens am Thorax tixirt unter möglichster B«*sei- 
tigung «ler Deformität. 

Redner fordert auf Grund dieses günstigen Erfolg«*s zu wei¬ 
teren V«*rsu«*hen auf und glaubt, dass sol«*ho Fälle von Psetnl- 
arthrosc für die Methode sich eignen, welche nicht durch Versagen 
d«*r Uallusauss<*hwitzung. sondern «lureli Ausbleiben der 
V <* r k n ö eher u n g d«*s Ualhis und durch Interposition von 
Muskeltheih'n hervorgeruf«*« sind. Im vorgestellten Falle l)li«*l> 
j«*il«*ufalls ein«* Volumzunalime «l«*s C’allus aus und <*s entstand der 
Eindruck, als ol> «lureli «li«* Wassereiitziehung mittels des Glyzerins 
und «l«*n längere Zeit aiihalt«>iid«*u Reiz «l«*s Jodoforms eine Ver- 
kn<'icli«»rung der Zwischensubstanz lieris*ig«*führt würde. 

Herr Schmorl tlieilt Beobaclitungcn mit, «lie sieh auf «lie y/ 
Prädilektionsstellen der beginnenden Lungentuberkulose beziehen. 7\ 
Sie bestätigen im Wesentlichen die Ansichten von Birch - / 

II i rseli f eld. (Ist in No. 50. 1901 d. W. erschienen.) 

Tagesordnung: 

1. Herr Beyer: Das Verhalten des löslichen Silbers im 
Körper. 

Im Jahre 1897 hatte Credo auf dem Moskauer Congresse 
zum ersten Male über die Einwirkungen des löslichen Silbers 
Mittheilung gemacht. Die überraschende Thatsaehe, mit Hilfe 
dieses bis dahin unbekannten Körpers infektiöse Erkrankungen 
erfolgreich bekämpfen zu können, wurde vielfach nachgeprüft 
und theils bestätigt, tlieils bestritten. 

Mittlerweile ist die Literatur über diesen Gegenstand recht 
umfänglich geworden. Es sind viele hundert Krankengeschichten 
und zwar von sehr verschiedenen Aerzten veröffentlicht worden, 
die über günstige Erfolge berichten. Doch hat dies nicht, genügt, 
um alle Einwände zu beseitigen, jeden Zweif«*l zu liehen. D«*r 
Grund dafür ist naheliegend. 

Alle Beobachtungen an Kranken schilderten lediglich Er¬ 
folge, die nach Anwendung dos Mittels eintraten und nach der 
| subjektiven Ansicht, «les Autors durch Silber bedingt waren. AW 
i nur eine verschwindend geringe Anzahl suchte durch exporimen- 


\ 



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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHEN SCHRIET. 


N<». S. 


332 


teilen Nachweis die Wirkungsweise aufzukliireu. Es lag dies 
durchaus nicht an einem Mangel an Forschungseifer, wenngleich 
derartige Untersuchungen nur langsam zu einem Ziele führen. 
Ein anderer Umstand war ausschlaggebend: mit Hilfe der ge¬ 
bräuchlichen Methoden waren nur wenig zuverlässige, wider¬ 
sprechende, oft sogar nur völlig negative Ergebnisse zu erzielen. 
Solange aber die Kenntuiss über das lösliche Silber unvoll¬ 
kommen war, hatte ein abwiigender Skeptizismus seine Berechti¬ 
gung-. 

Die günstige Wirkung des löslichen Silbers Ihm septischen 
Erkrankungen habe ich sehr oft gesehen und ich hätte es bedauert, 
wenn lediglich die Unkenntniss von dem physiologischen Ver¬ 
halten des Mittels seine Anwendung gehindert hätte. 

Für die am Krankenbett gewonnenen Erfahrungstatsachen 
auch theoretische Grundlagen zu schaffen und aus diesen beson¬ 
dere Indikationen abzuleiten, hatte ich mir als Aufgabe gestellt. 

Das Ergebnis« dieser mehr als vierjährigen Arbeit möchte 
ich Ihnen heute mittheilen, indem ich Ihnen unter Berücksich- 
tigung der vorhandenen Literatur ciu«u Ueberbliek iil>er die 
zur Zeit bekannten Thatsachen von dem Verhalten des löslichen 
Silbers im gesunden und erkrankten thierischcn und mensch¬ 
lichen Körper gebe. 

Ehe ich näher auf die Untersuchungsresultate eingehe, 
möchte ich den Weg schildern, mit Hilfe dessen ich dazu ge¬ 
langte. 

Werden einem Thiere grössere Mengen einer Silberlösung 
in die Blutbahn eingeführt — etwa einem Kaninchen von V/> kg 
1 g Silber in 1 proz. Lösung —, so gelingt es, Silberkörnehen in 
manchen Organen mikroskopisch nachzuweisen. Man muss aber 
zu diesem Zwecke das Thier kurz nach dem Versuche tödten und 
das in den Organen eingelagertc Silber durch geeignete Mittel 
(Kochsalzlösung, Alkohol oder Erwärmen) zur Ausfüllung 
bringen. — Man findet dann Silber nachweisbar in der Leber, 
der Milz und dem Darm. Nicht gefunden habe ich es in der 
Niere, obwohl es hier, wie spätere Versuche ergaben, vorhanden 
sein musste. 

Dem mikroskopischen Nachweis hafteten sehr viele Mängel 
an. So mussten sehr grosse Mengen Silbers verwendet werden 
und, da dies in Lösung geschah, bekam das Thier einen im Ver¬ 
hältnis« zu seiner Gesammtblutmenge grossen Flüssigkeitszu- 
wachs. In Folge dessen entsteht eine „Reckung der Gefässe‘% 
ein pathologischer Zustand, durch den die zur Beobachtung ge¬ 
langenden Erscheinungen hervorgerufen oder abgeändert sein 
könnten. 

Ferner hatte man nur ein vom Zufall abhängiges Bild da¬ 
rüber, ob in einem Organ viel oder wenig Silber abgelagert wäre. 
Sowie cs sich aber um Untersuchungen in der Richtung han¬ 
delte, wie lange z. B. Silber in einem bestimmten Organe fest¬ 
gehalten wird, liess die Methode der mikroskopischen Unter¬ 
suchung völlig im Stich. Oder sollte man selbst bei scheinbar 
positivem mikrochemischen Verhalten abgelagerte Pigmentkörner 
immer für durch die Blutbalm eingeführtes Silber halten? 

Hier musste die chemische Untersuchung der Organe unter¬ 
stützend eintreten. Leider aber erwiesen sich auch hier die zum 
Nachweis des Silbers gebräuchlichen analytischen Verfahren als 
unzureichend. Wurden die Organe verascht und der Rückstand 
untersucht, so war Silber nur nachzuweisen, wemi sehr grosse 
Mengen vorhanden waren; für feinere Untersuchungen blieb 
dieser Weg unbrauchbar. Herr Prof. Dr. Kunz-Krause 
an der hiesigen thierärztlichen Hochschule, den ich um Rath 
ersuchte, arbeitete eine neue Methode aus, mit Hilfe deren es 
gelingt, Silber in Körj>erorganen. selbst in feinsten Spürchen 
nachzuweisen und zu identifiziren. Diejenigen Herren, welche 
sich für Einzelheiten interessiren, finden ausführliche Mittheiluug 
darüber in der Augustnummer der Therapeutischen Monatshefte 
vom verflossenen Jahr. 

Allein mit Hilfe dieser Methode ist. es möglich gewesen, 
einwandfreie Ergebnisse zu erhalten und ich möchte an dieser 
Stelle nicht verfehlen, Herrn Prof. Dr. Ivunz-Krause für 
seine freundliche Unterstützung meinen Dank auszusprechen, 
ebenso wie Herrn Dr. Lange, der sich im Laboratorium des 
Herrn Prof. Kunz-Krause der sehr mühsamen und zeit¬ 
raubenden Untersuchung der Organe unterzog, die sich bei grös¬ 
seren Organen über Monate hinzieht. 


Bei der klinischen Beobachtung und bei Versuchen hat mich 
Herr Prof. Dr. Röder durch vielfache sehr werthvolle An¬ 
regungen und Hinweise zu besonderem Danke verpflichtet. 

Die Aufnahme des Silbers in den Körper kann in einfacher 
Weise erfolgen: 

1. durch Einreibung in die Haut, 

2. durch subkutane, 

3. durch intravenöse Einspritzung, 

4. durch den Verdauungskanal. 

1. Inwieweit überhaupt eine Resorption von wasserlöslichen 
Stoffen durch die unveränderte Haut möglich sei, ist der Gegen¬ 
stand vieler Abhandlungen gewesen. Für manche Körper ist 
der Nachweis einer Aufnahme erbracht, z. B. für Jodkali (vergl. 
V. L i o n, Die Resorptionsfähigkeit der Haut für Jodkali. Fest¬ 
schrift l’ür Kaposi 1901.). Dass auch bei Einreibungen in 
die Haut Silber resorbirt wird, ist an sich schon durch zahlreiche 
therapeutische Erfolge nicht zweifelhaft. Auch der chemische 
Nachweis des Silbers in inneren Organen nach häufig fortge¬ 
setzten Einreibungen ist erbracht worden. So fand, wie im 
Jahresbericht der Dresdener gynäkologischen Gesellschaft von 
1900 mitgctheilt ist, Herr Dr. Kl im in er Silber in den Or¬ 
ganen einer Frau, die auf der Abtheilung des Herrn Hofrath 
Osterloh im hiesigen Stadtkrankenhaus mit Einreibungen 
behandelt worden war. 

Ueber die Art und Weise, in welcher Silber durch die mensch¬ 
liche Haut aufgenommen wird, vermag ich Ihnen keine Einzel¬ 
heiten anzugeben. Ein mir befreundeter Kollege, der sich die 
Beantwortung dieser Frage zur Aufgabe gemacht hatte, ist trotz 
eifrigen Forschen« zu keinen Ergebnissen gelangt. Man findet 
auf Schnitten Silber in den oberen Epidermisschichten in den 
Ausführungsgängen der Schweiss- und Talgdrüsen und um die 
Haarbälge. Ein einziges Mal sah ich auch Silberpigmentirung 
in den unteren Schichten des Coriurn. — Auch Prof. Baginsky 
konnte sich bei mikroskopischer Betrachtung von Haut über¬ 
zeugen, dass die Salbenfragmentc die Schichten der Epidermis 
vielfach durchdrungen hatten (Therapie der Gegenwart 1900, 
No. 6). Anscheinend kommt das mechanische Moment der Ein¬ 
reibung nicht allein in Frage, sondern es findet unter günstigen 
Bedingungen auch ohne dieses eine Resorption statt. So fand 
ich eine sehr augenscheinliche Einwirkung von Silber bei einem 
nur wenige Wochen alten, an schwerer gangränöser Phlegmone 
erkrankten Kinde. Da zugleich starker Pemphigus bestand, 
konnte eine Einreibung nicht stattfinden. Dafür wurden die von 
der Oberhaut entblössten Stellen mit Silbersalbe bedeckt und 
von da aus schien — wenn man den augenscheinlichen Erfolg 
als beweisend ansieht — eine gute Aufsaugung stattzufinden. 

2. Die subkutane Einspritzung hat aus zwei Gründen wenig 
Verwendung in der Therapie gefunden. Einmal findet eine Re¬ 
sorption nur langsam statt und dann kann man nur verhältniss- 
mässig kleine Mengen einführen. Immerhin ist dieses Ver¬ 
fahren therapeutisch brauchbar. Denn wie ich in Ueberein- 
stimmung mit anderen Beobachtern behaupten kann, findet eine 
Resorption des Silbers statt. 

Acht Tage nach einer Injektion konnte ich bei einem Kanin¬ 
chen an der Einspritzungsstelle unter der Haut weder bei mikro¬ 
skopischer noch chemischer Untersuchung Silber nachweisen. — 
Wie ausserdem von anderer Seite festgestellt ist, wird sub¬ 
kutan verabfolgtes Collargolum mit dem Kothe ausgeschieden 
(K limme r). Aber nicht allein hierdurch, sondern auch durch 
Einwirkung auf den erkrankten Körper ist eine Aufnahme des 
subkutan verabfolgten Silbers in die Blutbahn zweifellos. 

3. Um Silber durch den Verdauungskanal aufnehmen zu 
lassen, gibt man es am besten mit Zusatz von Gummi arabicum- 
Schleim oder Eiweiss. Durch diese Mittel wird eine Umwand¬ 
lung des eolloidalen Silbers in die unlösliche Modifikation ver¬ 
hütet. 

Inwieweit eine Aufnahme des Silbers auf diesem Wege statt¬ 
findet, darüber felüt mir ein auf eigener Anschauung begründete-; 
Urtheil. Dass aber eine solche möglich ist, darüber geben die 
Untersuchungen von Herrn A. Kl immer sehr vielfache An¬ 
haltspunkte. So wird Silber vom Magen und Darm ohne jede 
Störung vertragen und, was ausserordentlich wichtig ist, durch 
den Verdauungsprozess nur wenig verändert. Ja, ein sehr 
grosser Prozentsatz, im Mittel etwa 50 Proz., wird im Kothe 
in kolloidaler Form ausgeschieden. Dieser Umstand würde eine 
Resorption vom Darm aus nicht unbedingt ausschliessen. 


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26. Februar 1902. 


MUENOHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


333 


4. Die intravenöse Einverleibung kommt um mancher Vor¬ 
theile willen für Untersuchungszwecke sehr in Frage. Aber auch 
bei therapeutischen Maassnahmen ist dieselbe weitaus am inten¬ 
sivsten wirkend und bei Beachtung einiger Vorsichtsmaassregeln 
völlig gefahrlos. In der humanen Medizin ist dieses Verfahren 
wenig verwendet worden, dagegen ist diese Form der Anwendung 
in der Thierheilkunde fast allein üblich. Da die intravenöse 
Einspritzung in Fällen von schwerer Sepsis, in denen rascher 
Erfolg gewünscht wird, indizirt ist und angewendet werden 
könnte, so möchte ich an dieser Stelle etwas Genaueres rait- 
theilen, da sich in der Literatur darüber wenig Zusammen¬ 
fassendes findet. 

So stellt sich z. B. nach der intravenösen Einspritzung bei 
Thieren eine eigentümliche Erscheinung ein, über die zuerst 
Herr Prof. Dr. Röder Beobachtungen veröffentlichte. Es treten 
nämlich etwa 4—5 Stunden nach der Einspritzung Temperatur¬ 
erhöhungen auf, die mehrere Stunden anhalten und dann ver¬ 
schwinden. Worauf diese Temperatursteigerung beruht, ist 
nicht mit Sicherheit zu entscheiden. In Frage kommt jeden¬ 
falls dabei, dass die Beobachtungen vielfach an kranken Thieren 
gemacht wurden, dass sich die Reaktion nicht immer einstellt, 
vielleicht spielt auch die Form und Menge der Lösung dabei 
eine Rolle. Für eine spezifische Silberwirkung möchte ich diese 
Temperatursteigerung nicht halten; einmal fehlt sie bei der 
subkutanen Einspritzung und dann lässt sie sieh vielleicht 
aus anatomischen Anhaltspunkten erklären. So fanden sich bei 
einem gesunden Kaninchen, welches die Reaktion zeigte, nach¬ 
dem ihm grössere Mengen einer sehr konzentrirten Lösung, aus 
der Silber leicht ausfiel, verabfolgt waren, z. B. Embolien in den 
kleinsten Lungengefässen. 

Beim Menschen, bei dem nur kleinere Mengen und schwache 
Silberlösungen angewendet werden, pflegt die Reaktion aus¬ 
zubleiben, wie z. B. folgende Kurve 
zeigt. Die Schwankungen bewegen 
sich zwischen 36,9 und 37,4. 

Dies war beim Gesunden. Auch 
beim Kranken lassen sich typische 
Steigerungen nicht nachweisen; es 
liegt mir eine Kurve vor von einem Milzbrandkranken mit starken 
Allgemeinerscheinungen. Der Verlauf ist folgender: 



36 s _ 

Jnject.266 10* 126 



Namentlich nach der zweiten Injektion tritt durchaus ein 
Abfall ein, von da ab sogar Fieberfreiheit und Rückgang der 
lokalen Erscheinungen. 

Crede hat, wie er in einer Abhandlung über intravenöse 
Einspritzungen erwähnt, nicht selten 2—4 Stunden nach der 
Injektion Frösteln mit Temperaturerhöhung gesehen, die bald 
vergeht und keine Nachwirkung hinterlässt. Allerdings sind 
diese Beobachtungen ebenfalls nicht am Gesunden gemacht. 
Beim Menschen können unbedenklich 0,05—0,1 in Form 1 proz. 
Lösung gegeben werden. 

Für die Zwecke der experimentellen Untersuchung war die 
intravenöse Injektion erforderlich. Die hierbei gewonnenen Er¬ 
gebnisse müssen in Einklang stehen mit den bei anderen Formen 
der Einführung gewonnenen. Denn im Grunde genommen über¬ 
nimmt bei jeder Form der Einverleibung der Blut ström die 
Verbreitung des Silbers. 

Blut bietet für die Lösung von Collargolum ganz ausser¬ 
ordentlich günstige Verhältnisse dar. Während in anderen 
Lösungsmitteln leicht eine Ausfällung oder Umwandlung zu der 
unlöslichen Modifikation stattfindet, ist dies im Blute durchaus 
nicht der Fall, sondern es sind hier alle Bedingungen für eine 
konstante Lösung gegeben. Dazu gesellt sich noch ein weiterer 
günstiger Umstand. Bekanntlich werden alle krystalloiden 
Körper fremdartiger Natur schon nach sehr kurzer Zeit aus dem 
Blutstrom ausgeschieden. Dies ist beim löslichen Silber nicht 


der Fall und zwar, wie ich vermuthe, in Folge der Eigenschaften, 
die das Collargolum mit den sogen, kolloidalen Körpern gemein¬ 
sam hat. Da man kolloidales Silber 8—10 Stunden nach der 
Einführung noch im Blute nachweisen kann, wird man zu der 
Annahme berechtigt, dass sonst die Ausscheidung begünstigende 
DiffussionsVorgänge eine Verlangsamung erfahren. 

Ich hebe dieses Verhalten desshalb hervor, einmal weil dieses 
in der mir zugänglichen Literatur noch nicht erwähnt ist und 
dann, weil dieser Umstand für das therapeutische Verhalten von 
Bedeutung sein dürfte. 

Aus diesem letzteren Grunde möchte ich auch folgende Er¬ 
scheinung erwähnen. Nach intravenösen Einspritzungen von 
Silbcrlüsung beobachtet man eine etwa nach 6 Stunden auf¬ 
tretende Leukocytose (Brunner: Fortschr. d. Med. 1900, No. 20), 
die ihr Maximum nach etwa 24 Stunden erreicht und nach zwei 
Tagen verschwunden ist. Ich möchte nur auf diese Thatsache hin- 
weisen, ohne eine Deutung zu geben. Ein irgendwie wahr¬ 
scheinlicher Zusammenhang mit der erwähnten Temperatur¬ 
steigerung besteht nicht, schon zeitlich fallen beide nicht zu¬ 
sammen. 

Das Scliieksal des kolloidalen Silbers im Körper zu ver¬ 
folgen, war besonders desshalb werthvoll, weil a priori ein ähn¬ 
liches Verhalten zu befürchten war, wie bei Verwendung von 
Silbersalzen. Manchen mag die Erwägung, unter dem Gebrauch 
von Arg. colloidale eine Argyrie entstehen zu sehen, von der 
Anwendung abgehalten haben, doch ist diese Befürchtung nicht- 
gerechtfertigt. 

Denn obwohl recht beträchtliche Mengen des Mittels zur An¬ 
wendung kamen, so ist doch noch niemals eine Argyrie be¬ 
obachtet worden, ebensowenig wie Nierenreizungen oder Läh¬ 
mungen (T a p p e i n e r), die sich zuweilen unter dem Gebrauch 
von Argentum nitricum einstellen. Dies erklärt sich auch ohne 
Weiteres aus dem Verhalten des löslichen Silbers im Körper. 
Denn dieses steht im geradem Gegensatz zu dem der uns sonst 
bekannten Silberverbindungen. Während diese sich in gewissen 
Gewebstheilen für Lebensdauer sesshaft machen, wird das 
Collargolum sogar sehr rasch ausgeschieden. Man findet es auch 
nicht in Theilen, in denen sich metallisches Silber sehr gerne 
ablagert, z. B. in der Haut. Ebenso scheinen nicht Sitze dau¬ 
ernder Ablagerung zu sein die Muskulatur, das Gehirn und 
Nervensystem, der Magen, das Pankreas, die Leber, das Knochen¬ 
mark, die Knochen und die Gclenkknorpel, welch’ letztere z. B. 
für Quecksilber beliebte Depots sind. 

Am längsten nachweisbar bleibt das Silber in der Milz, den 
Nieren und im Darm. Wird ein Thier verhältnissmässig kurze 
Zeit nach der Verabreichung von Silber getödtet, so finden sich 
auch reichliche Mengen Silbers in der Leber. 

Nachweisbar ist Silber auch in den Brustorganen, Lunge 
und Herz. Ob hier aber eine spezifische Eigentümlichkeit dieser 
Organe vorliegt, möchte ich dahingestellt sein lassen. Möglicher 
Weise könnten hier auch Fehler, die beim Versuch eintreten, 
eine Rollo spielen. Würde doch z. B. jedes Gerinnsel, welches 
bei einer etwaigen Ausfällung entsteht, in der Lunge abfiltrirt 
werden. 

Die Ausscheidung des Silbers erfolgt durch den Darm; mög¬ 
lich wäre eine solche auch durch die Nieren; doch sind die Ver¬ 
suche, im Harn Silber naehzuweisen, bis jetzt negativ aus¬ 
gefallen. 

Was die zeitlichen Verhältnisse anlangt, so ist die Abnahme 
des Silbers in den Organen am stärksten in den ersten Tagen, 
nach einer Woche ist der qualitative Nachweis des Silbers 
namentlich in der Milz, den Nieren und dem Darm noch gut 
möglich. Nach ungefähr einem Monat ist der Körper silberfrei. 

Es findet also im unmittelbaren An¬ 
schluss an die Einführung von kolloidalem 
Silber eine Verth eilung durch den Blutstrom 
überden gesammten Organismus statt. Dieser 
Zustand ist aber ein vorübergehender. Sehr 
bald tritt eine Ausscheidung ein. Nach ver¬ 
hältnissmässig kurzer Zeit sind selbst die 
Hauptablagerungsorto wieder silberfrei. — 
(I. Gesetz.) 

Welche Folgerungen sich aus diesem Gesetz für die An¬ 
wendung ergeben, liegt auf der Hand. Man darf eine Dauer¬ 
wirkung nicht erwarten. Ist eine solche erwünscht, so muss 
eben immer neue Zufuhr von Collargolum stattfinden. 


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334 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


Ehe ich die Einwirkung des Silbers auf den erkrankten 
Körper schildere, möchte ich seine antibakteriellen Eigenschaften 
erwähnen. 

Kolloidales Silber vermag noch in nicht zu konzentrirten 
Lösungen Spaltpilze abzutüdten. Doch ist cs in dieser Hinsicht 
anderen Mitteln unterlegen und die Vernichtung der Keime er¬ 
folgt auch nicht so schnell. 

Dagegen hat das Collargolum die Eigenschaft, das Wachs¬ 
thum von Spaltpilzen stark zu hemmen. 

lieber diesen Punkt sind vielfach Untersuchungen an¬ 
gestellt; ich möchte Sie aber nicht mit Zahlen langweilen und 
nur folgenden, leicht naehzuprüfenden Versuch anführen: Blut¬ 
serum und Fleischbouillon, in denen Silber aufgelöst ist, halten 
sich selbst unter ungünstigen Bedingungen monatelang un- 
zersetzt. 

Diese entwicklungshemmenden Eigen¬ 
schaften können bei den Mengenverhält¬ 
nissen, wie sie im Körper bei therapeutischer 
Anwendung vorliegen, allein eine Rolle 
spielen. (II. Gesetz.) 

Auch klinisch lässt sich diese Entwicklungshemmung fest¬ 
stellen, wie z. B. in folgendem, von mir beobachteten Fall von 
Erysipelas: Durch die Einreibung am 3., 6. und 8. Tage wird 
ein Abfall des Fiebers und ein Rückgang der örtlichen Er¬ 
scheinungen herbeigeführt. Das Fieber wiederholt sich aber 
schon am nächsten Tage und wird erst dauernd beseitigt, als an 
vier Tagen Einreibungen aufeinanderfolgen. Unter dem Einfluss 
des Sill>ers ist scheinbar die Vermehrung der Keime verhütet 
worden, aber eine Weiterentwicklung geht sofort von Statten, 
wenn die Silborwirkung nachlässt. Auch dieses zweite 
Gesetz fordert demnach in Fällen, in denen 
die Infektion durch sehr widerstandsfähige 
Keime hervorgerufen ist, eine stetige Neuzu¬ 
fuhr von Silber. 

Wie sich etwa der Kampf zwischen Silber und Spaltpilzen 
abspielt, lassen Sie mich an einigen Fieberkurven zeigen, die bei 
Versuchen gewonnen wurden. 

Im ersten Fall handelt es sich um ein gesundes Kaninchen, 
dem 10 ccm einer sehr virulenten Staphylokokkenkultur intra¬ 
venös gegeben wurde. Nach 28 Stunden, als es Zeichen heftiger 
Erkrankung darbot, erhielt <?s 0,4 Arg. colloidale in 1 proz. Lösung 
ebenfalls intravenös. Das Thier wurde viermal täglich im After 
gemessen. Da es sich um eine Febris continua mit geringen 
Schwankungen handelte, habe ich nur die Tempcraturmaxima 
eingetragen. 

Sie sehen, es dauert etwa fünf Tage, ehe sich die Temperatur 
wieder nach abwärts senkt und dauernd auf der Norm bleibt. 
Das Thier genas und zeigte keinerlei Störungen. 

Denselben günstigen Erfolg sah ich auch nach einer sub¬ 
kutanen Einspritzung, obgleich das Thier heftiger erkrankt, war. 
Die Versuchsanordnung war die gleiche, nur wurde das Silber 
früher gegolten, da sich anscheinend septische Diarrhoen ein¬ 
stellten und das Thier sehr schlechtes Allgemeinbefinden zeigte. 
Hier erfolgte noch am Tage nach der Silberinjektion ein Tem- 
l>eraturanstieg bis 41.6 und es dauerte 10 Tage, ehe die Tempera¬ 
tur zur Norm zurückkehrte. Die Wirkung nach der subkutanen 
Injektion war keine sehr plötzliche, sondern verlangsamt. 

Diese. Versuche sind mit Staphylokokken angestellt. Von 
früheren Untersuchungen war mir bekannt, dass auf diese Silber 
sehr energisch einzuwirken pflogt. Es lag nahe, das Collargolum 
auch hinsichtlich seines Verhaltens anderen infektiösen Er¬ 
krankungen gegenüber zu prüfen. Denn da Silber lediglich durch 
seine antiseptischen Eigenschaften wirkt und nicht durch spezi¬ 
fische Eigenart etwa wie Diphterieserum eingeschränkt wird, 
so ist ohne Weiteres nicht einzusehen, weshalb es nicht auch 
andere infektiöse Erkrankungen beeinflussen sollte. 

Die Mühe, hierüber eigene Versuche anzustellen, blieb mir 
erspart. Denn da Silber in der Thiennedizin zu therapeutischen 
Zwecken ziemlich allgemein angewendot wird, so fand ich in der 
einschlägigen Literatur so vielfache Mittheilungen, dass ich nur 
ein sehr zahlreiches Material zu ordnen hatte. Ein grosser Thoil 
der Veröffentlichungen stammt von bekannten Forschern und 
akademischen Lehrern, deren autorativera Urtheil besonderer 
Werth zuzusprechen ist. 


Von infektiösen Erkrankungen lagen mir zur Einsicht vor: 

10 Fälle von Phlegmone bei Pferden, die durch intravenöse 
Injektion von Collargulum heilten. 

Etwa 60 Fülle von Morbus maeuloeus der Pferde, einer all¬ 
gemeinen septischen Erkrankung. 

Ca. 15 Fälle von Druse (einer durch Streptokokkus equi be¬ 
dingten Krankheit). 

5 Fälle von bösartigem Katarrhalfieber des Rindes (ebenfalls 
einer allgemein septischen Erkrankung, insbesondere der Kopf- 
schleimhäute). 

1 Fall von Sepsis nach Wundinfektion. 

1 Fall von schwerem Milzbrand beim Rind. 

Es sind dies nahezu 100 meist schwere Fälle, die genau 
beobachtet sind, und gleichsam Thierexperimente im Grossen dar¬ 
stellen, um durch den positiven Erfolg der Heilung den thera¬ 
peutischen Werth des Silbers zu beweisen. 

Auch in der medizinischen Literatur finden sich sehr viele 
Krankhcitsformen infektiöser Natur erwähnt, bei denen die An¬ 
wendung von Silber selbst in schweren Fällen von Erfolg be¬ 
gleitet war. Obwohl Mittheilungen mehrerer Hundert Kranken¬ 
geschichten gemacht, worden sind, so möchte ich auf dieselben 
nicht näher eingehen, da sie für das von mir behandelte Thema 
nicht, mehr beweisen, als die Thierexperimente auch, nämlich, 
dass infektiöse Erkrankungen mit löslichem Silber sich erfolg¬ 
reich bekämpfen lassen. Nur die Namen der am häufigsten ver¬ 
tretenen Krankheitsformen möchte ich anführen: z. B. Phleg¬ 
mone, Osteomyelitis, Mastitis, Erysipel, Phlebitis, Furunkulose, 
Tendovaginitis, septische Arthritis, puerperale Sepsis, Peri¬ 
tonitis und noch viele andere Prozesse, denen infektiöse Ursachen 
zu Grunde liegen. 

Erwähnen möchte ich auch noch einen nicht veröffentlichten 
Fall von Milzbrand, der in wenigen Tagen bei intravenösen Ein¬ 
spritzungen genas. 

Ich selbst habe in einem Falle von Tetanus traumaticus — 
allerdings bei schon sehr ungünstigen Verhältnissen — intra¬ 
venöse Einspritzungen von Collargolum ohne Erfolg ange¬ 
wendet. 

Auffällig ist es, wie wenig das lösliche Silber bei infektiösen 
Darmerkrankungen versucht worden ist, obwohl hier ein Erfolg 
nach Erfahrungen beim Thier sehr wahrscheinlich ist. So be¬ 
währte sich z. B. bei 37 Kälbern, bei denen Bezirksthierarzt 
E v e r s intravenöse Einspritzungen machte, das Mittel gegen 
die Kälberruhr. Zugleich gibt das den Beweis dafür, wie selbst 
nach Durchwandern des Körpers das im Darm ausgeschiedene 
Silber immer noch wirksam ist. 

Wie durch Beobachtungen am Menschen und zahlreiche 
Experimente am Thier festgestellt ist, besitzt das Argentum col¬ 
loidale einen Einfluss auf den Verlauf infektiöser Erkrankungen. 
— Dass es selbst in grossen Dosen keine Argyrie hervorruft und 
völlig ungiftig ist, erhöht seinen therapeutischen Werth. — 
Namentlich dieser letztere Umstand dürfte sehr in Frage kommen 
gegenüber der Einspritzung von Quecksilbersublimat, wie sie 
B a c c e 11 i bei infektiösen Erkrankungen auf Grund günstiger 
Erfolge empfiehlt. 

Nicht mit Sicherheit lässt sich die Wirkungsweise aus den ge¬ 
fundenen Thatsachen ableiten. Will man sich aber eine unge¬ 
fähre Vorstellung davon machen, so ist Folgendes wahrscheinlich: 

Das Silber wird in den Blutstrom aufgenommen, verwandelt 
die Körperflüssigkeiten in antibakterielle Lösungen, die direkt 
oder indirekt auf Spaltpilze einwirken, ähnlich wie Chinin, 
Quecksilber, Natr. salicylicum, Jodtrichlorid u. a. m. Wie sich 
aber die Vorgänge im Einzelnen abspielen, dafür lässt, sich keine 
bestimmte Antwort geben, sondern es bleiben mancherlei Fragen 
offen; z. B.: wirkt das Silber direkt abtödtend auf vorhandene 
Spaltpilze ein oder verhindert es nur deren Entwicklung, was 
an sich wahrscheinlicher ist, oder bindet es abgeschiedene Toxine? 

In welchem Zusammenhang steht die Leukocytose zur Wir¬ 
kung? Sind die Organe, in denen sich Silber findet, nicht auch 
die des verlangsamten Blutstroms, in denen sich Spaltpilze 
mit Vorliebe anhäufen? Begünstigt die Blutverlangsamung an 
den Orten der Entzündung die Ablagerung von Silber? (Ver¬ 
suche, die ich zur Lösung dieser Frage anstellte, führten aus 
äusseren Gründen zu keinem Ergebniss.) 

Für die praktische Nutzanwendung sind diese Fragen jedoch 
von untergeordnetem! Werthe; hier spielen die Gesichtspunkte 
eine Rolle, die für das therapeutische Eingreifen bestimmend 


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25. Februar 1902. 


MTTENCHENElt MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


533 


sind, und wenngleich auch durch die Erfahrung gewisse Grund¬ 
sätze gewonnen worden sind, so ist es doch werthvoll, dieselben 
durch experimentelle Grundlagen bestätigt bezw. erweitert zu 
sehen. 

In erster Linie muss Folgendes festgehalten werden: 

1. Was die Mengenverhältnisse anlangt, so steht fest: Je 
mehr Silber einmalig zugeführt wird, desto intensiver ist auch 
die Wirkung. Man muss also, um Erfolg zu sehen, 
grosse Dosen geben. Aus Nichtbeachtung dieser Regel 
erklärt sich mancher Misserfolg. 

2. Die Wirkung des Silbers auf Bakterien ist eine mehr 
hemmende als abtödtende. Desshalb muss der Körper lange Zeit 
unter Silberwirkung gehalten werden, besonders dann, wenn eine 
Neuinfektion im Körper stattfinden kann. 

3. Das Silber wird rasch ausgeschieden, es muss also immer 
von Neuem zugeführt werden. 

4. Die Zufuhr von Silber ist auf verschiedenem Wege mög¬ 
lich. Bei der Einreibung in die Haut gellt eine langsame, aber 
sehr stetige Aufnahme vor sich. 

Am schnellsten wird eine Einwirkung durch intravenöse 
Injektion erzielt, die auch da am Platze ist, wo, wie bei Sepsis 
in Folge Kollapses oder Kontraktion der Ilautgefüsse, eine Re¬ 
sorption durch die Haut wenig wahrscheinlich ist. 

Es war mir in vorliegender Arbeit darum zu thun, in den 
wechselnden Erscheinungsformen das Gesetzmässige herauszu¬ 
finden, da nur auf diesem sich eine zielbewusste Behandlung 
aufbauen kann. Es hat mir ferne gelegen, das colloidale Silber 
als eine Panaeee gegen septische Erkrankungen hinstellen zu 
wollen. Denn ebenso wie Chinin nicht jede Malaria und 
Quecksilber nicht jede Lues heilt, ist auch nicht jede Anwendung 
des Collargolum von Erfolg begleitet. 

Aber dass es in der Beliandlung septischer Erkrankungen 
einen sehr beachtlichen Faktor spielen muss, dass die von Credo 
und Anderen gemachten Erfahrungen und Beobachtungen nicht 
nur einer experimentellen Kritik Stand zu halten vermögen, 
sondern von dieser Seite aus beleuchtet nur an Werth gewinnen, 
hat sich, so hoffe ich, aus meinen Ausführungen ergeben. Und 
wenn es mir gelungen sein sollte, manchen Zweifel zu heben 
und manches Yorurtheil zu beseitigen, würde das Ziel meiner 
Arbeit erreicht sein. 

Diskussion: Herr Kunz-Krause erläutert die bei 
den Thierexperimenten angewendete Methode. Statt der Ver¬ 
aschung wurden die Organe mit Chlor ausgezogen. Das eventuell 
vorhandene Silber wurde daun als Chlorsilber gefunden und zwar 
— was neu ist — unter Verwendung einer optischen Linse aus 
dem Wechsel der Farben nachgewiesen. Bezüglich der Lokali¬ 
sation und Verbreitung des Silbers im Körper wird auf einen Fall 
hingewiesen, wo scheinbar das Silber das sonst in der Leber vor¬ 
handene Kupfer daraus verdrängt und in den Darm gedrängt 
habe. 

Herr Kllmraer bemerkt, dass er schon längere Zeit vor 
Herrn Kunz-Krause das Silber nach intravenöser und sub¬ 
kutaner Verabreichung von Argentum colloidale in der äusseren 
Haut, dem Verdauungskanal, den Nieren und vor Allem in dem 
Kothe der Versuchstiere nachgewiesen und die betr. Resultate 
veröffentlicht hat. Das Prioritätsrecht steht somit nicht Herin 
Kunz-Krause, sondern ihm zu. 

Die Einwände, die Herr Kunz-Krause gegen das Zer¬ 
stören der organischen Substanz durch Verbrennen erhebt, sind 
nicht stichhaltig. Ein Verlust von Silber ist bei einer vorsichtig 
geleiteten Verbrennung deT mit Salpetersäure vorbehandelten or¬ 
ganischen Substanz nicht zu befürchten, da die fragliche Verbren¬ 
nungstemperatur nur ca. 400° C. beträgt und nicht, wie Herr 
Kunz-Krause aunimmt, 1200 0 ('. Bei 400 0 C. ist aber Sill»« r 
(Schmelzpunkt erst bei 1040° C.) noch nicht flüchtig. Wähn nd 
somit bei einer zweckentsprechenden Verbrennung Verluste an 
Silber ausgeschlossen sind, kann dagegen ein nicht unerheblicher 
Bruchtheil des Silbers verloren gehen, wenn mau den von Herrn 
Kunz-Krause eingeschlagenen Weg (Zerstören der organi¬ 
schen Substanz mit Salzsäure und chlorsaurem Kalium) begeht, 
zumal wenn man, wie Herr Kunz-Krause, unterlässt, das 
in Salzsäure und Chloriden relativ leicht lösliche Chlorsilber ln 
das schwerer lösliche Jodsilber überzuführen. Das in Folge der 
(Jegenwart von Chloriden gelöste Chlorsilber wird beim Abtil- 
triren hindurchlaufen und für die weitere Untersuchung verloren 
gehen. 

Herr G. Schmorl hat bei 3 Sektionen Silberpillen, welche 
bei Operationen in die Bauchhöhle eingeführt worden waren, an¬ 
scheinend unverändert wiedergefunden, sie waren von Bindegewebe 
eingekapselt und enthielten noch reichlich Silber, das sich bei Be¬ 
handlung mit Formalin In Form eines glänzenden Korns ab¬ 
geschieden hatte. In der Bindegewebskapsel waren mit Silber¬ 
körnchen beladene Zellen sehr spärlich vorhanden. Auch bei sub¬ 
kutaner Applikation des colloldalen Silbers hat Sch. mitunter noch 
nach längerer Zeit Reste des injizirten Silbers gefunden. Ueber 
die Resorption des durch Einreibung applizirten Silbers, das, wie 


die auf seine Veranlassung von Herrn Dr. Klimmer vorgenom¬ 
menen Untersuchungen lehren, sicher in den Körper nufgcnoinnn n 
wird, hat Sch. ebenfalls Untersuchungen angestellt, ist aber nicht 
im Stande gewesen, Silberköruclien in den tieferen Epithellagen 
oder im bindegewebigen Stratum der Haut nachzuweisen. Ueher- 
haupt hält er es für sehr schwierig, schwarze Silberkörnchen von 
anderen in der Haut vorkommenden Pigmentkörnehen mit Sicher¬ 
heit zu unterscheiden, da mikrochemische Reaktionen auf Silber 
nicht exlstlren; auch ist bei positiven Befunden mit der Möglichkeit 
von Artefakten zu rechnen, die dadurch entstehen können, dass 
beim Schneiden von der Oberfläche der Haut aus Silberkörncheu 
auf dem Messer in die Tiefe geführt werden. 

Herr Credö bemerkt zu der Angabe des Vortragenden, dass 
nach intravenöser Injektion meistens kurz dauernde Temperatur¬ 
steigerungen. eventuell mit Frösten, eintreten, die jedoch ohne 
jeden Nachtheil blieben, dass er allerdings früher häufig die gleiche 
Beobachtung gemacht habe, in neuerer Zeit jedoch nur noch ganz 
ausnahmsweise. Er schiebe dies darauf, dass er jetzt die y 2 bis 
1 proz. Uollargollösung vor der Anwendung liltrire oder sie im 
Glase ganz ruhig halte und mit der Spritze nur aus der oberen 
Hälfte Flüssigkeit entnehme. Auf diese Weise wurden keine 
korpuskulüren Elemente mit in die Blutbahn gebracht, welche 
recht wohl durch Verstopfung von Lungengefässen etc. Fieber 
und Frost, herbeiführen könnten. Die spezifische und prompte 
Wirkung dieser Injektionen sei ihm auch noch in neuester Zeit 
wieder unanfechtbar in Erscheinung getreten, so dass er sie bei 
schwerer Sepsis und verwandten Krankheiten nur dringend em¬ 
pfehlen könne. 

Was die Bemerkung des Herrn Schmorl betreffe, dass er 
bei Sektion innerhalb der Bauchhöhle von mir darin deponirte 
Silberpillen gefunden habe, die nicht resorbirt, sondern eln- 
gekapselt worden seien, so muss ich entgegnen, dass diese Be¬ 
obachtung gar nichts beweist, da es sich erstens bei dieser Sektion, 
die übrigens viele Monate nach der Operation vorgenommen wurde, 
stets um Fälle handelte, wo bereits bei der Operation Ascites vor¬ 
handen war, diese Einkapselung also erwartet werden konnte, 
ausserdem Ist nicht festgestellt, ob nicht vor der Einkapselung 
doch ein Tlieil resorbirt worden ist. In anderen Fällen mit ge¬ 
sundem Bauchfell habe ich bei späteren Sektionen nichts mehr 
von den Pillen vorgefunden, wohl aber Silber in den benachbarten 
Lymphräumen und Lymphdrüsen. Dieser Einlagerung in die 
Bauchhöhle habe übrigens nur eine experimentelle Absicht zu 
Grunde gelegen und habe ich diese Darreichungsart doch gar nicht 
empfohlen bei septischen Erkrankungen, so dass sie überhaupt 
bedeutungslos sei bei Besprechung der Frage, wie dns im Blute 
gelöste Collargolum sich septischen Erkrankungen gegenüber 
verhalte. 

Herr F. Schanz verwendet die C r e d 6’sche Salbe seit dom 
Herbst 1807 zur Behandlung eitriger Horuhautaffektionen. Er 
ist dazu gekommen durch die Behandlung eines Ulcus serpens, 
dns jeder Behandlung trotzte und das er vergebens G mal aus¬ 
gebrannt hatte. Erst als er sich entschloss, die C r e d 6'sche Salbe 
in das Auge zu streichen, kam es zum Stillstand. Er hat seit Jener 
Zeit diese Salbe immer angewandt und damit durchweg gute Re¬ 
sultate erzielt Nur einen Fall, wo er eine Störung beobachtet 
hat, möchte er kurz mittheilen: Er verwandte Salbe, die einige 
Zeit unbenützt gestanden hatte. Der Patient klagte sofort über 
das heftigste Brennen, die Salbe musste sofort entfernt werden 
und hatte die Bindehaut ziemlich stark gereizt. Die genauere 
Prüfung der Salbe ergab, dass sich das colloidale Silber verwandelt 
hatte in fett sauren Silber, die Salbe war ranzig geworden, die 
Fettsäure hatte das colloidale Silber zum Theil zerstört und ln fett¬ 
saures verwandelt, das ziemlich stark ätzt. Seit jener Zeit lässt 
sich Schanz die Salbe nicht mehr nach den Vorschriften von 
Credfi mit Schweineschmalz herstellen, sondern verwendet einen 
Salbenkörper, der nicht ranzig werden kann (Adeps lanae 1,0, 
Vaselin alb. 9,0). 

Herr F. Haenel weist anknüpfend an die Bemerkungen des 
Herrn Vortragenden über den therapeutischen Werth des colloi- 
dalen Silbers darauf hin, dass weitaus die meisten Veröffentlich¬ 
ungen über diesen Gegenstand nur einzelne kasuistische Mit¬ 
theil uugen theilweise mit wenig kritischer Beleuchtung bringen, 
dass aber zur Beurtheilung des Wert lies dieser Behandlung nur 
grosse Reihen von klinischen Beobachtungen beweisend sein 
können. Redner hat bei septischen Prozessen keine Einwirkung 
der Silbereiureibungen beobachten können. 

Herr Boeder berichtet über günstige Erfolge mit der 
Oollargolbehandlung bei phlegmonösen und septischen Prozessen 
bei Pferden und Rindern. Die Behandlung hat theils ln Einreibung, 
theils in intravenöser Applikation des Mittels bestanden. Zum 
Theil sind auch beide Behandlungsmethoden gleichzeitig an den 
erkrankten Thieren zur Anwendung gekommen. 

Dns Collargol ist von Dr. Baldoni als Rotzdiagnostlkrm 
empfohlen worden. Nach den von Boeder an gesunden, sowie 
auch an rotzkranken Pferden vorgenommenen Versuchen kann 
jedoch dem Collargol dieser Werth nicht zugesprochen werden, 
da auch gesunde Pferde prompt rengiren. Jedoch bestätigt sich, 
dass sich in Folge der Collargoleinspritzung der occulte Rotz In 
akuten Rotz umwandelte, worauf früher schon Dieckerhof f 
aufmerksam gemacht hat. 

Herr G. Schmorl möchte ergänzend zu seinen Befunden 
von Silberpillen in der Bauchhöhle bemerken, dass es sich in 
sämmtlichen Fällen um Karzinom des Magens mit partieller 
Bauchfellkarzinose handelte. Es ist möglich, dass hier die Re¬ 
sorption des Silbers durch die Erkrankung des Peritoneums ge¬ 
hindert, beziehentlich verzögert worden ist 


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336 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIET. 


Herr Man u: Ich wollte an den Vortragenden die Frage 
richten, wie sich die Konzentration deT Blutlösung, die durch Arg. 
colloidale an Fiiulniss verhindert wird zu derjenigen im lebenden 
Organismus z. B. Pferd verhält, von der mau noch eiue Wachs¬ 
thumshemmung von Bakterien erwarten will. Muss man da nicht 
an eine Art von homöopathischer Wirkung denken? 

Herr Haas e: Ich wende das Collargol in Form von subku¬ 
tanen Infusionen an, d. h. ich injizire nicht eine kleine Quantität 
konzentrirter Lösungen, sondern infundire l*/o Liter steriles 
Wasser, dem 3 g Collargol zugesetzt sind. Ich glaube, dass dabei 
das Collargol sofort in den Blutkreislauf gelangt, denn es wirkt 
ja der Druck der Infusionsflüssigkeit, die aus 1 Meter Höhe ein¬ 
gelassen wird, sofort weitertreibend, was daran zu sehen ist, dass 
die Infusionsbeule unter der Haut sofort sich über die Klavikel 
nach der Supraelovieulargrube nusbreitot. Ich kann mir nicht 
denken, dass sich auf diesem kurzen Wege dann, wenn sich die 
Infusionsbeule resorbirt hat, was in 1 Stunde etwa der Fall ist, 
das Silber ausscheidet und in loco aufgespeichert bleibt. 

Ich habe diese Anwendungsform vor 14 Tagen anzuweiiden 
Gelegenheit gehabt. Es handelte sich um ein verjauchtes Obi*r- 
sehenkelsarkom bei einem 31 Jahre alten Mann. Unter der Haut 
dicht oberhalb des Knies hatte sich unter anderen Gasansammlui.g 
gebildet. 

Ich habe die Amputation dicht unter dem Trochanter vorge¬ 
nommen, indessen ging die Temperatur nach der Operation nicht 
herunter, sondern blieb am Tage nach der Operation Abends bei 
40,2°. Die am folgenden Morgen vorgenommene Stumpfbesiclitig- 
ung ergab absolut keine Reaktion, so dass man wohl die Tempe¬ 
ratur-Steigerung auf Allgemeininfektion beziehen musste. Am 
zweiten Tage post, operat. Mittags war die Temperatur 39". 1 Uhr 
wurde eine Infusion von 1«4 Liter Collargollösung (3,0 : 1*4) vor¬ 
genommen. Abends war die Temperatur auf 38° abgefallen. Am 
nächsten Morgen bestand normale Temperatur. Diese ging zwar 
Abends nochmals auf 38,1° in die Höhe, klang aber in den nächsten 
Tagen vollständig ab. 

Ich möchte einen günstigen Einfluss dieser Anwendungsform 
des Collargols auf den Verlauf der Krankheit in diesem Falle 
nicht in Abrede sfeilen. 

Herr Beyer beantwortet die Anfrage d«*s Herrn M a u n und 
weist auf die Wirkung mancher Mittel hin, wie z. B. Chloroform, 
welches auch schon in kleinster Dosis starke Wirkungen hervor¬ 
ruft. 

II. Herr Wiebe: Ueber hysterische Taubheit. 

Herr W i e b e entwickelt auf Grund der Literatur und dreier 
von ihm beobachteter Fülle das Bild der hysterischen Taubheit. 
Die ausführliche Schilderung der Manifestationen der Hysterie 
am Gehörorgane hat Gradenigo gegeben. Die 3 Fälle des 
Vortragenden betreffen lauter Männer zwischen 30 und 40 Jahren. 
Einer ist ein Fall von idiopathischer, die beiden anderen Fälle 
von traumatischer Hysterie. 2 Fälle sind komplizirt mit Mittel- 
ohraffektionen. 2 Füllo bestehen ungeheilt seit Jahren. Der 
3. Fall ist nach einjährigem Bestehen ungeheilt an Lungen¬ 
phthise gestorben. Di«; Diagnose der hysterischen Taubheit stützt 
sich erstens auf die Art der Entstehung und des Verlaufes des 
Leidens, sodann auf die Ergebnisse der Hörprüfung, die weder 
charakteristisch für Labyrinth-, noch für Mittelohrleiden ist und 
zu verschiedenen Zeiten verschiedene Ergebnisse liefert. Der 
Webe r’sche und der Schwabae h’sche Versuch falle gewöhn¬ 
lich so aus, wie l>ei Labyrinthleiden. Die Abnahme der Hörfähig¬ 
keit ist gleichmiissig für alle Töne der Skala, sowohl bei Luft-, 
als bei Knochenleitung, wobei scheinbar, wie Gradenigo schon 
hervorgehoben hat, die hohen Töne besser gehört werden. Falls 
. Ilautanästhesic besteht, ist ein charakteristisches Zeichen das Er¬ 
löschen der Kopfkncx*henleitung von den anästhetischen Bezirken 
aas. Nach Gradenigo kommt, noch eventuell als charakte¬ 
ristisch für Hysterie das Verhältniss des Gehörs für die Sprache 
zu dem für eine Uhr mit starkem Schlage hinzu, eine Prüfungs¬ 
methode, die Redner in seinen Fällen nicht zu erproben in der 
Lage war. Nach Gradenigo soll bei Hysterie die elektrische 
Erregbarkeit erhöht sein, ein Verhalten, das in den Fällen dos 
Vortragenden nicht immer zutraf. Für ein weiteres charakte¬ 
ristisches Symptom sieht Vortragender es an, dass auch bei hoch¬ 
gradigster Hysterie und doppelseitiger Taubheit die Sprache so¬ 
wohl in Bezug auf ihre Lautheit, als in Bezug auf ihre Modula¬ 
tion keine Störungen aufweist, wie sonst bei schwerhörigen oder 
tauben Patienten, sondern völlig normal bleibt. Bei allen Sym¬ 
ptomen der hysterischen Taubheit muss man sich aber vor Augen 
halten, dass die Hysterie einen kaleidoskopartigen Wechsel der 
Bilder zeigt, und dass daher in einzelnen Fällen eine Autosug¬ 
gestion auch einmal ein gegeilt heiliges Symptom als die eben 
angeführten hervorrufen kann. 


No. 3. 

Medizinische Gesellschaft zu Leipzig. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 14. Januar 1902. 

Vorsitzender: Herr Curschmann. 

Schriftführer: Herr Braun. 

Herr Köster demonstrirt: 1. Zwei Fälle von angeborener 
doppelseitiger Fazialislähmung bei zwei Brüdern. Die Gesichter 
waren völlig starr und elektrisch zeigten nur die Kinmnuskeln 
eine Erregbarkeit. Geschmack und Thränenabsonderung waren 
bei beiden Kranken normal, jedoch schwitzten sie nicht Im Gesicht 
(I’ilokarpluinjektion). Bei beiden Brüdern fanden sich die für 
Kemdefekte des Fazialis oder anderer Illmnerven charakte¬ 
ristischen Missbildungen an anderen Körpertheilcn (Zähnen, Ohren 
u. s. w.) vor. Die Nerven der Augenmuskeln und der Trigeminus 
waren frei von Störungen. Es handelt sieh also ln beiden Fällen 
um eine dopiielseitige Aplasie der Faziallskerue und der in ihnen 
g«*leg«*nen Sehweisszentren für das Gesicht. Dass die Thränen- 
absouderung ungestört war, beweist, dass die periphere Tlirünen- 
balin nicht im Fazialiskem selbst entspringt, sondern, wie Vor¬ 
tragender bereits a. a. O. behauptet hat, verrauthlich aus dem 
< i'lossophnryngeuskern, von dem aus die heruntertretenden Fasern 
sich der Fazialiswurzel zugesellen, um den 7. Nerven in der Ge¬ 
gend des G. geniculi wieder zu verlassen. 

2. Einen Fall von Kindertabes. Patientin litt früher an 
Keratitis interstitialis. Lues des Vaters wahrscheinlich. Mit 
13 Jahren lanziuireude Schmerzen in den Beinen, die 5 Jahre lang 
anhielteu. Im 2. Krankheitsjahre Abnahme der Sehkraft, die seit 
einem Jahre völlig erloschen ist. Ophthalmoskopisch typische 
Atrophie des Opticus. Jetzt bietet die blinde 18 jährige Patientin, 
die seit Ü Jahren fortgesetzt vom Vortragenden beobachtet wurde, 
eim*n Verlust der Patellarreflexe, sehr massige Ataxie und leichte 
Abstumpfung des Schmerzgefühles an der Unterschenkelhaut dar. 
Anseldiessend wird die Differentialdiagnose mit der hereditären 
Ataxie und der Lues cerebrospinalis, sowie die einschlägige Litera¬ 
tur besprochen. 

3. Zwei Fälle von atypischer Bleilähmung. Der eine Kranke, 
ein Schriftsetzer, bot auf Grund einer seit mindestens 7 Jahren be¬ 
stehenden und ärztlich naehgewieseucn Bleivergiftung eine seit 

3 Jahren allmählich zunehmende Lähmung und Atrophie der 
Musculi interossei lieider Fiisse mit Herabsetzung der elektrischen 
Erregbarkeit. Der andere Kranke, ein Maler, wies eine seit 

4 Wochen bestehende Neuritis der Mm. perouaei und der Mm. 
tibiales mit Abmagerung der Unterschenkel und der Mm. inter¬ 
ossei, konstanten typischen Schnierzdruckpunkten, einer Sensibili¬ 
tätsstörung im Gebiete beider Nu. peronaei und tibiales. sowie 
Herabsetzung der elektrischen Erregbarkeit ln den paretischen 
Muskelgebieten auf. Chronischer Alkoholismus war bestimmt aus- 
zusehliessen. Vortragender hat in der Literatur vergeblich nach 
Lähmungen der Mm. tibiales oder seiner Aeste auf Grund von Blei¬ 
vergiftung gesucht. (Die Inüdon letztgenannten Beobachtungen 
werden demnächst in extenso in der Münch, med. Wochensehr, 
mitgethellt werden.) 

Herr v. Criegern: Demonstration von Aneurysmen der 
Bmstaorta und von Röntgenbildern von solchen zur Veranschau¬ 
lichung der methodischen Untersuchung der Brustaorta mittels 
fluorcszirenden Schirmes. 

M. II.! Wenn ich in einer so fachkundigen Gesellschaft 
als der Ihrigen Fälle von einer nicht gar so seltenen Erkrankung, 
wie sie das Aneurysma der Brustaorta ist, vorzuführen mir er¬ 
laube, so kann ich mich wohl davon dispensiren, auf die Aetio- 
logic, Pathologie, Symptomatologie derselben näher einzugehen. 
Ich will hier nur ausführen, inwiefern die Untersuchung mit 
Röntgenstrahlen geeignet ist, die Diagnose derselben zu fördern. 
Bekanntlich wird dieselbe nur dann zwingend, wenn es uns ge¬ 
lingt, einen — am besten allseitig pulsirenden — Tumor nach¬ 
zuweisen, der mit der Aorta auf eine gewisse Strecke hin in 
kontinuirlichcm Zusammenhänge steht. Leider ist ja auch damit 
noch nicht Alles gewonnen — denn es gibt Aneurysmen, deren 
Pulsation nicht zu fühlen ist, die somit anscheinend nicht pul- 
siren, und wiederum andersartige Tumoren, die eigene oder fort¬ 
geleitete Pulsation erkennen lassen, so dass man mit Schrötter 
zur Punktion schreiten wird, um wenigstens nachzuweisen, dass 
der Inhalt aus Blut besteht. Weiter kommt man mit der kli¬ 
nischen Diagnose auf keine Weise. Diesen mehr oder weniger 
klaren Fällen steht aber eine weit grössere Reihe von solchen 
gegenüber, in denen allerlei Fernsymptome auf ein Aneurysma 
der Brustaorta hinweisen, nur ist dasselbe zu klein oder zu sehr 
iu der Tiefe der Brust verborgen, als dass man den Tumor mit 
den gewöhnlichen physikalischen Mitteln nachweisen könnte, 
und gerade diese Fälle repräsentiren den anderen gegenüber ein 
früheres Stadium der Erkrankung; sie werden also im Allge¬ 
meinen diejenigen sein, in denen man von therapeutischen Ein¬ 
wirkungen sich noch am ersten Erfolg versprechen kann. Aber 
ein grosser Theil der Fernsymptome kann durch einige andere 


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25. Februar 1902. 


MÜENOHENER MEDIOINISOHE WOCHENSCHRIFT. 


337 


Erkrankungen hervorgebracht werden, von denen ich hier zu 
nächst an die Aorteninsuffizienz und an das Atherom der Aorta 
überhaupt erinnern will. Auf die klinischen Folgeerscheinungen 
des letzteren hat besonders Curschmann in einer Spezial¬ 
abhandlung die Aufmerksamkeit gerichtet und man muss sich 
immer vergegenwärtigen, dass einerseits die meisten Aorten¬ 
aneurysmen, andererseits auch wohl die Mehrzahl der nicht durch 
(polyarthritische) Endokarditis oder Trauma verursachten Stö¬ 
rungen am Ostium arteriosum sinistrum nur Spezialfälle des 
Atheroms sind, die ihre Sonderstellung in der Patho¬ 
logie ihren morphotischen Eigentümlichkeiten verdanken, 
nicht einem abweichenden Verhalten des pathologischen 
Prozesses an sich. Die übrigen, nicht der Aorta un¬ 

gehörigen Erkrankungen, welche differentialdiagnostisch in 
Betracht kommen, z. B. andersartige Tumoren rcsp. Ent¬ 
zündungen in der Nachbarschaft, die ebenfalls in der 
Tiefe des Mediastinums verborgen sein können, bereiten der 
Differentialdiagnose die gleichen Schwierigkeiten, wie die der 
äusseren Untersuchung zugänglichen Tumoren; ich werde darauf 
weiter unten zurückkommen müssen. Fasse ich daher unsere 
bisherigen Erwägungen zusammen, so ergibt sich, dass bei der 
Erkennung des „äusseren“ Aneurysmas die Schwierigkeit darin 
liegt, den Nachweis zu führen, dass die Beziehungen eines ge¬ 
gebenen Tumors zur Aorta nothwendige, d. h. durch die Zu¬ 
sammengehörigkeit gegebene sind, nicht zufällige, etwa durch 
die Nachbarschaft bedingte. Dagegen bedeutet es für die Dia¬ 
gnostik der verborgenen Aneurysmen schon einen wesentlichen 
Fortschritt, wenn es gelingt, neben den Sekundärerscheinungen 
überhaupt einen Tumor an der Aorta nachzuweisen. Damit soll 
nun nicht etwa der völlige Verzicht auf das erste Desiderat aus¬ 
gedrückt sein, sondern wir werden sehen, wie weit dasselbe er¬ 
füllt werden kann. Die gegebene Methode ist nun die Beobach¬ 
tung am fluore8zirenden Schirme, nicht die Aufnahme von Photo¬ 
graphien. Wenn ich heute mich neben der Demonstration von 
Kranken auf die Vorzeigung von solchen beschränke, so geschieht 
das, weil es unmöglich ist, einer so zahlreichen Versammlung in 
kurzer Zeit und bei beschränktem Raume dasjenige auseinander¬ 
zusetzen, worauf es hier ankommt. An und für sich ist aber 
die photographische Aufnahme der Weichtheile, besonders in 
den schrägen Durchleuchtungsrichtungen so schwierig, dass 
man nicht immer mit Sicherheit auf einen Erfolg rechnen kann; 
es bleibt immer etwas Glückssache, ob der Härtegrad der ange¬ 
wandten Röhre, die Expositionsdauer etc. für das Objekt gerade 
die richtige war; falls das gewonnene Negativ an Unklarheit 
leidet, sind Neuaufnahmen erforderlich — und wie sollen schliess¬ 
lich die Kosten der gründlichen Untersuchung auch nur eines 
Falles erschwungen werden? Man würde die Indikation zur 
Röntgenuntersuchung einschränken müssen, während es gerade 
einer der Zwecke meiner heutigen Demonstration ist, nachzu¬ 
weisen, dass diese Indikation noch viel mehr ausgedehnt werden 
muss. Und ausgedehnt soll sie werden auf alle Fälle von Un¬ 
gleichheiten des Pulses rechts und links, wenn deren Ursache 
nicht ohne Weiteres klar liegt, Geräuschen an der Aorta von un¬ 
sicherer Herkunft, Rekurrens- und Interrenslähmungen, neur¬ 
algischen Schmerzen in den Interkostalnerven und, wie ich hier 
gleich vorweg nehmen möchte, im rechten Arme (Schmerzen 
im linken Arme und tief sitzender Rückenschmerz in der Höhe 
des Aortabogens kommen seltener in Betracht); endlich dys- 
pnoischen und asthmaähnlichen Zuständen aus unsicheren Ur¬ 
sachen. Demgegenüber bietet die Untersuchung mit fluores- 
zirendem Schirme den Vortheil, dass man die Intensität des 
Röntgenlichtes nach Bedarf variiren und dass man die Stellung 
des Exploranden wechseln kann. Auf letzteres kommt Alles an. 
Man beginnt mit der Untersuchung in Grundstellung und dreht 
ihn allmählich nach rechts und links bis zur vollständigen Quer¬ 
stellung und überzeugt sich dabei, indem man so den ganzen 
Aortenbogen absucht, dass wirklich ein Tumor vorhanden ist, 
der pulsirt und mit der Aorta für jede Stellung (auch Höher¬ 
und Tieferstellung der Röhre ist anzuwenden!) untrennbar ver¬ 
bunden ist. Dann untersuche man in Kehrtstellung und wieder¬ 
hole die gleichen Verdrehungsmanöver. (Diese Methode, wenn 
anders ich diesen kleinen Tric so nennen darf, habe ich zuerst 
auf dem Kongresse für Innere Medizin in Karlsbad publizirt; 
später hat Holzknecht dieselbe unabhängig gefunden und 
besonders ausgebildet; in seinem Atlas findet, sich das Ein¬ 
schlägige ausführlich beschrieben.) Ich lege grössten Werth 


darauf, dass der Untersucher den Kranken selbst verdreht und 
die Aorta methodisch absucht; die Betrachtung einer einzigen 
schrägen Aufnahme genügt unter keinen Umständen, da natür¬ 
lich jedes zufällig in passender Richtung gelegene schatten¬ 
bildende Objekt Zusammenhang mit der Aorta Vortäuschen kann. 
Wichtig ist die Feststellung der Pulsation. Ich habe sie noch 
bei keinem sicheren Aneurysma meiner Beobachtung vermisst, 
aber da Schrötter sie sogar bei aus der Brust hervor¬ 
gewachsenen Aneurysmen fehlen sah, und für diese Faststellung 
reichen unsere sonstigen physikalischen Untersuchungsmethoden 
doch entschieden aus, wird man daran festhalten müssen, dass 
dieselbe keine Conditio sine qua non für die Diagnose des 
Aneurysmas ist. Andererseits können auch andere Schatten 
pulsiren; man hat sich viel Mühe gegeben, aus der Frage — oh 
allseitige Pulsation oder herzsystolisehe Dislokation nach einer 
Richtung hin — ein Schiboleth zu machen. Ich glaube, mit Un¬ 
recht. Man kann hier ein recht belehrendes Experiment an¬ 
stellen. Klebt man auf ein weit prominirendes, mit grosser Ex¬ 
kursion pulsirendes Gefäss, am besten z. B. ein Aneurysma, mit 
Wachs eine Münze auf und beobachtet dann den Exploranden, 
während man den Schirm in einiger Entfernung vom Thorax 
hält, so sieht man bei richtig gewähltem Abstand deutlich bei 
der herzsystolischen Annäherung des Schattens denselben kleiner, 
bei der diastolischen Entfernung grösser werden: man erhält also 
die schönste allseitige Pulsation vorgetäuscht. Wir müssen also 
als Grenze der Leistungsfähigkeit der Methode feststellen: 
sicheren Nachweis eines Tumors und seiner Zugehörigkeit zur 
Aorta, aber Unmöglichkeit, festzustellen, ob dieselbe zufällig 
oder nothwendig ist. Nun wird man nur sehr selten derartig 
innige Verwachsungen dieses schattengebenden Objektes mit der 
Aorta finden, dem gleichzeitig typische Beziehungen zu anderen 
Organen fehlen. Mediastinale und bronchiale Lyinphdrüscn 
zeichnen sich durchschnittlich durch ihren kontinuirliehen Zu¬ 
sammenhang mit der Trachea und dem medialen Anfangstheile 
des von mir als Begleitschatten beschriebenen Gebildes aus. Für 
Struma sul>sternalis ist die Lage zwischen Sternum und Trachea 
charakteristisch und ich habe bisher noch keine sehen können, 
die nicht mit einem, meist dem grösseren, Theile über das 
Manubrium sterni herausgeragt hätte. Die Zugehörigkeit zum 
Oesophagus lässt sich durch vorsichtige Sondirung leicht er¬ 
bringen : man kann die eingeführte Schlundsonde, wenn sie 
nicht ohne Weiteres sichtbar ist, abwechselnd mit Schrot füllen 
und durch sie hindurch den Oesophagus theilweise mit Luft 
aufblähen. Das häufigste solide Neoplasma des Mediastinums, 
das vom Bindegewebe — resp. Thymusresten — ausgehende und 
sich im Bindegewebe verbreitende Sarkom, zeigt nach meinen 
bisherigen Erfahrungen als charakteristische Eigenthümlichkeit 
die Uebersehreitung und Kombinirung der eben skizzirten kon¬ 
stanten und typischen Beziehungen zu den präformirten Gebilden 
des Mediastinums. Ich bin mir wohl bewusst, damit keine Regel 
ohne Ausnahme aufzustellen. Es gibt sicher für jedes Sarkom 
einen Zeitpunkt, in dem es auf eine kleine Stelle beschränkt ist, 
aber man kann es dann diaskopisch als solches nicht 
identifiziren. Andererseits würde eine Mediastinitis die glei¬ 
chen Symptome machen können, wenn auch nicht noth- 
wendiger Weise. Ein Fall von Oesophaguskarzinom — 
mässig ausgedehnt, umschrieben, wenig Masse enthaltend, 
mehr ulzerirend — starb an eitriger Phlegmone und 
Emphysem des Mediastinums, wie die Sektion auswies, nach 
Perforation in die linke Lunge. Ich habe ihn noch kurz vor 
seinem Tode zu einer Zeit photographirt, als schon häufig un¬ 
regelmässiges, hohesFieber, aber noch keinEmphysemamediastini 
bestand, man jetzt also retrospektiv vermuthen kann, dass wohl 
eine, vielleicht noch kleinere, Phlegmone bestanden hat. Ich 
habe einen ganz auffallend scharfen Schatten am unteren Ende 
des Oesophagus erhalten, der zu der beobachteten geringfügigen 
Masse des Neoplasmas in keinem Verhältnis steht. Es würde 
hiernach ein Oesophagustumor vorgetäuscht sein; allerdings 
konnte ich den Kranken auf der Höhe der Phlegmone — als ich 
sie erst als solche diagnostizirte — aus äusseren Gründen nicht 
mehr diaskopisch untersuchen. Trotz allen diesen, in der Mehr¬ 
zahl der Fälle zutreffenden Typen und Syndromen bleibt, ein 
Rest übrig, in dem eine solche Entscheidung schlechterdings nicht 
getroffen werden kann. Derselbe ist grösser bei geringerer, 
kleiner bei ausgedehnterer Erfahrung; ganz zu eliminiren ist er 
aber nicht und ich persönlich bin eher geneigt, bei nicht ganz klaren 


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MUENCHENER MEDIOINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


Befunden ein non liquet auszuspreohen, als eine sonst gute Me¬ 
thode zu diskreditiren durch Ansprüche, die sie nicht erfüllen 
kann. 

Feber den ersten Patienten, den ich Ihnen vorstelle, einen 
r>5 jährigen Mann, Ist zu bemerken, dass er seit Ende der 70 er 
Jahre luetisch, seit Ende der 80 er Jahre tabisch ist Sie findeu 
dementsprechend I{ o m b e r g’sch es Phänomen, Fehlen der Pntel- 
larreflexe, reflektorische Pupillenstarre, Gürtelgefühle, Crises 
gastriques, lnnzinirende Schmerzen, letzten' von einer solchen In¬ 
tensität. dass Patient schon seit geraumer Zelt Morphinist ist wie 
die zahlreichen Injektionsmäler an Armen und Beinen beweisen — 
Tagesverbrauch derzeit 0.5. Seit Ende der 00 er Jahre haben sich 
Interkostal- und Brachialneuralgien, letztere besonders im rechten 
eingestellt Dieselben halte ich für bemerkenswerth: Ich habe 
schon seit ca. 4 Jahren in einer grossen Zahl von Aortenaffektionen, 
Klappenfehlern. Aneurysmen, und wie ich annehmen zu müssen 
glaube, auch beim einfachen Atherom, derartige rechtsseitig** 
Brachialneuralgien beobachtet und glaube sie auf das Grundleiden 
beziehen zu müssen. In welcher Weise, ist freilich nicht klar, da 
eine Beizung durch direkten Druck nicht in Frage kommen kann, 
sondern wohl eher s.vnsegmentiire Projektion im Sinne Head’s, 
oder, was mir wahrscheinlicher ist Ausstrahlung auf dem Wege der 
Gefüssnerven. vielleicht durch direktes Uebergreifen der atheroma- 
tösen Prozesse auf die A. anonyma und subclavia. Entscheiden 
kann ich die Frage nicht da mir kein Sektionsmaterial vorliegt. 
Tn unserem Falle wurde die Neuralgie von dritter Seite als tablscher 
Natur gedeutet obgleich damals schon erhebliche Dyspnoe bei 
Anstrengungen bestand. Seit einem Vierteljahre entwickelte sich 
dann allmählich dieser pulsirende Tumor hier rechts neben dem 
Sternum vom 2. Interstitium aus. der jetzt, wie Sie sehen, halb so 
gross wie ein Apfel hervorragt Man hört über ihm ein systolisches 
Geräusch: der 2. Aortenton ist accentuirt: es besteht Pulsus diffe- 
rens. allerdings gerade eben noch nachweisbar: das Oliver- 
Cnrdn re Ursche Symptom ist deutlich: und es besteht Rekurrens 
lähmung. Und nun vergleichen Sie hier die Röntgenaufnahme (von 
vorn): Sie werden überrascht sein über diesen enormen Schatten, 
den man nach der Grösse des Tumors niemals erwartet hätte. 
Die Aufnahme ist erfolgt bei einem Röhrenabstand von ca. 60 cm 
von der photographischen Platte, also der Tumor erscheint durch 
«Ile Divergenz der Strahlen vergrössert. Orthodiaskopiseh erscheint 
er immer noch kindskopfgross — und nun perkutiren Sie die 
Gegend in der Umgebung des sichtbaren Tumors — Sie werden 
keine grössere Zone gedämpften Schalles finden, als sie etwa der 
Halbiningsfläclie einer Orange entspricht. Trotz seiner Aus¬ 
dehnung im Inneren des Thorax verursacht der Tumor nur eine 
massige Dyspnoe — man wird wohl kaum fehlgehen, wenn man 
annimmt, dass er eben sehr langsam gewachsen ist. und daher dem 
Träger Zeit gelassen hat, sich mit der Raumbeschränkung seiner 
Lungen einzurichten. Man würde ihn aber unzweifelhaft schon vor 
längerer Zeit, diaskopisch haben nachweisen können. Der Kranke 
ist mir erst ganz kürzlich von Herrn Prof. Friedrich, dem ich 
auch an dieser Stelle danke, zugewiesen worden. Ich will jetzt 
das interessante Zusammentreffen von Lues. Tabes und Aorten¬ 
aneurysma — auch die Aorteninsuffizienz gehört ja nach 
v. Leyden, Rosenbach u. A. ln diesen Bund — therapeutisch 
dadurch zu würdigen versuchen, indem ich eine Kur mit Jod¬ 
kalium vornehme. 

Diese zweite Patientin. 62 Jahre alt. steht schon seit 1807 
wegen Schmerzen auf der Brust in unserer Behandlung. Sie gibt 
bestimmt an. dass ihr Vater ln Folge einer Erweiterung der Haupt¬ 
schlagader des Körpers gestorben sei und sein Zustand dem ihrigen 
geglichen habe. Seit 180.8 besteht laut Krankenjoumal Dämpfung 
auf dem oberen Sternum, zweizeitiges Geräusch, während Herz, 
Puls und Larynx keinen charakteristische Befund ergaben. Seit 
1809 leidet auch sie an den ebenerwähnten Neuralgien im rechten 
Arme: das Ollver-TardareH i'sche Symptom ist seit 1000 
l>eobaehtet. Eine Rekurrenslähmung besteht auch heute noch 
nicht. Seit Februar 1001 beobachteten wir einen, sich Anfangs 
rasch vergrössemden. pulsirenden Tumor auf dem Manubrium 
stemi. Desswegen wurde eine grosse Reihe von subakuten In¬ 
jektionen von Gelatine in wechselnder Memre und Konzentration 
gemacht. Schliesslich verkleinerte sich der Tumor wieder, und Sie 
können an diesem Gipsabguss sehen, dass derselbe auf der Höhe 
der Erkrankung etwa der Hälfte eines mittleren Apfels ent¬ 
sprechend die äussere Brustwand überragte. Leider hat. die Frau 
sich weder früher noch jetzt auch nur annähernd ihrer schweren 
Erkrankung entsprechend gehalten, auch sind auf ihren Wunsch 
nach eingetretener Besserung seit etwa 2 Monaten die Gelatine¬ 
injektionen unterblieben. So haben wir heute wieder eine Steige¬ 
rung vor uns. und Sie sehen, dass der pulsirende Tumor in der 
Grösse etwa einem halbirten Gänseei entspricht (er war zeitweilig 
noch etwas kleiner), aber immer noch weit hinter dem Status des 
Gipsabgusses zurückbleibt. Ich suchte Ihre Aufmerksamkeit be¬ 
sonders auf diese subkutanen Hämorrhagien im TTnterhautzell- 
gewebe zu lenken: dieselben haben schon früher das Anwachsen 
des Tumors begleitet, und sich als verhältnissmässig harmlos 
herausgestellt. Offenbar entspringen sie nicht dem Aneurysma 
selbst, sondern den usurirten Geweben der Nachbarschaft, be¬ 
sonders den Markräumen des Sternums. Betrachten Sie nun diese 
Röntgenaufnahme ■— ventrale Platte — so wird Sie nach dem 
vorigen Falle die Grösse des Aneurysmas nicht mehr überraschen; 
aber sie bemerken hier links vom breiten Mittelschatten einen 
helleren sichelförmigen Abschnitt. Sehen Sie sich nun diese zweite 


Aufnahme — Strahlen ganz schräg, von rechts hinten nach links 
vorn — an, so erkennen Sie ohne Weiteres, dass wir eine diffuse 
Erweiterung der Aorta von ihrem Ursprung aus dem Herzen an 
über den ganzen Arkus hinweg bis zum deszendirenden Schenkel 
vor uns haben, die In der Höhe etwa des 5. Dorsalwirbels sich 
scharf zuspitzt und offenbar ln das (hier nicht mehr erkennbare) 
normale Kaliber ül>ergeht. Dieser deszendirende Theil erschien 
von vorn, tlieilweise durch die aszendirende Aorta und das Herz 
gedeckt, als die schwäelierschattlrte Sichel. Also auch in diesem 
Falle wieder eiii grosser Gegensatz zwischen dem Resultate der 
äusseren Untersuchung und eben der Diaskopie: jene verleitete zur 
Annahme einer sack förmigen Erweiterung — auf die hin mau 
eventuell sogar hätte an einen Eingriff denken können — während 
uns diese ein spindelförmiges Aneurysma, von ungewöhnlicher 
Grösse für ein solches und ungleichmiissiger Entwicklung aufderid: 

Der dritte Patient, 61 Jahre alt. ist seit 3901 in unserer Be¬ 
handlung. Er suchte uns auf, nach 2 jähriger Erkrankung, wegen 
Brustschmerz und Athemnotli. Der Status ergab Lungen¬ 
emphysem, Arteriosklerose, chronische Nephritis; die Her/.- 
dämpfung etwas nach links verbreitert: rechts oben neben dem 
Sternum eine Dämpfung, ül»er der ein zweizeitiges Geräusch zu 
hören ist — kein Oliver-Cardarell i’sches Symptom. Parese 
des linken Stimmbands; sichtbare Pulsation am Halse — Pulsus 
differens. Der Verlauf ergab myokarditische Pulsstörungen: an¬ 
fallsweise auftretende Athemnoth, die nicht den Charakter des 
Asthma bronchiale zeigte. Ferner traten Oedeme an den Beinen 
auf; ein Erguss in die Pleura und einmal glaubte ich einen iso- 
lirten Erguss in den Herzbeutel zu finden, konnte die Diagnose 
nber wegen mangelnder Zustimmung des Kranken nicht durch 
die Probepunktion sichern. Ich habe wenigstens eine Röntgen¬ 
aufnahme zu jener Zeit gemacht, auf der man in der Herzgegend 
einen grossen dreieckigen Schatten sieht, der die gewöhnlichen 
Konturen des Herzens nicht erkennen lässt, ebensowenig den Be- 
gleitsclmtten. Derartige Ergüsse als Komplikationen von An«*u- 
r.vsmen finden sich in der Literatur mehrfach erwähnt, u. A. l>**i 
Selirötter. Ausserdem litt auch dieser Patient an vorwiegend 
rechtsseitigen Neuralgien im Plexus brachinlis und ausserdem 
zeigte er eigenthiimliohe vasomotorische Erscheinungen im gleichen 
Gebiete. Ich gelx* die Schilderung eines solchen Anfalles nach 
meiner Krankengeschichte: 26. XI. 1901: Im Zimmer sind 19° R. 
Trotzdem sind die beiden letzten Phalangen des 3. und 4. Fingers 
behler Hände völlig blass und blutleer, scharf abgesetzt gegen die 
Färbung der im Ucbrigen leicht bläulich-rothen Anne. Dabei be¬ 
steht Schmerz in den betroffenen Fingerglie«leni. an der Innen¬ 
seite der Arme ausstrahlend. Objektiv war das Fingerglied kyp- 
ästlietis«-h. Derartiges kam öfters vor und war die Lokalisation 
auf die Finger resp. die Arme nicht konstant. Vielleicht kann 
man diesen vasomotorischen Krampfzustand — denn um einen sol¬ 
chen handelt es sich offenbar — ülrnrhaupt für die Auffassung 
verwenden, dass die Brachialneuralgien bei Aortenerkrankungeu 
vorwiegend durch Vermittelung der Gefüssnerven zu Stande 
kommen. Also — wir hatten neben nicht, zwingenden Symptomen 
eines Aortenaneurysmas im Wesentlichen myokarditische Erschei¬ 
nungen. Betrachten wir nun das Photogramm, und zwar speziell 
hier dieses — die Platte hat links vorn gelegen —. so erkennen 
wir «*ino spindelförmige Erweiterung der Aorta asccndens. offenbar 
die Ursache der Dämpfung und des Geräusches. Die H«’»he des 
Arcus slbst zeigt demgegenüber eine beträchtliche Verschmäle¬ 
rung — trotzdem ist der Aortaschatten noch immer eher breit als 
schwach. Aber hier am Uel>ergang in den deszendirenden Theil 
und dem ersten Abschnitt dieses selbst finden wir wieder eine 
aneurysmatische Erweiterung — wir würden somit diesen auf¬ 
fallenden Befund als den von zwei Aneurysmen zu deuten haben. 
Ich konnte schon früher ein ganz ähnliches Bild l>ei einer Frau 
beobachten, welche ein nach links verbreitertes Herz uud ein 
rein systolisches Geräusch über der Aorta, aber gleichzeitig auch 
eine Rekurrenslähmung hatte. Hier war indessen die erste Er¬ 
weiterung sehr viel weniger ausgesprochen und die zweite betraf 
schon den Arcus selbst. Dieselbe ist mittlerweile zur Sektion ge¬ 
kommen und ich kann Ihnen hier das Präparat zeigen. Aus dem 
vergrüsserten Herzen entspringt di«* Aorta, auf der Innenwand 
reichlich mit Kalkplatten liesetzt, im Anfangstheil sehr weit, dann 
k«*gelförmig zulaufend; man kann das Immer noch nicht ein 
Aneurysma nennen. al>er an der weitesten Stelle ist der Umfang 
fast doppelt so gross wie normal. Hier folgt nun eine verengerte 
Stelle — offenbar der Entstehungsort des sägenden systolischen 
Geräusches im Le1>en — und dann das apfelgrosse Aneurysma, 
zum grössten Theil mit alten, fest haftenden Gerinnseln erfüllt. 
(Dassslbe komprimlrt etwas den Oesophagus, wie Sie hier sehen, 
im Leben durch keine Funktionsstörung angedeutet.) Sehen wir 
uns nun unseren Kranken noch einmal von hinten an, so fällt uns 
die gezwungene Haltung desselben auf. Die normale. S-f«">rmige 
Krümmung der Wirbelsäule ist verschwunden, sie ist ..überstreckt“, 
was neben der auffallenden Senkung und Adduktion der Schulter¬ 
blätter auch noch in der etwas hintenüber gebeugten Haltung des 
Kopfes zum Ausdruck kommt, und alle Bewegungen des Rumpfes 
fallen steif aus und werden schonend ausgeführt. Links neben dom 
4.—6. Dorsalwirbel besteht Dämpfung und wenn ich hier den 
Finger eindrücke, so ist das. wie die Reaktion des Kranken be¬ 
weist, schmerzhaft, und der Fingerdruck hinterlässt eine deutliche 
Vertiefung, die wohl auch in etwas grösserer Entfernung noch 
deutlich zu sehen ist, es besieht also Oedem. Ein Geräusch ist 
nicht zu hören. Betrachten wir nun noch einmal unsere 3 ersten 
Fälle im Zusammenhang, so erinnern wir uns, dass für grosse 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


25. Februar 1Ö02. 




Aneurysmen vielfach Ule Entstehung aus mehreren kleinen durch 
Perforation und Verschmelzung angenommen ist. Ein Blick auf 
unsere Bilder zeigt uns klar das Annehmbare einer solchen Hypo¬ 
these und es sollte uns nicht wundern, wenn unter Umständen 
auch einmal der absteigende Schenkel eines spindelförmigen in 
den aufsteigenden Ast perforireu würde, so zu einer Verschmelzung 
führend. Wir erkennen das Brauchbare unserer Methode, indem 
sie nicht bloss die Diagnose fördert, sondern auch die Forschung, 
indem wir nun einen solchen Vorgang, w r enu er an einem dieser 
Fälle eiutritt, beobachten können und an Stelle der Hypothese 
die Erfahrung setzen werden. 

Der vierte Fall, hier diese alte Frau mit der starken Kyphose, 
zeigt klinisch alle Zeichen einer Aortemnsuftizienz und leidet auch 
offenbar an einer solchen. Nur durch Zufall fand sich ausserdem 
bei der diaskopischen Untersuchung als Nebenbefuud ein rund¬ 
licher, pulsireuder Tumor an der Aorta descendeus. Er ist am 
besten auf dieser Platte zu sehen, die schräg links hinten auf¬ 
gelegen hat. Er hat keinerlei Folgeerscheinungen gemacht ver¬ 
möge seiner tiefen Lage; auch die Wirbelsäule ist, offenbar wegen 
ihrer starken kyphotischeu Krümmung, nicht in Mitleidenschaft 
gezogen. 

Der fünfte Fall, diese 57 jährige Frau, ist seit 1899 in unserer 
Behandlung. Sie zeigt die Beste einer hemiplegischeu Lähmung 
an Arm und Bein, entstanden nach Trauma mit Bewusstseiusver- 
lust und Konvulsionen, ferner Lungenemphysem und chronische 
Arthritis. Sie litt an länger dauernden Anfällen von Atliemiiotli, 
die sehr einem Asthma bronchiale ähnelten, auch durch den häultg 
erhobenen Befund reichlicher eosinophiler Zeilen im Sputum, aber 
doch wohl nur schweren Bronchitiden entsprachen. Dabei bestand 
eine linksseitige Kekurreuslähmuug (seit Januar 1900 von Herrn 
Dr. Viereck in der Universitätsklinik für Halskrauke festge¬ 
stellt). Dazu Dämpfung und leichtes Oedem links neben dem 
3.—6. Dorsalwirbel; ebendort war ein systolisches, musikalisches 
Geräusch zu hören, welches nach unten fortgeleitet wurde. Im 
Küntgenbildc fand man, wieder am deutlichsten von links hinten 
zu selien, eine Erweiterung des Arcus aortae und des Anfangs 
der Aorta deseendens. Vielleicht ist die hier deutlich erkeubare 
Verschmälerung des Schattens der benachbarten Wirbelkörper als 
Usur zu deuten. Die Steifigkeit und die Haltung des ltuekeus 
ähnelt ausserordentlich dem vorhin gezeigten dritten Falle. Der 
Befund war im Jahre 1900 noch viel ausgesprochener als heute, 
besonders der diaskopisch sichtbare Tumor grösser. Bekanntlich 
sind Volumenschwankungen und auch sonstiges Variiren der Be¬ 
funde bei der Uber Jahre hinaus sich erstreckenden Beobachtung 
von Aneurysmakranken ausserordentlich häufig festzustellen. 
Diese asthmatischen Zustände, an denen die Kranke leidet, habe 
ich bisher ausschliesslich in solchen Fällen von Aneurysma ge¬ 
funden, in denen dieses sehr weit hinten sass, am Arcus oder dem 
Uebergang ln den absteigenden Theil. Man muss dieselben streng 
trennen von dyspnoischen Zuständen anderer Art, wie sie durch 
Kompression der Trachea oder Bronchien, komplizireude schwere 
Katarrhe, Herzkrankheiten, iutrathorakisclie Ergüsse u. dgl. zu 
Stande kommen. Sollte sich dieses Zusammentreffen bei weiterer 
Beobachtung bestätigen, so würde man versuchen müssen, in den 
örtlichen Beziehungen dieser Gegend, z. B. zum vago-sympnthischeu 
Geflechte der Lunge, eine Erklärung zu finden. Ein ganz beson¬ 
ders charakteristischer Fall dieser Art kam 1899 in unserer Poli¬ 
klinik zur Beobachtung. Derselbe litt ebenfalls an asthmatischen 
Anfällen, die aber erst im späteren Leben aufgetreten waren 
und auch sonst kleine Abweichungen vom typischen Bilde des 
Asthma bronchiale erkennen Hessen. Trotzdem war von vielen 
und guten Beobachtern die Diagnose auf Asthma bronchiale ge¬ 
stellt worden. Herr Geheim rath Hoffmaun schöpfte zwar den 
Verdacht auf Aneurysma wegen bestehendem Pulsus differens, 
aber es gelang uns nicht, dasselbe diaskopisch nachzuweisen, da wir 
es unterlassen, den Kranken auch in Kehrtstellung zu untersuchen 
und von derselben aus zu verdrehen. Er kam zur Sektion im 
pathologischen Institute. Hier fand sich ein Aneurysma, entspre¬ 
chend gelagert wie das bei dieser Frau, deren Röntgenphotogramme 
in Ihren Händen sind, auch ziemlich ebenso gross und die Wirbel¬ 
säule usurirend. Auffallend ist übrigens in unserem gegenwärtigen 
Fall, dass Jodkali prompte HUfe bringt, wenn auch erst im Ver¬ 
laufe von 1—2 Wochen. 

Der sechste Kranke, 64 Jahre alt, steht seit Anfang 1901 in 
meiner Behandlung, nachdem er vorher schon unter der Diagnose 
„Aneurysma aortae“ im Kraukenhause zu St Jakob behandelt 
worden war. Sie sehen an ihm eine sehr ausgesprochene Arterio¬ 
sklerose; die Kadialarterien fühlen sich beiderseits wie kleine 
„Gänsegurgeln“ an und die erhebliche Pulsdifferenz kann daher 
nicht ohne Weiteres auf ein Aneurysma bezogen werden. Häufige 
Anfälle von Schwindel und Ohnmacht — die zu wiederholtem Hiu- 
fallen auf der Strasse geführt haben — sprechen für Arterio- 
sclerosls cerebri. Seine Uerzdämpfung ist etwas nach links ver¬ 
breitert und die leichte Irregularitas cordis lässt auf myokarditlsche 
Erkrankung schliessen. Sein Aortenaneurysma verräth sich durch 
eine Dämpfung über dem oberen Sternum, in deren Gebiete ein 
zweizeitiges Geräusch zu hören ist, und die Erscheinungen am 
Kehlkopf. Tugging und Rekurrenslähmung. Auf dem von vorn 
aufgenoramenen Photogramm sieht man absolut keine Abweichung 
vom Normalen (mit Ausnahme der geringen Herzhypertrophie), 
dagegen ergeben diese beiden schrägen Aufnahmen ein Aneurysma 
des Arcus aortae, welches in der Hauptsache die untere Kontur 
des Bogens betrifft. Aus dem Verlaufe dieses Falles ist hervor¬ 
zuheben, dass der Kranke im Anfänge des vorigen Jahres wieder¬ 


holte schwere Hämoptysen durchzumacheu hutte, die indessen 
slstirten. (Es war Ergotiu und Gelatine subkutan angewendet 
worden.) Dieses W’lederverschwinden der Blutungen — Jetzt schon 
seit mehr als einem Jahre — scheint mir höchst bemerkenswert)!. 
Mau findet die leichteren Hämoptysen bei Aneurysmen in vielen 
Lehrbüchern für solche aus dem erkrankten Gefässe selbst er¬ 
klärt und sie demgemäss als — prognostisch wichtige — Zeichen 
einer drohenden Berstung des Sackes ln grösserer Ausdehuuug auf¬ 
gefasst. Man wird ihren Ursprung aber weit besser in die Nach¬ 
barschaft des Aneurysmas verlegen und an arrodirte kleinere Ge¬ 
fässe denken. Ich weise nochmals auf unsere Patientin No. 2 hin, 
an der wir solche Blutungen in der Nachbarschaft des Aneurysmas, 
im subkutanen Zellgewebe, direkt sehen können. In einem Falle 
meiner Beobachtung kam ich — nach der Schätzung der Ange¬ 
hörigen — etwa lü Minuten nach der Katastrophe zum Patienten 
und fand ihn offenbar längst todt. Das Aneurysma war das 
kleinste, von mir bisher Intra vitam festgestellte; es sass an der 
unteren Kontur des Arcus und erreichte kaum die Grösse einer 
kleinen Pflaume. (Seine Folgezustäude waren: Rekurrenslähmung 
und Bronchostenose mit davon abhängiger Bronchiektasie im Ge¬ 
biete des Hauptbronchus für den linken Unterlappen — desswegen 
wurde der Fall in einer Inauguraldissertation von F e r b e r be¬ 
handelt.) Hier betrug die grösste Länge der spaltförmigen Oeff- 
nung nur einige Millimeter und war noch dazu fast völlig durch 
ein altes, zähes Gerinnsel verschlossen, dem man nach dem Be¬ 
funde am Präparate wohl hätte eine hemmende Ventilwirkung 
Zutrauen können — und trotz dieser Erschwerung des Ausflusses 
die foudroyante Blutung! Es ist also das Zusammentreffen einer 
Reihe günstiger Momente nöthig, um Blutungen aus dem Aneurysma 
selbst zu harmlosen zu gestalten, und dieses Zusammentreffen 
wird sicher viel seltener sein, als es diese vorübergehenden Hämo¬ 
ptysen sind. 

Den siebenten und achten Fall kann ich zusammenfassend be¬ 
handeln. Sie bieten beide klinisch eine Dämpfung auf dem oberen 
Brustbein, ein systolisches Geräusch Accentuation des 2. Aorten- 
toues und eine deutliche Abschwächung des Pulses am linken Arme 
dar. Auffallend ist bei beiden noch die starke Pulsation der 
grossen Arterien des Halses. Im Röntgenbilde zeigen beide — 
wiederum von links vorn am besten sichtbar — kleine Aneurysmen 
der Aorta ascendens; bei dem einen näher dem Herzen, bei dem 
andern näher dem Arcus gelegen, aber sehr deutlich durch diese 
zwiebelfönnige Erweiterung des Aortenschattens gekennzeichnet. 
Besonders auffallend gegenüber dem vorigen Falle ist der Hocli- 
staud des Aortabogens. 

Alle diese Bilder sind unter gleichen Bedingungen auf¬ 
genommen; die Antikathode ist bei ca. 60 cm Entfernung auf 
die Mitte der Platte, bei der normalen Aufnahme von vorn also 
etwa auf den 6. Dorsalwirbel eingestellt, und doch haben Sie 
hier bei Fall 6 den Oberrand des Aortenbogens in Höhe des 
4. Rückenwirbels, bei Fall 7 und 8 aber schon in Höhe des 
oberen 3. Dieser Hochstand der Aorta ist bekanntlich von 
Curschmann zuerst beschrieben; er findet sich für sich, meist 
komplizirt mit gleichzeitiger Sklerose der Brustaorta, beim 
Aneurysma und bei der Insuffizienz der Aortenklappen; neuer¬ 
dings hat sie Gerhardt wieder bearbeitet. Im Röntgenbilde 
kann man dieses Verhalten leicht nachweisen; mit Holz- 
knecht muss ich noch die chronische Nephritis, speziell die 
Schrumpfniere, in diese Reihe stellen; gleichzeitig findet sich 
aber auch eine messbare Verbreiterung des ganzen Schattens. 
Dagegen kann ich Holzknecht nicht beistimmen, wenn er 
auch Fälle von Chlorosis und Morbus Basedowii hierher zählt. 
Denn bei letzteren beiden Krankheiten ist das kein dauernder, 
sondern ein vorübergehender Zustand; man kann sie beim Morbus 
Basedowii oft ohne andere Symptome, aber auch mit diesen ver¬ 
gesellschaftet finden, immer nur aber in den Perioden, in denen 
eine gewisse Exazerbation vorliegt, besonders ein gewisser — 
kein übermässiger! — Grad von Pulsfrequenz besteht, während 
man ihn in den Zeiten mehr oder minder vollständigen Nach¬ 
lassens aller Erscheinungen vermissen wird. Ganz analog ist das 
Verhalten bei Chlorotisclien und dies geht allmählich über in das 
einer grossen Anzahl vasomotorisch erregbarer Personen, welche 
diese Erweiterung der Aorta bei jeder starken Erregung ihrer 
Herzthätigkeit aufweisen, wenn dieselbe mit wesentlicher Puls¬ 
beschleunigung verbunden ist. Diejenigen Herren, welche im 
vorigen Semester die Sitzungen der biologischen Gesellschaft 
besucht haben, werden sieh an meinen Vortrag über „die Funk¬ 
tion des Herzens nach Beobachtungen am fluoreszirenden 
Schirm“ erinnern, in dem ich diese Gruppe von Pulsbesehlcuni- 
gung mit Erweiterung der Aorta als „poly kurdische Gruppe“ be¬ 
zeichnet habe und dieselbe gegenübergestellt den Funktions¬ 
bildern der „myoknrditischen Gruppe“ und den Ausprägungen 
des starken und schwachen Aktionstypus, besonders an muskel¬ 
schwachen Herzen. Sie erinnern sich auch noch, dass man in 
leichten Anfällen von paroxysmaler Tachykardie gleiche Bilder er- 


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S4Ö 


MttENCttENEfc MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


hielt; dass aber Fälle, in denen die Pulsfrequenz einige Zeit 160 
beträchtlich überstieg, diese Erscheinung nicht mehr zu zeigen 
pflegen. Also diese „polykardische Gruppe“ ist als eine solche 
von funktionellen Störungen prinzipiell abzugrenzen von denen 
der diffusen, nicht aneurysmatischen Verbreiterung des Aorten¬ 
schattens, in höherem Grade verbunden mit Erweiterung der 
ganzen Schleife, dein „Hochstand des Aortenbogens“, welche 
einer dauernden, auch in Autopsia noch nachweisbaren Um¬ 
formung des Gefässes entspricht. Und gegen diesen Zustand 
haben wir differentialdiagnostisch auch die wenigst voluminösen 
Aneurysmen abzugrenzen. Es geht aus der nahen Verwandt¬ 
schaft aller dieser Affektionen hervor, dass dies in gewissen 
Grenzen nicht möglich ist, und wir haben hier die zweite Grenze 
unserer Methode vor uns. Aber in dieser Beschränkung finden 
wir auch wieder eine neue Stärke derselben; wenn wir nun auch 
noch nicht im Einzelnen immer werden entscheiden können: Ver¬ 
breiterung des Aortenschattens und Erweiterung des Bogens in 
Folge von einfachem Atherom oder beginnendem Aneurysma 
oder beginnender Aorteninsuffizienz — Schrurapfniere wird sich 
nach den sonstigen klinischen Untersuchungsergebnissen aus- 
schliessen lassen —, so haben wir doch einen morphologischen 
Befund bei einer Erkrankung der Aorta, einer Aortitis, vor uns, 
und wir können damit das C u r s c h m a n n’sche Postulat, 
weitere Symptome und Folgezustände dieses Zustandes zu be¬ 
obachten, für einen Theil der Fälle erfüllen. Und wir werden 
sicher von hier aus nach und nach lernen, eine Brücke zu 
schlagen zur exakteren Diagnostik derjenigen Stadien des 
Atheroms der Aorta, in denen noch keine groben morphologischen 
Veränderungen derselben vorliegen, aber eine Reihe subjektiver 
und objektiver Beschwerden meist leichterer Natur besteht, und 
mit ihnen die Gefahr, dass es plötzlich zu einer der schweren 
Komplikationen kommt, die bei dieser Erkrankung nicht so 
selten sind. Und darauf noch besonders hinzuweisen, war der 
Hauptzweck dieser Demonstration. 

(Schluss folgt.) 


Physikalisch-medicinische Gesellschaft zu Würzburg. 

(Eigener Bericht) 

Sitzung vom G. Februar 1902. 

Herr K. B. Lehmann: 1. Demonstration des Schotte- 
1 i u s’schen Versuchs über die Bedeutung der Bakterien für das 
Hühnchen. 

2. Ueber die Abgabe von Schwermetallen (Blei, Eisen, Zinn, 
Antimon) von irdenen und emaillirten Gefüssen an Essigsäure. 
Nach dem deutschen Reichsgesetz darf ein Geschirr, in dem 
4 proz. Essigsäure gekocht wird, kein Blei abgeben. Verfasser 
hat an einer Serie von 30 aus beliebigen Geschäften ge 
kauften glasirten Thongeschirren Versuche gemacht und fol¬ 
gendes Resultat erhalten. Bei 10 Stück ging kein Blei 
beim Kochen in die Essigsäure Uber, bei 7 Geschirren fanden 
sich 1—5 mg im Liter, bei 6 Stück 5—10 mg, bei 2 Stück 29 bezw. 
42 mg und endlich bei 5 Stück 109 bis 300 mg im Liter. Bei einer 
zweiten Versuchsreihe von 30 Geschirren war das Resultat ein 
ähnliches. Eine weitere Frage, die Berücksichtigung fand, war 
die, ob nur beim ersten Auskochen oder auch später noch Blei ab¬ 
gegeben wird. Es ergab sich, dass grössere Mengen nur das 
erste Mal, kleinere aber auch noch später, z. B. bei der 
30. Auskochung übergingen; so konstatirte man einmal bei der 
ersten Auskochung 305 mg und bei einer späteren 24 mg im 
Liter. Vortragender berichtet daun von einer akuten Bleiver¬ 
giftung, die durch Gebrauch eines schlechten irdenen Geschirres 
entstanden war und weist darauf hin, dass chronische und akut«* 
Bleivergiftungen durch Gebrauch schlechter Geschirre in der 
Literatur wenig bekannt sind. Vielleicht mag aber öfter, als man 
annimmt, ein schlechtes Geschirr die Ursache einer chronischen 
Bleivergiftung sein. Ferner hat Vortragender die gleichen Ver¬ 
suche mit emaillirten Eisengeschirren gemacht und gefunden, dass 
von dem Emailleüberzug kleine Mengen Zinn an das essigsaun? 
Wasser abgegeben werden. In einem Fall konnten auch nicht 
unerhebliche Mengen Antimon konstatirt werden (31 mg im Liter 
bei der ersten Auskochung), doch ist das Antimon weniger gefähr¬ 
lich als das Blei, weil es nicht wie dieses im Körper retinirt, son¬ 
dern sofort wieder ausgeschieden wird. 

3. Ueber die Bildung von Oxydationsfermenten (Tyrosinase) 
durch Bakterien. Im Pflanzenreich sind Oxydasen schon bekannt; 
speziell hat B e r t r a n eine Laccase nacligewiesen. welche den 
farblosen Saft des japanischen Lackbaums durch Oxydation in den 
schwarzen japanischen Lack überführt und auch andere Oxy¬ 
dationen, z. B. die des Hydrochinons in Chinon, zu Stande bringt, 
ferner eine Tyrosinase, welche das Tyrosin in einen braun¬ 
schwarzen Körper überführt und sich in den Sprossen der Kar¬ 
toffeln und in verschiedenen Pilzen findet. Vortragender hat nun 
bei Bakterien nach Tyrosinase gesucht und in verschiedenen 
Fällen ein Braunwerden des Nährbodens beobachtet, wenn er ihm 


Tyrosin zusetzte. Ebenso bemerkte er, dass bei B. fluoresceus 
non liquefaciens der Nährboden öfters ohne jeglichen besonderen 
Zusatz braun wird und dass diese Braunfürbung ausbleibt, wenn 
der Nährboden zu gleicher Zeit Zucker enthält. Die Annahme des 
Vortragenden, dass das Bakterium aus dem Pepton des Nähr¬ 
bodens bei Fehlen von Zucker Tyrosin abspaltet und dass letzteres 
durch eine Oxydase verändert wird, fand darin eine Stütze, dass 
beim künstlichen Zusatz von Tyrosin auch ein zuckerhaltiger Nähr¬ 
boden braun wurde und dass die Braunfärbung eines zuckerfreien 
Nährbodens durch Tyrosinzusatz noch zunahm. 

4. Ueber die Wirkung von metallischem Kupfer auf die 
Pflanzenwurzel. Es handelte sich darum, festzustellen, ob das 
Wachsthum einer Wiese durch das Wasser eines Kupfer führenden 
Baches beeinflusst werden könne. Vortragender sähte Bohnen, 
Kürbis und Kressen in Erde, die 7,5 Proz. bezw. 7,5 Prom. und 
3.5 Prom. Kupferzusatz hatte, und fand die auffallende Thatsache. 
dass die Wurzeln dieser Pflanzen ein vermindertes Längenwachs¬ 
thum hatten, dagegen reichliche auch wieder sehr kurze und harte 
Seitenästchen trieben. Die ganze Wurzel sah wie ein Korallen¬ 
bäumchen aus, und die Pflanze lless sich ohne weitere Schwierig¬ 
keiten mit 2 Fingern aus der Erde herauszielieu. Das Pflanzen- 
waclistlium wird also durch Kupfer erheblich geschädigt. 


Deutscher Verein für öffentliche Gesundheitspflege. 

Die diesjährige Jahresversammlung des Vereins wird in den 
Tagen des 17. bis 20. September in München stattflndeu, 
unmittelbar vor der am 22. September beginnenden Versammlung 
deutscher Naturforscher und Aerzte in Karlsbad. 

Folgende Verhandlungsgegenstände sind in Aussicht ge¬ 
nommen: 

1. Die hygienische Ueberwacliung der Wasserläufe. 

2. Die Wechselbeziehungen zwischen Stadt und Land in Be¬ 
zug auf ihre Gesundheitsverhältnisse und die Sanirung der länd¬ 
lichen Ortschaften. 

3. Feuchte Wohnungen: Ursache, Einfluss auf die Gesundheit 
und Mittel zur Abhilfe. 

4. Den Einfluss der Kurpfuscher auf Gesundheit und Leben 
der Bevölkerung. 

5. Das Bäckergewerbe vom hygienischen Standpunkt für den 
Beruf und die Konsumenten. 


Aus ärztlichen Standesvereinen. 

Aerztlicher Bezirksverein Lohr-Gmünden. 

Der ärztliche Bezirksverein Lohr-Gemünden beschäftigte sich 
in seiner Versammlung am 13. v. Mts. u. A. auch mit der ärzt¬ 
lichen Standes- und Ehrengerichtsordnung und gab seiner Gesin¬ 
nung betreffs der in No. 1, 1902, S. 47 der Münch, med. Wochenschr. 
hervorgehobenen Punkte in nachfolgender Weise Ausdruck: 

a) Alle Praxis ausübenden Aerzte, also auch die Privatpraxis 
ausübenden beamteten und Militärärzte müssen einem ärzt¬ 
lichen Bezirksvereine angeboren und unterliegen somit der Stande«- 
und Ehrengeriehtsordnuug. 

b) Die Standesordnung darf keine Bestimmung enthalten, 
welche dem Arzte die freie Wahl der Heilmethode oder des Heil¬ 
verfahrens verbietet, unter der Voraussetzung, dass 
diese allgemein-logischen Grundsätzen nicht entgegen sind. 

c) Die eventuell auszusprechendeu Geldstrafen sollen als 
Minimum 20 M., als Maximum 1000 M. betragen. 

Die versammelten Vereinsmitglieder waren einstimmig der 
Ansicht, dass, wenn nicht alle praktizirenden Aerzte einem Be¬ 
zirksvereine angehören müssen, die ganze Standes- und Ehren¬ 
gerichtsordnung illusorisch ist, da eben die unlauteren ärztlichen 
Elemente ihr Treiben nach wie vor fortsetzen werden. 


Auswärtige Briefe. 

Wiener Briefe. 

(Eigener Bericht) 

W ien, 22. Februar 1902. 

Ueber die Insuffizienz der üeocoekalklappe.—Zur Technik 
der Grenzbestimmung: der Organe mittels Transsonanz. — Zur 
Entstehung des Lnpus vulgaris. 

ln der Gesellschaft für innere Medizin hielt Herr Dozent 
Dr. Max Ilerz einen Vortrag über die Insuffizienz der Ileo- 
coekalklapi>e, wobei er auf eigene klinische Erfahrungen, sowie 
auf pathologisch - anatomische und experimentelle Untersuch¬ 
ungen rokurrirte. Er beschrieb vorerst die normale Ileocoekal- 
klappe und deren Varietäten. Diese Klappe, sagte Redner, ist 
ein Ventil, das Gasen und Flüssigkeiten den Durchgang in der 
natürlichen Richtung gegen den After gestattet, den entgegen¬ 
gesetzten Weg, wenigstens für Flüssigkeiten abeperrt. Gasdicht 
braucht sie nicht zu sein, um dennoch die gemischten Kontent« 
dos Ooecums zurüekzuhalten, weil ihre freie Mündung in den 
nach unten sinkenden, flüssigen oder breiigen Inhalt desselben 
taucht, eine Anordnung, die man in der Hygiene und Techno- 


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25. Februar 1902. 


MUENOHENER MEDICI NISCHE WOCHENSCHRIFT. 


341 


logfie als Sy phon bezeichnet. Am Leichendarme konnte er 
sodann experimentell leicht feststellen, ob eine Ileocoekalklappe 
früher wasserdicht, also absolut suffizient, oder ob sie relativ oder 
absolut insuffizient war. Die Funktionefähigkeit dieser Klappe 
ist aber, wie Redner des Weiteren ausführt, absolut nothwendig. 
Die Mechanik der Fortschaffung der Fäzes im Dickdarm ist eben 
eine ganz andere wie im Dünndarm; dort gibt es keine regel¬ 
mässig fortlaufende, peristaltische Wellen mehr, der Dickdarm 
verkürzt sich und rückt in toto gegen eine der Anheftungsstellen, 
z. B. Coekum und Colon ascendens gegen die Flexura coli dextra 
(J. P a 1). Das machen die mächtigen zu Taenien angeordneten 
Längsmuskeln des Dickdarms. Das Coekum und Colon ascendens 
stossen dabei ihren Inhalt in der gleichen Weise aus, wie die Harn¬ 
oder Gallenblase. Soll aber diese Funktion anstandslos von 
statten gehen, dann darf der eingeschlossene Hohlraum nur 
einen Ausgang haben, nämlich in das Colon transversum; gegen 
das Ileum hin muss er abgeschlossen sein und dies wird durch die 
Ileocoekalklappe prompt bewirkt. 

Durch mannigfache Krankheitsprozesse, speziell durch Al¬ 
koholmissbrauch, durch Oedem und Stauungskatarrh bei Herz¬ 
fehlern, durch typhöse Geschwüre etc., kann es zur Funktions¬ 
unfähigkeit dieser Klappe kommen. Die Insuffizienz der Klappe 
ist durch abnorme Gestaltung derselben (Rüsselbildung, Ektro- 
pium, völlige Zerstörung) gekennzeichnet. Die Besitzer solcher 
Klappen sollen lange Zeit hindurch an Unregelmässigkeiten der 
Stuhlentleerungen (Obstipation und Diarrhoe abwechselnd) ge¬ 
litten haben, sie boten Erscheinungen der chronischen Dickdarm- 
affektionen überhaupt dar. Ob die Obstipation die Ursache oder 
die Folge der Insuffizienz ist, ist aber nicht immer zu entscheiden; 
in vielen Fällen muss das letztere als wahrscheinlich angenommen 
werden. Es gibt aber auch Fälle, wo eine Entzündung direkt an 
der Klappe und speziell an jenem Theile sass, welcher von der 
Dünndarmschleimhaut gebildet sind. 

Die Inspektion, die Palpation und die Perkussion, endlich 
ein eigener Handgriff, den der Redner genau beschreibt, geben die 
Aufklärung, ob die Ileocoekalklappe suffizient ist oder nicht. Ist 
das Ventil undicht geworden, dann können die Contenta, besonders 
die gasförmigen, wenn sie behufs Austreibung unter höheren 
Druck gesetzt werden, nach zwei Richtungen ausweichen, zurück 
in das Ileum und vorwärts in das Rektum. Der Dickdarm wird 
daher von seinen Gasen nie vollständig entleert, die Individuen 
klagen vielfach über Flatulenz und über die Schwierigkeit, will¬ 
kürlich die Gase nach Aussen zu pressen. Hiezu gesellen sich 
weitere Symptome, Schmerzen, nervöse Beschwerden aller Art etc., 
welche Erscheinungen aber für diese Leiden nicht charakteristisch 
sind. Viele Fälle heilen in Karlsbad, d. h. es verschwindet das 
fleocoekalphänomen vermuthlich d esshalb, weil man dort den 
Dickdarm durch mehrere Wochen regelmässig evakuirt, so dass 
sich die Schleimhautveränderungen an der Klappe rückbilden 
können. Ebenso wirksam ist die Dickdarmmassage. 

In der Gesellschaft machte Professor Dr. J. P a 1 eine vor¬ 
läufige Mittheilung zur Technik der Grenzbestimmung der Or¬ 
gane mittels Transsonanz. Durch die Vorarbeiten (Camman 
und Clark, Bianchi, Henschen u. A.) hat sich der Vor¬ 
tragende veranlasst gesehen, Versuche mit der Auskultation eines 
fixen Geräusches zu unternehmen und benützte dazu einen 
federnden Stift, der bei seinen Bewegungen ein entsprechendes 
Geräusch auslöst. Pal hatte mehrfach Gelegenheit, das Ver¬ 
fahren in pathologischen Fällen mit Erfolg zu proben und führt 
eine Reihe solcher Fälle an. Schliesslich hebt er die auf diesem 
Wege gewonnenen Konturen am Herzen hervor, welche im Gegen¬ 
sätze zu den Befunden von Bianchi die anatomische Anord¬ 
nung der Herzräume und der grossen Gefässe gut erkennen 
lassen. Die Methode ist nur für Gebilde verwendbar, welche 
perkutorisch erreichbar sind und kommt nach Pal vorzüglich da 
in Betracht, wo physikalisch gleichartige Organe an einander 
stossen, welche auch die Röntgendurchleuchtung nicht abzu¬ 
grenzen gestattet. 

Einen in mehrfacher Hinsicht interessanten Fall von Lupus 
des Gesichtes stellte Dozent Dr. Kreibich vor. Das Mädchen 
kam mit der bestimmten Angabe, dass ihr vor ca. 3 Wochen eines 
Nachts das Gesicht unter Brennen und Stechen sehr stark und 
fast gleichmässig angeschwollen sei. Diese Anschwellung ging 
während der nächsten Tage zurück, es blieb aber der jetzt be¬ 
jahende Ausschlag zurück. Das Exanthem, braunrothe, weiche 


Knötchen von absolut gleicher Beschaffenheit und von scheinbar 
gleichem Alter, machte sofort den Eindruck eines Lupus miliaris 
disseminatus, welche Diagnose durch histologische Untersuchung 
von 5 Knötchen erhärtet wurde. Jedes klinisch konstatirte Knöt¬ 
chen entsprach einem histologisch wohl ausgebildeten Tuberkel 
mit randständigen, zahlreichen und grossen Riesenzellen, mehr 
zentral gelegenen epitheloiden Zellen und zentraler Ver¬ 
käsung. Spärliche Tuberkelbazillen. Das Virus scheint hier, 
wie Redner ausführte, auf dem Wege der Blutbahn zur Aussau i 
gelangt zu sein. Als Zeichen bereits früher abgelaufener Tuber¬ 
kulose zeigte Patientin eine eingezogene alte Narbe, welche offen 
bar von einer tuberkulösen Lymphdrüsenerkrankung herrührt. 
Eine ähnliche Beobachtung machte der Vortragende vor 3 Jahren. 
An der Streekseite der oberen und unteren Extremitäten erschien 
bei einem Manne plötzlich ein Exanthem, das auf den ersten 
Anblick den Eindruck eines Lichen haemorrhagicus Hebrae 
machte, aber bald als typischer Tuberkel mit Riesenzellen, epi- 
thelioiden Zellen und zentraler Verkäsung diagnostizirt wurde. 
Bazillen wurden damals nicht gefunden. Warum einmal bloss 
das Gesicht, das andere Mal vorwiegend die Follikel der Ex¬ 
tremitäten befallen wurden, ist nicht ohne Weiteres zu sagen; 
vielleicht stellte im letzteren Falle der Follikel einen Locus 
minoris resistentiae dar, während im heute vorgestellten Falle 
eine artefizielle Hyperämie die Veranlassung zur Verbeitung gab. 
Der klinische Verlauf in diesem Falle zeigt übrigens, dass es 
sich um eine benigne Form des Lupus handelt, denn die Knötchen 
scheinen im Verlaufe der Zeit kleiner geworden zu sein. 


Römische Briefe. 

(Eigener Bericht) 

Rom, 5. Februar 1902. 

Jubiläumsfeier für Prof. August Murri in Bologna. — 
Vorschlag eines deutschen Kollegen gegen das Heufieber. 

Man erzählt sich, dass vor etwa 30 Jahren der jetzige Leiter 
der medizinischen Klinik in Bologna, Prof. Murri, ein ein¬ 
facher Gemeindearzt in einem abgelegenen Bergdorf der Marken 
war, und vielleicht würde er sein Leben lang ein unbekannter 
Medico condotto geblieben sein, wenn nicht ein glücklicher Zufall 
einen gefeierten Kliniker in jenen abgeschiedenen Winkel ge¬ 
führt hätta Eines schönen Tages wurde nämlich Prof. Baccelli 
zu einem Konsilium in jenes Dorf gerufen und so war es ihm 
vergönnt, Murri gleichsam zu entdecken und der italienischen 
Wissenschaft einen bedeutenden Mann zu schenken. Der grosse 
römische Kliniker hörte voll Ueberraschung und Aufmerksamkeit 
zu, als der junge Landarzt ihm die Krankengeschichte erzählte 
und klar und scharf seine Diagnose stellte und begründete. Er 
sah sofort, dass er es hier mit einem aussergewöhnlichen Mann 
zu thun habe und zögerte nicht, Murri den Vorschlag zu 
machen, als sein Assistent zu ihm an die römische Klinik zu 
kommen. Murri nahm den Vorschlag mit tausend Freuden 
an und er, wie sein Lehrer, hatten später alle Ursache, jene glück¬ 
liche Fügrung zu preisen! 

Der leidige Kampf um’s Dasein hatte den jungen Murri 
zweimal gezwungen, Medico condotto zu werden. Im Jahre 1864 
promovirt, praktizirte er 2 Jahre lang in San Severino delle 
Marche, bis es ihm gelang sich ein Stipendium zu erringen, das 
ihm ermöglichte, in’s Ausland zu gehen. Er wandte sich zuerst 
nach Paris, dann nach Berlin, wo er 2 Jahre lang ein ebenso 
aufmerksamer, als begeisterter Schüler Frerichs’ und 
Traube’s war, bei denen er sich die tiefen und wahren Grund¬ 
sätze der klinischen Diagnostik und Therapie zu eigen machte. 
Stets spricht Murri mit Enthusiasmus von jenen beiden Kli¬ 
nikern, die er für geniale, unübertreffliche Lehrer erklärt. Nach 
Italien zurückgekehrt, musste er, „der Noth gehorchend, nicht 
dem eignen Trieb“, wieder eine Stellung als Gemeindearzt an¬ 
nehmen. bis ihn ein glücklicher Zufall, wie gesagt, aus dem 
Bauerndorf in die römische Klinik führte, von wo er nach einigen 
Jahren fleissiger, ausdauernder Arbeit im Januar 1876 nach 
Bologna gesandt wurde, um den dortigen Lehrstuhl zu besteigen, 
den er noch heute inne hat. 

Murri hat sich hauptsächlich mit der Gelbsucht, der 
Fieberfrage und Chinintherapie, mit der Haemoglobinurie und 
Herzpathologie beschäftigt. Seine Arbeiten sind klar und deut¬ 
lich und zeigen in jedem Theil den vollkommenen, scharfen, 
klinischen Verstand, der Murri in se hohem Maasee aus- 


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342 


IfUENCHENER MEDIOINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


zeichnet. So klar und überzeugend er als Schriftsteller ist, so 
gewandt und hinreiseend ist er als Redner. Ich hatte vor 
einigen Jahren Gelegenheit, einer seiner Vorlesungen in Bologna 
beizuwohnen. Der Hörsaal war gedrängt voll und die An¬ 
wesenden, unter denen ich auch viele ältere Aerzte bemerkte, 
lauschten mit gespanntester Aufmerksamkeit den Worten, die 
leise, aber ohne das geringste Zögern oder Stocken von den 
Lippen des Redners flössen. Mit der Regelmässigkeit fallenden 
Wassers sprach er immerzu, gerade als ob er seinen Vortrag ab¬ 
lese. Von der Resistenzfähigkeit des Herzens sprechend, ent¬ 
wickelte er seine Theorie über diesen wunderbaren und noch 
so geheimnissvollen Muskel des Lebens, er erklärte einige von 
.seinen Versuchen über dies Argument und sprach sich voll Be¬ 
geisterung über die Vollkommenheit und Präzision des Herz- 
mechanismus aus. 

Man kann wohl sagen, dass in der berühmten Bononiensis 
Alma rnater studiorum M u r r i einer der besten und beliebtesten 
oder eigentlich überhaupt der beste Professor ist, und als vor 
etlichen Tagen die Feier seines 25 jährigen Lehrjubiläums statt¬ 
fand, da wetteiferten die Vertreter der italienischen Wisseu- 
scliaft wie der Stadt und der Regierung, den grossen Mann zu 
ehren und auch die Medici condotti Italiens hatten eine Ab¬ 
ordnung nach Bologna gesandt, sich voll Stolz erinnernd, dass 
der hervorragende Kliniker einst Einer der Ihren war. Murr Fs 
alter Lehrer, der jetzige Minister Baccelli, depeschirte ihm in 
bewegten Worten, „seinen lieben Augusto“ von Herzen beglück¬ 
wünschend. Prof. M u r r i selbst hielt eine Rede, die ein wahrer 
Hymnus auf die Wissenschaft genannt werden kann und in der 
er auch besonders des deutschen Fleissee und der deutschen 
Liebe zur Wissenschaft gedachte, voll Dankbarkeit für die gast¬ 
liche Aufnahme, die er damals in Deutschland gefunden hatte. 

Die gesammten Werke Prof. August M u r r i’s wurden ge¬ 
rade bei dieser Gelegenheit in 3 Bänden zusammeugefasst 
herausgegeben und dem Jubilar das erste, künstlerisch gebun- 
deno Exemplar überreicht. Auch ausländische Aerzte bethei¬ 
ligten sich an der Ehrung des italienischen Kollegen; so sandten 
u. A. Prof. Senator aus Berlin und Winternitz aus Wien 
ihre Glückwünsche. Die italienische Presse widmete dem Jubilar 
zahlreiche Artikel, und einige Zeitschriften (z. B. die „Gazzetta 
medica delle Marche“) liessen eine vollständige M u r r i - 
Nummer erscheinen; kurz, von allen Seiten wurden dem Ge¬ 
feierten wohlverdiente Ehrungen zu Tlieil. Mögen ihm noch 
viele, viele Jahre segensreicher Wirksamkeit vergönnt sein; zum 
Nutzen der Wissenschaft und zur Ehre seines Vaterlandes! 

Ich möchte hier auch einen Brief beantworten, der mir 
vor einiger Zeit von einem Kollegen aus Osnabrück zuging, 
weil ich glaube, dass die darin aufgeworfene Frage auch andere 
deutsche Kollegen intercssireu wird, da es sich um ein in Deutsch¬ 
land ziemlich verbreitetes Uebel handelt. Der betreffende Herr 
Kollege wird gewiss dem allgemeinen Wohl zu Liebe die Ver¬ 
zögerung und Oeffentlichkeit der Antwort entschuldigen. Der 
Inhalt des Briefes ist in Kürze folgender: 

„Bei uns in Deutschland hat in den letzten Jahren eine 
merkwürdige Krankheit auffallend an Ausdehnung und Bedeu¬ 
tung gewonnen — das sog. Heufieber oder Heuschnupfen. Diese 
Krankheit kommt an demselben Ört jedes Jahr zur selben Zeit 
wieder, nämlich bei Beginn der Blüthe. Die Hauptrolle spielt 
dabei die Gras- und besonders die Roggenblüthe. In unserer 
Gegend fängt der Roggen ziemlich regelmässig am 1. Juni an zu 
blühen; dann beginnen für die meisten Heufieberkranken — auch 
für mich —- die schwereren Krankheitserseheinungen, um erst 
nach 4—6 Wochen wieder zu verschwinden. Besonders bei 
trockener Witterung ist es meist unmöglich, die Leidenszeit zu 
Elause durchzumachen. Glücklicherweise gibt es ein sicheres 
Mittel, die Krankheit zu vermeiden oder aufhören zu lassen, 
indem man nämlich in eine blüthenfreie Gegend geht. Für uns 
Norddeutsche ist der am besten hierzu geeignete Aufenthaltsort 
die Insel Helgoland. Die anderen Nordseeinseln befreien be¬ 
sonderste! Landwind nicht von der Krankheit. Es hat sich dess- 
halb auf Helgoland vor einigen Jahren ein Hcutieberbund ge¬ 
bildet. dessen Hauptzweck es ist, die Kenntniss der Krankheit 
und etwaige wirksame Behandlungsmethoden zu verbreiten.“ 

Der Osnabrücker Kollege fragt hierauf: „w a u n im süd¬ 
lichen Italien die Blüthezeit is t“ und fährt dann 
fort: „Wäre die Blüthezeit z. B. Anfangs Juni in Rom oder 
Neapel bereit* vorbei, m könnte man «icher der Krankheit durch 


einen Aufenthalt dort zu dieser Zeit aus dem Wege gehen. Auch 
wenn die kritische Zeit erst Mitte Juni vorüber wäre, könnte 
man den Heuschnupfen so vermeiden, dass man Anfang Juni 
zu Schiff nach Neapel fährt. Das Sicherst« wäre es gewiss, 
wenn man durch Heufieberkranke selbst erfahren könnte, wann 
die typische Leidenszeit dort anfängt und aufhört“. 

Diesen letzten Wunsch des verehrten Herrn Kollegen zu erfüllen, 
war mir trotz aller Bemühungen nicht möglich; es scheint näm¬ 
lich bei uns überhaupt keine Heufieberkranken zu geben. Weder 
ich, noch meine Kollegen in der Klinik haben je einen derartigen 
Fall gesehen und auch praktizireude Aerzte, die ich fragte, ant¬ 
worteten mir, dass sie diese Krankheit nur aus den Lehrbüchern 
kennen. Vielleicht sind die Pollen unserer blühenden Gräser 
etwas anders, als diejenigen in Deusehltand oder aber die Vaso¬ 
motoren der Schleimhaut der italienischen Nasen sind weniger 
erregbar, als die der deutschen. Jedenfalls wäre eine Prüfung 
in diesem Sinne von Interesse sowohl für die Wissenschaft, als 
für die Heufieberkranken und es würde sich empfehlen, dass die¬ 
selben einmal die kritische Zeit hier zubrächten. 

Die erste Frage des Herrn Kollegen ist allerdings leichter 
und mit Sicherheit zu beantworten. Die Wiesen prangen bei 
uus schon im März in ihrem höchsten Schmuck und im Mai 
wird bereits zum ersten Male gemäht. Natürlich entspricht 
auch die Blüthezeit des Getreides diesem früheren Termin, denn 
da in Rom (und in Neapel natürlich noch mehr) der Schnee ein 
sehr seltener Gast ist und das Thermometer fast nie unter Null 
sinkt, sprosst und keimt Alles bei dem ersten milden Lüftchen. 
So sah ich vor einigen Tagen an der Treppe der Piazza -o 
Spagna schon blühende Mandelzweige und die Veilchen werden 
schon seit Wochen von den Mädchen der Ciociaria überall feil- 
geboten. Uns hat also der Frühling schon seine Boten gesan k. 
während in Deutschland gewiss noch Alles in die weisse Decke 
des Winters gehüllt ist. 

Der Vorschlag des Osnabrücker Kollegen verdient dah- r 
jedenfalls die Beachtung aller Aerzte, welche unter ihren Pa¬ 
tienten Heufiehorkranke haben, und cs wäre zu wünschen, thi" 
diese Letzteren recht, zahlreich den schönen Süden aufsucheit. 
der ihnen gewiss auch Befreiung von ihrer Plage bringt. Viel¬ 
leicht kann dann schon in diesem Jahre der „Ileufieberbuml" 
seine erste Sitzung in Rom abhalten. Dr. Giovanni G a 11 i. 


Verschiedenes. 

Aus den Parlamenten. 

Deutscher Reichstag. 

Der Keicht8tag hat einen Gesetzentwurf zum Schutze des 
Genfer Neutralitätszeichens einer Kommission zur 
Vorberathung überwiesen. Das Rothe Kreuz wurde seiner Zeit 
in der Genfer Konvention unter den Schutz der Neutralität der 
Vertragsmücbte gestellt; dieses Abzeichen soll allen den Anstalten 
und Personen Vorbehalten bleiben, die der Pflege erkrankter und 
verwundeter Krieger im Felde dienen und soll gegen die miss¬ 
bräuchliche Verwendung zu geschäftlichen Zwecken geschützt 
werden. 

Eine Reform des Strafgesetzbuches wurde u. A. in der Rich¬ 
tung verlangt, dass die untere Grenze der Strafmündigkeit 
«auf das 14. Lebensjahr hiuaufzurücken sei, die Kriterien für die 
Yorurtheilung eines jugendlichen Verbrechers ahgeändert werden 
sollten und dem Richter die Möglichkeit zu geben sei, nach eng¬ 
lischem Muster sogleich an Stelle der Strafe auf Ueberweisung 
au eine Besserungsanstalt zu erkennen. Nach der Erklärung des 
Staatssekretärs Nleberding kann die Reichsjustizverwaltung 
einer Heraufsetzung der Strafmündigkeitsgrenze von 12 auf 
14 Jahre nicht das Wort reden. 

Bayerischer Landtag. 

In der Bayerischen Abgeordnetenkammer ward der Etat für 
Gesundheit rasch und glatt erledigt. Obwohl mau nach der Vor¬ 
besprechung im Finanzausschüsse eine grössere Debatte über di • 
Organisation des amtsärztlichen Dienstes und die Zusammen¬ 
setzung des Obennedizinalaussohusses erwarten konnte, ist eine 
solche unterblieben, auch fehlte die sonst oft vorgebrachte Inter¬ 
pellation über das Impfgesetz; die bis jetzt nicht erhobene For¬ 
derung nach einem Lehrstuhle für Homöopathie wird wahrschein¬ 
lich beim Kultusetat wieder auftauchen. 

Der Errichtung von 5 neuen Bezirksämtern und damit von 
5 neuen Bezirksarztstellen hat die Abgeordnetenkammer zuge 
stimmt; von denselben kommen 2 nach Oberbayeru (Starnberg 
und Wolfratshausen. wogegen das Bezirksamt München II auf¬ 
gelassen wird), 2 nach der Pfalz (Dürkheim und St. Ingbert) und 
1 nach Unterfrnnken (Gomünden); ausserdem wurde die Errich¬ 
tung einer 3. Bezirksarztstelle in München und einer Bezirksarzt¬ 
stelle bei der Kreisregierung von Oberbayern genehmigt so das • 
sich damit die Zahl der Landgerichtsärzte und Bezirksärzte auf 
194 erhöht: 28 Landgerichtsärzte, 163 Bezirksärzte I. Klasse. 


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25. Februar 1902. 


MT7ENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


MS 


1 Zeutralimpfarzt und 2 Bezirksärzte II. Klasse. Die Regieaversen 
der Bezirksürzte sollen von 49 M. auf 70 M. erhöht werden; auch 
soll eine Reserve für Anschaffung von ärztlichen Instrumenten 
bereitgestellt werden. 

Dem Pensionsverein für Witt wen und Walsen 
bayerischer Aerzte und dem Vereine zur Unter 
Stützung invalider hilfsbedürftiger Aerzte in 
Bayern wurde wie früher ein ordentlicher jährlicher Beitrag von 
3430 M. bewilligt, dem erstgenannten Vereine weiterhin, wie seit 

2 Jahren, ein ausserordentlicher Beitrag von jährlich 5000 M. Bei 
dieser sehr dankenswerthen Staatshilfe muss immer wieder der 
Wunsch ausgesprochen werden, dass der Beitritt der bayerischen 
Aerzte zu diesen Vereinen zahlreicher erfolge. 

Für medizinische Reisestipendien wurde ein 
Jahresbetrag von 9000 M., für Veröffentlichung von 
Arbeiten auf dem Gebiete des Medizinal- 
d i e n s t e s ein solcher von 5000 \1. genehmigt. 

Die Errichtung eines bayerischen Institutes für 
I nfektionskrankheiten wünschte der Abgeordnete 
Schub mit Rücksicht auf die zahlreichen Bissverletzungen durch 
tolle Hunde in Niederbayern. Der k. Staatsminister Frhr. 
v. F e i 111 z s c h bezeichnete auch seinerseits einen solchen 
Wunsch als sehr sympathisch, jedoch zur Zeit nicht als sehr vor¬ 
dringlich, da die selbständige Errichtung und Besetzung eines der¬ 
artigen Institutes grosse Kosten erforderten, solche Erkrankungen 
almr manchmal lange Zelt nicht vorkämen und für die Verbringung 
nach Berlin alle Fürsorge getroffen sei, indem die Kosten in dem 
dortigen Institute aussgrordentlieh niedrig seien und die Staats- 
regierung unbemittelten Personen und Gemeinden Unterstützungen 
zu dieser Reise gwährt habe. Nach den statistischen Erhebungen 
sind in Bayern von 1879 bis 1898 sieben Todesfälle von Tolhvuth 
bei Menschen vorgekommen; im Jahre 1899 erkrankten 25, 1900 
35, und 1901 4 Personen; davon wurden 57 nach Berlin in das 
Institut für Infektionskrankheiten gebracht. 7 blieben zu Hause. 
Von den 57 geimpften und den 7 nicht geimpften Personen starben 
je 2, was zweifellos den Erfolg der Impfung bestätigt 

Die Anregung des Abg. v. Haller, in München eine Zen¬ 
tralstelle zur Untersuchung von Krankheits¬ 
erregern zu errichten, hätte sich noch besser ausgenommen, 
wenn er seine unangebrachten Randglossen zur ärztlichen Standes- 
und Ehrengerichtsordnung weggelassen hätte. Dass durch eine 
zuverlässige und wie verlangt kostenlose Untersuchung des 
Rputums auf Tuberkelbazillen den Aerzten eine zeitraubende, im 
Drange der Praxis oft unterbleibende Arbeit erleichtert, und auch 
den Interessen der Kranken und Krankenkassen gedient wäre, dass 
durch eine frühzeitige Sicherung der Diagnose noch im Anfangs¬ 
stadium befindliche Tuberkulöse den Heilstätten eher zugeführt 
werden und auch bei Typhus-, Diphtherie- oder sonstigen Epi¬ 
demien wichtige Aufschlüsse gegeben werden können, liegt wohl 
auf der Hand, doch muss auch nnerkannt werden, dass derartige 
Untersuchungen schon bisher in den Vniversitütsinstituten vor¬ 
genommen wurden und über einen Mangel an Entgegenkommen 
nicht geklagt wurde. In den pathologischen und hygienischen 
Instituten lassen sich derartige Untersuchungen auch in weiterem 
Umfange vornehmen, auch könnten dann mikroskopische uud 
sonstige Untersuchungen mit einbezogen werden; eine generelle 
Gebührenfreiheit für derartige, oft sehr schwierige und zeit¬ 
raubende Verrichtungen ist wohl kaum veranlasst und Hesse sich 
ein Gebührentarif wie bei den Untersuchungsanstalten für 
Nahrungs- und Genussmittel nufstellen. Dass praktische Aerzte 
sich dieses Erwerbsgebiet zum Tlieile von den Apothekern ent- 
reissen Hessen, ist bedauerlich, jedoch bei den gegenwärtigen Ver¬ 
hältnissen leicht verständlich. Der Minister ersuchte, diesen 
Wunsch beim Kultusetat vorzubringen, indem eine solche Zentral¬ 
stelle nur als Unterattribut der Universitäten eingerichtet werden 
könnte. 

Derselbe Abgeordnete forderte von der Regierung gesund- 
heltspolizeiliche Maassnahmen gegen die Verwen¬ 
dung von Geschäf tsdrelrädorn, da dieselbe bei den 
l>etreffenden Radfahrern leicht eine Herzenveiterung, nervöse 
Herzstörungen u. s. w. verursache. Man kann der bayerischen 
Staatsregierung gewiss nicht nachsagen, dass sie die Gesundhelts- 
jHdizei und Arbeiterschutzgesetzgebung vernachlässige oder ver¬ 
nünftigen Anordnungen abhold sei, aber bei diesem Punkte muss 
man dem k. Staatsminister zustimmen. wenn er dieses viel zu weit 
gehende Verlangen nicht erfüllen will und darauf hinwies, dass 
diese Arhoitsleistung eine freiwillige sei und man dann ebenso 
gut das Radfahren überhaupt, das Verladen von Kisten uud 
Fässern u. s. w., schliesslich auch das übermässige Biertrinken 
verbieten müsse; ein Abgeordneter machte den Zwischenruf: da 
müsste man das Arbeiten überhaupt abschaffen. Der Abgeordnete 
I>r. Frhr. v. Haller warf ob dieser ablehnenden Haltung der 
\ Stantsregierung Pflichtverletzung und dem k. Staatsminister ge- 
I riuges sozialpolitisches Verstäwlnlss vor und gestattete sich den 
■ Ausruf: „So spricht ein Ehrendoktor der Medizin“. Herr Dr. 

v. Halle r. von dessen eigenen Leistungen man noch nichts hörte, 
' zeigte sich damit weder als Arzt, noch als Hygieniker, sondern 
als riisonnirender Politiker. 

Die Forderung der Regierung von 404 000 M. für den Neu¬ 
bau einer Zentrallin pfanstalt in München am 
Neudeck wurde mit 54 gegen 52 Stimmen abgelehnt, jedoch nicht 
aus impfgegnerischen Motiven, sondern angeblich, weil der von der 
Stadtgemeinde München zur Verfügung gestellte Platz zu theuer 
sei. der Ankauf desselben den Terrainwucher unterstütze uud die 
Anstalt überhaupt nicht in München zu sein brauche. Der k. Ober- 


medizinalrath Dr. v. Grashey vertrat in längerer Sachlicher 
Ausführung den Regierungsantrag und wies namentlich auf die 
Beschaffung der Impfkälber, die Verbindung mit dem Sehlacht- 
und Viehhofe und die zentrale Lage der Anstalt hin, in der nicht 
nur die Lymphe zubereitet, sondern auch zahlreiche Impfungen 
vorgenommen werden müssen. Die Zentral impf anstatt, die aus 
gesundheitlichen Gründen vom Ha u n e r’schen Kinderspitnh* ent¬ 
fernt werden musste, ist einstweilen provisorisch auf dem Areale 
des städtischen Schlachthofes untergebracht. Wenn die Kammer 
der Reiclisrüthe den Betrag wieder in den Etat einsetzt, Ist dessen 
schliessliclie Genehmigung nicht ausgeschlossen. 

Der Abgeordnete II über bemängelte, daSs zu den 
Impfungen die Mütter mit ihren Kindern oft bei schlechtem 
"Vetter an den Sitz des Bezirksarztes laufen müssen; es wäre an¬ 
gezeigt, dass Dieser in die Ortschaft selbst kommt; man halte Ja 
auch die Hundevisitationen da ab, wo sich die Hunde be¬ 
finden, umsomehr wäre es bei den Menschen angezeigt, 
dass Derjenige, der sehr gut bezahlt wird, auch Den¬ 
jenigen nachläuft, welche der Impfung unterworfen sind. Nach 
der Vollzugsverordnung zum Impfgesetz, auf die der Minister ver¬ 
wies, hat die Distriktspolizeibehörde auf Antrag des Impfarztes die 
Impforte festzustellen und dafür Sorge zu tragen, dass jeder Ort 
seiner Lage nach berücksichtigt und jede grössere Entfernung 
vermieden wird. Dr. Becker. 

(Weiterer Bericht folgt in der nächsten Nummer.» 


Frequenz der schweizerischen medizini¬ 
schen Fakultäten. W.-S. 1901/02: Basel 142 männliche, 
5 weibliche Rtudirende; Bern 174 m„ 283 w.; Genf 197 tu., 199 w.; 
Lausanne 102 m„ 100 w.; Zürich 213 in., 78 w. In Summa 1493 
(S28 ui., 005 w.) Medizinstudirende, darunter 000 (580 m„ 20 w.» 
Schweizer. 


Therapeutische Notizen. 

Das B r o m o k o 11 ist bekanntlich eine Verbindung von Brom 
mit Leim und Tannin. Reich und Ehreke - W’uhlgarten (Ther. 
Monatsli. 1902, 2 ) haben mit dem Mittel bei Eipleptischen aus¬ 
gedehnte Versuche angestellt. Verabreicht wurde es in Dosen 
Anfangs von 3 mal täglich 3 g, daun schnell auf 20 g und weiter 
langsam auf 50 g gestiegen. Die I^eistungen des Mittels waren 
dieselben wie die des Bromkali. Vom Verdauungsapparate wurde 
es gut vertragen, Bromakne trat nebst bei Verabreichung grosser 
Mengen auch bei disponirten Kranken nur ausnahmwelse und 
nur leicht auf. Das Mittel sollte vor allen Dingen in den Fällen 
versucht werden, in denen die Bromsalze nicht vertragen werden. 
Der verhältnissmiisslg billige Preis des Mittels dürfte seiner Ein¬ 
führung in die Praxis förderlich sein. Kr. 


Oberarzt Dr. G r u m m e - Meiningen stellte Versuche in grös¬ 
serem Maassstabe Uber die Behandlung des Schweiss- 
fnsses durch Tannoform an. Er benutzte das Tannofoim 
rein als Streupulver, indem er es ausgiebig ln die Strümpfe oder 
Fusslappen streuen Hess, welche die Leute auf den frisch ge¬ 
reinigten Fuss anlegten und 24 Stunden aubehielten. Der Erfolg 
war in allen Fällen ausserordentlich gut, die Haut war dunkel¬ 
braun gefärbt und die Schweissabsonderung völlig beseitigt; nach 
einiger Zeit ging die Braunfärbung zurück und nach 3—4 Wochen*-'' 
setzte die Scliweisssekretion wieder ein, so dass abermaliges Ein¬ 
streuen notliwendig wurde. Schädliche Nebenwirkungen traten 
nie auf. Bei Mischung des Tannoform mit Talcum aus Erspamiss- 
rücksichten war die Wirkung weniger intensiv uud nur von kurzer 
Dauer; Tannoformsalbe und Tannoformlösnngen blieben ohne Er¬ 
folg. (Deutsche milltärärztl. Ztg. 1901, No. 12.) R. 8. 



TagesgeschichtUche Notizen. 

München, 25. Februar 1902. 

— Physlkatsprüfung In Preussen. Durch eine 
Verfügung des preussischen Kultusministeriums (d. d. April 1901: 
wurde die Bestimmung getroffen, dass die Aerzte, die um Zu¬ 
lassung zur Kreisarztprüfung nachsuchen, den Nachweis zu er¬ 
bringen haben, dass sie einen 3 monatlichen pathologisch- 
anatomischen Kurs in einem deutschen Universitätsinstitut be¬ 
sucht haben. Es dürfte den betheiligten Studlrenden der Medizin 
daher zu rathen sein, die einschlägigen Kollegienbücher sorgfältig 
aufzubewahren, da die nachträgliche Ausstellung von Zeugnissen 
von Seiten der betreffenden Dozenten mit mancherlei Schwierig¬ 
keiten verknüpft und auf alle Fälle sehr umständlich ist. 

— Das Reichsversicherungsamt hat auf Anregung des Staats¬ 
sekretärs des Innern an die Genossenschaftsvorstände in einen» 
Rundschreiben über ..Aerztliche Gut achte n“, betreffend 
das M a a s s der Erwerbsfähigkeit, folgenden Erlass ge¬ 
richtet; „Die Aufgabe der ärztlichen Begutachtung findet im All¬ 
gemeinen in der Feststellung der physiologischen Folgen des Un¬ 
falls oder der eine Invalidität begründenden Gebrechen ihre Be¬ 
grenzung. dagegen bieten die sonstigen ärztlichen Aeusserungen. 
insbesondere darüber, welchen Einfluss der Befund auf die Er¬ 
werbsfähigkeit des Rentenbewerbers ausübt. den in ihrer Ent¬ 
scheidung selbständigen Feststellungsinstanzen zwar wer!hvolle 
und bei inneren Krankheiten sogar oft unentbehrliche, aber keines- 


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344 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 8. 


wegs bindende Unterlagen für die Urtheilsfludung (zu vergl. Hand¬ 
buch der Unfallversicherung Anmerkung 34 am Schlüsse zu § 5 
des Unfallversicherungsgosetzes). Hiernach würde es unzulässig 
sein, wenn — was vorgekommen sein soll — die Feststellungs- 
Instanzen einfach den vom Arzte angegebenen Prozentsatz der 
Erwerbsunfähigkeit ihrer Entscheidung zu Grunde legten, ohne 
die Frage nach dem Grade der Erwerbsunfähigkeit selbst ge¬ 
prüft zu haben. Ein derartiges Verfahren, durch das eine der 
wichtigsten Aufgaben der Feststellungsorgane zu einer mecha¬ 
nischen Wiederholung des Ergebnisses der ärztlichen Gutachten 
herabgedrtickt werden würde, entspricht nicht der Absicht des 
Gesetzes. Hat im einzelnen Falle der in der Sache gehörte ärzt¬ 
liche Sachverständige auf Ersuchen oder aus freien Stücken auch 
eine Aeusserung über den Grad der Erwerbsunfähigkeit eines 
Rentenbew’erbers abgegeben, so darf niemals ausser Acht, gelassen 
werden, dass die Frage nach dem Grade der Erwerbsunfähigkeit 
an sich keine rein medizinische und dass ihre Beantwortung nicht 
ausschliesslich und in erster Linie Sache des Arztes ist, sondern 
in der Hauptsache eine der vornehmsten Aufgaben der mit der 
Rentenfestsetzung betrauten Instanzen bildet. Ausserdem ist es 
vorgekommen, dass mehrfach, obgleich sachlich gegen den oben 
bezeichneten Grundsatz nicht verstossen worden ist, doch die Be¬ 
gründung der Entscheidungen im Wortlaute so ungeeignet ge¬ 
fasst wurde, dass sie den Vorwurf einer mechanischen Hand¬ 
habung des Entschädigungsverfahrens rechtfertigen könnte. Die 
Feststellungsorgane werden daher ersucht, auch auf die Fassung 
der Bescheide besondere Sorgfalt zu legen, damit derartige irr- 
thümliche Auffassungen über das Verfahren der Benifsgenossen- 
schaften und Versicherungsanstalten nicht entstehen können.“ 
(R.-V.-A. 31. XII. 01. — I 23 920.) 

— Der Kaiser hat bestimmt, dass der Generalstabsarzt der 
Armee Prof. v. Leuthold im militärärztliehen Interesse an den 
Geschäften der Medizinalabtheilung des Kultusministeriums theil 
nehme und den Sitzungen dieser Abtheilung beiwohne. Früher 
war der jeweilige Generalstabsarzt der Armee, z. B. G r i m m. 
v. Lauer, zugleich Vortragender Rath in der Medizinalabtheilung 
des Kultusministeriums. Geh. Medizinalrath Dr. Franz Iv o e n i g. 
-ordentlicher Professor der Chirurgie, ist der Medizinnlabtheilung 
des Kultusministeriums als „Beratlier ln geeigneten Angelegen¬ 
heiten von allgemeiner Bedeutung“ beigeordnet worden. 

— Nach einer Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 
31. Januar 1902 darf ln Zichorien fabri kpn, sowie in solcln n 
zur Herstellung von Zichorie dienenden Werkstätten, in welchen 
durch elementare Kraft (Dampf, Wind, Wasser, Gas. Luft, Elek¬ 
trizität u.'s. w.) bewegte Triebwerke nicht bloss vorübergehend zur 
Anwendung kommen. Arbeiterinnen it n d juge n d - 
liehen Arbeitern in Räumen, in welchen Darren im Be¬ 
triebe sind, während der Dauer des Betriebs eine Beschäftigung 
nicht gewährt und der Aufenthalt nicht gestattet werden. 

— In der Zeit vom 7. bis 23. Juli wird in Breslau ein fort¬ 
laufender Z y k 1 us von Vorlesungen und praktischen 
Uebungen für Aerzte in den Instituten und Kliniken 
der Universität stattfinden. Es betheiligen sich daran 
persönlich sämmtlicbc ordentliche und die mit Lehrauftrag 
versehenen ausserordentlichen Professoren: die Herren Hasse, 
Ponf iek, v. Mfkulicz-ltad e c k i, F I ii g g e. F i 1 e h n e, 
Kiistner. U h t h o f f . W e r n i c k e , Käst, II ü r t h 1 e. 
Richter, Xeissor. Ii e s s e r . Partseh, Czerny. 
Kümmel, Stern und deren Assistenten. Es werden demnach 
sämmtliche medizinische Disziplinen, praktische sowohl wie theo¬ 
retische, vertreten sein und zwar einerseits durch klinische Vor¬ 
träge mit Demonstrationen, andererseits durch praktische Kurse 
mit technischen Uebungen und schliesslich durch experimentelle 
Demonstrationen mit Vorträgen, eventuell Uebungen. Der genaue 
Vorlesungsplan, sowie die Honorarsätze werden demnächst aus¬ 
führlich veröffentlicht und auf Verlangen zugesehickt werden. 
Der geschäftsführende Ausschuss besteht aus den Herren 
v. Mikulicz-Radecki als Vorsitzender, F i 1 e h n e als 
stellvertretender Vorsitzender und A. N e i s s e r als Schriftführer. 

Alle Anfragen sind an den Schriftführer, Breslau XVI, FUrsten- 
strasse 112, zu richten. 

— In London sind die Pocken in grösserer Ausdehnung auf¬ 
getreten. Die Zahl der in den Krankenhäusern verpflegten Pocken¬ 
kranken betrug in den Wochen vom 15. Dezember bis 31 Januar: 
161 (24), 225 (25), 261 (28). 305 (45), 213 (55), 499 (39). Die Epidemie 
hat somit gerade in der letzten Woche eine erhebliche Steigerung 
erfahren. 

— Der 30. Aerztetag zu Königsberg wurde durch Beschluss 
des Geschäftsausschusses auf 4. und 5. Juli verschoben. — In 
derselben Sitzung wurde beschlossen, das Aerztliche Vereinsblatt 
von 1903 ab Im Selbstverlag des Aerztevereinsbuudes erscheinen 
zu lassen; der Vertrag mit der Firma F. C. W. Vogel erlischt 
mit Ende dieses Jahres. 

— Der IV. internationale Kongress für Gynäkologie und Ge¬ 
burtshilfe wird unter dem Ehrenpräsidium von B a c c e 11 i vom 
15. bis 20 September 1902 in Rom tagen. Die Verhandlungen leitet 
als Vorsitzender Prof. Pasquali, dem Prof. P e s t a 1 o z z a 
als Generalsekretär assistlrt. 

— Die ursprünglich schon für den September 1901 (in Brüssel) 
geplante Versammlung der Delegirten zur internationalen medizini¬ 
schen Pressvereinigung (Association internationale de la Presse 
mödicale) wird am 7. April in Monte Carlo stattfinden. Es wird 
Ihr der von Dr. B 1 o n d e 1 in Paris ausgearbeitete Statutenentwurf 
der internationalen Press Vereinigung sowie ausserdem der Ent¬ 
wurf einer Konvention zum Schutze des literarischen Eigenthums 
als Berathung8material vorliegen. 


(Hochschulnachrlchten.) 

München. Von den städtischen Kollegien wurde Prof. 
Dr. v. Bauer an Stelle des verstorbenen Geh. R. v. Zlemsscu 
zum Direktor des städtischen Krankenhauses 1. J. ernannt 

Würzburg. Die hiesige medizinische Fakultät hat dem 
Sanskritisten Prof. Dr. Julius Jolly die medizinische Doktor¬ 
würde honoris causa verliehen wegen der Verdienste um die Ge¬ 
schichte der Medizin, die er sich durch die Veröffentlichung seiner 
Arbeit über die Medizin der Inder erworben hat. 

Ofen-Pest. Dr. Tiberius G y ö r y, Edler von N&dudvar, 
hat sich als Privatdozent für Geschichte der Medizin habliitirt 

(Todesfälle.) 

In Berlin starb am 14. ds. einer der ältesten und angesehensten 
Aerzte, der geheime Sanitätsrath Dr. Gustav S i e g m u n d. 

In Berlin erlag am 17. ds. einem Schlaganfalle der verdiente 
Chirurg Geheimrath Prof. Dr. Julius Wolff, Direktor der Ber¬ 
liner Universitätsklinik für orthopädische Chirurgie, im 67. Lebens¬ 
jahre. Ein Nekrolog folgt. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Verzogen: Dr. W. Lehnert, Spezialarzt für Magen- und 
Darmkrankhelten, von Berlin nach Nürnberg. 

Gestorben: Dr. Eduard Raab in Nürnberg, 50 Jahre alt. 
Dr. Franz Maier, k. Oberstabsarzt und Regimentsarzt in Bara- 
l>erg. 50 Jahre alt. 


Correspondenz. 

Zur Gründung des Deutschen Archivs für klinische Medizin. 

In dem zum Gedächtniss v. Zleiusso n’s von Prof. Moritz 
in einer gemeinsamen Sitzung des ärztlichen Vereins und des ärzt¬ 
lichen Bezirksvereins in München gehaltenen Nekrolog ist als 
eine der hervorragendsten Timten v. Z i e m s s e n's mit Recht 
die Gründung des Deutschen Archivs für klinische Medizin hervor¬ 
geholten, dieselbe aber so hingestellt, als ob v. Zlemssen der 
alleinige Begründer des genannten Archivs gewesen wäre. Die 
Gründung des Deutschen Archivs kann und soll alter nicht er¬ 
wähnt werden, ohne auch des Namens v. Zenker's zu gedenkeu. 
welcher «1er Mitbegründer d*‘ss«»lben gewesen ist und fast ein 
ganzes Menschenaltor hindurch mit grösster Gewissenhaftigkeit 
uud Pflichttreue sich in die mühevolle Arbeit der Redaktion des 
Archivs mit v. Ziems« e n gctheilt hat. bis er durch schwere 
Krankheit daran verhindert worden uud dann Prof. Moritz 
selbst als sein Nachfolger in die Redaktion eingetreten ist Ist 
doch die Vorrede zum 50. Band des Archivs, welcher die BUdnisse 
v. Z e n k e r’s uud v. Zlemsse n’s enthält, noch grössteutheils 
aus der Feder des Ersteren geflossen! 

Als Schüler und Nachfolger v. Z e n k e r’s in Erlangen habe 
Ich es für meine Pflicht gehalten, ln unserer schnelllebigen Zeit, 
in welcher die Verdienste des Einzelnen zu bald vergessen werden, 
auf dieseu Sachverhalt hinzuweiseu. Ich glaube damit aber auch 
gewiss im Sinne d«>s grossen Geleinten v. Z i e m s s e n selbst ge¬ 
bandelt zu haben, welcher nicht nur durch innigste Freundschaft 
mit v. Zenker verbunden war, sondern auch sicher der Letzte 
gewesen wäre, auch nur den Schein eines Einverständnisses damit 
zu erwecken, dass ein Verdienst, an welchem ein Anderer einen 
ebenso gross«>n Antheil hatte, ihm allein zugeschrieben werde. 

Dr. G. Hauser. 


Morbiditätsstatistik d. Infektionskrankheitenför München 

in der 6. Jahreswoche vom 2. bis 8. Februar 1902. 
Betheiligte Aerzte 214. — Brechdurchfall 2 (10*), Diphtherie u- 
Kroup 18 (22), Erysipelas 13 (10), Intermittens, Neuralgia intern. 

— (1), Kindbettfieber 1 (2), Meningitis cerebrospin. — 
Morbilli T>8 (56), Ophthalmo-Blennorrhoea neonat. 5 (—), Parotitis 
epidem. 11 (16), Pneumonia crouposa 15 (27), Pyämie, Septikämie 

— (—), Rheumatismus art. ac. 11 (25), Ruhr (dysenteria) — (—), 

Scarlatina 8 (5), Tussis convulsiva 27 (21), Typhus abdominalis 
l (2), Varicellen 8 (12), Variola, Variolois — (—), Influenza 7 (12), 
Summa 178 (209). Kgl. Bezirksarzt Dr. Müller. 


Uebersicht der Sterbefälle In München 

während der 7. Jahreswoche vom 9. bis 15. Februar 1902. 

Bevölkerungszahl: 499 932. 

Todesursachen: Masern 3 (2 # ), Scharlach 1 (-), Diphtherie 
u Kroup 2 (1), Rothlauf 1 (2), Kindbettfieber — (1), Blutvergiftung 
(Pyämie u. b. w.) 1 (4), Brechdurchfall 4 (1), Unterleib-Typhus 1 (—), 
Keuchhusten 4 (1), Kroupöse Lungenentzündung 3 (5), Tuberkulose 
a) der Lunge 23 (33), b) der übrigen Organe 7 (6), Akuter Gelenk¬ 
rheumatismus — (-—), Andere übertragbare Krankheiten 4 (2). 
Unglücksfiille 2 (—). Selbstmord 4 (2\ Tod durch fremde Hand — (ü. 

Die Gesammtzahl der Sterbefälle 2 15 (223), Verbältnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 22,1 (22,9) für die 
über dem 1. Lebensjahre stehende Bevölkerung 11,6 (15,9) 

•) Die eingeklammerteu Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche. 


Verlag von J. F. Lei« mann in München. — Druck von K. Miihlthaier's liuoh- und KunMdruckerei A.G., München. 


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Dl« MOnch. Med. Wochen*chr. erscheint wftchcntl. H TT T'\T/^1TTTT11VTT7^T> Zusendungen sind *n adrcsslrcn: Für die Redaktion 

in Nummern von durchschnittlich 5 -« Bogen. VI I \ I / ll fij \ Hj |v Ottostrasse 1. — Kur Abonnement an J. F. Leh- 

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MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 

(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 


ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 


Cli. Biumler, 0. Bolllnger, 

Freiburg i. B. München. 

No. 9. 4. März 1902. 


Ilerausgcgebon von 

H. Curschmann, 6. Gerhardt, 6. Merkel, 

Leipzig. Berlin. Nürnberg. 


J. v. Michel, H. v. Ranke, F. v. Wlnckel, 

Berlin. München. München. 


Redaktion: Dr. B. Spatz, Ottostrasse 1 
Verlag: J. P. Leh m an n , Heustrasse 20. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

Die Beziehungen der Arteriosklerose zu Erkrankungen 
des Gehirns.*) 

Von Prof. Dr. Windscheid in Leipzig. 

M. II.! Die Beziehungen der Arteriosklerose zu Gehirn¬ 
erkrankungen sind zahlreiche. Sie wissen, dass durch die Arterio¬ 
sklerose eine Gehirnblutung veranlasst werden kann, dass durch 
dieselbe eine Thrombosirung eines Gehirngefässes herbeigeführt 
wird, dass ein Aneurysma die Folge der Arteriosklerose eines Ge¬ 
hirngefässes sein kann, und die Psychiater kennen ein bestimmtes 
Bild einer Geisteskrankheit, das sie ebenfalls auf eine Arterio¬ 
sklerose der Gehimgefässe zuriiekführen. Wollte ich Ihnen alle 
(liest* Dinge schildern, so würde ich dadurch die mir zugewiesene 
Zeit ungebührlich überschreiten, aber auch Erscheinungen be¬ 
rühren, die jedem Arzte zu wohl bekannt sind, als dass sie den 
Gegenstand eines Vortrages in diesem Kreise bilden könnten. 

Was ich Ihnen heute Abend schildern möchte, ist vielmehr 
erstens eine allgemeine Betrachtung über die Arteriosklerose 
überhaupt, zweitens aber die schärfere klinische Umgrenzung 
eines Symptomenkomplexes, der dem Arzte sehr häufig aufstösst, 
aber in den Lehrbüchern meistens gar nicht oder nur sehr spär¬ 
lich gestreift wird, das Bild der Arteriosklerosis cerebri im All¬ 
gemeinen. 

Wir sind gewöhnt, die Diagnose der Arteriosklerose zu stellen, 
wenn die der Untersuchung zugänglichen Gefässe, die Temporal¬ 
arterien, besonders aber die Arterien an den Armen, eine be¬ 
stimmte sicht- und fühlbare Veränderung zeigen. Normaler 
W'eise fühlt man die Arterien nur als weiche Masse, welche dem 
aufgelegten Finger die Bewegung des Blutstroms, den Puls über¬ 
mittelt. Zu sehen ist unter normalen Bedingungen von den 
Arterien nichts. Besteht aber eine Arteriosklerose, so sieht man 
erstens das Gefäss stark pulsirend und zwar in weiter Ausbrei¬ 
tung, so dass man oft den ganzen Stamm in seinem Verlaufe 
verfolgen kann, z. B. die ganze Brachialis von der Achselhöhle 
bis zur Ellenbeuge. Man sieht die rythmischen oder bei be¬ 
stehender Ilerzkomplikation auch unrythmischen Stösse, die das 
in die Arterien einströmende Blut dem Gefässrohre ertheilt. 
Endlich bemerkt man noch, dass die Arterie mehr oder minder 
geschlängelt ist, obwohl das nicht ganz ausschliesslich zum Bilde 
der Arteriosklerose gehört. Fühlt man eine solche Arterie an, 
so bemerkt man deutlich eine ganz abnorme Härte, die cs erlaubt, 
das Gefäss wie einen Bleistift zwischen die Finger zu fassen. 
Mitunter lassen sich in der Wand der Gefässe kleine Körnchen 
(Hier Knötchen nachweisen, auf die ich gleich noch zu sprechen 
komme. 

Wenn man dieses eben entworfene klinische Bild vor sieh 
hat, ist man berechtigt, von einer Arteriosklerose zu sprechen. 

Was liegt diesem Bilde anatomisch zu Grunde? 

Es ist hier nicht der Ort, auf die heissumstrittene Frage 
nach der Entstehung der Arteriosklerose einzugehen. Es stehen 
sich zwei Ansichten gegenüber, von denen die eine den Ausgangs¬ 
punkt in eine durch allerhand Schädlichkeiten horvorgorufenc 
entzündliche Veränderung der Intima verlegt, an welche sich eine 

*) Vortrag, gehalten ln der Medizinischen Gesellschaft zu 
Leipzig am 17. Dezember 1001. 

No. 9. 


Reihe von sekundären Veränderungen in der Media und schliess¬ 
lich auch in der Advenlitia anschliessen, während die andere, 
besonders von T homa verfochtene, die sogen, histomechanische, 
die Media als den Ursprung der pathologischen Zustände be¬ 
trachtet und die Intima wiederum erst sekundär erkranken lässt, 
vor Allem aber davon ausgeht, dass es sich nicht um eine primäre 
Entzündung handele, sondern um einen nothwendigen Folge- 
zustand der Dehnung, welche die Gefässwandung durch das un¬ 
aufhörliche Anprallen des Blutes erleiden muss. Schliesslich 
aber bilden sich auch nach dieser zweiten Theorie sekundäre Ent¬ 
zündungsprozesse der Gefässwand aus, welche zu einer Reihe von 
Degenerationsvorgängen führen, von denen der häufigste eine ab¬ 
norme Ablagerung von Kalksalzen ist, die man im höheren 
Grade auch ganz gut fühlen kann; das sind die vorerwähnten 
kleinen Knötchen in den harten und pulsirenden Gefüssen. Diese 
Kalkablagerung ist immerhin noch selten genug, ihr sehr in das 
Auge fallende Auftreten hat aber dazu geführt, mit dem Namen 
der „Gefüssverkalkung“ den ganzen Prozess der Arteriosklerose 
zu bezeichnen. Jetier Laie weiss, was eine Gefüssverkalkung ist, 
und kennt auch mehr oder minder ihre bedenklichen Folge- 
zustiiude. Wir Aerzte sollten uns an eine richtigere Bezeichnung 
gewöhnen und die harten, geschlängelten und pulsirenden Ge¬ 
fässe mit dem Namen der Arteriosklerose oder Atheromatose be¬ 
zeichnen, von einer Gefässverkalkung aber nur dann sprechen, 
wenn eben schon höhere Grade des Prozesses vorhanden sind, 
welche zu einer Kalkablagerung geführt haben. Fehlt diese 
Kalkablngerung, so spricht man nur von einer Gefässverhärtung, 
wenn mau einen deutschen Namen haben will. 

Wichtiger wie die Entscheidung über die Entstehung des zu 
Grunde liegenden anatomischen Prozesses ist für den Arzt die 
Frage, was für Momente eine Arteriosklerose überhaupt hervor- 
rufen. 

Ich darf wohl die Aetiologie mit einigen Worten streifen, 
auf die Gefahr hin, Ihnen Bekanntes zu wiederholen. 

Am bekanntesten, auch für den Laien, ist die Entstehung 
der Arteriosklerose durch das höhere Lebensalter, ungefähr um 
das 50. Jahr herum. In der That findet man bei Leuten, welche 
diese Altersgrenze überschritten haben, fast immer einen arterio¬ 
sklerotischen Zustand ihrer Gefässe. 

Ferner entsteht, wie Sie wissen, die Arteriosklerose durch ge¬ 
wisse Gifte, vor Allem durch Blei, Alkohol und Nikotin. 

Drittens ist die Arteriosklerose ein sehr häufiges Produkt 
der zerstörenden Wirkung der Syphilis. 

Einen sehr grossen Einfluss auf die Entstehung der Arterio¬ 
sklerose hat fernerhin zweifellos die schwere körperliche Arbeit. 
Es ist dies eine Thatsaehe, die meiner Ansicht nach noch viel 
zu wenig bekannt ist. Achtet man aber bei den Angehörigen der 
körperlich arbeitenden Stände auf die Gefässe, so wird man 
erstaunt sein, wie oft man hier Arteriosklerose vorfindet. Die 
Entstehung dürfte noch nicht ganz einwandfrei erklärt sein. 
Man hat darauf hingewiesen, dass etwa ein Drittel der Gesammt- 
menge des Blutes in den Muskeln sich befände. Jede Muskel - 
bewogung muss daher auf die Zirkulntionsvcrhültnissc wirken 
und eine Schädigung derselben herbei führen, wenn die Muskel¬ 
bewegung abnorm stark ist. Zum Ausgleich der Störung wird 
das Herz licrangezogen. ebenso aber auch die Gefässe, welche da¬ 
durch einer arteriosklerotischen Veränderung anheim fallen 
(Sehr ö t t e r). 

1 


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d46 


MTTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


Die abnorme Muskelarbeit kann sich nicht nur im Berufe 
zeigen, sondern auch, und das möchte ich ganz besonders betonen, 
in abnormen sportlichen Leistungen, wie sie in unserem be¬ 
wegungslustigen Zeitalter nicht gar so selten an der Tagesord¬ 
nung sind. Radler, Turner, Ruderer und andere Sportleute mehr 
fallen durch die Ueberanstrengung der Arteriosklerose anheim. 

Die erwähnten beiden Momente der körperlichen Ueber¬ 
anstrengung erklären es, warum man so häufig schwere Arterio¬ 
sklerose bei relativ jungen Leuten sieht. Ein Nachforschen nach 
den erwähnten Gesichtspunkten wird sehr häufig ein positives 
Resultat in dieser Beziehung geben. Wir hier in Leipzig sehen 
gerade sehr viele Arteriosklerosen durch schwere Arbeit und 
das Gleiche ist mir neulich auch von Hamburg berichtet worden. 

Selbstredend können auch Kombinationen der verschiedenen 
Momente vorliegen und da ist es vor Allem die bei uns so sehr 
häufige Vereinigung von körperlicher Lieberanstrengung mit dem 
Alkoholmissbrauch, welche die häufigste Kombination darstellt. 

Auf die anderen noch angeführten Ursachen, wie über¬ 
triebenen Fleischgenuss oder übertriebene Zufuhr von Vege- 
tabilicn, auf zu grosse Wasserzufuhr u. a. in., will ich nicht näher 
eingehen, da diese Verhältnisse doch noch recht unklar sind, 
sondern möchte nur zum Schluss der ätiologischen Auseinander¬ 
setzungen hervorheben, dass von mancher Seite aus auch eine 
Erblichkeit der Arteriosklerose angenommen wird. Ich habe 
mich mit dieser Annahme nie recht befreunden können. 

Die Erscheinungen der Arteriosklerose werden sehr ver¬ 
schieden sein, je nachdem die Krankheit ihren Sitz in einem 
Organ hat, und man kann, wie Schrötter sehr treffend her¬ 
vorhebt, von einem Herz-, einem Darm-, einem Nieren-, einem 
Hautbild sprechen und auch von demjenigen Bild, das ich ein¬ 
gangs gestreift habe, von einem Hirnbild. 

Ich glaube nämlich, dass es eine Summe von Erscheinungen 
von Seiten des Nervensystems gibt, die man direkt als den Aus¬ 
druck einer Arteriosklerosis cerebri bezeichnen darf. Wieder¬ 
holen möchte ich, dass ich absehe von der Blutung, der Throm¬ 
bose, dem Aneurysma und den Geisteskrankheiten, welche als 
Folge der Arteriosklerose aufgefasst werden müssen. 

Bei der Diagnose dieses Symptomenbildes stossen wir zu¬ 
nächst auf Schwierigkeiten in Bezug auf den Nachweis, dass 
thatsächlich die Gehimarterien arteriosklerotisch erkrankt sind. 
Den Nachweis, dass diese Gefässverhärtung vorliegt, kann man 
direkt nicht führen, denn die Arterien des Gehirns entziehen 
sich selbstredend der Betastung und Besichtigung und können 
auch nicht, wie das am übrigen Körper so schön erreicht werden 
kann, durch Röntgenstrahlen nacligewiesen werden. Man ist 
rein angewiesen auf einen Analogieschluss, den man von den 
auf die vorhin geschilderte Weise veränderten Arterien an den 
Armen auf die Arterien des Gehirns zieht. An und für sich ist 
dieser Schluss ein Trugschluss. Die Erfahrungen der patho¬ 
logischen Anatomen lehren, dass in vielen Fällen bei ganz ausser¬ 
ordentlich starren peripherischen Arterien die Gehirnarterien völlig 
weich gefunden worden sind, während umgekehrt schwer sklero- 
sirten Gehimarterien weiche Körperarterien entsprachen. In 
manchen Fällen waren allerdings auch beide Arterien verändert. 

Ich glaube also, dass man nicht berechtigt ist, zu sagen: 
weil die Brachialis ausgesprochen geschlängelt ist, müssen auch 
die Gehirnarterien sich in demselben Zustande befinden. Wohl 
aber glaube ich, dass man den Rückschluss auf einen arterio¬ 
sklerotischen Zustand der Gehimarterien bei einer nach¬ 
gewiesenen Arteriosklerose der peripherischen Arterien ziehen 
darf, wenn der Symptomenkomplex der Arteriosklerosis cerebri 
vorhanden ist, den ich nunmehr etwas näher betrachten möchte. 

Die Erscheinungen der Arteriosklerosis cerebri zeigen sich 
zunächst in einer gewissen geistigen Ermüdung und Erschöpfung. 
Selbstredend wird dieses Symptom nur dann in ausgesprochenem 
Maasse auftreten, wenn der betroffene Patient seine Thätigkeit 
vorwiegend auf geistigem Gebiete hat. Dann aber kann man es 
häufig beobachten, wie derartige Leute oft fast plötzlich auf¬ 
hören, Neues zu leisten. Ich sagte mit Absicht Neues, denn es 
handelt sich weniger um eine Störung der geistigen Leistungs¬ 
fähigkeit überhaupt, als um eine Störung in der Konzeptions¬ 
fähigkeit für neue Gedanken. Wenn ich mich eines Bildes be¬ 
dienen darf, so möchte ich sagen: Innerhalb des Gebäudes, das 
als das Produkt der geistigen Thätigkeit gelten darf, wird wohl 
noch weitergearbeitet, es können sogar immer noch Reparaturen 
und Verbesserungen ausgeführt werden, aber der Bauherr ist 


nicht mehr im Stande, ein neues Stockwerk aufzuführen. Man 
wird den Zeitpunkt, wo nach aussen hin diese geistige Ermüdung 
eintritt, bei geistig hervorragenden Menschen, Dichtern, Künst- 
hern. Gelehrten, sehr oft herausfinden. „Der Mann wird alp‘, 
lautet dann die vulgäre Bezeichnung. 

Neben dieser bei geistigen Arbeiten auftretenden Erschei¬ 
nung kommt es dann zu einer anderen Symptomengruppe, welche 
sich bei allen geistig wie körperlich arbeitenden Patienten in 
mehr oder minder ausgesprochenem Grade findet: Vereinigung 
von Kopfschmerzen, Schwindel und Gedächtnissechwäche. Ich 
lege gerade auf die Vereinigung dieser drei Symptome einen 
grossen Werth. 

Der Kopfschmerz ist in der Form des Kopfdrucks vorhanden 
und sitzt meistens auf der Stirn. Er pflegt fast den ganzen Tag 
den Patienten zu belästigen, ist .schon Morgens beim Erwachen 
vorhanden und geht mit ihm wieder zu Bett. Vermehrt wird er 
durch Bücken, durch Anstrengungen der Bauchpresse, durch un¬ 
gewohnte körperliche Anstrengungen. 

Der Schwindel ist gewöhnlich nur in leichtem Grade vor¬ 
handen. Die Kranken klagen über ein Gefühl des Schwankens 
im Raum, eine Unsicherheit im Gehen, so dass sie sich hinsetzen 
müssen. Niemals treten höhere Grade auf, die ein Umfallen 
oder Hinsinken veranlassen. 

Die Gedächtnissschwäche zeigt sich in der gewöhnlichen 
Weise, ist sehr störend, vor Allem in beruflichen Dingen, und das 
Symptom, das häufig die Kranken zuerst zum Arzte führt. 

Als nebensächliches Symptom möchte ich noch erwähnen 
eine oft auffallende Intoleranz gegen Alkohol. 

Das wäre der meiner Ansicht nach für eine Arteriosklerosis 
cerebri charakteristische Symptomenkomplex. Ist er vorhanden, 
so dürfen wir bei einer nachgewiesenen Arteriosklerose von peri¬ 
pherischen Arterien die Diagnose der arteriosklerotischen Ver¬ 
änderungen an den Gehirnarterien stellen. 

Wie sind nun die Symptome zu erklären! 

Hier stossen wir wieder auf Schwierigkeiten. Es liegt auf 
der Iland, dass die Arteriosklerose gewisse Zirkulationsstörungen 
herbeiführen muss. Der Widerstand der Gefässwand ist eiu 
grösserer, das Gefäss selbst ist enger, es muss also zum Mindesten 
zu einer Veränderung des Blutdruckes kc.innen, wenn ein mehr 
oder minder grosser Theil der Gehirnarterien arteriosklerotisch 
verändert wird. So viel ich die Literatur übersehen kann, scheint 
mir noch völlige Unklarheit darüber zu herrschen, was für Ver¬ 
änderungen im Blutdruck durch die Arteriosklerose überhaupt 
hervorgerufen werden, geschweige denn, was für Veränderungen 
gerade im Blutdruck des Gehirns. Dass aber bei den Sym¬ 
ptomen der Gehirnarterioeklerose Blutdruckveränderungen eine 
grosse Rolle spielen, geht aus vielfachen Beobachtungen an 
Kranken hervor; denn alle Momente, welche den Blutdruck im 
Schädelinncrn erhöhen, bedingen eine Vermehrung der Be¬ 
schwerden. Hierhin gehören die schon erwähnten der körper- 
lichen Anstrengung, der zu starken Funktion der Bauchpresse, 
wie z. B. bei zu hartem Stuhlgang, dann aber auch die plötzliche 
Hyperämie des Gehirns, wie sie sich zweifellos bei grosser 
psychischer Erregung, sei es Schreck, Zorn oder Freude, einstellt. 
Wissen wir doch auch, dass diese Erhöhungen des Blutdruckes 
direkt eine Gehirnblutung hervorrufen, wenn es sich um Arterio¬ 
sklerose dazu besonders disponirter Gefässe im Gehirn handelt. 

Nun kommt noch eine Schwierigkeit für die Erklärung der 
Symptome einer Arteriosklerosis cerebri hinzu. 

Eine Arteriosklerosis im Allgemeinen, nicht nur eine des 
Gehirns, wird sehr häufig, sowohl bei einem gesunden oder an 
irgend einer anderen Krankheit leidenden Menschen, festgestellt 
oder bei der Sektion als Nebenbefund aufgenommen, ohne dass 
Erscheinungen davon bestanden hatten. Es gibt Tausende von 
Menschen mit sehr stark ausgeprägter Arteriosklerose ihrer 
Arterien an den Armen, die keine Spur von dem soeben ge¬ 
schilderten Symptomenkomplex haben, bis er plötzlich eintritt. 
Da man eine ganz akute Entstehung einer Arteriosklerose nicht 
annehmen darf, so muss dieser abnorme Gefässzustand im Ge¬ 
hirn schon längere Zeit bestanden haben, ohne dass er Erschei¬ 
nungen gemacht hätte. 

Es muss also für das Gehirn gewisse Regulirungsvorrich¬ 
tungen geben, welche mehr oder minder lange Zeit den sicher 
schädlichen Einfluss der Arteriosklerose auf den Blutdruck und 
den Blutkreislauf auszugleichen verstehen. 


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C oogle 



4. März 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


347 


Was liier nun alles eine Rolle spielt, ist wiederum noch 
nicht recht klar und es mangelt mir an Zeit, auf die verschiedenen 
Möglichkeiten einzugehen. Hinweisen möchte ich nur auf die ! 
ganz eigentümlichen Bedingungen, die für die Gehirnzirkulation 
überhaupt maassgebend sind und die Sie in ausgezeichneter Weise 
in dem neuerdings erschienenen Bande der N othn agel’schen 
Sammlung über Himerschütterung und Hirndruck zusammen¬ 
gestellt finden, der von Kocher bearbeitet worden ist. Die 
Gehimgefässe sind, wie es dort heisst, in ein besonders weiches 
Gewebe eingebettet und dieses Gewebe liegt in einer starren Hülse, 
deren Inhalt regulirt wird durch den Liquor cerebrospinalis, der 
alle Lücken ausfüllt. Dazu kommt die zweckmässige Anordnung 
«ler Gehimgefässe überhaupt. In das Gehirn treten aus einem 
sehr reichen Arteriennetz viele sehr feine Gefässe, die dement¬ 
sprechend unter starkem Druck stehen. Dieser nimmt aber bald 
ab, weil die feinen Gefässe ziemlich rasch in ein ausgebreitetes 
Kapillametz übergehen, das mit sehr weiten und reichlichen 
Abführwegen versorgt ist. 

Es ist also offenbar dafür gesorgt, dass im Gehirn durch ge¬ 
eignete Vorrichtungen auch die Zirkulation eine völlig aus¬ 
reichende sein kann, wenn auch ein mehr oder minder grosser 
Theil der Gefässe arteriosklerotisch verändert ist. Das Nähere 
wissen wir aber nicht. Am nächstliegenden wäre ja, an eine 
konsekutive Herzhypertrophie zu denken, aber wenn man dieselbe 
auch meistens bei Arteriosklerose anderer Organe findet, so ver¬ 
misst man sie immer bei Arteriosklerose des Gehirns. Ihr kann 
also keine Bedeutung beigelegt werden. 

Aus irgend einem Grunde versagt nun aber die Regulirungs¬ 
vorrichtung mehr oder minder plötzlich. Entweder muss sie ab¬ 
genutzt sein, das werden wir bei der Eingangs erwähnten geistigen 
Sterilität in höherem Lebensalter, sowie bei den anderen jenseits 
der 50 er auftretenden Symptomen anuehmen dürfen. Oder es 
tritt eine plötzliche derartige Steigerung des Blutdrucks im Ge¬ 
hirn ein, dass auch dadurch die Regulirungsvorrichtungen unter¬ 
brochen werden, hervorgerufen durch ungewohnte körperliche 
Anstrengung, durch Schreck, durch Freude und Alles, was ich 
vorhin schon erwähnt habe. Vergessen möchte ich auch nicht die 
schädliche Wirkung des Koitus in höheren Jahren, der ebenfalls 
zu einer bedrohlichen Erhöhung des Gehirndrucks führen kann. 
Es genügt eben Alles, was eine Hyperämie des Gehirns bedingt, 
und sehr oft führen die Leute ihre Beschwerden auf einen ganz 
bestimmten Tag zurück, an dem diese Hyperämie ihr Maximum 
erreicht hat. Einen sehr lehrreichen Fall habe ich neulich in 
meiner Poliklinik beobachtet: Bei einem Manne mit einer ganz 
enormen Arteriosklerose der Armarterien, die bisher ohne alle 
zerebralen Erscheinungen geblieben war, setzten die Symptome 
plötzlich ein, nachdem er wegen eint» Bröckchens Brod, das in die 
Trachea gekommen war, ganz ausserordentlich viel und intensiv 
hatte husten müssen. 

Auf eine Störung in der erwähnten Regulirung möchte ich 
aber noch ganz besonders eingehen, nämlich auf die durch ein 
Schädeltrauma hervorgerufene. Es ist sehr auffallend, wie viel 
Leute unter den Unfallpatienten, die einem im Laufe des Jahres 
zu Gesicht kommen, hochgradige Arteriosklerose haben. Der 
Grund für die Entstehung derselben liegt ja in den Eingangs 
genauer angeführten Momenten. Die Betreffenden haben oft 
Jahre lang mit ihrer Arteriosklerose schwer gearbeitet, ohne die 
geringsten Beschwerden gehabt zu haben. Von dem Augenblick 
ab, wo aber ein Kopftrauma sie befallen hat, das gar nicht sehr 
ernster Natur zu sein braucht, beginnen die nervösen Erschei¬ 
nungen, für deren Erklärung wir noch so wenig brauchbare Unter¬ 
lagen haben. Ich rede hier weniger von den Fällen, die that- 
sächlich eine reine Commotio cerebri darstellen, d. h. bei denen 
nach dem Unfall ein Koma und Erbrechen vorhanden war, viel¬ 
leicht auch sofort ärztlicherseits eine Pulsverlangsamung nach¬ 
gewiesen werden konnte. Bei diesen können wir schon eher auf 
gewisse organische Veränderungen im Nervengewebe rekurriren. 
Ich meine vor Allem das grosse Heer der traumatischen Neurose 
und speziell die Form nach einem Schädeltrauma, bei denen oft 
der Unfall relativ geringfügig war, ohne die eben erwähnten Sym¬ 
ptome der Gehirnerschütterung verlief, bei denen sich aber dann 
der Zustand der bekannten körperlichen und geistigen Energie¬ 
losigkeit mit dem Heere von hysterischen Erscheinungen aus¬ 
bildet. 

Alle diese Leute haben schon vor dem Unfall ihre Arterio¬ 
sklerose gehabt, ohne dass sie ihnen Beschwerden bereitet hätte. 


Wenn jetzt nach dem Schädeltrauma eine schwere nervöse Stö¬ 
rung nuftritt, so ist der Schluss nicht ungerechtfertigt, dass hier 
irgend eine Störung der Regulirungsvorrichtung eingetreten sein 
muss, welche bisher die Schädigung der gestörten Zirkulation auf 
die Gehirnernährung hinanzuhalten vermocht hat. Bei der 
völligen Unklarheit darüber, was in dem Augenblick, in dem ein 
Trauma den Schädel von aussen trifft, im Gehirn vor sich gellt, 
hat die Vorstellung, dass es sich um eine schwerere, vielleicht auf 
dem Wege durch das Vasomotorenzentrum gehende Beeinträchti¬ 
gung der Gehirnzirkulation handeln könne, auch ihre Berechti¬ 
gung. Keinesfalls ist aber die Ansicht richtig, die man mitunter 
in den Büchern findet, dass Patienten mit traumatischer Hysterie 
an Arteriosklerose in Folge d«» Unfalls leiden, im Gegentheil, 
sie haben nervöse Beschwerden in Folge des Unfalls wegen ihrer 
schon vorher vorhanden gewesenen Arteriosklerose. 

Selbstredend ist die Arteriosklerose nicht das einzige ätio¬ 
logische Moment der traumatischen Hysterie. Es spielen liier 
noch eine ganze Reihe anderer Gesichtspunkte eine Rolle und es 
gibt auch schwere traumatische Hysterien im Anschluss an Ver¬ 
letzungen der Extremitäten oder des Rumpfes. Nur für die nach 
einem Schädeltrauma auftretenden Formen möchte ich meine 
Auseinandersetzungen verstanden haben wissen. 

Ganz im Allgemeinen möchte ich aber überhaupt die Be¬ 
deutung nochmals hervorheben, welche die Untersuchung auf 
Arteriosklerose für den Arzt hat. Wenn wir die vielen Be¬ 
ziehungen derselben allein zum Nervensystem überschauen —- 
von anderen Organen will ich gar nicht reden — so leuchtet dis 
Bedeutung der Arteriosklerose für die Entstellung von Nerven¬ 
erkrankungen sicher ein. Abgesehen von den greifbaren Gehirn¬ 
erkrankungen durch Arteri«>sklero8e — der Blutung, der Er¬ 
weichung durch Thrombosirung, dem Aneurysma — weist aber 
vielleicht die Arteriosklerosis cerebri uns einen Weg zur Er¬ 
klärung der so sehr dunklen, sogen, funktionellen Gehimerkran- 
kungen, vor Allem wenigstens eines Theiles der Hysterie. Ich 
würde mich freuen, wenn es mir gelungen wäre, Ihnen die Wich¬ 
tigkeit der Untersuchung auf Arteriosklerose klar gemacht zu 
haben. 


Ueber neuere klinische Gesichtspunkte in der Lehre { 
von der Arteriosklerose.*) 

Von Dr. Karl Grassmann in München. 

Vergleicht man die Darstellung, welche die Arteriosklerose 
vor 20—30 Jahren in den Lehrbüchern gefunden hat, mit der 
heutigen, so springt zunächst der Eindruck in die Augen, dass 
die sklerotischen Veränderungen an den Gefässen heute eine weit¬ 
aus höhere klinische Werthung erfahren, als dies früher der Fall 
war. Wir sind zu der Anschauung gelangt, dass unter den chro¬ 
nischen Krankheiten, welche den menschlichen Organismus be¬ 
drohen, die Arteriosklerose in erster Reihe steht. Kann doch mit 
viel Recht der Ausspruch von C a z a 1 i gelten: „Der Mensch hat 
das Leben seiner Arterien.“ Denn die physiologische Leistungs¬ 
fähigkeit der Organe hängt eben vor Allem von der normalen Be¬ 
schaffenheit ihrer Blutgefässe ab und es ist nicht denkbar, dass 
eine chronische Veränderung derselben, wie sie, allgemein ge¬ 
sprochen, die Arteriosklerose darstellt, ohne einschneidende Wir¬ 
kung auf die Funktion der Parenchyme der Organe bleiben 
könnte. Die Regulirung der Ernährung und Leistung der Organe, 
von den Zellen der Gehirnrinde bis zu jenen der Epidermis, ist 
nur verbürgt durch die intakte Funktion der Gefässe. Diese 
Ueberlegung tritt jetzt schärfer als früher hervor und auf Grund 
derselben wird auch jetzt die Ursache mancher, vordem in ihrer 
Deutung nicht erklärbaren Symptome in der arteriosklerotischen 
Veränderung der betreffenden Gefässe gefunden, wie wir später 
sehen werden. Die Aetiologie dieser für das Menschen¬ 
geschlecht 30 wichtigen Krankheit ist auch heute noch sehr in 
Dunkel gehüllt. Wenn die letzten Jahre hierin einen gewissen 
Fortschritt gebracht haben, so besteht er darin, dass man die Be¬ 
deutung der einzelnen ätiologischen Faktoren, die ihrer Mehrzahl 
nach auch schon früher als solche galten, wissenschaftlicher zu 
bestimmen sucht, z. B. den Faktor der Erblichkeit, der schwereren 
körperlichen Arbeit, den Abusus von Alkohol, das Ueberstehen 
von Infektionskrankheiten, unter denen z. Z. die Syphilis die 


•) Nach einem am lö. Januar 1902 lm 
München erstatteten Referate. 


ärztlichen 

1 * 


Vereine 


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348 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Hauptrolle spielt. Von einer auf exakte Methoden gegründeten 
Einsicht in die Aetiologie der Arteriosklerose sind wir aber noch 
weit entfernt. Besondere Aufmerksamkeit hat die Forschung 
im letzten Jahrzehnt dem frühzeitigsten und im Allgemeinen 
konstantesten Symptom der Arteriosklerose, dem erhöhten 
Blutdruck im arteriellen System, seinem Nachweis und seiner 
Bedeutung für die Entwicklung der Krankheit gewidmet; ferner 
der weiteren Aufklärung über die bei Arteriosklerose so häufig 
zu findende Herzhypertrophie, den arteriosklerotischen Erkran¬ 
kungen der N ieren und dem gegenseitigen Verhältnisse dieser 
Organerkrankungen. Auch die Diagnose der Arteriosklerose 
hat einige, früher nicht geahnte Förderung erfahren, während 
relativ der geringste Fortschritt nach der therapeutischen Rich¬ 
tung zu liegen scheint; aber auch hier blieb die Forschung nicht 
ganz steril. 

Die Auffassung über das Wesen der arteriosklerotischen Ver¬ 
änderungen ist zur Zeit durchaas noch keine einheitliche ge¬ 
worden, trotz eingehendster Forschungen in dieser Hinsicht. 

Allerdings scheint soweit eine Einigung erzielt, als vom 
pathologisch-anatomischen Standpunkte aus die als arteriosklero¬ 
tisch bezeiclineten Veränderungen am (lefässsystem als meist auf 
einem hypertrophischen Vorgang beruhend aufgefasst werden; 
wenn auch andererseits entzündliche Vorgänge bei manchen 
Lokalisationen und Formen der Arteriosklerose eine deutliche 
Rolle spielen. In diesem Sinne haben wir in der Arteriosklerose 
gewissermaassen den Prozess einer diffusen Neubildung in den 
< icfiisswandungen vor uns, die mit Rücksicht auf den so häufig 
progressiven Verlauf als maligner Natur angesprochen werden 
muss. 

Stellt man sich nun die Frage: Was ist der Grund dafür, 
dass die Intima der Gefässe eine Wucherung zu zeigen beginnt? 
so fonnulirt sich die Antwort im Sinne der T li o m a’schen For¬ 
schungen etwa (nach v. Schrötter 1 ) folgendermaassen: „Durch 
den längeren Gebrauch, „das Leben“, wird die elastische Media 
besonders abgenützt, das Gefäss erweitert sich, die Strömung des 
Blutes wird langsamer. Um die für die Ernährung der Gewebe 
richtige Stromgoschwindigkeit wieder herzustellen, erfolgt nach 
Knveiterung und stärkerer Entwicklung der Vasa vasorum eine 
kompensirende Verdickung der Intima durch Bindegewebsneu- 
bildung. Letztere kann bis zur Verengerung des Gefässes weiter¬ 
gehen oder es können regressive Veränderungen daran eintreten.“ 

Während nach v. Schrötter die Erkrankung der Gefäss- 
wände den primären Vorgang darstellt, vertreten H u c h a r d und 
K oester mehr die Anschauung, dass die bindegewebige Ver¬ 
dickung der Intima und der Verlust der elastischen Elemente 
in der Media eine regressive Veränderung der Gefässwand dar- 
stcllen, eine Folge ungenügender Ernährung, die in letzter In¬ 
stanz durch eine arteriitische Erkrankung der Vasa vasorum 
hervorgerufen sein soll. Die Rolle der Vasa vasorum, auf die 
früher von keiner Seite ein erhebliches Gewicht gelegt wurde, 
während sie von einer Anzahl Autoren jetzt stark betont wird, 
ist aber zur Zeit noch nicht hinreichend aufgeklärt. 

Bekanntlich kann der arteriosklerotische Prozess seiner 
Ausdehnung nach auf ganz umschriebene Stellen des Ge- 
fässsystems sich beschränken, z. B. auf Theile der aufsteigenden 
Aorta, auf die Arterien des Herzens, auf jene bestimmter Bezirke 
des Gehirnes, auf umschriebene Partien anderer peripherer 
Arterien. Die örtliche Ausbreitung steht aber durchaus nicht 
in einem geraden Verhältnis« zu der pathologischen Bedeutung 
des Prozesses, da die durch umschriebene Herde herbeigeführten 
Verengerungen zu völligem Verschluss kleinerer und mittlerer 
Arterien disponiren, wofür ja klinische Beispiele genug bekannt 

Betreff der über Arteriosklerose vorhandenen Literatur 
verweise ich Interessenten besonders auf die Zusammenstellung 
bei l’h. Baeumler: Behandlung der Blutgefässkrankhelten 
(Handbuch der Therapie innerer Krankheiten, herausgegeben von 
Penzoldt u. Stlntzing. III. Bd., png. G84 ff.). Ferner wurden be¬ 
nützt: v. Basch: Die Herzkrankheiten bei Arteriosklerose, 1901; 
J. G. Ed gren: Die Arteriosklerose. 189S; W. Erb: Lieber Bedeu¬ 
tung und prnkt. Werth der Prüfung der Fussarterieu bei ge¬ 
wissen anscheinend nervösen Erkrankungen; Virchow u. Hirsch: 
Jahresbericht 1899; Ilaseufeld: Ueber die Herzliypertrophle 
bei Arteriosklerose etc. (Ibidem, 1897 u. 1898); Huchard: Con- 
sultat niOdie. 1901, p. 184: J. W. Euneberg: Ueber Verlauf und 
Behandlung der Arteriosklerose (Ther. d. Gegenw. 1900, p. 481); 
O. Rosenbach: Grundriss d. Path. u. Ther. d. Herzkrankheiten, 
1899; L. v. Schrötter: Erkrankungen der Arterien (Spez. Path. 
u. Ther. von v. Nothnagel, XV. Bd., 1. Hälfte, 1899) u. A. 


No. 9, 

sind. Je nach der Ixikalisation der örtlichen Arterio¬ 
sklerose, z. B. am Herzen, im Gehirn, den Darmgefässen, 
Nieren, können bekanntlich lebenbedrohende oder -vernichtende 
Zufälle aus derselben jederzeit hervorgehen. Weniger bekannt 
war, dass geringe und mittlere Grade von Arteriosklerose sich 
auch auf bestimmten grösseren Gefässbezirken 
isolirt etabliren können, wie dies Hasenfeld z. B. hinsichtlich 
der Splanchnikusgefässe nachgewiesen hat, die mit Vorliebe stär¬ 
ker arteriosklerotisch erkranken, während gleichzeitig andere 
grössere Gefässbezirke- annähernd oder ganz noch von Arterio¬ 
sklerose frei sind. Die Folgen für den Organismus sind ver¬ 
schiedene. So hat Hasenfeld durch eingehende Untersuchung 
von 14 Gefässsystemen festgestellt, dass die Arteriosklerose nur 
dann zu einer Hypertrophie des linken Ventrikels führt, wenn 
die Splanchnikusarterien oder die Aorta oberhalb des Zwerch¬ 
fells hochgradig erkrankt sind, während die Sklerose der übrigen 
Gefässgebiete einen solchen Einfluss nicht zu äussern scheint. 

Ich möchte hier einschalten, dass auch an den Venen, 
sowohl der unteren als der oberen Extremitäten, Sklerose gar 
nicht so selten vorkommt, aber noch nioht so viel Beachtung ge¬ 
funden hat. Bei der geringen Entwicklung der Muskularis der 
Venen treten kompensatorische Verdickungen dieser Gefässe 
nicht so häufig ein, wie bei den Arterien. Sichtlich wirkt auf 
den Kreislauf, abgesehen von der eben erwähnten isolirteu Er¬ 
krankung der Splanchnikusgefässe. erst eine diffuse Aus¬ 
breitung des arteriosklerotischen Prozesses. Es ist als eine 
neuere F.rkenntniss zu bezeichnen, dass auch an den kleinereu 
und kleinsten Arterien arteriosklerotische Veränderungen sehr 
häufig sind, wobei ich nur auf Heubner’s Untersuchungen der 
Gehirnarterien hinweise, und gerade die arteriosklerotische 
Erkrankung dieser ausgedehnten Gefässbezirke ist es, welche die 
erhöhte Spannung im Gefässsystem, die Steigerung des Blut¬ 
druckes, iu deren Gefolg die Herzhypertrophie, zur Folge hat. 
Dass es sieh auch, wie H u c h a r d meint, um einen Vasomotoren¬ 
krampf der kleinsten Arterien handeln könne, der zu dauernder 
Verengerung derselben führe, wird von deutschen Autoren, z. B. 
Schrötter, nicht anerkannt. Dieser Krampf der Vasokon¬ 
striktoren soll durch toxische, im Blute kreisende Stoffe bewirkt, 
werden, eine Ansicht, welcher auch Runeberg zuneigt. Doch 
ist das bisher noch nicht ausreichend bewiesen. 

Festgehalten werden muss vor Allem, dass die Arterio¬ 
sklerose, welche die Elastizität der Gefässe vermindert oder auf¬ 
hebt, damit einen höchst wichtigen Regulirungs¬ 
apparat für die, der zu leistenden Funktion genau angepasste, 
Ernährung der Organe schwer schädigt. Der Blutstrom wird hie¬ 
bei zu einem diskontinuirlichen, stossweise fliessenden gemacht; 
denn die arteriosklerotisch verdickten und starren Gefässe können 
ihrer wichtigen Aufgabe, welche Marey ihnen zuweist, nämlich 
die Arbeit des Herzens „vollwerthig zu machen“ nicht mehr vor¬ 
stehen. Die Schädigung der Ernährung der Organe hat dann 
in zweiter Linie die sogen, dystrophische Sklerose 
(H. Martin und Runeberg u. A.) der Organe zur Folge, 
bei der bindegewebiger Ersatz funktionell wichtiger Organ- 
bestandtheile in mehr oder minder hohem Grade eintritt. Der in 
den grösseren Arterien in manchem Sinne noch kompensatorische 
Charakter der arteriosklerotischen Veränderung der Gefässwand 
tritt hier völlig zurück, zum Schaden der Leistungsfähigkeit des 
ganzen Organismus. 

Zu den wesentlichen Kennzeichen der Arteriosklerose ist der 
im arteriellen System über die Norm gesteigerte Blutdruck zu 
zählen, eine Erscheinung, welche für die ganze Auffassung des 
arteriosklerotischen Prozesses von grösster Wichtigkeit ist. Das 
Charakteristische an dieser erhöhten Spannung in deu 
Arterien liegt darin, dass es sich um einen bleibenden Zu¬ 
stand handelt. Während 'vorübergehende Blutdrucksteige¬ 
rungen bekanntlich auf die verschiedensten Einflüsse hin ein¬ 
treten können, finden wir bei dem Arteriosklerotiker eine dauernd 
über der Norm sich haltende Spannung im arteriellen System 
und zwar schon so frühzeitig, das9 die Erhöhung des Blutdruckes 
ein wichtiges Zeichen für die frühzeitige Diagnose der Erkran¬ 
kung darstellt. Es ist nunmehr nachgewiesen, dass die Blutdruck- 
Steigerung schon erscheinen kann, bevor noch irgend ein lokales 
Symptom in die Erscheinung tritt. Die Erkenntniss, dass eine 
permanente Steigerung des Blutdruckes eines der frühest nach¬ 
weisbaren Zeichen arteriosklerotischer Prozesse ist, bedeutet einen 


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4. März 19ÖÖ. 


MÜENCHENER MEDlClNlSCHE WOCHENSCHRIFT. 


beträchtlichen Fortschritt in der Diagnostik der Krankheit, in 
weiterer Hinsicht natürlich auch in therapeutischer Beziehung. 
Die Steigerung des Blutdruckes wurde früher viel¬ 
fach in erster Linie abhängig gedacht von der gleichzeitig ge¬ 
fundenen Hypertrophie des Herzens, sowie in speziellem Zu¬ 
sammenhang gebracht mit der häufig gleichzeitig vorhandenen 
Sklerose der Nierengefässe. Traube nahm an, dass an der 
Blutdrucksteigerung der Arteriosklerotiker der Alkohol den- gröss¬ 
ten Arrtheil habe, indem durch ihn eine Kontraktion der kleinen 
Arterien erfolge, dadurch sich der Widerstand in der Blutbahn 
erhöhe und dies dann zur Sklerose führe. Heute wird der Vor¬ 
gang so aufgefasst, dass die arteriosklerotischen Veränderungen 
der Gefässe das Primäre sind, durch die Verengerung und 
die Elastizitätsminderung vornehmlich der kleinen Arterien der 
Widerstand für die Blutbewegung wachse, daher der Druck steige 
und damit parallel nach und nach eine kompensatorische Herz¬ 
hypertrophie einsetze. Nach B a s o h ist der Entstehungs¬ 
grund des hohen Blutdrucks aber nicht nur im Allgemeinen in 
erhöhten Gefässwiderständen zu suchen, sondern speziell in der 
Vermehrung von Widerständen in den Gefässgebieten 
der Unterleibsorgane. Eine beträchtliche Blutdruck¬ 
steigerung ohne Widerstandsvermehrung in diesen Gebieten ist 
ihm undenkbar und hat er diese Ansicht auch experimentell ge¬ 
stützt. Hasenfeld stimmt mit ihm hinsichtlich der Bedeu¬ 
tung einer Arteriosklerose der Splanchnikusgefässe überein, 
v. Schrötter möchte aber die Wichtigkeit gerade dieses Be¬ 
zirkes nicht in erste Reihe stellen. Edgren sagt ganz im All¬ 
gemeinen: „Wenn die Lichtung der kleinen Arterien in einem 
grösseren Bezirke verengt ist, so erscheint neben den lokalen 
Symptomen eine Steigerung des arteriellen Blutdrucks mit allen 
seinen Folgen“. 

Wir können hier dieser speziellen Frage nicht weiter nach¬ 
gehen, und hebe ich nur nochmals hervor, dass die bei Arterio¬ 
sklerose so häufige Herzhypertrophie jedenfalls nicht den er¬ 
höhten Blutdruck erzeugt, sondern selbst eine Folge desselben ist. 

Wenden wir uns nun zu einigen die Aetiologie der 
Arteriosklerose betreffenden Punkten, so mag der allgemeine 
Stand unserer derzeitigen ätiologischen Einsicht daran er¬ 
messen werden, dass v. Schrötter erst vor Kurzem den Satz 
aussprechen konnte: „In einer für das ganze Menschengeschlecht 
wichtigsten Erkrankung fehlen uns noch alle positiven Anhalts¬ 
punkte, um ihr so häufiges Auftreten zu erklären“. Auch 
Edgren beklagt den Mangel eines genau analysirten klinischen 
Materials, an dem man die Aetiologie der Arteriosklerose stu- 
diren könnte. Die meisten der hierüber umgehenden Ansichten 
geniessen zwar seit langen Jahren eine ziemliche Stabilität, ohne 
dass sie aber hiedurch wissenschaftlich besser begründet worden 
wären. Seit Dezennien werden höheres Lebensalter, Alkoholis¬ 
mus, Gicht, Rheumatismus, chronische Nierenkrankheiten, Zu¬ 
gehörigkeit zum männlichen Geschlecht, Bleiintoxikation, 
funktionelle Anstrengung der Arterien durch schwere körperliche 
oder psychische Leistungen u. a. als Faktoren angeführt, deren 
Einfluss auf die Entstehung der Arteriosklero.se „dem allgemeinen 
Eindrücke nach“ unzweifelhaft ist, aber zu einigermaassen 
sicheren statistischen Unterlagen und eingehenderen Vorstel¬ 
lungen über das Wie? sind wir noch nicht vorgedrungen. Ed¬ 
gren hat vor einigen Jahren wohl das am besten gesichtete 
Material publizirt. 

Die Syphilis stellt er an die Spitze der für Arterio¬ 
sklerose in Betracht kommenden ätiologischen Momente. 20 Proz. 
aller seiner 124 Arteriosklerotiker waren früher syphilitisch in- 
fizirt, und konstatirt er, dass auch bei Berücksichtigung der 
übrigen, gleichzeitig wirksamen ätiologischen Faktoren offenbar 
der Einfluss der Syphilis vorschlage. Bei Syphilitischen scheint 
die Arteriosklerose sich frühzeitiger zu entwickeln, als bei nicht 
Infizirten. Immerhin gehört es nach meinen eigenen Beobach¬ 
tungen zu den verschwindenden Ausnahmen, dass schon vor dem 
30. Lebensjahre Arteriosklerose bei Syphilitischen erkennbar wird, 
ausser wenn noch andere ätiologische Faktoren mitwirken, deren 
Rolle dann von jener der Syphilis schwer oder gar nicht zu 
trennen ist. Es kann auf diese Frage hier nicht eingegangen 
werden; so wichtig der Einfluss der Syphilis, besonders im 
späteren Alter, sein mag, so hat doch vielleicht eine gewisse Ueber- 
schätzung desselben z. Z. Platz gegriffen. Schrötter rechnet 
die syphilitischen Gefässerkrankungen überhaupt nicht zur 
No. 9. 


34Ö 


eigentlichen Arteriosklerose. Nach der Syphilis lässt Edgren 
den Alkoholismus in der Reihe ätiologischer Faktoren folgen, 
dann die hereditäre Anlage. Die Rolle des Alkohols 
wird jetzt anders aufgefasst als früher, indem an¬ 
genommen wird, dass er zunächst auf die Parenchymzellen ge¬ 
wisser Organe (der Nieren, Leber) und erst sekundär auf die Ge¬ 
fässe wirkt. Die Schädigung der Parenchymzellen nämlich 
bringt ein neues toxisches Moment herein, indem die Funktion 
der betreffenden Organe verändert und die Entgiftung des 
Organismus mangelhaft wird. Die direkte Schädigung der Ge- 
fässzellen durch toxisch wirkende Stoffe, welche be¬ 
sonders aus der Fleischnahrung stammen sollen, bildet 
einen Hauptpunkt der gewiss geistvollen aber doch der Kritik 
bedürftigen Lehre Huchard’s über die Entstehung der Arterio¬ 
sklerose. Die Existenz oder wenigstens Bedeutung der aus der 
Nahrung stammenden Toxine und Ptomaine ist vorläufig noch 
nicht exakt nachgewiesen. 

Die Bedeutung der Erblichkeit für die Genese der Arterio¬ 
sklerose wird in dem Maasse anerkannt und betont, als der Ein¬ 
fluss dieses Faktors für die Pathologie im Allgemeinen immer 
mehr gewürdigt wird. Das Spiel der Vererbung ist aber auch 
hinsichtlich dieser Frage nichts weniger als aufgedeckt. Die 
Einsicht in die ätiologische Bedeutung der Gicht, der Fett¬ 
sucht, des chronischen Rheumatismus u. a. fallen 
wohl mit dem allgemeinen Problem der Heredität zusammen. 
Da es von Jugend auf schwächliche Zirkulationsorgane, besonders 
Herzen gibt, so liegt an sich die spekulative Idee nahe, dass auch 
die Elastizität der Arterien, des „peripheren Herzens“, ab 
ovo an gemindert sein kann und ein solcher Organismus zu 
Arteriosklerose prädisponirt ist; doch ist das ja keine thatsäch- 
liche Erklärung. Vielfach wird auch das Ueberstehen 
akuter Infektionskrankheiten unter den Ursachen 
der Arteriosklerose genannt. Edgren und auch Schrötter 
halten Beide von dem jetzt so oft aufgestellten Zusammenhang 
nicht zu viel; auch hier fehlt vorläufig ein einigermaassen 
sicherer Nachweis. Die auf den frühzeitgen Nachweis der 
Arteriosklerose gerichtete Aufmerksamkeit hat nunmehr auch 
festgestellt, dass nicht etwa allein das höhere Alter die Do¬ 
mäne der Arteriosklerose darstellt. Sie kommt nicht so selten 
auch schon im mittleren und jüngeren Lebensalter vor, ja es sind 
als Arteriosklerose gedeutete Fälle bei Kindern (S e i t z) be¬ 
schrieben. Unter den 124 E d g r e n’schen Arteriosklerotikern 
waren ca. 8 Proz. 30—40 Jahre alt, nur ein einziger unter 
30 Jahren. Bekanntlich kann andererseits auch das höchste 
Alter von Arteriosklerose frei bleiben. Die Arteriosklerose 
im eigentlichen Sinne wird übrigens gar nicht durch das Altern, 
die S e n e s z e n z, an sich verursacht; denn die senilen Ge- 
fässveränderungen zeigen gewisse graduelle Unterschiede von der 
gewöhnlichen Arteriosklerose, die eben durch andere, einer 
Prophylaxe zugängliche Schädlichkeiten hervorgerufen wird 
(B ä u m 1 e r). Das ist besonders für die Prophylaxe wichtig. 

Es ist besonders das grosse Verdienst von Huchard, die 
so verschieden sich gruppirenden klinischen Aousse- 
rungen der Arteriosklerose in ihrer Abhängigkeit von 
letzterer richtig erkannt und ihre proteusartigen Gestaltungen 
von einheitlichen Gesichtspunkten aus beschrieben zu haben. So 
haben wir gelernt, Symptome, mit denen man vor 20 Jahren noch 
nichts Rechtes anzufangen wusste, nunmehr aus arteriosklero¬ 
tischen, sich vielseitig kombinirenden Gefässveränderungen zu 
erklären. Einige der wichtigsten derartigen Punkte aus der 
Symptomatologie und Diagnose der Arteriosklerose 
können den Fortschritt in dieser Richtung andeuten. 

Hinsichtlich der palpablen Beschaffenheit der 
Arterien selbst wissen wir nunmehr genauer, dass Arterio¬ 
sklerose sehr wohl vorhanden sein kann, ohne dass eine derartige 
Veränderung an den peripheren Gefässen nachweisbar ist. 
Ich erinnere hier an die isolirte Arteriosklerose der Splanchnikus- 
gefässc. Arteriosklerose der Gehirn- oder Coronararterien kann 
ohne periphere andere Arteriosklerose bestehen und schliessen wir 
auf erstere bekanntlich aus anderen klinischen Symptomen. Auf 
die Schlängelung der Peripherien Arterien wird von der 
einen Seite wenig Gewicht gelegt. Andere, z. B. Sakor- 
rliaphos, legen diesem Befund grosse prognostische und dia¬ 
gnostischen Bedeutung bei, falls er schon im Alter von 25 bis 
30 Jahren zu erheben ist und Leute betrifft, deren Eltern au 

* 


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350 


MUENCHENER MEDICINISCIIE WOCHENSCÜRIE1'. 


Arteriosklerose litten. Diese Menschen sollen angeblich meist 
schon in mittleren Jahren sterben. 

Der Pulsanomalien sind bei der Arteriosklerose sehr 
viele, auf die ich hier nicht weiter hinzuweisen habe. Erwähnen 
darf ich nur zwei Beobachtungen. Gerhardt hat bei Arterio- 
sklerotikern gefunden, dass die Pulszahl, au zwei symmetrisch 
gelegenen Arterien gleichzeitig gezählt, Differenzen um 2—8—10 
»Schläge aufweisen kann, ein Phänomen, das für arteriosklero¬ 
tische Veränderungen besonders au der Abgangsstelle der be¬ 
treffenden Arterie spricht. Ein anderes, in Verbindung 
mit der Verstärkung des 2. Aortentons, das Vor¬ 
handensein von Arteriosklerose beweisendes Zeichen glaubt 
Iluchard in der sogen. Stabilität des Pulses ge¬ 
funden zu haben. Dieses besteht in Folgendem: Normaler Weise 
sinkt die Pulszahl um G—8 Schläge, wenn aus stehender Lage 
in liegende oder sitzende übergegangen wird. Bei Erhöhung des 
Blutdruckes, d. h. bei Arteriosklerose, fällt dieses Sinken der 
Pulsfrequenz aus, der Puls kann sogar beim Liegen höher an- 
steigen. Die gleichzeitige Verstärkung des 2. Aortentones muss 
aber dies Phänomen begleiten, um die Diagnose „Arteriosklerose“ 
zu sichern. Das Entstehen des Puls, c e 1 e r bei Arteriosklerose 
trotz fehlender Aorteninsuffizienz ist noch nicht hinreichend 
aufgeklärt. 

Wie ich schon früher erwähnte, wird besonders auf 
den Nachweis der Blutdrucksteigerung immer 
grösserer Werth gelegt und man hat bekanntlich sich bestrebt, 
die Palpation durch den Finger zu ersetzen durch Instrumente. 
(Apparate von Basch, Riva-Rocci; dazu kam das von 
Gärtner - Wien angegebene Tonometer.) 

E d g r e n und II u c h a r d, zwei Autoritäten im Gebiete der 
Arteriosklerose, halten, im Gegensätze zu Basch, die Finger¬ 
palpation für verlässlicher als die instrumentelle Messung des 
Blutdruckes. Basch möchte dagegen das Sphygmomanometer, 
aber ja nicht das G ä r t n e r’sche, ständig in der Hand des prak¬ 
tischen Arztes wissen. 

Stärkere sklerotische Veränderungen an einzelnen peripheren 
Arterien, z. B. des Vorderarmes und Unterschenkels, gelegentlich 
auch des Kopfes erlauben uns nunmehr die Röntgenstrahlen 
in vivo zu sehen, wie aus den Arbeiten von Hoppe-Seyler, 
v. Z i e m s s e n u. A. bekannt ist. Levy-Dorn gibt an, dann 
und wann auch sklerotische Coronararterien auf der photo¬ 
graphischen Platte kenntlich machen zu können. Auf die Ver¬ 
änderungen, welche die Aorta durch die Arteriosklerose erleiden 
kann und welche dort bekanntlich so häufig zur Bildung eines 
Aneurysmas führen, kann hier nicht eingegangen werden. 
Auch hinsichtlich der Folgen der Arteriosklerose für das Herz 
selbst muss ich mich auf einige aphoristische Bemerkungen be¬ 
schränken. Mit II u n e b e r g kann man sehr wohl zwei 
Hauptgruppen von arteriosklerotischen Herzveränderungen 
unterscheiden, die aber auch gemeinsam an einer Person Vor¬ 
kommen können. Bei der einen, verursacht durch die Arterio¬ 
sklerose der Gefiisse in grösserer Ausdehnung, tritt eine Hyper¬ 
trophie und Dilatation des linken, aber meist auch des 
rechten Herzens ein; bei der zweiten, verursacht durch 
Sklerose der Kranzarterien handelt es sich meist um myokar- 
ditische Prozesse, Herzschwielen, Atrophie, sekundäre Herz¬ 
schwäche — ohne Hypertrophie und Dilatation. Das letztere be¬ 
sonders sind die Herzen mit den Anfällen von Angina pect., 
resp. Stenokardie. 

Hinsichtlich der Herzhypertrophie, an die sich so 
viele theoretische Fragen knüpfen, möchte ich nur betonen, dass 
sie nicht nur den linken, sondern meist beide Ventrikel be¬ 
trifft. Genaue Wägungen haben das jetzt ergeben. Hasen¬ 
feld fand, dass bei vorhandener Schrumpfniere stets alle Herz- 
abschnitte hypertrophisch werden, bei gleichzeitiger starker 
Sklerose der Splanchnikusgefässe mit Ueberwiegen des linken 
Ventrikels. Die Ursache, welche die Hypertrophie erzeugt, muss 
also beide Ventrikel betreffen. Auch Runeberg, Schrötter 
u. A. konstatiren das gleichzeitige Ilypertrophiren beider Ven¬ 
trikel. Uebrigens kann das Herz anfänglich noch die durch 
die Arteriosklerose der kleinen Arterien geschaffenen Widerstände 
überwinden, ohne dass schon sofort Hypertrophie eintritt. Die 
Hypertrophie und Dilatation des Herzens erscheint auch bei 
einem Krankheitsbilde, das Hüll und Sutton aus dem Kom¬ 
plexe der Arteriosklerose herausgenommen haben: der A r t e r i o- 


jsV a. 

capillary fibrosis. Diese Krankheit zeigt allgemeine 
Sklerose der kleinen und kleinsten Arterien, andauernd erhöhte 
arterielle Spannung, harte Arterien, linksseitige Hypertrophie 
des Herzens, geringe Albuminurie. Auf ihr Verhältniss zur 
Arteriosklerose im Allgemeinen und die Nierensklero9e im Be¬ 
sonderen kann hier nicht, eingegangen werden, da dies zu weit 
führen müsste. 

Ueber die Erkrankung der Kranzgefäase des 
Herzens und ihr klinisches Bild besitzen wir seit lange aus¬ 
gezeichnete und auch heute kaum zu ergänzende Darstellungen, 
z. B. jene von Leyden. Betreff der Diagnose der Affektiou, 
mit deren Benennung als „HerzVerkalkung“ den Laien gegenüber 
mancher Missbrauch getrieben wird, gibt Runebergin neuester 
Zeit noch an, dass ausser den Pulsanomalien, Anfällen von Herz¬ 
angst und den bekannten ausstrahlenden Schmerzen, noch zu 
beobachten sei, dass der 1. Herz ton den Charakter eines wirk¬ 
lichen Tones eingebüsst hat und durch ein mattes Geräusch 
ersetzt wird. Dem Pulse wird ein eigenthümlich schlaffer 
Charakter zugeschrieben. Für die Folgen der Sklerose 
der Kranzarterien, deren Erscheinungen übrigens auch 
durch bestimmte sklerotische Aortenveränderungen hervor¬ 
gerufen werden können, ist bemerkenswerth, dass T o 1 d t und 
Langer auch für die Koronargefässe die Möglichkeit von Kol- 
lateralen nachgewiesen haben. Doch ist bei der bekannten Plötz¬ 
lichkeit der Herzthrombosen und -Embolien zu der Ausbildung 
derselben wohl recht selten Zeit gelassen. Betrachtet man das 
klinische Bild der Sklerose der Koronararterien mit der schon 
bei relativ geringen Leistungen einsetzenden Dyspnoe und In¬ 
suffizienz, welche zu dem relativ geringfügigen physikalischen 
Befunde einen scheinbar grossen Kontrast bilden, so springt eine 
gewisse Analogie mit einem anderen Symptomenkomplex unver¬ 
kennbar in’s Auge, nämlich der sog. Claudication inter- 
m i 11 e n t c, einem an den Skeletmuskeln bei Arteriosklerose 
vorkommenden Krankheitsbilde. Dasselbe besteht kurz darin, 
dass bei Bewegungen, sobald sie ein gewisses, oft recht be¬ 
scheidenes Maass überschreiten, in gewissen Muskelgruppen, 
häufig der Unterschenkel, zuerst Ermüdung, dann sofort ein so 
heftiger Schmerz auftritt, dass das Gehen ganz unmöglich wird. 
Der iiusserst intensive Schmerzanfall verschwindet bei Ruhe sehr 
rasch; bei erneutem Gehen wiederholt sich der Schmerzanfall, 
der krampfhaften Charakter trägt, mit der Regelmässigneit eines 
automatisch ablaufenden Vorganges. In der Ruhe, unterhalb der 
Anfallsgrenze, ist die Motilität vollkommen normal. In seinen 
rudimentären Formen dürfte dieses eigenartige Symptom nicht 
so selten zu beobachten sein. Ich selbst habe einen typisch aus¬ 
gebildeten Fall dieser Art vor einigen Jahren beschrieben. Alle 
Autoren, besonders Erb, der die Claudication interm. mono¬ 
graphisch beschrieb, bringen das Syndrom mit arteriosklerotischen 
Veränderungen in den Arterien der betreffenden Muskeln in Ver¬ 
bindung. Die Verengerung dieser Gefässe scheint es mit sich zu 
bringen, dass der arbeitende Muskel nicht mehr mit dem genügend 
grösseren Quantum arteriellen Blutes gespeist wird: Es besteht 
der von P o t a i n so bezeichnete Zustand der Miopragie, eine 
funktionelle Insuffizienz, welche wie die Skeletmuskeln, so auch 
das Herz oder andere arbeitende Organe, z. B. das Gehirn be¬ 
treffen kann. Der klinische Ausdruck hievon ist die bei kurzer 
Funktion anscheinend normale Leistung, aber rasche Ermüdung. 
Für den Nachweis, dass bei derartigen Symptomen au 
den Extrcmitätenmuskeln eine arteriosklerotische Veränderung 
der zuführenden Arterien zu Grunde liegt, betont namentlich 
Erb die Nothwendigkeit, die Pulsationen der symmetrischen 
Arterien, beim intermittirenden Hinken also jene der Unter¬ 
schenkel und des Fusses, genauestens zu vergleichen. Kleiner¬ 
sein oder gänzliches Fehlen des Pulses an einer oder allen Fuss- 
arterien, was normal kaum jemals vorkommt, spricht für arterio¬ 
sklerotische Grundlage der vorhandenen Gehstörung oder der 
Schmerzen. Parästhesien in Gestalt von Kriebeln, Taubsein etc. 
an peripheren Theilen sind für Arteriosklerotische nicht so selten 
mit die Ursache der höchst quälenden und schwer zu bekämpfen¬ 
den Schlaflosigkeit. Auch der Pruritus geht wohl nicht selten 
ätiologisch auf Arteriosklerose zurück. 

Auf das grosse Heer der zentralen und peripheren 
nervösen Erkrankungen, welche nach neueren Anschauungen 
auf Arteriosklerose der betreffenden Gefässe, sowie Arteriosklerose 
der Vasa vasorum zurückgeführt werden, ich erinnere an die 


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4. Marz 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


351 


Forschungen über Tabee, Paralyse, Myelitis, Reynaud’sche 
Krankheit, die Neuritiden, kann ich hier auch nicht in Kürze 
eingehen. Hier spielt auch die weitere Frage der durch Syphilis 
verursachten Gefässerkrankungen herein — doch kann dies hier 
unmöglich erörtert werden. 

Hinsichtlich der Sinnesorgane möchte ich hier nur 
noch die Bemerkung anfügen, dass Thoma behufs frühzeitiger 
Diagnose vermutheter Arteriosklerose dazu auffordert, die Ge- 
fässe des Augenhintergrundes darauf zu untersuchen, ein Rath, 
der wohl zu selten befolgt wird. Die umfängliche und wichtige 
Frage über die arteriosklerotischen Nierenver¬ 
änderungen und über den Zusammenhang derselben mit den 
Herzveränderungen kann ich hier nicht in Angriff nehmen. Be¬ 
tont darf an dieser Stelle werden, dass dann und wann akute 
Nierenentzündungen, wie z. B. beim Scharlach, ganz ähnliche 
Erscheinungen am arteriellen System hervorrufen können, wie die 
Arteriosklerose; doch ist dieser Zustand vorübergehend und hat 
mit echter Arteriosklerose nichts zu thun. Bei der Diagnose und 
Prognose ist darauf Rücksicht zu nehmen. 

In den letzten Jahren ist auch die Ansicht laut geworden, 
dass der Diabetes mellitus mit einer Arteriosklerose der 
Pankreasgefässe Zusammenhänge. F 1 e i n e r und v. Noorden 
z. B. haben diese Vermuthung geäussert. Letzterer, nachdem er an 
343 Diabetikern 155 mal Arteriosklerose gefunden hatte. F1 e i - 
ner hat speziell die Pankreasgefässe bei Diabetes öfter arterio¬ 
sklerotisch gefunden. Grabe hat Diabetesfälle beschrieben, bei 
denen die Erkrankung vielleicht durch Sklerose der Arterien 
am Boden des 4. Ventrikels entstanden war. Diese Fragon 
müssen erst noch weiter verfolgt werden. 

Was schliesslich die Therapie der Arteriosklerose betrifft, so 
wurde sie früher in den Lehrbüchern meist mit einigen Worten 
erledigt und im 'Ganzen und Grossen als machtlos bezeichnet. 
Heute sind die eine Prophylaxe anbahnenden Maassregeln auf 
Grund mancher Fortschritte ätiologischer Erkenntniss weiter als 
vor 20 Jahren ausgebaut worden und es klingt doch tröstlicher, 
wenn v. Schrötter heute die Prognose für die Mehrzahl 
der Fälle insofern als nicht so ungünstig bezeichnet, als bei 
diesen Fällen die Erkrankung auf einem gewissen leichteren 
Stadium Halt macht. Der eigentliche therapeutische Trost aber 
kam aus Frankreich, wo Huchard und G. See ziemlich 
enthusiastisch die Erfolge der Jodtherapie verkündigten. Von 
deutschen Autoren reden ihr besonders Erb und V i o r o r d t 
das Wort. Letzterer sieht in 50 Proz. seiner Fälle irgend einen 
günstigen Erfolg. Auch E d g r e n hat Vortheil von der monate- 
und jahrelangen Darreichung kleiner Joddosen — empfohlen wird 
meist das Natriumsalz — gesehen und berichtet besonders von 
Besserung der Angina pectoris. Auch Basch bestätigt das, 
ohne Jodenthusiast zu sein. Rosenbach und Schrötter 
sprechen sich schlankweg gegen die Berechtigung der Jod¬ 
medikation aus. Der Erfahrungen sind hier noch nicht genug, 
die Anschauungen noch nicht geklärt. Jedenfalls ist bei Ver¬ 
dacht auf mitspielende Syphilis ein Versuch mit der Jodtherapie 
berechtigt. Die Vorschläge von Rumpf, unter Vermeidung der 
gebräuchlichen Milchdiät, welche dem Arteriosklerotiker zu viel 
Kalk zuführt, eine möglichst kalkarme Nahrung nach speziellem 
Regime zu reichen, und die Kalkausfuhr durch Ordination von 
milchsaurem Natrium zu steigern, haben noch nicht zu umfäng¬ 
licheren praktischen Versuchen geführt, so dass sie hier nur in 
Kürze erwähnt sein mögen. Auch auf die Bewegungstherapie, 
diätetische und klimatische Behandlung der Arteriosklerose kann 
hier nicht eingegangen werden; die Berechtigung baineologischer 
Prozeduren, besonders der kohlesäurehaltigen Soolbäder, wird 
namentlich von Nauheim aus betont. Gewiss kann durch 
rechtzeitige Regulirung der Lebensweise und Ausschaltung der 
als schädlich bekannten Faktoren in frühen Stadien der 
Arteriosklerose vom Arzte Erhebliches erreicht werden. Wir 
wissen aber Alle, wie schwierig daa Alles in praxi ist. Voraus¬ 
setzung unsererseits ist aber jedenfalls, dass wir die Zeichen der 
heranschleichenden bedrohlichen Krankheit nach allen Seiten und 
in allen Formen kennen lernen, um sic dann rechtzeitig zu be¬ 
kämpfen. 


Aus der medizinischen Klinik zu Heidelberg 
(Herr Geheimrath Erb). 

Zur Lehre von der Hyperkeratosis lacunaris pharyngis. 

Von Dr. Hans Arnsperger, 

Assistenzarzt an der medizinischen Klinik. 

Es ist weniger die Beschreibung des im Ganzen seltenen 
Krankheitsbildes, welches mit dem Namen Hyperkeratosis lacu¬ 
naris am treffendsten bezeichnet wurde, welche meine Mittheilung 
bezweckt, als vielmehr der therapeutische Erfolg, welchen ich in 
einem derartigen Falle erzielt habe, und welcher mir bei der Hart¬ 
näckigkeit des Leidens der Besprechung werth zu sein schien. 

Das Krankheitsbild, welches in ziemlich erschöpfender Weise 
in dom „Die Erkrankungen der Mundhöhle“ behandelnden Theile 
des Not h nage l’sehen „Handbuch der speziellen Pathologie 
und Therapie“ von Kraus [1] dargestellt worden ist, ging an¬ 
fänglich unter dem Namen der Pharyngomycosis leptothricia 
und bekam erst von Siebenmann [2] die richtige und dem 
Wesen der Krankheit Rechnung tragende Bezeichnung. Der ur¬ 
sprüngliche Namen gründete sich auf den Befund von Pilzmassen 
in den Exkreszenzen, welche als Leptothrix buccalis nachgewiesen 
wurden. Der Irrthum war aber der, dass diese Pilzmassen als 
ätiologisches Moment für die Krankheit angesehen wurden, 
während später nachgewiesen wurde, dass die Pilze nur als sekun¬ 
där eingewandert zu betrachten sind. G a r e 1 gibt diese Richtig¬ 
stellung schon in seiner Publikation 1893, indem er die Ansicht 
seines pathologisch-anatomischen Mitarbeiters erwähnt, „que l’on 
a probablemcnt. en tort, d’accorder le röle principal au leptothrix. 
Ce parasite pas plus que les nombreux cocci aux quels il est 
mele ne doit etre le facteur principal des mycosis. II serait bien 
plus naturel, d’admettro une affection speciale de l’cpithelium, 
du revetement des cryptes.“ Gerade der Fall, welchen ich mit¬ 
theilen möchte, ist für die Aetiologie des Krankheitsbildes recht 
bezeichnend. 

Das Krankheitsbild schildert Kraus in charakteristischer 
Weise folgendermaassen: „Langsam entstehen ohne begleitende 
Erscheinungen von Irritation zahlreiche weisse, harte, in den 
Lakunen des W a 1 d e y e rischen adenoiden Schlundringes hervor¬ 
ragende Exkreszenzen (Punkte und Knötchen). Der häufigste 
Sitz sind die Gaumenmandeln und die Zungentonsille; seltener 
die Follikel der hinteren Pharynxwand und der Plicae pharyngo- 
epiglotticae, die Plicac salpingo-pharyngeae, die Tubenwülstc und 
die Pharynxtonsille. Die Pfropfen können zu langen hornartigen 
Stacheln sich entwickeln, die fest an der Unterlage haften.“ 

Dieses Bild, und zwar in selten starker Ausdehnung, bot der 
von mir beobachtete Fall 

Es handelte sich um ein 17 jähriges Mädchen, welches unter 
der Diagnose Angina follicularis der Klinik zugewiesen wurde. 
Sie war Fabrikarbeiterin ln einer Zigarrenfabrik. Sie hat schon 
öfter an Mandelentzündung gelitten und kennt deren subjektive 
Erscheinungen und auch die objektiven Symptome, da sie sich 
immer selbst in den Rachen geschaut hat. Es fiel Ihr desshalb 
bei der jetzigen Erkrankung auf, dass sie dieses Mal einen weissen 
Belag auf den Mandeln hatte, während sie bei früheren Erkrank¬ 
ungen nur eine Röthung und Schwellung der Mandeln bemerkt 
hatte. Sie erkrankte etwa am 4. Januar 1901 mit Schluckbe¬ 
schwerden, Engigkeitsgefühl Im Halse, Appetitlosigkeit, Mattig¬ 
keit und Kopfschmerzen. Fieber will sie angeblich nicht gehabt 
haben. 

Sie arbeitete noch 8 Tage weiter; während dessen wurde der 
Zustand bald besser, bald schlechter. Am 12. Januar Hess sie sich 
endlich in’s Krankenhaus aufnehmen. Das Mädchen sah gesund 
aus. war kräftig gebaut, mit Ausnahme der Affektion dos Rachens 
war auch nichts Krankhaftes nachzuweisen. 

Bei der Aufnahme hatte Pat 38°, am Abend einmal 3S,G°. Die 
Temperatur fiel aber Uber Nacht konstant ab, bis auf 37°, blieb am 
13. Januar zwischen 37° und 37,5°, um vom 14. Januar ab immer 
unter 37° zu bleiben. 

Tonsillen beiderseits geröthet, nicht erheblich veTgrössert. 
Auf denselben zahlreiche weisse und gelblichweisse Pfropfe, 
welche zum Theil grösser sind als die gewöhnlichen lakunären 
Pfröpfc. Die grössten Pfröpfe sind die gelblichen, sie sind be¬ 
sonders dadurch ausgezeichnet, dass sie etwas über das Niveau der 
Tonsillen hinauszuragen scheinen. 

Auch an der hintern Rachenwand sind vereinzelte weisse und 
weissgelbliche Pfröpfe. Die weissen Pfröpfe der Tonsillen lassen 
sich leicht mit der Pinzette entfernen, während die Pfröpfe der 
hintern Rachenwand und noch ln vermehrtem Maasse die grösseren 
Pfröpfe der Tonsillen fest an ihrer Unterlage haften. Beim Fassen 
der vorstehenden Pfröpfe fühlt man, dass es harte Körper sind, 
welche nur durch starken Druck sich zerdrücken lassen. Das 
Herausziehen aus der Tonsille erfordert auch mehr Kraft, als man 
erwarten konnte. Das Gebilde, welches derartig gewonnen wurde, 


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352 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


ist ein harter, dornartiger Stachel, welcher ziemlich resistent gegen 
Druck ist. Zur mikroskopischen und bakteriologischen Unter¬ 
suchung wurden solche nun gesondert von den 3 verschiedenen 
Arten der Pfropfe, von den grossen, weissgelblichen Pfropfen der 
Tonsillen, den kleineren, weissen und den Pfröpfen der hintereu 
Rachenwand genommen. 

Das ganze Krankheitsbild mussten wir so auffassen, dass eine 
Angina follicularis acuta zu einem schon bestehenden Krankheits¬ 
prozess der Tonsillen und hinteren Rachenwand sich gesellt hatte. 
Denn dass es sich bei den festsitzenden, harten Gebilden der 
Tonsillen um keine akut entstandenen Gebilde handelte, war wohl 
als sicher anzunehmen, obwohl die Patientin von irgend welchen 
Beschwerden vor Auftreten der Angina nichts angeben konnte. 

Unsere Therapie richteten wir desshalb natürlich zunächst 
auf die Angina. Wir gaben die übliche Medikation, Eiskravatte 
um den Hals, Eispillen und KaL chloricum innerlich. 

Nach 3 Tagen war mit dem Fieber die stärkere Röthung der 
Tonsillen geschwunden, die schmerzhafte Drüsensehwellung der 
Drüsen des Kieferwinkels rechts auch vorbei, während links 
immer noch etwas vergrosserte und schmerzhafte Drüsen bestehen 
blieben. Auch die kleinen, weissen Pfropfe waren bald nicht mehr 
zu sehen, dafür machte aber die Entwickelung der grösseren 
Pfropfe grosse Fortschritte, so dass es den Eindruck machte als 
ob sich die kleineren Pfropfe zu grösseren allmählich umwaudelten. 

Die mikroskopische Untersuchung der Pfropfe der verschie¬ 
denen Art ergab für die kleinen weissen Pfropfe der Tonsillen die 
gewöhnliche Zusammensetzung aus abgestosseuen Epitlielicn 
und vorzugsweise I.eukoeyten. dazwischen eine reichliche Zahl 
von Bakterien, meist Kokken ohne einheitlichen Charakter, ferner 
reichlich Pilzfäden, welche Aehuliehkeit mit dem bekannten Lepto- 
thrix buccalis hatten, aber die für diese als charakteristisch an¬ 
gegebene Reaktion auf Jodzusatz nicht erkennen Hessen. Bakterio¬ 
logisch waren keine einheitlichen Bakterien nachzuweisen; es 
wuchsen auf Agar und in Bouillon eine Masse verschiedenartiger 
Formen, Stäbchen und Kokken, von denen keine an Zahl und Aus¬ 
breitung hervorragte, so dass von einer Isolirung der Formen 
Abstand genommen wurde. 

Die Pröpfe, welche durch ihre Grosse und stärkere Gelb¬ 
färbung ausgezeichnet waren, bestanden fast nur aus abgestos- 
senen, zum Theil degenerirten und abgestorbenen kernlosen, ge¬ 
schichteten Plattenepithellen, welche zum Theil durch Ihre stark 
lichtbrechende Ivöruelung einen Verhornungsprozess anzeigten. 
In diesen Pröpfen war die Bakterienflora viel spärlicher und vor 
Allem traten die Pilze ganz in den Hintergrund. Nur gauz ver¬ 
einzelte Fäden fanden sich zwischen den Zellen. Fast genau das¬ 
selbe Bild boten die der hintern Rachenwand entnommenen Ge¬ 
bilde; wie schon makroskopisch waren sie also auch mikroskopisch 
als den grösseren Tonsillarpröpfen analoge Gebilde anzusprechen. 

Diese Befunde stimmen mit denen überein, welche andere 
Beobachter bei ihren Untersuchungen gefunden haben. Eine 
Untersuchung des Tonsillengewebes war mir in meinem Falle 
nicht möglich, da das geringe Volumen der Tonsillen eine Ex¬ 
zision von Tonsillargewebe nicht erlaubte. 

II e r y n g [4] fand an den exstirpirten Tonsillen Verdickung 
der Schloimhautschicht, Vergrösserung der Follikel, Erweiterung 
der Krypten und enorme Verdickung der Epithelschicht der¬ 
selben. Die zentralsten Schichten bestanden aus in die Länge 
gezogenen, kernlosen Epithelien mit stark lichtbrechendem In¬ 
halt. In diesen Schollen fanden sich Fäden und Spirillen, welche 
die Jodreaktion gaben. 

Auch Siebenmann [2] gibt fast die gleiche Schilderung, 
und fasst den Prozess als einen ungewöhnlich starken Ver¬ 
hornungsprozess des Epithels der Krypten auf, also wirkliche 
Stachelbildung. Er betont, dass in der Umgebung der Krypte 
jedes Zeichen von Entzündung, wie Hypertrophie des Binde¬ 
gewebes und stärkere Rundzelleninfiltration, fehlte. Die Krypten¬ 
wand ist immer frei von Mikroorganismen und Pilzen. 

Der Prozess erstreckte sich in unserem Falle weit über die 
Tonsillen und hatte fast den ganzen adenoiden Schlundring be¬ 
troffen. 

Der weitere Verlauf unseres Falles interessirt uns vorzugs¬ 
weise von der therapeutischen Seite. 

Auch nach Ablauf der frischen Angina schritt die Erkran¬ 
kung fort, die Tonsillen waren übersiit mit Pfröpfen, die hintere 
und seitliche Pharyuxwaud ebenso, nach dem Zungengrund zu 
wucherten ganz besonders starke Rasen, ebenso an den plmryngo 
epiglottisclien Falten in die Tiefe. Die Epiglottis erreichten die 
Rasen nicht, ein laryngoskopisches Bild war nicht mehr zu sehen, 
als durch die einfache Besichtigung des Rachens. 

Die wiederholte mikroskopische Untersuchung der Exkreszen¬ 
zen bot immer genau das gleiche Bild, nur waren nach Beginn der 
therapeutischen Eingriffe keine Pilzfäden mehr nachzuweisen. 

Zunächst wurde versucht, mit Pinselung der befallenen Par¬ 
tien mit 3 proz. Argentum nitricum-Lösung dem Prozess Einhalt 
zu tliun, da die rasche Zunahme der Wucherung und das Auf¬ 
treten von stärkeren Beschwerden, wie Schmerzen und Erschwe¬ 
rung des Schluckens, ständiger Kitzel im Halse und Hustenreiz 


uns nicht ruhig zuschauen Hessen. Kraus empfiehlt zwar, die 
Hyperkeratosls lacunaris gar nicht zu behandeln, da sich die Ex¬ 
kreszenzen meist nach Wochen oder Monaten von selbst wieder 
verlieren, indem sie erweichen. In unserem Falle warteten wir 
auch einige Zeit ruhig ab, endlich drängten uns aber die oben er¬ 
wähnten Gründe zum Eingreifen. Die Pinselung mit Höllenstein¬ 
lösung wurde täglich wiederholt und hatte den Erfolg, dass an¬ 
fänglich zweifellos ein Stillstand der Wucherung zu konstatiren 
war, während eine Rückbildung nicht Platz griff. Aber nach etwa 
2 wöchentlicher Behandlung mussten wir uns überzeugen, dass 
eher wieder eine Verstärkung der Wucherung auftrat. 

So entschlossen wir uns denn, eine energischere Behandlung zu 
versuchen. Leider war die Patientin aus äusseren Gründen ge¬ 
zwungen, aus der Spltalbehandluug auszutreten; sie konnte sich 
nur 2 mal wöchentlich der ambulanten Behandlung unterziehen. 

Die Behandlung bestand nun darin, dass wir nach energischer 
Kokainisirung des Rachens und der Tonsillen mit dem scharfen 
Löffel die Pfropfe ausräumten. Die Patientin ertrug diese Be¬ 
handlung gut, niemals hatte sie stärkere Beschwerden darnach, 
niemals traten akute Entztindungsprozesse hinzu, niemals bestand 
Fieber. 

Am 12. Februar war die Behandlung begonnen worden, zu¬ 
nächst an den Tonsillen. Nach 4 maliger Behandlung waren die 
Tonsillen schon fast frei, am 9. März wurde notirt: „Auf den Tou- 
sillen nichts mehr zu sehen“. 

Die Wucherungen auf der Rachenwand gingen ohne Behand¬ 
lung weiter in die Tiefe. Ende Februar wurden auch sie in der¬ 
selben Weise in Angriff genommen, wie die Tonsillarpfröpfe. Es 
war ziemlich schwierig, radikal vorzugehen, da ja eine ganz gründ¬ 
liche Kokainisirung jeder Schleimhautfalte nicht zu erreichen war. 
Doch konnte auch hier am IC». März, nach etwa 6 maliger Behand¬ 
lung konstatirt werden, dass fast gar nichts mehr zu sehen war. 
Die Beschwerden von Seiten des krankhaften Prozesses wareu 
damit auch völlig geschwunden und wir konnten die Kranke mit 
der Weisung aus der Behandlung entlassen, sich bei den ge¬ 
ringsten, wieder auftauelieuden Beschwerden wieder vorzustellen. 

Die Kranke kam nicht mehr. 

Um mich aber zu überzeugen, dass der Erfolg der Kur ein 
nachhaltiger war, Hess ich die Patientin am 30. August zur Nach- 
untersuchnug kommen. 

Es fand sich auf der linken seitlichen Rachenwand und auf 
der rechten Tonsille je ein ganz kleiner, weicher, leicht zu ent¬ 
fernender Pfropf, sonst hatte die Rachenschleimhaut völlig nor¬ 
males Aussehen. 

Die linken Unterkieferdrüsen waren noch etwas vergrössert 
und machten bisweilen geringe Beschwerden. 

Beschwerden beim Schlucken, Hustenreiz, Athemnoth, Heiser¬ 
keit etc. waren nie wieder aufgetreten. 

Der Erfolg war also ein nachhaltiger, und wäre wohl in 
kürzerer Zeit zu erzielen gewesen, wenn wir die Behandlung in 
kürzeren Zwischenräumen hätten ausführen können. Ich möchte 
also empfehlen, in den Fällen, in welchen die an und für sich 
harmlose Erkrankung Beschwerden irgend welcher Art macht, 
nicht lange Zeit mit Gurgelung, innerlichen Mitteln, Pinselungen 
u. dergl. zu verschwenden, sondern sofort zur Behandlung mit 
dem scharfen Löffel zu schreiten, welche die Erkrankung am 
raschesten zu bekämpfen vermag. 

Wenn Kraus schreibt: „Wer dazu Lust hat, kann den Pro¬ 
zess durch Ablation der Mandeln und Ausbronnen der zurück¬ 
gebliebenen Höhlen heilen“, eine Bemerkung, welche im ganzen 
Zusammenhang etwas ironisch klingt, so mag dies für Fälle 
gelten, in denen die Tonsillen stark vergrössert sind und die 
Wucherungen auf der Rachenschleimhaut nicht sehr zahlreich 
sind. Für Fälle wie der unsorige ist der Gedanke an eine der¬ 
artige Therapie natürlich zurückzuweisen. 

Die differentialdiagnostisch in Betracht kommenden Erkran¬ 
kungen, die Tonsillitis follicularis und die Tonsillarpfröpfe sind 
leicht auszuschliessen, wenn die Erkrankung sich auf die Racheu- 
schleimhnut ausgebreitet hat. Dass ein gewisser Zusammenhang 
aber zwischen diesen und unserer Erkrankung besteht, das zeigt 
unser Fall. Einmal hat die Patientin früher öfters an leichten, 
akuten Anginen gelitten und dann endlich hat eine stärkere akute, 
und zwar follikuläre Angina ein rasches Fortschreiten der Er¬ 
krankung bedingt. 

Brown-Kelly [5] äussert sich auch dahin, dass ein häufiges 
Zusammentreffen mit chronisch lakunärer Tonsillitis unzweifel¬ 
haft ist, und auch Horyng führt einen Fall besonders an, bei 
dem der Erkrankung öfter rezidivirendc fieberhafte Angina 
vorausging. 

Zur Frage der Aetiologie ist unser Fall aber auch in der Hin¬ 
sicht von Bedeutung, dass er die Rolle der Pilze charakteristisch 
demonstrirt. Die Pilze, welche mikroskopisch nachzuweisen 
waren, konnten nicht als Loptothrix buccalis angesprochen wer¬ 
den, sie verschwanden nach kurzer Behandlung der Erkrankung, 
obwohl der Krankheitsprozess selbst noch an Stärke zunahm. Da¬ 
mit ist klar bewiesen, dass die Pilze nicht die Ursache der Er- 


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4. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


353 


krankung sind, sondern gewissermanssen Schmarotzer auf den 
Erkrankungsherden sind. 

Es gibt ja allerdings Anginen, bei welchen Leptothrix in den 
Vordergrund tritt durch sein massenhaftes Auftreten, doch ist 
auch in solchen Fällen schwer zu unterscheiden, ob es sich nicht 
doch nur um sekundäre, freilich oft recht bedenkliche Ansiede¬ 
lung von Leptothrix auf primär von anderen Mikroorganismen 
erregten Entzündungen handelt. 

Brown-Kelly [5] erwähnt auch eine Leptothrixmykose des 
Pharynx, welche mit Frösteln und Fieber beginnt, Unbehagen 
im Halse vmd Schlingbeschwerden verursacht, aber nach Gebrauch 
Voll Gurgelwässern in wenigen Tagen in Heilung übergeht; also 
einen durchaus akuten Charakter hat. Auf entzündeter Schleim¬ 
haut sitzen mehr odei* weniger zahlreiche, isolirte, wenig vor¬ 
springende weisse Flecke, die sich gewöhnlich leicht abheben 
lassen, und dann eine leichte Erosion zurücklassen. Die Flecke 
sitzen am häufigsten an Uvula und weichem Gaumen, kommen 
aber auch im Fharynx, Larynx und Oesophagus vor. Diese letz¬ 
tere Eigenheit, d. h. das Vorkommen in Larynx und Oesophagus, 
und der akute Verlauf mögen die Trennung der Erkrankung von 
der Hyperkeratosis vom klinischen Standpunkt, die frische Be¬ 
schaffenheit der Pfropfe, das Fehlen der Verhornung die Sonder¬ 
stellung vom pathologisch-anatomischen Standpunkt klar machen. 

Die Anginna leptothricia chronica bei Kindern, welche E p - 
stein [9] beschreibt, dürfte dagegen eher zur Gruppe der 
Pharynxhyperkeratosen zu rechnen sein, obwohl die Schilderung 
des pathologisch-anatomischen Befundes von dem gewöhnlichen 
Bilde abweicht. 

Veis [8], welcher ebenfalls dem Leptothrix noch eine ätio¬ 
logische Bedeutung zuschreibt, glaubt, hiervon ausgehend, dass 
die Ca ries der Zähne eine ätiologische Rolle spiele, während bei 
der chronisch-fos8ulären Angina, den Tonsillarpfröpfen, die 
akute Angina oder häufigere, leichte Anginen als Ursache an¬ 
gesehen werden müsste. Die Caries der Zähne dürfte bei unserer 
Ansicht über die Rolle des Leptothrix bei der Hyperkeratosis 
also ausser Betracht kämmen. Zum Ueberfluss will ich erwähnen, 
«lass unsere Patientin ein prachtvolles Gebiss ohne jede Spur 
von eariöser Erkrankung besitzt. 

Bezüglich der pathologischen Anatomie des Prozesses be¬ 
stätigen alle, auch die neueren Untersucher, die oben erwähnten 
Ansichten von Siebenmann, nur bemerkt Brown-Kelly, 
dass die Bildung von Exkreszenzen nicht an die Lakunen ge¬ 
bunden ist, sondern auch von der glatten Oberfläche aus erfolgen 
kann. Er schlägt desshalb an Stelle des Namens Hyperkeratosis 
lacunaris vor, einfach Keratosis pharyngis zu sagen. 

Veis meint, dass nicht der Verhomungsprozess, sondern die 
Epitheldes«]uan:ation das Wesentliche ist. 

Garei [6] unterscheidet bezüglich der Exkreszenzen 
S Formen, welche auch den von mir beschriebenen Formen ent¬ 
sprechen, weisse Pünktchen, bräunlich-weisse Flecke und büschel¬ 
förmige E.%kreszenzen, und welche als verschiedene Altersstufen 
zu deuten sind. 

Die Häufigkeit der Erkrankung wird verschieden angegeben. 

B. Fraenkel gibt an. dass er selbst gegen 100 Fälle be¬ 
obachtet hat. 

G a r e 1 hat in 5 Vs Jahren 29 Fälle gesehen. 

Siebenmann konnte gegen 50 Fälle in der Literatur ver¬ 
zeichnet finden. Im Allgemeinen ist die Krankheit aber als ziem¬ 
lich selten zu bezeichnen. Es ist zwar sicher, dass manche Fälle 
gar nicht zur Beobachtung kommen, da sie keine Beschwerden 
machen; doch wird heutzutage auch die Mundhöhle, Pharynx und 
Larynx so häufig untersucht, dass man immerhin aus der Zahl der 
veröffentlichten Fälle einen Schluss auf die Häufigkeit der Er¬ 
krankung ziehen kann. 

Eine Erklärung, warum die Erkrankung so vorwiegend b.;i 
jländlichen Individuen vorkommt, ist noch nicht gegeben; es 
dürfte dieses Verhalten wohl auf die Beschaffenheit der Tonsillen 
zurückzuführen sein, welche bei jugendlichen Individuen einen 
regeren Gewebsersatz aufweist und dadurch die Ucbcrproduktion 
von Zerfallsgewebe begünstigt. Dass die Erkrankung vorzugs¬ 
weise bei weiblichen Individuen vorkommt, scheint nicht richtig 
zu sein; wenigstens gibt Garei an, dass sie ebenso oft bei 
Männern als bei Frauen vorkommt und es mag wohl Zufall sein, 
das.*- manche Autoren, wie z. B. Siebenmann, nur weibliche 
Kranke lx>obachtet haben. 

Ko. 9. 


Um noch einmal die schon berührte Frage der Therapie zu 
erörtern, so sind in dieser Hinsicht die verschiedensten Vor¬ 
schläge gemacht. Wie schon erwähnt, lehnen viele Autoren jede 
Therapie ab; und diese Stellung ist sicher in den Fällen, welche 
ohne jede Beschwerden einhergehen, zu billigen. 

In den anderen Fällen wurden theils Gurgelungen, theils 
Pinselungen, theils Aetzungen, Ausbrennen, Auskratzen; endlich 
noch Exstirpation der Tonsillen empfohlen. Epstein empfiehlt 
Gurgelung mit Haller Jodwasser, Fraenkel Pinselung mit 
absolutem Alkohol oder Sublimat oder Karbolsäurelösungen, 
Wagner [7] gebraucht geschmolzene Chromsäure zum Tou- 
chiren der Herde, Garei, Heryng und Veis empfehlen be¬ 
sonders galvanokaustische Zerstörung der Heerde, Heryng 
ferner auch Ausreissen mit der Zange, eventuell auch Exstir¬ 
pation der Tonsillen, Seifert [10] erwähnt noch Pinselung mit 
Tinctura jodi, mit lOproz. alkoholischer Salicylsäurelöeung, mit 
Nikotinlösung (0,2:100), welch’ letztere auch Jurasz in Kom¬ 
bination mit mechanischer Entfernung der Pfropfe angewandt 
hat. Heryng beschreibt endlich auch einen Fall, welcher nach 
langem Bestehen in 2 Monaten durch Nikotin (Rauchen) geheilt 
wurde. Mein Vorgehen habe ich oben geschildert und auch meine 
Ansicht über die Therapie der Erkrankung geäussert. 

Es wird aus alledem hervorgehen, dass die Erkrankung eine 
in mancher Hinsicht äusserst interessante ist und einer all¬ 
gemeineren Beachtung werth ist. 

Literatur. 

1. Krau 8: Die Erkrankungen der Mundhöhle und der Speise¬ 
röhre. 1. Hälfte: ln Nothnagel’s Spezielle Pathologie und Therapie 
Bd. XVI. I. Thell, 1. Abth. — 2. Siebenmann: Ueber Verhor¬ 
nung des Epithels Im Gebiet des W a 1 d e y e r’schen adenoiden 
Sehlundringes, und über die sogen. Pharyngomycosls leptothricia 
(Hyperkeratosis lacunaris). Arch. f. Laryngol. 1895, S. 305 ff. — 
3. B. Fraenkel: Pharyngomycosls benlgna. Eulenburg’s Real- 
eneyklopüdle Bd. VIII, S. 052, 1898. — 4. Heryng: Ueber 
Pharyngomycosls leptothricia. Zeltschr. f. klln. Med. Bd. VII, 
1884. — 5. Brown-Kelly: Mycosls pharyniris leptothricia and 
Keratosis pharyngis. Glasgow med. Journ. 1890. Bd. XLVI. Ref. 
Schmldt’s Jahrbücher Bd. 253. S. 242. — 0. Garei: Mycosls b^nln 
de rarrK're-gorge. Revue de Laryngologie etc. XIII.. 1893. p. 405. 

— 7. W a g n 1 e r: Traltement de la pharyngo-mycose leptothrlqne 
par l’aclde chronlque. Revue de Laryngol. etc. Bd. XIII. 1893. 
p. 483. und Bd. XIV. 1894. p. 707. — 8. Veis: Ueber fossuläre 
(laeunüre) Erkrankungen des Tonsillengewebes. Archiv f. klln. 
Chir. 1897. Bd. LIV. — 9. Epstein: Ueber Angina chronica 
leptothricia bei Kindern. Prager med. Wochenschr. 1900, Bd. XXV. 

— 10. Seifert: Die Pathologie der Zungentonsille. Archiv f. 
Laryngologie u. Rhinologie 1894. Bd. I. 

Literatur bei Kraus [1]. Sieben mann [2], Fränkel [3], 
Epstein [9], Seifert flO]. 

Aus der medizinischen Klinik der kgl. Universität in Genua. 

Ueber die Sero-Antitoxicität des Alkohols bei der 
Tuberkulose und über die eventuelle Anwendung des 
Alkohols in der Therapie der Tuberkulose. 

Von Dr. St. Mircoli, 

Privatdozent für demonstrativ-medizinische Pathologie in Genua. 

Salzwedel hat vor einiger Zeit Alkoholeinpackungen 
bei der Behandlung von Phlegmone, bei Lymphangitis, bei Fu¬ 
runkeln, bei Mastitis vorgeschlagen und viele Chirurgen haben 
damit sehr gute Resultate erhalten. 

Bezüglich des Mechanismus der Wirkungsweise der Alkohol- 
cinpackungen glaubten Mogele und Fuchs, im Laboratorium 
von Büchner, mit Hilfe des Sphygmomanometers von Riva- 
Rocci nachgewiesen zu haben, dass in den Extremitäten bei 
Alkoholeinpack ungen der Blutdruck zunehme. Büchner 
selbst hat in 10 chirurgischen Fällen von Tuberkulose die Me¬ 
thode angewendet und hat in 2 derselben vorzügliche Resultate 
erhalten. Büchner ist von diesen Erfolgen so sehr einge¬ 
nommen. dass er bei der Behandlung der Tuberkulose des Kehl¬ 
kopfs, der Bauchhöhle, der Lungenspitzen Einpackungen der 
entsprechenden Gegenden vorschlug, ja er empfahl sogar In¬ 
halationen von verdünntem Alkohol, um Erscheinungen hervor¬ 
zurufen, welche analog denjenigen wären, die bei Anwendung 
der Autotransfusion von J a c o b y bei der Lungentuberkulose in 
Erscheinung treten. Die Resultate, welche ich durch meine Ex¬ 
perimente erhalten konnte, bestätigen in positiver Weise die 
Hypothese von Büchner und sie vermögen auch die Bedeu¬ 
tung derselben durch ITebertragung auf das Gebiet der Me- 

1 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


chanismen von allgemeiner Wirkungsart einigermaassen zu er¬ 
weitern. Im Aufträge des Herrn Prof. Maragliano und 
unler seiner Leitung habe ieli mit Herrn Dr. Roneagliolo 11 a 1 o 
im verflossenen Jahre Untersuchungen über die Wirkungskraft 
des Serums von Gesunden, Rekonvaleszenten, Tuberkulösen u. s. w. 
angestellt, um festzustellen, inwieweit dasselbe die geringste tödt- 
liehe Quantität von Tuberkulin in wässeriger Lösung, das Meer¬ 
sehweinehen subkutan injizirt. wird, zu neutralisiren vermag. 

Das Tuberkulin des Prof. Maragliano in wässeriger 
Lösung ist in der Weise dosirt, dass 1 ccm desselben auf 
1 Hektogramm Thiorgewicht in 24—36 Stunden tödtlieh ein¬ 
wirkt. Das Tuberkulin wird durch Kochen der K o c h’sehen 
Bazillen in reinem Wasser, das so lange fortgesetzt wird, bis 
sämmtliehe der Hitze widerstehenden toxischen Substanzen er¬ 
schöpft werden, dargestellt. Es enthält dasselbe in Folge dessen 
keine fremden Substanzen, wie das Glyzerin des K o c h’schen 
Tuberkulins, welches eine besondere Vergiftung veranlasst, die 
sich derjenigen zugesellt, welche durch die in den tuberkulösen 
Proteinsubstanzen enthaltenen Gifte hervorgerufen wird. 

Ausserdem erfolgt die Resorption, wenn das Glyzerin 
50 Proz. der zu injizirenden Flüssigkeit ausmacht, trotz einer 
starken Massage so langsam, dass man nicht sicher wissen kann, 
ob bei den verschiedenen Thieren in derselben Zeiteinheit die 
gleiche Quantität von Giften zirkulire oder nicht. 

Alle diese Schwierigkeiten nun können bei Anwendung des 
wässerigen Typus des kalten Extrakts der Tuberkelbazillen von 
Maragliano beseitigt werden. Es enthält derselbe gar keine 
fremden Bestandtheile, kann leicht wie Wasser absorbirt werden, 
und besitzt eine toxische Wirkungskraft, die diejenige der 
glyzerinhaltigen Lösung von Koch übertrifft. Es wird hiedurch 
die Exaktheit der Untersuchungen über toxische und antitoxische 
Erscheinungen ermöglicht. 

Es ist nicht meine Absicht, an dieser Stelle die zahlreichen 
Experimente anzuführen, die ich mit dem Serum an verschie¬ 
denen Individuen anstellte, und bemerke bloss, dass gewisse 
Arten des Serums, z. B. das, welches von gesunden Personen her- 
rührt, immer eine antitoxische Wirkungskraft besitzen, welche 
in bestimmten Verhältnissen die geringste tödtliche Dose einer 
wässerigen Tuberkulinlösung zu neutralisiren vermag, wenn die 
Mischung im Glas vorgenommen wird. Ein gesunder Mensch 
z. B. vermag mit seinem Serum den toxischen Effekt des Tuber¬ 
kulins im Mittel im Verhältniss von 2—3 per mille zu neutrali¬ 
siren, d. h. 2—3 g vermögen 1 kg Thiergewicht gegen die ent¬ 
sprechende geringste tödtlieh wirkende Menge von Tuberkulin, 
das in der Dosis von 10 ccm 1 kg zu tödten im Stande ist, zu 
schützen. 

Diese Wirkungskraft des Serums nimmt bei Rekonvales¬ 
zenten, bei Personen, die an chronischen Krankheiten leiden, ab; 
bei solchen Kranken wirkt das Serum kaum im Verhältniss von 
4—6 und oft gar nicht. Unter den schlimmsten Bedingungen 
befinden sich die Tuberkulösen, namentlich diejenigen, bei wel¬ 
chen die Krankheit einen progressiven Charakter hat. 

Da nun unter unseren Kranken sich einige Alkoholisten 
befanden, so wollte ich die antitoxische Kraft des Serums unter¬ 
suchen in der Meinung, dass Alkoholisten, da sie sich in toxi¬ 
schem Zustande befinden, nur einen niedrigen Grad anti- 
toxischen Vermögens besitzen dürften. Zu meinem grossen Er¬ 
staunen konstatirte ich jedoch in einem derselben einen so be¬ 
deutend entwickelten Grad von antitoxischer Kraft, wie ich vor¬ 
her noch nie beobachten konnte. 

Das Serum des in Rede stehenden Individuums niimiieh ncu- 
tralisirte ln folgenden Verhältnissen: 

1:00 2 mal in 2 Experimenten, 

1:2000 1 „ „ 1 

1:4000 1 „ „ 1 

1:10 000 2 „ „3 

Diese Resultate sind so übereinstimmend, wie ich sie sonst in 
anderen Reihen von Experimenten niemals angetroffen habe. 

Bei einem anderen Alkoholisten zeigt«* das Serum keine so 
evidenten antitoxischen Eigenschaften, wie im früheren Falle, 
jedenfalls aber waren dieselben bemerkenswert!! und gewiss deut¬ 
licher als bei normalen Individuen, denn das Serum dieses Indivi¬ 
duums neutralieirte 3 mal ln 3 Fällen in der Dosis von 1:00. 

Dieser Kranke bot ausserdem eine äusserst interessante Er¬ 
scheinung dar. Nachdem ihm nämlich S Tage lang täglich 1 ccm 
M a r a g 11 a n o’sehes Serum injizirt wurde, erhöhte sich die Wir¬ 
kungskraft seines eigenen Serums plötzlich um das Vierfache und 
neutralisirte in der Dosis von 1:4000 4 mal in 4 Fällen. Es nen- 
tralisirte jedoch nicht in der Dosis von 1 :10 0(10, wie dies spontau 
beim ersten Alkoholisten stattfand. 


Bei einem dritten Alkoholisten, bei welchem sich schon, na¬ 
mentlich im Zentralnervensysteme, die Zeichen von organischen 
Läsionen in Folge des Missbranchs von Alkohol zeigten und schon 
eine typische Neuritis des linken Nervus tiblalis und peroneus be¬ 
stand, war die antitoxische Kraft des Serums undeutlich, ja sogar 
viel schwächer, als sie normal zu sein pflegt, indem es bloss in 
dem Verhältnisse von 4:1000 einen neutralisirendeu Effekt aus¬ 
übte. 

Herr Dr. Roneagliolo 11 a 1 o, der diese Untersuchungen 
unabhängig von mir weiter fortsetzte, hat jüngst eine Thatsache 
konstatiren können, welche die Bedeutung der eben angedeuteten 
Befunde zu bestätigen und einigermaassen zu erweitern vermag. 
Das Serum der Ascitesflüssigkeit eines anderen Alkoholisten 
nämlich, der an interstitieller Hepatitis litt, zeigte gleichfalls 
eine hochgradige antitoxische Kraft, indem es in den Verhält¬ 
nissen von 1000, 2000 und 4000 konstant zu neutralisiren vermag. 

Nachdem so eine prinzipielle Gleichförmigkeit in den beob¬ 
achteten Thatsaehen festgestellt werden konnte, fragt es sich, 
wovon die Differenzen in den einzelnen Fällen abhängen können? 
Offenbar von den verschiedenen Verhältnissen, in welchen sich 
der Organismus im Allgemeinen befindet, und von dem Umstande, 
dass der Organismus die Folgen des Alkoholmissbrauchs in ver¬ 
schiedener Weise empfindet und zwar je nach der Qualität des 
Alkohols, der Art und Weise, wie er genommen wird, der Quan¬ 
tität, die verbraucht wird, den Arbeitsverhältnissen des In¬ 
dividuums, dem Klima u. s. w. Offenbar hängen die Differenzen 
auch von der Bedeutung der Organe ab, welche beim Alkoholis¬ 
mus betroffen werden. 

In dem ersten Falle handelte es sich um ein kräftiges, gut 
genährtes Individuum, bei dem ein Kongestionszustand in den 
Gehirnhäuten, möglicherweise mit kleinen hämorrhagischen 
Herden, vorhanden war. 

Das zweite Individuum war nicht so stark, wie das eben ge¬ 
nannte, und beim dritten war, wie erwähnt, das Nervensystem 
schon in empfindlicher Weise angegriffen. 

Es kann, wie mir scheint, aus den beobachteten Thatsaehen 
Folgendes geschlossen werden: 

1. Dass der Alkohol, wenn die Qualität desselben, die Form 
und Quantität, in welcher er verabreicht wird, den Allgemein¬ 
zustand des Organismus nicht modifiziren, dem Blutserum des 
Menschen gegen die tuberkulös infizirten Proteinsubstanzen 
(wässeriges Protein von Maragliano) antitoxische Eigen¬ 
schaften zu leihen vermag, die zuweilen beträchtlich hoch ent¬ 
wickelt sind. Auch auf pathologische Exsudate können jene anti¬ 
toxischen Eigenschaften ausgedehnt werden. 

2. Der Organismus des Alkoholisten empfindet in sehr deut¬ 
licher Weise die wohlthuende Wirkung des Maraglian o’schen 
Serums. 

3. In der Periode der alkoholischen Dyskrasie verliert das 
Serum einen grossen Theil seiner antitoxischen Kraft, die vom 
Alkohol herrührt, und steigt unter die Norm herab. Wenn wir 
nun die Frage der praktischen Anwendbarkeit der angedeuteten 
Thatsaehen aufwerfen und zu diesem Zwecke in die Vergangen¬ 
heit unserer Wissenschaft einen Rückblick werfen, dann müssen 
wir sagen, dass jene Thatsaehen der praktischen Erfahrung nicht 
fremd waren, und dass auch die Volksmeinung, z. B. in gewissen 
Regionen Zentralitaliens, zu Gunsten derselben spricht. Ausser¬ 
dem haben Kliniker von anerkanntem Werthe, wie Magnus 
Huss, Peters, Jackson, Tripier, sich in günstiger Weise 
über die in Rede stehende Frage ausgesprochen und es dürfte 
hier wohl daran erinnert werden, dass ein berühmter Arzt, 
B e n n e t, der von den Aerzten wegen Lungentuberkulose auf¬ 
gegeben wurde, durch ausgiebigen Alkoholgebrauch und freie 
Lebensweise von seinem Uebel befreit wurde. 

Da aber trotz aller dieser Erwägungen auch der Ansicht 
derjenigen, welche in systematischer Weise von dem Gebrauche 
des Alkohols bei der Tuberkulose abrathen, Rechnung getragen 
werden muss, habe ich die Frage von einem doppelten stati¬ 
stischen Standpunkte aus untersuchen wollen, d. h. vom Stand¬ 
punkte der Häufigkeit der Erkrankungen, und der Mortalität 
bei der Tuberkulose im Verhältnisse zum Alkoholismus, wobei 
ich selbstverständlich diesen statistischen Erhebungen nur einen 
relativen Werth beimessen möchte. Zu meinen Zwecken bediente 
ich mich des Materials unserer Klinik, da sonst, d. h. durch di¬ 
rektes Experiment.iren, die Frage, ob ein Alkoholist in höherem 
oder geringerem Grade als ein anderer, der sich des Alkohol- 
gebrauehs enthält oder nur in massigem Grade von dem Alkohol 
Gebrauch macht, der tuberkulösen Infektion in höherem oder 


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4. März 1902. 


MUENOHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


355 


geringerem Grade ausge6etzt sei, nie gelöst werden könnte, da 
ja Niemand experimentell sieh eine tuberkulöse Infektion Bei¬ 
bringen liesse. 

Ich untersuchte nun, in welchem Vcrhältniss die Hafen¬ 
arbeiter. die, abgesehen von anderen alkoholischen Getränken, 
täglich im Mittel wenigstens 3 Liter Wein trinken, an Tuber¬ 
kulose und an anderen Krankheiten leiden. 

Die Zahl der fixen Hafenarbeiter ist, wie aus den Angaben 
des Hafeninspektors, Herrn Ritter v. Malnate, hervorgeht, 
ungefähr 5000. Sie sind zum grössten Theile Fremde und in Er¬ 
krankungsfällen gehen 50 Proz. derselben in das Krankenhaus 
Pammatone. 

Es muss hier vor Allem der Begriff des Wortes AlkuholUl 
festgestellt werden. Dieser Begriff ist sehr relativ, denn der 
Entwicklungszustand des Organismus, die Arbeitsart, Jahres¬ 
zeit, Gewohnheiten modifiziren vollkommen den Werth eines ge¬ 
wissen Volums Alkohol, der nebstdem in den verschiedensten 
Formen (Branntwein, Rum, Cognac, weisser und rother, harter 
oder sog. weicher Wein) genommen wird. Für die Hafenarbeiter 
in Genua müssen 3 Liter Wein täglich als eine nicht übertriebene 
Quantität angesehen werden, da dieselben sich einer permanenten 
vorzüglichen Gesundheit erfreuen. Ich habe aber doch als Alko¬ 
holist en Diejenigen betrachtet, welche täglich mindestens 3 Liter 
Wein trinken. 

Es geht aus meinen Untersuchungen hervor, dass die 
Tuberkulose unter den Hafenarbeitern sicherlich nicht häu¬ 
figer, als bei anderen Arbeitern, die nur mässig trinken, vor¬ 
kommt. Es könnte eingewendet werden, dass die Hafenarbeiter 
sehr starke Leute sind. Dies ist auch vollständig richtig. Man 
muss aber auch dem Umstande Rechnung tragen, dass dieselben 
in grösserem Maasse Gelegenheitsursachen ausgesetzt sind, welche 
zur Tuberkulose prädisponiren. 

Die Gelegenheitsursaehen sind: 

1. Erkältung bei erhitztem Körper. Dies beweist die hohe 
Mortalität in Folge von kroupöser Pneumonie. 

2. Die kontinuirliehe Einathmung von Kohlen-, Getreide-, 
Kaffeestaub. 

3. Die schwere ermüdende Arbeit, welche bewirkt, dass, wenn 
einmal Tuberkulose aufgetreten ist, nicht leicht latenter Verlauf, 
sondern eher Hämoptoe sich einstellt. 

Die statistischen Erhebungen zeigen, dass die Alkoholisten 
unserer Klinik eine bedeutend geringere Mortalität an Tuber¬ 
kulose aufweisen, obwohl dieselben sich unter beträchtlich un¬ 
günstigen Verhältnissen befinden, indem sie schon einige Zeit 
vor dem Eintritte in’s Krankenhaus keinen Gebrauch von alko¬ 
holischen Getränken machen und zwar 1. weil sie zu arbeiten 
aufhören mussten und desshalb sich keinen Wein kaufen können, 
2. weil das Weiutrinken von ihnen als gesundheitsschädlich an¬ 
gesehen wird. 

Jene Leute gehen so von einem Exzess in den andern über, 
wodurch die organische Resistenzfähigkeit ihres Organismus, 
«ler ja durch den früheren Alkoholmissbrauch schon herunter¬ 
gekommen ist, gewiss noch stärkere Einbusse erleidet. 

Es kann nicht befremden, dass der exzessive Alkoholmiss¬ 
brauch die Tuberkulose nicht hintanzuhalten im Stande sei, und 
es sind dosshalb nicht diese extremen Fälle, auf welche ich im 
Interesse der Menschheit hier hinweisen möchte. Es soll im 
Gcgentheile daran erinnert werden, dass das Serum des dritten 
Alkoholisten nur einen geringen Grad von antitoxischer Kraft 
zeigte, weil bei demselben durch den Alkoholmissbrauch schon 
• las Nervensystem nicht unbedeutende Störungen erlitten hatte, 
und in Folge dessen an einigen Nerven eine typische Neuritis 
aufgetreten war. 

Es kann jedoch, ohne bis zum Exzess zu schreiten, eine 
reichliche Alkoholquantität verbraucht werden, wodurch die Re¬ 
sistenzfähigkeit des Organismus den Tuberkelgiften gegenüber 
beträchtlich erhöht werden kann. Zur Erläuterung dieser Mei¬ 
nung möchte ich an dieser Stelle einen Fall anführen, der auf 
unserer Klinik von Dr. Terrilo 1895—1893 beobachtet und 
in den Berichten der Klinik angeführt wurde: 

Taolo R., 42 Jahre alter Finanzbrigadier. 

In der Familie waren gar keine Zeichen von Heredität, vor¬ 
handen. In seinem 12. Lebensjahre hatte der Kranke eine links* 
seitigo Pleuritis durchgemneht und später litt er an malarischem 
Fieber und öfters an venerischen Krankheiten. Die Krankheit, 
wegen welcher er unsere Klinik aufsuchte, trat plötzlich auf. am 
IS. März i i d zwar mit einer sehr reichlichen Hämoptoe H'.nO ccm 
IMut in 3 Anfällen;. Fieber war weder vor noch nach dem Aufalle 


vorhanden. Bei der physikalischen Prüfung konnte ausser einer 
evidenten Abnahme der Resonanz in der Gegend der rechten 
Lungenspitze, einer Zunahme des Stimmfremitus und einer stark 
rauhen Respiration, nichts Abnormes konstatirt werden. Offenbar 
war eine Sklerosis in der rechten Lungenspitze vorhanden. Nach dem 
Eintritte des Kranken in's Krankenhaus konnte mau von dem¬ 
selben kein Sputum mehr erhalten. Zu diagnostischem Zwecke 
wurden mehrere Injektionen mit K o c h’schem Tuberkulin ln 
immer steigender Dosis, von 1 mg bis zu 40 mg gemacht, ohne 
«lass irgend eine Reaktion lokal ln der sklero¬ 
tischen Iv ungenspitze oder allgemeine Erschei¬ 
nungen aufgetreton wären. 

Der Kranke verliess die Klinik nach 33 Tagen, ohne dass an 
demselben, ausser der evidenten Dämpfung an der rechten Lungen¬ 
spitze. sonst etwas Abnormes hätte naehgewMesen werden können. 

Dieser Fall stellt ohne Zweifel ein interessantes Beispiel einer 
provisorisch geheilten Lungentuberkulose dar. Der Umstand, dass 
40 mg Tuberkulins bei dem Kranken keine Reaktion hervorgerufen 
haben, spricht zu Gunsten der Annahme, dass der Krankheils¬ 
prozess aufgehört habe. 

Der Kranke kam zu mir gerade als icli diese Arbeit schrieb 
und rlieilte mir mit, dass er noch weitere Anfälle von Hämoptoe 
gehabt habe, wesshalb er vom Militärdienst befreit und pensiouirt 
worden ist. Seitdem erfreut er sich jedoch stets einer guten Ge¬ 
sundheit und ist als Arbeiter in der Schiffswerfte von Ansaldo be¬ 
schäftigt. Während er früher täglicli im Mittel 0 Liter Wein 
trank, trinkt er jetzt jeden Tag in der Früh eine Portion Brannt¬ 
wein und des Tages über 2—4! Liter Wein. Wenn der Alkohol 
in Fällen von Tuberkulosis schädlich wäre, dann hätte sich «lies iui 
vorliegenden Falle gewiss manifestiri. R. ist zwar von seiner 
Krankheit nicht geheilt, da <*r zuweilen Anfälle von Ilümoptoö 
hat, und rechts sklerotische Prozesse in der Lunge vorhanden 
sind, allein die Alterationen, welche bei ihm vorhanden sind, haben 
einen so milden Charakter, dass er sich dabei Wohlbefinden kann 
und auch schwere Arbeiten'zu verrichten im Stande ist. 

Sehr interessant ist in diesem Falle das Fehlen jedweder 
Reaktion bei der Anwendung des Tuberkulins und cs ist die 
Frage, wohl berechtigt, ob diese Erscheinung durch die anti¬ 
toxische Kraft bewirkt worden ist, welche dem Organismus 
durch den Alkoholgebrauch verliehen wurde. 

Es scheint mir, dass auf Grund meiner Untersuchungen wir 
zu folgenden Schlüssen gelangen könnten: 

1. Der Alkohol verleiht, wenigstens unter gewissen Um¬ 
ständen, in derselben Weise, wie es allerdings in rascher Weise 
und in einem intensiveren und allgemeineren Grade das Mara- 
g 1 i a n o’sche Serum thut, dem Organismus das Vermögen, die 
Tuberkeltoxine zu neutralisiren. 

2. Dieser Befund bestärkt und erweitert die Angaben von 
B u c h n e r über den Gebrauch des Alkohols hei der Tuberkulose. 
Die antitoxische Wirkung des Alkohols gesollt sich zur Sklerosis 
und beide Faktoren wirken hinderlich der Ausbreitung der 
Krankheit entgegen. 

3. Die Resultate der statistischen Erhebungen über das Vcr¬ 
hältniss zwischen Tuberkulösen und Alkoholisten an unserer 
Klinik berechtigen zu weiteren Untersuchungen; es müssen aber 
zu diesem Zwecke nur g«?eignete Fälle herangezogen werden und 
cs müssen namentlich die Fälle von reiner Tuberkulose von den¬ 
jenigen der Pyotuberkulose geschieden werden. Alles zeigt da¬ 
rauf hin. dass ein reichlicher, aber doch nicht exzessiver, bis zur 
Vergiftung des Organismus getriebener Gebrauch des Alkohols 
bei der Tuberkulose wohlthucnd wirke. 

Ich möchte desshalb rücksichtlich der Behandlung tuber¬ 
kulöser Kranker empfehlen, dieselben nicht in übertriebener 
Weise schonend zu behandeln und dieselben nicht unnötliigen 
Entbehrungen auszusetzen. Eine derartige Behandlung ist schäd¬ 
lich, weil der Mechanismus bei der Heilung der Tuberkulose in 
Bildung von Antitoxinen bestellt, welche den Organismus 
von der Vergiftung retten und dessen Heilung durch anatomische 
Veränderungen der spontan reagirenden Gewebe bewirken. Allein 
der Organismus bedarf zu diesem Zwecke einer freien, nicht ein¬ 
geschränkten Lebensweise und feiner Reizmittel. 

Zu diesen letzteren gehört auch «ler Al¬ 
kohol, welchen Prof. Maragliano in Form von Cognac 
mit Milch zu geben anriith. Der Alkohol muss somit nach den 
Untersuchungen von Buchn«*r bei der lokalen und nach meinen 
Beobachtungen auch hei der allgemeinen Behandlung der Tuber¬ 
kulose, von <*in«*m neuen Gesichtspunkte aus beurtheilt werden 
und es ist wohl die Frage berechtigt, ob nicht auch im Serum 
beim Typhus, bei der Lungenentzündung, beim Skorbut, hei der 
Pyämie u. s. w., bei denen, wenigstens in gewissen Fällen, 
der Alkohol günstig wirkt, Antitoxine gebildet werden? Die 
Effekte d «■ s menschlichen Serums, auf «1 i e i c li 
hing e vv i e s e n habe, und di«* a n t i t n x i s <• b e Vir 


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366 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


kungskraft desselben bei der Tuberkulose 
sind evident. 

Es könnte eingewendet werden, dass meine Anschauungs¬ 
weise den Alkoholmissbrauch befördern könnte. Allein derartige 
Einwände moralischen und sentimentalen Charakters sollten eine 
leidenschaftslose Beurtheilung der Frage nicht hintanhalten. 

In medio consistit virtus und der erste und be¬ 
deutendste Feind des Alkoholismus, Magnus H u s s, hatte eine 
günstige Meinung über die Anwendung des Alkohols in der 
Therapie der Tuberkulose 1 


Aus der medizinischen Universitätsklinik zu Bonn 
(Direktor Geheimrath Prof. Dr. S c h u 11 z e). 

Chronische Bronchialdrüsenschwellung und Lungen- 
spitzentuoerkulose. 

Vorläufige Mittheilung von Dr. Esser, Assistenzarzt. 

Die Prädilektionsstelle für den Beginn der Lungentuber¬ 
kulose ist nach den pathologisch-anatomischen Untersuchungen 
Birch-Hirschield’s 1 ) die Schleimhaut eines nnttelgrossen 
Bronchus im hinteren Theile der Lungenspitzen und den an¬ 
grenzenden subapikalen Partien mit besonderer Bevorzugung der 
rechten Lunge. 

Raumbeengende, die respiratorische Luftströmung be¬ 
hindernde Momente sollen im Verein mit einer nicht seltenen 
Verkümmerung der Entwicklung dort hegender Bronchialaste 
zur Zeit des stärksten Lun g enwachsthums die kr ankh afte Dis¬ 
position dieser & teile zu einer tuberkulösen Erkrankung bedingen. 

In letzter Zeit ist nun von Schmorl') nach Bestätigung 
der Birch-Hirschfel d’schen Befunde auf eine die Lungen¬ 
spitzen von hinten oben nach vorn unten zu umgreifende, mehr 
oder weniger stark ausgeprägte Furche aufmerksam gemacht 
worden, die er auf eine Kompression durch die manchmal abnorm 
in den Thoraxraum vorspringende erste Kippe zurückführt. In 
ihr glaubt Schmorl eine der Ursachen für die Verkümmerung 
der hinteren Bronchien in den Lnn g p.nspit.zen und die hierdurch 
begünstigte Erkrankung derselben gefunden zu haben, zumal sieb 
in einigen Fällen, bei denen diese Furche besonders stark vor¬ 
handen war, in dem nach dem Gebiet der Furche verlaufenden 
Spitzenbronchus eine beginnende Schleimhauttuberkulose naeh- 
weisen liess. Weiterhin weist Schmorl darauf hin, dass 
W. A. Freund bereits vor 40 Jahren auf Grund genauer Mes¬ 
sungen in einer durch mangelhafte Entwicklung der ersten Rippe 
bedingten Thoraxanomalie einen wichtigen Faktor für die Lo¬ 
kalisation der Tuberkulose in den Lungenspitzen erkannt habe. 

Freund hat mm jüngst seine Untersuchungen von damals 
wieder aufgenommen und darüber in einem Vortrage 3 ) Mitthei¬ 
lung gemacht. Unter Bestätigung seiner früheren Resultate kam 
er zu dem Schlüsse, dass eine Verkürzung und frühzeitige Ver¬ 
knöcherung der obersten Rippenknorpel eine Einengung der 
oberen Thoraxapertur mit einer ungenügenden Entwicklung der 
Lungenspitzen im Gefolge habe, die zur Tuberkulose prädisponire. 
Der weitere gleichzeitige Befund von Pseudarthrosen im ersten 
Rippenknorpel mit sogen, ausgeheilten Spitzentuberkulosen gab 
Freund schliesslich zu der Frage Veranlassung, ob man nicht 
zweckmässig diese Art der Naturheilung in geeigneten, klinisch 
genau untersuchten Fällen künstlich nachahmen sollte durch Her¬ 
stellung einer solchen gelenkigen Verbindung auf operativem 
Wege. 

In der seinem Vortrage folgenden, lebhaften Diskussion*) 
wurden von verschiedenen Seiten gegen die aus den Unter¬ 
suchungsergebnissen gezogenen Schlussfolgerungen Bedenken er¬ 
hoben. Ungeachtet der Frage nach dem Primären, ob Thorax¬ 
anomalie oder Spitzentuberkulose, ist jedenfalls das Zusammen¬ 
treffen beider kein stetiges, also unter allen Umständen auch 
nicht immer ein Zusammenhang beider im Sinne F r e u n d’s 
möglich. 

*) a) Bericht über den Kongress zur Bekämpfung der Tuber¬ 
kulose als Volkskrankheit. Berlin 1899. S. 213. 

b) Sitzungsbericht der medizinischen Gesellschaft zu Leipzig. 
Münch, med. Wochenschr. 1899, S. 427. 

c) Deutsch. Arch. f. klin. Med. Bd. 64, S. 58. 

*) Münch, med. Wochenschr. 1901, S. 1995. 

*) BerL klin. Wochenschr. 1902, No. 1 u. 2. 

4 ) BerL klin. Wochenschr. 1902, No. 2. 3 u. 4. 


In Folgendem möchte ich nun kurz auf ein weiteres, be¬ 
sonders im Kindesalter, zur Zeit des Lungenwachsthums, in Be¬ 
tracht kommendes, raumbeengendes Moment im Thorax, auf eine 
andere mögliche Ursache der von Birch-Hirschfeld ge¬ 
fundenen Bronclualverkümmerung mit ihren Folgen hinweisen, 
nämlich auf die Kompression der Bronchien durch chronisch ent¬ 
zündlich geschwellte Bronchialdrüsen am Lungenhilus. 

Bekanntlich findet man letztere speziell im Kindesalter ziem¬ 
lich häufig. Meist ist die Entzündung tuberkulöser Natur, gar 
nicht so selten ohne gleichzeitige Erkrankung der Lungen; 
manclimal ist sie Folge anderer, namentlich von den Halsorganen 
fortgepflanzter entzündlicher Prozesse. 

Bei Widerhofer'), Hoffmann') und Cornet) 
finden wir hierüber genaue Angaben unter ausführlicher Berück¬ 
sichtigung der einschlägigen Literatur. 

Vor Allem sind es neben einer i mm erhin selten nachweis¬ 
baren Dämpfung Druckerscheinungen auf benachbarte Organe, 
die bei Schwellung der Bronchialdrüsen beobachtet werden, und 
zwar Druckerseheinungen auf Nerven, Gefässe, Speiseröhre und 
ganz besonders die luftzuführenden Wege, hier von der einfachen 
Impression bis zu spaltförmiger, selbst ringförmiger Steno- 
sirung führend. Abschwüchung des Athemgeräuschs und oft be¬ 
deutend verlängertes Exspirium über einer oder beiden Lungen¬ 
spitzen sind die häufigsten klinischen Folgeerscheinungen. Ent¬ 
schieden bevorzugt ist aber hierbei die rechte Seite *), was ana¬ 
tomisch seine Erklärung dadurch findet, dass einmal in fast allen 
Fällen von Bronchialdrüsenerkrankung die rechte Seite auf¬ 
fallend stärker als die linke betroffen ist (H o f f m a n n 1. c. S. 3y 
und Arnoux 1 ), ferner der rechte Hauptbronchus neben der 
Bifurkation oft gerade da, wo der die Spitze versorgende Ast ab¬ 
geht, von den Drüsen überkreuzt wird (W iderhofer 1. c. 
S. 981). 

Wie sehr da der rechte Spitzenbronchus, speziell in einer 
Kinderlunge, deren Bronchien noch sehr nachgiebige Wan¬ 
dungen haben, bedrängt werden 
muss, geht z. B. deutlich aus 
nebenstehender Skizze hervor, die 
nach dem Präparat von einem 
unlängst meinerseits beobachteten 
Falle angefertigt ist. 

Der Fall betraf ein 3jähriges 
Kind, das an einer Miliartuber¬ 
kulose zu Grunde ging, die be¬ 
kanntlich manchmal einer Drüsen- 
tuberkulose folgt. 

Häufiger ist ja im Kindes¬ 
alter die Ausbreitung der Tuber¬ 
kulose von den erkrankten Bronchialdrüsen in Form pneu¬ 
monischer Prozesse auf die mittlernn und unteren Lungen¬ 
partien, so dass etwa bis zur Zeit der 2. Dentition vor 
solchen eine Spitzenaffektion bei Weitem zurücktritt. Dann aber 
und noch mehr bei der Pubertätsentwicklung, also zur Zeit des 
stärksten Lungenwachsthums, droht meines Erachtens speziell 
den jetzt auch häufiger erkrankten Lungenspitzen und ganz be¬ 
sonders der rechten eine weitere Gefahr aus der mit Schwellung 
einhergehenden chronischen Entzündung der Bronchialdrüsen, 
sei diese nun tuberkulöser oder nicht tuberkulöser Natur. 

Die mit tuberkulösen Bronchialdrüsen behafteten Kinder 
sind demnach in doppelter Hinsicht gefährdet; einmal, weil sie 
den Krankheitskeim in sich tragen, dann, weil die Drüsen ein 
raumbeengendes und somit schädigendes Moment, speziell für 
die Lungenspitzen, im Sinne Birch-Hirschfel d’s abgeben. 

Was schliesslich das häufigere Befallensein der rechten Lunge 
von Tuberkulose auch bei Kindern angeht, so finden wir hierüber 
in der aus jüngster Zeit stammenden, äusserst fleissigen Arbeit 
N ä gel i’s“) angegeben, dass unter 15 Fällen von Lungentuber- 

*) Handbuch der Kinderkrankheiten von Gerhardt, III. Bd.. 
2. Hälfte, S. 974. 

*) Nothnagel’s Spez. Path. u. Ther., XIII. Bd., III, Th., II. Ab¬ 
thell., S. 29-44 u. ff. 

*) a) Nothnagel’s Spez. Path. u. Ther., XIV. Bd., II. Hälfte. 
II. Abtheil., S. 180. 

b) Nothnagel’s Spez. Path. u. Ther.. XIV. Bd., IV. Th., S. 98 
bis 102. 

*) Selbstverständlich meine Ich hier nicht das normal so oft 
zwischen den Schulterblättern, meist nach rechts besser fort¬ 
gepflanzte, verlängerte Exspirium. 

•) Thöse de Paris 1895, S. 20. 



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4. Mürz 1902. 


MUENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


357 


kulose bei Kindern 6 mal die rechte Seite allein erkrankt war, 
sich nur einmal die Affektion linksseitig fand und in den übrigen 
8 Fällen beide Seiten befallen waren. 

Erwähnen möchte ich dann noch zum Schlüsse, dass nach 
einer Angabe bei Renzi“) Barety die Bevorzugung der 
Lungenspitzen zur Tuberkulose insofern mit Lymphdrüsen- 
sehwellung in Verbindung bringt, uls der Zweig der Arteria pul- 
inonalis, der die Lungenspitzen versorgt, seiner Lage nach durch 
geschwollene Lymphdrüsen komprimirt werden könne, und dann 
die Spitzen in Folge geringer Blutversorgung zur Erkrankung 
disponirt seien. 


Weitere Mittheilungen Uber das Aspirin.*) 

Von Dr. Sigmund Merkel in Nürnberg. 

M. H.! Bei der grossen Anzahl neuer Arzneimittel, die 
seitens der chemischen Fabriken fortwährend auf den Markt 
gebracht werden, erscheint es wohl gerechtfertigt, über ein Mittel, 
welches würdig ist unserer Pharmakopoe erhalten resp. einverleibt 
zu werden, weitere Erfahrungen mitzutheilen. Ich meine das 
Aspirin. 

In unserem Vereine wurde bereits zweimal über dasselbe 
berichtet, einmal vom Kollegen R o e 1 i g, dann von N u s c h aus 
der N e u k i r c h’schen Abtheilung des hiesigen städt. Kranken¬ 
hauses. Ich übergehe daher die chemisch physikalischen sowie 
pharmakologischen Eigenschaften des Aspirin und begnüge mich 
damit zu erwähnen, dass Aspirin zur Salizylsäuregruppe gehört 
und zwar die AcetylVerbindung der Salizylsäure darstellt. 

Verwendbar ist das Aspirin bei allen Erkrankungen, bei 
welchen bisher Salizylsäure und spez. das Natr. salicylic. Ver¬ 
wendung fanden. Als Indikationen, bei denen ich eine günstige 
Wirkung des Aspirins konstatiren konnte, führe ich an: 

Gelenkrheumatismus, Gicht, Pleuritis sicca und exsudativa 
sowie Rheumatismus muscularis. Keinen besonderen Erfolg 
sah ich dagegen im Gegensatz zu den Mittheilungen anderer 
Autoren (Lehmann, Dengel, Roelig und V a 1 e n t i n) 
in einem Falle von Ischias sowie zwei Fällen von Lumbago. 
Gegen letzteres Uebel war Aspirin spez. von Piotrowski em¬ 
pfohlen worden. 

Bei Gelenkrheumatismus konnte ich bei Verordnung von 
Aspirin genau dieselbe schmerzstillende Wirkung konstatiren, 
wie nach Gebrauch von Natr. salicylic., dabei hat Aspirin den 
grossen Vorzug, dass es fast keine Nebenwirkungen hervorruft. 
Mit Ausnahme eines einzigen Falles, bei dem Patient nach einer 
Gabe von 5 g Aspirin über Ohrensausen klagte, wurde sonst nie 
Uebelkeit, Kopfschmerz, Aufstossen, Erbrechen, Schwindel, 
Appetitlosigkeit, insbesondere nie weiteres Ohrensausen beo¬ 
bachtet. Nach Wohlgemuth ist dieses Fehlen von Neben¬ 
wirkungen beim Aspirin darauf zurückzuführen, dass Aspirin 
unzersetzt den Magen passirt und erst im alkalisch reagirenden 
Dünndarm gespalten wird. 

Eine den besseren Ständen angehörige Dame hat beispiels¬ 
weise trotz angeblich recht schwachen Magens 10 g Aspirin in 
4 Tagen anstandslos genommen und gut vertragen. Es handelte 
sich hier um einen leicht fieberhaften Gelenkrheumatismus von 
Schulter und Ellenbogengelenk. 

Besonders gute, in der Literatur noch nicht erwähnte 
Wirkung des Aspirins habe ich bei akuten Gichtan¬ 
fällen beobachtet. 

Ich hatte hier Gelegenheit 4 ausserordentlich schwere Anfälle 
von richtiger Podagra (2 Herren) zu sehen. Früher hatte ich bei 
den gleichen beiden Heren immer mit grossen Dosen von Natr. 
salicylic. geholfen, zweimal musste ich sogar mit Morphium ein- 
greifen. Diesmal habe ich mit 5 g Aspirin am ersten Tage ein¬ 
gesetzt, Hess mehrere Tage nacheinander 4 g Aspirin in stünd¬ 
lichen Pausen nehmen, und erzielte ausserordentlich gute 
Wirkung, ohne dass dabei die geringsten Nebenwirkungen auf¬ 
getreten wären. Im Gegentheil, der Appetit war ein guter, auch 
Schlaf trat ohne Narkotikum ein 

Nicht so günstig waren die Erfolge bei der chronischen Form 
der Gicht. So entfaltete Aspirin bei einem Falle von chronischer 

•) Virchow’s Arcb., Bd. 160, S. 439. 

'*) Renzi: Pathogenese, Symptomatologie und Behandlung 
der Lungenschwindsucht. Wien 1894. Verlag von Hölder. S. 70. 

•) Vortrag, gehalten lm Aerztlichen Verein Nürnberg am 
17. Oktober 1901. 

No. 9 


deformirender Gelenkgicht (städt. Bauamtsarbeiter) gegen die 
chronischen Schmerzen nicht die gewünschte, schmerzstillende 
Wirkung. Ebenso bei einem Tapezierer mit chronischer Schwel¬ 
lung des einen Fussgelenks und andauernden Schmerzen, wiewohl 
im letzteren Falle innerhalb 5 Tagen 20 g Aspirin gegeben 
wurden. In einem weiteren Falle von chronischer, deformirender 
Gelenkgicht dagegen, woselbst eine frische entzündliche Schwel¬ 
lung beider Kniegelenke auftrat, brachte Aspirin wieder die ge¬ 
wünschte Wirkung. 

In der Nervenpraxis bei Neuralgien habe ich mit Aspirin 
theilweise sehr gute Erfolge erzielt, andererseits jedoch die 
gleiche Erfahrung gemacht, wie bei fast allen anderen Mitteln, 
dass Aspirin eine Zeit, lang hilft, manchmal auch andauernd, 
dass es bei längerem Gebrauch manchmal in der Wirkung jedoch 
plötzlich auslässt. 

Die analgetische Wirkung des Aspirins, auf die u. A. W i t - 
thauer hingewiesen hat, konnte ich in einem schweren Fall 
von Mastdarmkrebs konstatiren. Hier haben 4 g Aspirin in 
stündlichen Pausen öfters verabreicht einen deutlichen Nachlass 
der Schmerzen herbeigeführt. 

Die Darreichung des Aspirins geschieht am besten in den 
Nachmittagsstunden in einstündlichen Intervallen 4—5 mal in 
Dosen von je 1 g. Die Pulver lassen sieh in Folge des angenehm, 
schwach säuerlichen Geschmacks leicht einnehmen, indem man 
sie trocken auf die Zunge legt und etwas Wasser oder Zitronen¬ 
limonade nachtrinken lässt. Auch in Oblate lassen sich dieselben 
gut einnehmen. Zu vermeiden sind alkalische Wässer, damit 
nicht eine vorzeitige Spaltung des Pulvers im Magen eintritt. 

Bei weniger bemittelten Patienten verordne ich 10 g Aspirin 
als Schachtelpulver mit der Weisung, stündlich davon V» Kaffee¬ 
löffel voll zu nehmen. Der Preis hierfür beträgt nach der bayr. 
Taxe M. 1.45, abgetheilt in 10 Einzeldosen ä 1 g M. 1.90. Die 
hiesige Gemeindekrankenkasse hat in ihrer neuen Pharmcaopoea 
oeconomica die Anwendung und das Aufschreiben des Aspirins 
ausdrücklich zugelassen. 

Von der mit Aspirin chemisch identischen Azetylsalizylsäure 
kosten 10 g als Schachtelpulver M. —.75, abgetheilt in Einzel¬ 
dosen k 1 g M. 1.20. 

Inzwischen haben die Fabrikanten des Aspirins, die Farben¬ 
fabriken vorm. Fried r. Bayer & Co., Elberfeld, noch Tab¬ 
letten von Aspirin in den Handel gebracht in Röhrchen zu 
20 Stück ä 0,5 verpackt, deren Preis, sofern auf dem Rezept 
„Originalpackung Bayer“ vermerkt ist, M. 1.20 beträgt. 

Des Vergleiches halber seien auch noch die Preise der äqui¬ 
valenten Mittel Salol und Natr. salicyl. mitgetheilt. Es kosten 
10 g Natr. salicylic. als Schachtelpulver M. —.45 (Salol M. —.75), 
10 Einzeldosen Natr. salicylic. ä 1 g M. —.90 (Salol M. 1.20). 

Am meisten zu empfehlen sind wohl die Aspirintabletten 
von B a y e r & C o., die in Wasser sehr leicht zu Pulver zerfallen 
und deren Preis für ein Originalröhrchen zu 20 St. ä 0,5 wie oben 
erwähnt nur M. 1.20 beträgt. 


Aus der Universitätspoliklinik für orthopädische Chirurgie zu 
Leipzig (Direktor Prof. Th. K öllik er). 

Zur Kentniss des erworbenen Hochstandes der 
Skapula.*) 

Von Dr. Otto Bender, Assistenzarzt. 

Seit Kolli ker') im Jahre 1898 diese Deformität zuerst 
beobachtet und auf rachitischen Ursprung zurückgeführt hat, ist 
nur eine weitere hierher gehörige Mittheilung von Gross*) er¬ 
schienen; im Gegensatz zu der angeborenen sog. Sprengöl’- 
schen Deformität, von welcher jetzt zahlreiche Fälle bekannt sind, 
scheint der durch Rachitis erworbene Hochstand der Skapula 
demnach äusserst selten vorzukommen. Es wird dabei natürlich 
von dem häufigen Hochstand eines Schulterblattes bei Skoliosen, 
Halsmuskelkontrakturen, deform geheilten Skapulafraktureu 
abgesehen. Folgender Fall dürfte desshalb von Interesse sein: 

Die 12 jährige Anna B. aus Grossgrimma kam Mitte November 
wegen hoher Schulter in unsere Behandlung. Aus den anam- 


*) Demon8trirt am 18. November 1901 in der Medizinischen 
Gesellschaft zu Leipzig. 

l ) Köl 1 i k e r: Der erworbene Hochstand der Skapula. 
Arch. f. klin. Chir. 57. Bd., 4, 1898. 

*) Gross: Der erworbene Hochstand der Skapula. Beiträge 
zur klin. Chir. 24. Bd., 3, 1S99. 

4 


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MUENCHENER MEDIOIN 1»S<’1 IE WOCIIENSCIIRIKT.' 


Xo. 0. 


338 


nost Ischen Angaben der Pflegeeltcrn des Kindes ist nur von Wich¬ 
tigkeit. dass der Iloehstand vor ö Jahren zuerst, be¬ 
merkt wurde und in letzter Zeit eher schlimmer geworden ist: 
Nachfragen bei den Eltern bestätigen diese Angabe. Patientin 
soll ausserdem den rechten Arm nicht so gut gebrauchen können, 
wie den linken. 

Status; Die rechte untere Halsgegend erscheint sehr ver¬ 
breitert, der laterale Kukullarlsrand springt stark vor; dicht unter 

domsenlben fühlt man 
einen hakenförmig 
nach vorn umgeboge¬ 
nen Knochentheil, (len 
oberen inneren Winkel 
des Schulterblattes, der 
nur ö cm von der Kla- 
vikula entfernt ist. | 
Segen S cm auf der 
anderen Seite. Der 
normaler Weise kaum 
sichtbare Proe. cora- 
coides tritt deutlich 
hervor und lässt sich 
als ungewöhnlich brei¬ 
ter und langer Fort¬ 
satz abtasten: sein- 
Länge beträgt, von der 
Ivlavikula an gemessen. 

5 cm, die des linken, 
der ebenfalls etwas 
vergrüssert ist. 4 cm. 
Die rechte Thorax¬ 
hälfte wölbt sich be¬ 
sonders in der Gegend 
der Kippenansätze am 
Krnstbein etwas mehr 
vor, wie links; das 
Gleiche gilt von dem 
sternaleu Ende des 
Schlüsselbeins. Der 
Kopf wird gerade ge¬ 
halten und kann frei 
bewegt werden. 

Bei Betrachtung der Rückseite (vergl. Abbild.) fällt vor Allem 
der bedeutende Hockstand der rechten Skapula auf. Dieselbe 
steht zwischen den Dornfortsätzen des VI. Hals- und V. Brust¬ 
wirbels. während die linke vom II. bis VIII. Brustwirbel reicht; 
nach Messung beträgt der Höhenunterschied zwischen den unteren 
Winkeln 7 cm. Ferner tritt die untere Spitze der rechten Skapula 
mehr nach hinten heraus, ähnlich wie bei einer Serratuslähmung. 
Der Abstand des inneren Randes der Schulterblätter von der 
Wirbelsäule ist beiderseits verschieden: 

links oben 5 cm rechts oben b cm 

„ unten 3'h „ .. unten 4 .. 

Die rechte Skapula ist also lateralwärts verschoben und zwar 
oben mehr wie unten, so dass daraus eine leichte Achsendrehling 
resultirt; die ganze Schulter erscheint dementsprechend nach vorn, 
innen und unten gesunken. Die Art der Drehung wird weiter 
durch die veränderte Richtung der Spina angegeben, welche nun 
von oben innen nach unten aussen verläuft. Beide Schulterblätter 
sind in allen Dimensionen gleich gross. 



Abb. II. 


Von anderen rachitischen Merkmalen ist neben den oben 
erwähnten Thoraxdeformitäteu eine Skoliose ersten Grades im 
ccrvico-dorsalen Theil zu nennen, deren Konvexität nach rechts 
gerichtet ist: im dorso-lumbalen Theil die kompensatorische 
Krümmung nach der anderen Seite. 


Der rechte Arm kann im Schultergelenk frei nach vorn und 
hinten bewegt und rotirt werden, die Abduktion ist jedoch aktiv 
nur bis zur Horizontalen möglich; dann eckt der Humerus an der 
fast unbeweglichen Skapula an und kann nicht bis zur Vertikalen 
geholKMi werden. Auch dieser beschränkte Grad der Abduktion 
ist nur unter Anstrengung zu erreichen. 

Die elektrische Untersuchung ergibt für alle Muskeln normal- 
Resultate, auch für den Serratus ant. maj.. der nur durch Nicht¬ 
gebrauch etwas schwächer ausgebildet ist. 

In der Hoffnung, über die Form der rechten Skapula vielleicht 
noch Genaueres zu erfahren, wurde ein Röntgenbild angefertigt 
tvergl. Abbild. II). Bei der Schwierigkeit, gerade von der Skapula 
und ihren in so verschiedenen Ebenen liegenden Fortsätzen ein 
gutes Köntgcnogramm zu erhalten, durften nicht allzu gross- 
Erwartungen an die Aufnahme geknüpft werden, auch ist das 
Resultat mit Vorsicht zu deuten. So viel ist jedenfalls zu er¬ 
kennen, dass der obere innere Winkel vergrüssert 
u ihI et w a s g e 1) o g e n ist, und dass A c r o m i o n u n d P r «> <-. 
c oracold. a u f f a 11 e n d b reit e u n d d u n k 1 e S c h a t l e n 
erzeugt haben. Die Gelenkpfanne zeigt annähernd kreis 
förmige Umrisse, scheint also e t w a s n a c li v o r n g e d r e li r . 
während sie bei gewöhnlicher 
lateraler Richtung, vom Prolil 
getroffen. mehr sichelförmig 
sich abzeleluiet. Alle diese 
Merkmale treten auf dem Nega¬ 
tiv weit deutlicher zu Tage, als 
sich dies im Abruck darstellen 
lässt. 

Zum Vergleich geben wir 
noch die Abbildung (III) eines 
rachitischen Schulterblattes aus 
der Sammlung der Poliklinik, 
welches in eklatanter Weise 
die geschilderten Verände¬ 
rungen an sich trägt. Der 
mächtig verlängerte und ver¬ 
breiterte Proe. coracoid.. die 
nach vorn gerichtete Pfanne 
und der umgebogene obere Win¬ 
kel sind besonders deutlich. 

Die aus den vergrösserten und 
deformirten Fortsätzen der 
Skapula resultirende Abduk¬ 
tionsbeschränkung ist mich dem Präparat ohne Weiteres ver¬ 
ständlich. 

Nach dem klinischen Untersuchungsresultat und unter Be¬ 
rücksichtigung des Röntgenogramms genügt unser Fall also vollaut 
der Definition, welche K öl liker gegeben und Gross nach 
ihm bestätigt hat: er stellt eine rachitischeDeformitiit 
dar, welche in einer vermehrten Flächenkrümmung 
der Skapula, hackenförmiger Bildung des 
inneren oberen Winkels, Vergrösserung des 
Rabenschnabelfortsatzes und Drehung der Ge¬ 
lenkpfanne nach vorn besteht. 

Auch auf die Eutstehungsweise des Schulterblatthochstandes 
bei rachitischen Veränderungen der Skapula lässt sich leicht ein 
Schluss ziehen. Die in der Kindheit entstehende hackenförmige 
Bildung des oberen Winkels ist sehr dazu geeignet, ein Fest¬ 
hacken der Skapula am Thorax zu bewerkstelligen; desgleichen 
wird dieselbe durch den vergrösserten Rabenschnabelfortsatz, 
welcher sich unter der Klavikula anstemmt, in ihrem hohen Stand 
! fixirt. So bleibt das Schulterblatt beim weiteren Wachsthum de> 

! Thorax oben sitzen und erzeugt den Iloehstand der Schulter. 
Durch die daraus folgende Verkürzung der vom Hals zur Skapuki 
ziehenden Muskeln (Levator scap., Kukullaris) wird noch mehr zur 
Fixirung des Schulterblattes in seiner abnormen Stellung bei¬ 
ge tragen. 

Die Therapie wird zunächst versuchen, die fixirte Skapula 
durch passive und aktive orthopädische Uebungen zu mobilisiren. 
und später die erzielte Besserung in der Stellung durch einen 
Apparat fcstzuhnlton, der die »Skapula nach unten und innen 
zieht. Wenn nöthig. wird man einen chirurgischen Eingriff, die 
Resektion des Processus eoracoides und des oberen Winkels mit 
Durelischneidung der verkürzten Muskeln anschliessen. *) 

Es ist immerhin auffallend, dass die beschriebene Deformität 
bis jetzt kaum beobachtet worden ist; gerade die Skapula wird 
offenbar nur selten von der Rachitis ergriffen und ist ausserdem 
im Falle der Erkrankung ihrer ganzen Form und Lage nach 
weniger der Verkrümmung ausgesetzt, wie der Thorax und die 
Röhrenknochen. Muss man nach der Anamnese im Zweifel sein, 
ob es sieh um angeborenen oder erworbenen Hoclistand handelt, 

3 ) Leber das Resultat der Inzwischen ausgeführten Operatiou 
wird nn dieser Stelle berichtet werden. 




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4. Mürz 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


359 


s,) wird die Diagnose stets leicht zu stellen sein, wenn man vor 
allen Dingen nach den nunmehr feststehenden, typischen rachi¬ 
tischen \ cründorungen der Skapula fahndet und auf andere An¬ 
zeichen allgemeiner Rachitis achtet. Fehlen alle diese Symptome, 
so wird von vornherein an eine angeborene Anomalie des Schulter¬ 
blattes zu denken sein, zumal, wenn sich gleichzeitig mit dem 
Ilochstand eine Atrophie der betreffenden Skapula und oberen 
Extremität, sowie andere angeborene Missbildungen, resp. intrau* 
terino Belastungsdeformitäten vorfinden, wie Caput obstipum, 
Asymmetrie des Gesichts und Schädels, Muskel- und Knochen- 
defekte, trophische Störungen, Paralysen etc., welche in der Lite¬ 
ratur über Sprenge l’sche Deformität in Menge angeführt sind. 


Aus dem pathologischen Institut zu Genf. 

Ein Fall von Karzinom des Magens mit starker Ent¬ 
wicklung des elastischen Gewebes und über das 
Verhalten dieses Gewebes, im Magen bei verschie¬ 
denem Alter. 

Von Dr. Arthur M e i n e 1. 

Im Allgemeinen findet eine Vermehrung des elastischen Ge¬ 
webes bei bösartigen Neubildungen nicht statt, und die Beobach¬ 
tungen, dass neben einem Karzinom oder Sarkom eine Zunahme 
desselben bestand, sind Seltenheiten. 

M e 1 n i k o w - R a s w edenko w ‘) berichtet uns in seiner 
eingehenden Arbeit über das elastische Gewebe in normalen und 
pathologisch veränderten Organen über keinen derartigen Fall 
und mir sind Beobachtungen hierüber nur aus den Verhandlungen 
der deutschen pathologischen Gesellschaft (München 1900) be¬ 
kannt. Hier thcilten Hansemann (Sarkom der Lunge), 
S e h m o r 1 (skirrhöses Karzinom des Magens), und Orth 
(Karzinom des Ductus thoracicus) in der Diskussion zu den Be¬ 
merkungen Z i e g 1 c r’s über die an seinem Insitute von Melni- 
k o w - R a s w e d e n k o w angestellten Untersuchungen über das 
elastische Gewebe bei normalen und pathologischen Zuständen 
einige hierher gehörige Befunde kurz mit. Ich habe gelegentlich 
meiner Untersuchungen über die sogen, gutartige Pylorushyper- 
trophie und den Skirrhus des Magens*) auch stets auf das Ver¬ 
lud teil des elastischen Gewebes geachtet, zu dessen Darstellung 
ich mich neben der Oreeinfärbung (T a e n z e r) hauptsächlich der 
von Weigert) angegebenen Elastinfärbung bediente. Zur 
schärferen Differonzirung habe ich die Weigert’sehe Elastin¬ 
färbung mit der von Hansen ) angegebenen Färbung des 
kollagenen Gewebes und einer Kernfärbung mit Alauncochenille 
kombinirt. und dabei gute Resultate erzielt. Von den vielen so 
untersuchten Karzinomen des Magens fand ich nur bei einem 
eine Vermehrung des elastischen Gewebes. Da es sich hier um 
besondere Verhältnisse handelt, will ich etwas näher darauf cin- 
gehen. 

Der sehr kleine Magen stammt von einer 70 jährigen Frau, 
die nach wochenlangem, hartnäckigem Erbrechen bei jeder Nah¬ 
rungsaufnahme im Zustand schwerer Kachexie zu Grunde ge¬ 
gangen ist. Niemals waren Beimengungen von Blutbestnndtlieilen 
in den erbrochenen Massen wahrzunehmen, auch in den Ent¬ 
leerungen wurden dieselben nicht beobachtet. Die klinische Dia¬ 
gnose lautet: Latentes Karzinom des Magens. Chronische 
Bronchitis. 

Aus dem Sektiousbefund erwähne ich kurz Folgendes: An den 
Organen der Brusthöhle zeigte sich neben einem schlaffen atro¬ 
phischen Herzen mit erweitertem rechten Ventrikel Lungen- 
einphysein bei eitriger Bronchitis. In der Bauchhöhle fiel zunächst 
ilie starke Retraktion des Mesenteriums auf. Dasselbe war 
obeuso wie das ganze Peritoneum und die Serosa des Darmes 
bedeckt mit kleinen weisslichen Flecken, in deren Umgebung mit 
weissen Massen injizirte Lymphgefässe deutlich hervortraton. 
Auch das Diaphragma war gleichmüssig übersät mit diesen klein» n 
Tumoren und hing mit der Leber durch bindegewebige Massen zu¬ 
sammen. Die Milz war fest am Magen fixirt und zeigte gleich¬ 
falls an ihrer Oberfläche kleine, harte, welsse Verdickungen, die 
durch weissliehe Streifen miteinander verbunden waren. Die 
Nieren zeigten neben einer chronischen interstitiellen Nephritis 
einen leichten Grad von doppelseitiger Hydronephrose. Das 
Duodenum war mit dem Mesenterium, der Leber, dem Colon und 
der Gallenblase durch sehr starke, mit grauen Granulationen be¬ 
deckte Bindegewebsstränge verwachsen. 

9 Ziegler’s Beiträge. XXVI. Bd.. lieft .‘5. 1X99. 

*» Erscheint in Zieglers Beiträgen. XXXI. Bd. 3. lieft. 

s » Central!»], f. allg. Path.. IX. Bd.. 1X9S. 

9 „Eine zuverlässige Bindegewebsfärbung“. Anat. Anzeiger, 
XV. Bd.. 18ÜH, No. 9. 


Der Magen, dessen lig. gastro-colicum fast völlig durch Re¬ 
traktion verschwunden war, zeigte folgende, seine ausserordent¬ 
liche Kleinheit darstellende Maasse. Die Länge der kleinen 
Kurvatur betrug 7 cm, die der grossen Kurvatur 14,5 cm. Der 
Durchmessser des Pylorusringes manss:1.8 cm; derselbe war in der 
Fundusregion nicht grösser als 3,5 cm. Die ganze Mageuwand 
war ausser einem Bezirke an der Pylorusgegeud überall fast gleich- 
iniissig bis zu 0.5 cm verdickt und zwar betrifft diese Verdickung 
namentlich die Muskularis, die durch gelbliche, von der Submukosa 
zur Serosa reichende Streifen hüuüg unterbrochen war. Alle 
diese Maasse sind an dem ungehärteten Präparat genommen. Zu 
erwähnen ist noch, dass in der grossen Kurvatur ungefähr gegen 
die Mitte derselben zu. die Schleimhaut mehrere verdünnte Stellen 
zeigte, die von wallartig verdickten Partien eingefasst waren. 
Der Pylorus war bequem durchgängig für den Zeigefinger und 
makroskopisch in keiner Weise verändert. Am Darm fand sich, 
die oben schon erwähnten kleinen Tumoren ausgenommen, nichts 
Bemerkenswert lies. 

Alle diese Tumoren des Peritoneums erwieset» sieh bei der 
mikroskopischen Untersuchung hauptsächlich aus alveolär ange¬ 
ordneten Epithelzellen zusammengesetzt. Auch im Diaphragma 
seihst lagen Züge epithelialer Zellen in derbem Bindegewebe in 
Form von kommuuizirenden Alveolen. Ich gehe nun zur Be¬ 
sprechung der Verhältnisse am Magen selbst bei mikroskopischer 
Untersuchung über. Aus allen Theilen desselben wurden hiezu 
Stücke entnommen, und es zeigte sich ein über alle Schichten der 
Magenwand diffus ausgedehntes Karzinom. Auch in der Pylorus- 
gegend, welche makroskopisch ein normales Aussehen darbot, 
konnten die Epithelzellenstränge in Submukosa und Muskularis 
wahrgenommen werden, doch ist die Veränderung hier noch nicht 
so weit vorgeschritten wie in den übrigen Tlieilen des Magens. 
Im ganzen Bereich des Karzinoms ist an mehreren Stellen ein 
Zusammenhang dieser Zellstränge mit den Drüsenschläuchen der 
Mukosa zu konstatiren, und die Muskularis mukosa dadurch viel¬ 
fach durchbrochen. Die Mukosa zeigt eine Atrophie der Drüsen- 
sehläuche. Dieselben sind sehr schmal, das interstitielle Gewebe 
weist keine besondere Vermehrung auf, auch kleinzellige Intil- 
tration ist nur ln geringem Grade vorhanden. Die Wandungen 
grösserer Venen in der Submukosa und Subserosa waren an vielen 
Stellen durch eingewucherte Epithelzellen verändert, auch inner¬ 
halb von Nerven waren diese Zellen nachzuweisen. Im Allge¬ 
meinen fanden sich im reichlich entwickelten Bindegewebe, das 
grösstentlieils hyaline Degeneration zeigte, meist nur einreihige 
oder zweireihige Züge epithelialer Zellen, nirgends waren grössere 
Anhäufungen derselben zu erkennen. 

Schon bei der Färbung mit Haemalaun-Eosln traten kernlose, 
wellenförmig erscheinende Streifen von stärker glänzenden Fasetn 
im Bindegewebe hervor, aller erst durch die spezifische Elastin¬ 
färbung konnte eine genauere Vorstellung filier deren Verbreitung 
gewonnen werden. Hier zeigte sich zunächst ein auffälliger Unter¬ 
schied zwischen den einzelnen Theilen des Magens. Während in 
der Fundusregion, längs der kleinen Curvatur, sowie überhaupt 
in der Wandung des eigentlichen Magensackes eine deutliche Ver¬ 
mehrung und Verstärkung des elastischen Gewebes zu konstatiren 
war, konnte eine solche in der Pylorusregion. namentlich am 
Pylorusring nicht wahrgenommen werden. Au der Kardia bestand 
kein wesentlicher Unterschied zum Fundustheil, eigentümlich 
war hier nur das Auftreten von starken, elastischen Fasern in der 
Serosa. 

Die Anordnung des elastischen Gewebes in den Theilen des 
Magens, in welchen dasselbe vermehrt gefunden wurde, ist nun 
folgende. Man sieht zunächst einen Streifen vielfach sich kreu¬ 
zender und sich mit einander verflechtender, elastischer Fasern 
»licht unter den Drüsenenden der Mukosa hinziehen und von ihm 
aus au vielen Stellen Faserzüge stark gekräuselt auch zwischen 
die einzelnen Drüsenschläuche abgehen. Zwischen diesem Fas»*r- 
netz, welches eine deutliche Schicht, bildet, slclit man an viel n 
Orten Epithelzellen und vor Allem Muskelfasern auftreten. Es 
entspricht diese eben beschriebene Stelle ihrer ganzen Lage und 
Ausdehnung nach der Muscularis mucosae, an welcher auch Im 
nicht veränderten Magen Erwachsener ein Netz ganz feiner 
elastischer Fasern nnchznweisen ist und von der aus auch Bünd»>l 
in das sogenannte Stratum proprium der Mukosa abzweigen. 

In der Submukosa trifft man hie und da zwischen die Binde¬ 
gewebsfasern eingeschaltet kräftige elastische Fasern an, welche 
nur in »1er Nähe der Gefässe stärker vorhanden sind, namentlich 
der Venen, deren Wandung durch eingewucherte Eplthelzellen 
aufgefasert sind. Es ist hier an Stelle der 3 Schichten der Wan¬ 
dung ein »lichtes Gewirr elastischer Fasern zu sehen. 

Zwischen Submukosa und Muskularis tritt eine zweite Lage 
elastischer Fasern auf mul zwar sind diese Fasern viel kräf¬ 
tiger als «lie »ler oben besprochenen Schicht und üb«*rtreffcn an 
Breite noch die der Elastica interna »1er grösseren Gefässe des 
Magens. Sie erscheinen stark wellenförmig gewunden und sind 
oft auf w«*ite Strecken ln 2 - 3 Rtälien übereitiumlorliegend zu ver¬ 
folgen. vielfach sind sie aber auch als einzelne, kurze, stets noch 
gewundene Stückchen wahrzunelimen. 

In »ler Muskularis tritt das elastische Gewebe nur in «1er 
Umgebung grösserer Gefässe im Interstitiellen Bindegewebe wieder 
stärker hervor. Das die einzelnen Muskelhüudcl umgebende Nclz 
ist nur in geriug»*m Grade verstärkt. In der Advcntitia der grös¬ 
seren Gefässe der Serosa erscheint gleichfalls eine deutliche Ver¬ 
mehrung. mancher Querschnitt von Venen, deren Wandung, wie 
oben schon erwähnt, von Kpithelzellen durchsetzt ist. stellt sieh 
als KnäiH‘1 von sieh korbnrtig verdechtemlen elastischen Fasern 
dar; ein Lumen ist oft gar nicht mehr deutlich ztr erkennen und 

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360 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


wird nur durch die etwas stärker hervortretenden Fasern der 
Elastica interna angedeutet. Es ist ja bekannt, dass die elastischen 
Elemente der Gefässwände lange Zeit dem Einwuchern der epi¬ 
thelialen Zellen beim Karzinom wirksamen Widerstand leisten; 
dieselben sind auch noch nachzuweisen, wenn alle anderen Fasern 
der Wandung verschwunden sind; ich habe aber bei keinem von 
vielen daraufhin untersuchten Karzinomen des Magens bei Durch¬ 
wucherung durch die Gefässwand ein so starkes und deutliches 
Hervortreten dieser Fasern beobachtet. Die untersuchten Lymph- 
drüsen zeigten gleichfalls eine stärkere Entwicklung der elasti¬ 
schen Elemente, was namentlich ln der Umgebung der metasta¬ 
tischen Epithelzellenauhäufungeu hervortrat. 

In dem oben erwähnten Falle eines skirrhösen Magenkarzi¬ 
noms, der von Schmo rl als mit einer starken Entwicklung des 
elastischen Gewebes verbunden mitgetheilt wurde, scheint es sich 
gleichfalls um ein solches diffuses Karzinom gehandelt zu haben. 
Auch hier soll eine starke Verkleinerung des Magens vorhanden 
gewesen sein. Herr Medizinalrath Dr. S c h m o r 1 war so liebens¬ 
würdig, mir dies auf meine Anfrage hin mitzutheilen, ich spreche 
ilun gern an dieser Stelle meinen besten Dank liierfür aus. 
Leider existirten keine genaueren Angaben mehr über diesen 
Befund. Der Sitz des von mir beschriebenen Karzinoms im 
eigentlichen Magensacke, die hier vorhandene Vermehrung des 
elastischen Gewebes und das hohe Alter der Frau führten mich 
auf eine vergleichende Untersuchung des elastischen Gewebes in 
den einzelnen Abschnitten des Magens bei verschiedenen Alters¬ 
stufen. Es sollte hierdurch festgestellt werden, ob die starke 
Entwicklung desselben in solchen Fällen allein durch die Anwesen¬ 
heit des Karzinoms erklärt werden kann. Ich habe Mägen von 
3 Tage bis 68 Jahre alten Individuen untersucht und will kurz 
über die an dem elastischen Gewebe gemachten Beobachtungen 
berichten. Natürlich wurden nur Mägen vorgenommen, bei 
welchen keine pathologischen Verhältnisse konstatirt werden 
konnten, und jedesmal Stücke aus Kardia, Fundus und Pylorus 
ausgewählt. Ich muss hier jedoch vorausschicken, dass eine Ent¬ 
scheidung, ob man es wirklich mit spezifisch gefärbten Elementen 
zu thun hat, bei ganz jungen Individuen oft unmöglich ist. Es 
tritt hier bei der getrennten Darstellung des kollagenen und 
elastischen Gewebes mittels der oben angeführten kombinirten 
Färbung eine Mittelfarbe auf, die eine Trennung der beiden 
Bindegewebsbestandtheile auf mikrochemischem Wege nicht zu¬ 
lässt. Nur die Elastica interna der Gefässe zeigt schon die 
scharfe charakteristische Färbung, welche im späteren Lebensalter 
bei der gleichen Behandlung der Präparate auch an den im Binde¬ 
gewebe befindlichen elastischen Elementen zu sehen ist. Es scheint 
mir nach dem Gesagten eine scharfe Trennung der beiden Ge- 
websbestandtheile, der Leim gebenden und Elastin gebenden 
Substanz für manche Organtheile nicht möglich und man muss 
hier von einem kollagen-elastischen Gewebe sprechen, wie dies 
auch Melnikow-Raswedenkow (1. c.) thut. Dieses Ge¬ 
webe findet sich in dem Magen Erwachsener in dem sogen. Stra¬ 
tum proprium der Mukosa und in ihm treten dann bei höherem 
Alter sich typisch blauschwarz färbende elastische Fasern auf. 
Bei einem 3 tägigen Neugeborenen, welches bei der Sektion 
Zeichen von Lues aufwies, konnte, das Gefässsystem aus¬ 
genommen, noch keine spezifische Färbung im Magen erzielt 
werden. Dagegen fand ich bei einem 20 Tage alten Kinde, welches 
an „Atrophie“ zu Grunde gegangen war, und bei dessen Sektion 
sich im Wesentlichen eine leichte Pigmentation in den Lymph- 
follikeln der Darmschleimhaut zeigte, sowohl in der Magen¬ 
schleimhaut als auch im Bindegewebe der Submukosa, in dem 
der Muskularis und auch in der Serosa ganz vereinzelte, mit Deut¬ 
lichkeit sich fast schwarz färbende, feine Fasern eingelagert. 
An der Mukosa waren dieselben allerdings nur in der Rand¬ 
zone der Lvmphfollikel, welche sich an der Kardia und am Py¬ 
lorus vorfanden, wahrzunehmon. Wenn sich auch schon so früh¬ 
zeitig elastische Fasern mit Deutlichkeit in den einzelnen 
Schichten der Magenwandung nachweisen lassen, so findet man 
eine regelmässige Anordnung derselben doch erst iin mittleren 
Lebensalter. Individuelle Schwankungen lassen hierüber keinen 
bestimmten Zeitpunkt angeben. Wie bekannt, ist das elastische 
Gewebe im Magen Erwachsener im Allgemeinen an seine Mus¬ 
kulatur gebunden, die es in einem feinen Netze umspinnt. In 
dem mittleren Lebensalter, also 20.—50. Jahre, ist zwischen den 
einzelnen Theilen des Magens in Bezug auf die Stärke seiner 
Entwicklung kein besonderer Unterschied zu bemerken. Erst im 
höheren Alter, also im 6. Jahrzehnt, tritt eine beachtenswerthe 
Scheidung ein, indem hier das elastische Gewebe der Kardia- 


und Fundusregion bedeutend stärker hervortritt, als das in der 
Pylorusgegend. Wir sehen hier das die eigentliche Muskularis 
umgebende und in den bindegewebigen, die Gefässe enthaltenden 
Zwischenräumen zwischen den einzelnen Muskelschichten in 
früheren Lebensepochen spärlich vorhandene Netz elastischer 
Fasern zu einem dichten Filzwerk entwickelt, gegen welches da> 
kollagene Gewebe ganz zurücktritt. Wie schon erwähnt, treten 
auch in der Mukosa in dem kollagen-elastischen Gewebe nun mit 
Deutlichkeit elastische Elemente auf. Dieser mehrfach kon- 
trolirte Befund war namentlich bei dem sonst unveränderten 
Magen einer 68 jährigen, an multipler eitriger Arthritis ge¬ 
storbenen Frau so ausgesprochen, dass er den bei dem be¬ 
schriebenen Karzinom beobachteten Verhältnissen fast gleichkam. 
Dieser Zustand erscheint mir als eine physiologisch zu be¬ 
zeichnende Altersveränderung, die wohl einer Dilatation des 
Magenfundus bei dem funktionellen Nachlassen der Muskulatur 
verbeugen kann. An den einzelnen Elementen der Muskularis 
konnte ich keine Veränderung konstatiren. Vielleicht ist gerade 
die starke Verkleinerung des Magens bei dem mitgetheilten Kar¬ 
zinom, die sich auch in dem von Schmorl erwähnten Falle 
fand, so zu erklären, dass durch die die weniger festen Bestand- 
theile der Magenwanduug destruirende Epithelwucherung das 
zähe, widerstandsfähige; Gewebe die Ueberhand gewinnt und 
ähnlich wie durch die Wirkung der Membrana elastica bei einer 
durchschnittenen Arterie das Organ zu einem so engen Rohre mit 
derber Wandung zusammenzieht. Auch der stets beobachtete 
wellenförmige Verlauf der starken elastischen Fasern bei dem be¬ 
sprochenen Fall deutet auf seine solche Zusammenziehung hin. 
Ich nehme also an, dass das starke Hervortreten des elastischen 
Gewebes bei diesem diffusen Karzinom eine Erscheinung ist, die 
mit der eigentlichen atypischen Epithelwucherung in keinem 
direkten ursächlichen Zusammenhang steht, so dass durch diese 
Beobachtung die allgemein bekannte Thatsaehe von einer Nicht¬ 
betheiligung des elastischen Gewebes bei bösartigen Neubildungen 
nicht berührt wird. Die Zunahme der elastischen Fasern in den 
beschriebenen Lymphdrüsen ist nicht so stark, als dass sie nicht 
durch die in der oft zitirten Arbeit Melnikow-Rasweden- 
k o w’s mitgetheilten Befunde an diesen Organen in höherem Alter 
erklärt werden könnte. 

Ob sich nun in jedem Falle dieser Karzinome, die — wie 
II a u 8 e r in seiner Arbeit über das Zylinderepithelkarzinom 
des Magens und Dickdarms (1890) angibt — selten sind, bei so 
ausgesprochener Verkleinerung des Organes die starke Entwick¬ 
lung des elastischen Gewebes findet, muss weiteren Beobachtungen 
überlassen werden; auch konnte ich keine Angaben in der Litera¬ 
tur entdecken, dass diese eigenartigen Karzinome ausschliesslich 
bei Individuen höheren Lebensalters zu beobachten sind. Jeden¬ 
falls wird man auf diese Altersveränderung auch bei anderen Er¬ 
krankungen des Magens stets zu achten haben. 

Herrn Prof. Dr. Zahn spreche ich für die gütige Ueber- 
lassung des Materials zu dieser Arbeit, sowie für das ihr entgegen¬ 
gebrachte Interesse meinen ehrerbietigsten Dank aus. 


Pesterkrankungen auf einem deutschen Dampfer. 

Von Dr. med. Siegfried Oberndorfer, 

Assistent am pathologischen Institut München. 

Auf einer Reise nach Mittelbrasilien, die ich vom Oktober 
1901 bis Januar 1902 in der Eigenschaft eines Schiffsarztes an 
Bord eines deutschen Dampfers machte, hatte ich Gelegenheit, 
zwei Pestfälle an Bord beobachten zu können, wovon der eine 
besonderes Interesse bieten dürfte, da seine Aetiologie annähernd 
klar war und der Verlauf der Krankheit 8 Tage lang genau be¬ 
obachtet werden konnte. Der Beschreibung dieser Fälle möchte 
ich eine kurze Schilderung der über uns verhängten Quarantäne- 
und Desinfektionsmaassregeln, sowie der Quarantänespitäler in 
Brasilien, die ich besuchen konnte, beifügen. 

Unser Schiff führte ungefähr 400 Personen, wovon auf die 
Schlffsbesatzuug 50, auf die Kajüte 24 und der Rest, also über 300, 
auf das Zwischendeck entfielen; die Zwischendeckspassagiere er¬ 
hielten wir grösstentheil8 ln Cortina, wenige kamen noch ln 
Leixoes und Lissabon an Bord. Ihrer Nationalität nach waren 
es hauptsächlich Spanier, nur wenige Portugiesen: es waren fast 
durchgehende junge, kräftige Leute beiderlei Geschlechts, sowie 
zahlreiche Kinder, die als Emigranten auf Kosten des brasiliani¬ 
schen Staates Sao Paulo nach Brasilien Ubersiedeln. Ihr Bestim¬ 
mungsort war Snntos. — Unser Zwischendeck war demnach stark 
belegt und die tägliche Runde durch dasselbe ln früher Morgeu- 


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4. Märe 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 361 


stunde* bot keinen sehr erhebenden Eindruck auf Auge und Nase. 

Die Ueberfahrt verlief ohne jede wesentliche Erkrankung. 
Am 15. November 1901 gingen wir im Hafen von Rio de Janeiro 
vor Anker. 4 Wochen vorher war Rio offiziell als pestverseucht 
erklärt worden. Der Kapitän unseres Schiffes, der in Folge dessen 
die Kommunikation unserer Zwischendecker mit dem Festland 
möglichst beschränken wollte, wählte den Ankerplatz desswegen 
ungefähr 3 km vom Lande entfernt. 

Meine Erkundigungen über die Grösse der Pesterkrankungen 
in der brasilianischen Hauptstadt, die ich an kompetenter Stelle 
einzog, ergaben, dass täglich 3—4 Kranke iu’s Isolamente, das 
sich auf einer Rio gegenüberliegenden Insel befindet, eingeliefert 
werden. Allerdings besteht dabei die grosse Möglichkeit, dass wei¬ 
tere Fülle sich der Kenntniss der Medizinalbehörden entziehtn. 

Da wir ziemlich viel Ladung für Rio hatten, war eine völlige 
Abschliessung des Schiffes vom Laude nicht möglich; GO—70 Ar¬ 
beiter waren ununterbrochen bei Tage und bei Nacht in Thatig- 
keit und da in sämmtlichen Laderäumen des Schiffes gearbeitet 
wurde, mussten die Arbeiter auch in Berührung mit unserer 
Zwischendecksbevölkerung treten. 

Am Montag, 18. November, Morgens 8 Uhr — ich wollte ge¬ 
rade an Land gehen, um das berühmte Leproseuspital in Rio zu 
besuchen — wurde mir von ihrer Mutter eine kleine, 7 jährige 
Spanierin, ein Emlgrantentöehterehen, in die Sprechstunde ge¬ 
führt Die Kleine konnte kaum gehen und klagte über überaus 
heftige Schmerzen in der rechten Leistengegend. Wie mir die 
Mutter mittheilte, war die Kleine immer völlig gesund gewesen 
und habe erst an jenem Morgen über plötzlich aufgetret n* 
Schmerzen iin Leibe geklagt. Die Mutter glaubte, dass es sLh 
um eine rein gastrische Störung handle, da das Kind Abends vorher 
viel Käse und Marmelade gegessen habe; auf die Frage nach der 
Provenienz dieser Nahrungsmittel erfuhr ich, dass der Vater des 
Kindes, der in einem Spital in Rio Krankenwärter sei, am vorigen 
Tage mit den Arbeitern an Bord gekommen wäre und seinen 
Kindern diese Leckereien mitgebracht hätte. 

Die Untersuchung des Kindes ergab kein Resultat, das das 
schwere Allgemeinbefinden erklärt hätte; nur bei Berührung der 
rechten Leistengegend empfand die kleine Patientin heftige 
Schmerzen; doch bot die ganze Gegend bei Palpation und Per¬ 
kussion keinerlei Befund. Die Zunge des Kindes war etwas belegt, 
die Temperatur betrug 37,8° in der Achsel; die Herzthätigkeit 
war sehr beschleunigt, die Pulsfrequenz über 110. 

Da ich mir von einer Entlastung des Darmes guten Erfolg 
versprach, gab ich sofort einen Einlauf von 200 ccm Seewasser, 
der eine prompte, stark stinkende Entleerung zur Folge hatte. — 
Auf die schmerzhafte Stelle legte ich eine Eisblase und verordnete 
absolute Ruhe. Gleichzeitig liess ich das Schiffshospital in Stand 
setzen, und verfügte Nachmittags die Unterbringung der Patien¬ 
tin mit ihrer Mutter und ihrem 2 jährigen Schwesterchen in 
dasselbe. 

Meine Diagnose war keine bestimmte: die starken Schmerzen 
ln der Leiste konnten ebenso gut von einer akuten Appendicit'.s 
oder Coekumreizung, wie von einem plötzlich eingeklemmten 
innerem Bruch herrühren; auffallend war eben die Plötzlichkeit 
der Störung des Allgemeinbefindens, das starke Fieber und die 
Beschleunigung des Pulses. Nachmittags erfolgte einmaliges Er¬ 
brechen. Es bestand völlige Appetitlosigkeit, dagegen starker 
Durst; die Temperatur erhob sich gegen Abend auf 39,8°. Die 
erste Nacht verlief sehr unruhig; das Kind delirirte fortdauernd, 
Temperatur war fortdauernd hoch; kalte Wickel bewirkten Be¬ 
ruhigung, so dass gegen Morgen Schlaf eiutrat. 

2. Krankheitstag U9. XI.) Das starke Fieber be¬ 
herrscht fortdauernd das Kranklieitsbild. Morgens war die Tem¬ 
peratur in der Achsel 39,9°. Die Schmerzen an der Leiste waren 
zwar etwas geringer, doch war jetzt hier zirkumskripte Röthung 
lind geringgradige Schwellung zu konstatiren; die ganze 
Gegend fühlte sich wie ödematös infiltrirt an. 
Appetit fehlt völlig, dagegen besteht starker Durst; Himbeeressig 
mit Wasser wird gerne genommen, Portwein, den ich zur Stärkung 
der schwachen und äusserst frequenten Herzlhiitigkeit gab, wurde 
erbrochen. Das Kind fiebert den ganzen Tag über heftig, der im 
allgemeinen somnolente Zustand wird durch Delirien unter¬ 
brochen. 

3. Krankheitstag (20. XI.). Das Krankheitsbild h t 
sich nicht geändert; die Schmerzen in der rechten Leiste bestehen 
weiter, die ödematöse Schwellung aber ist etwas zurüekgegangen. 
Die Lunge ist stark belegt und sieht aus, als ob sie mit ein r 
weisen Kalkschale bedeckt wäre, aus der die Spitzen der Papillen 
als rothe Punkte hervorragen. 

4. Krankheitstag. (21. XI.) Das Krankheits¬ 
bild ist heute ausgesprochen, an der Diagnose 
Pest lässt sich nun nicht mehr zweifeln. An der rechten 
Leiste ist eine circa hühnereigrosse Drüse 
deutlich zu pal p Iren, die ödematöse Schwellung der 
ganzen Gegend ist hingegen noch weiter zurüekgegangen. Ueber 
dem rechten Schienbein ist des Weiteren eine mandelkerngrosse 
bläuliche Verfärbung aufgetreten, die von einem ungefähr halb¬ 
kartenblattgrossen, gerötheten und geschwellten Hof umgeben 
ist; hier bestehen auch starke Schmerzen. Auch über dem rechten 
Ellbogen findet sich zirkumskripte Röthung und Schwellung In 
der Gegend der Kubitaldrüsen. Fieber fortdauernd sehr hoch 
(39,5 # — 39,9°). Die Schmerzen an der Leiste sind geringer, der 
Zustand ist somnolent, nur bei Berührung schreit das Kind; 
Delirien treten auch unter Tags auf. Abends hatte die Schwellung 
am rechten Unterschenkel an Ausdehnung bedeutend zugenommen; 
an der Fusssohle hat sich eine kleine blasige Erhebung der Epi¬ 
dermis gebildet, die auf Sublimatverbände in kurzer Zeit aufging. 

No. 9. 


* 5. Krankheitstag. (22. XI.) Die Schwellung am rechten 
Bein hat weiterhin zugenommen; sie grenzt sich gegen das um¬ 
gebende noch normale Gew'ebe mit scharfem, zackigem Rande ab. 
Die Schwellung am rechten Ellbogen ist weniger schmerzhaft, 
ebenso die Leistengegend. — Der Allgemeinzustand ist fortdauernd 
schlecht Das Fieber schwankt zwischen 39,3° und 39,9°. Zeit¬ 
weise treten Delirien auf, die aber bei Anwendung von kalten 
Wickeln bald sistiren; die Wickel haben auch wesentlichen Ein¬ 
fluss auf die Temperatur, die unter ihrer Anwendung immer um 
mehrere Zehntelgrad sinkt. 

Das Kind zeigt zum ersten Mal etwas Appetit, es nimmt 
Bouillon und ein halbes Ei zu sich; fortwährend Verstopfung, im 
Urin Spuren von Eiweiss. 

Abends kam unter Führung des Herrn Dr. Lutz, Chef des 
bakteriologischen Instituts am Isolamente in Sao Paolo, eine Kom¬ 
mission au Bord, um die bakteriologische Untersuchung anzu¬ 
stellen. Die zu diesem Zwecke angestellte Punktion der Leisten¬ 
drüse ergab, dass diese sich schon in einem vorgeschrittenen Zu¬ 
stande von Erweichung befinden müsse, denn die Spritze konnte 
ihr einige Kubikzentimeter trüber, fast eiteriger Flüssigkeit ent¬ 
nehmen. Die sofort angefertigten Strichpräparate Hessen nur 
wenige Bakterien, neben Rosenkranz- und Doppelkugelformen 
auch kleine Ovalformen mit dunkel gefärbten Polen, erkennen. 
Diese Untersuchung ergab ein diagnostisch zweifelhaftes Resultat, 
doch fielen die angelegten Kulturen, sowie der Impfversuch, wie 
mir später Dr. Lutz mittheilte, positiv aus. 

6. Krankheitstag (23. XI.). Die Nacht verlief ruhiger, 
überhaupt ist der Allgemeinzustand etwas besser; die Temperatur 
schwankt zwischen 38,1 0 und 39,4 Keine Delirien, aber noch 
immer etwas somnolenter Zustand. Etwas Suppe und Brod wird 
mit Appetit genommen. Schmerzen bestehen nur am rechten Bein; 
hier hat die Schwellung weiterhin an Ausdehnung gewonnen, 
dazu haben sich besonders auf der Wadenseite des Unterschenkels 
zahlreiche Blasen gebildet; das ganze Bild ist das des 
bullösen Erysipels. Da unter feuchten Verbänden die 
Blasen sich nicht öffnen, inzidirte ich sie gegen Abend; es ent¬ 
quillt ihnen reichliches, fast eitriges und dünnflüssiges Sekret; das 
ganze Bein wird dann in Alkoholkompressen gelegt. 

Herzthätigkeit fortdauernd schwach, Puls 132. Im Harn ist 
die Eiweissreaktion deutlicher. — Abends erfolgt Injektion 
von 10 ccm Pestserum, das ich der Freundlichkeit des 
Herrn Dr. Lutz verdankte. 

7. Krankheitstag (24. XI.). Die Schwellung am rechten 
Unterschenkel greift nun bis über die Patella hinaus und umfasst 
den ganzen Fuss und Unterschenkel; sie endet mit scharfem, 
zackigen Rand oberhalb der Patella; zahlreiche Blasen haben sich 
besonders auf der Rückseite neu gebildet. Die Leistendrüsen sind 
stark geschwollen, zeigen aber keine Fluktuation; Schmerzen sind 
nur gering. Ebenso hat die Schwellung am rechten Ellbogen 
nicht mehr zugenommen. 

Temperaturen schwanken zwischen 39,0 und 39,5. Das Krank¬ 
heitsbild scheint von dem Erysipel völlig beherrscht zu werden. 
Der somnolente Zustand dauert an, Delirien treten noch ab und 
zu auf. 

8. Krankheitstag (25. XI.). Die erysipelatöse Schwel¬ 
lung am Bein hat keine weiteren Fortschritte gemacht; die Blasen 
haben sich z. Th. unter dem Alkohol verband geöffnet, z. Th. haben 
sich neue gebildet. Die Schmerzhaftigkeit an diesen Stellen is 
noch unverändert. Die Leistendrüsen fühlen sich zwar etwas wei¬ 
cher au, zeigen aber noch keine Fluktuation. Fieber betrug Mor¬ 
gens 38,5, stieg aber Abends wieder auf 39,8. Im Harn noch Ei¬ 
weiss in geringer Menge. Etwas Appetit; Nachmittags erfolgte 
der erste Stuhlgang seit Beginn der Erkrankung. 

9. Krankheitstag (26. XI.). Der allgemeine Befund ist 
unverändert. Mittags wird das Kind mit seinen Angehörigen in 
das Pestspital in Rio de Janeiro überführt. 

E p 1 k r i s e: Die Infektion des Kindes musste in Rio 
erfolgt sein. Alle Häfen, die wir vorher berührt hatten, waren 
frei von Pest, während ln Rio eine Epidemie herrschte. M i t 
Wahrscheinlichkeit war der Vater des Kindes 
der Ueberträger der Infektion. Er selbst soll zwar 
vorher nicht krank gewesen sein, auch erkrankte er in der seiuem 
Besuch auf unserem Schiff folgenden Woche nicht, wie mir Dr. 
Pimentei, Arzt am Pesthospital in Rio, mitthellte; doch ist es 
bei seinem Berufe — er ist Krankenwärter — überaus möglich, 
dass er mit nicht diagnostizirten Pestfällen in seinen Krankt n- 
abtheilungen zu thun hatte; ob die mitgebrachteu Esswaaren 
direkt die Infektion bewirkten, ist fraglich. Auffallend ist jeden¬ 
falls die kurze, symptomlose Inkubationszeit. War der Vater dir 
Uebermittler der Infektion, so liegt zwischen Ansteckung und 
Ausbruch der Erkrankung nur ein Zeitraum von höchstens 
20 Stunden; waren die Arbeiter, die mit der Ladung beschäftigt 
waren und theilweise im Zwischendeck arbeiteten, die Vermittler, 
so ist die Inkubationsdauer höchstens 72 Stunden. 

Dass Ratten die Uebermittler der Infektion waren, ist ziem¬ 
lich sicher auszuschliesesn. Todte Ratten wurden während der 
ganzen Reise auf dem Schiffe nicht bemerkt; nur nach dem Aus¬ 
räuchern in 11ha grande fand sieh neben dem Schwefeltopf eine 
todte Ratte, deren Tod aber ausschliesslich den Schwofcl- 
dämpfon zuzuschreiben ist; ich selbst untersuchte den Kadaver 
und konnte keinerlei verdächtige Veränderungen konstatireu. 
Auch später, als in Santos das Schiff vollständig geräumt wurde, 
fanden sich keine Rattenleichen. Für wahrscheinlicher halte ich, 
wenn eine Infektion auf dem Wege des Magen-I)armkanals uu- 

& 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


362 


möglich sein sollte, die Uebertragung dos Contagiums durch In¬ 
sekten, besonders Flöhe, von denen es, wie es bei der Unreinlich¬ 
keit unserer spanischen Emigranten begreiflich ist, in unserem 
Zwischendeck wimmelte. Audi die Arbeiter, die von Rio aus 
auf’s Schiff kamen, waren, ihrer Unreinlichkeit nach zu schliessen, 
nicht immun gegen jene Insekten. 

Der Fall ist im Allgemeinen als leichter anzusehen; die All¬ 
gemeinerscheinungen waren zwar sehr schwere, doch traten die 
Bubonen erst später auf und zeigten geringe Neigung, zu nekroti- 
siren und perforiren. Gegen Ende der Behandlung war im All¬ 
gemeinbefinden eher eine leichte Besserung zu konstatiren. 

Der Anfang der Erkrankung charaktcrisirte sich dadurch, 
dass die Symptome auf kein anderes bekanntes Krankheitsbild 
passten, und vor Allem durch das völlig negative Resultat der 
Untersuchung. Am 2. Krankheitstage bildete sich die ödematöse 
Schwellung in der Umgebung der Leistendrüsen, am 3. Tage die 
Anfänge des bullösen Erysipels am Beine, das am 4. Tage aus¬ 
gesprochen war. Dieses Erysipel ist wohl unter 
die selteneren karbunkulösen Formen derPest 
zu rechnen; es beherrschte in den letzten Tagen völlig das 
Krankheitsbild, während die Drüsenschwellung an der Leiste, 
die ebenfalls erst vom 3. Tage ab zu konstatiren war, wie die 
Schwellung der Oubitaldriisen mehr in den Hintergrund traten. 
Allerdings waren die Leistenlyniphdrüsen schon in Erweichung 
vom 5. Tage ab, wie die Punktion ergab. Als Symptom der 
schweren Allgemeinerkrankung ist wohl auch der Eiweissgehalt 
des Urins aufzufassen. Charakteristisch war auch der Befund an 
der Zunge: Der weissc Belag, aus dem die Papillenspitzen her¬ 
vorragen — daher auch die Bezeichnung „Perimutterzunge“ — 
ist so typisch, dass, wer dieses Bild einmal gesehen hat, es kaum 
je vergessen wird. 

Der zweite Fall blieb vom Tage der Erkrankung an nur 
I14 Tage an IJord. I]s handelte sich um einen 21 jährigen spa¬ 
nischen Emigranten: er erkrankte gerade 8 Tage nach dem ersten 
Fall und zwar am 25. XI. Die Erkrankung war auch hier eine 
plötzliche; der Patient, der sofort, als er sich unwohl fühlte, zu 
mir kam, bot folgenden Befund: Benommener Gesichtsausdruck, 
grosse Mattigkeit; Patient kann sich kaum aufrecht halten. Puls 
zwar voll, aber beschleunigt (120). Temperatur über 39 °. Zunge 
belegt; starke, plötzlich aufgetretene Schmerzen in der linken 
Leisten- und Cervicalgegend. 

Die Untersuchung der Organe ergab als einzigen Befund eine 
leichte Leberschwelluug. Bei Palpation der Leisten- und Cervlcai- 
gegend empfindet Patient grössere Schmerzen. Patient gibt an. 
stets völlig gesund gewesen zu sein; erst seit dem Morgen em¬ 
pfindet er Schwindel und Schmerzen. 

Ich lsolirte den Kranken sofort, gab eine Einspritzung von 
15 ccm Serum und kalte Wickel; das Fieber sank gegen Mittag 
auf 38°, um gegen Abend wieder auf 39,1 zu steigen. Von da ab 
kontinuirliches langsames Fallen der Temperatur, bis Patient das 
Schiff verliess. 

Gegen Abend konstatirte ich leichte Drüsenschwellung in 
der linken Leiste; Chinin wird sofort erbrochen. Wenig Appetit, 
starker Durst. 

Am andern Morgen war der Allgemeinzustand etwas besser, 
die Schmerzen geringer. Mittags 12 TJhr wird er ebenfalls in’s 
Isolamente in Rio überführt. 

Wie ich 3 Tage später erfuhr, ist auch bei diesem Patienten 
Pest konstatirt worden; in gleicher Weise wurde mir mitgetheilt, 
dass der Zustand der kleinen Patientin ein hoffnungsloser wäre. 
Die Bubonen der Leiste wären aufgebrochen, ebenso hätte sich ein 
Bubo am Ellbogen gebildet, auch beim ersten Patienten sind an 
Hals und Leiste Bubonen entstanden. 

Epikrise des 2. Falles: Er verlief im Anfang unter 
leichteren Symptomen als der erste: auffallend war auch hier die 
Plötzlichkeit der Störung des Allgemeinbefindens und des Auf¬ 
tretens der Schmerzen an Stelle der späteren Bubonenbildung, 
sowie der von Anfang an stark beschleunigte Puls. 

Die Art der Infektion des zweiten Falles 
kann eine doppelte sein: entweder wurde er zu gleicher Zeit 
und in gleicher Weise wie das Kind angesteckt — bei den engen 
Verhältnissen im Zwischendeck stehen dessen Bewohner unter 
einander in engster Berührung —, dann muss bei ihm die In¬ 
kubationsdauer ca. 8 Tage betragen haben, oder die Quelle der 
Infektion ging vom Kinde aus. Wer die Verhältnisse an Bord 
eines Dampfers kennt, wird zugeben, dass absolute Isolirung 
wie in einem Spital am Land unmöglich ist; zudem waren in 
den ersten 2 Tagen, als das Krankheitsbild noch in keiner Weise 
geklärt war, die strengen Isolirungsmaassnahmen noch nicht vor¬ 
genommen worden. Der Patient selbst wusste keinen Grund 
seiner Erkrankung anzugeben. 

Die Behandlung der Fälle war eine vorwiegend 
symptomatische und beschränkte sich auf kalte Wickel, Antipyrin, 
C hini n, sowie leichte Excitantien, wie Portwein. Der erste Fall 


erhielt eine Serumdosis von 10 ccm, aber erst am 5. Tage der 
Erkrankung, der zweite sofort beim Auftreten der ersten Sym¬ 
ptome 15 ccm. Die Injektion verlief im ersten Fall völlig re¬ 
aktionslos, während der zweite Patient über Schmerzen an der 
Injektionsstelle klagte. 

Hier anschliessend möchte ich gleichzeitig meine Erfahr¬ 
ungen über Immunisirung bezw. Anwendung doa 
Pestserums anführen. Ich erhielt am 23. XI. von Herrn 
Dr. Lutz von Sao Paulo von ilun selbst hergestelltes Serum 
und zwar 4 Tuben zu jo 15 ccm Inhalt; von diesem wurden die 
Patienten, ihre Angehörigen, die Krankenwärter, der Kapitän 
und die Offiziere sowie ich geimpft, alle mit Ausnahme der 
Kranken mit je 5 ccm. I 11 Rio erhielt ich am 26. XI. weiteres 
Serum, das im Institute serotherapico federal in Rio hergestellt 
wurde, womit die übrige Mannschaft, mit Ausnahme einiger 
Heizer und Trimmer, die sich weigerten, die Impfung an sich 
vornehmen zu lassen, injizirt wurde (je 5 ccm). Da« Serum 
wurde unter die Bauchdecken, seitlich, ungefähr in Nabelhöhe 
injizirt. 

12 Stunden nach der Impfung konstatirte ich an mir 
Schmerzen besonders bei Bewegungen; die ganze Umgegend der 
Impfstelle war geschwollen; die Schwellung ging am nächsten 
Tage zurück, dagegen bildete sich eine unbeträchtliche Schwel¬ 
lung der Leistendrüsen, die aber nicht schmerzhaft war. Nach 
wenigen Tagen war jede Spur der Impfung verschwunden. Die 
übrigen Impflinge zeigten ungefähr dasselbe Verhalten . 

Nur der Kapitän und der I. Offizier bekamen 8 Tage später, 
der Injektionsstelle entsprechend, ein ziemlich ausgedehntes, stark 
juckendes Serumexanthem mit Blasenbildung, das aber 
nach wenigen Tagen unter Puderbeliandlung zurückging. 

Unsere Reise verlief in Folge der Pesterkrankuugen und der 
Furcht der Behörden von Santos vor einer allenfallsigen Ein¬ 
schleppung der gefürchteten Krankheit etwas abenteuerlich. 

Am Tage der Abreise von Rio (18. XI.) erkrankte der erste 
Fall; die Erkrankung wurde gemeldet, der Gesundheitspass ab.*r 
ausgestellt. Unsere nächste Station war Ilha grande, »ine 
von Rio 6 Stunden entfernte, idyllisch gelegene Insel, wo särnnit- 
liche Schiffe, die von Rio aus andere brasilianische Häfen an- 
laufen wollten, einer Desinfektion unterzogen werden. Letztere 
erfolgt ln der Weise, dass die Laderäume des Schiffes mit Schwefel- 
dumpfen ausgeräuchert, die Klosets und Baderäume mit Kupfer- 
und Eisenvitriol desinflzirt, die Gänge mit Sublimat bespritzt und 
die getragene Wüsche an Land durch strömenden Dampf steri- 
lisirt wurden. 

Der Gesundheitspass wurde uns auch hier nicht vorenthalten; 
wir fuhren dann dem Endpunkt unserer Reise, Santos, dem 
Hauptkaffeeexportplatz Brasiliens, zu, wo wir am 20. XI. an 
kamen. 

Am 21. XI. holten wir an den Quai an, um unsere Emi¬ 
granten auszuschiffen; die Kajütspassagiere hatten sich sch» n 
Tags vorher an Land begeben. Da an jenem Morgen die Symptome 
des Kranken solche waren, dass an der Diagnose Pestis bubonii-a 
kaum mehr gezweifelt werden konnte, thellte der Kapitän dem 
Hafenarzt meine Befürchtung mit; wir bekamen denn kurz dar¬ 
nach Ordre, sofort am Quai abzuholen und im Strom in Quarantäne 
vor Anker zu gehn. — Unsere Emigranten, die sich so nahe ihrer 
neuen Heimath sahen und denen der Zutritt zu derselben so plötz¬ 
lich verwehrt wurde, befanden sich dadurch in grosser Aufregung, 
umsomehr, als ihr ganzes Gepäck bereits ausgeschifft war; als Ur¬ 
heber dieser Störung wurde natürlich der Schiffsarzt angesehen 
und es fehlte nicht viel, so wäre ich von meinen bis dahin stets 
dankbaren Patienten gelyncht worden. 

• Am 22. XI. kam die bakteriologische Kommission von Sao 
Paolo an Bord; die Herren stellteu uns in Aussicht, dass Kranke 
und Emigranten ln Quarantäne gelandet werden dürfen. Die von 
Brasilien erlassenen Vorschriften, betr. Behandlung von Schiffen, 
an deren Bord Pestfälle Vorkommen, besagen auch, dass die 
Kranken so bald als möglich ln die Isolirspitäler am Lande ülwr- 
führt werden sollen. Obwohl nun in Santos ein gross angelegt» s 
Isolamente besteht, erhielten wir 2 Tage später mit der Mitthei¬ 
lung, dass die Kulturen positiv ausgefallen seien, die Ordre, sofort 
nach Ilha grande zurückzukehren; der dortige Arzt habe die 
Instruktion, uns Kranke und Emigranten abzunehmen. Al« wir 
Tags darauf (25. XI.) in 11ha grande ankamen, erklärte uns der 
Direktor des Quarantänehospitals, Herr Dr. Lopez de la Cruz, 
dass er von seiner Regierung keine Ordre habe, Kranke od r 
Passagiere an’s Land zu nehmen; wir müssten also vorläufig ge¬ 
duldig in Quarantäne liegen bleiben. Kaum hatte der Arzt das 
Schiff verlassen, so konstatirte ich »len zweiten Erkrankungsfall. 
Wir signalisirten dies sofort an Land, worauf 2 Stunden später 
die telegraphische Weisung von Rio eintraf, wir sollten nach Rio, 
um dort definitiv von unseren Kranken und Emigranten befreit zn 
werden. 

So kamen wir am 26. XI. zum zweiten Mal nach Rio. und 
wenn auch die herrliche Tropensonne einem weniger schönen 
Tropenregen gewichen war, so hofften wir doch, hier in der 
Bundeshauptstadt auf endliche definitive Entscheidung. Mittags 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


363 


4. März 1902. 


12 I hr holte auch tlintsäehlich ein Spitalhoot, hübsch eingerieliti t 
mit 0 Hotten, unsere Kranken uml ihre Familien ab und überführ e 
sie in das Pesthospital. 

Für unsere Emigranten aber fand sich in der Umgebung Rio’s 
kein geeigneter Platz: so mussten wir denn am 27. wieder abfahren 
und kamen am 28. XI. zum dritten Male in II ha g ran de an; 
hier wurden endlich die Zwischendecker gelandet. 

Am anderen Morgen wurde das Schiff von Neuem in allen 
seinen Räumen gründlich uusgerüuchert, unsere gesammte Wü-ehe, 
getragene wie uugetrageue, alle Kleider, Betten, Sophas, die Tisch¬ 
wäsche, die Gardinen, alles kam nn Land und wurde dort mit strö¬ 
mendem Dampf sterilisirt bezw. mit Formalin desinfizirt. Di * 
Matratzen der Zwischeudecker — über 300 an Zahl — wurden von 
unseren Matrosen auf eine kleine Insel in der Bai von Illia gründe 
verbracht und dort in Brand gesteckt. 

Unsere Emigranten wurden an Land gewaschen, mit Sublimat 
abgerielien und dann mit Ausnahme kleinster Kinder, sowie stil¬ 
lender und schwangerer Frauen mit II a f f k i n’sclier Lymphe 
geimpft. 

Am folgenden Tag, 30. XI., wurden die Desinfektionsmaass¬ 
regeln beendet. Mittags lud der liebenswürdige Direktor der 
Qunrantäneanstaitcn, Herr Dr. de In Cruz, den Kapitän und 
mich ein, an Land zu kommen und die Quarantäneanstalten zu 
besichtigen, eine Einladung, der wir gerne Folge leisteten. 

Das Lazareth in I 1 h a gründe bestellt aus zwei 
grossen getrennten Gebäuden; das eine steht am Strande und ist 
zur Aufnahme III. Klassepassagiere bestimmt, enthält also Mass n- 
quarticre, das andere auf einer kleinen Anhöhe Uber dem ersteren 
und enthält Wohnräuine für Kajüteupassagiere. 

Im unteren Gebäude waren unsere Zwischendecker unter¬ 
gebracht; es enthält grosse, hohe, luftige und helle Säle, Höfe mit 
Brunnenanlagen, grosse Speisesäle und Dampfküche. Die Schlaf* 
uud Wohnräuine sind einfach eingerichtet; ihre ganze Einrichtung 
besteht aus hölzernen Lagerstätten, die auf einem eisernen Geste 1 
ruhen; die Stelle der Betten vertreten Strohmatten. Alles ist von 
peinlicher Sauberkeit und dürfte den höchst gespannten hygie¬ 
nischen Anfordeningen genügen. 

Neben dem Hospital befindet sich das Wohnhaus des Direk¬ 
tors. neben diesem die grosse, gut eingerichtete Apotheke mit 
schönem Laboratorium für chemische Untersuchungen, dahinter 
die Oekonomiegebäude mit grosser Bäckerei und Schlächterei. 
Im ganzen Etablissement sind die Aborte mit Spülvorrichtung 
versehen, überall ist Wasserleitung, die Quellwasser vom Berg* 
herunter führt. 

Zu dem oberen Gebäude führt ein 10 Minuten langer Weg 
durch den im vollsten Schmucke tropischer Vegetation prangenden 
Wald. Das Gebäude selbst enthält einzelne elegant eingerichtete 
Zimmer mit je 1 bezw. 2 Betten; daneben finden sich Rauch- und 
Badezimmer, auch Damensalons, so dass das Ganze einen sehr 
angenehmen Aufenthalt bietet. Dazu kommt die herrliche Aus¬ 
sicht, die man von den Fenstern aus geniesst: Vor uns liegt di * 
kleine, prächtige Bai von Illia gründe mit ihren kleinen Inseln 
mitten im tiefblauen Wasser. Den Abschluss der Rundsicht bild. n 
ganz im Hintergründe, aus dem Meere auf steigend, die grotesken 
Bergforinen des brasilianischen Küstengebirges. Auf der ander n 
Seite der Bucht erblickt man ein kleines, aus Fachwerk bestehend s 
Gebäude — es wurde erst in jenen Tagen als Spital für Krank * 
eingerichtet und enthält 24 Betten; Schiffen, die später das g’.eici e 
Missgeschick wie uns traf, war die uns bescliiedeue Irrfahrt in 
Brasiliens Gewässern erspart. 

Vom Lazareth ca. 20 Minuten entfernt befindet sich di:* De - 
Infektionsanstalt mit grossen Oefen, sowie Badeeiurichtungen. 
Hier wurden die Emigranten erst gereinigt, ehe sie das Lazan tli 
selbst betreten durften. Neben der Desinfektionsanstalt befindet 
sich inmitten des Urwalds, der die ganze Insel überzieht, (in 
kleiner Friedhof; hier ruhen 130 italienische Matrosen, die g •- 
sammte Besatzung eines italienischen Kriegsschiffes, die hier d m 
gellieu Fieber zum Opfer fiel. 

Die Insel selbst ist sehr gebirgig; ihr höchster Punkt, der PI o 
dos papageias, eine bizarre Bergspitze. Köstliche Spaziergäu.e 
durchkreuzen den Urwald nach allen Seiten, man glaubt sich 
geradezu in eine Märchenlandschaft versetzt; die Quarantänegäste 
sind um solch’ ideal schönen Aufenthalt fast zu beneiden. 

Nur wenige Stunden konnten wir auf der Insel verbringen, 
Nachmittags 4 Uhr lichteten wir die Anker und dampften, nun 
endlich frei von Quarantäne, nach S a n t o s. 

Als wir eineinhalb Monate später in die Heimath zurück- 
kamen, wurde in Cuxhafen nochmals Quarantäne über uns 
verhängt. Das Zwischendeck wurde mit Karbollösung aus¬ 
gespritzt, die Mannschaftsräume gründlich desinfizirt; erst dann 
durften wir das Gebiet von Hamburg betreten, womit meine 
ebenso interessante als abwechslungsreiche Reise beendet war. 


Neurasthenische Krisen. 

Von Dr. Aug. Diehl in Lübeck. 

Als Board im Jahre 1880 einem Leiden, dessen launcn- 
haftePlagen denAerzten wohl zu allen Zeiten bekannt waren, mit 
der Sammlung und Beschreibung seiner hervorstechendsten 
Erscheinungen den Namen Neurasthenie gegeben hatte, 
war für Alle, welche nach literarischer Bethätigung sich sehnten, 
gleichsam zum Sammeln geblasen. Eine schier nicht enden- 


wöllendc Reihe von Symptomen wurde der „neuen“ Krankheit 
zugedacht. Ernste Forscher haben mit Sachkenntniss aus den 
zahllosen Beiträgen das herausgesueht, was zu Recht besteht, 
und Dank manchen mühevollen Studien wissen wir heut© im 
grossen Ganzen, was wir unter Neurasthenie zu verstehen haben. 
Der enorme Symptomenreichthum wurde der Hauptsache nach 
festgelegt, und damit war ein schwer Stück Arbeit gethan. Die 
brennende Frage schien im Wesentlichen gelöst, und es ist er¬ 
klärlich, dass sie nach so energischem Bemühen um die moderne 
Neurasthenie in ruhigere Bahnen geleitet werden konnte. Nur 
hier und dort erschienen Abhandlungen von zum Theil hohem 
Werthe. Sie sind fast ausnahmslos von der Idee getragen, über 
die Neurasthenie eine klare, kurze und doch umfassende Dar¬ 
stellung zu bringen und sie von dem zu säubern, was Unkennt- 
niss und Kritiklosigkeit ihr fälschlich angedichtet hatten. Das 
aktuelle Interesse der Forscher wurde sehr bald auf andere Dinge 
gelenkt: die Fortschritte auf neurologischem und psychiatrischem 
Gebiete überraschten von Tag zu Tag mehr. Grosse Gesichts¬ 
punkte wirkten so klärend, dass man an eine weitere Einordnung 
eines enormen, aber oft zusammenhanglosen Materiales in 
Gruppen denken konnte. Neue geschlossene Krankheitsbilder 
lernte der Nerven- und Irrenarzt kennen. Die allgemeine Kennt- 
liiss wuchs von Fall zu Fall, und cs ist verständlich, dass eine 
Festlegung des Rahmens der Nerven- und Geisteskrankheiten 
mehr loeken musste, als das Einzelstudium der zahlreichen Er¬ 
scheinungen, die vorerst nur gruppirt waren. Wenn nicht Alias 
sehr trügt, ist man in der Neurologie nicht weit entfernt von 
einer definitiven Einordnung und Fixirung der ihr zufallenden 
Krankheiten des Nervensystems. Nicht annähernd so weit ist 
die psychiatrische Forschung trotz der regsten Bethätigung be¬ 
rufener Männer vorgeschritten; sie arbeitet auch unter ungleich 
schwierigeren Verhältnissen. Wir leben in einer Zeit, wo hin 
und her versucht wird, das System zu finden, welches die uns be¬ 
kannten Erscheinungen der psychischen Störungen zwanglos auf¬ 
nimmt. 


Den Pfadfindern auf der Suche nach einer brauchbaren Ein- 
theilung ist es nicht verborgen geblieben, dass mit der gegen¬ 
wärtigen oberflächlichen Kenntniss der Krankheitsäusserungen 
auf psychischem Gebiete nicht weiter zu kommen ist und erst 
durch das Studium ihrer psychologischen Wurzeln das gewonnen 
werden kann, was die Krankheitsformen gleichsam von selbst in 
ihren festen Rahmen zwingt. Schon heute sind derartige Spezial¬ 
studien vielerorts im Flusse, und dass sic befruchtend wirken, 
wird Keiner bezweifeln, der erst die Nichtigkeit wissenschaft¬ 
licher Spekulation in diesem Punkte erkannt hat. In dieser stets 
wachsenden Rührigkeit wird, wie mir scheint, zu wenig beachtet, 
wie sehr Vieles für uns noch ungesichert und unklar bei einer der 
— wenn ich mich so ausdrücken darf — primitivsten psychi¬ 
schen Störungen, beim neurasthenischen Irresein, geblieben 
ist. Leider spielt heute die Neurasthenie in der Neurologie noch 
gar zu häufig die Rolle dos gastrischen Fiebers in der internen 
Medizin vergangener Dezennien. In sehr vielen Fällen wird sich 
der Diagnostiker gestehen müssen, dass er allzubald mit den 
neurasthenischen Kranken fertig ist. Wer lauerte nicht schon 
manchmal auf den Moment, wo er das erlösende Wort Neur¬ 
asthenie über das Meer von Beschwerden zu schreiben sieh befugt 
hielt! Damit geben wir uns zufrieden, und es hat sich eine 
Selbstgefälligkeit herausgebildet, die uns vollständig verschleiert, 
was wir Alles zuversichtlich benennen, ohne uns bewusst zu 
werden, wie ungenügend oft schon unsere Symptombezeiehnungen 
sind, darum ungenügend, weil eine präzise Fassung dessen, was 
unter dem breiten Begriff zu verstehen ist. noch ganz und gar 
aussteht. 

Für die Detailforschung, der in der Pathologie des Nerven¬ 
systems die nächste und noch unabsehbar grosse Arbeit wohl 
zufällt, eröffnet sieh allein in der Untersuchung der psychischen 
Abweichungen bei der Neurasthenie ein ausgedehntes, unbestell¬ 
tes Feld. Man darf wohl nicht daran zweifeln, dass die ge¬ 
ringen Abweichungen von der Norm unser erstes Interesse ver¬ 
dienen, dass wir im Allgemeinen leichter Verständnis für die 
furchtbaren Veränderungen bei den schweren Geisteskrankheiten 
gewinnen werden, wenn wir unsere Kenntniss von geringeren Ab¬ 
normitäten bei deren Beurtheilung zu Hilfe nehmen können. 
Dass trotzdem manchmal erst das Studium der gröberen Ver¬ 
änderungen uns auf gewisse feinere Abstufungen, die un« an sieh 

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364 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 


No. 9. 


entgangen wären, hinweisen kann, verschlägt nichts an der prin¬ 
zipiellen Richtung der Forschung vom Einfachen zum Kompli- 
zirteren. 

Die moderne Psychiatric spricht mit gutem Recht von einem 
neurasthenischen Irresein; das muss man ihr angesichts der oft 
erheblichen psychischen Störung, besonders auf affektivem Ge¬ 
biete, bei neurasthenischen Personen ohne weiteres einräumen. 
Wenig im Einklänge mit dieser Krkenntniss steht die Auffassung 
der Neurologen, dass für Annahme einer Psychose doch nicht ge¬ 
nügend charakteristische Seiten der Neurasthenie abzugewinnen 
sind, und es ist geradezu erstaunlich, wie durch die ganze Lite¬ 
ratur ein Irrtum unverändert mitgeschleppt und noch besonders 
nachdrücklich zum Ausdruck gebracht wird, dass bei der Neura¬ 
sthenie niemals die intellektuellen Fähigkeiten in nennenswerther 
Weise geschädigt sind, und dass z. B. in der Urtheilsfähigkeit eine 
Beeinträchtigung sich nicht naehweisen lässt. Es bedarf hier 
kaum des Hinweises auf den Fundamentalsatz, dass nicht eine 
der vielen Seiten unseres einheitlichen Seelenlebens geschädigt 
oder verändert sein kann, ohne dass sich die Wirkung auch auf 
anderen psychischen Gebieten geltend macht. Wie sollte der un¬ 
ruhige, geängstigte, tiefverstimmto Neurastheniker ein richtiges 
TTrtheil haben, wo wir ihm anmerken und von ihm hören, dass er 
sich zur geistigen Leistung gar nicht angetrieben und unfähig 
fühlt, und wo seine Entschliessung ihn oft zu den ungeheuer¬ 
lichsten Dingen treibt! Es hiesso, allen vereinbarten Definitionen 
Hohn sprechen, wenn wir dabei noch von intellektueller Intakt¬ 
heit reden wollten. Aber nicht die allgemeine Beeinträchtigung 
der psychischen Funktionen bei der Neurasthenie möchte ich zur 
Sprache bringen, sondern auf einen Punkt (‘ingehen, der, so viel 
ich sehe, in dieser Form noch nicht festgelegt wurde, ich meine 
gewisse Zustände, die eine tiefere Störung der Psyche mit anfalls¬ 
artigem Auftreten im Verlaufe des Leidens bedeuten. 

Kaum wird ein Fall von schwerer Neurasthenie dem Arzte 
begegnen, wo von Seiten des Kranken nicht über Verstimmungen 
geklagt wird. Aus der Darlegung ersieht man einmal unschwer, 
dass die konstitutionelle Neurasthenie geradezu das Bild der kon¬ 
stitutionellen Verstimmung repräsentirt ; nie geht ('s dem 
Kranken eigentlich gut; er fasst es gar nicht, dass Menschen aus 
vollem Herzen sich frei und glücklich fühlen können. Bei ihm 
kommt die Freude nur selten unbeschränkt zum Durchbruch und 
dann gönnt ihr eine ewig wachsume Bitterkeit keinen Augen¬ 
blick unbehinderten Auslebens. Der Grad der Verstimmung 
wird durch das Allgemeinbefinden und die augenblickliche Situ¬ 
ation im wesentlichen bestimmt. Eine mehr bekannte Form ist 
die Verstimmung, welche aus dem jähen Stimmungswechsel der 
Kranken resultirt und meistens in Abhängigkeit von ihrer 
grossen Reizbarkeit steht. Das Unlustgefühl wird durch den ge¬ 
ringsten unfreundlichen Anlass ausgelöst, der Zorn flammt auf, 
bevor man sich recht klar werden kann, was ihn heraufbe¬ 
schworen. Dass Zwangsvorstellungen und Befürchtungen aller 
Art unsere Kranken deprimiren, ist leicht verst ändlich und Jedem 
geläufig. Ausser diesen verschiedenen Formen der Verstimmung 
gibt es einen Zustand, der mit Verstimmung einhergeht, und der, 
wie ich annehmen möchte, nach der Darstellung der Kranken 
dem Arzte sehr wohl als einfache Verstimmung der einen oder 
anderen Art imponiren kann. Dass diesem Zustande die Be¬ 
deutung einer anfallsweise auftretenden schweren psychischen 
Störung zukommt, will ich zunächst an der Hand eines im Ein¬ 
zelnen erforschten Falles zu beweisen versuchen. 

Der ca. 30 Jahr., gebildete Patient leidet seit V/ ä Jahren an 
schwerer Neurasthenie: sonst Ist er von guter Gesundheit und 
kräftigem Wuchs. Uebermiissige Arbeit und anhaltende, heftige 
Gemüthserregungen haben ihn soweit geschädigt, dass die zahl¬ 
reichen Beschwerden Ihn ganz und gar zur Arbeit unfähig mach¬ 
ten, die er früher mit Lust und gutem Erfolge erledigen konnte. 
Patient klagte unter Anderem sehr über seine Verstimmungen; er 
hob hervor, wie auch andere Leidensgefährten, dass er unter ihnen 
am meisten leide und oft gar nicht wisse, was aus ihm in solcher 
Lage werden könne. Da denke er oft, dass er ganz verrückt sei. 
Einen „Anfall“ derartiger Verstimmung besprachen wir ausführ¬ 
lich. Er hatte sich an einem Tage, an dem er sich recht wohl 
fühlte gegen die letzte Zeit, an dem freundliches Wetter war, was 
auf sein Befinden einen wesentlichen Einfluss hat, zum Mittags¬ 
schlaf, wie fast täglich, hingelegt und über eine Stunde ruhig ge¬ 
schlafen. Darüber war er erfreut und für’s erste guter Diuge. 
Nach 4 Uhr merkte er eine Veränderung seines Wesens. Er 
konnte sich nicht zu irgend einer Thätigkeit entschliessen, ging 
planlos und ruhelos von einem Zimmer in’s andere; er empfand 
es lästig, wenn seine Frau ihn anredete. Alles schien ihm werth¬ 
los und das Leben inhaltsleer. Von auftauchendeu Gedanken an 


eine baldige Besserung wollte er nichts wissen, während er sonst 
bei ihnen (len besten Trost fand. Ihm schien allein die Frage 
berechtigt: „Wozu das Alles? Welchen Zweck hat es noch, sich 
so abzuquälen?“ Er gerieth immer tiefer ln einen Zustand vön 
Hilflosigkeit und innerer Spannung. Zuerst unterliess er jedes 
laute Murren seiner Frau gegenüber, die er liebt und möglichst 
zu schonen sucht Obwohl er selbst alles Andere als einen sitt¬ 
lichen Lebenswandel hinter sich hatte, verehrte er an seiner Frau 
die Sittenstrenge und erklärte, nichts habe ihn so sehr für sie 
eingenommen, wie ihre vollständige Unschuld und Unwissenheit 
ln sexuellen Dingen. Er fand nie Gelegenheit, daran zu zweifeln. 
Während er sich an dem betreffenden Nachmittag, wie stets bei 
schlechterem Ergehen, in der Umgebung seiner Frau aufhielt, hörte 
er, wie diese bei der häuslichen Beschäftigung vor sich hin 
deklamirte: „Und schrie sie nicht? Jawohl sie schrie, doch lange 
hinterher.“ Bel diesen Worten wallte es in ihm auf; heftig erregt 
ging er an’s Fenster lind starrte fassungslos hinaus. Als seine 
nichts ahnende Frau dieselben Verse nach eigner Melodie ge¬ 
dankenlos vor sich hin saug und zwar mit dem Schluss: „doch 
lange, lange, lange hinterher“, stürmten ganz wahnsinnige Ge¬ 
danken auf ihn ein. Er wusste sieh nicht mehr zu halten und 
verfloss äusserlich noch ruhig das Zimmer. Als er allein war. 
wurde ihm Alles vollständig klar; seine Frau hatte ihn schändlich 
belogen; ihr durfte man nichts glauben. Der Schluss des Liedes 
war nur so zu verstehen: Ein Er wollte eine Sie küssen; sie wehrte 
ab, wie’s ja üblich ist und er (der Patient) aus Erfahrung auch 
wusste. Dann küsste er sie doch unter Ueberwindung des ge¬ 
ringen Widerstandes und mehr noch, er konnte sie verführen und 
erst der Schrei der Gebärenden kam „lange, lange, lange hinter¬ 
her“. Nur so war der Wortlaut zu verstehen; das konnte nicht 
anders gedeutet werden. So allein musste auch seine Frau den 
Text auffassen. Das Gedicht kannte sie aus ihrer Mädclienzelt. 
Sie war zu klug, als dass sie nicht überdachte, was sie las und 
sogar zitiren konnte. Also hat sie sich diese Verführungsszene mit 
allen Einzelheiten ausgemalt, wie sie ihm selbst wohl vorsehweben 
mochte: also endlich war ihr Denken nicht rein und ihre Phan¬ 
tasie mit schmutzigen Dingen beschäftigt gewesen. Wenn sie das 
Lied nun singen konnte, hatte sie’s auch früher vorgesungen, da 
sie sehr häufig in Gesellschaft sang. Welche Schamlosigkeit erst, 
solches Lied mit versteckter Unsittlichkeit öffentlich vorzutragen! 
i Das waren seine Gedanken, die ihn so mächtig packten und ihm 
nur ganz Sicheres offenbarten. „So dumm ist kein Mensch“, rief 
er aus. als Anfangs der Gedanke kam, vielleicht kenne sie doch 
nicht diesen Sinn des Liedes. Man muss boruirt sein, wenn man 
die Worte anders auf fassen will, als in dieser Welse, sagte er sich. 
..Eine andere Deutung ist unmöglich und wenn ich sie bei meiner 
Frau annehme, betrüge ich mich selbst aus Furcht, mich un¬ 
glücklich zu machen über ihre Verlogenheit. Ich bin der Betrogene 
und glaubte blindlings, was überhaupt unmöglich ist.“ Solcherlei 
Betrachtungen hielten in ganz in Bann; er raste, und jetzt musste 
es zur Aussprache kommen. Nach einer Stunde ging er zu seiner 
Frau und fuhr sie an: „Wo hast Du das vorgesungen: Doch schrie 
sie lange, lange hinterher?" Die Frau erschrack heftig, und es 
stellte sich heraus, dass sie zu dem Text gar keine Melodie kannte 
und sich nicht zu besinnen wusste, ihn vorher vor sich hin ge¬ 
sungen zu haben. Sie fragte, was diese Heftigkeit bedeute, was 
er gegen sie haben könne; es sei doch dasselbe Lied, über das sie 
vor Wochen erst mit ihm gesprochen habe, damals, als er noch 
das ähnliche Goethe’sche Gedicht: „Einst ging ich meinem Lieb¬ 
chen nach“ als Parallele ihr vortrug. Der Patient l>esann sich 
länger, erinnerte sich nicht und stellte diese Unterhaltung schroff 
ln Abrede. Nun brach seine maasslose Heftigkeit hervor und 
er forderte von seiner Frau Rechenschaft wegen der Heuchelei, 
wegen ihrer oft erkannten Lügenhaftigkeit und unter dem Ausruf: 
„Willst Du mir etwa vorlügen, dass Du das Lied anders verstehst, 
als wie es gemeint ist“ brachte er ln möglichster Ungereimtheit 
seine Ansicht über die Bedeutung der "Worte vor. Die Frau ent¬ 
setzte sich: „Wie kann mau nur so etwas aussprechen!“ Da 
knüpfte er an: „Aussprechen, ja, tausendmal lieber nussprechen, 
nls mit einer gemeinen Phantasie sich ausmalen, wie Du es thust.“ 
Weder die heiligsten Versicherungen noch Thränen konnten ihn 
umstimmen. Jedes wnr ein neuer Beweis der Verstellungskunsf 
und der Niedertracht. Vorwürfe häufte er über Vorwürfe, bis er 
zu Gewaltthiitigkelten schritt und sich endlich allein einschloss. 
Laut schimpfend ging er wohl über eine Stunde im Zimmer hin 
und her; es kümmerte ihn gar nicht, dass die Nachbarn sein Pol¬ 
tern hören mussten. Nur ganz nllmählicli wurde er ruhiger; es 
kam der Gedanke, wenn es doch nicht so schlimm wäre, und 
schliesslich wusste er sicherer und sicherer, dass er mindestens 
viel zu schwarz gesehen hatte. Gegen S Uhr war er ein anderer 
Mensch. Eine tiefe Beschämung über das Vorgefallene ergriff ihn 
und er empfand Mitleid mit seiner misshandelten Frau. Er ver¬ 
stand nicht, wie das nur kommen konnte; jetzt vermochte er gar 
nicht die maasslosen Gedanken zu fassen: er sah seinen Irrthum 
ein und entsetzte sich über ihn. Wie konnte er nur vergessen 
haben, dass sie vor Kurzem ganz harmlos zusammen über die 
verhäugnissvollen Verse gesprochen hatten. Jetzt wusste er doch, 
wo und wann das geschehen war. Wie konnte Ihm das nur wieder 
begegnen, wo er doch genau weiss, dass heftige Zustände der Er¬ 
regung ihn überkommen, in denen er nicht richtig denkt, in denen 
er zu nervös ist, aus denen er nach Stunden sich wieder befreit 
fühlt! Solche UÜberlegungen beschäftigten ihn viel, solche Ge¬ 
danken äusserte er auch besorgt dem Arzte gegenüber. 

Wie bereits erwähnt, sind dem Patienten während seiner 
Krankheit derartige Zustände häufig begegnet; er merkt, wenn 
sie kommen, und kennt sie, wenn sie vorüber sind. Ueber eine Perio- 


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4. Marz 1902. 


kUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Ö65 


diziliit in ihrem Erscheinen weiss er nichts an/.n^ehen. Wiilireml 
sonst die kleineren Schwankungen seines Allgemeinbefindens mit 
der Gunst des Wetters in etwa Schritt lullten, bemerkte er, dass 
solche Zustände sieh auch bei schönem Wetter und bei gerade 
nicht besonders gestörtem subjektivem Befinden einstellen. Bevor 
er sich durch.Ueberaustrengung gesundheitlich aufgeriebeu hatte, 
wusste er nichts von solchen Störungen oder von ungenügend be¬ 
gründeten Verstimmungen. Mit der Besserung Seines Leidens 
schwanden sie schnell und heute, wo er wieder seinen Platz voll 
ausfüllt, nennt er diese Zustände die traurigste Erinnerung an 
seine Krankheit. 

Ganz Aehnliehes, wie in diesem Fall, erfuhr ich von einer 
Anzahl Patienten mit schwerer Neurasthenie, wenn man ihnen 
Gelegenheit bot, sich über jegliches auszusprechen. Sie werden 
gleich mittheilsanier, wenn sio merken, dass man Interesse für 
ihre stillen Sorgen hat und bemühen sich, viel gewissenhafter zu 
berichten, wenn ihre vollständige Aussprache das Verständniss 
des Arztes für ihre quälenden Leiden sichtlich fördert. 

Als Ergänzung zu dem Beispiel will Ich noch 2 weitere Fälle 
kurz erwähnen, ln denen der Eindruck einer erheblichen psy¬ 
chischen Störung, die sich anfallsweise äusserte, bei den Kranken 
nicht minder lebhaft zurückgeblieben war. Eine sonst ganz ge¬ 
sunde Dame wurde „nervös“ durch die mehrfache Verschiebung 
ihrer Hochzeit. Was sie zum Arzte trieb, war die Sorge w'egen 
eines Zustandes, den sie in letzter Zeit mehrfach durchmachte. 
Plötzlich fühle sie sich anders, sie müsse Aveinen, sei ganz ruhelos 
im Kopf und könne so heftig werden, dass sie nachher sich selbst 
nicht wieder erkenne. Sie machte sich ernste Vorwürfe, weil sie 
vor einigen Tagen der Mutter solche Szenen aufführte, dass die 
Mutter, der sie sonst nie ein Leid angethan, sie anflehte, nicht zu 
übersehen, dass noch kleine Geschwister im Hause seien, die An¬ 
spruch auf Schonung hätten. Ihre Wutli habe damit begonnen, 
dass ihr immer mächtiger die Ueberzeugung kam, die Mutter sei 
nicht ernstlich genug bemüht, ihre Hochzeit herbeizuführen. In 
Wirklichkeit, sagte Patientin, weiss ich genau, dass meine Mutter 
so sehr wie ich unter der Verzögerung leidet. 

Ein Student reiste nach langer Abwesenheit für wenige Tage 
ln seine ferne Heimuth. An Eltern und Geschwister war er sehr 
anhänglich; Alles war darauf gerichtet, ungestörte, frohe Tage des 
Wiedersehens zu feiern. Er war mit der Zeit mehr durch unver 
nünftiges Leben als durch Arbeit nervös geworden, wenn er auch 
nie zu den Leuten mit fester Gesundheit gehörte. Es ist ihm sehr 
nahe gegangen, dass er den Aufenthalt zu Hause zweimal in sehr 
unliebsamer Weise störte, ohne es verhindern zu können. Es kam 
über ihn, ohne dass er sagen konnte, woher. Das 2. Mal war be¬ 
sonders charakteristisch. Morgens war ein grösserer Ausflug auf 
den Nachmittag geplant; er war heiterer Stimmung und hatte in 
iiberruüthiger Weise gescherzt. Allmählich merkte er, wie eine 
Unlust zu Allem ihn beschlich, die er schon aus mehrfacher Er¬ 
fahrung an sich kannte. Er setzte sich In einen Lehnstuhl, ver¬ 
mochte nicht, gegen die wachsende innere Spannung anzukämpfen. 
Die sichere Abmachung, dass Mittags ein Ausflug unternommen 
werde, empfand und erkannte er als eine Beschränkung seiner 
Freiheit, keiner konnte wissen, ob er dazu am Nachmittag noch 
Lust hatte. Die Mutter, welche selbst nervös ist und dessbalb 
von den Kindern sorgfältig geschont wird, kam iu’s Zimmer und 
netzte sich mit einer Arbeit an’s Fenster. Er sagte nichts; plötz¬ 
lich fuhr er auf, warf das Tischchen, das vor ihm stand, um, zer¬ 
riss sein Taschentuch und stürzte ln lauter Verzweiflung in ein 
Zimmer, wo er siel» einschloss. Erst nach einer Stunde wurde er 
für Zuspruch empfänglich. Die innere Wuth ging vorüber; er 
ärgerte sich über den Vorfall und seine Rücksichtslosigkeit, die er 
für unverantwortlich hielt und meinte, darin verstehe er sich 
selbst nicht. 

Die Zustände, w’elche ich neurasthenische Krisen 
nennen möchte, sind zunächst dadurch charakterisirt, dass sie 
eine zeitlich scharf umgrenzte, erheblichere Störung im Verlaufe 
der Krankheit Neurasthenie vorstellen. Ueber den direkten An¬ 
lass zum Ausbruch wissen die Kranken nichts anzugeben; nur 
scheint es gesichert, dass derartige Anfälle im Stadium der 
schwereren, nervösen Erscheinungen auftreten und schwinden, 
sobald das Grundleiden einen deutlichen Ansatz zur Besserung 
gemacht hat. Das Eintreten der Krise ist bei den einzelnen Per¬ 
sonen nicht an eine bestimmte Tageszeit gebunden; nur in einem 
Falle schien sie Regelmässigkeit in ihrer Wiederkehr zu beo¬ 
bachten. 

Eine im Verkehr äusserst lebhafte, heitere, ältere Dame setzte 
mich in Erstaunen, als sie sich als nervöse Kranke bei mir vorstellte. 
Wegen Ihres Schwiegersohnes hatte sie im letzteu halben Jahre 
viele Unannehmlichkeiten gehabt. Darüber sei der Schlaf weg¬ 
gegangen und sie fühle sich im Ganzen schlecht. Was sie be¬ 
sonders ängstige, seien eigenthümliche Anfälle, die manchmal 
Morgens, ca. 1 Stunde nach dem Aufstehen, kommen. Sie werde 
innerlich hilflos und unglückselig, lasse Alles liegen, könne sich 
Dicht zur Erledigung der nöthlgsten häuslichen Verrichtungen 
zwängen und, wenn es schlimmer werde, habe sie mit einem quä¬ 
lenden Lebensüberdruss zu kämpfen. Das gehe langsam vorüber, 
die Fassung kehre zurück; dann fühle sie sich allerdings auch 
uervös, aber doch der Situation gewachsen und könne sogar in 
fröhlichem Kreise Alles vergessen. Selten komme dieses Elend zu 
anderer Zelt als Morgens über sie; einmal habe sie, als es gegen 
No. 9. 


Abend nahte, die Gesellschaft verlassen müssen. Die Patientin 
hat alle Symptome der Neurasthenie, auch die Krisen, seit Jahr 
und Tag verloren, nachdem die traurige Angelegenheit erledigt war. 

Die Kranken vermögen deutlich zu empfinden, dass die 
ihnen bekannte Veränderung einsetzt und merken auch, wenn sie 
aus dem Zustande herauskommen, wie sich die innere krankhafte 
Spannung löst. Die Dauer der Krise beträgt durchschnittlich 
mehrere Stunden; wenn sie vorüber ist, wird eine ordentliche 
Erleichterung fühlbar. E 9 ist bemerkenswerth, dass von allen 
Patienten, mit denen über die Erscheinung gesprochen wurde, 
betont worden ist, welche Erlösung nach Ablauf der Krise von 
ihnen empfunden wurde. Mehrfach konnte ich hören, dass das 
relative Wohlbefinden, wenn der Zustand einmal überwunden war, 
für Tage andauerte; Während der Krise herrscht eine tiefe 
krankhafte Veränderung des Bewusstseins. Die Vorstellungen 
laufen nicht in normaler Weise ab, sondern in einer Richtung, 
die dem Individuum zu anderen Zeiten fremd ist. Dabei stellen 
sich keine allzu groben Verstösse gegen das logische Denken eiri, 
wie wir das etwa bei den Zwangsvorstellungen zu beobachten 
gewohnt sind. Die intellektuelle Thätigkeit hat im ausge¬ 
bildeten Zustande für den Kranken selbst nichts Befrem¬ 
dendes; er pocht vielmehr gerne darauf, dass er nun gerade das 
Richtige erfasst habe, endlich klar zu sehen vermöge. Er em¬ 
pfindet in der Art und Weise, wie sieh seine geistige Thätigkeit 
abwickelt, keinen Zwang. Die Urtheilsstörung, die der Patient 
nach Ablauf ohne weiteres anerkennt, kommt ihm in keiner Weise 
zum Bewusstsein, und selbst Ungeheuerlichkeiten mahnen ihn 
nicht an die Krankhaftigkeit seines Zustandes. Es steht, Wie 
es scheint, in der Krise nicht der normale Gedächtnissschatz zur 
Verfügung. Vielleicht liegt im Ausfall wichtiger Erinnerungen 
zugleich ein Grund für die hochgradigen Störungen im Urthcil. 
Mit dem Zustande bildet sich eine Verstimmung aus, die, soweit 
ich zu beurtheilen vermag, immer eine traurige Verstimmung ist. 
Ob die häufig beobachtete, zu der Situation gar nicht passende, 
von den Patienten auch als eigenartig bezeichneto freudige Aus¬ 
gelassenheit an einen verwandten Zustand denken lassen darf, 
kann ich nicht entscheiden. Beachtenswerth ist, dass die Ver¬ 
stimmung mit einem quälenden Gefühl der innem Spannung 
einhergeht; es ist „wie zum Zerspringen“. Die Spannung liegt 
nicht im Kopf allein, sondern nach Angabe der Kranken im 
ganzen Körper. Sie meinen, eine ordentliche Raserei würde 
ihnen Luft machen, sie müssten „alles kurz und klein schlagen“. 
Ueber die Gefühle und Vorgänge während der Krise berichten sie 
so vollkommen, dass ihre Erinnerung für den Zustand intakt zu 
sein scheint. Wir wiederholen, dass nachher völliges Einsehen 
herrscht; jeder Irrtum wird korrigirt; aber vielleicht wird das 
Richtiggestellte bei Wiederkehr des Zustandes in die falsche 
Verarbeitung von neuem aufgenommen. Einige Beobachtungen 
sprechen dafür, dass der Inhalt der krankhaften Vorstellungen in 
verschiedenen Krisen sich hartnäckig wiederholen kann. Es muss 
von grossem Interesse sein, ob die beschriebene Störung eine Er¬ 
scheinung der konstitutionellen oder erworbenen Neurasthenie 
ist, oder ob sie bei beiden Formen, die wir gewiss nicht ohne 
weiteres als im Grunde verwandte Leiden ansehen dürfen, sich 
zeigen kann. Leider kann ich diese Frage nicht entscheiden, weil 
ich nicht wage, in einzelnen Fällen bestimmt das konstitutionelle 
Leiden auszuschliessen, wo allerdings die heftigen Erschei¬ 
nungen sicher auf zu grosse Inspruchnahme der Kräfte zurück- 
zuführeu waren. Zwei Kranke konnten die ihnen unzweifel¬ 
hafte Beobachtung mittheilen, dass Alkoholgenuss in der Krise 
sehr verderblich wirkt. Grössere Mengen hatten sie nicht, wie 
sic es wünschten, in einen erträglichen Rauschzustand versetzt; 
bei grossen Mengen war die Rauschwirkung ebenfalls aus¬ 
geblieben. Dagegen steigerte der Alkoholgenuss die Ruhelosig- 
heit, drängte zum wilden Lostoben und verhinderte zum Schluss 
ganz die milde Reaktion. Eine praktische Bedeutung wird den 
Zuständen nicht abzusprechen sein. Eine plötzlich eintretende 
geistige Umnachtung wird oft zur Erklärung von Suiciden und 
gefährlichen aggressiven Ausbrüchen herangezogen. Das ist noch 
ein sehr vager Begriff, der sich mit der erweiterten Kenntniss 
der Psychopathologie mit einem bestimmten, festen Inhalt ver¬ 
sehen muss, wenn der romantisch klingende Ausdruck überhaupt 
sich Anerkennung verschaffen kann. Ein plötzliches Auftreten 
einer Psychose führt gewiss manchmal eine Katastrophe herbei; 
daran darf man nicht zweifeln. Aber wenn ich z. B. lese, dass 
längere Zeit vorher über Nervosität geklagt wurde, jedoch 


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366 


MTTENCHENER MEDICINISC1IE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


Keiner dachte, dass etwas Ernstliches zu befürchten sei, kann 
ich mich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass der jähe Schluss 
das Endglied einer ununterbrochenen Reihe anscheinend harm¬ 
loser neurastheniseher Aeusserungen bildet, dass in einer Krise 
vielleicht die unheilvolle That geschah. In ihr setzt sich sicher 
der Entschluss verhältnissinässig leicht in die That um, und was 
den Entschluss bestimmt, sind dann nicht gesunde Ueberlegungen, 
wie wir sahen; aber stark ist die Leidenschaftlichkeit. Damit 
ist eine Gefahr deutlich gezeichnet. 

Differentialdiagnostisch kommen die Zwangszustände 
gegenüber der Krise kaum in Betracht und cs genügt, 
hervorzuheben, dass in der Krise dem Kranken die Ab¬ 
wicklung geistiger und körperlicher Funktionen durchaus 
normal erscheint; ihm scheint nichts aufgenöthigt; was er 
zuwege bringt, ist für sein Empfinden in richtiger Weise 
gedacht und folgerichtig ausgeführt. Zwangsvorstellungen und 
Zwangsbefürchtungen setzen sich verhältnissinässig sehr selten 
in die That um, und dann ist immer noch eine Abschwächung 
bei der Ausführung des Zwanges möglich, weil die lebhafte Em¬ 
pfindung des Unlogischen, des Absurden doch eine nicht uner¬ 
hebliche Hemmung korrigirend eintreten lässt. In der Krise 
fällt diese Korrektur weg und darum schon kann sie unheilvoller 
werden. 

Eine der furchtbarsten Arbeiten auf dem grossen Gebiete der 
Medizin war der Ausbau der Aequivalente für die Kenntniss der 
Epilepsie; unter ihnen wird in den letzten Jahren der periodischen 
Verstimmung besondere Beachtung geschenkt. Wenn die Kranken 
zuerst ihre Krisen schildern, geben sie meist ein Bild, das uns 
den Gedanken an epileptische Verstimmung naherückt. Ich habe 
mich in diesem Sinne oft getäuscht und wurde durch das über¬ 
raschende Verschwinden der „Verstimmungen“ beim Zurück¬ 
treten der schwereren neurasthenischen Erscheinungen zuerst 
stutzig und auf die behandelte Frage aufmerksam gemacht. Ver¬ 
führerisch ist gewiss der Umstand, dass beiden Zuständen ein von 
äusseren Einwirkungen ganz unabhängiges Auftreten und ein 
hoher Grad deutlich empfundener innerer Spannung gemeinsam 
ist. Sehr abweichend hingegen — um nur einen Punkt von vielen 
hervorzuheben — verhält sich der Bewusstseinszustand und wolil 
in dessen Abhängigkeit die Erinnerungsfähigkeit. Abgesehen von 
der wichtigen Thatsache, dass mit dem besseren Befinden des 
Neurasthenikers die Krisen gänzlich weichen, weisen sie bei 
genauerer Prüfung so eigenartige, der psychischen Epilepsie 
fremde Züge auf, dass ich für sie die Bedeutung einer besonderen 
Krankheitserscheinung im Bilde der Neurasthenie in Anspruch 
nehmen zu müssen glaube. 


Ueber das Jo lies'sehe klinische Ferrometer. 

Von Dr. E. Boetzelen in Berlin. 

Vor etwa 5 Jahren hat Ad. J olles in Wien eine einfache 
•Methode zur quantitativen Bestimmung des Eisens in minimalen 
Blutquantitäten veröffentlicht') und hieran anschliessend einen 
Apparat, F errometer genannt, zusammengestellt, welcher 
alle zur Ausführung und Bestimmung nothwendigen Utensilien 
und Lösungen in unmittelbar gebrauchsfähigem Zustand enthält. 
Ueber die genügende Verlässlichkeit der Methode, sowie über die 
Bedeutung, welche der Eisenbestimmung im Blute für die Be- 
urtheilung der Blutbeschaffenheit zukommt, sind eine Reihe von 
’ Arbeiten erschienen J ), welche ergeben haben, dass die Bestim¬ 
mung der Hämometer- und Ferrometerzahl uns werthvolle Auf¬ 
schlüsse bezüglich der Blutbeschaffenheit zu geben vermögen. 
Auch ich hatte Gelegenheit, nach dieser Methodik zahlreiche 
Eisenbestimmungen im Blute durchzuführen, muss aber gestehen, 
dass für die Zwecke der Praxis diese Methode zu viel Zeit in 
Anspruch nimmt, und dass nur bei grosser Sorgfalt und bei Ein¬ 
haltung gewisser Bedingungen konstante Werthe erhalten werden 
können. Es war daher ein glücklicher Gedanke von J o 11 e s, 

'i Ferrometer, erste und zweite Mittheilung. Von Adolf 
•Tolles. Deutsche med. Woehensehr.. No. 10, 1807. und No. 7, 
1S9S. 

■) Hladik: Wiener kliu. Woclienschr. 1898, No. 4. — 
Jellinek: Wiener klln. Woclienschr. 1898, No. 33 u. 34. — 
R o s i n u. Jellinek: Zeitsehr. f. klln. Med. 1899. — A. J o 11 e s: 
Wiener klln. Rundschau 1899, No. 14, 15 u. 10. — Fried jung: 
Med. Woche. Berlin 1900. No. 1 u. 2.-0. Kos e: Casopis lekaru 
ceskvch 1901. Durch Kliu. tlier. Woclienschr., No. 37, 1901. — 
Kornfeld: Klin. ther. Woclienschr. 1900, No. 29. — Fölkel: 
Müuch. med. Woclienschr. 1900, No. 44. 


den Apparat in der Weise zu modifiziren, dass der Eisengehalt des 
Blutes auf kolorimetrisehem Wege mit Hilfe eines Glas¬ 
keiles bestimmt wird. Zu diesem Zwecke wird das Eisen des 
Blutes in die Rhodanverbindung übergeführt und deren Farben- 
intensität durch Vergleich mit jener des Glaskeiles des 
Fleisch l’schen Hämometers bestimmt, ln jüngster Zeit hat 
nun diese Modifikation noch eine wesentliche Vereinfachung da¬ 
durch erfahren 3 ), dass durch entsprechende Abmessung der 
Quantitäten der zugesetzten Reagentien und der Dimensionen des 
Apparates es möglich war, die dem Eisengehalte des normalen 
Blutes entsprechenden Färbungen der Intensität und der Nuance 
nach in Uebereinstimmung zu bringen mit dem durch den Skalen- 
theil von 90 bis 100 bezciehneten Bereich des F 1 e i sc h l’schen 
resp. Fleischl-Miescher’sehen Hämometers. Hie¬ 
durch war es möglich, diesen Apparat, welcher die Bezeichnung 
„klinisches Ferrometer“ 4 ) führt, ohne Weiteres an 
jedem Fleisch l’schen Hämometer anzubringen. 

Ich habe das „klinische Ferrometer“ auf seine Verlässlich¬ 
keit in der Weise geprüft, dass ich in entsprechend hergcstellteu 
Lösungen von bekanntem Eisengehalte die Ferrometerzahl mittels 
des Apparates festgestellt und aus der Tabelle den Eisengehalt 
entnommen habe. Bevor ich die Resultate meiner diversen Ver¬ 
suche bekanntgebe, erlaube ich mir vorerst die Methodik zu be¬ 
schreiben, wie sie nach den von mir gewonnenen Erfahrungen 
am zweekmüssigsten in praxi zur Ausführung gelangt. 

Man entnimmt mit der Kapillarpipette durch Ausaugeu genau 
0,05 ccm = 50 emm Blut und bringt dieselben auf den Boden eines 
Platintiegols, welcher vorher sorgfältig mit saurem schwefel- 
saurem Kali ausgesclmiolzen wurde, bis die im Wasser gelöste 
Schmelze auf Zusatz von Salzsäure und Rhodanammon nicht die 
Spur einer Rothfürbung zeigt. Die Pipette wird zweimal 
mit destlllirtem Wasser ausgespült, hierauf der Tiegelinhalt auf 
der Asbestplatte vorsichtig zur Trockne eingedampft und dann 
verascht. Der Rückstand wird mit 0.2 g gepulvertem, saurem 
schwefelsaurom Kali aufgeschlossen, die Schmelze in ca. 2—3 ccm 
dest. Wasser unter vorsichtigem Erwärmen gelöst, in den Stüpsel- 
z.vliuder gespült, der Platintiegel abermals mit ca. 1 ccm dest. 
Wasser ausgespült, die Flüssigkeit ln den Stöpselzylluder geleert, 
der Tiegel hierauf geglüht und nochmals mit 0.2 g saurem, 
schwefelsaurem Kalium aufgeschlossen. Die Schmelze wird in 
gleicher Weise wieder gelöst und die Lösungen in den Stöpsel- 
zy linder gespült. Nunmehr bringt mau in den Zylinder 3 ccm 
Salzsäure (1:3) und 3 ccm Rhodanammoulösuug, füllt mit dest 
Wasser bis zur Marke auf. mischt gut durch und füllt nunmehr 
mittels einer Pipette das vor dem Keil befindliche Rohr mit der 
im Stöpselzylinder befindlichen Flüssigkeit. Das über dem Keil 
befindliche Rohr wird ln gleicher Weise mit dest. Wasser gefüllt 
hierauf werden die Deckgliischen aufgesetzt und der Keil so 
lange verschoben, bis die Färbung in beiden Röhren gleich er¬ 
scheint. Die Keilablesung ergibt direkt die Ferrometerzahl. 
Um den Apparat auf seine Verlässlichkeit zu prüfen, habe ich 
mir nach der in Pflüger’s Archiv s ) gegebenen Vorschrift sorg- 
fältigst eine Eisenlösung hergestellt, von der jeder Kubikzentimeter 
genau 0,00005 g Eisen enthält. Von dieser Vergleichslösung wurde 
so viel zu den Versuchen entnommen, als in 0.05 ccm normalen 
und pathologischen Blutes enthalten sein kann. Die jeweilig ent¬ 
nommenen Quantitäten der Vergleichslösung wurden eingedampft, 
geglüht mit saurem, schwefelsaurem Kali aufgeschlossen, die 
Schmelzen in dest. Wasser gelöst und die Lösungen so behandelt, 
wie ich es oben eingehend beschrieben habe. 

Die Resultate der Versuche sind in nachstehender Tabelle 
zusammengestellt: 


Laufende 

Nummer 

Vergleichs¬ 

lösung 

Anzahl der 
entnom¬ 
menen Kubik- 
centlmeter 

Die den ent¬ 
nommenen 
ccm Ver¬ 
gleichslösung 
ent¬ 
sprechende 
Elsenmenge 

Die 

der Eisen¬ 
menge ent¬ 
sprechend. 

Ferro¬ 

meterzahl 

Ab- 

gelesene 

Ferro¬ 

meterzahl 

Die der ab¬ 
gelesenen 
Ferfometer- 
sahl entepr. 
Eisen- 
menjre 

1 

0,6 

mg Fe 

0,03 

96 

95 

mg r« 

0,029 

2 

0,6 

0,03 

96 

93 

0,029 

3 

0,5 

0,025 

80 

79 

0,024 

4 

0,5 

0,025 

80 

80 

0,026 

5 

0,4 

0,020 

65 

64 

0,019 

6 

0,4 

0,020 

65 

63 

0,019 

7 

0,3 

0,015 

48 

47 

0,014 

8 

0,3 

0,015 

48 

47 

0,014 

9 

0,2 

0,010 

31 

32 

0,010 

10 

0,2 

0,010 

3t 

31 

0,010 

11 

0,1 

0,0 i 

16 

16 

0,06 

12 

0,1 

0,05 

16 

16 

0,05 


s ) Münch, med. Wochenschr., No. 9, 1901. 
b Hergestellt in der optisch-mechanischen Werkstätte von 
Carl Reichert in Wien, VIII. Bez. 

°) Beträge zur quantitativen Bestimmung des Eisens im Blute. 
Arch. f. d. ges. Phys., Bd. LXV. 

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4. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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Wie aus den Zahlen ersichtlich ist, liefert der neue Apparat 
bei Einhaltung der gegebenen Vorschriften sehr exakte 
Resultate, und wir sind thatsächlieh im Stande, uns aus 
einer minimalen Blutmenge ein verlässliches 
Bild über den jeweiligen Eisengehalt des 
Blutes zu verschaffen. Die Ferrometerzahl be¬ 
wegt sieh nach meinen Untersuchungen bei gesunden 
männlichen Individuen zwischen 85 bis 98, bei weib¬ 
lichen Individuen zwischen 80 bis 92. Ferrometer¬ 
zahlen unter 85 resp. 80 sind als pathologisch zu bezeichnen. 
Bei gesunden Individuen zeigt, die Ferrometerzahl gegen¬ 
über der Hämometerzahl nur unwesentliche Diffe¬ 
renzen, so dass wir in der Bestimmung der Ferrometerzahl 
vielfach eine werthvolle Ivontrole der Hämometerzahl resp. d<*s 
Hämoglobingehaltes des Blutes besitzen. Hingegen treten in 
pathologischen Fällen — wie aus den bisherigen Publi¬ 
kationen hervorgeht — Differenzen auf, welche namentlich in 
Beziehung mit den übrigen üblichen Blutuntersuchungsmethoden 
bea ch tc li swerthe diagnostische An haltspunkte 
zu geben vermögen. 

Ich glaube somit, dass das J oll es’sehe klinische 
F erroineter als eine werthvolle Bereicherung der Methodik 
der klinischen Blutuntersuchung anzusehen ist. 


Alis dem physiologischen Institut zu Basel (Prof. v. B u n g e). 

Vergleich der Methoden von Stao Otto und Kippen¬ 
berger zum Nachweis von Alkaloiden. 

Von Dr. med J. Weiss in Basel. 

Giftstoffe anorganischer Natur lassen sich in Untersuchungs¬ 
objekten nach Zerstörung der organischen Substanzen durch 
Oxydation im Allgemeinen leicht und schnell chemisch nach- 
weisen. Dagegen ist der Nachweis organischer Gifte, vor Allem 
der in der forensischen Praxis in Betracht kommenden Alkaloide, 
Glykoside und Bitterstoffe, mit erheblichen Schwierigkeiten ver¬ 
bunden, die sich noch vermehren, wenn es sich um den Nachweis 
mehrerer solcher Stoffe handelt, deren Reaktionserseheinungen 
sich oft gegenseitig aufheben oder undeutlich machen. Aber 
auch bei dem Nachweis einzelner stehen uns die im Organismus 
theils vorhandenen, theils durch die Verwesung gebildeten orga¬ 
nischen Verbindungen im Wege, aus denen der gesuchte Körper 
oft nur schwer exakt zu isoliren ist. Aus den eingehenden Unter¬ 
suchungen, welchen besonders Selmi, Brieger und N e n c k i 
die bei der Verwesung entstehenden Fäulnissprodukte oder 
Ptomaine unterzogen haben, ergibt sich, dass leicht die Möglich¬ 
keit vorhanden ist, solche normaler Weise in Leichentheilen vor¬ 
kommende Körper mit Alkaloiden zu verwechseln und dadurch 
zu Schlüssen zu kommen, welche zu gerichtlicher Verurtheilung 
Unschuldiger führen können. 

Sänuntlichen Untersuchungsmethoden lugt die Isolirung des 
Giftstoffes in rein wässeriger Lösung oder fester Substanz zu 
Grunde bei möglichst vollständiger Abwesenheit von Körpern, 
welche die spezifische chemische Reaktion stören oder verhindern 
können. Deshalb wird die wässerige Lösung mit einer Flüssig¬ 
keit behandelt, welche sich mit Wasser nicht mischt, aber das 
Alkaloid, seine Salze oder die in Betracht kommenden Glykoside 
oder Bitterstoffe aufnimmt. Die meisten Alkaloide sind in den 
Extraktionsflüssigkeiten, als welche zumeist Aether, Chloroform, 
Amylalkohol, Essigäther, Petroläther und Benzol dienen, un¬ 
löslich, die meisten Alkaloidbasen aber löslich; desshalb werden 
die meisten Alkaloide erst aufgenommen, nacluiem die Flüssig¬ 
keit alkalisch geworden ist. Da aber immerhin einzelne Alkaloide 
auch in die saure Ausschüttelungsflüssigkeit übergehen, so müssen 
mehrere Arbeiten einander folgen, indem die den Giftstoff ent¬ 
haltende Flüssigkeit erst im sauren, dann im alkalischen Zu¬ 
stande mit den betreffenden Lösungsmitteln behandelt wird. 

Um sich zu überzeugen, ob die Ausschüttelungsflüssigkeit 
überhaupt Stoffe aufgenommen hat, verdunstet man einen Theil 
derselben auf einem kleinen Uhrschälchen auf dem Wasserbade. 
Bleibt ein Rückstand, so empfiehlt es sich, sofort auf Alkaloide 
im Allgemeinen zu prüfen, wozu sich in erster Linie die Jodjod- 
kaliumreaktion empfiehlt. 

Zur Tsolirung werden gegenwärtig besonders 3 Methoden an¬ 
wandt, die von Drage udor ff, Stas-Otto und II i 1 g e r. 


Die Methode I) ragen dorff [1] beruht auf der Lösung 
der Giftstoffe in schwefelsäurehaltigem Wasser, Eindampfen der 
wässerigen Lösung, Behandlung des Rückstandes mit Alkohol und 

1 Überführung der alkoholischen Lösung in eine wässerige Flüssig¬ 
keit. Diese sauix? wässerige Flüssigkeit wird der Reihe nach 
mit Petroläther, Benzol, Chloroform und Amylalkohol aus- 
geschiittelt, dann mit Ammoniak übersättigt und nochmals mit 
denselben Ausschüttelungsflüssigkeiten behandelt. Die rück¬ 
ständige wässerige ammoniakalische Flüssigkeit wird unter Zu¬ 
satz von Glaspulver oder Gips auf dem Wasserbade getrocknet, 
der Rückstand verrieben und mit Chloroform extrahirt (Nachweis 
von Curarin). 

Die Methode von Stas-Otto [2], welche am häufigsten zur 
Anwendung kommt, beruht auf der Extraktion der Giftstoffe 
durch sauren Alkohol. Sie hat den Vortheil, dass die in Wasser 
leicht löslichen Eiweisskörjier und stark färbenden Substanzen 
nicht in zu grosser Menge übergehen. Die saure alkoholische 
Flüssigkeit wird eingedampft und nochmals mit starkem Alkohol 
behandelt. Schliesslich wird der Rückstand in saure wässerige 
Lösung übergeführt. Zum Ansäuern verwendet man Weinsäure. 
Alsdann wird erst die saure, dann die alkalische Flüssigkeit mit 
Aether ausge-schüttelt. 

Das Verfahren II i 1 g e r [3] besteht darin, dass man Gips mit 
der zu untersuchenden Flüssigkeit mischt, wodurch eine harte 
Masse entsteht, bei deren Extraktion in saurem Zustande mit 
Aether oder Chloroform alle Glykoside und ein Theil der 
Alkaloide, in alkalischem alle Alkaloide in reinem Zustande sich 
gewinnen lassen. 

Ein neues Verfahren hat Kippenberger [4] angegeben, 
um die einzelnen Stoffe noch reiner zur Darstellung zu bringen. 
Dasselbe beruht auf der Bildung wasserlöslicher glvceringerb- 
saurer Verbindungen und auf der Unlöslichkeit der Eiweiss¬ 
körper, wenn das Untersuchungsmaterial bei Körperwärme mit 
Gerbsäure und Glycerin digerirt wird. Die Aussehüttelung ge¬ 
schieht erst in saurem Zustande mit Petroläther und Chloroform, 
dann nach Alkalisirung durch Alkalilauge mit Chloroform. 
Hierauf wird die alkalische Flüssigkeit mit Alkalikarbonatlösung 
behandelt und mit Alkohol und Chloroform ausgeschüttelt, die 
rcstirende Flüssigkeit mit Chlomatrium gesättigt und mit Aether 
und Chloroform behandelt (Nachweis von Strophanthin). 

Um das Material ausschüttelungsfähig zu erstellen, gibt 
K ippenberger folgenden Arbeitsgang an: Man extrahirt die 
zu untersuchende Masse direkt mit einer Lösung von Gerbsäure 
in Glycerin (ca. 10 g Gerbsäure, 1 g Weinsäure, 100 g Glycerin) 

2 Tage lang bei etwa 40°. Auf 100 g fester Stoffe werden etwa 
100—150 g Extraktionsflüssigkeit genommen. Die Flüssigkeit 
wird dann durch wiederholtes Auspressen von den festen Steffen 
getrennt, wobei der Pressrückstand mit einer Mischung von 
Glycerin und Wasser ausgewaschen wird. Die vereinigten Flüssig¬ 
keiten werden durch Erwärmen auf ca. 50° von eventuell gelösten 
Eiweisskörjx»rn getrennt und nach dem Erkalten filtrirt. Ist die 
Flüssigkeit, zu dick zum Filtriren, so setzt man Wasser zu; ist 
die Flüssigkeitsmenge andererseits zu gross, so bringt man sie 
durch Eindampfen auf das richtige Maass. 


N agelvoort [5] hat diese Methode KippenbergcFs 
an der Hand von Untersuchungen an verwesenden Kadavern 
günstig kritisirt. 

M. v. S e n k o w s k i [6] will Glycerin vermeiden, da dieses 
auch Albuminstoffo theilweiso löst, und schlägt vor, mit wein- 
säurehaltigem Wasser zu extrahiren und die saure Flüssigkeit 
mit 10 proz. Gerbsäure zu vermischen, hierauf das Ganze mit 
Hautpulver zu behandeln. Dagegen führt Kippenbergor [7] 
an, dass durch Erwärmen auf 40 u die Albuminstoffe vollständig 
niedergeschlagen werden, so dass weder Jodjodkalium noch Queck¬ 
silberjodidkalium oder Pikrinsäure oder Platinchlorid oder Phos¬ 
phormolybdänsäure Niederschläge ergeben. Besonders Blutfibrin 
lasse die« schön erkennen. Als weiteres geeignetes Mittel zur 
Lösung der gerbsauren Alkaloide, gleichzeitig zur Trennung von 
Albuminstoffen, gibt er Aceton an. Der Vortheil gegenüber der 
direkten Extraktion des Untersuchvuigsmateriales mit gerbsäure- 
haltigem Glycerin liege neben der vollständigeren, d. h. glatteren 
Entfernung der Proteinstoffe hauptsächlich in dem geringeren 
Gehalto der schliesslich restirenden Flüssigkeit an Glycerin. Das 
Verfahren sei folgendes: Das Untersuchungsmaterial ist mit salz- 
säurehaltigem Alkohol zu extrahiren, der Alkohol zu verdunsten, 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


der Rückstand mit wenig Wasser und Aceton pastenartig auf¬ 
zuweichen und mit Gerbsäure zu vermischen, dann mit einer ge¬ 
nügenden Menge Aceton, dem einige Tropfen Salzsäure bei¬ 
gemischt sind, in gelinder Wärme zu behandeln. Das Filtrat wird 
mit 10—20 ccm Glycerin und 1—2 ccm Salzsäure vermischt, auf 
dem Wasserbade so lange eingeengt, bis alles Aceton verdampft 
ist (56 “) und dann mit Wasser verdünnt. Die filtrirte Flüssigkeit 
muss für Chloroform aussehiittelungsfähig sein. 

Ich habe eine Nachprüfung der von Kippenberger an¬ 
gegebenen Methoden für angezeigt gehalten und dieselben mit der 
S t a s - 0 11 o’schen verglichen. Ich arbeitete in der Weise, dass 
ich zuerst gewöhnliehen Speisebrei, dann Magen und Darm eines 
wenige Tage alten Kadavers, und ganze Kadaver von Mäusen, 
und schliesslich Magen und Darm eines längere Zeit in der Erde 
befindlichen Kadavers und ebenso ganze Mäusekadaver ver¬ 
arbeitete. Die ursprünglich von Kippenberger angegebene 
Methode bezeichne ich mit I, die mit Aceton als II. Von 
Alkaloiden verwendete ich Strychnin, Morphin und Atropin. 


1 . 

Je 100 g Speisebrei mit je 10 ccm 2 proz. Strychninlösung 
ergaben: 

Nach Stas-Otto 0,1821 = 90,6 Proz. 

„ Kippenberger I 0,0939 = 46,9 „ 

» „ II 0,0217 = 10,9 „ 

2 . 

Je 100 g Speisebrei mit je 10 ccm 2 proz. Morphinlösung er¬ 
gaben: 

Nach Stas-Otto 0,1745 = 87,3 Proz. 

„ Kippenberger I 0,1238 = 61,9 „ 

II 0,0847 = 42,4 „ 

3. 

Je 100 g Speisebrei mit je 10 g 2 proz. Atropinlösung ergaben: 

Nach Stas-Otto 0,1923 = 96,2 Proz. 

„ Kippen b erg er I 0,1054 = 57,7 „ 

„ „ II 0,0915 = 45,8 „ 

Es ergab sieh nach Stas-Otto eine reichlichere quanti¬ 
tative Ausbeute als nach den Methoden von Kippenberger; 
bei der Anwendung von Aceton sogar noch weniger als bei der 
erst angegebenen reinen Glyeerintannatmethoda Ich wandte daher 
bei den folgenden Versuchen nur letztere au. 


4. 

A. Kaninchen 15 ccm 5 proz. Strychninlösung f 15 Min. Stas-Otto 0,0092 Kippenberger 0,0060 


B. Katze 20 „ 5 „ „ t 15 Min. 

C. Katze 20 „ 2 „ Morphinlösung f 5 Std. 

D. Katze 20 „ 2 „ Atropinlösung f 30 Min. 

E. Katze 15 „ 5 „ Strychninlösung f 15 Min. 


0,0215 

0,0015 

0,0065 

0,0052 


0,0085 

0,0015 

0,0052 

0,0032 


5 Mäuse Speck mit Strychnin. Bei beiden Methoden qualitativ unmittelbar nachzuweisen. 

Bei dem Kaninchen und den Katzen wurde die Giftlösung per os mittels der Schlundsonde eingeführt; die Hälfte des Magens 
und Darmes wurde verarbeitet, die andere Hälfte eingegraben und erst nach längerer Zeit untersucht. Das Resultat war fol¬ 
gendes: 

5.*) 

13. XI. ausgegraben 20. XII. 


A. Kaninchen Strychnin 

B. Katze „ 

C. Katze Morphin 

D. Katze Atropin 

E. Katze Strychnin 

*) cf. Versuch 4; 


21. XI. 
25. XI. 
27. XI. 
7. XII. 


Stas-Otto 0,0061 Kippenberger 0,0042 
13 III. „ 0,0198 „ 0,0123 

12. III. kein Morphin nachweisbar 

10. III- Stas-Otto 0,0049 Kippenberger 0,0038 

11. III. ,. 0,0063 „ 0,0ü35 


Maus I 
.. II 


f 24. XI. ausgegraben 12. III 


Strychnin in allen Fällen 
deutlich nachweisbar. 


f 7. XH. „ 7. III. 

„ III f 10. XII. „ 8. III. 

„ IV f 15 XII. „ 21. II. 

„Vf 18. XII. „ 11. II. . 

Strychnin war also nach längerer Zeit noch nachweisbar, 
auch Atropin, während Morphin nach so langer Zeit keine Re¬ 
aktion mehr gab. Die Stas-Ott o’sche Methode lieferte in 
allen Fällen bessere Ergebnisse als die Kippen berge rische, 
ich sehe daher keinen Grund ein, wesshalb man von ersterer ab¬ 
gehen sollte. Ich muss noch bemerken, dass die Versuche in das 
Wintersemester 1900/01 fielen, in welchem die Temperatur sehr 
niedrig war, so dass die Zersetzung hintangehalten wurde. Uebri- 
gens war auch das nach Stas-Otto gewonnene Ausschütte¬ 
lungsmaterial reiner; ferner wirkt das Glycerin in grösseren 
Mengen immer störend, was wohl auch Kippenberger selbst 
veranlasst hat, die Anwendung von Aceton zu empfehlen, 

Dagegen stimme ich mit Kippenberger völlig überein 
in der Empfehlung der Anwendung von Jodjodkaliumlösung zur 
quantitativen Bestimmung der Vorgefundenen Alkaloida Diese 
Methode gründet sich auf die Unlöslichkeit der Superjodid¬ 
verbindungen der Alkaloide und wird ausgeführt, indem man die 
Alkaloidlösung mit Normaljodlösung im Uebersehuss versetzt 
und mit V,., Normalnatriumthiosulfatlösung titrirt. Wagner 
[8] hat diese Methode empfohlen, Mohr hat sich vorsichtig 
darüber ausgedrückt, Schweissinger ist nach näherer Prü¬ 
fung zu dem Schlüsse gekommen, dass sie vorsichtiges Arbeiten 
erfordert, da sieh der Alkaloidsuperjodidniederschlag bei Be¬ 
rührung mit Wasser allmählich zersetzt. Auch die von 
Kippenberger angegebene Reinisolirung der Alkaloide 
durch Herstellung der jodwasserstoffsauren Superjodidverbindung 
kann ich als praktisch für alle Alkaloide gütig empfehlen. 

Dagegen liegt kein Grund vor, für die Isolirung der Alkaloide 
bei dem heutigen Stande der Methoden von der Stas-Ott o’- 
sehen abzuweiehen. 

Literatur: 

1. Die gerichtlich-chemische Ermittelung von Giften. 1895, 
4. Aufl., pag. 149 ff. — 2. Anleitung zur Ausmittelung der Gifte. 
1S90, 7. Aufl., pag. 118 ff. -- 3. Mitth. a, d. pliarmazeut. Inst. u. 


Lab. f. angew. Chemie der Univ. Erlangen II, 76. — 4. Zeitschr. f. 
analyt. Chemie 1895, 34, pag. 294 ff. Grundlagen für den Nach¬ 
weis von Giftstoffen 1897, pag. 55 ff. — Aineric. Journ. of Pharm. 
1896, pag. 377. — 6. Zeitschr. f. analvt. Chemie 1898. 37, pag. 362. 
— 7. Ibid. 1900. 39, S. 627 ff. — 8. cfr. 4: Grundlagen für den 
Nachweis von Giftstoffen. 1897, pag. 148 ff. 


Kurze Bemerkung zu „Blutvergiftung und Amputation“ 

Von Dr. Heinrich W o 1 f f, Assistenzarzt an der k. chirur¬ 
gischen Universitätsklinik Sr. Exzellenz des Herrn Geheimrath 
v. Bergm a n n. 

Anknüpfend an meinen in No. 48, 1901, dieser Wochenschrift 
erschienenen Aufsatz über dieses Thema hat Brauser (No. 
1JM)2 d. Münch, med. Woehensehr.) in sehr dankenswerther Weise 
Veranlassung genommen, den Standpunkt der Münchener 
chirurgischen Klinik darzulegen und weitere lehrreiche 
Fälle mitzutlieilen. 

Ich freue mich, aus Brau ser’s Ausführungen entnehmen zu 
können, dass unsere Ansichten in der Ainputationsfrage von der 
Münchener Klinik in allen Punkten getliellt werden. 

An derselben Stelle findet sieh eine Erwiderung Doerf - 
I e r’s, auf welche ich in Kürze einzugehen habe. 

Aus Doerf ler's neuen Darlegungen ist zu ersehen, dass er 
seine vor kaum einem Jahre verkündeten Thesen in der Haupt¬ 
sache widerruft. 

Wir hätten uns gefreut und mit Stillschweigen darüber quit- 
tirt, wenn Doerf ler diese Revokation in irgend einer annehm¬ 
baren Form auch selbst zugestehen würde. 

Das thut er nicht. Nach seiner Meinung nimmt er 
nicht ein Titelchen seiner früheren Behauptungen zurück; wie dies 
aber t h a t s ä c li 1 i c h geschieht, mag Folgendes erweisen: 

ln den ersten Zeilen seiner früheren Arbeit knüpft Doerf- 
1 e r an Fälle an, welche ilnn auf Grund gelesener Zeitungsnotizen 
zu früh zur Amputation gekommen zu sein schienen. 

Von uns wurde gerade auf diesen Passus ganz im Sinne 
D o e r f 1 e r's Bezug genommen, wenn ich schrieb: 

„Wir würdeu uns in vollem Einverständnis mit Doerf ler 
lK»finden, wenn er, wie man nach den einleitenden Worten des ge¬ 
nannten Aufsatzes erwarten konnte, davor gewarnt hätte, ein 
Glied zu frühzeitig abzusetzen, es zu opfern, bevor die mit vollem 
Recht gerühmten grossen Einschnitte versucht wurden, in ihrer 
Wirkung aber versagt hatten. Einer solchen Warnung hätten wir 
uns um so lieber angoschlossen, als auch wir, wie ich gleich her¬ 
vorhoben möchte, die Amputation als die ultima ratio anseheu etc.“ 

Sehen wir nun. was Doerfler in seinem ersten Aufsätze 
schliesslich proklamirte: 


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4. Marz 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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„Ich verwerfe die Amputation bei Blutver¬ 
giftung (sept Phlegmone, Pyämie, Septikämie, Phlegmone mit 
malignem Oedem etc.) auf’s Allerentschiedendste. Die 
Amputation ist ln all’ diesen, selbst aller- 
sch wersten Fällen nicht gerechtfertigt. 

Es gibt überhaupt keinen richtigen Zeit¬ 
punkt für die Amputation (!). 

Die Amputation bei Phlegmone ist eine 
Sünde gegen die Natur und ihre Gesetze — ein 
Missgriff ärztlicher Kunst“ 

So wurde damals die Amputation bei jeder Form 
und in jedem zeitlichen Stadium der progredienten 
Phlegmone mit Emphase in Acht und Bann gethan! 

Und heute? Heute schreibt D o e r r 1 e r: 

„Ich habe solche Fälle im Auge gehabt, bei welchen laut Be¬ 
richt in Folge aufgetretener Blutvergiftung nach kleinen Ver¬ 
letzungen sofort oder am 2., 3. und 4. Tage ainputirt 
werden musste.“ (Seite 106.) 

Zwei Spalten weiter unten (Seite 107) heisst es: 

„Meine Lehren richten sich nur (!) gegen die Amputation bei 
frischer progredienter Sepsis nach Verletzungen und sonstigen 
traumatischen Komplikationn innerhalb der ersten Tage 
(nach meinen Erfahrungen etwa 8—12 Tage).“ 

Und während Doerfler in dieser Weise seine ursprüng¬ 
lichen Thesen successive desavoulrt, verkündet er schon wieder in 
derselben Zeile: 

„d a b s er Alles, was er gesagt habe, aufrecht 
erhält.“ 

Ich brauche über diese von Doerfler angewendete Methode 
eines wissenschaftlichen Disputs kein Wort zu verlieren, sie ist 
gut gekennzeichnet und richtet sich von selbst! 

Die gegen meine Person gerichteten Auslassungen Dorf- 
1 e Fs übergehe ich. Sie können mich nicht treffen. 

Somit erledigt sich für mich die Diskussion. 


Ein Vergleich der neuen ärztlichen Prüfungsordnungen 
in Deutschland und Oesterreich. 

Von Prof. R. G o 111 i eb in Heidelberg. 

Die Diskussion über die neue ärztliche Prüfungsordnung ist 
dem „fait accompli“ ihrer Einführung gegenüber verstummt. Aber 
auch post festum sind vielleicht einige Bemerkungen am Platze, 
zu denen Ich angeregt werde durch einen Einblick in die eben in 
Kraft tretende Prüfungsordnung für Oesterreich. Es dürfte viel¬ 
leicht von allgemein ärztlichem Interesse sein, sie in Kürze mit der 
unseligen zu vergleichen. 

Höhere Anforderungen an das Maass praktischen Könnens, 
das der Arzt in den Beruf mitbringen soll, streben beide 
Verordnungen an. In diesem Punkte hatte sich eben die bisherige 
Ausbildung als unzureichend erwiesen und so setzten die Reform - 
bestrebungen naturgemäss hier ein. Das Hauptproblem einer jeden 
medizinischen Studien- resp. Prüfungsordnung liegt aber gerade 
darin, wie mit der guten praktischen Schulung die Erziehung zu 
naturwissenschaftlichem Denken als Grundlage der ärztlichen 
Kunst zu vereinen sei. Sehen wir zu, wie die neue österreichische 
Prüfungsordnung dieses Problem zu lösen sucht: sie hat es meines 
Erachtens durch richtige Vertheilung des Stoffes verstanden, 
neben den höheren Anforderungen an die praktische Ausbildung 
die naturwissenschaftliche Grundlage der Medizin während der 
ganzen Studienzeit festzuhalten und in der Prüfung stärker zu 
betonen, als die unserige, ohne dabei den klinischen Studien mehr 
Zeit zu entziehen. In der deutschen neuen Prüfungsordnung 
liegt dagegen die Gefahr, dass nicht erst im praktischen Jahre, 
sondern schon während der klinischen Semester der Schwerpunkt 
der Ausbildung von der naturwissenschaftlichen allzu sehr auf die 
technische Seite der Kunst verlegt wird. 

Ich gehe selbstverständlich bei einem Vergleiche beider Ver¬ 
ordnungen nur auf wenige Hauptpunkte ein. Wie bei uns ist 
auch in Oesterreich das ganze medizinische Studium in 2 Ab¬ 
schnitte getheilt, von denen der erste den naturwissenschaftlichen 
Disziplinen gewidmet ist, der zweite aber der eigentlich ärztlichen 
Ausbildung dient. Die Prüfungen, w'elche diese beiden Studien¬ 
abschnitte abschliessen, führen in Oesterreich von Alters her den 
Namen Rigorosen. Das erste Rigorosum entspricht der ärzt¬ 
lichen Vorprüfung in der neuen deutschen Examensordnung, 
während das zweite und dritte österreichische Rigorosum unserer 
ärztlichen Prüfung am Schlüsse der Universitätsstudien entspricht. 
Für die Zulassung zum ersten Rigorosum sind in Oesterreich 
mindestens 4 Semester, für die Zulassung zur ärztlichen- Vor¬ 
prüfung in Deutschland mindestens 5 Semester vorgescliriebeu. 
Für den zweiten Studienabschnitt der klinisch-ärztlichen Aus¬ 
bildung sind in Oesterreich mindestens 6 Semester, bei uns nur 5 
gefordert, es wird also in Oesterreich ein klinisches Semester mehr 
verlangt; dafür aber fehlt das praktische Jahr. 

ln der Schlussprüfung des ersten Abschnitts fallen In Oester¬ 
reich fortan Zoologie und Botanik weg. während sie bol uns bei- 
behalten bleiben. Um zu einem wirklichen Verstündniss der Einzel- 
thatsachen in diesen Wissenschaften vorzudringen, fehlt es dem 
jungen Mediziner sicherlich an Zeit und Gelegenheit zur Ver¬ 
tiefung. An die Stelle von Zoologie und Botanik tritt nun im 
ersten österreichischen Rigorosum eine Prüfung über „all¬ 
gemeine B i o 1 o g i e“, in der sich der Kandidat über eine ge¬ 


nügende Kenntuiss und Auffassung der allgemeinen Lebens¬ 
erscheinungen auszuweisen hat Es unterliegt keinem Zweifel, 
dass solche Vorlesungen über allgemeine Biologie, welche sich mit 
den Eigenschaften einzelliger Lebewesen, mit Zellenlehre und dein 
Aufbau der höheren Organismen aus Zellen, mit der Arbeits¬ 
teilung im Pflanzen- und Thierkörper u. s. w., mit den Arten der 
Fortpflanzung und Vererbung. Entstehung der Arten etc. be¬ 
schäftigen, dem Mediziner eine bessere Grundlage geben, als Detail¬ 
kenntnisse aus der Zoologie und Botanik, die übrigens, soweit sie 
dem Arzte wichtig sind. In diese Vorlesungen einbezogen worden 
sollen. Bel richtiger Handhabung im Sinne der Verordnung kann 
die Prüfung über allgemeine Biologie gewiss dazu dienen, dem 
künftigen Arzte einen Komplex grundlegender Anschauungen und 
allgemein biologischer Vorstellungen einzuprägen. Weiter sind, 
wie bei uns, Physik, Chemie, Anatomie und Physio¬ 
logie Gegenstände des ersten Rigorosums, und ausserdem noch 
Histologie. Gegen die Berechtigung dieser letzteren als 
Einzelprüfung möchte ich Bedenken aussprechen; denn die Histo¬ 
logie ist doch ein Theil der Anatomie und kommt methodisch auch 
in der Physiologie und Pathologie zur Anwendung, so dass sich 
in all’ diesen Fächern Gelegenheit genug findet, auf die histo¬ 
logischen Kenntnisse einzugehen. 

Im zweiten klinischen Studienabschnitt ist auch in der öster¬ 
reichischen Prüflings- und Studienordnung die Tendenz ersichtlich, 
das praktische Können des Arztes mehr als bisher zu gewähr¬ 
leisten. Desslialb ist die Zeit für die praktische Prüfung aus den 
klinischen Hauptfächern verlängert, wenn auch lange nicht auf das 
bei uns vorgeschriebene Maass. Aber auch darin folgt die neue 
österr. Verordnung dem Zuge der Zeit, dass sie eine Reihe von 
klinischen Spezialfächern berücksichtigt, die bisher im Examen 
nicht oiler nur ungenügend Platz gefunden hatten. Dass fortan 
jeder Arzt Kenntnisse aus dem Gebiete der Psychiatrie naeh- 
weisen muss, wird wohl allgemeine Zustimmung finden: beide 
Verordnungen schreiben zu diesem Zwecke eine besondere 
Prüfung vor. Bezüglich der Kinderheilkunde, sowie für 
Hautkrankheiten und Syphilis geht das österr. Rigorosum 
aber noch über die deutsche Prüfungsordnung hinaus und verlangt 
auch in diesen Fächern besondere Prüfungen, während sie bei uns 
In der Prüfung der klinischen Hauptfächer berücksichtigt w r erden. 
Die Prüfungen in den drei genannten Disziplinen sind in Oester¬ 
reich als „klinische Spezialfächer“ zusammengefasst 
und die drei Noten gelten zusammen einer Note In den klinischen 
Hauptfächern gleich. Bei der grossen Bedeutung dieser Spezial¬ 
fächer für die Praxis wird gegen ihre eingehende Berücksichtigung 
in der ärztlichen Prüfung nichts einzuwenden sein. Weit eher 
kann schon die Forderung Bedenken erregen, dass auch der ein- 
seniestrige Besuch einer Spezialklinik oder Poliklinik für Hals- 
uml Nasen-, sowie für Ohrenkrankheiten für die Zu¬ 
lassung zum deutschen ärztlichen Examen nachgewiesen werden 
müsse. Das österreichische Rigorosum begnügt sich mit 
dem Nachweise sechwöchentlicher Kurse Ul>er Laryngologie, 
Otiatrie und auch über Zahnheilkunde und lässt damit die Möglich¬ 
keit offen, diese spozialistisehen Studien in die Ferien zu verlegen 
und die Semester für die Hauptfächer frei zu lassen. Immerhin 
scheint mir gerade wegen der einleuchtenden praktischen Wichtig¬ 
keit der Spezialistisehen Schulung in diesen Dingen der Zwang 
durch das Examen überhaupt unnöthig zu sein. Damit soll die 
Bedeutung dieser Kenntnisse und Fertigkeiten für den Arzt durch¬ 
aus nicht gering eingeschätzt werden. Nur ist es eine prinzipielle 
Frage, ob es überhaupt das Ziel eines zelinsemestrigen Studiums 
sein kann, mehr als die Grundlage aller ärztlichen Kunst zu 
geben und ob neben der Ausbildung ln den klinischen Haupt¬ 
fächern und neben einer gründlichen Erziehung zum ärztlichen 
Denken noch eine mehr spezialistisclie Erweiterung des Studiums 
Platz hat. Die Bereicherung der Medizin an technischen Methoden 
schreitet unaufhörlich fort und schon heute scheint es unmöglich, 
dass der Ar/.t alle Methoden, die Ihm von grossem Nutzen sein 
können, schon am ersten Tage nach seiner Approbation auwenilen 
kann. Wird aber auch weiter immer mehr von ärztlicher Technik 
in den Studienplan der zehn Semester aufgenommen und wird so 
das naturwissenschaftlich Fundament immer schmäler, während 
die darauf aufgebauten technischen Kenntnisse immer mehr in 
die Breite gehen, so wird dadurch das ganze Gebäude der 
Ausbildung in seinen Grundfesten bedroht. Eine Verflachung 
und Zersplitterung des Unterrichts müsste endlich die Folge sein. 
Hier sollten das praktische Jahr und vor Allem ärztliche Fort¬ 
bildungskurse zur Entlastung der Studienzeit eintreten. Für die 
Prüfung muss es genügen, wenn der Arzt, in den medizinischen 
Hauptfächern gründlich durchgebildet, von den Spezialfächern 
nur das Wichtigste kennt, was er in (len Hauptkliniken und in den 
Ferienkursen in sich aufuehmen kann. Vor Allem muss aber eine 
gründliche theoretische Ausbildung und klares ärztliches Denken 
den jungen Praktiker davor bew'ahren. Schaden anzurichten. Theo¬ 
retische Vorbildung im Verein mit einer intensiven Schulung In 
den Hauptfächern sind die erste Bürgschaft dafür, dass der Arzt 
nicht bloss der weiteren Entwicklung der Wissenschaft zu folgen, 
sondern auch mit Leichtigkeit sich ln medizinische Spezialzweige 
einzuarbeiten vermag, die Ihm bis dahin fremd waren. 

Ist man sich darüber im Klaren, dass der Werth künftiger 
Aerztegenerationen keineswegs al 1 e i u von Ihrer technisch n Aus¬ 
bildung abhiingt, sondern vor Allem auch von ihrem naturwissen¬ 
schaftlichen Denken, so entsteht die grosse Schwierigkeit, «lass der 
Zeitraum von zehn Semestern nur für die Begabtesten .nusreicht, 
um beiden Seiten In gleicher Weise gerecht zu werden. Jede Pru- 


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370 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


fungsordnung wird dosshalb immer zu einem Kompromiss zwischen 
beiden Standpunkten kommen müssen. l»oeh scheint es mir be¬ 
sonders wichtig, sich vor Augen zu halten, dass der Arzt zur Ver¬ 
vollkommnung seiner technischen Ausbildung noch im praktischen 
Jahr Gelegenheit, findet und auch späterhin in ärztlichen Fort¬ 
bildungskursen. deren Förderung ja jetzt mit Recht von allen 
Seiten angestrebt wird. Schon der Zwang des Lebens wird dafür 
sorgen, dass Lücken in der Technik empfunden und auch aus¬ 
gefüllt.werden; die Grundlagen richtigen ärztlichen Handelns, 
theoretische Durchbildung und physiologische Vorstellungen wird 
sich der Arzt nl>er später nie mehr uneignen können, wenn er sie 
nicht schon aus der Studienzeit mitbringt. 

Möglichste Konzentrirung des Futerrichts auf die Hauptfächer 
halte ich desshalb für ein sehr wesentliches Erforderniss. Zur klini¬ 
schen Ausbildung müssen dabei die praktische und th eo re t i sc li e 
Seite der Medizin gleielunüssig und ebenbürtig Zusammenwirken. 
Auf die praktischen Forderungen wird der Studirende durch beide 
Prüfungsordnungen genügend hingewiesen: für die theoretisch» 
Seite der Medizin sorgt aber die österr. Prüfungsordnung unstreitig 
mehr, als die unsere. Denn in Oesterreich sind von den Fächern, 
die mit der Klinik Zusammenwirken sollen, um Wesen und Zu¬ 
sammenhang der klinischen Erscheinungen zu erklären, ausser der 
pathologischen Anatomie auch allgemeine und experimentelle 
Pathologie und Pharmakologie gleichberechtigte Prüfungs¬ 
abschnitte. Auch die physiologische Grundlage wird noch einmal 
revidirt. Sicherlich darf zwar angenommen werden, dass auch ln 
der Klinik physiologische Vorstellungen und die Ergebnisse der 
experimentellen Wissenschaften genügend l>etont werden, und 
das wird wohl immer mehr der Fall sein, je grösseren Einfluss 
die jüngere, selbst experimentell thätige Generation klinischer 
Lehrer auf den Unterricht gewinnt: dennoch wird lad der über¬ 
grossen Aufgabe der Klinik auf die Mitwirkung jener Grenz¬ 
gebiete zwischen ihr und der Physiologie nicht verzichtet werden 
können. 

Hier möchte ich vor Allem die allgemeine und ex- 
p e r i m e n t e 11 e P a t h o 1 o g i e nennen, deren selbständige Ver¬ 
tretung als Lehr- und Prüfungsgegeustand in Oesterreich eine 
Schöpfung Hokitansky's ist. Die deutsche Prüfungsordnung 
kennt die experimentelle Pathologie noch nicht: die Zelt dürfte aber 
nicht mehr allzufern sein, in der auch bei uns die physiologische 
Pathologie ihren Platz als selbständiger Lehrgegenstand Anden 
wird. Auch die P h a r in a k o 1 o g i e wird in Oesterreich als 
gleicldierechtiges Fach im ärztlichen Schlussexamen geprüft, 
während sie lw»i uns noch immer einen Tlieil der Prüfung aus der 
Inneren Medizin bildet und noch dazu ihren Einfluss auf die (»«»- 
sammtnote dieses Abschnittes in der neuen Prüfungsordnung 
völlig eingebüsst. hat. Endlich hat das österr. Itigorosum eine 
U e b e r s i c li t s p r ii f u n g a u s Auato m i e und Physio¬ 
logie in das Schlussexamen eingefügt, um dein Mediziner auch 
während der klinischen Semester die Wichtigkeit dieser grund¬ 
legenden Fächer immer gegenwärtig zu halten; unsere 
deutsche Examensordnuug aller hat bekanntlich Anatomie und 
Physiologie aus der ärztlichen Prüfung entfernt und begnügt sich 
damit, die übrigen Prüfer zu verpflichten, „soweit der Gegenstand 
die Gelegenheit bietet", festzustellen, „dass der Kandidat ln den 
mit dem betreffenden Abschnitt in Zusammenhang stehenden Ge¬ 
bieten der Anatomie und Physiologie die in der Vorprüfung nach¬ 
zuweisenden Kenntnisse festgehalten und während der klinischen 
Zeit zu verwerthen gelernt hat". Der Werth dieser Vorschrift 
leidet gerade durch ihre Allgemeinheit. Hätte man den beiden 
Fächern, die zur Revision des anatomischen und physiologischen 
Wissens am meisten geeignet sind, der pathologischen Anatomie für 
die anatomischen, der Pharmakologie für die physiologischen 
Kenntnisse dieser Aufgabe ausdrücklich zugewiesen, so 
wäre der Ersatz für den Ausfall der anatomischen und physio¬ 
logischen Prüfung im Schlussexamen sicher ein besserer. Die 
Repetition dieser. Gegenstände am Ende der Studienzeit und In 
Iteziehung zu dem neu erworbenen klinischen Wissen hat aber dem 
angehenden Arzt am besten gelehrt, die Anatomie und Physiologie 
als Grundlagen der Klinik zu erfassen. Für den denkenden Tlieil 
der Kandidaten war speziell die Physiologie im Schlussexamen 
desshalb keineswegs eine blosse Belastung, sondern ein wesent¬ 
licher Gewinn, und viele jüngere Kollegen haben mir eingestanden, 
dass sie ihre physiologischen Kenntnisse mit verdopi>eltem luter¬ 
ess«» wieder aufgefrischt hätten, nachdem sie erst in «ler Klinik die 
nöthige Reif«»" und das Verständnis» für alle Beziehungen der 
Physiologie zur praktischen Medizin erlangt hatten. Von Detail¬ 
kenntnissen konnte man liei einer zweiten Prüfung desselben 
Fa«*h«‘s absehen und s«> hat die österr. Rigorosenordnung iu der 
Erwägung, «lass <»s sich vor Allem darum handelt, den Studlrenden 
darauf hinzuweisen, dass er während d«»r klinischen Semester seine 
Kenntnisse aus den grundl«»gt*nden Disziplinen lebendig erhalte, 
nur eine alternirende Uehersichtsprüfung aus Anatomie und 
Physiologie in das ärztliche Schlussexamen eingeführt. Die Beant¬ 
wortung d«*r nicht ganz leichten Frage, wie man eine solche Ueber- 
sichtsprüfung praktisch handhaben solle, g«»ht am besten aus der 
Instruktion hervor: „Der Examinator wird sich zu vergegen¬ 
wärtig«»!» haben, dass «ler Kandidat, in <l«»n letzten Jahren haupt¬ 
sächlich klinischen Studien obliegend, keine Zeit für eine sp«»zieile 
Beschäftigung mit Anatomie und Physiologie gehabt hat. Es wird 
somit nicht so sehr auf «»inen menmrirten Gedächtnissstoff, auf 
zusammenhanglose Einzelheiten der genannten G«»biete, als viel- 
liu-lir auf ein genügendes Wrstiimlniss und auf richtige Vor¬ 
stellungen in Auatomieis und Physiologicis Gewicht zu legen sein. 


\ erstündniss und Anschauungen, wie sie auch ohne Kenntuiss 
aller l>csonderon Details von einem in der Praxis lebenden, intelli¬ 
genten modernen Arzt erwartet werden." 

Es bleibt zu Indianern, dass l>ei uns die grundlegenden Dis¬ 
ziplinen in der ärztlichen Prüfung dem Ansturm der steigeudeu 
praktischen Bedürfnisse weichen mussten. Dazu mag auch mit- 
gewirkt hal>en. dass man der Physiologie iu klinischen Kreisen 
vielfach den Vorwurf macht, sit» habe iu «len letzten Dezenni«»u 
die Fühlung mit der praktischen Medizin allzu sehr verloren; dess- 
halb flössen der Mnliziu heute aus der Physiologie weit weniger 
Anregungen zu, als in früherer Zeit. Dieser Vorwurf hat gewiss 
keine Berechtigung, wenn man an den tiefgreifenden Einfluss der 
physiologischen Chemie und der Stoffw«*chselphysiologie auf ge¬ 
wisse Gebiete der Me«lizin und an die Beziehungen «ler Neuropatlm- 
logh» zur Physiologie «les Zentralnervensystems denkt. Allerdings 
lässt es sich nicht leugnen, dass die heutige Medizin ihre eutschei- 
«l«»nden Anregungen nicht von der Physiologie», sondern von der 
.-itiologisch«»n Forschung her erhalten hat. Diese Errungenschaften 
hab«»u das gesummte Denken in der M«»dizin fast in ähnlicher 
Weise umgestaltct. wi<» «ler Einfluss der Physiologie in der Zeit von 
Johannes Müller und seinen Schülern. AI »er die neue Bcreich«»- 
ruug hat doch keineswegs «len alten B«*sitz der Medizin entwerthet, 
iiml wenn wir uns auch heute ganz andere Vorstellungen 
fiher die Entstehung «ler Krankheiten machen, als vor wenigen 
Dezennien, die Hauptaufgabe des Arztes bleibt doch auch 
heute die symptomatische Behandlung der gestörten Organfunk- 
tionen. l>«»sshalb wird «ler Einblick iu die Lelx»nsVorgänge des 
normalen Organismus stets die unerschütterliche Grundlage aller 
ärztlichen Ausbildung sein müssen, ohne die Wesen und Zusam¬ 
menhang der Kranklieitserscheiuungen unverständlich bleiben. 
Ueb«»r<lies ist alx»r «ler Einfluss der Physiologie auf die ärztliche Er¬ 
kenntnis.« in Wirklichkeit gar nicht geringer geworden; derselbe 
iiusserst sich nur in einer mehr indirekten Weise durch Vermitt¬ 
lung anderer theoretischer Wissenschaften, «lie auf «ler Physiologie 
basiivn. In früherer Z«»it haben «iie Physiologen noch vielfach 
selbst mit den Metho<U»n des Tliierexperiments klinische Fragen 
verfolgt; die Physiologie ist eben aus der Medizin herausgewachsen. 
Heute hat sit», ihrer eigenen Entwicklung folgend, genug damit zu 
thun, ihr eigenes Haus zu bestellen. Aber Indessen sind aus der 
Physiologie als Ihre Tochterwissenschafteu die experimentelle 
Pathologie und Pharmakologie hervorgegangen, die sich gerade im 
Interesse klinischer Fragestellungen von ihr abgezweigt haben 
und berufen sind, alle Fortschritte «ler Physiologie «len Zweckou 
der Klinik dienstbar zu machen. Wer die physiologische 
P a t h o 1 o g i e von K rehl zur Hand nimmt, wird nicht im 
Zweifel sein können ül>er die hohe Bedeutung, die der experimen¬ 
tellen Pathologie schon heute als Bindeglied zwischen Physiologie 
und rein klinischen Kenntnissen zukommt, und über ihren Beruf, 
die Klinik mit naturwissenschaftlichem Geiste zu erfüllen. Diese 
B«»«leutung der experimentellen Pathologie für die Klinik wird 
aber sicherlich noch von Jahr zu Jahr zunehmen. 

Eine ähnliche Stellung der Klinik g«»genüber nimmt die e x - 
p e r i ui enteil e P h a r m a k o 1 o g i e ein; sie ist wohl eine 
selbständige biologische Wisschenschaft. die in «ler Erforschung «ler 
Arznei- und Giftwirkungen ihre eigenen Wege zu gehen hat, aber im 
Rahmen <l«*s medizinischen Unterrichts fällt ihr die Aufgabe zu. 
als propädeutisches Fach für die Klinik die dort angewandten 
theraiH»utischen Methoden verständlich zu machen. Wenn di«»s 
auch derzeit in vielen Fällen noch nicht möglich ist. und wenn auch 
von so manchen empirisch festgestellten Arzneibeobachtungen 
no«*h keine Brücke zu physiologischem Verständnis« hinüberführt, 
s«» wird dadurch der dhlaktisehe Werth nicht geschmälert, der iu 
der exp«»rim<»ntelh»n Begründung vieler Arzneiwirkungen für 
das ganze therapeutische Denken li«»gt. Ist der Arzt ge¬ 
wöhnt. sich ArzneiWirkungen pharmakologisch klar zu 
machen, so wird er mangelhaft begründeten therapeutischen 
Methoden skeptischer geg«»nüberst«»hen. und dass eine solche Kritik 
gerad«» h«»utzutage überaus Noth thut. braucht wohl nicht näher 
ausgeführt zu werden. Von «lern therapeutischen Nihilismus 
älterer Zeiten droht uns heute keine Gefahr mehr. Davor schützt 
uns dauernd die wissenschaftliche Erkenntnis» von Arznei- 
wirkuugen. unter «lie wir ja ein Recht halten, auch die neueste Er¬ 
rungenschaft. der Serumtherapie zu rechnen. Viel mehr ist «lie 
therapt'Utisehe Vielg«»scliäftigk«»it zu fürchten un«l die UnWissen¬ 
schaftlichkeit. die sich in den therapeutischen Bestrebung«»n «ler 
Jetztzeit vielfach breitmacht. 

Aus di«»s«»n Gründen sehe ich in der Stellung, welche den 
<*renzgebi«»t«»n zwischen Klinik und Physiologie In «ler österreichi¬ 
schen Studienordnung eingeräumt ist. einen grossen Vorzug. Durch 
ihre stärkere Berücksichtigung und durch die Uehersichtsprüfung 
ersetzt «lie «Österreichische Rigorosenordnung vollauf «bis eine 
Semester, «las sie iu «ler naturwissenschaftlichen Vorbildung 
weniger verlangt, als «lie unselige. Man wird mir wohl einwenden 
können, dass auch der klinische Lehrer diese Grenzgebiete be¬ 
herrschen und demgemäss au<*li prüfen kann. Allerdings dienen 
Pathologie und Phannak«>Iogie im Unterricht der klinischen 
Medizin unil «las Bestreiten «ler Kliniker experimenteller Richtung 
ist unverkennbar, die Klinik mit pathologischen und pharmako- 
logischen Kenntnissen zu durchdringen. Ja. mau kann sich 
denkt»n, dass künftig einmal «lie Methoden unil Ergebnisse dieser 
Grenzwissenschaft«»u in einem klinischen Laboratorium an- 
gewnudt und gelehrt werden. Aber cs ist doch «lie Frage, ob es 
jemals nn-lir als dem Einen oder dem Anderen möglich sein wird, 
nicht bloss eine Klinik von der Grösse der heutigen zu leiten. 


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4. Mürz 1902. MUEXCIIENER MEDICINISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


sondern auch nohstlief in experimentellen Vorlesungen der theo¬ 
retischen Seite der Medizin gerecht zu werden. 

Während in unserer deutschen Prüfungsordnung das Schluss- 
exninen als ärztliche Prüfung eine Einheit bildet, zerfällt dasselbe, 
wie schon gesagt, in Oesterreich in das zweite und dritte Rigo- 
rusuni. von denen das eine die Celiersichtspriifung aus Anatomie 
und Physiologie, pathologische Anatomie. Pathologie und Phar¬ 
makologie, sowie Hygiene umfasst. Das dritte Rigorosmil enthält 
die 4 klinischen Hauptfächer, gerichtliche Medizin und die Prüfung 
über die „klinischen Spezialfächer". Die Einzelprüfungen in jedem 
Itigorosum sollen innerhalb 3 Wochen stattlinden, der Zwischen¬ 
termin zwischen beiden Rigorosen darf im Allgemeinen nur 
<» Wochen betragen, doch kann ihn der Vorsitzende auf 10 Wochen 
ausdehnen. Die beiden Rigorosen bilden also de facto fast ebenso 
eine Einheit, wie unsere ärztliche Prüfung. 

Die erwälinteTerminfrage hat für deutscheAerztekreise nur 
untergeordnetes Interesse. Sie sei liier nur liesprochen, weil diese 
Frage in Oesterreich derzeit aktuell ist und. wie politische Tages- 
Mütter melden, den (Jegenstand lebhafter Opposition von Seiten der 
Studentenschaft bildet. In Deutschland wird diese Opposition 
kaum verständlich erscheinen, denn bei uns hatte sich der Kandidat 
Ja stets für die gesummte Schlussprüfung zu melden und die 
Prüfungstermine für die einzelnen Abschnitte waren nach Vor¬ 
schrift der Examensordnung von dem Vorsitzenden immer in 
möglichst rascher Aufeinanderfolge zu bestimmen. Nur die weit 
längere Dauer der praktisch-klinischen Prüfungen und an kleineren 
Universitäten vielfach auch der Mangel an Material verursachen es. 
dass das ärztliche Examen bei uns manchmal längere Zeit iu 
Anspruch nimmt, als es die österreichische Prüfungsordnung nun¬ 
mehr verlangt. Dennoch absolviri die grosse Mehrzahl unserer 
Mediziner das gesummte ärztliche Examen innerhalb eines Winter¬ 
semesters, also iu 4 Monaten, ein Tlieil sogar innerhalb H bis 
12 Wochen und so war es z. B. auch im Sommersemester in Heidel¬ 
berg zwei Drittel der Kandidaten möglich, in der kurzen Zeit vom 
20. April bis 1. August das Examen abzuschliessen. Wer freilich 
nach ungenügender Ausnützung der Studienzeit und mit lücken¬ 
haftem Wissen in das Examen eint ritt, der kommt thatsüchlich 
während der Examenszeit leicht in einen Zustand der l'eber- 
arbeitung. In dem ein l'rtheil über sein Denken und Wissen oft 
fast unmöglich wird. Das betrifft aber glücklicher Weise nur eine 
kleine Minderzahl und der grössere Thell der Kandidaten klagt 
viel eher über eine Verzögerung des Examens, wenn eine solche aus 
äusseren Gründen wegen Mangels an geeigneten Fällen etc. eln- 
treteii muss. Wenn man eine Abstimmung unter den deutschen 
Kliuizisten veranstalten würde, ich glaube, dass sich kaum einer 
für die Verlängerung der Examenszeit entscheiden würde. 

Die österreichische Prüfungsvorschrift begrenzt die Ge 
sammtdauer der beiden Schul rigorosen auf 12 resp. 
10 Wochen. Die Opposition der österreichischen Studenten¬ 
schaft richtet sich demnach gegen ganz ähnliche Vor¬ 
schriften, wie sie lad uns seit vielen Jahren ohne 

Schwierigkeit durchgeführt werden; nur mit Rücksicht auf den 
bisherigen Zustand versteht man diese Opposition, denn bisher 
war es nicht bloss dem freien Ermessen des einzelnen Kandidaten 
anheimgesteüt, wann er sich zu den Rigorosen melden wollte, 
sondern auch innerhalb des einzelnen Rlgorosums konnte man 
zwischen den einzelnen praktischen und «lern theoretischen Tlieil 
der Prüfungen eine beliebige Zeit verstreichen lassen. So konnte 
sich der Kandidat für jede Einzelprüfung gesondert vorbereiten 
und eine Uel»ersieht. über das Gesnmmtwissen ergab das Examen 
nur bei Jenen, welche freiwillig die Prüfung rasch hintereinander 
ablegten. Soll aber die Prüfung Ihren Zweck überhaupt erfüllen, 
und für Staat und Publikum eine gewisse Garantie bieten, dass der 
Arzt ein genügendes Können und bMIiendes Wissen in die Praxis 
mitbringt, so muss der I'ebelstaud des successiven Einpaukens 
von Alischnitt zu Abschnitt möglichst ausgeschlossen werden. Das 
kann nur durch Begrenzung der Gesammtdauer der Prüfung ge¬ 
schehen; ob hierfür 4 oder (5 Monate nonnlrt werden, ist natürlich 
neliensiichlich. 

Dass ein durch Einpauken vor der Prüfung rasch zusammen- 
gerafftes Wissen für das künftige Lel»eu des Arztes wertlilos ist, 
versteht sich von selbst. Denn auf solche Weise aufgenommeiie 
Kenntnisse werden nicht assimilirt und nicht mit den verwandten 
Kenntnissen ln anderen Disziplinen in Beziehung gebracht. Dess- 
halb werden sie auch nach wenigen Wochen wieder vergessen. Vor 
Allem kann aber höchstens der Gedächtnissstoff bewältigt, werden, 
niemals führt das Einpauken zu einem Verstündniss des betreffen¬ 
den Faches. Gerade der Pharmakologe hat oft genug Gelegenheit zu 
derartigen Beobachtungen, da er eine gewisse Summe gedäclitniss- 
müssiger Kenntnisse zu prüfen hat. die sich auf Dosirung und 
Eigenschaften der Arzneimittel lH'ziehen. Solche Kenntnisse lassen 
sich in der That in kurzer Zeit einlernen, nicht al>er das ungleich 
wichtigere Verstündniss für das Wesen der Arzneiwirkungen, das 
nur durch die Anschauung in einer experimentellen Vorlesung und 
in Beziehung zu physiologischen Vorstellungen zu gewinnen ist. 
Der einsichtige Prüfer wird freilich auf Beherrschung des Gedäelit- 
uissstoffes nicht allzu viel Gewicht legen und etwa das l’rtheil über 
flas pharmakologische Verstündniss des Kandidaten auf die Kennt¬ 
nisse der Maximaldosen gründen: denn speziell über Dosirung und 
Verordnung der Arzneimittel erlangt der Arzt erst volle Sicherheit 
in seiner Assistentenzelt und Praxis, Kritik der hergebrachten Ver¬ 
ordnungen und Verstünduiss seines therapeutischen Handelns ge- 


271 

winnt er aber niemals mehr, wenn er sie nicht schon iu's Examen 
mitbringt. 

Es ist desshalb richtig, dass die beiden Prüfungsordnungen 
durch rasche Aufeinanderfolge der Termine die Einheitlichkeit des 
Gesammtbildes über das dauernd erworltene Wissen sicherstellen. 
Obgleich die nette deutsche Prüfungsordnung in diesem Punkte 
noch weiter geht, als die bisher geltende, wird die Vorschrift bei 
uns doch nicht wie in Oesterreich als Härte empfunden werden, 
weil sie nur wenig an dem bisherigen Zustand ändert. Iu gewissem 
Khme hat eine möglichst einheitliche Gesammtprüfung für deu 
Kandidaten aber die wohlthiitlge Folge, dass In den einzelnen 
Prüfungen nur soviel von Detailkenntniss verlangt wird, als der 
Arzt uothwendig präsent halten muss, und dass vor Allem Ver¬ 
stündniss und I'ebersicht des Stoffes für den Erfolg der Prüfung 
maassgebend werden. 

I'eberhaupt kommt es weniger auf die Prüfungsordnung, 
als auf die richtige Art zu prüfen an. Schliesslich wird eben die 
Bildung künftiger Aerztegenerationen — die gleiche geistige Quali¬ 
fikation der Studirenden vorausgesetzt —- sicherlich mehr von der 
Qualität der Lehrer und Prüfer abhängen. als von gesetzlichen Vor¬ 
schriften. 


Referate und Bücheranzeigen. 

v. J a k 8 c h: Klinische Diagnostik innerer Krankheiten 
mittels bakteriologischer, chemischer und mikroskopischer 
TJntersnchungsmethoden. 5. vermehrte Auflage. (Mit 160 theil- 
weise mehrfarbigen Illustrationen in Holzschnitt. Urban & 
Schwarzenberg. Berlin-Wien 1901. 626 Seiten. 

Dieses Buch wurde zuerst 1887 in No. 19 dieser Wochen¬ 
schrift angelegentlichst empfohlen. Dass diese Empfehlung eine 
gerechtfertigte war, beweist die relativ rasche Aufeinanderfolge 
neuer Auflagen, von denen die Dritte 1892 in No. 33, die Vierte 
1896 in No. 43 dieser Zeitschrift angezeigt worden ist. In 
15 Jahren fünf Auflagen ist für ein so umfangreiches Werk 
gewiss ein schöner Erfolg. Ree. braucht daher kaum noch etwas 
Anderes hinzuzufügen, als dass jede neue Ausgabe nicht nur an 
Umfang (die letzte hat gegen die vierte um fast 60 Seiten zuge¬ 
nommen), sondern an inneren Gehalt gewonnen hat. Das Buch 
gibt uns auf Grund sorgfältiger und kritischer Benutzung 
fremder Arbeiten, sowie der immer wachsenden klinischen und 
experimentellen eigenen Erfahrungen des Verf. ein getreues Bild 
unseres Wissens und Könnens auf dem in dem Titel umgrenzten 
Gebiete der klinischen Diagnostik. Die Ausstattung macht der 
Verlagsbuchhandlung auf’s Neue alle Ehre. Penzoldt. 

1 

Dr. Hermann G o c h t: Orthopädische Technik. (Mit 
162 in den Text gedruckten Abbildungen.) Stuttgart, Ferdinand 
Enke, 1901. .Preis 6 M. 

Der Verfasser, der viele Jahre Sekundärarzt der Hoffa’- 
sehen Klinik war, bringt in seinem Buch etwas, was man ver¬ 
geblich in den Lehrbüchern der Chirurgie und Orthopädie sucht, 
und was der angehende orthopädische Chirurg bisher durch müh¬ 
same, zeitraubondeVersuche selbst erlernen oder dem Bandagisten 
absehon musste. Er lehrt, wie man die Gipsnegative und die 
-Positive am besten herstellt, wie man die Gelenkachsen der 
Apparate in Uebcreinstimmung mit den Gelenkachsen des mensch¬ 
lichen Körpers bringt, wie man eine orthopädische Werkstätte 
einrichtet und wie man die verschiedenen gebräuchlichsten Appa¬ 
rate herstellt. 

In dem Buche wird zum ersten Male eine Darstellung der 
orthopädischen Technik von ärztlicher Seite gegeben. Um so 
höher ist das Verdienst des Verfassers anzuschlagen, welcher 
durch eine leichtverständliche, klare Behandlung den an und für 
sich spröden Stoff vortrefflich zu meistern verstanden hat. Das 
Buch ist für jeden Chirurgen und praktischen Arzt, der sich mit 
der orthopädischen Technik zu beschäftigen hat, ein höchst will¬ 
kommener Rathgeber. F. Lange- München. 

Wilbrand und Sänger: Neurologie des Auges. Wies¬ 
baden 1901, J. F. Bergmann. 

Dem im Jahre 1899 und 1900 in 2 Abtheilungen erschienenen 
1. Bande dieses Handbuches sehliesst sich der 2., in welchem die 
Beziehungen des Nervensystems zu den Thränenorgnnen, zur 
Bindehaut und zur Hornhaut besprochen werden, vollwerthig an. 
Die Absicht der Verfasser, von denen der erstere Ophthalmo¬ 
loge, der andere Neurologe ist, eine Darstellung der physio¬ 
logischen und pathologischen Verhältnisse der einzelnen Gebilde 
des Sehorgans zu geben, soweit sie sich auf die wechselseitigen 
Beziehungen zwischen diesem und dem Nervensystem erstrecken. 


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MtTEtfCHENER MEDtCItflSCliE WOCHENSCHRIFT. 


S?ß 


zu geben, wird in konsequenter und erschöpfender Weise weiter¬ 
geführt. 

Unter Beigabe vortrefflicher, dem Merk e l’schen Handbuch 
für topographische Anatomie entnommener Abbildungen be¬ 
ginnen die Verf. mit der anatomischen Beschreibung der Thränen- 
drüse und ihrer Nerven und geben eine vorzügliche Darstellung 
des Innervationsvorganges bei der normahm Thränenabsonde- 
rung und beim Weinen, sowie des mechanischen Auspressens beim 
Lachen, Husten u. s. w. Desgleichen werden der Besprechung 
der Beziehungen des Nervensystems zur Binde- und Hornhaut 
eine höchst genaue makro- und mikroskopische Beschreibung 
des N. trigeminus nebst seinen hier einschlägigen Ganglien, den 
G. semilunare und ciliare, sowie Physiologisches über den Nerven 
vorausgeschickt. Bei der Pathologie des Trigeminus ist die 
ganze Literatur lückenlos herangezogen und gestaltet sich dieselbe 
vorzugsweise zu einer erschöpfenden Monographie des Herpes 
zoster corneae und der Keratitis neuroparalytica. Von beson¬ 
derem Interesse ist, dass die Verf. als Entstehungsursache der 
letzteren Affekt ion nach eingehender Besprechung aller anderen 
Theorien mit Charcot Reizzustände im Trigeminus annehmen, 
wobei sie sich besonders auf die Keratitis neuroparalytica beim 
Herpes zoster und auf einen selbst beobachteten hochinter¬ 
essanten Fall von Karzinom der Gehirnbasis mit Keratitis neuro¬ 
paralytica beziehen. Der rechte Trigeminus schien hier bei 
seinem Austritt aus dem Pons völlig in der Geschwulst unter¬ 
gegangen, es war jedoch eine geringe Anzahl von Trigeminus¬ 
fasern nicht degenerirt, also lcitungsfähig geblieben, wofür ausser 
der mikroskopischen Untersuchung mit Sicherheit die deutlich 
nachweisbare Hyperästhesie der einen Hornhauthälfte bei An¬ 
ästhesie der anderen sprach. Als wichtigstes Beweismittel für 
ihre Theorie führen die Verf. jedoch an, dass gerade diejenige 
pathologische Affektion am häufigsten eine Keratitis ncuropara- 
lytica im Gefolge hat, welche am geeignetsten erscheint, eine 
starke Reizwirkung auf den Trigeminus auszuüben, nämlich die 
luetische Affektion des Trigeminus, bei der die Keratitis neuro¬ 
paralytica fast in der Hälfte der Fälle zur Entwicklung kommt. 
Nicht minder anregend und werthvoll ist die Besprechung der 
traumatischen Veranlassungen der Keratitis neuroparalytica be¬ 
sonders in topographisch-anatomischer Beziehung. 

Es ist dem Ref. durch die ihm auferlegte Beschränkung des 
Raumes leider nicht möglich, alles Neue und Interessante, was 
die Verf. bringen, auch nur anzudeuten und alle Vorzüge des 
mit erstaunlichem Fleisse zusammengetragenen Werkes anzu¬ 
führen, nur wiederholt möge hervorgehoben werden, dass interne 
und Nervenärzte aus dem Studium desselben ebenso reiche Be¬ 
lehrung schöpfen werden, wie die sich für die Beziehungen des 
Sehorgans zum Nervensystem interessirenden Augenärzte. 

Der Preis des vorzüglich ausgestatteten und reich illustrirten 
Bandes ist 8.60 M. S e g g e 1. 

Dr. G. N o b 1: Pathologie der blennorrhoischen und vene¬ 
rischen Lymphgefässerkrankungen. Eine ätiologisch - ana¬ 
tomische Studie. (Mit 4 lithograph. Tafeln.) Wien u. Leipzig, 
Fr. Deuticke, 1901. 

Blennorrhoe, Syphilis und die venerische Ilelkose sind die¬ 
jenigen Erkrankungen, in deren Verlaufe die oberflächlichen 
dorsalen Lymphbahnen vorzugsweise zu erkranken pflegen, und 
der Verfasser hat sich in der vorliegenden schönen und auf ein 
reichliches Material sich stützenden Arbeit die Aufgabe gestellt, 
die bis jetzt noch wenig im Detail erforschten pathologisch¬ 
anatomischen Verhältnisse dieser Lymphgefässläsionen vene¬ 
rischer Natur zu erforschen. Die Resultate dieser Studien hier 
in extenso wiederzugeben fehlt der Raum. Es möge genügen 
festzustellcn, dass die blennorrhoische Lymphangoitis stets einen 
akuten, exsudativen Charakter aufweist, und dass dieselbe durch 
den Gonokokkus veranlasst wird. Die im Initialstadium der 
Syphilis vorkommenden sklerosirten Strangformationen sind als 
eine kombinirte Läsion der subkutanen Texturen zu betrachten, 
welche von den spezifisch alterirten superfiziellen Lympligefässen 
ihren Ausgang nimmt. Diese Entzündung der Lymphgefässe 
selbst stellt eine obliterirende, von der proliferirenden Endo¬ 
thelialschicht ausgehende chronische Endolymphangoitis dar, in 
derem weiteren Verlaufe die Adventitia und die umschichtenden 
Texturen derbe Infiltrate von Bau und Charakter der Initial¬ 
sklerose auf weisen. Die Lymphangoitis dorsalis penis beim 
weichen Schanker endlich ist eine selbständige, entzündliche 
Affektion der superfiziellen in die Leistendrüsen mündenden 


tfo. 9. 


Lymphgefässe. Die L äsion selbst stellt eine akute, exsudative 
Endolymphangoitis vorzüglich der medianen Ilauptäste dar, 
weiterhin betheiligen sich massig Adventitia und das perivasku¬ 
läre Bindegewebe in Form einer infiltrirenden Peri- und Para- 
lymphangoitis; an der Provokation der venerischen Lymphau- 
goitis, die eine gewisse Neigung zur Suppuration aufweist (die 
Intimaläsion ist meist eitrig-fibrinösen Charakters) scheinen 
neben den für spezifisch erachteten Mikroben und ihren Stoff¬ 
wechselprodukten auch die pyogenen Mikroorganismen betheiligt. 
Details sind im Originale einzusehen. K o p p. 

Dr. Skevos Zervos: Aätii Sermo sextidecimus et Ultimos. 

Erstens (sic!) aus Handschriften veröffentlicht. (Mit Abbil¬ 
dungen, Bemerkungen und Erklärungen.) Leipzig, Mangkos, 
1901. 171 Seiten. 8°. (Mit dem Bild des Verf. und 4 Tafeln.) 

Der Autor gibt uns hier den Text des 16. Buches, welcher 
bisher nicht griechisch gedruckt wurde. Er benützte gute Co¬ 
dices von Paris und Berlin, von denen in der Einleitung eine 
kurze Beschreibung gegeben wird. Ausser den Varianten der 
drei Handschriften sind auch erläuternde Anmerkungen beige¬ 
geben. In dem langen Verzeichniss der „Boethetica“ vermisst 
man den grössten alten Frauenarzt Soranusvon Ephesus, 
von dem im 19. Jahrhundert nicht weniger als drei Ausgaben 
(D i e t z, Ermerins, Rose), eine deutsche und eine fran¬ 
zösische Uebersetzung mit Kommentar erschienen sind. Dagegen 
sind viele Bücher angeführt, welche nicht den geringsten Zu¬ 
samenhang mit dem Arzte von Amida erkennen lassen, so z. B. 
Theokritos, Jamblichos, Oppian (nicht „Opian“) über Jagd und 
Fischfang, Porphyrius, Suidas, Stephan von Byzanz, Gellius etc. 
— Das gute Buch von Fasbender über die Gynäkologie des 
Ilippokrates scheint Herrn Zervos entgangen zu sein. Gegen 
die Anmerkungen ist nicht viel einzuwenden; nur in der Deu¬ 
tung der Naturprodukte fehlt dem Editor jede Sicherheit und 
Kenntnis». Dagegen ist er in der griechischen Medizin wohl 
belesen. Warum er gerade den unbedeutenden Theophilus 
Protospatharius mit Vorliebe zitirt, verstehe ich nicht, 
ebenso den Theophanes Nonnus. — Besser wäre es, bei 
solchen Ausgaben die Noten in lateinischer Sprache zu geben, 
wie es Brauch der Philologen ist. — Was die Einzelheiten be¬ 
trifft. ist p. 05 bei vaoiö iov zu bemerken, dass dieses Wort auch 
für Oesypum (Lanolin) gebraucht wird; pag. 75 (Note) soll es 
statt „iuut.va“ heissen ff tä^u; pag. 17 nicht o* ; (»a£, sondern 
orv(i*s etc. etc. 

Durch die Beigabe des Konterfeis des Verf. und von 4 Tafeln 
(Kindslagen, Plazentalösung, Prolapsus) höchst modernen Ur¬ 
sprungs konnte das Buch nur vertheuert, aber nicht werthvoller 
gemacht werden. 

Im Uebrigen verdient die Arbeit des Dr. Zervos alle An¬ 
erkennung und die Freunde der historischen Medizin werden 
weitere Arbeiten mit grösstem Danke entgegennehmen. 

J. Ch. Huber- Memmingen. 

Humanitas. Roman von Edith Gräfin S a 1 b u r g. Verlag 
Grübel & Sommerlatte, Leipzig. 

Geistlich. Roman von Theo Pilgrim. Lotos-Verlag, 

Leipzig. 

Es ist eine interessante Erscheinung der Zeit, dass sich die 
Oeffentlichkeit mit der sozialen wie ethischen Stellung der 
A e r z t e in allen Zweigen der Literatur in einem Grade be¬ 
schäftigt wie noch nie. Die Aerzte selbst sind mit ihren sozialen 
Forderungen vor das grosse Publikum getreten. Eine prächtige 
Waffe schmieden diejenigen Aerzte, die in novellistischer Form 
aus ihrem reichen Schatz an Menschenkenntniss, wie er nur 
dem Arzte geboten wird, in fesselnder Weise Dokumente fest¬ 
legen für das tief Menschliche im Herzen des Arztes; derlei lite¬ 
rarische Erzeugnisse erringen die Achtung der Welt für den 
Arzt. Wir haben keinen Mangel an Aerzten, aus deren Feder die 
Blüthen reichsten und tiefsten Gemüths gesprossen sind: Volk¬ 
mann-Lean de Fs Chirurgenhand führte die Feder der 
duftigsten Märchen, Billroth, Kussmaul, Schnitzler, 
Hugo Salus sind die Namen von Aerzten und schöngeistigen 
Literaten. Czerny gibt gegenwärtig Reisebriefe aus Amerika in 
der „Frankfruter Zeitung“, die gerade mit der Veröffentlichung 
einer herrlichen Serie von menschlich-ärztlichen Skizzen ab¬ 
geschlossen hat, als hinterlassenes Werk eines auch politisch 
hervorgetretenen, nun verstorbenen Arztes: Dr. Edel aus Han¬ 
nover. Unter dem Titel „Meine Nachtglocke“ zeugen seine Be- 


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4. März 1902. MTTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 973 


Pachtungen und Erlebnisse vom tiefen Menschen und Arzt. 
Derlei Arbeiten werben unserem Stande warme Freunde. 

Aber auch eine ganz bedeutende passive Rolle spielt der Arzt 
in der modernen Romanliteratur. Ganze Bücher handeln aus¬ 
schliesslich von ihm. Eine Gräfin S a 1 b u r g schildert in 
einem dicken Roman „Humanitas“ alle möglichen Spezies von 
Aerzten. Wiener Milieu muss dazu herhalten, etwa einem 
Dutzend von Hofräthen, Professoren, Aerzten alle nur erdenk¬ 
baren inhumanen Scheusslichkeiten anzuhängen, deren humaner 
Beruf in Ausbeutung, Streberthum, Kriecherei vor den Hohen, 
Hochmuth vor den Armen besteht. Die Verfasserin gibt ihren 
Personen an bekannte lebende Acrzte anklingende Namen, wie 
denn auch wohlbekannte Wiener Hofaffairen stets angedeutet 
werden. Diesem Treiben der grossen Acrzte in der Privatpraxis 
und in den Krankenhäusern, das sie schildert, vermag die Ver¬ 
fasserin nur zwei anständige Aerzte gegetiüberzustcllen, natür¬ 
lich Armenärzte, die aber ebenso sehr von falschem Idealismus 
und Edelmuth triefen, wie jene von Gemeinheit überfliessen. 
Sehr eingehend wird der Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt 
geschildert. Dem kritischen Auge scheint es, als ob denn auch 
in einer solchen das Buch entstanden sei, in der die Verfasserin 
— gewiss nicht zum Studium ! — sich aufgehalten. Ein 
ITauch von maassloser Uebertreibung nach beiden Seiten und 
von beängstigender Nervenüberreizung strahlt von dem an sich 
nicht talentlosen Buche aus. Auch ist der Eindruck nicht zu 
verkennen, dass die Uebertreibung wenigstens keine bewusste 
ist. Und ein neuer Aufenthalt in einer neuen Nervenheilanstalt 
wird, wenn er von Erfolg sein wird, dem schriftstellerischen 
Talent vielleicht zu einer gerechteren Würdigung der Aerzte ver¬ 
helfen. 

Auf den Faden der Handlung einzugehen, ist hier nicht der 
Ort, ebenso wenig wie in dem Roman: „Geistlich“ von Theo 
Pilgrim. Er schildert die ärztlichen wie gesellschaftlichen 
Zustände in W ö r i s h o f e n nicht ungeschickt. Man merkt, 
der Verfasser hat dort gut beobachtet und objektiv geschildert. 
Er ist kein Feind der Kneipp- Bewegung. Und gerade, weil 
er es nicht ist, schildert er gewiss richtig die Hoffnungen der 
Kranken, die zu Kneipp kamen, und schildert die tausend zer¬ 
schlagenen Hoffnungen und getäuschten Erwartungen der armen 
Kranken. Er beschreibt vor Allem die sittlichen Zustände oder 
l>osser Missstände, welche der ungeheure Fremdenstrom in dem 
kleinen bayerischen Dorfe hervorgerufen hat. Die Lüsternheit der 
vielen französischen Abbes, der Kollegen des gutgläubigen Kneipp, 
die Intriguen und Sittenlosigkeiten der bunt zusammengewür- ä 
feiten Gesellschaft dortselbst, finden in dem Buche ihre Dar¬ 
legung von Einem, der sicherlich hinging mit gutem Willen. Er 
zeigt auch den guten Willen, den Kneipp bethätigte, wie dieser 
jedoch selbst ein Opfer wurde seiner Freunde und der Verhält¬ 
nisse und schliesslich seiner eigenen Unvollkommenheit. Das 
Buch klingt sehr an Z o 1 a’s Lourdes an, das jeder Arzt ge¬ 
lesen haben muss. Und der Arzt, der seine Kranken über 
Wörishofen aufklären will, wird mit Interesse den Roman 
lesen können und wird ein Dokument beibringen können, wie der 
Kranke dortselbst neben dem Fiasko an körperlicher Heilung 
recht wohl ein Fiasko an seiner Moral erleiden kann. Aus diesem 
Grunde sei das Buch den Aerzten empfohlen, ohne dass damit 
über den literarischen Werth desselben ein Urtheil gegeben 
werden soll. Max N assauer - München. 

Neueste Journalliteratnr. 

Centralblatt für innere tfedicin. 1902. No. 8. 

G. R o s e n f e 1 d - Breslau: Zur Unterscheidung der Cystitis 
und Pyelitis. 

Die topische Diagnose der Pyurie gründet sich 1. auf die 
Reaktion des Harns, 2. die Form der weissen, auch der rothen 
Blutkörperchen, und 3. das VerhäJtniss zwischen Eltermenge und 
dem Eiweissgehalt. Die Reaktion des Harns ist bei reiner Pyelitis 
sauer, sie bleibt bei gleichzeitiger Cystitis sogar sauer, wenn die 
Cystitis eine saure (z. B. tuberkulöse oder Uratcystltis) sein sollte. 
Die aus der Blase stammenden weissen Blutkörperchen haben 
runde Konturen, wohingegen die amöboid verzerrten Formen für 
die Nierenbeckenherkunft bezeichnend sind. Aehnlieh ist es mit 
den rothen Blutzellen: die aus der Blase sind wohlerhalten, die 
aus dem Nierenbecken vielfach zertrümmert und ihres Farbstoffs 
beraubt. Nierenbeckenepithelien sind rund mit leuchtendem Kern. 
Die übrigen Epithelformen sind belanglos für die Diagnose. Das 
wichtigste Merkmal ist das Verhältniss des Eiweissgelmlts zur 
Menge des Eiters. Bei der Cystitis ist auch bei maximalen Eiter 
mengen, die ein Sediment von mehreren Centimetem ausmacheu, 


nie ein Elwelssgehalt über 0,1—0,15 Proz. zu beobachten. Ganz 
anders bei der Pyelitis: wenn selbst nur soviel Eiter vorhanden ist. 
dass er 1—2 mm hoch am Boden des Uriuglases liegt, so findet 
sich schon die für die Cystitis maximale Kiweissmenge (0.1—0,15» 
und mehr; bei sehr grosser Eiterung gellt allerdings der Eiweiss¬ 
gehalt des sedimentirten Harns nicht leicht iil>er 0,3 hinaus. 
Charakteristisch ist eben der hohe Eiweissgehalt bei kleinen und 
kleinsten Eiterabscheidungen und der immer noch das Cystitis- 
nmximum weit übertreffende Eiweissgehalt bei stark eiternder 
Pyelitis. Mittheilung eines operirten Falles von IlydronephroKc, 
bei dem sich in dem direkt gewonnenen Urin alle obigen Angaben 
genau bestätigten. Die Mittheilungen des Verfassers sind prak¬ 
tisch sehr wichtig. W. Z i n u - Berlin. 

Archiv für Gynäkologie. 65. Bd. 2. Heft. Berlin 1902. 

1) Hermann An der sch: Dauererfolge der operativen 
Retroflexio- und Prolapsbehandlung. (Aus der g.vnäikol. Abthei¬ 
lung des Krankenhauses der Elisahethinerinnen zu Breslau; Chef- 
arzt Prof. Pfannenstiel.) 

Die Mittheilung bezieht sich auf 344 operativ behandelte 
Patientinnen mit liielier gehörigen Leiden. Die soziale Stellung der 
Patientin ist von grosser Bedeutung für die Wahl der Therapie 
und beeinflusst auch den Dauererfolg einer vorgenommenen 
Operation. So wurden von liielier gehörigen Patientinnen der 
Privatpraxis nur 2,4 Proz. operativ behandelt, dagegen von den 
Frauen irn Krankenhaus 28,6 Proz. Ist Operation nöthig, so soll 
bei beweglicher Retroflexio, wie auch in allen Fällen von Prolaps 
oder Deconsus der Uterus vaginaeflxirt werden, während bei 
fixirter Retroflexio die Vcntroflxatlon zu machen ist Einfache 
Kolporrliaphie und Dammplastik ist zur Beseitigung des Prolapses 
nicht ausreichend. 

2) Bruno Wolff II • und J. Meyer: Die Einwirkung 
flüssiger Luft auf die infizirte Vaginal- und Utemsschleimhaut 
bei Hunden. (Aus dem pathologischen Institut zu Berlin.) 

Bel Hunden wurden tlieils in der Scheide, theils im Uterus 
Wunden gesetzt und diese infizirt. Nachdem Fieber aufgetreten 
war, wurde flüssige Luft auf die iufizlrten Stellen gespritzt Als 
unmittelbare Folge zeigte sich fast Immer ein Ileruutergehen der 
Fiebertemperatur bis zur Norm. Die Autoren nehmen eine direkte 
Beeinflussung des lokal erkrankten Herdes und der dort befind¬ 
lichen Bakterien durch die flüssige Luft an. 

3) Bruno Wolff: Zur Kenntniss der Missgeburten mit Er¬ 
weiterung der fötalen Harnblase. (Aus der geburtshilflich-gynä¬ 
kologischen Universität«-Poliklinik der kgl. Charite.) 

Bei einem 37 cm langen, spontan geborenen Föt fehlte die 
Urethra vollkommen, die Harnblase und der Urachus waren durch 
angesammelten Urin (ca. 200 ccm) ausgedehnt, die Uretereu hyper¬ 
trophisch und erweitert, die Nieren intakt. Der Geschlechts¬ 
apparat mündete in die Blase, zeigte aber keinerlei Inhalt oder 
Erweiterung. W. venvertliet diese Beobachtung als Stütze für die 
Annahme, dass der normale Fötus Urin ln den Araniossack ent¬ 
leert. 

4) Hermann M ü 11 e r - Bamberg: Zur Aetiologie des Fiebers 
unter der Geburt. 

Temperatursteigeningen während der Geburt sind fast stets 
durch Infektion verursacht, doch ist auch ein aseptisches Fieber 
möglich durch Retention und Aspiration unzersetzten Wund¬ 
sekretes. Jedenfalls veranlasst die bei der Geburt aufgewendete 
Muskelarbeit keiue Temperntursteigerung. Der schnelle Abfall 
solcher Fieber nach der Geburt erklärt sich aus dem Abfluss des 
Sekretes und der eventuellen Ausstossung infizirten Gewebes, wie 
aus der Beseitigung der Zirkulationsstörungen. 

5) P. B a u m m - Breslau: 5 Jahre Wochenbettsstatistik. 
Betrachtungen und Schlüsse. 

ln kritischer Durcharbeitung seines Materials kommt B. zu 
dem Schluss, dass ImM der Aetiologie des Fiebers im Wochenbett 
Faktoren eine Rolle spielen, die noch nicht entdeckt sind und dass 
wir mit allen unseren Bestrebungen, durch Verschärfung der sub 
jektlven und objektiven Anti- und Asepsis Besserung zu erreichen, 
auf falscher Fährte sind. „Es ist ganz gleichgiltig, welches Des 
infektion8verfnhren wir an wenden, ja, wir kommen mit gründlicher 
mechanischer Reinigung ebensoweit.“ 

6) Arthur Dienst: Kritische Studien über die Pathogenese 
der Eklampsie auf Grund pathologisch-anatomischer Befunde, 
Blut- und Harnuntersuchungen eklamptischer Mütter und deren 
Früchte. (Aus der kgl. Universitäts-Frauenklinik zu Breslau: 
Gebeimrnth Prof. Dr. Küstner.) 

Bel der Eklampsie ist kindliches wie mütterliches Blut abuorni 
reich an Fibrin. Das den Ausbruch der Eklampsie veranlassende 
Gift ist fötalen Ursprungs und die Produktionsquelle auch für die 
mütterlichen Giftstoffe ist, wenigstens im Beginn der Erkrankung, 
der Föt. Die verminderte Eliniiiuitionsfälilgkeit der Abfallstoffe 
durch die mütterliche Niere stellt einen Hauptgrund für den Aus¬ 
bruch der Eklampsie dar. 

7) Büttner: Die Eklampsie im Grossherzogtum Mecklen¬ 
burg-Schwerin während der Zeit vom 1. Juli 1881 bis 31. De¬ 
zember 1891. (Habilitationsschrift.) 

Auf 635 Geburten traf 1 Fall von Eklampsie, cs wurden 
170 Fälle gezählt, welche sich über das ganze Grosslicrzogthum ver- 
theilen und deren Zählung besonders durch die obligatorischen 
Geburtslisten der Hebammen ermöglicht wurde. 56 Fälle endeten 
mit dein Tode der Mutter und in 47 Proz. der Kklampsieerkrnn- 
kung wurde die Geburt operativ beendet, wolnji etwas günstigere 


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374 


MUENCHENER MEDICINISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


Resultate erzielt wurden als durch Abwarten. Beziehungen 
zwischen Wittorungsverhältnissen und Eklampsiefrequenz ergaben 
sich nicht. 

8) G. Schmorl: Zur Lehre von der Eklampsie. (Aus dem 
pathologischen Institut des Dresdener Stadtkrankenhauses.) 

Drei Frauen starben in der Mitte bezw. in der 2. lliilfte der 
Schwangerschaft in tiefem Koma. Zwei derselben litten schon vor 
Eintritt der Schwangerschaft an einer Nierenerkrankuug. während 
die dritte bis zum Eintritt der schweren Krankheitsersehcinuugen 
..liierengesund“ war. Keine zeigte Konvulsionen. Der Obduk¬ 
tionsbefund war im W eseutliehen übereinstimmend und setzte 
sich zusammen aus Nierouveränderungen, multiplen hämor¬ 
rhagischen und anämischen Nekrosen der Leiter, aus schwerer 
parenchymatöser Degeneration und Nekrosen und Blutungen im 
1 [entfleisch, aus multiplen Erweichungsherden und Blutungen im 
Gehirn, sowie aus multipler Thrombcnltildung in den inneren 
Organen. Auf Grund von 73 Olsluktionsbefunden nach Eklampsie 
sehlicsst Selimorl, dass auch jene 3 Frauen an Eklampsie ge¬ 
storben seien, denn für die Eklampsie besteht nach seiner Er. 
fahrung ein dem obigen entsprechender charakteristischer Ob¬ 
duktionsbefund. 

5h F e h 1 i n g: Berichtigung gegen 0 r g 1 e r. 

Fehling’s Mortalität bei Ovariotomien beträgt 5.4 Proz. 

Dr. Anton II e u g g e - Greifswald. 

Centralblatt für Gynäkologie. 1902. No. 8. 

1) C. D on a t i - Innsbruck: Kasuistische Beiträge zum 
Scheidendefekt. 

Ein 18 jähriges Mädchen, das noch nicht menstruirt hatte, 
zeigte bei der Untersuchung völligen Mangel der Vagina, dagegen 
rudimentäre Tuben. Uterus und Ovarien. Die Harnröhre nebst 
Orificium war. obwohl kontinent. stark erweitert, was D. auf 
Masturbation und Begattungsversuche zurilekführt. Es handelte 
sich also um den sogen. Uterus ru di m entarius e u m 
defpetu vaRinao. 

In einem 2. Fall bestand bei einem 15) jährigen Mädchen ein 
Defekt der Vagina bei vorhandenem, nicht verkleinertem Uterus, 
liier wurde operativ eine fingerlange künstliche Vagina angelegt, 
die auch bestehen blieb. 

2) E. Altert hum-Freiburg i. B.: Zur Pathologie und 
Diagnose der Cervixtuberkulose. 

Eine 30 jährige Frau zeigte an der hinteren Muttermundslippe 
eine polypenartige, leicht blutende Erhebung. Das ganze* Becken 
war mit knolligen Massen verschiedener Konsistenz ausgefüllt. 
A. dachte zuerst an eine maligne Neubildung. Erst die mikro¬ 
skopische Untersuchung des exzidirten Polyp» ergab, dass es sich 
um eine von der Oberfläche der Orvlkalsehlefnihaut ausgehende 
tuberkulöse Infektion handelte. Auch gelang der Nachweis von 
Tuberkelbazillen innerhalb von Detritusmassen der Oberfläche. 

3) L. Pincns- Danzig: Castratio mulieris uterina. 

Mit vorstehendem Namen belegt P. die künstliche Sterilisirung 
der Frau durch Atmokausis. Dieselbe ist nur indizlrt bei unheilbar 
kranken Frauen aus direkter oder indirekter Indientio vitalis. P. 
führte dieselbe 1 mal l>ei einer Phthisiea von 2(5 Jahren zur Ver¬ 
hütung weiterer Schwangerschaften aus. Der Uterus war jetzt. 
4 Jahre nach der Operation, ganz atrophisch und vom Orific. intern, 
an völlig obliterirt. In einem 2. Fall gab Morb. Briglitil bei einer 
32 jährigen IV. Para die Indikation. Hier trat nur Obliteration ln 
der oberen Hälfte, hier jedoch vollständig, ein. Beschwerden 
hatten beide Frauen von ihrer künstlichen Sterilität nicht, trotz¬ 
dem im 2. Falle die Menses noch weiter auftraten. 

J a f f 6 - Hamburg. 

Archiv für Psychiatrie and Nervenkrankheiten. 35. Bd., 
1. Heft. 1902. 

L. E ding e r - Frankfurt n. M. und A. Wallenberg- 
Dnnzig: Untersuchungen über den Fornix und das Corpus 
mammillare. (Mit 2 Tafeln.) 

Die mit der Degenerntionsinetlnwle gewonnenen Ergebnisse 
für die Anatomie der bezeielmoten Hirntheile lassen sieh leider 
nicht zu kurzem Bericht zusammenfassen. Besonders bemerkens- 
werth ist der Nachweis verschiedener Endlgnngsweisen der Fornix- 
faserbiindel bei verschiedenen Kanincbcnartcn. 

M. Probst-Wien: Ueber den Verlauf der zentralen Seh¬ 
fasern (Rinden-Sehhügelfasern) und deren Endigung im 
Zwischen- und Mittelhirn und über die Associations- und Com¬ 
missurenfasern der Sehsphäre. (Mit 2 Tafeln.) 

Die direkten Fns'*rverbindungen der zentralen Sehsphäre endi¬ 
gen nach den Befunden des Verfassers zumeist im Pulvinar- und 
lateralen Kern des Thalamus. Im äusseren Kniehöcker und vor¬ 
deren Zweihügel der gleichen Seite, nur wenige Fasern ziehen 
auch zum kaudalen Ende des gegenüberliegenden Zweihügels. 
Die Verbindung mit den von der Retina in das Mittel- und 
Zwischenhirn einstrahlenden Fasersystemen wird durch Schalt- 
zellen hergestellt (Monakow). Balkenfasern, deren Ursprungs- 
zollen in der Rinde beider Grosshfmhemisphäron gelegen sind, 
verbinden die Sehsphäre jeweils mit der Rinde der gegenüber¬ 
liegenden Hemisphäre. 

M. R li e i n h o 1 d t - Kissingcn: Ueber einen Fall von ,.kom- 
binirter Systemerkrankung“ des Rückenmarks mit leichter 
Anämie. (Aus der psychiatrischen und Nervenklinik der Universi¬ 
tät Halle a/S.) (Mit einer Tafel.) 


Ein 28 jähriger Arbeiter erkrankte im Anschluss an eine starke 
Durchkühlung mit dem Gefühl von Steifigkeit in den Fussgelenkeu 
und Spannen im Fussrücken. Nach 8 tägiger Behandlung wieder 
nahezu ein Jahr arbeitsfähig, bekam der etwas anämische Kranke 
9 Monate vor dem Tode dieselben Gelistömngen. weiterhin Parese 
und später Ataxie und Paraplegie beider Beine, Blasen-Mastdann- 
störuugeu und leichte, erst zuletzt deutlicher werdende Senslbili- 
tätsstörungen. Dem Tode gingen Dekubitus, eitrige Cystitis. 
Nephritis und Pneumonie voran. Autoptisch fand sich gleich- 
müssigo, streng an die Systeme gebundene Degeneration der 
Pyramiden-, Kleinliimseiten- und Hinterstränge kombinirt. Da¬ 
neben noch kleine Blutungen und perivaskuläre Kernanhäufungcu 
im Rückenmark. An diesen Befund knüpft der Verfasser eine 
Besprechung der anämischen Spinalerkrankuugen, denen er aucli 
die kombinirten Strangerkrankungen mit leichter Anämie anreilit. 
Die Anämie verschiedenen Grades sei anzusehen* als der Ausdruck 
bestimmter Ernährungsstörungen, auf deren Boden die Spinal¬ 
affektion durch eine im Blute zlrkulirende und von den Gefässen 
ihren Ausgangspunkt nehmende Giftwirkung zu Stande komme 
(vaskulür-toxämisehe Pathogenese). Bei letaler Anämie komme 
es vorwiegend zu herdförmigen Erkrankungen, bei leichtereu 
Anämien vorwiegend zu diffuser Sklerose mit systematischer Aus¬ 
breitung. 

A. Boettiger - Hamburg-Altona: Ein operirter Rücken¬ 
markstumor, gleichzeitig ein Beitrag zur Lehre der Brown- 
S € q u a r d’schen Halbseitenläsion und zur Kenntniss des Ver¬ 
laufes der sensiblen Bahnen im Rückenmark. (Mit einer Tafel.) 

Mit gutem Erfolg ist im vorliegenden Falle ein subdurales 
Fibrom entfernt worden, das zu reiner, die Höhe des 8. Dorsal¬ 
segmentes nach oben und unten nicht überschreitender Kom¬ 
pression der rechten Rücken um rkshälfto ohne merkliche Schädi¬ 
gung der Wurzeln geführt hatte. Die enge Begrenzung der schädi¬ 
genden Druckwirkung auf e i n Rückemnarkssegment macht trotz 
des Fehlens histologischer Befunde die Erörterung der klinischen 
Ausfallserscheinungen für die Segmentdiagnose sehr werthvoll, 
doch muss bezüglich der Einzelheiten über die sensiblen Bahnen 
und deren Kreuzungsverhältnisse im Rückenmark auf die Öriginal- 
arbeit verwiesen werden. 

J a li rmärkor - Marburg: Zur Frankenberger Ergotismus- 
epidemie und über bleibende Folgen des Ergotismus für das 
Zentralnervensystem. 

Die 20 Jahre nach der Epidemie über die damals au Ergotis¬ 
mus Erkrankten angestellteu Nachforschungen ergaben, dass die 
Erscheinungen von Seiten des Rückenmarks auch bei den sonst 
krank Gebliebenen bis jetzt niemals fortschreitender Natur waren. 
Auch die Erscheinungen von Seiten des Gehirns bezw. der Hirn¬ 
rinde neigten in einem Tlieil der Fälle zum Stillstand, sogar zur 
Besserung und Heilung, ln anderen Fällen dagegen, namentlich 
bei jugendlichen Individuen und uutor dem Einfluss kritischer 
Lebensperioden (Pubertät) zeigten dieselben progressiven Charak¬ 
ter und führten zu dem Bilde einer fortschreitenden epileptischen 
Störung. Ein bemerkenswert her nachtheiliger Einfluss der Er¬ 
krankung auf die Nachkommenschaft konnte uiclit festgestellt 
werden. 

J. E 1 m I ge r-St. Urban (Kanton Luzern): Neuro gliabefunde 
. in 30 Gehirnen von Geisteskranken. (Mit 2 Tafeln.) 

Die stärkste Wucherung der Neuroglia wurde bei progressiver 
Paralyse gefunden, geringere bei den übrigen Psychosen nach 
langer Krankheitsdauer. Die Gliawucherung war ziemlich 
g 1 e i c h m ä s s i g vertheilt, mit Ausnahme ciues Falles von 
Epilepsie, bei dem sieh stellenweise enorme Anhäufung der 
Glia fand. Der mikroskopischen Vermehrung der Neuroglia ent¬ 
sprach jedesmal makroskopisch eine Atrophie des Gehirns. 

L. W. W e b e r - Göttingen: Veränderungen an den Gefässen 
bei miliaren Hirnblutungen. (Mit einer Tafel.) 

Der bei einem unter den Erscheinungen seniler Demenz mit 
linksseitigen Krämpfen gestorbenen Potator erhobene mikro¬ 
skopische Befund lehrt, dass miliare Hirnblutungen bei schweren 
Gefässerkrankungen ohne Bildung von Mlliaraneurysmeu zu 
Stande kommen können. Es handelt sieh liier um liyalln-sklero- 
tische, durch Umwandlung der vorher gewucherten Gefässwand- 
zellen entstandene, diffuse Entartung der mittleren und kleinsten 
TUrngefässe. wobei Auffaserung der degenerirten Gefässwand die 
Blutungen erzeugt. Dabei bietet das Hirngewebe in der Um¬ 
gebung der erkrankten Gefässe das Bild der perivaskulären Gliose 
und zuweilen nehmen erkrankte Gefiisswände und ebenso Ganglien¬ 
zellen einen farblosen, aber nachweisbar eisenhaltigen Bestand- 
tlieil des Hämoglobins auf. 

II. L u k fi c s - Ofen-Pest: Encephalopathia infantilis epi- 
leptica. 

So nennt der Verfasser das im Kindesalter als Folge einer 
intrauterin oder'extrauterin erworbenen Schädigung des Gehirns 
in verschiedenen Kombinationen von Hemiplegie. Idiotismus und 
Epilepsie auftretende Krankheitsbild. Das Gemeinsame aller zu 
Grunde liegenden, durch die mannigfaltigen Formen der En¬ 
cephalitis und ihre Folgezustände verursachten anatomischen 
Läsionen sieht er in der Entwicklungshemmung und 
möchte daher diese Krankheitsfonn von der genuinen Epilepsie 
streng gesondert wissen. 

E. Kalmus-Lübeck: Ehescheidung bei induzirtem Irre¬ 
sein, an einem Gutachten erläutert. 

Eine an chronischer Paranoia leidende Frau lieirathete einen 
bis daliin gesunden, aber erblich belasteten Ijehrer, der vom Tag 
der Heirath an dem Einfluss der Frau verfallen, sieh deren Wahn¬ 
ideen aneignete und wegen der daraus resultiremlen Gewalttätig¬ 
keiten nach Jahren in die Irrenanstalt überführt werden musste. 


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4. März 1902. MliENOIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


375 


Nach erfolgter Trennung wurde der Mann geheilt, die Frau blieb 
krank. Die Ehe wurde geschieden, da die Scheidung nach dem 
Gutachten nicht nur zulässig, sondern geboten erschien, die 
geistige Gemeinschaft für die juristische Beurtheiluug 
als aufgehoben zu betrachten war, weil sie aus ärztlichen Gründen 
zwingendster Natur dauernd auf zuhcbvn war wegen der Ge¬ 
fahr einer neuen geistigen Erkrankung des Mannes und einer wei¬ 
teren L'ebertiaguug auf den der Beeinflussung der Mutter stark 
unterworfenen Sohn. 

S. U t c h 1 d a - Japan: Heber Veränderungen des Bücken¬ 
markes bei Diphtherie. (Aus der patbol.-anatom. Anstalt des 
Krankenhauses im Friedrichshain, Berlin.) 

Die bei Diphtherie in den Ganglienzellen und Nervenfasern 
des Rückenmarks mit Marchi's Methode gefundenen Fettau- 
häufuugen konnte der Verfasser auch im normalen Rückenmark, 
d. h. bei allen möglichen Krankheiten, je nach dem Alter in der 
Menge schwankend, Anden und glaubt daher, dass es sich nicht um 
einen Zerfall jener Gebilde, sondern um 1 n f i 1 1 r a t i o n s - 
fett handelt. 

T re i te 1 - Berlin: XJeber die Hörprüfung Aphasischer. 

Die Prüfung des Wort- und Lautgehörs allein ermöglicht 
nicht eine sichere Unterscheidung von Worttaubheit und Laby¬ 
rinthtaubheit, wichtiger ist die Art des spontanen Sprechens und 
die Fähigkeit, für einen gezeigten oder gefühlten Gegenstand das 
richtige Wort zu linden. Auch die mit der koutinuirlichen Ton¬ 
reihe gewonnenen Resultate sind mit Vorsicht für die Diagnose 
zu verwerthen, da eine Bestimmung der Ilörschärfe bei Apha- 
sischen, deren Aufmerksamkeit und auch Intelligenz häutig ge¬ 
stört ist, schwer ausführbar ist. 

Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Nervenkrank¬ 
heiten. Sitzungsberichte. Jamin - Erlangen. 

Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und psychisch¬ 
gerichtliche Medicin. 5ö. Bd. tf. Heft. 

1) N üc k e- Ilubertusburg: Einige „innere“ somatische 
Degenerationszeichen bei Paralytikern und Normalen, zugleich 
als Beitrag zur Anatomie und Anthropologie der Variationen un 
den inneren Hauptorganen des Menschen. 

N. untersuchte die Leichen von 104 Paralytikern und 108 noi- 
malen Menschen auf Innere Degeuerationszeichen, z. B. doppelte 
Herzspitze, Anomalien der Luugonlappenbildung, Leberelnschnit e 
und -Lappen, Hufeisennierc, Ungleichheit der beiden Nieren u. s.w. 
Jeder Paralytiker zeigte durchschnittlich 4, jeder Normale 3. 2 De¬ 
generationszeichen. N. kommt zu dem Schluss, dass die Paralyse 
meist ein von vornherein nicht gesundes Hirn betrifft, eine An¬ 
nahme, die u. E. freilich durch den Hinweis auf die Heredität hei 
Paralytikern weit sicherer zu belegen wäre, als durch die wenig 
fruchtbare Aufzählung der in ihrer Bedeutung und Verwerthbar- 
keit oft übertriebenen Degenerationszeichen. 

2) Hoppe- Alt-Scherbitz: Statistischer Beitrag zur Kennt- 
niss der progressiven Paralyse. 

Bei 501 Paralytikern fand sich sichere Syphilis als „alleinige 
Ursache“ nur In 5,2 Proz., neben anderen Ursachen in 20,2 Proz. 
der Fälle; Alkoholismus allein in 3,8, kombinirt in 19,8 Proz., 
Heredität in 9,2 bezw. 32,3 Proz.; Sexualexzesse In 0,4 bezw. 
7,8 Proz.; Schädeltrauma in 3.6 bezw. 11,4 Proz.; Ge- 
mütlisbewegungen in 5,4 bezw. 18,8 Proz.; Ueberanstreugung 
in 2,6 bezw. 9,1 Proz. Jedenfalls ist dabei die Unsicherheit des 
Begriffs einer gewöhnlich nur anamnestisch eruirten Ursache stark 
in Berücksichtigung zu ziehen. 

3) S k 1 a r e k - Dalldorf: Körperlänge und Körpergewicht 
bei idiotischen Kindern. 

Bei bildungsfähigen Idioten werden die Wachsthumserschei¬ 
nungen im fortschreitenden Alter geringer, während sich Bildungs¬ 
fähige annähernd normal fortentwickeln. 

4) K a 1 s e r - Alt-Scherbitz: Beiträge zur Differentialdia¬ 
gnose der Hysterie und Katatonie. II. Katatonie mit hysteri¬ 
schen Krämpfen und Dämmerzuständen. 

Die reichhaltige Arbeit bringt weitere kasuistische Beiträge 
und bespricht besonders das Auftreten von Krämpfen in der 
Jugend bei späteren Katatonikern, ferner Zustände, die an hyste¬ 
rische Dämmerzustände erinnern. K. glaubt, dass sich theoretisch 
eine psychogene Störung mit einer katatonischen vereinigen lässt. 

5) Van Brevo - Bultenzorg : Zirkuläres Irresein mit 
choreiformen Bewegungen bei einem Kinde. 

Kurzer, kasuistischer Beitrag; dabei ist Katatonie nicht aus¬ 
geschlossen, die ihrerseits choreiforme Bewegungen erklären 
würde. 

6) Hess- Stephansfeld: Heber Conrad Ferdinand Meyer. 

H. schildert die psychische Entwicklung des beträchtlich he 

lasteten C. F. Meyer, der, vielfach verstimmt und gehemmt, 
in keinem Beruf aushlelt, bis er mit fast 40 Jahren seine ersten 
Gedichte veröffentlichte. Stimmungswechsel und momentane Er¬ 
müdungen hielten an. Mit 62 Jahren erkrankte er schwer psy¬ 
chisch auf länger als ein Jahr. Hess glaubt, dass es sich im 
letzteren Fall um eine Involutionsmelancholie, bei der Gesamint- 
persönllchkeit jedoch um einen Zustand konstitutioneller Ver 
Stimmung gehandelt habe. 

Literaturheft: Bericht über die psychiatrische Lite¬ 
ratur im Jahr 1900, rediglrt von Schuchardt- Rostock. 

Der nahezu 25 Bogen starke, mit vielen inhultreiclien Be¬ 
sprechungen ausgestnltete Bericht zeichnet sich durch den Mangel 
eines übersichtlichen, alphabetischen Registers aus, so dass die 
Benützung ungemein erschwert ist. Weygandt - Würzburg. 


Archiv für experimentelle Pathologie und Pharmakologie. 

47. Bd., 1. u. 2. Heft. 

1) D. Scherbatscheff - Moskau: Heber Wirkungen und 
Nachwirkungen des Bromäthylens und Bromäthyls. 

Veranlassung zu diesen in Sehmiedeberg’s Laboratorium 
unternommenen Studien gaben die mehrfach in der Praxis von 
Aerzten und Zahnärzten vorgekommenen Unglücksfälle, welche 
durch die Verwechslung des zu Narkosen gebräuchlichen Brom¬ 
äthyls (CjIIflBr) mit Bromäthylen (Cj^Br,) hervorgerufen worden 
waren. Während das Bromäthyl schon in kleineren Mengen eine 
Narkose mit geringen oder fehlenden unangenehmen Nach¬ 
wirkungen herbeiführt, tritt selbst nach Einatlimung grösserer 
Mengen Bromäthylen beim Menschen keine Narkose ein, einige 
Stunden später aber Unwohlsein, Erbrechen, beschleunigte Atli- 
mung und oft Tod durch Herzlähmung. Thierversuche bestätigten 
diese Unterschiede in den Wirkungen beider Substanzen. Nach 
Bromiithylennarkose wurde unter anderen Erscheinungen starke 
Reizung der Atlummgswege und der Lunge, sowie eine Trübung 
der Cornea, beides erst einige Stunden später auftretend, be¬ 
obachtet. Diese eigenartigen Nachwirkungen fehlen dem auch in 
anderer Belebung weniger giftigen Bromäthyl. 

2) II. Hayashi - Tokio: Weitere Forschungen über die 
chemische Natur des Tetanustoxins. 

Nach den erhaltenen Resultaten ist das Tetanusgift liöchsi- 
wahrsclieiiüich ein ProteinstolT, und zwar gehört es nicht der 
Globulin- oder Albumingrappe au, sondern ist eine primäre Al- 
bumose. 

3) S. W e 1) e r - Strassburg: Versuche über künstliche Ein¬ 
schränkung des Eiweissumsatzes bei einem fiebernden Hammel. 

Die unter Krcli l's I^eitung ln Marburg ausgeführten Ver¬ 
suche zeigen, dass ein Thier während eines durch Rotzgiftinjektlou 
erzeugten akuten Fiebers Eiwelss verliert, obwohl es eine Nahrung 
aufnahra, welche bei Gesundheit Stickstoff- und Stoffwechsel¬ 
gleichheit zu erhalten fähig war. Wurde das Tlder im Zustande 
beträchtlichen Eiweissumsatzes in Fiel »er versetzt und erhielt es 
während dieser Zeit grosse Mengen von Eiwelss und Kohlehydraten 
so gelang es während der ganzen Fieberperiode, den „Ansatz“ auf¬ 
recht zu erhalten. Und ebenso vernuig man ein ausgehungertes 
Thier Im Fieber zum Eiweissansatz zu bringen, wenn man während 
dieses Zustandes möglichst reichlich füttert. Die Frage, ob die 
ei weisssparende Wirkung der Kohlehydrate im Fieber gerade so 
gross ist, wie im normalen Zustand, konnte nicht entschieden 
werden, da die Versuchsthiere während des Fiebers stets ver¬ 
ringerte Fresslust zeigten. Bezüglich der Ergebnisse botr. die 
Ausscheidung von Phosphorsäure, Ammoniak etc. sei auf das 
Original verwiesen. 

4) O. L o e w i - Marburg: Zur Kenntuiss des Phlorhizin- 
diabetes. 

Die geringe Wirkung des per os verabreichten Phloridzin 
gegenüber der subkutanen Applikation beruht nach L o e w l’s Ver¬ 
suchen auf der fehlenden Resorption eines im Darmkanal ge¬ 
bildeten wirksamen Spaltungsproduktes. Ferner konnte L. die für 
die Theorie und Praxis der Phlorhlzinwirkung wichtige Beobach¬ 
tung machen, dass bei gleiehbleibender Ernährung Steigerung der 
Phlorhizlugabe über ein gewisses Maass ohne Einfluss auf die 
Zuckerausscheidung Ist, dass dagegen sowohl Erhöhung der 
Fleischzufuhr allein, als auch in noch stärkerem Grade gleich¬ 
zeitige Erhöhuug der l’ldorhizingabe die Glykosurie steigert. Man 
vergiftet also mit einer bestimmten Dosis Phlorhizin, nur für 
eine gewisse Menge zuckerliefenider Nahrung, nicht total. Aende- 
rungen der Eigentemperatur bleiben ohne wesentlichen Einfluss 
auf die Grösse der Phlorhizinglykosurie. 

5) O. Loewi - Marburg: Ueber den Einfluss des Kamphers 
auf die Grösse der Zuckerausscheidung im Pblorhizindiabetes. 

Die Versuche, deren Einzelheiten im Original nachzulesen sind, 
lehren, dass weder die Muttersubstanzen für die Glukuronsäure 
dieselben sind, wie für den Zucker, noch dass die Säure aus diesem 
selbst entsteht. Ferner ergab siel», dnss Kampher zu einem von 
der Glukuonsäurebildung abhängigen Sinken der Zuckeraus- 
seheidung führt, doch gelang es nicht, die Glykosurie zu unter¬ 
drücken. 

6) O. L oe w i - Marburg: Zur Frage nach der Bildung von 
Zucker aus Fett. 

Verschiedene Versuchsreihen des Verfassers au phlorhiziu- 
verglfteten Hunden machen es sehr wahrscheinlich, dass die ver¬ 
schiedenen Bestandtheile des Eiweisses bei dessen Zersetzung ver¬ 
schiedene Wege einschlagen können. Insbesondere, dass ein N- 
haltiger Antlieil retinirt werden kann, wählend ein anderer, näm¬ 
lich »1er kohlehydrathaltige oder der in Kohlehydrat übergehemle 
verbrannt resp. im Diabetes ausgeschieden wird. Man ist nach 
diesen Ergebnissen also nicht mehr berechtigt, allein aus einer Er¬ 
höhung »les Faktors D: N auf eine Mehrbihlung von Zucker zu 
sohliessen, wie das bisher von jenen Autoren, welche eine Abstam¬ 
mung des Zuckere aus Fett lieweisen wollten, meist geschehen ist. 
Vielmehr muss an die Möglichkeit einer Stiekstoffratention gedacht 
werden. 

7) W. Bergmann- Marburg: Heber die Ausscheidung der 
Phosphorsäure beim Fleisch- und Pflanzenfresser. 

Ergebnisse: Beim Hund findet keine Sekretion von Phosphor- 
säure auf die Darmwand statt, auch nicht bei reichlicher Dar¬ 
reichung von Kalk. Beim Ilerbivoren wird in »1er Norm fast alle 
PjO, auf den Darm ausgeschieden. Auch Phosphorsäure und 


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376 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


organische Bindung gellt beim Hund in den Harn, beim Hammel in 
den Kotli über und zwar als anorganische Phosphorsäure. 

8) N. v. W e s t e u r y k - Petersburg: TJeber den Einfluss der 
Kohlensäureathmung auf die Körpertemperatur. 

Eiuathmungeu von kleineren CU 2 -Mengen bewirkten sowohl bei 
normalen Kaninchen, als bei solchen, deren Körpertemperatur 
durch Wärmestich erhöht worden war, eine vorübergehende Herab¬ 
setzung der Körperwärme. 

D) K. K 1 a p p - Greifswald: Ueber parenchymatöse Re¬ 
sorption. 

Die in der praktischen Medizin üblichen Methoden zur Be¬ 
schleunigung oder Hemmung parenchymatöser Resorption wurden 
von Klapp einer experimentellen Prüfung unterzogen, indem er 
ihre Wirkung auf die Ausscheidung von subkutan injizirtem Milch¬ 
zucker bei Hunden und Menschen beobachtete. Br fand, dass 
Heissluftanwendung und Stauugshyperämie zu den beschleunigen¬ 
den lokalen Mitteln gehören, Hochlagerung und Kälte zu den 
verzögernden. Die allgemeinen Mittel: Aderlass und Hunger, 
wirken in gewissen Grenzen beschleunigend, unter- und oberhalb 
derselben verlangsamend. 

10) S. W e b e r - Strassburg: Ueber die Giftigkeit des 
Schwefelsäuredimethylesters (Dimethylsulfates) und einiger ver¬ 
wandter Ester der Fettreihe. 

Mehrere in chemischen Fabriken vorgekommene und zum 
Theil tödtlich verlaufene Vergiftungen gaben die Veranlassung zur 
pharmakologischen Prüfung obengenannter Stoffe. Diese be¬ 
stätigte die heftig ätzende Wirkung an allen Applikationsstelleu, 
und zwar hängt die Wirkung von dem ganzen Molekül der Ver¬ 
bindung und nicht von den abgespaltenen Komponenten ab. Bei 
Thieren zeigte sich ausser der lokalen noch eine starke Wirkung 
auf das Nervensystem, die bei Menschen fehlt Wegen der grossen 
Giftigkeit des Dimethylsulfates muss bei seiner Verwendung jede 
Berührung grösserer llauttlächeu und jedes Einathmen der Dämpfe 
sorgfältigst vermieden werden. 

11) B. S c h a e r - Strassburg: Neue Beobachtungen über die 
wirksamen Stoffe des Guajakholzes und Guajakharzes. 

Verfasser referirt eine Arbeit von P a e t z o 1 d (Diss. inaug. 
Strassburg), durch welche der arzneilich wirksame Stoff des 
Guajakharzes resp. -Holzes als ein Saponin nachgewieseu wurde. 

12) R. G o 111 i e b und R. Magnus- Heidelberg: Ueber die 
Gefässwirkung der Körper der Digitalisgruppe. 

Versuche, deren schöne Technik im Original nachzusehen ist, 
führen die Verfasser zu folgenden Schlussfolgerungen: Die Blut¬ 
steigerung nach Digitalisverabreichung kommt zu Stande 1. durch 
Verstärkung der Herzthätigkeit, 2. durch Kontraktion der Gefässe. 
Letztere ist durch periphere Wirkung bedingt und kann entweder, 
wie beim Digitoxin, eine allgemeine sein, oder, wie bei Digitalin, 
Strophanthin und Couvallamarln, sich auf das Splanchuikusgebiet 
beschränken. In letzterem Falle weicht das Blut nach der Körper¬ 
peripherie aus, und auf die peripheren Gefässe wirken drei Bin 
üüsse ein: 

1. die direkt kontrahirende Wirkung des betr. 
Digitaliskörpers, 

2. die p a s 8 1 v e Dehnung, welche die Gefässe durch das 
aus den Eingeweiden verdrängte Blut erfahren, und 

3. eine aktive reflektorische Erweiterung, 
welche durch die Verengerung der Bauchgefässe ausgelöst wird. 

Der erste dieser Einflüsse wird durch die beiden anderen über- 
kompensirt. Der schliessliche Effekt für die Blutverthei- 
1 u n g ist bei beiden Gruppen von Körpern ein verschiedener. Beim 
Digitoxin wird durch allgemeine Gefässverengerung das Blut von 
der venösen auf die arterielle Seite des Kreislaufs verlagert. Bei 
den übrigen Digitaliskörpem wird das Blut gleichzeitig durch 
rgulatorische Erweiterung der peripheren Gefässe vom Körpcr- 
iimern nach der Peripherie gedrängt. 

Allen Digitaliskörpern gemeinsam ist, dass sie durch Blut¬ 
drucksteigerung und Verengerung des Strombettes eine starke Be 
schleunigung des Blutstromes bedingen. 

J. M ü 11 e r-Würzburg. 


Archiv für Hygiene. 41. Bd. 4 Heft. 1902. 

1) II W ol p er t- Berlin: Zur Frage des Einflusses der 
Luftfeuchtigkeit auf die Wasserverdunstung durch die Haut. 

Die mit dem Krause-Erls man n’schen Apparat nus- 
i'eführten Untersuchungen ergaben, dass in 24 Stunden durch 
L qcm Haut (Bauchhaut einer Leiche) bei 15° Lufttemperatur ab¬ 
gegeben werden: a) In feuchter Luft von 85 Proz. Sättigung 
L -- 12 7 mg. b) in trockener Luft von 20 Proz. Sättigung 
^ 21 2 mg Wasser. Hieraus ist ersichtlich, dass die relative 
Feuchtigkeit der Luft auf die Wasserverdunstung der Haut einen 
bedeutenden Einfluss ausübt und zwar beträgt sie bei sehr trockner 
Luft fast doppelt so viel, als wie in feuchter Luft. 

2) H Wolpert- Berlin: Die Wasserdampfabgabe der 
menschlichen Haut im eingefetteten Zustande. 

Die bisher wissenschaftlich noch nicht scharf geprüfte I'tage 
vcranlasste W. zu Versuchen einmal mit todten llaut- 
stüc k e n. sodann a m L e b e n d e n. Zu ersterem T ersuch 
riientc wiederum der K r a u s e - E r i s m a n li’sehe Apparat, zum 
zweiten der mit einigen Abänderungen versehene Kasten von 
Schierbeck und Mittall. Bemerkt muss werden, dass 
lU ch die Wasserabgabe des Kopfes des \ ersimhsindividuums mit 
in die Untersuchung einbezogen wurde, was Schierbeck und 
Mutt all nicht getban hatten. Die Resultate zeigen uns, dass 
hei* ein gefetteter todter Haut die Wasserverdunstung 


ausserordentlich herabgesetzt wurde. Am Lebeuden ist 
die verschiedene Schweisssekretion von Belnng. Belm Fehlen der 
Schweisssekretion gibt die eingefettete Haut weniger Wasser ab, 
als die normale Haut. Belm Beginn der Schweisssekretion gibt 
die eiugefettete Haut gleich viel Wasser wie die normale Haut ab 
und bei starker Schweisssekretion gibt die eingefettete Haut mehr 
Wasser wie die normale Haut ab. Durch die Einfettung wird die 
Schweissabsonderuug und auch die Verdunstung verstärkt. 

3) K. S c h r e i b e r - Berlin: Fettzersetzung durch Mikro¬ 
organismen. 

Es wurden in Erde daumenstarke Zylinder von Butter ver¬ 
graben und dieselben 2 Monate lang dem Angriff der ln der Erde 
vorhandenen Bakterien und Schimmelpilze ausgesetzt, alsdann die 
Butterreste herausgeuommen, die daran festhaftenden Bakterien 
gezüchtet und die Butter auf ihren Gehalt an freier Fettsäure 
und Neutralfett geprüft. Besonders schien der „Fluoreseens" 
von den Bakterien bei der Fettzersetzung stark betheiligt, auch 
Schimmelpilze spielten eine Rolle. Aus des Verf. Resultaten geht 
hervor, dass reines Fett für sich allein kein Nährboden für 
Mikroorganismen Ist. Befindet sich das Fett 1m emulgirten Zu¬ 
stand, so geht die Zersetzung am schnellsten vor sich. Temperatur. 
Sauerstoffmangel, Bestrahlung sind von Einfluss auf die Zer¬ 
setzung. Bei Annerolüose tritt höchstens geringe Spaltung der 
Fette ein, aber keine Zersetzung derselben. 

4) R o 11 y - Berlin: Zur Analyse der Borax- und Borsäure¬ 
wirkung bei Fäulnissvorgängen, nebst Studien über Alkali- 
und Säureproduktion der Fäulnissbakterien. 

Der ausführlichen Arbeit ist folgendes Bemerkenswerthe zu 
entnehmeu: Bei der Borax Wirkung auf die Bakterien kann 
man eine Bor- und eine Alkaliwirkung unterscheiden, 
bei der Borsäurewirkung eine Bor- und eine Säure- 
w i r k u n g. Geringe Boraxzusätze bedeuten eine Reizwirkung 
für das Bakterienwachsthum, grössere Mengen hemmen dagegen 
dasselbe. Bei 2 Proz. Boraxzusatz zu festem Nährboden flndet 
kein Wachsthum mehr statt. Die Produktion von Säure und 
Alkali in Fäulnissgemischen scheint nur von der Reaktion der 
Nährlösungen abhiiuglg zu sein, denn dasselbe Gemisch von Fäul¬ 
nissbakterien, das im Stande ist, ln sauren Nährflüssigkeiten 
Alkali zu bilden, vermag auch unter absolut gleichen Versuchs- 
bedinguugen iu alkalischeu Nährlösungen Säure zu bilden. Bor 
hemmt die Traubenzuckerspaltung, dagegen ein gleich grosser 
Zusatz Soda nicht. Bei der Zerlegung von E l w e 1 s s durch 
Bakterien kommt es wahrscheinlich nur auf die Reaktion der Ei¬ 
weisslösung an. In hochalkalischen Eiweisslösungen werden vor¬ 
wiegend saure Zerfallsprodukte gebildet Wahrscheinlich hängt 
dies mit einer Oxydation des entstandenen Ammoniaks zu sal¬ 
petriger resp. zu Salpetersäure zusammen. 

5) R o 11 y - Berlin: Weiterer Beitrag zur Alkali- und Säure¬ 
produktion der Bakterien. 

Weitere Untersuchungen zeigten, dass erst durch Ueberimpf- 
ung verschiedenartiger Bakterien in sehr reichlicher Menge in stark 
alkalischer Peptoulüsung eine namhafte Säurebildung resp. Ab¬ 
nahme der Alkaleszeuz zu Stande kommt. Es scheint also eine 
symbiotische Wirkung nöthig zu sein, da mit einzelnen Bak¬ 
terien allein dies nicht zu erzielen war. 

R. O. Neumann - Kiel. 


Centralblatt für Bakteriologie, Parasitenkunde und In¬ 
fektionskrankheiten. Bd. 3l. Heft 4. 1902. 

1) M. Pfaundler- (5rnz: Ueber das Verhalten des Bact. 
coli commune (E s c h e r i c h) zu gewissen Stickstoffsubstanzen 
und zu Stärke. 

Die gewonnenen Resultate sind folgende: 1. Die verwendete 
Stammkulte war nicht im Stande, den Abhau von nativen 
S e r u m e i w e i s s k ö r p e r n einzuleiten, selbst auch nicht eine 
nachweisbare Lockerung herbeizuführen. 2. Die Ammoniak- 
b i 1 d tt li g auf Kart offelkultnrcn gellt auf Kosten der darin ent 
hiütencn Stickstoffträger vor sich. 3. Weder bei Sauerstoffabschluss 
noch bei Sauerstoffzutritt erfolgt eine Zersetzung der Stärke 
durch Coli in erheblichem Maasse. 


2) W i 1 d b o 1 z - Bern: Zur Biologie der Gonokokken. 

Verf. entnimmt seinen Untersuchungen, dass Gonokokken 
sich nicht nur auf sorumhaltigem Nährboden züchten lassen, son¬ 
dern auch auf g e w ö h n 1 i c li o m Agar. Es scheint von Zu¬ 
fälligkeiten abzuhängen, wenn die Organismen auf diesem nicht 

immer aufgehen. _ , . 

a. A u j e s z k y - Ofen-Pest: Ueber das Vorkommen der 
Tuberkelbazillen in der Ofen-Pester Marktbutter. 

Es wurden 20 verschiedene Bntterproben aus verschiedenen 
Bezugsquellen untersucht. Die Meerschweinchen bekamen % bis 
2 ccm eines durch Zentrifugiren gewonnenen, fettfreien Boden¬ 
satzes in die Bauchhöhle injlzirt. 3 Thiere starben nach einigen 
Tagen an Sepsis, 3 andere dagegen starben nach 35—80 Tagen 
an ausgesprochener Tuberkulose. Säurefeste, auch tuber- 
kuloseähnliche Organismen wurden nicht gefunden. 

4) Vedder and D u v a 1 - Pennsylvania: The etiology of 
acute dysentery in the United States. 

Als Erreger der Dysenterie in Amerika wird der Bacillus 
d y sc ntcri.-ic Shlga nngesproeheu. 

' 5i V oges- Buenos-Aires: Beobachtungen und Studien über 
eine in Südamerika bei jungen Bindern vorkommende Erkrank¬ 
ung der Extremitäten. _ , . 

Diese neu studirte Krankheit kaun mit dem Namen Phleg- 
m o na p e r iart iftilaris bovlna belegt werden, denn sie 
besteht in einer umschriebenen phlegmonösen Entzündung des 


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4. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


377 


Kniegelenkes. Die Krankheit betrifft das ganze tropische und 
subtropische Südamerika; wie weit die Grenze nach Norden reicht, 
ist noch nicht festgestellt. Die Symptome der Krankheit zeigen 
sich in der Lahmheit der Thlere, welche dadurch sehr leicht er¬ 
kannt werden. Besonders tritt sie im ersten Lebensjahr auf und 
es gibt Gegenden, wo bis zu 40 Proz. aller Thlere davon befallen 
sind. 

Die Untersuchung der Phlegmonen, welche wegen der dicken 
Haut nicht durchbrechen, ergab als muthmaasslichen Erreger ein 
ausserordentlich kleines Stübchen mit Polfilrbung, iihulieh 
dem Bact. sept. hämorrhag., doch noch bedeutend kleiner. 
Unter anaüroben Verhältnissen gelang auch die Reinzüchtuug. 
Sowohl mit frischem Eiter, als auch mittels Reinkulturen konnten 
Thlere krank gemacht werden. Bakterienextrakte brachten die 
Krankheitssymptome nicht zum Vorschein. Die Therapie be¬ 
steht einfach in der baldigen Eröffnung des Abszesses, alsdann 
werden die Thlere sehr bald wieder gesund. 

6) Voges - Buenos-Aires: Fanophthalmia bovina carcinoma- 
tosa. 

In den Distrikten Gualeguay und Gualeguayches 
fanden sich Thlere mit einer noch unbekannten Augenaffektion. 
An Stelle des Auges sah man einen grossen Tumor, der das 
ganze Auge zerstört und bis auf die Orbita sich ausbreitete. Sein 
Inneres bestand aus zersetzten, stinkenden Massen. Bei der Unter¬ 
suchung stellte es sich heraus, dass der Tumor Karzinom sei. 
Man erkennt die Krankheit, die ziemlich selten auftritt, zunächst am 
Thränentrüufeln; dann bildet sich auf der Konjunktivs ein kleines 
Knötchen, welches auf den Bulbus übergeht. Durch Operation 
resp. Enukleation des Auges sollen die Thlere gerettet werden 
v können. 

7) E. Cent an ui-Ferrara: Die Vogelpest. (Schluss folgt.) 

8) Th. O d h u e r-Upsala: Mittheilungen zur Kenntniss der 
Distomen II. 

Es handelt sich um 3 neue Distomen aus der Gallenblase von 
Nilfischen. 

9) G a 11 i - V a 1 e r i o - Lausanne: Untersuchungen über die 
Hämosporidien der Alpenvögel. 

Verf. untersuchte 101 Vögel, welche zu 20 Gattungen und 
30 Arten gehörten. Er fand bei 10 der 29 Gattungen und bei 18 
der 30 untersuchten Arten Hämosporidien. Es sind dies 
Vögel, welche in einer Höhe von 1500—2000 Meter über dem Meere 
leben. Die Infektion geschieht wohl sicher durch Stechmücken, 
die, wie Beobachtungen zeigen, bis 2300 m über dem Meere Vor¬ 
kommen. Ganz sicher gelang der Nachweis der Organismen ln 
den Stechmücken noch nicht; an frischem Material dürfte er aber 
gelingen. Es sind bis jetzt 51 Vogelarten bekannt, welche Hämo- 
8poridlen beherbergen. 

10) A. D i e t r 1 c li - Tübingen: Sind alle Einwände gegen 
die Natur und Wirkungsweise der sogen. Nukleasen widerlegtP 

Eine Erwiderung an Emmerich und L ö w. 

11) F. I n g h 111 e r I - Rom: Ein neuer Spritzentypus für 
bakteriologische Untersuchungen. 

Bei der neuen Spritze kommt der Stempel nicht mehr direkt 
mit der Flüssigkeit in Berührung, wodurch ein Zurücksaugen der¬ 
selben hinter den Stempel ausgeschlossen ist. 

12) P r e i s z - Ofen-Pest: Ein praktischer Filtrirapparat. 

Der Filterkerzenapparat kann auf beliebige Flasche aufgesetzt 

werden. Er ist praktisch und handlich, besonders für kleinere 
Mengen Bakterienflltrates brauchbar. 

13) Turro-Cataluna: Zur Anaerobenkultur. 

i Eine neue einfache Methode zur Herstellung von anaerolien 
Plattenkulturen. R. O. Neumann - Kiel. 



Berliner klinische Wochenschrift. 1902. No. 8 

1) A. A. G. G u y e - Amsterdam: 4 Fälle von Ausräumung 
der Keilbeinhöhle bei rezidivirenden Nasenpolypen. 

Wurde bereits in den Berichten der Münch, med. Wochenschr. 
über die Naturforscherversammlung in Hamburg, September 1901, 
liesp rochen. 

2) F. S t r a u 8 - Frankfurt a. M.:Zur funktionellen Nieren- 
diagnostik. Untersuchungen über Physiologie und Pathologie 
der Nierenfunktion. (Schluss folgt.) 

3) K. v. A1 f t h a n - Helsingfors: Ueber das thierische 
Gummi L a n d w e h r’s bei Diabetes insipidus. 

Die genannte Substanz ist bei Diabetes mellitus ganz be¬ 
deutend vermehrt; dagegen ergaben die vom Verf. bei mehreren 
Füllen von Diabetes insipidus ausgeführten Untenmchungen, dass 
das für den Diabetes insipidus nicht zutrifft, indem eine analoge 
Vermehrung der Substanz hier nicht nachgewiesen werden konute. 

4) N il g e 1 s b a c h - Schömberg-Neuenbürge: Ruhe und Be¬ 
wegung in der Phthiseotherapie. 

Besprochen Seite 1703 der Münch, med. Wochenschr. 1901. 

5» E. H o f f m a n n - Berlin: Ueber Nephritis syphilitica 
praecox acuta mit enormer Albuminurie. (Schluss folgt.) 

Grassmaun - München. 

r , j -t—'»»-»— v» * -v 

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Deutsche medicinische Wochenschrift. 1902. No. 7 u. 8. 

1) O. H i 1 d e b r a n d - Basel: Zum 70. Geburtstage Franz 
K o e n i g’s. 

2) Fritz K o e n i g - Altona: Ueber die durch Spontanruptur 
der steinhaltigen Gallenblase in die freie Bauchhöhle bedingte 
Peritonitis und ihre Behandlung. 

Auszugsweise vorgetragen im Aerztllchon Verein zu Hamburg 
am 29. Oktober 1901. (Referat hierüber siehe diese Wochenschr. 
1901, No. 40, pag. 1855.) 


3) L. L a q u e u r - Strassburg i. E.: Ueber Chloroformtod 
durch Herzlähmung. 

Unter Mittheilung eines Falles eigener Beobachtung bei einem 
durch Herzlähmung in der Chloroformnarkose zu Grunde ge¬ 
gangenen 14 jährigen Knaben sucht Verf. im Hinweis auf die 
von Kundrat („Zur Kenntniss des Chloroformtodes") beob¬ 
achteten Fälle, welche mit ihm übereinstimmende Sektionsresultate 
ergaben, praktische Schlussfolgerungen zu ziehen, die dahin gehen, 
dass Kinder und jugendliche Personen, welche mit einer vergrös- 
Berten Thymus behaftet sind, gegebenen Falles von der Wohlthat 
der allgemeinen Narkose ausgeschlossen werden müssen. Die 
vorerst schwierige Diagnose einer Vergrösserung der Thymus 
findet eine Erleichterung darin, dass, wie ebenfalls aus den Sek¬ 
tionen hervorging, mit derselben konstant eine auffallende Hyper¬ 
trophie von Balgdrüsen des Zungengrundes resp. der hinteren 
Rachenwand koustatirt wurde. Die Untersuchung dieser Gebilde 
des Zungeugrundes hält L. nach seinen Erörterungen als ebenso 
wichtig, wie die jetzt allgemein als notfiwendig erkannte Unter¬ 
suchung des Herzens. 

4) A. Wassermann - Berlin: Infektion und Autoinfektion. 
(Nach einem in der Freien Vereinigung der Chirurgen Berlins 
am 9. Dezember 1901 gehaltenen Vortrag.) 

Kurzgedrängte, zusammenfassende Schilderung der nach den 
neuesten experimentellen Errungenschaften vom bakteriologischen 
Standpunkt aus geltenden Anschauung über Infektion und Auto¬ 
infektion. 

5) F. K r a u s e - Berlin: Ersatz des gelähmten Quadriceps 
femoris durch die Flektoren des Unterschenkels. 

Vortrag und Krankenvorstellung in der Berliner medizinischen 
Gesellschaft am 15. Januar 1902. (Schluss folgt.) M. L. 

No. 8. M. Bäu m 1 e r -Freiburg 1. B.: Adolf Kussmaul. 

1) H. S e n a t o r - Berlin: Nierenkolik, Nierenblutung und 
Nephritis. 

Nach einem am 13. Januar im Verein für innere Medizin ge¬ 
haltenen Vortrag. (Referat hierüber siehe d. Wochenschr. 1902, 
No. 3, pag. 119. 

2) E. L e v y und H. Bruns- Strassburg: Ueber den Gehalt 
der käuflichen Gelatine an Tetanuskeimen. 

Im obigen Sinne angestellte Experimente an Thieren nach dem 
von Sanfelice angegebenen Verfahren (Lösung von 2—3 g 
Gelatine in 100 ccm Bouillon (resp. 10 in 300) und 8—10 Tage 
langes Stehenlassen im Brutofen lad 37 °), bestätigten den Nach¬ 
weis von Tetanuskeimen in der gewöhnlichen käuflichen Gelatine. 
Die Beantwortung der praktisch wichtigen Frage, ob es möglich 
erscheint, die Gelatine zu therapeutischen Zwecken von den ihr 
anhaftenden Tetauussporeu zu befreien, wäre nach seiner Ansicht 
erst auf Grund der Prüfung eines sehr grossen Materials möglich. 
Da die einzelnen Rassen von Tetanusbazillen vermuthlich Uber ver¬ 
schieden gegen Hitze resisteuzfähige Sporen verfügen, wird man 
erst nach einem hierüber sicher gewonnenen Entscheid ln der Lage 
sein, detaillirte Vorschriften für die Gelatinesterilisation zu geben, 
wobei die von .1. Förster mit Recht betonte Vorschriftsmaass¬ 
regel auf das Genaueste elugehalteu werden müsste, die An- 
wiirmezeit peinlichst zu berücksichtigen, bis die gesammte Gelatine 
die gewünschte Temperatur zeigt, um von da ab erst die zur 
Sterilisation nöthige Minutenzahl zu rechnen. 

3) E. R u in p f und L. Guiuard - Friedrichsheim: Ueber 
die Agglutination der Tuberkelbazillen und die Verwerthung 
dieser Agglutination. 

Angabe der Resultate, welche sich aus einer Prüfung des nach 
Arlolng-Lyon und neuerdings von Koch angegebenen Ag- 
glutinationsverfalirens ergaben, bei gleichzeitiger Berücksichti¬ 
gung der französischen und deutschen Methode, sowie tabellarisch.>r 
Zusammenstellung der an 107 Kranken angestellteu Versuche. 

4) F. K r a u s e - Berliu: Ersatz des gelähmten Quadriceps 
femoris durch die Flexoren des Unterschenkels. (Schluss aus 
No. 7.) 

Referat hierüber siehe diese Wochenschr. 1902, No. 3. p. 119. 

Aus der ärztlichen Praxis. 

Rothe- Altenburg: I. Zwei Vergiftungsfälle. 

1. Vergiftung mit Nitrobenzol, unechtem 
Bittermandelöl. 

2. Morphiumv^rgiftung. 

II. Ileusähnliche Erscheinungen in Folge krankhaften 
Darmverschlusses, durch Atropin beseitigt. 

M a r t i u - Magdeburg-Buckau: Ein Fall von Larynxhäma- 

tom. 

Sch wiening- Berlin: Mittheilungen über die Verbrei 
tung von Volksseuchen. (Unter Benützung der Veröffentlichungen 
des Kaiserlichen Gesundheitsamtes.) 

L. S t e m b o - Wilna: Ueber Behandlung der Hämorrhoiden 
mittels Arsonvalisation. M. L. 

Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte. 32.Jahrg. No. 4. 

Schüler: Bleivergiftung bei den Blattstich webern in 
Appenzell A.-Rh. 

Veranlasst durch eine Aufsehen erregende Mittheilung eines 
Arztes Im „Grütlianer“ vom 18. Mai 1901 Uber häufige Bleiver¬ 
giftung unter den Webern des Kantons Appenzell A.-Rh. erkundete 
Verf. (eidgen. Fabrikinspektor), dass es sich nur um ..Blattstich¬ 
weber“ handelt, schildert ihre ungünstigen sozialen Verhältnisse, 
die — übrigens geringe — Möglichkeit der Bleivergiftung bei ihrer 
Arbeit, geht den einzelnen geschilderten Erkrankungsfornieii mich 
und findet dabei eine Reihe von Unsicherheiten und Täuschuuj*- 




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378 


MUENCHENER MEDTCINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


möglichkeiteu, welche die thatsächliche, weiter zu verfolgende. 
(lOfnhr vergrössert haben mögen. 

• J h Zürich; Nochmals einige „elektrotherapeu- 

tische“ r.eflexionen. 

Bezugnehmend auf seine frühere Arbeit über die 10 K 
M » 11 e l sehe „P e r m e a - E 1 e k t r o - T h e r a p i e" « fr. Münch 
med. Woeuenscbr. 1901. p. 1009) betont Verf. abermals ihre sedative 
\\ irkung und weist gegenüber dem Vorwurf eines rein suggestiven 
Einflusses hin auf ihre Wirksamkeit bei einem llunde. auf die 
Vermehrung des Sauerstoffgehaltes des Blutes, endlich auf die — 
allmählich eintretende — Heilwirkung der (subjektiv nicht wahr¬ 
nehmbaren) Ströme speziell bei chronischen Krankheiten. Eine 
sehliessliche kurze Tabelle zeigt 43--45 I»roz. Heilungen von „peri¬ 
pheren und zentralen Neurosen“. Dr. O. Pischinge r. 

Oesterreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 8. 1) G. L o t li e i s 8 e n - Innsbrueh: Ueber perihemiöse 
Phlegmone. 

Das Wesentliche bei dieser Affektion ist. dass im Innern des 
Bruchsackes keine Eiterung stattflndet. sondern nur eine fibrinöse 
Entzündung. Die Affektion ist selten, so dass sich Verf. nur auf 
eine Kasuistik von 5 Fällen lK'zielien kann, deren Kranken¬ 
geschichten im Einzelnen angeführt werden. Die Erkrankten 
waren durchweg ältere Personen. In den vom Verf. beobachteten 
Fällen konnte durch den Augenschein festgestellt werden, dass 
im Inneren des Bruchsackes keine Eiterung stattfand. Bei der 
perihemiüsen Entzündung liegt meist ein schon älterer Bruch vor. 
der eines Tages irreponibel wird; die Geschwulst wird schmerz 
haft. die Haut darüber geröthet und es stellt sich allmählich 
Fluktuation ein. Die Behandlung besteht in der Eröffnung des Ab 
szesses. 

2) L. T e 1 e k y - Wien: Beiträge zur mechanischen und medi- 
kamentösen (Thiosinamin-) Behandlung der narbigen Speise¬ 
röhrenverengerungen. 

Vergleiche das Referat Seite 172 der Münch, med. Wochen¬ 
sehr. 1902. 

3) F. T e w e 1 e s - Wien: Ein Fall von Struma der Zungen¬ 
wurzel. 

Die seltene Erkrankung wurde an einem 13 jährigen Mädchen 
beobachtet, bei welchem sich an der Zungenwurzel eine glatte Ge¬ 
schwulst entwickelte, welche operativ mit vollem Erfolg entfernt 
wurde. 

4) Gussenbauer: Erfahrungen über die osteoplastische 
Schädeltrepanation wegen Hirngeschwülsten. 

G. veröffentlicht liiemit die sehr eingehenden Kranken¬ 
geschichten von 10 klinisch und 7 privat l>eobachteten Fällen von 
Gehirngeschwülsten, bei denen die Trepanation des Schädels vor¬ 
genommen worden war. Es geht daraus hervor, dass die Ent¬ 
fernung der Hirngeschwülste, selbst solcher mit prägnanten Ilerd- 
symptomen, auch jetzt noch grosse Schwierigkeiten machen kann; 
die Herdsymptome zeigen el>en nicht mit Sicherheit den ganz ge¬ 
nauen Sitz der Geschwulst im engeren Sinn an. In allen Fällen 
konnte eine Infektion der Wunden und damit die Meningitis ver¬ 
mieden werden. Als wesentlicher Erfolg der Operation zeigte sich 
in allen Fällen das Verschwinden der oft sehr hochgradigen Kopf¬ 
schmerzen, in manchen die temporäre und selbst bleibende Rück¬ 
bildung der Stauungspapillen und damit die theilweise Wieder¬ 
herstellung des Sehvermögens, wenn nicht schon Sehnervenatrophie 
vorlag. Auch theilweise Zurückbildung von Motilitätsstörungen 
und solchen der Sensibilität konnte in manchen der Fälle erzielt 
werden. G. durchtrennt die Schädelknochen mittels einer in 
seinem Artikel abgebildeten Säge und mittels Meissei. Dadurch 
kann der Substanzverlust im Knochen auf einen ganz kleinen 
Spalt beschränkt werden. Grass m a n u - München. 

Englische Literatur. 

T. R. J e s s o p: Persönliche Erfahrungen in der chirur¬ 
gischen Behandlung verschiedener Krankheiten. (Lancet. 
14. Dez. 1901.) 

Verf. beschäftigt sich in dieser sehr lesenswertheu Arbeit mit 
der Chirurgie der Nierenkraukheiten und der Blaseusteine. Was 
die Arbeit besonders werthvoll macht, ist der Umstand, dass Verf. 
uns mit all’ den Fehlern bekannt macht, die er selbst in einer 
"•o jährigen Thätigkeit auf diesem Gebiete begangen hnt und durch 
s<‘ine eigenen Erfahrungen uns lehrt, dieselben zu vermeiden. 

11 mal lmt er bei Kindern eine Niere wegen einer bösartigen Neu¬ 
bildung entfernt; obwohl er nur 2 Kinder durch die Operation ver¬ 
loren hat, glaubt er doch nicht mehr zur Vornahme tierseihen 
rat heu zu dürfen, da die Endresultate äusserst ungünstig sind; 
mir ein Kind hat noch 2 Jahre nach der Operation gelebt. Ist aber 
dann, wie die anderen, dem Rezidiv erlegen. Das einzige Mittel, 
diese ungünstigen Erfolge zu verbessern, siebt er in einer früheren 
Diagnose, womöglich unter Zuhilfenahme der Probelaparotomie. 
Bei der Operation muss man sieh auf der rechten Seite sehr vor 
der Vena cavn hüten, die durch den Zug der wachsenden Ge¬ 
schwulst zuweilen ln den Stiel eingezogen ist und heim Abbinden 
leicht seitlich liixirt werden kann. Bei Erwachsenen sind die Eml- 
erfolge der Operation bessere, da die Tumoren weniger rasch 
wachsen, auch bedeutet eine wenn auch kurze Verlängerung des 
Lebens oft recht viel fiir einen im höheren Lebensalter stehenden 
Menschen. Für alle septischen Nierenerkrankungen und für klei¬ 
nere Geschwülste bevorzugt er den Lumbalsehnitt, während für 


Noj. 

grosse Neubildungen der trausperitoneale Weg empfohlen wird. 
Bei der Nephrolithotomie kommt es darauf an, die Niere vor die 
Wunde zu ziehen und genau zu untersuchen, der Stein wird durch 
den Sektionsschnitt entfernt, da dieser allein vor Blutung und 
Fistelbildung schützt; so lange Verf. noch direkt auf den Stein 
einschnltt. musste er häufig späterhin wegen Blutung oder Fistel¬ 
bildung die Niere entfernen. Verf. macht noch darauf aufmerk 
sam, dass die Schmerzen der Grösse des Steines umgekehrt pro¬ 
portional sind, ferner führt er Beispiele an. wo Steine durch wieder¬ 
holte Manipulationen bei Untersuchungen, sowie bei Erschütte¬ 
rungen bei einem Unfall aus der Niere in die Blase gelangten 
und mit dem Urin abgingen. Zur Entfernung der Blaseusteine 
bedient er sieb in unkomplizirten Fällen und bei kleineren Steinen 
der Litholapaxie; bei gleichzeitig bestellender Prostatahypertrophie, 
schwerer Cystitis, bei Enge der Harnröhre und bei grossen oder 
harten Steinen wendet er stets den suprapubischen Schnitt au. 

G. A. Moynihan; Die chirurgische Behandlung des 
Duodenalgeschwüres (Ibid.) 

Das Duodenalgeschwür kommt am häufigsten lra ersten Ab¬ 
schnitt des Duodenums vor und zwar meistens bei männlichen 
Individuen der verschiedensten Lebensalter: meist findet sich nur 

1 Geschwür, zuweilen werden 2 sogen. Kontaktgeschwüre an auf¬ 
einanderliegenden Theilen des Darmes gefunden. Die Sym¬ 
ptome sind sein- unbestimmter Natur, doch finden sich meist 
Schmerzen, die um so längere Zeit nach dem Essen auftreten, ais 
das Geschwür von der Kardia entfernt ist; auch Erbrechen mit oder 
ohne Blut, meist aber mit Galle, kommt einige Zelt (2 Stuudem 
nach der Mahlzeit vor; sehr häufig ist blutiger Stuhl, der aber oft 
übersehen wird. Die für den Chirurgen wichtigen Komplikationen 
iles Duodenalgeschwürs sind die Perforation, die Blutung, die 
Narbenstriktur, die Periduodenitis und die karzinomatöse Ent¬ 
artung des Geschwürs. Gegen die Blutung ist chirurgisch kaum 
etwas zu machen; die Perforation, die kaum von der Perforation 
eines Mngenulcus (Anamnese wichtig) unterschieden werden kann, 
ist dagegen Im akuten Stadium so rasch wie möglich operativ an- 
zugreifeu. Da der Inhalt des Duodenums nach der Perforation 
nach rechts fliosst und sich schon rasch in das rechte IIyi>o- 
chondrium senkt, wo er zuweilen die Symptome einer Appendieitis 
hervorruft. so ist nach Uebernähen der Perforatiou eine gründliche 
Reinigung der Bauchhöhle unerlässlich. Man schueklet zu diesem 
Behüte eine besondere Oeffnung oberhalb der Symphyse, durch 
welche ein dickes Glasdrain eingeführt wird. Die Durchspülung 
geschieht mit grossen Mengen heisser Kochsalzlösung und zwar 
so lange, bis das Spülwasser klar abläuft. Von 49 aus der Lite- 
latur gesammelten und tabellarisch geordneten Fällen starben 41, 
während 8 durch die Operation gerettet wurden; diesen kann Verf. 

2 eigene Fälle mit 1 Heilung beifügen. Auch die subakuten und 
chronischen Perforationen, die zur Bildung eines subphrenischen 
oder periduodenalen Abszesses führen, müssen chirurgisch be¬ 
handelt werden. Verf. operirte und heilte einen solchen Fall; 
ausserdem operirte er 4 mal mit Glück wegen chronischer Ge¬ 
schwürsbildung im Duodenum, die zu heftigen Schmerzen (Peri¬ 
duodenitis) und grosser Schwäche geführt hatte: in derartigen 
Fällen ist die Gastroenterostomie nuszuführen. Zum Schlüsse sei 
noch erwähnt, dass Verf. hei allen schweren Operationen vor und 
während der Operation grosse Dosen von Strychnin subkutan ein¬ 
spritzt, was nach seiner Meinung das beste Prophylaktikum gegen 
Schock ist. 

Alex M a c g r e g o r: Wanderniere als Ursache akuter und 
chronischer Magenbeschwerden. (Ibid.) 

Gestützt auf eine Reihe von Krankengeschichten, die z. Th. 
mitgethellt werden, glaubt Verf., dass eine Wanderniere sehr 
häufig die Ursache von hartnäckigen „Magenleldeu“ Ist. Uebelkeit 
und heftige Schmerzen nach der Nahrungsaufnahme, Verstopfung 
und allgemeines Unwohlsein sind die Ilnuptsymptome. die durch 
das Tragen einer geeigneten Bandage l>eseitigt werden können. 
(Ref. operirte vor einiger Zeit eine Frau wegen vermutheter Cbole- 
llthiasis mit starkem Ikterus; bei der Operation fand sich eine 
Wanderniere, die offenbar zu Zerrungen und Knickungen geführt 
hatte; Gallensteine waren nicht vorhanden und die Anfälle traten 
nach der Fixation der Niere nicht wieder auf.) 

Edmund Cautley: Beobachtungen über die Aetiologie 
und Pathologie der tuberkulösen Meningitis. (Ibid., 21. Dez. 
1901.) 

Ohne auf die näheren statistischen Einzelheiten von Verf.’s 
Tabellen einzugehen, sei hier nur erwähnt, dass Verf, der Ver¬ 
erbung an sich nur einen sehr geringen Antheil am Zustande¬ 
kommen der kindlichen Tuberkulose zuschreibt; es handelt sich hier¬ 
bei um die Gefahr der Infektion durch das Zusammenleben eines 
schwachen oder prädisponirton Kindes mit tuberkulösen Eltern. 
Traumen spielen nur eine sehr untergeordnete Rolle im Zustande¬ 
kommen der Tuberkulose; dieselbe dringt fast Immer durch die 
Athmungswege pin, während der Verdauungskanal nur äusserst 
selten primär erkrankt. Kuhmilch ist niemals oder doch überaus 
selten die ijuelle der Infektion; die Erkrankung ist selten auf die 
Meningen beschränkt und die* Prognose ist gerade in Folge des 
Ergriffenseins auch anderer Kürportheile recht schlecht; operative 
Eingriffe sind nutzlos. 

John R e d f e r n und Gervase New!» y: Ein Fall, in welchem 
bei einem Neugeborenen die Herzthätigkeit sehr lange durch 
künstliche Athmung unterhalten wurde. (Brit. med. Jouru.. 
14. Dez. 1901.) 

Ein gut entwickeltes, männliches Kind wurde Nachmittags 

3 Uhr 30 Min. mittels der Zange unter Chloroform entbunden; der 
Zaugcndruck war nicht ungewöhnlich stark, doch war die Nabel¬ 
schnur zweimal um den Hals des Kindes geschlungen. Sofort 


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4. März 1902. 


M üENCIIENER MEDICINISCHE WOCIIENSCHKIFT. 


379 


nach der Gehurt schlug das Herz krilftig und normal, während 
kein Athemzug erfolgte. Trotz aller Versuche. Atliembewegungen 
anzuregeu, gelang dies nicht; da aber das Herz gut arbeitete, so 
versuchte man Intubation, und als dies nicht sofort gelang, machte 
man die Tracheotomie und nabelt»* ab. So lange man durch einen 
eingeführten Katheter Luft in die Lungen bli»*s und künstlich ex- 
l>erimentirte, blieb die Herzthatigkeit gut, um beim Aussetzen der 
künstlichen Athmung sofort zu sistireu. Erst nachdem die Ath- 
nnmg 2V* Stunden ununterbrochen unterhalten worden war, er¬ 
folgte der erste si»ontane Athemzug, dem bald mehrere nach¬ 
folgten; um C Uhr 45 Min. betrugen die spontanen Athemzüge (ohne 
künstliche Nachhilfe) 20 bis 24 in der Minute, gegen Mitternacht 
traten klonische Krämpfe der rechten Hand auf; um 4 Uhr 20 Min. 
erfolgte der Tod; das Kind war kurz nachher tief cyanotisch ver¬ 
färbt. Interessant ist in diesem Falle die lange Dauer anscheinend 
normaler Herzthütigkeit bei künstlicher Athmung, dann der Um¬ 
stand. dass verstärkte künstliche Athmung den Herzschlag jedes- 
nial deutlich beschleunigte; »las Kind gab während der ganzen Zeit 
kein Lebenszeichen von sich ausser der Herztliätigkcit, der Atli- 
ninng und den schon erwähnten klonischen Krämpfen. Die Verf. 
lassen es offen, wodurch die Lähmung »l»*s Athinungszentrums 
herbeigeführt wurde, ob durch Zangendruck. Strangulation durch 
die Nabelschnur oder die Narkose der Mutter. 

C. S. Sherrington und A. Oriinba u m: lieber Lokali¬ 
sation in der „motorischen“ Hirnrinde. (Ibid.. 28. Dez. 1901.) 

Die beiden bekannten Verfasser hatten Gelegenheit, an allen 
l»ekanuten Arten anthropoider Alfen physiologische Experimente 
mit Bezug auf die Funktionen der Hirnrinde anzusteileu. Die 
meisten Versuche wurden am Schimpansen gemacht und die ge¬ 
wonnenen Resultate weichen wesentlich von den von anderen 
Forschern an nh*deren Affen und von II »> r s 1 e y am Orang ge- 
fnndeuen ab. Die sogenannte motorische Area nimmt beim Schim¬ 
pansen die ganze Länge der prüzentralen Windung und in den 
meisten Fällen auch die ganze Breite derselben ein. Es ist unmög¬ 
lich, an dieser Stelle die genauere Lokalisirung der Zentren, wie 
die Verf. sie geben, zu beschreiben: erwähnt sei nur, dass die Verf. 
den Fissuren jede B»*deutuug als physiologische Grenzen ab¬ 
sprechen, ja sie lassen sie nicht einmal als Landmarken für die 
funktionelle Topographie gelten, da ihre Beziehungen zur Um- 
g»*bung unkonstant sind. Sie verhalten sich verschieden bei ver¬ 
schiedenen Individuen und bei den beiden Hemisphären desselben 
Individuums. (Die Verf. untersuchten 19 Schimpansenhemi¬ 
sphären.) Nur die Kniee der Rolandsfurche sind von topogra¬ 
phischer Bedeutung. Entgegen den Beobachtungen früherer For¬ 
scher fanden die Autoren, dass bei genauer vergleichender Unter¬ 
suchung das Gehirn der anthropoiden Affen ebenso leicht erreg¬ 
bar sei, wie das der niederen Affen; es gelaing ebenfalls im Gegen¬ 
sätze zu H o r s I e y’s B»K)bachtuugen leicht, cpileptiforrae Anfälle 
von der Hirnrinde aus zu erzeugen. Von uuteu nach oben gezählt 
folgen sich die Zentren bei den höheren Affen etwa in folgender 
Reihe: Zunge, Mund, Nase, Ohr, Augenlid, Nacken, Hand. Hand¬ 
beuge, Ellenbogen, Schulter, Brust. Bauch Hüfte, Kniee, Knöchel. 
Zehen, Dammmuskeln, Anus und Vagina. Die postzentrale Win¬ 
dung enthält nach den Versuchen der Verf. keine motorischen 
Zentren. Exstirpirten sie den grössten Theil oder das ganze Hand¬ 
zentrum. so trat sofort eine gekreuzte Lähmung des Armes ein 
ohne Mitbetheiliguug tles Gesichtes oder der unteren Extremität. 
Nach ungefähr <3 Wochen war die Lähmung zum allergrössten 
Theile wieder verschwunden. Aclmliche Erscheinungen traten 
nach Entfernung des Rindenzentrums für das Bein auf. »loch ging 
in diesen Fällen die Lähmung rascher zurück. Bei Verletzung des 
Arnizentrums blieb der Kniereflex unverändert, während er bei Ver¬ 
letzung des Beinzentrums sofort gesteigert erschien und die Stei¬ 
gerung auch nach Ablauf der Lähmung noch anhielt. Zum 
Schlüsse betonen die Verf., dass die Resultate ihrer Versuche am 
Orang. Schimpanse und Gorilla ziemlich Ubereinstlmmten; das Ge¬ 
hirn des Gorilla scheint dem des Menschen am nächsten zu 
kommen. 

A. Mnrmaduke Shelld: Direkte Injektion von Abführ¬ 
mitteln in den Darm bei der Operation der septischen Peritonitis. 
(Ibid.) 

Verf. empfiehlt auf Grund günstiger Erfahrungen, bei der 
Operation der septischen Ferforatiouspcritonitis die Darmlähmung 
dadurch zu verhindern oder zu bekämpfen, dass man während der 
Operation konzeutrirte Lösungen von Bittersalz in den Darm in- 
jizlrt (12—15,0 Magnesium sulphur. verwendet er gewöhnlich). 
Er sellwt hat diese Methode bisher 5 mal bei Perforation der 
Appendix versucht und, wie gesagt, überraschend gute Erfolge 
gehabt. (Dasselbe Verfahren wurde schon früher von ameri¬ 
kanischen Chirurgen mit Erfolg versucht. Ref.) 

Watson Williams: TJeber Rötheln, Scharlach und die 
„vierte Krankheit“. (Ibid., 21. Dez. 1901.) 

Seit einiger Zeit herrscht unter den Kinderärzten Englands ein 
Streit, ob es, wie Dr. Dukes meint, ausser den 3 exanthematischen 
Fiebern noch eine vierte, bisher nicht beschriebene Form gibt. 
Diese von Dukes als „fourth disease“ beschriebene Krankheit 
soll am leichtesten mit Scharlach verwechselt werden können, sie 
unterscheidet sich von ihr besonders durch die lange Inkubations¬ 
dauer (9 bis 21 Tage), das Fehlen des präeruptiven Erbrechens, 
Fehlens der Zungendesquamation am 4. Tage; ausserdem bleibt der 
Puls stets niedrig, es treten nie Nierenkomplikationen auf und 
die Infektiosität der Krankheit ist viel kürzer, wie bei Scharlach. 
Williams sucht nun seinerseits nachzuweiseu, dass es sich in 
diesen Fällen, von denen er eine Anzahl gesehen hat, entweder 
doch um Scharlach handelt oder aber um die scharlachähnliche 


Form der Rötheln. Einzelheiten müssen im Original nachgelesen 
werden, das auch Krankengeschichten gibt. 

Egerton H. Willi a m s: Diphtherie nach Scharlach, Rhinor- 
rhoe und Otorrhoe. (Ibid.) 

Verf. kommt am Ende «lieser wesentlich statistischen Arbeit 
zu dem Schlüsse, dass wenigstens in der Spitalpraxis (er selbst 
ist Leiter eines Spitals für infektiöse Fieber) alle Fälle von Nasen- 
und Ohrenfluss nach Scharlach (auch die erst in der Rekouvales- 
zenz auftreteuden) genau bakteriologisch zu untersuchen sind. 
Findet man Bazillen, die den Diphtheriebazillen ähnlich sind, so 
sind dieselben nach dem heutigen Stande unserer Kenntnisse als 
Diphtheriefälle anzusehen und zu isoliren: es ist auch angezeigt, 
diese Fälle mit Serum zu behandeln. Verfährt man auf di»*s»> 
Weise, so wird man nicht nur manchen Todesfall unter den Be¬ 
fallenen verhüten, sondern auch der Verschleppung der Seuche 
wirksamer entgegentreten, als das bisher geschah. 

Nathan Raw: Ueber durch Pneumokokken bedingte 
Arthritis. (Ibid.) 

Verf. behandelte während der letzten 4 Jahre 817 Fälle von 
kroupöser Pneumonie mit einer Sterblichkeit von 24 Proz. (viele 
Alkoholiker). In 7 Fällen (1 Proz.) trat als Komplikation einer 
rechtsseitigen Pneumonie Arthritis in einem oder mehreren Ge¬ 
lenken der rechten Seite auf. 5 mal handelte es sich um einen 
eitrigen. 2 mal um einen serösen Erguss, stets konnten die 
F r a e n k e 1'sehen Diplokokken aus dem Gelenk gezüchtet werden. 
3 Kranke starben. Die Therapie dieser Komplikation besteht in 
möglichst frühzeitiger Entleerung des Eiters. 

Edward Mackey: Trional bei Fällen von Chorea. (Ibid.) 

Warme Empfehlung des Trionals bei schweren Fällen von 
Chorea und Epilepsie. 

Herbert Peik: Ein Ausbruch einer Epidemie von katar¬ 
rhalischem Ikterus in Derbyshire. (Ibid., 7. Dez. 1901.) 

Die Krankheit, die in 2 Dörfern zum Ausbruch kam, begann 
gewöhnlich langsam mit Abgeschlagenheit. Appetitmangel uml 
Kopfschmerz. Bauchschmerzen und Wadenkrämpfe wurden sehr 
häutig beobachtet. Nach 2 oder 3 Tagen trat Erbrechen ein, Fieber 
und zuweilen Durchfall, wiederum 2 Tage später wurde Gelb¬ 
sucht bemerkt, doch trat dieselbe manchmal erst später auf. Mit 
dem Einsetzen des Ikterus verschwand das Fieber. Die Leber- 
gegend war stets empfindlich, »Ile Leberdämpfung oft vergrössert, 
fast immer bestand Vergrösserung der Milz. Als Komplikationen 
wurden vermerkt kroupöse Pneumonie, Urticaria und gelbe Leber¬ 
atrophie (1 Fall). Im Ganzen kamen Uber 140 Fälle zur Beob¬ 
achtung und es scheint, dass die Krankheit (W e i rache Krank¬ 
heit) von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. 

Wolfeuden Coli ins; Serumtherapie per rectum. (Ibid.) 

In einem Falle von Erysipel bei einem Diabetiker gab 
C o 11 i n s 2 mal 10 ccm Autistreptokokkeuserum per rectum 
(Jenner Institut). Der Erfolg war ein rapid»*s Verschwinden aller 
bedrohlichen Erscheinungen. Verf. hat vielfach Diphtherieserum 
mit bestem Erfolge per rectum gegeben, eine Verabreichungsweise, 
die schon 1890 von Ohantemesse empfohlen wurde. 

A. Lat h a m: Die Frühdiagnose der Lungentuberkulose, mit 
besonderer Berücksichtigung des Tuberkulins. (Lnncet, 28. Dez. 
1901.) 

Verf., der Arzt an dem bekannten Phthisikerhospitale in 
Brompton ist, legt natürlich auch das grösste Gewicht auf eine 
frühe Diagnosenstellung, die meist mit Hilfe der physikalischen 
Untersuchuugsmethodeu resp. der Sputumuutersuchung gelingt, 
eine Anzahl verdächtiger Fälle lassen sich mit diesen Mitteln allein 
aber nicht klarstellen und da sollte man stets zu Injektionen mit 
dem alten Tuberkulin (K o c h) seine Zuflucht nehmen. Wenu 
man dieselben nur ln leichten Fällen auwendet und Fälle mit 
Kavernen, Bronchiektasien oder allgemeiner Bronchitis aus- 
scliliesst. so sind sie bei richtiger Ausführung ungefährlich. Nach 
mehrtägiger genauer Temperaturbestimmung macht Verf., wenn 
dieselbe normal ist, eine Injektion von '/, mg bei Kindern und 
von 1 rüg bei Erwachsenen. (Er verdünnt das Tuberkulin mit 
0,5 proz. Karbolwnsser. Eine Reaktion von 1 0 F. ist als beweisend 
für »las Vorhandensein von Tuberkulose anzuseheu. Manchmal 
erfolgt der Anstieg der Temperatur erst nach Verlauf von 
30 Stunden. Die Injektion wird in die Flankengegend gemacht. 
»1a si»* hier am wenigsten Schmerzen verursacht. Erfolgt keinerlei 
Reaktion, so wartet man 3 Tage ruhig ab und injizlrt dann 5 mg 
bei Erwachsenen, war nach der ersten Injektion eine leichte 
Reaktion eingetreten, so lujizirt man nur 3 mg. 

Herbert Rhodos und S. II. Scott: Zwei Fäll9 von Blu¬ 
tung, die durch Nebennierenextrakt geheilt wurden. (St. Bar- 
iholomeAvs Hosp. Journ., Nov. 1901.) 

Ein 31 Jahr. Kutscher suchte wegen Nasenblutens a n 19. Sept. 
das Spital auf; »1a die Blutung auf Tamponade nicht stand, wurde 
er aulgeMomn en. Bis zum 24. gelang es trotz hinterer und vor¬ 
derer Tamponade und der Anwendung der verschiedensten Styp- 
tica nicht, die Blutung zu stillen, schliesslich tamponlrte man bei 
dem moribunden Kranken noch einmal mit in Neben' ‘erenextrakt 
getränkter Gaze, worauf die Blutung definitiv stand. Ein ähn¬ 
liches promptes Resultat wurde ln einem Falle von Menorrhagie 
beobachtet, in dem die Blutung trotz Douchen, Curettement. 
Ergotln, Li»j. ferr. etc. nicht zu stillen war. Nach Douchen uh; 
Lösung von Nebeunierenextrakt kontrahirte sich der virginellc 
Uterus prompt und die Blutung stand. 

A. E. Russell; Tod durch Probepunktion der Lunge. 
(St. Thomas Hospital Reports No. XXVIII.) 

Im ersten Falle des Verfassers handelte es sich um ein 8 jähr. 
Mädchen, das an einer Pneumonie mit durch Pneumokokken be¬ 
dingter Otorrhoe litt; da der Luugenbefuud nicht ganz klar war 


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380 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


und die Dämpfung sich nicht aufhellte, so wurde im 9. Iuter- 
kostnlrnum punktirt. Es kamen bei einer Tiefe von 2 Zoll nur 
wenige Tropfern Blut; auch erschien etwas schaumiges Blut Im 
Munde. Sofort nach Herausziehen der Nadel wurde das Kind 
blau, begann zu schielen und wurde rigide*: Herz uuel Athmung 
standen nach etwa 1 Minute still und konnten trotz künstlicher 
Athmung nicht wieder hervorgerufen werden. Die Sektion ergab 
alte Pleuraschwarten links und chronische eitrige Bronchopneu¬ 
monie. Im zweiten Falle punktirt« er ein 7 jähr. Mädchen, das 
ebenfalls au Bronchopneumonie litt, die sich nicht lösen wollte; 
da man ein Empyem vermuthete, wurde punktirt. aber nur wenig 
klares Serum und Blut axpirirt. Sofort wurde das Kind bewusst¬ 
los und cyauotisch, kurz darauf bekam es Krämpfe, es erholte sich 
nicht wieder und starb am 5. Tage nach der Punktion. Auch hier 
ergab die Sektion ausser der Bronchopneumonie keinen Anhalts¬ 
punkt für den Tod. Im dritten Falle handelte es sich um einen 
52 jähr. Mann, der wegen veriuutlieten Empyems punktirt wurde; 
cs wurden 2 Einstiche gemacht, aber nur etwas Blut gewonnen; 
während der Kranke noch seine Verwunderung über die Schmerz¬ 
losigkeit des Eingriffs aussprach, liess er plötzlich eine grosse 
Menge Urins, kollabirte und fiel bewusstlos zurück. Die Athmung 
setzte ganz aus. während das Herz noch regelmässig fortschlug: 
der Radialpuls war nicht zu fühlen. Während mau Analeplikn 
und künstliche Athmung versuchte, traten linksseitige Krämpfe 
ein; die allmählich in eine Hemiplegie übergingen, am 3. Tage 
starb er, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Bel der 
Sektion fand man pneumonische Veränderungen, aber nichts im 
'l Gehirn. Verfasser glaubt, dass es sich in allen 3 Fällen um 

| Refiexorscheinungeu durch Reizung der Lungenäste des Vagus 

I gehandelt hat; hierfür sprechen auch Thierversuche, die Verfasser 
I anstellte, und bei denen durch Reizung der Lungenfasern des 
Vagus am Luugenhllus Herzstillstand eintrat. Auf diese Ursache 
führt Verfasser auch die zuweilen vorkommenden Todesfälle bei 
I Entleerungen von Pleuraergüssen resp. bei Auswaschungen der 
i Pleurahöhle zurück. Zur Vermeidung übler Zufälle sollte man 
\ nie in sitzender Stellung puuktiren, sondern stets im Liegen, bei 
bedrohlichen Symptomen mache mau künstliche Athmung und 
spritze Aetlier ein; auch der faradische Strom ist zu versuchen. 

A. Golds m I d : Hämaturie nach Urotropingebrauch. 
(Australasien nied. Gaz. p. 383.) 

Bel 2 Männern, denen Verfasser wegen harnsaurer Dlathese 
Urotropin (0,2—0,5 3 mal täglich) verordnete, trat schon nach 4 
resp. 10 tägigem Gebrauche Hämaturie auf, die mit Aussetzen des 
.Mittels sofort verschwand. 

Eldon P r a 11: Tine^i versicolor, die nur die unteren Ex¬ 
tremitäten ergriffen hatte. (St. Bartholomews Hosp. Journ. p. 172.) 

Dieser seltene Befund fand sich bei einem 21 jährigen 
Burschen, der seit etwa G Monaten an Pityriasis litt; trotz ge¬ 
nauester Anamnese und Nachsucliens fand man nur an den Beinen 
Eruptionen, während der übrige Körper ganz frei geblieben war. 

Alexander Bruce: Ein Beitrag zur Lokalisation der moto¬ 
rischen Kerne im Rückenmark des Menschen. (Scottish Medical 
and Surgical Journ., Dez. 1901.) 

Die sorgfältige, durch viele Instruktive Abbildungen erläuterte 
Arbeit kann leider nicht in extenso referirt worden, doch sei sie 
dem Studium dringend empfohlen; die Schlussfolgerungen des Ver¬ 
fassers stimmen Im Grossen und Ganzen mit der von Ferrier 
Hufgestellten Tabelle überein, nur findet Ferrier Im III. Sakral¬ 
segment gar keines, im II. nur ein Zentrum, während Verfasser 
in beiden Segmenten Zentren für die Muskeln des Fusses und 
Unterschenkels annimmt: ja in das II. noch Zentren für die Beuger 
des Oberschenkels verlegt. 

H. Battv 8ha w: Eine Studie über das Fieber bei malignem 
Lymphom. (Edinburgh med. Journ.. Dez. 1901.) 

Die Arbeit enthält neben einer eigenen Beobachtung eine gute 
Uebersicht der bisher beobachteten Fälle von „chronischem Rück¬ 
fallsfieber“ (Ebstein. I* e 1 etc.). Verf. glaubt, dass es sich ln 
all’ diesen Fällen um eine sekundäre Infektion handle, die in den 
letzten Lebensmonaton das Lymphadenom komplizire. Die In¬ 
fektionserreger können sehr verschiedene sein, manchmal wurden 
keine Bakterien gefunden. (Ref. hat in 4 genau beobachteten und 
untersuchten Fällen Tuberkelbnzillen nachwelsen können.) 

John Macpherson: Die toxämische Grundlage der 
Dementia paralytica. (Ibid.) 

Verf. hält den ungünstigen Einfluss der Syphilis auf das Zu¬ 
standekommen der Dementia paralytica für erwiesen; sie wirkt 
aber nur prädisponirend, eigentlich hervorgerufen wird die Krank¬ 
heit durch eine Autointoxikation vom Darme aus; hierfür sprechen 
die häutigen Anfälle von Fieber mit Hyperleukocytose, die während 
der Krankheit beobachtet werden; auch fehlen nie klinische und 
pathologische Veränderungen im Magendarinkanale. 

C. J. Le w 1 s: Ueber die bakteriologische Untersuchung des 
Urins bei einigen Infektionskrankheiten. (Ibid.) 

Von allgemeinem Interesse aus dieser mehr bakteriologischen 
Arbeit dürfte sein, dass Verf. glaubt, dass sowohl Pest wie Ab¬ 
dominaltyphus nicht selten durch den Urin entlassener Kranker 
weiter verbreitet werden. Da die Bazillen noch lange nach der 
scheinbaren Gesundung im Urin ausgeschieden werden, so em¬ 
pfiehlt es sich, vor der Entlassung festzustellen, ob der Urin Bak¬ 
terien enthält. Man braucht nur die Urine von Typhusrekonvales¬ 
zenten genauer zu untersuchen, die trüb sind und ein Sediment 
absetzen. Bei Anstellung seiner Versuche hat dann Verf. noch 
gefunden, dass zwischen dem Bac. coli communis und dem Bac. 
typhosus es zahlreiche Zwischenformen gibt, die sich mehr oder 
weniger den beiden anschllessen, alle produziren Indol in geeig¬ 
neten Medien. Man muss alle Urine von Typhuskranken durch 


Zusatz von Karbol oder Formal in desinfiziren und die Kranken, 
deren Urin in der Rekonvaleszenz noch Bazillen enthält, mit Uro¬ 
tropin behandeln, wodurch die Bazillurie bald beseitigt wird. 

Carl Beck: Die Unterscheidung zwischen entzündlichen 
Erkrankungen und Neubildungen der Knochen durch die Rönt¬ 
genstrahlen. (Anuals of Surgery, Dez. 1901.) 

Der bekannte Chirurg und Kenner der Röntgeudurchstrahlung 
versucht ln dieser Arbeit den Nachweis zu liefern, dass es in den 
allermeisten Fällen unschwer gelingt, die verschiedenen Erkrank¬ 
ungen der Knochen vermittels der Durchleuchtung von einander 
zu unterscheiden. Genauer referiren über die Arbeit lässt sich 
nicht, da die ausserordentlich schönen Skiagramme, die der Arbeit 
beigefügt sind, zum Verstäudnlss des Textes unbedingt nötbig 
sind. 

Charles A. Eisberg: Ein Beitrag zur Pathologie, Dia¬ 
gnostik und Behandlung der subphrenischen Abszesse nach 
Appendicitis. (Ibid.) 

Die gut geschriebene Monographie bringt 2 eigene bisher 
unbeschriebene Fälle des Verf.’s und 71 aus der Literatur gesam¬ 
melte. Es starben von 51 Operirten 11 (22 Proz.), während 40 ge¬ 
heilt wurden, von den 22 nicht operirten Fällen starben 18 
(S2 I’roz.), während 4 geheilt wurden. Von den letzteren entleerte 
sich der Abszess 3 mal durch einen Bronchus nach aussen. 1 mal 
bildete er einen Tlieil des ursprünglichen periappendlculären Ab¬ 
szesses und heilte mit diesem aus. Zur Diagnosestellung verwendet 
Verf. ausgiebig die Probepunktion. Meist geht Verf. bei der Ope¬ 
ration so vor, dass er die 9. und 10. Rippe zum Theil resezirt (an 
der Stelle, au welcher Eiter aspirirt wurde); es erscheint nun die 
Pleura und das Diaphragma ln der Wunde. Hat man Verdacht auf 
das gleichzeitige Bestehen eines Empyems, so wird die Pleura 
punktirt und eventuell sofort entleert; im anderen Falle schützt 
man die Pleura durch Kompressen vor Infektion und sucht nun 
durch Punktion unterhalb der Umschlagsstelle derselben das Dia¬ 
phragma zu durchbohren und den Eiter zu erreichen: gelingt dies, 
so wird er unter Leitung der Nadel sofort entleert, im anderen 
Falle muss man den trauspleuralen Weg wählen. Eine genaue 
Tabelle der 73 Fälle sclillesst die Arbeit. 

Daniel N. Elsendraht: Die Pathologie, Symptomatologie 
und Diagnose der Peritonealtuberkulose. (Ibid.) 

Die Erkrankung findet sich ln etwa 16 Proz. aller tuberkulösen 
Individuen und ist meist die Folge eines anderweitigen tuber¬ 
kulösen Herdes (meist Lunge und Pleura). Bei Mädchen spielt die 
primäre Tuberkulose der Tuben und Ovarien eine grosse Rolle. 
Bei Kindern findet mau am häufigsten die adhäsive Form, bei Er¬ 
wachsenen freien Ascites; in diesen Fällen ist die Krankheit oft 
mit Lebercirrliose vergesellschaftet; diese Fälle sind schwierig zu 
diagnostizireu. Im Allgemeinen legt Verf. grosses Gewicht auf 
das Vorhandensein des in Gestalt eines flachen Tumors auf¬ 
gerollten Omentums oberhalb des Nabels. 

Christian F e n g e r: Die Behandlung der Peritonealtuberku¬ 
lose. (Ibid.) 

Gestützt auf ein grosses eigenes Material und auf gründliche 
Kenutniss der einschlägigen Literatur, stimmt F e n g e r am 
Schlüsse seiner Arbeit durchaus den Ausführungen Borch- 
g r e v i n k’s bei, dass die Behandlung der Peritonealtuberkulose 
nur in den allerseltensten Fällen eine chirurgische sein dürfe; 
selbst die Fälle von starkem Erguss heilen besser ohne Operation; 
sogen, „gründliche“ Operationen, die mit Auskratzungen, Entfer¬ 
nungen tuberkulöser Organe etc. einhergehen, sind aber in jedem 
Falle zu verwerfen. J. P. zum Busch - London. 


Inangnral-Dissertatioiien. 

Universität Freiburg i. Brg. Februar 1902. 

5. Deutsch Erich: Ueber die tuberkulöse Entzündung des 
Brustfells. 

G. Piper Haus: Die Entwicklung von Leber, Pankreas und Milz 
bei den Vertebraten. 

7. Jürgens Georg: Ueber einen Fall von Epitheliom des Peri¬ 
toneums im Klndesnlter. 

8. Schölten Johannes: Ueber die Beziehungen der Enteritis 
membranacea zur Dysenterie. 

9. Lief mann Harry: Untersuchungen über die Wirkung 
einiger Säuren auf gesundheitsschädliches Trinkwasser. 

10. Heller Otto: Ueber den Gebrauch von Kampher bei Tuber¬ 
kulose. 

Universität Greifswald. Januar 1902. 

1. Ullszewski Hieronymus: Ueber primäres Karzinom der 
Gallengänge. 

2. D riest Rudolf: Untersuchungen über den Salzsäuregehalt 
des Mageninhalts. 

3. Mühl Gustav: Rudimentäre Entwickelung von Uterus und 
Vagina. 

Universität Leipzig. Sommersemester 1901. 

1. Abicht Max: Verschliessung der Gebfirmutterhöhle nach 
einer einfachen Abrasio mucosae uteri. 

2. Engelhard Rudolf: Ueber Epidermispfröpfe des äusseren 
Gehörganges. 

3. Krause Paul: Ueber kongenitale Nierensyphilis. 

4. Pergande Wilhelm: Beitrag zur Behandlung der Hydrocele 
testis, mit besonderer Berücksichtigung der Winkelmann- 
sehen Methode. 

5. Günther Ernst: Q-uetschfrakturen des Calcaneus. 


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4. März 1902. 


MUENCHENER MEDIOINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


881 


A 


6. Frankenstein Josef: Die Häufigkeit der Indikationen und 
Resultate der Zangenentbindungen an der Leipziger Universi¬ 
täts-Frauenklinik vom Jahre 1887—1899. 

7. Larass Max: Beiträge zur Kenntniss der melanotischeu 
Neubildungen. 

8. Liehtwitz Leopold: l'eber die Beeinflussung der Fett¬ 
resorption im Dünndarm durch Senföl. 

9. Lüking Gustav: Ueber Paraceutese des Herzbeutels bei 
Pericarditis exsudativa. 

lu. Nor dalm Wilhelm: Die Zwilliugsgeburten der Leipziger 
Klinik und Poliklinik 1887 bis 1900 einschliesslich. 

11. Albert Johannes: Strumitis und ihre ätiologischen Grund¬ 
lagen. 

12. Scholand Franz: Ueber Entstehung und Behandlung der 
Ranula. 

13. Selbiger Siegfried: Ein Fall von latent verlaufenem 
Ureterstein. 

14. Seyffert Paul: Ueber die Aetlologie, den Sitz und den kli¬ 
nischen Verlauf primärer Vaginalkarzluome und die Erfolge 
nach Operationen. 

15. St ei ubach Franz: Ueber primäre Muskeltuberkulose. 

16. W 1 li sc h Otto: Ueber die chirurgische Behandlung der puer¬ 
peralen Peritonitis mit Anschluss einiger Fälle von postopera¬ 
tiver Peritonitis. 

17. Paul Theodor: Entwurf zur einheitlichen Werthbestimmung 
chemischer Desinfektionsmittel. Mit besonderer Berücksichti¬ 
gung der neueren physikalisch-chemischen Theorien der Lo¬ 
sungen. 

18. A r o u s o h n Bernhard: Ueber Chorea gravidarum. 

19. Frick Karl: Heilung der tuberkulösen Peritonitis durch 
Laparotomie. 

20. Gärtner Albert: Ueber die Ursachen des erschwerten De- 
canulemeuts nach Tracheotomie bei Diphtherie. 

21. Ke nt sch Erich: Ein Fall von Hirntumor bei einer Geistes¬ 
kranken, nebst einem Beitrag über den Zusammenhang zwi¬ 
schen Hirntumor und Psychosen. 

22. W inhold Hans: Ueber das Vorkommen von Megaloblasten 
im Knochenmark. 

23. Gumprecht Otto: Die Beziehungen des Traumas zur mul 
tiplen Sklerose. 

24. Lewy Heinrich: Uadikaloperation freier Leistenhernien bei 
Kindern. 

25. Wolf Wilhelm: Ein Fall von schwerer Mesenterialverletzuug. 

26. W’ o 1 f f Hermann: Technik und Indikation der Blasenexstir¬ 


pation. 

27. G o e 11 e Albert: Ein eigeuthümlicher Fall von Erythro- 
melalgie. 

28. Halle August: Beitrag zur Kenntniss des Xeroderma pig¬ 
mentosum. 

29. Krusche Reinhold: Ueber einen Fall von multipler Sklerose 
im Anschluss an Typhus abdominalis. 

30. v. P r a b u t z k i Stefan: Ueber das Vorkommen von Facialls- 
lähmung bei Polyneuritis. 

31. S c h o e n f e 1 d Johannes: Ein Beitrag zur Kasuistik der 
Bulbusrupturen. 

32. Ulrich Otto: Nierenkapselgeschwülste und ihre chirurgische 
Behandlung. 

33. Beyer Albrecht: Beiträge zur atypischen Psoriasis. 

34. Boebme Albert: Ueber das Vorkommen von epileptischen 
Anfällen ln Folge von Apoplexien. 

35. D o e b e 1 Ernst: Ueber Sehnenverletzuugen und Sehnenopera¬ 
tionen. 

36. F e i l c h e n f e 1 d Joseph: Beiträge zur Statistik und Kasuistik 
des Karzinoms. 

37. Hauscblld Curt: Ueber hämorrhagische Masern. 

38. Lampe Richard: Prognose der Endometritis puerperalis 
gonorrhoica, septica, saprica. 

39. Buchholz Hermann: Beitrag zur Kenntniss der Pachymenln- 
gitis Interna. 

40. Mann Erich: Das Fortschreiten und die Ausbreitung der Pest 
in den letzten 7 Jahren. 

41. I’etzel Willi: Experimentelle vergleichende Untersuchungen 
über die Einwirkung des Argentum aceticum und anderer 
Silbersalze auf Meerschweinchenaugen vom Standpunkte der 
Prophylaxe der Blennorrhoea neonatorum. 

42. P e t z o 1 d Alexander: Zur Kasuistik der Sehnenscheiden¬ 
sarkome. 

43. T a r n o w s k 1 Kasimir: Die Ovariotomie während der 
Schwangerschaft 

44. van der Briele Georg: Ein Fall von Myositis ossiflcans 
traumatica. 

45. Gröber Arthur: Ueber totale allgemeine Anaesthesie. 

46. Kos sack Willy: Entstehung und Behandlung der Darin- 
invaginatlon. 

47. Lach mann Friedrich: Ueber die chronische Idiopathische 
Exsudativperitonitis. 

48. M amlock Ludwig: Ueber aussergewöhnliches Fortbestehen, 
Mangeln oder Wiederauf treten des Kniesehnenreflexes bei 
RUckenmarkskrankheiten, besonders Tabes, Myelitis transversa 
und gummosa. (Als Preisschrift von der medizinischen Fakul¬ 
tät Berlin gekrönt) 

49. 8 t e i n f e 1 d Arthur: Beitrag zur Behandlung des Genu 
valgum. 


50. Davidson Otto: Ueber Cysten des menschlichen Ureters. 

51. Pol lack Kurt: Ueber Knocheubildungen in der Lunge. 

52. Schneider Paul: 66 Fälle künstlicher Frühgeburt eiu- 
geleitet mittels mit Glyzerin gefüllter Fischblasenkondoms. 

53. Heine Gustav: Beitrag zur Lehre von den traumatischen 
Aneurysmen der Extremitäten. 

54. Pie ring Otto: Beitrag zur Kasuistik der subkutanen Leber¬ 
rupturen. 

55. Scholem Georg: Unguentum hydrargyri colloidalis (Mer- 
curkolloid), seine Anwendungsweise und Wirkung. 

56. Dechandt Curt: Das Tuberkulin, über seine Bereitung 
und seine Bestaudtheile. 

57. Feld mann Ludwig: Einfaches und multiples Primärsarkom 
des Dünndarms. 

58. Grunert Emil: Ueber die verschiedenen Kontrolapparate 
für Dampf8terilislröfen. 

59. Liebold Johannes: Ueber Melanosarkome des harten 
Gaumens, nebst Betrachtungen über das Schwanken der Pig- 
inentbildung in Rezidivtumoren und Metastasen. 

00 . Mi ehe Raimar: Ueber konservative Behandlung der Pyo- 
salpiux, speziell durch vaginale Inzision. 

01. Droy körn Paul: Myome mit Atresie der Uterushöhle. 

02. II a f e r ) a n d Reinhold: Ueber die Dermoidcysten des Becken¬ 
bindegewebes. 

03. II e im i g Richard: Chorea gravidarum. 

04. II e ydenrelc h Walter: Einige Erfahrungen über die Total¬ 
exstirpation des Uterus nach dem D o e d e r 1 e i n'schen Ver¬ 
fahren. 

05. Pape Eduard: Ein Fall von Myoma ligamenti rotundi dextri 
iutracanaliculare. 

00. R e i m a n n Theodor: Ueber MUzcysten. 

07. Zieger Siegfried: Die traumatischen Luxationen des Radlus- 
köpfcliens. 

OS. A 1 b a u u s Georg: Ueber Epithelioma contagiosum (mollus- 
eum). 

09. Bohustedt Paul: Ueber Verlauf, Dauer und Ausgang des 
Oesophaguskarzinoms. 

70. Boye Carl: Ein Beitrag zur Lehre von der normalen Haut- 
temperatur des Menschen. 

71. Doebert Arthur: Ueber das Fieber bei der Gicht. 

72. Naumann Gotthold: Chirurgische kasuistische Beiträge zur 
Kenntniss des akuten Darm Verschlusses durch Meckel’sches 
Divertikel. 

73. Peltesohn Siegfried: Das Verhalten der Kniescheibe bei 
der L 1111 e'scheu Krankheit. 

74. Sachs Michael: Zur konservativen Behandlung der chro¬ 
nischen Mittelohreiterungeu. 

75. Zer weck Nathauiel, Dr. phil.: Ueber Tetanus traumaticus. 

70. Niermann Ernst: Ueber Verletzungen des Ductus thoraci- 

cus. 

77. Spaetbe Arthur: Ueber den Einfluss der Ernährung auf die 
Ausscheidung der Kohlehydrate im Harn. 

78. Blietz Alfred: Operative Sterilisation der Frau bei Prolaps- 
l>ehandlung im Anschluss au die Alexander-Adams-Operatiou. 

79. Heberling Friedrich: Ueber Strangulationsileus. Mit 
kasuistischen Beiträgen aus der Leipziger chirurgischen Uni¬ 
versitätsklinik des St. Jacob-Krankenhauses. 

80. Kor t in an n Heinrich: Die Lehre vom Plazentarpolypen. 

81. Mann Ludwig: Ueber Polyneuritis in gravidste und in puer- 
perio, im Anschluss an einen in der Nervenklinlk von Prof. 
Mendel in Pankow bei Berlin beobachteten Fall. 

82. Zacharias Paul: Ueber das Vorkommen des Prozessus 
vermiformis in linksseitigen Hernien. 

83. Boltze Hugo: Zwei Fälle von Extrauteringravidität mit 
lebendem Kind. 

84. Günther Carl: Ueber operative Sterilisation mittels Tuben¬ 
resektion. 

85. Schmidt Oscar: Ein Beitrag zur Kenntniss der idio¬ 
pathischen Osteopsathyrosis. 

86. Thon Jacob: Luxation mit gleichzeitiger Fraktur des Ober¬ 
armkopfes. 

87. W e i n g ä r t n e r Max: Karzinom der Bauchdecken nach Ex¬ 
stirpation eines gutartigen Kystoma ovarii papillare. 

88. Bernstein Richard: Akuter Gelenkrheumatismus und 
Trauma. 

89. Lotze Conrad: Albuminurie und Nephritis bei fibrinöser 
Pneumonie. 

90. Rothfeld Max: Perityphlitis und Pfortaderthrombose. 

91. Schulz Max: Myopie und Schulzeit. Ergebniss der Augen- 
untersuchungen an dem Nicolaigymnasium zu Leipzig. 

92. Th am in Max: Statistik der Augenkrankheiten des Kindes¬ 
alters. (Aus der Augenklinik von Prof. Dr. Magnus in 
Breslau.) 

93. Ehrlich Bruno: Ueber subkutane Arsenbehandlqng bei 
Leukämie. 

94. Hirsch Emil: Ueber Magendlvertikel. 

95. Kirsl Martin: Amblyopia Sympathien. 

96. Lori sch Hans: Zur pathologischen Anatomie des p<>st- 
traumatischen Erkrankungen des Rückenmarks. 


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382 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 3. 


Vereins- und Congressberichte. 

Berliner medicinische Gesellschaft 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 19. Februar 1902. 

Der Vorsitzende, Herr v. Bergmann, widmet dem ver¬ 
storbenen Ehrenmitgliede und Mitbegründer der Gesellschaft, 
Herrn Geh.-Rath Siegmund, ferner den Herren Julius 
Wolff und Kurt Dem me Worte des Nachrufs. 

Die Gesellschaft beschliesst auf Antrag des Vorstandes die 
Ernennung dreier Ehrenmitglieder, der Herren Kuss¬ 
maul, v. Recklinghausen und v. L e u t h o 1 d. 

Vor der Tagesordnung demoustrirt Herr Lassar einen 
Mann mit ganz exorbitanter Entwicklung von kavernösen 
Angiomen im (Jesicht. Der bedauernswerthe Kranke lässt sich 
für Geld sehen und fristet auf diese Weise sein Leben. Das Ge¬ 
sicht ist in eine blaurot he knollige Masse verwandelt, aus welcher 
die klumpige Nase und die rüsselfürmig bis über das Kinn hinab¬ 
hängende Oberlippe hervorragen. Die Augen sind versehwollen 
und in Folge venöser Stauung ist das Sehvermögen fast erloschen. 

Herr Th. Weyl: Heber Verbesserungen der Strassen- 
hygiene. 

Mit Hilfe zahlreicher Projektionsbilder erörtert Vortr. die 
neuesten Apparate zur Reinigung der Strassen und zur Besei¬ 
tigung des Mulls. Hans K o h n. 

Sitzung vom 26. Februar 1902. 

Demonstrationen: 

Herr Maas: Knabe mit cystischer Geschwulst im Ober¬ 
kiefer. Wallnussgross. Vor 2 Jahren vom Vortragenden dem 
Knaben an der gleichen Stelle ein kranker Zahn extrahirt. Probe¬ 
punktion der Geschwulst ergab trübseröse Flüssigkeit, Leukocyten. 
Epitbelien und Cliolestearin. Wegen dieses Befundes Entstehung 
durch Wucherung epithelialer Elemente, und nicht durch Ent¬ 
zündung anzunehmen, 

Tagesordnung: 

Herr Rosenheim : Die idiopathische Speiseröhren- 
erweitemng. 

Die Diagnose dieser Affektion sei um so wichtiger, als sie 
nur im Anfang einer Heilung zugänglich sei. Es werden meist, 
jüngere Individuen befallen; dieselben bieten oft Zeichen ner¬ 
vöser Disposition; jedoch dürfe man die Krankheit nicht einfach 
als Neurasthenie oder Hysterie betrachten. Den Anfang des 
Leidens bilden Atonie des Oesophagus und Kardiospasmus, woran 
sich dann allmählich die inoperable Erweiterung ansehliesst. 

Als Ursache geben die Patienten an: Traumen gegen die 
Brust, heissen Bissen, Alkoholmissbrauch u. älinl. Meist findet 
sich zu Anfang eine Störung der Magenfunktion und es könnte 
sein, dass diese den Oesophagus ungünstig beeinflusst. Sehr 
häufig wird erst nur an ein Magenleiden gedacht. Vortr. schildert 
einige Fälle ; allen gemeinsam sind Deglutitionsbe- 
schwerden, Husten, zumal im Liegen, krampfhafte 
Schmerzen ; zuweilen Athemnoth, Beklemmungen; 
F o e t o r ex ore, Auf stossen, Uebelke it; Erbrechen; 
Appetitlosigkeit. Die Diagnose wird mit der 
Sonde gestellt, wenn sich schon, ehe diese die Kardia passirt 
haben kann, Speisereste entleeren und nach Eindringen in den 
Magen neuerdings Speisebrei mit den Zeichen der Magenver¬ 
dauung herausbefördert wird. In solchen Fällen ist die Sonde 
überdies auffallend beweglich innerhalb des Oesophagus. 

Kommt man damit nicht zum Ziel, so muss man zum Oeso- 
phagoskop greifen. Eventuell kann man mit Röntgenstrahlen 
durchleuchten, doch gibt nach R. dieses Verfahren keinen wei¬ 
teren Aufschluss als die Sondirung. 

Die Differentialdiagnose zwischen Divertikel und Dilata¬ 
tion ist oft sehr schwierig; er selbst habe noch kein Divertikel 
gesehen und hält die Dilatation für das häufigere Vorkommniss. 
Für die Therapie sei die Unterscheidung beider gleichgiltig. Die 
Behandlung ist rein symptomatisch: Ausspülungen Mor¬ 
gens und abendliche Berieselung dos Sackes; Kohlensäure- 
douchen; Spülungen mit Arg. nitr. 0,5—2,0:1000; eventuell 
lokale Aetzung mit stärkerer Lösung im Oesophagoskop. 

Die Diät ist wohl auszusuehen; im Allgemeinen werden nicht 
so fein vertheilte Speisen besser geschluckt, als breiige; also 
kleingeschnittene Maccaroni, nicht zu weich gekochter Reis, ge¬ 
hacktes Fleisch. Die Getränke werden bald warm, bald kalt be¬ 
vorzugt. Der Kardiospasmus wird mit Sondirung behan¬ 
delt, die aber in der Hand des Pal. schaden und selbst lebens¬ 


gefährliche Perforationen herbeiführen kann. Manchmal em¬ 
pfiehlt sich langdauernde Rektalernährung, um den Oesophagus 
zu schonen. Für die Sondirung empfiehlt sich die Schreiber- 
sehe Ballonsonde bezw. eine von ihm modifizirte, mit Wasser 
aufzublähonde Sonde. 

Diskussion: Herr Ewald: Er habe sich in den letzten 
10 Jahren reichlich mit Oesophagoskopie beschäftigt, die Technik 
sei nicht schwierig, aber die Quälerei für den Patienten doch meist 
recht bedeutend, so dass man nur ausnahmsweise dazu greifen 
solle. Auch möchte er nicht den Glauben aufkommen lassen, als 
ob man die Diagnose einer Speiseröhrenerkrankung nicht ohne 
das Oesophagoskop stellen könne. Immerhin sei es uiiuels des 
Instruments gelungen, eine Iteihe von Speiseröhrenerkrankungeu 
genauer zu präzislren. Für die Dilatation der Spelseröhren- 
erweiterung leistet aber die Röntgendurchleuchtung mehr als das 
Oesophagoskop. 

Herr Albu: Rosen heim überschätze das Oesophagoskop 
sicherlich, doch nehme er eine vermittelnde Stellung zwischen 
Diesem und Ewald ein. Auch er schätze das Röntgenverfahren 
höher, und er demonstrirt an einem Bilde dessen Leistungsfähig¬ 
keit (starke Dilatation). 

Betreffs der Entstehung dürfte es sich wohl um an¬ 
geborene Zustände handeln, die in Folge mannigfacher Schäd¬ 
lichkeiten zur späteren weiteren Ausbildung gelangen. 

Herr Strauss: Man käme zumeist ohne Oesophagoskop zur 
Diagnose. Bezüglich der Behandlung sei vor Polypragmasie zu 
warnen: Ruhe und Rektalernährung ändern am besten 
die Beschwerden. Es gäbe ja Fälle, die ganz latent verlaufen und 
erst auf dem Sektionstisch zufällig gefunden werden; dies mahne 
zur Zurückhaltung in der Behandlung, zumal der Sondirung. Die 
Schmerzatt&ken seien durch Ocsophagitis und reflektorische Spas¬ 
men zu erklären. 

Herr Rosonheim: Schlusswort. Hans Kohn. 


Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 9. November 1901. 

Vor der Tagesordnung macht Herr G. Schmorl Mitthei- 
lungen über einen Fall von Chlorom, der im städtischen Kranken¬ 
haus zur Beobachtung kam und durch seine Lokalisation an den 
Rippen zur Zelt ein Unikum ist. 

Tagesordnung: 

I. Diskussion über den Vortrag des Herrn Wiebe: 

„Ueber hysterische Taubheit“. 

Herr Manu: Dass hysterische Analgesie auch ohne gleich¬ 
zeitige Hörstörungen verkommen kann, beweist mir ein Fall, den 
ich in den letzten Tagen zu beobachteu Gelegenheit hatte. Eine 
Dame hatte sich mit einer Stricknadel Im Ohr gebohrt und war 
erst durch ein plötzlich eintretendes lautes Getöse auf die Ver- 
muthung gekommen, dass sie sich das Trommelfell verletzt haben 
könnte. Es fand sich unter dem Umbo, nahe der Peripherie eine 
kleine Perforation mit blutig verfärbten Rändern. Patientin gibt 
bei nochmaligem genauen Ausfragen an, dass sie absolut keine 
Sckmerzempündung bei (lern Durchbohren gehabt bat. 

Die Sonderuutersuchung beider Trommelfelle ergibt, dass 
zwar die Tastempfindung erhalten, Schmerzempflndung völlig auf¬ 
gehoben ist. 

Was den letzten Fall von Wiebe anbetrifft, so habe ich 
Folgendes zu bemerken: Ich würde mit der Diagnosestellung 
Hysterie besonders dann vorsichtig sein, wenn es sich um solche 
Leute handelt, die wegen ihres erlittenen Unfalles Renten beziehen 
wollen. 

Der Feuerwehrmann ist zwar auch bei mir auf keinen der auf 
Simulation zielenden Versuche hereingefallen; was mir aber von 
vornherein an ihm auffiel, war das vorzügliche Ablesen vom 
Munde. Ich habe seit Jahren Patienten, die Gefahr liefen, zu 
ertauben, darunter sehr intelligenten. Unterricht im Ablesen geben 
lassen — sie haben mir aber versichert, eine wie schwere Kunst 
dies sei. Unser Fall las von vornherein fliesseud ab, entschied 
dabei spielend so schwere Worte wie „Schwingungen“ und 
„Schwebungen“. M. H., ein Tauber, der das kann, ist mir im 
höchsten Grade der Simulation verdächtig. 

Herr R. Hoffmann hat den ersten Patienten des Herrn 
Wiebe gesehen und gleichfalls bei ihm bei Untersuchung mit der 
Kessel-Appuh n’schen Stimmgabelreihe an verschiedenen 
Tagen verschieden wechselnde Hörresultate gefunden. 

Herr Schmaltz führt aus, dass ihm bei dem psychogenen 
Charakter der hysterischen Störungen die Annahme zulässig er¬ 
scheine, dass der iu Rede stehende Kranke unbewusst doch ge¬ 
hört habe, während er vom Munde des Sprechers abzulesen glaubte. 
Andererseits sei es psychologisch unwahrscheinlich, dass ein Simu¬ 
lant dadurch eine Entlarvung riskiren sollte, dass er eine unge¬ 
wöhnlich grosse Geschicklichkeit Im Ablesen heuchelt. 

Herr Wiebe meint, dass bei der Patientin des Herrn Mann 
nicht nothwendig Hysterie als Ursache der Unempfindlichkeit an¬ 
genommen zu werden brauche. Bei Patienten, die an chronischem 
Juckreiz im Ohre leiden und daher immer gewohnt sind, im Ohre 
herumzukratzen, wird die Haut des Gehörganges und Trommel¬ 
fells verändert und die Empfindlichkeit durch die beständigen 
mechanischen Reize sehr abgestumpft. Die Zweifel, die Herr 


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4. März 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


388 


Mann an der Glaubwürdigkeit des 3. Patienten hegte, sind nicht 
stichhaltig. Bratens las Patient seiner Frau besser vom Munde 
ab als anderen Personen, die er weniger kannte. Zweitens las 
Patient ebenso gut ab, ob man laut sprach oder nur die Lippen 
bewegte. Endlich wurde Patient, um die Frage der Simulation 
einwandfrei zu lösen, der Chloroformnarkose unterworfen. Wäh¬ 
rend des rintretens der Narkose und während des Aufhöreus re- 
aglrte er niemals auf Anrufe. Dagegen jammerte er während des 
Exzitationsstadiums darüber, dass er bei einem schweren Leiden 
für einen Betrüger gehalten werde und dabei flössen ihm die 
Thränen reichlich aus den Augen. Der Vorgang war so sprechend, 
dass der Verdacht einer Simulation nicht aufrecht erhalten werden 
konnte. 

Herr Mann: Die weiteren Mitthellungen von Herrn Wiebe 
über das Verhalten des Kranken In der Narkose sind mir sehr Inter¬ 
essant, ich komme aber trotzdem nicht darüber hinweg, dass er 
so vorzüglich ablas. 

Herr Rudolf Panse schliesst sich der Meinung des Herrn 
Schmaltz an, dass der Gesichtseindruck beim Ablesen zu¬ 
sammen mit dem Gehörseindruck zum Spraehverständniss führen 
kann, ohne dass dem Hysterischen seine Hörfähigkeit zum Be¬ 
wusstsein kommen muss. Auf motorischem Gebiete sieht man 
Aehnliches bei der Kehlkopfhysterie, wo die Stimmbänder zwar 
nicht zum Sprechen, wohl aber zu lauttönendem Husten ge¬ 
schlossen werden können. In beiden Fällen sind die Bahnen der 
Neurone bis zu einem subkortikalen Punkte gangbar und die 
Strecken von da bis zu der kortikalen Endstation ausser Betrieb 
gesetzt. 

Herr Ganser hat über hysterische Taubheit keine eigene 
Erfahrung und möchte annehmen, dass sie häufiger gefunden 
würde, wenn sie häufiger gesucht würde. Mit Bezug auf die Aus¬ 
führungen des Herrn M a n n zu der Frage der Simulation schliesst 
er sich den Ausführungen des Herrn Schmaltz an und warnt 
unter Hinweis auf das Verhalten der Kranken mit hysterischer 
Amaurose nud mit systematischen Amnesien, gleich Simulation 
anzunehmen, wenn das Benehmen der Kranken widersprechend 
und unverständlich sei. Unsere psychologischen Kenntnisse der 
Hysterie seien dazu noch viel zu lückenhaft. Die Neigung vieler 
Aerzte, bei Unfallverletzten mit traumatischer Neurose Simu¬ 
lation und bewusste Uebertreibung anzunehmen, schade vielen 
dieser Kranken, verbittere sie und steigere alle Krankheits¬ 
erscheinungen. 

Herr Paul Seifert schliesst sich im Allgemeinen den Aus¬ 
führungen der Herren Schmaltz und Ganser an. Den zweiten 
von Herrn Wiebe erwähnten Krankheitsfall hat Redner seit 
9 Jahren in ärztlicher Beobachtung und kann versichern, dass von 
Simulation bei diesem Kranken keine Rede ist. sondern dass es 
sich hier zweifellos um eine schwere traumatische Hysterie han¬ 
delt Als solche wurde der Kranke auch am 7. April 1894 in 
dieser Gesellschaft vorgestellt und allgemein anerkannt. 

Seit vielen Jahren hat sich das Symptomenbild bei dem be¬ 
treffenden Kranken nicht geändert. Er ist auf der linken Seite 
halbseitig anästhetisch, zeigt linkerseits hysterische Amaurose und 
Taubheit, ausserdem Verlust des Geschmacks und Geruchs, er 
verfügt also nur noch über normales Hautgefühl, Seh- und Hör¬ 
vermögen rechtereeits. 

v. Strümpell, v. Z 1 e m s s c n, Raymond u. A. haben 
gleichartige Fälle beschrieben. Wurden die noch übrig geblie¬ 
benen Sinnesorgane ebenfalls ausgeschaltet, so schlief Patient 
ein, hielt man beide Augen zu, so konnte er keine willkürliche Be¬ 
wegung mehr machen, bei Verschluss der Ohren konnte er keinen 
Laut hervorbringen. — Herr Seifert fragt an, ob Herr Wiebe 
letzteres Phänomen bei oben erwähntem Kranken etwa geprüft 
habe. 

Redner hat bei demselben folgenden Versuch und zwar jeder¬ 
zeit mit demselben Resultat nngostellt: 

Wird dem Kranken in sitzender Stellung das sehende Auge 
zugedeckt, so stürzt er wie vom Blitz getroffen zu Boden. Dieses 
Hinstürzen — analog dem Einschlafen in liegender Stellung — 
ist ohne Zweifel bedingt durch den plötzlichen Wegfall aller sen¬ 
soriellen Erregungen auf das Gehirn; hierdurch wird gleichsam 
das Bewusstsein der Persönlichkeit aufgehoben und damit auch 
die bewusste Thütigkeit der Muskulatur des Körpers. 

Herr Mann: Herrn Schmaltz habe ich zu erwidern: Wenn 
man so weit gehe, zu sagen, der Patient hörte, wusste es 
aber nicht — und komblnirte das subkortikal Gehörte mit dem 
Ablesen —, dann frage ich, wo fängt die Simulation an und wo 
hört die Hysterie auf. 

Aus Herrn Gansefs Worten glaube ich herauszulesen, dass 
er es für unwisi&nschaftllch hält, wenn man immer nach Simu¬ 
lation sucht. Ich bin der Meinung, dass es mindestens ebenso 
unwissenschaftlich ist. wenn man alle Anguben der Kranken, die 
Unfälle erlitten haben, ohne Weiteres glaubt. Ich habe doch im 
Laufe der Jahre eine ganze Menge Simulanten beobachtet. Erst 
In den letzten Wochen gelang es mir, bei einem 10 jährigen Jungen 
Simulation festzustellen, der angab, nach einer vom Lehrer er¬ 
haltenen Ohrfeige taub auf einem Ohre zu sein. Er war im 
Besitze von zwei ärztlichen Zeugnissen, die seine Taubheit be¬ 
scheinigten. Nach der ersten Gerichtsverhandlung hörte er und 
ist seitdem hörend geblieben. 

Herr Wiebe erwidert Herrn Seifert, dass er allerdings 
den fraglichen Versuch, das gesunde Ohr zu schllessen, gemacht 
habe, dass der Patient aber ruhig weiter gesprochen habe. Es 
war auch nichts anderes zu erwarten, da er ja bei verschlossenem 
gesunden Ohre seine Stimme noch besser hören musste, als bei 
offenem Ohre. 


Herr Ganser kann den methodologischen Bemerkungen des 
Herrn Mann beipflichten; man müsse wohl auf der Hut sein, 
sich nicht täuschen zu lassen, aber ebenso vorsichtig, nicht selbst 
in vorgefasster Meinung befangen zu sein. Der Fall, den Herr 
Mann soeben mitgetheilt habe, lasse, so wie er von ihm wieder- 
gegeben worden sei, kein Urtheil darüber zu, ob der Knabe nach 
der Ohrfeige Taubheit simulirt oder an hysterischer Taubheit ge¬ 
litten habe. 

II. Herr A. Schanz: Ueber die Aetiologie der statischen 
Belastungsdeformitäten. 

III. Herr Pnsinelli: Ueber einen Apparat für Oel- 
eingiessung in den Darm und Indikationen für Oeltherapie. 


Aerztlicher Verein in Hamburg. 

(Eigener Bericht) 

Sitzung vom 18. Februar 1902. 

Vorsitzender: Herr Lenhartz. 

I. Demonstrationen: 

1. Herr Urban demonstrirt einen Fall von ausgedehnter 
Nervenlähmung nach Schulterluxation. Der Patient fiel auf den 
rechten Arm, während er eine 1 y 2 Zentner betragende Last auf 
der linken Schulter trug. Die Luxation wurde sofort ln Narkose 
leicht eingerenkt. Bei Abnahme des Verbandes zeigte sich eine 
totale Plexuslähmung des rechten Armee mit herabgesetzter Sen¬ 
sibilität. Jetzt in der 10. bis 12. Woche, zeigt sich ein langsames 
Wiederkommen der Motilität. Prognose günstig. 

2. Fall von kongenitaler Syndaktylie des III. und IV. Fingers 
an beiden Händen. 

2) Herr Trömner stellt einen In unserer Zeit der Stern- 
b e r g - Prozesse psychologisch und forensisch interessanten Fall 
von moralischem Schwachsinn vor. Das 8 jährige Mädchen, 
unehelich geboren, schlecht erzogen, hat Enuresis nocturna und 
eine prämature und gesteigerte Cupido sexualls, deren Beginn be¬ 
reits im 3. Lebensjahre nachzuweisen ist Es bietet ferner 
psychische Defekte, sehr geringe intellektuelle I^istungsfähigkeit. 
Die Diagnose der moralischen Debilität wird ausführlich be¬ 
gründet 

3. Herr Fraenkel bespricht das Vorkommen der sekundären 
Knochenkarzinome, die in 2 verschiedenen Formen aufzutreten 
pflegen. Als Beispiel der osteoklastischen Karzinose demonstrirt 
er das Präparat einer Spontanfraktur des Oberschenkels. Als Bei¬ 
spiel für die osteoplastische Form legt er frische und mace- 
rirte Wirbelsäulenprfiparate vor und zeigt insbesondere ein selten 
schönes, mneerirtes Becken, an dem die von Recklinghausen 
beschriebene Knochenneubildung in besonders typischer Welse 
kenntlich ist. Krebsmetastasen ln der Wirbelsäule bieten etwa 
20 Proz. der zur Sektion kommenden Karzinome. 

4. Herr Lenhartz stellt einen 52jährigen Mann vor. bei 
dem er vor 5 Wochen eine Brandhöhle im rechten oberen Lungen¬ 
lappen eröffnet hat. Der Kranke geht schon seit 8 Tagen wieder 
im Freien spazieren und befindet, sich sehr wohl. Die Höhle Ist 
bereits ausgebeilt bis auf einen feinen, allseitig von besten Granu¬ 
lationen umgebenen Kanal, aus dem kein Höhlensekret mehr ab¬ 
geht. wohl aber bei Hustenstössen noch etwas Luft entweicht. 
Der völlige Verschluss wird in kurzer Zeit erzielt sein. 

Der Mann kam mit den Zeichen akuter fötlder Bronchitis Im 
rechten Oberlappen auf und gerleth bei der anfänglichen kon¬ 
servativen Behandlung in einen so elenden Zustand, dass schlless- 
lich die Indleatio vitalis zur Eröffnung drängte. Da sich jetzt auch 
eine sichere Herddiagnose stellen Hess, eröffnete Vortragender die 
Höhle (einzeitig) nach Resektion der 3. Rippe: er gelangte ln eine 
apfelgrosse Höhle, aus der mehrere abgestossene. aashaft stinkend- 
Lungcngewebsfetzen bis zu 4 cm Breite. 7 cm Länge und y g cm 
Dicke hervorquollen. 

Die Auswurfmenge, die vorher bis 270 ccm angestiegen war. 
fiel rasch ab. so dass der Kranke schon seit 2«/. Wochen fast gar 
kein Sputum mehr nusgibt. Desgleichen ist die ante operationem 
oft hohe Temperatur rasch zur Norm zurückgekehrt. 

Aus der Weltliteratur hat G n rrö 122 Fälle von operativ be 
handeiter Lnngengnngraen zusammengestellt: rechnet man hier¬ 
zu die vom Vortragenden bisher operirten 26 Fälle, so ergibt sich 
das von insgesammt 148 Fällen 94 geheilt und 54 gestorben sind. 
Da nach V i 11 i ö r e’s Statistik bei Interner Behandlung der Lungen¬ 
brandkranken 75- 80 Proz. starben. andererseits alle bisher ope¬ 
rirten fast stets zur Gruppe der Verlorenen gehört haben, so kann 
man einstweilen mit der Zahl von 03.5 Proz. Heilungen bei den 
operirten Fällen sehr zufrieden sein. 

5. Herr Delbanco demonstrirt einen Fall von Lichen ruber 
planus und einen Fall von Chloasma uterinum. 

0) Herr Wagner berichtet über einen im Eppendorfer Kran 
kenhans a »gestellten Versuch der therapeutischen Beeinflussung 
einer ausgedehnten Sarkomatose durch künstliche Malaria¬ 
infektion. i’-*“ 

43jähriger Mann. Hodensarkom: operirt Im Frühjahr 1901. 
Septeml>er 1901 Aufnahme in desolatem Zustande mit ausgedehnten 
lokalen und regionären Metastasen. Ende Oktober Injektion von 
1 ccm deflbrinirtem Blut von einem an tropischer Malaria leiden- 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. ». 


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(len Kranken. Am 21. Tage danach Malariaanfall mit Schüttel¬ 
frost, Temp. 40°, Tropenringe im Blut. Nach 3 Anfällen Ist Patient 
so elend, dass Chinin gegelxm wird. Danach kein Anfall wieder, 
Schwinden der Plasmodien aus dem Blut. Auffallende Besserung 
des subjektiven und objektiven Befindens, so dass der Kranke 
um Wiederholung der Impfung bittet. Anfang Januar Impfung mit 
1 ccm Blut von einem Tertianakmnken. Am 15. Tage Prodromi, 
am 10. erster typischer Anfall. Seither typische Malariaanfillle 
mit positivem Blutbefund. Anfangs nach dem Tertianatypus, seit 
einigen Tagen Tertiana duplicata: dabei subjektive Besserung und 
Verkleinerung der Tumoren. Ueber den weiteren Verlauf soll 
weiter berichtet werden. Der Fall bietet Interesse, 1. weil sich 
gezeigt hat. dass zwar eine Rückbildung, aber keine Heilung der 
Tumoren eingetreten ist; 2. weil Pat. innerhalb % Jahres tropische 
und tertiane Malaria durch subkutane Injektion acqulrirte und die 
erste absolut hellte, ohne jetzt wieder aufzuflackern; 3. weil das 
Entstehen der Duplikate interessant ist. obwohl nur einmalige 
Infektion von einer einfachen Injektion stattfand. 

Zuletzt werden mehrere mikroskopische Präparate beider 
Formen gezeigt, die mit der Reute Fachen Lösung gefärbt sind. 

Herr Lauenstein hat eine Malariaimpfung bei einem 
inoperablen Mnmmnkarzinomrezidiv gemacht, ohne irgend welche 
Besserung zu sehen. Schon nach 2 Tagen bekam die Patientin 
Tertinhnan fälle. 

7. nerr Kümmell demonstrlrt 2 Patientinnen, bei denen er 
Wirbelsäulentumoren entfernt hat. 

1. 1« jähriges Mädchen, zweifaustgrosses, der Wirbelsäule 
breitbasig aufsitzendes Sarkom, das von den Wirbeldornen unter 
Freilegung der Dura entfernt wurde. 

2. 30 jährige Frau. V, Jahr vor der Operation gelähmt. Im 
Riintgenbild fenstergrosser Schatten neben der Wirbelsäule. Ent¬ 
fernung des Tumors, der das Rückenmark komprimirte möglichst 
im Gesunden, durch Abmeisselung eines grossen Theils der Wirbel¬ 
körper. Vorzügliches Resultat. Pat. wieder völlig gehfähig. 

IT. Diskussion über den Vortrag des Herrn S U d e C k : 

Ueber die akute trophoneurotische Knochenatrophie nach 
Entzündungen und Verletzungen der Extremitäten und ihre 
klinische Bedeutung. 

Herr Lenhartz vermisst in den Ausführungen, mit denen 
Herr S u d e c k die grosse Reihe seiner hervorragend interessanten 
Röntgenbilder begleitet hat. die Begründung seiner Annahme j 
einer Knnchenatrophie. Kann man wirklich ohne genaue j 
anatomische Nachprüfung die Bilder so deuten und von einer i 
Knoehenatrophie sprechen? Ferner möchte er fragen, ob man 
nicht leicht einem Trrthum anheimfallen kann, da die technische 
Behandlung der Platten gewisse Abweichungen in den Bildern her- ; 
vorzurufen vermag, die keineswegs durch anatomische Verände- I 
rungen bedingt sind Der Vortragende ist zu diesen Bemerkungen • 
veranlasst, da ihm selbst von röntgenkundigen Assistenten Platten , 
vorgelegt worden sind, bei denen die sogen. Knochenatrophie sicher 1 
nur vorgetänsoht war. 

Herr Frnenkel möchte den von S. als Knochenatrophie be- j 
zeichneten Vorgang nur als gesteigerte Kalkresorption auffassen, 
also als eine Malaeie. Enter Atrophie versteht man anatomisch J 
etwas ganz anderes. T T m diesen im Röntgenbilde kenntlichen Zu¬ 
stand des Knochens, über den wir noch recht wenig wissen, hervor¬ 
zurufen. bedarf es in klinisch-ätiologischer Beziehung ganz diffe¬ 
renter Momente: einmal Traumen, auf der anderen Reite Ent- 
zündungsvorgnnge. diese wiederum entweder durch spezifische Ur¬ 
sachen (Tuberkulose. Gonorrhoe! oder durch die gewöhnlichen 
Eitererreger verursacht. Da die verschiedensten Vorgänge sich 
hier abspielen. ist es nicht angängig, unbewiesene trophoneuro¬ 
tische Vorgänge allein anzunehmen. Es handelt sich wohl um ein 
Tvonkomitiren von Ursachen, von denen die Tnaktivität wohl nicht 
die unbedeutendste ist. 

Herr Nonn e hat versucht, die .neurogene Knochenatrophie“ 
durch eine grössere Anzahl von Röntgenaufnahmen von typischen 
Rückenmnrk«krnnkhelten zu studiren und demonstrlrt die so ge¬ 
wonnenen Bilder mittels Proiektionsapparates. Den Snder lo¬ 
schen Befunden ähnliche Bilder hat er bei akuter essentieller 
Kinderlähmung (bereits 4 Wochen nach dem Einsetzen der Läh¬ 
mung!. bei Polyomvelitis chronica anterior, bei Myelitis transversa, 
bei Kompression des Halsmarks, bei Wirbelkompression, bei Heml- 
naresen mit frühzeitiger Muskelatrophie mehr oder minder deut¬ 
lich erhalten. Normale Knochenstruktur fand er bei spastischer 
Rpinnlparalvse. bei Tabes, bei reinen Apoplexien, bei Ulnaris¬ 
lähmung. Peroneuslähmung. Polyneuritis alcoholica, bei hyste¬ 
rischen Monoplegien etc. Vortragender gibt noch kein abschliessen¬ 
des Urthoil über seine Befunde, meint aber doch, annehmen zu 
können, dass die Knochenbefundo nur in solchen Nervenkrank¬ 
heiten zu erheben sind, wo es sich um Erkrankung der trophisehen 
Zentren handelt. 

Herr Kümmell zweifelt an den von R. gefundenen That- 
sachen nicht. Für ihn reicht aber die Annahme der Inaktivität 
als einzig ursächliches Moment völlig aus. Auch die Nonn e’schm 
Bilder sind dadurch erklärt. In allen Fällen, wo die Muskeln noch 
bewegt werden (wie z. B. bei den spastischen Lähmungen), findet 
man keine Haliskrese. 

Herr Wiesinger betont die individuellen Unterschied' 1 . 
Keineswegs bei allen Frakturen oder bei allen Phlegmonen gibt 
die Röntgenaufnahme Anhaltspunkte für „Atrophie“. Es sind viel- i 


mehr nur eine beschränkte Zahl von Fällen. In erster Linie sind 
wohl Funktionsstörungen als Ursache anzunehmen. 

(Schluss vertagt.) Werner. 


Biologische Abtheilung des ärztlichen Vereins Hamburg. 

(Offizielles Protokoll.) 


Sitzung vom 14: Januar 1902: 
Vorsitzender: Herr Nocht; 
Schriftführer: Herr Otto: 


Herr Deutschländer stellt einen In ätiologischer Hin¬ 
sicht bemerkenswerthen Fall von rechtsseitigem Pes equino-varus 
und linksseitigem Pes valgus bei einem dreimonatlichen Kinde 
vor, an dem sich noch leicht die verschränkte Fusslage während 
des uterinen Lebens rekonstruiren lässt D. führt nach kurzer Er¬ 
örterung der wichtigsten Klumpfusshypothesen diesen Fall, der 
sich den von Vogt, v. V o 1 k m a n n u. A. beschriebenen Fällen 
anrelht, als Stütze für die Theorie der Intrauterinen Belastungs- 
deformität an. 

Herr P a u 1 s e n demonslrlrt mikroskopische Präparate eines 
Bazillus, der zweimal aus dem Blute eines Syphilitikers gezüchtet 
wurde, das erste Mal, kurz nach Feststellung der Initialsklerose, 
aus einer angeschwollenen Leistendrüse, das zweite Mal aus dem 
Vorderarm, kurz nach Auftreten der Roseola syphilitica. Die Ba¬ 
zillen haben eine grosse Aehnlichkeit mit denen der Diphtherie. 
Einige sind gerade, andere leicht bogenförmig, noch andere S- 
förmlg gekrümmt. Viele sind segmentlrt, mit knöpf- oder beulen¬ 
ähnlichen Anschwellungen an den Enden versehen. Auffallend ist 
die oft vorkommende kreuzweise Anordnung von je zweien, die 
auf den ersten Blick so aussieht, als ob es sich um Seltenver- 
zweigungeii handelte. Daneben finden sich auch noch ganz kurze 
Stäbchen, jüngere Individuen, die in Jungen Kulturen alleine 
an ge troffen werden, während ältere Kulturen meistens nur die zu¬ 
erst beschrielKUien enthalten. Der Unterschied dieser Bazillen von 
denen der Diphtherie, Tuberkulose und Lepra besteht: 

1. in den tinktoriellen Eigenschaften: der eben demonstrirtc 
färbt sich nicht mit Methylenblau: er ist wenig säurefest, li) 
!/.—1 Minute wird er schon durch 33ta Proz. Salpetersäure voll 
ständig entfärbt, wohingegen die Alkoholentfärbung sehr schwer 
vor sich geht. 

2. Er wächst nicht auf den meisten Diphtherie- und Tuberkel- 
bnzillennährböden. der einzige, auf dem er gut fortkommt, ist 
Rormn. 

3. Das Wachsthum ist ein sehr langsames. Eine Kultur dieser 
Bazillen von etwa 5 Wocheu enspricht unter gleichen Voraus 
Setzungen einer Diphtheriekultur von 2 Tagen. 

Bei der Herstellung von Nährböden wurde P au Isen durch 
die Arbeit«*!» von Adrian, G. Hügel und K. Holzhäuser- 
Strasslmrg tvergl. Referat in den Monatsheften f. prakt. Denn. 
Bd. 28, 8. 3">4; Bd. 30. S. 431) bestimmt, Organe von Schweinen 
zu verwenden. Es wurden verwendet: Blutserum, Serum -f- Agar. 
Serum -|- Gelatine, Bouillongelatine und Agar von Leber, alle 
nach Analogie der in den Handbüchern der Bakteriologie an- 
gegehem'n Methoden hergestellt. Bel deT Wahl der Leber zur Her¬ 
stellung der Nährböden war der Gedanke, dass diese als be¬ 
vorzugter Sitz syphilitischer Erkrankungen besonders dazu ge¬ 
eignet sein müsste, maassgebeud. Die Serumnährböden bewährten 
sich gut. es entwickelten sich, wenn auch langsam, kräftige Kul¬ 
turen mit typischen Bazillen. Auf den Lebernährböden war ein 
Wnehsthuin kaum zu spüren, wenn die Kulturen auch am Leben 
blieben. Auf anderen Nährböden gingen die Kulturen bald ein. 

Was die Kontroluntersuchungen anbelangt, so wird ausdrück¬ 
lich bemerkt, dass diese noch nicht in genügender Zahl angestellt 
sind, da nur diejenigen in Betracht kommen könnten, die mit den 
Schweineserumnährböden angestellt wurden. In zwei nichtsyphi¬ 
litischen Bubonen wurden anatomisch und bakteriologisch keine 
ähnlichen Bazillen gefunden. Bel einer Reihe von Smegmaunter- 
suchungen konnten keine Organismen gezüchtet werden, die mit 
diesem hätten verwechselt werden können. Ein ähnlicher Bazillus 
fand sich bei der anatomischen Untersuchung (Smegmabazillus?): 
er unterschied sich aber durch die viel plumpere Form, durch ge¬ 
ringere Säure- und grössere Alkoholfestigkeit. 

Diskussion: Herr Delbanco: Die Mittheilung des 
Herrn Paulsen verdient ein besonderes Interesse mit Rücksicht 
auf bestimmte bakteriologische Kulturbefunde, welche bei einer 
anderen chronischen Infektionskrankheit erhoben worden sind. 
Das von Paulsen gezüchtete Stübchen gehört nach D.’s Ansicht 
in die grosse Klasse der sogen. Pseudodlphtherlebaztllen bezw. 
Diptherldeen, deren Aufstellung (Babes, 1888) als rationell erkannt 
worden ist. Bel der Lepra sind solche Befunde wiederholt, vor¬ 
wiegend aus dem letzten Jahrzehnt, beschrieben worden. Von 
Autoren sind Bordonl-Uf freduzzl, Babes. E. Levy. 
('zaplewski, Rpronck zu nennen. Die Autoren haben 
einander mindestens sehr nahestehende, wenn nicht für einen Theil 
sogar identische Kulturen gezüchtet. An dieser Thatsache ändern 
nichts die lebhaften Auseinandersetzungen, durch welche die 
Autoren ihre Souderbefunde stützen zu müssen vermeinten. Die 
Kultur des Lcprabazillus ist noch nicht geglückt, trotzdem 
Spronck für seine Diphtherldee ein Agglutlniren durch das Blut¬ 
serum Lepröser feststelltc. trotzdem Babes es nicht unmöglich 


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4. Mär* 1902. 


MUENGHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


385 


erscheint, dass seine Dlphtheridee zur Lepra ln genetischem Zu¬ 
sammenhang steht. Den bei der Lepra gezüchteten Diphtheri- 
deen scheint das von P a u 1 s e n gezüchtete Stäbchen nahe zu 
stehen; die Art seiner Alkoholfestlgkelt, die mangelnde Säure- 
festlgkelt stützen diese Annahme. Aus dein Vorgetragenen möchte 
Redner den vorsichtigen Schluss ziehen, dass die Ia-pra und die 
Syphilis einen geeigneten Nährboden unter Umständen schaffen fiir 
ganz bestimmte Sekundärinfektionen, wenn die Piphtherideon 
nicht eben nur harmlose Schmarotzer darstellen. Ein anderer Ge¬ 
sichtspunkt Ist noch von Interesse. Die erwähnten Diphtherideen 
sind von einigen Autoren, so von E. L e v y, als verzweigt be¬ 
schrieben worden. Das bringt sie in Beziehung zu dem Tuberkel¬ 
bazillus, dessen Verzweigungen von Roux und Nocar d, 
Fischei, Metschnlkoff, Friedrich u. a. studirt worden 
sind. Lehmann und N e u m a n n trennen in ihrem Atlas den 
Tuberkelbazillus als Mykobakterium von den Bakterien. Dem 
Tuberkelbazillus ist der Leprabazillus wieder verwandt. Für 
Lachner-Sandoval vermitteln gleichsam die verzweigten 
Bakterien als eine höhere Ordnung den Uebergang von den Bak¬ 
terien zu den Aktinomyceten, welche eine neue Familie im H.vplio- 
mycetensystem dem Autor bedeuten und nach ihm vielleicht noch 
einmal eine Rolle spielen als Erreger aller Granulationskrank¬ 
heiten als auch für die Lepra und die Syphilis. 

Herr F r a e n k e 1 hält es für richtig, dass Herr F a u 1 s e n 
sich auf die Angabe des Befundes beschränkt hat, ohne weitere 
Schlüsse daraus zu ziehen. Er fragt, wie viele Kolonien an¬ 
gegangen seien. In Eppendorf habe S u d e c k aus der Luft Psemlo- 
diphtheriebazillen gezüchtet, die denen von Pa u Isen sehr ähn¬ 
lich sind. Fraenkel hat eine der S p r o n c k'sehen Kulturen 
untersucht; dieselbe Bteht seiner Ansicht nach mit Lepra in keinem 
ursächlichen Zusammenhang. Es steht auch den bei Lepra und 
Syphilis gefundenen ähnlichen Bazillen skeptisch gegenüber. 

Herr Plaut fragt, ob Thierversuche angestellt sind und wie 
das Blut entnommen ist. 

Herr P a u 1 s e n erwidert, dass der demonstirte Bazillus nicht 
auf Glyzerinagar wachse. Das Blut sei aus Roseolen und einer 
Leistendrüse entnommen worden. Thierversuche konnten aus 
Mangel an Kulturen noch nicht gemacht werden. 

Herr Bertelsmann: Das Eindringen von Bakterien 
in die Blntbahn als eine Ursache des Urethralfiebers. (Nachtrag 
zu der Demonstration in der vorigen Sitzung.) 

Herr Man: Pathologisch-anatomische nnd bakterio¬ 
logische Bemerkungen zum obigen Fall. 

(Beide Mittheilungen werden in extenso in dieser Wochen¬ 
schrift veröffentlicht.) 

Herr Simmonds: Ueber kompensatorische Hyper¬ 
trophie der Nebennieren. 

Seit seiner ersten Publikation eines Falles von tuberkulöser 
Atrophie einer Nebenniere mit kompensatorischer Hypertrophie der 
anderen (Virchow’s Archiv 153) hat S. 3 weitere ähnliche Beobach¬ 
tungen gemacht. Zweimal war wiederum eine Nebenniere durch 
Tuberkulose, einmal durch ulte Embolie verödet, in allen 3 Fällen 
war eine beträchtliche Hypertrophie des anderen Organs erfolgt. 
In derselben Zeit hat S. hingegen keinen Fall von einseitiger Nebeu- 
nierenatrophie ohne vlcarlirende Hypertrophie gesehen. Die Neben¬ 
niere ist also sicher denjenigen paarigen Organon beim Menschen 
zuzuzühien, welche vicarilrend für einander eintreten und gelegent¬ 
lich eine kompensatorische Hypertrophie erfahren. Abgesehen 
von dieser kompensatorischen Hypertrophie neben erworbener 
Atrophie, wird auch eine angeborene Hyperplasie, neben an¬ 
geborener Hypoplasie des sonst gesunden Organs angetroffeu. 
("Wird ausführlich publizirt im Zentralbl. f. Pathol.) 

Diskussion: Herr Fraenkel fragt, ob sümmtllchc 
Theile der Nebenniere an der Hyperplasie theilnehmen oder nur 
die Rinde. 

Herr Simmonds: Die Rinde, besonders die Zona fascl- 
culata. 

Herr Bonheim berichtet über einen Fall, der den Werth 
der bakteriologischen Blutuntersuchung für die Diagnostik gut 
illustrirt. 

Bei einem Patienten, der 4 Wochen an Phthise behandelt 
wurde, machte er, da der Zustand plötzlich schlechter wurde und 
die Temperatur stieg, eine Blutentnahme. In 20 ccm wuchsen 
214 Typhuskolonien. Klinisch kein einziges Symptom für Typhus 
vorhanden. Die Autopsie ergibt Phthise und Typhus. 

Durch die Blutuntersuchung kann also, selbst wenn alle Sym¬ 
ptome für Typhus fehlen, die Diagnose Typhus mit absoluter 
Sicherheit gestellt werden. 

Herr Revenstorf: Demonstration eines Falles von hoch¬ 
gradiger Stenose der Aorta an der Einmündung des Ductus 
arteriosus. 

Das Präparat stammt von einem 36 jährigen Mann. Als Todes¬ 
ursache fand sich ein frischer apoplcktischer Herd; nebenbei noch 
eine kleinhühnereigrosse apoplektische Cyste als Residuum einer 
früheren Hirnblutung. 

Die Stenose hat ihren Sitz unmittelbar hinter der Ein- 
mündungsstelle des Ductus art. Botalli, und ist so hochgradig, dass 
nur eine Sonde hindurchgeführt werden kann. 

Die Wand der Aorta ist vor der stenosirten Partie weder ver¬ 
dickt noch gewulstet, doch findet sich in der unteren Wand eine 


kleine taschenförmige Ausbuchtung, in deren Grund man den ge¬ 
schlossenen und obliterirten Ductus arteriosus einmünden sieht. 

Unterhalb der Stenose scheint die Aortenwaud etwas arterio¬ 
sklerotisch verändert zu sein. 

Die Aorta besitzt nur 2 Klappen. Beide sind stellenweise deut¬ 
lich verkalkt. 

Das Herz ist stark hypertrophisch und wiegt 590 g. Die 
Wand des rechten Ventrikels ist normal, die des linken 2—2,5 cm 
dick. Als Ursache fiir diese Hyi>ertrophie sieht R. zur Hauptsache 
die Stenose der Aorta an. doch habe die Starrheit der Aorten¬ 
klappen sicherlich das Zustandekommen derselben begüustigt. 

Von besonderem Interesse war das Verhalten der Arterien. 
Beide Aa. subcl. waren stark erweitert. Ebenso zeigten die Aa. 
mammaria int. und An. epigastr. eine starke Ektasie und Schlänge¬ 
lung. 

Andere Arterien waren nicht in bemerkenswertlier Weise dila- 
tirt, so dass die Entwicklung des Kollnteralkreislaufs zur Versor¬ 
gung der unteren Körperhälfte sich hauptsächlich auf diese beiden 
Gefässe beschränkt hat. 

Pathogenetisch sieht R. die Entstehung der Aortenstenose als 
kongenitale Ilernmungsbildung an. Diese Annahme erscheine 
darum um so wahrscheinlicher, als einerseits erhebliche Verände¬ 
rungen der Aoitenwand fehlen, andererseits noch weitere Abnormi¬ 
täten vorhanden waren. Ausser der erwähnten Anomalie der 
Aortenklappen fand sich nämlich, das der Descensus des linken 
Hodens ausgeblieben war (Bauch hoden). Fenier fehlten die linken 
Samenbläschen und die linke Niere. Die rechte Niere war dagegen 
stark hypertrophisch. 

Herr Haffner stellt einen Mann mit einer Ankylose des 
rechten Knöchelgelenks nach komplizirter Luxation des Fusses 
vor: demselben ist eine Abwicklung des Fusses dadurch ermöglicht, 
dass an seinem Schuh nach einem Vorschlag von C. Lauenstein 
(Vorhand!, d. Gesellsch. deutsch. Naturf. u. Aerzte, Nürnberg 1893» 
eine zylindrisch von vorne nach hinten gekrümmte Sohle („Wiegen¬ 
sohle“) angebracht ist. 

Herr Simmonds spricht sodann im Namen der Ver¬ 
sammlung Herrn Eugen F raenkel seinen Glückwunsch aus 
zu seiner 25 jährigen Wirksamkeit am Krankenhause. Er weist 
auf die grossen Verdienste F raenkePs um die Hebung des 
wissenschaftlichen ärztlichen Lebens in Hamburg hin. Er zeigt 
an der Hand einer Besprechung der ausgedehnten literarischen 
Thätigkeit Fraenkel’s, wie Jener in allen Arbeiten enge 
Fühlung mit der Gesammtmedizin und den praktischen Zielen 
derselben behalten habe, wie er stets als die vornehmste Aufgabe 
der pathologischen Anatomie es angesehen halte, anregend und 
befruchtend auf die klinische Medizin zu wirken. Das sei auch 
einer der wichtigsten Gründe gewesen, wesshalb Fraenkel 
jederzeit eine so hervorragende Stellung unter Hamburg’« Aerzton 
eingenommen habe. 

Herr Fraenkel dankt der Versammlung. 

Herr B. e U t e r beendet seinen Vortrag: Beiträge zur Bio¬ 
logie des Darmepithels. (Erscheint in den Sitzungsberichten der 
Abtheilung.) 

Sitzung vom 28. Januar 1902. 

Vorsitzender: Herr E. Fraenkel. 

Schriftführer: Herr Moltrecht. 


I. Demonstrationen: 

1. Herr Revenstorf dcmonstrlrt ein weiteres Präparat 
von hochgradiger Stenose der Aorta au der Einmündung des Duc¬ 
tus arteriosus. (Ausführliche Beschreibung in einer besonderen 
Arbeit.) 

2. Herr E. Fraenkel zeigt die Niere eines durch Blutung 
aus einem Duodenalgeschwür zu Grunde gegangenen Mannes, bei 
welchem 3 Tage vorher eine Nephrotomie gemacht worden war. 
Man erkennt ausser dem von nekrotischen und hämorrhagischen 
Stellen umgeltenon Lager dos eingeführton Drains 2 gelbliche In¬ 
farkte, und zwar einen etwa hnselnussgrossen am oberen Pol. einen 
etwas kleineren an einer Seitenfläche des Organs. Auf dem Durch¬ 
schnitt findet man die znführenden Gefässe. F. erklärt diese Iu- 
farkte aus den Schädigungen, welche bei der Operation die Ge- 
fasse treffen, indem dieselben am IIllus erheblich gezerrt und ge¬ 


quetscht werden. . A , T , 

Uelier die Erfolge der Nephrotomie müssen anatomische Er¬ 
fahrungen noch gesammelt werden, doeli kennt F. einen Mann, 
welcher mit einer nephrotomirten Niere (die andere wurde exstir- 
pirt) schon geraume Zeit lebt 

3 Herr Delbanco referirt — in Ergänzung seiner Aus¬ 
führungen von der vorigen Sitzung — über wichtige, schon aus dem 
Jahre 1884 stammende Versuch© Löffle r’s. In seiner grossen 
Diphtherien rlaeit berichtet Löffler in dem Kapitel der knlber- 
diphtherie ül»er eine Bnzillenart. welche er bei Foltert ragimg 
syphilitischer Produkte auf Kaninchen erhalten hatte, und weh-he 
morphologisch sehr ähnlich war dem Bazillus der kalbordiphihei io 
Umfängliche Thier- und Kulturvcisuche wurden von dom An-, 
angestellt, welcher eingehend über diesen, an der Oberflach. bu in i 
Kondylome seitmnrotzendeu Bazillus sielt amsseri. Dilbaiico 


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386 


MTTENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


fraprt Herrn P a u 1 8 e n, ob vielleicht Beziehungen zwischen seinem 
Befund und dein Löffle r’schen Bazillus l>ostehen. 

Diskussion: Herr P au Isen erwidert, dass seine 
„direkt“ gewonnenen Kulturen mit Löffler’s Bazillus gemein 
hätten u. a. die Ablehnung einer Reihe von Nährböden, sowie ein 
Wachsthum auf Pferdeserum. Auf letzterem wachse sein Bazillus 
aber viel langsamer. 

Herr Delbanco betont bezüglich letzterer Differenz, dass 
Löffle r’s Bacillus nach einer zweiten Passage durch den Thler- 
körper dieses Waclistlium gezeigt lial>e. Die zweite Infektion sei 
angestellt worden mit einer Kultur, die um Organstücke in Kanin¬ 
chenbouillon aufgegangen war. 

4. Herr E. Fraenkel dankt. Herrn Reuter für seinen 
in den letzten Sitzungen gehaltenen Vortrag. 

II. Vortrag des Herrn Kaes: Neue Beobachtungen bei 
der Weigertfärbung. 

K. legt Weigertpräparate vor mit bisher noch nicht be¬ 
schriebenen Bildern. Die Weigertfiirbung dient zur Darstellung 
der markhaltigen Nervenfasern. Sie hatte schon einen Vor¬ 
gänger in der E 11 n e r’schen Osmiummethode. Die erste 
Weigertmethode war ein misslungener Versuch, erst die zweite 
brachte schöne Resultate, doch hatte auch sie eine Menge tech¬ 
nischer Schwierigkeiten, die von Wolters durch Anwendung 
des Hämatoxylin Kultsehizky gelöst wurden. Die Frage der 
Behandlung von Formolschnitten nach Weigert ist bisher 
noch nicht vollständig gelöst. Frage: Färbt die Weigertmethode 
nur markhaltige Nervenfasern oder noch mehr? Bedenken zeigen 
sich schon bei den feinsten Fasern im Beginn der Myelinisation 
am Kindergehirn, dann bei den feinsten Fasern in der II. bis 
III. Meynschicht, wo man Bilder bekommt, die an reine Achsen¬ 
zylinderfärbung erinnern; ähnliche Bilder finden sich bei De¬ 
generationsvorgängen im Nervenmark, wo es meist nicht zu einer 
vollständigen Auslöschung, sondern mehr zu einer Lichtung der 
Fasernmasse kommt. Ferner werden Projektionsausstrahlungs- 
biindel, also Achsenzylinderbestandtheile, gefärbt. Doch in allen 
diesen Fällen handelt es sich um echte Markumhüllung. Ausser¬ 
dem färbt Weigert Golg i’sche Dendriten und durch Zufall 
gelang mir eine Tingirung von Projektionsbündeln und Asso¬ 
ziationsfaserzügen an Stellen, an denen die Weigertfärbung für 
gewöhnlich im Stiche lässt. Ref. glaubte erst, dass es sieh um 
einen der Metallimprägnirung ähnlichen Vorgang handle, später 
konstatirte er, dass eine Beziehung mit den Gefässen bestehe, 
wo die Markfasern von einzelnen pathologischen Gehirnen im 
Umkreise des Gefässlumens eine erhöhte Widerstandsfähigkeit 
gegenüber dem allgemeinen Lichtungsprozess zu haben scheinen. 
(Wird an Zeichnungen demonstrirt.) 

Schliesslich erörtert Ref. das Verhältnis der Projektions¬ 
bündelausstrahlung zur Neuronentheorie; er findet, dass man 
bisher bei diesen Büscheln nur eine freie Endigung feststellen 
konnte, was für die Kontakttheorie spricht. Die Weigertmethode 
scheint somit noch nicht am Ende ihrer Leistungsfähigkeit an¬ 
gelangt zu sein. 


Medizinische Gesellschaft zu Leipzig. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 14. Januar 1902. 

Vorsitzender: Herr Curschmann. 

Schriftführer: Herr Braun. 

(Schluss.) 

Herr Geissler (a. CI.) stellt die Organe eines 14 Monate alten 
Kindes vor. Dasselbe hatte im Leben Erscheinungen dargeboten, 
die auf einen kongenitalen Herzfehler schliessen Hessen (Verbrei¬ 
terung der Herzdämpfung nach links und rechts, systolisches Ge¬ 
räusch). Ausser einem Hydrocephalus massigen Grad(*s fielen 
bei ihm besonders ausserordentlich starke varieiöse E-weiterungen 
der Kopfvenen auf. Es war desshalb an eine Sinusthrombose ge¬ 
dacht worden. Die Sektion hatte dies nicht bestätigt. Es zeigte 
sich zwar eine ausserordentlich starke Erweiterung sämmtlicher 
Kopfvenen und Hirnsinus, aber eine Thrombose oder ein sonstiges 
II Indern iss des Venenabtiussos konnte nicht gefunden werden. 
Hierbei wurde der Sinus rectus demonstrirt. der ungefähr die 
Grösse eines kleinen Hühnereies hat. Das Herz (Demonstration) 
zeigte einen kongenitalen Defekt in der Herzkammerscheidewand 
unterhalb des Aortenostiums bei normaler Stellung der Pulmonalis 
und Aorta, ohne dass die Pulmonalis verengert gewesen wäre. 

G. bespricht dann, ob diese varieiösen Erweiterungen allein 
durch den Herzfehler bedingt gewesen sind und verneint dies, well 
1. noch nie derartiges beobachtet ist und 2. well die Lokalisation 
ics waren nur die Kopfvenen erweitert, während sonstige Stauungs¬ 
erscheinungen gering waren) dagegen spricht. Die Ursache ist viel¬ 


leicht mit lin Bau der Venen zu suchen, wie es auch bei anderen 
Phlebektasien beschrieben ist. 

Herr Gröber (a. G.) steUt einen Fall von diastolischem 
musikalischem Distanzgeräusch vor bei einer sich entwickelnden 
Aorteninsufflzienz. Er geht dabei kurz auf die verschiedenen An¬ 
sichten über das Zustandekommen derartiger Geräusche ein: die 
ältere Theorie, die diese Geräusche durch stehende Schwingungen 
abnorm verlaufender Sehnenfäden, und die neuere, von Rosen¬ 
bach und Leichtenstern vertretene, thellwelse auch von 
Roinberg, Gerhardt anerkannte, die sie nach Art der Wert- 
h e 1 m’schen Wasserpfeife durch stehende Schwingungen der Blut¬ 
säule zu Stande kommen lässt, während sie den Sehnenfäden 
auf Grund der Rosenbac h’schen Versuche keine Bedeutung 
für die Entstehung musikalischer Geräusche belmisst. 

Herr Jünger demonstrirt 2 Fälle, die ihm von Herrn 
v. Criegern zur Verfügung gestellt wurden. Sie bieten ln Ihrem 
Verlaufe einige Seltenheiten. 

Der erste Patient, ein 49 jähriger Zimmerer, wurde im Juni 
1900 der Poliklinik überwiesen. Er hatte bisher ln der chirurgischen 
Klinik gelegen. Dort war ihm eine Operation als unausführbar 
abgelehnt worden. Er zeigte bei der Aufnahme über faustgrosse, 
harte Drüsentumoren an der rechten Halsseite, die sieh nach der 
Achselhöhle fortsetzten und dort als doppeltfaustgrosse G.*- 
schwülsre sich darboten: auch links am Halse nnd ln der Achsel¬ 
höhle kleinere Driisenpnekete. Hera und Lungen gesund. Blut 
ohne Besonderheiten. Puls rechts stärker als links. Der Kranke 
bekam Arsen. In den nächsten Wochen Verschlimmerung. Ge¬ 
wichtsabnahme, Anlsokorle (dlnskoplsoh Drüsen 1m oberen 
Mediastinum), vom 13. X. bis 3. XII. Glykosnrle (bis 0.5 Proz.i. 
dann allmähliche Besserung unter dauerndem Arsengebranch: am 
Tage der Demonstration ist. nur noch eine kleine Drüse in der 
Achselhöhle und am Halse festzustellen: dagegen als Folge des 
langen Arsengebrauches Tremor manuum und leichte Pigmentlrung 
der Haut. 


Gl.vkosurle fand Vortragender nirgends In der Literatur als 
Komplikation der Pseudoleukämie verzeichnet. 

In therapeutischer Hinsicht Ist der lange Gebrauch des Arsens 
bei solchen Drüsentumoren sehr wichtig: es sind Fälle bekannt, 
bei denen erst nach 4 g Acid. arsenlcos. in 8 Monaten resp. 13 g 
in 2 Jnhren Besserung und Heilung eintrat. 

Bei dem 2. Fall handelt es sich um eine 67 jährige Frau, die 
wegen eines Herzleidens im Mai d. J. die Poliklinik auf suchte. 
Es wurde nebenbei bei ihr ein kolossaler Milztumor gefunden, von 
dem sie nngab, dass er schon 20 Jahre bestehe. Die Blutunter¬ 
suchung ergab geringe Anämie, keine Leukocytose. Am 29. XI. 
war die Kranke, nachdem es ihr bis dahin gut gegangen, sehr 
kachcktisch in Folge heftigen Nasenblutens, das sieh öfters wieder¬ 
holte. Blutuntersuchuug ergab 2 400 000 rothe, 80 000 weisse Blut¬ 
körperchen. Mikroskopiscli im gefärbten Präparat sehr viel kern¬ 
haltige rothe Blutzellen; die welssen Blutkörperchen bestanden fast 
nur aus mononukleären, neutrophil gekörnten Zellen von allen 
Grössen, also inyelocytnre Leukocytose. In den nächsten Wochen 
Verschlimmerung der Anämie (bis 920 000) und Besserung der 
Leukocytose (5000). später Besserung der Anämie (2 800 000. 
3 100 000, 3 200 000) und Zunahme der Leukocytose (20 000, 26 000. 
72 000). 

Vortragender rechnet beide demonstrirten Fälle in das grosse 
Gebiet der sogen. Pseudoleukämie und bringt noch einige Bemer¬ 
kungen als vorläufige Mitthellungen einer grösseren Bearbeitung 
dieses Stoffes: 


Der Name Pseudoleukäraie ist nur ein Verlegenheitsname für 
eine Unsumme von Krankheitsbildern, die man sonst nirgends eln- 
rangiren kann. Wesentlich ist. für alle diese Erkrankungen die 
primäre Erkrankung des lymphatischen Apparates, Lymphdrüsen. 
Milz, Follikel; unilokuliir resp. nur mit Betheiligung der nächst- 
benachbarten Drüsen oder multipel. Nach Art von Metastasen 
können Lymphome in fast allen Organen auftreten. auch im 
Knochenmark, das also Immer sekundär erkrankt. Es kann die 
Milz auch allein befallen werden. Die Ursache der Krankheit ist 
unbekannt. Ein Theil der Fälle (lokale oder multiple Tumoren» 
sind heteroplastischer Natur, sind Sarkome. Die klinische Diagnose 
dieser Fälle kann möglich sein, wenn Verlöthungen mit der Um¬ 
gebung eintreten, der Tumor rücksichtslos wächst oder zerfällt. 
Kundrat will mit Recht diese Fälle ausschalten und bezeichnet 
sie als Sarkomatose resp. multiple Snrkomntose. Nicht herein zu 
rechnen sind ferner die multiplen tuberkulösen Lymphome. Eh¬ 
st e i n's Intermittens, soweit auch Tuberkulose die Ursache ist, 
multiple luetische Drüsenschwellungen. Anämien mit isolirter 
Stauungsmilz, perslstirenden Milztumoren nach Infektionskrank¬ 
heiten. insbesondere Malaria, Banti'sche Krankheit. Die eigent¬ 
liche Pseudoleukämie oder Lymphomatosis. wie sie nach T il r k’s 
Vorschlag besser genannt wird, verläuft akut oder chronisch mit 
einer stetig zunehmenden Verarmung der rothen Blutzellen und 
des Hämoglobins. Die welssen Blutkörperchen sind im Anfänge 
nicht vermehrt, später gesellt sieh eine in Znhl zeitlich schwan¬ 
kende Iamkoytnse hinzu, die nicht zu selten akut einem leukä¬ 
mischen Blutbefund Platz macht. 

Zur Lymphomatosis gehören auch die Pseudoleuknemia in- 
fantium splenica Jacksch und die Anaemia spleniea der Er¬ 
wachsenen, so weit es völlig reine Fälle sind und nicht nut 
Rachitis, hereditärer Lues oder vorhin erwähnten Krankl» -its- 
bildem zusammenfallen. 


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MÜEMCHENER MEDICI NISCItß WOCHEN SCHRIET. 


38? 


4 . Marz 1902. 


Schon von Cohnheim an sind in der Literatur die An¬ 
sichten ziemlich zahlreich vertreten, die einen direkten Zusammen¬ 
hang der Pseudoleukämie uud Leukämie vermuthen und auch au- 
nehmen. Sie meinen alle, dass die erste in die zweite übergeheu 
könne. Nichts hindert, anzunehmen, dass es eine Krankheit sei, 
die aus einem aleukämischen Stadium durah sekundäre Erkran¬ 
kung des Blutes selbst In ein leukämisches Stadium übergeheu 
kann. Man kann, wie bekannt, klinisch ohne Blutuntersuchung 
beide Krankheiten nicht trennen. Aus dem Blutbefund allein kann 
auch keine Leukämie diagnostlzirt werden. Unter Leukämie muss 
nicht anderes verstanden werden, als der Name sagt: weisses Blut. 
l>ie Leukämie Ist nur ein Symptom einer direkten Erkrankung des 
Blutes, die als Komplikation bei verschiedenen Krankheiten, wie 
eine Tabelle von 17 Fällen zeigt, gefunden wird, Krankheiten, die 
das gemeinsam haben, dass sie Blutkrankheiten, Drüsenerkrau- 
kungen oder Knochenmarkserkrankungen sind. Es scheinen also 
doch Lymphdrtisen und Knochenmark einen gewissen regula¬ 
torischen Einfluss auf die Zahl der strömenden Leukoeyten zu 
haben. Kottmann wird nicht so Unrecht haben, wenn er schon 
18SS die Leukämie als ein Neoplasma im Blut erklärte. 

Vortragender nimmt an, dass das Blut als flüssiges Gewebe 
oder als Organ, wie Martlus mit Recht sagt, selbständig er¬ 
kranken kann, indem es allerdings noch unbekannte Noxen schallt, 
welche zur Ueberproduktion resp. anfänglich zur vermehrten Aus- 
seudung der in Lymphdrüsen oder Knochenmark stagnirendeu 
Leukoeyten führen. Sekundär entstehen daun auch die Verände¬ 
rungen des Knochenmarkes, lymphoid oder myeloid, Je nach Art 
der kreisenden Zellarten. Warum allerdings einmal Lymphocyten. 
das andere Mal polynukleäre oder Myelocyten, ein drittes Mal 
ein buntes Gemisch aller Zellarten im Blute sich findet, soll zu¬ 
künftige Forschung lehren, aber erst daun, nachdem die Genese 
der verschiedenen Leukocytenarten bekannt sein wird. Es ist 
kaum berechtigt, auf Grund der vermehrten mononukleären neutro¬ 
philen Zellen, den Myelocyten, eine myelolde Leukämie als ge¬ 
sondert von der Lymphomatosis leukaemica aufzustellen. Bei 
Pseudolcuk. infantium ist myeloeytäre Ia-ukoeytose bekannt, bei 
Anaemia splenica nach Ja wein und nach demonstrirter Be¬ 
obachtung dessgleichen. 

Normaler Weise wird die Neubildung der Lymphocyten wohl in 
den Lymphdrüsen vor sich gehen, die der übrigen Leukoeyten im 
Knochenmark, well dort, vermöge des Baues dieser Organe, die 
Zellen den für deu biologischen Vorgang der Zelltheilnng zuträg¬ 
lichsten relativen Ruhezustand finden. Bei der Leukämie findet 
ohne Zweifel die Vermehrung der Leukoeyten Last ausschliesslich 
im Blute statt. In jedem Deckgläschenpräparat findet man leicht 
5 uud mehr Mitosen, auf das ganze Blut berechnet sind es Mil¬ 
lionen, die den gesteigerten Untergang völlig aufwiegen und ausser¬ 
dem ln vielen Hunderttausend Exemplaren Ihren Kreislauf fort¬ 
setzen können. Vortragender hat in der Literatur 10 Fälle ver¬ 
zeichnet gefunden, die die Annahme des Ueberganges aus dem 
aleukämischen Stadium in das leukämische stützen; man wird in 
Zukunft mehr darauf achten und häufiger auch bei solchen Fällen 
das Blut untersuchen. 

Natürlich verläuft ein Thell der Fälle zum Tode, ohne dass 
sich sekundär die Erkrankung des Blutes zugesellt 

Es stellt Vortragender folgende Punkte fest: 

Der BegrlfT Pseudoleukämie ist klinisch kaum mehr zu halten. 
Wir kennen eine Erkrankung des lymphatischen Apparates, die wir 
nach T 11 r k Lymphomatosis neunen wollen. Diese zerfällt in ein 
aleukämisches uud in ein leukämisches Stadium. 

Unter Leukämie verstehen wir eine Erkrankung des Blutes 
selbst, die nicht nur bei Lymphomatosis, sondern auch bei anderen 
Erkrankungen als Komplikation verkommt. Die direkte Ursache 
ist noch unbekannt Maassgebend für die Diagnose einer Lymplio- 
matosis kann nur der Verlauf der Krankheit sein, nicht der 
augenblickliche Status. 

Herr Hof f mann spricht über „Hypophrenische Schmer¬ 
zen und Neurosen des Plexus coeliacus“. (Der Vortrag ist 
in No. 7 dieser Wochenschrift abgedruckt.) 


Gynäkologische Gesellschaft in München. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 18. Dezember 1901. 

Vorsitzender: Herr J. A. Amann. 

Herr Sittmann: Heber Hysterie. 

Vortragender gibt zunächst einen allgemeinen Ucberblick 
über die Symptomatologie und Diagnostik der Hysterie, deren 
Vielgestaltigkeit ein wirklich erschöpfendes Bild fast unmöglich 
macht. Nur in einer Reihe von Fällen bestehen unzweideutige 
pathognomonische Symptome, sehr häufig kann man die Diagnose 
nur per exclusionem stellen. 

Hysterische Störungen können fast ausnahmslos alle Funk¬ 
tionen des Körpers befallen, und zwar sowohl auf moto¬ 
rischem als auch auf sensiblem Gebiete, doch gibt es einer¬ 
seits gewisse Prädilektions-, andererseits anscheinend 
immune Funktionen. 

Die motorischen Störungen treten in Form von Ausfalls¬ 
erscheinungen (Lähmungen), und von Reizerscheinungen (Kräm¬ 


pfen) auf, deren Wesen im Verhältniss zu den entsprechenden 
organischen Störungen erörtert wird. 

Bezüglich der hysterischen Lähmungen hebt Vortragender be¬ 
sonders die Inkongruenz mit dem Gesammtbild hervor, 
ferner die zeitweiligen Remissionen durch psychische Be¬ 
einflussung. 

Bei den hysterischen Sensibilitätsstörungen fällt am meisten 
auf die Inkongruenz der Erscheinungen mit 
dem anatomischen Nervenverlauf, und andererseits 
die Uebereinstimmung mit dem Organ im Volkssinn (ganze 
Hand, Arm u. s. w.), die segmentale Anordnung der 
gestörten Bezirke, bezw. deren Form und Begrenzung. 

Besonders charakteristisch sind die sogen. Druck¬ 
punkte, ferner die konzentrische Einengung des 
Gesichtsfeldes und die Vasomotorenstörung der Haut 
(Dermographie), weniger charakteristisch dagegen er¬ 
scheint das Verhalten der Reflexe. 

Vortragender bespricht dann eine Reihe von hysterischen 
Erscheinungen an den verschiedenen Organen, an Lunge (Tachy¬ 
pnoe u. a.), an Herz (Tachy-Bradykardie, Arythmie) und im Ge¬ 
biet des Intestinaltraktus, wo schwere Erscheinungen wiederholt 
organische Leiden vorgetäuscht und operative Eingriffe ver¬ 
anlasst haben. 

Die Störungen im Gebiet der weiblichen Genitalorgane sind 
zwar, wie der Name „Hysterie“ zeigt, die am längsten be¬ 
kannten. Doch ist nicht entsprechend geklärt, inwieweit Genital¬ 
beschwerden auslösende oder fördernde Momente darstellen, oder 
ihrerseits als hysterische Erscheinungen anzusehen sind, wie 
z. B. nach Gustav Klein die Hyperemesis gravidarum. 

Das hysterische Fieber hat sich, wenn auch theoretisch seine 
Möglichkeit zuzugeben, meist als direkter Betrug herausgestellt. 

Vortragender bespricht dann die verschiedenen Theorien 
über das Wesen der Hysterie, die auch heute noch sehr strittig 
sind. Am plausibelsten erscheint die Auffassung der Hysterie 
als einer Erkrankung des Vorstellungsvermö¬ 
ge n s (französische Schule, Möbius), doch erklärt auch diese 
Theorie nicht alle Erscheinungen befriedigend. 

Vom forensischen Standpunkte aus hält es Vortragen¬ 
der für wichtig, ob man die Hysterie als Psychose, Neurose oder 
Neuro-Psyehose betrachte, sowohl in kriminellen Fragen, 
als namentlich in Unfallprozessen. 

Auf die Stellungnahme bei Begutachtung von traumatischen 
Hysterikern geht Vortragender unter Anführung von Beispielen 
ausführlicher ein, und warnt vor der scheinbaren Humanität 
durch Zuweisung hoher Renten, wodurch der Kranke thatsächlich 
geschädigt wird, da ßie ihn am Gesundwerden verhindert; ein ge¬ 
wisser Zwang zur Arbeit erscheint als wichtigster Heil¬ 
faktor in solchen Fällen. 

Diskussion: Herr v. Hösslin weist darauf hin, dass 
nach seiner Erfahrung die Stigmata von untergeordneter Bedeu¬ 
tung sind gegenüber den psychischen Defekte u, beson¬ 
ders den Charakterdefekten der Hysterischen, die er 
eigentlich immer findet. Jedenfalls lasse sich die Trennung ln 
Degenerirte und Hysterische, entgegen der Annahme 
französischer Autoren, nicht aufrecht halten. Man müsse la¬ 
tente und paroxysmale Hysterie unterscheiden, welch’ 
letztere durch verschiedene Gelegeuheitsursachen, z. B. Traumen, 
aus der latenten Hysterie entstehe. Der Nachweis der Stigmata 
lasse keinen Schluss auf die Arbeitsfähigkeit zu. 

Herr Sittmann betont demgegenüber nochmals den Werth 
der Stigmata für die Diagnostik der Hysterie, da alle Symptome 
vorgetäuscht werden können, und macht darauf aufmerksam, dass 
Unfallshy8teriker gerade durch häufige Untersuchungen zur Simu¬ 
lation erzogen werden. 

Herr Seif kritisirt die verschiedenen vorgetragenen Theorien 
über das Wesen der Hysterie und bezeichnet die Hysterie als eine 
psychische Erkrankung, die mit körperlichen Erscheinungen ein¬ 
hergehen kann, aber nicht muss, und deren Hauptcharakterl- 
stikum in der Labilität des Gefühlslebens, in einer 
abnorm intensiven Reproduktionsfähigkeit vou Ge¬ 
fühlszuständen und deren ursprünglichen körperlichen Begleit¬ 
erscheinungen besteht. 

HerrTesdorpf (Autoref.): Redner führt aus, dass es behufs einer 
genauen Definition des Wesens der Hysterie zweckmässig sei, sieh 
des Begriffes der „Dissoziation“ zu bedienen. Auf Dissoziation 
lasse es sich beispielsweise zurüekführen, weun bei Hysterischen 
die Vorstellungen, die Gefühle und Willeusäusserungen unab¬ 
hängig von einander und einseitig die psychischen uud körper¬ 
lichen Geschehnisse beherrschen, ebenso wie es sieh vielfach auf 
Dissoziation zurückführen lasse, wenn Hysterische bestimmte 
Farben oder nur bestimmte sonstige Sinneseindrücke wahrnehmen. 
Durch Einführung des Begriffes der Dissoziation gelinge es nicht 
nur, den Widerspruch zwischen den verschiedenen Definitionen 


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MÜNCHENER 


MEDIClNlSCIiE WOCHENSCHRIFT. 


No. 9. 


welche im Vortrage von Dr. Sittmnnn, sowie in der auf dies n 
Vortrag folgenden Diskussion Erwähnung gefunden hätten, aus- 
zugleiehen — (*s werde dadurch, dass man die Vorgänge, welche 
den hysterischen Störungen sowohl im Ilirue als im übrigen 
Körper zu Grunde lägen, als Dissoziationsvorgüuge betrachte, für 
eine Reihe hysterischer Phänomene auch ein weit klareres Ver¬ 
ständnis» gewonnen, als dies möglich sei, wenn man sich damit 
begnüge, alle körperlichen und psychischen Störungen der Hyste¬ 
rischen lediglich als von Vorstellungen ausgehend aufzufassen. 
So sicher es sei, dass psychische Einwirkungen oftmals hyste¬ 
rische Symptome zum Schwinden bringen, so dürfe man doch nicht 
so weit gehen, alle hysterischen Störungen als lediglich auf krank¬ 
haften Vorstellungen beruhend hinzustellen. Vorstellungen seien 
psychische Vorgänge, die mit Bewusstsein des betreffenden In¬ 
dividuums stattfänden; viele Hysterische würden sich aber eines 
grossen Theiles ihrer Störungen überhaupt nicht bewusst. Es 
empfehle sich in jedem einzelnen Falle von Hysterie, statt aus¬ 
schliesslich nach krankhaften Vorstellungen zu fahnden, viel¬ 
mehr die Wechselbeziehungen zwischen den jeweiligen körper¬ 
lichen und psychischen Störungen klar zu legen. Insbesondere 
bei letzterer Betrachtungsweise, welche Redner sich seit Jahren 
bei Beurtheilung Hysterischer zur Regel gemacht habe, zeige sich 
die Bedeutung, welche das Festhalten am Begriffe der Dissoz ation 
für die Erklärung und Behandlung hysterischer Phänomene hab •. 

Herr Ranke sieht ebenfalls das Charakteristische der 
Hysterie ausschliesslich in psychischen Erscheinungen; die 
körperlichen Stigmata seien mehr oder weniger zufällige Befunde, 
abhängig von unseren Fntersucluingsmethoden und dement¬ 
sprechend im Laufe der Zeiten wechselnd. Genitalerkrank¬ 
ungen konnte er nur bei einem Sechstel aller seiner daraufhin 
untersuchten Patientinnen linden. 

(Fortsetzung der Diskussion in der nächsten Sitzung.) 

Dr. Sigra. Mirabeau. 


Aerztlicher Verein in Nürnberg. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 7. November 1901. 

Vorsitzender: Herr Carl Koch. 

1. Herr Neuberger demonstrirt a) einen Fall von Kera¬ 
toma palmare et plantare. 

b) einen Fall von beginnendem Lichen ruber verrucos. 

2. Herr v. Rad stellt einen Fall von Hemiplegia alternans 
superior, Iwdingt durch einen Bluterguss im rechten Hirn¬ 
schenkel, vor. 

Es handelt sich um einen jetzt 44 jährigen Malermeister, 
dessen Anamnese ausser einer vor 2 Jahren durchgemnchten Blei¬ 
vergiftung nichts Besonderes ergibt. Insbesondere sind Lues und 
Potus nirnlus nicht vorausgegangen. Der Patient erkrankte am 
30. VIII. 11)00 Abends 9 i hr plötzlich an heftigem Schwindel. 
Gleich hinterher bestand Doppeltsehen, das rechte Augenlid hing 
herab, die ganze linke Körvierlmlfte war gelähmt Im Bereiche der¬ 
selben bestanden starke Parästhesien. Die von mir am 13. IX. 1900 
vorgenommene Untersuchung (ich verdanke dieselbe der Freund¬ 
lichkeit des Herrn Kollegen Dr. Kraken berger) ergab fol¬ 
genden Befund: Am rechten Auge besteht starke Ptosis, der Bulbus 
kann nur nach aussen und etwas nach unten bewegt werden. Nach 
allen anderen Richtungen hin ist das rechte Auge unbeweglich. 
Die rechte Pupille ist bedeutend weiter als die linke, die Reaktion 
auf Licht und Konvergenz ist beiderseits prompt. Die Bewegungen 
des linken Auges sind völlig frei. Der Augenhintergrund ist beider¬ 
seits normal. Der linke Facialis ist mit Ausnahme seines oberen 
Astes völlig gelähmt. Die Zunge weicht nach links ab und kann 
nach dieser Seite hin nur minimal bewegt werden. Die aktive Be¬ 
weglichkeit des linken Armes und Beines ist sehr herabgesetzt, 
keine Spasmen, Patellarreflexe links gesteigert, kein Patellar- und 
Fussklonus. Die Sensibilität war am linken Arm und Bein eut- 
ichnden herabegesetzt gegen rechts. Geringe Ataxie. Es bestand 
eine starke Gleichgewichtsstörung beim Stehen und Gehen. Der 
Puls war hochgespannt, das Herz hypertrophirt und der II. Aorten¬ 
ton klappend. Der Urin war frei von Eiweiss. Bei dem Patienten 
fällt ein zwangsmässig auftretendes, uumotivirtes Lachen und 
Weinen auf. 

Am 22. IX. 1900 bestand die Oculomotoriuslähmung unver¬ 
ändert fort, dagegen haben die motorischen und sensorischen 
Lähmungserscheinungen der linken Körperhälfte eine entschiedene 
Besserung erfahren; auch war die Gleichgewichtsstörung ge¬ 
ringer geworden. 

Die Besserung machte unter elektrischer Behandlung sicht¬ 
liche Fortschritte, nur blieb die Oculomotoriuslähmung unver¬ 
ändert. 

Als ich am 5. X. 1901 den Patienten wieder sah, klagte er 
iilwr Schwäche im linken Arm und Beine, sowie pelziges Gefühl in 
denselben. Die Untersuchung ergab am rechten Auge starke 
Ptosis und Behinderung der Beweglichkeit nach oben und innen. 
Die Pupillen waren jetzt gleichweit und reagirten prompt. Die 
grobe Kraft am linken Ann und Bein war entschieden herab¬ 
gesetzt, die Sehnenretiexe gegen rechts etwas gesteigert. Der Gang 
war leicht hemiplegiseh, dabei Klagen iil>cr taumeliges Gefühl im 
Kopf. Sensibilitätsstürungen waren nicht nachzuweisen. Sehr 
ausgesprochen waren die Erscheinungen einer beginnenden De¬ 
menz. 

Auf Grund der rechtsseitigen Oculomotoriuslähmung und der 
linksseitigen Hemiplegie, welche beide aus einer Ursache ent¬ 


standen und gleichzeitig in Erscheinung getreten sind, ist tuan 
wohl berechtigt, in diesem Falle die Diagnose auf einen Herd 
(Blutung) im rechten Hirnschenkel zu stellen. 

3. Herr Landau; Ueber Gesundheit und Krankheit. 


Nürnberger medicinische Gesellschaft und Poliklinik. 

<Of fiel eil es Protokoll.) 

Sitzung vom 6. Februar 1902. 

Herr Johann Merkel trägt vor über einen Chirurgen de 3 
18. Jahrhunderts. 

In der Einleitung verbreitet sich derselbe über den Werth 
geschichtlicher Studien für die allgemeine und Fortbildung des 
Arztes unter Anführung verschiedener Gesichtspunkte, welche 
hiebei in Betracht kommen, als da sind: Entwicklungsphasen und 
Moden in der Medizin, Kritik wissenschaftlicher Eintagsfliegen 
und solider Wissenschaft, Erkenntnis», dass man sich bescheiden 
müsse, nur einen winzigen Thell unendlich vieler Probleme er¬ 
klären zu können u. s. w. Sodann wird das 18. Jahrhundert in 
Bezug auf seine chirurgischen Leistungen in Frankreich be¬ 
sprochen und darauf hingewiesen, dass sich die dortigen Chirurgen 
zuerst von der entehrenden Verkoppelung mit dem Barbier¬ 
stand befreien mussten, was auch gelang. Dann findet die Grün¬ 
dung der Academie royale unter Ludwig XV. Erwähnung (1743), 
aus welcher die drei grossen Wundärzte: Jean Louis Petit, 
Antoine L o r I n und Desaul t liervorgiugen. M. geht dann zu 
einer eingehenden Biographie I) e s a u 1 t’s über, welcher bei seinem 
Im 49. l>ebensjnhre erfolgten Tod, die höchste Stufe des Ruhmes 
erreicht hatte. Er lebte von 1744—1793. D e s a u 11 war der erste 
Chirurg, welcher aus Anatomie und Physiologie die leitenden 
Ideen für chirurgische Indikationen schöpfte und diese Richtung 
glanzvoll kultivirte. Auf seinen Schultern standen die grossen 
Chirurgen Frankreichs im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. 
Er war der eigentliche Vater der chirurgischen Anatomie. Nach 
Aufzählung seiner grossen Errungenschaften in der Chirurgie wird 
noch seiner letzten Lebenszeit gedacht, welche in die Schrecken 
der Revolution fiel. Unter dem Kummer über verstorbene und 
guillotinirte Freunde als Proscribirtor iu’s Gefängnis« geschleppt, 
wurde er auf das Drängen seiner Schüler und des Volkes wieder 
befreit, starb aber bald nach 4 tägiger Krankheit. Am Fuss seiner 
Büste steht der Vers: 

„Port du tcniple de mflmoire 
Ouvrez vous! il l'a ru£ritG 
II vecut assez pour sa gloire. 

Et trop peu pour rhumanltG." 

Herr Gessner demonstrirt a) einen 25jährigen, an Ulcus 
ventrieuli leidenden Patienten mit Kaveraom der Zunge und des 
Bodens der Mundhöhle. Das Leiden ist vor 2 Jahren zuerst 
aufgetreten. Patient hat das Gefühl der Schwere in 
der Zunge und eine gewisse Unbeholfenheit beim Sprechen. Das 
Kavernom betrifft hauptsächlich die rechte Zuugenhälfte. Die 
sichtbare Verbreitung auf den Boden der Mundhöhle (Mm. mylo¬ 
hyoideus. hyoglossus u. s. w.) ist erst unter den Augen des Be¬ 
obachters (seit etwa 14 Tagen) aufgetreten. Prognose ungünstig 
wegen der Tendenz der raschen Verbreitung und der ausserordent¬ 
lichen Schwierigkeiten der operativen Entfernung. 

b) eine Blasenmole, die nach 5 monatlicher Schwangerschaft 
und nach vorhergäugigeu (5 wöchentlichen Blutungen ausgestosseu 
wurde. Temperatur bei Ankunft des Arztes 40,8°, Puls 130. Nach 
Entfernung eines grossen Stückes Plazenta aus dem Uterus und 
Tamponade des Uterus und der Schelde Stillstand der Blutung und 
Verschwinden des Fieliers. Noch 8 Tage nach dem Abortus Ab¬ 
gang von Blasen. Allgemeinbefinden jetzt sehr gut Keine Tem- 
perutursteigerung. Puls normal; l’nterleibsorgane in Ordnung. 
l*at. hat bereits ein gesundes Kind. Aetiologie nicht aufzufindeu. 
Von einem Fötus waren keine Reste nachweisbar. Pat. will nach 
4y s monatlicher Schwangerschaft Kindsbewegungen gefühlt haben. 
Diese Thntsaehe kann wolü nur als Autosuggestion gedeutet 
werden. 

Herr Fla tau demonstrirt 10 Tumoren (9 subseröse und 
interstitielle Myome und 1 Ovarialcyste), die er an dem Genitale 
einer 40 jährigen Nullipara exstirpirt hat. Das Gewicht der gc- 
sanunten Masse beträgt 17*/ 2 Pfund; das grösste Myom war 
1(4 lnaunxkopfgross und wog 0 kg. Trotz dieser Eingriffe liess 
sich der Rest des Uteruskörpers noch sehr gut in allen seinen 
Wundbetteu vernähen und wurde, der letzten Anregung Ols- 
h a u s e n's folgend, erhalten. 

Im Uebrigen warnt Fla tau vor dem allzu konservativen 
Verfahren l>ei Myomoperation. Der allzu grosse Konservatismus 
kann Anlass zu ueueu Operationen und Laparotomien geben. Die 
besten Warnungen geben 2 Krankengeschichten: 

1. M. A. aus P., 30 Jahre, Nullipara, wurde in einer Universi¬ 
tätsklinik der supravaginalen Amputation des myomatösen Uterus 
nach Zweifel unterworfen. Vielleicht war Z w e i f e l’s Rath 
der sogen. Reseetio uteri (Gynäkologenkongress Berlin 1899) die 
Ursache, dass ich bei der Untersuchung einen Uterusrest fand, 
der die Sonde 10—11 cm eindringen liess. Die Kranke hatte mich 
ihrer profusen. 2 wöchentlichen Blutungen wegen aufgesucht; 
sie wären fast noch schlimmer als vor der Operation des Tumors. 
In diesem Falle machte ich die Vaporisation und verödete durch 
ihre Anwendung (l>/ 2 Min.) den Uterusrest 

2. Frau F., 42 Jahre, wurde von einem Münchener Gynäkologen 
wegen Myoms nach dem Z w e i f e l’schen Verfahren operirt Pat 


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4. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


380 


.suchte jetzt tneiue Hilfe auf wegen profuser, rasch 
wiederkehren den Blutungen; ausserdem hat sie noch 
eine faustgrosse Bauehhernie und unterhalb derselben eine eiternde 
Bauchdeckenlistei. Ich musste die Kranke einer komplizirten 
operativen Behandlung unterziehen, um alle die Leiden zu be¬ 
seitigen, welche sie einer sogen, „erhaltenden“ Operation zu ver¬ 
danken hatte. Auch hier war der Uterusrest nahezu 12 cm lang; 
maligne Erkrankung war in beiden Fällen ausgeschlossen. 


Aus den englischen medicinischen Gesellschaften. 

Medical Society of London. 

Sitzung vom 13. Januar 1902. 

A. W. Mayo B o b s o n sprach über die chirurgische Be¬ 
handlung von Obstruktionsikterus auf Grund von Erfahrungen 
an mehr als 200 Fällen. 

Als Ursachen einer Verlegung resp. eines Verschlusses der 
Gallenausführungsgänge nennt Redner zunächst folgende 12 Mo¬ 
mente: 1. Cholelithiasis im Ductus choledochus, 2. Chronische 
Pankreatitis, 3. Einfache Strlktur des Ductus choledochus, 4. Ent¬ 
zündliche Adhäsionen, welche am Ductus choledochus oder hepa- 
ticus eine Kompression oder Steuosirung bewirken, 5. llydatiden in 
der Leber mit Kompression oder Durchbruch in die Gallenwegc, 
t». Gummata der Gallengänge, 7. Chronischer Katarrh derselben, 
H. Krebs des Ductus choledochus, 9. Krebs des Pankreaskopfes. 
10. Leberkrebs mit Gelbsucht bedingendem Katarrh oder Kom 
pression, 11. Lebercirrhose, 12. Andere, seltene Affektioneu, wie 
Aneurysma der Leberarterie oder der Aorta und Neubildungen 
au der Leber, Niere, Gallenblase, dem Pylorus etc. 

Bel den unter 0 und 7 genannten Momenten ist natürlich nur 
eine medizinische Behandlung am Platze, bei den Rubriken 8—12 
kann jegliche Therapie uur einen palliativen Erfolg erzielen, aber 
bei den ersten 5 ist oftmals mittels chirurgischer Maassnahmen 
eine völlige Heilung zu erreichen. So ist es Verf. mehrmals ge¬ 
lungen, eine chronische Entzündung des Pankreas durch eine 
C'holecystotomie zur Heilung zu bringen; eine einfache Schwellung 
und Härte des Pankreaskopfes selbst im Verein mit Vergrösseruug 
der Drüsen Ist kein Beweis für Karzinom. Ebenso hat R. min¬ 
destens 2 Fälle beobachtet, bei denen nach Eröffnung der Bauch¬ 
höhle die ausgedehnten Adhäsionen um die entzündete Gallenblase 
als krebsig imponlrten, und nachher die Patientin ohne weiteren 
Eingriff sich doch schliesslich völlig erholten. Als ein sehr zuver¬ 
lässiges diagnostische« Zeichen bei Gallensteinen führt er Span¬ 
nung de« rechten Muse, rectus abdominis an nebst Empündlichkeit 
eineu Zoll nach rechts und oberhalb vom Nabel. Im Allgemeinen 
ist die Diagnose oft sehr schwer zu stellen, wie Redner an einer 
ganzen Reihe von l>egnngenen Irrthümern auch hervorragender Kli¬ 
niker uachweisb Wo irgend welche Zweifel obwalten, soll man 
ohne Säumen eine Probelaparotomie ausführen. Auch mehrere 
Fälle von bösartiger Neubildung an der Leber hat R. mit Erfolg 
operirt. Die grösste Gefahr bei der Operation bergen namentlich 
2 Momente. Schock und Blutung, ferner Erschöpfung und Sepsis, 
sowie andere Komplikationen allgemeiner Art. Die Mortalität be¬ 
trug 10,4 Proz. resp. seit Januar 1900 etwas weniger, nämlich 
14,2 Proz.; bei den eigentlichen Cboledochotomien Anfangs 
14.5 Proz., in der späteren Periode nur 7,4 Proz. Als wichtige Vor- 
l»ereitung»kur zur Verhütung stärkerer Hämorrhagieu empfiehlt lt. 
die Darreichung von Cblorealcir.m mindestens 2 Tage lang vor 
der Operation; nach derselben gibt er es mit Nährklystieren lm 
Nothfall noch 3—4 Tage lang. Viel Gewicht ist auch auf Schnellig¬ 
keit beim Operiren zu legen. Es ist möglich, eine Choledochotomie 
in y 2 —% Stunden auszuführen. 

*F. E v e hat auch bei 2 Fällen bei der Operation eine chro¬ 
nische Pankreatitis beobachtet und A .E. B a r k e r hat auch an¬ 
scheinend krebsige Massen gelegentlich nach der Laparotomie 
spontan verschwinden sehen. 

J. H u t c h 1 n s o n Jr. hält die Geschwindigkeit beim Operiren 
nicht für so sehr wichtig, denn man sehe nach Darmresektionen ge¬ 
wöhnlich weniger Erschöpfung als nach der kürzere Zeit bean¬ 
spruchenden Einfügung eines M urph y’scheu Darmknopfes. 
KIhuiso werden gynäkologische Operationen meist gut vertragen. 

Robson beantwortet eine Anfrage nach der Dosirung des 
Calclumehlorids dahin, dass er vorbereitend 2 Tage lang 1,8 Gramm 
ter die per os gebe, alsdann unmittelbar vor der Operation 3,G iu 
Klystier und die gleiche Dosis per rectum 3 mal täglich, während 
der nächsten 3—4 Tage, ln Bezug auf Operationsdauer bemerkt 
er, dass bei Eingriffen lm unteren Thell des Abdomens der Schock 
in der Regel viel geringer Ist als in den höheren Partien. 


Verschiedenes. 

Aus den Parlamenten. 

Bayerischer Landtag. 

Bei dem Etat für Gesundheit nahm die Debatte über die 
Apotheken frage, die durch die Bestrebungen zur Reform 
des Arznei tax wesens auch in der Oeffentlichkeit mehr Interesse 
beanspruchte, einen breiten Raum ein. Der Abgeordnete Ehr¬ 
hart brachte zwar seinen lm Jahre 1898 gestellten Antrag nicht 
wieder, dass man die Apotheken den Gemeinden übergeben und 
in der Zwischenzeit auch leistungsfähigen öffentl. Krankenkassen 
das Recht auf Errichtung von Apotheken verleihen solle, forderte 
Jedoch eine baldige Regelung der Konzessionsfrage und wies darauf 


hin, dass in Hessen die Gemeinden das Recht hätten, selbst Kon¬ 
zessionen zu erwerben. Er rügte ferner die Verpflichtung <h : Kon¬ 
zessionäre, die alte Apotheke nicht nur zu ihrem wirklichen, son¬ 
dern sogar zu ihrem Idealwerthe altzulösen, den Apoih ken- 
sohacher. den Kampf der Apotheker gegen die Droguisteu, die 
Spezialitäten u. s. w., sowie die hohen Arzueltaxprelse, die bei 
manchen Krankenkassen die Kosten für die ärztliche Behandlung 
übersteigen. Der Referent, Dr. Cassel mann, war theil weise 
damit einverstanden, bedauerte es, dass mit den Apotheken viel¬ 
fach geradezu ein Wucher getrieben werde und bezeicliaete es 
als wüuscheuswerth, wenn die kgl. Staatsregierung Mittel und 
Wege finden würde, um diesen Missständen entgegen zu treten. 
Dagegen beurtbellte er die Einnahmen der Apotheken nicht so 
günstig, und suchte die Angaben des Abgeordneten E h r b a r t 
über die Höhe der bayerischen Arzneitaxen zu widerlegen. Hierin 
stimmte ihm auch der kgl. Staatsminister zu. welcher als Beweis 
der nieder gehaltenen bayerischen Taxen insbesondere den Punkt 
anführte, dass die Apotheken (len Krankenkassen io Proz. Rabatt 
gewähren müssen. Ein Vergleichung der bayerischen Arzneitaxeu 
mit denen anderer deutscher Bundesstaaten fand nicht statt, es stand 
daher iu der Kammer Meinung gegen Meinung. Es wird sich diese 
Frage wohl auch kaum in einer so grossen Körperschaft, wie dem 
bayerischen Abgeordnetenhause, austrageu lassen, sondern nur durch 
eine sachliche, detailllrte Gegenüberstellung der Arznei preise in 
den einzelnen Ländern. Viel wichtiger noch als diese Fra re der 
Arzueirerbllligung ist die andere Frage des Systemes der Apo- 
thekenkonzession, die die Höbe der Arzueipreise mit verursacht. 
Grösser als auf diesem Gebiete könnte die Verwicklung nicht leicht 
sein. Neben den alten, frei übertragbaren Realrechten haben wir 
in Bayern eine grössere Anzahl sogen. Personalrechte, die aber in 
der Art der Uebertragung sehr nahe an die Realreehte hinkominen. 
Die Ausführungsbestimmungen zu dem Gewerbegesetz vom 30. Ja¬ 
nuar 18G8 sind, soweit sie die Apotheken betreffen, in der Haupt¬ 
sache 2G Jahre vorher erlassen worden, nämlich iu der Verordnung 
vom 27. Januar 1842. Nach dem Jahre 18t>8 bat das kgl. Staats 
miuisterium sehr wichtige prinzipielle Punkte lediglich auf dem 
Wege der Entschliessuugen geregelt, und hat die nothwendige Re¬ 
form nicht iu die Hand genommen, sondern der Reichsregierung 
überlassen. Wie der kgl. Staatsininister in der Sitzung vom 17. Fe¬ 
bruar d. J. erklärte, wird dieser Gegenstand noch immer beim 
Reichsamt des Innern erwogen. 

Dass, wie der kgl. Staatsininister weiter betonte, fortwährend 
eine Vermehrung der Apotheken statttindet und bei der Verleihung 
einer Konzession lediglich auf Aneienuitüt und Qualifikation Rück¬ 
sicht genommen wird, beseitigt nicht die ganze gerechtfertigte 
Forderung nach einer gründlichen Reform des ganzen Apothekern 
wesens. Je länger diese himiusgeschobeu wird, desto schwieriger 
und verwickelter wird sie werden, und desto mehr leiden darunter 
die Apotheker selbst am meisten. Es Ist hier nicht der Platz 
weiter darauf elnzugelien. 

Wenn ich noch berichte, dass auch aus Aulass eines beson¬ 
deren Falles über die Befugnisse der allopathischen und homöo¬ 
pathischen Apotheken behufs Zubereitung und Abgabe von Arz¬ 
neien dobattirt wurde, so geschieht dies mit dem Hinweis darauf, 
dass das Fortbestehen rein homöopathischer Apotheken nicht mehr 
den neuzeitlichen Bedürfnissen entspricht und auch kaum rentir- 
lich ist, wie das Drängen dieser Apotheken, ihnen die Abgabe aller 
Arzneien zu gestatten, am besten beweist. Wer die Entwickelung 
der klinischen Medizin im vorigen Jahrhundert verfolgt, kann das 
Auftauchen und Anklangünden der Homöopathie verstehen, aber 
er wird nicht begreifen, dass die homöopathischen Apotheken 
noch nicht iu die historische Rumpelkammer gewandert sind. 

Der Abgeordnete Dr. Zimmern lenkte die Aufmerksamkeit 
der Abgeordnetenkammer auf die Gefahr für die Gesuudheitsver- 
bältnisse des Rheines, die sich längs der bayerischen Strecke durch 
die Einleitung der Fäkalien aus grösseren badischen Städten er 
gibt. Der kgl. Staatsminister konnte noch nicht mittheilen, ln 
welcher Welse die Regierung hei dem Dilemma der Städtereinigung 
und Flussverunreinlguug Stellung nimmt, sondern beschränkte sich 
auf die Mittheilung, dass der Obermedizinalausschuss ein ein¬ 
gehendes Gutachten erstatten und dass auch der Reichsgesundheits- 
ratli sieh mit dieser Sache zu befassen haben wird. 

Dr. Becker- München. 

Auch ein Kollegei 

Im Strafgefängniss zu Halle befand sich vor Kurzem ein 
57 jähriger Abdecker und Kräutersammler A., der wegen Ver¬ 
brechens gegen § 175 St.-G.-B. zu 4 Monaten Gefängniss und 
3 Jahren Ebrenverlust verurthellt war. Er hatte lm l>ezeml>er 190:) 
mit einem schwachsinnigen, lm gleichen Hause wohnenden 
Burschen 2 mal Päderastie getrieben. Der Verartlieilte leugnete 
die That, auch noch nach Verbüssung der Strafe, höchstens könne 
er das ln der Trunkenheit gethan haben; doch war der That bestand 
zweifellos. In den Akten fand sich ein völlig verworrenes Vev- 
theidigungsschreiben, das mir begründete Zweifel an der Zurech¬ 
nungsfähigkeit des A. wachrief. Eine genauere Untersuchung Hess 
ohne Schwierigkeit einen recht hohen Grad geistiger Schwäche 
erkennen. Schon vor langen Jahren hatte er an petitmalartigen 
Zuständen gelitten. Seit einigen Jahren haben sich „Geister¬ 
beschwernisse“ entwickelt, er sieht Erscheinungen, besonders aus 
der Bibel. Keine Gehörstäuscliuugen. Der Schwachsinn, eine ganz 
merkwürdig versehrol>ene Redeweise, Katalepsie und Andeutungen 
von Eehoerscheinuugen, sowie das Best (‘heu von affektlos auf- 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


gefassten Sinnestäuschungen, sprechen für die Diagnose einer 
jedenfalls schon alten Dementia praecox. 

Perverse Sexunleniptiuduug stellte A. aufs entschiedenste In 
Abrede. Doch gab er zu, „alle 2 bis 3 Monate müsse er ouanireu, 
sonst treibt’s den Bruch heraus". Päderastie würde er schon dess- 
halb nicht treiben, weil davon Mastdarmkrebs komme. 

Am Tage vor seiner Entlassung aus der Strafanstalt erfuhr 
ich zufällig von ihm, dass er eine sehr ausgiebige Praxis betreibe. 
Kr sei dazu gekommen, weil er als Schäfer doch seine Scliafe be¬ 
handelt habe; da habe er gedacht, „was für Schafe gut ist, ist 
auch für Menschen gut“. Er habe auch sehr gute Erfolge erzielt 
und viele Leute gesund gemacht. An.manchen Tagen habe er bis 
18 Mark verdient und sei einmal 28 Stunden weit Uber Land ge¬ 
holt worden; für diesen Besuch habe er 50 Mark bekommen. 

Der Mann war von der Wirksamkeit seiner Mittel ehrlich über¬ 
zeugt; in aller Naivität bat er mich um Auskunft, wie mau Krebs 
sicher heile; dagegen habe er noch kein Mittel gefunden. Aus 
seinem Arzneisehatz vertraute er mir zum Dank für gute Behand¬ 
lung (in meiner Eigenschaft als Gefängnissarzt) einige seiner Mittel 
an. Gegen Durchfall hilft rothe „Terpentill“wurzel, gegen Wochen- 
betttieber Baldrian- und Hirtentäschchenthee, die Steinkrankheit 
vertreibt der schwarze Rettich, den Kopfschwindel Einreibungen 
an Schläfe, Wirbelsäule und Nacken mit einem Gemisch von 
Schlugbalsam, Zimmt, Regullnbalsam und Muskatnussöl. Die Kopf¬ 
rose entsteht durch Stockblut, zu ihrer Beseitigung dient 1 Ess¬ 
löffel Franzbranntwein mit 12—10 Tropfen Auisöl äusserlich. Bei 
Beinbrüchen muss erst das Bein eingerichtet werden, und dann 
werden Johannisblumen aufgelegt. Zur Nervenstärkung, Heilung 
innerlicher Erkrankungen, zur Erreichung hohen Altere und 
Verhinderung ansteckender Krankheiten dient eine Abkochung von 
einem Liter Birkensaft, 5 Loth Beerenkümmelwurzel, 5 Loth rothe 
Terpentillwurzol, 5 Loth Pimpernellwurzel, alle Morgen nüchtern 
ein Esslöffel. „Ein Mittel, wovon sich 3 Krankheiten entstehen, 
erstens die Bleichsucht, wenn das monatliche nicht geht, davon 
kommt die Gelbsucht, von die Gelbsucht daun die Schwarzsucht, 
so koche du dieseu Thee, auf deutsche Sprache heisst er Schlüssel¬ 
blume und rot lies Moos, was in sauren Wiesen wächst, eins so viel 
wie das andere gekocht, in 24 Stunden sind die Regeln da, auf 
lateinisch heisst das Moos Sonueuthau, der Thee aromatische 
Bliithen, jedes vor 10 Pf. zusammeugekocht, getrunken abends 
auf einmal.“ 

Ein ausgezeichnetes Mittel kennt A. gegen die Gelbsucht und 
Gallensteine. Diese erkennt man an Schmerzen auf der linken 
Seite. Es hal>e ihm einmal ein Kranker, der links Schmerzen ge¬ 
habt halie, erzählt, in Jena habe man Gallensteine festgestellt; 
das habe er sich gemerkt. Ein solcher Kranke müsse in eine gelbe 
Rübe urinlren; die gelbe Rübe wird dann in den Rauch gehängt, 
dann verziehen sich die Gallensteine. 

Besonders hübsch aber sind die nachfolgenden Beschwörungs¬ 
formeln. Bei bösem Mangel, Würmern und schwerer Noth sagt 
man In’s linke Ohr: „Es standen 3 unter einem Eichenbaum. Der 
Erste sprach: es ist ein Ungetlnim, der Zweite sprach: es sind die 
Würmer, der Dritte sprach: es ist die schwere Noth, in 24 Stunden 
sind sie alle todt". Gleichzeitig muss man dem Kranken mit dem 
„linken Fusswerk" 3 mal über das Kreuz im Namen des Vaters, 
des Sohnes und des heiligen Geistes in die rechte Flanke treten. 

Wenn Jemand vor 12—1 Uhr nicht eiusclilafen kann, und 
immer Geister und Gespenster im Traume sieht, ängstlich ist, Herz¬ 
klopfen und bleiche Lippen hat, so hilft keine Arznei. Dann sagt 
man den Spruch: 

„Zwei böse Augen haben dich übersehen. 

Drei böse Zungen haben dich Ubersproclien, 

Die haben dir genommen deinen Schlaf und deine Ruh, 

Dein Essen, deine ganze Eigenschaft. 

N. N. hat es gethan, ist es ein Mann, so fall’ es ihn an, 

N. N. hat es gethan. ist es ein Weib, so fahr es in ihren Leib, 

N. N. bist du be8chrieen, hinter- oder vorderwürts, 

So helf dir Herr Jesus Christ 

Hintervorderwürts im Namen des Vaters, des Sohnes und des 
heiligen Geistes. 

Und Friede von dir, unserm Herrn Jesus Christus. 

Gott gibt die Kraft dazu und der heilige Geist." 

Hat mau das Unglück, diese Krankheiten selbst zu haben, 
so haucht man seinen Athem zum Fenster hinaus und macht 
3 Kreuze mit der linken Hand ebenfalls zum Fenster hinaus und 
spricht diese Worte dazu: „Verflucht seist du durch Gottes Macht, 
im Namen Jesu Christi nehme ich dir die Teufelsmacht. Im 
Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes sollst du 
die Krankheit wieder haben.“ Gleichzeitig trägt man dauernd ein 
Pulver bei sich, bestehend aus Disteln, Dornen, Baldrian, schwar¬ 
zem Kümmel, Tilsamen und Fingerkraut für je 5 Pf. Am besten 
hilft die Beschwörung, wenn sie bei Sonnenuntergang und zur 
Zeit der ungeraden Stunden 7 oder 9 Uhr Abends vorgenommen 
wird, „dann kann nichts passiren“. 

Soweit die ln unglaublicher Orthographie (Balder Gähn 
== Baldrian, Liben — Lippen, Hoes alter = hohes Alter) verfassten 
und mit dem Namen uud der zugefügten sinnlosen Signatur: von 
Moschorus und Henkersknecht, unterschriebenen Mittheilungeu 
des Kollegen. Ob er seine Klientel auch, wie die Christian 
science, unter den sogen. Gebildeten und Vornehmen findet, ist 
fraglich, da er auf dem Lande wohnt Jedenfalls hat er vor dem 
neuesten, von Amerika importirten Schwindel auf dem Gebiete der 
Heilkunde Eines voraus, dass er an seine Mittel glaubt, und Eines 


No. 3. 

mit der Gebetsheilung nach Miss Eddv gemeinsam, dass geint- 
Thütigkeit ihm recht viel einbriugt. 

Der geisteskranke Abdecker und seine BeliandluMsmethoden 
bilden einen merkwürdigen Beitrag zur WerthschützuQg der ärzt¬ 
lichen Kunst am Anfänge des 20. Jahrhunderts. 

Prof. Dr. G. Aschaffenburg - Halle a/S. 

Zur Gesundheitsgesetzgebung. 

Das Reichsgesetz über die Schlachtvieh- uu.l 
Fleischbeschau vom 3. Juni 1900 war bekanntlich 
unter erschwerten Umständen zu Stande gekommen, da 
bei der Berathung im Reichstage die Vertreter <Jer einzelnen 
Interessengruppen einseitig nur ihren politischen Standpunkt ver¬ 
traten. Damals hat sogar der Staatssekretär Graf Po»adovaty 
die Nothwendigkelt eines hygienischen Gesetzes betonen 
müssen uud seine Verwunderung darüber ausgesprochen, dass man 
in der ganzen Debatte von der eigentlichen Absicht des Gesetzes, 
dem deutschen Volke eines seiner Hauptnahrungsipittel in einer 
gesunden, zweifellosen Form darzureichen. Nichts gehört habe; 
alle möglichen Nebenluteressen seien erwähnt worden, aber der 
Standpunkt der Volksgesundheit sei bei der ganzen Debatte völlig 
in den Hintergrund getreten. 

Man erinnert sich unwillkürlich dieser Worte, wenn man das 
Schneckentempo verfolgt, mit dem das Gesetz ijj Kraft gesetzt 
wird, uud man könnte zu der Meinung gelangen, dass nunmehr 
auch die Reichsregierung den Hauptgesichtspunkt aus den AugcD 
verloren habe, wenn sie von ihrer Befugniss, den Zeitpunkt d«. 
gänzlichen oder theilweisen Inkrafttretens des Gesetzes zu be¬ 
stimmen, ln den l'/ 2 Jahren seit Verkündigung <J*s Gesetzes jetzt 
erst zum zweiten Male und wieder nur bruchstückweise Gebrauch 
macht. Bei dem Tempo kann es noch Jahre dauern, bis das ganze 
Gesetz in Kraft tritt und die einheitliche obligatorische Fleisch¬ 
beschau in Deutschland eingeführt wird. Für Bayern ist die Sache 
allerdings nicht so dringend, da hier seit vielen Jahren eine ge¬ 
regelte Fleischbeschau besteht. 

Bisher war durch Kaiserliche Verordnung vom 30. Juni 19UU 
nur § 12 Abs. 1 in Kraft getreten, w’onach die Einfuhr von Fleisch 
in luftdicht verschlossenen Büchsen oder ähnlichen Gefässen, vou 
Würsten und sonstigen Gemengen aus zerkleinertem Fleische in 
das Zollinland verboten ist. Im Uebrlgen find für die Einfuhr 
von Fleisch aus dem Auslande interimistische Bedingungen auf 
gestellt. 

Durch Kaiserliche Verordnung vom 16. Fe¬ 
bruar 1902 tritt nunmehr nebst den zugehörigen Strafbestim¬ 
mungen auch der § 21 des Gesetzes am 1. Oktober 1902 in Kraft: 

„Bei der gewerbsmässigen Zubereitung von Fleisch dürfen 
Stoffe oder Arten des Verfahrens, welche der Waare eine ge¬ 
sundheitsschädliche Beschaffenheit zu verleihen vermögen, nicht 
nngewendet werden. Es Ist verboten, derartig zubereitetes 
Fleisch aus den» Auslande einzuführen, feilzuhalten, zu ver¬ 
kaufen oder sonst ln Verkehr zu bringen. 

Der Bundesrath bestimmt die Stoffe und die Arten des Ver¬ 
fahrens, auf welche diese Vorschriften Anwendung finden. 

Der Bundesrath ordnet an, inwieweit die Vorschriften des 
Abs. 1 auch auf bestimmte Stoffe und Arten des Verfahrens 
Anwendung finden, welche eine gesundheitsschädliche oder 
minderwerthige Beschaffenheit der Waare zu verdecken geeignet 
sind.“ 

Nach der Bekanntmachung des Reichskanzlers 
v o in 18. Februar 1902, betr. gesundheitsschädliche 
uud täuschende Zusätze zu Fleisch und dessen 
Zubereitungen, finden die Vorschriften des § 21 Abs. 1 des 
Gesetzes auf die folgenden Stoffe, sowie auf die solche Stoffe ent¬ 
haltenden Zubereitungen, Anwendung: Borsäure und deren Salze. 
Formaldehyd, Alkali- und Erdalkalihydroxyde und -Karbonate, 
schweflige Säure und deren Salze, sowie unterschwefligsaure 
Salze, Fluorwasserstoff und dessen Salze, Salizylsäure und deren 
Verbindungen, chlorsaure Salze. Dasselbe gilt für Farbstoffe Jeder 
Art, jedoch unbeschadet Ihrer Verwendung zur Gelbfärbung der 
Margarine und zum Färben der Wursthüilen, sofern diese Ver¬ 
wendung nicht anderen Vorschriften zuwlderlfiuft. (Anm.: Siehe 
Reichsgesetz vom 5. Juli 1887, die Verwendung gesundheitsschäd¬ 
licher Farben bei Herstellung von Nahrungsmitteln, Genuss¬ 
mitteln und Gebrauchsgegenständen betr.) 

Durch diese Bestimmungen Ist nunmehr für die Recht¬ 
sprechung bezüglich der Zulässigkeit von Fleischkonservirungs- 
mittelu und des Färbens von Wurstwaaren eine einheitliche gesetz¬ 
liche Grundlage geschaffen. Dr. Becker- München. 

Therapeutische Notizen. 

Die Indikationen zur Operation bei Ulen» 
ventrlculi möchte Delachaux auf Grund der bei Bour- 
g e t - Lausanne gemachten Erfahrungen lm Gegensatz tu 
F. Franke erheblich eingeschränkt wissen (Ther. Monatsb. 1, 02). 
Absolut indizlrt Ist die Operation nur bei der Perforation, sowohl 
ln akuten, wie in chronischen Fällen. Bei unstillbarem Erbrechen, 
unstillbaren Schmerzen, unaufhaltsamer Abmagerung und unstill¬ 
baren, häufig w'iederkehrenden Blutungen ist die Operation nur 
dann indizirt, wenn die Behandlung mit Elseuchloridspülungen 
keine Besserung bringt. In den Fällen von nicht eiutretender 
Besserung bandelt es sich nicht mehr um ein eigentliches Ulcus, 
sondern um Stenose oder um maligne Degeneration. Kr. 


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4. März 1002. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


301 


V a 1 y 1, das Diaethylamld der Baldriansäure, wurde vou 
Iv 1 e m p e i* e r bei allgemeinen nervösen Erregungszuständen, ner¬ 
vöser Schlaflosigkeit, Migräne mit wechselndem. Im Ganzen guten 
Erfolge gegeben. Ganz ausgezeichnet bewährte es sich dagegen bei 
rein nervös#h Herzbeschwerden, indem die unangenehmen Sen¬ 
sationen alllhühlich geringer wurden und zum Tlieil für längere 
Zeit ganz vcHlchwanden. Das Mittel wird vou den Höchster Farb¬ 
werken in Kapseln zu 0,125 in den Handel gebracht, die Dosis 
betrügt 3 und mehr, eventuell bis 10 Kapseln pro Tag. (Therapie 
der Gegenwart 1902, 1.) r g 


Tagfcsgeschichtliche Notizen. 

München, 4. März 1902. 

— In defi Etat des preuss. Kultusministeriums für 1902 
wurden 50 000 M. eingestellt zu Unterstützungen für die in Folge 
der Einführung des Kreisarztgesetzes auf Wartegeld gesetzten 
MedizinalbeamtMl. Durch das Gesetz sind 80 Kreisphysiker und 
Kreiswundäfite, meist Männer in höheren Lebensjahren, zur 
Verfügung gestalt worden, deren durchschnittliches Wartegeld 
rund 1219 bez\V, 072 M. beträgt. Da viele von diesen weder 
grössere Praxis Übch eigenes Vermögen besitzen, so befinden sie 
sich ln bedrängtet* Lage. Es ist mehr wie fraglich, ob die vom 
Minister in den Etat eingestellte geringfügige Summe genügen 
wird, hier ausreichende Abhilfe zu schaffen. 

— In der am BO. Februar abgehaltenen Generalversammlung 
des Komitees zur Veranstaltung ärztlicher Studienreisen in 
Bade- und Kurorte *ürde ein Statut des Komitees festgestellt. Zuni 
Vorsitzenden wurde Oeheimrath Prof. Dr. E. v. Leyden, zum stell¬ 
vertretenden Vorsitzenden Gehelmrath Prof. Dr. Liebreich 
gewählt Dr. W. II. Gilbert fuugirt als Generalsekretär, Dr. 
P. M e i s 8 n e r Berlltt als erster Schriftführer. Dr. A. Oliven 
als zweiter Schriftführer und Schatzmeister. Des Weiteren wurde 
der diesjährige Reiseplhn wie folgt festgesetzt Die Studienreise 
beginnt in Dresden, geht über Schandau, Königsbrunn, Billn, Tep- 
ütz. Giessbübel, Elster, iTranzensbad, Lobenstein, Stehen, Marieu- 
bad und endet in Karlsbad. Bemerkenswerth ist, dass in diesem 
Jahre die Studienreise bereits in den ersten Tagen des September 
beginnt und einen Tag vöt* Beginn der Naturforscherversammlung 
in Karlsbad endet. Hebet* die Kosten werden demnächst nähere 
Angaben gemacht werden. In das Ehrenkomitee wurden gewählt: 
Geheimrath Prof. Dr. Eulenburg - Berlin, Geheimrath Prof. 
1 >r. Ewald- Berlin. Dr. Llquer - Wiesbaden, Prof. Dr. Pos- 
n e r -Berlin, Prof. Dr. S c h \t a 1 b e - Berlin, Hofrath Dr. Spatz- 
München, Medizinalrath Prof. Dr. Soltmann - Leipzig. 

— Der Congofreistaat hAt in Leopoldville ein Laboratorium 
für Tropenpathologie errichtet, fiheh dem Modell des Laboratoriums 
von Weltevreden (Java). D6V erste Band der Arbeiten ist 
erschienen und enthält neue Studien von Van Campeuhout 
und Dryepondt über Malaria, über Filaria sanguinis und über 
die Schlafkrankheit der Neger. 

— Die Deutsche Gesellschaft für Volksbäder 
wird Ihre diesjährige HauptversanMnlung am 26. Mai in Weimar 
abhalten. Anmeldungen wolle man An die Geschäftsstelle der Ge¬ 
sellschaft, Berlin NW. 6. Karlstrasse 19, richten. 

— Wie aus der betreffenden Ankündigung im Inseratentheil 
dieser Nummer ersichtlich ist, werden lh Dresden die unentgelt¬ 
lichen Fortbildungskurse für Aerzte, wie sie daselbst 
im vorigen Jahre eingerichtet worden Sind und jährlich zweimal 
stattfinden sollen, im Jahre 1902 zunächst ln der Zeit vom 21. April 
bis 10. Mai abgehalten werden. 

— Pest. Aegypten. Vom 7. bis 13. Februar kamen zur An¬ 
zeige: in Tantah 6 Erkrankungen (und 9 Todesfälle), in Abusslr 
und in Kom-el-Nur je 1 (1). Aus Alexandrien wurde unter dem 
20. Februar 1 neuer Pestfall gemeldet. — Britisch-Ostindien. Iu 
der Präsidentschaft Bombay kamen vom 18. bis 24. Januar 6610 Er¬ 
krankungen (und 4869 Pesttodesfälle), d. h. 1062 (479) mehr als 
in der Vorwoche, zur Anzeige. In der Stadt Bombay wurden in 
der Woche vom 15. bis 21. Januar 358 Erkrankungen und 298 er¬ 
wiesene Pesttodesfälle, ausserdem 142 pestverdächtige Sterbe¬ 
fülle gezählt; die Gesammtzahl der Todesfälle daselbst belief sich 
auf 987. In dem Hafenorte Mandvl (Präsidentschaft Bombay» 
wurden am 17. und 18. Januar 3 Erkrankungen und 1 Todesfall 
an Pest festgestellt. — Mauritius. In den 5 Wochen Vom 6. De¬ 
zember v. J. bis zum 9. Januar wurden 42, 46. 38, 34. 37 Erkran 
klingen und 25, 21, 23, 23, 22 Todesfälle an der Pest festgestellt. — 
Kapland. In der Woche vom 19. bis 25. Januar kamen weder 
Neuerkrankungen noch Todesfälle an der Pest zur Anzeige. Da¬ 
gegen wurde Mitte Februar aus der unweit von Kapstadt belogenen 
Ortschaft Somerset West ein Pestfall gemeldet. — Brasilien. In 
Itio de Janeiro wurden vom 26. Dezemeber v. J. bis zum 25. Ja 
nuar 42 Erkrankungen und 20 Todesfälle an der Pest festgestellt. 
Die Pestepidemie in Campos ist laut Mittheilung vom 28. Januar 
( rloschen, dagegen waren damals in anderen Orten des Staates 
Rio de Janeiro noch während der letzten Tage vereinzelte Pest¬ 
fälle vorgekommen. 

— Pocken. Grossbritannien. In den Blattemhospitälern 
zu London hatten seit dem im August v. .1. erfolgten Ausbruche 
der Seuche bis zum 7. Februar d. J. 3001 aus dem Stadtbezirk und 
270 aus der Umgebung desselben stammende Pockenkranke Auf¬ 
nahme gefunden; davon waren im Ganzen 560 gestorben; am 
8. Februar befanden sich noch 1102 Pockenkranke in Anstalts- 
liehandlung. An einigen Tagen der ersten Februarwoche belief 
sich die Zahl der Neuerkrankungen auf mehr als je 80, dagegen 


sind am 8. Februar nur 32. am 9. und 10. Februar 23 bezw. 48 
neue Pockenfälle zur Anzeige gekommen. An Bord des am 
6. Februar von Boston in Liverpool eingelaufeueu Dampf«>rs 
..Kansas“ wurden 14 Pockenerkraukungen festgestellt. In Glas¬ 
gow. wo schon seit einiger Zeit in mehreren Stadttheilen verein¬ 
zelte Pockenfälle beobachtet wurden, lmt die Krankheit neuerdings 
in fast allen Stadtvierteln starke Verbreitung gewonnen; vom li. 
bis 16. Februar wurden 85 Neuerkrankungen zur Anzeige gebracht. 
Am 17. Februar befanden sich iu dem dortigen Hospitale 153 
Pockenkranke ln Behandlung. V. A. K. G.-A. 

— In der 7. Jahreswoche, vom 9. bis 15. Februar 1902, hatten 
von deutschen Städten über 40 000 Einwohner die grösste Sterblich¬ 
keit Fürth mit 29,3, die geringste Schöneberg mit 5.9 Todesfällen 
pro Jahr und 1000 Einwohner. Mehr als ein Zehntel aller Ge¬ 
storbenen starb an Masern in Solingen; an Diphtherie und Cro.ip 
in Elberfeld, Koblenz. Oberhausen. 

(Hochschulnachrichten.) 

Göttingen. Dr. J e n k e 1, I. Assistent der chirurgischen 
Klinik hat sich mit einer Probevorlesung über die chirurgische 
Behandlung der Sarkome habilitirt. Prof. Julius .1 o 11 y, Ordi¬ 
narius für Sanskrit in Würzburg, ist von der hiesigen medi¬ 
zinischen Fakultät zum Ehrendoktor ernannt. Veranlassung zu 
der Ehrung des verdienstvollen Forschers war seine umfassend“ 
Geschichte der indischen Medizin. (Hiermit berichtigt sich die 
Mittheilung in voriger Nummer, wonach die medizinische Fakultät 
Würzburg dem hervorragenden Indologen diese Würde verliehen 
habe.) 

Giessen. Als Nachfolger L ö h 1 e i n s auf den Lehrstuhl 
für Gynäkologie an der hiesigen Hochschule ist. der Frankf. Ztg. 
zufolge, der ordentliche Professor Dr. v. Herf f in Basel berufen 
worden. 

Greifswald. Der Direktor der Grazer medizinischen 
Universitätsklinik, Prof. Krau s, hat einen Ruf an Stelle K re h Ts 
erhalten. 

Halle. Habilitirt: Dr. med. L. Wullstein. 

Jena. In der hiesigen medizinischen Fakultät habllltirte sich 
der erste Assistenzarzt an der medizinischen Klinik, sowie Kliuik 
für Haut- und syphilitische Krankheiten. Dr. Felix Lommel aus 
Erlangen. Das Thema seiner Probevorlesung lautete „lieber den 
gegenwürtgen Stand der Lehre vom Fieber“. 

T ü b i u g e n. Prof. Dr. W i n t e r n i t z verlässt mit Schluss 
dieses Wintersemesters seine Stellung au der Frauenklinik und 
wird sich in Stuttgart als Frauenarzt niederlassen. 

(Todesfälle.) 

Dr. (’h. H. Burnett, Professor der Ohrenheilkunde zu 
Philadelphia. 

Dr. J. T. Metcalfe. früher Professor der medizinischen 
Klinik am College of Physicians and Surgeons zu New-York. 

Dr. P. F. Munde, Professor der Gynäkologie zu New-York. 

Dr. B o u q u 6, Professor der chirurgischen Pathologie an 
der Universität Gent. 

Dr. Heinrich L a h s. ausserordentlicher Professor der Gynäko¬ 
logie in Marburg, 65 Jahre alt. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Niederlassung: Dr. Johannes Emmert, approb. 1899, zu 
Klingenberg n/M. Dr. Josef Klett. approb. 1901, zu Gross 
ostheim. Wilhelm NIeveliug, approb. 1901. als III. Assistenz 
arzt an der Kreisirrenanstalt Wcrueck. Dr. Edgar Iv e y s s n e r. 
approb. 1894, für physikalisch-diätetische Heilmethode in Würz¬ 
burg. 

Ernannt: Der prakt. Arzt Dr. Friedrich Schalkhauser 
iu München zum Landgerichtsrzt in Piussau. 

Verzogen: Dr. Pinkus Münz von Nürnberg nach Bad 
Ivissingen. 

Gestorben: Dr. Friedrich Hopf. k. Bezirksarzt a. D. in 
Sulzbach, 90 Jahre alt. Dr. Albert Deutsche 1, 41 Jahre alt. zu 
Werneck. 


Correspondenz. 


lieber Indikation und Recht zur Tödtung des Fötus. 


Herr Prof. Kossmnnn ersucht uns um Aufnahme nach¬ 
stehender Zuschrift: 

In dem Berichte aus der Berliner medizinischen Gesellschaft 
in No. 7 Ihres geschätzten Blattes, S. 298, hat der Herr Referent an 
einer Stelle ein (? !» eiugefügt, was. wie ich denke, andeuteu soll, 
dass er nicht sicher sei. mich richtig verstanden zu hal>en. Um 
nun zu verhüten, dass mich etwa auch die Leser der Münch, med. 
Wochenschr. falsch verstehen, erlaube ich mir. Sie um Abdruck 
des betreffenden Satzes aus dem offiziellen Protokoll zu bitten. 
Er lautet: 

„Da nun ausserdem Ols hausen“ — es ist der Reell ts- 
gelchrte gemeint — „selbst der ist, der behauptet, dass in dh'sein 
Falle” — bei der Krauiotomie — ..§ 211 und nicht § 218 zu Recht 
bestehe; dass es sich nach Beginn der Geburt schon um ein 
Menschenleben, nicht um eine Fracht handele, so würde also nach 
«ler Ansicht vou O 1 s h a u s e u auf solch eine Operation sogar di - 
Todesstrafe wegen Mordes stehen. So stehen wir da!“ 

Die in Rede stehende Aeusserung sollte also nicht etwa meine 
eigene Meinung wiedergeben, sondern nur die 

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Absurdität der 

Googl 


e 



392 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 


No. 9. 


Kommentare des Strafgesetzbuches und die daraus folgende 
lteehtsunsieherlieit für uns Aerzte darthun. 

Zu drin Schlusssätze des Referats darf Ich vielleicht uoch er¬ 
läuternd hinzu fügen, dass ich meine ethische Auffassung des ärzt¬ 
lichen Tüetungsrechtes nicht nur als eine ganz subjektive, sondern 
zugleich auch als das juste milieu zwischen den extremen 
Anschauungen anderer Fachmänner gewürdigt zu sehen wünschte. 

Zur Gründung des Deutschen Archivs für klinische Medizin. 

In einem Nachruf auf v. Z i e m s s e n (Münch, med. Wochen- 
schr. No. <*, 1902) habe ich der Gründung des Deutschen Archivs 
für klinische Medizin mit folgenden Worten Erwähnung gethan. 
„In jene (Erlanger) Zeit fallen zwei hochbedeutende und umfang¬ 
reiche literarische Schöpfungen, die Gründung einerseits des 
Deutschen Archivs für klinische Medizin und andererseits die 
Herausgabe des grossen, weltberühmt gewordenen Handbuchs der 
speziellen Pathologie und Therapie. Durch das Deutsche Archiv 
emanzipirte Ziemsscu die klinische Medizin als selbständig ge¬ 
wordenen Zweig der Gesammtmedizin von ihren Schwesterdis¬ 
ziplinen u. s. w.“ 

In einer Korrespondenz unter obiger Spitzmarke wendet sich 
Prof. Hauser dagegen, dass der Gründung des Deutschen 
Archlves ohne Nennung des Mitbegründers desselben, Professor 
Zenker, gedacht wurde. Ich gebe Herrn Professor Hauser 
Recht. Es war ein Ueberselien von mir, das ich bedauere und gern 
au dieser Stelle gut mache. Jetier private Hinweis hätte mich 
dazu ebenso veranlasst. Ich brauche wohl nicht zu versichern, 
dass mir jede, auch die leiseste Absicht, den grossen Verdiensten 
Z e n k e r's um das Archiv zu nahe zu treten, ferne lag. 

Prof. Moritz. 

Nachtrag zu ,,Eine neue Lungenprobe“. 

(Münch, med. Wochenschr. 1!»02, No. 7.) 

Da es sich in meiner Arbeit vornehmlich um Mittheilung eines 
neuen Verfahrens und dessen Venverthung handelte, so ist von 
einer detaiHirten Schilderung der Entwicklung der hydrostatischen 
Lungeuprobe abgesehen worden. Es erscheint mir nun denkbar, 
dass man aus meinen Worten herauslesen könnte, Herr Professor 
Strass mann hätte seine im Jahre 1895 ausgesprochene Ab¬ 
lehnung der Lehre von Bordas und Deseonst inzwischen ge¬ 
ändert. Das ist keineswegs der Fall. Heute, wie 1895. hält Herr 
Prof. Strassmann die Lehre für falsch, und dies mit um so 
mehr Recht, da inzwischen e.\|H*rimentello Untersuchungen von 
M a 1 v o z und Puppe-Zlemke seine Anschauung bestätigten. 

Dr. Placze k. 


Amtlicher Erlass. 

(P r e u s s e n.) 

Verrichtungen der Kreisärzte auf dem Gebiete der Schulhygiene, 
vom 18. Dezember 1901. 

Durch die am 1. April d. Js. zugleich mit dem Gesetze, betr. 
die Dienststellung des Kreisarztes und die Bildung von Gesund¬ 
heitskommissionen, vom 10. September 1899 (G. S. S. 172) in Kraft 
getretene Dienstanweisung für die Kreisärzte vom 23. März d. Js. 
(Ministerialblatt für Medizinal- und medizinische Unterrichts¬ 
angelegenheiten Jahrgang I S. 2 ff.) sind den Kreisärzten u. a. 
auch wichtige Verlichtungen auf dem Gebiete der Schulhygiene 
übertragen worden. Die in Betracht kommenden Vorschriften 
linden sich in den §§ 94—97 der Anweisung und lauten: 

„Gesundheitliche Beaufsichtigung der Schulen. 

§ 94. Alle der Aufsicht der Regierung unterstehenden öffent¬ 
lichen und privaten Schulen (Volks-, Mittel-, höhere Mädchen¬ 
schulen, Fortbilduugs- und Fachschulen u. s. w.) unterliegen in 
gesundheitlicher Beziehung der Uebenvachung durch den Kreis¬ 
arzt. 

Derselbe hat innerhalb eines in der Regel fünfjährigen Zeit¬ 
raumes jede Schule seines Bezirkes abwechselnd im Sommer und 
im Winter in Bezug auf ihre Baulichkeiten und Einrichtungen 
(Lage, Grösse der Zimmer unter Berücksichtigung der Schülerzahl, 
bauliche Beschaffenheit, Lufterneuerung. Heizung, Temperatur. 
Beleuchtung, Reinlichkeit, Beschaffenheit und Aufstellung der 
Schulbänke, Lage und Einrichtung der Aborte, Trinkwasserver¬ 
sorgung. Spiel-. Turnplätze u. s. w.), sowie ln Bezug auf den Ge¬ 
sundheitszustand der Schüler (Gesichtsfarbe. Haltung. Reinlichkeit, 
chronische und akute Krankheiten und Schwächezustände) unter 
Zuziehung des Schulvorstandes oder des Leiters der Schule, sowie 
des Schularztes einer Besichtigung zu unterziehen. Die Besichti¬ 
gung ist. falls sie nicht gelegentlich sonstiger Dienstgeschäfte er¬ 
folgt, mit den allgemeinen Ortschaftsbesichtigungen (vergl. § (59 d. 
Anw.) zu verbinden. Der Landnith und der KreisschulInspektor, 
bei Fortbildungs- und Fachschulen der Vorsitzende des Schulvor¬ 
standes. sind rechtzeitig vorher zu benachrichtigen. 

Ueber die Besichtigung ist nach Formular IX eine Verhand¬ 
lung aufzunehmen, welche der Regierung durch Vermittelung des 
Landmthes (§ 12 d. Anw.) und, sofern es sich nicht um Fort¬ 
bildungs-Fachschulen handelt, auch des Kreisschulinspektors ein¬ 
zureichen ist. Vorschläge zur Beseitigung etwaiger Missstände 
sind in dem Begleit berichte anzugeben. (Vergl. auch § 38 Abs. 1 
d. Anw.) 

Die vorstehenden Bestimmungen finden auch auf Kleinkinder¬ 
schulen und Bewahranstalten, Kindergärten u. s. w. sinngemässe 
Anwendung. 


Ausser bei diesen periodischen Revisionen soll der Kreisarzt 
auch bei anderen Gelegenheiten die Schulen des Bezirkes besuchen, 
sich die Beseitigung von Mängeln angelegen sein lassen, auch die 
Lehrer für seine Bestrebungen zu iuteressireu und das Verstäud- 
niss derselben hierfür durch Belehrung anzuregen suchen. Nament¬ 
lich werden auch die Kreiskonferenzeu der Lehrer in geeigneten 
Fällen dem Kreisärzte zur Erörterung hygienischer Schulfrageu 
eine passende Gelegenheit darbieten. 

Die Vorschrift des Abs. 1 findet auch Anwendung auf die den 
Bergbehörden unterstehenden Bergschulen nach Maassgabe der auf 
Grund des § 21 d. Anw. ergehenden Bestimmungen. 

Die den Provinzialschulkollegien unterstellten höheren Lehr¬ 
anstalten (Gymnasien, Realgymnasien u. s. w.) sind nur auf Gruuil 
besonderen Auftrages einer Besichtigung zu unterziehen. 

Prüfung von Schulbauvorlagen. 

§ 85. Bei Neubauten oder grösseren Umbauten der in dem 
§ 94 Abs. 1 bezeicliueten Schulen sind dem Kreisärzte die Baupläne 
nebst Beschreibung zur hygienischen Prüfung vorzulegen. 

Schulschliessungen. 

§ 90. Der Kreisarzt hat darüber zu wachen, dass die Vor¬ 
schriften, welche zur Verhütung der Uebertragung ansteckender 
Krankheiten durch die Schüler erlassen sind, genaue Beachtung 
finden (vergl. auch § 14 des Regulativs vom 8. August 1835. 
G. S. S. 240, § 16 des Reichsgesetzes, betr. die Bekämpfung ge¬ 
meingefährlicher Krankheiten, vom 30. Juni 1900, Min.-Erl. vom 
14. Juli 1884 — Min.-Bl. f. d. 1. V., S. 198 — und vom 20. Mai 1898 
-- Centralbl. f. d. ges. Unterr.-Verw. 1899, S. 372). 

Ohne Mitwirkung des Kreisarztes darf, abgesehen von 
dringenden Ausnahmefällen, eine Schule oder Schulklasse aus ge- 
suudheitspolizeillehen Gründen weder geschlossen noch wieder er¬ 
öffnet werden. Er hat sofern es sich um die Schliessung einer 
Schule handelt, in der Regel eine örtliche Besichtigung vorzu¬ 
nehmen und zu prüfen, ob nicht durch weniger eingreifende Maass¬ 
regeln ein ausreichender Schutz gegen die Weiterverbreitung an¬ 
steckender Krankheiten gewonnen werden kann, z. B. durch den 
Ausschluss der erkrankten Kinder und ihrer Geschwister von dem 
Schulbesuche, Ausschluss der schulpflichtigen Kinder des be¬ 
fallenen Hauses, vorübergehende Schliessung einer Schulklasse zu 
dem Zwecke der Desinfektion De! dem Auftreten erster Krankheits¬ 
fälle. Absonderung der in der Lehrerwolmung Erkrankten oder 
deren Ueberfülmmg in ein Krankenhaus, Femhaltung eines 
Lehrers von dein Unterrichte bei dem Auftreten von ansteckendci. 
Krankheiten in seiner Familie. 

Gemeinnützige Bestrebungen. 

§ 97. Gemeinnützige Bestrebungen auf schulhygienischem 
Gebiete — Ferienkolonien. Kinderhorte u. s. w. — hat der Kreis¬ 
arzt anzuregen und nach Kräften zu unterstützen. 1 ’ 

Indem ich die Aufmerksamkeit der Unterrichtsbehörden auf 
diese Bestimmungen lenke, veranlasse ich die Kgl. Regierung, io 
den gemäss dem Erlasse vom 16. Mai 1893 — U. III B. 1714 — zu 
erstattenden Verwaltungsberichten in Zukunft auch die Frage der 
Schulhygiene ausführlich zu erörtern und sich insbesondere auch 
darüber zu äussern, wie sich die obengedachten Vorschriften b>i 
ihrer praktischen Handhabung bewährt haben, und ob sie geeignet 
sind, die gesundheitliche Beaufsichtigung der Schulen in aus 
reichendem Mansse sicher zu stellen. 

Berlin, den 18. Dezember 1901. 

Der Minister der geistl., Unterrichts- u. Medizinal-Angelegenheitcn. 

S t u d t. 


Morbiditätsstatistik d. Infektionskrankheiten für Manchen 

in der 7. Jahreswoche vom 9. bis 15. Februar 1902. 
Betheiligte Aerzte 214 — Brechdurchfall 8 (2*), Diphtherie o. 
Kroup 15 (18), Erysipelas 17 (13), Intermittens, Neuralgie intemi 
1 (—), Kindbettfieber — (1), Meningitis cerebrospin. 2 (-),. 
Morbilli 47 (58), Ophthalmo-Blennorrhoea neonat 6 (5), Parotitis 
epidem 10 (11), Pneumonia crouposa 11 (15), Pyämie, Septikämie 

— (—), Rheumatismus art. ac. 28 (11), Ruhr (dysenteria) — (—‘, 
Scarlatina 7 (8), Tussis convulsiva 6 (27), Typhus abdominalis 

— (1), Varicellen 12 (8), Variola, Variolois — (—), Influenza 6 (7 . 

Summa 176 (178). Kgl. Bezirksarzt Dr. Müller. 


Uebersicht der Sterbefälle in MOnchen 

während der 8. Jahreswoche vom 16. bis 22. Februar 1902. 

Bevölkerungszahl: 499 932. 

Todesursachen: Masern — (3*), Scharlach — (1), Diphtherie 
u. Kroup 3 (2), Rothlauf 1 (1), Kindbettfieber—(—), Blutvergiftung 
(Pyämie u. s. w.) 1 (1), Brechdurchfall 2 (4), Unterleib-Typhus — (11, 
Keuchhusten 3 (4), Kroupöse Lungenentzündung 2 (3), Tuberkulose 
a) der Lunge 32 (23), b) der übrigen Organe 11 (7), Akuter Gelenk¬ 
rheumatismus — (—), Andere übertragbare Krankheiten 3 ,4\ 
Unglücksfälle 2 (2). Selbstmord 3 (4), Tod durch fremde Hand — (— , 
Die Gesammtzahl der Sterbefälle 187 (2!5), VerhÄltnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen J 9,2 (22,1) für die 
über dem 1. Lebensjahre stehende Bevölkerung 13,1 (11,6). 

*) Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche. 


Verlag von J. F. Lall mann ln München. — Druck von E. Mühlthaler's Buch- und kunstdruckerei A.G., München. 

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MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 


CI. Bäunler, 

Freiburg 1. B. 


(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 

ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 

Herausgegebon von 

0. Bollinger, H. Gurschmann, 6. Gerhardt, 6. Merkel, J. v. Michel, H. v. Ranke, F. i. Wlnckel, 

München. Leipzig. Berlin. Nürnberg. Berlin. München. München. 


No. 10. 11. März 1902. 


Redaktion: Dr. B. Spatz, OttostrasBe 1 
Verlag: J. P. Lehmann, Heustrasse 20. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

Aus der Frauenklinik der Universität Freiburg i. B. 

Prinzipien und Gefahren der Abortbehandlung.*) 

Von Prof. Dr. Hugo Seilheim, I. Assistenzarzt. 

M. H.! Als Einleitung zu der Besprechung der Prinzipien 
und Gefahren der Abortbehandlung erlaube ich mir. Ihnen einen 
Uterus zu demonstriren, der am Fundus eine 
ziemlich grosse Perforationsöffnung trägt. 
Daueben liegt ein ca. 30 cm langes, stark zer¬ 
fetztes Stück Dickdarm. Die Präparate sind bei einer 
Operation gewonnen, die sich an das Unglück eines Kollegen bei 
der Ausräumung eines Aborts anscbliessen musste. 

Eine 34 jährige Bauersfrau, die 5 mal normal geboren hatte, 
abortirte Anfangs des IV. Monats. Am dritten Tage der Blutungen 
wurde wegen übelriechenden Ausflusses und Temperatursteigerung 
bis zu 39,5° ein Arzt zngezogen. Dieser räumte den stinkenden 
Abort mit einer sogen. VV i n t e Packen Abortzange aus, durch¬ 
bohrte dabei die Uteruswand und zerrte eine Darmschlinge bis vor 
die Vulva. Sobald er das Unheil erkannt hatte, packte er die 
Patientin auf und transportirte sie in die Klinik. 

4 Stunden nach dem Geschehniss sah ich die Kranke. Sie 
war ziemlich kollabirt, sehr blass und ihr Puls war klein und 
schnell. 

Nach Entfernung eines für den Transport in die Vagina ge¬ 
schobenen Tampons sah man aus dem äusseren Muttermund ein 
fetziges Gebilde heraushäugen, dos auf den ersten Blick mit zer¬ 
quetschten Deciduastücken ziemlich viel Aehnlickkeit hatte, von 
dem behandelnden Arzt aber mit Bestimmtheit als Darm bezeichnet 
wurde. 

Die komblnlrte Untersuchung ergab einen billardkugelgrosseu, 
geradestehenden Uteruskörper von massig fester Konsistenz. 
Während der Abgrenzung des Uterus bemerkt man, dass die be¬ 
schriebenen Gewebstheile sich aus dem äussereu Muttermund zu¬ 
rückzogen. Der in die Uterushöhle bequem eindringende Finger 
fühlte diese leer und gelangte durch ein etwa markstückgrosses 
Ixxrh am Fundus in die freie Bauchhöhle. 

Dämpfung in beiden Lumbalgegenden Hessen einen intra- 
abdominellen Bluterguss vermuthen. Nach aussen ging nur wenig 
Blut ab. 

Nach dem Aussehen der Gebilde im Muttermund, die bei der 
Betastung des Uteruskörpers in die Bauchhöhle zurückgeschlüpft 
waren, und nach der Erzählung des Kollegen, der diese Theile bis 
vor die Vulva gezogen und als Darm erkannt hatte, musste eine 
Verletzung des Intestinum angenommen werden. Diese Ver- 
muthung gewann aber noch sehr an WahrscheinUchkeit, als ich 
«las verwendete Werkzeug näher betrachtete. Es ist, wie Sie hier 
sehen (Demonstration) eine Art Polypenzange, aber mit ganz 
scbarfgeschllffenen Rändern. 

Von dem inflzirten Uterusiuhalt war bestimmt auf das Peri¬ 
toneum gelangt, eine Blutung in der Bauchhöhle war ziemlich 
sicher vorhanden; Gründe genug, sofort die Laparotomie zu 
machen, bei deren Ausführung Herr Prof. Sonntag die Liebens¬ 
würdigkeit hatte, mich zu unterstützen. 

Bei der Eröffnung der Bauchhöhle quoll eine ziemlich betracht 
liehe Menge theils älteren, geronnenen, theils frischen, flüssigen 
Blutes hervor. Der Fundus Uteri hatte ein ca. 2 cm im Durch¬ 
messer haltendes Loch mit unregelmässigen, aufgeworfenen und 
leicht blutenden Rändern. Der unterste Theil des Colon descendens 
und das ganze S romanum bis zum oberen Rande der Artieulatio 
sacroiliaca slnistra herab waren von ihrem Mesenterium los¬ 
gerissen, auf grösseren Strecken von Serosa entblösst und breit 
eröffnet. 


•) Vortrag, gehalten ira Verein Freiburger Aerzte am 31. Ja¬ 
nuar 1902. 

No. 10. 


Der Bauchböhleninhalt wurde mit Gazetupfern aufgesaugt. 
Nach Resektion des zerfetzten Darmabschnittes wurden die beiden 
Enden durch zwei Reihen von Darmnähten vereinigt. Die erste 
Reihe fasste die Muskularis mit, die zweite brachte nur Serosa an 
Serosa. Die äusserst unregelmässigen Ränder des Mesenterium 
wurden mit der Scheere glatt geschnitten und aneinander genäht. 

Der perforirte und iuüzirte Uterus wurde mitsammt den Ad¬ 
nexen exstirpirt. Nach Eversion der Ligameutstümpfe wurde die 
Bauchhöhle über einem nach der Vagina geleiteten Jodoformgaze- 
tampon durch eine querverlaufende Reihe von Nähten nach unten 
vollständig abgeschlossen. Ein grosser, in einen Gazebeutel ge¬ 
hüllter Jodoforuigazestreifeu wurde von der Laparotomiewunde 
aus so in den unteren Abschnitt der Bauchhöhle geschoben, dass 
er nach hinten bis an die Nahtstelle des Darmes zu liegen kam. 
Oberhalb dieses nach aussen geleiteten Drains wurde die Baueh- 
wunde durch einige Nähte geschlossen. 

Die ersten Tage nach der Operation bestanden mässige Tem¬ 
peratursteigerungen. Bel der am 7. Tage wegen starker AnfüUung 
der Ampulla recti herbeigeführten Stuhlentleeruug ging auch 
entlang des durch den Gazestreifen bis dabin offen 
gehall eilen Drniuageganges durch die Bauchwunde Koth 
ab. Die Dickdarmbauchdeckenflstel schloss sich rasch. 
4 Wochen post operationein stand die Patientin auf 
und konnte 8 Tage später geheilt entlassen werden. Die 
Bauchwunde war gut vernarbt. Bel der kombinirten Untersuchung 
Hess sich nirgends im Abdomen eine Verdickung oder sonstige Ab¬ 
normität uachweisen; die Funktion des Darmes war durchaus nor¬ 
mal. Zwei Monate nach der Entlassung stellte sich die Frau noch 
einmal vor. Sie sah blühend aus und erfreute sich der besten Ge¬ 
sundheit 

Unter dem Eindrücke eines solchen Geschehnisses drängt sich 
einem die Frage auf, welches ist denn die Methode 
der A b o r t b e h a n d 1 u n g, die man dem prak¬ 
tischen Arzt empfehlen soll, um ihn vor Miss¬ 
geschick zu bewahren? Diese Frage ist schon viel 
diskutirt, aber noch lange nicht endgiltig entschieden. 

Bei einem Blick in die Fachliteratur nur der letzten Jahre 
sehen wir in der Behandlung dieses wichtigen Gebietes der 
praktischen Medizin anscheinend unversöhnliche 
Gegensätze sich gegenüber stehen. 

Der Eine will in den meisten Fällen durch starkes Aus¬ 
stopfen der Höhle den Uterus zur Lockerung und Ausstossung 
des Eies bezw. der Eireste zwingen. *) 

Ein Zweiter hat Hunderte von Fällen nur mit dem Finger 
ausgeräumt. Eine Behandlung mit Instrumenten wird von ihm 
perhorreszirt und sollte gar nicht gelehrt werden. 5 ) 

Ein Dritter strebt unter allen Umständen eine Austastung 
der Utcrushöhle mit dem Finger an, selbst wenn sie erst durch 
eine forcirte Dilatation erkauft werden müsste. Vor einer Ent¬ 
fernung der gefühlten Massen mit Kürette oder Komzango 
scheut er jedoch nicht zurück.’) 

Ein Vierter wendet die Kürette fast regelmässig an. *) 

Jeder Autor hat mit seiner Methode gute Erfolge aufzu¬ 
weisen und hält ihre Anwendung in allen oder doch in den 
meisten Fällen für geeignet. Zweifellos wird auch jede dieser 
Methoden in der Hand des Geübten, besonders des speziell auf 
sie Eingeübten, im Stande sein, Gutes zu leisten bezw. direkte 


’) Dührssen: Eine neue Methode der Behandlung der un- 
zeitigen Geburten. Sammlung klin. Vorträge 1895, No. 130. 

J ) G e s s n e r: Bemerkungen zu Sänge r’s Vortrag „Feber 
Erweiterung etc.“ Centralbl. f. Gyn. 1898. No. 12. 

*) Sänger: Ueber Erweiterung und Austastung des Uterus 
als Vorakt der Behandlung. Centralbl. f. Gyn. 1898. No. 7. 

*) Franz: Zur Lehre des Aborts. Hognr’s Beiträge zur 
Geb. u. Gyn. Bd. I, 1898, pag. 491. 


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394 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


Misserfolge vermeiden können. Werden den verschiedenen Ver¬ 
fahren gelegentliche Unfälle zur Last gelegt, so haben die Ver¬ 
treter dieser einzelnen Behandlungsweisen vielfach Recht, wenn 
sie den Grund dafür in einem Nichteinhalten ihrer Vorschriften 
erblicken. Das gilt aber doch nicht für alle Fälle. Der objektive 
Beurtheiler kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass bei 
bestimmten Gelegenheiten der eine Modus Schaden gestiftet hat, 
wo ein anderes Vorgehen ohne Schaden zum Ziele geführt haben 
würde. Jedenfalls kann man nicht unterschiedslos e i n Verfahren 
für die Praxis empfehlen und die andern ausschliessen. Wir 
thun besser daran, Indikationen für die einzelnen Methoden auf¬ 
zustellen. 

Sie sehen, wir nehmen in dieser Frage einen vermittelnden 
Standpunkt ein, wir sind Anhänger einer sogenannten „g e - 
mischten Methode“, deren eine grosse Zahl den Verfech¬ 
tern eines einzelnen Verfahrens gegenüberstehen. 

Sieht man die vielen Eingriffe, die in der Praxis bei Aborten 
gemacht werden, an, so hat man das Gefühl, als sei das Zutrauen 
zu einem spontanen Verlauf der Fehlgeburt viel zu gering. An 
einem zu aktiven Vorgehen bei der Behandlung der Fehlgeburt 
sind verschiedene Umstände schuld. Bei dem Laien ist der Abort 
wegen seiner vielen Nachkrankheiten gefürchtet. Die Blutungen 
vor und während der Ausstossung haben für die Umgebung und 
die Kreissende etwas Beängstigendes. Die Hebamme ist durch 
ihre Vorschriften gehalten, zu jeder stärkeren Blutung in der 
Schwangerschaft einen Arzt zuzuziehen. Für diesen ist es dann 
nicht leicht, die aufgeregten Gemüther zu beruhigen, wenn er 
unthätig dem spontanen Verlauf entgegensieht. Dazu kommt 
noch, dass in vielen Fällen der Geburtshelferaelbstdie 
V erblutungsgefahr überschätzt, die Schwierig¬ 
keiten der Abortausräumung mit der drohenden Infektion und 
Verletzung dagegen zu gering anschlägt. Der Abort bedarf wohl 
sachkundiger Beaufsichtigung, aber zweifellos nur in den wenig¬ 
sten Fällen einer eingreif anderen Behandlung. Für den wichtig¬ 
sten allgemeinen Faktor halte ich es daher, das Vertrauen 
zu den Naturkräften, zu einem spontanen Ver¬ 
lauf der Fehlgeburt zu stärken. 



Fig. 1. 

t'teru.s Kruvidus im III. Mouat.^clieiimt. uach einem natürlichen Prftpiirut. 
I>. v. = Decidua veru. I). f. = Decidua rolle xa. 1). s. -f Clio. Ir. = Decidua 
serotin» -J Chorion frondosuin. Clio. - Chorion. Am = Amnion. Dr. = 
cuvernosc Drüseiischicht. Tr. = TreunungMliuie der Decidua vera unter der 

Geburt. 

Wer den Ruf zur Leitung eines Aborts annimmt, muss vor 
allen Dingen mit dem spontanen Verlauf der vor¬ 
zeitigen Ausstossung des Eis vertraut sein. Will 
ich hier über die Grundzüge der Behandlung des Aborts sprechen, 
so kann ich es auch nicht umgehen, Ihnen einige praktisch 
wichtige Momente aus dem Verlauf der Fehlgeburt heraus¬ 
zuheben, wozu ich die beiden Tafeln benütze, von denen die erste 


einen im III. Monat schwangeren Uterus (Fig. 1), die zweite die 
Ausstossung des Eies aus einem im III. Monat schwangeren Uterus 
nach dem gewöhnlichen Modus (Fig. 2) darstellt. 



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Fig. 2. 


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In den ersten Monaten fängt der Abort regelmässig 
mit einer Blutung an, welche die beginnende Lösung des Eies von 
der Utcruswand anzeigt. Die Wehen haben noch nicht den deut¬ 
lich intermittirenden Charakter wie später, sie werden mehr ab 
ein schmerzhaftes Ziehen im Kreuz oder als ein dumpfer Druck 
im Leib empfunden. Die Hauptmasse des Eies besteht aus den 
mütterlichen Eihüllen. Die Loslösung beginnt innerhalb der 
Scroti im, aus deren zerrissenen Gefässen eine reichliche Blutung 
erfolgt. Das von der Reflexe überzogene Ei wird immer weiter 
gegen den Cervicalkanal herabgetrieben und zieht dabei die los¬ 
gelöste Vera als zusammenhängenden Beutel, oder in einzelnen 
Fetzen nach sich (Fig. 2). 

Vom 3. Monat ab werden die Wehen den rechtzeitigen 
zunehmend ähnlicher. Die mütterlichen Eihäute treten an 
Masse zurück. Die Plazenta ist ausgebildet. In¬ 
folgedessen werden die Blutungen beträcht¬ 
licher. Weil sich hierdurch der Abort von 
dem der ersten beiden Monate sehr wesentlich 
unterscheidet, trennen wir die Fehlgeburt in 
eine Ausstossung vor und nach Ausbildung der 
Plazenta und halten diesen Unterschied für 
praktisch sehr bedeutungsvoll. Auch jetzt gellt 
das Ei in der Regel im Ganzen ab. Nicht selten aber reisst cs ein. 
der Fötus schlüpft heraus und der zusammengesunkene Eisack 
mit der Plazenta folgt nach. Bei Erstgebärenden mit rigidem 
Muttermund kann das Ei oft längere Zeit in dem glockenförmig 
erweiterten Cervicalkanal liegen bleiben (Ocrviealabort). 

N a c h d e m 4. Monat gestaltet sich der Verlauf der Fehl¬ 
geburt dem einer rechtzeitigen Geburt immer ähnlicher, l'b 
stellt sich eine Fruchtblase, nach dem Blasensprung tritt der 
Fötus aus und ihm folgt dann die Nachgeburt. Doch geht aucli 
noch häufig genug in diesen späteren Monaten das ganze Ei 
sammt Plazenta als geschlossener Sack auf einmal ab. Der Ver¬ 
lauf der Fehlgeburt schleppt sich oft tagelang hin, doch sieht 
man nicht selten eine sehr rasche Erledigung, manchmal so rasch, 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


305 


11. Marz 1002. 

dass Frauen ihre Beschäftigung kaum unterbrechen, während 
sic das Ei verlieren. 

Was man zur Verhütung des Aborts, besonders zum Auf¬ 
halten des drohenden Aborts thun kann, übergehe ich als von 
meinem Thema zu weit abführend. Die gebräuchlichen Mittel 
sind nicht eingreifender Natur und können demgemäss auch 
keinen Schaden stiften. Meine Aufgabe soll sein-, 
Ihnen dio M aas s nah men zu schildern, die im 
Verlauf des Aborts nothwendig werden, und 
deren Gefährlichkeit i n’s richtige Licht zu 
setzen. 

Als oberster Grundsatz der Behandlung des im 
Gangbefindlichen Aborts muss es hingestellt werden, 
sich durchaus exspektativ zu verhalten. 

Ein Ab weichen von dieser Regel billigen wir nur 
unter drei Umständen: 

1. Bei stärkerer Anämie, herbeigeführt durch ein¬ 
malige plötzliche profuse Blutung oder durch die lange Dauer 
bzw. Wiederholung eines geringeren Blutverlustes bei schleppen¬ 
dem Verlauf der Fehlgeburt. 

2. Bei Retention von Eiresten; 

3. Bei Infektionen. 

Das rationelle Mittel, um die Blutung beim Abort zu stillen, 
ist die vollständige Entfernung des Eies. Das Verfahren, 
diesen Zweck zu erreichen, wird lediglich 
von dem Befund im vorliegenden F all abhängig 
gemacht. 

Finden W’ir bei der Untersuchung das Ei schon aus 
der Körper höhle ganz oder zum grössten T h e i 1 
a u s g e s t o s s e n in der Vagina oder in der erwei¬ 
terten Cervix, so legt man es am einfachsten und besten 
mit Sims und Hebel frei und nimmt (*s mit der Kornzange 
heraus, falls der untersuchende Finger es nicht, schon ohne Wei¬ 
teres entfernen konnte. 

Ist das Ei noch nicht so weit herunterget rieben, dass man 
es unter Leitung des Auges bequem fassen kann, sind wir aber 
im Stande, mit einem oder zwei Fingern in die 
TT t e r u s h ö h 1 e bequem e i n z u d r i n g e n, so schälen wir 
unter Gegendruck der äusseren Hand das Ei überall von der 
Tfteruswand los. Es ist ein grosser Vortheil, wenn man dabei 
das Ei in seiner Kontinuität erhalten kann, weil es so mehr 
Widerstand bietet und sich besser von seinen Verbindungen 
trennen lässt. Das vollständig gelöste Ei suchen wir 
mit dem eingeführten Finger aus dem Uterus herauszuleiten, 
während die äussere Hand den UteruskörjK'r in ähnlicher Weise 
ausquetscht, wie wir beim C r c d e’schen Handgriff die Plazenta 
oxprimiren. 

Sehr wesentliche Erloich torungsmittel bei der 
Arbeit des Ausräumens sind: Anhacken und An¬ 
ziehen der vorderen Muttermundslippe mit einer doppel¬ 
kralligen Zange*) und Narkose; durch eine wäh¬ 
rend der Ausräumung auftretende stärkere 
15 1 u t u n g lasse man sieh nicht irritiren; sie ist eine natürliche 
Folge der Ablösung der Plazenta bezw. deren Eihäute. Man 
arbeite ruhig weiter in der Zuversicht, dass die vollständige Ent¬ 
leerung des Uterus das beste Blutstillungsmittel ist. 

Ist der Muttermund noch nicht bequem für 
einen Finger durchgängig, dann tamponirt man 
Uteruskörper, Cervicalknnal und Scheidengewölbe fest mit sterili- 
sirter Jodoformgaze. 

Auf die Technik der Tarn p.o n a d o muss ich etwas 
näher eingehen, weil sehr viel darauf ankommt, wie man aus¬ 
stopft. Tamponade der Scheide allein hat kaum einen Werth. 
Wehen werden dadurch nicht besonders angeregt, was man auch 
schon aus dem Umstand ersehen kann, dass die Scheidentam- 
ponado von Manchen als Mittel zum Aufhalten des drohenden 
Aborts empfohlen wurde.') Neben der Nutzlosigkeit hat sic aber 
auch noch den Nachtheil, dass es in bedrohlicher und unkontrolir- 
barcr Weise hinter dem Tampon bluten kann. T ) 

J ) Einfache Kugelzangen sind hierzu nicht gut zu brauchen; 
sie relssen leicht aus und zerfleischen die weichen Gewebe. 

*) Huber: Feber Abortbehandlung. Grnefe’s Sammlung 
zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Frauenheilkunde 
und Geburtshilfe. Halle a/S. 1890, b. Marhoi d. 

T ) Klotz: Verblutung bei fester Seheidentampounde in einen 
13 Wochen schwangeren Uterus. C'entralbl. f. Gyn. 1890, pag. 208. 


Will inan mit Sicherheit das Ei zur Ausstossung bringen, 
s«> muss man den Uterus tamponiren. Man legt sich die Portio 
mit Sims und Hebel frei und fixirt die vordere Muttermunds- 
lipi>e mit einer Ilakenzange. Mit dem Spülkatheter oder im 
Nothfall mit der Sonde stellt, man die Richtung des Cervical- 
kanals fest. Die Grösse des Uteruskörpers taxirt 
man durch bi manuelle Untersuchung, nicht 
mit der Sonde. Nach gründlicher Desinfektion der Scheide 
und besonders sorgfältiger Ausspülung’) des Uterus mittels des 
B o z e tu ii n’schen Katheters wird die Scheide und der Mutter¬ 
mund mit Wattebäuschchen abgetrocknet. Mittels einer Korn¬ 
zange mit glatten Branchen wird nun ein Gazestreifen möglichst 
weit in das Cavum Uteri hinaufgeführt. Ist das Ei noch erhalten, 
dann hüte man sieh, es zum Bersten zu bringen. Um die Spitze 
der Kornzange unschädlicher zu gestalten, packt man die Gaze 
so, dass sie sieh vor der Spitze in mehreren Lagen in einem 
Bausch befindet und diese einhüllt. Dieser kleine Technizismus 
hat auch noch den Vortheil, dass beim Zurückziehen der Korn¬ 
zange die Gaze nicht so leicht wieder mit herauskommt. Dann 
stopft man, indem man jedesmal die vor dem äusseren Mutter¬ 
mund liegende Partie fasst, allmählich die Uterushöhle, jedenfalls 
aber ihren untersten Abschnitt, den (Vrvicalkanal und die 
Scheidengewölbe voll. Reicht ein Streifen nicht aus, so knüpft 
man einen zweiten an. Bei sehr engem Cervicalkanal bedient 
man sich zur Einführung der Gaze einer Sonde oder eines ähn¬ 
lich gestalteten Stopfers. 

Diese Art der Tamponade ist antiseptisch, stillt die Blutung 
vorläufig, wirkt sicher wehenerregend und erweitert den Mutter¬ 
mund. Die Wehenthätigkoit setzt, bald ein und der in den 
Uteruskörper eingestopfte Gazebausch treibt wie ein Keil von 
oben her den Muttermund auseinander. Nach einiger Zeit hören 
die Wehen wieder auf, worauf in manchen Fällen eine Blutung 
nach aussen erfolgt. Wenn sich diese Erscheinungen bemerkbar 
gemacht haben, findet man in der Regel den Tampon in die. 
Scheide ausgestossen und dahinter in der Scheide oder im Cer¬ 
vicalkanal das vollständig gelöste Ei. 

Ist ausnahmsweise nach 24 Stunden dieser Erfolg noch nicht 
erzielt und kann map das Ei auch noch nicht bequem digital 
losschälen, so wird nach gründlicher Desinfektion der äusseren 
Genitalien, der Scheide und des Uterus von Neuem tamponirt, 
bis das gewünschte Resultat erreicht ist. 

Nach vollständiger Ausstossung des Ab¬ 
orts bleibt im Uterus nur noch die Hefe Schicht der Decidua 
vera zurück (cf. Fig. 2 D.‘ v.‘), von der die Wiederherstellung 
der Uterusschleimliaut ausgeht. Die Wand der leeren Uterus¬ 
höhle ist im Ganzen glatt, nur an der Plazentarstolle findet man 
kleine Unebenheiten (Fig. 2 D.‘ s.‘). Die Kenntniss dieser ana¬ 
tomischen Verhältnisse ist sehr wichtig, um den Arzt zu be¬ 
wahren, bei der Ausräumung die.se natürlichen Unebenheiten 
ausgleichen zu wollen. 

Eine sehr wichtige Frage ist nun die;: Muss in jedem 
Fall der Uterus in dieser gründlichen Weise 
entleert sein, oder können ei n z e 1 n e T h e i 1 e des 
Eies ungestraft zurückgelassen werden. Diese 
Frage ist für alle Theile unbedingt zu verneinen, mit Ausnahme 
der Decidua vera. Wir sehen bei spontan verlaufenden 
Fehlgeburten, dass diese ohne. Schaden zum Theil oder ganz 
Zurückbleiben kann ’). Jedenfalls hat man also nicht nöthig, 
nach spontanem Verlauf des Aborts, wenn Blutung und 
Infektion auszuschliessen sind, die retinirte Vera zu entfernen. 
Blutete es oder fieberte die Frau, dann muss sie heraus! 

Hat man mit dem Finger in die Uterushöhle 
eingehen müssen, so räumt man heraus, was frei flottirt 
und was dem Fingerdruck weicht. Eine minutiöse Entfernung 
der kleinsten Verafetzchen ist unnöthig, unmöglich vollständig 
durchführbar und, mit der Kürette versucht, auch noch dazu ge¬ 
fährlich. 

Die Diagnose, ob alles abgegangen ist, was 
abgehen muss, um einen guten Verlauf des Wochenbetts zu 
sichern, ist nach spontanem Verlauf der Fehlgeburt durch di«? 
Betrachtung des ausgestossen c n Eies zu stellen. 
Es kann dem Praktiker nicht genug empfohlen werden, sich 

') Wir wenden in der Geburtshilfe zu Intrauterinen Spülungen 
jeder Art nur verdünntes Chlorwasser (1:2—fl) an, weil es neben 
seiner brillanten desintiziivnden und blutstilhmden Eigenschaft «*n 
absolut ungiftig ist. 


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396 MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 10. 


durch eigene Anschauung die nöthigen Kenntnisse der ein¬ 
schlägigen anatomischen und pathologisch-anatomischen Ver¬ 
hältnisse zu verschaffen. 

Nicht selten wird der Arzt auch noch nach dem vollendeten 
Abort gerufen. Findet er dann das ausgestossene Ei nicht mehr 
zur Stelle, dann ist er auf die klinischen Zeichen an 
der Mutter angewiesen, welche die vollständige Ent¬ 
leerung des Uterus charakterisi ren. Vor allen 
Dingen ist ein ziemlich sichere« und beruhigendes Symptom, dass 
es, abgesehen von einem massigen Lochialfluss, gewöhnlich nicht 
mehr blutet. 

Boi der inueren Untersuchung fühlt man die Cervix, jeden¬ 
falls aber den inneren Muttermund geschlossen, oder doch für 
den Finger schwer durchgängig. Der Uteruskörper ist klein und 
deutlich von vom nach hinten abgeplattet. Durch die kombinirtc 
Untersuchung kann man das Organ noch mehr abplatten. Bei 
diesem Versuch sollen sich keine bedeutenderen Blutgerinnsel 
mehr ausdriieken lassen. Sie sehen, man hat es wohl nicht leicht 
nöthig, in die Uterushöhle selbst einzudringen, um dieVollendung 
des Abortus zu konstatiren. 

Wenn man dagegen bei der Behandlung des 
Abortus in die Uterushöhle eingegriffen hat, 
so gilt es als gute Regel, unmittelbar nach Entfernung des Eies 
mit dem von neuem desinfizirten Finger in allen Fällen prinzi¬ 
piell noch einmal einzugehen. Selbst wenn Einem bei vorge¬ 
schrittener Gravidität während der Ausräumung der Uterus 
gross und schwer zu übersehen schien, ist man bei solch’ einer 
nachträglichen Revision im Stande, die nunmehr zusammenge- 
zogenen Wände bequem abzutasten; die äussere Hand muss dazu 
dem untersuchenden Finger die entlegeneren Partien, besonders 
die Tubenwinkol entgegenführeu. Wer mit dem Finger 
im Uterus war, muss unter allen Umständen 
sicher sein, nichts zurückgelassen zu haben. 

Nun kommt es aber gar nicht selten vor, dass bei der spon¬ 
tanen Ausstossung des Eies Reste Zurückbleiben, oder auch leider 
bei der Ausräumung zurückgelassen werden. Die hauptsäch¬ 
lichste Folge dieses sogen, unvollkommenen Aborts 
ist die Fortdauer der Blutung und die Gefahr der Zersetzung. 
Die Retention von Eitheilen ist bei aufmerksamer Unter¬ 
suchung nicht zu übersehen. Sind grössere Stücke, besonders 
Plazenta, oder Theilc der Frucht, zurückgeblieben, so fühlt sich 
der Uterus noch gross und hauptsächlich noch dick an. Die 
Wand ist ziemlich weich; im unteren Körperabschnitt lässt sich 
noch ein ziemlich hoher Grad von Kompressibilität nachweisen. 
Oft hat man bei der bimanu eilen Betastung auch 
das Gefühl von Knirschen oder Krachen im 
Uterus. Blutgerinnsel lassen sich häufig exprimiren. Die 
Lippen der Portio vaginalis und auch der supravaginale Ab¬ 
schnitt der (Vrvix sind noch ziemlich weich. Der in den Cervi- 
calkanal eindringende Finger findet den inneren Muttermund 
offen oder wenigstens leicht dilatabel. Die retinirten Massen 
können direkt betastet werden. 

Sind nur kleine Th eile zurückgeblieben, 
so ist der Uterus mehr zurückgebildet, kleiner, fester, weniger 
dick; die Portio vaginalis und der übrige Theil des Halses haben 
sich wieder formirt. Die Möglichkeit, im unteren Uteruskörper- 
abschnitt zu koniprimiren, ist ganz gering geworden. Tn den 
Uterus kann der Finger nicht mehr eindringen. Der Abgang 
von alten pechschwarzen Blutgcrinnseln hat in solchen 
Füllen viel Charakteristisches für die Retention. 

Von diesen zwei geschilderten hauptsächlichen Befunden 
gibt es natürlich auch Ausnahmen. Als besonders wichtig er¬ 
scheint es mir, auf das nicht, seltene Missverhältnis« zwischen 
Grösse der zurückgehaltenen Eitheile und der Zugänglichkeit der 
Uterushöhle hinzuweisen. Auch ist der Utenis gelegentlich ein¬ 
mal bei der Betastung verhältnissmiissig hart, trotzdem noch um¬ 
fängliche Eimassen zurückgeblieben sind. Man hat das Organ 
dann bei einer Wehe überrascht oder durch die Untersuchung 
eine solche ausgelöst. 

Bei geschlossenem Muttermund muss eine 
Retention von bedeutenderen Abschnitten des 
Eies durch die kombinirtc Untersuchung — 
unterUmständen in Narkose — herausgebracht 

•) Puppe: Untersuchungen über die Folgezustiinde nach 
Abortus. luaug.-Diss., Berlin 1890. 


werden. Die Anwendung der Sonde, um festzustellen, was 
und wie viel noch im Uterus ist, wird von uns als unsicher und 
gefährlich verworfen. Wie bei der gynäkologischen Unter¬ 
suchung muss ihr durch die bimanuelle Betastung der Rang ab¬ 
gelaufen werden. 

Das Prinzip der Behandlung des unvoll¬ 
ständigen Aborts besteht in der Entfernung 
der retinirten Eimassen. 

Der Modus des Verfahrens richtet sich auch hier nach dem 
U ntersuchungsbefund. Hat man die Sicherheit, oder 
auch nur die Vermuthung, dass grössere Theile, besonders Pla¬ 
zenta zurückgeblieben sind, so muss fast unter allen Umständen 
der Finger in die Uterushöhle eingeführt werden, um diese 
Massen herauszuholen, oder doch wenigstens einem eingeführten 
Instrument als Kontroleur zu dienen. Nur in ganz seltenen 
Fällen genügt ein Druck von aussen auf den Uterus zur 
Elimination retinirter Eitheile. In allen übrigen Fällen sucht 
zunächst der Finger allein den Abortreet loszuschälen und zu 
(Uit fernen. Macht es Schwierigkeiten, die gelösten Eitheile aus 
der Uterushöhle herauszubekommen, so ist nichts dagegen ein¬ 
zuwenden, wenn man sie unter Leitung des Index mit einer Korn¬ 
zange fasst und herauszieht. 

Nur wenn man mit dem Finger die Theile von der IJteru'- 
wand nicht losbringt, ist. auch noch ein ändert« Verfahren am 
Platz, das aber strenge Einhaltung der Vorschriften erfordert, 
wenn man nicht die Mutter in grosse Gefahr bringen will. Zu¬ 
nächst. orientirt. sich der Zeigefinger möglichst genau über die 
Grösse und den Sitz des Abortrestes, dann wird unter Leitung des 
Fingers diese Gewebsmasse mit der Kornzangc gepackt und 
durch langsamen Zug entfernt. Diese Manipulation muss unter 
Umständen repetirt werden, bis die Utcrushöhle ganz leer ist. 

Virtuosen im Abortausräumen werden leicht noch kühner. 
In Fällen, in denen es an Platz gebricht, um neben dem Finger 
noch das Instrument, einzubringen, suchen sie sich die Stelle, 
nn welcher der Abortrest fostsitzt, mit dem Finger genau auf 
und führen dann, aber ohne Leitung des Fingers, die Kornzangc 
zur Ausräumung ein. Ein solches Vorgehen kann hier wohl ein¬ 
mal erwähnt werden, ich halte es aber für viel zu gefähr¬ 
lich, als dass man cs für die allgemeine 
Praxis empfehlen könnte. Wir sind in solchen Fällen 
ja auch gar nicht auf eine sofortige Entfernung angewiesen. 
Tamponiren wir den Uteruskörper, so finden wir nach einiger 
Zent durch das starke Ausstopfen den Abortrest. gelockert oder 
mit dem Tampon vollständig ausgestossen. Jedenfalls können 
wir al>er nach 24 Stunden sehr viel bequemer mit dem Finger 
oder neben dem Finger mit der Kornzange die Ausräumung vor¬ 
nehmen. Die Kürette wenden wir in solchen Fällen nicht an. 

Nehmen wir nun die zweite hauptsächliche Eventualität, 
die Retention, an: Der Uterus ist ziemlich stark zusammen¬ 
gezogen. der Muttermund bezw. (Yrvicalkanal ist wieder ge¬ 
schlossen und doch müssen wir nach den Blutungen und unserem 
Befunde annohmen, dass noch kleine Eircste in utero 
zurückgeblieben sind. Boi dieser Sachlage halten wir 
cs nicht für gerechtfertigt, unter allen Umständen den Uterus 
durch gewaltsame Dilatation wieder soweit aufzuschüessen. dass 
man mit dem Finger eindringen und die Höhle austasten kann. 
Die Cervix braucht nur so weit zu sein bezw. gemacht zu werden, 
dass man einen Spülkatheter und eine mittelgrosse Kürette be¬ 
quem einbringen kann. Das Kure, ttement genügt nach 
unseren Erfahrungen in solchen Fällen vollständig und ist bei 
den dicken Wänden des zusammengezogenen Uterus auch nur 
wenig gefährlich. Freilich ist es am empfehlenswerthesten, wenn 
die Blutungen nicht zu stark sind, mit dem Auskratzen bis 
ca. 14 Tage nach der Ausstossung der Hauptmasse des Eies zu 
warten. 

Sollte man sich ausnahmsweise einmal bei der bimanuellen 
Untersuchung getäuscht haben und erst nachträglich beim Kuret- 
tiren das Gefühl bekommen, als ob noch grössere Brocken zurück 
seien, die man nicht so herausbringen kann, dann ist es ja immer 
noch Zeit, bis zur Fingerweite zu dilatiren. 

Blutet es nach der vollständigen Ausräu¬ 
mung des Aborts oder der Abortreste noch weiter und 
ist man sicher, dass nunmehr nichts mehr zurückgeblieben sei, 
so spült man die Uterushöhle mit etwas stärkerem Chlorwasser 
aus. Sollte dieses ausgezeichnete Blutstillungsmittel gelegentlich 
einmal versagen, so greift man zur Jodoformgazetamponade. 


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11. März 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


397 


Eine weitere unangenehme und gefährliche Kom¬ 
plikation, die in jeder Phase der Fehlgeburt auftreten kann, 
ist die Infektion. Die deutlichen Kennzeichen der Zer¬ 
setzung des Uterusinhalts sind übelriechender Ausfluss und Puls¬ 
beschleunigung, Fieber. 

Hat man die Ueberzeugung gewonnen, dass der Abort 
ein septischer geworden ist, so muss die U terus- 
höble so schnell wie möglich, aber auch so 
schonend wie möglich entleert und gründlich 
desinfizirt werden. Ist das Uterusinnere noch nicht 
oder nicht mehr zugänglich, so muss bis zur Finger¬ 
weite dilatirt werden. Vermuthet man nur eine Infektion mit 
Fäulnisserregem, so kommt man mit der J odoformgaze- 
tamponade noch rasch genug zum Ziel. Sind die Allgemein¬ 
ersehei nungen sehr bedrohlich und liegt begründeter Verdacht oder 
dieSicherheit einer schweren septischen Infektion vor, so wird man 
zu der schneller wirkenden Dilatation mit TT e g a r’schen Stiften 
greifen. Doch sei man mit diesem Mittel sehr vorsichtig und 
gehe ja nicht brüsk vor. Die Schwierigkeiten einer raschen 
UterusaufSchliessung werden vielfach unterschätzt. 

Ist der innere Muttermund weit, so erfolgt die Aus¬ 
räumung nach den schon geschilderten Grundsätzen mit dem 
Finger, nur ausnahmsweise greift man unter den anempfohlenen 
Kautelen zur Kornzange. Um möglichst wenig zersetzungsfähiges 
Material zurückzulassen, muss die Ausräumung eine recht gründ¬ 
liche sein und sich auf alle flottirenden und leicht, dem Finger¬ 
druck weichenden Deciduafetzen erstrecken. D e r Gebrauch 
der Kürette wird dabei zu vermeiden gesucht. 
Sie kann leicht Schaden stiften, und wenn es nur dadurch sei, 
dass durch das scharfe Instrument dem Eindringen der Bakterien 
neue Eintrittspforten eröffnet werden. 

Nach der Entleerung ist dann die Hauptsache, eine wirk¬ 
same und nachhaltige Desinfektion des Uteruskavums anzu¬ 
streben. Wo irgend angängig, wenden wir die permanente 
Drainage mit Chlorwasser an. Es ist dies ein Ver¬ 
fahren, das ich bei Ihnen als bekannt voraussetzen darf, da es 
erst jüngst von meinem hochverehrten Chef, Herrn Geh.-Rath 
Hegar“) auf dem oberrheinischen Aerztetag zur Behandlung 
der septischen Endometritis empfohlen wurde. Nur wenn die 
Schwangerschaft noch wenig vorgeschritten war und der Uterus 
zu klein ist, um ein Dauerdrainrohr aufnehmen zu können, be¬ 
helfen wir uns mit desinfizirenden Einzelspülungen, die mit 
Pausen von 2—4 Stunden so lange fortgesetzt werden, bis die 
Temperatur dauernd zur Norm abgefallen ist. ") 

Der Eingangs angeführte Fall zeigt Ihnen, da^s ausser den 
gewöhnlichen Komplikationen, der Blutung, der Retention und 
der Infektion noch eine weitere grosse Gefahr bei der Abort¬ 
behandlung drohen kann, die Verletzung des Uterus. 
Wenn auch gelegentlich einmal die Uteruswand mit dem Finger 
durchbrochen wurde, sosinddielnstrumentedem puerperalen Uterus 
in dieser Richtung besonders gefährlich. Die Gebärmuttcnvand 
ist schon mit allen möglichen Instrumenten durehstossen worden, 
unter denen die Sonde, Kürette und Kornzange obenan stehen. 
Bei der Kürette sind neben den Durchbohrungen auch Fälle 
bekannt geworden, in denen die Uteruswand durchgekratzt 15 ) 
worden ist. Einen sehr plausiblen Mechanismus der Verletzung 
des Uterus mit der Kornzangc hat Ode brecht. ’*) be¬ 
schrieben: Beim blinden Vorführen der Kornzange bis zum 
Fundus wird die Spitze etwas in die weiche Uteruswand ein¬ 
gedrückt. Beim Ocffnen wird die Wand auseinander gerissen. 
Kommt bei einem zweiten Versuche die Kornzange wieder an 
die so vorbereitete Stelle zu liegen, so zerfleischt sie beim Ocffnen 
die Wand noch weiter und so fort, bis die Perforation fast u.i- 
mcrklich perfekt geworden ist. Ein ähnlicher Modus mag auch 
in unserem Fall statt gehabt haben, wenigstens deuten Risse, 
welche etwas entfernt von der eigentlichen Perforationsöffnung 


'“) Hegar: Das Puerperalfieber. Münch, inert. Woelicuschr. 
No. 38. 1901. 

") Dass die vaginale TJtenisexstirpntion bei wirklich sep¬ 
tischer Infektion einen Nutzen gebracht hätte, lässt sich bis jetzt 
schwer beweisen, so dass wir dieses heroische Mittel nach einem 
fehlgeschlagenen Versuch überhaupt nicht mehr in Betracht ziehen. 

“) Oeesner 1. c. 

,r ) Odebrecht: Bemerkungen zu dem Aufsatz: lieber ein 
cigeiithümliches Verhalten des Uterus beim Einführen von Instru¬ 
menten von Bouttner. Centralbl. f. Gyn. 1897, pag. 1442. 

Wo. 10 


die Uteruswand zur Hälfte und zu zwei Drittel ihrer Dicke durch¬ 
setzen, darauf hin. 

Vor einigen Jahren haben in einer denkwürdigen Sitzung 
der Berliner geburtshilflichen Gesellschaft '*) viele der An¬ 
wesenden ihre „Erfahrungen“ über Uterusperforation mitge- 
theilt. Man kam schliesslich dahin, die Kornzange desswegen 
als das gefährlichere Instrument anzusehen, weil man zwar mit 
der Sonde und Kürette den Uterus auch durehstossen könne, 
aber nicht, wie bei der Kornzange, im Stande sei, einen Darm vor¬ 
zuziehen und zu verletzen. Solche Verletzungen der Intestina 
sind scheinbar nicht selten vorgekommen, über die absolute 
Häufigkeit kann man sich keinen rechten Begriff machen, wie 
bei allen medizinischen Thaten, deren man sich nicht rühmen 
kann. 

Eine abweichende histologische Beschaffenheit der Wände 
von perforirten Uteri ist meines Wissens nicht erwiesen worden 
und liess sich auch nicht in unserem daraufhin untersuchten 
Falle finden, doch scheint nach den vorliegenden Beobachtungen 
eine abnorme Weichheit, eine „butterweiche Konsistenz“, wie 
es heisst, vorzukommen. Gibt es aber in dieser Richtung eine 
Disposition des Uterus, so haben wir darin nur einen Grund mehr, 
bei unserem Handeln vorsichtig zu sein. 

Für den Arzt können solche Kunstfehler, wie uns viele Bei¬ 
spiele jahraiis jahrein zeigen, leicht unangenehme, gerichtliche 
Nachspiele haben. 

Sie werden mir zugeben müssen, dass die Ihnen heute Abend 
geschilderte Art der Abortbehandlung wenig Gefahren in sich 
zu schliessen scheint. Die Gefahr liegt aber auch nicht in den 
Vorschriften, sondern wird durch Nichteinhalten der Regeln 
der Kunst heraufbeschworen. 

Zur Vermeidung der Verletzungen lässt sich 
ausser den speziellen Vorschriften im Allgemeinen nur noch 
rathon: Niemals roh oder brüsk bei operativen Eingriffen, 
sei es mit dein Finger, sei es mit dem Instrument, vorzu- 
gehon, die Anwendung der Sonde im puerperalen Uterus 
zu unterlassen, den Gebrauch der Kürette thunlichst auf 
den Uterus mit gut. zusammengezogener Wand zu be¬ 
schränken und die Kornzange nur unter Leitung des Fingers zu 
gebrauchen. Fühlt man sich in seiner Diagnose unsicher oder 
ist ein Eingriff schwierig durchzuführen, so greift man zur 
Narkose. 

Den Schwierigkeiten der Abortbehandlung hat man durch 
die Erfindung von allen möglichen Instrumenten und 
Abänderungen an Instrumenten gerecht zu werden gesucht. Es 
ist dadurch dem Arzt, schwer gemacht, beim Instrumenten- 
händler unter der Masse von scharfen und stumpfen Löffeln 
und Abortzangen eine geeignete Wahl zu treffen. Hier sehen 
Sie das Instrumentarium, welches wir zur Ab¬ 
ortbehandlung benützen, vollzählig: Irrigator. Sims, 
Hobel, dopnelhrnllige Hackenzange. Sonde zum Feststellen der 
Richtung des Corviealkanals. Sonde zum Gazeeinstopfen (zum 
gleichen Zweck eine schlanke Kornzange mit glatten Branchen), 
Spiilkatheter für den Uterus: in einem Blechkasten, der be¬ 
quem zwischen die Kniee genommen werden kann, sterilisirte 
Jodofovmgazcstreifen; eine Kornzange zum Entfernen von ge¬ 
lösten Eitheilen oder Abortresten und eine mittelgrosse Kürette. 
Bei e r Konstruktion der Kornzange ist Werth 
darauf gelegt, dass die in den Uterus einzuführenden Branchen 
nicht z ! lang sind. Wenn das Schloss gerade an der engsten 
St Ile. - Uo am inneren Muttermund liegt, reichen die Spitzen 
)v\ etv a so weit in den Uterus hinein, als der Finger kon- 
;• •«•u kann. Eine zweite Hauptbedingung der Abortzange ist, 

dass sie stumpf sein muss. 

Das von dem Kollegen in Anwendung gebrachte Instrument 
hatte scharfe Ränder, eine Eigenschaft, die cs auf der einen 
Seite zum Festhalten der Eitheile ungeeignet, macht, weil es 
durchsehneidet, auf der anderen Seite leichter zu Verletzungen 
disponirt. An dem Instrument i-t aber nicht der Autor, Herr 
Prof. Winter, schuld, sondern der Instrumentenmacher. Tch 
habe auf Anfrage von Herrn Prof. Winter die Antwort er¬ 
halten. dass die von ihm empfohlene Abortzange s t u m p f e 
Ränder besitzen soll. Trotzdem rühmt z. B. dieser Katalog n ) 
an der ..W inte rächen Abortzange“ gerade die Schärfe. 


“) Centralbl. f. Gyn. Brt. XVIII. pag. !*.•*,7. 

,l> ) Katalog von Evens & Plstor, Kassel. 

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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


Wie 8 o 11 man sich nun verhalten, wenn 
eine Perforation des Uterus oder gar eine 
Verletzung des Darmes passirt ist? Ich halte es 
nicht für angebracht, die relativ günstige Prognose von Per¬ 
forationen, die in Kliniken unter strengster Wahrung der Anti¬ 
sepsis vorgekommen sind und gut abliefen, ohne Weiteres auch 
auf die Verhältnisse der Praxis zu übertragen. Hier muss 
jede Verletzung des Uterus als ein direkt 
lebensgefährlicher Zustand angesehen wer¬ 
den, denn die Gefahr der Infektion ist eine ungleich grössere 
und man kann nie bestimmt wissen, was ausser dem Uterus noch 
verletzt ist. 

Wenn ich Ihnen das Unglück des betreffenden Kollegen 
bei der Abortbehandlung als ein warnendes Beispiel hingestellt 
habe, so befinde ich mich in der Lage, sein Verhalten nach dem 
bedauerlichen Unfall als durchaus korrekt und mustergiltig zu 
bezeichnen. 

Seinen Fehler erkennen, jede weitere Be¬ 
handlung des Utcrusinneren sofort abbrechen, 
durch rasche Zuziehung weiterer Hilfe die 
wenigen Chancen, die der verletzten Patien¬ 
tin in solch’ schweren Fällen bleiben, mög¬ 
lichst auszunützen, sind die Mittel, welche 
in dieser unangenehmen Situation dem prak¬ 
tischen Arzt zu empfehlen sind. 

Eine solche Handlungsweise verdient unsere Anerkennung. 
Wenn aber ein Arzt, wie es auch schon vorgekommen ist, die Pa¬ 
tientin in dem gefährlichen Zustand, für den er sich nicht frei 
von Schuld fühlen kann, feige sich selbst überlässt, so verscherzt 
er sich unsere kollegiale Achtung. 

Wenn der Eine oder Andere von Ihnen aus meinen Aus¬ 
führungen für seine Praxis etwas profitirt hat, so erfüllt das 
am allermeisten den Herrn Kollegen mit Genugthuung, welcher 
den Uterus perforirte, denn er ist cs selbst gewesen, der mich 
zu diesem Vortrag aufgefordert hat, damit die Anderen aus 
seinem Missgeschick lernen könnten. 


Aus dem Institute für spezielle Pathologie der Universität Pavia 
(Direktor Prof. L. D e v o t o). 

Ueber den Mechanismus der Albuminurie durch 
Eiereiweiss.*) 

Von Dr. M. Ascoli, Assistent am Institute. 

Auf die spezifische Fällung, welche bei Zusatz von mit 
eiwcisshaltigen Flüssigkeiten behandelten Versuchsthieren stam¬ 
mendem Blutserum zu den betreffenden Eiweisslösungen entsteht, 
gründet sich die biologische Reaktion der Ei weisskörper; eine 
bedeutende Errungenschaft der modernen Wissenschaft, die es 
erlaubt, die Eiweisskörper verschiedener Herkunft viel genauer 
zu unterscheiden, als es bisher auch mit den feinsten physio¬ 
logisch-chemischen Methoden möglich war. 

Kraus entdeckte zuerst die fällende Wirkung, die das Blut¬ 
serum gegen Typhus- oder Cholerakulturen immunisirter Thiere 
auf filtrirte Typhus- resp. Cholerabouillonkulturen oder Bazillen- 
körperauszüge entfaltet; Bordet stellte dann ähnliche Ver¬ 
hältnisse für sein Milchimmunserum fest, welches in der Milch 
einen Niederschlag bewirkt. M y e r s, Wassermann und 
LThlenhut gebührt das Verdienst, .als die Ersten diese ver¬ 
einzelten Thatsachen einer methodischen Prüfung unterzogen zu 
haben, wobei es ihnen gelang, die biologische Reaktion als eine 
den Eivvcisskürpern allgemein zukorainende zu charakterisiren. 
Auf diesem Boden fussend, glückte es Deutsch, Uhlenhut, 
W assermann und Schütze, die für die gerichtliche Me¬ 
dizin prinzipiell wichtige Frage der Unterscheidung des mensch¬ 
lichen vom thierischen Blute zu lösen. In neuester Zeit sind 


*) Die Literatur bezüglich der Albuminurie durch Eiereiweiss 
ist zusanunengestellt in: Ott: Deutsches Archiv f. klin. Med. 
Bd. 53, S. 604. — Lecorchö und Talamon: Traitö de l’nlbu- 
miuuric et du mal de Brigbt. Paris 1888. I) o i n <V1. — J. Prior: 
Zeitsclir. f. klin. Med. Bd. 18, S. 72. — Verdelliu. Gabbi: Arcli. 
Ital. di clinioa ined. Vol. 35. 1890. — Diejenige über Eiweissresorp- 
tion bei R. Neumeister: Zeitschr. f. Biol., Bd. 27. S. 307, in den 
Arbeiten von F. Hofmeister: Zeitschr. f. physiol. Chem., und 
W. W. Sawjalow: Areh. f. Physiol. 1901, Bd. 85, S. 171. — 
Diejenige über die biologische Reaktion der Eiweisskörper bei 
A. Schütze: Zeitschr. f. Hyg. Bd. 38, S. 487 und E. P. Pick: 
Beitr. z. chem. Physiol. u. Patliol. 15*01—1902, Bd. 1. 


weitere Beiträge und Anwendungen der uns interessirenden Me¬ 
thode von verschiedenen Autoren (Leclainche und V a 11 e e, 
Mertens, Schütze, Moro, Hamburger, Pick u. A.) 
geliefert worden. 

Es lag nun nahe, zu prüfen, ob es mit der biologischen 
Reaktion gelingt, das Schicksal bestimmter Eiweisskörper auch 
im lebenden Organismus bis zu einem gewissen Punkte zu ver¬ 
folgen und haben wir von dieser Ueberleguug ausgehend ver¬ 
sucht, dieselbe zur Klärung einiger physiologischer resp. patho¬ 
logischer Fragen zu verwerthen: Fragen, die beim Mangel an 
einer exakten chemischen Differenzirung dieser Substanzen selbst 
bisher einer definitiven Lösung nicht zugänglich waren. 

In dieser Mittheilung beabsichtigen wir, über Versuche, be¬ 
treffend das Schicksal des in den menschlichen und thierischen 
Organismus eingeführten Eierciweisses, zu berichten. 

Bekanntlich ruft die intravenöse und subkutane Einspritz¬ 
ung dieser Substanz bi i Versuchsthieren Albuminurie hervor, ein-- 
Thatsache, die von den Anhängern der Theorie der diskrasisehen 
Nephritiden als Analogieargument zur Stütze ihrer Anschauung 
in’s Feld geführt wurde, und zwar in dem Sinne, dass das in 
Folge der Dyskrasie veränderte Serumeiweiss analog dem Eier¬ 
eiweiss aus dem Organismus ausgeschieden würde. Während 
aber über das Auftreten von Albuminurie nach Eiereiweissein- 
spritzuugen alle Forscher, die sich mit solchen Untersuchungen 
näher beschäftigt haben, einig sind, gehen ihre Meinungen bei 
der Präzisirung der Art des ausgeschiedenen Eiweisses voll¬ 
ständig auseinander. Von einigen Untersuchern (B e r z e 1 i u s. 
CI. Bernard, P o n f i c k , Snyers, Neumeister) 
wird die Ansicht vertreten, dass das Eiereiweiss als solches durch 
die Nieren ausgeschieden wird, während Lecorche und 
Talamon, Lehmann andererseits annehmen, dass beide Ei¬ 
weissarten zusammen sich im Urin vorfinden und Stokvis 
endlich glaubt, dass das Eiereiweiss eine Modifikation des Blut- 
eiweisses bewirkt hat, die es mit Rücksicht auf die Diffusion 
dem Hühnereiweiss ähnlich und folglich durch die Niere elimin ir- 
bar macht. Diese schroffen Gegensätze in den Angaben der 
Autoren finden leicht in der Unzulänglichkeit der zur Unter¬ 
scheidung von Eier- und Serumeiweiss angewendeten Methoden 
ihre natürliche Erklärung. Thatsächlich sind dieselben, wie auch 
Verdelli und Gabbi betonen und näher ausführen, obwohl sie 
sich zur Unterscheidung von reinen Lösungen dieser Eiweisskörper 
wohl eignen mögen, für die Differenzirung derselben imHame voll¬ 
ständig unzureichend; denn sowohl die Merkmale der leichteren 
Löslichkeit des Serumeiweisses in überschüssiger Salz- oder Sal¬ 
petersäure im Vergleiche zur Unlöslichkeit des Eierciweisses, als 
das verschiedene Drehungsvermögen der Polarisationsebenc 
geben mit eiweisshaltigen Harnen keine zuverlässigen Resultate 
und ein Gleiches gilt für die Unterschiede in der Koagulations- 
temperatur. welche durch den jeweiligen Salzgehalt erheblich be¬ 
einflusst wird, und für die Methode des Schütteins mit Aethcr, 
wobei das Eiereiweiss einen flockigen Niederschlag geben soll. 

Auch die Verabreichung von Eiereiweiss per os in grösseren 
Mengen ruft bei Versuchsthieren Albuminurie hervor und in 
gleicher Weise ist es auch für den nicht nierenkranken Menschen 
als fest gestellt zu betrachten (Claude Bernard, Brown- 
Sequard, Hammond, Ferret, Ott, Prior), dass 
reichliche Zufuhr von rohen Eiern das Auftreten geringer 
Mengen Eiweiss im Harne bedingen kann; bei Nephritikern 
kann die Zufuhr von rohen Eiern ein Ansteigen der Eiweiss¬ 
menge im Ham hervorrufen (Senator, Prior, Lecorche. 
und T a 1 a m o n), wesshalb auch einige erfahrene Kliniker, 
Senator an der Spitze, rohe Eier in der Diät Nierenkranker 
verwerfen. Die Deutung dieser Befunde knüpft sich eng an 
die Bedingungen, unter welchen sich die Resorption der per os 
eingeführten Proteine vollzieht. Entgegen der älteren physi¬ 
kalischen Auffassung von Funcke, nach welcher die Eiweiss¬ 
körper als kolloidale Substanzen, um überhaupt reeorbirt werden 
zu können, zuerst durch die Verdauung in diffusible Stoffe um¬ 
gewandelt werden müssten, ist durch die Arbeiten von Bauer 
und Voit, Eichhorst, Czerny und Latschenberger 
bewiesen worden, dass genuine Eiweissstoffe trotz ihres kolloi¬ 
dalen Zustandes unverändert vom Darmkanal resorbirt werden 
können, eine Anschauung, die sich aber nicht allseitiger Zustim¬ 
mung erfreuen kann. Was speziell das Eiereiweiss betrifft, so 
schien bisher die Thatsache des Erscheinens von Albuminurie 
bei subkutaner Einverleibung desselben gegen die Möglichkeit zu 


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11. März 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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sprechen, dass es bei Genuss nicht exzessiver Mengen als solches 
vom Verdauungsapparat aufgenoinmen werden könne; thatsäch- 
lich gibt selbst Neumeister, der sonst der Existenz einer 
direkten Resorption der Proteine ohne vorausgehende Verdauung 
das Wort redet, zu, dass „das eigentümliche Verhalten des 
Eiereiweisses vorläufig schwer zu beurteilen ist; man könnte 
vielleicht annehmen“, führt Neumeister weiter aus, „dass 
die physikalische Beschaffenheit desselben in der Norm eine 
direkte Aufnahme in die Säftemasse vor seiner Denaturirung 
verhindert“; auch Czerny und Latschenberger kommen 
in ihren direkten Resorptionsversuchen bezüglich des Hühner- 
eiweisses zum Schlüsse, dass es „in den rohen Eiern in einer 
für die Resorption ungünstigen Form enthalten ist“. 

Wie aus dem Auseinandergesetzten zur Genüge erhellt, 
kommen wir in der Beurteilung der durch Genuss rohen Eier¬ 
eiweisses und subkutane Einverleibung desselben hervorgerufenen 
Albuminurie nicht weit über die Sicherstellung ihrer tatsäch¬ 
lichen Existenz hinaus; zur Lösung der Frage, ob die Niere für 
dieses subkutan eingeführte körperfremde Eiweiss durchgängig 
ist, im Gegensätze zu ihrem Verhalten gegenüber dem Blut- 
eiweiss, oder ob letzteres das im Harne auf tretende Albumen 
darstellt, sind die bisher in Anwendung gekommenen Methoden 
unzulänglich; was die alimentäre Albuminurie betrifft, so würde 
das vorliegende Thatsachenmaterial höchstens den Wahrschein¬ 
lichkeitsschluss rechtfertigen, dass das Eiereiweiss als solches 
nur dann resorbirt wird, wenn es in übermässigen Mengen verab¬ 
reicht wird, in welchem Falle es sich dann analog dem subkutan 
eingeführten verhält. Eine solche Deutung, wie sie z. B. von 
Lecorche und Talamon herangezogen wurde, erklärt sehr 
wohl das Ausbleiben der Albuminurie, wenn das Eiereiweiss in 
mässigen Mengen genossen wird; andererseits hat sie vielleicht 
insoferno etwas gezwungenes, als wir dann bei jeder Nierener¬ 
krankung, bei welcher der Genuss roher Eier schädlich wirkt, 
eine krankhafte Veränderung der Darmfunktion, welche die sonst 
ausbleibende, direkte Resorption dieses Eiweisses ermöglicht, 
und somit den Krankheitszustand verschlimmert, annehmen 
müssten. Dass sich die Thatsachen in Wirklichkeit anders ver¬ 
halten. wird aus den folgenden Untersuchungen hervorgehen. 

Die zu meinen Versuchen nöthigen, spezifisch fällenden 
Sera, bereitete ich mir durch ca. 2 Monate dauernde, subkutane 
Behandlung von Kaninchen mit Eiereiweiss, resp. defibrinirtein 
Menschenblut, von Meerschweinchen mit Kaninchenblut; 
bezüglich der Einspitzungen richtete ich mich, wie üblich, nach 
dem Gewichte und der lokalen Reaktion, welche die Versuchs- 
thiere aufwiesen; es wurde mit 2 ccm angefangen und für 
Menschenblut bis zu 8 ccm, für Eiereiweiss bis 15 ccm gestiegen. 
Wenn das aus einer Blutprobe abgeschieden«? Serum auf das be¬ 
treffende Eiweiss stark fällende Wirkung aufwi«*s, wurden den 
Kaninchen mehrere Cubikcentimeter Blut entnommen und das 
gewonnene Serum zu den Versuchen verwendet. Ich will aus¬ 
drücklich hervorheben, dass ich immer nur stark fällende Sera 
angewandt habe, da dies aus weiter unten zu erörternden 
Gründen als eine unerlässliche Bedingung zu solchen Versuchen 
zu betrachten sind; so rief z. B. ein auf seine Wirksamkeit näher 
geprüftes Serum mit dem im Verhältnisse von 1 :500,000 0,85 proc. 
Kochsalzlösung verdünntem Eiereiweiss zusammengebracht, noch 
eine wahrnehmbare Trübung der Flüssigkeit hervor; anscheinend 
wirksamere Sera sind mir auch vorgekommen; ich habe sie aber 
nicht, da es mir darauf nicht ankam, näher titrirt. Was die 
Probe der spezifischen Fällung anbelangt, so ist diese ausser- 
ord«>ntlich empfindliche Methode für den Urin, trotz Allem, mit 
sehr grosser Vorsicht anzuwenden und erfordert ziemliche 
Uebumr, da sonst überaus leicht grobe Täuschungen «mtstehen; 
ich pflege sie als Ringprobe so anzuwenden, dass ich in ganz 
dünnen, niedrigen Rengensgläsorn (7 cm Höhe, 0,5 cm Durch¬ 
messer) z. B. 10 Tropfen des, absolut klaren, fällenden 
Serums mit 15 Tropfen des zu untersuchenden, filtrirton Urins 
überschichte und zur Kontrole ein anderes Reagensglas mit 
10 Tropfen normalen Kaninchenserums und darüber 15 Tropfen 
desselben Urins bereite; die Röhrchen kommen auf ca. 1 Stunde 
in den Brutschrank, worauf unter Berücksichtigung der Kon¬ 
trole die Entscheidung zu treffen ist; im positiven Falle ent¬ 
steht an der Berührungsfläche der 2 Flüssigkeiten eine ring¬ 
förmige Trübung, die langsam nach oben diffundirt ; bei 
vorsichtigem Umstürzen der Röhrchen sieht man den feinen 
Niederschlag in der Flüssigkeit suspendirt, welcher durch wei¬ 


teres Ys bis 1 stündiges Verweilen der Röhrchen im Brutschränke 
zunimmt; ein längerer Aufenthalt im Brutschrank ist nicht 
rathsam. weil manchmal auch in der Kontrole Niederschläge 
zu beobachten sind; aus diesem Grunde ist die Nothwendigkeit 
bedingt, nur stark wirksame Sera zu verwenden. In einiger- 
maassen geübten Händen gibt die Methode geradezu erstaunlich 
gute Resultate. Wenn Blutserum anstatt Urin angewandt wird, 
sind so viele Vorsichten nicht nöthig, Kontrolen mit normalem 
Serum doch immer rathsam. 

Im Besitze solcher Sera, die es mir ermöglichten, im mensch¬ 
lichen Urin wie in demjenigen von Kaninchen das Eiereiweiss 
von dem Bluteiweiss zu differenziren, ging ich nun daran, zu¬ 
nächst die Frage zu lösen, welches derselben lx?i subkutaner 
Einspritzung von Kaninchen mit 5—15 ccm Eiereiweiss im 
Harne auftritt. 

Die öfters wiederholten Versuche ergaben 
nun einstimmig, dass in den untersuchten 
Harnen, auch wenn sie schon 1—2 Stunden nach der Ein¬ 
spritzung entleert waren, beide Eiweiss arten vor¬ 
handen waren. 

In Fortsetzung meiner Versuche ging ich nun daran, zu 
erforschen, wie sich die Thatsachen verhielten, wenn das Eier¬ 
eiweiss per os verabreicht wurde; zu diesem Zwecke führte ich 
in wiederholten Versuchen mit einem dünnen Katheter ca. 60 com 
desselben Kaninchen in den Magen ein. Auch hier waren in dem 
nach diesem Eingriffe entleerten Harne durch Ferrocyankalium 
Albumen nachweisbar und durch die biologische Reaktion deut¬ 
lich in Eier- und Kanincheubluteiweiss zu differenziren. Mit¬ 
hin war bei dieser experimentellen alimen¬ 
tären Albumin urie das eingeführte Eierei¬ 
weiss wenigstens theilweise ausgeschieden 
worden; gleichzeitig war aber die Niere auch 
für das eigene Bluteiweiss durchgängig ge¬ 
worden. 

Aehnliche Versuche stellte ich weiterhin am Menschen an; 
der erste diesbezügliche bezog sich auf eine chronische, nicht indu¬ 
rative, Nephritis und zwar wurden von der betreffenden Patientin 
4 rohe Eier verzehrt; schon nach 2 Stunden war in ihrem Harne 
Eiereiweiss nachweisbar und wurde in dem später entleerten Urin 
die Reaktion noch deutlicher. In 2 weiteren Fällen chronischer 
Nierenentzündung konnte ich gleichfalls schon in dem nach 
2 Stunden nach dem Genüsse 4 roher Eier entleerten Harne Eier¬ 
eiweiss auffinden; hingegen gelang mir dieser Nachweis in einem 
4. Falle nicht; es handelte sich um eine leichte Glomerulo¬ 
nephritis nach Influenza; in dem nach 2 und 3 Stunden nach 
Verzehrung 4 roher Eier entleerten Harne konnte ich 
Eiereiweiss nicht entdecken; den später entleerten Harn konnte 
ich nicht untersuchen, weil mein Vorrath an spezifischem Serum 
nicht ausreichte. Diese merkwürdigen und unerwarteten That¬ 
sachen Hessen mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen, dass 
das Eiereiweiss, wie es im Harne noch als solches zu kenn¬ 
zeichnen war, so auch vom Darme ohne vorherige Umwandlung 
in menschliches Blut oder Organeiweiss resorbirt worden war. 
Da aber der Eimvand nicht zu umgehen war, dass in diesen 
pathologischen Fällen die direkte Resorption von krankhaften, 
wenn auch klinisch nicht deutlich hervortretenden, Ver¬ 
hältnissen der Darmwand abzuleitcn wäre, fühlte ich mich 
veranlasst, den Versuch am gesunden Menschen folgender- 
maassen auszuführen: Ein GOjiihr. Mann, der wegen einer 
monoartikulären Arthritis einige Zeit in unserer Klinik ver¬ 
weilte, im Uebrigen vollständig gesund, genoss 4 rohe Eier und 
nach 1% Stunden saugte ich ihm aus einer Ellbogmivene einige 
Kubikzentimeter Blut in eine sterile Spritze auf; in dem ab¬ 
geschiedenen Serum war einwandfrei Eiereiweiss nachweisbar; 
denselben Versuch wiederholte ich mit identischem Resultate 
an mir selbst. Beim gesunden Menschen kann 
a 1 s o d a s E i e r e i w e i s s. auch in mässigen Mengen 
genossen, ohne Einbüssung der Eigenschaft, 
von spezifischen S e r i s g e f ii 111 zu werden, also 
wahrscheinlich ohne tiefgreifende Verände¬ 
rung, sicher ohne vorherige Umwandlung in 
Serum oder Organeiweiss, resorbirt werden; 
diese Thatsachen sind übrigens in unserem Institute von Dr. 
C. Moreschi in einer besonderen Versuchsreihe methodisch 
verfolgt worden, über die er demnächst berichten wird. Weitere 
Versuche habe ich über alimentäre Albuminurie bei nicht nieren- 


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kranken Menschen ausgeführt; in denjenigen Fällen, in denen 
nach reichlichem Genüsse roher Fier im Harne Fiweiss mit 
Ferrocyankalium nachweisbar war (bekanntlich trifft dies bei 
weitem nicht in allen Fällen zu), waren zumeist, trotz des ge¬ 
ringen Eiweissgehaltes des Harnes, sowohl Bluteiweiss als Eier- 
eiweiss in demselben mit Hilfe der spezifisch füllenden Sera 
zu entdecken. Schliesslich habe ich zwei .Rekonvaleszenten, 
die während ihres Aufenthaltes in unserer Elinik me 
Albumen im Harne aufgewiesen hatten, 1U resp. Io ccm Eier- 
eiweiss subkutan eingespritzt; in dem in den folgenden 
24 Stunden 2 stündlich abgelassenen und untersuchten Li rin 
konnte ich mit Essigsaure-Ferrocyankalium im ersten Falle kein, 
im zweiten nur vorübergehend Spuren von Eiwexss entdecken. 
In einem dritten Versuche, den ich an einem 8 jährigen lvinde, 
das eine leichte postskarlatinöse Nephritis Überstauden hatte, 
anstellte, wurden demselben lü ccm Eiereiweiss subkutan oin- 
verleibt; das Resultat war dem vorausgehenden Experimente 
gleich. Von dem eingeführten Eiereiweiss war also im ersten 
Versuche so gut wie nichts, im zweiten und dritten nur ein 
geringer Bruchtheil durch die Nieren ausgeschieden worden; der 
weitaus grösste Theil hatte das N'iereniilter nicht passirt. Diese 
Versuche, die zwei ähnlichen, von Rem-Ricci auzureihen sind, 
stehen in scheinbarem Widerspruche mit den an Kaninchen er¬ 
hobenen Befunden, bei welchen die Albuminurie bei solcher Be¬ 
handlung konstant ist und viel deutlicher hervortritt; der schein¬ 
bare Widerspruch findet aber eine plausible Deutung, wenn wir, 
von dem eventuellen Unterschiede im Verhalten der Nieren von 
Individuen so verschiedener Spezies abgesehen, den beträcht¬ 
lichen Unterschied in der relativ eingeführten Menge berück¬ 
sichtigen, der sich bei Einführung einer und derselben 
Menge Substanz bei Menschen und Kaninchen ungefähr um 
das Dreissigfache im letzteren Falle im Vergleiche zum 
ersteren bewegt. Diese Erwägungen veranlassten mich, einem 
frischen Kaninchen von 2320 g Gewicht 0,2 ccm Eiereiweiss 
(was, für einen Menschen von 70 kg Gewicht umgerechnei, 
ca. 6 ccm entsprechen würde), subkutan ei nz uv er leiben; in dem 
in den folgenden 48 Stunden entleerten Harne, der möglichst 
bald nach der jedesmaligen Ablassung untersucht wurde, war 
mit Ferrocyankalium Eiweiss nicht zu entdecken; lösen wir 
hingegen 0,2 ccm Eiereiweiss in 100 ccm normalem Harne 
auf und führen wir auf demselben nach vorausgegangener 
Filtration die F’errocyankalium- sowie die Kochprobe mit 
Salpetersäure aus, so fallen beide deutlich positiv aus. Bei sub¬ 
kutaner Einspritzung geringer Mengen Eier¬ 
eiweiss bleibt also die Albuminurie sowohl 
beim Menschen als bei V e r s u c h s t h i e r e n aus 
oder beschränkt sich diese auf die Absonde¬ 
rung geringer Bruchtheile des eingeführten 
Ei weisses. 

Trachten wir mm die Resultate der ganzen Versuchsreihe 
ohne jede Deutung direkt wiederzugeben, so gelangen wir zur For- 
mulirung folgender Sätze: 

Das Eiereiweiss verursacht, in miissigen 
Mengen gesunden Individuen per os verab¬ 
reicht, keine Albuminurie, trotzdem es unter 
denselben Bedingungen im kreisenden Blute 
dem direkten Nachweise durch die biologische 
Reaktion noch zugänglich ist. 

Bei Nierenkranken hingegen kann es unter 
denselben Bedingungen vom Blute in den 
Harn, das Nierenfilter passirend, übergehen; 
dasselbe trifft für die alimentäre Albumi¬ 
nurie nach Genuss exzessiver Mengen roher 
Eier bei Individuen mit scheinbar intakten 
Nieren zu und zwar ist es in beiden Fällen 
möglich, im Harne sowohl Eiereiweiss als 
Bluteiweiss nachzu weisen. 

Subkutane Einverleibung geringer Mengen 
Eiereiweiss ruft keine oder nur minimale 
Albuminurie hervor, während diese bei Ein¬ 
spritzung grösserer Quantitäten deutlich 
h e r v o r t r i 11 und zwar lässt sich auch hier das 
ausgeschiedene Albumen in Bluteiweiss und 
Eiereiweiss durch die biologische Reaktion 
charakteris iren. 


No. 10. 

Ziehen wir mm einerseits in Betracht, dass die gesunde 
Niere, wie sie in physiologischen Verhältnissen das Bluteiweiss 
nicht durchlässt, so auch, für das normaler Weise, wie früher fesi- 
gesteilt, vom Darmkanal m’s Blut übergetretene Eiereiweiss so gut 
wie undurchgängig ist, während sowohl das eine wie das andere 
Eiweiss die kranke Niere passiren können; bedenken wir weiter¬ 
hin, dass bei der bei Menschen und Thieren durch Einverleibung 
grösserer Eiereiweissmengen hervorgerufenen Alb umi nurie so¬ 
wohl Bluteiweiss als Eiereiweiss im Harne aufgefunden werden 
können, so ist die Annahme nahe gelegt, dass, entgegen der Auf¬ 
fassung, dass das Eiereiweiss als körperfremd vom Organismus 
ausgeschieden werde, die gesunde Niere für Eiweiss überhaupt, 
mag es körperfremd sein oder nicht, nicht permeabel ist; dass 
ferner, wenn bei gesunden Nieren beim Menschen übermässiger 
Genuss roher Eier, bei Thieren Einspritzung grösserer Mengen 
Eiereiweiss Albuminurie bedingen, letzteres, in grösserer Menge als 
unter normalen Bedingungen im Blute kreisend, die Nierenzellen 
geschädigt habe; in einem Worte, dass das Eiereiweiss ein Niereu¬ 
gift darstelle, welchem gegenüber die Nierenepithelien einen ge¬ 
wissen Grad von Immunität besitzen, der aber nicht ausreichend 
ist, wenn das Eiereiweiss in grösseren Mengen als in der Norm 
auf dieselben einwirkt. Die auf diese Weise zu Stande ge¬ 
kommene, wenn auch geringe, »Schädigung der Niere würde dann 
den Uebergang sowohl des Blut- als des Eierei weisses in den 
Harn ermöglichen; eine solche Auffassung würde auch in den 
pathologisch-anatomischen Befunden von Stokvis, S o s a t h, 
Knipers, Lecorche und Talamon, Verdelli und 
G a b b i, die tliatsüchlicli bei Einspritzung von Eiereiweiss mikro¬ 
skopisch Niereuläsionen feststellen konnten, eine Stütze linden. 
Auch die von Lecorche und T a 1 a m o n bestätigte Beob¬ 
achtung von S o s a t h, dass die Nierenveränderungen leichter 
sind, wenn die Einspritzung des Eiereiweisses anstatt intravenös 
subkutan geschieht, würde dann in der geringeren Konzen¬ 
tration, in welcher das Eiereiweiss im letzteren Falle auf die 
Nieren wirkt, eine Erklärung linden; denn der festgestellte Um¬ 
stand, dass das resorbirte und im Blute kreisende Eiereiweiss 
nur dann durch die Nieren ausgeschieden wird, wenn es gewisse 
Mengen übersteigt, bedingt ohne Weiteres die Nothwendigkeit, 
dass das Eiereiweiss von gewissen Organen 
verändert oder verbraucht wird. Da nun dieser 
Verbrauch gleichzeitig mit der allmählich stattlindenden 
Resorption des Eiereiweisses aus dem Unterhautbindege¬ 
webe Hand in Hand geht, so folgt daraus, dass bei sub¬ 
kutaner Einspritzung die in einem beliebigen Zeitpunkte 
im Blute kreisende und auf die Nieren wirkende Eierei weiss- 
nienge geringer ist, als bei direkter Einführung desselben in die 
Blutgefässe. Dieser Unterschied würde den verschiedenen Grad 
der Nierenlüsionen in den zwei Fällen bedingen. Auf die obeu 
ausgeführte Weise würde sich auch der schädliche Einfluss, den 
der Genuss roher Eier bei Nierenkranken ausübt, durch die 
direkte Reizung der schon geschädigten Nierenepithelien durch 
das resorbirte und im Blute kreisende Eiereiweiss ungezwungen 
erklären; ob und inwieweit hier auch krankhafte Veränderungen 
der Magendarmfunktion in ihrer Rückwirkung auf die Resorp¬ 
tion des Eiereiweisses in Betracht kommen, ist vorläufig nicht 
mit Sicherheit zu entscheiden. 

Ich habe es für nicht unzweckmässig erachtet, die voraus¬ 
gehenden Erwägungen, die sich bei der Betrachtung der Ergeb¬ 
nisse meiner Versuche von selbst aufdrängten, anzufükreu, berufe 
mich aber betreffs der durch Experimente festgestellten That- 
saehen auf die oben zusammengefassten Resultate. 

Endlich möchte ich als wichtigstes Ergebniss der mit- 
getheilten Versuche betonen, dass die hier zur Anwen¬ 
dung gekommene Verwerthung der biolo¬ 
gischen Reaktion zur Verfolgung des Schick¬ 
sals der Ei weisskörper im Organismus sich zu 
diesem Zwecke vorzüglich eignet, und dürfte sie in 
dieser Hinsicht berufen sein, in mehreren kontroversen Fragen Licht 
zu schallen und einer ausgedehnteren Anwendung fähig sein. 
C. M o r e s c h i hat sich schon derselben in unserem Institute 
zum methodischen Studium der Resorption der Eiweisskörper 
vom Magendarmkanal, worüber demnächst berichtet wird, bedient 
und A. A s c o 1 i hat in Prof. Mangiagalli’s geburtshilflich- 
gynäkologischer Klinik Versuche über den Uebergang der Ei- 
weisskorper von der Mutter auf den Fötus im Gange. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


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11. Mürz 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


401 


Zum Schlüsse sei es mir gestattet, meinem hochverehrten 
Chef, Herrn Prof. Devoto, für den werthvollen, mir in dieser 
wie in allen meinen Arbeiten zu Theil gewordenen Beistand in 
Rath und That meinen gehorsamsten und innigsten Dank auszu¬ 
sprechen. 


Aus dem bakteriologischen Laboratorium der k. k. landwirth- 
schaftlich-bakteriologischen und Pflanzenschutzstation in Wien. 

Ueber den Bazillus Danysz. 

Von Dr. E. Wiener. 

Vor einigen Jahren gelang es Danysz, gelegentlich einer 
Epidemie bei Feldmäusen einen Bazillus zu züchten, welchem er 
durch ein eigenes Verfahren Virulenz gegen die graue Ratte 
verlieh. Auf Grund grösserer Versuchsreihen glaubte er nun¬ 
mehr in der Lage zu sein, der an vielen Orten bestehenden 
Rattenplage ein Ende zu machen. Danysz verimpfte die von 
ihm bei der Ausgangsepidemie gezüchteten Mikroben zunächst 
auf weisse Mäuse, steigerte die Virulenz durch mehrfache Pas¬ 
sage im Thierkörper, gew’öhnte die Mikroben sodann an den 
Organismus der grauen Ratten, indem er Reinkulturen in Kol¬ 
lodiumsäckchen gab, welche für einige Tage in die Bauchhöhle 
der Ratte gelegt wurden, verpflanzte das Virus nunmehr einige 
Male von Thier zu Thier und erzielte durch vorsichtige Anaero- 
biose endlich auch bei Ratten beträchtliche Virulenzsteigerung, 
so dass diese Thiere, wenn sie das mit Infektionsmaterial ge¬ 
tränkte Brod frassen (welches wiederholt verfüttert wurde), nach 
5—12 Tagen verendeten. 

Als nun Danysz behufs Vornahme von praktischen Ver¬ 
suchen ein 160 m langes Rohr des Pariser Kanalnetzes zugewiesen 
erhielt, in welches 200, wie er sich durch mehrtägige Kontrole 
überzeugte, vollkommen gesunde Ratten eingelassen wurden, 
zeigte sich, dass die Thiere das mit den virulenten Bouillon¬ 
kulturen getränkte Brod noch lieber frassen, als ihre aus Ge¬ 
treide und Karotten bestehende gewöhnliche Kost. Alsbald er¬ 
krankte eine Anzahl derselben, ging ein, wurde von den über¬ 
lebenden aufgefressen, welche nun ebenfalls erkrankten, bis nach 
18 Tagen von den 200 Ratten nur noch 8 übrig blieben, welche 
durch Unachtsamkeit des Wächters entkamen, ln vielen Fällen 
hatte sich Danysz überzeugt, dass nur eine durch seinen 
Bazillus erzeugte Sepsis als Todesursache angenommen werden 
konnte. Dabei sind aber noch verschiedene Umstände maass¬ 
gebend; zunächst müssen die Kulturen thunlichst anaerob ge¬ 
wachsen sein, zu welchem Zweck sie Danysz in weitbauchige, 
enghalsige Gefässe gab; vortheilhaft ist es auch, die Lichtein¬ 
wirkung abzuhalten. In 4—5 Tagen setzen sich die Bazillen 
in Ballen auf dem Boden des Gefässes ab und wachsen nun unter 
nahezu vollkommenem Luftabschluss. Auf die Infektiosität hat 
auch noch die Jahreszeit und das Alter und Rasse der Thiere 
Einfluss. Die grösste Mortalität wurde im Frühjahr und Herbst 
erzielt; am empfänglichsten erwiesen sich junge, weisse Ratten, 
welche, wie überhaupt junge Thiere aller Rassen, unter sonst 
gleichen Umständen grössere Empfänglichkeit zeigen als die 
älteren Exemplare. 

Wenn nun auch im Allgemeinen die eben erwähnten Merk¬ 
male von einigen Autoren zugegeben wurden, zeigten ander¬ 
weitige Versuchsergebnisse doch auch mannigfache Abwei¬ 
chungen. 

Krausz 1 ) führte seine Versuche derart durch, dass er 
Ratten in einen abgetheilten Käfig sperrte; in die eine Abtheilung 
wurde eine Ratte gegeben, welche in Bouillonkultur getränktes 
Brod erhielt — das Ausgangsmaterial war eine Originalkultur 
von Danysz — und sodann am 4. Tage nach der Infizirung 
zu den übrigen Thieren in die andere Abtheilung gelassen wurde. 
Das Ergebniss war kein ganz klares, da eine nicht gefütterte 
Ratte schon am 8. Tage einging, während das gefütterte Xhier 
erst am 11. Tage und von da ab bis zum 16. Tage noch 8 Thiere 
starben. Alle anderen verendeten innerhalb weiterer 15 Tage. 
Krausz fand bei keinem derselben ein positives bakterio¬ 
logisches Ergebniss, weder Milzsehwellung, noch Veränderung 
der P eye Eschen Plaques, noch auch Bazillen in den Organen. 
Die Wiederholung des Experiments in dem gründlich des- 
infizirten Käfig mit 20 neuen Ratten hatte keinen anderen Er¬ 
folg. Erst bei intraperitonealer Infektion verendeten die Thiere 
schon nach 7—9 Tagen und waren in der tumeszirten Milz und 


im Blute Bazillen in Reinkultur nachweisbar. Nach diesen Ver¬ 
suchen musste sich Krausz sehr reservirt über die Eignung 
des Bazillus Danysz, Seuchen bei Ratten hervorzurufen, aus¬ 
sprechen. 

K i 8 t e r und Köttgen 3 ) hatten ungleich bessere Ver¬ 
suchsergebnisse. Ihre gefütterten Ratten gingen durchwegs 
nach 5—7 Tagen ein, weisse Mäuse in 4—7 Tagen; auch be¬ 
stätigten sie die Angabe Danysz’, dass die Virulenz zwar in 
den ersten Thierpassagen etwas zunehme, dann aber rasch zurück¬ 
gehe und endlich ganz erlösche. 

Abel*) unternahm sowohl Laboratoriumsversuche als prak¬ 
tische Studien und kam zu ähnlichen Resultaten wie Bron- 
stein*) und K o 11 e *), dass nämlich die Virulenz nach einer 
Anzahl von Passagen abnehme oder erlösche. Dabei waren die 
praktischen Versuche nicht ganz übereinstimmend. Während 
die Landratten durch geschickt angebrachte Aussaaten von einem 
Orte dauernd entfernt werden konnten, oder sich nach A b e l's 
Ergebnissen erst nach 1% Jahre wieder einstellten, versagten die 
Aussaaten auf Schiffen, welche, wie bekannt, zumeist viele Ratten 
beherbergen, gänzlich, welche letztere Ergebnisse sich mit einigen 
an die Station eingegangenen Berichten von Marineärzten voll¬ 
kommen deckten. 

Vollständig ablehnend verhält sich T i d s w e 11 “) gegen den 
Bazillus Danysz, welchem er jede Eignung, Epizootien bei 
Ratten hervorzurufen abspricht, und auch K o 11 e 7 ) meint, dass 
nach seinen Versuchen, bei welchen ungefähr 60 Proz. der Ver¬ 
suchstiere eingingen, an eine Rattenvertilgung in grösserem 
Maassstabe mit Hilfe des Bac. Danysz nicht gedacht werden 
könne. 

Als mir Herr Dr. Kornauth, der Vorsteher der Station, 
im Oktober v. J. eine Agarkultur des Rattenbazillus mit dem 
Ersuchen übergab, dieselbe wenn möglich praktisch verwerth- 
bar zu machen, fand ich dieselbe vollkommen avirulent. Durch 
eine beträchtliche Anzahl von Thieren, der Reihenfolge nach 
an 50. war derselbe fast gleichmässig wirksam geblieben, tödtetr 
Ratten per os innerhalb 11—25 Tagen und hatte seine Infektio¬ 
sität erst durch Fürwahl einer refraktären Art, der weiss- und 
schwarzgefleckten Rattenmaus gänzlich eingebüsst, sodass, nun¬ 
mehr selbst bei subkutaner und intraperitonealer Anwendung, 
weder bei Mäusen noch bei Ratten Krankheitserscheinungen 
auftraten. Aus dieser Kultur war nichts mehr zu machen. Aber 
auch die der Station von Danysz neuerdings in liebenswürdig¬ 
ster Weise überlassene erwies sich als minder virulent, die Er¬ 
gebnisse waren inkonstant, die Krankheitsdauer selbst bei 
4—5 mal gefütterten Ratten sehr protrahirt (bis zu 6 Wochen) 
und auch da war das Bild mehr das einer langsamen, sich in 
äusserster Abmagerung manifestirenden Intoxikation, mit 
mangelndem oder in den seltenen positiven Fällen, sehr spär¬ 
lichem Bakterienfund in den Organen. Auch scheint Danysz 
ebenfalls das virulente Material ausgegangen zu sein, denn seine 
letzte Sendung war, wie er selbst angab, nur noch für junge 
weisse Ratten brauchbar. 

Der Bazillus Danysz steht seinem morphologischen und 
biologischen Verhalten nach der Koligruppo nahe. Er ist ein 
schlankes Kurzstäbchen, häufig leicht gekrümmt, mit 8—10 
seiten- und polständigen Gcisseln, färbt sich nicht nach Gram, 
zeigt die Indolreaktion weder auf Zusatz von Schwefelsäure 1 : 3 
allein, noch nach vorherigem Zusatz einiger Tropfen 0 : 01 proz. 
Natriumnitritlösung, wächst auf den meisten üblichen Nähr¬ 
böden gut und zwar besser bei Brut- als bei Zimmertemperatur. 
Im Zuckeragar bildet er Gas,und wird Gelatine, selbst wenn der¬ 
selben geringe Mengen von Agar zugesetzt wird, peptonitirt. 

Die Versuche, volkommen avirulentes Material mit Hilfe der 
Methoden von Danysz wirksam zu machen, schlugen fehl. Es 
mag dies bei frischen, eben aus dem Thierkörper gewonnenen 
Bazillen manchmal gelingen, doch ist der Erfolg kein anhalten¬ 
der. Ich griff daher auf ein Verfahren zurück, mittels welchem 
schon vor fast einem Jahrzehnt Virulenzsteigerung erzielt 
wurde"), und zwar auf die Züchtung im Ei. 

’) Deutsch, med. Woelienschr. 11)01, S. 205. 

3 ) Deutsch, med. Woelienschr. 1901, S. 809. 

*) Deutsch, med. Woelienschr. 1902, No. 59. 

Zeltschr. f. Hygiene Bd. 30, S. 413. 

°) Journal of Sanitnry Institute London 1901, S. 575. 

’) Zeitsehr. f. Hyg. Bd. 30, S. 380. 

"t Archiv f. Hyg. Bd. XV, 5. S. 172 (T. 

3 


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') Deutsch, med. Wochensehr. 1901, S. 351. 
No. 10. 


402 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


Hueppe') hat zuerst das rohe Ei als Nährboden benützt; 
es hatten zwar schon vor ihm Dal Pazzo 10 ), Schenk”) u. A. 
den Kiinhnlt in dieser Richtung verwendet, aber nur in ge¬ 
kochtem Zustande. II ue p p e’s Mittheilung rief seiner Zeit eine 
ganze Literatur hervor. So hat Z ii r k c n d ü r f o r '") die Ein¬ 
wanderung der Bakterien in das Ei studirt und eine grössere 
Anzahl aerober und anaerober Bakterien isolirt, welche er als 
die Ir-aehe des Schlecht werden.-! der Eier bezeichuete. Z ü r k e n- 
d ö r f e Es Annahme, dass die Eier noch bevor sie die harte 
Schale in der Nähe der Kloake acquiriren, unter Umständen 
Mikroorganismen aufnehmen, ist gewiss nicht ausgeschlossen, 
dürfte jedoch in Wirklichkeit sehr selten Vorkommen. Viel wahr¬ 
scheinlicher ist die Einwanderung durch unmerkliche Haarrisse 
in der Eischale, welche nicht selten Vorkommen. Hält man die 
loercKischale gegen eine Lichtquelle, so sieht man die sehr un¬ 
gleiche Dicke derselben, dunkle dicke Stellen wechseln mit sehr 
diinm n ab. Fallen in diese letzteren Stellen grobe Poren, so 
könne n sie ebenfalls Eingangspforten für Verunreinigungen sein. 

Nimmt man aber frisch gelegte Eier, bereitet dieselben nach 
Ilueppc vor, indem man sie mit Seife wäscht, für kurze Zeit 
in Sublimat einlegt, die eine Kuppe abflammt, sodann mit nusge¬ 
glühter Präparirnadel eine entsprechende Oeffnung bohrt, in 
welche man das Infektionsmaterial mittels Platinöse einbringt, 
so wird man in den weitaus meisten Fällen Reinkulturen erhalten. 

Das Ei bleibt nach der Infektion nicht immer unverändert. 
Zumeist ist dies allerdings der Fall. Selbst nach 14 Tagen sind in 
den meisten Fällen Eiweiss und Dotter gesondert, nur beginnt 
sieh letzterer bis zur Konsistenz erkaltenden Leimes einzudicken. 
Nur in wenigen Fällen hatte der Rattenbazillus vollständige 
Zersetzung des Eies bewirkt, so dass dessen Inhalt nach Er¬ 
öffnung der Schale schmutzig violett bis gelblichbraun, dünn¬ 
flüssig und übelriechend erschien, ohne dass Verunrei¬ 
nig u n g e n nachgewicse n w e r d e n k o n n t e n. In 
diesen Fällen war schon nach wenigen Tagen Gasbildung ein¬ 
getreten. 

A b e 1 und D r ä e r ,3 ). welche dasselbe wechselnde Verhalten 
des Eies bei Beschickung mit Cholerakulturen beobachteten, 
folgern, dass manche Cholerastämme die Fähigkeit besitzen, die 
Zersetzung der Eier zu bewirken und Schwefelwasserstoff aus 
demselben abzuspalten. Da in meinen Versuchen nur eine Ba¬ 
zillenrasse mit demsellK-n Ergebniss verwendet wurde, so muss 
diese Annahme der beiden Autoren als unrichtig bezeichnet wer¬ 
den, vielmehr ist sowohl die Zersetzung des Eies als die Schwefcl- 
wasserstoH’bildung in der verschiedenen Konstitution des Eies 
selbst zu suchen. Man kann sieh durch Kontrolversuche hievon 
leicht überzeugen. Legt man eine Anzahl nicht infizirter frischer 
Eier in den Brutofen, so wird man immer bei einer kleinen An¬ 
zahl derselben nach einigen Tagen schwarze, vom Schwefel¬ 
wasserstoff herrührende Flecken an der Schale bemerken. Oeffnet 
inan diese Eier,'so findet man sie manchmal anscheinend unver¬ 
sehrt, manchmal wieder zersetzt; giesst man sie nun in eine 
Petrischale, in welcher man innen oben einen mit Bleiacetat ge¬ 
tränkten Fliesspapierstreifen anbringt, so wird man bei den zer¬ 
setzten Eiern fast immer, aber manchmal auch bei den an¬ 
scheinend intakten Schwärzung bemerken; in fast allen Fällen 
fehlen Mikroorganismen. 

Bei meinen zahlreichen Versuchen, das Ei als Nährboden zu 
benützen, waren in keinem Falle, wo die Frische des Eies 
ausser Zweifel stand, ausser dem eingebrachten Infektions¬ 
materiale aridere Mikroorganismen nachweisbar. 

Auch Virulenzsteigerung konnte in allen Fällen erzielt 
werden. Dieselbe war allerdings bei den ersten Versuchen für 
praktische Zwecke noch nicht genügend, immerhin aber im Ver¬ 
hältnisse ganz bedeutend, da nunmehr mit jenem Ausgangs- 
materialc, welches selbst bei subkutaner und intraperitonealer 
Anwendung weissc Mäuse nicht krank zu machen ver¬ 
mochte, bei Verbitterung an Ratten tödtliehc Infektion, aller¬ 
dings erst nach 4—6 Wochen und bei mehrfacher Darreichung, 
erzielt wurde. 

Bei diesen langsam verlaufenden Fällen fand ich mehrfach 
eine interessante Angabe Danysz’ bestätigt. Es kommt näm¬ 
lich vor, dass man manche Thiere innerhalb 4—5 Wochen einige- 

■ J ) Zentralhl. f. Baktcriol. lssS. S. .so. 

Med. Jahrbücher 1N>7, 8. ö-’:*. 

") Allg. Wiener nied. Ztg. LSS7, No. IS. 

Zeit sehr. f. llyg. 1S!>4. 

’ t Zeiisehr. f. li.vg. IM. IS». S. öl. 


mal mit dem vorschriftsmässig in Bouillonaufschwemmmig ge¬ 
tränkten Brod füttert, ohne dass diese Thiere Krankheitserschei¬ 
nungen zeigen; trotzdem gehen dieselben innerhalb 1—2 Tagen, 
nachdem sie eine ältere oder abgeschwächte Kultur erhielten, ein. 
ja man findet in der Milz und im Blute solcher Thiere sogar 
häufig die Bazillen in beträchtlicher Zahl. Diese Thiere waren 
daher weder refraktär noch immunisirt; das aus dem Herzblut 
eingegangener Thiere gewonnene Serum agglomerirte den Ratten - 
bazillus nur in sehr geringem Grade, nicht stärker als jedes 
andere indifferente Serum. 

Für praktische Zwecke erwies sich die nunmehrige Virulenz 
noch immer als nicht genügend, denn an eine praktische Ver- 
werthung war so lange nicht zu denken, als noch mehrfache 
Fütterung des Versuchsthieres nothwendig war und Sorge dafür 
getragen werden musste, dass dieselben kein anderes Futter be¬ 
kamen, als eben das mit den Kulturen getränkte Brod. Die- 
ist wohl im Laboratorium möglich, in praxi aber nicht kontrolir- 
bar. Um eine weitere Steigerung der Giftigkeit zu erzielen, 
wurde der Umstand zu Hilfe genommen, dass der Rattenbazillu- 
eine ganz besondere Vorliebe für stark alkalische Nährböden hat. 

In die zu intizirenden Eier wurden 8—10 Tropfen 1 pro/.. 
sterilisirterNatronlauge mittels nusgezogener Pipe tte eingeblasen, 
worauf sofort durch Ueberdruck die entsprechende Menge de- 
Eiinhaltes austrat, welche mit sterilisirtem Fliesspapier sorg¬ 
fältig weggewischt und nunmehr das Infektionsmaterial in üb¬ 
licher Weise eingebracht wurde. 

Die nach 8 Tagen aus den so behandelten Eiern gezüchteten 
Kulturen waren nunmehr vollvirulent. Die mit denselben ge¬ 
fütterten Thiere gingen nach 5—7 tägiger Krankheit ein. Häufig 
war schon einmalige Fütterung tödtlich; in vielen Fällen wurde 
am 2. Tage nochmals eine kleinere Menge — V\ Kultur — ge¬ 
reicht. Die meisten Thiere erkrankten wenige Stunden nach der 
ersten Infektion; sie sassen apathisch mit gesträubtem Fell, be¬ 
wegten sich kaum, wenn an dem Glasgefäss, in welchem sie 
untergebracht waren, geklopft wurde, worauf diese sehr ner¬ 
vösen Thiere sonst durch heftige Sprünge oder Zusammenzucken 
des ganzen Körpers reagirten, und entleerten auch schon schwärz¬ 
liche Massen von theerartiger Konsistenz, in welchen mikro¬ 
skopisch Blutkörperchen und nebst anderen auch Rattenbazillen, 
letztere auch kulturell, nachgewiesn wurden. 

Noch rascher verlief das ganze Krankheitsbild bei jenen 
Thieren, welche die Eingeweide der verendeten erhielten. Sie 
wurden sofort krank, obwohl sie höchstens die Hälfte der Ein¬ 
geweide verzehrt hatten — mit Vorliebe frasson sie die Lunge, 
Leber und Därme — und verendeten schon nach 3 Tageu. In 
diesen Fällen war auch das Sektionsergebniss sehr charak¬ 
teristisch. Der stark entzündete dunkelrothe Dünndarm war mit 
dünnflüssigen, blutigen Massen gefüllt, in welchen nebst anderen 
der Rattenbazillus stark vertreten war. Die Leber war hyper- 
ämisch, die Milz auf das 4—5 fache ihres normalen Volums ver- 
grössert, sehr blutreich, leicht zerreisslich. Die blutreichen 
Nieren zeigten punktförmige Ilämorrhagien in der Corticalis. 
Die Lungen waren ausnahmslos hyperämisch, in manchen Fällen 
bis zur Atelektase beider Flügel. In allen Organen, besonders 
in der Milz und den Lungen, waren ebenso wie im Blut die 
Bazillen in Reinkultur mikroskopisch und kulturell nachweisbar. 
Bei einigen wurde am 2.—3. Tage nach der Infektion blutiger 
Schaum vor Maul und Nase bemerkt. Charakteristisch war in 
den akut verlaufenen Fällen auch die beträchtliche Schwellung 
und Hyperämie der mit Bazillen vollgepfropften Drüsen der 
Achselhöhle. 

Wir besitzen demnach in dem alkalisirten Ei ein 
vortreffliches Mittel zur Virulenzsteigeruug 
des Rattenbazillus, mit Hilfe dessen es mög¬ 
lich sein wird, grössere E p i z o o t i e n bei Ratten 
hervorzurufon. Bei Hühnern und Kaninchen konnte mit 
dieser hochvirulenten Kultur keine Infektion erzielt werden. 


Aus dem Rüntgenlnboratorium des Krankenhauses München 1/T. 

Nochmals 'die bakterientödtende Wirkung der Röntgen- 

Strahlen. 

Von Prof. Dr. H. Rieder. 

Fast 4 Jahre sind verflossen, seitdem ich die Ergebnisse 
meiner Versuche über die bakterientödtende Wirkung der 
Köntgenstrahlen in dieser Wochenschrift (1898 No. 4 und 25) 
veröffentlicht habe. Wenn ich mich auch hiemit in einen Gegen- 


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11. -März 1902. 


MUENCHENER MEDICIN1SCIIE WOCHENSCHRIFT. 


403 


satz zu zahlreichen, früheren Untersuchern stellte, die ein nega¬ 
tives Resultat erzielt haben, so hoffte ich doch, «lass die exakte 
Nachprüfung meiner Versuche zur Bestätigung meiner dama¬ 
ligen Befunde führen würde. Da diese meine Erwartung sieh 
indessen nicht bestätigt hat, muss ich nochmals in dieser Ange¬ 
legenheit das Wort ergreifen. Allerdings hat Niemand meine 
Versuche selbst angegriffen, die ju überzeugend genug waren, 
aber doch haben — mit Ausnahme von W o 1 f e n d e n und 
Korbes Ross') — Diejenigen, welche auch in der Folge zu 
einem von dem meinigen abweichenden Ergebnisse kamen, ihre 
Befunde nur so nebenbei in Diskussionen mitgetheilt, eine ge¬ 
naue Beschreibung ihrer Versuche (welcher Art ihre Versuchs- 
anordnung war, wie lange sie bestrahlt haben und mit welchen 
Apparaten) unterlassen, so dass mir gegenüber einer derartigen, 
ungewöhnlichen Art der Publikation jede Gelegenheit zu einer 
sachlichen Kritik fehlte. 

Vor einigen Jahren, als die Röntgenapparate und besonders 
die Röntgenröhren noch nicht so leistungsfähig waren wie jetzt, 
gelang ja die Abtödtung der Bakterien verhältnissmässig schwer, 
aber es ist auffallend, dass in der Jetztzeit, wo die Röntgen¬ 
strahlen in ungleich grösserer Intensität angewendet werden 
können als früher, von keiner Seite über ein positives Resultat 
der Bakterienbestrahlung berichtet wird. 1 ) 

Da aber einerseits derartige Bakterienversuche mit Röntgen¬ 
strahlen sehr zeitraubend sind und ich von der korrekten Aus¬ 
führung meiner früheren, im Jahre 1898 publizirten Versuche 
überzeugt war, so entschloss ich mich nur ungern zu einer wieder¬ 
holten Inangriffnahme derselben. Um aber nicht den Anschein 
zu erwecken, als hätte ich meine Ansicht in dieser nicht unwich¬ 
tigen Frage in Folge der gegenteiligen Befunde Anderer ge¬ 
ändert, erkläre ich hiermit, dass ich meiner Behauptung, „d i e 
R ö n tg e n s t r a h 1 e n hemmen die Bakterien i n 
ihrer Entwicklun g‘‘, unentwegt stehen bleibe. 

Nur zur nochmaligen Bekräftigung dieser meiner Be¬ 
hauptung sollen die folgenden Versuche dienen, welche ich in 
jüngster Zeit im Röntgeulaboratorium des Krankenhauses 
München 1/1. angestellt habe. 

Versuchsanordnung : 

In Verwendung kam ein Voltohmapparat mit 60 cm 
Funkeninduktor, elektrolytischer Unterbrecher, Voltolnnröhren 
(nach Dr. Rosenthal). 

Das etwas umständlich zu handhabende Metronom, 
welches ich in meinen früheren Versuchen zur Unterbrechung 
des primären Stromes behufs Schonung der Vakuumröhren be¬ 
nutzt hatte, nahm ich diesmal gar nicht in Gebrauch. Da aber 
die Röhren bei Anwendung des elektrolytischen Unterbrechers 
bekanntlich sehr in Anspruch genommen werden, schaltete ich 
bei jedem Versuche 4 Röhren abwechselnd ifhcheinander ein, in 
der Art, dass jede Viertelminute eine andere Röhre an die Reihe 
kam. 

Die zu prüfende Baktcrienplattc wurde ganz nahe an die 
Röntgenröhre herangebracht (um möglichst intensiv wirkende 
Strahlen zu erhalten), so dass die Antikathode von der Platte 
nur 10—12 cm entfernt war. 

Als V ersuch sbakterien wurden diesesmal nur 
Cholera, Prodigiosus und der K o 1 i b a z i 1 1 u s ge¬ 
wählt, um die Untersuchungen nicht zu sehr in die Länge zu 
ziehen, zumal als in meinen früheren Versuchen (1898) schon die 
meisten pathogenen Bakterien durchgeprüft worden waren, wobei 
stets ein eindeutiges Resultat erzielt wurde. 

In den folgenden Versuchen wurde jedesmal, wenn es galt, 
die bakterizide Wirkung der Röntgeustrahlen zu studiren, auf 
die zu verwendenden Bakterienplatten während der Bestrahlung 
ein durchlochter bezw. mit zentralem Aus¬ 
schnitt versehener Bleideckel gelegt, um so die 
bestrahlten und nicht bestrahlten Partien einer Bakterienkultur 
direkt miteinander vergleichen zu können. Wenn aber andere 


') The effects produced in cultures of microorganlsmes etc. 
Arehives of the Röntgen Ray. Bd. V. 1900. (Ref. in Fortschritte 
auf dem Gebiete der Röntgenstrahlen. Hamburg. Bd. IV. S. 103.) 

*» Erst nach Fertigstellung dieser Arbeit kam eia Sitzungs¬ 
bericht aus dem Wiener medizinischen Klub vom 30. I. 1901. 
puhlizirt in der Wien. med. Presse 1901, No. 0, zu meiner Kennt¬ 
nis». aus dem ich zu meiner Befriedigung ersehe, dass Holz- 
k n e c li t und Spieler bei ihren diesbezüglichen Untersuchungen 
zu gleichen Ergebnissen wie ich gekommen sind. 


Wirkungen beabsichtigt waren, wurde die Art der Versuehs- 
auordnung stets besonders angegeben. 

1. Versuch mit C h o 1 e r a b a z i 11 o n, auf Agar über¬ 
tragen (Oberf liiehenaussaat). 

Die Baktericnplatte (Petrischale) wird während der Bestrah¬ 
lung mit zentral ausgeschnittenem Blcidcekel, dann noch (zur Ver¬ 
meidung etwaigen l'elterspringcns von Funken härterer Köhren 
auf das Metall) mit einem zentral ausgeschnittenen Ilartgummi- 
deekel versehen. Zwischen beide Deckel wird lichtdichtes Papier 
gebreitet, um die Wirkung des Fluoreszenzlichtes 
a u s z u s e li 1 i e s s e n. 

Die Bestrahlungsdauer betrug 30 M i u u t e u, wozu wegen der 
häutigen Ein- und Ausschaltung der Röhren fast 3 Stunden Zeit 
henöthigt wurden. 

Sofort nach der Bestrahlung wird die Bakterienplatte in den 
Brutofen (37" ('.) gebracht. 

Tags darauf liudcl sich, dein Ausschnitte des erwähnten Blei¬ 
deckels entsprechend, in dem von «len Knutgeustrahlcu g«‘tr«>nVncM 
Zentrum der Platte fast vollständige Wachsthumslionmning (nur 
eine üppig gewachsene Kolonie war im zentralen, bestrahlten Bezirk 
der Platte entwickelt), während an der Peripherie ein glei«-h- 
mässiges Wachsthum von zahlreichen Kolonien zu verzeichnen war. 

Die mikroskopische Untersuchung der innerhalb des be¬ 
strahlten Bezirkes gewachsenen Bakterien der einzigen auf¬ 
gegangenen Kolonie ergab, abgesehen von normaler Färbbarkeit 
derselben, dass dieselben «lie morphologischen Charaktere (Komma¬ 
formen) von Cholerabazillen zeigten. 

2. Versuch mit Cholera bazille n, auf Agar oberfläch- 
lieh ausgesät. 

Versuchsanordnung wie bei 1. doch wird hier für «lie ganze 
Dauer des Versuches über den mit zentralem Ausschnitt ver¬ 
sehenen Bleideekel statt eines ausgeschnittenen Hartgummkleckels 
eine Hartgummiplatte (dieses Mal ohne Ausschnitt) gelegt, u m 
«lie Wirkung des Flu o r e s z «* u z 1 i <• li t e s «1 e r R ö li r e 
u ml et w a i g e W ii r m e - u n d O z o n w i r k u n g aus z u - 
s c ii i i e s s e n. 

Im Ganzen wird 30 Minuten lang bestrahlt, wozu fast 2 Stun¬ 
den Zeit henöthigt wurden. Die Ilartgmnmiplatte fühlt si«*lt zu 
keiner Zeit der Bestrahlung wann an. 

Sofort nach der Bestrahlung wird die Bakterienplatte in den 
Brutofen (37" C.) g«*braclit. 

Tags darauf zeigte sich, dass im Zentrum, dem kreisförmig«-!) 
Bleidi-ckelnusselmitte entsprechend, alle Bakterien abgctö«lt--r 
waren, während die übrigen Tlieil«* der Platte von «liebt uiul gh-ie’o 
massig gewachsenen Kolonien vollständig bedeckt waren. Dass 
der N ii li r b o d e u «1 u r e li «1 i <* Bestrahl u ng et w n s 
verändert wird, wie auch im ersten Versuche schon zu er¬ 
kennen war. sali man daran, dass derselbe (sofort nach der Be¬ 
strahlung betrachtet) im ganzen G«»biet des bestrahlten Bezirkes 
ein«* klare und durchsichtige Beschaffenheit zeigte. Seine Fähig¬ 
keit als Nährmaterial zu dienen biisste übrigens der Agar durch <11 • 
Bestrahlung nicht ein, denn nachträglich auf «las bestrahlte Zen¬ 
trum überlnipfte Keime wuchsen in der Folge gut weiter. 

3. Versuc h mit. C li o 1 e r a b a z i 11 e u auf A ga r übertragen 
(T iefonaussna t). 

Die Bakterienplntte winl mit zentral ausgeschnittener Bl«*i- 
und llartgummiplntte versehen, dann innerhalb eines Zeitraumes 
von 2 Stunden einer 30 M in u teil dauernden Bestrahlung unter¬ 
zogen un«l hierauf sofort in den Brutofen (37" C.) gebracht. 

Nach «*a. 42 Stunden ersieht man. «lass im bestrahlten Zentrum 
gar keine Kolonien gewachsen sind, wohl aber im Gebiete des 
liielit iM'strahlten Nährbodens. 

4. Versuch mit Choloraliaziilon, auf Agar übev- 
t ragen (O b e r f 1 ii e li e n a u s s n a 11 . 

Heute folgende Versuchsanordnung: l'eb«*r die frisch be¬ 
schickte Bakterienillatte kommt ein mit zentralem, rundem Aus¬ 
schnitt versehener Bleideckel, darüber eine solide Hartgummi- 
platte. «lie an ihrer inneren, der Bakterienplatt«* zugekehrteu Seite 
vollständig mit Staniol überzogen ist. An einer Ecke «1er quadra¬ 
tisch geformten Hurtguuuniplntte befindet sich eine Metnllkiiuiinn*, 
die einerseits mit dem Staui«)lüberzug metallisch verbunden ist. 
andererseits vermittels einer Kupferlitze behufs Ableitung der 
Elektrizität nach der Erde zu mit der Wasserleitung verbunden 
wurde. 

Diese Vorsiclitsmaassregvln werden getroffen, um a 11 e elek¬ 
trischen Wirkungen auf die Bakterien platte, 
sowie Ozon-, Wärme- und Licht-Wirkung a u s z li¬ 
sch a 11 e n. 

Bestrahlung «1er so liergericliteteu Platte (im Verlauf von 
2 Stunden) in «ler Dauer von 20 Minuten! Tags darauf ündeu 
sich entsprechend «1cm Ausschnitt dos Blcldeckels alle Bak¬ 
terien a b g e t ö ä t e t. 

5. und (5. Versuch mit Cholera bazlllen (Ober- 
fliichenaussaat auf A gn r). 

Die eine der beiden Platten wird ö Minuten, «lie ander«* 
10 M 1 n u t eu lang bestrahlt, um zu seb«*n. ob auch nach so kurzer 
Einwirkung der Röntgenstrahlen eine Wachstlmiiishemmiing der 
Bakterien nuftritt. 

Indessen war nach 24 ständigem Aufenthalt«* «ler Platten im 
Brutofen bei beiden Platten ein negatives Resultat zu verzeichnen, 
insofern kein deutlicher Unterselii«*«l hinsichtlich «lcs Kolonien¬ 
wachsthums wnlirzunehmen war zwischen «len bestrahlt«*» zen¬ 
tralen und «len unbestrahlten peripheren Partien «ler Bakterl«*»- 
plntten. 

3* 


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404 MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 10. 


7. V ersuch mit O li o 1 e r a l» a z i 11 e n (Oberflächen- 
;i ussaat auf Aga r). 

Die Bakterienplatte wird einer 20 Minuten dauernden Be¬ 
strahlung unterworfen. Schon sofort nach derselben sieht mau 
eine entschiedene Klärung der zentralen, bestrahlten Agarpartien. 

In der Tliat sieht man Tags darauf, dass innerhalb des zen¬ 
tralen, bestrahlten Gebietes nichts gewachsen Ist, während peri- 
plierwärts sehr üppiges und gleichmässiges Wachsthum der Kolo¬ 
nien erfolgt ist. 

8. Versuch mit Bacillus prodiglosus (Ober- 
i'liichcnaussaat auf Agar). 

Die mit zentral ausgeschnittenem Blei- und Hartgummideckel 
versehene Bakterienplatte wird 30 Minuten lang den Strahlen 
von 4 abwechselnd eingeschalteten Röntgenröhren ausgesetzt. Hie¬ 
zu waren etwa 2>4 Stunden Zeit erforderlich. Sofort nach der Be¬ 
strahlung fällt die zentrale Klärung des Agar auf. 

Tags darauf waren im Zentrum nur vereinzelte, In den peri¬ 
pheren. nicht bestrahlten Bezirken dagegen zahllose Kolonien auf¬ 
gegangen. 

Die in den folgenden*Tagen ersichtliche Farbstoffbil¬ 
dung trat in gleicher Weise in den zentralen bestrahlten wie in 
den nicht bestrahlten peripheren Partien auf. 

9. Versuch mit Cholerabazillen (Oberflächeu- 
a ussaat auf Agar). 

Die Bakterienplatte wird nur mit zentral ausgeschnittenem 
Blei- und Hartgummideckel versehen und dann, während der 
ganzen Dauer des Versuches 8, direkt unter die Ein¬ 
trittsstelle der Anode an der Röntgenröhre gestellt, um die Wir¬ 
kung der elektrischen Entladungen und der 
O z o n w i r k u n g zu studiren. Ausserdem bleibt das Fenster 
des Untersuchungsraumes während der ganzen Dauer des Ver¬ 
suches geschlossen, um stärkere Ozonansamiuluugen zu erzielen. 

Im Anschluss an die Bestrahlung Verbringung der Platte in 
•len Brutofen (37° C.t. 

Tags darauf war auf der Platte diffuses und gleichmässiges 
Kolonienwachsthum wahrzunehmen, also kein Unterschied 
zwischen den abgedeckteu und nicht abgedeckten Stellen zu er¬ 
kennen. 

10. Versuch mit Kolibazillen (Tiefenaussaat 
auf Gelatine). 

Die Kultur wird 30 Minuten lang bestrahlt, wobei sie mit aus 
geschnittenem Bleideekel und ausserdem noch mit einer soliden 
Hart gummiplatte bedeckt war. 

Dieser Versuch wurde unternommen, um auch solirwi d e r - 
s t. a n d s f ä h i g e Bakterien in den Kreis der Untersuchung 
zu ziehen und ausserdem die W Irkung d e r b e i d e r Be¬ 
strahlung sich bilde n den Wärme auf die G ela - 
ti ne zu prüfen. 

Nach der Bestrahlung erweist sich das bestrahlte Zentrum 
klar und durchsichtig — es besteht keine Verflüssigung der Gela¬ 
tine. Die Kultur wird sofort in den Brutofen (22 u C.) gebracht. 

Tags darauf sieht man, dass in den zentralen bestrahlten 
Partien der Platte gar keine Kolonie aufgegangen ist. in der 
Peripherie dagegen, gleichmässig vertheilt, zahllose Kolonien ge¬ 
wachsen sind. Nach weiteren 2 mal 24 Stunden kamen innerhalb 
des bestrahlten Bezirkes noch vereinzelte Kolonien zur Ent¬ 
wicklung. 

11. Versuch mit Kolibazillen (Tiefenaussaat 
auf Gelatine). 

Die Bakterienplatte wird ohne irgend welchen Blei- oder 
Ilartgummideckel während der ganzen Bestrahlungsdauer von 
Versuch 10 unter die Eintrittsstelle der Anode gestellt, um d i e 
elektrische Wirkung und den Einfluss des 
Ozons zu prüfen und danu in den Brutofen (22° C.) gebracht. 
Tags darauf zeigt sich auf der Platte überall ganz gleichmässiges 
Kolonienwachsthum. 

12. Versuch mit Kolibazillen (Oberf liichen- 
A ussaa t). 

Eine mit Agar beschickte Petrischale wird mit aus¬ 
geschnittenem Bleideckel und Hartgummiplatte versehen und (im 
Verlaufe von 3 Stunden) 30 Minuten lang bestrahlt. Die der 
Bestrahlung unterworfene, kreisrunde zentrale Partie des Agar 
nimmt ein klares, durchsichtiges Aussehen an. Nachdem die 
Schale mit Kolibazillenkultur beschickt ist, wird sie in den Brut¬ 
ofen (37 u €.) gebracht. 

Tags darauf ist reges Kolonienwachsthum im Bereich der 
ganzen Nährfläche zu koustatiren. 

Dieser Versuch wurde unternommen, um die Wirkungder 
R ö ntgenstrahlen auf den N il h rboden zu prüfen. 

13. Versuch mit Prodiglosus (Oberfläeheu- 
aussaa t). 

Die betreffende Agarkultur wird (wie gewöhnlich in ab¬ 
gedeckter Petrischale) 25 Minuten lang bestrahlt und während 
dieser Zelt mit zentral ausgeschnittenem Bleideckel sowie einem 
soliden Hartgummideckel überdeckt. Sofort nach der Bestrahlung 
wird die Platte in den Brutofen (37 0 C.) verbracht. 

Tags darauf sieht man. dass in den dem Bleideckelausschnitte 
entsprechenden Partien der Platte alle Bakterien abge- 
t ö d t e t wurden (s. Fig. 1) s ). 


J ) Die Abbildungen Fig. 1 und 2 wurden in der Weise her¬ 
gestellt, dass die betreffenden Bakterienplatten auf photographi¬ 
schem Wege reproduzirt und die so gewonnenen Negative — be¬ 
hufs Erzielung tadelloser Hochätzungen — peinlich genau .mit 


14. Versuch mit Prodiglosus (Oberflächen- 
Aussaa t). 



Die betreffende Agarkultur wird, mit zentral ausge¬ 
schnittener Blei- und Ilartgummiplatte bedeckt, während der 
ganzen Dauer von Versuch 13 direkt unter die Eintrittsstelle der 
Anode in die Vakuumröhre gebracht und daun in den Brutofen 
(37 u C.) verbracht. 

Tags darauf zeigt sich überall gleichmässiges Kolonienwachs¬ 
thum. in der Peripherie sowohl wie im Zentrum. 

13. Versuch mit Prodiglosus (Oberflächen- 
A ussaa t). 

Eine mit Agar beschickte Petrischale wird — nach Abheben 
des Glasdeckels — mit zentral ausgeschnittenem Blei- und Hart- 
gummideckcl versehen und 20 Minuten lang bestrahlt. 

Im Zentrum zeigt sich entsprechend dem Ausschnitt des Blei¬ 
deckels eine helle, durchsichtige, kreisrunde Partie. 

Sofort nach der Bestrahlung Aussaat einer Bouillonaufschwem¬ 
mung von Prodigiosus und Verbringung der so hergestellten Kultur 
in den Brutofen (37° C.). Tags darauf ist g 1 e I c h m ä s s i g e s und 
a 11 s e i t i g e s Kolonienwaehsthuin wahrzunelimen, 
also kein Waehsthumsunterschied zwischen bestrahltem und nicht 
bestrahltem Nährboden wahrzunehmen (s. Fig. 2>. 



IG. Versuch mit frisch gewachsenen, voll¬ 
ständig entwickelten Kolonien einer Koli-Agar- 
k u 1 1 u r. 

Eine derartige, in einer Petrischale befindliche Kultur mit 
reichlichem Kolonienwachsthum wird 40 Minuten lang inten¬ 
siven Röntgenstrahlen ausgesetzt, dann nebst anderen Kulturen 
desselben Alters und Wachsthums auf ihre Lebensfähigkeit unter¬ 
sucht. 

Die bestrahlten Kolonien erwiesen sich als nicht abgetödtet, 
die Bazillen vermehren sich, auf frische Nährboden überimpft, an¬ 
scheinend in der gleichen Welse wie die der nicht bestrahlten 
Plattenkolonien. 

17. Versuc li. Bestrahlung frisch gewachsener 
Kolonien einer Koli-Agarkultur mit konzen- 
trirtem elektrischen Licht 


Tusche auf Gelatinepapier und von hier auf Zink übertragen 
wurden. 


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11. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


405 


Die zentralen Partien der betreffenden Kultur werden, nach 
Auflegen eines zentral ausgeschnittenen Bleideckels, dieses Mal 
nicht den Röutgenstrahleu, sondern unter Anwendung guter Kühl¬ 
vorrichtungen dem intensiven, konzeutrirten Bogenlicht 
des Finsenapparates bei einer Stromstärke von GO Ampöres eine 
volle Stunde ausgesetzt. Im Anschluss an die Bestrahlung werden 
von den bestrahlten zentralen und den unbestrahlten Partien Ueber- 
linpfungcn auf verschiedene Nährböden (Bouillon, Agar) vorge- 
uoinmeu. Ueberrnsehender Weise zeigte sich in siimmtlichen an¬ 
gelegten Kulturen reges Bakterienwachsthum, wenn auch in den 
\on bestrahlten Kolonien stammenden in etwas geringerem Grade. 

Das starke konzentrirte Bogenlicht hat also nicht hingereicht, 
um die Kolonien abzutödten, während ln der Entwicklung be¬ 
griffene Bazillen durch dieses Licht, wie diesbezügliche Versuche 
ergeben haben, schon in ca. 1 Minute abgetödtet werden. 

18. Versuch. Bestrahlung frisch gewachsener 
Kolonien einer Prodiglosus-Agar - Kultur mit 
konzentrirtem elektrischen Licht. 

Hier wird dieselbe Versuchsanordnung getroffen 
wie in Versuch 17, nur wird der Zufluss von Wärme nicht so er¬ 
heblich eingeschränkt wie dort. Nach einstündiger Bestrahlung 
mit Finsenlicht (60 Ampöres) wird sowohl vom Zentrum wie von 
der Peripherie auf Bouillon überimpft. Tags darauf, d. h. nach 
-4 stündigem Aufenthalt der Bouillonröhrchen im Brutofen (37° C.) 
war die mit Bouillon aus dem bestrahlten Zentrum beschickte Kul¬ 
tur vollständig klar geblieben, während die mit nicht bestrahlten 
Bazillen aus der Peripherie der Prodigiosuskultur hochgradig ge¬ 
trübt war und üppige Bakterien Vermehrung zeigte. 

In erster Linie war ich bestrebt, nachzuweisen, dass die 
bakterientödtende Wirkung, welche in obigen Ver¬ 
suchen zum Ausdruck kommt, nur auf die Röntge n - 
strahlen zurückzuführen ist und nicht auf andere Energien, 
die von der Röntgenröhre ausgehen. 

Da die Kathodenstrahlen die Glaswand überhaupt 
nicht durchdringen, kann der Einfluss auf das Wachsthum der 
Bakterien, abgesehen von den Röntgenstrahlen, nur 
herrühren von dem Fluoreszenzlicht der Röntgenröhre, 
einer etwaigen Wärmewirkung, einer Wirkung des in 
grosser Monge bei der Einschaltung der Vakuumröhren sich 
bildenden Ozons, von elektrischen Wirkungen oder 
von einer Veränderung des Nährbodens. 

Das Fluoreszenzlicht der Röntgenröhre wurde durch 
Ueberdecken der Bakterienplatte mit lichtdichtem Papier oder 
mit solidem Uartguinmideckel ausgeschaltet. 

Eine etwaige W ärmewirkung wurde durch jedes¬ 
malige Ausschaltung der Röntgenröhre nach Stromzuführung 
von je Va Minute Dauer, sowie durch Zwischenschaltung einer 
soliden Hartgummiplatte sicher hintangehaltcn. Hiefür spricht 
auch der Umstand, dass niemals Verflüssigung der Gelatine im 
Anschluss an die Bestrahlung beobachtet wurde. 

Eine Ozonwirkung kam desshalb nicht in Betracht, 
weil an der Eintrittsstelle des Stromes in die Vakuumröhre für 
lange Zeit im gleichen Raum und unter sonst gleichen Beding¬ 
ungen aufgestellte Bakterienkulturen gar keine Störung in ihrem 
Wachsthum zeigten. 

Die elektrischen Wirkungen, insofern die in der 
Umgebung der Vakuumröhre sich ausgleichenden elektrischen 
Spannungen zu stillen Entladungen oder — bei harten Röhren — 
zu direkten Funkenschlägen führen, wurden durch eine leitende 
Zwischenschicht, d. h. ein zwischen Röhre und Bakterienplatte 
eingeschaltetes Metallplättchen, welches mit der Wasser¬ 
leitung in direkter Verbindung stand — also durch Erdablei¬ 
tung — beseitigt. *) l)a die elektrischen Entladungen nicht 
allein vom Fokus der Vakuumröhre, sondern von allen Theilen 
der Röhrenoberfläche, besonders aber von der Eintrittsstelle der 
Anode und Kathode ausgehen, so wurde eine Bakterienplatte 
(Versuch 14) immittelbar unter die Eintrittsstelle der Anode 
während länger dauernder Stromzuführung gebracht, ohne dass 
auch nur eine Hemmung des Bakterienwaclisthuins auf diese 
Weise erzielt werden konnte. Auch dass der Ausschnitt der 
Bleiplatte, ob er nun rund oder quadratisch war, so scharf auf 
die Bakterienplatte sich abzeichnete, spricht gegen eine elek¬ 
trische Wirkung bei der Bakterienabtödtung. Endlich der Um¬ 
stand, dass die Abtödtung der Bakterien viel besser resp. in kür¬ 
zerer Zeit gelang, wenn weiche Röhren zur Anwendung kamen, 
als bei Einschaltung harter Röhren, spricht gegen die An¬ 
nahme, dass elektrische Wirkungen bei der Wachsthumshem¬ 
mung der Bakterien im Spiele sind. 

‘) Die von verschiedenen Forschern studirten Wirkungen 
direkter Funkonentladung auf Bakterien, die menschliche Haut 
u. s. w. »ollen Indessen nicht bestritten werden. 

So. 10. 


Der N ä h r b o d e n erleidet zwar durch die Bestrahlung 
eine gewisse Veränderung (Agar sowohl wie Gelatine wird klar 
und durchsichtig), dass er aber hiedurch für das Wachsthum der 
Bakterien untauglich gemacht würde, wird besonders durch die 
speziell in dieser Richtung angestellten Versuche 12 und 15 
widerlegt, insofern nach der Bestrahlung des Nährbodens bei 
neuen Aussaaten von Bakterien ein üppiges Wachsthum derselben 
zu konstatiren war. 

Die Ausschaltung der genannten Faktoren spricht allein 
schon für eine spezifisch-bakterizide Wirkung 
der Röntgenstrahlen. Aber auch die mannigfache Aehn- 
lichkeit dieser Strahlen mit den Lichtstrahlen und den Becquerel¬ 
strahlen, die chemische Wirksamkeit aller dieser Strahlen (z. B. 
auf die photographische Platte) und ihre starke Reizwirkung 
auf die menschliche Haut, welche zu gewissen Veränderungen 
der Gewebe, ja sogar zu Nekrose führen können, gibt einer 
derartigen Auffassung eine gewisse Stütze. 

Endlich ist der Grad der bakteriziden Wirkung der Röntgen¬ 
strahlen (wie ich mich schon früher überzeugt habe) abhängig 
von ihrer Intensität, d. h. von der Entfernung der Bakterien¬ 
platte vom Fokus — je geringer der Abstand, desto grösser die 
Wirkung; daher wurde in den obigen Versuchen die Röhre dem 
Objekte auch möglichst genähert. 

Die Abtödtung bereits voll entwickelter Kolo¬ 
nien (auf der Agarplatte) gelang aber ebenso wenig (siehe Ver¬ 
such 16), wie in meinen früher publizirten Versuchen. 

Iliezu muss bemerkt werden, dasss auch durch sehr starke 
und langdauernde Lichteinwirkung auf einzelne Kolonien 
(siehe Versuch 17) kein positives Resultat erzielt wurde. In Ver¬ 
such 18 gelang die Abtödtung einzelner Kolonien wohl dess- 
wegen, weil die Wärmestrahlen nicht vollständig ausgeschaltet 
wurden. 

Ich kann also das Ergebniss meiner Versuche in folgendem 
Satze zusammenfassen: 

„N icht nach ein- oder mehrstündiger Be¬ 
strahlung, wie in meinen früheren Versuchen, 
sondern schon nach 20—30 Minuten dauernder 
Einwirkung der R ö n t g e n s t r a hl e n auf Bak¬ 
terien konnte W a c h s t h u m s h e m m u n g und Ab¬ 
tödtung derselben erzielt werden.“ 

Dass die Abtödtung keine scheinbare war, wenigstens bei 
den Versuchen, in denen eine länger dauernde Einwirkung der 
Röntgenstrahlen stattfand, ersah man daran, dass selbst mehrere 
Tage (im Anschluss an die Bestrahlung) im Brutofen belassene 
Kulturen keine anderen Waelisthumsverhältnisse zeigten, wie 
24 oder 48 Stunden nach der Bestrahlung. Nur wenn die Be¬ 
strahlung kurzdauernd ivar oder wenn sehr widerstandsfähige 
Bakterien, z. B. Kolibazillen wie in Versuch 10, der Bestrahlung 
unterworfen wurden, trat nach einigen Tagen wieder Wachsthum 
eines, wenn auch kleinen Theilcs der bestrahlten Bakterien ein. 

Es verdient ferner hervorgehoben zu werden, dass bei ver¬ 
schiedenen Nährböden stets die gleichen Re¬ 
sultate erzielt wurden. 

Immerhin aber ist es möglich, dass auch gewisso morpho- 
1 o g i s c li e Veränderungen der Bakterien durch den Einfluss der 
Röntgenstrahlen hervorgerufen werden. So geben Wolfcnden 
und Forbes Ross (1. c.) für die Tuberkelbazillen an, dass sie 
sich durch die Bestrahlung wesentlich verändern und sich dann 
als grosse, fette, glasige, homogene Stäbchen präsentiren, welche 
an Anthraxbazillen erinnern. 

Uebrigens läugnen die genannten Autoren jede bakterizide 
Wirkung der Röntgeustrahlen. Sie haben behufs Prüfung der¬ 
selben verschiedene Kulturen 7 Tage hintereinander je 1 Stund** 
bestrahlt; doch gediehen die den Strahlen ausgesetzten Partien 
einer Aussaat viel besser. Meistens kamen Reagensgläser (nur 
zuweilen Petrischalen) in Verwendung, obwohl Glas die Röntgen¬ 
strahlen ziemlich stark absorbirt. 

W. und F. R. führen als Stütze ihrer Resultate die angebliche 
Eigenschaft der Röntgenstrahlen au, biologische Vorgänge zu be¬ 
günstigen und anzuregeu, indem Kresse samen viel besser 
wuchs, ivenn er vor der Aussaat 1 Stunde lang bestrahlt worden 
war. Auch Hefe, die 1 Stunde lang den Strahlen ausgesetzt war, 
wirkte viel stärker und bestrahlte Milch ging viel rascher in 
Gührung über als unbestrahlte. 

Diese Angaben der beiden englischen Forscher konnte ich aber 
nicht bestätigen. Frische, in sterile Gefiisse gefüllte M i 1 c li ging 
ebenso rasch (uach 36 Stunden) in Giihrung über, wenn sie 
1 Stunde lang den Röntgenstrahlen direkt ausgesetzt wurde, als 
wenn sie nicht bestrahlt wurde. Vor der Aussaat l Stunde lang 
bestrahlter Kressesamen zeigte vom 4. Tage nach der Aus- 


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406 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


saat aber ebenso rasches und gleichmüsslges Wachsthum wie nicht 
bestrahlter. Endlich Keime (II e f e p 11 z e) eines jungen, in Ge¬ 
latine eingetragenen Bieres können fast ebeuso rasch und sicher 
wie reingezüchtete Bakterien durch Itöutgenstrahlen abgetödtet 
werden, wie ich schon 18!)8 im Verein mit K U n s b e r g nach- 
weisen konnte. 

Dass im bestrahlten Bezirk einer Bakterienplatte, welche 
zu kurz bestrahlt wird, um eine vollständige Abtüdtung der Bak¬ 
terien zu erzielen, stets grössere Kolonien zu sehen waren als 
im unbestrahlten, ist darauf zurückzuführen, dass für die w e - 
nigen überlebenden Keime eine viel grössere Oberfläche 
des Nährbodens zur Verfügung stand als für die anderen. Diese 
Erscheinung spricht aber zugleich dafür, dass der Nährboden 
durch die Bestrahlung nicht in dem Sinne verändert wird, dass 
er für das Wachsthum der Bakterien untauglich würde. 

Ob die Gasbildung, die Fluoreszenz- und 
Phosphoreszenz-Erscheinungen gewisser Bakte¬ 
rien durch die Einwirkung der Röntgenstrahlen eine Einbusse 
erleiden, muss erst noch festgestellt werden. 

Die F arbstoffbildung erfährt, wie diesbezügliche 
Versuche mit Bacillus prodigiosus ergeben haben, keine Ein¬ 
busse durch die Bestrahlung; doch ist anzunehmen, dass die 
V irulenz pathogener Bakterien, wie nach Lichteinwirkung 
so auch nach Einwirkung der Röntgenstrahlen verringert wird. 

Die biologische Wirksamkeit der Röntgenstrahlen kann 
also nach den obigen Darlegungen wohl nicht mehr bestritten 
werden. Aber die Frage, ob das Resultat der geschilderten 
Bakteriellversuche möglicher Weise eine praktische Anwendung 
zur Bestrahlung infizirter Thiere und Menschen gestatte, muss 
leider verneint werden. Für diese Auffassung habe ich ja bereits 
in einer früheren Arbeit („Therapeutische Versuche mit Röntgen¬ 
strahlen bei infektiösen Prozessen“. Münch, med. Wochenschr. 
1899, No. 29) Beweise beigebracht. Es zeigte sich eben, dass 
künstlich infizirte und dann öfters bestrahlte Thiere häufig 
schneller zu Grunde gingen als die Kontrolthiere, die mit der¬ 
selben Bakteriendosis geimpft, aber nicht dem Einfluss der 
Strahlen unterworfen wurden. Derselbe Misserfolg wäre zu ge¬ 
wärtigen bei Verwendung einer bakterizid wirkenden Dosis von 
Röntgenstrahlen zur Behandlung von Menschen, die an In¬ 
fektionskrankheiten leiden, z. B. Phthisikern, da eine so intensive 
Bestrahlung eine deletäre Wirkung auf die Haut ausüben würde 
und durch Hervorrufung von ulzerösen und nekrotisirenden Pro¬ 
zessen den Patienten erheblich schädigen würde. 

Zudem ist die Abtödtung von Bakterien innerhalb des leben¬ 
den Gewebes viel schwieriger zu bewerkstelligen, als in künst¬ 
lichen Nährböden. 

Damit soll ja in keiner Weise die heilende Wir¬ 
kung der liöntgenstrahlen bei einer grossen Zahl 
von Hautkrankheiten — auch infektiösen Ursprungs 
— bestritten werden, aber die bakterizide Eigenschaft der 
Röntgenstrahlen ist hier so wenig ausschlaggebend für 
die Wirkung, wie die des Lichtes, z. B. des Finsen- 
lichtes, bei infektiösen Prozessen der Haut (Lupus vulgaris, 
Sykosis, Favus u. s. w.). Hier wie dort muss die im Anschluss 
an die Belichtung auftretende, mit entzündlichen Erscheinungen 
der Haut einhergehende Gewebsreaktion oder kurz gesagt 
„die reaktive Entzündung der Haut“ als das wirksame Agens bei 
der Heilung angesehen werden. 


lieber das Zentrum der reflektorischen Pupillen¬ 
verengerung und Uber den Sitz und das Wesen der 
reflektorischen Pupillenstarre.*) 

Von Prof. Dr. EL Baas in Freiburg i. Br. 

Wohlbekannt ist seit der Veröffentlichung von Argyll 
Robertson das Krankheitszeichen der reflektorischen Pu¬ 
pillenstarre, wie es in erster Linie bei Tabes, dann bei progressiver 
Paralyse und weniger häufig bei einer Anzahl anderer Erkran¬ 
kungen sich findet; wohlbekannt sind auch die Formen seines 
Auftretens, sei es nun, dass es für sich allein besteht, sei es, 
dass es mit Miosis oder Mydriasis oder mit anderen krankhaften 
Zuständen der inneren oder äusseren Muskulatur des Auges ver¬ 
gesellschaftet ist. 

*) Nach einem im Verein Freiburger Aerzto gehaltenen Vor¬ 
trage. 


In um so sonderbarerem Widerspruch mit dieser Fülle der 
klinischen Kenntnisse steht die Thutsache, dass es bis jetzt 
Niemanden gelungen ist, eine allgemein befriedigende Erklärung 
des Zustandekommens jener Erscheinung zu geben; verständ¬ 
licher aber wird diese Unsicherheit, wenn wir uns daran er¬ 
innern, dass sowohl die Anatomie wie die Physiologie gleichfalls 
noch nicht in der Lage sind, die hier einschlagenden Probleme 
völlig zu klären. Höher oder tiefer wogt nach Zeit und L^in- 
ständen der Streit der Ansichten über die Zentren der Pupillen¬ 
bewegung und bald so, bald anders ist die Antwort auf die ge¬ 
stellten Fragen ausgefallen. 

Da in neuerer Zeit wieder mehrere Untersucher sich mit 
diesen Dingen beschäftigt haben, und verschiedenartige Ergeb¬ 
nisse als Früchte vielfach recht mühsamer Arbeiten zu Tage ge¬ 
treten sind, so möchte es sich wohl lohnen, einen Ueberblick ül>er 
den Stand unserer Kenntnisse zu veranstalten; und wenn es sich 
dabei zeigen sollte, dass wir auch heute von der endgültigen 
Wahrheit noch ein gutes Stück entfernt sind, so würde das uns 
doch nicht verdriessen dürfen: ganz ohne Gewinn sind die 
Mühen der Autoren nicht geblieben. — 

Bei einer Erörterung der Physiologie und Pathologie der 
Pupille kommen eine Anzahl von Nervenbahnen in Betracht; von 
allen möglichen Gegenden des Körpers her werden Impulse auf 
verschiedenen Wegen zum Auge geleitet, um hier in der Form 
und Bewegung jenes empfindlichen Reagens zu so sichtbarer Aus¬ 
prägung zu gelangen, wie sie fast in keinem anderen Organe mehr 
gefunden wird. 

Schon aus diesem Grunde ist es zweckmässig und not.h- 
wendig, dass wir zum Theil in Kürze uns auch mit denjenigen 
Zentren und Nerven beschäftigen, welche späterhin bei der Be¬ 
sprechung der eigentlichen Themas mehr zur Seite können 
liegen gelassen werden; dass diese weitere Ausdehnung unserer 
Betrachtungen nicht ganz überflüssig ist, werden Sie bei der 
Diskussion der reflektorischen Pupillenstarre als begründet 
erkennnen. 

In Verengerung und Erweiterung um eine mittlere Oeff- 
nungsgrösse zeigt sich das Spiel der Pupille, welches hervor¬ 
gerufen wird durch zwei einander entgegenwirkende Kräfte: 
durch den seit lange anerkannten Sphincter iridis einerseits, 
andererseits im Wesentlichen durch den, wie wir annehmen, jetzt 
ebenfalls wohl erwiesenen Musculus dilatator; beide Gebilde aus 
glatten Muskelzellen, deren Innervation uns vornehmlich inter- 
essirt. 

Seit den Untersuchungen von B u d g e bekannt, wurde 
späterhin mannigfaltig bestätigt das an der Grenze des unteren 
Cervikal- und des oberen Dorsalmarkes gelegene Centrum 
eil io -spinale inferius. Es erhält seine hauptsäch¬ 
lichsten Reize auf der Bahn der sensiblen Nerven, welche z. B. 
von der äusseren Haut aus in das Ganglion spinale und von 
diesem aus weiter durch die hinteren Rückenmarkswurzeln in die 
Hinterstränge eintreten. In diesen aufsteigend gelangt schliess¬ 
lich die Erregung in die graue Substanz, in Sonderheit zu den 
Ganglienzellen des Vorderhornes. Das Neuraxon dieser Gebilde, 
zu welchen wohl auch noch andere, vom Gehirn auf unbekannten 
Bahnen absteigende Impulse geleitet werden, tritt durch die vor¬ 
deren Wurzeln aus und gelangt in den Grenzstrang des Sympa¬ 
thikus, dessen oberstes Ganglion die Endstätte dieses Ab¬ 
schnittes ist. 

Vielleicht unter Vermehrung der nun anschliessenden Bahn¬ 
elemente l>eginnt hier eine weitere, sehr verwickelte Strecke, die 
schliesslich über das Ganglion ciliare und die Ciliarnerven in das 
Augeninnero, zu den Muskolzellen des Dilatator iridis führt. 

Sensible, sensorische und psychische Reize sind es, welche 
auf dem beschriebenen Wege fortgeleitet und am Endo desselben 
umgesetzt werden in die Muskelthätigkeit der Erweiterung der 
Pupille: dieser positiven Aktion entspricht bei Lähmungen des 
Zentrums oder bei Ausschaltung anderer, wichtiger Bahn¬ 
strecken eine Pupillenverengerung. Die Miosis paralytica sive 
spinalis ist von massigem Grade und gestattet eine weitere Ver¬ 
kleinerung der Pupille durch Kontraktion des Sphinkters oder 
durch mechanisch auf die Iris wirkende Einflüsse. — 

Bei der Betrachtung des zweiten, uns heute mehr inter- 
essirenden Systems wollen wir einen etwas anderen Weg cin- 
schlagen; unsicher ist auch er noch an gar manchen Stellen. 

In der Netzhaut des Auges auf genommen, wird der durch 
das Licht hervorgerufene Reiz fortgeleitet in den Sehnerven; 


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schon hier aber ist es uns nicht mehr gestattet, in so allgemeiner 
Weise uns auszudrücken, vielmehr müssen wir die für den Licht- 
retlex in Betracht kommende Bahn ganz genau verfolgen. 

Durch den Opticus werden dem Gehirn Erregungen zuge¬ 
führt, welche z. Th. dem bewussten Sehen dienen, z. Th. aber 
völlig unbewusst bleiben und lediglich das reflektorische Spiel 
der Pupille bedingen. Diesen beiden verschiedenen Aufgaben 
entsprechend, finden sich nun im Selmerven anatomisch nach¬ 
weisbar zwei Arten von Fasern, dickere und dünnere, welche 
zunächst einen gemeinschaftlichen Verlauf haben; mit den Seli- 
fascrn im engeren Sinne machen die „Pupillarfasem“ die Halb¬ 
kreuzung im Chiasma mit. Durch Experimente am Thier und 
klinische Beobachtungen ist im Einklang mit den anatomischen 
Befunden dieses Verhalten hinreichend festgestellt. 

Schon da tritt ein Unterschied gegenüber der besprochenen 
Dilatationsbahn hervor; gehört diese in allem Wesentlichen je¬ 
weils einer Körperhälfte an (vielleicht bestehen nur im Zentral¬ 
nervensystem seitliche Nebenverbindungen untergeordneter Art), 
so ist es nun hier von prinzipieller Bedeutung, dass der auf ein 
Auge wirkende Reiz auch in dem Partner zur Wirkung gelangt. 

Wir verfolgen jetzt weiter den Verlauf der Fasern des 
Tractus opticus einer Seite; so werden wir geführt zu der 
nächsten Station, welche durch die primären Opticusganglien 
npräsentirt wird, an denen die Scheidung der Sohfasern von 
den Pupillarfasem stattfindet. 

Als für unsere Betrachtung nicht in Frage kommend will 
ich darum nur beiläufig erwähnen, dass der weitaus grösste Theil, 
welcher eben jene Sehfasern darstellt, in das Corpus geniculatum 
extermun und in das Pulvinar thalami optici einstrahlt; durch 
krankhafte Beeinträchtigung dieses Ortes entstehen charak¬ 
teristische Sehstörungen im eigentlichen Sinne. 

Bernhcimcr hat nun die Einstrahlung in den vorderen 
Vierhügel, dessen Läsion nennenswertlic Sehstörungen beim 
Menschen und bei höheren Thieren nicht hervorruft, genauer ver¬ 
folgt; den speziellen Anlass dazu boten die Beobachtungen von 
Alterationen der Pupille, die bei Erkrankungen oder Verletz¬ 
ungen dieser Gegend gefunden werden, worauf später noch ein¬ 
gegangen werden wird. 

Bornheimor durchschnitt beim Affen den einen Opticus- 
liinter dem Bulbus oder exenterirtc den einen Augapfel, wodurch 
ja sämmtliehe Ganglienzellen des Sehnerven beseitigt wurden 
und dessen Fasern ebenfalls einer aufsteigenden Atrophie an¬ 
heim fallen mussten. 

Beiderseits fand sieh nun eine aus dem Tractus nach den 
Vicrliügeln ziehende Bahn, welche bei Anwendung der Marchi- 
färbung eine Atrophie erkennen liess; ihren Verlauf beschreibt 
Bernhcimcr folgendermaassen: Von der oberen, inneren 
Fläche des Corp. genicul. extemum zieht ein schmaler Faserzug 
medialwärts und tritt am lateralen Abhang des vorderen Vier¬ 
hügels fächerförmig auseinander. Ein Thoil der Fasern geht 
weiter in das Vicrhügeldach, ein anderer Theil aber biegt nach 
unten um und zieht bis in die Nähe des Ooulomotorius- 
(Sphineter)-Kemes, um hier mit dendritischen Ausläufern zu 
enden. Ihrer Lage nach scheinen letztere mit den Zellen des 
gesummten Kernes in Beziehung zu treten, wesshalb sie nicht 
zu den das Sehen vermittelnden Fasern zu rechnen sein dürften. 
Uebrigens konnte Bernheim er die Endbäumchen nur bis 
in die Nähe der Ganglienzellen, nicht bi9 zu einer Berührung 
mit denselben, verfolgen und vermuthet daher, dass die Vermitt¬ 
lung durch die jenen Kern umgebenden, zerstreuten Zellen, die 
darnach Schaltzellen sein könnten, herbeigeführt werde. 

Mit dem thatsächlichen Nachweis eines besonderen, aus dem 
Tractus opticus abgehenden und unter das zentrale Höhlengrau 
des dritten Ventrikels bis in die Nähe der Okulomotorius- 
ursprungsatello gelangenden Bündels steht der genannte Forscher 
bis jetzt noch vereinzelt da. Theoretisch gefordert aber wird cs 
von der Klinik sowohl, wie von den mit diesen Fragen sich spe¬ 
zieller beschäftigenden Anatomen; so haben Bechterew. 
Edingcr, v. Monakow u. A. sich ausgesprochen und auch 
jene Sehaltverbindung zwischen dem sensorischen und mo¬ 
torischen Neuron postulirt. 

Besteht bis hierher eine Uebereinstimmung der bezüglichen 
Wünsche und Befunde, so herrschen über den nun anschlies¬ 
senden Abschnitt der Bahn weitgehende Meinungsverschieden¬ 
heiten; unter den Ophthalmologen sind es hauptsächlich Bcrn- 


h e i m e r und B a e h, welche gegen einander stehende Ansichten 
verfechten. — 

Es sei gestattet, den Gang der seitherigen Betrachtung zu 
unterbrechen, um vom anderen Ende des Reflexbogens aus ge- 
wissermaassen rückwärts aufzusteigen; ein Theil der Nachweise 
ist ebenfalls auf diese Art zu erbringen gesucht worden. Wir 
werden sehen, ob der Weg zum Ziel führt und ob er uns vor 
Allem an die vorhin verlassene Stelle zurückbringt oder einen 
anderen Verlauf nimmt. 

Vom Eudorgan im Auge, dem Muse, sphinctcr pupillae, gehen 
die Nervenfasern zurück, um zunächst zum Ganglion ciliare zu 
gelangen. Schon liier aber tauchen neue Fragen auf, die bis jetzt 
noch nicht einstimmig beantwortet sind. 

Das vielleicht unwesentlich erscheinende Problem, ob dieser 
Nervenknoten sensorischer, spinaler, sympathischer oder ge¬ 
mischter Natur sei, gewinnt dadurch eine besondere Bedeutung, 
dass wir jo nach der Antwort hier bereits das Ende resp. den 
Anfang des Seither verfolgten motorischen Nerven und damit 
eine neue Umschaltung des Reizes anzunehmen haben. Sonder¬ 
barer Weise hat die anatomische Untersuchung der Zellen des 
Ganglions einem Theilc der Autoren multipolaro Form ergeben, 
wesshalb sie sich ebenso bestimmt für die sympathische Natur 
aussprechen, wie ein anderer Theil, ebenfalls auf Grund morpho¬ 
logischer Merkmale, den spinalen Typus festgestellt zu haben be¬ 
hauptet; zwischen beiden Parteien, deren jede gewichtige Namen 
in ihren Reihen zählt, vermitteln wieder Andere, dio Vertreter 
beider Zollformen in dem Ganglion gefunden haben. 

Somit ist heute die Frage nach der Natur des Gebildes noch 
nicht in eindeutigem Sinne zu entscheiden, womit es auch zu- 
sammenhängt, dass die Einen es dem Okulomotorius, die An 
deren dem Trigeminus, die Dritten dem Sympathikus zuerthcilcn, 
während Vierte es mehreren Nerven zusprechen. 

Da die einfache, morphologische Betrachtung also nicht zum 
Ziele führte, wurde der Weg des Experimentes beschritten: Tritt 
nach Exstirpation des Sphinctcr iridis und der Endbäumchen 
seines motorischen Nerven eine Atrophie von Zellen des Ciliar¬ 
ganglions ein, so endigt hier das Neuron; erfolgt eine Degene¬ 
ration nicht, so gehören die Zellen nicht zum Okulomotorius und 
interessiren uns weiter nicht mehr. Hier springt aber die weiter- 
gehendo Bedeutung der Versuche bereits in die Augen; rechnet 
das Ciliarganglion nicht zum Okulomotorius, so ist eben die 
Atrophie der zu dem Nerven gehörigen Zellen weiter aufwärts 
zu erwarten und wir erkennen dadurch eventuell sofort die Lage 
des den Sphinctcr iridis innervironden Kerns, wodurch dann die 
gosammte Reflexhahn klargelegt wäre. 

Leider aber begegnet die Entscheidung mehreren Schwierig¬ 
keiten: wie soll man zunächst den Sphinctcr iridis exstirpiren, 
ohne nicht zugleich sensible und sympathische Elemente im Auge 
zu lädiren? Vermag man ferner die eventuell krank gemachten 
Zellen des Ganglions sicher als solche zu erkennen und von den 
gesunden zu trennen? 

Die letztere Frage wird von Bach dahin beantwortet, dass 
man schon in der Norm Formen verschiedenen Aussehens fände, 
die z. Th. den pathologischen Zellen ähnlich, ja gleich seien; 
diese Meinung wird aber von Anderen abgewiesen. 

Und was die erstere anlangt, so ist allerdings ein reines 
Experiment überhaupt nicht anzustellen; auch per exelusionem 
kommt man nicht sicher zum Ziel. 

Kauterisation der ganzen Cornea lässt einen Theil, nach 
Bornheimer etwa */„—'/ t , der Ganglienzellen atrophiren; 
die Degeneration nimmt, wie z. B. Marina nach seinen eben¬ 
falls an Affefl Angestellten Versuchen gefunden hat, gewisser- 
maassen in einer Proportion zu, wenn noch die Iris, das Corpus 
ciliare entfernt und schliesslich exenterirt oder die Neurectomia 
optico-ciliaris ausgeführt wird, womit die Angaben Anderer, so 
von Bach, im Wesentlichen übereinstimmen. Somit ist aus all’ 
diesen Thierversuchen kein eindeutiger Schluss zu ziehen, ob z. B. 
es motorisclie Fasern und Zollen sind, die zu Grunde gehen, oh 
demnach das motorische Neuron bis zum Ganglion ciliare oder bis 
in den Himstamm hineinroicht. 

In das Ganglion ciliare treten Nerven ein, welche dasselbe 
weiterhin entweder einfach durchziehen oder auch bei dem Durch¬ 
tritt zeitweilig ihr Mark verlieren und sieh aufsplittern, um nach¬ 
her wieder zusammenzutreten; endlich endigt im Ganglion ciliare 
eine Anzahl von Fasern und umspinnt mit Endbäumehen dessen 
Zellen. Letzterer Befund ist von v. Michel u. A. so verwerthet 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


worden, dass er die Unterbrechung der motorischen Bahn vom 
Okulomotorius zum Auge in einer Weise darstelle, die es uns 
zugleich verständlich mache, dass ein Komplex glatter Muskel¬ 
zellen, wie der Sphincter iridis, von einem Nerven erregt werde, 
der sonst vorwiegend quergestreifte, dem Willen unterworfene, 
d. h. die äusseren Muskeln, des Augapfels innervire. Das Ganglion 
ciliare stelle ein sympathisches Ganglion unter der Herrschaft 
des Okulomotorius dar. 

Diese Unsicherheit der Untersuchungsergebnisse lässt uns 
auch bis zu einem gewissen Grade die Verschiedenartigkeit der 
Auffassungen verstehen, welche über das Kerngebiet des dritten 
Gehirnnerven besteht, obwohl die Möglichkeit so differenter ana¬ 
tomischer Befunde, wie sie fernerhin anzugeben sind, vorerst noch 
unlx'greiflieh ist. zumal da jene Verschiedenheit Thiere derselben 
Spezies betrifft. 

Doch zunächst, zurück zur Betrachtung des weiteren Weges 
der motorischen Innervation! 

Vom Ganglion ciliare gelangen wir über dessen Radix brevis 
in den Nervenast für den Muscul. obliques inferior und von da 
in den Stamm des Okulomotorius, welcher aufsteigt zur Gehirn¬ 
basis und vor der Brücke, in den Hirnstamm eintritt. Bei dem 
Durchtritt durch letzteren fasert sich der Nerv in seine ein¬ 
zelnen Wurzeln auf, welche zu dem, unter dem Aquädukt ge¬ 
legenen Kern, resp. zu dessen einzelnen Bestandteilen gelangen. 

Damit sind wir wieder an der Stelle angelangt, in deren 
Nähe uns vorhin schon der durch den Optikus und Traktus dar¬ 
gestellte Weg geführt hatte; um die uns hier interessirende 
Reflexbahn als geschlossen ansehen zu können, erübrigt nun noch 
die Beantwortung der Frage, ob wir hier ein spezielles Zentrum 
für den Sphincter iridis nachweisen können, wie es oben schon 
einmal angenommen wurde, und wo dasselbe gelegen ist. 

Klar ist von vornherein, dass wir rein anatomisch, diesen 
Nachweis nicht führen können. Wir können zwar Wurzelfasern 
in die Kerntheilo verfolgen; ob es aber zum Schliessrnuskel der 
Pupille gehörige Bahnen sind, und ob ein Kern dann der 
Sphinkter ist, entzieht sieh der Beurteilung. 

Doch ist es zunächst geboten, dass wir uns mit dem Aufhau 
und der Zusammensetzung des Kernes beschäftigen, wobei schon 
Verschiedenheiten der Auffassung zu Tage treten werden. 

Der Betrachtung können wir das Schema von Beru¬ 
he i m e r zu Grunde legen, auch aus dem Grunde, weil es gerade 
zur Zeit am meisten zum wissenschaftlichen Kampfe Anlass ge¬ 
geben hat. 

Nicht nur von diesem Autor, sondern auch von Bach, 
sowie von den älteren Untersuchern wie Perlia, Kahler und 
Piek, Starr u. A. wird angenommen, dass eine (resp. zwei zu¬ 
sammengehörige) weiter hinten und aussen gelegene, aus grosseu 
Kernen bestehende Kemmasse, welche Bernheimer den 
Seitenhauptkern genannt hat, die Innervation sämmtlicher 
äusserer, dem Okulomotorius unterstehender Augenmuskeln be¬ 
herrscht; mit dieser werden wir weiterhin uns nicht mehr be¬ 
schäftigen. 

Zwischen den beiderseitigen Seitenhauptkernen aber liegen 
noch sogen. Nebenkerne, von welchen der gesichertste und am 
meisten als zum Okulomotorius gehörig anerkannte, der unpaarige 
Medinnkern, der Zentralkern Perlia’s ist. Er ist zusammen¬ 
gesetzt aus denselben grossen Zellen, wie die Seitenhauptkerne; 
seine Hälften liegen symmetrisch zur Mittellinie und gehen ohne 
jegliche Grenze ineinander über. Vor ihm, und an ihn angren¬ 
zend, liegt jederseits ein etwa sichelförmig gebogener Kern, der 
nach seinen ersten Beschreibern der Edinger-Westphal’- 
sehe Kern heisst; er bestellt aus kleinen Ganglienzellen, welche 
sich von denen des Mediankernes und der Seitenhauptkerne deut¬ 
lich unterscheiden. Beide Kerne finden sich auch in der Wirbel- 
thierreihe ausserhalb des Menschen und der Affen mit wechseln¬ 
dem Vorkommen; am meisten schwankend scheint noch das 
Verhalten jener kleinzelligen Kerne zu sein. Bernheimer 
glaubt Wurzelfasern nachgewiesen zu haben, welche sowohl vom 
grosszelligen Median-, .wie von den kleinzelligen Medialkernen 
aus nach unten austretend und mit den übrigen ungekreuzten, 
gleichseitigen Fasern des Okulomotorius zwischen den Längs- 
biindeln hindurchgehend das Kerngebiet verlassen. 

Zwischen Nebenkemen und Hauptkernen finden sich nun 
noch Ganglienzellen zerstreut, welche ähnlich, aber auch ver¬ 
schieden sind von den Bestandteilen der kompakten Anhäu¬ 


fungen ; es ist ihrer als sogenannter Schaltzellcn bereits einmal 
gedacht worden. 

Ucber die Zugehörigkeit der Nebenkerne zum Okulomotorius- 
ursprung und über ihre Bedeutung bestehen nun aber noch 
wesentliche Meinungsverschiedenheiten. 

Zunächst mag nochmals erwähnt werden, dass die Seiten¬ 
hauptkerne fast allgemein lediglich für die Innervation der 
äusseren, quergestreiften Augenmuskeln in Anspruch genommen 
werden; in dem oder den Nebenkernen wird das Zentrum für die 
inneren, glatten Augenmuskeln gesucht. 

Abgesehen davon, dass einige Autoren eine so getrennte 
I.okalisation überhaupt- nicht annehmen, wird insbesondere die 
Zugehörigkeit der E d i n g e r - W e s t p h a l’schen Kerne zum 
Okulomotorius bestritten; zunächst rein morphologisch, weil die 
Zellen den ganz anderen Typus aufweisen, und weil doch nicht 
einzusehen sei, dass die. kleinen Muskelkomplexe des Sphinkter 
und Ciliarmuskels so zahlreicher Ganglienzellen benöthigten. 

Wichtiger als diese Einwände, über deren Berechtigung sich 
nicht so gut diskutiren lässt, sind nun die Ergebnisse der Experi¬ 
mente und der klinisch-anatomischen Untersuchungen; vor 
langer Zeit sind ersten* inaugurirt worden durch die Versuche 
von Henschen und Volkers, welche durch elektrische Reizung 
bei Hunden den vordersten Theil des Okulomotoriuskemes als 
das Zentrum der Pupillenreaktion erwiesen. Ohne auf die Nach¬ 
prüfungen im Einzelnen einzugehen, sei nur erwähnt, dass auch 
der neueste Experimentator, Bernheimer, beim Affen eine 
einseitige Pupillenverengerung erhielt, wenn mit ganz schwachen 
elektrischen Strömen iin Mediansehnitt unter dem Aquaeductus 
Sylvii im vorderen Drittel der vorderen Vierhügelgegend ge¬ 
reizt wurde. Seiner Meinung nach ist dies genau die Gegend, 
wo er den kleinzelligen Medialkern anatomisch hatte finden 
können, dessen Bedeutung als Sphinkterkern auch dadurch ihm 
gesichert erscheint. Bach hat hiergegen den Einwand erhoben, 
dass man auch bei schwachen Strömen eine so umschriebene 
Wirkung nicht als gesichert ansehen könne; in der That würde 
man diesen Einwand nicht ganz von der Hand weisen können 
und als möglich annehmen dürfen, dass auch der benachbarte 
grosszeilige Modiankern von der Reizung betroffen worden sei. 
wenn nicht Bernheimer neuesten» mit seinen wohlge- 
lungonen Experimenten erneut uns bekannt gemacht hätte: 
es gelang ihm nämlich beim Affen, mit einem eigenartigen In¬ 
strument eine isolirte Verletzung der von ihm urgirten Stelle 
hervorzubringen. Bei dem noch längere Zeit überlebenden Thiere 
zeigte sich dann eine einseitige Pupillenlähmung und die Sek¬ 
tion erwies in der That eine alleinige Zerstörung jener schon 
vorher als Pupillenzcnt rum erkannten Stelle im Himstamm. 

Was hat nun die menschliche Pathologie ergeben? 

Rein klinisch kann hier nichts Sicheres erschlossen werden; 
pathologisch-anatomisch sind aber unkomplizirte Fälle von Läh¬ 
mungen der inneren Augenmuskeln oder des Sphinkter allein 
noch nicht untersucht worden. Die in Betracht kommenden 
Prozesse, wie Tumoren, Abszesse. Erweichungen, Blutungen u. A. 
greifen direkt oder durch indirekte Einwirkung auf die Nachbar¬ 
schaft über; isolirte Verletzungen dieser Gegend sind erstens 
sehr selten und zweitens zu umfänglich, um ohne Komplikationen 
seitens der Akkomodation oder der Konvergenz cinherzugehn. 

Erwähnt möge werden, dass v. Monakow in einem Falle 
mit einseitiger reflek torischer Pupillenstarre einen kleinen, 
gleichseitigen, sklerotischen Herd etwa da fand, wo nach Bern¬ 
heimer die Pupillenfasem lateral in den vorderen Vierhügel 
eintreten; Möli sah bei reflektorischer Pupillenstarre die hin¬ 
tere Wand des dritten Ventrikels durch einen Tumor komprimirt; 
v. Monakow fand aber bei totaler Ophthalmoplegie mit gänz¬ 
lich atrophischen, dritten Himnerven den Edinger-West- 
pha l’schen Kern intakt. 

Und wenn ich ferner hinzufüge, dass Schütz wieder bei 
der reflektorischen Pupillenstarre gewisse Bündel seines sogen, 
dorsalen Längsbündels im zentralen Höhlengrau degenerirt fand, 
so thuc ich dies desshalb, um noch auf das sogen, hintere Längs- 
bündel hinzuweisen, welches einen langen, von der Vievhügel- 
gegend in die Medulla oblongata, ja vielleicht bis zu den Vordcr- 
stranggrundbündeln des Rückenmarks gehenden Faserzug dar¬ 
stellt, welcher anscheinend die Aufgabe hat, zentrale Verbin¬ 
dungen zwischen den Kernen resp. Kernbestandtheilen des Hirn- 
stammes und der Medulla herzustellen. 


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11. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


409 


Üeberblicken wir alles bisher Betrachtete, so wird dadurch 
auch für den Menschen im höchsten Grade wahrscheinlich, dass, 
wie klinisch die interiore und exteriore Muskulatur des Auges 
isolirt erkranken kann, so auch anatomisch eine räumliche Aus¬ 
ei nanderrückung der Kerngebiete besteht. Es ist fernerhin 
sicher, dass Sphinkter und Ciliarmuskel am weitesten nach vorn, 
in der Gegend des vorderen Vierhügels lokalisirt sind; wo und ob 
unter sich so getrennt, wie bei dem Affen, das ist für den 
Menschen mit vollkommener Sicherheit noch nicht dargethan, 
wenn auch mit grösster Wahrscheinlichkeit die Lage dem beim 
höchsten Wirbelthiere entsprechen wird. 

Der Reflexbogen für die reflektorische Pupillenverengerung 
— und damit hätten wir den ersten Theil unserer Betrachtungen 

erledigt — wird zwang¬ 
los zunächst und jeden¬ 
falls hauptsächlich an 
der erwähnten Stelle 
geschlossen; vielleicht 
überfliegen Sie, m. H., 
jetzt noch einmal mit 
dem Blick das Schema, 
welches das Vorgetra- 
geno kurz zusammen¬ 
fasst. 

Nachdem uns das 
hintere Längsbündel be¬ 
reits anatomisch zum 
Rückenmark hingelei¬ 
tet, wollen wir nunmehr 
zu dem zweiten Thema 
übergehen, das sich zum 
grossen Theil mit der 
Spinalerkrankung der 
Tabes beschäftigt. 

Ich habe. Anfangs 
begonnen mit der Er¬ 
wähnung der klinischen 
Häufigkeit und genauen 
Kenntniss der reflek¬ 
torischen Pupillenstarre, 
der gegenüber die 
grosse Unsicherheit der 
anatomischen Lokalisa¬ 
tion auffällt. 

Ganz neuerdings ist nun die Frage nach der letzteren wieder 
von Neuem in den Vordergrund gerückt worden durch Anschau¬ 
ungen, welche von Würzburg aus von ophthalmologischer und 
neurologischer Seite dargelegt worden sind. 

R i e g e r und v. Förster hatten bereits Anfang der 80er 
Jahre die Meinung aufgestellt, dass entgegen der verbreiteten, 
auf den Okulomotorius schliesslich zurückgehenden Auffassung 
die Ursache der Pupillenerscheinungen bei derTab?s und Paralyse 
gleichfalls im Rückenmark zu suchen sei; dabei wurde betont, 
dass am Auge die charakteristische Störung so oft und allein 
mit der Störung der Patellarreflexe auftrete, was doch nur ge¬ 
zwungen auf zwei räumlich so weit auseinander liegende Krank¬ 
heitsprozesse bezogen werden könne; es sei viel wahrscheinlicher, 
dass im Halsmark, wo ja das Zentrum von B u d g e unbestritten 
sei, die anatomische Grundlage des Robertso n’schen Phä¬ 
nomens sich fände. 

R i e g e r hat dann weiter Material gesammelt, welches vor 
mehr als Jahresfrist verarbeitet wurde von W o 1 f f, welcher nun 
Folgendes mittheilt: 

Bei einer I. Gruppe mit abnormen Pupillen 
(Pupillenstarre bei normaler Grösse, bei Miosis oder auch maxi¬ 
maler Mydriasis) und normalem Patellarreflex fand 
sieh eine Degeneration der Hinterstränge im Halsmark, die aber 
auch weiter herunterreichte und mehrmals das ganze Rücken¬ 
mark betraf. 

Eine II. Gruppe mit Tupillenstarre und feh¬ 
lendem Patellarreflex wies Degeneration der Hinter¬ 
stränge im ganzen Rückenmark auf. 

In einer III. Gruppe (1 Fall) mit normalen Pu¬ 
pillen und fehlendem Patellarreflex war das 
Halsmark frei. 

No. 10. 



CUTI3 0.713 


In einer IV. Gruppe mit normalen Pupillen 
und normalem Patellarreflex war das Rückenmark 
im Wesentlichen frei; einer hier ebenfalls beobachteten, leichten 
Degeneration der Hinterstränge, auch im Halsmark, legt W o 1 f f 
keine besondere Bedeutung bei. 

Von einer Untersuchung des Gehirns ist sonderbarer Weise 
gar nichts erwähnt. 

Bach hat nun bei Katzen und Kaninchen den Kopf ab¬ 
getrennt, dann von unter her mit dem Messer das am Gehirn 
anhängende Mark zerstört und unmittelbar darnach den Pupillar- 
reflex beobachtet, wobei er in einem Theil der Fälle erhaltene 
Reaktion, in einem anderen Theil reflektorische Starre fand. 
Untersuchte er nun das Verhalten des Rückenmarks, so zeigte 
sich, dass die obersten zwei Zentimeter desselben bei erhaltener 
Reaktion stehen geblieben, dass sie aber bei vorhandener Pu¬ 
pillenstarre zerstört worden waren. Bach schliesst hieraus, 
dass das Reflexzentrum in diesen obersten zwei Zentimetern 
liegen müsse. 

Gegen diese Versuche sind, wie mir scheint, begründete Be¬ 
denken erhoben worden. Das Vorgehen ist doch sehr primitiv, 
ebenso die nu* makroskopische Konstatirung des Effektes; dazu 
kommt, dass sonstige Komplikationen hinzutreten, die an sich 
den Reflex unterbrechen können. Das Gehirn ist auch hier nicht 
untersucht. Sogar W o 1 f f selbst hält die Experimente von 
Bach nicht für einwandfrei, weil die Zeit, innerhalb welcher 
der Pupillarreflex bei abgeschnittenem Kopf noch möglich sei. 
nur sehr kurz bemessen erscheine. Die angenommenen Bezieh¬ 
ungen des hinteren Längsbündels zu dem von Bach verwertheten 
Kern sind zudem noch lange nicht sichergestellt; Bach selbst 
konnte in einem von ihm untersuchten Falle eines Paralytikers 
mit reflektorischer Pupillenstarre keine direkte Verbindung zum 
Rückenmark finden. 

Stehen den Befunden dieser beiden Autoren nun aber solche 
gegenüber, welche eine Lokalisation der Pupillenstarre etwa an 
einer anderen Stelle erwiesen? 

Leider klafft hier ebenfalls, was die Tabes und Paralyse an¬ 
langt, eine Lücke, die durch das Wenige, was ausser dem bereits 
Angeführten noch von Kahler, M ö 1 i, Möbius mitgetheilt 
worden ist, nicht ganz ausgefüllt wird. Und wenn z. B. neuer¬ 
dings von D i n k 1 e r angegeben wird, dass, wie im Rückenmark 
eine diffuse, so iui Gehirn eine umschriebene Entzündung der 
Pia und Arachnoidea an verschiedenen Stellen, welche auch uns 
angehen, sich finde, so wird dieser Befund einer syphilitischen 
Meningitis noch aus anderen Gründen angefochten werden. 

Nehmen wir zur Beurtheilung desjenigen, was das Mikro¬ 
skop erwiesen, die klinischen Befunde hinzu, so können wir zu¬ 
nächst fragen, ob Wolf f’s Ergebnisse im Einklang mit dem, 
was wir über wirkliche spinale Miosis wissen, zu befriedigen ver¬ 
mögen. 

Zunächst habe ich trotz des scheinbaren Zusamineustimmens 
der anatomischen Veränderungen, die Wolf f z. B. in Gruppe I 
und III angibt, doch nur die Meinung gewinnen können, dass 
aus denselben lediglich hervorgeht, dass hier Alterationen vor¬ 
handen sind resp. vorhanden sein können, welche noch keine klini¬ 
schen Erscheinungen machen; das wird noch verständlicher, wenn 
man bei Betrachtung der Abbildungen in der Arbeit des Autors 
sieht, dass nur Theile der Bahnen vernichtet sind, welche den 
spinalen Reflexbogen darstellen, dass demnach noch Reize genug 
den Ganglienzellen des B u d g e’sehen Zentrums zugeleitet 
werden können, neben welchen ausserdem noch die eigenen 
Zellen des Ganglion cervicale supremum eine selbständige gleich¬ 
sinnige Wirkung zu entfalten vermögen. 

Angenommen aber, dass die Veränderungen im Rücken¬ 
mark wirklich die tabische Pupille bedingten, so müssen wir noch 
fragen, ob der Ausfall dieses Zentrums in der That die Augen¬ 
erscheinungen zu erklären vermag. Wegfall der spinalen Reize 
bedingt allerdings Lnhmungsmiosis, die aber gewöhnlich nicht 
so hochgradig ist, wie diejenige bei Tabes und ausserdem eine 
weitere Verengerung auf Licht zulässt. Nun zitirt Wolf f zur 
Stütze dieser Anschauung einen Fall von Glaser, wo bei an¬ 
geblich reflektorischer Pupillenstarre sich ein Angiosarkom des 
Riickenmurkes fand, das sich zwar nicht allein auf das llals- 
mark beschränkte, aber doch keine gröberen Veränderungen im 
Gehirn erkennen liess. Bei Glaser heisst es aber: „Die Pu¬ 
pille reagirt auf starken Lichteinfall nur minimal“, was nicht 
als reflektorische Starre bezeichnet werden kann, wie es Glaser 


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410 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


allerdings thut; darum kann gerade diese Beobachtung als Be¬ 
weis des Gegentlieils von dem, was W o 1 f f will, herangezogen 
werden, dass nämlich die Zerstörung des spinalen Zentrums keine 
reflektorische Starre, die das Wesentliche der tabischen Pupille 
ist, hervorruft. 

Dass aber bei der Tabes das spinale Zentrum noch funk- 
tionirt oder wenigstens funktioniren kann, beweist der Umstand, 
dass schmerzhafte Reize die miotische, lichtstarre Pupille zu 
erweitern vermögen. 

Somit kann ich die angenommene anatomische Lokalisation 
des Symptoms weder für bewiesen^ noch für wahrscheinlich er¬ 
achten; vielmehr scheint mir Allee auf das allerdings auch noch 
nicht für den Menschen streng erwiesene, aber mit einer an 
Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit in den Hirnstamm 
verlegte Zentrum hinzuweisen. Das isolirte Vorhandensein der 
Pupillenstarre in einer Reihe von Fällen kann nicht in dem Sinne 
verwerthet werden, dass es die Nichtbetheiligung des Okulo- 
motoriuskemes erweise; kennen wir doch die auslösende Wir¬ 
kung von Giften, z. B. des Bleies, dann, was hier noch besser 
verglichen werden kann, des Diphtherietoxins bei der post- 
diphtheritischen Akkommodationslähmung. Zudem weist gerade 
die Tabes die Betheiligung der Augenmuskeln früher oder später 
in erheblichem Grade auf, wie ja auch sonstige zerebrale Er¬ 
scheinungen nicht fehlen, während sympathische Symptome zu 
grossen Seltenheiten zählen. 

Dazu ist die Pupille ein Organ, das in der Norm auf 
die kleinsten Reize hin so ergiebig, ja fast ohne Hemmungsvor¬ 
richtung seine Thätigkeit entfaltet, so dass wir auch verstehen 
können, wie pathologische Vorgänge dann besonders früh sein 
Verhalten stören können, lange bevor z. B. die doch dem mäch¬ 
tigen Willen unterworfene Akkommodation oder die im Verhält- 
niss groben Bewegungen der äusseren Augenmuskeln beein¬ 
trächtigt zu sein brauchen! 

Ich meine somit, dass wir den Sitz der Störung, die zu der 
reflektorischen Pupillenstarre führt, mit gutem Recht da lassen 
können, wo in der Norm der Lichtreflex sein Zentrum hat, im 
Okulomotorius, vom unter den Vierhügeln; lassen Sie mich 
zum Schlüsse Ihnen noch die Auffassung mittheilen, mit der, 
wie ich meine, wir die tabischen Pupillenerscheinungen ohne 
grösseren Zwang, als ihn jede Hypothese mitbringt, erklären 
können. 

Ein Degeneratiosvorgang, ähnlich wie in den Spinalganglien, 
spielt sich ab im Hirnstamm, speziell im Sphinkterkern, nicht 
ohne eine Reizwirkung zu entfalten, welche wir noch nicht 
gerade als Folge einer unsicheren, wirklichen Entzündung an- 
selien müssten. Die Verbindung mit den den Lichtreiz zu¬ 
führenden Bahnen wird durch jenen Prozess frühzeitig unter¬ 
brochen und reflektorische Starre ist die Folge. Zugleich tritt 
in den meisten Fällen durch die Reizung jener empflndlichen 
Ganglienzellen die Miosis ein, welche aber die Thätigkeit der 
pupillenerweiternden Muskeln auf andere, z. B. auf schmerz¬ 
hafte, Reize noch zulässt. Ist die Reizwirkung nicht so stark, 
so kann auch eine normale Pupillenweite vorhanden sein. 

Wenn wir annehmen, da^svon den Zellen des Akkommodations¬ 
und Konvergenzkernes Nervenfasern in das Ganglion ciliare ge¬ 
langen, so wird auch das Fortbestehen der Akkomodations- und 
Konvergenzreaktion verständlich. Die genannten Fasern treten 
im Ciliarganglion mit jenen Zellen in Kontaktverbindung, 
welche den Sphincter pupillae innerviren und somit ist die 
Uebertragung von Akkommodations- und Konvergenzreizen unge¬ 
stört ; denn dass die Akkommodations- und Konvergenzreaktion 
als durch mechanische Einflüsse, lediglich im Auge bedingt, er¬ 
klärt werde, wie man es ja erklären keimte, davon wollen ausser 
vielen Augenärzten bekanntlich auch die Neurologen, wie es 
scheint, nichts wissen. 

Verfallen nun allmählich die Ganglienzellen selber der Ver¬ 
nichtung, was wir seltener eintreten sehen, so wird aus der engen 
Pupille eine weite, die dann auch vollkommen starr werden kann; 
es stimmt mit dieser Annahme ganz gut, dass die mydriatische 
Pupille vielfach gefunden wird, wenn auch Störungen, Läh¬ 
mungen der Akkommodation und Konvergenz etwa vorhanden 
sind. 

Die selten vorkommende einseitige Pupillenstarre setzt der 
gegebenen Erklärung gleichfalls kein Hinderniss in den Weg, 
wie auch die sonstigen vielfachen Kombinationen verständlich 


gemacht werden können, womit ich aber Ihre Zeit nicht mehr 
in Anspruch nehmen will. — 

Ich habe Sie, m. II., auf vielfach schwierigen Pfaden herum¬ 
geführt; ich habe Sie schliesslich fern vom endgiltigen Ziele 
nur einen Ausblick thun lassen auf dasselbe. Wie mich aber die 
Beschäftigung mit diesem Thema manches Neue gelehrt hat, so 
hoffe ich, dass auch Sie nicht ganz ohne Gewinn von dannen 
gehen mögen, der ja meist erst errungen wird nach den Worten 
des Spruches: Per aspera ad astral 


Ueber willkürliche Verrenkung des Oberarmes.*) 

Von Dr. J. Riedinger, Privatdozent in Würzburg. 

Bis zum Jahre 1892 konnte Fuhr 1 ) in der Literatur nur 
spärliche Beobachtungen von willkürlicher Verrenkung des 
Schultergelenkes auf finden. Es liess sich zwar nach weisen, dass 
es Fälle gibt, bei welchen die Aus- und Einrenkung des Ober¬ 
armes willkürlich von Statten ging, bei welchen aber auch unwill¬ 
kürlich die Verrenkung oft genug eintrat. In diesen Fällen ent¬ 
wickelte sich die willkürliche Luxation aus der habituellen und 
die Richtung derselben blieb durch das ursprüngliche Trauma 
vorgeschrieben. Ihnen gegenüber stehen nach Fuhr jene Fälle, 
bei welchen sich die willkürliche Luxation durch fortgesetzte 
Hebungen bestimmter Muskelgruppen entwickelt. Ausser einer 
Erweiterung der Gelenkkapsel braucht hierbei keine weitere Ab¬ 
normität vorhanden zu sein. Nach Fuhr schliesst eine kongenitale 
Gelenkanomalie oder einen erworbenen Defekt der Gelenkenden 
schon der Umstand aus, dass die Luxation nicht, wie bei der 
habituellen, gegen den Willen des Betreffenden eintritt und das 
Gelenk in der Sicherheit der Bewegungen für gewöhnlich keine 
Einbusse erleidet. Zunächst ist also die rein willkürliche Verren¬ 
kung eine Kunst, die erlernt werden kann. Als klassisches Beispiel 
führt Fuhr den von M a c 1 e o d mitgetheilten Fall des ameri¬ 
kanischen Athleten Warren an, welch’ Letzterer es innerhalb 
einer 26 jährigen Praxis so weit brachte, dass er den Unterkiefer 
und den Oberarm, ferner Hand-, Finger-, Hüft-, Knie- und Fuss- 
gelenke willkürlich zu luxiren und willkürlich einzurichten 
verstand. Mit Ausnahme des Hüftgelenkes freilich handelte 
es sich nur um Subluxationen. Der Oberarmkopf konnte 
beiderseits durch Kontraktion der unteren Fasern des Pecto- 
ralis major und des Latissimus dorsi so weit herabgezogen 
werden, dass er in der Achselhöhle, am unteren Rande der Pfanne 
stehend, gefühlt werdon konnte. 

ln manchen Fällen gibt nach Fuhr eine traumatische Lu¬ 
xation nur die Gelegenheitsursache ab, die Aufmerksamkeit auf 
das Gelenk zu richtcu und später Exerzitien mit demselben anzu¬ 
stellen. So war es anscheinend in dem Fall von Koch aus der 
von Brun s’schen Klinik, den Fuhr seiner Mittheilung vor¬ 
ausstellt. In dem K o c h’schen Fall handelte es sich um einen 
Metzgergesellen, der wenige Monate nach einer traumatischen 
Verrenkung des Oberarmes nach hinten die Verrenkung willkür¬ 
lich durch Rotation des Oberarmes nach innen bei gleichzeitiger 
rechtwinkeliger Flexion des Vorderarmes wieder erzeugen und 
unter Mithilfe des Pectoralis major wieder einrichten konnte. 

Fuhr beobachtete folgenden Fall: Ein 16jähriger, kräftiger, 
junger Mann hatte 3 Jahre vorher eine Luxation des rechten Ober¬ 
armes nach hinten erlitten, die er unter Schmerzen selbst wieder 
einrenken konnte. Später wurde ihm das Aus- und Eiurenken 
des rechten Oberarmes zur Gewohnheit. Niemals, auch beim 
Turnen nicht, trat die Verrenkung unwillkürlich ein. Sonst war 
ausser einer stärkeren Entwicklung des M. infraspinatus und des 
M. subscapularis mit stärkerem Abstand des Schulterblattes keine 
weitere Veränderung nachweisbar. Die Luxation nach hluten er¬ 
folgte unter Adduktion und Innenrotation des Oberarmes bei pro- 
nlrtem und entweder gestrecktem oder gebeugtem Vorderarm. 
Bei langsamer Ausführung der Verrenkung konnte festgestellt 
werden, dass zunächst das Schulterblatt durch den Kukullaris 
horizontal gestellt wurde. Alsdann erfolgte die Verrenkung unter 
gleichzeitiger Kontraktion des Infraspinatus, Subscapularis, Teres 
major und minor. Der Supraspinatus blieb erschlafft. Fuhr 
lässt desshalb die Luxation allein durch Rotation zu Stande 
kommen. 

Die Kasuistik der willkürlichen Verrenkung des Schulterge¬ 
lenkes ist auch nach der Mittheilung von Fuhr eine spärliche 
geblieben. 

•) Nach einem Vortrag mit Demonstration in der chirurgischen 
Sektion der Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte ln 
Hamburg. 

') Ein Fall von willkürlicher Verrenkung des Humerus nach 
hinten. Münch, med. Wochensclir. 1892, No. 18. 


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11. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


411 


In der deutschen Literatur liegt zunächst eine Beobachtung 
von Schräder 1 ) vor. Ein Fall von habitueller Schulterluxation 
in Folge von Syringomyelie bei einer 35 Jahre alten weiblichen 
Person zeichnete sich dadurch aus, dass die Luxation nach vorne 
und nach hinten auch aktiv hervorgerufen werden konnte. Auf 
dem Routgenbild zeigte sich eine miisslge Abflachung des Caput 
humeri und der Pfanne. In dem Fall, den Z ü 1 c h J ) beschrieb, 
konnte eine Luxation zwar willkürlich eingerichtet werden. Die 
Luxation selbst trat aber stets unwillkürlich ein und kann nicht 
hierher gerechnet werden. Auch in einem von J. G. Smith*) ge¬ 
meldeten Fall lag keine willkürliche Verrenkung vor. Hier handelte 
es sich um einen Geisteskranken. (1er im Exzitatiousstadium durch 
Erheben der Arme über den gesenkten Kopf eine Luxatio subcora- 
coklen erlitten hatte. 

Dagegen gehört hierher eine von F. Parona 1 ) ln der italie¬ 
nischen Literatur niedergelegte Beobachtung. Parona unter¬ 
suchte ein 17 Jahre altes Mädchen, welches seit dem 8. Lebens¬ 
jahre, angeblich nach einem nicht näher mehr zu beschreibenden 

Sturz, die linke Schul¬ 
ter unter einem 
dumpfen Geräusch 
willkürlich aus- und 
einrenken konnte, so 
oft es wollte. Die 
Patientin konnte ohne 
die geringsten Be¬ 
schwerden Feldarbeit 
verrichten. Nur seit 
einem halben Jahre 
schmerzte die linke 
Schulter, wahrschein¬ 
lich in Folge einer 
aussergewöhnlich 
schweren und andau¬ 
ernden Arbeit. Die 
Untersuchung ergab 
äusserlich keinen we¬ 
sentlichen Unter¬ 
schied zwischen 
rechts und links. Die 
Luxation erfolgte 
nach hinten und aus¬ 
sen. Ohne den Willen 
der Patientin trat die¬ 
selbe auch beim He¬ 
ben schwerer Gegen¬ 
stände nicht ein. 
Parona legte das 
Gelenk durch einen 
Längsschnitt am hin¬ 
teren Umfang des¬ 
selben operativ frei. 
Es zeigte sich eine 
sackförmige Erweite¬ 
rung der Gelenkkapsel. Nacn Eröffnung derselben konnte 
eine Anomalie am Gelenk nicht konstatirt werden. Die Kapsel 
wurde an der Luxationsstelle durch Naht verengert und verstärkt. 
Nach einem Jahr konnte Parona konstatiren, dass die Operirte 
nicht mehr im Stande war, das Gelenk zu verrenken. 

Ich hatte vor einigen Monaten Gelegenheit, ln Würzburg 
einen 11 »/ 2 Jahre alten Jungen, der sich dort vorübergehend auf¬ 
hielt, zu untersuchen und bei ihm diese sehr seltene Affektion zu 
konstatiren. Da derselbe nicht weit von Hamburg belieimathet ist, 
so bin ich in der Lage, Ihnen denselben vorführen zu können. Aus 
der Anamnese sind keine bestimmten, uns interessirenden Angaben 
zu entnehmen. Der Patient war stets gesund, ist kräftig entwickelt 
und wohl gebaut. Vor 3 Jahren ist ihm beim Turnen zum ersten 
Mal der linke Oberarm aus dem Schultergelenk entschlüpft. Einen 
bei herabhängenden Armen horizontal gehaltenen Stab wollte er 
von vomher über den Kopf hinweg so weit als möglich nach rück¬ 
wärts führen bei gestreckten Vorderarmen. Er führte die Be¬ 
wegung schleudernd aus. Hiedurch kam es zu einer Verschiebung 
ln der Schulter; über die sich der Patient aber anfänglich nicht 
recht klar war. Durch schnelles Senken der Anne wurde die 
Verschiebung wieder l»eseitigt. Er hatte einige Tage lang einen 
geringen Schmerz in der linken Schulter, dem keine wesentliche 
Bedeutung l»eigelegt wurde. In ärztlicher Behandlung ist er nie 
gestanden. Ueber die Richtung der ursprünglichen Verrenkung 
weis« der Patient nichts mehr. Er scheint den Mechanismus der¬ 
selben aber häufig nachgeahmt zu haben und merkte nun all¬ 
mählich. dass er den Oberarm aus freien Stücken und völlig 
schmerzlos aus- und einrenkeu könne. Eine unfreiwillige Ver¬ 
renkung erlitt er seiner Meinung nach nicht mehr, er konnte dess- 
hnll» wie jeder Andere am Turnunterricht tlieilnehmen. Die will¬ 
kürliche Verrenkung betrachtete er als eine ihm eigene Kunst¬ 
fertigkeit. • 

* *) Beitr. zur klln. Chir. XXIII, 1, 1899. 

1 *) Ueber willkürliche Luxation nach Trauma. Zeitschr. f. 

Jj^prakt. Aerzte, 1900, No. 18. 

*) A case of dislocatlon of the shoulder-jolnt produced by 
muscular action alone. Lancet, 18. Aug. 1900. 

“) Contributo allo Studio delle lussazioul voloutarie. Poli- 
clin. VII, 10, 1900. 




Bel herabhängendem Arm ist es dem Patienten nicht mög¬ 
lich, den linken Oberarm in die Verrenkungsstellung zu bringen. 
Will er den Arm verrenken, so muss er Ihn mindestens um einige 
Grad seitlich und etwas nach vorn erheben. Alsdann erst erfolgt 
die Luxation nach hinten und unten unter Rotation des Ober¬ 
armes nach innen. Der Vorderarm ist ln der Regel leicht gebeugt. 
Aber auch nach vorn gelingt es dem Patienten, den Oberarm etwas 
zu verschieben. Zu diesem Zweck führt er den Ellenbogen nach 
rückwärts und rotirt den Oberarm nach aussen. 

Im Moment der Ausführung der Luxation stellt sich das 
Schulterblatt genau so, wie dies Fuhr beschrieben hat, 
nämlich horizontal, wobei sich das Schulterblatt zugleich 
lateralwärts verschiebt und der untere Winkel desselben 
nach oben wendet. Am deutlichsten kontrahirt hiebei ist 
der Deltoideus und der Suprasplnatus, woraus hervorgeht, dass 
dass die Hauptarbeit zunächst von den Hebern des Oberarmes 
verrichtet wird. Diese Muskeln sind denn auch links sichtlich 
stärker entwickelt als rechts. 

Ist nun der Oberarm in geringer Abduktionsstellung ver¬ 
renkt, so ist das Schulterblatt bei allen Bewegungen des Ober¬ 
armes flxirt und stellt sich bei Erhebung des Armes vertikal (cf. 
Figur). 

Darnach ist der Mechanismus der Luxation leicht zu ver¬ 
stehen. Das Schulterblatt und der Oberarm werden zuerst nach 
der Seite hin festgestellt und nun treten die Rotatoren in Thätig- 
keit. Durch diese wird der Oberarmkopf ohne besondere Kraft¬ 
anstrengung nach vorwärts oder rückwärts aus dem Gelenk 
herausgehebelt. 

Die Verrenkung nach hinten und vorn lässt sich auch passiv 
ausführen, sowohl bei herabhängendem als bei erhobenem Arme. 
Ferner tritt die Verrenkung leichter ein bei langsamen als bei 
schnellen Bewegungen. 

Die Verrenkung nach unten und hinten ist äusserlich zu 
erkennen daran, dass in der Achselhöhle eine Vorwölbung ent¬ 
steht, unter welcher der Oberarmkopf deutlich zu fühlen ist. 
Der Kopf steht unter und hinter der Pfanne. Der knorpelige 
Theil des Caput humeri hat die knorpelige Gelenkfläche verlassen 
und der höchste Punkt des Collum anatomicum ruht auf dem 
unteren hinteren Abschnitt des Pfannenrandes. Bei stärkerer 
Erhebung des verrenkten Armes stösst der Oberann, wie an dem 
Röntgenbild zu erkennen ist, lateral an der Epiphysengrenze 
gegen das Akromion an. Die Verrenkung gibt sich auch dadurch 
kund, dass die Gegend der Schulterhöhe deutlich eingesunken 
und der Deltoideus abgeflaoht erscheint. Die freie Gelenkfläche 
ist zu fühlen. Ausserdem führt die Längsachse des Humerus an 
der Gelenkfläche der Pfanne vorbei, wenn die Luxation einge¬ 
treten ist. Schliesslich ist zu bemerken, dass die Ausrenkung 
und Einrenkung des Oberarmkopfes begleitet ist von dem be¬ 
kannten dumpfen Luxationsgeräusch. 

Auf dem Röntgenbild ist die Luxation gut zu erkennen 
(cf. Fig.). Am Oberarm zeigt sich eine Abflachung des Tuber¬ 
culum majus und eine deutliche Abflachung der Gelenkpfanne. 
Die Neigung der Pfanne zum lateralen Schulterblattrand misst 
auf dem Röntgenbild 140 Grad, was der Norm zu entsprechen 
scheint. 

Das periphere Ende des Oberarmes ist somit auch in 
diesem Fall nicht, wie bei den traumatischen Luxationen, voll¬ 
ständig ausser Kontakt mit dem Pfannenrand getreten und wir 
sind desshalb auch nur berechtigt, von einer inkompleten Luxa¬ 
tion, einer Subluxation, zu reden. 

Nun zeichnet sich der Patient auch noch dadurch aus, dass 
er das sternale Ende des linken Schlüsselbeines nach vorn ver¬ 
renken kann. Um diese Verrenkung zu bewerkstelligen, wirft 
er zuerst die Schulter nach rückwärts, um das Gelenk • zum 
Klaffen zu bringen, alsdann nach vorwärts, wodurch das sternale 
Ende des Schlüsselbeines deutlich sicht- und fühlbar direkt nach 
vorn hinausgetrieben wird. Bekräftigt werden diese Bewegungen 
durch Mitbewegung des Armes, wenn die Verrenkung erzeugt 
werden soll. Die Verrenkung des Schlüsselbeines kann, wie die 
des Oberarmes, beliebig lang bei behalten werden. Sie richtet 
sich durch Rückwärtsbewegungen der Schulter oder infolge von 
Druck auf das Gelenkende ohne Schwierigkeit ein. 

Aber auch auf der rechten Seite kann der Patient eine Sub¬ 
luxation des Oberarmes und der Klavikula in denselben Bahnen 
wie links erzielen. Die Verschiebung ist jedoch eine bedeutend 
geringere, was vielleicht auch darauf zurückzuführen ist, da<s 
der Patient seine Kunstfertigkeit auf der rechten Seite noch 
nicht erprobt hat. Ausserdem ist der Patient in der Lage, eine 
Subluxation des linken Unterkiefers willkürlich zu erzeugen. 
Bemerkenswerth erscheint noch der Umstand, dass der Patient 


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412 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


eine sehr dehnbare und schlaffe Haut besitzt, welche an Cutis laxa 
erinnert. 

Es kann kaum angenommen werden, dass bei dem Patienten 
die mehreren Gelenken eigene Fähigkeit der willkührlichen Ver¬ 
renkung durch Uebung allein erworben werden konnte. Uebung 
spielt freilich, wie in dem Falle, den Fuhr mittheilte, eine Rolle. 
Das beweist die auffallend kräftige Entwicklung derjenigen 
Muskulatur, welcher die Fixation des Schultergelenkes obliegt. 
Es sind dies, wie wir gesehen haben, mehr die Heber des Armes 
als die Rotatoren, worin sich unter Anderem der Fall von 
dem F u h r’s unterscheidet. 

Das Befallensein mehrerer Gelenke deutet vielmehr auf eine 
kongenitale Disposition hin und diese besteht, wie 
mir scheint, in der mangelhaften Ausbildung der Hemmungs¬ 
vorrichtungen sowohl der knöchernen Konstituentien des Ge¬ 
lenkes als der Kapsel und der Bänder derselben. 

Der Mechanismus scheint, von der Muskelwirkung abge¬ 
sehen, auch bei der ebenfalls ausserordentlich seltenen ange¬ 
borenen Schulterverrenkung der gleiche zu sein, nur dass er bei 
dieser nicht so verhältnissmässig spät zur Wirkung gelangt. 


Aus der Universitätspoliklinik für orthopädische Chirurgie zu 
Leipzig (Direktor Prof. Th. K ö 11 i k e r). 

Ein Fall von einseitigem, fast vollständigem Fehlen 
des Musculus cucullaris.*) 

Von Dr. Otto Bender, Assistenzarzt. 

Angeborene Defekte, wie auch erworbene atrophische Zu¬ 
stände der Muskulatur des Schultergürtels in toto oder einzelner 
Theile derselben gehören im Allgemeinen nicht zu den Selten¬ 
heiten. Speziell über den M. cucullaris liegen jedoch, wie uns ein 
Blick in die Literatur lehrt, nur sehr spärliche, diesbezügliche 
Beobachtungen vor, und auch unter diesen wenigen Mittheil¬ 
ungen muss wieder wegen der verschiedenen Grundlagen, auf 
welchen sich der Schwund des genannten Muskels entwickelt hat, 
eine Sonderung vorgenommen werden. 

Wir weisen zunächst, um mit der relativ häufigsten Er- 
cheinung zu beginnen, kurz auf die Paresen und Atrophien des 
Cucullaris hin, welche im Gefolge von Erkrankungen des Zen¬ 
tralnervensystems entstehen, bei welchen entweder der Prozess 
auf den Accessoriuskern übergreift oder der periphere Stamm 
dieses Nerven gleichzeitige Veränderungen erleidet. Gewöhnlich 
finden wir dann eine Miterkrankung von Muskeln des gleichen 
Innervationsgebietes, des Sternocleidomastoides und von Theilen 
der Kehlkopfmuskulatur. Bernhardt, Martius, Wein¬ 
trau d haben eine Cucullarislähmung und -Atrophie bei 
Tumorenbildung im Wirbelkanal, bei Tabes und bei Syringo¬ 
myelie beschrieben; v. Limbeck berichtet über eine solche, 
welche wahrscheinlich im Anschluss an eine Verletzung des 
Rückenmarks auftrat und mit Schwund des Supra- und Infra- 
spinatus verbunden war. 

Ferner begegnen wir in der Veröffentlichung von Kr edel 
einem doppelseitigen Fehlen des Cucullaris als Theilerscheinuug 
angeborener Halsmuskcldefekte. 

Indem wir diese beide Kategorien von unserer Betrachtung 
aiisschliesscn, wenden wir uns zu einer dritten Form, in welcher 
der Mangel dieses Muskels in äusserst seltenen Fällen beobachtet 
wird, und zu welcher wir einen Beitrag liefern können. 

Die 14jähr. Alma P. aus Leipzig suchte Anfang November 
1001 die Poliklinik nuf, „well sie schief würde“. Die Anamnese 
ergibt, wie gleich vorausgeschickt sei, keine Besonderheiten; 
Eltern und 5 Geschwister der Pat. sind gesund und gut gewachsen; 
Pat. selbst behauptet, nie krank gewesen zu sein, weiss auch 
nbolut keine Ursache für Ihr Schiefwerden (Trauma, schwere 
körperliche Arbeit) anzugeben. 

Bei Untersuchung der Wirbelsäule zwecks Feststellung der 
erwarteten Skoliose fällt zunächst nicht diese, sondern ein be¬ 
deutender Unterschied in der Konfiguration der beiden Schultern 
auf (vergl. Abbildung). Während die rechte gewöhnliche Form 
zeigt, wird links die normale, durch den Cucullaris gebildete, ge¬ 
schweifte Halsschulterlinie vermisst. Statt derselben findet sich 
entsprechend dem unteren Halsdreieck eine tiefe Mulde, in welche 
medial die Halsmuskulatur ohne Uebergang steil abfällt; vorn 
wird die Mulde von der ohne weitere Bedeckung dicht unter der 
Haut hervortretenden Clavicula begrenzt, hinten fühlt man gleich¬ 
falls direkt unter der Cutis den oberen Scapularand in abnorm 
deutlicher Weise, während lateral der unveränderte Ursprung des 


*) Demonstrirt am 18. November 1901 in der Medizinischen 
Gesellschaft zu Leipzig. 


Deltoldes die Grenze bildet. Auch die übrigen Theile der linken 
Scapula, der obere Innere Winkel, die Spina, der innere Rand sind 
viel deutlicher abzutasten, wie auf der rechten Seite; dessgleiclien 
lassen sich M. supra- und infraspiuatus auffallend gut palpiren, den 
Muskelbauch des ersteren kann man 
zwischen Daumen und Zeigefinger 
nehmen. 

Die Stellung der Scapula ist ver¬ 
ändert, der untere Angulus steht 
2 cm höher, wie der des rechten 
Schulterblattes und ragt mehr nach 
hinten vor; der Abstand des medialen 
Randes von der Wirbelsäule beträgt 
unten 6, oben 8 cm gegen 4 y 2 und 
4 cm auf der anderen Seite; der Ver¬ 
lauf der Spina ist annähernd hori¬ 
zontal geworden. Es hat also eine 
Drehung der Scapula um ihre sagit- 
tale Achse stattgefunden, der zufolge 
die Pfanneugegend und mit dieser die 
ganze Schulter nach vorn, unten und 
innen gesunken ist. 

Vergleichsweise vorgenommene 
Messungen beider Scapulae und Cla- 
vieulae ergeben keine Differenzen. 

Es besteht ferner eine cervico- 
dorsale Skoliose ersten Grades mit 
der Konvexität nach der atrophi¬ 
schen Seite. Die Skoliose gleicht sich 
bei Rumpfbeuge nach vorn sofort 
aus, ebenso allmählich die Exten¬ 
sion; lässt man die Pat. wieder auf¬ 
rechte Stellung einnehmen, so kommt 
die Biegung der Wirbelsäule lang¬ 
sam wieder zum Vorschein. 

Die übrige Muskulatur, welche 
mit dem linken Schultergürtel in 
Verbindung steht, erscheint unver¬ 
ändert, nur ist die sternale Portion 
des Sternocleidomastoides etwas 
dünn, während Levator scapulae und Rhomboides der linken Seite 
als auffallend dicke Wülste vorspringen und sich derb anfühlen. 

Wie die Funktionsprüfung der einzelnen Muskeln zeigt, kann 
Pat. alle Bewegungen des linken Armes und der Schulter voll¬ 
ständig frei und ohne Anstrengung ausführen, sie gibt auch an, 
dass sie keine Schwache oder vorzeitige Ermüdung der linken 
Seite bemerkt habe. Die Erklärung hierfür liegt darin, dass 
Levator scapulae und Rhomboides die Funktionen des fehlenden 
Cucullaris übernommen und in vollkommener Weise ersetzt haben; 
es liegt also eine kompensatorische Hypertrophie dieser Muskeln 
vor, in geringerem Maasse auch des Spleuius. Ein- und Auswärts¬ 
roller des Armes, Deltoides, Pectorales, Serratus ant. maj. und 
Latissimus dorsi funktioniren normal, auch der etwas dünne linke 
Kopfuicker wirkt kräftig. 

Die erwähnte Skoliose ist statisch, da sie als Folge des Cu- 
cullarisschwuudes eingetreten ist. Die voluminösere rechte Schul¬ 
ter lastet bei gewöhnlichem Ruhestand mit grösserem Gewicht 
auf der Wirbelsäule, wie die atrophische linke. In Folge des 
höheren Seitendruckes rechts ist es zu der Ausbiegung der Wirbel¬ 
säule im oberen Brusttheil nach links gekommen. Eine andere 
Erklärung für die Entstehung der Skoliose konnte nicht gefunden 
werden; das Becken steht horizontal, Rachitis ist nicht vorhanden 
etc. Bei dieser Auffassung findet auch das Verschwinden der 
Skoliose beim Vorwärtsbeugen seine zwanglose Deutung, indem 
dann der einseitige Druck aufgehoben wird. 

Bei elektrischer Reizung des linken Cucullaris, sowohl vom 
Accessorius aus wie direkt, erhält mau bei beiden Stromarten keine 
Reaktion mehr; dabei findet sich jedoch, dass von den untersten, 
zur Scapula ziehenden Fasern des Cucullaris noch kleine Reste 
vorhanden sind; auch bei diesen keine Eutartungsreaktion. — Die 
Sensibilität der Schultergegeud ist intakt. 

Die Untersuchung der inneren Organe, speziell auch des 
Nervensystems, ergibt keine Besonderheiten. 

Die Aetiologle dieses Falles ist vollkommen dunkel. Wir 
haben vergeblich nach einem Anlass zur Entstehung dieser iso- 
lirten Atrophie des Cucullaris geforscht. Einen Anhaltspunkt 
über die Entstehungszelt gibt uns die Thatsache, dass die Pat. vor 
f» Jahren bereits einmal wegen schlechter Haltung in unserer 
Poliklinik in Behandlung stand und dass damals noch keine 
Cucullarisatrophie vorhanden war. 

Es handelt sich demnach um einen isolirten, fast voll¬ 
ständigen Schwund des linken Cucullaris, der ohne nachweisbare 
Ursache und gänzlich symptomlos im Pubertätsalter auftrat. Da 
irgendwelche krankhaften Erscheinungen am Nervensystem nie 
beobachtet worden »sind, so können Erkrankungen des Zentral¬ 
organs, eine spinale oder neurotische Amyotrophie, worauf be¬ 
sonders auch das Fehlen von Entartungsreaktion und fibrillärer 
Muskelzuckungen hinweist, ausgeschlossen werden, und es bleibt 
nur die Annnahme einer rein my opathisclien Affek¬ 
tion, einer Dystrophia muscularis. Unser Fall würde 
ferner wohl der von Erb näher charakterisirteu juvenileu 
Form dieser Krankheit entsprechen, welche gerade häufiger 



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11. März 1902. 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


413 


bei Mädchen und im Pubertätsalter auf tritt und mit Vorliebo 
die Muskeln der Schulter und oberen Extremität befällt. Unter¬ 
schiedlich ist dieselbe jedoch nicht progressiv geworden, sondern 
hat frühzeitig Halt gemacht und sich auf den 
Cucullaris beschränkt. 

Da Dank der kompensatorischen Hypertrophie anderer 
Muskeln keine Bewegungsstörungen eingetreten sind, so wird 
eine Therapie nur aus kosmetischen Gründen vorzunehmen sein 
und in der Kräftigung der Muskelreste durch Massage, Elek¬ 
trizität und orthopädische Gymnastik bestehen müssen. 

In der gesammten Literatur finden sich nur 3 analoge Be¬ 
obachtungen von fast vollständigem Fehlen eines oder beider 
Cucullaria niedergelegt; die erste und ausführlichste stammt von 
Erb, die beiden anderen von Eulenburg und S t a n g o. Das 
klinische Bild ist in allen Fällen im Wesentlichen das gleiche, 
nur war im Stange’schen Fall auch der Stemocleidomastoides 
derselben Seite deutlich atrophisch, und in der Mittheilung von 
Eulenburg findet sich ein Trauma angegeben, welches 
mehrere Wochen vor dem Eintritt des Patienten in die Behand¬ 
lung auf die Schultermuskulatur eingewirkt und daselbst 
Schmerzen hinterlasseu hatte; es ist nicht recht ersichtlich, ob 
das Trauma mit der Atrophie in Verbindung gebracht werden 
kann. 

Die Aetiologie ist in allen Fällen unklar, besonders auch die 
Zeit der Entstehung. Damit wird gleichzeitig auch die Dia¬ 
gnose unsicher, und die genannten Autoren lassen alle die Frage 
offen, ob es sich um eine rudimentäre Form der Dystrophia 
musculari8 oder um einen angeborenen Muskeldefekt handele. 
Erb hat in seinem Falle, welcher bis auf die Doppeheitigkeit 
der Affektion mit dem unsrigen in allen Einzelheiten überein¬ 
stimmt, eine mikroskopische Untersuchung der noch erhaltenen 
Cucullarisresle vorgenommen, berichtet aber, dass das Resultat 
unsicher gewesen sei; theilweise hätten sich die histologischen 
Merkmale der Dystrophia muscularis: Hypertrophie der Muskel¬ 
fasern, Kern Wucherung in denselben, Vermehrung des Binde¬ 
gewebes vorgefunden, theilweise seien dieselben vermisst worden, 
so Vacuolcn- und Spaltbildungen in den Muskelfasern. 

Leider war uns eine Exzision und entsprechende mikro¬ 
skopische Untersuchung nicht möglich, dafür können wir aber zur 
Klärung des Falles die Thatsache heranziehen, dass der Defekt 
des Cucullaris vor 5 Jahren bei unserer Patientin noch nicht vor¬ 
handen war, also erst im Pubertätsalter entstanden 
sein muss, denn es ist wohl ausgeschlossen, dass bei der Unter¬ 
suchung eine derartig in die Augen springende Abnormität der 
Beobachtung entgangen wäre. Auch für die Annahme, dass damals 
ein pseudohypertrophisches Vorstadium den Defekt verdeckt habe, 
liegt kein Grund vor; dieselbe würde im Gegentheil zu dem 
übrigen Bilde, das auf die juvenile Form hinweist, nicht passen. 
Wir sind also berechtigt, für unseren Fall einen kongenitalen 
Defekt in Abrede zu stellen und unsere Diagnose aufrecht zu 
erhalten. 

Literatur. 

Bernhardt: Beitrag zur Symptomatologie der Lähmungen 
«ler Schultergürtelmuskulatur. Deutsch. Arcli. f. klin. Med., XXIV, 
1879. — M a r 11 u s: Ueber Accessoriuslähmung bei Tabes dorsalis. 
Berl. klin. Wochenschr., XXIV, 1887. — v. Limb eck: Ein Fall 
von kompletera Cucullarisdefekt. Prag. med. Wochenschr. XIV, 
30, 1889. — Erb: Ein Fall von doppelseitigem, fast vollständigem 
Fehlen der Musculi cucullares. Neurol. Zeutralbl. VIII, 1, 2, 1889. 

— Eulenburg: Ein Fall von partiellem Defekt des rechten 
Musculus cucullaris. Neurol. Zentralbl. VIII, 1889. — W e i n - 
traud: Zwei Fälle von Syringomyelie mit Posticuslähmung und 
Cucullarisatrophie. Deutsch. Zeitschr. f. Nerveuheilk. V, G, 1894. 

— Stange: Ueber einen Fall von fast vollständigem Defekt des 
rechten Musculus cucullaris und des rechten M. sternocleido- 
inastoides. Deutsch, med. Wochenschr. XXII, 2G. 189G. — Kre¬ 
il e 1: Ueber angeborene Halsmuskeldefekte. Deutsch. Zeitschr. 
f. Chlr. LVI, 3 u. 4, 1900. 

Sind die im relativ frühen Alter und in verhältniss- 
mässig grosser Zahl auftretenden Angiome* der Haut 
für die Diagnose des Karzinoms zu verwerthen? *) 

Von Dr. Albert Reizenstein in Nürnberg. 

«Jegen Ende des verflossenen Jahres hat Leser 1 ) die Auf¬ 
merksamkeit auf ein die Krebskrankheit beim Menschen häufig 
begleitendes, noch wenig gekanntes Symptom zu lenken versucht. 

•) Nach einem im ärztlichen Lokalvereiu in Nürnberg ge¬ 
haltenen Vortrag. 

*) Münch, med. Wochenschr. No. 51, 48. Jahrg. 


Und zwar sind es eben sichtbare, punktförmige bis linsengrosse, 
himbeerrothe, leicht erhabene und scharf gegen die normale Haut 
abgegrenzte (Jeschwülstchen, die ihrem histologischen Charakter 
nach den Angiomen zuzuzählen sind. Leser stellt in seiner 
oben erwähnten Publikation die Behauptung auf, dass den im 
relativ frühen Alter und in verhältnissmiissig grosser Anzahl auf- 
tretenden Angiomen der Hautdecke ein diagnostischer Werth bei 
der Diagnose Karzinom beigemessen werden muss, und zwar 
1. desslinlb, weil bei Karzinom diese kleineu Angiome eine häufige, 
eine gewöhnliche Begleiterscheinung sind: unter 50 Karzinomfällen 
nur einmal fehlend, und 2., weil sie bei anderen Erkrankungen 
nur im späteren Alter hin und wieder und dann nur in erheblich 
kleinerer Zahl auftreten sollen. 

Bel der Wichtigkeit der aufgestellten Behauptung habe ich 
sofort, nachdem ich die Arbeit L e s e r’s gelesen hatte, meine Auf¬ 
merksamkeit auf diese Anomalie der Haut gerichtet und über 
fast jeden Fall sofort nach der Untersuchung meine Auf¬ 
zeichnungen gemacht. Wälirend ich noch mit meinen Beobach¬ 
tungen beschäftigt war, ist aus der A n g e r e r'sehen Klinik von 
Gebele*) ein Aufsatz erschienen, ln dem die Richtigkeit der von 
Leser aufgestellten Schlüsse bestritten wird. G e b e 1 e fand bei 
25 Karzinomfällen 15 mal Angiome. 10 mal keine; bei 200 ander¬ 
weitigen Erkrankungen 80 mal Angiome. 114 mal keine. Ich selbst 
habe von Ende Dezember 1901 bis jetzt 12 sichere und G zweifel¬ 
hafte Fälle von Karzinom beobachtet. Von diesen 12 sicheren 
Karzinomen hatten 7 im Alter von 27, 34, 44. 49. 56. Gl und 
62 Jahren kein Angiom (bei 5 davon war die Diagnose durch die 
Laparotomie und Sektion absolut sicher gestellt), bei 5 im Alter 
von 39. 51, 54, 71 und 71 Jahren waren theils nur spärliche, theils 
zahlreiche Angiome bis ca. 40 vorhanden. Von den zweifelhaften 
0 Karzinomfällen, darunter 2 Verengerungen der Speiseröhre in 
hohem Alter, waren 3 frei, bei den übrigen 3 war 2 mal nur ein 
einziges, winziges Angiom, bei 1 zahlreiche Angiome zu finden. 
Ausserdem habe ich noch über 230 Fälle mit leichten anderen Er¬ 
krankungen untersucht. Unter diesen war das Resultat 53 mal 
positiv (darunter bei mageren und starken Personen bis zu 
50 Angiome). 178 mal negativ. Im Grossen und Ganzen waren die 
Augiomträger über 40 Jahre alt, einige jedoch auch jünger. 

Ich halte mi c h n a c li meinen Beobacht u n g e u 
für berechtigt, diesen Angiomen jede dia¬ 
gnostische Bedeutung für Karzinom abzu¬ 
sprechen. Sie sind wohl als Degenerations¬ 
vorgänge in der Haut a u f z u f a s s e n. die gewöhn 
lieh ln höherem Alter, man c hmul auch bei 
Jüngeren Individuen vorko m m e n k ö nnen. ohne 
dass eine schwere, konsumirende Erkrankung 
vorhanden zu sein braucht. 


Chloroformnarkose'ohne Maske mittels Kehlkopf- 

Kanüle. 

Von Privatdozent Dr. T r u in p p in München. 

Zu dem unter dem gleichen Titel In No. G. 1902 der Münch, 
med. Wochenschr. erschienenen Aufsatze von Schlechten- 
d a h 1 - Bannen möchte ich mir einige Bemerkungen erlauben. 

Im Jahre 1894 konstmirte O’D w yer ein Instrument, be¬ 
stehend aus einem abgebogenen Metallrohr, an welches zweck¬ 
entsprechende Tuben angeschraubt werden konnten, und einem 
an dem Rohr befestigten Schlauch, der mit einem Gebläse ln Ver¬ 
bindung stand. Das Instrument diente ursprünglich zur Unter¬ 
haltung künstlicher Athmung bei Asphyxie, Opium- und Morphium¬ 
vergiftungen, wurde aber bald auch als Ersatz der Trendelen - 
b urg’scheu Trachealkanüle bei der Ausführung grösserer Opera¬ 
tionen im Rachen, in der Nase u. s. w. benützt. 

Ausschliesslich zu letzterem Zwecke wurde im Jahre 1898 von 
W. J. v a n S t o c k u m ein Apparat hergestellt, der gleichfalls aus 
Tube und Zuleitungsrohr für die Athmuugsluft besteht dabei aber 
eine vollständige Tamponade des Aditus laryngis und der Trachea 
ermöglicht. Die Idee, den Katheterismus des Larynx zu solchen 
Zwecken in Verwendung zu ziehen, ist also nicht so neu, wie 
Schlechtendalil und Kuhn angenommen haben. 

Abbildung und Beschreibung der beiden genannten Apparate, 
sowie Angaben über die einschlägige Literatur finden sich in meiner 
vor 2 Jahren erschienenen Monographie (Verlag von Fr. Den- 
ticke. Leipzig und Wien 1900) über „Die unblutige operative 
Behandlung von Larynx Stenosen mittels der Intubation“. 


Referate lind Bücheranzeigen. 

C. Posner- Berlin: Diagnostik der Harnkrankheiten. 

3. Auflage. Berlin, Hirsch w a 1 d 1992. 182 S. 

Dio beiden ersten Auflagen des trefflichen Büchleins sind 
seinerzeit in anerkennender Weise besprochen worden. In der 
vorliegenden dritten Auflage finden sich alle Errungenschaf ton 
der unermüdlich vorwärts schreitenden Urologie in knapper und 
sorgfältiger Form verwerthet, so dass das Buch dem Arzte 
wiederum ein gutes Hilfsmittel zu bieten im Stande ist. Die Auf¬ 
gaben der Harndiagnostik sind so mannigfaltige geworden und 
liegen auf so vielfachen (chemischen, physikalischen, klinischen. 


*) Münch, med. Wochenschr. No. 4, 49. Jahrg. 

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414 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


bakteriologischen) Gebieten, dass eine zusammenfassende Dar¬ 
stellung derselben von hoher Bedeutung ist. In dee Verfassers 
Buche ist diese Aufgabe in glücklicher Weise gelöst, das Werk 
wird auch in der neuen Auflage Vielen reiche Belehrung bringen. 

K r e c k e. 

i 

Dr. med. H. Guttmann, prakt. Arzt in Berlin: Arznei¬ 
verordnungen in der Kinderpraxis. Für Studirende und Aerzte 
bearbeitet. 3., gemäss dem „Arzneibuch für das Deutsche Reich“ 
von 1901 vollständig urngearbeitete Auflage. Berlin 1901. Ver¬ 
lag von S. Karger. 

Das Büchlein, das sich rasch in den Kreisen der Praktiker 
eingebürgert hat, berücksielrtigt neben der Dosirung und näheren 
Anwendungsweise der für die Kinderbehaudlung in Gebrauch be¬ 
findlichen Medikamente besonders auch die schädlichen Neben¬ 
wirkungen derselben und füllt damit eine allerdings manchmal 
empfundene Lücke aus. Den aufgeführten 264 Rezepten sind 
auch die Preise beigefügt. 2 Register erleichtern den Gebrauch 
des handlichen Werkchens. Gr. 

Aerztliches Taschenbuch. Sammlung der Gesetze, Mini- 
sterialverfügungen, Erlasse u. s. w., welche für den nicht be¬ 
amteten Arzt von Wichtigkeit sind. Zusammengestellt von 
Dr. med. Heermann. Glogau, K. Flemming’s Verlag. 
Preis M. 3.60. 

Die für den Bereich der preussischen Monarchie erlassenen 
Bestimmungen sind gross teilt hei ls im Wortlaut angeführt, auch 
ist auf die Reichsgesetzgebung stets Rücksicht genommen. Die 
wichtigsten Bestimmungen der deutschen Bundesstaaten sind un¬ 
verkürzt angegeben, lokal begrenzte Verfügungen sind im All¬ 
gemeinen nicht aufgenommen. Das Material ist nach bestimmten 
allgemeinen Gesichtspunkten geordnet. Gr. 

Dr. med. Iwan Bloch: Der Ursprung der Syphilis. Eine 
medizinische und kulturgeschichtliche Untersuchung. Erste Ab¬ 
theilung. Jena, Gustav Fischer, 1901. 

Der Autor vertritt in der vorliegenden Arbeit, welche sich auf 
ein reichliches altes und neues historisches, mit grosser Belesen¬ 
heit zusammengetragenes Material stützt, neuerdings die schon 
früher von gewichtigen Forschern vertretene, später aber wieder 
mehr in den Hintergrund getretene Lehre von dem neuzeitlichen, 
speziell von dem amerikanischen Ursprung der Syphilis. Man 
wird ihm die Anerkennung nicht versagen können, dass er nicht 
nur in der Kritik früherer Auffassungen kräftige Waffen führt, 
sondern auch zur Stütze seiner Ansicht, dass die Syphilis von der 
Mannschaft des aus Amerika zurückkehrenden Columbus zuerst 
in die alte Welt importirt wurde, sehr viel neues, wenn auch nicht 
durchweg gleichwertiges, so doch vielfach sehr überzeugendes 
Beweismaterial vorbringt. Ueber die Unzulänglichkeit der für 
die Annahme einer schon im Alterthume existirenden Syphilis 
herangezogenen Beweismittel, speziell der philologischen und 
archäologischen Belege, soll die 2. Abtheilung ausführlicher be¬ 
richten. Uns will es scheinen, dass, wenn auch vielleicht die An¬ 
sichten B 1 o c h’s noch keineswegs als nach jeder Richtung hin 
beweisend anerkannt werden müssen, doch durch das ausser¬ 
ordentlich lesenswerthe und interessant geschriebene Werk die 
vielumstrittene Frage wesentlich der Lösung näher gebracht 
wurde, und freuen wir uns insbesondere über die zahlreichen 
Quellenangaben und Zitate, durch welche der Autor seine Be¬ 
lesenheit in den Chronicisten und den sonst für die Streitfrage 
wichtigen Schriftstellern jener Zeit dokumentirt. Dabei handelt 
es sich nicht nur um Zitate, sondern auch um eine erfreuliche 
objektive Kritik der vorhandenen literarischen Beweismittel. Für 
jeden Freund kulturgeschichtlicher und und medizinisch-histo¬ 
rischer Forschung bietet Bloch’s Untersuchung über den „Ur¬ 
sprung der Syphilis“ eine willkommene und hochinteressante 
Lektüre. K o p p. 

J. Schwalbe: Virchow-Bibliographie 1843—1901. Be¬ 
arbeitet von W. Becher, J. Pagel, J. Schwalbe, 
C. Strauch, Th. Wey 1. 183 S. 8°. Berlin 1901. (3 M.) 

Diese Arbeit zerfällt in einen medizinischen (S. 1—50) und 
einen anthropologischen Theil (S. 53—110), welch’ letzterer von 
O. Strauch verfasst ist. Jedem Theil© ist ein eigenes Sach¬ 
register beigegeben. Die Anordnung des Stoffes ist chronologisch. 


Jeder Forscher, jeder strebende Arzt wird den Verfaasem 
für ihre Mühe Dank wissen. Es ist hier eine Schatzkammer medi¬ 
zinischen Wissens eröffnet, die ihresgleichen in der Geschichte 
der Heilkunde nicht hat; die Arbeit, die der grösste Chorage der 
neuen Medizin und Anthropologie in fast 60 Jahren geleistet hat, 
ist lichtvoll vor uns ausgebreitet. 

In einer Legon vom Jahre 1867 sagt der grosse Charcot 
(Oeuvres completes VII, p. XXXII): „Pendant que tout s’agitait 
en Allemagne nous restions en France occupes d’autres soins. 
Enfin le jour s’est fait et Ton a compris qu’une grande puiasanoe 
venait de s’elever ä cote de nous et qu’il fallait compter desormais 
avec la Science d’outre-Rhin.“ Und der Heerführer dieser gToeeen 
Macht war Rudolf V i r c h o w. 

Bezüglich der bibliographischen Methode gestatte ich mir 
einige Pia desidesria anzufügen: 

1. Lücken sollen möglichst vermieden werden. Hier fehlt 
z. B. der Art ikel über Trichinen beim Iltis, Archiv XXXVI, 149, 
eine kleinere Arbeit, die für Parasitologen sehr wichtig ist. 

2. Es soll bei jeder Arbeit der Umfang angegeben werden, 
bei Büchern die Seitenzahl, bei Artikeln die begrenzenden Seiten¬ 
zahlen. 

3. Die Titel und Uebcrschriften müssen wörtlich gegeben 
werden, so z. B. 1876: Die Sektionstechnik im Leichenhause des 
Charite-Krankenhauses, mit besonderer Rücksicht auf gerichts¬ 
ärztliche Praxis erörtert von R. V. Erweiterter Abdrude aus dem 
1. Jahrgange der neuen Charite-Annalen. Im Anhänge das Regula¬ 
tiv für das Verfahren der Gerichtsärzte bei gerichtlichen Unter¬ 
suchungen menschlicher Leichen vom 6. Januar/13. Februar 1875. 
Mit einer lithographirton Tafel. Berlin 1876. Hirschwald. 
— Aber in der Bibliographie liest man nur: Sektionstechnik. 
Charite-Annal. Bd. I. 

4. Bei den mit Abbildungen ausgestatteten Arbeiten sind 
Tafeln und Textbilder zu notiren. Wie wichtig sind z. B. die 
Tafeln zu Archiv I, 94, wo die famosen Krebszelleneinschlüssc 
ganz vortrefflich abgebildet sind! Wie instruktiv sind die Bilder 
in Archiv IX, 557 (parasitische Pflanzen)! Wie trefflich die 
Tafeln in Archiv XVIII. 

5. Bei Journalartikeln soll hervorgehoben werden, wenn die¬ 
selben als Separate im Buchhandel herausgegeben wurden. So 
z. B. die epochemachende Arbeit in Archiv XV über konstitutio¬ 
nelle syphilitische Affektionen etc. 

6. Die Uebersetzungen in fremde Sprachen dürfen nicht ver¬ 
gessen werden, so ist z. B. die Cellularpathologie, das Buch über 
Trichinen etc. in wenigstens 5 europäische Sprachen Überträgen 
worden. 

7. Bei den polemischen Artikeln — und „Ritter Rudolfs 
Heldenarm“ hat viele Schlachten geschlagen — dürften auch die 
Angriffe und Repliken der Gegner bibliographisch notirt werden, 
so z. B. bei Archiv XV, 393 müsste zum Verständniss beigefügt 
werden: Archiv f. phys. Heilkunde 1858, p. 567 (Medic. Geepäche 
aus dem alten Hellas) etc. etc. J. Ch. Huber- Memmingen. 

Neueste Journalliteratur. 

Centralblatt für innere Hedicin. 1902. No. 9. 

1) A. Sommer: Ueber den Zusammenhang dyspeptischer 
Beschwerden mit Erkrankungen des weiblichen Geochlechts- 
apparates. (Aus der medizinischen Klinik in Graz.) 

Klagen über Verdauungsstörungen sind bei gynäkologisch 
Kranken häufig. Am meisten wird eine reflektorische Entstehung 
angenommen. Es ist fraglich, ob bei dieser nervösen Dyspepsie 
nur subjektive Beschwerden oder ob auch messbare Aenderungen 
der Magenfunktionen vorhanden sind. Die Untersuchung der Fälle 
von Dyspepsie neben Genitalaffektionen ist nicht nur behufs Fest¬ 
stellung eines vielleicht mehr oder weniger selbständigen Magen¬ 
leidens nothwendig, sondern auch zunächst zur Analyse der fest¬ 
gestellten Neurose erwünscht. Verf. hat an 23 Patientinnen, meist 
mit Ketroflexio Uteri, die chemische Funktionsprüfung nach 
R i e g e l’s Probemahlzeit oder nach Probeessen (1 Weissbrot, 
Thee, G0 g Schinken) vorgenommen. Es ergab sich in der Mehr¬ 
zahl der Fälle eine Uebersäuerung des Magens. Verminderung 
der Salzsäure fand sich nur 2 mal, normale Verhältnisse zeigte 
nur eine Patientin. Die Zunahme der Salzsäure war mehrfach be¬ 
trächtlich. Die Beschwerden lassen sich zum grossen Theil auf 
diese Ilyperaeiditüt zurückführen. Hinsichtlich des Zusammen¬ 
hanges der von S. beobachteten Abweichungen der sekretorischen 
Mageiifunktion genitalleidender Frauen mit der Uterusaffektion. 
besonders mit der Ketroflexio, geben die Beobachtungen natürlich 
keinen genauen Aufschluss. Eine Besserung des Frauenleidens 
hatte nur 2 mal eine Abnahme der Magenbeschwerden zur Folge, 
1 mal trat eine Verschlimmerung ein. Bei der Mehrzahl der Pat. 


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11. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


415 


lag auch Gastroptose vor, mit welcher oft Sekretiousanomalien ein¬ 
hergehen. 

2) G. S p 1 e s 8 - Frankfurt a/M.: Die Heilwirkung der An- 
äathetika. (Vorläufige Mittheilung.) 

Heilung von Halsoperationen trat um so rascher ein, je voll¬ 
ständiger. auch während der Nachbehandlungsperiode, die An¬ 
ästhesie war (Kokain. Chloroform u. A.). Verf. prüfte desshall) 
die Anästhetica auf ihren entzündungswidrigen, heilenden Einfluss. 
Jedesmal ging mit der Anästhesie Nachlass der Entzündungs¬ 
erscheinungen einher; in sehr kurzer Zeit erfolgte Heilung. Diese 
während mehrerer Jahre ausnahmslos gemachten Beobachtungen 
lassen es dem Verfasser als sicher erscheinen, dass zwischen An¬ 
ästhesien und Heilwirkung ein direkter Zusammenhang l>csteht, 
wahrscheinlich derart, dass Anästhesie reflektorisch die Vaso¬ 
motoren beeinflusst und zur Blutverarmung der betreffenden Ge¬ 
biete, sicher wenigstens zur Abnahme der Hyperämie führt. 

W. Zinn- Berlin. 

Deutsche Zeitschrift für Chirurgie. 02 Bd., 3. u. 4. Heft. 
Leipzig, Vogel, 1901. 

11) Höherem - Ofen-Pest: Uebcr Sehnenluxationen. 

H. bespricht einen Fall von Luxation der Exteusorensehne 
am linken Zeigefinger. Die Sehne war uluanvürts zwischen den 
2. und 3. Finger abgerutscht. H. legte die Sehne frei, reponirte sie 
und flxirte sie durch einen umgeschlagenen viereckigen Zellgoweba- 
lappen. Glatte Heilung. 

Dieser Fall ist der erste dieser Art. 

Viele der als Sehnenluxationen beschriebenen Fälle haben sich 
hinterher als andere Verletzungen herausgestellt. Die Selmen- 
luxatlonen beschränken sich im Wesentlichen auf solche des 
Peroneus longus, des Tlblalis posticus. der langen Bicepssehne. 

12) Schmieden: Die Erfolge der Nierenchtjurgie. (Chlr. 

Klinik Bonn.) ~ 

Die Arbeit bringt ausser einer Uebersielit Uber das Schede- 
selie Material eine Zusammenstellung aller der in der Literatur 
niedergelegten Fälle, für welche die hauptsächlichsten Angaben 
über Operation, Verlauf, Rezidiv u. s. w. Vorlagen. 2100 Nieren¬ 
operationen konnten in dieser Weise zusammengestellt werden. 
Als Normal verf ähren bei allen Nierenoperationen bevorzugt 
Schede den lumbalen Schnitt. Derselbe bietet vor allen Dingen 
den grossen Vortheil der Offenhaltuug der Wunde, die für viele 
Operationen geradezu unerlässlich ist. Nur bei Nierendystopie 
und bei kleinen Kindern kann von dem lumbalen Wege abge¬ 
gangen werden. 

Bezüglich der wichtigen Frage der nach den Nierenoperationen 
zurückbleibenden Fisteln glaubt Verf., dass die Fisteln am besteu 
vermieden werden, wenn man nicht zu enge Grenzen für die 
Indikation zur Nierenexstirpation stellt. Das gilt b. sonders fiir 
die Hydronephrose und die Pyonephrose. 

Aus der Fülle der Einzelheiten kann hier nur Einiges heraus¬ 
gegriffen werden. 

Nephrektomien 1118 mit einer Gesammtmortalität von 
26.9 Proz.. für das letzte Jahrzehnt von 17,4 I’roz. S c h e d e's 
Fälle sind 92 mit 26.1 Proz. Mortalität. Wegen malignem 
Tumor wurden 329 Exstirpationen gemacht mit 32.8 Proz. Mor¬ 
talität. Von den 221 operativen Heilungen konnte völlige Gesund¬ 
heit nach 3 Jahren und darüber noch bei 20 Fällen = 6.1 Proz. 
nachgewiesen werden. 

201 Nephrektomien wurden wegen Tuberkulose gemacht; 
Mortalität 29,4 Proz. Aus Schede’s Material kommen auf die 
Tuberkulose 19 Niereuexstirpationen mit 6 Todesfällen und 
12 Dauerheilungen (nach 5—11 Jahren). 

124 mal wurde die Niere wegon .Hydronephrose ent¬ 
fernt. Mortalität 18.5 Proz., im letzten Jahrzehnt 5,7 Proz. Bel 
17 derartigen Operationen in Schede’s Klinik kam nur 1 Todes¬ 
fall vor. Wegen Pyonephrose wurde 138mal nephrektomirt. 
Sterblichkeit 23.2 Proz., im letzten Jahrzehnt 15,3 I’roz. Bei 
Schede 11 Fälle mit 27.3 Proz. Mortalität. 

16 Nierenexstirpationeu wurden wegen unilateraler Hämaturie 
und wegen Nephritis ausgeführt. 13 li.•Hungen, 3 Todesfälle. 

Von 700 Nephrotomien überstanden die Operation 573. es 
starben 127 = 18,1 Proz. 248 Nephrotomien wurden wegen Pyo¬ 
nephrose vorgenommen mit 18.5 Proz. Sterblichkeit. Von den 
202 Ueberlebenden blieb bei 07 eine Fistel zurück, sekundär 
nephrektomirt wurden 49. S c h e d e's Nephrektomien wegen 
Pyonephrose beschränken sich auf 2 Fälle (1 Fistelbildung, 
1 Todesfall). 211 Nephrotomien wegen Nierensteinen ergeben 
eine Sterblichkeit von 20,4 Proz. 

Von 88 wegen Hydronephrose gemachten Nephrotomien 
wurden 31 völlig geheilt. Bei 24 blieb eine Fistel zurück, sekundär 
nephrektomirt wurden 18 und 15 starben. 

13) Pagenstecher: Ueber Ascites chylosus. Ein durch 
Laparotomie geheilter Fall. (Paulineustift Wiesbaden.) 

Bel einem Kinde entwickelte sich 3 Wochen nach der Ge¬ 
burt eine starke Anschwellung des Leibes. Verf. machte nach 
4 Monaten die Laparotomie und entleerte einen echt chylösen 
Aszites; er fand die Serosa hocliroth injizirt und zwischen den 
rothen Gefässen welsse opake Streifen mit zahlreichen hanfkorn¬ 
grossen Bläschen, welche einen wässerig-milchigen Inhalt auf¬ 
wiesen. Völlige Heilung. 

Verf. glaubt, dass in seinem Falle neben dem Chyluserguss 
eine chronische Peritonitis bestand und dass zumal durch die Ein¬ 
wirkung auf die letztere die günstige Wirkung der Laparotomie 
zu erklären ist. 

14) Strauch - Braunschweig: Intramuskuläres kavernöses 
▲nglom mit eigenartigen Symptomen. 


Der Tumor lag im Masseter. Durch Umlegen eines Tuches 
um den Hals konnte der Tumor für längere Zeit zu starker An¬ 
schwellung gebracht werden. 

15) S. Rose-Berlin: Eine Art Orthopädie der Ovarien. 

Bei einem jungen Mädchen fand sich in einer lrreponiblen 

Leistenhernie das eine Ovarium, das sehr heftige Schmerzen 
hervorgerufen hatte. Die Reposition und Naht brachte völlige 
Heilung. 

Bei einer anderen Patientin mit sehr heftigen Unterleibs¬ 
beschwerden war das Ovarium durch eine Bauchfellfalte straff 
nach dem Psoas zu fixirt. Die Falte wurde durchtrennt. 

16) L a u g e m a k: Die Darmausschaltung als präliminare 
Operation vor Exstirpation grosser Coekaltumoren, mit Be¬ 
merkungen über das Coekumkarzinom. (Oliir. Klinik Rostock.) 

Graser hat in 2 Fällen von Coekumkarzinom zunächst eine 
Ausschaltung des erkrankten Darmes gemacht und am 4. bezw. 
2. Tage die eigentliche Exstirpation des wenig beweglichen 
Tumors. L. empfiehlt dies Verfahren in Füllen, in denen die 
Ablösung von der Unterlage zu grosse Schwierigkeiten macht 
oder die Geschwulst zu umfangreich ist. 

Einige Bemerkungen über die Diagnose der Coekalkarzinome 
und über das Vorkommen des Gallertkrebses machen den Schluss 
der Arbeit. 

17) W. v. N o o r d e u - München: Beitrag zur serösen Cyste 
der Ohrmuschel. 

Die haselnussgrosse Cyste der Ohrmuschel hatte sich innerhalb 
3 Wochen entwickelt. Bei der Inzision entleerte sich ein glyzerin- 
artiger, fadenziehender Inhalt, der frei von korpuskularen Ele¬ 
menten war. Aus der vorderen Wand wurde ein Stückchen ex- 
zidirt und es fanden sich 3 Schichten, die Cutis, eine Kuorpelhaut- 
lvnorpelschicht und eine Bindegewebsschicht. Die der Höhle zu¬ 
nächst gelegene Bindegewebsschicht zeigte keinerlei zellige Ab¬ 
grenzung. 

Verf. glaubt, dass es sich hier um eine Säftetranssudation 
zwischen zwei Knorpellamellen handelt. Die eingetretene Spal¬ 
tung erstreckte sich bis zum Periehoudrlum, wodurch das Binde¬ 
gewebe Eintritt in das Innere der Cyste fand. Der Ausgangs¬ 
punkt muss mit Wahrscheinlichkeit in einem Trauma gesucht 
werden. 

18) Mintz: Zur operativen Behandlung des Retrocollie 
spasmodicus. (Alt-Kntharinenspital Moskau.) 

Verf. hat bei einem schweren Fall von Torticollis spasmodicus, 
dem die prüvalirendeu Nackenmuskclkrämpfe den Charakter eines 
Retrocollis spasmodicus verliehen, die beiden Nn. accessorii und 
die beiderseitigen I.—III. hinteren Cervikalnerven in einer 
Sitzung resezirt. Das Resultat war nur ein unvollkommenes. 

19) Engelhardt und N eck: Bemerkung zu: Sthamet, 
Entstehung von Magengeschwüren und Leberinfarkten nach ex¬ 
perimentellen Netzresektionen. (Stadtkrankenhaus Chemnitz.) 

20) R i e g n e r: Darmzerreissung durch Huf schlag. (Aller¬ 
heiligen-Hospital Breslau.) 

8 Stunden nach dem Hufschlag Laparotomie. Darm quer 
durchrisseu. Vereinigung durch Murphyknopf. Ausspülung der 
Bauchhöhle mit Kochsalzlösung. Heilung. 

Verf. rütli dringend, bei Bauchquetschungen durch irgendwie 
stärker einwirkende Gewalten, besonders durch Hufschlag, mit 
der Laparotomie nicht zu zögern. Eine Reihe von ungünstigen 
Erfahrungen wird mitgetlieilt. 

21) R 1 e g n e r: Subkutane Zerreissung des Sinus longi- 
tudinalis durae matris. (Allerheiligen-Hospital Breslau.) 

Die Verletzung hatte sich ereignet gelegentlich einer sub¬ 
kutanen Schädelfraktur in Folge Sturzes von einem 12 m hohen 
Gerüste. Heftigste Kopfschmerzen, niedrige Pulszahl, linksseitige 
Stauungspapille ohne Herderscheinungen. Freilegung der Fraktur¬ 
stelle und Ausmeisselung eines 4:3 cm grossen Knocheustiickes. 
Sofort kolossaler Blutsehwall, zunächst Tamponade, nach 4 Tagen 
Umstechung des Risses. Völlige Heilung. Auch völliger Rück¬ 
gang der Stauungspapille. 

22) Iv a 11 o n b r a c k e r - Spandau: Fortschritte auf dem 
Gebiete der F i n s e n’ächen Lupu3behandlung. 

Verf. hat mit der neuen Finsenlampe (Eisenelektroden) Ver¬ 
suche über die Einwirkung der chemischen Lichtstrahlen auf ver 
scliiedene Bakterien angestellt. Bel allen ergab sich schon nach 
wenigen Sekunden Entwicklungshemmung. K recke. 


Centralblatt für Chirnrgie. l'J02. No. 7, 8 u. 9. 

No. 7. Willy M e y e r - New-York: Gastroenterostomie, kom- 
binirt mit Enterostomie, ausgeführt mit Hilfe der elastischen 
Ligatur (M c G r a w’s Methode). 

M. tlieilt einen mit vorzüglichem Erfolg nach dieser Methode 
operirteu Fall mit. der geeignet ist, diese alle anderen üblichen 
Methoden betr. Einfachheit, Sicherheit und Schnelligkeit der Aus¬ 
führung übertreffende Operation, über die speziell M c G r a w ein¬ 
gehende Experimente angestellt hat. zu empfehlen. M c G r a w 
empfiehlt neuerlich hiezu elastische Ligaturen mit abgeschrägten, 
spitz zulaufenden Enden, die sich leichter einfädeln lassen; am ein¬ 
fachsten geschieht die Operation mit Nadeln mit sogen. Patent- 
augeu, in die man den gestreckten Faden einfach eindrückt — 
Bei der Entero-Enterostomie geschieht nach M e y e r’s Ansicht die 
Fixirung der zu- und abführenden Schlinge hinter und vor der 
elastischen Ligatur schneller und einfacher mit fortlaufender Naht, 
bei der Gastroenterostomie, wegen der verschiedenen Wandstärke, 
besser mit der unterbrochenen Naht. Die Thatsache, dass die 
Anastomose erst am 3. bis 4. Tage sich voll elnblirt, ist nacli 
McGraw ohne Belang, da hohe Nährklystiere in dieser Zelt die 
Ernährung besorgen können. Die Kommuuikationsöffnung ent- 


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416 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


steht nicht durch Brandigwerden der von der Ligatur umsclinür- 
teu Gewel>88chichten, sondern, wie es scheint, durch Resorption 
derselben, wofür nach M c G r a w der schon am Ende des 4. Tages 
konstatirte Befund spricht, dass die Ränder incl. Schleimhaut ohne 
Wundfläche fest vereinigt sich fanden. Eine spätere Kontraktion 
der Oeflfnung erscheint nicht wahrscheinlich. Für Choleeyst- 
enterostomie Ist diese Operation wegen der Dünne der Galleu- 
blasenwand nicht anzurathen. 

No. 8. Max Schüller: Zur parasitären Entstehung von 
Krebs und Sarkom. 

Sch. bespricht neuerlich die von ihm als solche beschriebenen 
Gebilde (Kapseln und Maschenwerk), von denen er betr. der ander¬ 
wärts geünsserten Ansicht, dass es Korkzellen seien, selbst zugibt, 
dass sie mit solchen grosse Aehnlichkeit haben. Sie fanden sich jedoch 
auch in Präparaten, ln denen jede Verunreinigung ausgeschlossen 
ist, ln frisch untersuchten Geweben, wie in gehärteten Schnitten; 
überdies zeigten selbe eine kürzlich von ihm gefundene chemische 
Reaktion sofort, die die Korkzellen nicht zeigen. Sch. hält daher 
an diesen als charakteristischen Zeichen dieser Krankheitsprozesse 
fest, wenn er sie auch nicht als Erreger, sondern nur als Entwick¬ 
lungsform der Parasiten ansieht: in ihnen entstehen nach seinen 
Untersuchungen die jungen Organismen (eigentlichen Krebs¬ 
erreger) und diese dringen, indem sie Jene verlassen, als runde oder 
ovale Körperchen theils in. theils zwischen die Zellen ein und ver¬ 
ursachen die bei Krebs oder Sarkom bekannten Veränderungen. 
Ihr Nachweis gelingt mit verschiedenen Salzlösungen (conc. 
Ammonium muriut.-Lösung). sehr schön mit einer von Sch. modi- 
flzirten Thioninfiirbung. Sch. weist die Ansicht Nils S j ö b r i n g's, 
dass es sich hiebei um Leucin handle, zurück und betont, dass 
er bei lebend beobachteten Kulturen ausgesprochene Bewegungs¬ 
erscheinungen beobachtet habe, und dass seine Thierexperimente 
seine Anschauungen vollkommen bestätigt hätten 

No. 9. Y. M i w a - Ghiba: Beiträge zur Geschichte der Gela¬ 
tine als Hämostatikum. 

In China findet sich schon im Anfang des 3. Jahrhunderts die 
Gelatine als Hämostatikum empfohlen und zwar im San-IIan-Ron 
(einer Art Pathologie und Therapie). Sie heisst chinesisch Okiu. 
japanisch Nikawa (d. h. Is'derdecoct): hauptsächlich wird sie in 
Wasser gelöst, seltener in Pulverform (bei Nasenbluten als Ein¬ 
blasung) angewandt. Meist wurde sie mit anderen Droguen ver¬ 
setzt, wie Paeouia officinalis, Coptis brachypetala etc., und ge¬ 
brauchten Chinesen und Japaner sie als Stärkungs- und Blut¬ 
bereitungsmittel, ähnlich dem Eisen. 

Roman v. Baracz: Ein Vorschlag zur operativen Behand¬ 
lung der Ischias. 

Nach R. v. B. ist die operative Therapie der Ischias noch nicht 
festgestellt: es gibt aber sehr hartnäckige Fälle, in denen die 
blutige Dehnung des Nerven nicht ausreicht. Fajerstajn- 
Lemberg hat in letzter Zeit auf 2 wichtige diagnostische Merkmale 
der Ischias aufmerksam gemacht, das sogen. L a s ö g u e'sehe 
Ischiasphänomen und die von ihm gefundenen gekreuzten Ischias¬ 
phänomenerscheinungen, die nicht allein diagnostische Bedeutung 
haben, sondern auch einen Wink für die Therapie ln gewissen 
Fällen von Ischias abgeben. Durch Kadaverversuche hat Fajer- 
stajn gefunden, dass bei Dehnung eines Ischiadikus nicht nur 
der Nervenstamm mit den Plexuswurzelu gespannt und nach ab¬ 
wärts gezogen wird, sondern auch der unterste Theil des Dural¬ 
sacks sainmt denNervenwurzelscheideu wird in die entsprechenden 
Foramiua intervertebr. hineingezogen und auch die koutralaterale 
Wnnd des Sacks entfernt sich von der Knochen wand und R. v. B. 
hat sich überzeugt, dass dies um so mehr der Fall, Je näher seinem 
zentralen Ende man den Ischiadikus dehnt. Nach It. v. B. ist die 
Ursache der Schmerzen in gewissen Fällen von Ischias (besonders 
wo entzündliche Prozesse im kleinen Becken oder Trauma der 
Gefässgcgend vorausgegangen) in abnormen Verwachsungen ober¬ 
halb der Austrittsstelle desselben aus der Ineisura isehiadiea major 
und an der Ineisur selbst zu suchen und hält es R. v. B. für ratio¬ 
neller, in diesen Fällen den Nerven beim Austritt aus der Ineisura 
isch. maj. blosszulegen und stumpf von seinen anomalen Ver¬ 
wachsungen oberhalb der Ineisur mit dem Finger zu lösen (an¬ 
statt ihn an der Glutaealfalte zu dehnen). Dieser Eingriff erscheint 
R. v. B. nicht grösser und gefährlicher und jedenfalls geringer, 
als der von Barden heuer angegebene. 

In Bauchlage bei erhöhtem Becken führt er einen leicht nach 
einwärts gebogenen 8—10 cm langen Längsschnitt etwas nach 
einwärts von der Mitte einer vom Tuber, oss. ischii zum hinteren 
Rand des Trochanter maj. gezogenen Linie bis auf den Glutaeus. 
trennt diesen stumpf entlang seinen Fasern und gelnugt so direkt 
auf den Nerven, dringt mit dem Zeigefinger längs demselben ln die 
Ineisura ischiadic. maj. ca. 2 cm nach oben bis nahe an die 
Foramiua sacr. ant. vor, dabei besonders die ventrale und dorsale 
Seite des hier abgeplatteten Nerven von seinen Verwachsungen 
befreiend. Fall« der Ischiadikus noch im Becken sich theilt, 
müssen beide Stämme auf diese Weise blossgelegt werden. Hierauf 
Vereinigung der Wunde mit tiefen Nähten ev. mit Einführung 
eines Gazedrains. Sehr. 

Klinisches Jahrbuch. 1901. 8. Bd. Heft 1—3. 

Uhlen huth und A. W e s t p h a 1 - Berlin: Histologische 
und bakteriologische Untersuchungen über einen Fall von 
Lepra tuberoso-anaesthetica, mit besonderer Berücksichtigung 
des Nervensystems. 

Krankengeschichte und eingehende anatomische Untersuchung 
eines 2 Jahre lang im Institut für Infektionskrankheiten beobachte¬ 
ten Falles. 


E. N e 1 s s e r - Stettin: Zur Frühdiagnose der Tuberkulose 
bei der versicherungspflichtigen Bevölkerung. 

In Stettin ist zur Erkennung von wirklich initialen Fällen ^ 
eine Beobachtungsstation im Krankenhaus eingerichtet, wo von 
den Kassenärzten überwiesene Fälle auf Kosten der Kasse 7 Tage 
stationär, „unter plaumässiger Ausnützung der gewöhnlichen 
klinischen Untersuchungsmethoden in Verbindung mit Vornahme 
der Tuberkulinreaktion“ beobachtet werden. 

Fr. Köhler- Görbersdorf: Das Agglutinationsphänomen. v 

Ausführliche Darstellung des derzeitigen Standes der Agglu- > 
tinationsfrage, basirend auf dem Material der Jenenser Klinik. 
Nach eingehender Schilderung der klinischen Ergebnisse bespricht/ 
Verf. die Dauer des Phänomens und kommt auf Grund der Unter-' 
sucliung von 37 Fällen zum Schluss, dass nur ein verhältnissmässig 
kleiner Theil der Typliuskrnnken nach Ablauf eines Jahres noch 
die Reaktion zeigt. Mit der Prognose hat das Auftreten und Ver¬ 
schwinden der Reaktion nichts zu thun. Dann folgen die Be¬ 
sprechung der Agglutinationsfähigkeit des Harns und der Galle 
und die Untersuchungsresultate über das Auftreten der Reaktion 
bei Gesunden und anderweitig Erkrankten. Mindestens 15 Proz. 
zeigten positiven Ausfall; aber nur bis zu einer Verdünnung von 
3:40. In diese Rubrik gehören besonders Erkrankungen des Blutes, 
allgemeine Ernährungsstörungen, vor Allem aber mit Ikterus ein¬ 
hergehende Krankheiten. Die unbedingte Sicherheit der Typhus- 
diagnose ergibt sich erst bei einer Verdünnung der Typhuskultur 
mit dem Serum von über 1:50. 

Die Versuche über Agglutiuationsvermögen des Typhusserums 
gegenüber verwandten Bakterien sind schon in dieser Wochen¬ 
schrift 1900. No. 22 und 23 mitgetheilt. 

Als wichtige neue Ergebnisse kommen dann nach Besprechung 
der Agglutlnationsfiihigkeit der Galle und der einzelnen Gallen- 
bestaudtlieile die Untersuchungen über künstlich hervorgerufene 
Agglutination durch Injektion von Taurocholsäure und nach 
Choledochu8unterblndung. Bei Hunden lässt sich durch Injektion 
von 10 proz. Lösungen und durch künstliche Gallenstauung eine 
Agglutination des Blutserums gegen Typhusbazillen bis zu einer 
Verdünnung von 1:00 hervorrufen. Diese Erscheinung ist aber 
Inkonstant 

Zuletzt beschäftigt sich Verfasser eingehend mit dem Wesen 
der Agglutination und priizisirt nach Kritik der verschiedenen 
Theorien, gestützt auf die Ergebnisse seiner Versuche über künst¬ 
liche Agglutination, seinen Standpunkt dahin: Die Agglutination 
ist ein chemischer Vorgang, der durch verschiedenartige Stoffe her¬ 
vorgerufen werden kann, die häufig im Blut nicht typhuskranker 
Menschen auftreten, beim typhusinfizirten Organismus aber in 
besonders gesteigerter Intensität Vorkommen. Wegen der In¬ 
konstanz der Erscheinungen, sowohl bei klinisch unzweifelhaften 
Typhusfällen, wie bei künstlich hervorgerufener Agglutination 
kann das Phänomen nicht als ein streng spezifischer Vorgang an¬ 
gesehen werden. Eine enge Beziehung zur Immunität ist nicht 
erwiesen. Die Theorie von Pal tauf, dass es sich um Fällung 
von chemischen Stoffen handelt, wobei die Bakterien mitgerissen 
und verklebt werden, erscheint am wahrscheinlichsten. 

G. M e y e r - Berlin: Zur Organisation des Bettungswesens. 

Zusammenfassender Ueberblick über die Verhältnisse des 

Rettungswesens in Deutschland. Oesterreich, England und Frank¬ 
reich nach eigenen Beobachtungen, und Berichten mit Vorschlägen 
für dessen weitere Ausgestaltung, besonders in Berlin. 

M. Kirchner- Berlin: Die wesentlichen Bestimmungen 
der deutschen Prüfungsordnung für Aerzte vom 28. Mai 1901. 

H. v. S c h r ö t te r - Wien: Bemerkungen über die Bedeutung 
eines systematischen Studiums des Skleroms. 

Nach Zusammenstellung des Materials in geographisch¬ 
statistischer Richtung tritt Verfasser für ein umfassendes kli¬ 
nisches und epidemiologisches Studium des Skleroms ein und 
empfiehlt das Sklerom bei seiner noch nicht hinreichend gewürdig¬ 
ten Ausbreitung in einer ständigen Rubrik der staatlichen Statistik 
der Infektionskrankheiten sowie des Sanitätsberichtes zu führen. 

A. Aschoff - Berlin: Verbreitung des Karzinoms in Berlin. 

Statistische Zusammenstellung unter Beigabe einer Karte. 

I’. U r b a n o w i c z - Memel: Ueber die bisherigen Er¬ 
fahrungen in der Leprabehandlung im Kreise Memel. 

Mittheilung der therapeutischen Erfahrungen, besonders mit 
Chaulmoograöl und Jodipin. 

O. Lentz: Weitere Mittheilungen über die Verbreitung 
des Weichselzopfs. 

Werth: Erweiterungsbau und Betriebseinrichtungen der 
Kieler Universitätsfrauenklinik, mit Bemerkungen über die 
Organisation der Krankenpflege in der gynäkologischen Ab¬ 
theilung. 

S i e m e r 1 i n g - Lohr: Der Neubau der psychiatrischen und 
Nervenklinik der Universität Kiel. 

R. K u t n e r - Berlin: Die weitere Entwicklung des ärzt¬ 
lichen Fortbildungswesens in Preussen. 

Programm der ärztlichen Fortbildungskurse in 24 preussiseben 
Städten, die auf Veranlassung des Zentralkomittees durch lokale 
Vereinigungen gehalten wurden. 

Dr. S e g g e 1 jun. - München. 

Archiv für Gynäkologie. 65. Bd. 3. Heft. Berlin 1902. 

1) Max Stolz: Die Acetonurie in der Schwangerschaft, 
Geburt und im Wochenbette, als Beitrag zur physiologischen 
Acetonurie. (Aus der k. k. Universitäts-Frauenklinik in Graz. 
Vorstand Prof. Dr. A. v. R o s t. h o r n.) 

St. untersuchte theils in der Schwangerschaft, theils In der 
Geburt oder im Wochenbett 232 Fälle und fand einen durchaus un- 


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11. März 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 417 


beständigen und wechselnden Gehalt des Urins an Aceton. Am 
häutigsten war die physiologisclie Acetomnenge in der Geburt 
vermehrt und stieg mit lange dauernder Geburtsarbeit. Jedoch 
ist ilie vermehrte Acentonurie ln der Schwangerschaft, Geburt und 
im Wochenbett eine durchaus physiologische Erscheinung ohne 
jede pathologische Bedeutung und Ursache. 

2) Carl v. Scanzoni: Ueber die Dauerresultate bei konser- 
virender Behandlung frühzeitig unterbrochener Extrauterin¬ 
graviditäten in den ersten Schwangerschaftsmonaten. (Aus der 
kgl. Universitäts-Frauenklinik in Leipzig.) 

Die Mittheilungeu beziehen sich auf 200 Fälle von Extra¬ 
uteringravidität und in ihrer weiteren Beobachtung sah v. Sc., 
dass konservative Behandlung und Operation von der Scheide 
oder vom Abdomen aus in den allgemeinen Resultaten keine 
wesentlichen Unterschiede ergeben: jedenfalls beobachtete er aber 
bei konservativer Behandlung nie lebenslängliches Siechthum. 
Für die Praxis empfiehlt er, die exspektative Behandlung in der 
Weise zu üben, dass die Patientlu in eine Klinik verbracht wird, 
„dann kann man ruhig abwarten, das Messer ist ja stets zur 
Hand“. 

3) Privatdozent S. G o 11 s c h a 1 k - Berlin: Zur Histogenese 
der dickgallertigen Ovarialkystome, gleichzeitig ein Beitrag 
zur Entstehung und Behandlung des postoperativen Ileus. 

Bei einer 31jälirigen Patientin wurde ein dlekgallertiges 
Ovarialkystom entfernt. An Resten des Ovarialparenehynis Hess 
sich feststellen, dass sich diese mit kubischem Epithel ausge¬ 
kleideten dickgallertigen Kystome aus kleiueystischen DiiTe- 
reuzirungen innerhalb der Membrana grauulosa Graafscher 
Follikel entwickeln. Am 10. Tage Sekundarlaparotomie wegen 
l>armVerschluss durch Abschnürung: Heilung. 

4) P. B a u m m - Breslau: Die operative Behandlung des 
Scheiden- und Gebärmuttervorfalles. 

Den Hauptnutzen von allen zur Beseitigung des Prolapses 
ergriffenen Maassnahmen sah B. in der Scheidendammplastik 
kombinirt mit Kollumamputation und Blasenraffung. Dagegen ist 
es gleichgiltig, ob bei der Prolapsoperation der Uterus vaginae- 
fixirt oder in seiner fehlerhaften Lage belassen wird. Die letzten 
95 ohne Fixation des Uterus operirten Fälle ergeben rund 70 Proz. 
Dauerheilung, wie die früher mit Yaginaetixation kombiuirten 
Operationen. 

5) Kroemer: Klinische und anatomische Untersuchungen 
über den Gebärmutterkrebs. (Aus der gynäkolog. Abtheilung 
Prof. Pfannenstiel's am Krankenhause der Elisabethim- 
rinnen zu Breslau.) 

Von 202 Fällen von Uteruskarzinom waren 34,7 Proz. operabel. 
Die palliative Behandlung mit Exkochleation und Verschorfung 
fristete den Kranken noch eine Lebensdauer von im Mittel 
7—8 Monaten, doch wurden auch Frauen beobachtet, die darnach 
noch 2—4 Jahre lebten. Abdominale Operationen wurden nur 
10 mal ausgeführt, darunter 1 mal nach Wert heim. Die Ope¬ 
rationsmortalität l>etrug in diesen 10 Fällen 20 Proz. gegen 3.9 Proz. 
bei vaginaler Totalexstirpation. So lange nicht die Dauerresultate 
der abdominalen Operation die Nothwendigkelt der Drüsensuche 
erweisen, so lange will K. die vaginale Operation bevorzugen. — 
Die „Krebsparasiten“ hält K. für Schmarotzer, aber nicht für 
Krebserreger. 

0) Ludwig Bl um re ich und Leo Zuntz: Experimentelle 
und kritische Beiträge zur Pathogenese der Eklampsie. (Aus der 
geburtshilflich-gynäkologischen Klinik der kgl. Charitö, Direktor 
Geh.-ltath Prof. Gusscrow, und dein thierphysiologischen In¬ 
stitut der kgl. landwirthsehaftlichen Hochschule, Direktor Prof. 
Zuntz.) 

Die Autoren gingen von den Leitsätzen aus: 1. Ohne Krämpfe 
keine Eklampsie. 2. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Ausgangs¬ 
punkt der Krämpfe die kortikalen Zentren sind. Die Versuche 
wurden an Kaninchen vorgenommen, indem in einer Reihe Kreatin 
direkt auf die motorischen Rindenzentren aufgetragen wurde, iu 
einer zweiten Reihe Kreatinlösung in die Carotis interna injizirt 
wurde. — Die erzielten Schlüsse waren: 1. Es genügen sehr viel 
geringere Reize in der Schwangerschaft als ausserhalb derselben, 
damit Konvulsionen ausgelöst werden, und 2. bei Graviden liegt 
ln der „Konstitution des Gehirns“ ein besonderes Moment, welches 
Reize so viel gefährlicher macht (Anomalien der motorischen 
Sphäre, bei welchen die Schwangerschaft einen ätiologischen Faktor 
für den Ausbruch der Tetanie bildet). 

Anton Heugge- Greifswald. 

Centralblatt für Gynäkologie. 1902. No. 9. 

1) E. Wertheim: Zum Aufsatz Winter’s: ,,Ueber die 
Prinzipien der Karzinomstatistik“ (Zeutralbl. f. Gynäkol. 1902, 
No. 4). 

Von den 1. c. aufgestellten Forderungen Winter’s bekämpft 
W. diejenige, dass bei Berechnung der Dauererfolge ein Abzug der 
palliativ oder unvollständig Operirten von der Gesammtzahl der 
Operirten nicht gemacht werden dürfe. Nach W. genügt es, zu 
fordern, dass alle explorativ und bewusst unvollständig operirten 
Fälle ln allen Details geschildert werden, dann wird ein Fehler in 
der Berechnung der Dauererfolge nicht eiutreten können. 

2) Brennecke: Vereinigung deutscher Hebammenlehrer 
und WöchnerinnenasyldirektorenP 

Auf der Hamburger Naturforscherversammlung war nach 
einem Referat von Schatz die Bildung einer „Vereinigung 
deutscher Hebammenlehrer“ angeregt worden, die im Mai d. .1. 
in’s Leben treten soll. B., der bekannte unermüdliche Vorkämpfer 
für die Wöchnerinnenasyle, plaidirt in warmen Worten dafür, dass 
diese Vereinigung sich zu einer solchen von Uebammenlehrern 


und Wöchuerinnenasyldirektoren erweitern möge. 
Ferner betont er Schatz gegenüber nochmals die Wichtigkeit, 
den Ilebammenstand materiell und sozial zu heben, und die Heb¬ 
ammen möglichst aus den höheren und besser situirten BUrger- 
kreisen zu nehmen, üebrigens möchten wir jedem deutschen 
Arzt die Lektüre des Originalartikels dringend empfehlen. 

3) A. M u e 11 e r - München: Parametritis posterior, eine 
Darmerkrankung. 

M. kommt auf Grund 4 jähriger Erfahrungen zu folgenden 
Schlusssätzen: Die von den Autoren als Parametritis posterior, 
Periproktitis, Antefiexio Uteri pnthologica mit Dysmenorrhoe, 
Retropositio Uteri, untere peritoneale Adhäsionen etc. be¬ 
schriebenen Krankheiten gehen meist von einer Erkrankung des 
Rektum an der Stelle aus, wo es von den ulero-sakralen Bändern 
umschlossen wird. Die Behandlung hat demgemäss am Darm 
anzugreifen: allgemeine Diätvorschriften, Abführmittel. Klysmata. 
Hierzu kommt die Dehnung der Ligamenta sacralia durch Massage 
von der Vagina aus als wichtiges Unterstützungsmittel der all¬ 
gemeinen und lokalen Dannbehandlung. 

•Taffe- Hamburg. 

Jahrbuch für Kinderheilkunde. 55. Bd. Heft 1 u. 2. 

1) Telxelra de Mattos: Die Buttermilch als Säuglings¬ 
nahrung. 

Die seit Jahren in Holland populäre Anwendung der Butter¬ 
milch zur Ernährung des gesunden und kranken Säuglings hat 
auf Anregung des Verf. auch in Deutschland bei Klinikern und 
Aerzten in den letzten 2 Jahren die uöthige Beachtung gefunden. 
Er berichtet nun in dankenswerther Weise über die zu verlangende 
Zusammensetzung. Gewinnung und Konservirung brauchbarer 
Buttermilch und illustrirt ihre Brauchbarkeit durch eigene Beob¬ 
achtungen. Auf ihre Unschädlichkeit bei zu grosser Nahrungs¬ 
aufnahme oder sehr lange dauernder ausschliesslicher Anwendung 
wird hingewiesen und die Indikation dieser Nahrung eingehend 
abgehandelt. Besonders dankenswerth wird jeder Erfahrene die 
vielfachen Angaben über Gewinnung. Verfälschung, Erkennung 
der Zersetzung der Buttermilch Im Handel finden. Auch die 
chemischen Analysen und die Angaben über den Kalorienwertb, 
über Ausnutzung und Verhalten der Stühle sind von Interesse. 

Die stellenweise etwas schwer verständliche Arbeit verdient 
die Aufmerksamkeit aller Aerzte, welche der schwierigen Frage 
der Ernährung gesunder und kranker Säuglinge einen grösseren 
Theil ihrer Thätlgkeit zu widmen in der Lage sind. (Leider ist 
die Beschaffung einer tadellosen Buttermilch auch in der Gross¬ 
stadt, ganz abgesehen von dem so sehr störenden Ausfall des 
Butterns am Sonntag, in regelmässiger Weise fast unmöglich. 
Ref. sah wenigstens iu Strnssburg alle Bemühungen scheitern.) 

2) S. Monrad: Ueber Benutzung von roher Milch bei 
Atrophie und chronischem Magen- und Darmkatarrh bei Säug¬ 
lingen. (Aus dem Königin Luise-Kimlerspital in Kopenhagen.) 

Rohe Milch ist ln gewissen Fällen im Stande, Kinder, die bei 
Ernährung mit gekochter oder sterilislrter Milch atrophisch ge¬ 
worden sind, zu heilen. Einflüsse auf die Dannllora, wie den Ver¬ 
lauf der Verdauung bei Gegenwart der durch Hitze zerstörten 
Enzyme kommen für die Erklärung dieser Thatsaclie in Betracht. 
Die Möglichkeit der Infektion der Darinsclileimbaut durch etwa 
in der rohen Milch vorhandene Tuberkelbazillen ist nicht bewiesen; 
Typhus und Diphtherie können dagegen gefährlich werden, mehr 
noch bei ungeeigneter Gewinnung und Konservirung die besonders 
im Sommer rasch sich vermehrendeif Saprophyten und besonders 
das Bact. coli. 

3) F. Siegert: Die Diphtherie ln den Wiener Kinder- 
spitälem von 1886—1900. 

Die absolute wie relative Diphthoriesterbliehkeit ist in der 
15j. : ihrigen Periode genau mit dem Jahr 1894/1895 auf vorher im- 
gekannt niedrige Wertlie gesunken, bei dem Gesammtmaterial wie 
speziell dem operirten. Die günstigen Resultate seit der Ein¬ 
führung des Serums sind ebenso gleicbmässig und frei von stär¬ 
keren Schwankungen, wie die schlechten Resultate in den 9 Jahren 
vor der Einführung. 

4) L. Langstein: Die Ernährung gesunder und kranker 
Säuglinge mit gelabter Kuhmilch. (Aus Dr. S legert's Ambu¬ 
lanz für kranke Kinder zu Strassburg.) 

Die mit dem Pegnin — - ein durch v. D u n g c r n - Frei bürg 
angegebenes, von Hoechst dargestelltes Präparat, in welchem 
steriles Labferment an sterilen Milchzucker gebunden Ist —. ge¬ 
labte und dann durch Zerschütteln wieder dünnflüssig gemachte 
Kuhmilch vermeidet die Bildung grober Gerinnsel im Säuglings- 
magen. Dadurch fällt dessen mechanische Reizung weg und die 
feinflockig geronnene Milch wird so rasch verdaut wie Frauen¬ 
milch. Es gelingt daher, akut wie chronisch magendannkranke 
und gesunde Säuglinge leicht mit unverdünnter Kuhmilch zu 
nähren und oft mit erstaunlichem Erfolg. (Die Labung der Mllcli 
und Zerstörung der Gerinnsel darf nicht bei heisser Milch nus¬ 
geführt werden, da entweder zu harte, bleibende Gerinnsel ent¬ 
stehen oder nach der Zerscliiitteluug von Neuem grobe Gerinnung 
erfolgt. Ref.) 

C a t a n e o - Parma: IV. italienischer Pädiaterkongress in 
Florenz. 

5) Fr. Gaus: Ueber Nahrungsausnutzung des Neu¬ 
geborenen. (Aus der Universitäts-Frauenklinik zu Breslau.» 

Auf Grund sehr genauer eigener Beobachtungen ergibt sich 
für Neugeborene bis zum 10. Lebenstag die Möglichkeit physio¬ 
logischen Wachsthums bei einem Knorgioquotienteii von weniger 
als 50 Kalorien, iu einem Fall von loo gesunden Brustkindern sogar 


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418 MUENCHENER MEDICINISCIIE WOCHENSCHRIFT. No. 10. 


bei höchstens 14 Kiilorien hu ganzen Verlauf, ln den ersten 
I.ebensta^ren ist ausser dem Kalorienwerth auch der Wassergehalt 
der Nahrung von ltedeutung. 

6i B. Saig«-: Buttermilch als Säuglingsnahrung. 

lteferirt in No. 45. S. 1806, Jalirg. 1001, dieser Wochenschrift. 

7) Hahn: Tracheotomie und Intubation als Stenosen¬ 
operationen bei Diphtherie. (Aus der Leipziger Universitätsklinik.) 

Auf Gr uml des reichen Leipziger Materials wird nach einigen 
Angaben über die Anwendung der Intubation im Allgemeinen 
und geschichtlichen Bemerkungen die Intubation in ihrer Be¬ 
ziehung zum LMphthericheilsermn und als Konkurrenzoperation 
der Tracheotomie m i t Kinriiurauug de r p r i m ä r e n w i e 
seku n d ii r e n T r a cheoto m i e eingehend behandelt. Bei 
schwer rachitischen Kindern bis zu 1 \/., Jahren verlangt Solt- 
mann die Tracheotomie, die auch bei ödematöser oder cm- 
phys<Miiatöser Schwellung der Weiehtlieile des Halses imlizirt ist. 
Im Uebrigen gelten die bereits anderweitig aufgestellten In¬ 
dikationen und Kontraiudikationeu d«*r Intubation. Tritt nach 
8—4 maligem erfolglosem Versuch der Kxtubation sofortig«* Stenos«? 
auf. s«> verlangt. Sol t mann ebenfalls di«* sekundär«? Traeheo- 
tomi«*. Sodann bespricht It. die Intubation als Ililfsoperntion der 
Tra«*hcol«»mie im Sinne «l«*r experiineiit<*llen Intubation, der provi¬ 
sorischen und präliminaren, sowi«* «l«*r naelibehainlehulen In¬ 
tubation. Kin Schlusskapitel ist der Intubation in der Privat¬ 
praxis gewidmet, die unter gewissen Vorbedingungen im günstigen 
Falle von «lern Erfahrenen versucht werden kann. 

8) O. Beck: Zur Säuferleber im Kindesalter. (Aus der 
Ileiih'lberger T'niwrsität.«-Kinderklinik.) 

Im Anschluss an eine einschlägig«* B<*obachtung an V i «* r - 
orilt's Klinik behnmlelt B. Aetiologie. Symptomatologie. I>ia- 
guos«* un«l Therapie dieser im Kimlesaller relativ selt«*nen Er¬ 
krankung. Hie Warnung vor dem Alkohol, «l«*r bei dem jugcml- 
li« , h«*n Individuum auch in kleinen, aber lange Zeit regelmässig 
gegebenen Dosen sehr gefährlich ist, kann auch vi«*len Aerzten 
nur auf's Nachdrücklichste empfohhm werden. Die Pi*o]»hylaxe 
leistet liier m«*hr als all«* Tlierapi«*. 

!>t K. B a u ui ga r t e ii - Ofen-Pest: Kehlkopf- und Tracheal¬ 
stenose in Folge von Durchbruch eines peritrachealen Abszesses. 
Laryngofisteln und Heilung. 

Literaturbericht. — Besprechungen. 

Siogert - Strassburg. 

Zeitschrift für Tuberkulose und Heilstättenwesen. II. Bd 

Heft 1. 

v. Leyden. Einiges über den Tuberkulosekongress in 
London. 

Ein schon in der Wiener Klinischen Hundschau 1901 erschie- 
n«*n«*r Bericht über den Lomloner Tubcrkulosckongr«*ss. Es wird 
namcutlh'h betont, «lass im (Gegensatz«; zum Berliner Kongresse, 
«h*r sich mit der Heilung der Krankheit befasste, der englische 
Kongress sein Hauptgewicht auf «lie Verhütung der Krankheit 
legt«*. Hegen eitn-n Satz: „Von ihnen werden etwa 20 I’roz. ge¬ 
heilt. «1. h. si«* verli«*ren «lie Bazillen 1- , muss entschi<*«leii protestirt 
w«*rd«*n. Das Verschwinden «ler Bazillen aus «lern Auswurf«? darf 
mau «l«K*h heute in einer wissenschaftlichen Z«*itsehrift nicht als 
Zeichen der Heilung der Tuberkulose hinstellen. Vollen Beifall 
des Bef. findet dag«*g«*n folgender Satz:,.Ich bin d«*r Meinung, dass 
di«* Belehrung und «*v«*ntuelle Anweisung «ler IlausbewoliiHT z. B. 
durch (l«*meiudeschw«*st«‘rn mehr Erfolg haben wird als polizei¬ 
lich« s Einschn iten und Anmeldepflicht' 1 . 

Flügge: Verbrennbare Spucknäpfe, Spuckfläschchen und 
Taschentücher für Phthisiker. 

Ein«* B«*sehroilumg verbrennbarer, auf Fliigge's Veran¬ 
lassung ln*rg«*sf«>I!ter Spuck gefasst*. IIandspuekg«*fässe. Taschen- 
simckgefiisse.Zimmerspuckuäpf«*. und endlich d«*r schon bekannten 
Tas«h«*ntücher aus Seidenpapier. (Vergl. Die Kranl«*npf1ege. 
I. Jahrgang Heft 5 Seite 482. Ref.) Der (Jedank«*, «len Auswurf 
mitsammt «l«*m Gefasst* zu verbrennen, ist ja schon mehrfach aus¬ 
gesprochen worden. Ob die neuen Muster sieh zur Einführung 
«*ign«*n. muss der Versuch ergeben, zu dem der Verfasser auch auf- 
for«l«*rt. Die Füllung mit Kaffeesatz, für ein«*n grossen Spm knapf 
z. B. ltx.) g. hat noch ihre Bedenken; wo soll man in ein«*r Anstalt, 
in «.ler meist Milch und wenig Kaff«*«* g«*trunken wird, genügend von 
diesem Stoff herbekommen? Ebenso dürfte sich die Einrichtung 
recht kostspielig gestalten, in Anstalten Kästen mit ungebrauchten 
(icfässeii zur Benutzung Jedermanns aufzust«*llen. 

Knopf- New-York: State and Individual Prophylaxis of 
Tuberculosis during Childhood and the Need of Childre n’s 
Snnatoria. 

In «*in«*m zum Lomloner Tuberknlosekongrt'sse gehaltenen 
Vortrage b«*spri«*ht «ler Verfasser so ziemlich alle Maassregeln, wie 
sie jetzt zur Verhütung der Tuberkulose im Kin«l«*salter üblich 
sind. Vorausgesehickt wird eine Ausführung über «li«* Vererbung 
und eine Statistik der kindlichen Tuberkulös«*. Dann folgen «li«* 
Formen der Infektion, durch die Hebamme, durch Küss«*, «lurch 
Löffel, die die tuberkulöse Mutter in den Mund genomm«*n hatte, 
«lurch «ler«*n Brust, f«*rner durch die jüdische Bes«-hnei<lung. endlich 
durch «las Umherkriechen am Bo«h*n. (legen «lie Kranklu-it muss 
man zuerst Belehrung, schon «ler Eltern. anw« , n«len. Selbstniihreu 
durch tuberkulös«* Mütter. Verkehr mit amleren Kranken. (Jenuss 
ungekochter Milch. Küssen ist zu v«*rmeid«*n. Der Fussbodeii. auf 
dem sich Kinder bewegen, ist peinlich rein zu halten. Verf. gil»t 
einen blmnenstän«1i*rähnli«'hen Spucknapf und sein schon früher 
beschriebenes Spuckfläschchen an. Di«* Schulen sind durch Formal¬ 
dehyd zu desintiziren. Lehrerinnen dürfen keine Schleppen tragen, 


tuberkulöse Schüler und Lehrer sollen aus «l«*n allgemeinen Schulen 
ausgeschlossen werd«*n. Für Frühdiagnose haben die Schulärzte 
zu sorgen. Es wird sodann die vererbte Disposition liesprocheii. 
un«l alle Mittel werden augeführt.die gegen «lies«* lu’s Fehl ge¬ 
führt. werden können. Beginn in Ut«*ro: Abschaffung des Korsets, 
vernünftige Kleidung, Leben in freier Luft. Atheinübuugeu. alles 
für die Mutter sowohl, wie für das mmgeboreue Kind geltend. 
Ad«*noide Wucherungen, das schlechte Essen mancher Kinder, di«* 
Kleidung, Luft- und Sonnenbäder, Schulhygiene. Unterricht in 
(l<*sun«lheitspflegt\ Ausflüge und Sport, die Berufswahl, Abhärtung 
durch Wasser, Wohnungshygiene. Volksbäder und alle in dieses 
Kapitel spi«*l«*nden sozialen Fragen bis zur Speisung armer Schul- 
kin«l«*r werden berührt. 

K a y s e r 1 i n g : Die Pseudotuberkelbazillen. 

Verf., ein Assistent M o e 11 «* r's in Belzig. bespricht unter 
Beifügung einer sehr klar mul sauber ausg«*führten BUdertafcl «lie 
l > s«*udotulM*rkelbazi!l«*ii in folgen«h*n Kapiteln: Fundorte der l's., 
Morphol«)gisches Verlialten der Ps., Bi«*l«*gisclu*s Verhalten <l«*r Ps.. 
Beziehungen zwisch«*u l*s. und Tuberkelbazillen. Er kommt u. A. 
auch zu dem Schlüsse: „So gross daher «lie Verschiedenheiten 
zwiseh«*n der Grupp«* der echten Tuberk«*lbazillen und d«*r Grupp«* 
«ler Pseu«lotuberk«*lbazilh'U sein mögen, so lässt sich doch aus d«*ti 
hi«*r angeführten Thatsaclien scliliessen. dass es si«*h um verwandte 
Arten handelt. (Verglicht man dazu die IIu<*pp«*’sehen Befunde, 
so muss man wirklich hinter d«*r ganzen Tuberkelbazillenlehre in 
ihrer jetzigen Form noch manches Fragezeidnm erblicken. Hef.) 

Wedding. Geh. Hegierungsrath, Berlin: Verschlechterung 
der Luft durch Kohlensäure. 

An der Hand einer vergleicheiul«*n Tabelle der durch 
Mt*iiseh«*iiathmung und durch Beleuchtungskörper ausgesekiedeueu 
Kohlensiiuremengen weist d«*r Verf. den ganz b«*«leutendcn Werth 
elektrischer B«*leuehtung nach. 

«1 «* .1 o s s e 1 i n «1 «* .1 «> n g: The treatment of phthisis as a 
prevalent disease in Holland. 

Ein dem Lon«lon«*r Tuberkulosekongress«* erstattet«*s Heferat 
iib<*r «len Stand der Hi*ilstättenb<*w«*gung in Holland; Sanatorium 
„Orange Nassau Oord -1 . lb-lleiidoorn u. s. w. Als unumgäng- 
li«*ln» Anhäng«* der Ileilstätteufürsorg«? bez«*iehn«*t Verf. die Sicher- 
sh'llung «ler Familie während der Kur und die Fürsorg«*, dass 
Kranke hinterher nicht wieder in die unhygienischeu Verhältnisse 
zurü«*kkehr«*n müssen. 

H u m p f: Zur Anstaltsbehandlung der Lungenphthise. 

Eine scharfe Zurückweisung der Ausführungen von Dr. (»«»Li¬ 
sch m i «11 - Paris in Band II. Heft 5 dieser Zeitschrift, «Vergl. 
m«*in Hef«*rat Münch. Med. Wochenschrift Itxil No. 45). (H. be¬ 

zeichnet den int<*rmili«>iiulcn Charakter der Zeitschrift für Tuber¬ 
kulose als «*im*n ..glücklichen Gi - iff - ‘. M«*rkwür«lig. dass immer nur 
di«? D«*nts<*hen so „international“ sind. Ich möchte fragen. w«*l«-h«* 
englisch«* oder französische Zeitschriften deutsche Aufsätzi* auf- 
liehm« n. L. — Sehr richtig! Hed.) 

v. K a r w «> w s k i - Posen: Die Tuberkulose in der Provinz 
und insbesondere im Regierungsbezirk Posen. 

Eine statistische durch Tabellen b«*l«*gte Arbeit. 

S <• h r o e «1 e r: TJeber neuere Medikamente und Nährmittel 
bei der Behandlung der Tuberkulose. 

Sn hol tu: Zur Tuberkulose- und Heilstättenbewegung im 
Ausland. L i «* b «* - Waldhof-Klg<*rshausi>ti. 


Berliner klinische Wochenschrift. 1902. No. 9. 

1) II. S a «• li s - Frankfurt a/M.: Gibt es einheitliche Alexin- 
wirkungenP (Schluss folgt.) 

2) H. S i «* v c r s - Ilclsingfors: Zur Kenntniss der Embolie 
der Arteria mesenterica superior. 

Ein«* 56 jährige Frau mit An«*urysma <l«*r Aorta des«?, er¬ 
krankte plötzlich mit heftigen Schnmrzen uml starker Kräfte¬ 
abnahme, Auftreibung und miissiger Druckempfindlichkeit des 
Bauches, Ueb«*lkeit, Erbrechen und s«*hmerzlmfteu Teucsmcu. 
Blut oder Fäzes wurden nicht entleert. Nach 29 Stunden erfolgte 
«ler lödtliehe Ausgang. B«*i der Sektion fand sieh in der oberen 
Gekrösa«ler ein 6 cm langer Embolus. Die Därme waren einen 
Meter abwärts vom Pylorus Dis 70 cm unterhalb der Vnlv. Bauhini 
gleichuüissig roth uml sukkulent. Verfasser bespricht die höchst 
schwierige, oft umnögliche Diagnose der Affektiou. Die für die 
Diaguose vielfach als nothwendig angesehene Darmblutung 
fehlte in «lern beschriebenen Falle. 

8) lt. S c li ä f f e r - Berlin: Der Alkohol als Händedesinfek¬ 
tionsmittel. (Schluss folgt.) 

4) E. I\ o h ra k - Berlin: Ueber Sterilisation von Säuglings¬ 
milch bei möglichst niedrigen Temperaturen. 

Aus Thi«*rversu<h«*n ist zu folgern, dass in «ler Milch spe- 
zilisehe S«*rumköi*pt r vorhanden sind, deren Vernichtung durch das 
Ko«*h«*n für die Ernährung d«*s Kindes nicht gleichgiltig sein kann. 
Man besfivbt sieli daher bekanntlich, die Sterilisirung der Milch 
schon hei Temperaturen zu erreichen, welche «li«*se Sfoffe noch 
nicht vernichten. Verfasser hat nun einen Apparat konstruirt. in 
welchem «lie Mil«*h etwa ly, Stunden lang auf 65—60° erwärmt gt?- 
lialten wird. Dies«* Temperatur r«»icht bei der angegeben«*n Zeit 
hin. «lie in B«*trächt komm«*n«len Bakterien zu t«>dten. Ein Vor¬ 
zug <l«*s Apparat«*.«: besteht gegenüber anderen ähnlichen darin, 
«lass <li<* hctrelTcinlc Temperatur ohne permanente Thermometer- 
kontroh* «lie entsprecheiule Zeit eingehalten wird. Als Er¬ 
wärmungsmittel wird die Dalli-Glühkohle verwendet. 

5) E. Hoff mann und E. S a 1 k o w s k i - Berlin: TJeber 
Nephritis syphilitica acuta praecox mit enormer Albuminurie. 

Im klinischen Theile des Artikels b«»rlchtet II. über einen 
I 23 jährigen Kranken, der im Sekuudärstadium einer mit starkem 


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11. März 1902. MUENCHENER MEDICINlSCHE WOCHENSCHRIFT. 


419 


Exanthem verlaufenden Syphilis eine akute Nephritis zeigte, hei 
welcher der Klwelssgehalt 7 —8 Proz. betrug. Verfasser führt den 
Nachweis, dass die Nierenentzündung ätiologisch auf die syphi¬ 
litische Infektion zuriiekzuf(ihren ist. Während der Kur wurde 
der Harn, der nur wenige Formbestandtheile enthielt, wieder voll¬ 
kommen normal. Gelegentlich eines später auftretenden leichten 
Hezidivs erschien auch wieder für kurze Zeit Ei weis» im Harne. 
Die Nephritis entstand in dem beschriebenen Falle ungefähr 
2 \/, Monate nach der Infektion und 14 Tage nach Auftreten der 
ersten Allgemeinersclieinungen. Das Auftreten geringer Eiweiss¬ 
mengen im Harne Frühsyphilitischer wird dagegen nicht oft be¬ 
obachtet. Der Beginn einer eigentlichen syphilitischen Nephritis 
ist durchaus nicht immer so stürmisch, als von anderer Seite an¬ 
gegeben worden ist. Es scheint dem Verfasser wahrscheinlich, 
dass in seinem Falle eine Erkrankung der Gefüsse der Niere, vor¬ 
nehmlich der Glomerulusschlingen, vorlag. Für die Diagnose ist 
natürlich eine rechtzeitig vorgenommene Harnuntersuchung aus¬ 
schlaggebend. Die Prognose der Affektion scheint günstiger zu 
sein, als bol den Nephritiden in Folge anderer akuter Infektions¬ 
krankheiten. Hinsichtlich der Therapie ist zu bemerken, dass das 
Quecksilber, vorsichtig angewandt, nicht etwa den kranken Nieren 
schädlich ist, sondern oft auffallend schnell eine Heilung herbei¬ 
führt. Hinsichtlich der endgiltigen Heilung miyss man sich übri¬ 
gens ln der Prognose etwas vorsichtig fassen. Im chemischen 
Theile der Arbeit berichtet S a 1 k o w s k i sehr eingehend über die 
Ergebnisse der chemischen Analysen des Harnes des betreffenden 
Kranken. Zum kurzen Auszug ist dieser Theil der Ausführungen 
nicht geeignet. 

fi) F. S t r a u s - Frankfurt a/M.: Zur funktionellen Nieren¬ 
diagnostik. Untersuchungen über Physiologie und Patho¬ 
logie der Nierenfunktion. 

Vergl. das hierüber bereits S. 1768 der Münch, mcd. Wochen¬ 
schrift vom Vorjahre erstattete Referat. 

G ra s s m a n n - München. 

Deutsche medicinische Wochenschrift. 1902. No 9. 

1) J. Israel: Nierenkolik, Nierenblutung und Nephritis. 

Diskussionsbemerkungen zu Herrn Senator'« Vortrag in 

der Sitzung des Vereins für innere Medizin am 20. Januar 1902. 

(Referat hierüber siehe diese Wochenschrift No. 4, pag. 158.) 

2) E. E k g re n - Stockholm: Der Albumengehalt des Harns 
der Nephritiker unter dem Einfluss, der Massage. 

Ausgehend von der durch wiederholte Beobachtung gestützten 
S e n a t o r'selien Behauptung, dass starke Muskelbewegungen die 
bereits vorhandene, also pathologische renale Albuminurie stei¬ 
gern. beschäftigte sich Verfasser längere Zeit mit der Frage, 
welchen Einfluss passive Bewegungen (Massage) in derartigen 
Fällen aufweisen. Die Versuche, welche 2 Fälle von Granular- 
atrophie und einen Fall von subakuter parenchymatöser Nephritis 
aus der S e n a t o r’sehen Klinik betrafen, ergaben als Haupt¬ 
resultat, dass unter dem Einfluss der allgemeinen Körpermassage 
eine nicht unerhebliche Zunahme des Albumengehaltes des Harnes 
der Nephritiker zu koustatiren war und ferner, dass Widerstands¬ 
bewegungen der oberen Extremitäten sich denen der unteren nls 
in Bezug auf die Eiweissausscheidung fast gleichgestellt erwiesen 
haben. Es dürfte sich daher empfehlen, Widerstandsbewegungen 
oder allgemeine Körpermassage nur dann zu verordnen, wenn 
man bestimmt weiss, dass der betreffende Patient nicht an Albu¬ 
minurie leidet oder bei Konstatiruug des Albumengehaltes, beim 
Versuche die Oedeme der Nephritiker durch Massage zu beseitigen, 
zum Mindesten die grösste Vorsicht unter beständiger lvoutrole 
des Urins anzuwendeu. 

3) Jj. Seellgmann - Hamburg: Zur Aetiologie und Thera¬ 
pie des Pruritus vrilvae. 

Nach einem auf der 73. Naturforscher- und Aerzteversamm- 
luug zu Hamburg gehaltenen Vortrage mit Demonstration. 

(Referat hierüber siehe diese Wochenschrift No. 43, pag. 1724.) 

4) W. C a s p a r i: Eine Expedition zur Erforschung der 

physiologischen Wirkungen des Hochgebirges. (Aus dem tliier- 
physiologischen Institut der k. landwlrthschaftlichen Hochschule.) 
(Schluss aus No. 6.) M. L. 

Correspondenzblatt für Schweizer Aerzte. 32.Jahrg. No. 5. 

Armin Huber- Zürich: Ueber chirurgische Hilfe beiMagen- 
krankheiten. 

Erfahrungen au 02 dem Chirurgen überwiesenen Magen¬ 
kranken mit zahlreichen statistischen Zusammenstellungen und 
instruktiven Krankengeschichten zu Diagnose, Prognose und Ope¬ 
ration des Magenkarzinoms (erhebliche motorische Insuffizienz ist 
eines der konstantesten Symptome, der paipabie Tumor kommt 
oft, speziell bei Männern, für eine Frühdiagnose nicht in Betracht, 
da er hinter der Leber versteckt liegt) und der gutartigen Pylorus¬ 
stenose. Dr. O. I* i s e hing e r. 


0österreichische Literatur. 

Wiener klinische Wochenschrift. 

No. 9. 1) N. D a m i a n o s und A. Her m a n n - Wien: Tödt- 
liche Nachblutung nach Tonsillotomie. Bildung eines um- 
^schriebenen Gasabszesses nach subkutaner Gelatineinjektion. 

Aus den letzten G0 Jahren konnte Verfasser ea. 150 Fälle zu¬ 
sammenstellen, in welchen es nach der Tonsillotomie zu ernsteren 
Blutungen gekommen war. ln dem hier näher beschriebenen Falle 
handelte es sieh um einen homophilen Mann, bei dem die rechte 
Tonsille entfernt worden war. Die auftretende Blutung stand auf 


die angeweudeten Styptika, auf längere digitale Kompression, auf 
Anlegung eines Zaugenkompressoriums immer nur einige Zeit. 
Durch letzteres Instrument wurde übrigens eine Raehen-Halsfistel 
liervorgerufeu. Nachdem durch wiederholte Blutungen, welche 
ziun Theil einen sehr profusen Charakter trugen, grosse Mengen 
Blut entleert worden waren, wurde die rechte Carotis communis 
unterbunden, jedoch dadurch der Tod nicht mehr aufgehalten. 
Während der Krankheit war eine Injektion mit 2 proz. Gelatine 
in den Oberschenkel gemacht worden. An der betreffenden Stelle 
bildete sich ein gashaltiger Abszess, dessen Entstehung auf Ver¬ 
unreinigung des verwendeten Präparates zurückgeführt wird. 
Auf Grund anatomischer Erwägungen und klinischer Erfahrungen 
räth Verfasser, bei der Entfernung der Mandeln nicht allzu radikal 
vorzugehen, sondern sich mit einer partiellen Entfernung zu be¬ 
gnügen. Hinsichtlich der Gelatineinjektionen ist durchaus nötliig. 
sehr gute, d. h. während melirer Tage sterilisirte Lösungen vor- 
räthig zu halten. 

2) L. Johle-Wien: Ueber den Nachweis von Typhus¬ 
bazillen im Sputum Typhuskranker. 

Im Ganzen hat J. 23 Fälle mit 30 Sputumproben untersucht. 
Er fand, dass in den mit Pneumonie komplizlrten Fällen sich im 
Sputum, wie im Lungensafte Typhusbnzillen häufig naehwoisen 
lassen. Das betreffende Sputum hat dann stets eine deutlich 
hämorrhagische Beschaffenheit. Es gelang aber auch wieder¬ 
holt, in solchen Fällen die Typhusbazillen nachzuweisen, welche 
sich klinisch als unkomplizlrte Bronchitiden Typhöser darstellten. 
Die Ansteckung mit Typhus kann daher auch durch Inhalation 
erfolgen, so dass sowohl das Sputum, wie bekanntlich auch der 
Harn Typhöser desinfizirt werden müssen. 

3) K. Fuchs-Wien: Klinische Erfahrungen über Albo- 
ferin. 

Das genannte Präparat enthält Eiweiss, Eisen und Phosphor 
und stellt ein fast geruchloses, leicht salzig schmeckendes Pulver 
dar. Es wird gerne, auch von Kindern, genommen, erzeugt keine 
Schwärzung der Zähne, keine Verdauungsstörungen. In den 
meisten Fällen von Anämie, in welchen es gebraucht wurde, ver¬ 
schwanden die subjektiven Störungen in ganz kurzer Zeit, meist 
in 2—3 Wochen. Bei 4 wöchentlicher Behandlung war der Ilämo- 
globingehalt meist um ea. 30 Proz. gestiegen. Die mit dem Albo- 
ferin gemachten praktischen Erfahrungen können als ausserordent¬ 
lich günstige bezeichnet werden. 

4) H. M e y e r- Marburg: Die Entstehung <fer Muskelstarre 
bei Tetanusvergiftung. 

In No. 4 der Wiener klin. Woehenschr. lmt. Zupnik eine 
neue Erklärung des genannten Phänomens gegolten, welche M. 
unter Anführung eines Experimentes, das ihm ganz »inzweifel¬ 
haft gegen die botr. Erklärung zu sprechen scheint, bestreitet. 
Zupnik bringt ln dem folgenden Artikel seinerseits hiezu eine 
Entgegnung. Grassmann - München. 

Wiener klinische Bnndschan. 

No. 8. Ohlums k y - Krakau: Ueber die Karbolbehandlung 
der inflzirten Wunden und der septischen Prozesse. 

Oh. hat ein Verfahren erprobt, welches milder, aber ebenso 
wirksam ist, wie die von v. Bruns empfohlene Verwendung der 
reinen Karbolsäure, er nimmt statt der letzteren eine Mischung von 
Acid. carbol. purum liquid, uud Camphora trita äa. Diese Lösung, 
welche nur nach Kampher riecht, ruft auf der Ilaut keine 
Aetzungserseheinungeu hervor, bei Erysipel verursacht sie perga- 
mentartlge Eintrocknung der oberen Epidermissehichteu ohne 
tiefere Aetzuug. An dem Prinzip der ausg«*deliuten Inzision von 
Infektionsherden hält Oh. selbstverständlich fest, glaubt aber, dass 
durch Begiessen und Bestreichen der inüzirten und breit frei¬ 
gelegten Stellen mit jener Karbolmischung der Wundverlauf ge¬ 
mildert und allgekürzt wird. 

No. 8. L. Cega de Cello-Trau: Schwarz Wasserfieber 
und Chinin. 

Ein in einer Malaringegeml wohnhafter Mann nahm, fieber¬ 
haft erkrankt, eigenmächtig eine unbekannte Chinindosis und bot 
bald darauf ein schweres Krankheitsbild unter Bluthamen. Die 
Differentialdiagnose zwischen Chininvergiftuug und Schwarz- 
wasserfieber war sehr schwer zu stellen und damit auch die Frage 
der Therapie erschwert, da in dem einen Fall Chinin dringend 
kontraindizirt. in dem anderen indizirt ist. Der weitere, tödtliclie 
Verlauf war der einer schweren Malaria; nachdem sich Euchinin 
als wirkungslos erwiesen, wurde zu Chinin Ubergegangen. Ver¬ 
fasser betont die Thatsache, dass bei manchen Patienten eine 
solche Idiosynkrasie gegen Chinin besteht, dass sie schon nach 
kleinen Dosen (event. 0,3 g) Blutspucken, Nasenbluten, blutigen 
Ilarn zeigen. 

No. 4—8. E. R o t h - Ofen-Pest: Die Radikaloperationen der 
Prostatahypertrophie. 

Nach einem Rückblick über die Entwicklung der ver¬ 
schiedenen Oporatiousverfaliren schildert II. seine Erfahrungen 
mit der B o 11 i n i’sclien Operation, welche die einfachste und 
wirksamste Methode darstellt; an 12 Fällen hat er 9 Heilungen, 
eine Besserung erzielt, einer blieb imgeheilt, einer, bei welchem 
wegen Lithiasis auch die Sectio nlta vorgenommen wurde, ging 
zu Grunde. 

No. 7 und 8. C. T o n z i g - Padua: Beitrag zum Studium 
der sogen, desinfizirenden Seifen, mit besonderer Berücksichti¬ 
gung der Kreolinseifen. 

Vergleichende Untersuchungen führten zu dem Resultat, «lass 
die einfachen Seifen durch Zusatz von Kreolin keinen Gewinn 
an Desinfektionskraft aufweisen, das Kreolin selbst durch Ver¬ 
mischung mit der Seife mehr oder weniger an seiner Desinfektion.«»- 


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420 


MTJENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


kraft cinbüsst. Am besten wird es sein, reine, möglichst wenig 
Wasser enthaltende Seifen herzustellen, bei denen die der Seife 
selbst zukommeude desinfizirende Wirkung am meisten zur Gel¬ 
tung kommt. 

Wiener medicinisclie Presse. 

No. 8. L. G e i r i n g e r: Ein Fall von Processus puerperalis, 
behandelt mit Unguentum C r e d 6. 

Bei einer 30jiihr. Puerpera, welche an Genitalgeschwüren unter 
einem, allem Anschein nach durchaus infausten Symptomenkom- 
plex erkrankt war, trat fortschreitende Genesung ein, nachdem 
man, am 11. Tage nach Beginn des Fiebers, zu Einreibungen mit 
C r e d 6’scher Salbe übergegangen war (3—5 g pro die). Verf. 
hält dieses Verfahren in allen Fällen von puerperaler Sepsis für 
indizirt; die Fälle mit schwerer eitriger Inültration des Para- 
metriums und des Peritoneums lassen sich freilich kaum be¬ 
einflussen. 

No. 9. J. N e u m a n n - Wien: Ueber ungewöhnlichen Sitz 
des Primäraffektes an der Haut und Schleimhaut. 

Nachdem Verfasser die Häufigkeit und Bedeutung des I’rimär- 
afTektes au der Portio vaginalis eingehender gewürdigt, gibt er 
eine detaillirte Statistik über die Lokalisation des Primäraffektes 
überhaupt nach dem Material seiner Klinik (4,5 Proz. extragenitale 
Primäraffekte), mit besonderer Berücksichtigung der Berufsarteu. 
Daran anschliessend wird eine Anzahl kasuistisch interessanter 
Fälle kurz skizzirt. B e r g e a t - München. 

Inaugural-Dissertationen. 

Universität Bonn. Januar und Februar 1902. 

1. Mosebach Oscar: Ueber Verbreitung des Milzbrandes durch 
ltohwolle, Rosshaare und Torfstreu. 

2. Wassermeyer Max: Ueber den Verlauf posttraumatischer 
Nervenkrankheiten nach Beobachtungen der medizinischen 
Klinik in Bonn. 

3. Ivaupe Walther: Ist bei lebenbedrohender Magenblutung ln 
Folge von Ulcus ventriculi ein operativer Eingriff indizirt und 
welcher? 

4. Baedorf Heinrich: Ueber die Stauungspapille bei Gehirn¬ 
tumoren und über die Erfolge der medizinischen und chir¬ 
urgischen Behandlung der Gehirntumoren. 

5. Peipers Felix: Konsanginuität in der Ehe und deren Folgen 
für die Deszendenz. Beiträge. 

0. Selter Hugo: Einiges über die Methodik der quantitativen 
Fettbestimmungeu in den Fäzes des Menschen. Mit 1 Abbild. 

Universität Breslau. Februar 1902. 

0. Schmidt Max: Ueber Nabelschuurvorfall (205 in der Poli¬ 
klinik beobachtete Fälle). 

7. Brucauff Otto: Ueber die Heilungsvorgänge bei dissemiuir- 
ten infektiösen Nephritiden, insbesondere bei der Pyelonephritis 
ascendens. 

Universität Erlangen. Januar—Februar 1902. 

1. Fried Otto: Ein Fall von primärem Sarkom des Meckel- 
sehen Divertikels. 

2. Hackel W.: Die Bauchuaht. 

3. Schuh Hans: Zur Diagnose und Pathologie der Perikarditis. 
Mit Berücksichtigung des Pulsus paradoxus. 

4. Medicus Franz: Ueber hysterische Lähmungen der oberen 
Extremität. 

5. Matsuura Skinobu: Ueber ausgedehnte Resektion der langen 
Röhrenknochen wegen maligner Geschwulst. 

G. Yukawa Genyo: Untersuchungen über den Fusssohlenstrich- 

reflex in der grossen Zehe (B a b i n s k i’scher Reflex) bei Ge¬ 
sunden und Kranken. 

7. l’auseli u s Kurt: Das Aneurysma popliteum. 

Universität Giessen. Januar 1902. 

Nichts erschienen. 

Februar 1902. 

1. Brauckmann Franz: Zur Kasuistik der Behandlung der 
Kniescheibenbrüche mittels Naht. 

2. Dilger Wilhelm: Uterus bicoruis septus cum vagina septa. 

3. Kölle Hermann: Ein Fall von Lidgaugrän nach Scharlach 
mit Conjunctivitis diphtheritica. Mit 2 Abbildungen. 

4. Treiber Georg: Ueber den Werth der Mischnarkosen. 

Universität Halle a/S. Februar 1902. 

4. Lindhorst Georg: Ueber Strangulationsileus. 

5. Meyer Hans: Ueber die rechte Wanderniere und ihre Be¬ 
ziehungen zu den ausführeuden Galleuwegen. 

G. Mueller Claus: Ueber die Tyson’scheu Drüsen beim Men¬ 
schen und einigen Säugethieren. 

7. Wilcke Karl: Das Geburtsgewicht der Kinder bei engem 
Becken. 

8. W ullstein L.: Die Skoliose in ihrer Behandlung und Ent¬ 
stehung nach klinischen und experimentellen Studien. Theil 1. 
Hab.-Schrift. 

Universität Heidelberg. Januar und Februar 1902. 

1. Friedmann Curt: Beiträge zur Kasuistik und Statistik der 
extragenitalen syphilitischen Primäraffekte. 

2. W i t k o w s k i Alfred: Ueber Mykosis fungoides. 

3. Pfister Max: Ueber die reflektorischen Beziehungen zwischen 
Maumine und Genitalia muliebria. 


4. Strasser Paul: Beitrag zur Kenntniss der systematischen 
Naevi. 

5. Dick Johannes Wilhelm: Zur Kasuistik traumatischer Pankreas¬ 
cysten! 

Universität Jena. Februar 1902. 

3. Baedeker Julius: Die Arsonvalisation oder Behandlung mit 
Teslaströmen nach eigenen und anderen Befunden. 

4. W endt Bruno: Ueber einen Fall von doppelseitiger meta¬ 
statischer Ophthalmie bei einem 42 Wochen alten Kinde. 

Universität München. Februar 1902. 

11. Fredy Paul: Ein Beitrag zur Kasuistik der otogenen Me¬ 
ningitis. j 

12. Hagen Paul: Ueber Ileus im Verlaufe von Peritonitis tuber- V 

culosa. /\ 

13. Tee hei Ernst: Ein Fall von Brouchiektasie mit multiplen 
Hirnabszesseu. 

14. Rosen berg Adolf: Ueber Tabes dorsalis mit Hemiplegie. 
Ein Beitrag zur Syphilis-Tabesfrage. 

Universität Strassburg. Februar 1902. 

Nichts erschienen. 

Universität Tübingen. Februar 1902^ 

5. Bingel Adolf: Ueber Hernia retroperitonealis duodeno-jeju- 
nalis (Treitzii). 

G. Burk er Paul: Ueber Polioenccphalitis acuta haemorrhagica 
superior et inferior. 

7. Kübel Franz: Ueber die Einwirkung verschiedener chemischer 
Stoffe auf die Thütigkeit des Mundspeichels. 

8. Müller Gustav: Ueber multiple primäre Karzinome. 

9. Münch Karl Ludwig: Ueber einen Fall von Perforation der 
Harnblase durch einen papillomatösen Auswuchs einer Der¬ 
moidcyste des linken Ovariums. 

10. Wiehern Heinrich: Ueber primäre Endotheliome der Pleuro¬ 
peritonealhöhle. 

Universität Würzburg. Februar 1902. 

8. Blum Max: Die Tuberkulinfrage einst und jetzt. 

9. Matsumoto H.: Ueber die Giftwirkung des Parapbenyl- 
endinmins. 

10. Oppenheimer J.: Beitrag zu den Beobachtungen über die 
Wirkung des Chinins auf den Gesichtssinn. Anhang: Einige 
Versuche mit Santonin. 

11. Schröder L. H.: Experimentelle Untersuchungen über deu 
Umläng der EiweissVerdauung im Magen des Menschen. 

12. Weizeuegger C.: Metastatisches Milzkarzinom. 

13. Wolf Sigmund: Zur Frühdiagnose der Tuberkulose.—*-- p 


Vereins- und Congressberichte. 
Berliner medicinische Gesellschaft 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 5. März 1902. 

Herr Schild: Ueber Meta - Arsensäureanilid. 

An Stelle des bei subkutaner Anwendung schmerzhaften 
Arseniks und der bei gleicher Anwendung zwar schmerzfreien, 
aber dafür sich durch Knoblauchgeruch der Exhalation unan¬ 
genehm bemerkbar machenden Kakodylsäure, verwandte Sch. 
das genannte Präparat. Dasselbe hat keine störenden Neben¬ 
wirkungen und ist in grossen Dosen zu verwenden. Bei einer 
grösseren Zahl von Hautkrankheiten (Lichen ruber, Xan¬ 
thoma diabeticum, Psoriasis) hat es sich auf der Lassa r’schcn 
Klinik sein gut bewährt. 

Diskussion: Herren Blumenthal, Lassa r. 

Herr Max Joseph und Herr Piorkowski: Beitrag 
zur Lehre von den Syphilisbazillen. (Mit Demonstration.) 

Vortragender ging folgendermaassen vor: Er (Joseph) über¬ 
trug Sperma von Syphilitikern auf Plazenten (!), nach 10 Stunden 
waren kleine thautropfenähnliche Kolonien zu sehen, die nach 
24 und 48 Stunden sich vergrö9sert hatten. Diese wurden nun 
weiter auf die gewöhnlichen Nährböden übertragen und wuchsen 
überall in Ueppigkeit. Nahm Vortr. aber Sperma von Niclu- 
syphilitikern, dann ging nichts auf den Plazenten auf. Direkt 
vom Sperma auf Agar waren die Bazillen nicht übertragbar. 
Auch Agglutination zeigt der Bazillus. Zwar hat er schon 
spontan eine starke Neigung zum Zusammenballen, aber bei Ver¬ 
dünnung von 1 :30 mit Serum von Syphilitikern wird diese Zu¬ 
sammenballung noch deutlicher. 

Bei frischer, mit Azoospermie kombinirter Lues — wenn wir 
recht verstanden haben — waren die Bazillen nicht im Ejakuln- 
tionsprodukt zu finden, dagegen priisentirten sie sich dann im 
Blute. Wenn das Sperma abgotüdtet wurde, dann wuchs auf den 
Plazenten nichts. 


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11. März 1902. 


MUENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


421 


Vortr. will freilich noch nichts Sicheres über die Beziehungen 
dieses Bazillus zur Syphilis sagen, und fordert nur zur Mitarbeit 
auf diesem Wege auf. (Demonstration grosser dicker Bazillen.) 

Herr Piorkowski schildert das bei diesen Unter¬ 
suchungen geübte Verfahren. 

Diskussion: Herr Jürgens ist der Ansicht, dass die vor¬ 
gestellten Bazillen nichts anderes seien, als die von van Nlessen 
mit Unrecht für Erreger der Syphilis gehaltenen Bazillen. 

Herr Aronsohn: Es sei doch auffallend, dass dieser Bazil¬ 
lus, der in der zweiten Generation und allen folgenden so üppig 
auf allen Nährböden gedeihe, in der ersten dies nicht thue und 
erst der Plazenta als Nährboden bedürfe. Die Agglutination be¬ 
weise in dieser Form übrigens gar nichts. 

Herr B 1 a s c h k o: Wenn dieser Bazillus so leicht zu finden, 
dann müsste man ihn doch sicher auch in den syphilitischen Pro¬ 
dukten sehen können. 

Herren Isaak, Ritter. 

Herr Joseph (Schlusswort): Der Befund in syphilitischen 
Produkten sei ihm auch schon gelungen. Im Sperma habe er 
mikroskopisch diese Bazillen nicht finden können. Er habe sich 
doch, wie er glaube, reservirt genug geäussert. H. K o h n. 


Verein für Innere Medicin in Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 3. März 1902. 

Demonstration: 

Herr L i c h t e njLte i n: Säurefeste Bakterien aus dem 
Sputum eines ratienTen des Heri'h v ; . L U J'äe n. Es war frag¬ 
lich, ob Tuberkulose vorlag oder nicht. Auf Grund 
des klinischen Bildes hatte sich Herr v. Leyden 
gegen Tuberkulose ausgesprochen und der Befund 
von Bakterien, welche zwar säurefest waren, sich aber ln 
Alkohol entfärbten, gegen Meerschweinchen nicht pathogen 
waren, bestätigte diese Ansicht. Der 50jährige, kräf¬ 
tige Patient war vor Jahren an Husten, Auswurf und Bluthusten 
erkrankt. L. H. U. trat Dämpfung, Bronchialathmen und zuweilen 
Rasselgeräusche auf. Die physikalischen Zeichen blieben mit ge¬ 
ringen Veränderungen bestehen, während sich das Allgemein¬ 
befinden des Patienten sehr besserte. Im Laufe der Jahre kamen 
öfters Rückfälle mit häufigen profusen Blutungen. Im 
Dezember vor. Js. letzter Anfall von Hämoptoe. Trotz dieser viel¬ 
fachen, alle paar Monate wiederkehrenden Anfälle ist kein fort¬ 
schreitender. Kräfteverfall zu konstatiren. 

Im Sputum fehlen elastische Fasern oder Lungenfetzeu; neben 
Eiterbakterien (Staphylokokken und Streptokokken) finden sich 
die obenerwähnten säurefesten Bakterien. Sie sind länger und 
schlanker als T. B. und liegen zumeist in grösseren Häufchen. 
Durch 10 Min. langes Verweilen in löproz. Salpetersäure werden 
sie nicht entfärbt, dagegen schnell durch Alkohol. Meerschwein¬ 
chen wurden nicht tuberkulös. Welcher Art diese Bakterien sind, 
ist noch nicht genau zu sagen; Reinkultur ist noch nicht gelungen. 

Herr v. Leyden: Dieser von ihm behandelte Fall gibt einen 
Beweis für die praktische Bedeutung der Unterscheidung der 
Pseudotuberkelbazillen von den echten T. B. Was die nähere 
Diagnose des Falles anlangt,, so halte er ihn für eine Bronchitis 
fibrinosa. 

Diskussion: Herren Hans Kohn, Leyden, Lichten¬ 
stein, Litten. 

Herr Strauis: Demonstration eines Instrumentes zur 
quantitativen Indikanbestimmung für klinische Zwecke. (Zu 
beziehen von Altmann, Berlin.) 

Tagesordnung: Herr Nikolaier: lieber die Um¬ 
wandlung des Adenins im thierischen Organismus. 

Das von K o s s e 1 entdeckte Adenin, welches sich z .B. unter 
Thymus reichlicher findet, wurde von Minkowski Thieren 
cinverleibt und dabei in den Nieren dieser Thiere eigentüm¬ 
liche, radiär gestreifte, gelbe Körper gefunden, welche er für 
Harnsäure hielt. Vortr. gab die gleiche Substanz subkutan, 
und fand ebenfalls gelbe Konkremente in den Nieren und in der 
Blase. Auf Grund zahlreicher und eingehender Untersuchungen 
an grauen Ratten glaubt er, dass diese Körperchen nicht aus 
Harnsäure, sondern aus 6 Amino 2:8 dioxypurin be¬ 
stehen. Hans Kohn. 


Gesellschaft der Charit6-Aerzte in Berlin. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 27. Februar 1902. 

1. Herr Brieger: a) Ueber Hydrotherapie bei Ischias. 

Der Vortragende berichtet über die Heilerfolge, die bei 
Neuralgien insbesondere bei Ischias in dem neu ein¬ 
gerichteten hydrotherapeutischen Institut 
der Universität erzielt worden sind. Jahrelang bestehende 
und erfolglos behandelte Fälle wurden durch Verbindung von 
Wasser mit Bewegung und Massage geheilt. Es be¬ 


währte sich hierbei die abwechselnde Anwendung des kalten und 
heissen Strahles in Form der schottischen Douche und 
besonders V o 11 b ä d e r mit Wasser von 38 °, in denen passive 
und aktive Bewegungen der Beine und des Rumpfes 
ausgeführt werden können, die sonst wegen Schmerzen nicht mög¬ 
lich sind. Im Anschluss hieran und in Folge der schmerz- und 
krampfstillenden Wirkung des heissen Wassers wird Massage 
der kranken Theile ohne Schmerzen vertragen. 

b) Demonstration des Badesaales des von dem Vortragenden 
geleiteten hydrotherapeutischen Institutes. 

2. Herr Krebs: Mittheilung über lichttherapeutische 
Erfahrungen. 

Chronische Rheumatismen und Neuralgien wurden mit Er¬ 
folg durch Lichtbäder behandelt. Die Besserung dürfte auf 
der Schwitz wirkuug der Glühlichtküsten beruhen. Gewisse 
Vortheile liegen in der Wirkung des weissen und besonders des 
blauen und rothen Lichtes auf die Psyche, ferner darin, dass die 
Patienten in kürzerer Zeit schwitzen und bei niederen Tem¬ 
peraturgruden, und dass man die Temperatur festhalten kann. 
Die Bogenlichtbäder mit blauen Licht sind eine 
theuere, aber nicht besser wirkende Komplikation. Die Wirkung 
bei der Bestrahlung mit Reflektorlampen ist auf die Wir¬ 
kung der Hitze zurückzuführen, ebenso wie die als spezifisch 
gerühmten Erfolge des Bogenlichtes, wobei die entstehende 
Hyperämie lösend und aufsaugend wirkt. Sie werden übertroffen 
durch die Behandlung mit dem Dampfstrahl, der ausserdem das 
Feld für die Massage besser vorbereitet. Die lichtthera¬ 
peutischen Mittel sind ein guter Beitrag für den Hcil- 
schatz, sind aber nicht als spezifisch wirkende All¬ 
heilmittel anzuerkennen. 

Diskussion: Herr Jacob weist auf die vielfach em¬ 
pfohlene Chromotherapie mit blauem Lieht bei aufgeregten 
Kranken hin. 

Herr Henneberg hat Im Nachtsaal für aufgeregte Kranke 
auf der Irrenklinik der Charit6 blaue Beleuchtung eingerichtet, 
bisher ohne besonderen Erfolg zu bemerken. 

3. Herr Laqneur; Blutveränderungen bei hydrothera¬ 
peutischen Maassnahmen. 

Vortragender hat die Blutveränderungen nach Anwendung 
von heissen und kalten W asserumschlägen an den 
unteren Extremitäten an der Stelle der Applikation und am 
Ohrläppchen untersucht. Ein prinzipieller Unterschied zwischen 
heissen und kalten Umschlägen war weder am Orte der Anwen¬ 
dung noch an den entfernten Stellen festzustellen. Die Ver¬ 
änderungen waren meist gering. Ziemlich regelmässig fand sicli 
am Orte der Anwendung eine geringe Zunahme der Leukocyten, 
an den entfernten Stellen eine Abnahme, so dass der thera¬ 
peutische Reiz eine leukotaktische Wirkung 
ausübte. Das Wesentliche bei der Wirksamkeit hydrothera¬ 
peutischer örtlicher Prozeduren dürfte demnach nicht in der 
Blutzusammensetzung, sondern in der Blutvertheilung zu suchen 
sein. 

Diskussion: Herr Grawltz sucht die Erklärung für 
die Wirkung der hydrotherapeutischen Prozeduren In dem Wechsel 
zwischen Gewebsflüssigkeit und Blutflüssigkeit und weist auf das 
Eintreten von Herzstörungen bei älteren Leuten bin, die sicli 
längere Zeit und ohne ärztliche Aufsicht mit kalten Brausen be¬ 
handelten. 

Herr Brieger hebt die starke Reflexwirkung und 
die Summation der Reize bei der Behandlung mit Douchen hervor, 
die wie bei der gesammten Hydrotherapie eine sorgfältige Dosirung 
der Reize und eine Individualislrende Behandlung erfordere. 

K. Brandenburg - Berlin. 


Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Dresden. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 16. November 1901. 

Vor Eintritt ln die Tagesordnung macht Herr Krüger 
Mittheilungen Uber einen Fall von traumatischer Spondylitis. 

Das Trauma hatte sich Patient am 5. Dezember 1900 beim 
Verladen einer 15—20 Zentner schweren Steinstufe zugezogen. 
Seine linke Hand, mit der er die Stufe vor dem zu schnellen 
Umfallen l>ewahren wollte, war dabei zwischen die nach der Seite 
umklppende Stufe und eine daneben stehende steinerne Gosse 
gekommen. Bel dem kräftigen Ruck, mit dem er die eingeklemmte 
Hand aus ihrer Lage befreite, wurde eine gewaltsame Drehung 
der Wirbelsäule hervorgerufeu. Erst nach 14 Tagen begannen 
seine Rückensclunerzen, die sich allmählich verschlimmerten. 

Im August dieses Jahres, als ich deu Patienten zum ersten 
Male sah, zeigte er folgenden Befund: Rechte Schulter stellt 
höher als die linke. Die Wirbelsäule zeigt in ihrem Bnisttheil 


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422 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


»‘ine stark»» rechtskouvexe, ln ihrem Leudentheil eine links¬ 
konvexe Skoliose. Auf I>niek sind der 3. und 4. Lenden Wirbel 
stark sehmerzeinpfiiullieh. Druck oder Stoss auf den Kopf wird in 
dieser Gegend als intensiver Schmerz empfunden. Stehen ist dem 
Patienten lidehter möglich als Sitzen. Von »len unteren Brust¬ 
wirbeln bis zum Brustbein ist die Wirbelsäule vollkommen un¬ 
beweglich: der Patient kunu sich daher nur vermittels der Hüft¬ 
gelenke und dem oberen Brust- und Ilalstheil der Wirbelsäule 
nach vom beugen. Es liesteheu spontane Schmerzen in der er¬ 
krankten Partie, die hauptsächlich nach rechts von ihr nusstrahlen. 
Bel forcirter Beugung nach vorn zur Ausgleichung der Lenden¬ 
wirbellordose treten die Dornfonsiitze des 3. und 4. Lendenwirbels 
deutlicher hervor, als «lie übrigen und sind dabei besonders druck¬ 
empfindlich. Aufgehoben werden die Schmerzen in dieser Gegend 
völlig, sobald Patient suspemliit wird. 

Nachdem Patient Vi Jahr ein (iipskorset getragen hat. ist 
der Befund wesentlich geringer. Druck oder Stoss auf den Kopf 
löst keine Schmerzen in »ler erkrankten Partie mehr aus. Di¬ 
rekter Druck auf die erkrankte Gegend ist nur noch massig 
schmerzhaft. Es besteht noch eine leichte dextrokonvexe Skoliose 
d»‘r Brustwirbelsäule. Die unterste Partie der Brust- und oberste 
«ler Iauidtmwirbtdsiiult* zeigen eine Verbiegung mit der Konvexität 
nach links und hinten In Form einer Knickung, deren höchster 
Punkt dem letzten Brust- und ersten Lendenwirbel entspricht. 
Darunter springt die Wirbelsäule nach rechts und vorn. Die 
Steifigkeit der erkrankten Gegend der Wirbelsäule ist geringer. 

Herr Hecker zeigt Präparate von Artemia salina vor, 
einem Klernenfiissler. welcher in einem Salzteiche Siebenbürgens 
vorkommt, dessen Wasser 20 Proz. Salz aufgelöst enthält. 

Herr Wert her stellt ein 8 jähriges Mädchen und einen 
2b jährigen BUrsclien vor, beide mit Zerstörungen der häutigen 
Nase durch syphilitische Geschwüre, interessant wegen der 
Difftweutinldiagnose zwischen Syphilis und Lupus einerseits und 
zwischen hereditärer und ac»]uirlrter Syphilis andererseits. Bei 
Beiden handelt es sich mit Wahrscheinlichkeit um die letztere. 

Tagesordnung: 

Die Herren C r e d 6, Hermann Becker u. Schmaltz: 
Das Joh&nnstädter Krankenhaus. 

Sitzung vom 23. November 1901. 

Tagesordnung: 

Herr Keydel (als Gast): Ueber funktionelle Nieren¬ 
diagnostik in besonderer Berücksichtigung des TJreterenkathe- 
terismus. Mit nachfolgender Demonstration einzelner Apparate 
und Instrumente. 

Sitzung vom 30. November 1901. 

Vor der Tagesordnung: 

H»»it Mann: Wie Sie sich erinnern werden, hatte ich ln der 
ersten Oktobersitzung auf Grund einer Beobachtung an einem Fall 
von freiliegendem Bulbus venae jugularis im Mittelohr eine nette 
Tln'orie aufgestellt Uber die Blutbewegung in der inneren Hohl¬ 
vene. 

Bisher hatte man gemeint, die Bewegung «les Blutes werde 
ausschliesslich durch die ansaugeude Kraft des Thorax bei der 
Inspiration hervorgerufen. Ich hatte Ihnen an dem einen Fall 
zeigen könuen, dass die ansaugende Kraft der Vorhofsdiastole bis 
In den oberen Bulbus reicht, und zwar bei einer Kopfstellung, bei 
welcher der Kopf von der beobachteten Seite um 45° um eine 
senkrechte Achse weggewandt ist, so dass der Warzenfortsatz über 
dem Sternoclaviculargelenk steht, und der Steruocleidomastoideus 
eine senkrechte Säule bildet. 

Ich will diese Stellung der Kürze halber ein- für allemnl die 
Sl(‘rnokleidostellung nennen. 

Meine weiteren Schlussfolgerungen waren folgende: Es scheint 
mir in hohem Grade wahrscheinlich, dass der Sinus sigmoideus die 
pul»atorischen Bewegungen des Bulbus mitmucht So erklärt es 
sich, dass wir oft bei unseren Patienten, wenn wir bei Operationen 
den Sinus freilegen — lediglich in Folge ihrer Lage — ihn pulslos 
sehen, dass er aber beim Abnehmen des Verbandes dann pulsirt, 
wenn wir den Patienten zufällig ln eine Stellung bringen, die der 
von mir angegebenen entspricht. 

Es war in jener Sitzung von anderer Seite mit einem gewissen 
Recht darauf aufmerksam gemacht worden, dass die betreffende 
Patientin mit dem freiliegenden Bulbus eine starke Kyphose habe, 
und »lass möglicher Weise aus diesem Grunde pathologische Zirku- 
lationsverhältulsse vorliegen könnten. Ich hnbe diesen Einwand 
schon damals genügend zurückgewiesen. 

Heute bin ich in der Lage, Ihnen einen neuen vollgiltigen Be¬ 
weis von der Richtigkeit meiner Theorie zu erbringen. Der¬ 
selbe hat den Werth eines Experiments. 

Am 27. November habe ich einen normal gewachsenen, Bonst 
vollkommen gesunden Schüler am linken Warzenfortsatz operirt. 
Er litt seit T> Wochen an einer akuten Mittelohreiterung, die vor 
2 Tagen zu einer Anschwellung hinter dem Ohre geführt hatte. 
Schon die äussere Konfiguration derselben hatte mich einen extra- 
duralen Abszess vermutlieu lassen. Es fand sich bei der Operation 
ein sehr grosser perisinuöser Abszess, nach dessen Freileguug der 
ganze Sinus inkl. dem oberen Knie sichbar wurde. Er war eitrig 


No. 10. 


verfärbt, theilweise mit festen Granulationen bedeckt, vollkommen 
pulslos. 

Nach lxHUHlIgter Operation wurde der Kranke aufgesetzt der 
Kopf in die linke Stemokleklostelluug gebracht — in demselben 
Augenblick zeigte der ganze Sinus lebhafte Pulsation. 

Bestätigt «liese B«*obachtung das, was ich früher nur als Ver- 
muthung nussprechen durfte, so bietet sie uns zugleich ein differeu 
tialdiagnostisches Merkmal für die Frage, ob der Sinus, oder auch 
«ler l’ulsus venae jugularis einen obturirenden Tlirorabns enthält 
o«l«*r nicht. Denn die Pulsation muss natürlich ausbleiben lx*i 
völligem Verschluss. Es wird also in Zukunft auch unser thern- 
peutisches Handeln durch den Ausfall dieser Prüfung theilweise 
beeinflusst werden. 

Tagesordnung:: 

Herr Battmann: Ueber die für Dresden geplante 
Kanalisation. 


Verein Freiburger Aerzte. 

(Eigener Bericht) 

Sitzung vom 31. Januar 1902. 

1. Herr Ilofrath Kraske: Ueber suprapubische Cysto- 
skopie. Mit Demonstrationen. (Ist ausführlich im Centralblatt 
für Chirurgie erschienen.) 

2. Herr M e i s e 1: Demonstration von Instrumenten bei 
Operationen der Blase, der Leber etc. 

3. Herr Prof. Seilheim: Frinsipien und Gefahren der 
Abortbehandlung. Mit Demonstrationen. 

(Der Vortrag ist an anderer Stelle dieser Nummer abge¬ 
druckt.) 

4. Zur Revision des Krankenversicherungsgesetzes. 

5. Antrag des Herrn Eschbacher jr. betr. Einführung 
der Sonntags-(Nachmittags-)Ruhe für Aerzte. Der Antrag 
wird angenommen und in folgender Fassung in den Freiburger 
Tagesblättern publizirt: „Laut Beschluss des Vereins Freiburger 
Aerzte finden an Sonn- und Feiertagen keine Nachmittagssprech¬ 
stunden im Ilause des Arztes statt.“ 


Greifswalder medizinischer Verein. 

(Eigener Bericht) 

Sitzung vom 4. Januar 1902. 

Vorsitzender: Herr G r a w i t z. 

Schriftführer: Herr Busse. 

1. Herr Ritter: Ueber die verschleppten Zellen in den 
Drüsengängen beim Mammakarzin om 

Bei Mammakarzinomen trifiFt man auch im Innern von an¬ 
scheinend nicht krebsig erkrankten Drüsengängen Zellan¬ 
häufungen, die Gold mann als verschleppte Krebszellen ge¬ 
deutet hat. und deren Anhäufung er für eine besondere Wachs- 
thumsart des Karzinoms innerhalb der Drüsenkanälchen aus¬ 
gibt Nach Ritter haben diese Zellanhäufungen nichts mit 
dem Krebs zu thun, 1. weil das in die Drüsengänge einbrechendc 
Karzinom andere Bilder gibt, 2. weil sie oft weit entfernt von dem 
eigentlichen Karzinom zu finden 9ind, 3. weil sie keine Spur von 
Stroma erkennen lassen, 4. w«iil die Zellen in Grösse, Gestalt, 
Kern und Einlagerungen (Pigment, Fett) von den Krebszellen er¬ 
heblich verschieden sind und endlich weil diese Zellen sich auch 
bei anderen Erkrankungen der Brust (Cystndenom, Mastitis) 
finden. Ritter hält diese Zellen für Colostrumkörperchen. 

Herr Bonnet: Weitere Mittheilungen über Embryo- 
trophe. 

Anknüpfend an einen früheren Vortrag, in dem die morpho¬ 
logischen Bestandtheile der Nahrung des Embryo geschildert 
worden sind als Lymphödem, Wanderzellen, Fetttröpfchen und 
Sekrettropfen der Drüsen, wird ausgeführt, wie besonders das in 
die Schleimhaut des schwangeren Uterus ergossene Blut dem Em¬ 
bryo das zur Blutbildung nöthig Eisen liefere, ferner eingehend er¬ 
örtert, dass die Frucht blasen auch direkt mütterliches Gewebe zu 
ihrer Nahrung gebrauchen. B. geht zunächst auf das Verhalten der 
Uterusdrüsen in der Plazenta bei einigen Indeciduaten und bei 
der Hündin ein. Zur Untersuchung ist nur lebenswann ent¬ 
nommenes, gut fixirtes Material brauchbar. Das DrÜ9enepithel 
der Stute verliert in der Gravidität den Flimmerbesatz und gibt 
blasse Sekr»‘ttröpfchen ab. Die Drüsen selbst nehmen an Länge 
zu, sind stark erweitert und geschlängelt und zeigen an ver¬ 
schiedenen Stellen faltenartige Einstülpungen des Epithels und 
der bindegewebigen niille. Das invaginirte Stück wird ab- 


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11. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


423 


geschnürt und in die Drüsenhöhle verlagert, während dieEpithelien 
an der Abschnürungss teile zusammen rücken und den Defekt 
versohliessen. Das abgeschnürte Stück zerfällt und wird in die 
Uterushöhle zusammen mit dem übrigen Inhalt der Drüse ent¬ 
leert und zweifellos von dem Chorionepithel auf genommen und 
.so zur Nahrung des Embryo verbraucht. Dieselben Verände¬ 
rungen der Drüsen hat B o n n e t bei den Wiederkäuern und beim 
Schweine gefunden. Genauere Mittheilungen macht Bonnet 
über die Veränderungen der Uterusdrüsen des Hundes in der 
ersten Zeit der Gravidität; auch hier fällt eine i mm er stärker 
werdende — fast knäuelförmige — Schlängelung der Drüsen auf; 
das Epithel am Eingang ist verdickt, so dass es diesen ver- 
schliesst, während es an der Oberfläche abgeflacht und mit zu 
Kluni]>en umgelagertem Chromat inst off der Kerne versehen ist. 
Bonnet unterscheidet 4 Schichten der Plazenta: 

1. die Compacta, bestehend aus Oberflächenepithel, Mün- 
dungsstücken der Drüsen und Krypten und dem interstitiellen 
Bindegewebe; 

2. die Spongiosa, enthaltend die stark erweiterten unteren 
Abschnitte der Krypten und die erweiterten Drüsenräume 
(Drüsenkammern); 

3. der Boden der Drüsenknrnmern ruht auf einer verdickten 
Bindogewebslage, welche die stark erweiterten, aber noch deut¬ 
lich von einander abgrenzbareu Drüsenknäuel enthält, unten be¬ 
grenzt durch die Drüsendeckschicht; 

4. die tiefe Drüsenseliieht, ruht direkt auf der Muscularis 
Uteri. 

In den Knäueln finden sich alle Stadien der Abschnürung 
von Epithelien.die aufgelöst und mit Wanderzellen, Sekrettröpfchen 
und Fettkügelchen in die Drüsenkammern entleert werden. In 
diesen vermischen sie sich mit gleichartigen Absonderungen der 
vielfach gewundenen Kammerwände zu einem Detritus, in den 
die gefässhaltigen Chorionzotten hineinreichen. Es folgen ge¬ 
naue histologische Darlegungen der Veränderungen der Epithelien 
in den verschiedenen Drüsenbezirken. Unter dem Vordringen 
des Epithels der Chorionzotten geht das Kammerepithel, sowie 
das darunter liegende Bindegewebe zu Grunde, ebenso werden die 
Wandungen der inzwischen stark erweiterten Gefässe aufgelöst 
und das Blut tritt nun frei in die Kammer, von wo es entweder 
in Substanz oder nach vorhergegangener Auflösung durch dus 
Chorionepithel aufgenommen wird. Auch in der tiefen Drüsen¬ 
schicht kommt es zu Blutungen, wahrscheinlich per diapedesin. 
Es wird also festgestellt, dass bei Deciduaten und Indeciduaten 
Fett, Blutzellen, gelöstes Hämoglobin, Epitheldetritus und Chro- 
matin von den Ektodermzellen des Chorions aufgenommen 
werden. 


Naturwi88en8chaftl.-medizini8che Gesellschaft zu Jena. 

(Sektion für Heilkunde.) 

Sitzung vom 16. Januar 3902. 

1. Herr Grober: Zur Statistik der Pleuritis. (Erscheint 

in extenso.) * 

2. Herr Hertel: „Pneumokokkenkeratokonjunktivitis“ 
nach Masern. (Erscheint im V. Gräfe’schen Archiv f. Ophthalmo¬ 
logie.) 

Herr Gross bespricht das französische Krankheitsbild der 
Lymph&dönoctle indig&ne lind demonstrirt einen Kranken, bt?l 
dem die „Drüsenlymphangiektasie der Leistenbeuge“ sich vor 
1 i/a Jahren, angeblich im Anschluss an ein Trauma, ausgeblldet 
hat; neben elephantiastischen Veränderungen des rechten Ober¬ 
schenkels finden sich „Drüsengeschwülste” in beiden Leisten¬ 
beugen, vereinzelte vergrösserte Drüsen zu beiden Seiten d. s 
Halses und eine deutliche Infiltration im rechten Abdomen, dl > 
nach der französischen Lehre auf eine weit vorgeschrittene 
cystische Degeneration der Drüsen und Lymphgefüsse im Gebiet 
des rechten Truncus lumbalis hinweist. 

Die weiteren Ausführungen betreffen noch nicht abgeschlos¬ 
sene Untersuchungen des Vortr., der auf die Mängel der fran¬ 
zösischen Lehre hinweist und auf die Bedeutung des Krankheits¬ 
bildes für die Frage nach dem Wesen der sog. spoutunen Lymph- 
angiektasie. 


Gynäkologische Gesellschaft in München. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 19. Jan u a r 1902. 
Vorsitzender: Herr J. A. A m a n n. 
Schriftführer: Herr A. M u c 11 o r. 


Fortsetzung der Diskussion zum Vortrag des Herrn 

S i 11 m a n n: Ueber Hysterie. 

1. Herr T li e i 1 li a b e r: Der Zu» u m m e u h a n g vom 
Nervenkrankheiten mit St ö rungon in d e u w e i 1* - 
1 i eh e n Sexuftlorgan e n. 

Vortragender bespricht zunächst die Störungen in den weil»-' 
liehen Geuitalorganeu, welche durch Nervenleiden hervorgerufen 
werden können: 

1. Amenorrhoe, besonders l>el funktionellen Psychosen, 
bei Basedowscher Krankheit, Akromegalie und Myxödem. 

2. Dysmenorrhoe, am häutigsten hei Hysterie und Neur¬ 
asthenie, indem in Folge grösserer Ilcizbnrkeit des Nervensystems 
eine spastische Kontraktur des Sphincter orificii intern! Uteri ent 
steht. 

3. Menorrhagie, ebenfalls bei hysterischen und neur- 
asthenischeu Frauen in Folge Insuffizienz der Uterusmuskulatur. 

4. Periodischer Fluor albus in Folge hochgradiger 
Sensibilität und durch psychische Erregung hervorgerufener Blut¬ 
drucksteigerung. 

5. Atrophie der gesnmmteu Geuitalorgane bei B a s e d o w*- 
scher Krankheit, Myxödem u. s. w.; bei denselben Erkrankungen 
auch 

<5. Descensus v a g i n a e und 

7. in Folge der Atrophie des Uterus. Itctroflex io Uteri. 

Auf der anderen Seite können aber auch Genitalerkrankungen 
ihrerseits Störungen des Nervensystems herbeiführen: 

1. Neurosen und Psychosen im Anschluss an Puber¬ 
tät und Klimakterium. 

2. Menstruelle Neurosen. 

3. Neurosen und Neuralgien in Folge von Onanie. 
Coitus reservatus und EJnculntio praecipitatn des Ehemanns. 

4. N e r v o s i t ä t in Folge lange dauernder entzündlicher und 
schmerzhafter Geuitalerkrankungen. 

C>. Neurosen und Psychosen in Folge langdauernder 
Blutverluste bei Myomen und Karzinomen. 

<». II y p o c li o u d r i e aus Angst und Sorge bei chronischen 
Unterlolbslcidcn. • 

7. Schwanger sch aftsneu rosen bei belasteten In¬ 
dividuen. aber auch bei Gesunden in Folge von Autolutoxikatlon. 

5. Puerperale Delirien und Psychosen In Folge 
von Erschöpfung, und Aenderung der Zirkulatiousverhältuisse post 
partum. 

t). Neuralgien und Paresen durch Druck von 
Tumoren, entzündlichen Exsudaten u. dergl. 

10. Neuritis ascendens bei entzündlichen Beckeupro- 
zessen. 

11. Neuralgien und Paralysen der Beine in Folge 
von Quetschung des Plexus sacralis intra partum. 

12. N e u r 11 i s in Folge von Autointoxikation. Gonorrhoe und 
Syphilis. 

13. Neurosen und Psychosen im Anschluss an Opera¬ 
tionen, besonders wenn die Ovarien mitentfernt werden. 

An Iieflexneurosen glaubt Vortragender nicht. 

(Der Vortrag erscheint ausführlich in Graefe’s Sammlung 
zwangloser Abhandlungen bei Marhold in Halle.) 

2. Herr Linder (als Gast): Ueber nasale Dysmenor¬ 
rhoe. (Der Vortrag erscheint in extenso ln dieser Wochenschrift.» 

3. Herr Ziegen speck (als Gast»: Ueber Frauen¬ 
leiden und Hysterie. 

Nach Vortragendem besteht die Hysterie ln krankhaften Er¬ 
scheinungen ohne pathologisch-anatomische Grundlage im Gebiete 
des Nervensystems, meist hervorgerufen durch eine Erkrnnk- 
kuug der Genitalien. 

Er theilt die Fälle in 3 Gruppen: 

1. Fälle, ln denen die hysterischen Erscheinungen ohne weitere 
Therapie im Anschluss an die Heilung des örtlichen Leidens ver¬ 
schwinden. 

2. Falle, wo noch l>e8ondere Heilfaktoren nothwendig werden. 

3. Fälle, wo durch Kastration Heilung erzielt wurde. 

Besonders bei Fällen der Gruppe 3 häufige Misserfolge. 

Vortragender wendet sich gegen die Anschauung der Neuro- 

pntliologen, dass die Hysterie „Im Gehirn sitze“ und die lokalen 
Beschwerden nach der Peripherie projlzive. und glaubt, dass mim 
bei geuauer Untersuchung meist anatomische Veränderungen der 
Genitalien als Ursachen der Beschwerden findet. Diese Geuitni- 
erkrankungen seien ln allen Fällen zuerst zu Inseitigen, und 
wenn dann besonders bei aboulisehen und atrophischen Patien¬ 
tinnen die nervösen Beschwerden weiter bestehen, solle man sich 
mit dem Neuropathologen in Verbindung setzen; besonders ein 
pfehlenswerth erscheint dann zur Stärkung der Willenskraft dir 
Heilgymnastik. 

4. Herr S e g g e 1: Die Hysterie in d e r Ophthalmo¬ 
logie (Autoreferat). 

Vortragender legt seinen Mittlieilungen die Möbius- 
Schwarz'sche Definition der Hysterie zu Grunde, nach der 
hysterisch alle diejenigen krankhaften Veränderungen des Körpers 



ov 

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424 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


und seiner Funktionen sind, welche durch seelische Vorgänge ver¬ 
ursacht sind, eine Definition, mit der sich auch die neuere An¬ 
schauung, dass die Hysterie als Willensschwäche. Aboulie, auf- 
zufassen sei, deckt; doch lasse jene Erklärung, da sie von einer 
allgemeinen Auffassung ausgehe, nirgends im Stiche. 

Es werden dann die wichtigsten hysterischen Symptome von 
Seiten des Sehorganes besprochen: Die hysterische Seh¬ 
seh w ü c h e im engeren Sinne, bedingt durch Akkoraodatious- 
krampf, und die in der Form der Förste r'schen Kryskopia 
liysterica auftretende, die eigentliche hysterische Ambly¬ 
opie und Amaurose ohne Befund, die konzentrische 
Gesichtsfeldeiuengung, die monokulare Diplo- 
p i e und Polyopie, die Inversion der Farben- 
grenze n und endlich die Seusibilitiitsstörungen an 
der Binde- und Hornhaut. 

Alle diese Erscheinungen künneu durch psychische Ein¬ 
wirkungen (Hypnose) beseitigt und hervorgerufen werden. An 
3 Beispielen von Hysterie jugendlicher Individuen wird hiefür der 
Nachweis geführt und hielte! insltesoudere hervorgehoben, dass 
die krankhafte Veränderung bezw. Funktionsbeschränkung, sobald 
sie nicht mehr unter dem Einfluse des Willens steht, bezw. nicht 
beabsichtigt ist, überhaupt nicht vorhanden ist. Bei grösster, 
am Perimeter gefundener Einengung des Gesichtsfeldes ist die 
Orientirung im Baume vollkommen frei, und bei anscheinend stark 
herabgesetzter zentraler Sehschärfe wird unwillkürlich vortreff¬ 
lich gesehen. Den vollgiltigsteu Beweis, dass durch seelische Vor¬ 
gänge die Symptome der Hysterie verursacht sind, liefern die 
seltener beobachteten Fälle von Lähmung der Augenmuskeln bei 
automatischer Beweglichkeit derselben. Diese willkürlichen Be- 
wegungshemuugeu sind fast immer koordinirte bezw. assoziirte, 
indem der Blick entweder nicht zur Seite oder ln vertikaler Rich¬ 
tung gewendet werden kann. 

Die Inversion der peripheren Farbengrenzen, die darin be¬ 
steht. dass die Itothgreuze peripherer liegt, als die für Blau, oder 
sich beide stellenweise schneiden, und die als Stigma der Hysterie 
bezeichnet werde, komme mehr der Neurasthenie zu. Dabei 
verbreitet sich Vortragender etwas eingehender über den Unter¬ 
schied zwischen der Gesichtsfeldeinengung bei der Hysterie und 
der bei Neurasthenie, wobei er hervorhebt, dass bei reiner 
Hysterie eine ziemlich gleichmässlge konzentrische Einengung 
nachzuwelseu ist. während das neurastlienlsche Gesichtsfeld mehr 
die mannigfachen Formen der Ermüdungseiuschräukung zeigt. 
Der Sitz dieser Ermüdungseinscliränkung sei aber nicht in der 
kortikalen Sehsphäre, wie Schiele annehme, sondern beruhe 
ebenfalls auf psychischem Einfluss, du*Moravslk nachgewiescu 
hat. dass bei Suggestion einer freudigen Erregung Erweiterung, 
bei dem Hervorrufen einer traurigen Stimmung Einengung der 
Grenzen eintritt. Ueberhaupt seien auch alle hysterischen Sym¬ 
ptome, auch wenn sie örtlich begrenzt sind und vereinzelt auf- 
treteu, nicht an eine bestimmte Stelle der Gehirnrinde lokalisirt, 
sondern Ausfluss der Erkrankung des ganzen Nervensystems. 

Herr A. Müller ist auch der Ansicht, dass die Schmerzen 
und Krämpfe der Frauen, welche die Franzosen als Syndrome 
uterine bezeichnen, lokale entzündliche Erkrankungen im Becken- 
lüudegewebe als Ursache haben. Man muss nur alle Theile und 
Organe des Beckens, auch Blase, Rektum und S romauum mit 
ihrer Umgebung gründlich abtasten, dann wird mau in harten, 
verdickten Stellen die Ausgangspunkte der Beschwerden finden. 
Die Dysmenorrhoe erklärt M. durch entzündliche Verhärtung der 
Ligamenta sacralla und der Cervix, sowie auch wohl des Corpus 
Uteri; die prämenstruelle Schwellung bewirkt dann durch Er¬ 
höhung des Druckes auf die Nerven den Schmerz. 

Die Magenbeschwerden sowie die Hyperemesis gravidarum 
erklärt M. durch Zerrung des Sympathikus, speziell der 
Gegend des Plexus solaris durch hohe Verwachsung des 
Uterus mit diesen Partien. In Folge dessen muss jede Behand¬ 
lung. welche eine Dehnung dieser Verwachsungen bewirkt, die 
Beschwerden bessern (z. B. Zug an der Portio, Tamponade der 
Scheide, Massage des Leibes). Tritt spontan oder künstlich Lösung 
ein, so verschwindet auch das Erbrechen; eine grosse Anzahl von 
Fällen werden so geheilt. Wahrscheinlich macht dieselbe AlTektion 
bei nervös-gesunden Frauen weniger Beschwerden, als bei nerven 
kranken, jedenfalls al*'*' scheint lokale Behandlung nothwendig. 

Herr Seif betont dem gegenüber nochmals die rein psy¬ 
chische Natur der Hysterie und hält es vom psychologischen Stand¬ 
punkte aus für nicht angängig, die somatischen Erscheinungen 
in eine direkte Beziehung mit den psychischen Erscheinungen zu 
bringen. S. l>eklagt die mangelhafte psychologische Vorbildung 
der Mediziner. 

Herr Ziegen speck vertritt dem gegenüber nochmals 
seine Auffassung der Hysterie als einer meist vom Genitale aus¬ 
gehenden Erkrankung. 

Her Nassauer macht darauf aufmerksam, dass schon 1807 
Geoffroy - Faris In Moskau eine Art Massage gewisser Darm¬ 
stellen gegen Hvpereinesis gravidarum empfohlen habe. Diese 
Affektion als Autointoxikation durch Stoffwechselprodukte des 
Fötus zu erklären, wie Th eil habe r dies versuche, gehe wohl 
nicht an. da das Erbrechen meist in so frühen Schwaugerschafts- 
sladien beginne, wo von einem Stoffwechsel des Fötus überhaupt 
noch nicht gesprochen werden könne. Bezüglich der nasalen 
Dysmenorrhoe hält es N. nicht für angängig, die vielfachen 
prompten Wirkungen der Kokainpinselungen als Suggestion zu 
betrachten. Jedenfalls sollten die Aerzte dieses Mittels sich 
dienen, wenn auch eine einwandfreie theoretische Grundlage 
noch nicht gefunden sei. 


Herr Gossmann meint, dass vieles, was heute in der Fort¬ 
setzung der Diskussion Uber den neulichen Vortrag von Dr. S 11 1 - 
mann vorgebracht wurde, doch nicht gut mehr unter den Begriff 
der Hysterie subsuuimlrt werden kann. Denn Schmerzen, welche 
durch chronisch entzündliche Vorgänge in den Adnexen bedingt 
und durch entsprechende Maassnahmeu beseitigt werden, also 
zweifellos durch materielle Erkrankung begründet waren, kann 
mau doch nach unserem Sprachgebrauch nicht als hysterische be¬ 
zeichnen. G. steht auf dem Staudpunkte, dass die Hysterie als 
eine Psychose aufzufasseu und (lesshalb vorzüglich durch psy¬ 
chische Beeinflussung, die ja sehr verschiedene Formen haben 
kann, zu behandeln ist. Ob eine ausgesprochene Hysterie durch 
gynäkologische Behandlung günstig beeinflusst wird, ist G. sehr 
fraglich. Meistens wird dadurch mehr geschadet als genützt. Ge¬ 
rade bei Hysterischen ist nur bei gauz strikter Indikation eine 
gynäkologische Lokalbehandlung zu befürworten. G. ist überzeugt, 
dass gerade die gynäkologische Vielgeschäftigkeit bei Hysterischen 
dem ärztlichen Ansehen sehr geschadet hat. 

Herr Ranke erklärt sich auch vom Staudpunkte des Neuro- 
pathologen mit den Anschauungen einverstanden, die Herr Hof 
rath Gossmann vorgetragen, und empfiehlt zur Entscheidung, 
betr. die nasale Dysmenorrhoe, die Kokainislrung anderer vom 
Genitale entfernter Schleimhautpartien. 

Herr Tesdorpf (Autorefemt): Redner betont, dass zur 
Vervollständigung der bisher über Hysterie geführten Verhand¬ 
lungen eine Einigung über die Diagnostik der Hysterie noth¬ 
wendig sei. Redner beachte seinerseits bei jedem auf Hysterie 
verdächtigen Krankheitsfälle sowohl die psychische wie somatische 
Seite des hysterischen Krankheitsbildes. Von hervorragend prak¬ 
tischem Werth für die psychische Diagnostik der Hysterie sei die 
Berücksichtigung einiger besonders leicht und häufig nachweis¬ 
barer psychischer hysterischer Grundsymptome. Es seien dies auf 
dem Stimmungsgebiet der unvermittelte Stimmungswechsel, die 
sogen, hysterische Launenhaftigkeit und Reizbarkeit auf dem Vor¬ 
stellungsgebiet die eigenartige Zerstreutheit und die Sucht der 
Hysterischen, die äusseren Vorgänge auf die eigene Person zu be¬ 
ziehen. auf dem Willensgebiet schliesslich der unvermittelte 
Wechsel der Willeiisrichtung, sowie die ausgesprochen egoistisch • 
Tendenz der Willensäusserungen. Dieser krankhafte Egoismus 
kennzeichne inhaltlich das. was schlechthin als „hysterischer 
Charakter" bezeichnet werde; formell werde der sogen, „hysterisch • 
Charakter“ durch den Wechsel, die Unbeständigkeit und die 
WideiSprüche der den einzelnen Handlungen des Hysterischen zu 
Grunde liegenden Motive l>estimmt. Zur Sicherung der körper¬ 
lichen Diagnostik von Hysterie sei es unerlässlich. l>ei jedem für 
Hysterie verdächtigen Falle nacheinander auf Einengung eines ode • 
beider Gesichtsfelder, auf Störungen der Farbenwahrnehmung. iu>- 
lK>sondere auf Fehlen der Violettempfindung, zu prüfen, sowie auf 
die Unfähigkeit, Blau und Grün zu unterscheiden, ferner auf Vor¬ 
handensein von muskulärer, retinaler und akkommodativer Asthen¬ 
opie, sowie von Polyopie zu achten. Ferner könne eine genaue 
Prüfung der Ilautsenslbilltiit und des Temperatursinnes nicht um¬ 
gangen werden, ebensowenig wie eine eingehende Prüfung der 
Motilität. Letztere Prüfung habe insbesondere die bei Hyste 
rischen so häufige habituelle Muskelschwüche und Muskelmiidig 
keit, sowie die Neigung zu Muskclspasmeu zu berücksichtigen. 
Schliesslich sei eine Untersuchung auf die für Hysterie charakte¬ 
ristischen sogen, hysterogenen Druckpunkte unerlässlich. Redner 
iHdont ausdrücklich, dass er in zahlreichen Fällen nur einer der¬ 
artigen eingehendsten sowohl psychischen, wie körperlichen Unter¬ 
suchung die sichere Diagnose von Hysterie verdanke. 

Im Anschluss an diese die Diagnostik der Hysterie klärenden 
Erörterungen hält Redner es für angezeigt, eine Vermittlung 
zwischen den im Laufe der vorliegenden Verhandlungen zu Tage 
getretenen Gegensätze zwischen den Anschauungen einiger Gynäko¬ 
logen, dass die Hysterie vorwiegend oder ausschliesslich von 
Störungen der weiblichen Sexualorgaue abhänge, und den An 
Behauungen einiger Neurologen, dass die Hysterie ausschliesslich 
auf bewussten Vorstellungen beruhe, zu versuchen. Die Erfahrung 
des Redners sei, dass das hysterische Krankheitsbild, wie es sich 
im Einzelfalle darbiete, häufig einerseits aus zentralpsychischen 
Störungen, die peripherkörperlich bedingt seien, andererseits aus 
körperlichen Störungen, die von psychischen Vorgängen abhängen. 
sich zusammusetze. Redner habe vor Kurzem speziell diese Wech¬ 
selbeziehungen, welche bei Hysterie zwischen den psychischen und 
körperlichen Störungen deutlich zu Tage treten, zum Gegenstand 
eines besonderen Vortrages in der Münchener „Psychologischen 
Gesellschaft“ gemacht. Das Ergebniss dieses Vortrages (derselbe 
erschien in No. 2 der Münch, med. Woehenschr. vom Jahre 10«»2. 
für die ärztliche Praxis gehe dahin, dass eine rationelle Behand¬ 
lung der Hvsterie bei der unverkennbaren wechselseitigen An¬ 
hängigkeit. die bei Hysterie zwischen periplierkörperiichen und 
zcntrnlpsvehischcn Störungen bestehe, ebensowohl auf eine 
psychische wie eine körperliche Therapie Rücksicht zu nehmen 

habe. , 

Herr Th ei lh aber glaubt, dass zwar in manchen l-allen 
das „unstillbare“ Erbrechen Schwangerer auf hysterischer Basis 
beruht, häutiger jedoch auf Autointoxikation, denn nach seinen Er¬ 
fahrungen beginnt das Erbrechen meist erst in der 4. Woche nach 
der vermutlilicheu Konzeption. An laparotomirten Thieren hat lh. 
schon früher die Veränderung des Blutgehaltes des Uterus bei 
Hautreizen beobachtet (s. Münch, med. Woehenschr. 1001, No. 2'~ 
„ 20). Dr. Sigrn. Mirabeau. 


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11. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


425 


Gesellschaft für Morphologie und Physiologie in 
München. 

Sitzung vom 17. Dezember 1901. 

Herr Jodlbauer: Ueber den Werth der Nitro-Propiol- 
tabletten zum Nachweis von Zucker im Harne, nach Ver¬ 
suchen von F. F a 1 k. 

Im Jahre 1880 veröffentlichte A. Bayer (Bericht der ehern. 
Gesellschaft XIII, pag. 2260) die interessante Thatsaclie, dass 
Orthonitrophenylpropiolsäure während des Erwärmens mit 
Traubenzucker bei Vorhandensein von Soda zu Indigo reduzivt 
wird: durch das Auffösen der Orthonitrophenylpropiolsäure bildet 
sich unter Kohlensäureabspaltung Isatin; lezteres wird dann zu 
Indigo reduzirt nach folgender Gleichung. 

C C — COaH CO 

UH*/ = UH*/ ^CO + COi 

NO 2 NH 

O — Nitrophenylpropiolsäure = Isatin -j- Kohlensäure 

CO CO CO CO 

UH*/ >CO+CO/ )>C«II* = C6H 4 / )C = C<( ^CeH *+20 

NH NH NH NH 

2 Moleküle Isatin = Indigo -}- 8auerstoff. 

Diese Reduzirbarkeit der Orthonitrophenylpropiolsäure durch 
Traubenzucker zu Indigo benützte die Köln-Ehrenfelder Fabrik, 
diese Säure, mit Soda in Tablettenform gepresst, als Reagens auf 
Zucker im Harn in den Handel zu bringen. 

Löst man eine Tablette in 10 ccm Wasser auf und gibt 
10 Tropfen zuckerhaltigen Harn hinzu, so erhält die ganze 
Flüssigkeit nach 3—4 Minuten langem Erwärmen eine indigo¬ 
blaue Färbung. 

• Im L Heft der Münch, med. Wochenschr. 1901 erschien ein 
Artikel von F. v. Gebhardt, welcher die Anwendung dieser 
Orthonitrophenylpropiolsäuretabletten als eine neue Zuckerprobe 
wärmstens empfiehlt. Er änderte die Anwendungsweise derselben 
dahin ab, dass er 10—15 Tropfen Harn mit 10 ccm Wasser 
mengte, dann die Tablette hinzubrachte und das Ganze 2—4 Mi¬ 
nuten lang erwärmte. Ist die Reaktion sehr schwach und nicht 
deutlich zu erkennen, so kann mau das gebildete Indigo mit 
Chloroform ausschütteln und an der Blaufärbung des Indigo 
dessen Vorhandensein erkennen. In solchen Fällen kann man die 
Reaktion zweckmässig auch in unverdünnten Harnen vornehmen. 

Nach seiner Angabe liefern nur solche Harne Indigo, welche 
Traubenzucker enthalten. Per os oder subkutan einverleibte 
Medikamente, z. B. Bensocsnure, Karbol, Rheum, Senna u. s. w. 
stören nicht. Ebenso auch nicht die in jedem Harne vor¬ 
kommenden reduzirenden Substanzen, deren Menge nach 
Moritz einer Zuckerlösung von 0,11—0,36 Proz. gleich ist. 

Es hätte also die Verwendung der Orthonitrophenylpropiol¬ 
säure durch ihre Eigenschaft, nur durch Traubenzucker reduzirt 
zu werden, zur qualitativen Zuckerbestimmung vor der des 
Kupferoxyd und Quecksilberoxyd in alkalischer Lösung viel 
voraus. 

Desshalb hat Professor v. Tappeiner Herrn Falk 
beauftragt, die Versuche Gebhardt’s nachzuprüfen und 
die Empfindlichkeitsgrenze der Reaktion festzustellen. Falk 
(Dissertation, München 1902) fand, dass 0,02 Proz. Trauben¬ 
zuckerlösung oder, wenn nach der Vorschrift Geb¬ 
hardt’s keine Verdünnung von 1:10 Aq. vorgenommen 
wurde, 0,002 Proz. Traubenzuckerlösung die Reaktion eben noch 
positiv gab. Zuckerfreie Harne, die mit Dextroselösungen ver¬ 
setzt wurden, gaben aber weit unter diesem Grenzwerth noch 
positive Reaktionen. 

Falk untersuchte daher Harne ohne Dextrosezusatz. Auch 
hierbei fielen die Reaktionen — es wurden 25 Harne untersucht — 
positiv aus. Sie blieben positiv, auch wenn die Harne 36 Stunden 
lang mit gährungstüchtiger, glykogenfreier Hefe behandelt 
wurden. 

Der Gehalt an Kreatinin und Harnsäure ist nicht die Ur¬ 
sache dieser Reduktion. Denn diese Körper reduziren, auch in 
grösseren Mengen als sie im normalen Harne Vorkommen, die 
Orthonitrophenylpropiolsäure nicht. 

Der Versuch, die Orthonitrophenylpropiolsäure zum Nach¬ 
weis von Zucker im Harne zu benützen, ist. wie eine Dissertation 
aus dem Jahre 1RS7 zeigt, nicht n u (TI e e k e n h'a y n : Ueber 


das Vorkommen reduzirender Substanzen im Harne. Dissertation. 
Erlangen 1887). Heckenhayn machte darauf aufmerksam, 
dass die Anwendung dieser Säure desshalb im Harne unmöglich 
ist, weil auch normale Harne dieselbe reduziren. Welcher Körper 
diese Reduktion bewirkt, konnte er nicht feststellen. Es scheint 
ihm eine Publikation Baeyer’s (Berichte der chemischen Gesell¬ 
schaft XIV, pag. 1744) entgangen zu sein, in der B a e y e r mit¬ 
theilt, dass Indoxyl und Indoxylsäure die Orthonitropheuyl- 
propiolsäure ebenso reduziren wie Dextrose. Es wird also die 
positive Reaktion normaler Harne von der Anwesenheit dieser 
Körper bedingt sein, eine Vermuthung, die Huppert in seiner 
Analyse des Harnes erwähnt. Dafür spricht, dass auch nach 
Eindampfen des Harnes auf dem Wasserbad, wobei derselbe nach 
den Versuchen von F 1 ü c k i n g e r des Reduktionsvermögeus 
verliert, die Reaktion ebenfalls noch positiv ausfällt; es werden 
nämlich die reduzirende Indoxyl- und Indoxylschwefelsäure hie¬ 
bei nicht verändert. 

Ebenso empfahl G. Hoppe - Seyler (Zeitschr. f. pliysiol. 
Chemie Bd. 17, 1893, pag. 83) die Orthonitrophenylpropiolsäure 
zum Nachweis von Zucker im Harne. Hoppe-Seyler war 
sich aber sehr wohl bewusst, dass auch normale Harne diese Säure 
reduziren. Dadurch, dass er sich begnügte, nur grössere Mengen 
von Zucker (0,5 Proz.) damit nachzuweisen, setzte er zum Reagens 
verhältnissmässig wenig Harn zu und kochte nur sehr kurze Zeit. 
Auf diese Weise schaltete er die Wirkung der im normalen Harne 
vorkommenden reduzirenden Stoffe, welche die Reaktion eben¬ 
falls geben, aber erst bei Mehrzusatz von Harn und nach längerem 
Kochen, aus. 

Die erneute Besprechung dieser alten Thatsachen hat wohl 
eine Berechtigung, da durch die Anpreisung dieser o-Nitrophenyl- 
propiolsäuretabletten leicht unliebsame Täuschungen entstehen 
können. 


Aerztlicher Verein in Nürnberg. 

(Offizielles Protokoll.) 

Sitzung vom 21. November 1901. 

Vorsitzender: Herr Carl Koch. 

1. Herr v. Hösslin berichtet über einen Fall von Typhus 
mit septischer Mischinfektion und demon9trirt die diesbezüg¬ 
lichen Präparate. 

2. Herr G n 0 p f sen. berichtet über die Arbeit von Dr. 
O. Heubner über Säuglingsernährung und Säuglings¬ 
spitäler, in welcher der Verfasser auf Grund bakteriologischer 
Untersuchungen alle die Kautelen bespricht, welche beobachtet 
werden müssen, um eine gleichmässigere und reinliche Fütte¬ 
rung der Kinder zu erzielen. Auf diese Weise ist es demselben 
gelungen, die Mortalität um 30 Proz. zu vermindern. 

C n o p f hat an dem ihm zu Gebote stehenden Säuglings¬ 
material (im Jahre 1900 = 88) in Nürnberg die gleichen Er¬ 
fahrungen, was angeborene Lebensschwäche, Kränklichkeit, 
schlimme Rückwirkungen der an Darmkatarrhen leidenden 
Kinder auf ihre Umgebung anbetrifft, gemacht, wie sie in Berlin 
beobachtet wurden. 

Seit Jahren hat er durch möglichste Isolirung der Säug¬ 
linge, durch Reinhalten des Mundes derselben, durch Sterilisiren 
der Milch, der Saughütchen, der Gläser, durch das Lagern der 
Kinder auf Watte, durch fleissiges Waschen der Hände der 
Schwestern nach jeder Beschäftigung mit dem Kind eine rein¬ 
liche Fütterung der Säuglinge zu erzielen gesucht und bringt, 
mit diesen Bestrebungen den Stand der im Nürnberger Kinder¬ 
spital beobachteten Säuglingsmortalität in Beziehung, der hinter 
dem in Berlin erzielten nicht zurücksteht. Mit seinen Be¬ 
strebungen, den Aufenthalt der Säuglinge auf die möglichst ge¬ 
ringe Dauer zu reduziren, stösst er bei den Müttern auf die¬ 
selben Schwierigkeiten wie Heubner und spricht desshalb 
den Wunsch aus, dass auch in Nürnberg Waisenpflege und 
Spital einmüthig Zusammenwirken möchten. 

3. Herr Bändel: Ein Fall von interlobärem Empyem mit 
Durchbruch in den Bronchialbaum. 

Bel einem vorher gesunden Patienten, der Epileptiker war, 
entstand ohne sichtliche Ursache ein Eiterherd im rechten untern 
äusseru Thoraxrauin. Der Abszess füllte sich, wie die Teni- 
peraturkurve und ein massenhaftes, periodisch auftretendes Eitel¬ 
sputum lehrte, im Verlaufe von 10 Wochen dreimal und eutleerte 
sich ebenso oft durch Expektoration, beim letzen null eudgiltig. 
woran sich definitive Heilung nnschloss. Diese Erkrankung ging 
im Anfang einher mit einer serösen, gleichseitigen Pleuritis. Trotz 


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MUENCHENER MEDICJNISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


426 

auffälliger physikalischer Symptome — es bestand eine mit Lage¬ 
wechsel nach dem tiefsten Punkte rückende Dämpfung in der 
vorderen und seitlichen unteren Thoraxhälfte — trotz mehrerer 
Röntgendurchleuchtungen- und Photographien, die einen dieser 
Dämpfung entsprechenden, ziemlich gut begrenzten Schatten 
zeigten, gelang es nicht, mit der Punktiousnadel mitten in den 
Eiterherd zu gelangen, obwohl man wahrscheinlich ganz dicht an 
ihn herangekommen war. Die ernstlich in Erwägung gezogene 
Operation konnte bei dem Mangel einer sicheren Lokalisatious- 
diagnose nicht ausgeführt werden. Nach der zweiten Probepunk¬ 
tion, die nur einige Tropfen Eiters lieferte, trat spontan die völlige 
Heilung ein. Die Diagnose wurde mit grosser Wahrscheinlichkeit 
auf ein abgesacktes Empyem zwischen rechtem Mittel- und über¬ 
lappen augesteilt. Ein Lungeuabszess konnte nicht ausgeschlossen 
werden.. Elastische Fasern und Hämntoidiukrystalle fehlten in 
dem rein eitrigen, nicht fötiden Sputum. Von einer Aspiration 
eines Fremdkörpers war nichts bekannt. 


Verein deutscher Aerzte in Prag. 

(Eigener Bericht.) 

Sitzung vom 22. November 1901. 

Herr Friedei Pick berichtet über einen Fall, der klinisch 
als Bronchialasthma imponirte. Die objektive Untersuchung er¬ 
gab ausser Lungenblühuug und linksseitiger Rekurrenslähmung 
nichts Abnormes, die Untersuchung mit Röntgenstvahlen aber 
zeigte einen rnässig breiten Schatten nach rechts in der oberen 
Sternalhälfte. Mit Rücksicht darauf stellte Pick die Diagnose 
auf Aortenaneurysma mit Kompression der Trachea, was die 
Sektion auch bestätigte. 

Herr Lieblein demonstrirt einen vollständig geheilten 
Patienten nach halbseitiger Larynxexstirpation. 

Herr Gottlieb Salus: Bakteriologische Diphtherie¬ 
diagnose. 

Dio Bedeutung des Löffle r’schen Bazillus ist ziemlich 
allgemein anerkannt; L ö f f 1 e r’s Selbsteinwürfe sind widerlegt. 
Der Polymorphismus ist vielfach ein angezüchteter; in den Mem¬ 
branen selbst ist nicht viel davon zu sehen. Salus bringt nun 
einen Beitrag zur Variabilität, indem er Präparate eines Bazillus 
zeigt, der in wenigen Monaten ohne Viruleuzänderung bedeutend 
in seiner Länge nach Thierpassage wegen Verunreinigung mit 
Kokken zurückging. Der Einwand, dass man aus einem Stamme 
zweierlei Kolonien züchten könne, kann veranlassen, darun zu 
denken, dass eine „Gruppe von Bazillen“ vorliegt, aber die bei 
pathogenen Bakterien bestimmende höhere Einheitlichkeit, die der 
Virulenzqualität haben sie alle. Jeder virulente Bazillus erzeugt 
typische experimentelle Meerschweinchendiphtherie; jedes Serum 
schützt gegen jeden Stamm; man kann mitunter Lähmungen, 
in der Kaninchentrachea zumeist Pseudomembraneii erzeugen. 
Auch ist der Bazillus aus allen, wenigstens den schwereren, Fällen 
züchtbar, also wesentlich am Zustandekommen der Diphtherie 
betheiligt. 

Die Unterscheidung von den Pscudohazillen ist nicht schwer. 
Es gibt Bazillen, die im Belag spärlich verkommen; sie sind kurz, 
dick, wenig septirt. Die erste Serumkultur vom Menschen ist 
eine spärliche, nach 20 Stunden bilden sieh hei 35" auf Serum in 
der Regel keine, nie charakteristische B a b c s - E r n s t’sche 
Körner. Da diese so kenntlichen Bakterien obligatorisch jeder 
Spur spezifischer Diphtherievirulenz entbehren, sind sie vou den 
echten streng zu trennen. Nicht so die avirulenten, sonst aber 
mit den echten iil>ereinstimmenden Bazillen. Die Differential- 
diagnose zwischen echten und Pscudohazillen ist leicht möglich; 
man darf aber nur gleich alte, direkt aus dem Menschen gezüchtete 
Senunkulturen vergleichen. Di»* Deekglasprsiparate sind bei- 
zubehalten, erstens kam mau oft aus der grossen Zahl septischer 
Bakterien direkt Diphtherie diagnostiziren, denn den Pseudo- 
bazillen geht das Vermögen ab, Pseudomembranen zu bilden. 
Weiters ist zu bemerken, dass die Kulturen wegen antiseptischer 
Maassnahmen negativ sind, während wegen andauernder Färb¬ 
barkeit der Bazillen »las Präparat positiv ausfällt. Die Kulturen 
hält Vortragender hei 35". untersucht nach 10 und 20 Stunden; 
zur Polfiirhung empfiehlt er das Verfahren nach Piorkowski. 
Zum Schlüsse empfiehlt Salus die bakteriologische Unter¬ 
suchung jedes verdächtigen Falles, weniger aus therapeutischen, 
als aus prophylaktischen Gründen. 

Sitzung vom 29. November 1901. 

Herr Weissbarth demonstrirt ein Mädchen mit ,,Naevi 
unius lateris“. Dieselben linden sich auf der rechten Körper¬ 
hälfte von der Stirnhaargrenze nngefangen diskontinuirlich über 
(Jesicht. Hals. Nacken. Rücken. Brust. Bauch und den unteren 
Extremitäten; auf der Brust und am Rücken scharf begrenzt gegen 


die linke freie Seite, am Hals und Nacken und den Nates auf die 
andere Seite übergreifend. Mit Rücksicht darauf, dass bei dem 
Mädchen ein Pes equinovarus eongenitus vorhanden ist, hält W. 
di»' ueiiropathischc Natur des Prozesses für wahrscheinlich. 

O. W. 


Aus den Pariser medizinischen Gesellschaften. 

AcadSmie de mädecine. 

Sitzung vom 7. Januar 1902. 

Lucien Le Roy- Paris berichtet über seine Erfolge der 
Krebsbehandlung. Demnach ist das Karzinom heilbar durch die 
gleichzeitige Anwendung von Arsenik und Chinin iu der ge¬ 
wöhnlichen therapeutischen Dosis, die jedoch mehr oder weniger 
je nach dem Fall erhöht werden kann. Die Wirksamkeit dieser 
sehr einfachen Behandlung erkläre sich durch die Analogie des 
Krebsparasiteu mit jenem der Malaria. Wenn die Ueberimpfung 
des Krebses beim Thiere möglich ist, so ist dies unter der Be¬ 
dingung der Fall, dass mau die noch lebenden, von Menschen oder 
Thiereu stammenden Krebselemeute auf einen Lupus, auf die 
Wände eines tuberkulösen Herdes u. s. w. überimpft oder rein 
züchtet. Le R o y verspricht, noch eine Reihe weiterer Beobach¬ 
tungen beibringen zu wollen, welche seine Versicherung über die 
Heilbarkeit des Karzinoms durch die angegebene Heilmethode be¬ 
kräftigen werden. 

Bouffe bespricht, die günstige Wirkung der Orchitin- 
injektionen auf die Menstruationsstörungen der anämischen 
jungen Mädchen. B. hat iu den letzten 7 Jahren systematisch die 
intramuskulären Injektionen vou Orcbitin gegen Psoriasis junger 
Mädchen im Alter von 15—27 Jahren angewandt und gleichzeitig 
die günstige Wirkung dieses Medikaments auf die Rückkehr der 
Menses iu Fällen von Chloioauämie uud besonders auf ihre voll¬ 
kommene Reguliruug bei jungen Mädchen, welche ihre Regel nur 
wenig, schlecht oder unregelmässig hatten, konstatirt. Im All¬ 
gemeinen wird dieses gute Resultat schon nach 6—8 Injektionen, 
welche iu dem Intervall vou 2 Menses gemacht werden, erzielt. 
Bei Fortsetzung der Behandlung konnte nach 2—3 Monaten eine 
ganz neue Art der Menses konstatirt werden; dies trat wenigstens 
iu 17 Fällen dieser Art ein, welche zu den 205 Fällen von ver¬ 
alteter und allgemeiner Psoriasis, die B. mit Orchitininjektionen 
behandelt hat, gehören. 

M a t i g n o n, Militärarzt, h»-bt iu einem Berichte über die 
ausserordentliche Häufigkeit der Syphilis in Peking die gleich¬ 
zeitige grosse Seltenheit der Tabes hervor. Obwohl die Syphilis 
bei deu Chinesen sehr schlecht behandelt würde, so sei sie doch im 
Allgemeinen gutartiger Natur. 

Sitzung vom 21. J a u u a r 1902. 

Die Indikationen zur Prophylaxe und Therapie der Lungen¬ 
phthise, begründet auf der Kenntniss ihres Nährbodens. 

A. Robin und M. B i u e t haben ihre Studien über den 
Atiimuugscliemisiuus fortgesetzt und kamen zu dem Ergebnisse, 
dass dieselben nicht nur zur Diagnose dienen, sondern auch deu 
Werth der verschiedenen Behandluugsmethodeu oder Klimate ab- 
zuscliätzeu erlauben. Die Hauptschlüsse des eingeheudeu Berichtes 
sind folgende: 1. Die vermehrte Fähigkeit des Organismus, O zu 
binden and CO a zu bilden, d. b. au sieb selbst zu zehren, bUdet 
wenigstens ein Charakteristikum der Vorstadieu der Phthise uud 
ihres Bodens, welches auch der Ursprung der Prädisposition sei 
(Heredität, Alkoholismus und irgend eine Ueberanstrengung). 
2. Diese Entdeckung zeigt u. n., dass die Zustände des prätuberku- 
löseu Zerfalles von einer vermehrten Lebensthätigkeit (bis zur 
Autokonsumptioii) und nicht, wie man offiziell mit Unrecht lehrt, 
vou einer verminderten Lebensthätigkeit herrührt. 3. Sie zerstört 
alle Ansichten, welche gegenwärtig die Prophylaxe und Behandlung 
der Lungenplitlii.se beherrschen, da dieselbe hauptsächlich in der 
Anwendung tonischer Mittel bestand, deren Eigenschaft ist, die 
Vitalität und »len scholl im Uebcrmaass thätigen Stoffwechsel 
noch mehr auzuregen. 4. Diese Entdeckung lehrt, dass die Pro¬ 
phylaxe der Tuberkulose durch Modifikation ihres Bodens nur 
iu Verordnungen bestehen kann, welche im Stande sind, die Fähig¬ 
keit des Organismus, zu viel O zu binden und zu viel Kohlensäure 
zu erzeugen, d. i. die Selbstzeliruug, zu vermindern. 5. Solche 
Medikamente, deren Verfasser eine grosse Anzahl geprüft haben, 
sind iu erster Linie der Leber thron, das arsensaure K und Na in 
der Dosis von 5 cg, der Tartarus stibiatus in der Dosis von 1,5 cg; 
alter die Arsenpräparate, welcher Art sie auch seien, üben in der 
doppelten Dosis, wie angegeben, eher eine beschleunigende Wir¬ 
kung auf den Stoffwechsel uns. 0. Die Untersuchungen der Ver¬ 
fasser über die Einathmung warmer und trockener, warm-feuchter 
und kalter Luft, über die Kälte- uud Hitzeeinwirkung auf die 
Hnutobertläehe erklären die Klimatotherapie der Phthise. Die Be¬ 
stimmung des respiratorischen Chemismus ermöglicht festzu9telleu, 
ob Höhenluft oder Aufenthalt am Meeresstrande für eineu be¬ 
stimmten Kranken günstig oder ungünstig sind. 7. Diese Art der 
Prophylaxe (durch geeignete Medikamente den Bodeu zu be- 
einiiussni) verdient ebenso die Aufmerksamkeit wie Jene, deu 
Tuboikelbazillus zu verfolgen, und der Kampf gegen die Tuberku¬ 
lös»* kann nur unter Mitwirkung beider erfolgreich sein. Zu deu 
öffentlichen und privaten Maassregeln der Hygiene, welche gegen¬ 
wärtig gegen den Tuberkelbnzillus erlassen sind, muss mau also 
noch die individuelle Untersuchung des Atbimingscheralsmus bei 


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11. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


427 


allen suspekten Personen hinzufügen; und ebenso, wie man gegen 
die Blattern impft, muss man diese Personen prophylaktisch be¬ 
handeln, und zwar mit Mitteln, welche erfahrungsgemiiss die chemi¬ 
schen oderLebensbedingungen des Terrains modifiziren, d.h. die Ver¬ 
mehrung des respiratorischen Stoffwechsels und der Mineralsalz- 
abscheidung. 8. Schliesslich kann auch die Behandlung der aus¬ 
gesprochenen Lungentuberkulose sich nicht allein auf die anti- 
bazilläre Therapie beschränken, sondern sie muss auf den Zustand 
der Abzehrung (Selbstkonsumption) Rücksicht nehmen, welcher 
den Organismus zur Infektion fähig macht, und diesen vermehrten 
Stoffwechsel zu verändern suchen, nicht durch tonische und stiinu- 
lirende Mittel, wie schon hervorgehoben, sondern durch Mittel, 
welche die Selbstzehrung und Bindung des O durch die Gewebe 
beschränken. 


Sitzung vom 28. J a n u a r 1902. 

Die Schutzimpfungen mit Diphtherieheilserum. 

Netter hat im Spital Trousseau an 502 Kindern, welche 
209 Familien angehörten, in denen ein erster Fall von Diphtherie 
vorgekommen war, diese Schutzimpfung vorgenommen. Diese In¬ 
jektionen, in der gewöhnlichen Dosis von 500 Einheiten, boten keiner¬ 
lei Nebenerscheinungen und waren sehr wirksam; es wurden nur 
13 Kinder von der Krankheit ergriffen, 7 in den ersten 24 Stunden 
und 0 nach 1 Monat, in der Periode vom 2. bis zum 29. Tag nach 
der Injektion kam kein Fall vor. Die bakteriologische Unter¬ 
suchung der Mund- und Rachenhöhle von 476 dieser Kinder hat 
150 mal den L o e f f 1 e r’schen Bazillus gezeigt. Die Nützlichkeit 
dieser Injektionen (Impfungen) hat sich nicht weniger deutlich 
durch die Leichtigkeit der vorgekommenen Fälle, als durch die 
ausserordentliche Abnahme derselben gezeigt: die Verhültniss- 
zahl der leichten Fälle ist bei den Immunisirten 77 Proz. und bei 
den nicht Geimpften 20 Proz., die der schweren Fälle bei ersteren 
-- 0. bei letzteren 40 Proz. 

Bonnardiöre und Xanthropoulldes - Beirut 
haben den Pestbazillus im Säugrüssel von Moskitos, welche im 
Zimmer eines Pestkranken gefangen wurden, ohne irgend welchen 
Zweifel (?) gefunden. Impf versuche (!) konnten jedoch nicht an¬ 
gestellt werden. 

Championniire bespricht, die Behandlung des Pes 
varus; die Korrektion wird besonders durch ausgedehnte Knochen¬ 
resektion und frühzeitige Mobillsirung erzielt. Von der postopera¬ 
tiven orthopädischen Behandlung hält Oh. nicht viel. Vorstellung 
eines operirten Falles von doppelseitigem Klumpfuss ohne Equinus- 
stellung. ausgezeichnetes Resultat. 

Soci6t6 de ThSrapeutique. 

Sltznng vom 12. Februar 1902. 

Behandlung der Zitterbewegungen mit den subkutanen Injek¬ 
tionen von Hyoscinium bromhydricum. 

Das bromsanre Hvoscin ist häufig als beruhigendes Mittel 
angewandt worden, und zwar mit wechselndem Erfolge. Viel 
eher hat es nach den Erfahrungen von A. Robi n eine konstantere 
sedative Wirkung (auf die Zitterbewegungen) als eine beruhigende 
bei psychischer Aufregung. Es wurde von ihm bei der Sy den - 
h a m’schen Chorea, beim senilen Zittern und bei der Par- 
klnson’schen Krankheit angewandt: subkutan in der Dosis von 
1 /,„ bis •/. mg. bei Jeder Injektion um */,,, mg steigend und nach 
1 mg wieder bis auf */,„ mg herabgehend, auf welcher Dosis man 
dann stehen bleibt. In einem Falle von P a r k 1 n s o n’scher 
Krankheit mit sehr intensivem Zittern (Paralysls agitans) war die 
Besserung eine derartige, dass Patient seiner Beschäftigung wieder 
naehgehen konnte. 

Die Kartoffelkur bei den chirurgischen Komplikationen des 

Diabetes. 

Messt 1 bringt in Ergänzung seiner früheren Mittheilung 
tsiehe diese Wochenschrift 1909 na". 212) 2 Beobachtungen, welche 
den günstigen Einfluss der Kartoffeldiät bei diesen Komplikationen 
lllustriren. Es handelte sich um ausgedehnte phlegmonöse Pro¬ 
zesse an den Unterextremitäten bei einem männlichen und einem 
weiblichen Patienten, welche trotz multipler Tnzisionen einen pro¬ 
gressiven Charakter annahmen. vom Tage der Kartoffeldiät 
1—iv, kr pro Tag) an aber zurückgingen und zur Heilung kamen, 
ebenso wie die anderen Symptome des Diabetes sich besserten. 
M. führt den günstigen Einfluss der Kartoffeldlät auf die Alkalien, 
besonders die Kalisalze zurück, glaubt aber, dass auch das Mangan 
eine gewisse Rolle sniele. 

Po u c h et meint, dass dieser günstige Einfluss dem speziellen 
Zustande der Kohlehydrate in Gegenwart des Kaliums zuzu¬ 
schreiben sei. da man mit anderen Vegetabilien. welchen Kal. citr. 
beigesetzt ist. keineswegs den Erfolg wie mit den Kartoffeln er¬ 
zielt. 

L i n o s s I e r hält die günstige Wirkung der Kartoffeln nur 
für eine relative, sie seien eben von allen Amylaceen die am 
wenigsten schädlichen. Stern. 


IV. Internationaler Konqress für Gynäkologie und 
Geburtshilfe 

zu Rom vom 15.—21. September 1902 
Die internationale Gesellschaft für Gynäkologie und Geburts¬ 
hilfe hat beschlossen, Ihren IV. Kongress im Jahre 1902 ln Rom 


abzuhalten. Es hat sich desshalb zu Rom auf Anregung der 
italienischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie ein 
Organisationskomitö gebildet. Der Kongress wird vom 15.—21. Sep¬ 
tember in Rom stattfinden, und zwar unter dem Allerhöchsten 
Protektorate Sr. M. des Königs von Italien und unter dem Ehreu- 
vorsitz der Herren Minister des Unterrichts und des Handels, Exz. 
N a s i und Exz. B a c c e 11 i. 

Auf der Tagesordnung stehen die folgenden wissenschaft¬ 
lichen Fragen: I. Ueber die medizinischen Indikationen zur Ein¬ 
leitung der Geburt; II. Die Hysterektomie in der Behandlung des 
Wochenbettfiebers; III. Die operative Behandlung des Gebär¬ 
mutterkrebses; IV. die Tuberkulose der weiblichen Geschlechts- 
tlieile. 

Das Komitee besteht aus den Herren: Prof. E. Pasquali. 
I. Vorsitzender; Prof. O. M o r I s a n i - Neapel, Vorsitzender der 
Geburtshilf licDen Abtheilung; Prof. L. Mangiagalli - Pavia, 
Vorsitzender der Gynäkologischen Abtheilung; Prof. E. Pesta- 
1 o z z a, Haupt-Schriftführer; Dr. M i c h e 1 i - Rom, II. Haupt- 
Schriftführer und Schatzmeister; Prof. Calderini, Guzzoni, 
Negri und T r u z z i, Ausschussmitglieder: Dr. Caruso, 
Michel I, Regnoli, Rossi und Doria, Schriftführer. 

Der Beitrag als Mitglied des Kongresses beträgt 25 Fr. und 
verleiht das Recht auf den Bezug der gedruckten Kongress¬ 
verhandlungen. Der Mitgliedsbeltrag für Damen beträgt 10 Fr. 
Der Beitrag ist an den Schatzmeister des Komltee’s, Herrn 
Dr. M 1 c h e 1 i (Rom, 127, Via Rasella) einzusenden. 

Eine Zusammenfassung der dem Kongress vorzulegenden 
Referate wird den eingeschriebenen Mitgliedern Im August zu¬ 
gehen. 

Anmeldungen von Vorträgen werden, wenn irgend möglich, 
mit kurzer Inhaltsangabe, an den Hauptschriftführer des 
Komitee's, Herrn Prof. Pestalozza (Florenz, 00, Via Alfani). 
spätestens bis zum 31. Mai 1902 erbeten. 

Die offiziellen Kongresssprachen sind Italienisch, Französisch. 
Englisch, Deutsch und Spanisch. 


Auswärtige Briefe. 

Berliner Briefe. 

(Eigener Bericht.) 

Darf der Arzt ohne Einwilligung des Patienten eine 
lebensrettende Operation vornehmen ? — Ist es mit der 
Standeswürde vereinbar, mit im Auslände approbirten Aerzt- 
innen zusammen zu wirken? 

Vor einigen Wochen wurde in der „Berliner medizinischen 
Gesellschaft“ in sehr lebhaften Debatten die Frage erörtert, ob 
der Arzt das Recht hat, zur Rettung bezw. zur Verminderung 
der Lebensgefahr für die Mutter das Kind zu tödten. Das Straf¬ 
gesetzbuch gibt darauf keine ganz eindeutige Antwort, die Kom¬ 
mentare über die betreffenden Gesetzesparagraphen ebenfalls 
nicht, und die Ansichten der ärztlichen Autoritäten gehen darin 
recht weit auseinander. Daraus ergibt sich, zum wenigsten in 
der Theorie, eine Reehtsnnsieherhoit für den Arzt, die aber da¬ 
durch an Bedeutung verliert, dass in praxi noch niemals ein Arzt 
wegen des erwähnten Vergehens angeklagt, geschweige denn ver- 
urtheilt. worden ist. Dagegen ist in diesen Tagen hier eine in 
das ärztliche Berufsleben noch viel einschneidendere Frage zur 
forensischen Behandlung gekommen, bei der es sich darum han¬ 
delte. oh der Arzt an einem Patienten eine andere als ursprüng¬ 
lich beabsichtigte Operation vornehmen darf, wenn sie sich zur 
Rettunsr des in Lebensgefahr befindlichen Patienten nothwendig 
erweist, und Letzterer tim seine Einwilligung nicht, befragt 
werden kann. Dem Prozess, welcher in weitesten Kreisen Auf¬ 
sehen erregte und für die ärztliche Welt ein über den Einzelfall 
weit hinnusgehendes allgemeines Interesse hat., lag folgender 
Sachverhalt zu Grunde. Dem bekannten Gynäkologen, Prof. 
Dührssen, war eine Frau zur Behandlung überwiesen worden, 
welche an einer Retroflexio uteri litt und desshalb steril war. 
Sie war 45 Jahre alt. gab aber fälschlich ihr Alter auf 42 Jahre 
an und hatte, ebenso wie ihr Mann, den dringenden Wunsch. 
Kinder zu bekommen; da andere Behandlungsmethoden erfolglos 
geblichen waren, erklärten sie sich mit der operativen Beseitigung 
der Retroflexio einverstanden. Nachdem Dührssen die Frau 
in der für die Operation vorbereiteten Narkose untersucht hatte, 
schritt er zur Operation: während derselben trat eine starke 
Blutung aus dem mvomntösen Uterus ein. die trotz Unter¬ 
bindungen nicht zu stillen war. Um den Vorhintungstod zu ver¬ 
hüten. musste er sich zur Totnloxst.irpation ontsehliossen, welche 
auch erfolgreich au«goführt. wurde. Lange nachdem die Frau 
nach Hau«=e zurüekgekehrt war. fiel es dem Manne ein, dass er 
vielleicht Schadensersatzanspriiehe geltend machen könne, und 
reichte eine Denunziation wegen Körperverletzung ein, dg or zu 


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428 MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 10. 


der grösseren Operation seine Einwilligung nicht gegeben hätte. 
Auf Grund eines Gutachtens des Medizinalkollegiums der Provinz 
Brandenburg und der wissenschaftlichen Deputation für das 
Modizinalwesen wurde die Anklage erhoben und zwar sehen diese 
Gutachten, welche sieh lediglich auf das Aktenmaterial stützen, 
einen Verstoss darin, dass I) ii h r s s e n überhaupt die Operation 
vorgenommen habe. Durch seine Untersuchung hätte er zu der 
Ansicht kommen müssen, dass die Operation eine gefährliche 
werden, und dass der angestrebte Zweck mit grösster Wahrschein¬ 
lichkeit nicht erreicht werden würde. Dann hätte er die Pa¬ 
tientin aus der Narkose erwachen lassen, ihr die Aussichten der 
Operation Vorhalten und nochmals ihre Einwilligung einholen 
sollen. Da cs sich um eine Operationsmethodo handelte, die 
Dührssen selbst in die operative Gynäkologie eingeführt, und 
die er in vielen hundert Fällen mit bestem Erfolge angewandt 
hatte, so erkannte das Gericht seinen Standpunkt, dass er auf 
Grund seiner Erfahrungen die Operation weder für eine gefähr¬ 
liche, noch für aussichtslos halten musste, als berechtigt an; 
damit fällt al>er der einzige Vorwurf, der ihm gemacht wurde, 
weg. Dass er es dann vorzog, der Patientin auch ohne ihre Ein¬ 
willigung durch Entfernung des Uterus das Leben zu retten, 
anstatt sie verbluten zu lassen, rechnete ihm das Gericht trotz der 
juristischen Strittigkeit der Frage nicht als Vergehen an und 
gelangte daher zur Freisprechung. So hat zwar auch in diesem 
Falle die juristische Praxis dem Arzt, der sich in einem Konflikt 
zwischen seinem Gewissen und dem Wortlaut des Strafgesetz¬ 
buches befindet, Schutz gewährt. Aber nichts garantirt für eine 
Wiederkehr solcher Prozesse und nichts für eine gleiche Ent¬ 
scheidung in einem ähnlichen Fall, denn immerhin hatte der 
Staatsanwalt eine Geldstrafe beantragt. Und darum drängen sich 
trotz der Freisprechung noch eine Reihe recht beunruhigender 
Kragen auf. Kann selbst die glänzendste Freisprechung für allo 
die ausgestandenen Sorgen, die Aufregungen, die schlaflosen 
Nächte eine, Entschädigung gewähren? In diesem Falle war der 
Angeklagte eine bekannte Autorität, dessen wissenschaftliche 
Ansicht ebenso schwer in die Wagschale fällt, wie die jedes Gut¬ 
achters. Wie al>er, wenn es sich um einen der vielen tausend 
Aorzte handelt, die ihre schwere Berufspflicht gewissenhaft er¬ 
füllen. im Uebrigen aber aus der Menge ihrer Kollegen nicht 
hervorragen? Wenn auch durch die Verhandlung seine Unschuld 
zur Evidenz erwiesen wird, genügt nicht die Anklage allein, um 
seine ganze Existenz zu vernichten! Soll sich künftig der Ope¬ 
rateur einen Revers unterschreiben lassen, der ihm das Recht 
sichert, den Operationsplan nach seinem Ermessen zu ändern, der 
aber auf den Patienten den Eindruck macht, dass er sich dem 
Arzte auf Gnade und Ungnade übergebe,? Und wenn der Arzt sich 
dazu mit Rücksicht auf den Seeionzustand des Kranken nicht ent- 
schliesst, wie muss es seine Thatkraft und seine Borufsfreudig- 
keit lähmen, wenn er mit dem Gedanken an den Staatsanwalt an 
eine Operation herangeht! Und schliesslich ist nicht zu be¬ 
zweifeln, dass die Kurpfuscher und die ihnen dienende Presse 
den Fall ausnutzen werden, um einem urtheilslosen Publikum das 
Schreckgespenst des ..operationslustigen Schulmediziners“ in 
blutigen Farben zu malen; für die Allgemeinheit aber kann es 
nur schädlich sein, wenn das Vertrauen zu der ärztlichen Kunst 
und ihren, gerade auf dem Gebiet der Chirurgie so segensreichen 
Erfolgen noch mehr erschüttert wird. Vielleicht hat die öffent¬ 
lich Besprechung dieses Falles wenigstens das eine Gute zur 
Folge, dass eine gesetzliche Bestimmung veranlasst wird, welche, 
«lern Arzt den Schutz gewährt, den sein Beruf erfordert. 

Eine weniger aufregende, aber doch nicht unwichtige Frage 
wurde kürzlich vor dem Ehrengericht zur prinzipiellen Entschei¬ 
dung gebracht. Die Berlin- Brandenburger Aerztekammer hatte 
«■ine Resolution angenommen, welche „das Zusammenwirken von 
Aerzten mit nicht npprobirten Personen als im höchsten Grade 
die Würde und das Ansehen des ärztlichen Standes schädigend“ 
l>ezeiehnete. Ein hochangesehenes Mitglied der Kammer fühlte 
sich durch diesen Beschluss getroffen, weil es an einer Ka^se 
tliätig war. bei der auch eine in der Schweiz approbirte Aerztin. 
also im Sinne des Gesetzes eine „nicht approbirte Person“, ange- 
stellt war. und das umsomehr, als in der betreffenden Kamnier- 
sitzung auch das Zusammenwirken mit im Ausland approbirt.cn 
Aerzten als unter diesen Beschluss fallend bezeichnet wurde. Da 
der Kollege aber das Bewusstsein, standesunwürdig gehandelt 
zu haben, durchaus nicht hatte, so legte er seine Stellung nicht 


nieder, sondern beantragte gegen sich ein ehrengerichtliches Ver¬ 
fahren. Dieses Verfahren endigte mit seiner Freisprechung, 
ohne das9 der Vertreter der Anklage eine Anklage erhoben oder 
einen Antrag gestellt hatte. Das Ehrengericht ging von dem 
Standpunkt aus, dass die in andern Kulturstaaten approbirten 
Aerzte von den deutschen Aerzten stets als Kollegen betrachtet 
und behandelt werden, und dasselbe habe auch für den Fall zu 
gelten, dass es sich nicht um einen Arzt, sondern um eine Aerztin 
handelt. Die Mehrzahl der Aerzte wird diesen Standpunkt, 
theilen, wobei die Frage, von der Frauenfrage im Allgemeinen 
und von der Zulassung von Frauen zum medizinischen Studium 
völlig zu trennen ist. Man kann ein Gegner der Frauenbewe¬ 
gung sein, man kann die Uebcrtragung von den Aerzten vor- 
behnltenen Rechten an im Ausland approbirte Personen als gesetz¬ 
widrig bekämpfen; aber die im Ausland approbirten Kollegen, 
gleichviel ob sie männlichen oder weiblichen Geschlechts sind, 
als Kollegen zu behandeln, kann niemals standesunwürdig sein, 
sondern muss viel eher als eine Pflicht der internationalen Kolle¬ 
gialität betrachtet worden. Aber abgesehen von dieser Prinzipicn- 
fragc als solcher, lehrt die ehrengerichtliche Entscheidung auch 
noch, wie misslich es. zumal bei der Standesorganisation in 
Preussen. ist, allgemeine Bestimmungen über Standesehre und 
Standespflichten zu erlassen. An solche Beschlüsse der Aerzte¬ 
kammer ist «las Ehrengericht in keiner Weise gebunden, es ist in 
winon Entscheidungen völlig souverän und trifft sie ausschliess¬ 
lich auf Grund des im Einzelfall vorliegenden Sachverhalts. 
Dabei kann es denn geschehen, dass die Entscheidung, wie hier 
geschehen, im Widerspruch steht zu der von der Aerztekammer 
vertretenen Anschauung, und ein solcher Widerspruch sollte 
unter allen Umständen vermieden werden. Bei der Berathung 
über eine Standesordnung hatte derselbe Kollege den Standpunkt 
vertreten, dass es am besten wäre, überhaupt keine Standesord- 
nung zu erlassen, da eine solche, bei der nothwendigen allge¬ 
meinen Fassung, Bestimmungen, die für alle Fälle anwendbar 
seien, nicht enthalten könne, wohl aber dem Ehrengericht recht 
unbequeme Fesseln auferlegen könne; die hier getroffene Ent¬ 
scheidung scheint ihm Recht zu geben. M. K. 


Wiener Briefe. 

(Eigener Bericht.) 

Wien, 8. März 1902. 

Eine Petition der Mediziner. — Die Verbesserung des 
öffentlichen Sanitätswesens. — Operative Behandlung des 
Ascites bei Leberzirrhose. — Blaues oder weisses Licht. 

Fine im Juni des Vorjahres stattgehabte Medizinerver¬ 
sammlung batte auch einen ständigen Vollzugsausschuss einge¬ 
setzt, der erforderlichen Falles das ihm als nothwendig Erschei¬ 
nende sofort veranlassen könne. Dieser Ausschuss hat nun vor 
einigen Tagen eine Versammlung der Wiener medizinischen 
Studentenschaft einberufen und mehrere hundert Studenten und 
junge Aerzte waren dem Rufe gefolgt. Ueberdies waren zahl¬ 
reiche ordentliche und ausserordentliche Professoren, Spitals¬ 
leiter, Primarärzte etc. über Einladung erschienen. Auf der 
Tagesordnung war diesmal die Berathung und Beschlussfassung 
einer Denkschrift, welche dem medizinischen Professoren¬ 
kollegium überreicht werden solle, damit dieses an geeigneter 
Stell«» das Petitum der Studentenschaft befürworte. 

Tn dieser Denkschrift wird ausgeführt, dass schon die medi¬ 
zinische akademische Jugend von tiefster Beunruhigung und 
grösster Sorge um die Zukunft erfasst werde, wenn sie sehen 
dass alle Bestrebungen der berufenen ärztlichen Faktoren zur 
Verbesserung der Lage von keinem irgendwie beachtenswertlien 
Erfolge begleitet seien. Nach Ablegung aller Rigorosen müsse 
der junge Arzt in einer Rpitnlsabtheilung unentgeltlich prakti- 
ziren und hiebei zur Ertheilung von Lektionen oder oft noch 
elenderen Nebenverdiensten greifen, um existiren zu können. 
Ohne einen Heller Entschädigung lasse der Staat jahrelang den 
jung promovirten Arzt für sich arbeiten. Hierbei leide der Haupt¬ 
zweck des Spitaldienstes, die gründliche praktische 
Ausbildung des Arztes. 

Tn eingehender Weise werden sodann die Nachtheile des 
medizinischen Berufes überhaupt geschildert und dargethan, dass 
Juristen, Philologen, Techniker etc. im Staatsdienst© viel rascher 


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11. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


und in die höheren Rangklassen gelangen als die ärztlichen Be¬ 
amten mit ihrem gefährlichen und aufreibenden Dienste. „Ein 
graduirter Doktor durch Jahrzehnte im Range eines kleinen 
Hilfsbeamten oder eines Wachinspektors! Welche Demüthigung 
für den medizinischen Stand, welche trüben Ausblicke für den 
Studenten . . . Die Aurea praxis ist ein Handwerk geworden, 
an ihre Stolle ist nur ein ausgewachsenes Aerzte - 
olend getreten.“ Das ist der Grund, dass die Zahl der 
Mediziner von Jahr zu Jahr abnehme. Wenn dies den Studenten 
und Aerzten nur recht sein müsse, so sollte der Staat doch anderer 
Ansicht sein, denn mit dem Sinken der Acrztezahl steigen die 
sanitären Gefahren für die Gesellschaft. 

Nachdem Staat, Land und Gemeinden bloss solche AerzJc 
anstellen, welche eine mehrjährige Spitalspraxis aufweisen, der 
Mediziner resp. junge Arzt eine solche Praxis aber derzeit nicht 
mehr ohne Entgeld leisten könne, zumal er überdies als 
Aspirant eines Krankenhauses, oft mit Gefährdung seines Lebens, 
die geregelte Spitalsbehandlung ermögliche, wird gebeten: der 
Staat gewähre allen mittellosen, eben promovirten Aerzten be¬ 
hufs gründlicher Ausbildung Staatsstipendien im Betrage von 
500 Gulden (1000 Kronen) für die Dauer eines Jahres. 

Es ist das erste Mal, sagt der Vorsitzende dieser Versamm¬ 
lung, dass die Studentenschaft einen Schritt thut, welcher von 
sozialpolitischer Bedeutung ist, und weil wir auch das Recht 
haben, einen Schritt zu thun, welcher unsere nächste Zukunft 
betrifft, wollen wir hoffen, dass unsere gerechte Sache von Er¬ 
folg begleitet sei. — Selbstverständlich wurde die Denkschrift 
von der Studentenschaft mit grossem Beifall aufgenommen. Es 
sprachen sodann die Vertreter des Hilfsärztevereins und der 
Wiener Aerztekammer, sodann Prof. N e u s s e r und der der¬ 
zeitige Dekan Prof. Kolisko, welche sämmtlich die Wünsche 
der Studentenschaft vollkommen anerkannten und deren Be¬ 
strebungen zu fördern versprachen. Die Versammlung verlief in 
der würdigsten Weise und schloss mit einem noch auf die Pro¬ 
fessoren. 

Im österreichischen Abgeordnetenhause wurde an demselben 
Tage Sektionschef Dr. Kusy, der oberste Referent für Medi¬ 
zinalangelegenheiten des Reiches, nach einer längeren Rede, in 
welcher er die Fortschritte unseres öffentlichen Sanitätswesens 
darlegte, von zahlreichen Abgeordneten beglückwünscht, Dr. 
Kusy hatte mit seiner Rede einen schönen, unbestrittenen Erfolg. 
Dr. Kusy weiss aber auch, dass er diesen Erfolg bloss seinen ärzt¬ 
lichen Mitarbeitern bis auf den letzten Gemeindearzt verdanke, 
er versichert die Aerzte darum jederzeit und allerorten der be¬ 
sonderen Sympathien der h. Regierung — leider bloss der¬ 
selben h. Regierung, welche bisher alle noch so gerechtfertigten 
Wünsche der Aerzteschaft (vido Meisterkrankenkassen etc.) un¬ 
berücksichtigt liess. Dass den Aerzten mit dieser platonischen 
Liebe der h. Regierung nicht geholfen ist, daran wird Herr 
v. Kusy auch einmal glauben müssen und mit ihm alle jene 
maassgebenden Faktoren, welche die jetzige gewaltige Gährung 
in der Aerzteschaft ihrem vollen Gewichte nach noch nicht zu 
l>eurtheilen vermögen. Schon unsere nächsten Nachfolger werden 
mit ihrem greifbareren sozialpolitischen Verständnisse ganz 
andere Ansprüche an den Staat und die Gesellschaft stellen. Das 
lehrt uns die Denkschrift der Mediziner von heute, deren In¬ 
halt wir oben skizzirten. 

Doch — wir wollten ja von den Fortschritten des öffent¬ 
lichen Sanitätswesens sprechen. Dr. v. Kusy führte aus, dass 
wir jetzt in manchen Jahren in allen Kronländern Oester¬ 
reichs nicht zehn Blatterntodesfälle gehabt, während im Jahre 
1873 allein 65 000 vorgekommen sind. Die Beschaffung reiner 
Lymphe zur Kinderimpfung aus einer staatlichen Anstalt, welche 
während ihres 8 jährigen Bestandes mehr als 5 Millionen Por¬ 
tionen von diesem Impfstoffe erzeugt hat, die systematische 
Durchführung der Impfung und Revaccination bei Soldaten, 
Schulkindern etc. hat dieses erfreuliche Resultat gefördert. Es 
ist auch gelungen, die Diphtheriesterblichkeit durch ein ähn¬ 
liches staatliches Institut herabzumindem und es ist auch ge¬ 
lungen, die Typhus- und Ruhrsterblichkeit herabzusetzen, so 
zwar, dass, während im Jahre 1892 die Sterblichkeit an Infek¬ 
tionskrankheiten die Ziffer von 186 000 erreichte, den 6. Theil 
der gesammten Sterblichkeit — trotz des Anwachsens der Be¬ 
völkerung in diesem Zeiträume um 2Vs Millionen —, dio Sterbe¬ 
fälle an Infektionskrankheiten im Jahre 1900 um 50 000 geringer 


429 


waren. Während in Oesterreich vor 10 Jahren rund 700 000 
Todesfälle vorgekommen sind, hat sich im Jahre 1900 dio Zahl 
der Todesfälle bis auf 510 000 ermässigt. Die staatliche Sanitäts¬ 
verwaltung kann daher mit einiger Befriedigung zurückblicken. 

Der Redner besprach sodann die Vorkehrungen der Re¬ 
gierung für den Fall des Auftretens von Epidemien, die Art der 
Bekämpfung der Pellagra in Dalmatien, die Vorkehrungen zur 
Eruirung und Tilgung von Idiotismus und Kretinismus in 
unseren Alpenländern (es soll noch immer mehr als 20 000 Kre- 
tinöse geben) und kam zum Schlüsse auf die Irrenpflege, welche 
wichtige Frage in Folge der Berathung einer ad hoc einberufeneu 
gemischten Kommission ebenfalls einer gedeihlichen Lösung zu¬ 
geführt werde. Hier werde die gewünschte Reform bald in An¬ 
griff genommen werden. 

ln unserer Gesellschaft, der Aerzte berichtete letzthin Prof. 
Dr. J. Pal über 7 Fälle, in welchen auf seine Veranlassung vom 
Dozenten Primararzt Dr. Rud. Fran k eine operative Behand¬ 
lung des Aszites bei Leberzirrhose nach Talma vorgenommcu 
wurde. Zwei geheilte Fälle wurden vorgestellt. 

Der erste von diesen, ein Aufseher, ist jetzt 48 Jahre alt, 
war seit seinem 20. Lebensjahre Potator. Die Oi»eration wurde 
am 15. Januar 1901 in lokaler Anästhesie vorgenommen, und 
zwar wurde das Netz an die vordere Bauchwand angenäht. Der 
Kranke konnte am 12. Februar 1901 entlassen werden. Einige 
Tilge nach der Entlassung stellten sich bei demselben Anfälle 
von epileptischem Charakter ein, auch vorübergehend halbseitige 
Parese und wiederholte Häinatemesis. Die Anfälle blieben nach 
Darreichung von Brom aus. Der Operirto erholte sich rasch, 
nahm an Körpergewicht zu und kam dieser Tagt: wieder, um 
sich ein Gesundheitsattest zu holen. Alkoholgenuss jetzt ein Glas 
Bier im Tage. — Der zweite Fall betrifft einen 47 jährigen Fass¬ 
binder, den der Vortragende bereits wegen seines Aszites wieder¬ 
holt punktirt hatte. Operation am 12. November 1901. Seither 
Wohlbefinden, Alkoholgenuss aufgegeben. In beiden Fällen ist 
der Aszites nicht wiedergekehrt. 

Eine Zusammenstellung der Literatur ergibt, dass bisher mehr 
als 60 Fälle derart operirt wurden mit etwa zwei Fünftel gün¬ 
stigen Resultaten. Von den 7 Fällen des Vortragenden sind 2 
gestorben, doch nicht im Anschluss an die Operation. Der eine 
Fall betraf eine jugendliche Zirrhose mit Ikterus, bei welcher der 
Aszites wiederkehrte und der Tod im Koma an Pneumonie 
erfolgte. Der andere Fall war der einer 52 jährigen Frau, die 
sich nach der Operation gut erholte, doch rezidivirte der Aszites 
und sic starb ein Jahr nach dem Eingriff an Kachexie. Im 
weiteren 3 Fällen stellte sich der Aszites wieder ein. Zwei der¬ 
selben stehen wieder in Beobachtung des Vortragenden und 
mussten wieder punktirt werden. 

In der Diskussion hob Prof. v. Eiseisberg hervor, dass 
in seinen Fällen das einfache Einnähen eines Netzzipfels sieh 
oft als genügend erwies, so dass in einem zweiten Akte noch die 
Milz eingenäht werden musste. Heber seine Resultate halie Dr. 
Bunge am letzten Chirurgenkongress ausführlich referirt. 
Primararzt Dr. R. Frank berichtete, dass das Netz zumeist 
knollig geschrumpft, atrophisch, manchmal zu einem schmalen 
Bande am Kolon zusammengezogen war. Da der Zweck der 
Operation nach Talma die Schaffung von Anastomosen ist. 
so dürfte der Erfolg der Operation von der Ausbildung der Ge¬ 
fasste in dem fixirten Netze abhängig, der Misserfolg bei gefiiss- 
armer Beschaffenheit des angenähten Netzes in diesem Umstande 
begründet sein. Schlechte Beschaffenheit des Netzes kann die 
an sich einfache Operation bedeutend erschweren. 

Wir halben vor einiger Zeit über dio angeblich günstigen 
Resultate lierichtet, welche Dr. Kaiser bei Einwirkung der 
Strahlen von Glüh- und Bogenlampen mit Vorgesetzten blauen 
Glasscheiben oder blauen Glaslinsen auf Bakterienkulturen resp. 
auf die mensc hliche Lu ngentuberkulose erzielt hat. Seither 
haben in zwei Sitzungen vier Kodner diese Resultate bezweifelt 
oiler das ganze Verfahren als werthlos bezeichnet. Prof. Schiff 
verwies die blauen Strahlen und ihre Wirkungen in das Reich 
der „blauen Wunder“. Dr. Holzknecht führte des Weiteren 
aus, dass eine kurative Tiefenwirkung von diesen Strahlungen 
absolut nicht zu erhoffen sei. Das Gesetz steht fest. da-*s jede 
Strahlung das Maximum ihrer Wirkung an der Oberfläche habe, 
in der Tiefe trete daher selbst bei Röntgenstrahlen erst hei 
Intensitäten, welche die Oberfläche gangränös machen, eine 


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430 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


minimale Wirkung ein. Von dieser, übrigens nicht neuen Me¬ 
thode, sei also nichts zu erwarten. l)r. L. Freund polemisirto 
gegen die angeblich eminent bakterizide Wirkung des blauen und 
ultravioletten Lichtes und führte aus, dass zur Erzielung eines 
thernpeutischen Effektes die anderen Bestandtheile des Spek¬ 
trums ebenso gute Dienste leisten wie das blaue, ultraviolette 
Lieht. Auch Einsen hat die Blaufilter verworfen und er¬ 
zielte nunmehr mit dem weissen Lichte schnellere Resultate. 
Auf neueren Erfahrungen basirend, schlägt Dr. Freund sogar 
vor. dass man Ihm weiteren Arbeiten, namentlich bei Behand¬ 
lung von (5esehwürsproz(*sscn, auf die Wärme- und rothen 
Strahlen als auf wichtige therapeutische Komponenten nicht ver¬ 
zichten, sondern dieselben nur insoweit schwächen sollte, bis sie 
den Patienten nicht belästigen. Zuletzt theilte Dozent Dr. 
Kraus mit, dass Dr. Kaiser seine Versuche gar nicht au 
Tuberkelbazillenkulturen angestcllt habe; dessen Kulturen be¬ 
standen aus Kokken und Sarcinen. Al it dem von Dr. Kaiser 
dem Redner zur Verfügung gestellten Apparate wurden diese 
Versuche an mehreren Bakterienarten wiederholt, eine bakterizide 
Wirkung des blauen Lichtes wurde nicht konstatirt, die An- 
gal>en Dr. Kaiser’s seien also nicht richtig. 


Verschiedenes. 

Aus den Parlamenten. 

Deutsch e r Reichst a g. 

Zur Abwechslung kam es wieder einmal zu einer grösseren 
I mpfilclialto. in der sieh die Abgeordneten Thiele und 
Hei ss h an s als Impfgegner hervorthaten, während der Abg. 
Sanitätsrath I)r. Endemann für den Impfzwang ein trat und 
der Rcgierungskomniissar Gell. Rath Ru mm denselben mit Hin¬ 
blick auf die anderwärts wieder stärker grassirenden Blattern¬ 
epidemien für doppelt geboten erklärte. 

R a y e r i s c h e r L a n <1 t a g. 

Reim Kapitel l'utersueliuiigsanstalten für Nahrungs- und Ge- 
iiussmittel gal» «s eine eingehende Erörterung über den Vollzug des 
neuen Weingesetzes. wobei die Abgeordneten aus den Weingebieten 
die Vorschriften über die Kellerkolitrole als ungenügend und un¬ 
klar bemängelten lind damit die Beamten der Untersuelmngs- 
anstaltcn oder eigene sachverständige Weininspektoren betraut 
wissen wollten. Für die Aerste ist aus der ganzen Debatte das 
von Interesse, dass der vieigosclimähte Alkohol in reiner, natür¬ 
licher Form erhalten werden soll und dass die Abgeordneten¬ 
kammer für den guten Ruf der Pfälzer Weine ebenso treu besorgt 
Ist, wie für den des bayerischen Bieres; so wurde über eine Pe¬ 
tition der Weizenbierbrauer, den Zusatz von Zucker bei Bereitung 
von Weizenbier zu gestatten, zur Tagesordnung iiborgegangen, 
weil an dem Grundsatz der ausschliesslichen Verwendung von 
Wasser, Hopfen und Malz zur Bierbereitung nicht gerüttelt worden 
darf. 

Der Abg. Segitz brachte beim Kapitel „Kosten auf den 
Vollzug der Reiehsgesctze über Unfall- und Invalidenversicherung“ 
eine Reihe von Klagen über das Landosversichorungsamt, die 
bayerische Raugewerkshorufsgenossonschaft und vor Allem über 
die Vertrauensärzte vor. Die seinerzeitigen Ausführungen S t r ti m- 
p e 1 l’s, dass der Gedanke, mühelos und ohne Arbeit ein be¬ 
st imnites Einkommen zu gewinnen. Manchen zur Vergrösserung 
oder Erheuchelung von Beschwerden verlocke, benutzte er, um 
daraus die Unparteilichkeit und Unbefangenheit der Vertrauens¬ 
ärzte überhaupt anzuzweifeln. Dass eine solche menschliche 
Schwäche, aus einer körperlichen Beschädigung eine Einnahme¬ 
quelle zu machen, thatsäehlieli besteht, weiss Jeder, der mit 
Krankenkassen, privaten und öffentlichen Unfallversicherungs¬ 
gesellschaften mul mit Entschädigungsprozessen zu thun Hat. der 
Herr Abg. Segitz selbst wohl auch. Wenn er weiterhin die 
Aerztc angriff, welche Gutachten nusstellen, ohne den Verletzten 
untersucht zu haben, so hätte er noch viel mehr das bemängeln 
müssen, dass die Schiedsgerichte sich eine Bourtheilung des Ge¬ 
sundheitszustandes und der Erwerbsfähigkeit Zutrauen, obwohl sie 
den Verletzten oft nicht sehen lind ilm überhaupt nicht unter¬ 
suchen können. Es kann recht wohl auch auf Grund der 
Akten ein vertrauensärztliches Gutachten abgegeben werden, ins¬ 
besondere dann, wenn bereits durch einen oder mehrere Aerztc 
der Befund genau erhöhen ist und es sieh lediglich um eine Ab¬ 
schätzung der Erwerbsfähigkeit nach Prozenten in sogen, glatten 
Fällen handelt. Allerdings besitzt ein derartiges Gutachten, das 
sich auf anderweitige Beobachtungen stützen muss, niemals die 
gleiche Zuverlässigkeit und Beweiskraft, wie ein auf persönlicher 
Beobachtung ruhendes Gutachten. Die letztere Art verdient daher 
immer den Vorzug. Es geht jedoch zu weit, aus einzelnen, nicht 
näher koutrolirbaren Angaben den Schluss zu ziehen, dass das 
vielfach bewährte System der Vertrauensärzte absolut ungeeignet 
sei und unbedingt abgeschafft werden müsse. 

Zur FJirder u n g de r W o h n u n g s p f I e g e wurde der 
geforderte Betrag von .'MiOOdO M. genehmigt. Bei Besprechung 
des Postulates wurde zum-3. Male der Vorwurf erhoben, dass die 
Verordnung über die Wohnungsaufsicht ungenügend sei und Alles 
von den Schultern des zunächst verptiiehteten Staates auf die Ge¬ 
meinden abwälze. Demgegenüber wies der kgl. Staatsmiuister 


auf die unangenehme Einwirkung eines zu stürmischen Vorgehens 
hin und machte geltend, dass man nach der kurzen Frist noch nicht 
ein abschliessendes Urtheil über die Erfolge der Verordnung füllen 
dürfe; den Ortspolizeibehörden oldiege gesetzlich die Pflicht, die 
Wohnungsaufsicht vorzunehmen, die Schaffung einer besonderen 
staatlichen Organisation würde wesentlich theurer kommen. Die 
Summe von 300 000 M. soll zur Durchführung der Woliuungsauf- 
sicht, insbesondere zur Veranstaltung umfassender Wohnungs¬ 
erhebungen und zur Begründung, Befestigung und Ausgestaltung 
solcher Vereine und Genossenschaften verwendet werden, welche 
sich die Sorge für Wohnungen znr besonderen Aufgabe machen. 

Dr. Becker- München. 

Gerichtliche Entscheidungen. 

Die Behandlung durch einen Heilmagnetiseur im Lichte der 
Rechtsprechung. 

Die grundsätzliche Frage, mit der sicli das Oberlnndesgerieht 
zu Dresden in einem Erkenntnisse vom 31. Mai 1901 abzutinden 
hatte, ging dahin, ob die Verpflichtung zur Erstattung von 
Heilungkosten auch diejenigen Aufwendungen in sich begreift, 
die für die Behandlung durch thierischen Magnetismus gemacht 
worden sind, und hierauf hat das angezogene Urtheil (Akten¬ 
zeichen O. II 248/1900) mit „Nein“ geantwortet. Der Sachverhalt 
selbst war folgender: Der Kläger hat beim Betriebe der preussi- 
selien Staatseisenbahn auf sächsischem Gebiete eine Körperver¬ 
letzung erlitten und bereits in einem Vorprozesse es erreicht, dass 
der Eisenbahnfiskus verurtheilt wurde, ihm eine lebenslängliche 
Reute, ausserdem aber Schmerzensgeld und eine Verstümmeluugs- 
cntschädigung zu zahlen, nunmehr begehrt er. seinen Gegner für 
schuldig zu erklären, ihm für aufgewendete Heilungskosten inllöhe 
von 340 M. Ersatz zu leisten, da er diesen Betrag als Honorar an 
einen Ileilinagnetiseur habe zahlen müssen, an den er sich auf 
Anrathen des Ihn behandelnden Arztes zur Beseitigung der durch 
jenen Betriebsunfall herbeigeführten Körperschäden gewandt 
habe, der ihn 05 uial seiner magnetischen Kur unterzogen habe. 
Der beklagte Fiskus will die Thntsnche, dass der Klüger durch 
«•inen IIollmngn«»tis«*ur behandelt worden sei mi<l mm ein Honorar 
in der angegebenen Höhe gezahlt habe, als richtig unterstellt 
wissen, er lehnt auch prinzipiell die Verpflichtung zur Erstattung 
von Kurkosten nicht ab. ist jedoch der Meinung, dass nach rieli- 
tiger Auffassung der manssgeboudon Vorschriften <§ 3. 2 des 
Reichsliaftpflichtgesetzes vom 7. Juni 1871) eine solche Behandlung 
einen Erstattungsauspruch nicht zu begründen vermöge, da solcher 
mir aus «leu Kosten, die durch Zuziehung eines wissenschaftlich 
gebildeten Arztes liervorgerufeii würden, entstehen könne. Das 
Gericht ist dieser Auffassung, nachdem cs von dem k. sächsischen 
I.andcsiucdizinalkolh'gium ein Gutachten eingeholt, beigetreten. 
Die Urtheilsgriinde rechtfertigen diese Entscheidung im Wesent¬ 
lichen folgendermaassen: Unter Ilcilungskosten im Simm der an¬ 
geführten Gcsetzesstelle hat man nur den Aufwand für solche 
Mittel zu verstehen, die objektiv geeignet sind, den Kraukheits- 
zustand zu beseitigen oder doch zu lindern. Hierbei kann für den 
vorliegenden Fall die Frage dahingestellt bleiben, ob in diesem 
Sinne auch die Kosten für die Behandlung durch eine Persönlich¬ 
keit. die nicht zu den approbirten Aerzton gehört, sich als er¬ 
stattungsfähige Heilungskosten dnrstollen können. Denn jeden¬ 
falls haben sie diese Eigenschaft nur dann, wenn «Ii«* Rehandluugs- 
weise an sich geeignet ist. eine Heilwirkung lierbeizuführeii. 
Diesen Erfolg vermag aber, wie sicli das Gericht auf Grund der 
ihm vorgetragenen Gutachten überzeugt hat, der thierische Magne¬ 
tismus nicht zu erzielen. Schon der in der ersten Instanz als 
Sachverständiger vernommene Ohermediziualrath N. N. hat das 
Vorhandensein eines solchen thierischen Magnetismus, worunter 
ein Fluidum zu verstehen ist. vermöge dessen angeblich von 
Mensch zu Mensch eiugewirkt werden kann, einfach geleugnet. 
Auch der den Kläger behandelnde Arzt, der den Patienten an 
einen Ileilinagnetiseur verwiesen hat, wollte damit offenbar nicht 
sagen, dass er ein Heilverfahren durch thierischen Magnetismus 
anerkenne, sondern er hat nur einem Wunsche des Klägers damit 
entsprochen in der Annahme, dass die Behandlung durch einen 
Heilmagnetisour ebenso wenig schaden wie nützen könne. Mit 
vollkommener Bestimmtheit hat sich aber gegen den lleilmagnetis- 
mus das Landesmedizinalkollegium in seinem Obergutachten aus¬ 
gesprochen. Es gelangt nämlich in eingehender Begründung zu 
dem Ergebnisse, dass der thierische Magnetismus nach dem gegen¬ 
wärtigen Stande der Heilkunde nicht als ein geeignetes Mittel 
zur Heilung von Krankheiten angesehen werden könne und dass 
cs insbesondere nicht geeignet gewesen sei. den Kranklieitszustand 
des Klägers zu Inseitigen oder zu lindern. Wenn bei einer der¬ 
artigen Behnndlungswnse eine gänzliche oder auch nur theilweise 
Besserung des Kranken thntsäclilich einmal sich zeigen sollte, so 
müsste man diesen Erfolg auf Suggestion zurückführen, könne 
ihn alter nicht als durch «len thierischen Magnetismus hervor- 
gernl'en gelten lassen. Dies ist namentlich dann der Fall, wenn 
das Feitel mit einer Gemiithsd« pression Zusammenhänge deren 
Zu- und Abnahme, deren Fortbestand od«»r Schwinden ja so sehr 
viel auf der Einbildung des Patieuten beruht. 

Diese Entscheidung vermag nur befriedigend auf das Reclits- 
gcfiihl zu wirken; zu bedauern bleibt es jedoch, dass das OImt- 
lamhsgcricht einer generellen Lösung der Frage, ob unter die 
Ueih'nirskcsten im Sinne des Gesetzes nur die Aufwendungen durch 
cimn approbirten Arzt fallen oder event. solche, die durch Zu¬ 
ziehung eines Kurpfuschers entstanden sind, aus dem Wege ge¬ 
gangen ist und sich so ängstlich an den gegebenen Fall gehalten 
hat. Dr. Biberfeld - Hamburg. 

F a 11 D Ü ii r s s c li s. S. 427. 


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11. März 1902. MUENCHENEß MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


431 


Eine öffentliche Krankenküche ist in Berlin 
durch die Bemühungen der Frau vom Rath in’s Leben gerufen 
worden (Liebreich, Ther. Monatsli. 3, 02). Die Küche liefert 
nur gegen Bezahlung, wohlthätige Vereine oder Privatpersonen 
können Anweisungen auf Essen zu 50 oder 25 Pf. ausgeben. Die 
Küche liefert Fleischbrühe mit Huhn, Haferschleimsuppe mit Ei 
oder mit Fleisch und Gemüse oder mit Reis und Huhn für 25 Pf. 
Ein Mittagessen, bestehend aus Suppe, Fleisch und Gemüse 
kostet 75 Pf., ein etwas reichhaltigeres 1.25 M. u. s. w. Die Speisen 
werden in Thermophorgefässen durch Dreiräder ln die Wohnungen 
gesandt. Neben der llauptküche bestehen in der Stadt zahlreiche 
Abholstellen. Für Kranke, die ausgehen können, ist ein Speise¬ 
raum eingerichtet. Junge Damen sind um die Essenszeit beim 
Austheilen behilflich. Kr. 

Therapeutische Notizen. 

Zur Behandlung von Nervenkrankheiten em¬ 
pfiehlt Silberstein - Wien neuerdings wieder die von der ehern. 
Fabrik Helfenberg hergestellten Bromeigone, Brompepton und 
Bromeigon. S. verwendete dieselben bei Epilepsie und Hysterie, 
bei Krämpfen nach akuter Alkoholintoxikatiou, Chorea, Eklampsiu 
infantum (als Klysma), als Schlafmittel bei Neurasthenie, mania- 
kalischen Zuständen, Delirium tremens, als schmerzstillendes Mittel 
bei Neuralgien und Hemikranle. Das Bromeigon verordnet man 
am besten in Pulverform, messerspitzenweise, das Brompepton ln 
20proz. wässeriger Lösung tropfenweise oder verdünnt mit Glyce¬ 
rinzusatz, für die Kinderpraxis eignen sich Klysmen oder Brom¬ 
pepton-Malzextrakt. (Therapeut. Monatsh. 1902, Januar.) R. S. 

Zur Behandlung der Leukoplakia bucco-lin- 
gualis empfiehlt B o c k h a rt - Wiesbaden ausser strengem 
Rauchverbot Einreibung der erkrankten Stellen der Zunge oder 
der Wangenschleimhaut mit Perubalsam, täglich oder in 2 Tagen 
einmal, und häufige Ausspülungen des Mundes (0—12 mal täglich) 
mit y 2 —3 proz. Kochsalzlösung. B. hat in 5 Fällen vollständige 
Heilung innerhalb %—-2 Jahren, je nach der Intensität der Erkran¬ 
kung, erzielt. Bei diesen Patienten traten auch nach Wieder¬ 
aufnahme des Rauchens Rezidive nicht ein. Auch bei Patienten, 
welche sich nicht entscldiesseu können, das Rauchen während der 
Behandlung aufzugeben, wird durch die Kochsalzspülungeu die 
Entstehung von Rhagaden verhindert. Es empfiehlt sich, die 
Patienten stets ein Fläschchen mit Kochsalzlösung bei sich tragen 
zu lassen, um häufige Mundspülungen zu ermöglichen. (Monatsh. 
f. prakt. Dermatol. 1902, No. 4.) R. S. 

Ein ausgezeichnetes Ilämostatikum. das absolut nicht ätzt und 
dessen Wirkung sich nur auf die blutenden Stellen erstreckt, ist das 
S t y p t i c i n (salzsaures Cotamin. C w II U NO a CI). Kauf in a n n - 
Frankfurt a/M. hat dasselbe mit Erfolg in der urologischen Praxis 
angewendet, bei Blutungen beim Endoskopiren, Bougiren, Dila 
tiren etc. mittels Urethralstäbchen aus Stypticin 0,03—0,04, Gela¬ 
tine 1,5, long. 10 cm, crassit. 4 mm, bei der Exstirpation von 
Warzen, spitzen Kondylomen, Phimosenoperatiouen mittels der im 
Handel vorkommenden 30 proz. Stypticinwatte oder -Gaze. 
(Monatsh. f. prakt. Dermatol. 1902, No. 4.) It. S. 


Tagesgeschichtliche Notizen. 

München, 11. März 1902. 

— Der Aerztlielie Verein Nürnberg beging am 
2. ds. die Jubelfeier seines 50jährigen Bestehens. Wir 
sprechen aus diesem Anlasse dem Verein, mit dem wir seit vielen 
Jahren die angenehmsten und für unser Blatt fruchtbarsten Be¬ 
ziehungen unterhalten haben, auch an dieser Stelle unseren herz¬ 
lichsten Glückwunsch aus. Der Verein blickt auf eine ehrenvolle 
Vergangenheit zurück, er' hat die ihm zukommenden Aufgaben in 
mustergiltiger Weise erfüllt: reiche wissenschaftliche Anregung 
ist von ihm ausgegangeu, nicht nur für seine Mitglieder, sondern 
für die ganze ärztliche Welt, und das von ihm gegebene Beispiel 
kollegialen Zusammenhaltens ist weithin vorbildlich gewesen. Wir 
wünschen dem Verein, dass er seinen ruhmreichen Traditionen 
stets treu bleiben möge und in ihnen weiter blühe und wachse. 
Das Fest, das der Verein zur würdigen Feier des Tages ver¬ 
anstaltete, brachte zwei ausgezeichnete Reden, die des 1. Vor¬ 
sitzenden. Dr. Karl Koch, über die Geschichte und die Aufgaben 
des Vereins und die des Medizinalrathes Dr. G. Merkel über die 
beiden Gründer des Vereins, DDr. Geist und D i e t z. Der 11. Vor¬ 
sitzende, Dr. F. Goldschmld t, gab die vom Verein verliehenen 
Ehrungen bekannt und überreichte mit herzlicher und eindrucks¬ 
voller Ansprache dem Senior des Vereins, dem allverehrten Ilof- 
rathe Dr. C n o p f, eine Adresse. Zahlreiche Gäste, darunter die 
Vertreter der höchsten Zivil- und Militärbehörden, brachten dem 
Verein ihre Glückwünsche dar. Au den festlichen Akt schloss sich 
ein fröhliches Mahl. Auf die vom Vereine zu seinem Jubiläum 
herausgegebene Festschrift, die von der wissenschaftlichen 
Leistungsfähigkeit des Vereins auf's Neue ein glänzendes Zeugnlss 
ablegt, soll an anderer Stelle näher eingegangen werden. 

- - Gegen die Aufgabe ärztlicher Rezepte über 
stark wirkende Arzneimittel durch Fern¬ 
sprecher richtet sich der folgende Erlass des preussischen 
Kultusministers: Ich halte es für unerwünscht, dass die Arznei- 
verorduung durch Fernsprecher weitere Ausbreitung findet, weil 
dabei Missverständnisse nicht ausgeschlossen sind. Stark wirkend ■ 
Arzneimittel dürfen nach § 1 der Vorschrift eil über die Abgabe 


solcher Arzneimittel vom 22. Juni 1890 ohne Vorlegung einer 
schriftlichen, mit Datum und Unterschrift versehenen Anweisung 
eines Arztes nicht abgegeben werden. Nur wenn Lebensgefahr 
durch Verordnung mittels Fernsprechers abgewandt werden kann, 
ist der Fernsprecher als zulässig zu erachten, ln solchen beson¬ 
deren Fällen hat alter zur Vermeidung von Irrthüuiern die Ab¬ 
lieferung der stark wirkende Mittel enthaltenden Arznei nur gegen 
Aushändigung der schriftlichen ärztlichen Anweisung zu erfolgen. 
Es steht im Uebrigen dem Apotheker frei, durch Fernsprecher 
übermittelte Verordnungen von Arzneien, die dem freien Verkehr 
überlassen sind, auf eigene Verantwortung abzugeben. 

— ln der Budgetkonimissiou des preussischen Abgeordneten¬ 
hauses hat Geheimrath Kirchner vom Kultusministerium mit- 
getlieilt, es sei gelungen, ein sicheres I m m u n i s i rungs¬ 
verfahren gegen die Maul- und Klauenseuche zu 
entdecken. Es sei die Annahme gerechtfertigt, dass es bald ge¬ 
lingen werde, ein Präparat herzustellen, welches es dem einzelnen 
Besitzer ermöglicht, seinen gesummten Viehbestand für eine ver- 
hältnissmässig geringe Summe zu immunlsiren. Prof. Loef f lor 
aus Greifswald, der diese Versuche leitete, habe auch das Ver¬ 
fahren Baccelli's geprüft und dessen Mittel gefährlich und 
nicht wirksam gefunden. 

— Der Streit der Aerzte in Cannstatt mit der 
Generaldirektiou der Eisenbahnen ist vorläufig 
durch einen Waffenstillstand geschlichtet worden. Bis auf Wei¬ 
teres bleibt, wie die „Med. Reform“ mittheilt, der Status quo ante 
bestehen — freie Arztwahl bei staatlicher Mindesttaxe — bis zur 
nächsten Generalversammlung der Eisenbahn-Betriebskranken¬ 
kasse; es ist zu erwarten, dass die im Mai stattfindende General¬ 
versammlung ebenso beschliessen wird. 

— Man schreibt uns aus Hambur g, d. d. 3 März: Die Oberin 
des Schwesternvereins unserer Krankenhäuser, Fräulein Hedwig 
v. Schl ich t i n g, in weiteren Kreisen bekannt durch ihre Diffe¬ 
renzen mit Prof, lt u m p f. dessen Fortgang von hier auf letztere 
zurückzuführen war, gedenkt zum 1. April d. J. ihren Posten 
zu verlassen und von Hamburg fortzugehen. Veranlassung hierzu 
ist die Gründung eines Verbandes deutsener Schwe¬ 
ster n v e r e i n e, der seine Tliiitigkeit Uber ganz Deutschland 
erstrecken und die Krankenhäuser mit Schwestern versorgen will. 
Frl. v. Schlichtlng hat das Präsidium dieses Verbandes über¬ 
nommen, dessen Thütigkeit sich mit ihren bisherigen Funktionen 
nicht vereinigen lässt. — Am Allgemeinen Krankeuliause in Eppen¬ 
dorf ist zum 1. Mai die Stelle eines medizinischen Oberarztes zu 
besetzen. Das Gehalt desselben beträgt 5000 M. bei freier Praxis. 
Bewerbungen sind bis zum 15. März au den Präses des Krauken- 
hauskollegiuras, Herrn Senator Dr. Schröder in Hamburg, 
einzusenden. 

— Pest. Türkei. Die Gesammtzahl der in Bagdad vom 
1. Januar bis 10. Februar festgestellten Erkrankungen (Pesttodes¬ 
fülle) belief sich auf 14 (10). — Aegypten. Vom 14. bis 20. Februar 
kamen zur Anzeige: in Tnntali 3 Erkrankungen (und 3 Todesfälle), 
in Kom-el-Nur 3 (—), in Alexandrien 1 (1). — Britisch-Ostiudien. 
ln der Präsidentschaft Bombay kamen vom 25. bis 31. Januar 5780 
Erkrankungen (und 4285 Pesttodesfälle), d. li. 824 (584) weniger 
als in der Vorwoche, zur Anzeige. In der Stadt Bombay wurden 
vom 22. bis 28. Jauuar (vom 29. Januar bis 4. Februar) 477 (002) 
Erkrankungen und 347 (53(5) erwiesene Pesttodesfälle gezählt; die 
Gesammtzahl der Sterbefälle belief sich auf 1118 (1311); ausser 
den erwiesenen Pesttodesfällen waren in der zweiten Berichts¬ 
woche noch 149 pestverdächtige Todesfälle vorgekommen. — Hong¬ 
kong. Nachdem die Kolonie seit Anfang Oktober v. J. pest¬ 
frei geblieben war, wurde Mitte Dezember eine Neuerkrankuug mit 
tödtlichem Verlauf festgestellt; je ein weiterer Pestfall kam am 
31. Dezember und am 1(5. Januar zur Anzeige. — Kapland. In 
der Woche vom 20. Januar bis 1. Februar gelangte in Mosselbay 
1 Neuerkrankung zur Anzeige. — Neu-Süd-Wales. In Sydney wur¬ 
den vom 15. bis 22. Januar 5 Neuerkrankungeu festgestellt. 

— Pocken. Grossbritannien, ln London mit Vorstädten 
gelangten an den Tagen vom 11. bis 18. Februar 70, (53, 00, 00, 33, 
50, 82, 03, zusammen 481 neue Pockenfälle zur Wahrnehmung; 
am 17. Februar befanden sich in den dortigen Blatternhospitälern 
1204 Pockenkranke in Behandlung. Ausserhalb Londons wurden 
nachstehende Pockenerkrankungen festgestellt: ln Dublin bis 
12. Februar 2, in Edinburgh und Glasgow bis zum 18. Februar 
1 bezw. 155, in Bedford bis zum 12. Februar 4, in Liverpool bis 
zum 13. Februar 41, in Sandhurst bis zum 18. Februar 3; aus 
Sittiugbourne wurde über das Auftreten mehrerer Pockenfälle 
ln einer Familie berichtet. Nach einem Berichte der Londoner 
Aufsichtsbehörde für Krankenhäuser vom 10. Januar waren da¬ 
selbst von je 100 Pockenerkrankungen bis dahin durchschnittlich 
24,29 tödtlich verlaufen; diese Sterblielikeitsziffcr erhöhte sich bei 
den nachweislich nicht geimpften Kranken auf 50,52 Proz., bei 
den Pockenkranken, von denen es zweifelhaft war, ob eine vor¬ 
herige Impfung stattgefunden hatte, auf 05.08 Proz.; bei den ge¬ 
impften Kranken betrug sie nur 14.21 Proz. Einer Mittheilung vom 
19. Februar zu Folge werden Impfungen in grossem Umfange vor¬ 
genommen. Dagegen hat das Unterhaus einen Antrag auf Beseiti¬ 
gung der im Impfgesetz von 189S aufgenomineneii sog. Gewissens¬ 
klausel, welche jedem Gegner des Impl'ens gestattet, sich und seine 
Kinder dem Impfzwang zu entziehen, in zweiter Lesung auf An¬ 
trag der Regierung verworfen. Es scheint hierbei die Erwägung 
maassgobend gewesen zu sein, dass das gegenwärtige Impfgesetz 
ohnehin nur bis Ende 1903 in Kraft bleibt. (V. d. K. G.-A.) 

— In der 8. Jahreswoche, vom 10.—22. Februar 1902, hatteu 
von deutschen Städten über 40 000 Einwohner die grösste Sterb¬ 
lichkeit Liegnitz mit 31.(5, die geringste Flensburg mit 9.1 Todes¬ 
fällen pro Jahr und 1000 Einwohner. Mehr als ein Zehntel aller 


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432 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 10. 


Gestorbenen starb an Diphtherie und Croup in Elberfeld, Gleiwitz, 
Königsberg. 

-- Bei Herrn Geh.-Rath Virchow ist der Knochenbruch jetzt 
soweit als konsolidirt zu betrachten, dass täglich Gehversuche 
unternommen werden können. Der greise Patient vermag mit 
Hilfe einer „Gehbauk“ durch zwei Zimmer zu gehen, wobei das 
verletzte Bein gut aufgesetzt wird. Es steht zu hotten, dass er 
allmählich weitere Fortschritte machen wird. Begreiflicher Weise 
sind diese Uebungen sehr ermüdend für den Patienten, so dass in 
körperlicher wie in geistiger Beziehung noch grosse Schonung 
nüthig ist. (D. med. W.) 

— Die Gesellschaft für orthopädische Chi¬ 
rurgie, die auf der vorjährigen Versammlung deutscher Natur¬ 
forscher und Aerzte begründet wurde, hält ihre Jahresversamm¬ 
lung am 1. April im Langenbeckhause in Berlin, unmittelbar vor 
Beginn des Kongresses der deutschen Gesellschaft für Chirurgie. 

— Die diesjährige Hauptversammlung der Deutschen 
Gesellschaft für Volksbiider ist auf den 20. Mai und 
zwar zu Weimar festgesetzt. Hierfür sind folgende drei Themata 
in Aussicht genommen: 1. Wie gelangen kleinere und mittlere 
Gemeinden am besten in den Besitz einer Badeanstalt mit Brause¬ 
bädern? 2. Die erziehliche Bedeutung und die bisherige Ver¬ 
breitung der Volksbäder mit Rücksicht auf die verschiedenen Be- 
völkeruugsschichteu. 3. Grundsätze für die Konstruktion von 
Volksbadeaustalteu als Programm zum Gebrauch bei der Aus¬ 
schreibung und Aufstellung der Entwürfe. Für jedes Referat sind 
zwei Berichterstatter eingeladen. 

(Hochschulnachrlchten.) 

Berlin. Auf die neuerrichtete ordentliche Professur für 
pharmazeutische Chemie ist Prof. Beckmann von der Uni¬ 
versität Leipzig berufen worden. Mit dieser Professur ist die Lei¬ 
tung des neuen Instituts für pharmazeutische Chemie, das in 
Dahlem erbaut worden ist, verbunden. 

Breslau. Der Ordinarius für Pharmazie und Direktor des 
pharmazeutischen Institutes der hiesigen Universität, Geh. Re¬ 
gierungsrath Prof. Dr. phil. Theodor P o 1 a c k, welcher am 10. No¬ 
vember sein 80. Lebensjahr vollendet hat, gedenkt sich nach Ab¬ 
lauf dieses Wintersemesters von der akademischen Lehrthätigkeit 
zurückzuziehen. 

Giessen. Für die durch Prof. L ö h 1 e i n's Tod erledigte 
Professur der Frauenheilkunde au der hiesigen Universität ist 
Prof. v. Herf f in Basel, früher in Halle, in Aussicht genommen. 
— Der Senior der hiesigen medizinischen Fakultät, Geh. Medizinal¬ 
rath Prof. Dr. Konrad Kckhar d, beging am 1. d. M. seinen 
80. Geburtstag. 

Halle a. S. Dr. med. H. W i n t e r n i t z, Assistenzarzt der 
medizinischen Klinik, hat sich für innere Medizin habilitirt. 

Heidelberg. Dr. med. Alex. Kehrkorn, Assistent der 
Chirurg. Klinik, hat sich habilitirt mit einer Vorlesung über: „Die 
modernen Indikationen zur Trepanation des Schädels". 

München. Die durch den Tod des Geheimrath Prof, 
v. Ziemssen erledigte Stelle des Vorstandes des Medizinal¬ 
komitees an der Universität wurde dem bisherigen ordentlichen 
-Beisitzer, Prof. Hofrath Dr. Heinrich v. Ranke, übertragen. 
Zum ordentlichen Beisitzer wurde der bisherige I. Suppleant, Prof. 
Obermedizinalrath Dr. B o 11 i n g e r, als I. Suppleant Prof. Dr. 
v. Tappeiner berufen. Für die zweite ordentliche Professur der 
klinischen Medizin an der hiesigen Universität sind von der medi¬ 
zinischen Fakultät Prof. Friedrich Müller in Basel an erster, 
Prof. Krehl in Tübingen und Prof. S t i u t z i n g in Jena an 
zweiter Stelle vorgeschlagen worden. 

Stuttgart. Der praktische Arzt Dr. Alfred Gastpar, 
derzeit zugleich erster stellvertretender Stadtarzt, hat sich an der 
technischen Hochschule, hier, als Privatdozent für Hygiene und 
Bakteriologie habilitirt 

T ü b i u g e u. Der Vorstand der hiesigen Poliklinik, Prof. 
Dr. v. Jürgeusen, der schon seit einiger Zeit leidend ist, ist 
in Folge eines Schlaganfalles bedenklich erkrankt, — Der a. o. 
Prof. Dr. Paul am chemischen Institut der hiesigen Universität 
hat einen Ruf nach Berlin erhalten als Direktor der chemischen 
Abtheilung im Reichsgesundheitsamt. 

Genua. Habilitirt: Dr. L. d'Erchia für Geburtshilfe und 
Gynäkologie. 

Lausanne. Der Professor fiir Anatomie an der medi¬ 
zinischen Fakultät, Dr. E. B u g n i o n, hat nach 24 jähriger Tliiitig- 
keit seinen Rücktritt erklärt. 

Marseille. Dr. d’A stros wurde zum Professor der 
Kinderklinik an der medizinischen Schule ernannt. 

W i e n. Der Kaiser bewilligte dem Komitee behufs Schaffung 
.‘eines Institutes zur Bekämpfung und Heilung des Lupus vorläufig 
/eine Spende von 10 000 Kronen aus seiner Privatkasse. 

(Todesfälle.) 

In Wien verschied aiu 6. d. M. Hofrath Prof. W. Kaposi, 
Chef der dermatologischen Klinik, im Alter von 04 Jahren. 
Kaposi litt an den Folgen eines schweren Herzfehlers, welcher 
ihm oft qualvolle asthmatische Anfälle bereitete. Ein solcher An¬ 
fall führte unerwartet sein Ableben herbei. Vor 2 Jahren feierte 
Kaposi sein 25jähriges Professorenjubiläum, erhielt damals 
mannigfache Ovationen seitens seiner zahlreichen Schüler und 
Freunde, erlitt aber bald darnach einen leichten Schlaganfall, von 
welchem er sich nur schwer erholte. Die Wiener Schule verliert 
an Kaposi einen Lehrer und Gelehrten, der sich einen Weltruf 
erworben hatte. Wir werden seiner noch ausführlicher gedenken. 

Der als badeärztliclicr Schriftsteller geschätzte ehemalige 
Badeinspektor Dr. B. M. Le r sch ist am 20. Februar, 84 Jahre 
alt, gestorben. 


Personalnachrichten. 

(Bayern.) 

Niederlassung: Alfons Krempel, appr. 1878, in Nürnberg. 
Dr. Edwin Zeltner, appr. 1896, in Nürnberg. Dr. Adolf 
M o 1 e u a a r, appr. 1900, in Langenaltheim, Bez.-Amt Weissen- 
burg a/S. Dr. Georg W o 1 p e r t zu Mutterstadt. Dr. Otto Meyer 
zu Zeiskam. Dr. ltud. Oster zu Kandel. Dr. Karl Joh. Lud¬ 
wig zu Pirmasens. Heinrich Weber zu Eisenberg. 

Verzogen: Dr. Max Oh ly von Langenaltheim nach Nebra 
a. d. Unstrut. Dr. Spiro von Merzalben. Dr. Lion von Wörth. 
Dr. F il r s t von Speyer. 

In den Ruhestand versetzt: Der Bezirksarzt I. Klasse 
Dr. Eduard Hopf in Rehau, seiner Bitte entsprechend, wegen 
nachgewiesener Krankheit und hiedurch bedingter Dienstes- 
unfiihigkeit, auf die Dauer eines Jahres. 

Erledigt: Die Bezirksarztstelle I. Klasse In Rehau. Bewerber 
um dieselbe haben Ihre vorschriftsmässig belegten Gesuche bei 
der ihnen vorgesetzeu k. Regierung, K. d. I., bis zum 24. März L J. 
einzureichen. 

Ernannt: zum Regimentsarzt im 5. Inf.-Reg. der Stabsarzt 
Dr. M e 1 z 1, Butaillonsarzt im 13. Inf.-Reg., unter Beförderung zum 
Oberstabsarz; zum Bataillonsarzt im 13. Inf.-Reg. der Oberarzt 
Dr. Glas beim Sanitätsamt I. Armeekorps unter Beförderung zuiu 
Stabsarzt.- 

Versetzt: der Oberarzt Dr. Bodeusteiner vom 7. Feld.- 
Art.-Reg. zum Sanitiitsnint I. Armeekorps; die Assistenzärzte 
Dr. Mengert vom 7. Inf.-Reg. zum 10. Inf.-Reg., Dr. Schön 
vom 10. Inf.-Reg. zum 7. Feld-Art.-Reg. 

Befördert: zum Assistenzarzt der Unterarzt Dr. Hugo Noll 
des 1. Chev.-Reg.; zu Stabsä raten In der Reserve: die Oberärzte 
Dr. Ernst Singer (Ilofj, Dr. August Stapf (Aschaffenburgi. 
Dr. Konrad Port (Nürnberg), Dr. Walther Rindfleisch (Hof). 
Dr. Johann Poppel (Ingolstadt), Dr. Hermann Werner (Augs¬ 
burg), Dr. Alois Küster manu (I. München) und Adolf 
Kemmler (Dillingen); in der Landwehr 1. Aufgebots: die Ober¬ 
ärzte Dr. Friedrich Müll e r (Augsburg), Dr. Karl B r u n e r 
(I. München) und Dr. Ferdinand Merkel (Gunzenhausen); in der 
Landwehr 2. Aufgebots der Oberarzt Dr. Johann Distier (Am¬ 
berg); zu Assistenzärzten in der Reserve: die Unterärzte Dr. Adolf 
Bach (Augsburg), Dr. Paul Pall I kan (Miudelheim), Dr. Karl 
Baldes und Maximil. St (‘inkühl er (I. München), Dr. Georg 
Ehest (Erlangen), Sigmund Wolf und Dr. Bernhard Mos¬ 
berg (Würzburg), 1 »r. Emst E w e r und Dr. Kurt Büttner 
(I. München), Dr. Arthur B echtold (Würzburg), Dr. Ernst 
Gottstein (Bayreuth), Friedrich Fries und Paul Zahn 
(I. München), Friedrich Kleinschmidt (Augsburg)), Dr. Alfred 
I* e i s e r und Dr. Heinrich Stadtfeld (Würzburg), Dr. Ludwig 
Albert (Ivitzingen). 

Charakterisirt: als Generalobcrarzt der Oberstabsarzt Dr. 
Hekeuberger, Regimentsarzt im 11. Inf.-Reg. 

Abschied bewilligt: im Beurlaubtenstande: dem Oberarzt 
Dr. August Schultz der Reserve (Aschaffenburg) das erbetene 
Ausscheiden aus dem Heere behufs Uebertritts in Königl. Preuss. 
Militärdienste; von der Landwehr 1. Aufgebots: dem Stabsarzt 
I >r. Friedrich D u p r 6 (Hof) und dem Oberarzt Dr. Heinrich 
W illerding (Aschaffenburg), beiden mit der Erlaubniss zum 
Tragen der Uniform mit den fiir Verabschiedete vorgeschriebenen 
Abzeichen, dann dem Oberarzt Dr. Heinrich Köppers (Kaisers- 
Abzeichen, dann dem Oberarzt Dr. Konrad Arndt (Zweibrückern 
und dem Oberarzt Dr. Heinrich Köppers (Kaiserslautern). 


Morbiditätsstatistik d. Infektionskrankheiten für München 

in der 8. Jahreswoche vom 16. bi» 22. Februar 1902. 
Betheiligte Aerzte 164. — Brechdurchfall 6 (8*), Diphtherie u. 
Kroup 19 (15), Erysipelas 12 (17), Intermittens, Neuralgia interm. 

1 (1), Kindbetttieber 2 (—), Meningitis cerebrospin. — (2),. 
Morbilli 72 (47), Ophthalmo-Blennorrhoea neonat. 2 (6), Parotitis 
epidem. 11 (10), Pneumonia crouposa 24 (II), Pyftmie, Septikämie 
— (—), Rheumatismus art. ac. 16'(28), Ruhr (Dysenteria) — (—), 
Scarlatina 12 (7), Tussis convulsiva 17 (6), Typhus abdominalis 

2 (—), Varicellen 19 (12), Variola, Variolois — (—), Inflnenza 2 (6), 

Summa 217 (176). Kgl. Bezirksarzt Dr. Müller. 

Uebersicht der Sterbefälle in München 

während der 9. Jahreswoche vom 23. Februar bis 1. März 1902. 
Bevölkerungszahl; 499 932. 

Todesursachen : Masern 2 (—•), Scharlach 1 (—), Diphtherie 
u. Kroup 1 (3), Rothlauf — (1), Kindbettfieber 1 (—), Blutvergiftung 
(Pyämie u. s. w.) — (1), Brechdurchfall - (2), Unterleib-Typhus 1 (—), 
Keuchhusten 1 (3), Kroupüse Lungenentzündung 5 (2), Tuberkulose 
a) der Lunge 33 (32), b) der übrigen Organe 10(11), Akuter Gelenk¬ 
rheumatismus — (—), Andere übertragbare Krankheiten 4 (3), 
Unglücksfälle 1 (2), Selbstmord 4(3), Tod durch fremde Hand — (—), 
Die Gesammtzahl der Sterbefälle 190 (187), Verhältnisszahl auf 
das Jahr und 1000 Einwohner im Allgemeinen 19,5 (19,2) für die 
über dem 1. Lebensjahre stehende Bevölkerung 14,8 (13,1). 

•) Die eingeklammerten Zahlen bedeuten die Fälle der Vorwoche. 


Verlag von J. F. Lehmann ln München. — Druck tob B. Mühlthaler'e Buch- und Kuuatdruekerei A.O., Müschen. 


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Die MiinMi. Moil. VPochenxchr. erscheint wRrhcntl. 
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an Rudolf Mosse, Promenadeplatz 16. 


MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT 


(FRÜHER ÄRZTLICHES INTELLIGENZ-BLATT) 


ORGAN FÜR AMTLICHE UND PRAKTISCHE ÄRZTE. 


Herausgegeben von 

0.». Angerer, Ch, Bäumler, fl. Bolllnger, H. Curschminn, C. Gerhardt, W. i. Laube, 6. Merkel, J, i. Michel, F. Penzoldt, H,». Ranke, F. i. Wlnckel 

München. Freiburg 1. B. Mflnchen. Leipzig. Berlin. Würzburg. Nürnberg. Berlin. Erlangen. München. München. 


No. 11. 18. März 1902. Redaktion: Dr. B. Spatz. Ottostrasse 1 

Verlag: J. P. Lehmann, Heustrasse 20. 


49. Jahrgang. 


Originalien. 

Die abdominale Totalexetirpation bei kompieter 
Uterusruptur.*) 

Von «J. A. Amann j r. 

Vorstand der kgl. II. gynäkologischen Klinik in München. 

Wohl die schlimmste Komplikation bei einer Geburt stellt 
die Zerreissung des Uterus dar. Die Berichte aus Kliniken 
lassen dies deutlich erkennen, v. Franque berichtet aus dev 
Würzburger Klinik, dass alle 10 Fälle kompieter Ruptur, die er 
sah, letal endeten mit Ausnahme eines Falles von Schwanger- 
sehaftsruptur. Von 12 Rupturfällen der Hallenser Klinik starben 
10, darunter 2 inkomplete. In der Berliner Klinik (bearbeitet 
von K o b 1 a n k) mit 80 Rupturfällen treffen auf 56 komplete 
Rupturen 47 Todesfälle (83 Proz.), auf 24 inkomplete 12 
(50 Proz.). 

Wenn auch aus anderen Kliniken z.Th. etwas bessere Resultate 
berichtet werden, so dürfte es doch gerechtfertigt erscheinen, im 
Folgenden einen Beitrag zur operativen Therapie der Uterus¬ 
ruptur zu geben. 

Der typische Sitz der Uterusruptur ist im unteren Ge¬ 
bärmutterabschnitt. Auf die im Korpus an prädis- 
ponirten Stellen, in alten Kaiserschnittnarben, nach früheren 
Plazentarlösungen, gynäkologischen Eingriffen etc., auf tretenden 
Rupturen der graviden Gebärmutter will ich hier nicht näher 
eingehen. Einen hierhergehörigen Fall, bei welchem sich wohl im 
Anschluss an eine Fundusruptur im Puerperium durch 
Anlegung des Darmes eine Dünndarmuterusfistel 
zugleich mit eitriger Peritonitis entwickelte, bei welchem ich den 
Uterus abdominal total exstirpirte und zu¬ 
gleich ein über 25 cm langes Stück Dünndarm 
resezirte und der vollkommen genas, habe ich kurz auf dem 
Gynäkologenkongress 1899 in Berlin (s. Verhandl. d. Gyn.- 
Kongr. 1899) berichtet. 

Auf die sehr wichtige Prophylaxe d. h. auf die zur richtigen 
Zeit noch auszuführenden verkleinernden Operationen soll hier 
auch nicht näher eingegangen werden. 

Zunächst gehe ich auf die Schilderung der eigenen Be¬ 
obachtungen über. 

Fall I. Marie R., 30 Jahre. 

Anamnese: Pat war früher stets gesund. Periode stets 
regelmässig, letzte lm Februar 1901. 

Geburten: 4 normale, letzte vor 1 Jahre; Wochenbetten 
fieberlos. 1 Fehlgeburt vor 4 Jahren. 

2. XI. 1901. Wehenbeginn Samstag Mittags: Blasensprung 
2 Uhr Nachts (3. XI. 1901). Um 3 Uhr wird die Hebamme ge¬ 
rufen; diese konstatirt Schieflage des Kindes. %5 Uhr kommt 
I)r. H., welcher ln Narkose Wendungsversuche macht. Um 6 Uhr 
kommt Dr. Sch. Wehensturm, fast keine Pause; Pat. lag In 
leichter Narkose. Einleitung tiefer Narkose. Der rechte kind¬ 
liche Arm Hegt vor. Dr. Sch. geht mit der rechten Hand ein, kon¬ 
statirt einen Uterusriss ln der rechten Seite und fühlt sofort durch 
den Riss sich hereindrängende Darmschlingen. Die unteren Ex¬ 
tremitäten des Kindes liegen ln der freien Bauchhöhle. Das Kind 
Ist beweglich. Die Wendung und Extraktion des Kindes gelingt 
leicht; die Plazenta wird manuell gelöst. I)a bereits Zeichen 
schwerer Innerer Blutung bestehen, wird rasch der Uterus resp. 
die Gegend des Risses mit einem langen anhydrophilen Gaze¬ 
streifen tamponlrt, die Bauchdecken mit Binden fest umwickelt 

*) Vortrag, gehalten ln der Gynäkologischen Gesellschaft zu 
München am 21. November 1901. 

No. 11. 


und hypodermatisch Ergotin injizirt. Sofort wird der Transport 
der Patientin in die Krankenanstalt vom rothen Kreuz mittels 
Sanitätswagens (ca, 4 km) bewerkstelligt. 

l /ß Uhr, als ich hier die Patientin sah, zeigte sie alle Zeichen 
einer inneren Blutung, hochgradige Blässe, Puls sehr klein und 
sehr frequent. Pat. wird sofort auf den Operationstisch in stelle 
Beckenhochlagerung gebracht, zugleich zur Autotransfusion. 

Von eiuer Desinfektion der Vagina musste Abstand genommen 
werden, da dieselbe mit dem Gazestreifen, welcher auch deu Riss 
tamponlrte, ausgefüllt war uud ein Hernusnnehmen der Gaze eine 
stärkere Blutung zur Folge haben konnte. 

Man musste sich also auf eine vorsichtige, allerdings gründ¬ 
liche Desinfektion der Bauchdecken und der Vulva beschränken. 

O p e r a 11 o n 914 Uhr, 3. XI. 1901 (abdominale Coello- 
t o m 1 e). 

Nach Eröffnung der Bauchhöhle erkennt man einen in der 
Ausdehnung von über Handtellergrösse klaffenden, von evertirten 
Uterusrändem begrenzten Riss, durch welchen ein fast kinds¬ 
kopfgrosses Packet von Gazestreifen in die 
Bauchhöhle heraus ragt, auf welchem Dünn¬ 
darm schlingen verklebt sind. Der Riss be¬ 
findet sich am Ansatzpunkt der Blase und er¬ 
streckt sich nach oben rechts seitlich und 
durchtrennt die ganze vordere Cervixwand bis 
in dag vordere Vaginalgewölbe. Das rechte Llg. 
rotundum Ist abgerissen und blutet nicht. Der 
Peritonealriss geht rechts weiter über das Llg. 
lat. dextr. hinauf bis weit unter das Coekum, so 
dass letzteres, vollkommen von der seitlichen 
Bauch wand losgetrennt, frei beweglich hoch 
oben in der Mitte über Nabelhöhe sich befindet. 
Die Blase ist vollkommen vom Uterus losge- 
t r e n n-t. In der Bauchhöhle befindet sich eine 
grosse Menge flüssigen Blutes. In der Leber¬ 
gegend finden sich Mekoniummassen lm Blut. 

Bei den zerfetzten Wund Verhältnissen wurde von eiuer Naht 
abgesehen und sofort zur abdominalen Totalexstirpation über¬ 
gegangen. Zunächst Unterbindung der Lig. infundibulo-pelvica, 
nachdem der Uterus vor die Bauchwunde gewälzt ist. Hierauf 
wird von einem bei der Operation nicht betheiligten Assistenten 
von der Vagina aus der sehr lange tamponirende Gazestreifeu 
vollkommen entfernt; hiebei erkennt man, dass sich der Riss 
weit in das Llg. laturn hinein erstreckt, dass 
die Arteria uterina in grosser Ausdehnung 
blossliegt und dass ein Ast derselben ange¬ 
rissen ist, der nun ordentlich spritzt 

Die rechte Arteria uterina wird mit einer Klemmpinzette ge¬ 
fasst und liglrt. Nun wird das Peritoneum nach links hin an der 
vorderen Uteruswand gewlssermassen als Fortsetzung des ur¬ 
sprünglichen Risses durchtrennt, die Gegend der linken Arteria 
uterina freigelegt und diese isollrt unterbunden. Hierauf werden 
die beiden Ureteren stumpf freigelegt, was leicht gelingt, um die 
Beziehung des Risses zu denselben zu erkennen. Durch den Riss 
wird nun eingegaugen und die in ihrer vorderen Wand voll¬ 
kommen zerfetzte Cervix mit Kugelzangen vorgezogen und am 
Vagiualansatz mit Scheere von ihren Verbindungen gelöst; die 
hiebei blutenden Gefässe werden sofort gefasst und liglrt. 

Nachdem so sehr rasch ohne jeden neuen Blutverlust der 
Uterus entfernt war, erkennt man die offene Vagina, nach vom« 
davon die schon vorher abgelöste Blase, nach rechts die tiefe zer¬ 
wühlte Höhle, die dem rechten Lig. lat. entspricht und ln welcher 
noch eine Reihe von spritzenden Gefüssen unterbunden werden 
muss, ferner als Fortsetzung dieser Höhle nach rechts oben hoch 
hinauf unter das Coekum reichend den oben erwähnten Peri- 
touealriss. 

Das Blasenperitoneum wird mit einer Katgutnaht über die 
fetzig aussehende hintere Blasenwand an die vordere Vaginalwand, 
das Douglasperitoueum an die hintere Vaginal wand angenüht. 
Ein dicker Jodoformgazestreifen wird in die Vagina von oben 
elngeführt und mit demselben auch die breite fetzige Höhle, die 
dem Lig. latum dextr. entspricht, hoch hinauf locker tampouirt; 
darüber wird das Peritoneum geschlossen. Der Perltonealschlltz, 


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434 MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. No. 11. 


der dem abgerissenen Coekuni entspricht, wird ebenfalls vereinigt 
und das Coekuni wieder seitlich angeheftet. Auch der linke 
Ligamentstumpf wird mit Peritoneum gedeckt und somit ist das 
Peritoneum über der Jodoformgase, welches durch die Vagina 
nach abwärts geleitet wird, bis auf eine kleine Lücke über dem 
Vaginalgewölbe vollkommen geschlossen. Um die mit Mekonium 
und Vernix caseosa vermischten grossen Blutmassen zu entfernen, 
und event. in die Bauchhöhle gelangtes septisches Material zu be¬ 
seitigen, war die ganze Bauchhöhle mit physiologischer Kochsalz¬ 
lösung (mehrere Liter) ausgewaschen worden. Im unteren Wund¬ 
winkel wird noch ein kleiner Jodoformgazestreifen gegen das 
Vaginalgewölbe zu eingelegt . Schluss der Bauchwunde. Koch- 
salziufusion. 

In den folgenden Tagen erkennt man. dass neben dem aus 
der Blase entleerten Urin auch der in die Vagina eingelegte Jodo¬ 
formgazestreifen mit Urin durchtränkt ist. Es war demnach zu¬ 
gleich mit der Ituptur der Cervix die Blase offenbar an 
einer Stelle eingerissen worden. 

Ohne jegliche Temperatursteigerung erholte sich die 
Patientin auffallend rasch; die unwillkürliche Urin¬ 
entleerung wurde immer weniger und hörte nach ca. 15 Tagen 
ganz auf (es war ein Dauerkatheter eingelegt worden). Dass es 
sich um eine Kommunikation mit der Blase und nicht um eine 
Ureterenanreissung gehandelt hat, konnte einerseits daraus ge¬ 
schlossen werden, dass bei der Operation, bei welcher ich die 
beiden Ureteren ln grosser Ausdehnung bis zur Blase freilegte, 
• •ine Beziehung zur Ruptur oder eine blutige Durchtränkung des 
Gewebes in der Umgebung der Ureteren nicht nachgewiesen 
worden konnte, während die hintere Blasenwand an der Stelle, 
an welcher sie von der Uteruswand offenbar durch das austretende 
Kind losgerissen war, ein fetziges, zerklüftetes Aussehen bot; 
ferner zeigte sich, dass die Menge des durch die Vagina ab- 
tliessenden Urins bedeutend abnahm, wenn durch Einlegen eines 
Katheters in die Blase die Ausdehnung derselben, d. h. die Ent¬ 
faltung der Wand verhindert wurde. 

Der Gazestreifen in der Vagina wurde am 4. Tag, der kleine 
Jodoformgazestreifen im unteren Wundwiukel am t>. Tag ent¬ 
fernt und nichts mehr weiter eingelegt. Die Pat. ist bereits am 
18. Tag in denkbar gutem Wohlbetinden nach Hause zurück¬ 
gekehrt. 

Es handelt sich somit in diesem Falle um 
eine kompleto Uterusruptur mit Austritt des 
Kindes in die Bauchhöhle (zum grössten Th eil) 
komplizirt durch Abreissung der Blase mit 
Verletzung derselben. Auf reissung des rech¬ 
ten Ligamentum latum mit ausgedehnter Los¬ 
trennung des Coekums von seiner Basis, Fort¬ 
setzung des Risses in die Vagina. Die Infek¬ 
tionsgefahr war durch die weit durch den Riss 
hindurch in die Bauchhöhle vorgeschobenen 
Gazestreifen, welche durch die offenbar 
unter den gegebenen Umständen nicht als 
aseptisch anzusehende Vulva eingeführt wer¬ 
den mussten, in diesem Fall als ziemlich be¬ 
deutend zu erachten; noch dazu waren die 
Darmsch 1 ingen zwischen den Gazestreifen 
verklebt. Die Blutung war eine sehr intensive, 
das Aussehen der Patientin äusserst an¬ 
ämisch, der Puls kaum fühlbar gewesen. 

Fall II *). M. S., 31 Jahre. 

Anamnese: Pat. hatte früher einmal Blutbrechen, soll 
sonst immer gesund gewesen sein. Vor 2 Jahren wurde eine 
Verlagerung der Gebärmutter konstatirt. Die Menstruation, mit 
15 Jahren beginnend, war Immer ziemlich regelmässig, nicht be¬ 
sonders stark, doch schmerzhaft; letzte Menstruation Anfangs 
April 1901. Keine Fehlgeburten. 

In der seit Anfang April bestehenden Schwangerschaft keine 
Beschwerden, stets Wohlbefinden. 

Die Wehen begannen am 28. XII. 1901; in der Nacht auf den 
29. XII. Blasensprung; die Geburt ging nicht vorwärts wegen 
grossen Kindes und engen Beckens; nach 6 tägigem Kreissen 
wird die Geburt vom herbeigerufenen Arzte mit Perforation 
des lebenden Kindes beendet. Bei der sofort darauf vor- 
geuommenen Untersuchung konstatirt deT Arzt einen grossen 
Querriss der hinteren Uteruswand, durch welchen 
er leicht mit der ganzen Hand in die freie Bauchhöhle gelangt 
und Darmschlingen fühlt Die Nachgeburt folgte auf leichten 
Druck. Da es ziemlich Btark blutet, wird vom Arzt der Riss mit 
einem langen sterilen Gazestreifen tamponirt, der Leib mit Binden 
umwickelt und Patientin mittels Sanitätswagens (ca. 5 km weit) 
in's Spital vom rothen Kreuz gebracht. 

Diagnose: Ruptura uteri completa, akute 
A n a e m 1 e. Dammriss II °. 

2. I. 1902, 10 Uhr Nachts, sah ich die Patientin im Spital: ich 
fand sie sehr anämisch und kollabirt, mit ängstlichem Gesichts- 
ausdruek. Der Puls war 140 und sehr schwach. Zunächst ent¬ 
fernte ich die stark durchbluteten Gazestreifen, um eine vaginale 
Untersuchung vornehmen zu können. Ich gelangte sofort durch 
einen breiten Querriss in die Bauchhöhle; der Riss erstreckt sich 

*) Dieser Fall konnte erst bei der Korrektur noch eingefügt 
werden. 


auch in das linke Lig. latum hinein. Wegen der Grösse und der 
zerfetzten Beschaffenheit des Risses war von einer Naht abzu¬ 
sehen, auch kam die vaginale Totalexstirpation des Uterus nicht 
ln Betracht, da der Riss nicht auf die hintere Wand allein be¬ 
schränkt war, sondern sich noch In’s linke Lig. latum hinein er¬ 
streckte. Ich ging daher zur abdominalen Koellotomic 
mit Totalexstirpation des Uterus Uber, nachdem ich 
die Vagina wieder leicht tamponirt hatte. 

Operation, 3411 Uhr Nachts. Stelle Beckenliochlagerung. 
medianer Schnitt; der Uterus ist schlaff, reicht bis über Nabel 
höhe. Nach Vorwälzung des Uterus erkeunt mau, dass die ganze 
hintere Uteruswand an der oberen Cervixgrenze quer vollkommen 
durchrissen Ist, und dass der Riss beiderseits sich bis zur Vagina 
fortsetzt und besonders links weit in’s Lig. latum hineingeht. In 
der Bauchhöhle reichliches flüssiges Blut Ich gehe zur abdomi¬ 
nalen Totalexstirpation über; zunächst Abklemmen und Ligireu 
der Lig. lata median vom Ovariuin; l>eim stumpfen Auseinander 
drängen der Blätter des Lig. latum wird die Uterina rechts und 
links freigelegt und isollrt unterbunden, die Blase von oben her 
abgelöst und die noch spritzenden Gefiisse gefasst und ligirt; unter¬ 
halb der Portio vaginalis wird die Vagina quer durchschnitten 
und der Uterus entfernt Hierauf der noch vorhandene Rest der 
hinteren Uteruswand (unterhalb des Risses) mit einem kleinen 
Theil der hinteren Scheidewand abgetragen. Das Blasenperitoneum 
wird mit der vorderen Vaginalwand, das Douglasperitoneum 
mit der hinteren Vaginalwand vereinigt Die seitlichen Stümpfe 
unter das Peritoneum eingestülpt. Nun wurde die Vaginaltampo¬ 
nade von unten entfernt und von oben her Jodoformgaze ln die 
Vagina eingelegt das noch in den tiefsten Theil des kleinen 
Beckens hereinragte. Das Peritoneum wurde in diesem Fall-- 
nicht vollkommen geschlossen, da bei dem vielen Untersuchen 
während des 6 tägigen Kreissens die Infektionsgefahr als ziemlich 
bedeutend erachtet werden musste. Zum Abschluss des kleinen 
Beckens nähte ich die Flexura slgmoidea über der Jodoformgaze 
an die Blase und auch seitlich an. Die Bauchhöhle wurde mit 
physiologischer Kochsalzlösung ausgewaschen. Schluss der Bauch 
wunde; Kochsalzinfusiou, Kampherinjektlouen. Der Puls war 15<; 
und kaum fühlbar nach der Operation. 

Der Verlauf war ein guter. Am 4. Tage, vor Entfernung 
der Vaginaldraiuage, stieg einmal die Temperatur auf 38,6 und 
am 12. Tage kam noch einmal in Folge einer Aufflackerung einer 
alten tuberkulösen Pleuritis eine Temperatursteigeruug zu Staude, 
im Uebrigen war immer reguläre Beschaffenheit von Temperatur, 
Puls, Darm und Urinfunktion etc. vorhanden. 

Der Fall war hauptsächlich wegen der 
langen vorausgegangenen Geburtsdauer, in der 
häufig von der Hebamme untersucht worden war 
und somit erhöhte Infektionsgefahr einge¬ 
treten war, von vornehereiu als ungünstig zu 
bezeichnen; jedenfalls erschien es aus diesem 
Grunde angezeigt, die Rissgegend resp. den 
tieferen Theil des kleinen Beckens breit nach 
der Vagina zu drainiren und nach oben durch die 
Flexu.r abzuschliessen und ist es nicht auz- 
zu sch Hessen, dass der günstige Verlauf auf 
dieses Verfahren zurückzuführen ist. 
bezeichnen. 

Bel dem allgemein verengten Becken und dem grossen kind¬ 
lichen Schädel war offenbar die Ruptur spontan schon vor der 
Perforation erfolgt. 

Die Frage nach der Therapie der Uterusruptur 
ist erst neuerdings wieder in mehreren Arbeiten') eingehend 
behandelt worden. Fast alle Autoren sind der Ansicht, dass im 
Wesentlichen nur bei Verblutungsgefahr und ausgedehnten Zer- 
reisssungen operativ eingegriffen werden soll. Es ist allerdings 
sehr schwer, sich aus den, auch grösseren Statistiken ein rich¬ 
tiges Bild zu schaffen; während nach S c h m i t von den Operir- 
ten nur 25 Pro/., geheilt wurden, von den mittels Drainage be¬ 
handelten (83 Fälle) aber 51,8 Proz. genasen, stehen in der noch 
grösseren Statistik von Klien 48 Proz. Heilungen bei nicht 
operirten (198 Fälle) 56 Proz. Heilungen bei operi rten 
(149 Fälle) gegenüber; und seit 1890 sind unter den Koeliotomie- 
fällen sogar 62,5 Proz. Heilungen. 

Die verschiedenen Gesichtspunkte, nach welchen die Stati¬ 
stiken gearbeitet sind, müssen auch in Betracht gezogen werden. 
Ein klareres Bild geben allerdings diejenigen, welche ein ein¬ 
heitliches Material einer Klinik oder eines Autors bringen, 
da dann alle einschlägigen Fälle erwähnt sind, während bei Be¬ 
rücksichtigung der in der gesammten Literatur publizirten Fälle 
wohl zuviel günstig verlaufende Fälle erwähnt sind, da von den 
letzteren mehr veröffentlicht werden, als von den ungünstig ver¬ 
laufenen. Die Statistik Schmit’s beruht auf der Zusammen¬ 
stellung von Berichten aus Kliniken, die Statistik Klien’s auf 

') Klien: Die operative und nicht operative Behandlung der 
Uterusruptur. Areh. f. Gyn. 1901, Bd. LXII, Heft 2 (siehe dort 
auch die Literatur). 

Sch mit: Ein Beitrag zur Therapie der Uterusruptur. 
Monatssehr. f. Gyn. u. Geburtsh. Bd. XII, Sept 1900. 

v. F r a n q u 6: Entstehung und Behandlung der Uterusruptur. 
Würzburger Abhandi. 1901. 


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IS. Mürz 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


der Zusammenstellung aller in genügender Weise publizirten 
Fälle; die letztere Arbeit umfasst aber demnach das weitaus 
grösste Material und dürfte bei der vorzüglichen Durcharbeitung 
desselben eine grundlegende Bedeutung beibehalten. 

Die Trennung der kompleten Uterusrupturen von den 
inkompleten ist sehr wichtig, da die letzteren für jode Art 
der Behandlung eine weit günstigere Prognose geben. 

Auch die mit Blasenverletzung komplizirten Fülle dürften, 
wie dies auch K1 i e n hervorhebt, eine besondere Stellung ein¬ 
nehmen. 

Wenn wir zunächst nur auf die operative Thera- 
p i e näher eingehen, so kommen folgende Methoden in Betracht: 

Abgesehen von der in manchen Fällen nur durch al*dominalc 
Koeliotomie möglichen Entfernung des vollkommen in die Bauch¬ 
höhle ausgetretenen Kindes 

1. die Nahtdes Risses : 

a) auf abdominalem Wege, 

b) auf extraperitonealem W r ege, 

c) auf vaginalem Wege. 

2. Die supravaginale Amputation des rup- 
turirten Uterus: 

a) mit extraperitonealer Stielbehandlung (Po r ro), 

b) mit intraperitonealor resp. retroperitonealer Stielbehand- 
lung. 

3. Die Totalexstirpation des Uterus: 

a) auf abdominalem Wege, 

b) auf vaginalem Wege. 

Durch die Naht des Risses wird eine vollkommene Re¬ 
stitutio ad integrum erreicht; es entsteht wieder ein funktions¬ 
fähiges Organ. Ob und auf welchem Wege die Naht auszuführen 
ist. muss zunächst eine genaue digitale Untersuchung des Risses 
entseheiden. 

Ist der Riss k o m p 1 e t, so kommt immer der abdomi¬ 
nale Weg in Betracht und wird es von der Zerfetzung, von der 
Beziehung zur Nachbarschaft und besonders davon, ob eine In¬ 
fektion der betreffenden Theile angenommen werden kann, ab- 
hängen, ob man sich auf eine Naht des Risses einlassen soll. Ist 
«•hon einige Stunden Zeit seit der Ruptur vorüber und war die 
Infektionsgefahr gross, so dürfte ein radikaleres Verfahren an¬ 
gebracht sein. 

Für inkomplete Risse kann ein extraperi¬ 
toneales Verfahren empfohlen werden. (Dass man extra¬ 
peritoneal in der ausgedehntesten Weise an die Beckenorgane 
herankommen kann, habe ich durch mein transperitoneales Ver¬ 
fahren der Exstirpation des karzinomatösen Uterus mit Drüsen 
und Beckenbindegewebe, das ich auf dem Giessener Gynäkologen¬ 
kongress J ) publizirte und das ich auch seitdem noch in zahl¬ 
reichen Fällen erprobte, gezeigt.) 

Entweder geht man unter Lostrennung der Rektusansätze 
vom Becken von einem suprasymphysären Querschnitt aus extra¬ 
peritoneal vor, oder man macht für diesen Fall einen Median- 
M-hnitt, dem man nach der einen Seite einen Suprasymphysären 
Querschnitt mit Durchtrennung nur eines Rektus anfügt oder 
man geht vom Bardenheu e r’schen Flankenschnitt aus nach 
der einen Seite hin vor. Auf extraperitonealem Wege wurde be¬ 
reits einmal bei einer inkompleten Uterusruptur (Schieflage) von 
Krajewski mit Erfolg vorgegangen und dabei ein grosses suh- 
peritoneales Hämatom ausgeräumt, die Art. ut. ligirt und dann 
die grosse Wundhöhle tamponirt. Nach meinen Erfahrungen 
unterliegt es mir gar keinem Zweifel, dass auch die Naht 
«ler Uteruswand bei Uterusruptur auf diesem Wege in exaktester 
Weise durchgeführt werden kann. 

Auf vaginalem Wege können natürlich nur Cervixrisso 
durch die Naht geschlossen werden und dürfte nur selten der 
Sitz des Risses so gelagert sein, dass man mit Erfolg diesen Weg 
betreten kann, wenn auch zugegeben werden muss, dass der Uterus 
jwist partum leicht sehr weit vor die äusseren Genitalien gezogen 
werden kann. 

Von den 149 in der K 1 i e n’schen Statistik erwähnten Koelio- 
tomiefällen wurde bei primärer Koeliotomie (also auch Kind 
durch Koeliotomie entfernt) die Naht in 19 Füllen mit 53 Proz. 
Mortalität und bei sekundärer Koeliotomie (also nach vagi¬ 
naler Entfernung des Kindes) in 32 Fällen mit 47 Proz. Mortali¬ 
tät ausgeführt. 

J ) Siehe Verhandlungen der Deutsch. Gesellsch. f. Gyn. 1901. 


435 

Der Möglichkeit einer Restitutio ad integrum, die ja durch 
die Naht gegeben ist, stehen zunächst die nicht günstigen Re¬ 
sultate gegenüber; ausserdem besteht auch bei primärer Heilung 
stets die Gefahr einer Ruptur in der Narbe bei 
ei n e r s p ii t e r e n G c b u r t. Rupturen in alten Kaiserschnit i - 
narben und auch an den Stellen früherer Rupturen sind mehr¬ 
fach bekannt geworden. Jedenfalls sollte nur dann 
eine Naht, versucht werden, wenn der Riss 
nicht gross, die Ränder nicht zu sehr zerfetzt 
sind, und nach dem Geburts verlauf ange¬ 
nommen werden kann, dass eine Infektion der 
Theile nicht sehr wahrscheinlich ist. Die An¬ 
wendung von Seide scheint mir hiebei unzweckmässig, da sie zu 
lange dauernden Eiterungen, Fistelbildungon und dadurch be¬ 
dingten resistenzlosen Narben leichter Veranlassung geben kann. 
Die Möglichkeit einer breiten Drainage von Hämatomen oder 
zerrissenem Lig. latuin ist nur durch die Bauchwunde bei dieser 
Methode gegeben. 

Die su pra vaginale Amputation des Uterus 
hat zunächst den Vortheil, dass das eventuell schon infizirte 
Organ zum grössten Theile entfernt werden kann; sie wurde unter 
den 149 Koeliotomien der K 1 i e n’schen Statistik primär 29 mal 
mit 45 Proz. Mortalität, sekundär 26 mal mit 42 Proz. Mortalität 
ausgeführt. 

Die stipravaginale Amputation mit ext raperitonealer 
Stielbehandlung (Porro) ist jedenfalls diejenige Opera¬ 
tion, die der Praktiker von den abdominalen Koeliotomien am 
leichtesten und auch unter ungünstigen Verhältnissen aus- 
führen kann. Da er nach Vorwälzung des Uterus die Bauch¬ 
wunde eventuell sofort schlicssen kann, kommt er mit der Bauch¬ 
höhle fast gar nicht in Berührung. 

Diese Art der Operation ist auch am schnellsten aus¬ 
zuführen. Der untere Rissrand soll natürlich mit in die Bauch¬ 
wunde herauf gezogen werden, eventuell kann neben dem Stumpf: 
noch drainirt werden, wenn die Wundverhältnisse nicht glatt sind 
Die i n t r a - r e s p. retro peritoneale Stiel- 
behandlung erfordert eine spezielle operative Schulung, Mög¬ 
lichkeit der Durchführung der peinlichsten Asepsis, da längere 
Zeit in der Bauchhöhle gearbeitet werden muss, und gute Assi¬ 
stenz und Vorbereitung. Es wird hiebei ein eventuell noch gut 
ernährter Stumpf zurüekgelassen, der aber bei dem tiefen Sitz 
der Rupturen meist zum Tlieil zerfetzt ist und häufig durch di«* 
vorangegangenen Entbindungsmanipulationen bereits Keime auf¬ 
genommen hat. Trotz der supravaginalen Amputation des Uterus 
war in 10 Fällen noch ein Rest des Risses am Stumpf übrig, so 
dass noch die Naht desselben gemacht wurde. Die wegen Blutung 
an der Seitenkante der Cervix event. auzulegenden Umstechungen 
können unter Umständen die Ureteren mitfassen. Die Möglich¬ 
keit einer Drainage nach der Vagina zu ist nicht sehr ausgiebig, 
Ilaematome müssen event. nach oben durch die Bauchdecken 
drainirt werden. 

Die Totalexstirpation des rupturirten 
Uterus setzt jedenfalls die klarsten Verhältnisse. Die un¬ 
nütze und durch Infektion event. schädliche Cervix bleibt niclu 
zurück; die Blutstillung ist exakt, die Wundverhältnisse sind die 
günstigsten. Es bleibt eine breite Vaginalöffnung für die Drai¬ 
nage, die sich zugleich in event. seitliche Ilämatomhöhlen er¬ 
streckt, darüber kann das Peritoneum exakt geschlossen werden. 

Die abdominale Totalexstirpation verdient 
daher meiner Ansicht nach weitaus den 
Vorzug vor der supravaginalen Amputation. 
Sie wurde allerdings bisher nur in einer verhältnissmitssig 
geringen Anzahl der Fälle ausgeführt, nach der Klien- 
-schen Statistik unter 149 abdominalen Koeliotomirten nur 
13 mal bei kompleter Uterusruptur mit 7 Todesfällen; dazu 
kommt noch ein günstig verlaufener Fall von Schmit aus der 
Schaut a’sehen Klinik. 

Von den 7 sekundär (nach vaginaler Entfernung der Kinder) 
abdominal Totalexstirpirten sind 5 gestorben. 

Da die Zahl der Fälle noch zu gering ist, lässt sich auch 
aus denselben kein Schluss bezüglich di«*ser Operation ziehen un i 
liegt, es wohl in der I»«‘schaffenheit der einzelnen Fälle, dass die 
Ausgänge nicht giinstig«*r waren. 

Günstiger lagen an-cheinend die Fälle, bei welchen primär 
die abdominale Total«*\--tirpalnion zugleich mit Entfernung de? 

1 " 


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43 r 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


Kindes auf dem Wege de:- lbdominalen Koeliotomie vorgenommen 
wurde (6 Fälle mit 2 Todesfällen). 

Dio bisher in genügender Weise publizirten Fälle von 
abdominaler Totalexstirpation des komplet 
rupturirten Uterus sind folgende. Mit Ausnahme des 
Falles von S c h m i t sind sie der Zusammenstellung von K1 i e n 
entnommen. 

a) primäre Koelitomie mit abdominaler 
Totalexstirpation: Halbertsma (geh.), J u r i n k a 
(geh.), Krajewski (geh.), v. Mars (geh.), Leopold (gest.), 
Orthmann (gest.), S c h m i t (geh.); 

b) sekundäre Koeliotomien mit abdominaler 
Totalexstirpation: Jurinka (geh.), Pestallozza 
(gell.), G r a n d i e (gest.), Krajewski (gest.), Ludwig 
(gest.), Wehle (gest.). 

Betrachten wir die erwähnten Fälle, so zeigt sich, dass die¬ 
jenigen, welche letal endeten, von vornherein als äusserst un¬ 
günstig angesehen werden müssen, entweder bestand schon sep¬ 
tische Infektion oder schwerste Anaemie vor der Operation. Die 
Infektion war offenbar bedingt durch die meist zahlreichen und 
lange dauernden Entbindungsversuche und ist es wohl somit er¬ 
klärlich, dass die primären abdominalen Koelio¬ 
tomien mit Totalexstirpation des Uterus verhältnissmässig 
günstige Resultate aufweisen: unter 7 Fällen 2 Todesfälle gegen 
7 sekundäre abdominale Totalexstirpationen 
mit 5 Todesfällen. 

Die Ausführung der abdominalen Totalexstirpation war in 
den erwähnten Fällen keine einheitliche, so ist sie wohl nicht als 
vollkommen zu bezeichnen in den Fällen von Pestalozza und 
Leopold (vielleicht auch in anderen), bei welchen Theile der 
Cervix zurückgelassen wurden, v. Mars amputirte zuerst den 
Uterus und ging dann erst zur Exzision der Cervix über, und 
aus den Beschreibungen der anderen Fälle geht hervor, dass die 
betreffenden Operateure zumeist erst durch die zerfetzten Wund¬ 
verhältnisse sich veranlasst fühlten, die Totalexstirpation des 
Uterus auszuführen. 

Ich glaube, dass gerade die prinzipiell durchgeführte Total¬ 
exstirpation des Uterus Vortheile gegenüber der gewissermaassen 
erst im Laufe der Operation durch die Verhältnisse erzwungenen 
Totalexstirpation besitzt. Abgesehen von der bedeutend kürzeren 
Zeit, die eine planmässig von Anfang an durchgeführte ab¬ 
dominale Totalexstirpation beansprucht, kommt man auch bei 
dieser Operation mit der event. schon infizirten Cervix am 
wenigsten in Berührung. 

Hat man zunächst in steiler Beckenhochlagorung nach Vor¬ 
wälzung des Uterus mit Klemmen das Lig. infundibulo-pelvicum 
oder Lig. ovar. propr. mit Tube versorgt und durchgeschnitten, 
so ist es gerade beim puerperalen Uterus sehr leicht, im Lig. 
latum stumpf vorzudringen und so rasch an die Art. uterina zu 
gelangen, die mit einer Klemme gefasst, durchtrennt und ligirl 
wird, auf diese Weise wird der Blutverlust ausserordentlich ver¬ 
ringert. Die Ablösung der Blase gelingt am puerperalen Uterus 
auch viel leichter, dessgleichen die Freilegung der Ureteren, falls 
dieselbe wegen der Beziehung der letzteren zum Risse (wie in 
meinem 1. Falle) nöthig erschiene. Der Uterus ist nun noch be¬ 
weglicher geworden und lassen sich die Beziehungen des Risses 
zur Cervix, zur Vagina, Lig. latum etc. klar übersehen. Liegt 
der Riss vorne oder seitlich (was weitaus am häufigsten vor¬ 
kommt), so wird mit einem Scheerenschlag nach Beiseiteschieben 
der Blase der Riss bis zur Vagina verlängert, mit Kugelzangen 
die Portio nach vorne vorgezogen und unter dem Vaginalansatz 
mit der Scheere abgeschnitten; sitzt der Riss hinten, so wird die 
Portio nach hinten oben vorgezogen und das Vaginalgewölbe 
durchschnitten. Die geringe Blutung aus der Vaginalwand 
wird mit einigen Klemmen oder Umstechungen gestillt. 

In einigen Minuten ist somit der ganze Uterus entfernt. 
Die Wundhöhle ist eine denkbar übersichtliche; event. Hämatom¬ 
höhlen können genau kontrolirt werden, eine breite Oeffnung 
zur Drainage auch der Hämatomhöhlen ist nach der Vagina zu 
vorhanden; das Peritoneum kann darüber vollkommen exakt ver¬ 
einigt werden oder es kann eine beliebig weite Oeffnung für eine 
Drainage der Bauchhöhle nach unten freigelassen werden. Zum 
Abschluss des kleinen Beckens nach oben kann, bei grösseren 
l’eritonealdefckten im kleinen Becken, die Flexur an die vor¬ 
dere Beckenwand oder an die Blase (wie in meinem zweiten 
Falle) angenäht werden, wie ich dies auf dem inter¬ 


No. 11. 


nationalen Kongress in Paris 1900 auf Grund zahlreicher 
dießebzüglieher Erfahrungen empfahl (Verhandl. d. internst, med. 
Kongr., gynäk. Sektion, Paris 1900). Seit einer Reihe von Jahren 
habe ich fast bei allen gynäkologischen Fällen, bei welchen der 
Uterus als funktionsfähiges Organ nicht mehr erhalten werden 
konnte, an Stelle der supravaginalen Amputation die abdominale 
Totalexstirpntion des Uterus und zwar gewöhnlich 
nach der D o y e n’schen Methode mit primärem Vorziehen der 
Portio vaginalis vom Douglas ausgeführt, so besonders bei 
Myomen (J. A. A in a n n: Die operative Behandlung der Myome; 
Verhandl. d. deutsch. Gesellsch. f. Gynäkol., Berlin 1899) und 
kann nur auf Grund der ausserordentlich günstigen Resultate 
mit dieser Methode die Vortheile derselben, klare Wundverhält¬ 
nisse, exakte Blutstillung, wenn nöthig breite Drainage gegen 
Vagina zu, Vermeidung eines unnöthigen, event. nicht ungefähr¬ 
lichen Cervixstumpfes, exakte Peritonealvereinigung etc. wieder 
hervorheben; dass diese Vortheile bei den Verhältnissen der 
Uterusruptur von besonderer Bedeutung sind, dürfte wohl nicht 
bezweifelt werden. 

Die Verhältnisse einer Operation bei Uterusruptur liegen ja 
weit ungünstiger, als bei einem Kaiserschnitt oder 
Porro, sogar bei infizirtem Uterus, wo es that- 
sächlich möglich ist, die Bauchhöhle vor Eröffnung des Uterus 
zu schliessen, und eine Verunreinigung des Peritoneums zu ver¬ 
meiden. Nach der Ruptur müssen wir den event. infizirten Uterus 
durch die Bauchhöhle ziehen; um so wichtiger ist es gerade hier, 
unter Umständen die Möglichkeit einer ausgiebigen Drainage 
nach unten herzustellen. 

Die von Manchen gegen die Totalexstirpation in’s Feld ge¬ 
führte Gefahr des Eindringens in die Vagina vom Abdomen aus, 
ist bei geeignetem Vorgehen meiner Ansicht nach nicht so gross, 
wenn auch gerade bei puerperalen Organen eine ordentliche Des¬ 
infektion nicht durchführbar ist. Hat man aber während der 
ganzen Operation die Därme mit Kompressen gut geschützt, so 
überwiegen jedenfalls die obenerwähnten Vortheile gegenüber der 
Gefahr, die von einer Eröffnung der Vagina droht. 

Die spätere Festigkeit des Beckenbodens wird nach meinen 
Erfahrungen durch Wegnahme der Cervix nicht beeinträchtigt. 

Cervixreste, die event. gequetscht und infizirt sind, dürften, 
auch wenn zwischen denselben nach abwärts drainirt wird, jeden¬ 
falls als ungünstiger anzusehen sein, als die glatte, weite Vaginal¬ 
höhle, die event. eine breite Drainage nach abwärts ermöglicht. 

Die vaginale Totalexstirpation des rup¬ 
turirten puerperalen Uterus ist trotz der bisher 
nicht günstigen Resultate doch als eine sehr zweckmässige Me¬ 
thode, allerdings nur für bestimmte Fälle, zu empfehlen. Von 
den 9 bisher publizirten Fällen sind zwar 6 zu Grunde gegangen, 
doch muss erwähnt werden, dass verschiedene derselben auch seit¬ 
liche Risse, bei welchen sich die Gefässe im Lig. latum retrahiren 
können, betrafen und dass auch zufälliges Missgeschick, wie 
Nachblutung nach Abnahme der Klemmen (v. Franque), den 
schlimmen Ausgang zu Stande brachte. 

Jedenfalls ist bei vorderem oder hinterem Riss, 
ohne Zerreissung der Lig. lata, die vaginale 
Totalexstirpation ein rasch (mit Klemmen) und 
ohne besonders geschulte Assistenz auch in 
nicht ganz geeigneten Räumlichkeiten aus- 
zuführenderEingriff. 

Ziehen wir nun nach dieser kurzen Besprechung der 
operativen Verfahren zum Vergleiche die nicht opera¬ 
tiven Verfahren und ihre Resultate heran, so können wohl die 
Zahlen allein nicht für unser Handeln bestimmend sein. Aus 
der Schmi t’sehen Zusammenstellung geht hervor, dass von den 
mittels Drainage behandelten Frauen 51,8 Proz. genasen, von 
den Operirten jedoch nur 25 Proz. geheilt wurden, aus der 
Klio n’schen Zusammenstellung gellt hervor, dass von 198 nicht 
operirten Fällen von LTterusruptur 96 = 48 Proz. geheilt wurden. 

Von 42 Drainagefällen (Drainrohr oder Jodoformdocht) 
heilten hingegen 35 = 83 Proz. Man wäre hienach geneigt, die 
Drainage als die prognostisch beste Methode zu empfehlen; doch 
ist bei der Vielgestaltigkeit des Materials dieser Schluss nur be¬ 
dingt richtig. Viele Fälle waren eben schon derart, dass sie nicht 
mehr als einer nicht operativen Behandlung zugänglich betrachtet 
werden konnten. 

Die Fortschritte unserer operativem Technik, die Besserung 
unserer Methoden, werden künftighin auch eine Rolle bei der 


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18. März im. ttÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


437 


Indikationsstellung abgeben. Immerhin ist es für Denjenigen, 
der in ungünstigen Verhältnissen zu arbeiten genöthigt ist, eine 
gewisse Beruhigung, zu wissen, dass aus der bisherigen Statistik 
hervorgeht, dass das operative Verfahren keineswegs unter allen 
Umständen vorzuziehen ist, dass sogar mit der Drainage sehr 
gute Resultate erzielt wurden. 

Für die Behandlung der Uterusruptur dürften vielleicht fol¬ 
gende Gesichtspunkte maassgebend sein: 

a) Akute Verblutungsgefahr: Handeln an Ort 
und Stelle. 

Bei ungünstigen äusseren Verhältnissen: 
Entbindung per vias naturales, Betastung des Risses. 
Kompressiwerband 5 ), Drainrohr in den Riss; event. Porro- 
operation mit extraperitonealer Stielbehandlung. 

Die Tamponade hat sich im Allgemeinen als unzweckmässig 
erwiesen; höchstens käme im speziellen Falle eine Sacktamponade 
nach Mikulicz in Betracht. 

Bei günstigen äusseren Verhältnissen, 
z. B. in der Klinik, primäre abdominale Koeliotomie: 
Entfernung des Kindes (Naht) oder abdominale Total¬ 
exstirpation. Wenn der Riss vorn oder hinten: Entbindung 
per vias naturales; vaginale Totalexstirpation. 

b) Mäßsige oder keine Blutung: Wenn irgend 
schonend möglich, Transport in die Klinik (da nach Entbindung 
event. erst Gefahr eintreten kann). Dort Entbindung per vias 
naturales. Drainage mit Jodoformgaze oder Docht oder Gummi - 
rohr. Beobachtung: Bei späterer Nachblutung bei seitlichem 
Riss: abdominale Koeliotomie mit Totalexstirpation; 
bei nur vorderem oder hinterem Riss: vaginale Total¬ 
exstirpation. 

Ist Transport unmöglich: Entbindung per vias naturales. 
Drainage; bei späterer Nachblutung Kompressiwerband wie oben. 
Im Nothfalle: Porro bezw. vaginale Totalexstir¬ 
pation. 

Die Naht käme nur bei ganz einfachen, nicht infizirten Riss¬ 
wunden in Betracht. Die supravaginale Amputation mit intra- 
peritonealer Stielbehandlung wurde aus den obeu angegebenen 
Gründen nicht empfohlen. Sie bedarf der gleichen Vor¬ 
bedingungen, Assistenz etc., wie die abdominale Totalexstirp*- 
tion; bei entsprechender Schulung lässt sich letztere rascher als 
erstere ausführen. 

Je rascher nach erfolgter Ruptur der operative 
Eingriff gemacht werden kann, um so günstiger ist die 
Prognose desselben. Die besten Chancen für eine nicht 
operative Behandlung (Drainage) geben die inkom- 
p 1 e t e n Rupturen ohne besondere Blutung. 

Die in meinem ersten Falle, allerdings nur in 
geringer Ausdehnung, vorhandene Komplikation mit 
Blasen Verletzung gehört nach K1 i e n „zu den schlimm¬ 
sten Geburtsverletzungen, die es gibt; von 15 Fällen wurden nur 
2 geheilt, d. h. eine Mortalität von 87 Proz.“; seitdem sind aller¬ 
dings von Schmit, Ols hausen und Andronescu 
Eällo publizirt worden, die sogar ohne operative Behandlung aus¬ 
heilten. Jedenfalls ist auch für diese schwere Komplikation die 
Totalexstirpation meiner Ansicht weit der supravagi¬ 
nalen Amputation vorzuziehen, da durch die breite Drainage 
durch dieVagina der abflies9endeUrin sofort nach abwärts geleitet 
wird und so eine Infektion der Bauchhöhle, die ja über der vagi¬ 
nalen Drainage mit fortlaufender Pertionealnaht abgeschlossen 
werden kann, am ehesten vermieden wird. 


Aus dem anatomischen Institut der Universität Tübingen. 

Die Anilinfarben als Eiweissfällungsmittel. 

Vorläufige Mittheilung von Prof. Dr. Martin Heidenhain 

in Tübingen. 

Dass Anilinfarben eiweissfällend wirken, weiss man durch 
A. Fischer. Der Autor bespricht, dass eine. Reihe basischer 
Anilinfarben (z.B. Fuchsin, Safran in, Gentiana) mit Serumalbumin 
Fällungen geben und erklärt diesen Vorgang für eine „Aus- 
a a 1 7 u n g“. Mit welchem Recht dies behauptet wird, geht aus 
dem Text der Arbeit nicht hervor. Dessgleichen wird ausdrück¬ 
lich versichert, dass die sauren Anilinfarben Ei weiss nicht 

*) Eventuell mit Abkuickung des Uterus nach der ltissseite und 
«legendruck durch Vaginaltamponade: auf diese Weise habe ich 
vor Jahren einen kompleten Uterusriss mit Erfolg behandelt. 

Ho. 11 


fällen. Und doch sind diese sauren Anilinfarben (z. B. Ponceau, 
Neucoccin, Palatinroth etc.) Eiweissfällungsmittel 
par excellence, selbstverständlich nur dann, wenn man sie 
unter Bedingungen setzt, unter denen sie chemisch wirksam sein 
können, d. h. man muss sie ansäuern, wie wir dies beim histo¬ 
logischen Färben auch thun. 

Bekanntlich enthalten alle sogen, sauren Anilinfarben als 
färbendes Prinzip eine Farbsäure und diese ist bei den in den 
Handel kommenden Salzen allermeist an Natrium gebunden. 
Die Farbsäuren selber sind Körper, die sich im weiteren Sinne 
vom Benzol oder Naphtalin ableiten lassen, d. h. es sind aro¬ 
matische Säuren. Ihre Acidität kommt dadurch zu Stande, dass 
ein oder mehrere Wasserstoffatome der konstituirenden Ringe 
durch sauere Gruppen ersetzt sind; zu diesen rechnen wir die 
Sulfonsäuregruppe: SO,H und die Carbonsäuregruppe: CO.OH, 
ferner auch die Hydroxylgruppe: OH und einige Gruppen, 
welche, an Stelle eines am ringförmig gebundenen Kohlenstoff 
stehenden H-Atomee eintretend, die bereits vorhandene Acidität 
verstärken; so besonders die Nitrogruppe (NO,) oder auch Chlor-, 
Jod- und Bromatome, letztere in ihrer Eigenschaft als Reste der 
betreffenden Säuren. Die Base, bei den saueren Farbstoffen des 
Handels, wie schon erwähnt, meist Natrium, vertritt die Wasser¬ 
stoffatome der Säuregruppen (also: —SO,Na und —CO.ONa). 

Es wäre also beispielshalber das Brillantorange G: 


C.H,.N = N.C»H,{«« Na 

oder das Natriumsalz einer Anilinazonaphtolsulfosäure ein 
schwach sauerer Farbstoff, weil er nur e i n —SO,H und nur 
ein —OH enthält. Dagegen wäre das Ponceau 6R 

N» . SO, ■ Cio H, ■ N = N . Cio H,. ( Na> 

oder das Natri ums alz einer Naphthionsäure-azo-naphtoltrisulfo- 
säure ein stark saurer Farbstoff, weil hier nicht weniger als 4 Sul¬ 
fonsäuregruppen neben einer Hydroxylgruppe Vorhand sind. Wir 
würden also die Acidität ungefähr nach der Zahl und Art der 
saueren Gruppen abschätzen können. Indessen kommt noch in 
Betracht, dass ein Theil der saueren Farbstoffe auch Amido- 
gruppen (—NHJ, also basische Gruppen enthält, welche auf die 
Acidität in abschwächendem Sinne einwirken. Also z. B. ist 
das Congoroth ein schwach sauerer Farbstoff: 


™ S S0,-} CloHl • N = N • (C.H.) S . N = N. CioH» [ ™* x „ 

denn es sind hier zwar zwei Sulfonsäuregruppen, aber daneben 
auch zwei Amidogruppen vorhanden. 

Ich habe mich nun einstweilen in erster Linie an die sulfo- 
saueren Salze gehalten, während die entsprechende Untersuchung 
der Carbonsäuren (und der Alizarine) noch im Gang befindlich 
ist. Man verfährt am besten in der Weise, dass man das Eiweiss, 
zunächst etwa 0,5 Proz. Serumalbumin oder Kasein, in einer 
10 proz. Essigsäure löst. Die Flüssigkeit wird dann viel freie 
Essigsäure enthalten, während die Eiwoisse als Acidalbumine in 
Lösung gegangen sind. Nimmt man nun ein paar Kubikccnti- 
meter der Lösung in ein Reagensglas und setzt ein paar Tropfen 
einer 0,5 bis 1 proz. Lösung eines saueren Farbsalzes hinzu, so 
wird man, falls die Acidität des betreffenden Farbstoffes eine 
irgend beträchtlichere ist, sofort eine Eiweissfällung bekommen, 
da durch die Essigsäure die Farbsäure sogleich in Freiheit ge¬ 
setzt wird. Das in Flocken gefällte Eiweiss ist jedes Mal pracht¬ 
voll im Tone des Farbsalzes gefärbt und auf diese Weise selbst in 
äusserst geringer Menge leicht kenntlich. Es ist fraglos, dass die 
.Säure sich mit dem Eiweiss chemisch verbindet, so dass ein Acid- 
albumin entsteht, und eben hierdurch wird auch das Eiweiss 
zur Koagulation gebracht. Wird zu viel Farbstoff zugosetzt. 
so bleibt ein Theil desselben nach der Fällung in Lösung, da das 
Eiweiss kein unbegrenztes, vielmehr nur ein engbegrenztes 
Säurebindungsvermögen besitzt. Der Farbstoff wird also keines¬ 
wegs ad libitum „milgerissen“ und ausgefällt. Bleibt der Farb¬ 
stoffzusatz indessen innerhalb gewisser Grenzen, so wird er durch 
das Eiweiss vollständig gebunden und nach dem Scdinientiren 
erweist sich die Lösung als wasserklar. 

Nachdem ich midi nun durch eine ziemlich weit aus¬ 
gedehnte Voruntersuchung hinreichend orientirt hatte, habe ich 
dann ferner einen Einblick in das feinere Verhalten dieser l'äl- 


lungsreaktionen zu gewinnen versucht, indem ich die Eiweiss¬ 
lösungen und ebenso auch die Farblösungen systematisch immer 
mehr und mehr verdünnte und die Fällungsgrenze, d. h. die 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


438 


Grenze, bei der die Füllung gerade eben nicht mehr eintritt, zu 
erreichen suchte. Ich ging auf Eiweisslösungen über vou 
1:1000, 2:10 000, 1:10 000 und schliesslich auf Lösungen von 
1:20 000. Die Farbstofflüsungen verdünnte ich entsprechend 
schliesslich bis auf 2:10 000. Im äussersten Falle enthielt das 
Reaktionsgemisch in einer Masse von 18 ccm Wasser nur 
0,0015 g Eiweiss, 0,003 g Farbe bei Gegenwart von 0,03 g Essig¬ 
säure, von welcher ein gewisser Theil an das Eiweiss gebunden 
war. Und doch lieferten unter diesen Umstän¬ 
den die stärker saueren Farben noch flockige 
Ausscheidungen von Eiweiss, welche zwar nicht so¬ 
fort, aber doch nach einigem Zuwarten, längstens bis zum anderen 
Tage, sich einzustellen pflegten. 

Zu den Farbstoffen, welche die feineren Fällungsreaktionen 
geben, gehören vor Allem die Abkömmlinge der Naphtholdisufo- 
süuren und Naphtholtrisulfosäuren (ad I Bordeaux R, Ponceau 
2R und 3 R, Palatinrothlund Neueoccin!; ad II Ponceau 5R, 
und 6 R), sowie ferner auch die Abkömmlinge der Chromotrop- 
säure (Oliromotrop 2 R, 2 B, 6 B, 7 B). 

Dieses Resultat, dass viele Anilinfarben eine ausserordent¬ 
liche Fällungskraft für Eiweiss besitzen, mag für die Medizin 
von Interesse sein. Theoretisch interessanter ist der Umstand, 
dass die Fällungskraft sich ziemlich genau aus der Struktur¬ 
formel heraus taxiren lässt, nach der Zahl der ins Spital kommen¬ 
den saueren und basischen Gruppen. Im Allgemeinen gilt der 
Satz, dass mit der Zahl der saueren Gruppen die Fällungskraft 
wächst und mit dem Flintritt von Amidogruppen in’s Molekül 
wiederum sinkt. Ich habe über 30 sauere Farbstoffe 
genau untersucht und glaube nicht, dass ein anderer Untersucher 
zu wesentlich anderen Resultaten kommen wird (der ausführliche 
Bericht über diese Untersuchungen wird anderen Orts gegeben 
werden). 

Freilich ergaben sich, im Einzelnen betrachtet, zwischen 
nahe verwandten Farbstoffen feine Unterschiede des Fällungsver¬ 
mögens, welche einer besonderen Deutung nicht mehr fähig sind. 
Dies würde nun im Hinblick auf das allgemeine Resultat gewiss 
nicht von erheblichem Interesse sein. Aber ein anderer Umstand 
mag Bedenken erregen, nämlich dass einige Farbstoffe aufge- 
funden wurden, welche sich nicht nur wenig, sondern durchaus 
abweichend verliielten, so dass sie eine aus ihrer Konstitution 
allein nicht verständliche, entweder auffallend schlechte oder 
auffallend gute Fällungskraft zeigten. Mit dem Satz: exceptio 
firmat regulam ist hier gewiss nichts gethan; man wird die Sache 
näher untersuchen müssen. 

In den einen Fällen handelt es sich um stark sauere 
Farbstoffe, welche nur schwach fällend wir¬ 
ken, bezw. in den Leistungen erheblich Zurückbleiben, und 
gleichsam als Gegenstück hierzu wurde ferner zweitens ein ein¬ 
zelner schwach saurer Farbstoff aufgefunden, der all«, 
übrigen an Fällungskraft übertrifft, ln Betreff 
der ersteren Farbstoffe und ihres abweichenden Verhaltens — 
starke Acidität, schwache Fäliungskraft — liess sich leider keine 
völlig befriedigende Aufklärung erzielen. Nur das eine ist auf¬ 
fallend, dass die beiden vorzugsweise in Frage kommenden Farb¬ 
stoffe ein sehr hohes Molekulargewicht besitzen (Blau- 
schwarz B mit einem Hydroxyl und 3 Sulfonsäuregruppen, 
Fällungskraft bis zu 2:10 000 oder etwa Vt so gross, wie bei 
analogen Farbstoffen, Molekulargewicht = 757; Brillant¬ 
schwarz 3B mit einem Hydroxyl und 4 Sulfonsäuregruppen, 
Fällungskraft bis zu 1:1000 oder etwa 1 / a so gross, wie bei ent¬ 
sprechenden anderen Farbstoffen, Molekulargewicht = 860). 

Man würde also eventuell sich die Vorstellung machen 
können, dass dieselbe Zahl von saueren Gruppen stärker wirksam 
ist, wenn sie an einem kleinen Molekül sich zusammendrängen, 
dagegen schwächer fällend wirken, wenn sie iil>er ein grosses 
Molekül hin vertheilt sind. 

Dagegen kann ich nun für den anderen Fall — schwache 
Acidität, sehr grosse Fällungskraft —, welcher für das Violett- 
schwarz der badischen Anilin- und Sodafabrik zutrifft 

(Sa SOs } C,oHb • N = N . CeH* . N = N . CioIIs • NH«), 

ganz bestimmte Aufklärungen geben. Dieser Farbstoff löst sich 
etwa zu 0,5 Proz. in Wasser; setzt man nun Essigsäure zu, so 
wird die Farbsäure frei und fällt unlöslich zu Boden. Die gleiche 
Zersetzbarkeit des Farbsalzes ist in diesem wie in vielen ähnlichen 


Fällen an die Gegenwart der Amidogruppe gebunden, welche den 
Charakter der Farbsäure als einer sehr schwachen, leicht 
abspaltbaren Säure bestimmt. Wenn man nun eine äusserst 
geringe Menge dieses Farbstoffes in sehr viel Wasser 
aufnimmt und ansäuert, so fällt die Farbsäure nicht mehr aus, 
sondern bleibt — wenigstens scheinbar — in Lösung. Diese 
Lösung setzt kein Sediment ab, wenn man sie über längere Zeit 
hin stehen lässt; man würde sie vielleicht als eine übersättigte 
Lösung bezeichnen können, da der in suspenso befindliche Farb¬ 
körper, wenn er in grösserer Menge vorhanden wäre, sicherlich zu 
Boden fallen würde. Auf jeden Fall ist der physikalische Zu¬ 
stand einer solchen Lösung gewiss ein ganz anderer als in den 
Fällen, wo der Farbkörper im angesäuerten Wasser an sich leicht 
löslich ist. 

Giesst man eine verdünnte Lösung des Violettschwarz zu 
einer saueren Lösung von Serumalbumin oder Kasein, so erhält 
man, falls die Konzentration der Albuminlösung irgendwie erheb¬ 
lich ist, eine ungemein schnelle Ausscheidung des Albumins in 
groben Flocken. Wird die Konzentration geringer (1:10 0CMI 
und 1: 20 000), so erhält man nach einigem Zuwarten (15 bis 
30 Minuten) ebenso schöne Ausscheidungen. Der Farbstoff 
liefert aber noch flockige Fällungen bei Verdünnungen vou 
1: 40 000 und 1: 60 000. Da die entstehenden Flöckchen sehr 
schön gefärbt sind, so sind sie immer noch sehr leicht erkennbar. 
„Spuren“ von Albumin wurden bisher auf Zusatz eiweissfällender 
Mittel nur als Trübungen erkannt; hier kann man diese Spuren 
als feine dunkelviolette Flitterchen in der klaren Flüssigkeit 
herumschwimmen sehen. Lässt man dem Reaktionsgemisch Ruhe, 
so erhält man demgemäss ein gefärbtes Sediment. 

Ich denke, dass diese Reaktion bei den Untersuchungen der 
Praktiker die besten Dienste leisten wird. Die durch Violett¬ 
schwarz ausgefällten Mengen sind besten Falls enorm gering. 
Es konnten innerhalb eines Reaktionsgemisches von 16 oem 
mit 0,0008 g der Farbe noch 0,000 255 g Eiweiss bei Gegenwart 
von 0,00408 g Essigsäure in feinen dunkel gefärbten Flöckchen 
ausgefällt werden. 

Wollte man auf Eiweiss im Harn untersuchen, so 
würde ich rathen, den Harn mit Essigsäure (von 0,4 Proz.) 
anzusäuern und eventuell etwas zu erwärmen, damit das 
Eiweiss in Acidalbumin übergefiilirt wird. Setzt mau zu 
viel Essigsäure zu, so würde dies eventuell störend wirken, 
da Essigsäure für sich allein eiweisslösend wirkt. Ferner 
würde ich, wenn eine sehr geringe Menge Eiweiss erwartet wird, 
eine entsprechend geringe Menge Farbstoff hinzusetzeai, denn für 
die Schönheit der Reaktion ist es wesentlich, dass alle Farbe durch 
das Eiweiss gebunden wird; andernfalls würde die in gefärbtem 
Zustande zurückbleibende Flüssigkeit die entstandenen Eiweiss¬ 
flöckchen decken. In dieser Beziehung mache ich folgende Vor¬ 
schläge: Man benutze bei einem vorausgesetzten Eiweissgehalt 
von 1: 1000 bis 1: 5000 eine. Farblösung von 0,2 Proz. und giesse 
auf 15 ccm llam 2—3 ccin der Farbe hinzu; entsprechend ver¬ 
wende man bei einem Eiweissgehalt von 1:10 000 bis 1:20 000 
auf 15 ccm Flüssigkeit einen Farbzusatz von 3 ccm einer 0,04 proz. 
Lösung, bei einem Eiweissgehalt von 1:40 000 ebenso cete-ris 
paribus 2 ccm, bei 1: 60 000 nur 1 ccm. 

Es ist kein Zweifel, dass bei diesen Eiweissfällungen durch 
sauere Farbsalze die Farbsäure es ist, welche sich mit dem Al¬ 
bumin chemisch verbindet und hierdurch die Koagulation hervor¬ 
ruft. Man würde Gewebest ücke in der Weise konserviren können, 
dass man die Lösung eines geeigneten saueren Farbsalzes mit 
Essigsäure versetzt und diese Mischung als Fixirungmittol be¬ 
nutzt. Hierbei würde man sicherlich eine rein chemische 
Färbung der Gewebe erhalten. Selbstverständlich wäre es bei 
Weitem bequemer, für den gedachten Zweck die freien Farb- 
säuren zu verwenden; von diesen erhielt ich im Kleinhandel aber 
(abgesehen von der Pikrinsäure) nur die Phönicinschwefelsäuiv 
(Indigoblaumouosulfosäure), welche Serumalbumin, Kasein und 
Nuclein, auch Nucleinsäure ausfällt, selbstverständlich 
in stark gefärbtem Zustande. Später erhielt ich zum 
Zwecke weiterer Versuche durch das ausgezeichnete Entgegen¬ 
kommen der badischen Anilin- und Sodafabrik auch die freie 
Säure des Naphthogelbs (Dinitro-a-naphtholsulfonsäure), sowie 
ausserdem einige ungefärbte aromatische Sulfosäuren, welche 
zum Zwecke der Synthese der Azofarbstoffe in Verwendung sind; 
dazu waren einzelne dieser ungefärbten Sulfosäuren auch im 


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13. März 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


439 


Handel erhältlich, worunter das Ascptol der Medizin (Ortho- 
nhemdsulfoiisäuro) und das Eikunogen der Photographie (eine 
Aniidonaphtholsulfosäure). Alle diese Körper wirken auf Eiweiss 
ziemlich genau nach dem Grade ihrer aus der Strukturformel 
abzulesenden Acidität. Die Metanilsäure und Sulfanilsäure 
(eine NIT.-. eine SO a H-Grupi>e) füllen Serunialbumin und Kasein 
nicht, wohl aber Nuelein. Das Ascptol (ein Hydroxyl, eine 
Sulfonsäuregruppe) fällt Serumalbumin nicht, wohl aber Kasein, 
trübt Nuelein und Nucleinsiiure. Eine Resorcindisulfosiiure 
fällte alle Eiweisse saimnt der Nucleinsäure. Eine Naphtaliu- 
monosulfosäure fällte Serumalbumin, Kasein und Nuelein* rief 
auch eine starke Trübung in Nucleinsäure hervor; die freie Säure 
d»*s Naphtolgelbs schliesslich (eine Hydroxyl, zwei Nitrogruppen, 
eine Sulfonsäuregruppe) wirkt in der ganzen Reihe der Eiweisse 
stark fällend. Aus diesen Angaben ist leicht ersichtlich, dass 
die schwach sauren Mittel zunächst die stärker sauren Eiweisse in 
Angriff nehmen (Nuelein und Kasein), während die stärkeren 
Säuren schliewsslich auch das überwiegend basische Seruinalbu- 
rnin fällen. 

Hiermit wäre nun zunächst gezeigt, dass die freien aro¬ 
matischen Sulfosäuren mit dem Eiweiss sich chemisch ver¬ 
einigen; es lässt sich dann ferner an der Hand einer ganzen Reihe 
vorzüglicher Farbenreaktinnen auch beweisen, dass die in den 
sauren Earlwalzen steckenden Sulfosäuren, welche Träger der 
Farbe sind, ganz ebenso an »las Eiweiss gehen und raitdiesem 
gefärbte S a 1 z o h i 1 d e n. Wir besitzen nämlich eine erheb¬ 
liche Anzahl saurer Anilinfarl>eii. lad »lenen die freie Farbsäure 
durchaus anders gefärbt- ist als das Salz. Man hat also die Ge- 
legenheit «lie Farlvsäure sichtbar lieh frei zu machen und 
kann alsdann mit derselben auf Eiweiss reagiren; es bildet sich 
alsdann das A« idalbumin und »1 i o s o. m kommt w i e d e r u m 
d i »■ Farbcdes Salzes z u. 

Die für «liese Reaktionen tauglichsten Farbkörper sind vor 
Allem »li<* amhloazosulfosaureu Salz»*, deren Ix^kanntcstes das 
Kongoroth ist. Toll hatte nicht weniger als acht verschiedene der¬ 
art ige Kör|x*r zur Verfügung, grösstentheils durch Vergünsti¬ 
gung »ler Elberfelder Farbenfabriken. Diese Farbsalz».* waren 
alle roth gefärbt in v»*rschicdencn Nüaneen; in wässrige Lösung 
gebraclit und mit wenig Essigsäure angeaäuert, z«*rsetzten sie sich 
alsbald, und gaben die Farbsäure frei. Da diese Säuren Amido- 
grupptm enthalten, handelt es sich um schwache Säuren, welche 
sich eben aus diesem Grunde leieht in Freiheit setzen lassen. Die 
Säuren waren aber alle blau, schwarzblau, ja fast gänzlich in’s 
Schwarze gehend gefärbt. Man hat daher bei der Ansäuerung 
verdünnter Farblösung<m einen äussorst auffallenden 
Farben Wechsel, von einem durchsichtigen Roth bis zu einem un¬ 
durchsichtigen schwärzlich-blauen Tone. Nimmt man konzen- 
trirte Lösungen, so fällt die Farbsäure frei aus. Boi sehr ver¬ 
dünnten Lösungen ist dies indessen nicht der Fall. Nimmt 
inan nun eine derartige schwach angesäuerte dunkelblaue oder 
schwärzliche Farblösung, und gibt eine geringe Quantität davon 
zu einer 0,5 proz. Lösung von Serumalbumin oder Kasein in 
10 proz. Essigsäure (!) hinzu, so regenerirt sich entweder schon 
in der Kälte »xler bei geringem Anwärmen (etwa auf Körper¬ 
temperatur) die rothe Farbe des Salzes. Mau bedenke also: 
Zuerst säuert man die verdünnte Lösung des Farbsalzes etwa mit 
einer 0,5 proz. Essigsäure an und macht dadurch die Farbsäure 
frei; alsdann giesst man diese Mischung, welche die freie Farb- 
säuro enthält, zu einer viel stärker konzentrirton, 10 proz. Essig¬ 
säure hinzu und erhält die Farbe des Salzes zurück, weil das 
Gemisch eiweiss haltig ist. Es bildet sich mithin 
trotz der Gegenwart von viel freier Essigsäure, ein Eiweiss- 
salz der Farbsäure oder Aeidalbumin, welches im Farben¬ 
ton dem entsprechendem Natriumsalze sehr ähnlich ist. 

Aus dem Berichte geht hervor, dass die Eiweisssalze sta¬ 
biler sind als die Natriumsalze; es muss also eine besondere 
eigenthüuilieho Verwandtschaft zwischen diesen aromatischen 
Sulfosäuren und dein Eiweiss lx«tehen. Einige Versuche, die 
Farbsäurcn von dem Eiweiss wiederum abzuspalten, führten zu 
«l»-m eigenthümliehen Resultat, das« einige dieser Eiweisssalze 
selbst durch 5 proz. Schwefelsäure nicht oder wenigstens nicht 
äugen bl iekli»*.h zernezt werden können. 

Dass die Farbsäure in unseren Fällen thatsäehlich am Eiweiss 
«itzt, geht auch aus Folgemlem hervor. Es ist bekannt, dass alle 
basischen Anilinfarben, wenn sie mit sauren Anilinfarben zu¬ 


sammengebracht werden, eine Fällung ergeben; diese Fällung ist 
meist ein dunkler Nmderschlag und nichts anders, als die v»n: 
E h r 1 i c h sogenannte Neutralfarbe, eine Verbindung der 
Farbsäure mit »ler Farbbasc. ln »ler Technik werden de rar I ige 
tlunkle, unlösliche Farbkörper gern als Lacke bezeichnet; wir ver¬ 
wenden sie bei lustologischeu Färbungen mit Vorliebe, während 
sie beim tetduiisohen Färben der Gespinnstfasem nicht in Be- 
traeht kommen. I nter allen basischen Farben eignen sieh nun 
mich meinen Erfahrungen b»*sond»*rs Toluidinblau und Thionin 
zur Erzeugung solcher Noutralfarben. Gehen wir etwa ein paar 
Tropfen einer verdünnt«-« Toluidinblaulösung zu der ebenso ver¬ 
dünnten Lösung eines amidoazosulfosauren Salzes, so wer«h*n wir 
die Ausfällung der Neutralfurbe mit Sicherheit erhalten. Wenn 
wir aber ebenso mit T»duidinblau auf die durch die Amidoazo- 
sulfosiiuren rothgefiirbten Eiweisslüsungen reagiren, so erhalten 
wir die Fällung d»*r NYutralfarlx» «ich t, und zwar darum nicht, 
weil die Farbsäure jetzt am Eiweiss sitzt un»l durch die Farbbasc 
nicht mehr abgespalten werde« kann. 

Es ist. also möglich, vermittels der Ami- 
»1 o a z o k ö r p o r, «1 i e Bildung «ler Aeidalbuminean 
d»*r Hand sehr schöner F a r b e n r e a k t i o n e n si oh t- 
I» ar v o r z u f ii h r e n. 

Es wenlcn, jo nach «len Umständen, wcchsclmlc Mengen der 
Farbsäure von dem Eiweiss aufgenommen. Di»« erläutert sich 
dur»-h folgenden instruktiven Versuch. Wir g»*lx*n in eino ganze 
Seri«! gleich grosser Rcag<*nzgliis«*r etwa je 5 ccm einer reinen 
1 proz. S(‘.ruimilbuminlösung, nun setzen wir der Reihe nach 1, 2, 
3. 4 Tropfen einer 0,5 proz. Lösung von Kongoroth, besser no»-h 
von Naphtylcnroth liinzu, sagen wir »*twa bis zu 10 «xler 
12 Tropf»*n, so »lass am Ende der Reihe der Farbgehalt <*in !)<■- 
trächtliclier ist. Naolnhan die Gläschen gut durchgemiseht sind, 
fügen wir dann der R»‘ihe nach verdünnte Essigsäure (0,4 proz.. 
»•in paar «•cm) hinzu und wir sehen nun Folgende*. Die. ersten 
Reagenzgläser Ixdialten ihr»« s«düino fl»*isch- »xler scharlachrot he 
Farbe, also trotz des Essigsäurezusatzes, obwohl Essigsäure unter 
aiuleren Umständen die dunklen Farbsäure« frei macht. Ein»-s 
der nächsten Gläser wirtl dann beim Ansäuern eine beträchtliche 
Naehdunklung des rothen Farbentones z»*igen: hiennit. stehen wir 
vor der Fällungsgrenze. Im nächsten Reagenzglas wird beim An¬ 
säuern das Eiweiss ausfallen; «« geht nunmehr soviel Farbsäure 
an’s Eiweiss über, dass dasselbe denaturirt und koagulirt wird. 
Tst man nun gerade über dio Fällungsgrenzo hinausgekommen, 
d. h. war nicht lx-r-oits zu viel Farbe im Glas, so wird das Eiweiss 
in prachtvoll scdiarlachrothem Tono ausfallen. In der Serie der 
folgernden Reagenzgläser wird nun der Farbenton des ausfallen¬ 
den Eiweisses immer dunkl»»r und dunkhir, bis derselbe schli»«s- 
lich schwarzroth wird. Hieraus geht meiner Meinung nach 
hervor, dass man wechselnde Meng» 1 « der Farbsäure an’s Ei¬ 
weiss bringen kann und dass die Nüanw des Aeidalbumins immer 
dunkler und dunkler wird, jo mehr Säure an das Eiweiss sich 
bindet. 

Das Verhalten der basischen Farbsalze, gegenüber den 
Eiweisse«, sjx'ziell gegenüber dem Serumalbumin, ist weniger 
durchsichtig. Bei »len basischen Farbsalz«-« haben wir als fiirben- 
d<« Prinzip eine Farbbasc, (z. B. Rosanilin) während die zug«- 
Imrigo Säure in den meisten Fällen ein»» der gewöhnlichen an¬ 
organischen »xler organischen Säuren sein wirtl, also z. B. Salz¬ 
säure, Schwefelsäure, Salpetersäure, Essigsäure. Oxalsäure, 
seltener Pikrinsäure. Da dio meisten basischen Farbsalze (z. B. 
Safranin, Methylviolett, Methylenblau, Neutralroth, Vesuvin etc.) 
mit Serumalbumin wasserunlösli che Fällungen g»*ben, so 
werd»*n diese sicherlich theilwoise darauf b»*ruhen, dass die 
Säure an’s Eiweiss geht; es werden aber sicherlich auch gewisse 
Antheile der Base aufgenommen, denn das gefällte Eiweiss ist 
meist stark gefärbt. Wieviel von der Säure <xh*r von der Bas«- 
oder von beiden durch das Eiweiss fest g*:bunden wird, das wir»! 
ganz von dein chemischen Charakter des Farbsalz»« abhängen. 
Es wird davon abhängen, ob wir in dem betreffenden Farbsalze 
eine starke Säure mit starker Base, eine schwache Säure mit 
schwacher Base, eino starke Säure mit schwächte Base <xl«-r um¬ 
gekehrt haben. 

Tm Allgemeinen sin»! die Eiweisskörper „snuerba-sisehi'F" 
Natur (etwa wie die Amidosiiuren), vermögen also sowohl Säuren 
als auch Basen zu binden. Bei den Reaktionen mit Salz»-« wird 
nun wohl eine Art doppelter Umsetzung zu St-aiule kommen, in- 

2 * 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


dem das Salz nicht einfach addirt und etwa ein „Doppelmolekül“ 
aus Eiweiss und Salze gebildet wird. Vielmehr wird das Salz 
in seine Jonen zerlegt und diese an verschiedenen Orten des 
Eiweissmoleküles angelagert werden. Nun ist aber die Säure- 
kapazitiit dos Serumalbum ins grösser als die Basenkapazität 
(Spiro und P e m s e 1); es würde also dieser Eiweisskörper im 
Allgemeinen leicht geneigt sein, bei der Reaktion mit Salzen 
mehr von der Siiurc als von der Base zu binden. Dalier müsste 
unter Umständen bei der Zersetzung eines Farbsalzes durch 
Sorumalbumin ein Theil der Base im Reaktionsgemisch frei 
werden. Und gerade dies scheint sich in häufigen Fällen zu be¬ 
stätigen, da nämlich beim Reagircn mit Neutralrotli, Neutral¬ 
violett und einigen anderen Salzen eine V erfärbung eintritt, 
welche nur durch die Beimischung des Tones der freien Farbbase 
erklärbar ist. 

Die sauer-basische Janusnatur der Eiweisskörper lässt sich 
sehr leicht an schönen Farbenreaktionen nachweisen. Vorhin 
haben wir gesehen, dass die dunkelblauen Amidoazosulfosäuren 
mit dem Eiweiss roth gefärbte Salze — Acidalbumine — geben. 
Ebenso nimmt Serumalbumin auch freie Farb¬ 
base n auf und bildet mit ihnen entsprechend gefärbte „eiweiss¬ 
sauere Salze“ — Albuminate. Soll der Versuch demonstrativ sein, 
so muss man solche Basen wählen, deren Farbenton ganz anders 
ist als der des Salzes. Am besten eignet sich die freie Base des 
Nilblaus — erhalten durch Schütteln des käuflichen Chlor- 
hydrates mit Silberoxyd —, welche, selber sehr schön rubin- 
rotli gefärbt, das Serumalbumin (1 proz. Lösung) blau 
anfärbt, d. h. es entsteht ein Nilblaualbuminat. Geben wir ferner 
die wasserklare Rosanilinbase zu Serumalbumin hinzu, so 
entsteht ganz analog ein rothes Rosanilinalbuminat und ebenso 
liefert die gelblich-bräunliche Base des Ncutralroths ein rothes 
Albuminat. 

Allein es muss schon eine ziemlich kräftige Base sein, welche 
durch Serumalbumin aufgenommen werden soll; denn ein 
schwach basischer Körper, wie das Dimethylamidoazobenzol, 
bildet mit. Eiweiss keine Salze. Im Gegentheil! Wenn wir das 
roth e Chlorhydrat dieser Base, zu Sorumalbumin hinzugeben, 
so wird die Säure sofort vom Eiweiss aufgenommen und die freie 
Base erscheint im Reaktionsgemisch mit schwefelgelbem 
Tone. Hier hat das Eiweiss das Farbsalz zersetzt und die starke 
Salzsäure aufgenommen, während die schwache Base ausfiel. 
Umgekehrt wird beim Reagircn mit dem roth gefärbten 
Phenolphthaleinnatrium das Natrium als starke Base sofort vom 
Eiweiss aufgenommen, während das Phenolphthalein als schwache 
Säure frei gegeben wird, ln f olge dessen wird das Gemisch so¬ 
fort farblos. 

Es würde nun offenbar zur Ergänzung der Erfahrungen mit 
Serumalbumin von Interesse sein, wenn man mit einem Eiweiss- 
körper von höherer Basenkapazität auf basische Farbsalze zu 
reagiron in der Lage wäre. Indessen sind die in Betracht kom¬ 
menden Nucleine nicht in indifferente Lösung zu bringen. 
Freie Nueleinsäure (0,5 bis 1 proz.) gibt mit basischen Farb¬ 
salzen Fällungen (A. Fische r). Offenbar entstehen hier die 
nucleinsaueren Salze der Farbbasen, denn die freieNuclein- 
säure vereinigt sich mit freien Farbbasen so¬ 
fort und gibt mit ihnen entsprechend gefärbte Salze (z. B. 
nucleinsaueres Nilblau, Rosanilin etc.). Da nun schon das 
sch wachsauere Serumalbumin basische Farbsalze zu zersetzen ver¬ 
mag, um wie viel mehr wird dies bei der freien Nucleinsäure 
der Fall sein. 

Aus allen diesen Erfahrungen lässt sich entnehmen, was wir 
übrigens schon vorher wussten, dass auch unsere histologischen 
Färbungen wesentlich durch chemische Wirkungen zu Stande 
kommen. Um so mehr wäre es nöthig, dieses schöne und aus¬ 
sichtsreiche Gebiet der Reaktionen zwischen chemisch reinen Ei¬ 
weisskörpern und Anilinfarben weiter auszubauen, damit wir 
späterhin einmal in der Lage sein mögen, an unseren gefärbten 
mikroskopischen Schnitten chemische Untersuchungen auf 
farbcnanalytischom Wege zu machen. 

(Die ausführliche Untersuchung wird in einem Fachjournal 
erscheinen. — Die Firma Dr. Grübler & Co. in Leipzig hat 
sich erboten, auf Ansuchen die in diesem Aufsatz erwähnten 
Farben eventuell zu beschaffen.) 

Tübingen, 15. Februar 1902. 


No. 11. 


Aus dem pharmakologischen Institut der Universität Greifswald 

Einige Bemerkungen Uber Kieselsäure. 

Von Hugo Schulz. 

Die reine Kieselsäure hat bisher in unserer Therapie keine 
Anwendung gefunden. Anders liegt es mit ihrem Kali- und 
Natronsalz, in konzentrirtcr Lösung als Wasserglas bekannt. Zu¬ 
mal das Natriumsilikat ist zu Anfang der 70 er Jahre des ver¬ 
flossenen Jahrhunderts besonders von französischen Aerzten sehr 
wann für die innere Medikation empfohlen worden. Jedoch liegt 
der Gebrauch der Alkalisilikato in der Medizin viel weiter zu¬ 
rück. Wir finden schon bei Paracelsus an zwei Stellen An¬ 
gaben, die mit grosser Wahrscheinlichkeit darauf schlieaeen 
lassen, dass ihm eine Verbindung von Kieselsäure und Alkali be¬ 
kannt gewesen ist. Er spricht im 20. Kapitel des Buches „von 
den tartarischen Krankheiten“ von einem Präparat: Fel terrae, 
das in ein Oleum, d. h. eine dickflüssige Lösung, übergeführt, 
mit noch einigen anderen Dingen gegen Harnstein empfohlen 
wird. Dann weiter findet sich im 2. Traktat des Buches „de 
morbis e tartaro“ im ersten Kapitel ein zweites Präparat an¬ 
gegeben, Ludus genannt, das cl>enfalls ..tartarisclie“ Leiden aller 
Art beseitigen soll. „Das nimpt alle Kranckheiten hinweg vom 
Tartarischen Stein“. Die allgemeine Ansicht, geht dahin, dass 
es sich um kieselsaueres Natron oder Kali gehandelt hat. Was 
die tartarischen Krankheiten angeht, so sind darunter alle Leiden 
zu verstehen, bei denen sich im Körper Konkretionen gebildet 
hatten oder derartige Niederschläge aus den Säften als Krank¬ 
heitserzeuger angesehen wurden, sj>eziell aber Gicht und Cliole- 
lithiasis. Späterhin hat dann auch der bekannte G 1 a ube r die 
„Kieselfeuchtigkeit“, also zerflossenes Natrium- oder Kalium¬ 
silikat, gegen gichtische Leiden angerathen. 

Viel Berücksichtigung haben diese Mittheilungen und Em¬ 
pfehlungen in der Folgezeit nicht gefunden. Erst in der zweiten 
Hälfte des vergangenen Siikulums haben, wie schon erwähnt, be¬ 
sonders unsere westlichen Kollegen das kieselsauere Natron näher 
studirt. Es existirt allerdings schon aus dem Jahre 1859 eine 
Angalx? von Küchenmeister, die im 11. Bande von 
G r ä v c 1 l’s Notizen sich findet. Küchenmeister wandte 
Lösungen von Wasserglas äusserlich an gegen Stiche und Bisse 
von Insekten, wie auch g<gen Erysipel. Und ein Jahr vorher 
hatte der Franzose S o c q u e t das Natriumsilikat innerlich gegen 
Gicht. Rheumatismus und neuralgische Beschwerden gegeben, 
alx-.r mit. Aconitum und Colchicum gemeinsam, was denn kein 
deutliches Bild von der Wirkung des Silikates geben kann. 1872 
berichtet dann Dubreuil in der Gazette des höpitaux über 
einen Fall therapcutiseherVerwendung des kieselsaueren Natrons. 
Er injizirte in die Blase, eines älteren Mannes eine 0,5 proz. 
Lösung von kieselsauerem Natron. Der Patient litt an Prostata¬ 
hypertrophie und Blasonlähmung und war vorher erfolglos in 
anderer Weise behandelt worden. Die Wirkung trat fast sofort 
ein. Der bis dahin alkalisch reagirende Harn wurde normal 
sauer und die Eiterbildung verschwand. Picot injizirte täg¬ 
lich einmal eine 2 proz. Lösung von kieselsaurem Natron bei 
Blennorrhoe der weiblichen Urethra. Drei Fälle wurden in 5, 
einer in 7, einer in 11 Tagen geheilt. Ein Fall von Urethrilis 
während der Gravidität, der gegen andere Behandlung wider¬ 
spenstig sich gezeigt hatte, wurde in gleicher Weise in 12 Tagen 
geheilt (Comptes rendus 1872, Bd. 75). Im selben Jahre be¬ 
nutzten Marc See und M. Goutier Lösungen von Natrium¬ 
silikat bei Blennorrhagien, einfacher Balanitis um! Komplikation 
mit spezifischen Geschwüren. Der schon erwähnte Picot hält 
dann ferner auch das kieselsauere Natron für nützlich bei be¬ 
stimmten Formen von Diabetes. Es folgt im Julire 1873 (''ha in - 
pouillon (Comptes rendus Bd. 76). Er empfiehlt Natrium- 
siliknt zur Injektion bei Blennorrhagien und Fluor albus, lässt 
Lösungen desselben bei chronischem Bronchialkatarrh inhaliren 
und findet seine Wirkung vorzüglich bei chronischer Cyst-itis: 
„Aucune medieation, je l’affirme, ne reussit aussi bien que les 
injections du silieat de soude contre la cystite chronique, catar- 
rhale, purulente ou hemorrhagique.“ 

Nachdem dann noch Doyon in den Annales de dennato- 
logie et de syphiligraphie 1873 — wie ich einem Referat ent¬ 
nehme — das kieselsauere Natron bei syphilitischen Affektionen 
empfohlen hatte, veröffentlichte 1875 A. W o 1 f f eine Disser¬ 
tation : Sur l’emploi du silicate de soude dans le traitement de la 


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is. Mürz 1902. MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


441 


bh'-nnorrhagie. Auch er machte Injektionen von 1 bis 3 proz. 
Lösung:. Dieselben seien kaum schmerzhaft gewesen. Meist 
wurde der Ausfluss zunächst stärker und dicker bis zum 5. oder 
6. Tage. Dann ging die Blennorrhagie zurück. 

Die ersten, welche dem Grunde der Wirkung des Natrium¬ 
silikates nachgingen, waren Rabuteau und P a p i 11 o n 
(Comt. rend. 1872 Bd. 75). Sie fanden, dass 1 bis 2proz. Lö¬ 
sungen deutlich fäulniss- und gährungswidrig sich verhielten. 
Sie verglichen diese Wirkung mit der des borsauren Natrons, 
finden aber die Aktion des Silikates energischer ausgesprochen. 
Diese Versuche habe ich nachgeprüft. Sie finden sich ausführ¬ 
lich in der, 1889 erschienenen Dissertation von R. Löwen¬ 
haupt: „Die fäulniss- und gährungswidrige Wirkung des 
Natrium silicicum“ niedergelegt. 

Die Lösungen von kieselsaurem Natron rcagiren bekanntlich 
deutlich alkalisch. Der Verdacht, dass diese Eigenschaft von Be¬ 
deutung sein konnte für das Zustandekommen der von Rabu¬ 
teau und Papillon erhaltenen Resultate, veranlasst« mich, 
vergleichende Versuche mit Lösungen von als chemisch rein be¬ 
zogenem kieselsaurem Natron und solchen von Natriumhydroxyd 
anzustellen, die beide auf den gleichen Grad der Alkaleszeuz 
genau eingestellt waren. Das Endergebniss unserer Versuche 
kann ich kurz dahin zusammenfassen, dass sich kein nennens- 
werther Unterschied ergab, wenn eine Uisung von Natriumsilikat 
oder eine ihr in dem Grade der Alkaleszeuz entsprechende Aetz- 
natronlösung vergleichend auf verschiedenes, fäulniss- und gäh- 
rungsfähiges Material einwirkten. Es konnte mithin in diesen 
Versuchen von einer spezifischen Leistungsfähigkeit des Silikates 
oder besser, der in ihm vorhandenen Kieselsäure nicht wolil die 
Rede sein. Aber auch dann, wenn reine Kieselsäure in löslicher 
Form in Wasser im Verhältnis« von 0,07 bis 0,7 Proz. suspendirt 
zur Konservirung von Fleischstückchen benutzt wurde, war von 
einer fäulnisswidrigen Wirkung derselben nichts zu merken. 

Will man die oben besprochenen therapeutischen Erfolge 
nicht ausschliesslich dem Gehalte an Natron in den injizirteu 
oder innerlich verabfolgten Lösungen zuschreiben, so muss die 
Kieselsäure irgend w r elche anderweite und besondere Wirkung be¬ 
sitzen, die festzustellen wäre. 

Bisher ist nur vom Natronsalz der Kieselsäure die Rede ge¬ 
wesen. Ich komme jetzt zu meinem eigentlichen Thema: Welche 
Rolle spielt die Kieselsäure im organischen Leben, speziell im 
menschlichen Organismus und haben wir das Recht, aus der Be¬ 
antwortung dieser Frage und unter Zuhilfenahme anderweiter 
Thatsachen von einer therapeutischen Bedeutung der Kieselsäure 
sprechen zu dürfen? 

Lebende Organismen ohne Kieselsäure dürften wohl nicht 
existiren. Wir wissen, welch gewaltigen Antheil diese Säure in 
den verschiedensten Verbindungen und Gestalten am Aufbau 
unseres Planeten und in der Zusammensetzung des, die Pflanzen 
nährenden Bodens besitzt. In gelöster Form nimmt die Pflanze 
die Kieselsäure aus dem Boden in sich auf und speichert sie in 
ihrem Inneren an. Bekannt ist, dass einzelne Pflanzenfamilien, 
speziell die Gramineen und die Equisetaceen ganz auffallend reich 
sind an Kieselsäure. Enthält doch die Asche unserer einhei¬ 
mischen Schachtelhalmarten bis zu 70 proz. Kieselsäure (Equi- 
setuin Telmateja) *). Besonders interessant ist das Verhalten 
der Kieselsäure bei der Graminee Bambusa. In ganz alten Exem¬ 
plaren derselben findet sich im Inneren, in der Nähe der Knoten, 
die Säure in fast chemisch reiner Gestalt vor, nach Poleck 
(Botan. CentralbL 1887, Bd. 29) bis zu 99,6 Proz. Kieselsäure 
mit geringfügigen Verunreinigungen, in Gestalt des sogenannten 
Tabaschir. Diese Konkretionen, verschieden grosse und ver¬ 
schieden, bis milchweiss gefärbte Stücke, waren schon im Alter¬ 
thum als Lac lapidesoens hoch geschätzt. A v i c e n n a erwähnt 
sie ganz besonders und Gerardus vonCremona zählt eine 
ganze Reihe von Leiden her, die der Wirkung des Tabaschir 
unterstellt sein sollen. G a r c i a sagt von ihm: „Interni3 et 
extemis convenit ardoribus, tum etiam biliosis febribus et dysen- 
teriis, praesertim autem in biliosis fluxionibus utuntur, nostri 
vero ex eo trochiscos conficiunt, addito semine oxalidis. Von 
einer anderen medizinischen Verwendung berichtet Bauhin : 
„Indi ad vulnera testiculorum et virgae utuntur. Valet etiam 
contra colericas passiones et dysenteriam.“ Noch heute spielt der 

‘) VergL E. Wolff: Aachen-Analysen. Berlin 1871. 

Wo. 11. 


Tabaschir in der Matcria mcdica seiner 1 Icimuthlündcr eine 
grosse Rolle.") 

Aus der Pflanze gelangt die Kieselsäure in den Thierkörper. 
Man ist gewohnt gewesen, ihr Vorkommen in diesem als für die 
allgemeine Ookonomio des Organismus nebensächlich zu be¬ 
trachten. Jedenfalls wurde ihrer Anwesenheit irgend welche Be¬ 
deutung nicht beigelegt, wenn man sie bei analytischen Unter¬ 
suchungen in kleinen Mengen in der Asche irgend eines Körper- 
bcstaudtheiles vorfand. Der Erste, der für eine physiologische 
Bedeutung und damit für die Zweckmässigkeit des Vorhanden¬ 
seins von Kieselsäure im Körper des Thieres eintrat, war 
v. Gorup-Besanez. Auf Grund seiner Arbeiten sprach er 
der Kieselsäure eine gewisse Bedeutung zu für das Leben und das 
Wachsthum der Epithelialgebilde. Trotzdem er eigene und 
fremde analytische Belege für die Richtigkeit seiner Anschauung 
heranziehen konnte, ist diese doch nie recht zur Geltung gelangt. 
Hoppe-Seyler hat sogar direkt den Einwand gegen 
v. Gorup-Besanez erhoben, dass die von ihm bei seinen 
Analysen erzielten Kiesclsäurewerthe lediglich auf äusserlich 
den untersuchten Epithelialgebilden anhaftende Verunreini¬ 
gungen zurüekzuführen seien. Gegen diesen Einwand Hoppe- 
S e y 1 e r’s spricht aber mit aller Deutlichkeit die Thatsache, dass, 
wie v. Gorup-Besanez nachweisen konnte, die Federn 
körnerfressender Vögel mehr Kieselsäure enthalten, wie die von 
Fleischfressern, und dass die niedrigsten Kiesclsäurewerthe in den 
Federn der von Fischen lebenden Vögel sich vorfanden. 

Ich habe im verflossenen Jahre in P f 1 ü g e r’s Archiv. 
Band 84, eine Reihe analytischer Ergebnisse veröffentlicht, als 
Resultat von Untersuchungen, die den Zweck hatten, über die 
Kieselsäurefrage weitere Aufschlüsse zu erlialten. Im Folgenden 
will ich zunächst diejenigen Daten bringen, die ein weitergeh- 
endes Interesse für die Beurtheilung der Stellung beanspruchen 
können, welche der Kieselsäure im thierischen und menschlichen 
Organismus zugebilligt werden muss. 

Was zunächst den Gehalt von Epithelialgebilden au Kiesel¬ 
säure angeht, so habe ich allerdings die Erfahrung machen 
müssen, dass es äusserst schwor, vielleicht wohl kaum möglich ist, 
diese ganz frei von äusserlich in Gestalt feinster Staubtheilchen 
anhaftender Kieselsäure zu erhalten. Wenigstens ist mir dies 
weder bei thierischen noch auch bei von Menschen herrührenden 
Haaren gelungen. Dagegen konnte ich die Säure als ursprüng¬ 
lich vorhanden, und nicht durch äusseres Ilerankommen nur vor¬ 
getäuscht, mit Sicherheit nachweisen in einem anderen Gebilde 
epithelialer Natur: der Linse des Auges. Zweimal habe ich aus 
je 400 Augen von Rindern die Linse auf ihren Kieselsäuregehalt 
hin untersucht. In der Asche der ersten Portion waren 
0,2850Proz. Kieselsäure enthalten, in den der zweiten 0,2036Proz. 
Diese Zahlen würden, auf ein Kilogramm wasserfreier Linsensub¬ 
stanz berechnet, für die erste Portion einen Gehalt von 0,0854 g. 
für die zweite einen Gehalt von 0,0694 g Kieselsäure ergeben. 

Für diese Bestimmungen gilt indessen ein Einwand, den man 
auch den von v. Gorup-Besanez mitgetheilten Zahlen 
gegenüber mit gleichem Rechte erheben kann: Wenn das Thier, 
dessen Gewebe und Organe untersucht wurden, mit der Nahrung 
Kieselsäure aufnimmt, so kann diese doch da, wo sie gefunden 
wird, lediglich als Ballast vorhanden gewesen sein und braucht 
keine unmittelbar physiologisch bedeutsame Stellung ausgefüllt 
zu haben. Rinder sind Graminivoren, es trifft also der eben er¬ 
hobene Einwand bei ihnen völlig zu. Ich suchte also weiter, zu¬ 
nächst allerdings auch noch bei Geweben, die von Rindern 
stammten. Es sind für solche Bestimmungen, bei denen es sich 
um den Nachweis doch verhältnissmässig kleinwerthiger Aschen- 
bestandtheile handelt, grosse Mengen von Ausgangsmaterial noth- 
wendig. Diese Hessen sich zunächst von Rindern am besten be¬ 
schaffen. 

Es ergab sich nun bei den fortgesetzten Untersuchungen 
die eben so interessante wie völlig unerwartete Thatsache, dass, 
je mehr Bindegewebe in irgend einem Organ sich vorfindet, desto 
höher auch die Kieselsäurezahlen in der Asche ausfallcn. Damit 
war denn ein ganz neuer Weg gewiesen, auf dem weiter gearbeitet 
werden musste. Da aber aus der quantitativen Zusammensetzung 
einer Asche ein genügend sicherer Schiass auf entsprechende 

*) Sehr ausführliche Angaben über Tabaschir bei TI u t h. 
Monatl. Mltth. d. naturw. Ver. d. Reg.-Bez. Frankfurt a. O. 18S7/N.S, 
5. Jahrg., S. 33. 

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142 


Xo. 11 


M UEN CHEN EU M EDICIN1SCH E VVOCll E N SCI t RI Ft. 


Verhältnisse in dem Organ, dem die Asche entstammt, nicht gc- 
7 .open werden kann, so wurden alle Zahlen in der Weise um- 
gerechnet, dass der Gehalt an Kieselsäure in Gramm für ein 
Kilogramm wasserfreien Gewebes resultirte. Diese letztere Be¬ 
rechnung will ich, um nicht gar zu ausführlich zu werden, in 
ihrem Ergehniss für von Kindern entnommene Theile hier über¬ 
sichtlich folgen lassen. Es sei weiter noch bemerkt, dass die nach 
folgenden Wert ho die Mittel aus einer grösseren Anzahl von 
Einzeluntersuchungen darstelh n: 

1000 g wasserfreies Fleisch enthalten 0,0423 g Kieselsäure 
1000 „ „ Aorta „ 0,0987 „ 

1000 „ ,. Sehne „ 0,108(1 

1000 „ „ Bulbuskapsel „ 0,1141 „ 

1000 „ „ Milzpulpa „ 0,149f) „ 

1000 „ „ Glaskörper „ 0,5814 „ „ 

reberblickt man diese Reihe, so tritt das eigenartige Ver¬ 
halten des Bindegewebes in den einzelnen Kürpertheilen hin- 
sicjitlich der von ihm abhängigen Kiesel säure* wert he schon ziem¬ 
lich deutlich zu Tage. 1'm aber völlig sicher zu sein in der Be¬ 
antwortung der Frage, ob es sieh nicht doch am Ende um eine 
Zufälligkeit gehandelt haben könnte, wurde folgender Versuch 
angestellt. 

Befindet sich die Kieselsäure nur als Ballast in den Organen, 
so wird sicher, wenn wir ein für derartige Fragen besonders ge¬ 
eignetes Organ herausgreifen, dessen Parenchym mehr Kiesel¬ 
säure enthalten müssen, als das nur zur Stütze oder Eingrenzung 
des Parenchyms lwstimmte Bindegewebe. Die Leber oder die Milz 
konnten für diesen Fall das beste Ausgangsmaterial bilden. Ich 
wählte die letztere. Gehört die Kieselsäure zum Bindegewebe, isi 
ihr Vorhandensein in diesem nothwendig, dann muss die binde¬ 
gewebige? Milzkapsel mehr Kieselsäure, enthalten wie die Pulpa 
derselben Milz, trotzdem diese auch nicht gerade arm an binde¬ 
gewebigen Bestandtheilen ist. Das Ergebnis» dieses vergleichen¬ 
den Versuches entsprach der Erwartung: 

1000 g wasserfreie Milzpulpa enthalten 0,1495 g Kieselsäure 
1000 „ . Milzkapsel „ 0,1879 „ „ 

Nachdem so eine gewisse Sicherheit gewonnen war für die 
Beurtheilung der Frage: Stehen Kieselsäure und Bindegewebe 
in einem deutlich und konstant ausgeprägten Verhältnis» zu 
einander? ging ich daran, menschliche Gewebe auf dasselbe Ziel 
hin zu bearbeiten. Hier hat sich denn das Endergebnis» so ge¬ 
stellt, dass man direkt den Satz aussprechen kann: Aus dem 
Kiesel Säuregehalt der Trockensubstanz lässt sich ein direkter 
Schluss darauf ziehen, ob das verarbeitete Material reich oder 
arm an Bindegewebe ist. Die folgende Uebersicht lehrt das mit 
aller Deutlichkeit: 

1000 g wasserfreier Muskel enthalten 0,0239 g Kieselsäure 


1000 „ 

„ Haut „ 

0,0447 „ 

n 

1000 „ 

„ Sehne „ 

0,0637 „ 


1000 „ 

„ Dura mater „ 

0,0870 „ 


1000 „ 

„ Fascie „ 

0,1064 „ 

- 


Die enge Beziehung zwischen Kieselsäure und Bindegewebe 
steht fest. Leider aber können wir heute noch keine Antwort 
gelien auf die. Frage: in welcher Form sich die Säure in dem 
Gewebe, befindet und, was noch viel schwerwiegender sein würde: 
warum sie im Bindegewebe vorhanden ist? 

Dass die Säure in ihrem Vorkommen nun nicht allein auf 
das Bindegewebe und ausserdem auf das Epithel beschränkt ist. 
sieh vielmehr auch in anderen normalen wie pathologischen Bc- 
»tandtheilen des menschlichen Körpers vorfindet, ist zum Theil 
schon durch frühere Untersuchungen von Oidtmann, Wit- 
t i ng u. A. dargethan. Einen kleinen Beitrag, zumal über das 
Vorkommen von Kieselsäure in pathologischen Gebilden, kann ich 
aus eigener Beobachtung liefern. So fand ich in dem Eiter aus 
einem kalten, vom Trochanter ausgehenden Abszess 0,0532 Proz. 
Kieselsäure in der Asche und bei demselben Material, aber aus 
einem Senkungsabszess von der Wirbelsäule aus herrührend, 
0,0401 Proz. Auf einen Liter Eiter berechnet, stellt sich der 
Kieselsäuregohalt für da» erst angegebene Material auf 0,0046 g. 
für das zweite auf 0,0039 g. Der Inhalt einer multilokularen 
Ovariah-yste einer 54-Jährigen enthielt in 1000 g wasserfreier 
Substanz 0,0381 g Kieselsäure, der Inhalt eines einkammerigen 
Ovarialkystoms eines 25jährigen Mädchens in der gleichen 
Menge sogar 0,0906 g. 

Zum Schluss dieses Kapitels noch eine weitere Thatsacho. 
die für die Bewerthung der Kieselsäure im menschlichen Organis¬ 


mus von Bedeutung ist. Wenn ich die mir bis jetzt zur Ver¬ 
fügung stehenden Analysen menschlicher Geweht* auf ihre Kiesel- 
siiurezahlen hin durchmustere, so ergibt sieh, dass für deren Höhe 
auch das Alter des Individuums in Betracht kommt, von dem 
«las analvsirte Material herstninmtc. Die folgende Uebersicht, 
nur menschliche Theile enthaltend, zeigt, dass der Kieselsäure- 
gchalt in demselben Material um so höher steht, je jünger das 
betreffende Individuum war und folgerichtig abnimmt, von je 
älteren Individuen es herrührte. 

1000 g Muskel alt enthalten 0,0191 g Kieselsäure 

1000 „ „ jung „ 0,0257 „ 

1000 „ „ „ ,. 0,0270 „ 

1000 „ Haut alt „ 0,0385 „ 

1000 „ „ jung ,, 0,0510 „ „ 

1000 „ .Seime alt „ 0,0408 „ „ 

1000 „ „ jung „ 0,0865 „ ,. 

Dieser gewiss bedeutsame Befund erhält aber noch eine ganz 
wesentliche Stütze, wenn wir das Resultat einer eben erst fertig 
gestellten Untersuchung mit heranziehen wollen. Ich habe di« 1 
W h n r t o n’sohe Sülze, also embryonales Bind«*gewebe, von 
120 menschlichen Nabelschnüren auf ihren Kieselsäuregehalt hin 
untersucht. Da stellte sich denn heraus, dass 1000 g wasser¬ 
freien Materials nicht weniger wie 0,2436 g Kieselsäure enthalten, 
also rund dreimal so viel, wie die Sehnen junger Individuen und 
über doppelt so viel wie die menschliche Fascie. 

Ich gehe wohl nicht zu weit, wenn ich sage, dass in allen 
diesen Befunden, wie wir sie bisher kennen gelernt haben, ein.* 
Gesetzmässigkeit mit zwingender Deutlichkeit sich ausspricht, 
die zu einer weiteren Berücksichtigung der Kieselsäure in ihrem 
Verhalten zu organischen Gebilden, besonders über zu den Or¬ 
ganen des Menschen, auffordert. 

Wir haben mit dem Faktor zu rechnen, dass die Kiesel¬ 
säure im menschlichen Körper ebenso ihre bestimmte. Stellung 
einnimnit, wie z. B. das Eisen, der Kalk, der Schwefel, das Jod. 
Alle diese Elemente haben sich eine Position in der Therapie or- 
worlx-n. es tritt die Frage an uns heran: Kann auch die Kiesel¬ 
säure ihren Platz in unserem Arzneisehatzc beanspruchen? 

Schon im Eingänge dieser Mittheilung habe ich darauf hin¬ 
gewiesen, dass bisher in unserer Therapie die reine Kieselsäure 
keinerlei Rolle gespielt hat. Der Einzige, der ihr überhaupt eint* 
Art von Interesse entgegenbringt, ist, soviel mir bekannt. 
Le r seh gewesen. Im ersten Bande seiner „Einleitung in die 
Mineralqucllenlehre“ vom Jahre 1855, bringt er auf Seite 702 
u. f. eine Pharmakodynamik der Kieselerde. Auf Seite 707 heis»t 
es bei ihni: „Ihre — der Kieselsäure — Beziehung zu den Haaren, 
zur Urinabsonderung und vielleicht zu der Knochenbildung muss 
uns zum Fingerzeige dienen, Sil. in möglichst löslicher Form, 
etwa als Na. sil. bei Krankheiten der Haare und der Knochen zu 
versuchen. Ist die Chemie irgendwo dem Arzte zum Leitfaden 
bestimmt, so ist es hier.“ 

Diesen Worten von Le r sch habe ich zunächst noch hinzu¬ 
zufügen. dass in der Tliat die aus Knochen bereitete Gelatine, 
auch in ihrer reinsten Form, in einem Kilogramm wasserfreier 
Substanz bis 0.2979 g Kieselsäure nach meinen Untersuchungen 
enthält. Hinsichtlich der von Le r sch auch erwähnten Ein¬ 
wirkung der Kieselsäure auf die Diurese steht mir experimen¬ 
telles Material bisher noch nicht zur Verfügung.’) 

Lassen wir nunmehr Le r seh weiter reden: 

..Zu therapeutischen Zwecken wird jetzt die Sil. ausser etwa 
der Kieselsäuren Alaunerde, die den Hauptbestandteil der jetzt 
ungebräuchlichen verschiedenen Thonerden ausmacht. kaum anders 
als von den Homöopathen benutzt. Mau ist versucht, hier den 
Scharfblick H a h n e m a n n's zu bewundern, welcher der Sil. eine 
Beziehung zur Haut und zu den Knochen gab. Seine Schüler 
haben diesen Fingerzeig benutzt. Ich will nur eine Erfahrung 
mit noch etwa wägbaren Grössen anführen. Trlnks behauptet, 
die 2. oder 3. Verreibung zu 1 bis 2 Gran in den tief und weit 
um sieh greifenden Vereitelungen und Verjauchungen der Haut, 
des Zellgewebes, der Drüsen und der Knochen mit dem grössten 
Erfolge und zwar Monate lang bei zerstörender Caries der Röhren¬ 
knochen gegeben zu haben. In Upland ist Sil. Volksmittel gegen 
Vereiterungen Im Allgemeinen, besonders aber gegen Furunkeln, 
wobei man nach Söderberg eine Messerspitze gepulverter 
Flintsteine eingibt. Liedbeck in Schweden hörte, dass dieses 
Mittel, sowie auch fein gepulvertes Krystallglas sehou öfter in 

*> Der in neuerer Zeit als Diuretikum vielfach angewandte 
Bolinenhülsenthee verdankt möglicher Welse diese seine Wirkung 
dein Kieselsäuregohalt, der im Stroh der Gartenbohne bis zu 
8.0 Proz. der Asche betragen kann. 


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38. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


dieser Hinsicht nicht ohne Erfolg angewandt worden ist. Leider 
sind derartige Beobachtungen nicht genug in ihren Einzelheiten 
mitgetheilt, um Glauben an die Heilkraft der Sil. zu erwecken. 
Interessanter ist vielleicht eine Beobachtung Zimmermann's 
anderer Art. Ein von Mngensüure, übermässigem Iliimorrholdal- 
flusse und anderen Zeichen einer gestörten Verdauung belästigter 
Manu, der ein unwiderstehliches Gelüste nach Kiesel und Quarz¬ 
sand offenbarte, wurde durch die Monate laug fortgesetzte Dar¬ 
reichung eines Kaffeelöffels Kieselerde geheilt.“ 

Wie Lersch bemerkt, ist die Kieselsäure bisher nur von 
der Hahneman n’sehen Schule innerlich angewandt worden. 
Man findet in deren Literatur, abgesehen von noch weiteren Indi¬ 
kationen zum Gebrauche der Säure, eine grosse Reihe von Mit¬ 
theilungen aus der Praxis, die ihren therapeutischen Werth au 
den Tag legen. Dann redet auch Schuss ler in seiner „Ab¬ 
gekürzten Therapie“ der Kieselsäure das Wort. Man kann, wenn 
man einen Grund herausarbeiten will, wesshalb die Kieselsäure 
überhaupt zu wirken befähigt ist, etwa den folgenden konstruiren, 
ohne dass dieser gerade der einzige und Alles zu erklärende zu 
sein braucht: 

Der Organismus ist angewiesen auf das Vorhandensein 
eines bestimmten Quantums von Kieselsäure. Es existirt eine 
Kieselsäurebilanz, wie es eine solche für die oben schon des Ver¬ 
gleiches wegen genannten Elemente gibt. Störungen in dieser 
Bilanz nach oben und nach unten hin müssen sich in typischer 
Weise an dem betroffenen Organ oder auch am ganzen Organis¬ 
mus geltend machen, wie ich das in meiner „Pharmakotherapie“ *) 
auseinander gesetzt und gleichzeitig die Nothwendigkeit erwiesen 
habe, wesshalb sich solche Störungen immer in einer ganz be¬ 
stimmten Art und Weise nach aussen hin kenntlich machen 
müssen. Wie die analytischen Belege darthun, ist die Kicscl- 
siiurebilanz „fein“ gestellt, d. h. es müssen, wenn an und für sich 
die normale Kieselsäurezahl schon eine niedrige ist, bereits recht 
geringfügige Bilanzdefekte sich sehr ausgesprochen geltend 
machen können. Man wird also, wenn man diesem rein rech¬ 
nerischen Weg weiter gehen will, schon mit. verhältnissmässig 
geringfügigen Mengen intern gegebener Kieselsäure in ge¬ 
eigneten pathologischen Fällen etwas ausrichtcn können, voraus¬ 
gesetzt natürlich, dass die Kieselsäure in resorptionsfähiger 
Form in den Körper gelangt. — Aber ich betone ausdrücklich, 
dass dieser Erklärungsversuch für die Wirkung der Kieselsäure 
nur ein Versuch ist. Wenn unser Wissen einmal weiter sich 
gestaltet halten wird, mögen andere, bessere und zutreffendere 
Erklärungen an seine Stelle treten. 

Eine interessante Anwendung hat die Kieselsäure in der 
Volksmedizin gefunden und findet sie z. B. in hiesiger Gegend 
noch. Die Gestalt, in der sie benutzt wird, ist allerdings, wie 
bei so manchem anderen Volksmittel, etwas eigenthümlich, 
wenigstens so auf den ersten Blick. In den hiesigen Apotheken 
kaufen die Leute vielfach ein Kraut, im gemeinen Leben 
„Kattenstert“ genannt. Es ist zerschnittener Ackerschachtel¬ 
halm, Equisetum arvense, auch Zinnkraut genannt. Es wird 
«•in Thee daraus gekocht und dieser bei gichtischen Affektionen 
und ihren Folgezuständcn, Gries, Steinleiden, alx'r auch bei 
Cholelithiasis getrunken. Wie mir von kompetenter Seite be¬ 
richtet wurde, ist zumal bei letzterem Leiden die Wirkung deut¬ 
lich ausgesprochen. Da haben wir wieder die ganze Gesellschaft 
«ler „tartarisehen“ Krankheiten und als Arznei die Pflanze, deren 
Asche fast zur Hälfte (41,73 Proz.) aus Kieselsäure besteht. In 
allen Büchern, die die Volksarznei zu ihrem Inhalte machen, 
finden wir den Schachtelhalm genannt, seine Anwendung wird 
zu«lem auch noch, innerlich wie äusserlich, sehr empfohlen gegen 
sogen, alte. Schäden und schlecht heilende Wunden. Fis war mir 
interessant, einmal zuzusehen, wie viel Kieselsäure eigentlich in 
solch eine Abkochung von Schachtelhalm hineingelangt. Es 
wurden 50 g des trockenen lvraules mit einem Liter Wasser an- 
gesetzt und Vi Stunde lang gekocht. Ein blosses „Ziehenlassen“ 
genügt, wie ich in der Apotlu'ke. erfuhr, nicht, um dem Thee 
seine richtige Kraft zu verschaffen. Das Filtrat des Ansatzes 
— ohne Auspressen einfach durch Aufgiessen des Ganzen auf 
«•in Filt« i r gewonnen -— wurde eingedampft, das zurückbleibende 
Extrakt in einer Platinschale verascht, aus der Asche Kohlen 
theilchen und etwa mögliche kleinste Sandpartikel entfernt und 
dann die ursprünglich gelöst vorhanden gew«‘senc Kieselsäure be¬ 
stimmt. Es ergab sich, dass das Filtrat 0,3 g Kieselsäure ent- 

*) E u 1 e n bürg und Samuel: Lehrbuch der allgemeinen 
Therapie 1 SOS. Bd. 1. 


443 


halten hatte. Wenn man erwägt, dass die Schachtelhalmkur in 
der Regel einige Zeit hindurch fortgesetzt wird, so ergibt sich, 
dass während derselben doch ein ganzes Quantum Kieselsäure 
zur Aufnahme und damit auch zur Wirkung gelangen kann. 

Zum Schluss noch die Frage: In welcher Form sollen wir, 
wenn wir mit reiner Kieselsäure arbeiten wollen, diese innerlich 
verabfolgen? Wollen wir reine Kieselsäurewirkung beobachten, 
so liegt es auf der Iland, dass wir sie nicht mit Natron ver¬ 
bunden oder in der Gestalt verwenden dürfen, wie sic eben bei 
Besprechung der Schachtelhalmkur beschrieben wurde. Wir 
müssen uns mithin nach einem Präparate umsehen, das uns die 
Kieselsäure in löslicher und resorbirbarer Form, ohne Bei¬ 
geschmack, an die Hand gibt. 

Was die Löslichkeit der Kieselsäure angeht, so ist die all¬ 
gemeine Ansicht bisher die gewesen, dass wir zwei verschiedene 
Formen derselben zu unterscheiden haben. Sand, Quarz und 
Alles, was dazu gehört, galt bisher für unlöslich, nicht nur in 
Wasser, sondern auch in flüssigen alkalischen Medien und nur 
durch das Schmelzen mit kohlensaurem Natron oder Kali in 
löslicher Form zu erhalten. Es ist nun aber Lunge und M i 11 - 
b e r g') geglückt, «Jen Nachweis zu erbringen, dass auch reiner 
Quarz, in staubfeinem Zustande, Lösungen kohlensauerer Al¬ 
kalien gegenüber nicht Stand zu halten vermag. Bei der Digestion 
solchen staubfeinen Pulvers mit einer 5 proz. Sodalösung gehen 
schon etwa 4 Proz. in Lösung; selbst eine nur 1 proz. Lösung wirkt 
noch sehr merklich ein. 

Dieser Befund ist nicht nur für den Chemiker von Wichtig¬ 
keit. Kr lehrt uns, dass ein Material, das bisher für gewöhnliche 
Verhältnisse als unlöslich anzusehen war, doch von selbst 
schwächeren Lösungen von kohlensaurem Natron aufgenommen 
werden kann, vorausgesetzt, dass «?s durch möglichst feine Pul- 
verisirung dem lösenden Agens eine genügende Angriffsfläche 
bietet. Es ist diese Thatsache sehr geeignet, uns zu einer anderen 
Anschauung über das eigentliche Wesen der sogen. Silicosis ge¬ 
langen zu lassen, der eigenartigen, bei Steinhauem und früher 
auch bei Müllern oft beobachteten Affektion, zumal der Respira¬ 
tionsorgane. Es kommt dabei, ausser der reinmechanischen 
Wirkung des Steinstaubes, sicherlich auch zu einer richtigen, 
im Laufe der Zeit sich entwickelnden Kieselsäurevergiftung in 
Folge der Auflösung feinster Partikel durch das Bronchialsekrct 
und der dadurch ermöglichten Resorption derselben. Das ist 
vergleichsweise etwa dasselbe, wie man sich auch mit Queck- 
silber oder Blei chronisch vergiften kann, wenn man andauernd 
in Verhältnissen sieh befindet, die das Hineingelangen fein ver¬ 
theilten metallischen Quecksilbers oder Bleies in die Athcmwegc 
gestatten. Für therapeutische Zwecke aber hat diese, doch immer 
nur in engen Grenzen sich haltende Löslichkeit der bisher als 
unlöslich betrachteten Kieselsäure keine Bedeutung. 

Die eigentliche lösliche Kieselsäure stellt man bekanntlich 
so dar, dass eine Lösung von Natrium- oder Kaliumsilikat mit 
Salzsäure versetzt wird. Dabei scheidet sich die Kieselsäure zu¬ 
nächst in Form einer dicken, glasigen Gallerte aus. Fis ist viel¬ 
leicht für den einen oder den anderen der Ltiscr dieser Artikels 
ni«*ht ohne Interesse, dass Paracelsus wohl schon diese gal¬ 
lertige Kieselsäure gekannt hat. Im 4. Kapitel des Buches „de 
natura rerum“, wo er über das „Leben“ der res naturales, das 
seiner Ansicht nach innerste und eigentlichste Prinzip, die 
Grundsubstanz der Dingo redet, sagt Paracelsus: „Das 
Leben der Quarz und Kieslingsteinen ist eine Mucilaginosische 
Matery“. Besser könnte man die gallertige Kieselsäure kaum 
beschreiben. Durch Auswaschen lässt sich die gallertige Masse 
von allem Fremdartigen befreien, dabei geht die Durchsichtigkeit 
derselben allgemach verloren un«l es bildet sich eine milchweisse, 
kriimliehe Materie, die, bei gewöhnlicher Temperatur getrocknet, 
ein äusserst feinet«, leicht zerreibliches Pulver von weisser Farbe 
liefert. Dies Pulver ist geruch- und geschmacklos, schon in 
1 pr«>z. Sodalösung beim Anwännen ohne Rückstand löslich und 
wird auch von reinem Wasser bei längerem Stehen mit demselben 
zum Theil aufgenommen. Das im verflossenen Jahre vom Deut¬ 
schen Apothekerverein herau<gegel>ene Deutsche homöopathiM-he 
Arzneibuch enthält die eben gegeben«* Vorschrift, sowie auch die 
zur Herstellung einer A«iua silieata. Hier wird fri>ch gefällte 

‘1 Vergl. A. Classen: Ausgewätilte M« , tlio«li i n «1«*r ana¬ 
lytischen riieiui«*. ItMU. H«l. I. 

:t* 


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444 


MUENCIIENER MEDICTNISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


Kieselsäure im Uebersehuss mit Wasser drei Wochen lang unter 
öfterem Umschütteln stehen gelassen, dann die Flüssigkeit ab- 
filtrirt. Es lässt sich leicht nncliweisen, dass dieselbe Kieselsäure 
enthält. Nimmt man statt reinen Wassers eine Mischung aus 
gleichen Theilen Spiritus und Wasser, so erhält man den Spiritus 
silicatus. Für die Zwecke der Praxis würde es sich empfehlen, 
die lösliche Kieselsäure als solche oder in Verreibungen mit 
Milchzucker oder aber als Aqua silicata zu verwenden und je 
nach Art des Falles kürzere oder längere Zeit hindurch zu ver¬ 
abfolgen. 

Als Vertreter einer theoretischen Wissenschaft habe ich in 
diesem Aufsatze nur vorwiegend Theoretisches bringen können. 
Ich würde den Herrn Praktikern dankbar sein, wenn sie sich der 
Mühe unterziehen wollten, bei geeignet scheinenden Fällen die 
Kieselsäure wenigstens zu versuchen. Ich würde diesen Vor¬ 
schlag nicht machen, wenn mir nicht neben praktischen Erfah¬ 
rungen, die von anderer Seite her gemacht sind, die theoretische 
Berechtigung zur Seite stände, die ich aus den Ergebnissen 
meiner Untersuchungen habe ziehen können. 


Aus dem israelitischen Asyl zu Köln. 

Zur chirurgischen Behandlung des Kardiospasmus. 

Von Dr. Fritz Cahen, chirurgischem Oberarzt. 

Zwei zusammenfassende Arbeiten von I) a u b e r und 
Martin in den „Mittheilungen aus den Grenzgebieten“ haben 
im verflossenem Jahre die Frage des Kardiospasmus be¬ 
handelt, unter Sammlung und kritischer Sichtung des bisher in 
der Literatur niedergelegten Materiales. Sie haben gezeigt, dass 
sowohl in der Abgrenzung des Krankheitsbildes, wie in dessen 
Aetiologie und Therapie noch viele Fragen strittig sind, und dass 
es fortgesetzter Beobachtung am Krankenbett und am Sektions- 
tiseh bedarf, um neue Thatsachen beizubringen und durch Ver¬ 
gleich mit den bisher festgestellten weitere Aufklärung zu 
schaffen. 

E. Martin war der erste, welcher die retrograde 
Sondirung ohne Ende, wie sie nach dem Vorbildc 
v. Hacke r’s bei Verätzungsstrikturen der Speiseröhre 
schon lange in Gebrauch war, auf die Behandlung des Kardio¬ 
spasmus mit Erfolg übertragen hat. Unabhängig von 
Martin und ohne Kenntniss von seinem Vorgehen, habe ich 
wenige Monate nach ihm denselben Weg beschritten, und wenn 
die Behandlung in meinem Falle auch nicht zu einer völligen 
Heilung geführt hat, so glaube ich, bietet die über ein Jahr fort¬ 
gesetzte Beobachtung nach manchen Seiten soviel Interesse, dass 
sic eine ausführliche Wiedergabe verdient. 

L. H., Metzger, 35 Jahre alt, stammt aus gesunder Familie, 
hat in seiner Jugend keine besonderen Krankheiten durchgemacht 
und 3 Jahre bei der Infanterie gedient; er ist verlieirathet und 
Vater 2 gesunder Kinder. Im Frühjahr 1000 fühlte sieh Pat. 
nervös erregt durch gleichzeitige Erkrankung seiner Frau und 
eines Kindes, sowie durch geschäftliche Unannehmlichkeiten; er 
zitterte mit den Ilünden, konnte Nachts keinen Schlaf finden und 
litt an häufigen Magenbeschwerdeu. Während des Mittagsmahles 
stellte sich öfter bei der Suppe Erbrechen ein; zuweilen vermochte 
er seinen Teller Suppe völlig zu sich zu nehmen, erbrach den¬ 
selben aber unmittelbar nachher. Bier und Wein konnte er nicht 
mehr ertragen; wenn er in Gesellschaft von Freunden ein Glas 
davon trank, so musste er es wieder von sich geben. Feste Speisen 
machten ihm keine Magenstörungen; niemals hatte er eigentliche 
Magcuschmerzen. Die ärztliche Behandlung, die sich hauptsäch¬ 
lich auf den Magen richtete, hatte keinen Erfolg und während 
des Sommers 1900 verschlimmerte sich sein Zustand allmählich. 
Das Erbrechen stellte sich häufiger ein, auch feste Speisen wurden 
nicht mehr ertragen und Pat., kam in seiner Ernährung herunter. 
Bis Anfang Oktober war sein Leiden immerhin noch erträglich, 
aber am Abend des Versöhnungstages, des jüdischen Fasttages, 
konnte er überhaupt nichts mehr in den Magen bringen; alle ein- 
gefiihrte Nahrung wurde ausgebrochen. In der folgenden Nacht 
litt der Kranke au Schmerzen und Beklemmung in der Brust: er 
liess sich kalte Aufschläge machen und suchte Morgens den Arzt 
auf. Dieser konstatirte eine Speiseröhrenverengerung und leitete 
eine konsequente Sondeuernährung ein, die Anfangs vom Arzte, 
später vom Kranken selbst ausgeführt wurde. Die Speiseröhre 
wurde zuerst mit dünnen, darauf mit dickeren Sonden behandelt, 
elektrlsirt und in die Gesässgegeml Jodipin eingespritzt. Diese 
Kur dauerte 2 Monate und im Verlauf derselben nahm Pat. au 
Gewicht zu; er konnte am 2. XI. 1901 ohne Sonde wieder Suppen, 
Reis, Grütze zu sich nehmen, allerdings trat bei gewöhnlicher 
Nahrungsaufnahme häufig Erbrechen auf. 14 Tage versuchte der 
Kranke im November ohne Sonde auszukommen, sein Zustand ver¬ 
schlimmerte sich jedoch von Tag zu Tag. Am 2. XII. trat er in 
unsere Behandlung. 


Körpergewicht: 10. X. 57,5 kg; 24. X. 59,5 kg; 7. XI. 66,0 kg; 
20. XI. 63,0 kg; 2. XII. 62,0 kg; Aufnahme. 

Bei der Aufnahme in’s Krankenhaus nahmen wir folgenden 
Befund auf: 

Mittelgrosser, kräftig gebauter Mann mit mässig entwickelter 
Muskulatur, sehr geringem Fettpolster. Gesichtsfarbe und Schleim¬ 
häute blass, starker Foetor ex ore. Lungen und Herz ohne Be¬ 
sonderheiten. Bei der Sondirung der Speiseröhre stösst man un¬ 
gefähr 42 cm von der Zahnreihe entfernt auf eine Striktur, welche 
dünne, elastische Sonden passiren lässt. Oberhalb der Striktur 
findet sich eine Erweiterung der Speiseröhre, aus der sich bei der 
Sondirung sowohl durch die Sonde als auch neben derselben 
grosse Mengen vorher aufgenommener Nahrung (Schleimsuppe) 
entleeren. Diese Erweiterung lässt sich mit Wasser ausspfilen und 
dabei werden massenhafte zersetzte Nahrungsreste zu Tage ge¬ 
fördert. In dem Magen selbst findet sich kein Inhalt Weiche 
Schlundsonden lassen sich nicht durch die Striktur hindurchführen. 

Der Kranke ist selbst nicht im Stande, die 
geringste Menge Flüssigkeit oder festweiche 
Nahrung zu sich zu nehmen; bei vielfachen Ver¬ 
suchen wird alles Geschluckte nach wenigen 
Minuten wieder ausgebroebeu. Es liess sich mit 
Leichtigkeit konstatireu, dass die Nahrung nur in die Speiseröhre 
und nicht in den Magen gelangte und von dort aus wieder aus¬ 
gehebert werden konnte. 

Bauchorgane, Urin ohne Besonderheiten. Kein Fieber. 

Es wurde nun zunächst eine Sondenbehandlung zur Er¬ 
weiterung der Striktur und Ausspülung der Speiseröhre, sowie 
eine 2 stüudlge Fütterung mittels Sonde eingeleitet. Allmählich 
gelang es, dicke Sonden einzuführen; die aus der Speiseröhre 
durch die Sonde entleerten Massen sahen schleimig, speichelartig 
aus, waren von widerlichem Geruch und reagirten meistens al¬ 
kalisch, zuweilen schwach sauer. Die vielfach ausgeführte Aus¬ 
heberung des Mageninhaltes ergab niemals freie Salzsäure, niemals 
Milchsäure. Bei der Sondeufütterung erbrach der Kranke nicht 
mehr, spie jedoch fortwährend ganze Gläser voll übelriechenden 
Schleimes aus. 

Während dieser 8 tägigen Sondenbehandlung wurde kein Fort¬ 
schritt erzielt; es wurde klar, dass es sich um eine spastische 
Striktur an der Kardia mit Erweiterung der Speiseröhre 
oberhalb derselben handeln müsse und dass die bisherige Therapie, 
welche schon einmal 2 Monate lang von erfahrenen Aerzten an¬ 
gewandt worden war, nicht zu einem Resultat führen würde. Wir 
entschlossen uns daher zur Anlegung einer Magenflstel nach 
W i t z e 1. 

Am 9. XII. eröffneten wir in Narkose die Bauchhöhle; es ge¬ 
lang ohne Schwierigkeit, den Magen vorzuzieheu. Die in die 
Bauchhöhle eiugeführte Hand entdeckte in der Kardlagegend 
nichts Pathologisches. Der Magen wurde darauf eröffnet: unsere 
Absicht, mit dem Finger vom Mageninnern aus die Kardiaöffnung 
unter Einstülpung des Magens in den Bauchraum abzutasten, 
mussten wir fallen lassen, weil aus dem Magen bei Brechbeweg- 
ungeu schleimige Flüssigkeit abttoss. Wir beschränkten uns daher 
auf die Anlegung einer Schriigflstel im Fundus unter Einführung 
eines mittelstarken Drainrohres. 

Im Anschluss an die Operation trat unter 2 tägiger Tem¬ 
peratursteigerung bis 39,4 ein linksseitiges pleuritisches Exsudat 
auf. Der Kranke bekam reichlich flüssige Nahrung durch die 
Fistel zugeführt, selbständige Aufnahme von Nahrung wurde 
strenge untersagt. Von Seiten der Bauchwunde trat keine Stö¬ 
rung auf und unter geeigneter Therapie erholte sich Pat. soweit, 
dass er am 10. I. ausser Bett sein konnte. Damals war es ihm 
noch unmöglich, selbständig durch Schlucken irgend etwas In den 
Magen zu bringen; vielfache Versuche mit Milch oder gefärbten 
Flüssigkeiten ergaben immer dasselbe Resultat — Erbrechen nach 
wenigen Minuten. Die starke Absonderung von speichelartigem 
Sekret war vermindert, auch der Gestank des Sputums, sowie der 
Foetor ex ore hatten nachgelassen. 

Am 15. I. begannen wir mit einer Sondirung ohne Ende; durch 
ein eiugefiihrtes Draiurohr sollte die spastische Striktur gedehnt 
werden. Unsere Versuche, durch in die Magenflstel eingelegte 
Fadenschliugen das Ende einer vom Mund aus eingeführten 
dünnen Schiundsonde zu fassen, misslangen; die Socin’sche 
Schrotkornmethode konnte bei der völlig aufgehobenen Durch¬ 
gängigkeit der Speiseröhre nicht in Frage kommen; daher wird 
die Fistel durch einen Laminariastift erweitert und am 15. I. in 
Narkose das Sondenende durch die breit klaffende Fistel mit dem 
Finger aufgesucht, eingestellt und mit einer schlanken Kornzange 
vorgezogen. An das Sondenfenster wird ein dicker Seideufadeu 
befestigt und beim Ilerauszielieu der Sonde aus dem Munde heraus 
geleitet. 

Mit Hilfe dieses Fadens wurden nun Anfangs dünne, später 
dicke Dralnageröhreu in die Strikturstelle der Speiseröhre gezogen 
und dort 2—3 Stunden liegen gelassen. Täglich wurde bei der 
Visite das Drainrohr nach unten durch die Fistel vorgezogen; es 
entleerte sich alsdann aus der Speiseröhre durch das Drainrohr 
speichelartige, schleimige Flüssigkeit; es liess sich leicht so ein- 
ricliteu, dass das obere Ende des Drains in der Kardia sass, das 
untere aus der Magenflstel heraussah und nun eine gründliche 
Auswaschung der Speiseröhre vorgenommen werden konnte. Bei 
dem jedesmaligen Durchziehen des Drains fühlte man, wie das¬ 
selbe nach Ueberwindung eines Widerstandes mit einem Ruck 
durch die Kardia hindurchglitt. Nach Herausnahme des Draln3 
wurde der Faden oben und unten sorgfältig au der Haut befestigt 
und der Magenschlauch wieder in die Fistel eingelegt. 


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18. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


445 


Allmählich verlängerten wir die Zeitdauer der Erweiterung 
der Strikturstelle und als wir sahen, dass der Kranke die Kur gut 
ertrug, Hessen wir die Drains als Dauerkauülen 24 Stunden liegen. 
Auch jetzt wurde das Rolir täglich durch die Magentistel vor¬ 
gezogen, gereinigt und die Speiseröhre ausgesptilt. Die Dicke der 
Drains war bis zu 2 cm Durchmesser gestiegen; die Länge der¬ 
selben kürzten wir bis zu 5 cm, in dem Gedanken, dass die in der 
Speiseröhre sich saipmelude Flüssigkeit bei einem kürzeren Rohr 
nur bis zur Höhe der ol>eren Mündung stagniren könne und als¬ 
dann ein fortwährender Abüuss des Sekretes in den Magen statt- 
tinden müsste. 

Vom 25. I. 1901 an besserte sich der Zustand von Woche zu 
Woche. Mittels der dicken Drains konnte der Kranke flüssige und 
breiige Nahrung ohne Erbrechen schlucken. 

Sobald wir mit dem Durchmesser des Drainrohrcs den Durch¬ 
messer des Fistelkanales überschritten hatten, konnten wir das 
Rohr naturgemüss nur vom Mund aus in die Speiseröhre einlegen 
und mussten auf die Durchspülungen verzichten. Die Absonderung 
aus der Speiseröhre, welche den Kranken namentlich Nachts im 
Januar noch stark belästigte — er spie Gläser voll aus — hatte 
Im Februar völlig nachgelassen. Am 20. II. mussten wir auf 
Drängen des Kranken die Drainage der Speiseröhre auf geben; er 
war im Stande, flüssige und breiige Nahrung ohne Schwierigkeit 
zu schlucken und wurde am 22. II. nach Hause entlassen. Die 
Magenflstel Hessen wir zunächst als Sicherheitsventil bestehen: 
I’nt. benutzte sie, um sich täglich >/ 2 Liter Milch einzugiesseu. 
Die Behandlung des Kranken wurde mit. täglicher Einführung 
dicker Sonden, die 10 Minuten liegen blieben, fortgesetzt. Anfang 
März ging der Kranke allmählich zu seiner gewohnten Kost über 
und nahm die Zügel seines ausgedehnten Geschäftes wieder ln die 
Hand. Sein Körpergewicht war am 20. III. auf 72,5 kg gestiegen. 
Die 3 folgenden Monate erfreute sich Fat. des besten Wohl- 
iH'tindens und nahm ohne Auswahl der Speisen die Mahlzeiten 
mit seiner Familie ein. Bis zum 13. VI. hielten wir die Magen¬ 
tistel offen; dieselbe schloss sich unter allmählicher Einlegung 
dünnerer Drains sehr schnell. 

Diese völlige Heilung hielt jedoch nicht lange Stand. Seit Juli 
1901 stellte sich zuweilen, namentlich beim Essen bestimmter 
Si>eisen, z. B. von Fischen oder zähem Suppenfleisch, Erbrechen 
ein. Fat. wurde öfter genüthigt, während der Mahlzeit vom Tisch 
aufzustehen; er führte sich alsdann eine dicke Sonde ein, erbrach 
die zuerst geschluckte Nahrung und war nach kurzer Zeit im 
Stande, weiter zu essen. Im Ganzen war sein Zustand ungemein 
wechselnd; tagelang hatte er keine Schlingbeschwerden; aber be¬ 
sonders, wenn er sich geschäftlich stark angestrengt hatte oder 
liesonderen Gemütliserregungen ausgesetzt war, trat sein altes 
Leiden wieder auf. 

Auch heute noch (Januar 1902) führt sich Patient täglich zu 
Hause eine dicke Schlundsonde ein; von Zeit zu Zeit, alle 10 bis 
14 Tage, gewöhnlich dann, wenn die Nahrungsaufnahme nicht 
mehr glatt vor sich geht, stellt sich der Kranke uns vor. Wir 
führen alsdann die Sonde auf ca. 3(5 cm ein und spülen die Speise¬ 
röhre aus; in derselben fludet sich häufig, nicht regelmässig, ein 
Thell der vorher aufgenommenen Nahrung. In dem Mageninhalt 
ist heute noch nach Probefrühstück keine freie Salzsäure nach¬ 
zuweisen. Bei der Durchführung einer dicken elastischen Sonde 
in den Magen fühlt man an der Kardia immer noch einen leichten 
Widerstand. 


1900. 2/XII. 02 Kilo 2./IX. 69.5 Kilo 

1901. 2./II. 65 „ 2 /XI. 67 5 „ 

2.'III. «6 „ 2 /XII. 67.5 „ 

2./IV. 72,5 „ 1902. 12./I. 64.5 „ 

2/V. 73,5 „ 

Die Diagnose war im vorliegenden Falle von erfahrenen 
Aerzten auf eine karzinomatöse Striktur der Speiseröhre gestellt 
worden und das Krankheitsbild: Schluekbesehwerden, Erbrechen, 
zunehmende Abmagerung, dazu die durch die Sonde nachweisbare 
Verengerung und das Fehlen von freier Salzsäure im Magen¬ 
inhalte, schienen diese Annahme, zu unterstützen. Selbstverständ¬ 
lich war auch mein erster Gedanke angesichts des verfallen aus- 
sohenden Kranken Carcinoma oesophagi; allein die gewaltige 
Ektasie, in der sich bei der ersten Untersuchung zirka 400 ccm 
Flüssigkeit oberhalb der Striktur nachweiscn Hessen, machte mich 
stutzig. Erweiterungen kommen sicherlich auch oberhalb kreb- 
siger Strikturen vor, allein sie erreichen doeh ausserordentlich 
selten einen grösseren Umfang. Die schnelle Erweiterungs¬ 
fähigkeit der Striktur, die nachdem erst einmal eine dünne Sonde, 
durchgeglitten war, sehr bald für dickere Sonden, wenn auch mit 
Widerstand durchgängig war, sprach ebenfalls gegen einen 
Tumor. Man hätte vielleicht an eine wandständige, pilzförmige 
Geschwulst denken können, welche von einer starren Sonde zur 
Seite gedrückt würde und dann den Weg nach unten freigäbe; 
allein bei häufigem Sondiren zeigten sich niemals weder Bluts- 
noch Geschwulstpartikel im Sondenfenster. 

Das auffallendste Symptom war jedenfalls, dass der Kranke 
bei der Aufnahme nicht im Stande war, die geringste Menge 
Wassers in den Magen zu bringen, während elastische Sonden die. 
Stenose passirten. Dieser absolute Verschluss der Kardia hielt 


Ho. II. 


bei unserem Kranken wochenlang, auch nach Anlegung der 
Magenfistel an. 

Der ganze Symptomenkomplex: Stenose an der Kardia mit 
Erweiterung der Speiseröhre oberhalb derselben, völlige Auf¬ 
hebung der selbständigen Speiseaufnahme während Sonden in 
den Magen glitten, Anhäufung von zersetzten, stinkenden Speise¬ 
resten in der Aussackung, Beklemmungsgefühl auf der Brust bei 
Füllung der Speiseröhre, Absonderung von grossen Mengen 
speiehelartiger Flüssigkeit beim IJiegen und namentlich des 
Nachts stimmte mit den in der Literatur niedergelegten Beobach¬ 
tungen von Kardiospasmus mit nachfolgender sackför¬ 
miger Erweiterung der Speiseröhre überein. 

In Frage konnte nur noch kommen ein tiefsitzendes Diver¬ 
tikel der Speiseröhre. Ohne jede Schwierigkeit gelang es, und 
gelingt es noch heute, mit der Sonde den Weg in die Ektasie und 
von da durch einfaches Vorschieben in den Magen zu finden. Mit 
Sicherheit Hess sich durch den einfachen Rumpel’schen Ver¬ 
such mit zwei Sonden ein Divertikel ausschHessen. 

Auffallend war das Verhalten des Magens und namentlich 
der völlige Mangel an freier Salzsäure. Bei zahlreichen Unter¬ 
suchungen — das Bestehen der Magenfistel erleichterte die¬ 
selben — ist es uns bis heute niemals gelungen, freie Salzsäure 
im Mageninhalt nachzuweisen; dabei war das Pepsinferment, 
sowie die motorische Thätigkeit des Magens unbeeinflusst. Es 
bestand also eine der Formen von Achylie, welche erst in den 
letzten Jahren von den inneren Klinikern genauer studirt und 
auf eine nervöse Sekretionsschwäche des Magens zurückgeführt 
worden sind. Dieselben verursachen so lange keine Verdau¬ 
ungsstörungen, als die motorische Thätigkeit des Magens unver¬ 
sehrt ist und die mangelhafte Magensaftsekretion durch die Ver¬ 
dauungssäfte des Darms ersetzt werden. 

Bei dem Zustand, in welchem der Kranke zu uns in die An¬ 
stalt gebracht wurde, war die Indikation zur An¬ 
legung einer Magenfistel fast eine absolute. 
Zwei Monate lange Sondenbehandlung war vorausgegangen; aber 
nach einer kurzen Periode der Besserung hatte sich der Zustand 
so verschlimmert, dass kein Tropfen Flüssigkeit selbstthätig in 
den Magen gebracht werden konnte. Rechnet man hierzu den 
Gestank, den die stagnirenden Speisemasseii in der Speiseröhre 
verbreiteten, und den fauligen Auswurf, so wird man den Wunsch 
von Kranken und Arzt nach energischem Eingreifen begreiflich 
finden. Nach einer 8 tägigen Beobachtung entschloss ich mich 
zur Gastrostomie, in dem Gerlaukengang. die Speiseröhre 
zu entlasten und durch eine längere Ausaordienststellung der 
Kardia den Krampf der Ringmuskulatur zu heben, eventuell eins 
Sondirung ohne Endo anzusehliessen. Bei der Operation 
musste ich auf eine Austastung der Kardia, die ich beabsichtigt 
hatte, leider verzichten. Trotzdem 12 Stunden lang keine Nah¬ 
rung zugeführt worden war, fand sich im Magen schleimige 
Flüssigkeit, und die Gefahr des Aussickerns derselben in die 
Bauchhöhle beim Versenken des Magens nach oben in die Zwerch¬ 
fellkuppe erschien mir zu gross. Erst in allerjüngster Zeit hat 
Willems 1 ) eine Methode angegeben, mit der man ohne Ge¬ 
fährdung des Bauchraumes bei Eröffnung de« Magens den unteren 
Theil der Speiseröhre abtasten kann. Leider war die Anlegung 
der Witzel’sehen Fistel, wohl in Folge des Versuches, die 
Kardia mit dem Finger zu erreichen, von einer linksseitigen 
Pleuritis gefolgt, die für die ersten 4 Wochen jede weitere 
Therapie unmöglich machte. Schon die einfache Ausschaltung 
der Speiseröhre und Zuführung aller Nahrung durch die Magen¬ 
fistel hatte den Erfolg, dass das Erbrechen aufhörte und die 
stinkende Absonderung von speichelartiger Flüssigkeit sich ver¬ 
minderte. 4 Wochen nach Anlegung der Magenfistel war der 
Kranke noch nicht im Stande, Flüssigkeit zu schlucken, ohne 
sie nach wenigen Minuten wieder zu erbrechen. Wir sahen ein, 
dass die alleinige Ruhigstellung der Kardia durch die Magen¬ 
fistel den Kranken nicht weiter brachte; der Umstand, dass fort¬ 
während von dem ektatischen Sack Flüssigkeit abgesondert und 
andererseits auch bei Ausschluss der Nahrungsaufnahme durch 
den Mund Speichel geschluckt wurde, musste die geplante Aus¬ 
schaltung der Kardia illusorisch machen. 

Zur Ausführung der retrograden Sondirung bemühten wir 
uns mehrere Tage, mit den üblichen Methoden eine Verbindung 


’) Willems: Deutsche Zeltschr. f. Chir., Bd. (30. 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


446 


vom Munde mit der Fistel zu gewinnen; vielfache, mit der 
grössten Geduld unternommene Versuche führten nicht zum Ziel; 
ebenso wenig gelang es uns, von der Fistel aus eine Sonde nach 
oben in den Oesophagus zu bringen. Es blieb uns daher nichts, 
als die oben beschriebene Laminariadilatation der Fistel übrig, 
welche das Erfassen und Durchziehen einer vom Mund aus ein¬ 
geführten dünnen Sonde möglich machte. Bei der Sondirung 
ohne Ende liesen wir die Drainröhren, nachdem sich der Kranke 
an die Behandlung gewöhnt hatte, 24 Stunden liegen, ohne von 
diesem langdauernden Druck Nachtheile zu sehen, und spülten 
beim täglichen Vorziehen des Rohres die Speiseröhre aus. Die 
dicken eingeführten Drains wirkten auf der einen Seite durch 
energische Dehnung gegen den Krampf der Kardia, andererseits 
fungirten sie als Dauerkanülen und ermöglichten die Speise auf- 
nahme durch den Mund. Besondere Sorgfalt erheischt die Be- 
f<*stigung der Fäden, sei es dass man Celluloidzwim oder Seide 
verwendet an dem Drainrohr; ein Abreissen derselben macht die 
mühsame Neudurchführung des Fadens nothwendig; in unserem 
Fall kam es zu einem Durchschieissen des Fadens an den Zähnen 
und Verschlucken desselben während des Schlafes und nöthigte 
uns zu einer Wiederholung des obigen Vorgehens. 

Die Witze l’sche Fistel hat diese zweimalige Erweiterung 
mit Laminaria gut vertragen und nach einiger Zeit ihre Schluss¬ 
fähigkeit wieder erlangt. Nach der Erweiterung umstopften wir 
ein etwas dickeres Drainrohr, als das ursprüngliche, mit Jodo¬ 
formgaze und sallen zum ersten Male nur wenige Tage eine In¬ 
suffizienz des Fistelschlusses; nach der zweiten Erweiterung 
dauerte es ungefähr eine Woche, bis die Schlussfähigkeit der 
Fistel sich wieder hergestellt hatte. 

Ich glaube, aus dem oben Mitgetheilten geht zur Genüge her¬ 
vor, dass in diesem Falle, ebenso wie in dem von E. Martin 
beobachteten, die Sondirung ohne Ende und Ausspülung der 
Speiscröhrenorweiterung einen ausserordentlich günstigen Ein¬ 
fluss auf die Erkrankung ausgeübt hat. Wir würden diese Be¬ 
handlung noch monatelang fortgesetzt haben, wenn nicht äussere 
Umstände den Kranken genöthigt hätten, die Hospitalbehandlung 
abzubrechen. Gegenüber der traurigen Prognose des Leidens, 
wie sie aus der Arbeit Dauber’s hervorgeht, würde eine viertel- 
und selbst halbjährige fortgesetzte Behandlung mit der ge¬ 
schilderten Dauerdrainage nicht in die Waagschale fallen können. 
Vielleicht würde bei unserem Kranken der Erfolg ein nach¬ 
haltiger sein, wenn die eingeschlagene Therapie länger fort¬ 
gesetzt worden wäre. 

E. Martin sieht das Wesen der Erkrankung in einem re¬ 
flektorischen Krampf der Kardiamuskulatur in Folge mecha¬ 
nischer Reizung durch kleine Erosionen oder Geschwüre, inUeber- 
einstimmung mit dem Blasentenesmus, dem Krampf d<*s 
Sphinkter bei Fissura ani oder dem Pylorospasmus; er hält in 
Folge dessen die von allen Autoren bei der Erkrankung hervor¬ 
gehobene Neurasthenie für eine sekundäre, hervorgerufen durch 
Störungen im Magen-Darmkanal, wenn auch bei dieser nervösen 
Schwäche eine gewisse angeborene Veranlagung mitspielen soll. 
Dem gegenüber vertreten Dauber, Leichte nsteri, 
Rumpel den Standpunkt, dass der Kardiospasmus eine rein 
funktionelle Erkrankung sei und dass Ulzerationen in der Wan¬ 
dung der Ektasie als Folgen der Stauung und Zersetzung der 
Speisemassen oberhalb der spastischen Striktur aufzufassen seien. 

Dass in einzelnen Fällen in Folge des Kardiospasmus die Er¬ 
weiterung der Speiseröhre von der axialen Richtung abweichen 
und zu einem Klappenmechanismus führen kann, welcher nach 
Zurücktreten des ursprünglichen Spasmus dem Leiden zu Grunde 
liegt, hat R. Beneke*) neuerdings in einem genau mikro¬ 
skopisch untersuchten Sektionspräparat nachgewiesen. Er hat 
damit die schon früher von Strümpell') aufgestellte An¬ 
schauung eines Klappenmechanismus, die namentlich von 
Leichtenstern 4 ) bekämpft wurde, wieder in den Vorder¬ 
grund gerückt, und versucht, daraus die lange Dauer und Hart¬ 
näckigkeit der Krankheit gegnübor therapeutischen Eingriffen zu 
erklären. 

Wenn auch in einzelnen Fällen dieser Klappenmechanismus 
die ihm von Beneke zugewiesene Rolle spielen mag, so liegen 
eine Reihe von Sektionsbefunden vor, welche nichts Derartiges 

a ) It. Beneke: Deutsche Aerztezeitung 1901, H. 12. 

*) Deutsch. Arcb. f. klin. Med. 1881. 

*) Deutsche med. Wochenschr. 1891. 


erkennen oder vermuthen lassen. Meiner Meinung nach lässt sich 
das Krankheitsbild des Kardiospasmus am leichtesten in Parallele 
setzen mit dem V aginismus. Hier unterscheidet man nach 
F ritsch 5 ) zwischen symptomatischem und idio¬ 
pathischem V aginismus; der erstere entsteht in Folge 
von Wunden oder entzündlichen Prozessen am Introitus vaginae, 
analog dem Sphinkterenkrampf an den verschiedensten Körper¬ 
öffnungen; bei der zweiten Form handelt es sich um eine lokale 
Hysteroneurose. In ähnlicher Weise, glaube ich, kann der 
Kardiospasmus sowohl reflektorisch in der von Martin 
hervorgehobenen Weise, als auch idiopathisch bei nervös 
veranlagten Personen ohne lokale auslösende Ursache entstehen. 
Ich halte es nicht für angängig, die von allen Autoren hervor¬ 
gehobene Neurasthenie jedesmal für eine sekundäre anzusehen. 
Die Abhängigkeit der Beschwerden von Stimmung und äusseren 
Einflüssen, der häufige Wechsel in dem Krankheitebild weisen mit 
Entschiedenheit auf nervöse Einflüsse hin; überdies liegen Sek¬ 
tionsergebnisse zuverlässiger Beobachter vor, in denen keinerlei 
Geschwürsbildung in der Speiseröhre aufgezeichnet ist. Auch die 
in unserem Falle festgestellte A c h y 1 i e kann nicht ohne Zwang 
als zufälliger Befund, sondern muss als Theilerscheinung der 
Neurasthenie aufgefasst werden. 

Für die Therapie wird der reflektorische Kardiospasmus 
genau wie die entsprechende Form des Vaginismus die dank¬ 
barere bilden. Strenge Indikationen für die Anwendung der 
chirurgischen Therapie werden sich erst aufstellen lassen, wenn 
wir über das Wesen der Erkrankung exaktere Vorstellungen 
gewonnen haben. 


Ueber einen Fall von eigenartiger Stenosenbildung 
im Dünndarm. 

Von Dr. med. Alfred Groth, prakt. Arzt und Assistent der 
k. b. Zentralimpfanstalt. 

Eines der gerade in den letzten Dezennien die medizinische 
Welt am meisten beschäftigenden Themata ist die Frage nach 
der richtigen Erkenntniss und der erfolgreichen Behandlung des 
Ileus, sowohl in seinen chronisch, als auch akut auftretenden 
Formen. Ich darf daher hoffen, dass auch ein zwar weniger in 
seinen klinischen Erscheinungen, als vielmehr durch seine Aetio- 
logie merkwürdiger Fall von Unwegsamkeit des 
Darmes, den ich im April 1899 an der chirurgischen Klinik 
zu München zu beobachten Gelegenheit hatte, einiges Interesse 
finden wird, da er einen Beitrag zu den Entstehungsweisen dieser 
Erkrankungen zu liefern vermag. 

Ich schicke die Krankengeschichte der Klinik, die 
ich noch nachträglich durch Einholen weiterer Erkundigungen 
ergänzte, meiner Abhandlung voraus. 

Johann B., Säger, 38 Jahre alt, ging am 24. IV. 1899 der chi¬ 
rurgischen Klinik in München zu. Die Vorgeschichte, die Ich 
hauptsächlich dem Berichte des den Patienten vor seiner Ver¬ 
bringung in die Anstalt behandelnden Arztes verdanke, ergab, 
dass J. B. trotz grosser Vorsicht in der Auswahl seiner Speisen 
schon seit vielen Jahren, angeblich schon seit seiner Kindheit, an 
Verdnuungsbescliwerden gelitten habe. Nachdem sich nun Patient 
schon längere Zeit vorher nicht recht wohl gefühlt hatte, erkrankte 
er am 3. IV. 1899 an Schmerzen im Unterleib, die allmählich Zu¬ 
nahmen und schliesslich so heftig wurden, dass er gezwungen war. 
das Bett zu hüten. Ungefähr zu gleicher Zeit erschien der Abgang 
von Ivoth und Flatus erschwert, ohne jedoch völlig zu sistlreu. 
Der Ivoth war, soweit Abgang desselben statthatte, stets von dünn¬ 
flüssiger Beschaffenheit und wurde nur in geringen Mengen ent¬ 
leert. Von der ärztlicherseits verordneten Verabreichung von 
Bitterwasser und zeitweiliger Applikation von aus Seifenwasser 
und Rizinusöl zusammengesetzten Einläufen sah man wenig oder 
gar keinen Erfolg. Nachdem die genannten Beschwerden ln ab¬ 
wechselnder Heftigkeit ungefähr 10—14 Tage angehalten hatten, 
trat plötzlich, angeblich in Folge des Genusses von Bitterwasser, 
heftiges Erbrechen auf, das sich nun bei jedesmaliger Aufnahme 
von fester wie flüssiger Nahrung, schliesslich sogar beim Trinken 
reinen Wassers wiederholte, sich aber niemals zu kothigem Er¬ 
brechen steigerte. Zu dieser Zeit wurden auch die Beschwerden 
im Abdomen heftiger und es stellte sich Anfangs spärlicher, 
dann oft alle y 4 — V 2 Stunden ein Anfall von krampfartigen Schmer¬ 
zen ein, die von sicht- und fühlbaren peristnltischen Bewegungen 
begleitet waren, und die sich hauptsächlich auf die linke Seite des 
Abdomens, etwas oberhalb des Nabels lokalisirten. Während des 
Anfalles zeigte sich das auch In den Intervallen stets mässig vor¬ 
gewölbte Abdomen ziemlich prall gespannt und aufgetrieben, Er¬ 
scheinungen, die nach Ablauf desselben ln Ihrer Intensität etwas 

•) Fritsch: Krankheiten der Frauen. 5. Aufl. 1892. 


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18. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


447 


nachliessen. Nicht nur dem Patienten und dem behandelnden 
Arzte selbst, sondern auch der weiteren Umgebung fiel öfters 
während der ganzen Krankheitsdauer ein lautes Kollern und 
Gurren Im Unterleibe auf. 

Die Nahrungsaufnahme war ln den letzten Monaten eine 
ausserordentlich geringe, so dass eine bedeutende Abmagerung dos 
Körpers eintnit. Potatorium und Infektion wird entschieden in 
Abrede gestellt 

Status praesens am 24. IV. 1899: Gradier Körperbau, 
stark reduzirter Ernährungszustand und gering entwickelte Musku¬ 
latur. Geeicht sehr blass, eingefallen, die Wangen an um¬ 
schriebener Stolle etwas geröthet, die Augen tiefliegend, Stimme 
leise, tonlos; Fragen werden richtig, wenn auch langsam und mit 
sichtlicher Mühe beantwortet. 

Herzdämpfung erscheint innerhalb normaler Grenzen, Herz¬ 
töne rein. Der Puls Ist klein, weich, beschleunigt (124). Extremi¬ 
täten fühlen sich warm an. Ueber der Lunge allenthalben sonorer 
Schall und vesikuläres Athemgeräusch, 30 Athemziige in der 
Minute. 

Das Abdomen erscheint gleichmässig aufgetrieben, gespannt, 
und namentlich zwischen Nabel und Symphyse sowohl spontan 
als auf Druck erheblich empfindlich. Links vom Nabel, innerhalb 
einer ungefähr 20 cm langen und 10 cm breiten, in leicht gebogener 
Form sich nach abwärts erstreckenden Zone lässt sich durch die 
Palpation, wenn auch undeutlich, eine glelchmiissige Resistenz 
durchfühlen, die den Eindruck hervorruft, als habe man es hier 
mit einer von Koth stark gefüllten Darmschliuge zu thun. Bel der 
Perkussion erscheint die untere Lebergrenze um gut 2 Finger breit 
nach oben verrückt Mit Ausnahme der eben erwähnten Zone, 
die eine geringe Abschwächling des Schalles erkennen lässt ist 
derselbe ül»er dem ganzen Abdomen, auch in den abhängigen 
Thellen hochtyrapanltisch. Peristaltische Bewegungen weder sicht- 
noch fühlbar. Deutliches Gurren nur auf Druck gegen einzelne 
wechselnde Partien hervorzurufen. 

Im Urin findet sich weder Elwelss noch Zucker. Temperatur 
nfebril. 

Diagnose: Darmstenose. 

Am nächsten Tage ist der Zustand des Patienten im All 
gemeinen unverändert. Die Applikation eines Klysmas erzielt 
zwar Stuhl, doch nur in geringer Menge und ohne dem Patienten 
wesentliche Erleichterung zu verschaffen. Erbrechen trat nicht 
wieder auf. Abgang von Flatus sehr gering. 

Am 26. IV. ist die oben erwähnte Zone gedämpft tyinpa- 
nitisclien Schalles verschwunden. Dagegen lässt sich eine ungefähr 
handtellergrosse, auf Druck sehr schmerzhafte Stelle rechts vom 
Nabel ziemlich scharf umgrenzen. 

Um i/ 2 10 Uhr in Aethernarkose Laparotomie. 

Ungefähr 12 cm lange, dem äusseren Rande des rechten Muscu- 
lus rectus aixlomiiiis entsprechende Inzision. Die Bauchdeckeu 
werden schichtweise durchtrennt und nach sorgfältiger Blutstillung 
das Peritoneum eröffnet. Sofort wälzt sich eine ausserordentlich, 
bis über mannsarmdicke, geblähte, erst bei näherer Betrachtung als 
solche erkennbare Dünndarmschlinge hervor. Beim Absuchen der 
Darmschlingen, wobei dieselben durch mit warmer Kochsalzlösung 
getränkte Kompressen geschützt und nach der Besichtigung wieder 
ln die Bauchhöhle versenkt werden, zeigt sich die Serosa der Dünn- 
dann8chllngeu in geringem Grade injizirt und stellenweise mit 
einzelnen Fibrinflocken bedeckt. An einer Stelle der am meisten 
geblähten Schlinge lässt sich, durch die Serosa hindurchschim¬ 
mernd, eine kleine, weisslich-graue, anscheinend nekrotische Par¬ 
tie erkennen. Eine Perforation findet sich nicht. Ungefähr 20 cm 
unterhalb dieser Stelle erscheint der Darm plötzlich durch eine 
tiefe ringförmige Einschnürung hochgradig verengt. Dieselbe lässt 
keine Adhäsionen mit den benachbarten Darmschlingen erkennen, 
wie auch die Serosa glatt, ohne äusserlich wahrnehmbare Ver¬ 
änderung über sie hinwegzieht. Von der Stenose nach abwärts 
zeigt sich der Dünndarm kollabirt. das Kolon mit geringem bröcke¬ 
ligen Inhalt gefüllt. Um ein weiteres therapeutisches Handeln zu er¬ 
möglichen und namentlich um die Reposition der ausserordentlich 
geblähten Dünndarmschlingen zu erleichtern, werden dieselben an 
der oben erwähnten, anscheinend nekrotischen Stelle mittels eines 
Trolkarts punktlrt. Da sich derselbe jedoch verstopfte, wird nach 
vorherigem sorgfältigen Abschluss der Bauchhöhle eine ungefähr 
2 cm lange Inzision gemacht, aus der sich auf Druck gegen die zu¬ 
führenden Darmtheile ein ausserordentlich reichlicher, dünn¬ 
flüssiger Koth entleert. Es erfolgt sodann der Verschluss der In- 
zisionsölTnung durch zweireihige Naht. Da der Zustand des Patien¬ 
ten sich bedeutend verschlechtert hatte und zwar unmittelbar Im 
Anschluss an die Entleerung der gestauten Ingesta, so musste, auch 
in Anbetracht der aufgefundenen beginnenden Peritonitis von 
einem ausgedehnteren Eingriff zunächst Abstand genommen und 
die Anlegung eines Anus praeternaturalis vorgenommen werden. 
Zu diesem Zweck wird der Darm nach gründlicher Reinigung 
mittels heisser Kochsalzlösung an der Punktionsstelle in die Bauch¬ 
wunde eingenäht und zwar in der Weise, dass die Nähte am Darm 
nur die Serosa und Muskularis, an der Bauchwunde die ganze 
Dicke der Decken fassen; die Bauchwunde selbst wird zum grossen 
Tlieil durch Seidennähte verschlossen und mit steriler Gaze be¬ 
deckt. Die Operation dauerte 1 Stunde. 

In Anbetracht des stark kollabirten Zustandes des Patienten 
wird eine Infusion von 600 ccm physiologischer Kochsalzlösung 
gemacht und 4 ccm Oleum camphorae subkutan injizirt. 

Im Verlaufe des Nachmittags erholt sich Patient wieder etwas 
und fühlt sich, wenn auch sehr schwach, doch wesentlich er¬ 


leichtert. Puls noch immer sehr beschleunigt (125), Temperatur 
leicht febril, die Schmerzen im Abdomen sind gering. Ordin.: 
T. opii spl., 4 mal tägl. 15 Tropfen. 

Das gute subjektive Befinden Hält auch am 27. IV. an. Um 
9 Uhr Vormittags erfolgt das Durchbrennen der Darmwand im Ge¬ 
biete des Bauchschuittes mittels des Thermokauters, wobei sich 
kräftige Kontraktionen der Muskularis zeigen. Der Leib ist auf¬ 
getrieben, Exsudat nicht nachweisbar, geringe Druckempflndlich- 
keit in der Umgebung des Anus praeternaturalis. Puls bleibt an¬ 
dauernd klein und beschleunigt. Temperatur bis 39,0. Am Nach¬ 
mittag kollabirt Patient sichtlich, Puls wird sehr klein (142). Ath- 
mung oberflächlich, und gegen y,10 Uhr Nachts erfolgt der Exitus 
letalis. 

Die am 28. IV. 1899 von Herrn Obermedizinalrath Prof. Dr. 
Bollinger vorgenommene Autopsie (Sektiousjournal des 
pathologischen Instituts No. 383, 1899) ergab folgende ana¬ 
tomische Diagnose: 

Ulceröse Darmstenose im unteren Ileuru, 
enorme Erweiterung und Hypertrophie der 
oberen Darmabschnitte, zahlreiche Ulcera- 
tionen daselbst, sekundäre beginnende Jauchige 
Peritonitis. 

Als Nebenbefunde zeigten sich Oedem und Hypostase 
in beiden Unterlappen, chronische adhäsive Pleuritis der rechten 
Spitze, Pacliymenlngitl8 externa chronica, Anämie und Oedem des 
Gehirns. 

Da für uns nur die Darm stenose selbst von Interesse ist, 
so beschränke ich mich ln der Wiedergabe des Sektionsbefundes 
darauf, diese, sowie die mit ihr direkt in Zusammenhang stehendeu 
Organe einer genaueren Beschreibung zu unterziehen. 

Wie schon aus der oben gegebenen anatomischen Diagnose 
hervorgeht, zeigt sich an der im unteren Ileuin etwa 30 cm ober¬ 
halb der Valvula Bauhlni befindlichen, ungefähr für einen Bleistift 
durchgängigen, verengten Stelle ein Geschwür, das als die Ursache 
der Stenose angesehen werden musste. Dasselbe präsentirt sich 
als ein gürtelförmig das Darmlumen umfassendes Ringgeschwür von 
etwa 1—2 cm Länge, das an seinem Grunde, namentlich an einer 
Stelle, zu welcher 2 Schleimhautfalten konvergirend sich er¬ 
strecken, eine narbige Umwandlung in glattes, derbes Bindegewebe 
eingegangen zu haben scheint. An dem grösseren Theile seiner 
Flüche jedoch erscheint dasselbe stellenweise noch von spärlichem 
nekrotischen Gewebe, sowie mit Schleimhautfetzen und zahlreichen 
polypösen Wucherungen bedeckt, also im Zustande des geschwüri- 
gen Zerfalls. Der Grund, sowie die unmittelbare Umgebung ist 
anscheinend durch kapillare Blutungen bläulich-schwarz verfärbt. 
Die Darmwand selbst, an deren Innenfläche das Geschwür sich aus¬ 
breitet. zeigt keinerlei Verdickung und bietet auch sonst keine 
wesentlichen Veränderungen, die einen spezifischen Charakter des 
Geschwürs erkennen Hessen. Das zuführende, sich in seiner Wan¬ 
dung von sehr brüchiger Beschaffenheit erweisende Darmrohr Ist 
in grosser Ausdehnung hochgradig dllatirt und stark hyper¬ 
trophisch, Erscheinungen, die sich allmählich nach oben hin ver¬ 
lieren. Seine Schleimhaut zeigt sich im Zustande katarrhalischer 
Entzündung und bietet eine grosse Menge kleinerer und grösserer 
Geschwüre. Seine Serosa Ist fleckig geröthet, mit fibrinösen Auf¬ 
lagerungen bedeckt und zeigt an manchen Stellen frische Ver¬ 
klebungen mit den anliegenden Thellen. Das abführende Darm¬ 
rohr ist ohne Inhalt, kollabirt und anscheinend lm Zustande der 
Atrophie. 

Dieses anatomische Bild erklärte wohl das Zustandekommen 
der krankhaften Erscheinungen, die der Patient intra vitam dar¬ 
geboten hatte, liess aber hinsichtlich der Aetiologie keinen be¬ 
stimmten Schluss zu. Wenn wir uns nun in Kurzem vergegen¬ 
wärtigen, welche Arten von Verschwärungen, anatomisch bezw. 
ätiologisch betrachtet, im Darm Vorkommen und allenfalls hier 
in Betracht zu ziehen wären, so müssen wir von vomeherein die¬ 
jenigen Zerstörungen ausser Acht lassen, welche die Folgen sind 
von Darminkarzerationen, von Intussuszeptionen, von zerfallen¬ 
den Neoplasien, von ätzenden Giften, die etwa aus dem Magen in 
den obersten Darm noch gelangten. Es bleiben uns dann noch 
übrig: 1. Peptische Geschwüre, 2. Katarrhalische, 3. Diphtherisch¬ 
dysenterische, 4. Tuberkulöse, 5. Typhöse, 6. Syphilitische Ge¬ 
schwüre, 7. Verschwärungen bei Milzbrand, 8. Embolische Ge¬ 
schwüre (Nothnagel). Und auch von diesen Formen, und 
dazu gehört vor Allem das peptische, das ja seinen Sitz im Duo¬ 
denum hat, das diphtherisch-dysenterische, das typhöse, syphi¬ 
litische, sowie Milzbrand- und embolische Geschwür, konnte der 
grösste Theil aus der makroskopisch erkennbaren anatomischen 
Beschaffenheit des Geschwürs, sowie aus dem Fehlen jeglichen 
weiteren Anhaltspunktes, der sich entweder bei der klinischen 
Beobachtung oder doch wenigstens bei der Autopsie hätte er¬ 
geben müssen, von vomeherein mit Sicherheit ausgeschlossen 
werden. 

Am naheliegendsten erschien es, das immerhin seltene Vor¬ 
kommen eines vernarbten tuberkulösen Geschwürs auf diesen 
Fall in Anwendung zu bringen, da wir es ja mit einem im unteren 
Heum sitzenden ringförmigen Geschwür mit anscheinend theil- 

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448 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


weiser Vernarbung zu thun hatten. Doch hatte in Anbetracht, 
dass weder der Geschwürsgrund noch auch die demselben ent¬ 
sprechende Serosa des Darmes, ebenso wenig wie die zugehörigen 
mesenterialen Drüsen spezifisch-tuberkulöse Veränderungen dar¬ 
boten, auch diese Annahme nur geringe Wahrscheinlichkeit für 
sich. Dazu kommt, dass sich weder in den Lungen noch in den 
Bronchialdrüsen irgendwelche Anzeichen einer noch bestehenden 
oder abgelaufenen Tuberkulose erkennen Hessen. Es blieb daher 
nichts Anderes übrig, als auf mikroskopischem Wege eine be¬ 
friedigende Diagnose zu gewinnen. 

Zu diesem Zwecke wurden sowohl aus der makroskopisch 
anscheinend vernarbten Partie als auch der noch goschwürigen 
Zerfall zeigenden kleine Stückchen exzidirt. 

I)le mikroskopische Untersuchung ergab nun 
folgende Resultate. Entsprechend der makroskopisch vernarbt er¬ 
scheinenden Partie zeigt sich die Schleimhaut vollkommen ge¬ 
schwunden, die Muskularis theilweise gleichfalls bis in die Nilht» 
der subserösen Fettzotten reduzlrt und durch ein parallel-faseriges, 
kernarmes, hie und da von stärker erweiterten, zahlreicheren Ge- 
fiisseu durchsetztes Bindegewel>e substituirt. In dem letzteren sind 
an einzelnen Stellen Reste von Bündeln kernloser Muskelfasern zu 
sehen; entlang den tieferen (Jefüssen findet sich gelegentlich eine 
etwas stärkere Infiltration mit Ruudzcllen. Das subseröse Fett 
zeigt keine Besonderheiten. Die dem Darmlumen zugewandte 
Oberfläche ist stellenweise von (Jerinnseln l»edeckt und zeigt eine 
Strecke weit nekrosirtes Gewebe mit weiten Oefässen und spär¬ 
lichen. hlassgefärbten Kernen. Die geseliwürig erscheinende Partie 
der Stenose ist mikroskopisch nur zum kleinsten Tlieile geseliwürig, 
die Zerstörung erstreckt sich ln diesem Alwclmitte gleichfalls, 
wiewohl nicht so tief, bis in die Muskularis. Die übrigen Ab¬ 
schnitte sind auf der dem Dannlumen zugewandteu Fläche von 
einer breiten Zone kernarmen, faserigen Bindegewebes abge¬ 
schlossen. an welche gleichfalls sich direkt die nur zum kleinen 
Theil erhaltene und vielfach von Bindegewebe durchsetzte Musku¬ 
laris des Darmes sich anschliesst. In diesen vernarbten Partien 
finden sich ebenfalls hie und da Reste zu Grunde gegangener 
Muskelfasern und an einzelnen Stellen geringe Anhäufungen von 
Wanderzellen an der Grenze gegen die Muskularis. Die ge- 
schwürige Partie zeigt oberflächlich eine nekrotische, fast kernlose 
Masse, au diese angrenzend eine von mässlg reichlichen Ruiulzelleu 
und spärlichen polymorphkernigen Leukocyteu durchsetzte, un¬ 
mittelbar In die hier ziemlich breite Muskularis ül>ergehende Zone. 
Die Muskularis zeigt im l’ebrigen die oben angegebenen Verände¬ 
rungen. An der Grenze gegen die Serosa finden sich an mehreren 
Stellen stnrk ausgedehnte Venen. 

Wie aus dem Ergebniss der mikroskopischen Untersuchung 
hervorgeht, haben wir es hier nirgends mit einer spezifischen, 
durch Tuberkelbazillen hervorgerufenen Veränderung des Ge¬ 
webes zu tliun. Da es sich nun aber nicht allzu selten ereignet, 
dass man bei der Untersuchung einzelner tuberkulöser Geschwüre 
ebenfalls keinen für Tuberkulose beweisenden Befund zu er¬ 
kennen vermag, während aus anderen Stellen desselben Darm- 
theiles die spezifische Natur deutlich zur Erkenntniss gelangt, 
so wurde auch ein Theil der oberhalb der Stenose liegenden Ge¬ 
schwüre mikroskopisch untersucht; doch auch an diesen Hess sich 
nichts auffinden, was die Diagnose auf tuberkulöse Geschwüre 
zu stellen erlaubt hätte. Ebenso wenig führte, wie ja schon nach 
dem Ergebniss der mikroskopischen Untersuchung anzunehmen 
war, die bei einer Anzahl von Schnitten vorgenommene Unter¬ 
suchung auf Tuberkelbazillen selbst zu einem positiven Re¬ 
sultat. 

Trotzdem unternahm ich es, die Literatur nach ähnlichen, 
auf tuberkulöser Basis entstandenen Verengerungen des Darm¬ 
lumens zu durchsuchen und es gelang mir auch, eine Anzahl von 
Berichten zu finden, die zum Vergleiche herangezogen werden 
konnten. Es gehören hierher die nicht allzu zahlreich in der 
Literatur aufzufindenden Fälle, bei denen das Geschwür ohne 
ausgesprochene Tumorbildung in seiner unmittelbaren Umgebung, 
wie wir sie bei dem sog. tuberkulösen Ueocoekaltumor finden, 
vor Allem durch Vernarbung zur Stenose führt. 

Hinsichtlich der klinischen Erscheinungen muss man aller¬ 
dings zugeben, dass sich ein wirklich durchgreifender Unter¬ 
schied nicht erkennnen lässt: das Alter des Patienten, die lang.; 
Dauer seiner Erkrankung, der ganze Symptomenkomplex ist im 
Grossen und Ganzen der nämliche, wie ihn vernarbende tuber¬ 
kulöse Geschwüre im Gefolge haben, aber ich glaube nicht, dass 
wir hierauf einen grossen Werth zu legen berechtigt sind, liegt 
es doch schon in der Natur der beiden Erkrankungen, dass sich 
eine grosse Anzahl von Vergleichspunkten ergeben. Namentlich 
muss das Bild der tuberkulösen Striktur ein dem unseren sehr 
ähnliches werden, wenn sichere Anzeichen tuberkulöser Erkrank¬ 


ung anderer Organe durch die klinische Untersuchung nicht 
zur Erkenntniss gelangen. 

Anders verhält es sich aber mit dem anatomischen und 
histologischen Befunde; denn wenn sich auch viel dem bei tuber¬ 
kulösen Strikturen Analoges finden musste, so sind doch so durch¬ 
greifende Unterschiede zwischen unserer Stenose und den tuber¬ 
kulösen Strikturen vorhanden, dass die Annahme einer tuber¬ 
kulösen Grundlage nicht aufrecht zu erhalten ist. Das ist vor 
Allem das jegliche Fehlen von tuberkulösen Veränderungen in 
anderen Organen, hauptsächlich den Lungen, Mesenterialdrüsen 
und Leber, wie es sich in unserem Fall durch die Autopsie er¬ 
wiesen hat, ganz abgesehen von dem völlig negativen Befund 
bei der mikroskopischen Untersuchung des Geschwüres, der ja 
an Bedeutung dadurch verliert, dass auch in anderen Fällen an 
der Stenose auch mikroskopisch nichts für den spezifischen Cha¬ 
rakter derselben Beweisendes sich auffinden Hess, doch traten 
dann stets sicher auf Tuberkulose zurückzuführende Befunde 
entweder an anderen Stellen der Darmwand, den Mesenterial¬ 
drüsen oder noch entfernteren Organen zu Tage, was sich ja 
in unserem Falle in keiner Weise ergab. 

Man wird so gewissermaassen dazu gedrängt, noch eine 
andere Möglichkeit in’s Auge zu fassen, und das ist, ob nicht 
auch katarrhalische Geschwüre, die zur Ver¬ 
narbung gelangen, das nämliche klinische Bild zu er¬ 
zeugen im Stande sind. 

Katarrhalische Geschwüre sind bekanntlich solche, welche 
im Gefolge von Katarrhen, die als akute oder chronische Er¬ 
krankungen den Verdauungstraktus befallen, zur Entwicklung 
kommen und zwar entweder von den Follikeln und Peye Eschen 
Plaques oder von anderen Stellen der Darmwand als sog. Ero¬ 
sionen ihren Anfang nehmen. Diese Substanzverluste können 
bei Fortdauer der entzündlichen Reizung sich unter Umständen 
zu tieferen Ulzerationen umwandeln, die einen mehr oder weniger 
grossen Theil des Darmlumens umfassen. Die Ausheilung 
dieser katarrhalischen Geschwüre geht unter Bildung einer Narbe 
glatt vor sieh, wenn die entzündlichen Erscheinungen nach¬ 
gelassen haben. 

Die Symptomatologie des Darmkatarrhs, 
als dessen Ausfluss sich die Geschwüre entwickeln, insonderheit 
des chronischen, besteht nach den Ausführungen von Noth¬ 
nagel bei einer Reihe von Fällen in ausgesprochener Stuhl¬ 
trägheit und zwar ist dieselbe das eigentliche und wesentliche 
Verhalten beim einfachen chronischen Katarrh des Dickdarmes. 
In einer zweiten Reihe von Fällen findet beim chronischen Ka¬ 
tarrh täglich eine Entleerung statt, wobei indessen in der Regel 
ein verändertes Verhalten in der Qualität des Stuhles besteht. 
Sehr oft begegnet man einer dritten Modifikation, das ist das 
Abwechseln zwischen Durchfall und Obstipation, wobei der 
Grundcharakter wie in der ersten Reihe die Stuhlverstopfung ist. 
die fast mit der Regelmässigkeit eines Uhrwerks nach ein paar 
Tagen einer massigen Diarrhoe Platz macht. Bei einer vierten 
Reihe von Fällen besteht eine tägliche mehrmalige dünnere 
Stuhlentleerung, die vielfach gar keinen einfachen Katarrhen, 
sondern dem Vorhandensein von Geschwürsbildungen irgend 
welcher Art, seien es chronisch-dysenterische oder follikuläre 
und Erosionsgeschwüre, ihre Entstehung verdanken. Welche 
besonderen Erscheinungen aber ein durch Vernarbung zu Steno- 
sirung führendes katarrhalisches Geschwür bedingt, war mir 
hider trotz genauerer Einsicht in die einschlägige Literatur 
nicht möglich zu eruiren, da ich keinen Fall erwähnt fand, in 
dem ein katarhalisehes Geschwür als die Ursache einer so hoch¬ 
gradigen Stenose, die selbst den Tod des betreffenden Indivi¬ 
duums herbei führte, hingestellt wurde. 

Wenn wir also unseren Fall in die bestimmte Kategorie 
katarhalischer Erkrankungen einreihen wollen, so bieten sich 
uns hiezu als klinische Vergleichspunkte nur die zu Tage ge¬ 
tretenen Symptome eines Katarrhs des Intestinaltraktus, wie sic 
schon jahrelang bestanden, bevor sich die Stenosenerscheinungen 
in den Vordergrund drängten; ich glaube jedoch, dass man ein 
dem unseren geradezu identisches Krankheitsbild konstruiren 
müsste, wollte man rein theoretisch Vorgehen und für den Ueber- 
gang eines katarrhalischen Geschwürs in eine narbige Striktur 
die zur Beobachtung gelangenden klinischen Erscheinungen ab¬ 
leiten. 

Von grösserer Wichtigkeit erscheint jedoch der patho¬ 
logisch-anatomische Befund, auf Grund dessen wir 


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18. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


449 


einestheils jede andere Aetiologie, und in unserem Falle käme 
eben nur noch die Infektion mit Tuberkelbazillen in Betracht, 
ausschliessen dürfen, aber andererseits auch einige positive An¬ 
haltspunkte sich gewinnen licssen, und das wäre vor Allem das 
vollständig gleiche Verhalten sowohl in der makroskopischen 
als auch namentlich in der histologischen Struktur mit katar¬ 
rhalischen Geschwüren, wie es in unserem Falle thatsächlich vor¬ 
liegt und oben ausführlich zur Besprechung kam. 

Wir müssen uns demnach vorstellen, dass auch katar¬ 
rhalische Geschwüre, sofern sie durch langdauernde oder stetig 
wiederkehrende Reize von einer baldigen Ausheilung abgehalten 
werden und eine immer weiterschreitende Entwicklung erfahren, 
bei der schliesslich doch eintretenden Vernarbung eine solche Ver¬ 
engerung des Darmlumens zu setzen im Stande sind, dass ein 
ungehindertes Passiren der Ingesta zur Unmöglichkeit wird. 

Welcher Therapie in unserem Falle der Vorzug ge¬ 
geben werden musste, ob einer exspektativ internen oder chir¬ 
urgischen, kann wohl keinem Zweifel unterliegen; denn wir 
können selbst von einer methodischen Behandlung mittels hoher 
Einläufe, sowie sorgfältigst kontrolirter Diät nur erwarten, dass 
das schon zur Vernarbung neigende Geschwür seiner endgiltigen 
Ausheilung entgegengeführt, also damit das bestehende Ilinder¬ 
niss zur völligen Verlegung des Darmlumens gesteigert wird. 
Und wenn auch in unserem Falle die Diagnose „vernarbendes 
katarrhalisches Geschwür“ zu stellen ausgeschlossen war, so 
ging doch aus dem ganzen Krankheitsverlaufe mit Nothwendig- 
keit hervor, dass nur ein operatives Vorgehen seine Berechtigung 
hatte, dessen Misserfolg uns von dieser Ansicht nicht abzubringen 
vermag, da dieselbe lediglich der leider zu spät erfolgten Ver¬ 
bringung des Kranken in die Anstalt zuzuschreiben ist. Welche 
von den chirurgischen Maassnahmen jedoch, die hier in Betracht 
kommen könnten und zu denen wir wohl die Enterostomie, die 
Resektion und die Enteroanastomose zu rechnen haben, zur An¬ 
wendung gelangen muss, lässt sich nicht ohne Weiteres ent¬ 
scheiden. 

Die Enterostomie ist von den genannten wohl derjenige Ein¬ 
griff, der als solcher die geringsten Anforderungen an den Or¬ 
ganismus des Erkrankten stellt, da sie ja verhältnissmiissig rasch 
auszuführen ist. Ihre Berechtigung hat sie demnach dann, wenn 
wir, wie das bei unserem Patienten der Fall war, ein durch 
langes und schweres Krankenlager hoch geschwächtes Individuum 
vor un3 haben, das einen ausgedehnten und schweren Eingriff 
zu überstehen voraussichtlich nicht im Stande ist. Die genannte 
Operation hat natürlich ausser der zunächst bezweckten Be¬ 
seitigung der Stauung der Ingesta nur die Bestimmung, einen 
später zu beseitigenden Zustand herbeizuführen, der die Stärkung 
des Organismus durch gute und kräftige Ernährung ermöglichen 
soll. 

Die Resektion des erkrankten Darmstücks, die wohl dann 
zur Anwendung hätte kommen müssen, wenn Patient die Entero¬ 
stomie überstanden hätte, dürfte primär anzulegen hier wohl 
kaum und zwar desshalb nicht am Platze gewesen sein, weil ein¬ 
mal der Eingriff an sich schon ein sehr bedeutender ist und 
andererseits durch die immerhin nicht unbeträchtlichen Anfor¬ 
derungen, die er an den Operateur selbst stellt, wesentlich er¬ 
schwert gewesen wäre, da die Vereinigung des stark hyper¬ 
trophischen und dilatirtcn zuführenden Darmrohres mit dem 
atrophischen und kollabirten ableitenden Schwierigkeiten ge¬ 
macht hätte. 

Hingegen würde die Enteroanastomose wohl am meisten zu 
enyjfehlen gewesen sein, wenn man natürlich von der unseren 
Fall komplizirendcn Peritonitis absieht, die ja jedes thera¬ 
peutische Handeln illusorisch machte. Hatten wir es ja mit 
keiner malignen Erkrankung zu thun, die an und für sich schon 
den Tod des betreffenden Individuums zur Folge haben musste. 
Zudem ist die Enteroanastomose kein allzu schwerer Eingriff, 
nicht zu langwierig und würde bei genügend weit angelegtem 
Kanäle die Möglichkeit der freien Passage unter Umgebung der 
erkrankten Partien, die dadurch eher zum Stillstand, eventuell 
zur völligen Ausheilung gelangt wären, verschaffen, also voll¬ 
kommen das leisten, was in einem solchen Falle verlangt werden 
kann. Zugleich bietet sie den Vortheil, dass die Darmsekrete, 
die ja auch in das ausgeschaltetc Darmstück abgeschieden werden, 
trotzdem zur Verwendung kommen, indem sie entweder retro¬ 
grad oder bei einer Striktur, die wie in unserem Falle keine 
vollständige Verlegung des Darmlumens hervorgerufen hat, sich 
No. 11. 


direkt in das abführende Darmrohr ergiessen, für die Verdau¬ 
ung also ausgenützt werden könnten. Es käme hier nur noch 
die Frage in Betracht, ein wie grosses Darmstück ausgeschaltet 
werden müsste. Man wird hiebei gut thun, etwas mehr, nament¬ 
lich gegen den Pylorus zu, als die unmittelbare Umgebung der 
Stenose auszuschalten, da ja die Geschwürsbildung oberhalb der¬ 
selben, wie wir gesehen haben, eine sehr reichliche und z. Th. tief¬ 
gehende ist und damit die Gefahr eines Rezidivs von einem ober¬ 
halb der Striktur gelegenen Geschwüre mit grösserer Sicherheit 
vermieden werden könnte. 

Eine vierte Operationsmethode, an die man hier denken 
könnte, ist die von H e i n e k e nud Mikulicz für die nar¬ 
bige Stenose des Pylorus vorgeschlagene Längsspaltung der 
Striktur mit nachfolgender querer Vereinigung der Wundränder. 
Sie würde gewiss momentan ein gutes Resultat erzielen, nament¬ 
lich bei vollkommen vernarbter Striktur. Doch in Anbetracht 
der unsicheren Diagnose, sowie wegen der gerade bei dieser Be¬ 
handlung nur zu nahe liegenden Möglichkeit eines Rezidivs, 
selbst an Ort und Stelle, dürfte sie sicherlich hinter der Entero¬ 
anastomose weit zurückstehen. 

Wenn wir noch kurz die allgemeine klinische Bedeutung 
unseres Falles in Erwägung ziehen wollen, so ist dieselbe in 
Anbetracht des ausserordentlich seltenen Vorkommens natürlich 
nur eine sehr geringe, zumal die Diagnose sowohl vor als auch 
während der Operation wohl kaum mit Sicherheit gestellt werden 
kann. Dagegen dürfte er, da man diesen Ausgang eines katar¬ 
rhalischen Darmgeschwürs, soweit mir wenigstens bei der Durch¬ 
sicht der Literatur klar wurde, nicht kannte, vom ätiologischen 
Standpunkte aus als ein Beitrag zu den Entstehungsweisen der 
Darmverengerungen gewiss einiges Interesse bieten. 


Aus der Universitäts-Kinderklinik in Leipzig. 

Lungengangrän nach Aspiration einer Kornähre. 

Von Dr. E. Schlechtendahl in Barmen, 
ehemaliger Assistent der Klinik. 

Bei Gelegenheit der letzten Naturforseherversammlung in 
Hamburg domonstrirte II. Z u p p i n g e r - Wien ein Lungen - 
priiparnt, das einem 2VI* jährigen Mädchen entstammte, welches 
sich Nachts durch Aspiration einer Kornähre aus dem defekten 
Bettstrohsack einen rechtsseitigen Pyopncumothorax zuzog und 
nach 38 Stunden daran zu Grunde ging. 

Ich bin in der Lage, über einen fast anlogen Fall dieser doch 
verhültnissmässig seltenen Art. von Fremdkörpern in der Lunge 
zu berichten, den ich während meiner Thätigkeit als Assistenz¬ 
arzt an der Leipziger Kinderklinik zu beobachten Gelegenheit 
hatte, dessen Veröffentlichung aber bisher aus äusseren Gründen 
verzögert wurde; es bietet jedoch der Fall in mancher Beziehung 
so Bemerkenswerthes, dass eine Mittheilung darüber im An¬ 
schluss an den auf der Naturforscherversammlung demonstrirten 
Fall berechtigt erscheint. 

I'm kurz die Anamnese zu referiren. handelt es sich um ein 
3 Jahre altes Mädchen ohne hereditäre Belastung für Tuberkulose, 
das als einzigste Krankheit vorher nur Keuchhusten durch¬ 
gemacht hat. 

Mitte Januar 1900 kam Patientin in Behandlung der medizin. 
Kinderpoliklinik in Leipzig und es wurden damals bronchopneu- 
moniseln* Herde der rechten Lunge festgestellt. Trotz der darauf¬ 
hin eingeleiteten Therapie schritt die Erkrankung fort und ergriff 
immer weitere Partien der Lunge und verursachte ein Empyem. 
Daraufhin wurde Patientin der chirurgischen Abtheiluug der 
Kinderklinik überwiesen. 

Patientin machte hoi der Aufnahme einen sehr schwer kranken 
Eindruck; die Hautfarbe war schmutzig-gelb, die Schleimhäute nur 
sehr wenig lnjizirt, die Muskulatur schlaff, das Fettpolster ge¬ 
schwunden. Die Athmung war angestrengt und beschleunigt, 
80 i. d. M„ dabei blieb die rechte Thoraxhälfte an Exkursions¬ 
fähigkeit deutlich gegen links zurück und schleppte nach. Die 
Interkostalräume waren erweitert; die Perkussion ergab absolute 
Dämpfung rechts, die sich von der Crista scapuiae an über den 
ganzen rechten TTnterlappt-n erstreckte. Heber der gedämpften 
Partie war abgoschwächtes Bronehialathmen zu hören. Stinim- 
fremitus nufg* hoben. Die übrigen Partien der Lunge Hessen 
vikariiretides Emphysem erkennen. 

Die Ilerzdämpfung war ebenfalls durch Randemphysem über¬ 
lagert: II. Pulmoualton aeeeiituirt: Töne sonst rein. 

Patientin hatte lockeren Husten, doch expektorlrto sie nicht. 

Foctor ex ore war nicht vorhanden. 

Die im 8. Interkostalraum rechts vorgenommene Probe¬ 
punktion ergab Eiter und machte ieli desshalb sofort am 10. III. 
die Thorakotomie mit Resektion aus der IX. Rippe in der hinteren 
I Axillarlinie. Hel Eröffnung der Pleura entleerten sich etwa 


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450 


MÜENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


300 ccm dünnflüssigen Eiters, der einen stark jauchigen Geruch 
hatte und von nekrotischen Gewebsfetzcn durchsetzt war. 

-Nach der Operation ging die Inspiration auf 50 i. d. M. 
herunter, doch blieb die Temperatur in der Folgezeit wie vorher 
schon fortwährend intermittirend zwischen 38 uml 40“ C.; auch 
zeigte sich sonst im Helinden der Patientin keine nennenswert he 
Besserung. Aus der durch fingerdicke Gummidrains offen ge¬ 
haltenen Operationswunde entleerte sich reichlich jauchiges Sekret, 
das häutigen Verbandwechsel und Ausspülung der Pleurahöhle 
nötliig machte. 

Die Pämpfungszone der rechten Seite blieb unverändert be¬ 
stehen, die AtInnung war bronchial, von feuchten, mittelblasigen 
Rasselgeräuschen begleitet. Der Husten wurde stärker und quä¬ 
lender; seit Anfang April expektorirte Patientin zäli-eitrige Massen, 
in denen Lungengewebsfetzen, Staphylokokken und Streptokokken 
mikroskopisch nachgewiesen wurden. Zugleich machte sich jetzt 
ein sehr starker Foetor ex orc bemerkbar. 

Ende April versuchte mein verehrter damaliger Chef, Herr 
Prof. Dr. 11. Till in a n n s. durch Pneumotomie der fortschreiten¬ 
den Lungengangrän Einhalt zu thun: 

Nach Resektion der VII.. VIII., IX. und X. Kippe wurde die 
dadurch freigelcgte gangränöse Partie der rechten Lunge mit dem 
Paquelin verschorft. 

In der ersten Woche nach dieser Operation blieb die Sekretion 
geringer, doch bald trat wieder die stark jauchige Sekretion ein. 

Die perkutorische Dämpfung erstreckte sieh jetzt über die 
ganze rechte Lunge mit Ausnahme einer kleinen Partie vorn 
oben: dabei nahm die rechte Lunge so gut wie gar nicht mehr au 
der Athmung Theil. 

Das Kind verfällt immer mehr und geht am 1. VI. an Sepsis 
zu Grunde. 

Ilervorheben will ich noch besonders, dass bei den wiederholt 
vorgeuommenen bakteriologischen Untersuchungen des Sputums, 
wie des bei der Operation gewonnenen Eiters stets nur Staphylo¬ 
kokken und kurze Streptokokkenreihen gefunden wurden. 

Hei den Krankenbesuchen der Angehörigen des Kindes wurden 
dieselben wiederholt darüber befragt, ob das Kind möglicher 
Weise einen Fremdkörper in die Luftröhre bekommen habe oder 
bei Beginn der Erkrankung heftiger Hustenreiz vorhanden ge¬ 
wesen sei. da wir einen Fremdkörper als Ursache der Gangrän 
vermutheten; doch wurde das stets von den Eltern in Abrede ge¬ 
sellt. 

In Folge dessen waren wir doch einigermaassen überrascht, 
bei der Sektion der Leiche einen verhältnissmässig grossen Fremd¬ 
körper in der rechten Lunge zu finden. 

Die Sektion ergab neben septischen Veränderungen der übri¬ 
gen Organe eine rechtsseitige schwielige Pleuritis; die rechte 
Lunge war gangränös mit Kavernenbildung, und im rechten 
unteren Bronchus II. Ordnung stack eine völlig gut erhaltene, 
•V/, cm la nge Kornähre mit ihrem Stiel nach unten. 

Im Eiter, der in unmittelbarer Nähe dieser Kornähre sich be¬ 
fand, Hessen sich bei der mikroskopischen Untersuchung Aktino- 
mycespilze nach weisen, während in den entfernter liegenden Bron¬ 
chien und Kavernen dieselben fehlten, wie ja auch iutra vitam 
bei unserem Fall niemals Aktinomyees gefunden wurden. 

Augenscheinlich muss man annehmen, dass der ganze Krank- 
heitsprozess seine Entstehung der Aspiration dieser Kornähre 
zu verdanken hat. 

Bei irgend einer Gelegenheit wird das Kind diesen Fremd¬ 
körper in die rechte Lunge aspirirt haben, der Zeitpunkt, wann 
dies geschehen, Hess sich nicht ermitteln. 

A priori sollte man zwar annehmen, dass eine Kornähre 
mit ihren spitzen Fasern, die doch gleichsam wie Nadeln die 
Schleimhaut reizen, bei der Aspiration heftige Hustenerschei¬ 
nungen hätte hervorrufen müssen, bevor sie an einer weniger 
empfindlichen Stelle des Bronchus sieh festsetzte. Aber die 
Eltern des Kindes wollen nie dergleichen beobachtet haben und 
geben mit Bestimmtheit an, dass die Lungenerkrankung sich 
ganz allmählich ohne joden heftigen Hustenreiz entwickelt habe. 

Vielleicht lässt sieh jedoch der „Keuchhusten“, den das 
Kind nach der Anamnese mehrere Wochen vor der Lungen¬ 
erkrankung durchgemacht hat, ätiologisch berücksichtigen, in¬ 
sofern etwa die durch die Aspiration der Kornähre bedingten 
Hustenreize, die wir sonst in unserem Falle vermissen, von den 
Elte;n fälschlich für Keuchhusten gehalten worden sind. 

Es ist ja gut denkbar, dass zwischen dem „Keuchhusten“, 
v.i nu wir di ns. lb< n in unserem Fall für identisch mit dem durch 
die Aspiration der Kornähre bedingten Reizhusten halten, un d 
dem ersten Auftreten der Lungenerscheinungen eine längere Zeit 
verstrichen ist, so dass den Eltern der Gedanke eines ursäch¬ 
lichen Zusammenhangs beider Erkrankungen nicht gekommen 
ist. V ahrsclicinlich hat der Fremdkörper dann, nachdem die 
ersten lJeizcrseheimingen vorüber waren, zuerst, ohne besondere 
Störungen zu verursachen, in einem Bronchus gelegen, bis die 
sieh allmählich um den Fremdkörper entwickelnden broncho- 
piicuiiioiii.schen Herde, und die dadurch bedingten Störungen 
eine ärztliche Behandlung veranlasstcn. 


Der Fremdkörper ist dann nach Einschmelzung des Gewebes 
immer tiefer aspirirt worden und hat so immer weitere Partien 
der rechten Lunge und der Pleura in den Krankheitsprozess ge¬ 
zogen, bis sieh schliesslich vollständig Lungengangrän und Em¬ 
pyem bildeten und das Kind an Sepsis zu Grunde ging. 

Nach dem Fund der Kornähre im Bronchus lag die Ver- 
muthung nahe, dass sich durch die so gern auf Kornähren 
wachsenden und dann jedenfalls mit aspirirten Aktinomyzes- 
pilze auch eine Aktinomykose der Lunge hätte entwickeln 
müssen, und bei der Sektion liessen sich auch in dem der unmittel¬ 
baren Nähe des Fremdkörpers entstammenden Eiter Aktinomyzes- 
pilze nach weisen. 

So weist namentlich Israel (Areh. f. klin. Cliir. 34) darauf 
hin, dass vermuthlich ein Theil der früher als einfache Lungen¬ 
abszesse beschriebenen Fälle auf Aktinomykose der Lunge be¬ 
ruhe und der Strahlenpilz gleichzeitig mit den Grasähren und 
Feldfrüchten in die Lungen aspirirt werde. Und bekannt ist ja 
ferner der aus dem Leipziger pathologischen Institut in der 
Dissertation von Balack (1893) beschriebene Fall von primärer 
Lungenaktinomykose mit weiterer Ausbreitung auf die Brust¬ 
wirbelsäule und die Brust wand; es wurde damals in der linken 
Lunge ein fadenförmiger starrer Fremdkörper gefunden, von 
1 cm Länge und Va mm Breite. Der mikroskopische Querschnitt 
zeigte den Durchschnitt einer Gerstengranne und auf der Ober¬ 
fläche der Granne hafteten spärliche Pilzfäden. 

Auch sonst liegen in der Literatur zahlreiche Mittheilungen 
über Aktinomykose anderer Körpertheilc vor, für deren Ursache 
das Eindringen mit schmarotzenden Strahlenpilzen besetzter 
vegetabilischer Fremdkörper verantwortlich gemacht wird. Und 
Boström nimmt geradezu an, dass die Grannenbestandtheilo 
durch den Einfluss der lebhaft wuchernden Pilze im Gewebe all¬ 
mählich zerstört und resorbirt würden, so dass ein negativer Be¬ 
fund nicht die Möglichkeit aussehliesse. dass eine Getreidegranne 
Vehikel der Infektion war. 

ln unserem Fall fand sieh nun eine durchaus gut erhaltene 
Kornähre mit Strahlenpilzen, aber Aktinomykose der Lunge ist 
nicht zur Entwickelung gekommen; wenigstens vermissen wir 
einerseits in dem gesummten Krankheitsbild die in letzter Zeit 
auch für Lungenakt inomykose immer klarer aufgestellten Sym¬ 
ptome, die uns schon auf eine derartige Erkrankung auf¬ 
merksam machen können, und andererseits hätten bei den wieder¬ 
holt vorgenommenen Sputumuntersuchungen die Aktinomyzes- 
pilze kaum übersehen werden können, wenn sie das Krankheits¬ 
bild beherrscht hätten. 

Vielleicht hat die Annahme Berechtigung, dass in detn 
vorliegenden Fall die mit der Kornähre aspirirten Strahlenpilze* 
nicht hinreichend virulent gewesen sind, ein charakteristisches 
Bild von Lungenakt inomykose zu liefern, dass vielmehr zugleich 
mit dem Fremdkörper eingedrungene pyogene Bakterien das 
Feld beherrscht haben und den Strahlenpilz nicht zur Weiterent¬ 
wicklung haben gelangen lassen. 

ln der mir zur Verfügung stehenden Literatur habe ich 
keine Angaben darüber finden können, in wie weit etwa die eiter¬ 
erregenden Bakterien einen entwicklungshemmenden Einfluss 
auf den Strahlenpilz ausüben. 

Und wenn wir auch, wie Boström hervorhebt, die bei den 
Menschen in aktinomykotisehcnHcrden gefundenen Eitermengen, 
die ja gerade die menschliche Aktinomykose von der 1x4 Thieren 
unter der Form infektiöser Granulationsgeschwülste auftretcndcu 
gleichen Pilzerkrankung unterscheidet, meist nicht als eigent¬ 
lichen Fiter bezeichnen dürfen, da sie durch Zerfall nekrotischen 
Gewebes entstehen, so sind doch andererseits unzweifelhaft Fälle 
von Mischinfektion beobachtet worden, in denen Strahlenpilz 
und Eiterkokken in ihrer Weise das Gewebe veränderten. 

ln dem hier beschriebenen Fall kann aber nicht gut von einer 
eigentlichen Mischinfektion die Rede sein, wir können die Er¬ 
krankung vielmehr nur als eine durch Fremdkörper hervorge¬ 
rufene Gangrän der Lunge auffassen, bei welcher der am Fremd¬ 
körper haftende Strahlenpilz das Krankheitsbild nicht weiter 
beeinflusst hat. 


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18. März 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


451 


Purpura haemorrhagica bei Genitaltuberkulose. 

Von Oberstabsarzt l)r. G o s s ii e r in Brandenburg a/11. 

Zwei Publikationen (in No. 50 des Jahrganges 1901 und 
No. 2 des Jahrganges 1902 der Münch, nied. Wochensehr.) be¬ 
richten über je einen Fall von Purpura haemorrhagica bei 
Lungentuberkulose' und heben die grosse Seltenheit dieser Kom¬ 
plikation hervor, indem sie den ursächlichen Zusammenhang an¬ 
erkennen. Aus der ersten Arbeit C o h n’s ersieht man, dass die 
spärlichen einschlägigen Fälle der Literatur sieh meist auf 
Tuberkulose der Lungen, seltener der Drüsen und je einmal der 
Nieren und Nebennieren erstrecken. Ich möchte diese Zahl 
durch eine eigene Beobachtung ergänzen, bei welcher cs sich um 
einseitige Hodentuberkulose handelte. 

Der Grenadier M., ein kleiner, mlttelkriiftiger und in gutem 
Ernährungszustand befindlicher Mann stammt:* aus hereditär mit 
Lungenschwindsucht nicht belasteter Familie. Während er an¬ 
geblich vor seinem Eintritt l>eim Militär niemals krank gewesen 
war. besonders auch nicht an Gonorrhoe und Lues gelitten hatte, 
machte im ersten Dienst ja hr ein Abszess an der linken hinteren 
Uiickenseite vom .">.—27. V. SM) die Lazarethbehandlung nothweudig. 
Auch im zweiten DIeustjahre führte ihn eine trockene rechtsseitige 
Brustfellentzündung vom 20. XI. bis 22. XII. SM) dem Lazarelh zu. 
so dass er vor seiner dritten Erkrankung zu verschiedenen Zeiten 
nahezu 8 Wochen in sorgfältigster ärztlicher Behandlung stand, 
ohne dass Zeichen von Tuberkulose oder ein Purpuraausschlag 
wahrzunehmeu gewesen wären. Am 20. Mai UHU) zog sich M. beim 
Turnen am Querbaum eine Quetschung des linken Hodens zu. mel¬ 
dete sich jedoch erst am 0. Juni krank und wurde am gleichen 
Tage mit erheblicher Verdickung des linken Hodens und Neben¬ 
hodens in Lazarethbehandlung siufgcnommen. Am 17. Juni ent¬ 
wickelte sich unter stärkerem Durchfall und Schmerzen im Grund- 
gelenk der rechten grossen Zehe ein Ausschlag, der sich über den 
ganzen Körper, besonders die Streckseiten der Extremitäten, den 
Hodensack und die Vorhaut ausbreitete. Er bestand aus intensiv 
roth gefärbten, etwa Stecknadel- bis linsengrossen Flecken, die 
unter Glasdruck nicht erblassten und auf dem Gesäss zu grösseren, 
unregelmässig gestalteten Partien zusammen flössen. Unter Bett¬ 
ruhe und Saiicylbehandlung erfolgte in den nächsten Tagen Re- 
sorptiou der kleinen Blutergüsse mit dein üblichen Farbenspiel, 
während nur am Penis noch einige Pünktchen nett erstanden. 
Da die chronische Hodenschwellung ohne Schmerzhaftigkeit aller 
Therapie trotzte, der Ausschlag vollständig verschwunden war, 
erhielt Patient am 27. Juni die Erlaul miss zum Aufstehen nach 
Verabreichung eines Suspensoriums. Schon einen Tag darauf 
hatte sich wieder Purpura haemorrhagica in gleicher Ausdehnung, 
dieses Mal ohne Gelenkschmerzen, ausgebildet. Auch jetzt gelang 
die Rückbildung unter gleicher Behandlung schnell und leicht, so 
dass am 0. Juli die Haut wieder völlig rein sich zeigte. Ein drittes 
Purpurarezidiv trat bei dem ausser Bett befindlichen Kranken 
atu 13. Juli ein. Die höckerige Oberfläche des über Gäuseeigrösse 
geschwollenen, nicht druckempfindlichen Hodens machte damals 
schon die Diagnose „Ilodentuberkulose“ wahrscheinlich. Gegen 
Eude Juli kam es nochmals zu flüchtigem Purpuraexanthem. Eine 
unbedeutende Verletzung des Knies am 31. Juli hatte keine be¬ 
sondere Blutung im Gefolge. Erst Mitte August wurde die Ein¬ 
willigung zur Kastration gegeben und nun der linke Hoden und 
Nebenhoden, sowie der verdickte Sameustrang. soweit er sich aus 
der Bauchhöhle hervorziehen Hess, von mir operativ entfernt. Im 
Hoden zeigten sich mehrere kleine, im Nebenhoden ein grosser 
käsiger Herd. Prima intentio trat nicht ein. so dass Patient erst 
am 21). September geheilt entlassen werden konnte. Während 
dieser Zeit blieb er frei von Purpura, die übrigens stets nur die 
Haut betroffen hatte. An den Schleimhäuten fanden sich niemals 
Blutaustritte, im Urin niemals rothc Blutkörperchen oder Albuinen. 

Fassen wir kurz das Bild zusammen, so zeigt, sich während 
<ler Entwicklung einer traumatischen Ilodentuberkulose wieder¬ 
holter Ausbruch von Purpura haemorrhagica. Diese Neigung zur 
Hautblutung hört auf nach der Kastration und bestand nicht vor 
der Ilodenerkrankung. Beweis: die früheren Lazarethbeobach- 
tungon und der Umstand, dass ein so ausgesprochener Ilautaus- 
schlag dem intelligenten Kranken nicht hätte entgehen können. 
Demnach darf man wohl, auch unter Berücksichtigung der früher 
angeführten ähnlichen Beobachtungen, mit Sicherheit, die Ilaut- 
blutungen als Folgezustand der Genitaltuberkulose mischen, da 
die häufig untersuchten Lungen niemals krankhaften Befund er¬ 
gehen hatten. Wenn Roemisch und C o h n mit W i e e h e 1 
die haemorrhagische Diathese (Alteration der Gefässwand) in 
Abhängigkeit bringen von der Resorption von Toxinen aus plötz¬ 
lich zerfallenen tuberkulösen Herden und deren Ausscheidung aus 
dem Körper, so leuchtet ein, dass in unserem Falle einerseits die 
mehrfach sich schnell entwickelnden und zerfallenden Herde die¬ 
selben Bedingungen boten und andererseits nach totaler Beseiti¬ 
gung des tuberkulösen Gewebes auch die Blutungen ihr Ende 
finden mussten. Ich neige daher auch dieser Erklärung zu, 
möchte aber noch besonders betonen, dass mir bei den mehr¬ 


fachen Purpuraausbrüchen das jedesmalige Aufstehen des Pa¬ 
tienten eine günstige Gelegenheitsursache zu bieten schien, in¬ 
sofern dadurch vielleicht dieGefiisswandungen erheblicher belastet 
bezw. alterirt wurden. Im Allgemeinen bildet derartige Neigung 
zu Blutungen bei Tuberkulose ein ernstes Zeichen und pflegt wohl 
dem tüdtliehen Ausgang voraufzugehen, während sie bei unserem 
Kranken sieh als ziemlich harmlose Erscheinung präsentirte. 
Immerhin lehrt auch der Fall, dass das plötzliche Auftreten von 
Purpura haemorrhagica bei vorhandenen chronisch-entzündeten 
Organen dun Verdacht der tuberkulösen Natur Nahrung gibt. 


Bericht über die medizinische Poliklinik in München 
im Jahre 1901. 

Von Prof. Dr. Moritz. 

Die medizinische Poliklinik wurde im Jahre 1901 von 9557 
Kranken (gegen 9374 im Vorjahre) aufgesucht. Von diesen gehören 
1088 der von Prof. Schoch geleiteten laryngologisehen Poliklinik 
an. 2032 Kranke wurden in ihren Wohnungen, die übrigen ambula¬ 
torisch behandelt. Auf das männliche Geschlecht treffen 5100. 
auf das weibliche 4151 Personen. 

Der Besuch mich Monaten geordnet, gestaltete sich wie folgt: 
Januar ‘.MM, Februar 850. Mär/ April 882, Mai 719. Juni 809, 
Juli 807, August 771, September 740, Oktober 090, November 070 
Dezember 025. 

Nach dem Uoiehsscheina ausgesebiedeu, vertheilen sich die Er¬ 
krankungen folgeiidermaassen: 

I. Entwicklungskrankheiten. 

Angeborene Missbildungen 1, Menstruationsanomalion 10, 
Schwnngerschaftsanoinulicn 20, Geburts- und Wochcubcttsano- 
nmiien 5, andere Entwicklungskrankheiten 1. 

II. Infektions- und allgemeine Krankheiten. 

Scharlach 3. Masern 11, Mumps 0. Rose 21, Diphtherie 2, 
Keuchhusten 1. Unterleibstyphus 3, Wechselfieber 1, Brechdurch¬ 
fall 1, Katarrhfieber 100, rheumatisches Fieber 44, akuter Gelenk¬ 
rheumatismus 104, Blutanmith 114, Leukämie 0, thicrische Para¬ 
siten 37, Tuborkuluse _.L Skrophnlose 2. Rhachitis 3. Zuokerruhr 24 
Skorbut 1. Gicht 4o. bösartige Neubildungen 04, Gonorrhoe 40, pri¬ 
märe Syphilis 32, konstitutionelle Syphilis 105, chronischer Alko¬ 
holismus 11, andere chronische Vergiftungen 17, allgemeine Ent¬ 
kräftung 7. 

UI. Lokalisirte Krankheiten. 

A. Krankheiten des Nervensyste in s. 

Geisteskrankheiten 27. Hirnhautentzündung 0. Apoplexia 
cerel»ri 39, andere Krankheiten des Gehirns 07, Epilepsie 50. 
Chorea 0. Rüekenmarkskrankheiten 70, andere Krankheiten des 
Nervensystems 079. 

R. K r a n k he i t e n des O li r s. 

Krankheiten des äusseren Ohrs 0, Krankheiten des inneren 
Ohrs 15. 

C. Krankheitp n d e r A u g e n. 

Ivontagiöse Augenkrankheiten 4, andere Augenkrankheiten 5. 

I). Kr a n k heit e n d e r A t li m nngsorga n e. 

Krankheiten der Nase und Adnexa 729. Croup 3, andere Ke? 1- 
kopfkrankheiten 312. akuter Bronehialkutarrh 251, chronischer 
Bronchialkatarrh 500, Lungenentzündung 48, Brustfellentzündung 
290. Lnngciihlutung 18. Lungenschwindsucht 1502, Emphysem 292. 
andere Krankheiten der Athmungsorganc 10, Kropf 80. 

E. Krankheiten der Zirkulationsorgan e. 

Herz- und Herzlieutelentzüiidung UM», Klappenfehler 1055, 
Aneurysma 20 , Krampfadern 10, Venenentzündung 8, Lymph- 
gefiiss- und Lymphdrüsenentzündung 12. 

F. Kraukhc ite n d e s V e r d a u u n g s a p p a r a t e s. 

Krankheiten der Zähne und Adnexa 35. Zungenentzündung 17. 
Mandel- und Rachencutzündung 7oS. Krankheiten der Speiseröhre 
24. akuter Mageukatarrh 130. chronischer Mageiikatarrh 192. 
Magenkrampf 11, Magengeschwür 59. akuter Darmkatarrli 05. 
chronischer Darmkatarrh 01, Obstipation 84. Bauchfellentzündung 
18. eingeklemmte Hernie 3. nicht eingeklemmte Hernie 17. innerer 
Darm Verschluss 0. Krankheiten der Leber und Ausführungsgäuge 
58. Milzkrankheiten 1. 

(J. K r a n k li e 11 e n d er II a r n - und Geschlechts- 

orga n e. 

Nierenerkrankung 1IM». Krankheiten der Blase 27. Steiuknink- 
hoit 0. Krankheiten der Prostata 0. Verengerung der Harnröhre 3. 
Wasserbruch 3, Krankheiten der Gebärmutter 93. Krankheiten de-; 
Kierstocks 15, Krankheiten der Scheide 8. 

II. Iv r a n k h e i t e n d e r ä u s s e r e n B e d e c k u n g e u. 

Krätze 9. akute Hautkrankheiten 32. Zellgewebsentzündung 
10, Karbunkel 1, Pannritium 1, andere Krankheiten der äusseren 
Bedeckungen 20. 

5* 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


J. Krankheiten der Bewegungsorgane. 
Krankheiten der Knochen und Knochenhaut 20, Krankheiten 
der Gelenke 40, Krankheiten der Muskeln und Sehnen 147, 

K. Mechanische Verletzungen. 

Quetschungen und Zerreissungen 43, Knochenbruch des Ober¬ 
arms 2, des Vorderarms 2, des Kusses 2, des Kopfes 3, der Kippen 7, 
der Wirbelsäule 2, des Beckens 1; Verstauchungen 7; Verrenkung 
des Knies 1, der Küsse 1; Wunden 5. 

IV. Anderweitige Krankheiten, Gesundheitszeugnisse etc. 497. 

Die Zahl der Todesfälle betrug 158, 71 Männer und 87 Weiber. 
Sie vertheilen sich auf Zuckerharnruhr 1, bösartige Neubildungen 
13, Apoplexia cerebrl 5, andere Gehirnkrankheiten 1, Rückenmark.^- 
krankheiten 2, Lungenentzündung 5, Lungenschwindsucht 84, 
Klappenfehler 30, Nierenerkrankung 7, Magengeschwür 1, 
Leukämie 1, Bauchfellentzündung 2. 


Erfahrungen und Gedanken über die Anlage von 
hygienischen Sammlungen. 

Von Prof. Dr. K. B. L e li m a n n, 

Vorstand des hygienischen Instituts Würzburg. 

Seit Herbst 1901 hat das Würzburger Hygieneinstitut — durch 
den Neubau einer prachtvollen Augenklinik und die Uebersiede- 
lung des pharmakologischen Instituts in die Räume der bisherigen 
Augenklinik — die lange in Aussicht gestellten bisherigen pharma¬ 
kologischen Räume zu seinem bisherigen Besitze hinzuerhalten. 
Damit und durch den Anbau eines sogen. Pestlaboratoriums ist 
für wissenschaftliche Arbeitsrüume für den Augenblick genügend 
gesorgt, es ist aber auch Raum gewonnen, um die Sammlung des 
hygienischen Instituts, an der ich 14 Jahre mit grosser Liebe, aber 
fast ohne Aufwand von Geldmitteln gesammelt habe, zweckmässig, 
wenn auch eng, aufzustelleu. Die überaus freundliche Beurthei- 
lung, welche diese Sammlung bei jüngeren und älteren Fach 
genossen sowohl, als bei Vertretern anderer Zweige der medi¬ 
zinischen und biologischen Korseliuug gefunden hat, bestimmt 
mich, dieselbe kurz zu beschreiben, und namentlich eine Reihe von 
Erfahrungen initzutheilen, welche ich bei der Aufstellung und B.*- 
schaffuug dieser Sammlung machte. Ich denke, dass manche 
dieser Erfahrungen auch für die Vorstände ähnlicher Sammlungen 
verwerthbar sind. 

Dass jedes hygienische Uuiversitiilsinstitut eine Sammlung 
braucht ist heute wohl unbestritten. Pettenkofer hat. uns 
Jüngere gelehrt, wie man durch sinnreiche Vorlcsnngsexperimente. 
Modelle und Wandtafeln das Kolleg vertiefen und beleben kann, 
andere Demonstrationsmittel spielten bei ihm nur eine unter¬ 
geordnete Rolle, seine Sammlung blieb klein und liesehränkte sich 
neben zahlreichen und schönen Wandtafeln fast ganz auf Appa¬ 
rate und die zu den Vorlesungsversuehen nöthigen Gegenständ.*. 
Zum Theil war dies in der Stoffauswahl für das Kolleg begründet, 
Ernährungsfragen wurden nicht besprochen und die Infektions¬ 
krankheiten eignen sich wenig für eine Illustration durch andere 
Objekte als Tafeln, Karten und Bilder. 

Der Werth einer grossen hygienischen Sammlung wurde wohl 
den meisten deutschen Hygienikern erst so recht klar durch di,? 
Betrachtung der reichen Schätze des Hygieueinuseums in Berlin, 
sicher hat die Gründung dieser grossartigen Sammlung sehr an¬ 
regend gewirkt. Nicht ohne bittere Empfindung allerdings wer¬ 
den die deutschen Hygieniker meist diese lange Flucht von Sälen 
verlassen haben — die eigenen, stiefmütterlich zugemessenen 
Räume gestatteten auch nicht im Entferntesten an etwas Aelm- 
liches zu denken. Hatte ein hygienisches Institut einige Labora¬ 
torien und einen Ilörsaal, so pflegte man es meist für genügend 
eingerichtet zu halten, kamen ein Kurssaal und gute Stallräum.* 
hinzu, so hielt man es für gut ausgestattet und erst allmählich 
bricht sich die Ueberzeugung Bahn, dass der Hygieniker, so nöthig 
wie der Anatom, der Pathologe, der Zoologe und Botaniker, neben 
sehr vielseitig eingerichteten Arbeitsstätten auch ausgiebige Räume 
für hygienische Sammlungen braucht. Es ist nun ln neuester Zelt 
Vieles besser geworden ,da und dort sind die Sainmlungsräume 
vorhanden oder werden gebaut — und sicher wird die Küllung 
dieser Räume ihren Besitzern kaum mehr Mühe machen, als ihre 
Erlnngung in vielen Källen gekostet hat. 

Auf allen Gebieten hat die Ausstattung der Vorlesungen mit 
Anschauungsmitteln mächtige Kortscliritte gemacht, der Mediziner 
hört kaum eine Vorlesung, die nicht reich mit Demonstrationen 
erläutert und gewürzt wäre — die Hygiene darf ln ihrem eigenen 
Interesse nicht Zurückbleiben. 

Was sollen wir aber nun in solche hygienische Sammlungen 
aufnehmen '! Eine scharfe Grenze weiss ich hiefiir so wenig an- 
zugehen. wie für unsere Wissenschaft überhaupt Alles, was sich 
auf die Gesundheit des Menschen im weitesten Sinne lK?zieht, kann 
Aufnahme finden, wenn es der Raum und die Mittel gestatten. 
Natürlich soll In allererster Linie das aufgenommen werden, was 
für den akademischen Unterricht der Mediziner dient, zweitens 
können Objekte hineinkommen, die für den mehr populären hygie¬ 
nischen Unterricht an Studenten anderer Kakultäten. an Lehrer, 
für hygienische Vorträge in hygienischen und anderen Vereinen 
nöthig ist. Diese zweite Kategorie kann die Aufnahme von Ob¬ 
jekten nöthig machen, welche für die erste uunötbig wäre, so sah 


ich in einem Institut eine typische Sammlung von Modellen von 
geschlechtskrankeu Genitalien, ich selbst habe auf Kosten des 
Würzburger hygienischen Vereins ein hübsches anatomisches 
Modell der menschlichen Eingeweide und des Kopfes angeschafft, 
ich wünschte die wichtigsten Stadien und Können der menschlichen 
Tuberkulose in Kayserliugprüparaten aufzunehmen — alles Dinge, 
die der Mediziner nicht braucht, die aber da sein müssen, wenn 
die Universitätsinstitute ihre Aufgabe darin suchen, nicht nur 
Fachwissen, sondern in möglichst weiten Kreisen hygienische Auf¬ 
klärung zu verbreiten. Einen dritten Zweck erfüllt nach meiner 
Meinung die Sammlung dadurch, dass sie dem Vorstand, seinen 
Assistenten und den verschiedensten Interessenten für Spezial¬ 
studien, für Vergleiche, kurz für die eigene Weiterbildung Material 
liefert. Nur Gegenstände, die man oft, in Ruhe und im Vergleich 
mit anderen bequem betrachten oder untersuchen kann, nützen uns 
wirklich zur Ausbildung In Einzelheiten. Für meine Studenten 
genügt es z. B., wenn ich ihnen einige typische Hausschwamm¬ 
präparate in verschiedenen Stadien vorzeigen kann, besitze ich aber 
daneben richtig bestimmte Stücke aller anderen wichtigen Formen 
der Holzzerstörung durch Pilze, Insekten etc., so wird dadurch die 
Sammlung an Werth ausserordentlich gewinnen und mir, meinen 
speziellen Schülern, dem einen oder anderen Praktiker (Bezirks¬ 
arzt. Architekten, Verwaltungsbeamten u. s. f.) von grossem 
Nutzen sein zur Beurtheilung von Füllen der Praxis und für 
et waige Korschertliätigkeit. 

Endlich werden natürlich in der Sammlung vielfach Objekte 
aufgestellt werden, welche von lokalem Interese für die Stadt oder 
den Landest heil sind, in dem man sich befindet, und ebenso 
Objekte, die bei Arbeiten des Institutes gewonnen oder untersucht 
worden sind, sofern sie nur irgend einen Demonstrationswerth be¬ 
sitzen. 

Die Sammlung gliedert sich zweckmässig in 5 Theile: 

1. Die in Schränken unterzubringenden makroskopisch sicht¬ 
baren Objekte aus allen Naturreichen (Hauptsammlungi. 

2. Mikroskopische Präparate. 

3. Tafeln und Tabellen. 

4. Kleinere Bilder. 

5. Mikrophotogramme. 

J'iir die II a u p t s a m m 1 u n g bedürfen wir mindestens 
eines grossen Saales, eigentlich wären 2—3 Säle nöthig, um eine 
Erwoiterungsfühigkeit der Sammlung zu garantiren und auch 
grössere Schaustücke. Modelle. Oefen. Schulbänke u. dergl. auf¬ 
stellen zu können. Ich bin zur Zeit noch auf einen mittelgrosseu 
Saal mit 3 grossen Fenstern in der einen Liingswaud angewiesen. 
9,5 m lang, 7.2 m breit, 4,1 m hoch. 

In diesem Saale habe ich 11 grosse 3 tlieilige Schränke 
(33 Schränke darstellend) aufgestellt, jeder 3,4 m lang. 0,45 m tief 
und 2.2 m hoch. Dieselben stehen zum Theil den 3 fensterlosen 
Wänden entlang, ausserdem sind 4 Blocks von je 2 dreitheiligeu, 
mit. den Rücken gegeneinander gestellten Schränken in dem freien 
Raume vertheilt, senkrecht auf die Fensterwaud orientirt Die der 
Kensterwand entgegengesetzte Wandfläche ist bisher noch mit 
2 älteren Schränken besetzt, auch hier sollen später noch je 2 zwel- 
theillgo neue Schränke Unterkunft finden. 

Die Schränke füllen somit das Zimmer soweit als irgend 
möglich aus. von der Bodenfiiiche des Zimmers sind etwa 25 Proz. 
bedeckt Niemand wird bezweifeln, dass schon für die jetzigen 
Schränke ein zweiter Raum wiinschenswerth wäre, um bequem 
einer grösseren Anzahl von Besuchern den Inhalt der Schränke 
demonstriren zu können. Eine Vergrösserung der Sammlung ist 
leider vorläufig nur möglich unter Benützung des Korridors und 
des Hörsaals, der aber ohnehin für eine Vorlesung mit vielen De¬ 
monstrationen geräumiger sein dürfte. 

Die Schränke mussten aus Rücksicht auf eine möglichst voll¬ 
ständige Raumausnützung Sehlebetliüren erhalten, jeder Thürflügel 
hat eine einzige grosse Scheibe (1,08 m auf 0,95 m). Bisher scheinen 
sich die Schiebet büren sehr gut zu bewähren, sie nehmen keinen 
Platz und schliessen genügend staubdicht Unbequem ist natürlich, 
dass mau nie aus dein einen Schrankfach direkt in das seitlich 
benachbarte umräumen kann, weil die Sehlebetliüren stören. 
Die Schränke sind aussen eichenfarbig, innen mit Zinkweiss ge¬ 
strichen. Bleiweiss, was besser deckt, traute ich mich nicht zu 
wählen, weil in unserem Institut stets mit Schwefelwasserstoff 
gearbeitet wird; bisher bin Ich mit dem Zinkweiss zufrieden. 
Wohl schmutzt der weisse Anstrich ziemlich stark, doch lässt sich 
der Schmutz mit Seife und Lappen unschwer entfernen. Jeden¬ 
falls bedaure ich die Wahl des weissen Anstriches nicht, ich freue 
mich der grösseren Lichtfülle in meinen neuen Schränken im 
Gegensatz zu den alten, die innen gelblichbraun mattirt waren, 
und nehme den Zwang der häufigeren Reinigung gern ln den Kauf. 

Die Schränke haben meist G Fächer, grosse Schaustücke stehen 
oben auf den Schränken, um Platz zu sparen. Um einen gefälligen 
Eindruck der Schränke zu erzielen, habe ich mir viele Mühe ge¬ 
geben. Vor Allem ergab sich bei diesen Studien, dass es wünschens- 
werth ist, auf jedes Bord nur Gegenstände von ähnlichen Dimen¬ 
sionen zu stellen resp. die Gegenstände verschiedener Grösse in 
möglichst gleichartigen Gefässeu unterzubringen. Nichts ist häss¬ 
licher, als Gläser von verschiedener Grösse, Form und Verschluss 
neben einander zu stellen und dazwischen Schachteln aller Art 
einzureihen. 

Nach vielem Probiren habe ich den grössten Theil der Samm¬ 
lung in einer der 2 folgenden Arten aufgestellt: 

1. In Gläsern. 

2. Auf umrandeten Tragbrettern theils in gleichmässlgen Papp¬ 
schachteln, theils angeheftet, theils in Fächer derselben vertheilt 


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18. März 2902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


453 


Was man ln Gläsern unterbringen kann, Ist natürlich so am 
besten untergebracht und vor Staub möglichst geschützt. Von 
Gläsern habe Ich 2 Sorten fast ausschliesslich verwendet: 

1. Zylindergläser von der Höhe von 22 cm mit oben abge- 
schliffenem Rand. Die aufgeschliffenen Glastafeln lasse ich bloss 
mit Paraffin aufkitten. Dieses Verfahren ist ausserordentlich 
einpfelilenswerth, sowohl für trocken eingefüllte, als ln Formaliu, 
Glyzerin oder Vaselinöl eingelegte Objekte. Mit seltenen Aus¬ 
nahmen scliliesst die dünne, mit dem Pinsel auf den Zylinderrand 
nufgetragene Paraffinschlcht tadellos ab, ein kräftiger radialer 
Kingerdruck oder eine Messerklinge genügt meist zum Oeffnen der 
Gefässe und die Neuherstellung des Verschlusses macht wieder 
nicht die geringste Mühe. Billiger wie iu solchen Zylindergläsern 
lassen sich bessere Objekte nicht auf bewahren. Ich verwende 
4 Weiten von G, 7%, 9, 33 cm neben einander, was für den Anblick 
in keiner Weise störend wirkt, wenn nur die Höhe gleichmüssig 
ist. Die 4 Weiten kosten 00— 75 —90—130 Pfennige. 

2. Konservengläser von etwas konischer Form und der glei¬ 
chen Höhe wie die Zylindergläser, d. h. 22 cm. Diese Gläser kosten 
nebst einer goldig lackirten Zinukappe nur 18 Pf. pro Stück, 
sehen recht gut aus und sind zur Aufbewahrung von Getreide, 
Sämereien aller Art, Gewürzen u. s. w. ganz vorzüglich brauchbar. 
Will man die Objekte absolut vor Staub schützen, so kann man 
tlle Gefässe unter der Zinukappe mit einer dünnen Korkplatte 
schliessen, wie es die Konservenfabrikanten thun. Ich habe auch 
ln solchen Gläsern Fonnolpräparate (Pflanzen) aufbewahrt und 
finde dieselben recht praktisch, so lange es sich um lauge und 
schlanke Objekte handelt. 

Einige Abteilungen der Sammlung, die aus Sparsamkeit In 
Konservengläser gefüllt sind, musste ich, um dickere Objekte ein- 
veilien zu können, mit Zylindergläsern untermischen. Da Kon¬ 
serven- und Zylindergläser genau gleich hoch sind, so stört dies 
tlas Auge relativ wenig. 

Für die Gewürze habe Ich eine kleinere Sorte Konserven¬ 
gläser von gleicher Form wie die eben beschriebenen, aber nur 
18 cm hoch und einfach mit Zinnkappe verschlossen, verwendet. 
Ich sparte dadurch an den Kosten für Glas nur wenig, mehr an 
denen für die Füllung, habe aber schon manchmal bedauert, mich 
nicht für die Wahl einer einzigen Höhe der Gläser entschieden 
zu haben. 

Für einige Abthellungen sind auch sogen. Pulvergläser und 
kürzere, weite Zylindergläser mit Griffstopfen in Gebrauch, welche 
vor der Reorganisation ln der Sammlung vorhanden waren und 
wieder verwendet werden sollten. Da hei der Neuaufstellung nur 
streng gleichartige Gläser für jede Abtheilung gewählt wurden, 
hat das abweichende Format in einzelnen Abtheilungen gar keine 
Nacht helle. 

Bei der Aufstellung der Präparate in den Gläsern habe ich 
möglichst durchzuführen gesucht, die Objekte so anzubringeu, 
dass sie, ohne herausgenommeu zu werden, deutlich betrachtet 
werden konnten. Für pulverige und körnige Objekte, die in Menge 
vorhanden sind, ergehen sich daraus keine besonderen Auf- 
Btellungsregeln, dagegen sofort, wenn nur wenig von einem solchen 
Objekt in der Sammlung ist. In solchen Fällen, z. B. „Proben von 
Staubregen". „Bleichromat aus einem Stück Kuchen", habe ich 
das Objekt in ein enges Glasröhrchen gefüllt und letzteres auf 
einem weissen oder schwarzen Kartonstreifen aufliefteu lassen. 
Andere kleine Objekte: Narben von Crocus sativus, Gewürz- 
fälschungeu u. dergl. wurden auf derartige Ivnrtonstreifen auf¬ 
geklebt und dann in die Gläser gestellt. Oefters steht neben einem 
Glas, das mit einem Gewürz gefüllt ist, ein zweites, welches aus¬ 
gewühlte aufgeklebte Stücke enthält, und endlich — um das hier 
gleich auch zu erwähnen — enthalten manche Gläser Bilder (Holz¬ 
schnitte) von geeigneter länglicher Form, welche zur Erläuterung 
des daneben stehenden Naturproduktes dienen können. 

Für die Kleiderstoffproben habe ich nach längeren Versuchen 
schliesslich auch Zylindergläser angewandt; unter Zugabe eines 
Gläschens mit Naphthalin halten sich so die Stoffe sauber und 
mottenfrei. Die Pnraffinverschltisse der Deckel sind äusserst 
leicht zu öffnen. 

Meine grosse Sammlung von Präparaten zur Thierpathologie 
und Fleischschau Ist jetzt vollkommen in gleich hohen Zylinder¬ 
gläsern untergebracht. Nur die mit Photoxylin aufgeklebten 
Objekte sind noch in Alkohol, die älteren und von den neueren 
Präparaten die grösseren Stücke sind ln lOproz. Formaldehyd¬ 
lösung, die kleineren Objekte lege ich seit ly 2 Jahr nur noch nach 
Knyserlln g’scher Methode ein. Wer neben einander schöne 
Formol- und prächtige Knyserlingpräparate sieht, wird nicht im 
Zweifel Bein, welchen er den Vorzug zu geben hat. Die Schweine¬ 
rothlaufhaut zeigt nach ly 2 Jahren ihre rotlien Flecken genau wie 
am ersten Tag. einige Lungentuberkuloseprüparate vom Rinde er¬ 
regen wegen ihrer Farbcnfrlsche allgemeine Bewunderung. 

Noch lassere Dienste allerdings hat mir die Kayserling- 
sclie Methode geleistet zur Konserviruug von Objekten, die bei 
toxikologischen Arbeiten erhalten wurden: Lungen- und Tracheal- 
hyperämien, akute Nephritis und akute Gastroenteritis lassen 
sich ln den herrlichsten Farben aufbewahren und gestatten nicht 
nur die Verwendung als Demonstrationsobjekt, sondern auch eine 
nachträgliche kritische Diskussion der Beurthellung der Störungen 
mit dem pathologisch geschulten Fachmann. Die einzige ernste 
Ausgabe der K a y s e r 11 n g'schen Methode liegt in der Auf 
Bewahrung der Objekte in starkem Glyzerin — aber die Ausgab.* 
lohnt sich. 

Selbstverständlich sind die in Flüssigkeiten eingebetteten Prä¬ 
parate, so weit es nöthig schien, mit besonderer Sorgfalt auf Glas¬ 
platten montirt. Leichte Objekte (Distoma, Bandwürmer etc.) 


sind mit Photoxylin aufgeklebt und in 40 proz. Alkohol kouservirt, 
grössere mit dünner Seide an die Glastafeln angenäht. Eine 
Durchbohrung der Glastnfeln erwies sich dabei nicht als notli- 
wendig, dagegen mussten die Tafeln, welche möglichst genau die 
Breite des Durchmessers des Zylinderglases hatten, seitlich mit 
kleinen Stückchen Korktafel festgeklemmt werden, um zu ver¬ 
hindern, dass sie sich im Glase drehten. 

Bel dieser Aufstellung, die natürlich einmal grosse Mühe 
macht, ist es nie mehr notliwendig. ein Objekt aus der Flüssig¬ 
keit zu nehmen; vielleicht empfiehlt es sich sogar zur Erhöhung 
der Deutlichkeit, durch Worte, die man mit geeigneter Farbe auf 
die Ginstafel schreibt, wichtige Stellen noch besonders deutlich 
zu machen und zu erläutern. 

Selbstverständlich wäre es Ideal, die Präparate in den 
Schränken so aufzustellen, dass sie in einfacher Reihe stehen. 
Dies ist aber wegen Platzmangel bei uns ganz unmöglich, Ich 
muss vielmehr vielfach 3—4 Reihen hinter einander stellen. Um 
solche Präparate leichter vorzeigen und in Ordnung halten zu 
können, bin ich darauf gekommen, die Mehrzahl meiner Gläser 
auf leichte Tragbretter aufzustellen. Auf jedem Schrankfach 
liegen zwei solche Tragbretter neben einander, auf jedem der¬ 
selben steht eine Gruppe von Objekten sinngemäss vereinigt und 
so munerirt neben einander, «lass von links nach rechts die 
Nummern 1—12 folgen. Hinter den aus didaktischen Erwägungen 
iu die erste Reihe gestellten Hauptdemonstrationsobjekten stehen 
dann Ergänzungspräparate, welche bis zu 5 Reihen hinter einander 
nufgestellt werden können und mit In, 11». lc, ld, le resp. 2a u. s. f. 
bezeichnet sind. Will ich mich ausführlich über den Gegenstand 
verbreiten, so lnsse ich «Ile Tragbretter, wie sie in den Schränken 
stehen, in die Vorlesung bringen, will ich dies nicht, so wähle ich 
llauptstücke aus, die sofort nach «lern Gebrauch nach der Nummer 
auf die Tragbretter zurückges«*tzt werden können, «hl je«les Objekt 
auch die Nummer seines Tragbrettes trägt. Die Trnghrettnummorn 
laufen in jeder Schrunkabtheilung von I—XII, eine Anbringung der 
Schrauknmnnier ist überflüssig. 

Alle Numerirungen sind vorläufig mit Bhdstift gemacht, um 
jederzeit leicht neues Material einseliieben zu können. Aber auch 
ohne Umnummerinmg lässt sich zwischen la und lb ein laa ein- 
schleben u. s. f. 

Leider versagt das Tragbrettprinzip bei «len grossen und 
schweren Prüpnratonglüsern mit den Thierorgamm, weil sie «li«: 
Tragbretter zu sehr belasten würden. Doch ist «lies natürlich kein 
Grund, die Tragbretter für leichtere Gläser nicht anzuwenden; 
ich möchte sie jedenfalls nicht mehr missen. Indem die Vor¬ 
bereitung grosser Vorlesungsdemonstrationen jetzt viel weniger 
Mühe macht als früher die Aufstellung weniger, nicht leicht zu 
findender, weil meist nicht richtig zurückgestellter Objekte. 

lieber die Etikettirung nur soviel: Natürlich soll die Etikette 
so klein wie möglich sein, um möglichst wenig vom Präparat zu 
verdecken, dabei so gross und deutlich geschrieben wie möglich 
und vollständig Alles enthalten, was von Interesse für den jetzigen 
und event. einen späteren Beniitzer des Materials sein könnte. 
Es soll «loch eine solche Sammlung möglichst ohne weitere Er¬ 
klärung allgemein verständlich sein. Ich habe aus diesen wider¬ 
sprechenden Forderungen für mich «lie Regel abgeleitet, etwa 
4 cm breite Etiketten oben unter dem Deckelwulst um den 
Zylinderhals herumzukleben. Die Etiketten umfassen in 2 Zeilen 
Rundschrift Namen und event. Zweck des Objektes, in einer 

3. Zeile in kleiner Schrift Herkunft, event, Spender und Datum. 
Im Bedarfsfall kommt ein Zettel mit näheren Einzelheiten In 
das Glas. 

Was sich nicht ln Gläsern unterbringen Hess, habe ich mit 
ganz geringen Ausnahmen (Instrumente und Apparate) auf Trag¬ 
brettern in 3 verschiedenen Weisen aufgestellt. 

Dünne, flache, leichte Gegenstände (Tapeten. Hemden, 
Strümpfe etc.) wurden auf feste Kartontafeln mit niederem Holz¬ 
rand aufgeheftet, schwerere ähnliche Objekte (Linoleum, Glas. 
Ziegel u. dergl.) auf Trngbretter geordnet, welche durch quere 
Holzleisten getheilt und mit einem Ilolzrand versehen waren von 
grösserer Höhe als die Dicke tler Objekte. Bröckelige Objekte 
kamen, wenn sie nicht wie gewöhnlich in Gläser gefüllt wurden, 
in Kästchen und diese wieder gruppenweise fest anschliessend 
ohne Zwischenräume auf Tragbretter. Die mit flachen Gegen¬ 
ständen belegten umrandeten Bretter kann man beliebig hoch in 

4. C>, 8 Lagen auf einander schichten und damit den Raum ausser¬ 
ordentlich nusnützen. Trägt nun jedes Tragbrett an der Um- 
fassungsleiste eine Etikette, so sind die Objekte so übersicht¬ 
lich untergebracht wie in den Schubladen eines Schrankes. 

Grosse und schwere Gegenstände, die sich nicht für die 
Schränke eigneten, wurden, wenn sie mehr isodlnmetrlscli waren 
auf den Schränken, wenn sie langgestreckt waren (Röhren etc.) 
auf Brettern montirt an «lie Wand oder an die Schmalseiten der 
Schränke gehängt. 

Ihn nun einen Begriff davon zu geben, was mir alles des 
Sammelns und Aufstellens würdig erschien, gebe ich einen kurzen 
T’eberblick über den Bestand der Sammlung im gegenwärtigen 
Augenbli«*k. Jede Nummer bedeutet eine t> fächerige Sch rank- 
abtheihmg. 

1. Luft, Luftuntersuchung, Lüftung. 

2. Kleidung I: Rohfasern und Gespinnste. 

3. Kleidung II: Gewebe. 

4. Kleidung III: Kleider, Hüte, Schuhe und Fussabgiisse. 
Dabei mancherlei ethnographisch Interessantes. japanisch«' 
chinesische, russische, italienische Nationalbokleidungsstiiek«*. 
Tropenanzug etc. 

5. Beleuchtung. Anschauungsmaterial noch dürftig. 


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MUENCHENER MEDICINISCIIE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


G. Heizung. Anschauungsmaterial noch dürftig. 

7. Bauhygiene I. Natur und Kunststeine, Mörtel, Zement 

8. Bauhygiene II. Kork, Holz, Holzkrankheiten. Fussböden 
aus Holz, Stein, Ternzzo, Xylolith u. s. w., Linoleum. 

0. Bauhygiene III. Dächer, Wandbekleidung, Teppiche. 

10. Boden, Strassen. 

11. Geologische l’ebersiclit der Umgebung von Wiirzburg. 
(Triosfonnation.) 

12. Schulen. Enthält bisher nur Schulbankmodelle. 

13. Wasser I. Wasserprobeu, Kesselsteine. Eisenschlamni. 
Fauna und Flora von Wasserleitungen und Behältern. Apparate. 
Gesteinsproben zur Würzburger Wasserversorgung. 

14. Wasser II. SaudÜlter und Thouillter. Wasserleituugs- 
rühreu aus verschiedenen Materialien, neu und gebraucht. Beschä¬ 
digung von Köhren durch Ratten, Frost u. s. w., Mineralwasser- 
Industrie. 

15. Leichenwesen (Leichenverbrennung, Mumifikation, Lei- 
chcnwachs). Abfuhr und Kanalisation, Flussverunreinigung. 

16. Fabrikhygiene I. Blei, Bleifabrikate und Präparate iukl. 
Kochgeschirr. 

17. Fabrikliygieue II. Kupfer, Zinn, Zink, Aluminium, Nickel, 
Arsen, Antimon uiul ihre Präparate. Tlieerfarben. Patholog. 
Präparate zur Fabrikhygiene. 

18. Fabrikhygiene III. Staubsorten. Einiges Technologisches 
zur Fabrikhygiene (Asbest, Cellulose, Kautschuk, Porzellanfabri¬ 
kation etc.). Schutzapparate. 

19. Essbare Seethiere, insbesondere solche, die gefährlich 
werden können. Miesmuscheln, Krabben, Fische etc.) 

20. Fleisch mit thieriselien Parasiten, daneben eine Anzahl 
Bandwürmer (55 Gläser). 

21. Fleisch mit bakteriellen Erkrankungen insbesondere : 
Tul>erkulose, Rotz, Aktinoni.vkose, Rauschbrand (30 Gläser). 

22. Fleischpriiparate. Milch und Milchpräparate. Reinigung 
der Milch. Oelsamen. 

23. Kost8ätze in übersichtlicher Darstellung. Zusammen¬ 
setzung der wichtigsten Nahrungsmittel. 

24. Reserve. 

25. Getreide (131 Gläser). 

26. Unkräuter, Zermahlung des Getreides (45 Gläser). 

27. Mehl, Brot (86 Gläser). Hierbei viel ethnographisch Inte¬ 
ressantes. Dauerbrote. 

28. Pilze. 78 Präparate in Vaselinöl, Alkohol oder Formol, 
die wichtigsten essbaren und giftigen Arten enthaltend. 

29. Obst, Gemüse (80 Gläser). 

30. Giftpflanzen der deutschen Flora, welche durch Ver¬ 
wechselungen gelegentlich gefährlich werden. (Bisher 37 Gläser.) 

31. Gewürze (93 Gläser). 

32. Thee, Kaffee, Kakao, Tropische Genussmittel (110 Gläser). 

33. Honig, Zucker, Alkoholische Genussmittel. 

34. Desinfektion. 

35. Bakterien, konservirte Kulturen, Toxine. Farbstoffe, 

In Summa sind ca. 230 Tragbretter und ca. 1300 Gläser vor¬ 
handen. 

Selbstverständlich enthält meine Sammlung eine Menge 
Dinge, die nicht direkt als nothwendig zu bezeichnen sind und die 
irgend einer besonderen Arbeit oder Neigung ihre Anwesenheit 
verdanken, während vieles Nothweiulige. aber bisher Unerreich¬ 
bare oder Vergessene noch fehlt. Ich welss sehr gut, dass man 
eine gute hygienische Sammlung auch wesentlich anders quanti¬ 
tativ zusammensetzen kann, qualitativ wird allerdings stets der 
Aufbau ähnlich sein. 

Die mikroskopische Sammlung, welche neben Bak¬ 
terien und pathologischen Präparaten viele Objekte über Nah¬ 
rungsmittel, Staub, Kleidung, schädliche Insekten u. s. f. umfasst, 
ist in üblicher Weise aufgestellt. Grosse Mühe gebe ich mir, zu 
jedem Präparat ein Bild zu gewinnen, das mit Erklärungen ver¬ 
sehen, neben das Mikroskop gelegt wird. Ich halte es dabei aller¬ 
dings in der Mehrzahl der Fälle nicht für nothwendig, gerade ein 
ganz bestimmtes Gesichtsfeld des Mikroskops abzuzeichnen und 
stets wieder einzustellen, eine Sitte, die im hiesigen anatomischen 
Institut durch Herrn Prof. S t ö h r in glänzender Weise durch¬ 
geführt ist. Ich habe mich vielmehr meist begnügt, aus Lehr¬ 
büchern die Bilder abzuzeichnen oder auch aus alten Auflagen aus¬ 
zuschneiden, die zum Verständniss des mikroskopischen Bildes 
dienen, seltener, z. B. bei Staubproben etc., wurde ein halbschenm- 
tisches Originalbild des mikroskopischen Befundes gegeben. 
Jedenfalls tragen derartige „Beilagen“ sehr dazu bei, mikros 
kopische Demonstrationen erspriesslich zu machen. 

Uel>er meine Sammlung von Wandtafeln zur Vorlesung 
ist nicht viel zu bemerken. Ich bewahre die etwa 300 Stück um¬ 
fassende Sammlung In 3 nach Art der römischen Rollenkästen 
eingerichteten Behältern gerollt und stehend auf. Sie nehmen 
sehr wenig Platz weg. sind sofort gefunden, verstauben und ver¬ 
blassen nicht. Jede Tafel trägt zwei leichte Stäbe und eine Oese, 
mit der sie mittelst Hacken bequem an einem Eisenstäbchen auf¬ 
gehängt werden kann, welches in 2 Meter Höhe um den Ilörsaal 
herumläuft. 

Dagegen dürfte die Beschreibung meiner „B Uders a in m - 
1 u n g" manchen Kollegen anregen, sich etwas Aehnliehes einzu¬ 
richten. Unendlich viele Dinge lassen sich weder in natura 
sammeln, noch in Wandtafeln darstellen, über die man doch dann 
und wann sprechen, die man seinen Zuhörern veranschaulichen 
möchte. Hierzu leistet mir die Bildersammlung treffliche Dienste. 
Einen mittelgrossen Schrank mit 10 Schubladen, jede nochmals in 
3 Querabtheilungen getheüt, lienutze ich, um in 30 Kategorien ge¬ 
ordnet all’ die verschiedenartigen Holzschnitte, Photographien, 


Heliogravüren, Photozlnkotypieu u. s. f. aufzuheben, die mir zu¬ 
gänglich sind und die von hygienischem Interesse in weitestem 
Sinne sind. Schiffe und Eisenbahnen, Kleidung, Pathologie der 
Infektionskrankheiten, Kulturpflanzen, Militärhygiene sind einige 
auf’s Geradewohl herausgegriffene Artikel. Wenn einmal ein 
kulturgeschichtliches oder technisches Bild von geringerem hygie¬ 
nischem Werth unterläuft, so schadet das nichts; bei der enormen 
Ausdehnung der Hygiene weiss man keinen Augenblick, in wie 
weit man nicht für ganz spezielle Bilder dankbar ist. Ich lialn* 
jetzt etwa 350 Bilder aufgehoben, fast zu jeder Kollegstundc 
kommen zur Ergänzung einige Bilder in's Kolleg, welche % Stunde 
vor- und nachher zur Besichtigung bereit stehen. Nicht jedes Bild 
wird besprochen — ich betrachte dieselben vielfach als stumme 
Ergänzungen zum Kolleg. 

Zur Zeit ersetzt mir meine Bildersammlung noch ein Stück 
weit den Projektionsapparat, vor dem sie ja — neben 
«len naheliegenden Nachtheilen, dass die Bilder klein sind und nicht 
gemeinsam betrachtet werden können — den Vortheil hat, «lass 
«Ile Bilder längere Zeit und mehrere vergleichsweise betrachtet 
werden können. Dass der Projektionsapparat — er soll dieser 
Tage bestellt werden — die Bildersammlung wertlilos macht, 
glaube ich nicht, denn die Projektionsbilder muss mau sich min¬ 
destens z. Th. selbst hersteilen, ihre Zahl wird also nicht so leicht 
zu vermehren sein, als die der Papierbihler. 

Di«* vorstehenden Zellen haben ihren Zweck erreicht, wenn 
sit* in immer weiteren Kreisen dazu nmvgen. an die Ausgestaltung 
der Demonstratious- und Anschauungsmittel der Hygiene zu gehen. 
Manchmal wird «*s sich «>rr«*ichen lassen, dass wie in Wiirzburg der 
„Hygienische Verein“ Mittel zur Verfügung stellt, um «len einen 
oder anderen grösseren Gegenstand zu erwerl»«*n, oder auch 
städtische Verwaltungen leisten B»»iträge. Di«* Hauptsache wird 
aber jeder Sammlungsvorstaml selbst sammeln müssen, indem er 
sn*ts daran denkt, auf Kpazlergäng»*u, Reisen, bei der Gutachter- 
thiitigkeit und im Laboratorium lehrreiche Ding«* tnitzuuehmeu 
und aufzuheben, indem er versteht, im Gas- und Wasserwerk, 
bei Handwerkern und Fabrikanten, auf dem Bauamt. beim Be¬ 
zirksarzt und vor Allem auch bei den Studenten Interesse für 
seine Bestrebungen zu erwecken. Bewahrt er von zufällig in seinen 
Besitz gelangenden werthvollen Objekten grössere Mengen auf, 
tritt er mit anderen Instituten in Tausch verkehr, so füllt sich 
manche Lücke mühelos aus und manche Belehrung ergibt sich 
nicht nur für seine Schüler, sondern vor Allem für Ihn selbst. — 
Dass die lokalen Verhältnisse es häufiger gestatten, mit «1er Ilniver- 
sltätssammlung gleichzeitig ein städtisches o«l«*rstaatlichesHygiene- 
museum zu verbinden, scheint mir fraglich. Meist werden «lie grös¬ 
seren Räume, welche die Stadt bieten wird, nicht so bequem gelegen 
sein, dass die Objekte auch im Unterricht ungehemmt verwendbar 
sind, und ein Museum, das der Professor zwar mit seinen Schülern 
besuchen kann, das aber ni«*ht unter einem Dache mit «lern Hörsaal 
liegt und dem eT nicht ohne Weiteres Alles bequem entnehmen 
kann oder darf, was er für den Unterricht braucht, ersetzt eine 
Universitütssammlung natürlich nicht. Doch ergänzt sie dieselbe 
in vieler Hinsicht und entlastet sie. indem sie vor Allem grössere, 
platzraubende, schwer transportable und theuere Objekte auf¬ 
nimmt. 


Referate und Bücheranzeigen. 

Die Röntgenographie in der inneren Medizin. Heraus¬ 
gegeben von Prof. H. v. Ziemssen und Prof. H. Rieder 
in München. II. und III. Lieferung, enthaltend 20 Tafeln mit 
Text. Wiesbaden, Verlag von J. F. Bergmann. 

Schon bei der Besprechung der im Vorjahre erschienenen 
1. Lieferung haben wir auf die Bedeutung hingewiesen, welche 
das vorliegende Werk als Ganzes für sich beanspruchen kann. 
Unterdessen ist Hugo v. Ziemssen aus dem Leben geschieden. 
Von den vielen literarischen Plänen, die dieser rastlose Geist noch 
in sich getragen haben wird, ist in dem vorliegenden monumental 
angelegten Werk der letzte zur Reife und Vollendung gelangt 
und so stellt dieses den Schlussstein dar in dem Gebäude lite¬ 
rarischer Leistungen, welche die medizinische Wissenschaft dem 
Entschlafenen verdankt. Es ist ein Zufall, aber doch ein sehr 
charakteristisch gefärbtes Spiel desselben, dass das letzte Werk 
Zicinssen’s einen so modernen Stoff zum Inhalte hat. Als 
die Entdeckung von Röntgen der Medizin fruchtbar zu 
werden begann, nahte, sich Ziemssen schon den Siebenzigern, 
jenem Alter, da die Meisten von Tag zu Tag mehr zurückzu¬ 
blicken anfangen und das Neue nicht mehr an sich herantreten 
lassen. Ziemssen war zeitlebens der Modernsten Einer. Wäre 
er zufällig Künstler geworden, Maler oder Musiker — und von 
beiden steckte ein gut Theil in ihm —, sein letztes Werk hätte 
sicher auch modernes Gewand getragen; nicht nur das, es wäre 
durch und durch modern gewesen. Jene, welche mit Ziemssen 
die Vorarbeiten für den vorliegenden Prachtatlas gemacht haben, 
werden davon zu erzählen wissen, mit welchem Feuereifer, mit 
w«*lcher tagtäglich wachsenden Energie, mit welcher die Jugend 
beschämender Ausdauer ein Ziemssen in die Schranken trat, 
wenn es galt, wie hier bei der Röntgenographic, etwas Neues 


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18. März 1902. 


MUENCIIENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


455 


bis zum Grunde zu durchforschen und geistig zu assimiliren. 
Grosse Männer, grosse Geistesarbeiter, wie Ziomssen einer 
war, haben sieh hierin eine Fähigkeit bewahrt, wie wir sie in 
dieser Intensität nur bei Kindern in regster Geistesentwicklung 
finden: Alles Neue, ihnen noch Unbekannte init einer geradezu 
unerhörten Gründlichkeit von allen nur möglichen Seiten zu 
betrachten, zu zerlegen, wieder aufzubauen, mit früheren Er- 
fnhrungen zu verschmelzen, sieh ganz zu eigen zu machen, bis 
zur Vollkommenheit der Einsicht in Wesen, Bedeutung und 
Gebrauch des neuen Dinges. Diese eminente Gründlichkeit 
kommt den meisten Menschen später wieder abhanden, Grosse 
behalten sie aber für ihr späteres Arbeitsfeld. Die Iiöntgeno- 
grraphie stellt eine Frucht dieser Art von Geistesarbeit bei 
Z iemssen dar. Es mag paradox klingen, aber es kann 
nicht best ritten werden: sogar Werke von solcher Grösse 
der Anlage sind mehr Nebenprodukte als Selbstzweck für 
die Grossen, von denen sie geschaffen werden. Jedenfalls 
wird das letzte Werk Ziemsse n’s, das an einen 
granz neuen Weg der inneren Medizin anknüpft, auch 
in der Hinsicht seinem Andenken den besten Dienst 
leisten, indem es sein literarisches Wirken in eine ganz u n - 
m ittelbare Verbindung mit den gegenwärtigen und nächsten 
Forschungsauf gaben der inneren Medizin gebracht hat. 

Die vorliegenden Lieferungen behandeln hauptsächlich Fälle 
mit Erkrankungen des Gefässsystems, angeborenen und aequi- 
rirten (Aortenaneurysma, Klappenfehler, Arteriosklerose, Ver¬ 
lagerung des Herzens etc.), dann solche mit Veränderungen des 
Respirationsapparates. Besondere Aufmerksamkeit fanden die 
durch Tuberkulose in ihren verschiedenen Formen gesetzten 
Organ Veränderungen. Besonders merkwürdige Bilder ent¬ 
stammen den Fällen mit progressiver Myositis ossificans, sowie 
mit Zwerchfellhernien. Einige Tafeln betreffen Fremdkörper 
in Lunge oder Niere, sowie Geschwulstbildung am Magen, Er¬ 
krankungen des Skelets. Die Tafeln, deren vortreffliche Re¬ 
produktionsweise (in Heliogravüre durch Oborncttor-Müncheii) 
schon bei der ersten Anzeige des Werkes hervorgehobeu wurde, 
bieten bei eingehender Betrachtung viel interessantes Detail und 
rufen manche Frage wach. Bei einzelnen Bildern, welche 
Lungenerkrankungen betreffen, fällt auf, dass die den Lungen¬ 
spitzen entsprechenden Bildpartien nicht mehr in ganzer Aus¬ 
dehnung reproduzirt sind (z. B. C Taf. 1, B Taf. 11). Hinsicht¬ 
lich der letzt bezeichnet en Tafel könnte es nach den Untersuch¬ 
ungen von Holzknecht als nicht ganz sicher erscheinen, 
dass der rundliche Buckel links vom oberen Sternum faktisch 
einer eigenen aneurysmatischen Ausbuchtung entspricht. Auch 
aus dem Sektionsbefund geht das nicht so recht unzweifelhaft 
hervor. 

Es verdient noch hervorgehoben zu werden, dass der eng¬ 
lische Text des Werkes nunmehr eine genau sinngemässe Ueber- 
tragung des Originals genannt werden darf. 

Der Vollendung resp. dem vollständigen Erscheinen des 
Werkes, dessen nunmehriger Herausgeber Prof. Rieder ist, 
darf wohl allseitig mit Spannung entgegen gesehen werden. In 
abgeschlossener Gestalt wird es seinem ebengenannten emsigen 
Mitschöpfer zu lebhafter Befriedigung dienen, für den unter- 
dess uns zu früh entrissenen Z iemssen aber ein dauerndes 
Denkmal sein — neben seinen anderen! 

Dr. Grassmann - München. 

32. Jahresbericht des Landesmedizinalkollegiums über das 
Medizinalwesen im Königreiche Sachsen auf das Jahr 1900. 

Leipzig 1901. 

Bezüglich Inhalts und Anordnung dieser trefflichen ärzt¬ 
lichen Jahresberichte kann auf die früheren Referate verwiesen 
werden; bekanntlich behandeln sie weniger die öffentlichen Ge¬ 
sundheitszustände, als die öffentliche Gesundheitspflege und sind 
desshalb in erster Linie für Amtsärzte von grossem Werthe. Wie¬ 
viel aber auch der Privatarzt daraus lernen kann, mögen folgende 
Auszüge zeigen: 

Aus der Tllütigkeit des MedlzinnlkoUegiums selbst ist als 
Wichtigstes die von llnn vernnlasste, im September 11HK1 erlassene 
Verordnung zur B e k ä m p f u n g der T u b e r k u 1 o s e zu er¬ 
wähnen. Sie schreibt die obligatorische Meldung jedes Twles- 
fnlles an Lungen- oder Kohlkopfschwindsucht durch die Leichen¬ 
frauen und von Selten des behandelnden Arztes die .Meldung bei 
Umzug eines vorgeschrittenen Erkrankten, bei hochgradiger Ge¬ 
fährdung der Umgebung eines Tubrkulösou in Rücksicht auf die 
WohnungsVerhältnisse, dann eines Jeden Erkrankungsfalles in 


Privatkrankennnstalten, Waisen-, Annen-, Siechenhäusern, Gast¬ 
häusern, Schlafstellen und Pensionaten an die Ortspollzeihehördeu 
vor. Diese haben die Desinfektion zu besorgen und ausserdem die 
Meldung thunlichst bald an den Bezirksarzt weiter zu geben. Man 
mag ül>er Einzelheiten dieser Verordnung verschiedener Ansicht 
sein, muss sie aber jedenfalls als entschiedenen, uachahmens- 
werthen Fortschritt begnissen. 

Die nächstwiehtige Aufgabe des Kollegiums war die Beant¬ 
wortung der Frage der Elbe v e r u n r e 1 n i g u n g. Die Befunde 
in Meissen lml>en ergel>en, „dass die selbstreinigende Thiitigkeit der 
Elbe die Unrathstoffe aus der Einleitung von Grubeuhihalt auf dem 
Wege von Dresden bis Meissen bis auf ein bedeutungsloses Mini¬ 
mum vernichtet hat". Dieser Gvubidnhalt rührt zunächst nur von 
der Dünger-Exportgesellschaft her, da ln die Kanäle in Dresden 
kein Gnibeninlmlt eingeschüttet wird. ..Dass die Gesundheit der 
Anwohner der unterhall» Dresden an der Elbe belegenen säch¬ 
sischen (Hier gar prcussischen Ortschaften durch das Einlasseu 
von Fäkalien in die Elbe seitens der Dünger-Exportgesellschaft ge¬ 
fährdet sei. musste das Kollegium bestreiten, da wiederholte Unter¬ 
suchungen festgestellt haben, dass sowohl die Keimzahl, als auch 
der Gehalt an suspemlirten Stoffen im Elbwasser schon bei Gohlis 
kaum noch wesentlich höher waren, als oberhalb Dresden.“ Bei 
Fernlialtung aller groben Schwlnuustoffe und aller leicht zu Boden 
sinkenden Sinkstoffe habe das Kollegium auch keiu Bedenken da¬ 
gegen, dass alles Abschwemmbare, einschliesslich der Fäkalien, 
wie das von der Stadt Dresden in Aussicht genommen sei, in die 
EU«? eingelassen werde. 

Die Sterblichkeitsziffer war im Berichtsjahre 
22.7 Prom., im Vorjahre 23.3. die Geburtsziffer 38,8 Prom., der Ge- 
burtsübersehuss («.882. Von hundert Lebendgel>orenen starben 
27.5». d. h. etwas mehr, als ln den zwei unmittelbar voraus- 
gegnngenon Jahren. Die Zahl der ärztlich beglaubigten Todesfälle 
war betreffs aller Altersklassen niedriger, als iiu Vorjahre, nur 
55.1 gegen 5(5,7 Proz. Nur in der Stadt bipzig, wo schon seit einer 
längeren Keilie von Jahren eine obligatorische ärztliche Leichen¬ 
schau besteht, sind wieder bei allen Verstorbnen die Todes¬ 
ursachen durch Acrzte festgestellt worden. Die geringere Sterb¬ 
lichkeit im Berichtsjahre ist der bedeutend geringeren Sterblich¬ 
keit durch epidemische Krankheiten, insbesondere Diphtherie und 
Scharlach, sowie Lungenentzündung und sonstigen Entzündungen 
der Athmuugsorgane zu danken. Ausserdem hat auch Kindbettflebr 
erheblich weniger Todesfälle veranlasst. Grösser waren die Ver¬ 
luste an Kindern durch Lebensschwüche, Magen- und Dann¬ 
erkrankungen. Die absolute Zahl der Todesfälle an Neubll- 
d u n g e u war etwas grösser, doch die relative etwas kleiner, als 
lm Vorjahre. Der Bericht führt auch für dieses Berichtsjahr an, 
dass es immer dieselbn Bezirke sind, welche ln dieser Beziehung 
bsonders bgünstigt oder auffällig stark belastet sich erweisen. 
Die Sterblichkeit an Diphtherie hat abgenommen, alter die 
Abnahme ist ganz vorwiegend der geringeren Verbreitung der Diph¬ 
therie und nur zu einem sehr kleinen Theile der geringeren Mor¬ 
talität der Krankheit zu danken. Die Zahl der an Kindbett¬ 
fieber Gestorbnen war so niedrig, wie in keinem der voraus- 
gegangenen Jahre; auf tausend Gehurten kamen nur 1,3 Todes¬ 
fälle gegen 2 ln den früheren Jahren, selbst 3,2 im Jahre 1884. 
Von tollen Hunden wurden nur 35 Personen verletzt gegen¬ 
über etwa 80 im Vorjahre. Sie wurden fast ausnahmslos in Berlin 
der Schutzimpfung unterzogen und keine erkrankte an Tollwuth. 

Die Handhabung der Lebensmittelpolizei ist sehr 
ausführlich bsprochen, weniger die der Bail- und W o h - 
u u n g s p o 11 z e I. Ein sehr trübes Bild gibt die genaue Be¬ 
schreibung der Wohuungsverhältnisse ungarischer Arbiter auf 
einem Rittergute. Die Bettverschlüge waren nach Einrichtung und 
Ausführung so primitiv, (lass sie „mehr Viehställen, als mensch¬ 
lichen Schlaf statten glichen“. Männer und Weiber wohnten und 
schliefen zusammen. Sehr eingehend wird wieder über die grossen 
Leipziger Kläranlagen brichtet, durch welche fast das ge¬ 
summte Abwasser der Stadt geleitet wird, nur der 11. Theil fliesst 
noch ohne Klärung iu die Elb. Als Klärmittel wird Eisensulfat 
benützt, welches sieh andauernd als sehr wirksam erwies. Als 
Kosten der Klärung werden 81 Pf. auf den Kopf (1er Bevölkerung 
berechnet. 

Von (liMverbekrankheiten ist erwähneuswerth, dass 
Untersuchungen iibr den Gesundheitszustand der Leipziger Noten- 
stceher zu keinen günstigen Ergebnissen führten, namentlich 
ziemlich häufige Bleierkraukungen ergabn, und desshalb Vor¬ 
schläge besonderer Maassregeln veranlassten. Dasselbe war wegen 
Bleivergiftungen in der Thoiiwaarenfabrik zu Mügeln nötliig. Im 
Biickereigewerbe kommen noch häufig grob Missstände vor, 
namentlich bezüglich Aufbwahruug von Mehl und Reinlichkeit ln 
den Arbitsrilumen. 

Den Nutzen der Schulärzte beweist die Thntsache, dass 
von sümmtlichen neu eingetreteneu Kimlern in Leipzig über zwei 
Fünftel mit gesundheitlichen Störungen bhaftet waren, derart, 
dass ärztliche Behandlung erforderlich schien. Der Bericht sagt: 
Die angeführten Zalilenwerthe zeigen mit unverkennbarer Deutlich¬ 
keit. von wie hohem Werthe die Untersuchungen für die Schule, 
insbesondere aber für die Kinder selbst, sind. Handelt es sieb 
doch bei «len weitaus meisten aufgefundenen Fällen von Gesund¬ 
heitsstörungen um solche, die vorher weder den Lehrern, noch 
sogar den Eltern bknniit waren. Die Eltern werden in jedem 
Falle zur Herbizieliung eines Arztes nufgefordert und spätere Er¬ 
kundigungen ergaben, dass die Befolgung der Rathsehlagc des 
Schularztes bl nahezu 3 Vierteln aller kranken lvimler sofort ge 


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456 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


schall, bei dem anderen Viertel versprochen wurde, so dass nur 
bei nicht ganz 4 I’roz. nichts zu erreichen war. 

Sehr beachtenswerth sind die Angaben über das Zieh- 
klnderwesen. In Leipzig, wo dieses, wie in so vielen Orten, 
»ehr mangelhaft war, wurde es in 18 Jahre langer Arbeit, nament¬ 
lich durch das Verdienst von San.-llath Taube, musterhaft ge¬ 
ordnet. Die Fürsorge und Aufsicht des Armendirektoriums er¬ 
streckt sich von jetzt ab auf alle in Leipzig befindlicheu unehelichen 
Kinder bis zur Entlassung aus der Schule. Bezüglich des Nutzens 
dieser Einrichtung ist der Nachweis des Prof. Prausuitz an¬ 
geführt, dass die meisten Forschungen auf dem Gebiete der Säug¬ 
lingsernährung die Säuglingssterblichkeit nicht viel herabgesetzt 
haben, dass dieselbe jetloch mit der Verbesserung der Bildung und 
der Wolinungs- und Lebens Verhältnisse abniimut — nebenbei be¬ 
merkt, wieder ein Fingerzeig, dass der rechte Arzt sich nicht nur 
um Kraukeubehandlung, sondern auch ebenso um öffentliche Ge¬ 
sundheitspliege kümmern soll. 

Das Kapitel der Kurpfuscher, welche jetzt in Sachsen über 
1300 betragen, liefert neue Beweise, wie wenig einheitlich die 
Rechtssprechung Ist und welche merkwürdige Gründe für diese oft 
maassgebend sind. Während iu Chemnitz ein „praktischer Heil¬ 
magnetiseur“ wegen Gebrauch dieses Titels bestraft wurde, wurde 
in Göppersdorf ein solcher freigesprochen. Nur der gänzlich un¬ 
gebildete Thell des Publikums könne jenen Titel als den einer 
staatlich geprüfen Medizinalperson anschen; für den Schutz dieses 
Theils „kann aber die Strafbestimmung des § 157 3 der It.-G-.O. 
nicht bestimmt sein“. Also für den bedürftigsten Theil ist der 
Schutz nicht nötldg! Wie weit der Staat mit der ungenügenden 
Bestrafung der Kurpfuscher kommt, zeigt das folgende Beispiel: 
die letale Typhuserkrankung einer Gutsbesitzersfrau iu MUlilau 
hatte noch 6 Erkrankungen und 2 Todesfälle zur Folge. Die Frau 
war von einer Kurpfuscherin behandelt worden und erst durch die 
wegen Verdachts auf Vergiftung vorgenommene gerichtliche Sek¬ 
tion wurde der Typhus festgestellt. „Es war sonach durch die 
Kurpfuscherei die rechtzeitige Durchführung medizinalpolizeilichev 
Maassnahmen gegen die Weiterverbreitung der Krankheit ver¬ 
hindert worden, während solche gerade hier bei der herrschenden 
Unsauberkeit und dem äusserst mangelhaften Zustande der Trink¬ 
brunnen und Abtritts- und Düngergruben dringend nöthig und auch 
erfolgversprechend gewesen wären.“ 

Von den Belichten über Krankenhäuser sind nament¬ 
lich die über Genesungshäuser von Interesse, wie das von Kranken¬ 
kassen errichtete in Jousdorf mit 103 und Mühlhausen mit 135 auf- 
genommeuen Kranken. In der Volksheilstätte für lungenkrank » 
Männer ln Albertsburg wurden 478 Kranke neu aufgenommen, von 
den Entlassenen waren 81 Proz. erwerbsfähig. Die durchschnitt¬ 
liche Gewichtszunahme Aller war etwas Uber 5 Kilo: die durch¬ 
schnittliche Aufenthaltdauer betrug 8(5 Tage. Von Denen, welche 

2 Jahre vorher das Heilverfahren beendet hatten, waren noch 
00 Proz. arbeitsfähig. Iu der nahegelegenen. erst eröffneten Heil¬ 
stätte lungenkranker Frauen, Carolagrün, sind erst 23 Kranke auf¬ 
genommen worden. 

Die Berichte Uber die Irrenanstalten sind wieder aus¬ 
nehmend ausführlich. Von 72 aus der Heilanstalt für Epileptische 
zu Hochweitzschen Entlassenen waren 30 gebessert, aber keiner 
geheilt. K. K o 1 b - München. 

Neueste Journalliteratur. 

Centralblatt für innere Mediein. 1902. No. 10. 

Jul. A. Grober: Zur Statistik der Pleuritis. (Aus der medi¬ 
zinischen Klinik in Jena.) 

Die Mittheilungen stützen sich auf die Krankengeschichten 
von 1000 Phthisikern der Jenenser Klinik. Familiär belastet waren 
sicher 400, verdächtig (50, nicht belastet 340. Als belastet werden 
bezeichnet solche Personen, in deren Aszendenz (Eltern. Gross¬ 
eltern, wirkliche Eltemgeschwister) und bei deren Geschwistern 
sich Tuberkulose vorfand, als verdächtig belastet diejenigen, in 
deren weiterer Verwandtschaft und bei deren Kindern spezifische 
Erkrankungen vorhanden waren. Eine exsudative Pleuritis trat vor 
der Phthise in 88 Fällen, i m V e r lauf derselben bei (58 Patienten 
auf. Der Zeitraum, der zwischen der voraufgehenden Pleuritis 
und dem Beginn der Phthise lag. betrug im Durchschnitt 4.3 Jahre; 
bei 8 Kranken waren lil>er 10 Jahre vergangen, ehe eine Tuberku¬ 
lose der Lunge eiusetzte, bei 10 hingegen schloss sich an die Vor¬ 
pleuritis sofort die beginnende Phthise an. 

Bei 8.8 Proz. aller Phthisiker geht demnach eine Pleuritis der 
eigentlichen Erkrankung vorauf. Das ist bei der ungemeinen 
Häufigkeit der Lungentuberkulose eine ziemlich grosse Anzahl 
Menschen. Es rechtfertigt sich die Meinung Penzoldt's, der 
jeden Pleuritlker für phthiseverdächtig hält. 

In dem zweiten Theil wird die klinische Beurtheilung der 
Aetlologle der Pleuritis behandelt. Unter 200 Fällen (140 Männer, 
(50 Frauen) waren 148 exsudative, 52 trockene Illppenfellentzüu- [ 
düngen; unter den ersteren 8 Empyeme, 9 sanguinolente Exsudate. 

3 mal Pneumothorax. Die rechte Seite war 101 mal, die linkt* 92. 

beide Seiten 7 mal ergriffen. Das zweite und dritte Lebeusjahr- 
zelint wird am häufigsten befallen. 73 Fälle, d. h. 3(5.5 Proz. 
müssen als tuberkulöse Pleuritis bezeichnet werden. Die übrigen 
Fälle vertheilen sich wie folgt: Postrheumatisch 7, postpneu¬ 
monisch 8, nach Influenza 2, traumatisch 12, bei Herzkrankheiten 5. 
bei malignen Neubildungen 5, bei anderen Infektionen 12, idio¬ 
pathisch (aus unbekannter Ursache) 7(5. W. Zinn- Berlin. 


Archiv für klinische Chirurgie. 65. Bd., 4. Heft. Berlin, 
Hirsohwald, 1902. 

32) L e x e r: Zur Operation dee Ganglion Gasseri nach Er¬ 
fahrungen an 15 Fällen. Nebst einem Anhang: Zusammen¬ 
stellung der ausgeführten Exstirpationen des Ganglion Gasseri 
von Wolfgang Türk. (Chirurg. Klinik von Bergmann- 
Berlin.) 

Nach einem Vortrage auf der 73. Naturforscherversnminlung 
zu Hamburg. Referat siehe Jahrgang 1901, No. 41, pag. 1(520 dieser 
Woolieusehr. 

Von den nunmehr 15 Fällen L.’s, deren Krankengeschichten 
hier ausführlich wiedergegeben sind, sind 12 vollkommen geheilt, 
1 starb an Meningitis. 

Die Zusammenstellung von Türk umfasst 201 Fälle aus der 
Weltliteratur. Von diesen sind 17 Proz. im Anschlüsse an die 
Operation gestorl>en. Von den Ueberlebenden können 93,4 Proz. 
als dauernd geheilt angesehen werden. 

33) S t a f f e 1 - Wiesbaden: lieber eine orthopädische Bank 
zur Anlegung von Rumpf verbänden in Schwebelagerung, zum 
modellirenden Redressement der Skoliosen und zu anderen 
Zwecken. 

Die durch Abbildungen erläuterte Beschreibung des einfachen 
und zweckmässigen Apparates muss im Original uaehgesehen 
werden. 

34) v. Bergmann- Berlin: Zur Kasuistik operativer Hirn¬ 
tumoren. 

Der erste der von v. B. in den Jahren 1900 und 1901 operirten 
Patienten, ein 34 jähr. Mann, bot folgende Symptome: Schmerzen 
im Nacken und der r. Stirnseite, Sehstörungon, schwankenden 
Gang und psychische Veränderungen, Wechsel zwischen erregter 
und gedrückter Stimmung, einer albernen Geschwätzigkeit und 
einem wortlosen Dasitzen. Der Nackenschmerz und der schwan¬ 
kende Gang deuteten auf Kleinhirntumor, die psychischen Sym¬ 
ptome auf solchen des StJmhims. Beiderseits bestand Stauungs¬ 
papille, r. stärker als 1. Auch dies Verhalten entsprach mehr einem 
Kleinhirntumor, während eine einseitige Stauungspapille mit 
Retinnlextravasaten mit ziemlicher Sicherheit auf Stirnhirutumor 
sehliessen lässt. Entscheidend für die Annahme einer Geschwulst 
int Stirnhirn war im vorliegenden Falle die hochgradige Em¬ 
pfindlichkeit beim Beklopfen der r. Stirnhälfte. Die Operation 
deckte ein Angiosarkom des Stirnhirns auf, das sich leicht stumpf 
auslösen liess. Der Patient ist geheilt. 

3 weitere Fälle betrafen Geschwülste der Zentralwindungen, 
die richtig diagnostizirt waren. Der erste Patient, ein 4>/ 2 jähriger 
Knabe, war bereits in desolatem Zustand und starb kurz nach der 
verhältuissmüssig leichten Ausschälung des faustgrossen Tumors 
im Kollaps, v. B. wird in Zukunft iu solchen Fällen, in denen 
schon bei der Bildung des W a g n e r’sehen Lappens Kollaps droht, 
die Operation nach dem Käthe II o r s 1 e y's zweizeitig ausführeu. 
Im 2. Falle, einen 44 jährigen Mann betreffend, der seit 12 Jahreu 
motorische Reizerscheinungen in der r. Hand hatte, erfolgte sofort 
nach Inzision der Dura eine enorme Blutung, der der Patient er¬ 
lag. Die Sektion zeigte ein diffus kavernöses Angiom der Gegend 
des Armzentrums. Der 3. Fall (grosses Sarkom bei 45 jähriger 
Frau, Erscheinungen seit 5 '/, Jahren) endete 15 Tage nach der 
wohlgelungenen Operation tödtlich durch eitrige Leptomeuingitis. 
v. B. betont bei Gelegenheit dieses Falles den grossen Vortheil. 
den das Auf richten des Kopfes in allen Füllen bietet, in denen 
unter der Dura ein Tumor vermuthet wird, aber nicht abgetastet 
werden kann: die Dura sinkt sofort zurück, die unterliegenden 
Hirnpartien sind viel deutlicher durchzutasten. 

Die beiden letzten Fälle (Kinder von 11 und 12 Jahren) be¬ 
treffen Erweichungscysten in Hirnsarkomen. Bei der einen Pa¬ 
tientin wurden aus einer Cyste im Marklager der Hemisphäre 
200 g einer ei weissreichen Flüssigkeit entleert, während eine 
Lumbalpunktion fast eiweissfreie Flüssigkeit ergeben hatte. Die 
schon dadurch gesicherte Diagnose einer Erweichungscyste wurde 
durch den Verlauf — Ilerauswuchern von Tumormassen, Exitus 
nach 5'4 Monaten — bestätigt. Im letzten Falle handelte es sich 
um eine grosse Cyste des Occipitallappens. die bereits zweimal 
anderweitig operativ eröffnet war. Da der Cysteninhnlt ebenfalls 
ei weissreich war, legte v. B. die Cyste durch einen grossen 
W a g n e r'sehen Lappen frei und prüparirte die ganze Cystenwand 
innerhalb der Ilirnsubstanz heraus. Es erfolgte vollkommene Hei¬ 
lung. die jetzt 2 Jahre besteht. Die mikroskopische Untersuchung 
der Cysten wand zeigte Geschwulstgewebe. 

Zur Bildung des W a g n e r'sehen Lappens lmlirt v. B. an den 
Grenzen dos Lappens mindesten 4 Löcher mit starker Doyen¬ 
scher Fraise durch den Schädel und durchsägt den Knochen 
zwischen den Bohrlöchern mit breiter elektrischer Kreissäge bis 
zur Tabula vitrea. Diese letzte Lamelle durchtrennt er mit dem 
Meissei. den er schräg gegen die Lappenmitte gerichtet hält Es 
entsteht dadurch an der Innenfläche des Schädels eine Leiste, auf 
die der Lappen beim Zurückklappen zu ruhen kommt. 

35) E i c h li o 1 z: Experimentelle Untersuchungen über Epi¬ 
thelmetaplasie. (Chirurgische Universitätsklinik v. Eiseisberg- 
Königsberg.) 

Von der medizinischen Fakultät der Königlichen Albertus- 
universität zu Königsberg gekrönte Preisarbeit. 

E. stellte zuerst Untersuchungen an über die Umwandlung der 
Epidermis in Schleimhaut und verpflanzte zu diesem Zwecke bei 
Hunden und Katzen gestielte Hautlappen in die Mundhöhle, die 
Harnblase und den Magen. Metaplastische Vorgänge fanden sich 


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18. Marz 1902. 


MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


457 


nirgends; die Epidermis blieb in der Mundhöhle ganz unverändert, 
in der Blase ebenfalls, doch verkümmeiten Haare und Talgdrüsen; 
Im Magen wurde die Epidermis verdaut und das so entstandene 
T’lkus von Zylinderepithel überwachsen. 

Der zweite Theil der Arbeit bringt Untersuchungen über die 
Umwandlung von Schleimhaut zu Epidermis. E. nähte bei Thielen 
Stücke der Mundhöhlen-, Harnblasen-, Dann- und (lallenblasen- 
schleimliaut in die äussere Haut ein. Auf die Technik der Ex¬ 
perimente kanu hier nicht eingegungeu werden. Auch bei dieser 
Versuchsreihe konnte keine Metaplasie beobachtet, werden. Das 
geschichtete Plattenepithel und das Zylinderepithel blieb fast 
ganz unverändert, während das Ueliergangsepithel der Harnblase 
in kurzer Zeit von der Epidennis verdrängt und überwuchert 
wurde. 

E. unterzieht nun an der Hand der Literatur und eigener 
Beobachtungen die Mitthelluugen über Epithelmetaplasie einer 
eingehenden Kritik und kommt zu folgenden Resultaten: 1. Das 
geschichtete Plattenepithel (Mundhöhle, Vagina bei Prolapsen) 
kann der Epidermis so ähnlich werden, dass es von ihr nicht zu 
unterscheiden Ist. 2. Bei epidennoidalen Veränderungen des 
Uebergangsepithels (ableitende Haruwege) ist eine Metaplasie nicht 
mit Sicherheit auszuschliessen. wenn auch in den meisten Fällen 
ein Hiuüberwuchem der Epidermis von aussen her nnzunehmen 
ist. 2. Zyliuderepithel kann aus sich heraus nicht Epidermis 
bilden. Kommt aber doch eine Epithelveränderung an einem 
normal Zyliuderepithel tragenden Organ zu Stande (Paukenhöhle, 
Stirnhöhle. Trachea, Uterus), so ist dies durch IIinül>erwuchern des 
Plattenepithels oder durch die Annahme eines versprengten Keimes 
zu erklären. 

30) G h i 11 i u i und Canevazzi - Bologna: Ueber die 
statischen Verhältnisse des Oberschenkelknochens. 

Kurze Bemerkungen zu einer Arbeit von Rühr: Der Ober¬ 
schenkelknochen als statisches Problem. 

37) Sticker- Frankfurt a. M.: Ueber den Krebs der Thiere, 
insbesondere über die Empfänglichkeit der verschiedenen Haus¬ 
thierarten und über die Unterschiede des Thier- und Menschen- 
krebses. (Schluss aus Heft 3 dieses Archivs.) 

„Die Arbeit gliedert sich in 3 Theile. Der erste Theil bringt 
eine ausführliche Statistik der in den Kliniken und in den patho¬ 
logischen Instituten während der letzten 2ö Jahre festgestellten 
Krebsfälle. sowie eine Sammlung der zahlreichen in der Literatur 
des In- und Auslandes zerstreuten Fälle. Im zweiten Theil folgt 
in gedrängter Kürze eine grosse Anzahl von Beschreibungen «ler 
zuverlässigsten Krelmbeobaclitungen. Dlesellten wurden mich 
Organen geordnet und sollen einerseits die statistischen Angaben 
des ersten Theiles erläutern, andererseits den Krebsforschem, zu¬ 
mal denjenigen, welche sich mit Uebertragungsversuchen be¬ 
schäftigen wollen, ein vollständiges anatomisches Bild des Krebses 
der genannten 0 Hausthierarteu (Pferd, Rind, Schaf. Hund, Katze, 
Schwein) geben. 

Im dritten Theile werden die Krebsorkrankungen der 0 llaus- 
thiemrten unter sich und mit dem Krebs des Menschen verglichen.“ 

Es ist unmöglich, Einzelheiten anzuführen aus dem enormen 
Materiale, das hier verarlndtet ist. zumal St. im Allgemeinen ver¬ 
mieden hat, aus seinen Zahlen Schlüsse zu ziehen. Aus dem 
dritten Theile der Arl>eit wäre hervorzuhelicn, dass die Reihenfolge 
«ler Organe nach der Häufigkeit, mit der sie vom Krebs befallen 
werilen, beim Menschen und bei den verschiedenen Thierarten eine 
durchaus andere ist. Der Krebs ist auch beim Thiere eine Erkran¬ 
kung des höheren Alters. 

38) Hilde brandt: Beobachtungen über Artilleriever¬ 
letzungen im Burenkriege. 

Verletzungen durch grol>es Geschütz haben im Burenkriege 
im Allgemeinen keine sehr grosse Rolle gespielt, was einerseits den 
mangelhaften Schussleistungen, andererseits der vorzüglichen 
Deckung der Buren zuzuschreiben ist. Am meisten Interesse 
laden die Verletzungen durch Shrapuellfüllkugelu. Ihre Prognose 
ist wesentlich ungünstiger als die der Verwundungen durch Kleln- 
kalibergeschosse. Die Kugel vermag in Folge des grösseren Kali¬ 
bers deu Verletzten leichter ausser Gefecht zu setzen; Erschei¬ 
nungen von leichtem und schwerem Scluwk sind häutiger, so 
«lass «*s selbst bei reinen Weichtheilschüsseu die Regel bildet, dass 
«ler Getroffene kampfunfähig wird. Die Heilung der Wunden er- 
for«iert aucli lad ausbleiliender Infektion ungefähr die doppelte 
Zeit als gleiche Verletzungen durch KleiukaJiber. Das Steekcn- 
lileiiien der Geschosse ist s«*hr häutig. Die Verletzung der W«*i«*h- 
theile ist im Allgemeinen bedeutend: die Wunden bluten stärker; 
sie sind ln hohem Grade der Infektion ausg«*setzt. 

Die Knochenverletzungen glichen meist deu durch das alte 
Bleigeschoss hervorgerufeuen. I)i<* Sterblichkeit der Shrapneli- 
verletzungen ist namentlich in Folge der häutigen Infektioneu eine 
viel grössere als nach Kleinkaliberverletzungen. 

Die Verwundungen durch Sprengstiicke «ler Grauat«>n und 
Shrnpnells boten wenig Typisches. Heiueke- Leipzig. 

Beiträge zur klinischen Chirurgie. Red. von P. v. Bruns. 
Tübingen, Lau pp. 32. Bd. 2. Heft. 

Das 2. Heft des 32. Bandes eröffnet eine Arbeit aus 
der Strassburger chirurgischen Klinik von II. Hellend all: 

'Die E h r 1 i c h’sche Diazoreaktion in ihrer Bedeutung für 
chirurgische Krankheiten und berichtet Hellend all darin 
All«*s. was auf «lern lietreffeuden G«*bi«»t bisher gefunden, und 
referirt besonders über Ule P a p e’sclie Arbeit und über das Ergeb¬ 


nis eigener Untersm-hungen, «lie er % Jahr lang an fast sümint- 
liclit'U Patienten der Kimlcrstatiou der chirurgiselum Klinik vor- 
nalim. Bei «ler akute» Ost«H>inyelitis fau«l II. die Reaktion positiv, 
sie schwind«‘t, wenn «lie Eiterung auf hört und ist unabhängig vom 
Fieber, tritt wider auf. wenn neue Herde sich bilden. 

Bei Tuberkulose «ler IIU 1,1111,1 1111,4 V o r dcn ma_hit_ 

sie g«?wöl)iili«'tr IST«‘11t Völ'lmmiu. scheu b«*i Pleuritis tul», uiul Spuu-. 
dylitis tul». Bei s«*hwerer Gonitis und ('«»xitis tub. ist sie häutig 
(in Abhängigkeit von der Bildung p«‘riartikulär«*r Abszess«* und 
stark «lestruiivmler Prozess«*). Multipis Auftreten der Tuberku- 
l«>se begünstigt das Auftreten «ler Reaktion nicht, ihre Intensität 
entspricht im Allg«*m«*inen der Schwere des tuberkulösen Prozess«*s. 
si«» schwindet mit dem Ausludlen der Tulu*rkulose, wie «hmtlich 
beim Fort schreiten operativer Heilung zu beol*acht«*n ist; sie hat 
somit weniger diagnostischen, als prognostisch«*» Werth bei der 
Tuberkulös«*. Aseptische chirurgische Affektionen hah«*n im All- 
gcmciueu kein«* Diazoroaktlon. au«*h bösartig«* Neubildungen g**- 
wöhnlich »i«-lit (mit Ausnahme ulzeriremler Formen des Mageu- 
krehses. Karzinom «les Ovarium. «l«*s Peritoneum und Sarkom der 
Lymphdriisen): bei Aktinomykos«* ist die Reaktion intensiv uml 
konstant, während si«* bei Lues so gut wie niemals vork«muut. 

Aus «ler Prager Klinik b«*rieht«>t Felix S in o 1 e r zur Kasuistik 
der mesenterialen Lymphcysten. Im Anschluss au einen Fall von 
Exstirpation einer derartigen mannsfaustgrosseu, beweglichen Ge¬ 
schwulst b«*l (Hl jährigem Manu, deren histologischer Befund sie 
als echte Cliyluscyste «iokumentirt«*, stellt Sin. die bisher init- 
getheilten Fällt* (einige 2()( zusammen. 

Aus der gleichen Klinik publizirt Ilenn. Schlöffe r die 
an der W ö 1 f 1 e rischen Klinik seit 1895 operirten Fälle von 
gutartiger Magenerkrankung (Bemerkungen zur Gastroentero¬ 
stomie) und l)«*riclit«*t iüIkt 24 Fäll**: 2 schwere Mag«*nblutungen. 

2 Ulkusperforationen. ö unkomplizirte Ulkusfälle. 8 Fälle entzünd¬ 
licher Tumoren am Pylorus «>lm«* Ulkussymptome. S Fälle narbiger 
Pyl«>russt«*uosen, «lie eingehend analysirt werden. Von «len 20 
(nicht durch schw«*re Blutung oder Perforation kotuplizirteni Fällen 
sind 18 von der Operation gen«*sen. 14 vollkommen geludlL l)i'* 
Pyloroplastik führt leichter zum Rezidiv, als die Gastroentero- 
stomie und letztere r«*g«*lt besser die inotorisclie Funktion d«*s 
Magens, wird daher v«»rgezogen. umsomehr als auch «lie „Drainage" 
an der tiefsten Stelle hiebei viel für sich hat: W. ist zu seiner 
Gastrocnt«*rostomi«* antecolica zurüekgektdirt. deren grössere Ein¬ 
fachheit zuzugelien ist. und bei «ler si«-h auch ein Circulus vltiosus 
durch Anlegung einer B r a u n'sclien Anast«unose zwischen zu¬ 
führendem und abführend«*») Darmsclieukel vernu*i«len lässt. Schl, 
hält letztere für prinzipii‘11 «*rfor«lerli<*h und wurde «lies«* auch bei 
all*'» «10» späteren Fällen ausg«*führt. Von der Anw«*ndung der 
S c li 1 e 1 «• lf sehen Lokalanästhesie ist W. zurückgek«Mumen. und 
wendet Narkose mit B i 11 r o t lf scher Mischung ua«*h vorgängiger 
Injektion von 1 —1'4 cg Morphium an. währen«l der Dauer der 
Mag«*nvereinigung kann die Narkose völlig w«*gg*'lass«*n w«*r«len. 

Di«* Baueimaht wird smlaim wieder in Narkose ausg«*führt. auf 
diese W«*ise braucht man minimale Quautiläteu «l«-s Narkotikums 
und lieoliachlct fast nie Erbre«*lu*n. Di«* Ahkühluug «l«-s Pati«»nt«*u 
durch Lieg« 1 )) in «ler Nässe soll man sehr verm«*i«len. «la di**s zu 
«*iucr Pneumonie Anlass g**b«*n kann «Gerulauos, Heule). 

Bei d«*m «•l)ronis«'hen Ulkus mit häutig wle*lerkehr«'»d«*n Blu¬ 
tungen soll «lie Operation, wenn «lie interne Therapie erfolglos ist. 
uii'igliclist frühzeitig ausgeführt werdet), und ist hei «len nicht- 
komplizirten, gutartigen Erkrankungeti «les Mageus die Gastro¬ 
enterostomie als operatives N«>rmalv«*rfahren zu h«*trächten. Die 
Pylorusrescktion soll, soliald «lie Gutartigkeit «les Lehlens ausser 
Frage steht, vennieden werden: unhetiingt imlizirt ist «lie Gastro- 
enterostomi«* bei Narb«*nstenosen «l«*s Pylorus uml bei entzündlich 
steimsiremleu Tnmorcu ilers«*llien. Betreffs d«*r Erfolge bere«*hn.*t 
10 Proz. Mortalität für die operativ behandelten Fälle. 

0.0 Proz. für «li«* Gastroenterostomien, so «lass stdltu zwelf«*llos ge¬ 
ringer. als sie ohne Operation gewesen wärt*. 

Aus dem städt. Krankenhaus«* zu Karlsruhe lierichtet B 1 «* s 
über die Entzündungen, des Wurmfortsatzes und tlieilt s«*ine Er¬ 
fahrungen ül>«*r «li«* priiuän* und s«*kun«liire Appendicitis uml der«*)» 
vcrsclde«lene Formen (1<M) Fälle) an Ö8 männlichen und 42 weib¬ 
lichen Kranken IwHibachtet. mit. insl»es«in«lere bespricht Bl. «li«* mich 
sehr unklare A«*ti«il*igie. betont die B«*«l**utung «*ln«*r g«*wiss«*n. 
hereditär**» IHsiKisition dur«-h abnorm«* Gestaltung. ülierinässige 
Läng«*. Knickung etc. «ler Appendix, würdigt sp«*ziell die Be«l«*utung 
perit<initis«*l)«*r A«lhäsi«nu*n. von Traumen u. s. w. Bl. li.*rlcht«*t 
u. a. über 2 mich Traumen iPeitscheuschlag und Fall auf «lein Eisi 
aufgetreten«* akute Pcrf<irat't«in«*n «les Wurmfortsatzes (Le n nun- * 
der sali auf ÖS Fälle 2 traumatische). Im Lumen «ler Appendix 
li«*gt di«* Fähigkeit s«*!n«*r Pathogenität, «l«*sshalb nimmt die Häufig¬ 
keit der Erkrankung mit dem Alter ab. da Obliterati«»ns>iroz«*ss:> 
sehr häutig, auch «lie Analogie der App«*ndtcitis mit Angina, «lie 
auch durch «las relativ bcdout«*nd«* lymphatische G**w«*lie in «leiu 
Fortsatz gestützt wir«l. wird ln*spro«*h«*n, im Allg«*mein«*u fehlt uns 
aber noch «li** Basis für «li«* Erk«*nntnlss «l«*s Wesens «ler Krankheit, 
wenn auch di'* Bedeutmig «1er verschiedenen Uakterieu für «li**- 
scllu* eine v«*rs<-hi«*<l«*ne ist. 

I’atlnihigisch-anabimlsch trennt Bl. seine Fälle in akut seröse 
Appendicitis (7 Fälle), akut eitrige App«*ndi«*itis (lö Fälle mit 3 +i. 
diffuse eitrige (ÖO Fälle mit 2Ö t) (30 mit wirklicher «liffus«*r eitriger 
Peritonitis), chronische und r«*zi«liviri*n*U* Appemlicitis (20 Fälle 
mit 1 +). 

Bl. b«*t«mt die Unmöglichkeit, sichere Diagmisc «ler v«*r- 
schicdeneu Formen stellen zu können und macht einzelnen Cliirur- 


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MUENCHENER MEDICINISCHE WOCHENSCHRIFT. 


No. 11. 


gen den Vorwurf, dass sie diesbezüglich auf einem Irrthum ver¬ 
harren, zumal eine anatomische Frühdiagnose gebe es nicht. Auch 
Perforation kann symptomlos verlaufen, gelegentlich können auch 
bei chronischer Appendlcitis Symptome bestehen, die an Alles eher 
denken lassen, so dass bei Jeder schweren Obstipation und jedem 
Darmkatarrh auf die Appendix zu achten, insbesondere auch 
Leberschmerzen zu berücksichtigen sind. Auch Tuberkulose des 
Coekums kann Appendlcitis Vortäuschen. Besondere diagnostische 
Schwierigkeiten können bei Appendlcitis in puerperio oder der 
Omviditiit entstehen. In 71 Proz. der Fülle fand sich die Perfora¬ 
tion das Kraukheitshild einleitend und gerade danach eine heim¬ 
tückische Euphorie, gerade der Abfall der Temperatur und die 
Euphorie mit manchmal deutlicher Erhöhung der Pulszahl sei oft 
ein sicheres Zeichen beginnender Sepsis; besonderes Gewicht legt 
auch Bl. auf die vergleichende Temperaturmessung in axilla und 
rectum (wesentlich höhere Temperatur nahe dem Erkrankungs¬ 
herd!; er theilt völlig die Ansicht Dieulafoy’s von der Be¬ 
deutung der Schmerztrias als typischen Symptomes, niimlich 
Hyperästhesie der Haut, reflektorischer Widerstand der Baueh- 
ntuskulutur und Schmerzhaftigkeit des McBurne y'sehen Punk¬ 
tes; wo dieselben vorhanden waren, halte er immer peritoneale Eite¬ 
rung gefunden, wo selbes vorhanden, sei man zur Stellung der In- 
dicatio vitalis berechtigt. Die Prognose der Erkrankung ist stets 
eine dubia, es lasst sich eiten der toxische Werth der Erkrankung 
niemals sicher beurtheilen, grundfalsch sei es, den ersten Anfall 
für harmloser zu halten. Die Erfahrungen grosser Lebensversiche¬ 
rungen (v. Lene p) halten ergeben, dass in Füllen, wo der primäre 
Anfall nicht zur Eiterung oder operativen Entfernung der Appendix 
führte, in DO Proz. innerhallt zwei Jahren Rezidiv auftrat. Bl. 
hebt die glänzenden Erfolge, besonders der amerikanischen Chirur¬ 
gen hervor (B ernays, Deaver), die die AfTektion als eine chirur¬ 
gische anseheu; die inuerhalb der ersten 24 Stunden operirten Fälle 
gelten die besten Heiluugszahlen. 11 von seinen Fällen, die ln den 
ersten 24 Stunden operirt wurden (sämmtlleh eitrige Peritonitiden), 
sind alle durchgekommen. 

Jeden zweiten Anfall, möge er liegen wie er will, sieht Bl. 
als Indikation zur Operation an. Betreffs der Technik empfiehlt Bl. 
Schnitt entlang des Rectus mit Eröffnung der Scheide dieses 
Muskels (die Mitte des Schnitts füllt auf den M c B u r n e y’schen 
Punkt); man verletzt so keine Gefässe und gelangt gleich an die 
Basis d(*s Wurmfortsatzes. Bei jauchigem Exsudat Im Peritoneum 
ist Bl. von Spülung abgekommen, tupft bloss aus. der Wurmfort¬ 
satz wird womöglich immer resezirt In der Nachbehandlung ist 
Bl. Atropin das souveräne Mittel geworden. 1—5 mg pro dosi, da 
es günstig die Darmmotilität beeinflusst, besonders bei postperi- 
touitischer Darmatonie und Ileus ist es von grossem Nutzen, neben 
absoluter Ruhe und strenger Diät (absolute für 24 Stunden), em¬ 
pfiehlt Bl. besonders Alkoholumschläge um den Leib und rühmt die 
schmerzstillende Eigenschaft derselben. Opiumbehandlung wird 
unter allen Umständen irrationell in der Therapie der Appen- 
dicitis verworfen. Bl. theilt die Krankengeschichten eingehend 
mit und gibt sehr instruktive Allbildungen der verschiedenen patho¬ 
logisch-anatomischen Befunde der resezirten Appendlces (meist 
farbig). 

Aus der Königsberger chirurgischen Klinik gibt Prof. Garrö 
'■ und C. Sultan einen kritischen Bericht über 20 Luagaaepera- 
1 tionen (Aus der Rostocker und KörngsbcrgCY ivliriTTcTuud bespricht 
i darin eingehend die an den betreffenden Fällen gemachten Er- 
i fahrungen. Es werden u. a. 3 operativ behandelte Echinokokken 
\ (für die er nach den Erfahrungen der Literatur eine Hellungsziffer 
1 von 1)9 Proz. für die Pneumotomie berechnet). 5 Lungenabszesse 
1 (für die sich nach 91 publizirten Fällen 80 Proz. Heilungen ergeben), 
j (5 Fälle von Lungengangrün (für die sich nacli 122 zusammen- 
! gestellten Fällen 34 Proz. Mortalität berechnet) und 5 bronchi- 
' ektatlsche Abszesse und Kavernen (von denen 3 kurz nach der 
Operation erlagen) näher mltgethellt. 

Aus der Innsbrucker Klinik gibt Prof. Dr. v. Hacker eine 
Mittheilung zur Frage des zweckmässigsten Verfahrens, um 
Fremdkörper aus dem unteren Theil der Speiseröhre vom Magen 
zu entfernen. Er hält das W i 1 m s’sche Verfahren, einen Finger 
von kleiner Inzision aus unter Einstülpung der vorderen Magen¬ 
wand bis in die Kardia vorzuführen, nicht für absolut sicher be¬ 
züglich event. Austrittes von Mageninhalt und empfiehlt, jeden¬ 
falls den Finger mit hydrophiler Gaze zu umwickeln. 

Die Schwierigkeit des Eindringens in die Kardia (durch Falten¬ 
bildung veranlasst) wlnl weder durch dies Verfahren, noch durch 
.das Eingehen mit der ganzen Hand, vollständig beseitigt. Bei 
höher über der Kardia steckenden oder fest eingekeilten Fremd¬ 
körpern genügt ein Finger häufig überhaupt nicht, um den Fremd¬ 
körper zu befreien und muss entweder primär oder sekundär nach 
weiterer Eröffnung dos Magens mit der ganzen Hand in denselben 
eingegangen werden, die mau längs der kleinen Kurvatur vor¬ 
schiebt. 

Der Magen wird, durch je zwei durchgeführte Fadenschilugen 
extraperitoneal auseinander gehalten, mit Kompressen umstopft, 
der Inhalt vorher ausgetupft. Um weniger Gefässe zu verletzen, 
wird der ca. 12—13 cm lange Schnitt anstatt parallel der kleinen 
Kurvatur parallel den Arkaden der grossen Gefässe, d. h. zwischen 
diesen ausgeführt. 

Provisorisch